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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:55:56 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Max Havelaar + +Author: Multatuli + +Translator: Wilhelm Spohr + +Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR *** + + + + +Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + + + + Multatuli + + MAX HAVELAAR + + Übertragen aus dem Holländischen + + Von + + Wilhelm Spohr + + Titelzeichnung von Fidus. + + + Zweite Auflage. + + Minden in Westf. + J. C. C. Bruns' Verlag. + 1901. + + + + + + + + + +Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. + + + + + + +VORWORT DES HERAUSGEBERS. + + +Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bücher +abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bände des Unternehmens +vornehmen kann. Meine Übersetzung des holländischen »Max Havelaar« +liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige +Änderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung +zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen +erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen: + +Ich nenne das Buch schlichtweg »Max Havelaar«, da mir, dem +deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene +Titel »Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederländischen +Handelsgesellschaft« (»Max Havelaar of de koffiveilingen der +Nederlandsche Handelmaatschappy«, geschrieben 1859, erschienen zu +Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umständen weniger passend +erscheint. Der Leser möge sich bei einigen wenigen Anspielungen im +Text des ursprünglichen Titels erinnern. + +Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in so eminentem +Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt hätte. »Es ging +ein Schaudern durch das Land«, erklärte nach seinem Erscheinen ein +Abgeordneter von der Tribüne des Parlaments. Sogar Einzelheiten +haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass +das kleine holländische Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner +Übersetzung das »also« auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen +Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich +davon absehen möchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich +weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will +ich noch dem Leser, der sich nicht über dieses Buch hinaus in den +reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von +vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist, +bürgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung +eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem +1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen +Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche +»Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im +gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer Einkleidung bietet +es aktenmässige Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten +Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und +als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr von +der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen Buches, +mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel +getragen hat', dem ist die Möglichkeit geboten, sich in dem von mir +herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren +zu unterrichten. [1] + +Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem +ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu +verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige +Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn +durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung +mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem +er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk, +1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein +Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben +wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel +zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem +Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des +Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden, +dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?« +Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem +Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt +allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein +gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich +voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er +war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell +sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz +gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in +einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen +Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen +Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den +köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum, +das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch +auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch +einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«. + +Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen +schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie +angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form +wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen +Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss, +d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum +der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem +ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde +bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei +diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind +in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von +allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte +Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse, +die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint. + +Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die +Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe +ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und +nach Gefallen zu benutzende »Erläuterungen zu Indiismen« angefügt. + +Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit +den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer +sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden +und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher +eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein +Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone, +dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht. + + + Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901. + + Wilhelm Spohr. + + + + + + + + + +ERSTES KAPITEL. + + +Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht +meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und +es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries +Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber +Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, +ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, +dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, +ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich +ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die +Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die +Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas +weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht +geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und +wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand, +der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil +von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen +die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & +Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse +braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich +keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe +denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so +was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig +Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also +sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich +habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den +Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten +Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war. + +Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe +ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler +fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten +Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn +bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, +die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, +der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch +Lieb' bewogen die Vers'chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: +»Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht +die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen +vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann +bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er +war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein +bester Freund wäre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns +in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar +wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind. + +Alles Lügen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue +Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen +Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren +froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte +eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der +Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich, +dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express, um Niederland Schutz +zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere +Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben +hatten. Das ist die Sache. + +Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein +Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe +ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand +ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch +eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner +Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand +kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, +unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch +von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten +Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen +uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine +kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon +ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die +Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen! + +Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die Ehe der +Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten +oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger +geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn +Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, dass ich sie heiraten +wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere, +denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als +Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit +Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem +Satz Billardbällen! + +Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied +rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist +vorbei, und die Uhr ist drei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklich +der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier +ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der +Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher +ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es +muss genau drei Uhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genau +zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun +ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder +das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist +dann gelogen. + +Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh +mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann +gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt +von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er +ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf +der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen +Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas +mehr hätte geben müssen, wenn er mich selbst herausgeholt hätte, +aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, +dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, +um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen +auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sich so an all die Unwahrheiten, +dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, +so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es +mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, +mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person +keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden +ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, +weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock. + +Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist +so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von +ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder, +meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen +haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist +ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott +macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt +sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal +die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie +seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die +Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein +Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe +hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine +Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, +die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt +dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten +für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen! + +Dann kommt ihr erster Liebhaber--der früher am Kopierbuch sass, nun +aber steinreich--auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder +Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten +Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht +als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den +Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel +hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem +man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bühne, was in der +Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche +Übergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf +dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn, +und es wurde was umgesetzt! + +Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen +Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum +geht dann die Doppelthür im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und +weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was +der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn +der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man +schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass +sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert +der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore +geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle, +bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde, +wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge, +wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was +sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn +das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu +entblössen? Alles Lügen! + +Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren +Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei +mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf, +wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist +es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen +wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so +ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu +also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt? + +Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem +Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last & +Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wäre dann doch wohl +ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig +zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater +in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und +alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, +und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine +Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun +bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen +Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein +Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen +schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es +auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk nötig, +weil es bei uns sehr flott geht--aber könnte ich auch, wo bliebe sein +Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben +führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden +und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine +besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber +auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen! + +Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine +Geschäfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine +Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem +Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite +legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, +so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in +Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber +das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs +Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts. + +Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für +die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, +meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt +wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich +dieses Buch schreibe. + +Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe +beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin +nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner +unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt +ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch +erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick +Abschied von euch nehme--ich muss auf die Börse--lade ich euch gleich +auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also! + +Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist +nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab +ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus +sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater. + + + + +---------------------------+ + | LAST & Co. | + | | + | MAKLER IN KAFFEE. | + | | + | Lauriergracht No. 37. | + +---------------------------+ + + + + + + +ZWEITES KAPITEL. + + +Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird's wohl +wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei +Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare +Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die +Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck +& Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht +weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben +sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, +das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam +ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine +ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen--hinterlistige +Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen, +was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle +hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung +der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe +ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an +Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre, +als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer +weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein, +Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen, +liess mir Feder und Papier geben und schrieb: + + + Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten + Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres + aus Norddeutschland ... + + +Es ist die reine Wahrheit! + + + ... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals + notwendig mache. + + +Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem +Kontor, um seine Brille zu suchen. + + + Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, + wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die + Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in + Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass + aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ... + + +Es ist die blanke Wahrheit! + + + ... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter + der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, + und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens + in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der + Ausführung der gegebenen Ordres ... + + +Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit! + + + ... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, + Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein könne bei dem + Engagement von Leuten. + + +Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der +junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt +ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch +schon dreizehn im September. + + + ... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu + vernehmen--Saffeler reist für Stern--dass der geehrte Chef der + Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst + Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse + einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass + ich mit Rücksicht darauf ... + + +Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte +die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um +jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun +ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden, +dass sie's wissen, dünkt mich. + + + ... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den + Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses + betraut zu sehen ... + + +Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder +Salair. Aber ich fügte noch hinzu: + + + Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in + unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich + bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass + seine Wäsche im Hause besorgt werden würde. + + +Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und +zum Schluss: + + + Dass bei uns dem Herrn gedient werde. + + +Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und +ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte +Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der +junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf +die Antwort. + +Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch +die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der +beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«, +»schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was +mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir +auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung +stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen, +denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass +ich zu sehr in des Krämers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich +zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig +gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf +einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines +Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien +mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem +Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und +Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen +Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter, +als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und +gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht +No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen, +aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen +alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der +Name nicht.« + +--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer höflich--ich bin M'nheer +Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler +in Kaffee, Lauriergr.... + +--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal +ordentlich an. + +Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn +öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich, +wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser, +alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen +Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und +Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es! + +--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat? + +--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen? + +Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass +so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm +ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten +Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders, +weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde +nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach +gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre +ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je +länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich +auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen +gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte +etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun, +das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann. + +Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit +hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen +bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe +euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau +nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und +Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise, +die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu +thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem +Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um +Dinge, die ihn nichts angingen. + +Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im +September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern +vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später +habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss, +um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf +der Lateinschule--nun sagen sie »Gymnasium«--und da war Jahrmarkt +... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und +wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, +wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die +schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete, +das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche, +oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften +allerlei Parfumerien. + +Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne +den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen +haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von +sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen +wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das +Mädchen zu sehen. + +Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei, +obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch +zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus +unserer Klasse--denn tüchtig war er, das muss ich sagen--und spielen, +balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil +wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der +Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es +anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, +Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da +war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das +Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es +wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, +dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und +Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, +was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die +Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr +und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich +noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da +bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand, +die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich +mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste +schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male +stand ich vor der Bude. + +Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün +und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich +weiss nicht welchem Zeitwort ... + +--Plaît-il? sagte sie. + +Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort: + +--»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil. + +Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen +vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner +Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit mir einen so harten +Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den +Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des +Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen +zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und +bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude +des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein +»gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun +war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es +mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich +in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest +und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden +um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt, +der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen +hatten sie das so sehr schön gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben, +um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ... + +So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch +die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark +und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und +tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen +sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich +war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig +geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe, +mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich +sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen. + +Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und +weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn +auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem +Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo. + +Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich +dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser +Welt miteinander verknüpft sind. Wenn die Augen dieses Mädchens +weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte, +oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte, +so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es +so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es +ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine +Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss +fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein. + +Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das +Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich, +dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als +ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge, +auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse +besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus +purzeln sehen. + +Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich +links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem +Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn, +dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich, +dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war--was ein sehr +schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung +etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen +war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts +dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim +Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das +für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal +wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete, +bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut +herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich +sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, +wie man später jemanden nötig hat: + +--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r +... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher. + +Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich +auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ... + +--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten. + +Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät +es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, +dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend +war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und +jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ... + +Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich--denn höflich bin +ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil +es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, +dass es niemand gesehen hat. + + + + + +DRITTES KAPITEL. + + +Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand +da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach +war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die +Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der +Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig, +dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird, +der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss, +wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt +zu gehen, wenn Buden dort stehen. + +Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich +werde euch den Brief lesen lassen: + + + Werter Droogstoppel! + + +Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr +Droogstoppel, wo ich doch Makler bin. + + + Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu + ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ... + + +Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor. + + + ... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache + zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist. + + +Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die +Frühjahrsversteigerung handelt? + + + Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick + einigermassen um Geld verlegen. + + +Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'! + + + Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um + das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder + ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte. + + +Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass +er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein +Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, +er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, +wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und +jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in +seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er +arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und +es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem +lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber +diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter: + + + Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen + zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, + wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ... + + +Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber +denken. + + + ... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine + Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich + nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem + allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür + einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum + kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr + nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt. + + +Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na +gewiss! Wie sonst wohl? + + + Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne + Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach + der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von + Druckkosten u. s. w. im voraus ... + + +Darin haben sie sehr recht. + + + ... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich + gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken + würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, + ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ... + + +Das nennt er ermutigen! + + + ... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich + bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten + einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich + überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem + Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und + daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht + habe ... + + +Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte. + + + ... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht + ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken + schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte. + + In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter + Schulkamerad ... + + +Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich +nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen. + +Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man +mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss, +dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der +Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen +an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich +nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an. + +Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen +wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich +wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich +dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was. + +Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker +machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, +und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst +läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten +Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit +etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten +beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja, +ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat +Luise zum Weinen gebracht.« + +Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit +sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder +sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran, +ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief: + +--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es +noch einmal thäte! + +Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da +habt ihr's. + +Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine +kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache +voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen, +weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw +Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch +uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete +wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen, +was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire +auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten +Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit +des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von +einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein +konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr, +so'n Mädchen weint ja bald. + +»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und +Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier +raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich +sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, +und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine +Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten +ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch +auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit +gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man +mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf +seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in +Kaffee, Lauriergracht No. 37. + +Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn +zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb +an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen +sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that, +finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner +Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, +dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe +ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich +hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung +erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, +dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der +Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding +in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und +ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen +war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, +und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht +gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, +das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang +geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine +ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge +von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch +in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft +damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach. + + + + + + +VIERTES KAPITEL. + + +Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern +gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und +tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist +dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans +Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich +bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie +soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, +mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein +anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich! + +Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker +machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu +bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr +ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, +gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem +Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das +nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, +aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir +genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun +habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von +Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand +sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da +gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das +geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen +ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein' +ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars +wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den +Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim +Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten +ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, +der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, +versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht, +bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen +Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, +mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, +das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles +lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht +verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht +über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«. + +Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee +bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also +dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in +Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, +und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber +wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, +Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu +erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit +bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der +Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem +dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann, +da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen +können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen +einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme +niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das +ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an +Ludwig Stern ersehen. + + + +Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des +Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es +wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile +einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, +viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste +staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich +gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in +Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu +beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der +Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem +Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend +einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in +der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor +auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles +sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.« + + + +Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und +von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, +in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich +längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir +gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen +schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen +an den Tag legte. + + + +Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze: + + + +Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige. + +Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend. + +Über den Ursprung des Adels. + +Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit. + +Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung. + +Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren +Verse.) + +Über Protëine in der atmosphärischen Luft. + +Über die Politik Russlands. + +Über die Vokale. + +Über Zellengefängnisse. + +Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«. + +Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die +die Beleidigung betreffen. + +Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien, +nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer +Freiheit. + +Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel +von wurzellosen Zahlen. + +Über die Schwere des Lichts. + +Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des +Christentums. (Nanu?) + +Über die isländische Mythologie. + +Über den »Emile« von Rousseau. + +Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels. + +Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems. + +Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos, +ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.) + +Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.) + +Über weisse Ameisen. + +Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen. + +Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!) + +Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur. + +Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur. + +Über Kataster, Registratur und Stempelwesen. + +Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen, +weil er auf Wahrheit dringt.) + +Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar +nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe +es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, +das ich für mein Buch gebrauchen kann.) + +Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen. + +Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.) + +Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz +einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie +gedacht hatte.) + +Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen, +eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit +und Armut ... er kann es wissen.) + +Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und +der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine +Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich +erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.) + +Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas. + +Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt. + +Über die Rechenkunst bei den Römern. + +Über Armut an Poesie bei Tonsetzern. + +Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken. + +Über epidemische Krankheiten. + +Über den Maurischen Baustil. + +Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch +Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste +kurios ist?) + +Über die deutsche Einheit. + +Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso +lang sein wird wie an Land.) + +Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten. + +Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen. + +Über Prosodie. + +Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer +Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier. + +Über Landbauverträge auf Java. + +Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells. + +Über Legitimität von Dynastien. + +Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden. + +Über die neue Art des Segelreffens. + +Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück +datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!) + +Über den Ehrbegriff. + +Über die apokryphen Bücher. + +Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius. + +Über die elterliche Gewalt. + +Über Shakespeare als Geschichtsschreiber. + +Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife +ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!) + +Über Schrauben-Wassermühlen. + +Über das souveräne Recht der Begnadigung. + +Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon. + +Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen. + +Über die Opiumpacht auf Java. + +Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift. + +Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon. + +Über die Entrichtung von Landrenten in natura. + +Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.) + +Über die Auflösung des Römischen Reichs. + +Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen. + +Über die skandinavische Edda. + +Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein +Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch +geschrieben. Warum, weiss ich nicht.) + +Über das Essigmachen. + +Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande. + +Über die Ansprüche des Menschen auf Glück. + +Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in +Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.) + +Über ministerielle Verantwortlichkeit. + +Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung. + +Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer +zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.) + +Über das doppelte A und das griechische ETA. + +Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der +Menschen. (Eine infame Lüge!) + +Über den Stil. + +Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von +diesem Reich gehört.) + +Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln. + +Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis +geschrieben ist.) [2] + +Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen. + +Über Stimmen des Waldes. + +Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser« +und sonstige starke Essenzen im Auge hat.) + +Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der +Nähe von Banda zu sein.) + +Über Seher und Propheten. + +Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen. + +Über Ebbe und Flut der Kultur. + +Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten. + +Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und +jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.) + +Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen. + +Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste. + +Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.) + +Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der +sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter +sein solle. Wo kämen wir da hin!) + +Über Galanterie. + +Über den Versbau der Hebräer. + +Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester. + +Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es +muss da billig leben sein.) + +Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei +der Alfuren. + +Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er +will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser) +abschaffen. Ich bin dagegen.) + +Über »das Recht« und »die Rechte«. + +Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.) + +Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen. + +Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen. + +Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen +über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!) + +Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn +sah, roch ich Rosenöl.) + +Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch +auf die Seite gelegt.) + +Über Gefühl, Mitgefühl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w. + +Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion. + +Über den Palmwein auf den Molukken. + +Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich +das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt, +dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden, +und ich lebe für mein Fach.) + +Über Genesis. (Ein infames Stück!) + +Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen. + +Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein +neugebornes Kind zeichnen kann!) + +Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!) + +Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java. + +Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften. + +Über die Wajangs der Chinesen. + +Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.) + +Über ein europäisches Münzsystem. + +Über Berieselung von Gemeindefeldern. + +Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist. + +Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich +habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.) + +Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet, +dass Jesus einen Turban trug.) + +Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung +mit den Unterhaltsmitteln. + +Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika. + +Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange +eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja. + +Über Baukunst als Ausdruck von Ideen. + +Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf +Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.) + +Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam. + +Über die Kraft des Irrtums. + +Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen +Naturgesetzen. + +Über das Salzmonopol auf Java. + +Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er +... bbä!) + +Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantuns +der Javanen. + +Über das 'jus primi occupantis'. + +Über die Armut der Malkunst. + +Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?) + +Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas. + +Über die Waffen der schwächeren Tierarten. + +Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem +Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste +erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.) + + + + +Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht +zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von +Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, +Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe +fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige +waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, +doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es +war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem +Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen +und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose. + +Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, +weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe +ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit +war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, +wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, +dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan +haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte +es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts +zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, +die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern +davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige +Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man +Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt +vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, +niemals so etwas unter die Augen bekommen haben. + +Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir +stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing +es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg +eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg +verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von +seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und +wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt +hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann +den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern +zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest +verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun +kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er +sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, +würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer +mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware +gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann, +der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden. + +Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie +empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der +Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber, +der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig +Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn +er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als +ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die +Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine +Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid +oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein +Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein +Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden +auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass +der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last & +Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von +beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann +von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den +kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er +also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns +Stück über die Multiplikation. + +Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er +sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's, +dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem +Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber +er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, +dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre +vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert +Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu +siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit +dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals +vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre +als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht +in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin +überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber +ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte +einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte. + +Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im +»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich +verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld +hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch +sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei +dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den +Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator +zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein +Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, +weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was +ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste +Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den +Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus +der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass +er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, +fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte +der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich +denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein +Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden +im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man +so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun +hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der +Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem +Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen. + +--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft +und kränklich. + +Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit +unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz +bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, +doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz +gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, +was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, +wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb +sie auf. + +Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit +sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da +anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in +Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die +Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um +diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder +Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen +Ballen ist. + +Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den +Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch +fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die +Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem +Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & +Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so +wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, +ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die +Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, +kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz +bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze +Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch +die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es +ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind +und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«, +aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die +machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm +und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder, +der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der +Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in +Indigo dabei nötig sein werden. + +Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst +die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die +Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, +und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, +und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, +und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, +und die Hauswärter, und die Gärtner. + +Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben +aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, +und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, +und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld +leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, +und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und +die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und +eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch. + +Und den König auch ... ja, den König vor allem! + +Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch +meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst +ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind +sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, +als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, +introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben. + +So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem +Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm +selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, +jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist +ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein +tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache +mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische +übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in +meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben, +und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an +seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, +dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn +ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit +ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, +die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine +schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen +alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger +Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht +mit Sitte und Anstand verträgt! + +Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden +ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen +Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in +Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht +sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von +Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark +widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl +für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, +die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und +dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden +Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun +wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und +der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest: + + + 1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern + solle. + + 2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe. + + 3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle. + + 4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem + Buch einen soliden Anstrich zu geben. + + 5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der + Niederländischen Handelsgesellschaft.« + + 6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass + man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre. + + 7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen + vorgelesen werden sollten. + + 8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle. + + 9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich + bin Makler. + + 10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische + Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so + behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden + würden als bei uns. + + 11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries + Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte. + + +Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile +mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel +fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es +kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein +Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat. + +Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf +Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das +Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch +fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht +verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch +oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die +schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig +hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, +dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch +Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom +letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an +alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, +doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen +angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner +Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts +von Menschen, die ewig unzufrieden sind. + +Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach +hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen +Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, +Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass +ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer +mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass +auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer +Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam. + +--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n +ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch +'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst +hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was +kann sie sagen, wer da ist, M'nheer? + +Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von +der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen +würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf +dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein +süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, +oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen +soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit +und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter +sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine +Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite +mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder +Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter +Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften +und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender +Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, +dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr +unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt +durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich +ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht +aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen +sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, +rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu +thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt. + +Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten +auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später +habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, +die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch +sehr hässlich. + +--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich. + +--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, +der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine +Frage hätte legen dürfen. + +Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden +ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um +meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer +dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, +dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht +37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn +da viel Umstände machen! + +Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den +Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich +hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis +unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel +von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites +Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine +waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde +ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und +mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu +wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil +ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden +wollte, antwortete ich: + +--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl +bald kommen, denkst du? + +--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen +Tuschkasten zu kaufen. + +--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern +oder mit der chinesischen Spieldose. + +--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat. + +Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als +feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der +alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien +auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als +sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, +spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er. + +--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück? + +--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie. + +Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er +»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich: + +--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«? + +--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen? + +--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft +Schüsseln und Brummkreisel. + +Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir +sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle, +der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau +ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das +ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr +bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram +weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei. + +Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, +um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und +sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da +für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte +bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an +der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor +einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier +eine Stellung erhalten sollte ... + +--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich. + +Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon +wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen +und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt. + +Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und +vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von +ihm gestellte Ersuchen zu holen. + +Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht +klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er +einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen +gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm +meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir +da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein +Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich +anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch +sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie +wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, +und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt +und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und +ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach +Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen; +denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse. + +Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, +dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich +an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich +glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er +einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht. + +Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und +ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern +nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch +die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich +hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, +Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht +No. 37. + + + + + + +FÜNFTES KAPITEL. + + +Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf +dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit +Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem +breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines +bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen +Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam, +verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem +neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein, +nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb +man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden +schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe +der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen--waren sie auch +nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen +Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die +zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte +es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf +festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, +die Läufer--in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen, +oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen +Läufern entsprechen würde--die unvergleichlichen Läufer also mit ihren +kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her, +stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd +unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der +verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen +in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man +wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter. + +Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste +ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen +Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber +das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die +je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden, +wo sie sein wollten. + +Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen +Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im +Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren +vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel +Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, +und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der, +ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im +Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der +Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande +zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient. + +Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa--selbst +nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java +gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei, +die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in +einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt, +Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt +die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo +und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss, +um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an +jener Ecke ... + +--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit +der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe! + +Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen +Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen +schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die +Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick +früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch. + +Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf +den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt: +die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es +gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und +wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa, +dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist, +lacht über diese Angst. + +Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner +Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen, +Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge, +die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich +fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung +bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines +vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich +sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen +Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in +der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des +Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint, +um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung +mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese +Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener +Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von +einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder +jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem +Zustande ... + +Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein +Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es +giebt halbe Türme, und ... Türmchen. + +Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude, +die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen, +dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze, +die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein +paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne +Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen, +auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht. + +Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass +selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange +genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich +rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war, +um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe +sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen +Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard +von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn +in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der +Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als +sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen +... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es +einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand. + +Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren +Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist, +diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber +wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man +wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von +Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl +aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann +den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der +die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch +ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah, +eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung +in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches, +ewiges Gebet.-- + +Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens +eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten +den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war für diesen +Fleck--liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die +Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen, +alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich +gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss, +war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn +auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta +Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz +seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt, +die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung +Pandeglang lagen. + +Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch, +der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will, +dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist, +bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war +hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten +nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range +die Verwaltung wahrgenommen hatte. + +Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt +geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches +Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin +gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo +erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs. + +Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen +Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung +»Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den Boden gerammt, +die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander +verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blättern +der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden 'atap' heisst, +und ihr werdet euch die sogenannte 'pendoppo' vorstellen können. Sie +ist, wie ihr seht, so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier +denn auch nur dienen als 'pied à terre' für die europäischen und +inländischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm +an den Grenzen entgegenbringen wollten. + +Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den +Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine +Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen +ist hier für das rechte Verständnis dessen, was folgen wird, notwendig. + +Das sogenannte »Niederländisch-Indien«--das Adjektiv »niederländisch« +kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell +angenommen--ist, was das Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung +angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil +besteht aus Stämmen, deren Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft +Niederlands als »suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer +die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen +der eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu +dem--mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme--ganz +Java gehört, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut +oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der +Javane ist Niederländischer Unterthan. Der König von Niederland ist +sein König. Die Nachkommen seiner früheren Fürsten und Herren sind +Niederländische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom +Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher wird +abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben, +die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland. + +Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in der +That einen Teil des Königreichs der Niederlande ausmacht, wird in +diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein. + +Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der jedoch auf seine +Beschlüsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die +unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« zugeteilt, an deren +Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen +der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den +Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte politischer Bedeutung wenden +sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur. + +Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst +mittelbar als Lehnsherr die Bevölkerung beherrschte und sich an den +Höfen der noch regierenden Fürsten durch »Residenten« repräsentieren +liess. Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als +Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von Landschaften +geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der Name ist geblieben. + +Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische Autorität +gegenüber der javanischen Bevölkerung darstellen. Das Volk kennt +weder den Generalgouverneur, noch die »Räte von Indien«, noch die +Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten, +die unter ihm über das Volk walten. + +Eine solche Residentschaft--es giebt welche, die beinahe eine Million +Seelen fassen--ist geteilt in drei, vier oder fünf Abteilungen oder +Regentschaften, an deren Haupt »Assistent-Residenten« gestellt +sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure +ausgeübt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die +nötig sind für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des +Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die Staatswasserwerke, +für die Polizei und das Rechtswesen. + +In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen Ranges mit +dem Titel eines »Regenten« dem Assistent-Residenten zur Seite. So +ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur Verwaltung und sein +Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel +des Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in der +Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. Sehr +diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss--der in +Asien überall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als +ein Religionsmoment zu erkennen ist--Gebrauch gemacht, sintemal durch +die Ernennung dieser Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen +wird, an deren Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch +den Generalgouverneur ausgeübt wird. + +Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-, +Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser +angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne weiteres +Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache +liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil +und drüben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen +hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu +sind Beamte nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter +dem System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür die +»Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen, +die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Ländergebiete +blieben dann auch »Provinzen«, d. h. erobertes Gebiet. Doch als +später die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedürfnis fühlte, +ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in +Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehörig betrachtet +wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch +materielles Übergewicht--erwies es sich als notwendig, jemanden +mit der Leitung der Geschäfte zu betrauen, der nicht allein in dem +betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand über seine +Mitbürger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die +Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung +zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung dieser Befehle +betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise +die Ausgaben für ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen +Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last +fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden +die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewählt, und genau +genommen ist also das Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die +Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube +denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche +Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und +Herzöge, d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was +ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig +zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu +dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt +war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein +Baron betrachtete sich als Baron »durch die Gnade Gottes«. Die Grafen +vertraten den Kaiser und führten als solche dessen Panier, d. h. die +Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner +eigenen Fahne, als Bannerherr. + +Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den Baronen +entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes +neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale +legten, und hieraus scheint später, vor allem als die Erblichkeit +dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu +sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage +würde manche freiherrliche Familie--ohne kaiserliches oder königliches +Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen +des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel +war--autochthon--eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd +abweisen. Man hat Beispiele dafür. + +Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt +waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre +Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen +in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewöhnlich, +obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge +organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den +Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau +oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es +war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine +Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz. + +Ungefähr in der gleichen Art--was die Wahl der Personen angeht, da hier +von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in +dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins Auge fällt--steht an +der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den +ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss +verbindet, um dem europäischen Beamten, der die Niederländische +Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist +die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer +Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens +diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer +und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in +seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es müssen schon sehr gewichtige +Gründe vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird, +und wo dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den +Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie. + +Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und derartigen +hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der +Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er +hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies +hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt, +durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle Einkünfte +und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit über ihn erhoben +steht. Obendrein ist der Regent, als Repräsentant des javanischen +Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder +mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevölkern, +auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grösserer +Wichtigkeit als der simple europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit +nicht gefürchtet werden braucht, da man für ihn viele andere an die +Stelle bekommen kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten +vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte. + +Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben, +dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der +Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies +und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft +ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident, +den Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis +schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar bei +äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch, +wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube, +dass der Ton, der in diesem Verhältnis herrschen muss, sehr treffend +in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der +europäische Beamte habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite +steht, zu behandeln wie seinen »jüngeren Bruder«. + +Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere Bruder« bei den +Eltern sehr beliebt ist--oder gefürchtet--und dass bei vorkommenden +Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als +Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass +er seinen »jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt +behandelte. + +Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen--selbst der geringe +Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse--macht +gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es +sonst sein würde. + +Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit +freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent +seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde +beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert, +wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand, +Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den +Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und +schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist +zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs. + +Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor +dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer +ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an +Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich +ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet +und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte +sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen +das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: 'Tommongong', 'Adhipatti', +ja, sogar 'Pangerang', d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für +ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es +von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer +ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein 'Kratoon', mit +vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat, +mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen +mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt +von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise +zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent +begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen +des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt +bürgerlich, der Regent lebt--oder man erwartet von ihm, dass er so +lebt--wie ein Fürst. + +Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung, +die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies, +und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu +einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen +würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben +hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen +Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten, +die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen +haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die +sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte +verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen, +ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig +von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird. + +Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile +teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste +Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die +Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung +in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft +erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und +schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über +das Eigentum ihrer Unterthanen. + +Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der +Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er +geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu +Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung +seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er +wächst auf inmitten seiner 'sawah's' und 'gagah's' und 'tipar's', +begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld, +wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen +und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine +Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde +stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm +'padie', d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau +unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange +den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von +ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das +ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das, +was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist. + +Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes +machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit +des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner +Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen, +die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den +geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache +Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also +nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des +Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen. + +Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in +Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so +kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik +war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand +fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende +Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort +geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen, +was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte +irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den +Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach +Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind +hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren +obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze +Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt +werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er +nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft +der Nation vermindern würde. + +Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die +sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet. + +Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache +Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl +ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich +flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu +Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord +der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande +reich machen. + +Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java +Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte +ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre Kinder als Speise +zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen ... + +Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In den +Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber unzufrieden gewesen, +und der damalige Landvogt hat Befehl geben müssen, dass man es in +der Verbreitung der sogenannten »europäischen Marktprodukte« fortan +nicht wieder treiben dürfe bis zur Hungersnot ... + +Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von jemandem, +der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit? + +Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste Art der +Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu sprechen: die Macht der +willkürlichen Verfügung über Personen und über das Eigentum ihrer +Unterthanen. + +Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehört der +Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Dies ist auch auf +Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten +nutzen gern die Unkenntnis der Bevölkerung aus, die nicht recht +begreift, dass ihr 'Tommongong' oder 'Adhipatti' oder 'Pangerang' +jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte +für ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich +belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der +Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von den +Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltäglicher, als +dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden, +ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts +ist alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum +Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein gefälliges +Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau +des geringen Mannes, würde man es unerhört finden, wenn dieser die +bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte. + +Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen Verfügung +einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann +fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus nötig ist. Andere +gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit +nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmöglich, diesen Missbrauch +ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der +Bevölkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig, +vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an +seinen Häuptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter +gehorchten. Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung, +die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen »Kratoon« +ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal +von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich +schliessen würde, und oft ist demgemäss diese Gewohnheit eher der +Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater +durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu äussern sucht, +als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkür auffassen dürfte. + +Allein ... also wird durch einen »lieben Brauch« die Beseitigung von +Missbrauch gehindert. + +Wenn der Alun-alun vor der Wohnung des Regenten in verwildertem +Zustande läge, würde die umwohnende Bevölkerung sich dessen schämen, +und es wäre viel Macht nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut +zu säubern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range +des Regenten übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben, +würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der +Nähe dieses Alun-alun oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges +warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin führe, manchmal aus +meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft, +dass sie seine Felder bearbeite oder wässere, die Bevölkerung ganzer +Dörfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen +... der Missbrauch ist da. + +Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die »Staatsblätter« liest, +worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen für die Beamten +enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen +derselben den Vorsitz geführt zu haben scheint. Überall wird dem +Europäer, der mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet +ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der +Bevölkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und +die Habsucht der Häuptlinge. Und, als wäre es nicht genug, dass man +diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den +Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein +»besonderer Eid« gefordert, dass sie diese väterliche Fürsorge für +die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten würden. + +Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu +lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen +zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen +zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe, +das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass +man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen +Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner +Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die +erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung, +die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird +keinen weiteren Sold begehren. + +Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig +zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz +zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und +Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran +mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus +Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht +der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische +Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann, +und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele +Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen +Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent +sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald +in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches +durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür--o, +sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn +Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür +Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies +geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben, +ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung, +dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und +also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde? + +Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her, +die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben, +den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne +sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer +Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in +seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, +die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn +verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte +Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt +oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit? + +Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon +daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge, +die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer +Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend +anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, +dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, +und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen +Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt. + +Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu +bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen +Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«. + + + + + + +SECHSTES KAPITEL. + + +Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn +dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen- +und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer, +in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern +in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr +unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es +nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass +entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt, +aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich +gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam, +hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit +... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, +ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen +zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, +überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den +Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er +denn auch nicht begehrte. + +Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit +Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von +Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den +Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts +im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine +Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo, +steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht +zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig. + +Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine +hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder +dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem +Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen, +die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener +von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder +umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti +Karta Natta Negara sass ihm gegenüber. + +Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde, +eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger +sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der +über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte +ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer, +die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er +von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem +Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner +Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht--so recht eine +Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man +mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe +anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte, +um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den +Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen, +doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss +geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in +brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben +werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem +guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten +Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden, +und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie +durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen +wird, das er lieber nicht beträte. + +Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen +übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache +Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug +verdient. + +Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das +Wetter und den Regen. + +--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson. + +Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den +Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder +einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren +Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo +niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet +in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt, +der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem +Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen +so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des +Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk, +die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat, +indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn, +und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar. + +--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent, +wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich +dabei ein Betelblatt mit Kalk. + +--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete +Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema +berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er +hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege +von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als +die lebakschen. + +Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der +kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer +kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo, +wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon +seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot +gefärbt, und er sagte dann endlich: + +--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang. + +Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem +der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich +herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine +Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer +benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche +zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die +bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin +hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor +allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass +also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte +leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten +von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte. + +--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ... + +Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste, +dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde +für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es +schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den +Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte +wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe. + +--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de +kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde +... das ist der Tuwan kommendaan. + +--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist +der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen +schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari! + +--Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet +hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd. + +--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn +Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen +sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm +herein! + +Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer +Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es +war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison +von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre +Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in +Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen +hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit +und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?« + +--Willst du Thee, Duclari? + +--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist +erfrischender. + +--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich +Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh +mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten +sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder +von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ... + +--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals +gesehen. + +--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's. + +--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und +auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der +neue Assistent-Resident auch, nicht wahr? + +Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der +Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin +zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss, +oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal +fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort: + +--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen +Assistent-Residenten kennt? + +--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn +niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe +dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles! + +--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht +zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierüber? + +Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es +verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem +Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei, +jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne. + +--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer +Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der +Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein +von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr +sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches +Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt! + +--Das habe ich nicht gesagt, Duclari! + +--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem, +was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser +springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt. + +--Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ... + +--Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das +war keine Sache! + +--Es war witzig ... + +--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber +einem General. + +--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war +vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt. + +--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl? + +--Das that er, um den General zu ärgern. + +--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der +obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht +find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren! + +--Er that's gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für +den Schwächeren. + +--Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun +durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo +es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in +bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf +zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser +Beziehung geändert hat. + +--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter, +dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies, +ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes +Gefühl hat für Recht. + +--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas +passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht? + +--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann +denkt er, dass wir darüber sprechen. + +Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor, +und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er +Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen +sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu +erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze. + +--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich +wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen, +um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der +gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine +Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit +zu schaffen hat, das befremdet mich! + +--Und was hast du geantwortet, Duclari? + +--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste, +oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung +angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen. + +--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief +auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit +seinem Tudung schwenkt. + +Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der +Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen +zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über +ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war, +stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon. + +Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo, +und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern, +der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude +stillhielt. + +Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten +mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl +Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen +und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten +mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte, +mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als +die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun, +Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles +so sorgfältig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf +Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem +Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt +ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist, +sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt, +die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil +des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der +Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden, +die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu +lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren, +was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss +schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört +und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd, +dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den +man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt. + +Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem +denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des +Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft +gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes +haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten, +daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft +in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so +weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb +mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt +hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam, +dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der +mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen +des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links +wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh, +das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und +Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von +Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man +kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine +Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen +neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den +Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und +gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt. + +Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich +etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht, +doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein +kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man +vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr +Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung +und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte, +von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden, +will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht +ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben +werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk +in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an +den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in +den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und +Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich, +was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger +Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des +Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas, +das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung +im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich +doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere +Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging. + +Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen +behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im +Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden +Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf +folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde +es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag +wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das +Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten +sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten +am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter. + +Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem +Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung +annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass +sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es +war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak +eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt, +eine Assistent-Residentschaft ist. + +Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die +geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert +und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas +schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier +nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe +durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf +geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache +nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen +das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns +nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die +ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich +habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin +jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken +solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen, +ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet. + +Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit +zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie +möglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich +fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs, +euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich +versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren +der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so +sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe, +ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der +Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach +nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände, +oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen +seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille, +die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das, +wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz +zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war +gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte +hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem +dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt +haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das +Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn +gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung, +dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden +dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden +Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen +empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm +ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten +der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig +macht--nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht +sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft +von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab. + +Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden +Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin, +der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und +vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung +und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener +Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben +bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war, +dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie +in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen +liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der +Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche +des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen, +sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing +denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere +Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein +Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer +Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein +Morgenkleid nennen würde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie +eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die +man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust +verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen +von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette. + +Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern, +dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden +werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu +zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr +angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte, +der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist +gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man +noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das +nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun, +sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht +auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war. + +Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und +behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen +Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in +ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten, +wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung +nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an +den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige, +die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass +sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den +Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf +wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer +am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und +er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen, +erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der +Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle +Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste +Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für +Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten, +nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das +höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere +Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und +mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit +manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz, +der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben +als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste +Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im +höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem +Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich +Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er +gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen +über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen +Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft +war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem +Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er, +vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel +keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass +seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich +und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil +Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist +etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung +von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn +seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu +lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies +er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war, +lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er +war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte +Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende +weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er +fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und +zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell +bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für +Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach +in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der +Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend +denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch +ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen +dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit, +doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde +seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für +geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht +bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer +ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte +auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der +eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo +dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren +und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken! + +Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen +schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer +Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem +Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre +Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss +lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte +Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich +an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu +hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar +zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir +vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich +durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich +werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich +mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das +ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe +der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe, +als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die +ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste, +welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst +dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend +in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das +in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik, +die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that. + +Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so +wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der +Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute, +die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie +zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu +erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse +verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine +Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen +Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche +auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu +dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch +diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann +mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, +ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder +keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht +zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu +verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all +den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig +Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen, +die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten +aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen +dieses Drama mitgespielt hatten. + +Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen +berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu +geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos +Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an +den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben +hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in +ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der, +ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein +feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man +stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede +Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und +glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den +vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener +schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus +das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, +dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder +von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht, +da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des +Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände +veranlasst wird--wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss, +dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der +Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte. + +Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem +hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«. + +Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--löst +sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, +viel gelitten, da ist Erfahrung! + +Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und +sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das +den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, +mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg, +Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben« +in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang +gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, +Religionen und Gesichtsfarbe. + +Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und +dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben +gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im +Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und +die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein. + +Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten +konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig +auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie +Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes +Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein, +denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr. + +Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein +Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine +Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse +Max', hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er 'Bockspringen', +und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der +Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte +seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl +etwas Besseres thun könnten als dies 'maschinelle Stichezählen'. Bei +jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern +sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin +mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher, +als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm +nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert +sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund, +und worunter natürlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'. + +Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in +Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal +kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und +wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen +Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu +thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für +ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab, +that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die +es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache. + + + + + + +SIEBENTES KAPITEL. + + +Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem +neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte +höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef +hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche +Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art +Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem +Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, +die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer +Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen +Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch +einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, +was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der +Etikette nicht hätte thun brauchen. + +--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr +Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst +in Rangkas-Betung zu begegnen. + +--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie +möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der +Adhipatti. + +--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern +einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und +dazu noch zu Pferde! + +--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin +ich noch immer stark und gut auf den Beinen. + +--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident? + +--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr. + +--Gut, aber es giebt da eine Grenze. + +--Eifrig, schleppte der Resident hinterher. + +--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal +sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder +zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir +Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr +von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max +auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug. + +--Es. Ist. Mir. + +--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht +ein ... + +--Recht! sagte der Resident. + +--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch +den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir +können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, +Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, +Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge +... unser Max! + +Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz +genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel +mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der +Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte +Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte: + +--Ist der Regent immer so diensteifrig? + +--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar, +und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie +machen möchte. + +--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er +besitzt Bildung, nicht wahr? + +--O ja ... + +--Und er hat eine grosse Familie, wie? + +Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang +nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, +schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen +häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn +dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging, +so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche +Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei +solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf +den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen? + +So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, +und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete: + +--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie. + +--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar +fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten +selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen +diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten. + +Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet +werde. + +--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun +einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten? + +--Ja, das könnte wohl besser sein ... + +--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, +als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der +Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge +sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die +Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in +einem Atem also fort: + +--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige +hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur +sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend +gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, +Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und +auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren +früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar +ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das +ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, +wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen +mal hingehen, Max! + +Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig +zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem +Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch +nicht begehrt hatte. + +--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den +Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut +darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte +Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent +ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, +ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem +halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, +meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben +und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben. + +Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den +Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw +Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten +früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant +meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der +die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, +wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden +kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen +den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, +dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten +hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch +immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich +ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später +allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, +wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte. + +Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, +indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis +Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt +seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr +davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der +kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, +die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, +dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren +Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in +einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen +Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe. + +--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt. + +--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich +möchte einer Dame ... + +--Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe +hinterher. + +--Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus +verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine? + +Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde. + +--Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist +Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien. + +--Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ... + +--Ich. Wagte. Es. Ihr. + +--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel! + +--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist. + +--Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns. + +--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist. + +--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident! + +Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, +setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau +Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein +erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte +in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den +Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst +zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen +konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte: + +--Eine. Eingeborne. Frau. + +--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu +machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt +sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab. + +Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der +zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die +Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das +Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, +die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das +Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies +jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald +wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener +Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug +gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung +selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das +früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen +baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war. + +Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei +dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung +des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen +Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine +Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag, +denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse. + +Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine +»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später +wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der +Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung, +wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel +endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken. + +Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen +Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu +erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte: + +--Weil. Er. + +Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ... + +--So. Drängend. Zu thun. Habe. + +... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe +Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder +zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon +mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon, +dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich +allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, +Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln. + +Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar +besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem +weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, +der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre +Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, +der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm +erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, +die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder +zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und +Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an, +dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der +Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war. + +Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der +Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein +wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach +der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs +empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes +Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge +geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte +auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein +Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident, +der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee +mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang. + +Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des +Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten +von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den +Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur +Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein +vorgeschrieben ist und der besagt: + + + »... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert + zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, + versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu + sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam + den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass + man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und + Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass + man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: + Assistent-Residenten) gezieme.« + + +Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott +der Allmächtige!« + +Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in +diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis: +»der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung +und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden +Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf +die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, +dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch +der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten +nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem +Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung +bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen +ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum +Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung +schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«. + +Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben, +auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des +Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich +zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren +Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht +in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen +und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf +die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe +dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie +gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, +was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber +doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, +der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der +Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar +hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, +in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: +»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige« +würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr +Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare +Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten. + +Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, +der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von +Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde +durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte, +sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz? + +Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er +sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott +dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte. + +Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, +worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der +Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren +Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr +waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei +Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation« +war vor sich gegangen. + +Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der +Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben +bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder +angelangt sein wollte: + +--Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe. + +... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung +wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen +Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies +nicht an dem Grossen Wege gelegen war. + +Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen +angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr +eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge +erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise +nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie +Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei +ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte +er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, +höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder +wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde. + +Max und 'seine Tine' waren erst unlängst von einer Reise nach Europa +zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst +sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich +also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen +Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach +Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er +mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses +Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, +und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten +Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist +des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die +geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger +über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen +Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ... + +Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand +schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; +er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen +Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit +dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt! + +Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, +doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten +derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu +unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach +Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung +Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in +der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein +Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne +Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, +schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum +Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm +jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig +an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer +Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst +freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war +keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder +grösseren Gewinn. + +Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf +seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in +früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und +er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine +Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak +nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit +einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen +sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde. + +Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst +betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, +ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen +bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben +eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, +begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie +unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr +Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht +noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so +lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten +... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, +als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen +... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser +oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu +gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet +der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum +Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max +besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein +Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen +Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, +der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst. + +Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak +angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von +dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem +eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die +alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich +gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine +Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des +Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets +eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: +»dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, +wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von +dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, +die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste +diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn +zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet +ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?« + +Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner +Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer +Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn +man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck +zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem +Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden +haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu +empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich +zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit. + +Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine +Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie +in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten +der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer +Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, +von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, +ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde +alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ... + +--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak +verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam +sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, +auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, +recht lange! + +Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich +nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie +war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht +als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn +Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine +zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn überhaupt +ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte, +dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that. + +Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus +der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals +»aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter +dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der +Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen +hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften +Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug +überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung +der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück +wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe +gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für +ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das +Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen +hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu +wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor +er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr +schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die +Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es +ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren +müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu +Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf +den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich, +dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den +Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde +wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina +die Schiffbrüchigen der 'whalers', der Walfischfänger, in sein Haus +rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, +als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung +vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe +jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, +und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete. + +War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es +nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an +die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere +gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine +Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max, +ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht +alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne +Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien +Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über +das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, +dass er nicht schon König war? + +Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die +Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, +dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel +geliebt! + +Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen +Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es +doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte, +und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären +in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus +dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art +entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit. + +Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen +von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie +ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch +Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen +losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten +Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie +mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl +deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren +gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, +wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein +liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten +einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron +van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des +Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen +Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, +was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen +Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel +er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, +die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn +Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen +Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später +im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr +sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem +Leichnam seines Vaters gesucht hatte. + +Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, +dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und +aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des +Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in +einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig +die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein +grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich +unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite +Glied übergegangen. + +Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach +seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine +Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie +mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, +dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht +von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie +uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände +die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man +mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige +Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches +Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen +Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, +gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man +einen »Millionentraum« nennen könnte. + +Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und +scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben +sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von +Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er +hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick +verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er +schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen +Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem +anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit +dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, +worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube, +dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des +Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante +Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas +Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: +»Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?« + +Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, +und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei +der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, +dass er zu viel Geld ausgab. + +Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten +hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt +hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, +war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um +die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben +meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung +... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu +führen ist. + +Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es +irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen +über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein +wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von +problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine +Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und +derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze +Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so +gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, +als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit +erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles +wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus +Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen +ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen +Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, +die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar +so oftmals hatten sagen lassen: + +--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht +entziehen kann? + +Und worauf sie stets geantwortet hatte: + +--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen! + +Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak +Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens +zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen +in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im +Besitz ihres Kindes ... + +--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch +Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen +Lilien ... + +Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an +ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei +Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen +sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie. + +Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über +bis zum folgenden Morgen. + + + + + + +ACHTES KAPITEL. + + +Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in +Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis +zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die +er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im +Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas +weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist +sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder +sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten +Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte +den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt. + +Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber +dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, +das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, +wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer +ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet +war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den +folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat +ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen +Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und +legte sie zu näherer Prüfung beiseite. + +Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident +am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher, +dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch +man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, +um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich +begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen +eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie +sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften +überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, +als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten, +und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, +als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?« + +Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach +wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er +gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr +die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch +Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der +Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern +können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm +wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch +logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache +an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache +gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, +als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine +Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit +verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das +süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen +Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl +seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen +bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr +verschieden sind von den unseren. + +Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben: + +--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, +Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser +Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, +und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, +und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der +Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch! + +Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier +Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde. + +Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch +Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine +Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, +wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, +doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die +Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen +... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und +ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre +Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin. + +Ich grüsse Euch alle sehr. + +Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich +Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr +erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul +betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure +Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in +Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es +sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben +und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von +andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul! + +Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern +Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben. + +Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war +ich froh im Innersten meiner Seele. + +Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum +giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein +Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend. + +Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in +den Blumenkelch, der Durst hat? + +Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten +suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege, +da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des +Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen +dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die +Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es +sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und +Danksagung aus Weinen? + +Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul! + +Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück +grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf +das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht +alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor +der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: +die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die +Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit, +die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind +gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn +bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit +Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden +sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, +und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen +Vater gekannt.« + +Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich! + +Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft +zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele +Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder +gering? + +Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, +das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind +die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den +Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das +Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?« + +Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und +die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder +die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog? + +Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt +ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben +hat, hier zu arbeiten. + +Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner +wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die +Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und +nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an +vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach +dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es +ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün +ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch +sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide +reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs, +deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern +lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!« + +Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den +Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen +lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die +Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände +erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da, +Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will +es so!« + +Doch nicht also in Bantan-Kidul! + +Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer +Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen +Tiger sähet auf seinem Wege? + +Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser +Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen. + +Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend +von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die +unser Land verlassen haben. + +Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern +begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung +empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst, +vor dem Schatten unserer Haine? + +Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder +sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in +fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie +kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die +Aufständischen erschlägt. + +Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele, +die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum +fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an +seinem Fusse? + + + +Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den +Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn +hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in +seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das +zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das +Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz +darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu +den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser +Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, +der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz +geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne +Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier +nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte +den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich +waren für solche Sprache. + +Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte, +waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was +er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel, +die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit +dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir +sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: +»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete, +zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft +hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders +sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem +oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin +ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke +des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie +diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, +dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen. + +Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt, +dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären, +die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass +er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen +liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass +dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in +Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern +von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und +glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung +so deutlich verstanden hatte. + +Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die +Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar +sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments +erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe, +wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher +hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf +Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden +Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend +wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn +zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir, +dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals +die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden +wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren, +Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem +der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger +Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit +seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das +Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört: + + + Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ... + Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ... + Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben: + Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht! + Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören, + Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht, + Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ... + Und rollend ruft sein Donner: Majestät! + . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . + + +... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte +schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können +glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, +an den erbebenden Bergwänden zurief? + +Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«, +sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem, +was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein +Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder +in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem +er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und +ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch +bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte +Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich +so beengt darin fühlte. + +Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten +Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink +befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit +Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach +den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt +eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge +denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, +mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien +in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die +hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter +den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt +haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt +er? Wem gelten seine Fragen?« + +Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das +Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die +Augen zur Erde. + +»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend, +das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den +Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang +fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte +die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer +Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit +erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien +dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen, +der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber +zu neigen schien. + +--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen. + +Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen. + +Hierauf fuhr Havelaar also fort: + +--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von +Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere +Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend +Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen +zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von +seinem Willen. + +Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder +seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend +über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den +Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und +über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen, +wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm. + +Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo +fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in +seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften, +die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner +Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht, +weil er Strafe fürchtet. + +Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass +jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande +laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist. + +Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, +dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde +thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter +Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine +Pflicht ist. + +Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle! + +So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber +verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel +dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger +haben ... wer wird sie strafen? + +Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent +würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und +auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr, +noch der Adhipatti, noch ich es erführen ... + +Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul? + +Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird +gethan werden. + +Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden +bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird +sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in +den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben +ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann, +der gestorben ist?« Und man wird sagen: + +»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger +nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab +wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch +den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er +suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause +der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo +man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die +Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete +sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er +sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.« + +Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn +zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch +gestorben.« + +Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause +und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang +der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.« + +Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem +Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die +Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen: + +»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er +verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker +mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker +der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte +sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut +der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, +doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste +den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie +ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger, +der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine +Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.« + +Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir +fluchen niemandem!« + +Häupter von Lebak, einst sterben wir alle! + +Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und +was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen? + +Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme +spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den +Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte +aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen +sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen +gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner +Frau?« + +Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im +einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen, +das Eindruck machen musste, fort: + +--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und +darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer +geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite +versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht +streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen +oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit +werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer +Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas +wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti? + +--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen +in Lebak. + +--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns +eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so +arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält, +werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist +fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss +seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass +binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl +wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in +Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, +der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, +Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung +sehr anempfohlen. + +Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht, +Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen. + +Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren, +ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«---- + + + +Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete +ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie +erwartete. + + + +--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie +... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa, +höret einmal! + +So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich +anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war +im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück. + +--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst +hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt? + +--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer +de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer +gesprochen hatte. + +--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon +nicht mehr, was ich gesagt habe. + +--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ... + +Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max +gesprochen. + +--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind +wäre. + +Das that Tine wohl: sie fand es auch! + +Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah +auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben +auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen. + +Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz +anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war +einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst« +in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit +dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent, +ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht +ausbezahlt werden könnten. + +--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies +nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat. + +Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht +abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges +Antwort ihm wider den Strich ging. + +--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, +sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen +das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut +befunden werden. + +Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge, +der sich gern an die »Staatsblätter« hielt: + +--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs +Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn +nun ein Manco sich herausstellt? + +--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar. + +Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem +Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben +war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar +zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle + +--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent +hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem +... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld +nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete +lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann +von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen +sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch +getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's? + +Verbrugge schwieg. Er wusste es. + +--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer +Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat +der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne +Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's? + +Dieses wusste Verbrugge nicht. + +--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es, +fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den +Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der +Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin +sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum +Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig? + +--Ich habe sie noch nicht gesehen ... + +--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die +Angaben vom vorigen Monat richtig? + +Verbrugge schwieg. + +--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr +Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen +bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in +den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage? + +Verbrugge schwieg. + +--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr +Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und +Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der +von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist +Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee +ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht, +in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in +Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu +Pferde steigen. Ist das wahr? + +--Ja, so ist es. + +--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur +Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat, +als er ... wissen Sie's? + +--Ja, ich weiss es. + +--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig +war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's? + +--Ja, ich weiss es. + +--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu +Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich +wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr? + +--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge. + +--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in +seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so? + +--Ja, es ist so. + +--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der +in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, +sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel +Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei +Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es +nicht so? + +--Ja, das ist wahr. + +--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang +ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range +nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht +allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut +von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen +Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs +des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern +anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen +Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge? + +--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen +begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte. + +--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, +als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden +anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine +Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht! + +Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, +als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide. + +--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich +will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von +heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich +Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, +dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, +dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte +hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute +'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das +scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch +das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so +vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender +Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange +als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr? + +--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie +Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel. + +--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere +Menschen, doch was thut das zur Sache? + +--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und +Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden. + +--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen +Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe +seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein, +Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts +zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah +etwas Neues erzählt? + +--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ... + +--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist: +ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie +so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak. + +--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer +Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend. + +--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder +Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie +wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie +wollen doch wohl Ihre Pflicht thun? + +--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng +fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht +in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft. + +--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben, +dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich +zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in +Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten +brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger +und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es +und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier! + +Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie +Verbrugge hinhaltend, sagte er: + +--Wessen Hand ist dies? + +--Das ist die Hand M'nheer Sloterings. + +--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, +offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen +wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die +Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten +u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer +Slotering damit sagen? + +--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge. + +--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht +werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann +etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und +nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie: + + + »12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren + Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten + verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)« + + +Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, +der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also +ihm anschliessen können. Hören Sie weiter: + + + »15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der + inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, + die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass + die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich + beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz + von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, + die Anteil haben an der Kultur.« + + +Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal, +auch darin steht etwas sehr Deutliches: + + + »Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein + zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung + ausgesetzt ist.« + + +Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, +wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, +dass auch andere dies thaten? + +--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese +Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen. + +--Und was folgte darauf? + +--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ... + +--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter? + +--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen +... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer +Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten! + +Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie +Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig +sich erwiesen. + +--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort, +er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ... + +--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar. + +--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung +einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an +den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen +selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte. + +--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein +Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er +das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam +Unrecht und Willkür gutheissen wird? + +--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung +einen Häuptling an. + +--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein +muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen +ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den +Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen +Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt +um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen +Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen +zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, +weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, +nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie +möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege +entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, +was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es +sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, +doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die +Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, +bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben +holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, +denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen +in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max +... sapperlot, Junge, was wirst du schwer! + +Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein +in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete, +der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari, +der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach +Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, +und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient +ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, +was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle. + + + + + + +NEUNTES KAPITEL. + + +Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich +wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei +der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand +legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen +ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte, +würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als +Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es +wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus +hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches--du lieber Himmel, +die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!--ist niemals aus +einem Fenster gesprungen. + +Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer +Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer +Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass +ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung« +Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich +Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er +habe einen amsterdamschen Accent--was ein Amsterdamer niemals zugeben +wird--vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals +nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache +von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das +vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest +und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten. + +Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das +Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und +gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach +nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich +nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass +du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just +das Essentielle nicht gelesen. So würde ich--denn ich bin Mann und +Autor--jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem +Leserleichtsinn überschlagen. + +Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was +»dran«? Und du sagst zum Beispiel--horribile auditu für mich--mit +dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist: + +--Hm ... so ... ich weiss noch nicht. + +Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der +Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke +der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem +Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ... + +Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und, +ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ... + +Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein, +dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts +und niemanden umarmt ... + +Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen, +und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig, +ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne! + +Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und +du sagst--eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande--gähnend: + +--So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben soviel +im Augenblick! + +Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, Europäer, Leser, dass du +da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern auf meinem Geiste wie auf +einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem +Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele, meine Seele, +die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es +war mein Herz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn +in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt, +und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut +wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir +dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!« + +Der Leser begreift, dass ich hier nicht von meinem Buch rede. + +»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu +reden ... + + + +--Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und +Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war, +denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend +wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich +Makler in Kaffee bin--Lauriergracht Nr. 37--und dass ich für mein +Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich +zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft, +und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, was! + +Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten, +und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie +wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich +auf Luise. Ihre Zustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller +Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...« +u. s. w.--Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber, +siehe sie nicht.--Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das +Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz +ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen, +denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen +Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug, +dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das +Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin, +nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen +handeln muss--ganz Niederland wartet darauf--und da geht mir nun der +Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie +sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von +der Einleitung ab«--ist das alles noch Einleitung?--»ich verspreche +Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, +Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, +hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee +mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und +Milch in Ihre Tasse thun?« + +Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil +ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu +tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger +falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige +Pfuscher sind. + +Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen +von Sterns Geschreibsel--hast du's wirklich gelesen?--deinen Zorn +nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt--denn ich frage +dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man 'Menschenfresser' +geschimpft wird?--so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist +von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma +meines Buches drängen, nun die Sachen einmal so weit gediehen sind, +dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt--die Jungens +scheinen ihr aufzulauern--fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen +werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen! + +Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im +Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt, +so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und +darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht +in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran +als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel +überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und +dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, +einem honetten Manne und Makler in Kaffee. + +Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen--und aus +Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei--dass +in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr +verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten, +wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam +gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen, +dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet +ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und +ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig +macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im +besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen +Boden verändert--der Javane hat doch nichts anderes zu thun--oder, wenn +man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht +nach anderen Gebieten schickt, wo der Boden wohl gut ist für Kaffee. + +Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf +behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen +Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor allem seit ich die Predigt +von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der +Heiden hörte. + +Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten +als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung +meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit +in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt--es +kommt alles von dem verwünschten Paket!--so habe ich ihn einmal gut +unter die Finger genommen und zu ihm gesagt: + +»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das +Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist +dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy +Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller +Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht +so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben, +Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er +hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer +kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und +schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance« +geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.--So geht es, wenn +man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, +wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose +an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein +Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt--das ist die +Wahrheit!--Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du +zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten +Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die +nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit +Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich +nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer +genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden +will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass +alles Böse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann +an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so'n Schauspieler. Gieb +doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank, +als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon +denken? Die Kirche ist Sein Heiligtum, weisst du wohl? Und laure +nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze +Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim +Essen aus der Schrift lese. Das passt sich nicht in einem achtbaren +Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er +wieder mal nicht da war--weil er manchmal die Gicht hat--das hält die +Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort, +dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hat auch +allerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind +auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist +er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer +soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater +ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter +Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen +abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so +gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter +Florseide. Frage ihn--weisst du, so nebenbei!--ob er glaubt, dass +sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das +niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten +schuldig--so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,--und ... all +das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, +Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs +Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es, +und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss +bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen, +dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine +Vermahnungen, Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen +Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!« + +So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck +auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner +Rede gewählt hatte: die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn +gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: +I. Sam. XV, Vers 23 b. + +Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für +ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher +Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter +viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel +durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so +etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von +Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft--denn ich kenne Wawelaar +und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt--nein, durch +die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher +zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann +behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über +Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine +Heiden sind, doch ich nenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat, +einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten, +und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun. + +Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe +bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur +zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich +als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält +für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt +mitteilen, die ganz besonders treffend waren. + +Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und +war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen, worauf es hier eigentlich +ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all +das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte: + +»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel--er meinte +das Ausrotten der Bewohner von Kanaan--und so ist der Beruf von +Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das +uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass +wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet +das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen +und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes--und des zu Recht +verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen +sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit, +da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von +eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung +eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des +Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es +nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche +sind da, die einen andern Gott, was sage ich, die Götter anbeten, +Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nach ihrem +Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja, +Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch +tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter +ihnen, die keinen Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen, +dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen +Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über +den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das +Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte, +meine Geliebten--wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt +werden mag!--da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei, +Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen, +was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu +können zum Schlafe! Schaudert euch nicht bei diesem Bilde? Krampft +euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein +wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die +die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr +nicht--ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes +habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein +Gott der gerechten Rache--ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und +das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und +Zähneklappern! Da, da brennen sie und vergehen nicht, denn ewig ist +die Strafe! Da leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den +heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht, +der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten, +auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des +Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde +abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter +Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...« + +Da fiel eine Frau in Ohnmacht. + +»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der +Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er +selig werde mit der Gnade, in Christo, durch den Glauben! Und darum ist +Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten +ist! Dazu hat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande, +klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes, +Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das +heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den +Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen +Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten +Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich +allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen +Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln +des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die +Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich dessen auf uns ruhen, +wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.« + +Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir +in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt: + + + 1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die + Missionsvereinigung. + + 2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck, + diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen. + + 3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen + des kolonialen Werbedepôts. + + 4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen, + geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen + und vorgesungen zu werden. + + 5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren + Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen: + + a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen, + von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen + im wahren Glauben. + + b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch + die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe + besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit + niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für + das Reich Gottes. + + c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in + Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden. + + d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung + aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat + von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der + vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts, + und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen, + wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt. + + e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht + werde. + + 6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die + Missionsgenossenschaften. + + + +Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1 +genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint +mir im Feuer der Rede wohl erklärlich. + +Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser +Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die +vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun +nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, +dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr +aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte +der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche +Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich +und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken +muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes, +dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits +aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee +gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste +Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet +gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen +anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend +empfänglich zu machen für die Seligkeit. + +Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass +alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die +rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen +Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und +demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit--der Mann hat niemals +einen Fuss in die Börse gesetzt--aber durch die Gnade des Evangeliums, +die ihm vorleuchtet und eine Lampe ist auf seinem Pfad, mir, Makler +in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland +nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen +wird, wenn Fritz gut aufpasst--er hat leidlich still gesessen in der +Kirche--vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja, +Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen, +das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig. + +Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die +Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu +machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist--ich selbst +habe zwanzig Jahre die Börse besucht!--dürfen wir dann dem Javanen +Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist, +um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche +Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese +armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft, +die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in +Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht +hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen +sind so! + +Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen +bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das +Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der +Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und +wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der +Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können, +dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre? + +Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse +ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen +suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind, +obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren +Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein +katholisches Mädchen. + +Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst +gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In +meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde ich sorgen. Und +dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie +weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir +geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das +ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr +gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur. + + + + + + +ZEHNTES KAPITEL. + + +Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone, +so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern +Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass +mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel: +Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem +Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder +anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich +es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch +den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen. + +Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber +ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, +wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit +Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« +und fragte, was er darunter verstände. + +--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen, +was ich sage. + +--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt, +dass Sie immer die Wahrheit sagen? + +--Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir +erglüht ... + +Der Leser weiss den Rest. + +--Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als +ob ich es glaubte. + +Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte +mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten +Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch +einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, +wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt--macht +sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte--und einem Makler, der zwanzig +Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er +allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: »auswendig«--und +da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr +schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht +lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben +nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was +erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich +ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben +hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der +Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern, +meine ich--die folgenden + + + Betrachtungen + + +bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von +Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt. + + + Auf Flügeln des Gesanges, + Herzliebchen, trag' ich dich fort ... + + +»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon +und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu +sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam +werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da +man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren +Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren +Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber +hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch +nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch +das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das +Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui! + + + Fort nach den Fluren des Ganges, + Dort weiss ich den schönsten Ort. + + +Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber +nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt +helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben +Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut +leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das +sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all +dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste +Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte, +so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig +oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene +Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf +ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn +Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich +rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da +vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um +Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen: + + + Dort liegt ein rotblühender Garten + Im stillen Mondenschein; + Die Lotosblumen erwarten + Ihr trautes Schwesterlein. + Die Veilchen kichern und kosen, + Und schaun nach den Sternen empor; + Heimlich erzählen die Rosen + Sich duftende Märchen ins Ohr. + + +Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie +anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung, +ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie +Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas +zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es +niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben, +wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in +dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass +niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste, +um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen, +sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch +mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in +dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen +auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen, +die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr +sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe, +dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben, +faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie +doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und +sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass +diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der +Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na, +noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen +ausgeht ... da haben Sie's! + + + Es hüpfen herbei und lauschen + Die frommen, klugen Gazell'n; + Und in der Ferne rauschen + Des heiligen Stromes Well'n. + Dort wollen wir niedersinken + Unter dem Palmenbaum, + Und Lieb' und Ruhe trinken + Und träumen seligen Traum. + + +Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie +haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen +Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus +fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges +sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind, +wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie +diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie +machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst +das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck, +der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und +dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, +die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der +Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser +giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den +Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, +Christentum und Anstand? + +Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr +achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass +ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte +macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir +heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich +meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage, +schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden +Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen +Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu +Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse +aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es +niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, +denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden +die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen +Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun, +weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in +einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und +sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, +und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck +& Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und +schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen +unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht +ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen +durch günstigere Bedingungen. + +Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns +Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen +gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen +Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie, +dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören +kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die +Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun, +nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen +haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben +Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe +Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich, +nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last & +Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass +ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser +aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als +wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet +und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie +doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles +Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden. + +Ich bin Ihr väterlicher Freund + + + Batavus Droogstoppel. + (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee, + Lauriergracht No. 37.) + + + + + + +ELFTES KAPITEL. + + +»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu +reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir +darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er +scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein. + +--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an +Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz, +alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch +... es steht was darüber im 'Liebig' ... + +--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir +hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering. + +Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier +angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte +herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in +Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen +im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen, +das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran +erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff +dies wohl: sie begriff ihn stets! + +--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von +Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen? + +--Wer ist das? fragte Verbrugge. + +--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben +hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie +verstehen doch? + +--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich. + +--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf +auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise +erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er +wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das +ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese +Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher +Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns +zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist. + +Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht +viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe, +Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith, +Shakespeare, Byron ... + +Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese. + +--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie +denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für +Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben +Sie Miss Mata-api gekannt? + +--Nein, ich kenne den Namen nicht. + +--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.: +»Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie +wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals +habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal +hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen +Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die +Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren, +des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir, +gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ... + +Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein +lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von +der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden +von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf +dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena +von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis +er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort: + +--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas +bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen +gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel +erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von +denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe +wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen, +am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei +das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall« +und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu +haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« +sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens +nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen +mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, +wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine +Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und +lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind +sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal +auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung +für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne +Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken, +aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von +Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den +Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet +vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss +hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch +gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt, +dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten +muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder +als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse! + +--Die Vandalen? + +--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer +im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder +schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem +einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der +Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung +entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger +als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen +beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch +für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum, +Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne +Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie +einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell +Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst +auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt +man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der +Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick +auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer +sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach +der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar +beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich, +dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit +ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten +kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich +spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine +Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, +wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und +dem Publikum zugrinst. + +--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich. + +--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als +Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen +sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux +armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das +Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O, +schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr +oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung +gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu +ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn +man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl +schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor +Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich +sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung +aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben +Sie mir: Stillstand ist der Tod! + +--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen +als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung! + +--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht +von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch +minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie +rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie +mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu, +wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden. + +--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch +nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so +durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle, +aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken. + +--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen, +meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der +18. Februar ... + +--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ... + +--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im +Kastell Fotheringhay eingeschlossen ... + +--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte. + +--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer +ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, +und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen +Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen +auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander +stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und +Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas +unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen +Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen +Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind? + +--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte +Verbrugge belehrend. + +--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie +gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf +diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch +dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem +Boden gestanden. + +--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut +in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es +wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig +nicht, warum! + +--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz +gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss +wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und +ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, +und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den +Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen +diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit +und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das +alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei +Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay +befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es +den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu +gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch +träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken +Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, +weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr? + +--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht +sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer +geguckt habe. + +--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, +das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, +dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem +Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, +was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen +nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der +Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, +die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde +in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz +genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er +wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den +Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie +rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« +Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung +des Gemäldes betrifft ... + +--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, +als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah? + +--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl +mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier +Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor +dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen« +nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie, +welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht? + +--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als +ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass +das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben +Eindruck haben wie von der Wirklichkeit. + +--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten +Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück +Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss. + +--Mitgefühl für den Henker? + +--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit +der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich +in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer +Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, +sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, +und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es +schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der +Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes +Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das +Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der +erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und +liegt sie da noch?« + +--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in +Arles? fragte Verbrugge. + +--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren +Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den +Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen +... da brennt die Stadt ... + +--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz +verloren hast, neckte Tine. + +--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet +es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib +gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und +es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede +folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich +dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt +man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein +Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, +dass die Frauen zu Arles ... + +--Nur ein Haupt hätten alle miteinander? + +--Ja ... + +--Um es abzuschlagen? + +--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen, +aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, +und davon zu träumen, und um ... gut zu sein! + +Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder +besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht +und fuhr fort: + +--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte, +nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das +wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein +Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich, +ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte. + +--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber +ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich. + +--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so +ein Mädchen sich profanieren? + +--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat? + +--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase! + +--Ja, aber ... + +Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen +... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt! + +--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit +verhaltenem Lachen. + +Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich +ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar +klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr +erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles, +hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein. + +Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man +es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung +bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach +dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen +Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt, +und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er +nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern +seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten: + + + 1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist + verrückt. + + 2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase + nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf + Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der + Kartoffel nähert. + + Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die + zweite! + + +--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so +höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich +Ihnen erklären. Tine ist ... + +--Bester Max! sagte sie flehend. + +Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner +Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!« + +Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete: + +--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich +manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf +stoffliche Unvollkommenheit? + +Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört. + +--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die +Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese +Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser +fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich, +ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam. + +--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe? + +--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll +ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich +war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge? + +--Ja. + +--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben +wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal +an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von +Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr +davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, +ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ... + +--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten? + +--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den +Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht +gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine +Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie +zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen +Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, +eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum +dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so +zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen +zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen +und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war +wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das +kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem +Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter +anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu +lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte +angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer +Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit +diesem dummen Datu und seinem Kind. + +Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl +leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar +vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja, +ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit +mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das +lasse ich nun auf sich beruhen. + +Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas +weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich +sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht +hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte +mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat +meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich +selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit +recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in +jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig +oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé, +und das ist manchmal eine recht interessante Sache. + +Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine +Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei +rote, eine schwarze: es war schön! + +Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines +Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat +immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen +Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach +meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war. + +Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden +eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner +und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über +der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt +und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen +in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie +suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding? + +--Was für ein Ding? Die Sonne? + +--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören +Sie einmal an: + + + Du fragst, warum der Ocean, + Der Natals Strand bespült, + An andern Küsten lieb und hold, + So ungestüm hier braust und grollt + Und ewig kocht und wühlt? + + Du fragst--und kaum erhört im Kahn + Der Fischerknabe dich, + So blitzt sein dunkler Augenstern + Hinüber unermesslich fern, + Und westwärts weist er dich. + + Und westwärts bohrt er seinen Blick + Ins Unermessene hinein, + Und zeigt dir, bis ans Firmament, + Nur Wasser, Wasser ohne End' + Und See und See allein! + + Und darum peitscht der Ocean + So wild den Ufersand: + Nur See erblickst du weit umher + Und Wasser, Wasser immermehr, + Bis Madagaskars Strand! + + Und manches Opfer heischte schon + Der Ocean empört, + Und manchen Schrei, erstickt im Meer, + Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr, + Nur Gott hat ihn erhört! + + Und manche Hand, in letzter Angst, + Erhob sich aus dem Grab, + Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End', + Und suchte, dass sie Stütze fänd', + Und sank zuletzt hinab. + + Und ... + + +Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr. + +--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk +zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge. + +--Wie kommt der daran? fragte Max. + +--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das +Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, +die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von +Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern? + +--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine +Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte +Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So +begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele, +Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche, +nichtsnutzige Eva ... + +--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen +Korallen? fragte Tine. + +--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter +dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich +über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin +... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator +war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der +Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger +nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens +»nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder +... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, +dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was +für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein +Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur +reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen, +wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar +Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will, +und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder +er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen +seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär +sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er +da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, +dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, +der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« +oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, +des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran +hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat +man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und +dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden: +sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem +ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe, +um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der +Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von +dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten +liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ... + +--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine. + +--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends +»gemütlicher« ist. + +Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde +ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung +möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte: + +»Es wird nun kühler werden.« + +»Ja, Tuwan!« antwortete sie. + +Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder +und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser, +als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte +... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein +eingebildeter Kerl sein. + +»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?« +fragte ich. + +»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.« + +»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!« + +»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie. + +Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl, +ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich +genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel +Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen +daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die +nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den +ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war, +etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten +von Si Upi Keteh. + +Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich +selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun +wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das +zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch +wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt +verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte +ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische +Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben +irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben +Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden +nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine +Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in +Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie +wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, +vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im +Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche +an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz, +und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich +hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine +Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der +Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung +Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See +verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten +keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu +Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen +wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er +behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie +wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, +von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung +gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip +dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass +man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass +force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu +lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische +Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den +unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir +stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die +Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das +Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken, +oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich, +so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen +lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit +meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem +Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne +einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte +mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, +und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, +um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen +für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank +einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind +schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls +als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss: + + + +»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine +Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war +gering, und zufrieden war er nicht. + +Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass +ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von +roter Seide. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu +war von roter Seide. + +Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und +auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong +über das Haupt des Königs. + +Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener +Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht. + +Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und +auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt +man den goldenen Pajong. + +Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich, +sodass der Graswuchs verdorrte. + +Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht +hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht. + +Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und +hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und +überall umher. + +Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht +der Fürsten, die auf Erden waren. + +Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen +der Sonne prallten von ihr zurück. + +Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und +er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war +er nicht. + +Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde +und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde. + +Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess +die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg. + +Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld. + +Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in +grossen Strömen, doch der Fels wich nicht. + +Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke +seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht. + +Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte, +ich wäre dieser Fels. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er wurde Fels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und +nicht, so es regnete. + +Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit +schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen. + +Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über +mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht. + +Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre +dieser Mann. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit +schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er +war zufrieden ... + + + +--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis +schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen. + +--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe +nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine +Erzählung zu Ende war, fragte ich: + +»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel +käme, dich zu fragen, was du begehrtest?« + +»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach +dem Himmel.« + + + +--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht +ganz verrückt fanden ... + + + +Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn. + + + + + + +ZWÖLFTES KAPITEL. + + +--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so dürftig. Möchtest du +nicht ... du weisst ja ... + +--Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum Teufel, ich bin +heiser. Verbrugge ist jetzt dran. + +--Ja, M'nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar. + +Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal +ein Mann, der einen Truthahn stahl ... + +--O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es +weiter? + +--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie? + +--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch +jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war? + +--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte +Verbrugge. + +--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war +zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in meinen +geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich +viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig vor! Die +Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme +von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig, +dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass +er Geld zählte oder Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte, +wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl +von einem Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter +nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie +wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt, +auf Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig in den +Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch +häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner +Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgänger +ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat +etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt +ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen für +Bureauarbeit oder für die peinliche Genauigkeit, die für eine gute +Verwaltung von Geldsachen nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei +Tollheiten im Kopf ... + +--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu. + +--Was ist nicht nötig? + +--Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas hergerichtet werden +sollte ... eine Omelette oder sonstwas. + +--Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen Tollheiten +anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist es recht, aber +die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für was entscheiden +Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder für die Historie? + +--Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen Menschen, sagte +Verbrugge. + +--Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, fügte Duclari +hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und +Mevrouw, und: »entre l'écorce et le bois, il ne faut pas mettre le +doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und Angel. + +--Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ... + +--Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette wird doch +wohl soviel wert sein wie ... + +--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wäre! Doch es hat +damit einen Haken ... + +--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach, +lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen! + +--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's +nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, hätte das nichts zu sagen, +aber ... + +--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen? + +--Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen, +sie ist ... + +--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein? + +--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein +müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr! + +--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer +Verzweiflung. + +--Aber Kaffee haben wir, rief Tine. + +--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering +mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, worauf die kleine +Gesellschaft sich nach draussen verfügte. + +--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht +gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben. + +--Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar, +und das hat sie abgeschreckt. + +--O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein +Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren +eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich recht gut. Weisst +du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast? + +--E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«. + +--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas +menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, die das +Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ... + +--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari. + +--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir +haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und darum verlange ich +die Geschichte von dem Truthahn. + +--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das +Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit +noch jemandem. + +--Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft. + +--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen wissen, warum +Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten. + +--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld, +der mich suspendiert hatte. + +--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nächstes +Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge. + +--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte +sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an +meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne, +der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich, +Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«. + +--Und dann das Epigramm? + +--Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt? + +--Ja. + +--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding, +weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss +sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren +Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel +weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert, +und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer +war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl +erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau +weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und +was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des +Generals--wahr gewesen sein kann. + +Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu +gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends +aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss +einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito +so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel +zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit +davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss +einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der +Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch +willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen +auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch +man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer +Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer +oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert +war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb +Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert, +dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung +zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine +ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf +sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte, +an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung +nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen +haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit +kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für +den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch +das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden, +dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu +schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem +Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind +betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt +zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich +wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach +den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte, +kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn +nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken +war--als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm +nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr, +und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre, +dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich +bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er +hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer +einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung, +etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen +mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der +Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder +beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies, +dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und +niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man +einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle +Tage betrunken ... + +--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war. + +--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so +weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das +wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas +Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins +Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen +arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und +ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver, +achtbarer Kerl!« + +--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal. + +--Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal, +wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen +würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie +er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den +Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute +Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird +wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich +mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und +gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der +gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald +niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss +also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn +Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat, +er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen, +ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus +ist er nicht ...« + +Haben Sie nicht so gesagt, Duclari? + +--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen. + +--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm. + +--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm. + +--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie, +Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben +Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen über jemanden, der +recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten +so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert +Grad für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir +schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien +über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich, +dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an +guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist. + +--Auf wieviel Grad stehe ich, Max? + +--Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, Tine. + +--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre +Nullnähe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird +vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: »la pièce!« + +--Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause ist! Nein, +Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, ehe ich nicht noch ein +bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten +bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art +Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken +würde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft über die Massen +heraus, um die üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich +nur gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der +Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass +ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber er ist +ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie darüber so bös sein! Ich +habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mädchen ist!« +Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm +seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen, +und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei, +denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus. + +--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen +stark aufgetragen! + +--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas +kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb« +einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses +bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften +zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität +verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften +etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder +gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt +beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen +wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht +hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung, +dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald +wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre +eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht +länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig +angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur +drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch +meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit, +haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn +bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel +unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit +für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so +wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung--wie ein Jäger, +welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt--auch die +Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen +werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier, +sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war +unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht, +jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren. + +Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken +gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten, +wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das +stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich +überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht +gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre, +wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen +Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess. + +Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse: +Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah +auch gewöhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die +Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch +etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von +Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals +im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen, +als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet. + +Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht +ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur, +dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit +erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach +noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte +sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas +zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach +welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit +in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus +Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen +sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe. + +Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht +gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die +geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus +zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache +zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte +Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was +aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts +untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später +gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension +war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch +des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und +vorher bei mir in Dienst stand. + + + Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert, +Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten, + Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ... +Wenn's nicht schon längst entlassen wär' in alle Ewigkeiten! + + +--Nehmen Sie mir's nicht übel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so +etwas nicht am Platze war, sagte Duclari. + +--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor, +dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete, +Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte +wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte +dem General geschrieben, dass er verantwortlich wäre, wenn ich in +Elend umkäme, und dass ich von niemandem Hülfe annehmen würde. In +den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hörten, wie es mit mir +bestellt war, mich zu ihnen zu kommen nötigten, doch der General +verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte +ich auch nicht verziehen. Überall anderswo hätte ich mich retten +können und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem +mächtigen General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern +zu lassen. Das hat neun Monate gedauert! + +--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der +General viel Truthühner? + +--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal, +nicht wahr? Was ich während dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte +Verse, schrieb Komödien ... und dergleichen mehr. + +--Und war dafür Reis zu haben auf Padang? + +--Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich sage lieber +nicht, wie ich gelebt habe. + +Tine drückte ihm die Hand: sie wusste es. + +--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben +haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rückseite einer +Quittung. + +--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es +bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De Kopiist«, auf die ich +eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der +Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden +die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir +eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich +des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt +blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia +zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf +der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren: + + + Vingt florins ... quel trésor! Adieu, littérature, + Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin: + Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin, + Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture! + Si j'avais vingt florins, je serais mieux chaussé, + Mieux nourri, mieux logé, j'en ferais bonne chère ... + Il faut vivre avant tout, soit vie de misère: + Le crime fait la honte, et non la pauvreté! + + +Doch als ich später in Batavia der Redaktion des »Kopiist« meine +zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint, +dass der General selbst das Geld für mich bezahlt hat, um nicht +gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia +zurückzusenden. + +--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es +war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm? + +--Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte vor Gericht stehen +lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von +Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen +als »Versuch zur Unterminierung der Holländischen Autorität und +Aufreizung zum Aufstand« hätte ausgelegt werden können, oder als +schuldig des »Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er gezeigt +haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte +mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hüten +hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu wählen. Und +mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er sagte nichts, und er +that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht den +mindesten Märtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie +sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglücklich werden durch meine +ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um +ein für alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So +wenig Ermutigung löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten +Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan! + + + + + + +DREIZEHNTES KAPITEL. + + +--Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert +waren? fragte Duclari. + +--O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe, +als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann, +so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte, +als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang +umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem +sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in +den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen. + +Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und +Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf +eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit +Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang--der nun just +mein besonderer Freund nicht war--behauptete, dass ein Fehlbetrag von +Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange +ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich +unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden +zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den +Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird +als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich +nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte--gleich +werden Sie hören, warum und wie--und weil während seines Aufenthalts +zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei +deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt +hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung +auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem +französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer +geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser« +hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich +in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht +den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht +empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen +Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass +ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in +einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste, +ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige +Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich--oder vielmehr +ich merkte es ihnen an--dass der General sehr erbost auf mich war. Ich +sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie +Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als +der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden +hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen, +aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte, +ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen, +und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende +Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien, +wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt, +in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem +anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden +vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo +aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang +bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens +nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner +Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte, +die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass +Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete +mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert +haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der +persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem +Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden +Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar +wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte, +den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben +konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen +Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von +'force majeure'. + +Und, mochte man immer diese 'force majeure' leugnen, wollte man +mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in +Augenblicken, da ich--in Lebensgefahr oftmals!--fern von der Kasse +und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen +musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere +nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer +Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein +hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche +Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die +Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im +Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger +zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden +Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon +sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue« +aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel +geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten +zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten +auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er +achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er +selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse. + +Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein, +wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und +Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder +Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war, +so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese +Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande +zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen +zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die +Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld +verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos, +und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die +Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen +gerettet hatte. + +Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn +indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und +Thor öffnen. + +Nach tagelangem Warten--Sie können sich denken, in welcher +Stimmung!--erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief, +worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine, +mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner +Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen +konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich +die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es +für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund +zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen +Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine +Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die +Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum +Beispiel--Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus +der Natalschen Kasse bezahlt werden--oder sonst etwas derartiges, +das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich +meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte +vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der +General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung +liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich +eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war +ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht +der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung +erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt +hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem +Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste +Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit +und im Widerspruch mit aller Billigkeit? + +Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder +persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr +ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu +Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu, +»sehr verkehrt von mir gewesen wäre«. + +Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in +der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich hatte ihm +widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten +lassen, dass er mir deshalb zürne! Dumm genug, hatte ich in der +günstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein +»Widersprechen« schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig +ich ihn damals kannte. + +Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer +so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war ich mit mir +selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, so gut ich konnte, +und schloss meinen Brief--ich besitze noch den Entwurf--mit den Worten: + + + »Ich habe die an meine Administration geknüpften Bemängelungen, + so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung möglich war, + beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen + wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin + unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe, + denen mich zu widersetzen meine Grundsätze mich nötigen, doch ich + bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit, + stolz auf meine Ehre.« + + +Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer Verwaltung«. Der +Offizier der Gerichtsbarkeit--wir sagten damals noch »Fiscal«--erhielt +den Befehl, betreffs meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen. + +Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, +und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! Man +riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen--ich war +noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen--doch das +wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten, +und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als +dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus +dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt +sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenüber +meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig können Sie +wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegründet die Beschuldigung war, +die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen +Verbrechens, schreibt anders! + +Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen müssen, +wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich +aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne +Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhält und +ernährt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit +doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich +hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben, +dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte +kein Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft +werden mit Hungerleiden. + +Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete, +den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu erklären, weil +Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermächtigung +der Regierung zu Batavia statthaben dürften, hielt mich der General, +wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich +von höherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen. + +Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte--gute Tine, du hattest es +mir gegeben!--zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen +Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte +mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von +Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte ich an Ihrer Stelle +nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben +haben.« Ainsi va le monde! + + + +Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine Gäste von +ihm erwarteten und die Aufklärung darüber geben sollte, in welcher +Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit +»so widersprochen« hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der +Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei +Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief +darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls +in der Absicht, sich nach der Küche zu begeben, die hinterm Hause +gelegen war. Unsere Gesellschaft würde hierauf wahrscheinlich nicht +weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt hätte, +dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu üben +scheine über jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch +den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn +in ein Verhör nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens +wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurück. + +--Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht +einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. Ich habe noch nichts +im Hause. + +--Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete +Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre Autorität +zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste Person hier, und +wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner +Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist noch nicht gewohnt an +die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergnügen nicht +rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest. + +Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autorität gelegen. + +Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal +abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt einem +Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den +beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit +wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den Leser auf +unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen +Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der +Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das Vermeiden der beiden +Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig für jemanden, +der Indien zum Schauplatz seiner Erzählung gewählt hat. Denn während +ein Schriftsteller, der europäische Zustände schildert, viele Dinge als +bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen +lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische Leser diese +oder jene Umstände richtig auffassen wird. Wenn der europäische Leser +sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars »logierend« denkt, so +wie dies in Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich +vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die +in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt, +dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere +Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That +nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe +bekannt mache. + +Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den +»Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er manchmal die Geduld +seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von Örtlichkeiten +zu viel Platz einräume, scheint mir nicht recht begründet, und ich +glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen +Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung +nötig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei +dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht übel aus, +dass er von dir die Mühe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich +die Mühe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor, +bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund +Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mühe des Lesens +wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende +nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darüber, +ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist, +weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder +nicht erforderlich ist für die geordnete Darlegung der Zustände. Und +wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt--von Büchern, +die man nur einmal liest, rede ich nicht--und selbst dann noch meint, +dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck +hätte entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage, +ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht +der Schriftsteller in mehr oder minder künstlicher Weise ihn dazu +gebracht haben würde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem +oberflächlich urteilenden Leser überflüssig erscheinen. + +Meinet ihr, dass Amy Robsart's Tod euch so packen würde, wenn +ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und +meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände--Verbindung in +der Antithese--zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der +unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fühlt +ihr nicht, dass Leicester--dies weiss jeder, der den Mann auch aus +anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman--dass er unendlich +tiefer stand, als er im »Kenilworth« geschildert wird? Aber der +grosse Romancier, der lieber durch künstliche Verteilung der Farben +fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Würde, +den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem +unwürdigen Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen +dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es, +solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er +in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das +daneben Gegebene als überflüssig verwerfen zu können glaubt, verliert +gänzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen, +zu der Schule übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich +floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die +Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten +Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich +selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule--ich hoffe +und glaube, dass sie ausgeblüht hat--hielt es für gemäss, mit voller +Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon +auf das Gemälde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung +sehen möge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen, +diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Züge +zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum wählte +denn auch diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten, +am liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. Sieh, +die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul +... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden +auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von +Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn +du dich nicht bewegen lässest von dem stummen Schrecken einer Leiche, +die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz für ein Schlachtopfer, +das noch ächzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die +vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter, +die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod +dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem +ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du +verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in +einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ... + +Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: »rechts und links +... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes +auf ... marsch!« + +Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was ich so +im Vorübergehen beweisen wollte. + +Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen +Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf seine +Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben. + +Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. Du +verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so +ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu müssen, +aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfällt, wenn er +sündigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel +Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch stärker, und mit +Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich. + +Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege +und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in +die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor, +in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen +weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist, +das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit +eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann +verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür. + +Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und +mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten +werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein +kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten +schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn +wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie +unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist, +dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben, +die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel +wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses +Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und +Verstehen ist Genuss. + +Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege +gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen +ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen +würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den +Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube, +dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben, +den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst, +dir etwas über Havelaars Haus zu sagen. + +Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine +Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine +Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, +vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das +unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern +dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien +kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor, +denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man +hierfür laufen lässt--alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die +indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind +sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus +erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen, +hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste +gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch +mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden +aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt, +und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster +der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest +gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, +wie ich wohl glaube. + +In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch +Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht +haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte +nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten +... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von +allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein längliches +Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben +tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke +und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, +und in dieser Weise weiter. + +Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an +drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen +ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie, +die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7, +9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch +Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten +Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist +eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich +bin recht stolz auf diese Beschreibung. + +Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die +Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe« +knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald, +sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von +dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser +nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck +»Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine +oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen +Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere +sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses +Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher +Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen +Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge +weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert, +weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden. + +Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an +einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn« +stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an +die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung +mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer +bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte, +und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von +Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite +zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an +Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte. + +Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im +Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon +überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den +jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem +Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer +Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte, +nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem +Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes, +selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und +dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame +des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich +abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und +Lesen unmöglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel +Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen +und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn« +beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause +gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor +dem Hause. + +Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie +mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das +Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo +Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter +breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum +Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte +Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw +Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe +nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des +Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der +das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen +Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder +an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom +Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude +erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem +deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen. + +Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, +dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, +am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen +und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame +ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache +redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass +sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern +willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung +zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in +Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering +nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände, +in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden +sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht +»stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie, +dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört« +wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten +Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering +sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders +gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach, +in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger +Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut +wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen +haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken--ohne Liebig, +lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und +man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch +Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt +war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam +blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte, +an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst +keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche +von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine, +wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug. + + + + + + +VIERZEHNTES KAPITEL. + + +--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an +der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke +grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein +geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern +uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu +überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon' +gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also +in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an +das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich +anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren +Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der +dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität +gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, +solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben +zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter +sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, +dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein +Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im +Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür +bestanden als Recht und Billigkeit. + +Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, +sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der +Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich +zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von +atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine +Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen +selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur +nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, +und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen +gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie +wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden. + +Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung +zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie +in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom +Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General +Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das +Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert +aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass +er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung +gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und +was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich +im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und +Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den +Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen. + +Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar +auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang +di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle. + +Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, +der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher +Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel +von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben +waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben +schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar +erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen +angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den +Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie +dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für +die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, +und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim +sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den +battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde +zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge +ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; +Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, +und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling +in Feindschaft gegeneinander zu erhalten. + +Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein +Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte +und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes +zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung +hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den +anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet +wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor +einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen +bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen +überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der +betreffende Häuptling keinen Einfluss hat. + +Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den +Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich +verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe +ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre +1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, +wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich +bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen +und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher +diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer +Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert. + +So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie +bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter +erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von +Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die +battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen +haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft +der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von +selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie +wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt. + +Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, +kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der +Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben +nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der +Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande +gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung +erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und +Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch. + +Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, +dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling +gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier +schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess +ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach +Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur +all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse +niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln +rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein +Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An +Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich +auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies +thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch +zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als +ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert +haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er +frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei +Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, +ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss +ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht +worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von +seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier +kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige +Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit +der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling +zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern +mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung +seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese +Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene +Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine +Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem +diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem +falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine +Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen +Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet, +und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke +nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind. + +Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die +Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir +natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und +gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser +Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, +dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte +Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den +unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des +Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die +Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag +ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die +Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte, +ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen +Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen +der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur +geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte +Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende +Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste +widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement +abberufen haben würde. + +»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all +den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere +Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen +Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die +Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, +wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so +können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.« + +Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen +Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si +Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich +meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku +von Natal. + +»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein +Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht +geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats +anklagt!« + +Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem +»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den +Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden +Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, +nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf +der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, +die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, +seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, +der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, +sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, +hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen +können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und +Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann +einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen. + +»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage +und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten +Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen +worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan +von Mandhéling'.« + +»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil +ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und +Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet +sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java +überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten +dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann +ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses +Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.« + +Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger +zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General +mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen +werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte +augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, +den man so schrecklich misshandelt hätte«. + +»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte +er hinzu. + +Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen +Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also +in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit +Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt +haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein +gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan +Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku +sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort +hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen, +was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen +Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war +in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich +zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser +Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, +was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die +im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, +das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand, +wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe +bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für +seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den +Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon +gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde. + +Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde +nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten, +andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«, +den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine +Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger +der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl +Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der +General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das +Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig +Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von +Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der +Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus +den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs +deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan +gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder +Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte; +dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser +nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass +das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der +Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes +Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas +ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von +Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben +und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen. + +Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die +Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes +Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen, +oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er +sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig. + +Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen +Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist +mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine +Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld +beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei +obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser +... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich +einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben +Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen« +hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen +ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche +Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, +mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. + +--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren, +sagte Duclari. + +--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme +so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser +Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen +wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen, +dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der +General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen +Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn +ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr, +dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten +Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der +General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte +Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den +Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung +und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl, +mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht +so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass +es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, +sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre +und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, +die der Politik des Generals im Wege standen. + +--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge. + +--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General +nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung +zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst +geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat +executio' verliehen hatte, wurde ... + +--Suspendiert? + +--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als +ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend +uns regierte. + +--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden? + +--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind +in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr +angesehene Posten bekleidet. + +--Und Sutan Salim? + +--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde +er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor +in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe +ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor +anstellte, Tine? + +--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen. + +--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren! + +--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind: +darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig +duellierten? + +--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon +gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten +der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die +meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft +ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht +erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes, +der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine +Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche +Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, +begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, +wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und +vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht +also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich +wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt +hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, +und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein +hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem +im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht, +warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun +nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen +Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm +her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier +ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das +war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und +will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht +Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch, +ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen? + +So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das +Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die +»loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur +Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch! + +Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, +weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden +Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue +Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der +Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden +Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von +dort zurückgekehrt war. + + + +Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, +um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten +Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, +als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der +Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen +die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften +Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, +die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch +weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich +das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das +hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu +rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten +gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme +von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu +Rangkas-Betung warteten. + +Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus +und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen +ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, +und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine +Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien +den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars +Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem +Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte +für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars +liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen +am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen +bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen +gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit +Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden. + +Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die +Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, +und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht +mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die +Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die +zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde. + +Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male +in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach +wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer +oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, +das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und +achtete bald nicht mehr darauf. + +Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine +verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die +auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich +sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man +hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten +waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel +zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu +lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm +ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der +Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen +billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich +Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten +ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht +Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine +andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen +Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen +dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf +dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen +Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen +anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem +Max zusammen sein konnte? + +Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: +der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so +viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei +Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für +jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage +bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin +einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also +ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald +über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass +der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass +er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie +begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich +und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser +kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen. + +Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, +doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt +wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden +wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen +können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu +lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer +noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, +wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit +und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, +wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur +unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen +haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und +ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf +die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen +Besitzungen herrschend sind. + +Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der +den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann +in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses +Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn +das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder +zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das +Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten +zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen +kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder +niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal +gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, +der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden +hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen +gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige +Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht +die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert +legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, +so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An +den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige +Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art +Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden +Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, +wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor +allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, +selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, +um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel +gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von +Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine +solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg +zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden +Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, +ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und +also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern. + +Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten +in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach +europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst +würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar +finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die +Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten +Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können, +die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal +die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer, +einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige +Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, +sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel +warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die +Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung +eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht +hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil, +wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich +sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin +oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese +Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach +Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die +Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen, +dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche +warnenden Lehren gegeben werden. + +Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich +zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen +Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut +und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine +völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel, +dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der +Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger +in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine +abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht +hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am +öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu +stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm +hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall +die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder +in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von +diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte +ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen, +und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung +Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten +in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und +zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande +oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der +Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, +dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn, +wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden +Einkerkerung den Vorzug geben. + +Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen +durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt +war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt +hatte. + +Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten +keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel +Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern, +und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, +wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise +zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn +zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die +Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht +entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus +den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der +wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, +was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können +also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner +Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der +Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage, +als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung +beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht +fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles +bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus +dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen +Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem +höchst traurigen Zustande befand. + +Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm, +dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit +den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung, +und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich +gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde, +wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde. + +Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, +sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der +Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von +Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch +nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht +annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei +ergreifen werde. + +Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen +in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob +dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen +zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr +ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir +haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über +die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es +Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also +nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter +Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der +Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, +dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes +Lauf aufzuhalten. + +Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte, +hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei +zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse +überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer +wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht +geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die +Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn +man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch, +dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von +höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf +ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung +Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«. + +Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen +direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die +Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt, +im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu +lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber +nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig +die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu +thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, +die Ursachen hiervon darzulegen. + +Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht +eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem +ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben +bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten +mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein +würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes +zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr +läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun +einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern +zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu +werden, den man pflichtgemäss offenbart. + +Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre +Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten +melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die +selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, +senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an +die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen +Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch +nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen +dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich +behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit +ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele +von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer +Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo +die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, +wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, +Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, +mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht +erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige +Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen +lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich +um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die +mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der +Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der +ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen +werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel +spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, +will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, +der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass +ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, +sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner +Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn +... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass +niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.« + +Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: +»Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen +zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die +Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten +erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« +mit unangenehmen Berichten! + +Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den +Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht +steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch +niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu +entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter +abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung +auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger +weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, +da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die +Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von +Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung. + +Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des +Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch« +zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und +sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von +Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv +nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in +einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte. + +Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, +und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im +Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr. + +Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte +sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen +zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung +meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel +und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man +zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der +Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne +schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote +zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre +rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl +notwendig geworden war. + +Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen +könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot +herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und +dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben +wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in +meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich +gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, +dass sie vorhanden sind. + +Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges +Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher +Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder +nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden +werden kann. + +Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, +der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin +versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen +aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich +weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche +nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java +nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge +viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben +Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java +eingeführt ist. + +Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem +Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert, +und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam +machen. + +Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten +für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat +den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen +Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der +Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe +bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, +dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu +den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von +mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die +Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels +haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand, +Einfuhr: entsprechenden Mangel. + +Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt +sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass +alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen +Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier +keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer +Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die +widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort +ist. Das ist doch Wohlstand! + +Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als +nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen +würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie +ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von +vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten +alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer +Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, +seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten +einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein +anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung +des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die +gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange +unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren +könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, +in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges? + +Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander +folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas +Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als +die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, +die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit +ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes +entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen +und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden +sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur +Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das +Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld? + +Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht +die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit +unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger +Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der +Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene +Häuptlinge handelt. + +Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen +Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten +müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die +Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese +Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, +als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, +das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum +und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung +geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die +nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub +schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der +Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen +Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in +Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber +zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten +politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind +gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse +hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch +darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, +wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber +diesen Häuptlingen fallen sollte. + +Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche +Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den +Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den +Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide +ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick +will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der +sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine +Pflicht gebunden erachtete. + +Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen +andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu +seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen +kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen +vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu +kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl +und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem +eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden +sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele +anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part +eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari +und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell +mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht +dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und +seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester +pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der +auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, +ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil +er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten +die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich +wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie +wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und +Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden +von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich +Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten +war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf +über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, +die solche Tiere schuf. + +Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal +herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder +nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber +... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig, +doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist +gutherzig ... doch er kokettiert damit!« + +Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber +sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich +allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung +der Koketterie? + +Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar, +die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig +haben würde! + +War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho +hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete, +dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den +Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein +derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an +die Gutherzigkeit selbst. + +Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn +ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die +geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits +unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von +seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem +rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht, +wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher +geringen Höhe auch immer. + +Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen +Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht +überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und +Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in +Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne +indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte +er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige +Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig +die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war: + + + --Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör! + Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl, + Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht! + Du hast den ganzen Tag so wild gespielt + Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret. + + --Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick! + Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort, + Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich, + Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier + Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume, + Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör, + Was war das? + --Es war ein Klapper, der da fiel. + --Thut das dem Klapper weh? + --Ich glaube nicht. + Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl. + + --Doch eine Blume, fühlt die auch nicht? + --Nein. + Man sagt, sie fühle nicht. + --Warum denn, Mutter, + Als gestern ich die Pukul ampat brach, + Hast du gesagt: es thut der Blume weh! + + --Mein Kind, die Pukul ampat war so schön, + Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei, + Das that mir für die arme Blume leid. + Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt, + Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war. + + --Doch, Mutter, bist du auch schön? + --Nein, mein Kind, + Ich glaube nicht. + --Allein du hast Gefühl? + + --Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich. + + --Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh, + Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht? + + --Nein, das thut mir nicht weh! + --Und, Mutter, ich ... + Hab' ich Gefühl? + --Gewiss, erinn're dich, + Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein + Dein Händchen hast verwundet und geweint. + Auch weintest du, als Saudien dir erzählte, + Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief + In eine Schlucht hinunterfiel und starb. + Da hast du lang geweint ... das war Gefühl. + + Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz? + --Ja, oft! + Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst, + Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift + Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt, + Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl. + + --Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft, + Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl? + + --Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht, + Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann. + + --Doch, Mutter ... höre, was war das? + --Ein Hirsch, + Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt + Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht + Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind. + --Mutter, + Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich? + Und eine Mutter auch? + --Ich weiss nicht, Kind. + + --Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre! + Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch? + Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke? + + --'s ist eine Feuerfliege. + --Darf ich's fangen? + + --Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart, + Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald + Du's mit den Fingern allzu roh berührst, + Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr. + + --Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht! + Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ... + Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort + Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe. + Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das, + Sind das auch Feuerfliegen dort? + --Das sind + Die Sterne. + --Ein, und zehn, und tausend! + Wieviel sind denn wohl da? + --Ich weiss es nicht, + Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt. + + --Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht? + + Nein, liebes Kind, auch Er nicht. + --Ist das weit + Dort oben, wo die Sterne sind? + --Sehr weit + + --Doch haben diese Sterne auch Gefühl? + Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand + Berührte, gleich erkranken und den Glanz + Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!-- + Sag', würd' es auch den Sternen weh thun? + --Nein, + Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit + Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht. + + --Kann Er die Sterne fangen mit der Hand? + + --Auch Er nicht: das kann niemand! + --Das ist schade! + Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin, + Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann. + + Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl, + Von Sternen, die es fasste mit der Hand ... + Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte + Auch sie und dacht' an den, der fern war ... + + +Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen +Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, +die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner +Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe, +wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen. + + + + + + +FÜNFZEHNTES KAPITEL. + + +Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe +Ungnade der Regierung einigermassen gefürchtet zu haben schien--der +Mann hatte viele Kinder, und kein Vermögen--hatte also lieber mit dem +Residenten »gesprochen« über das, was er »weitgehende« Missbräuche +nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus +beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen +schriftlichen Rapport empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt +und später als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder +jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche +Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr +nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten gewöhnlich +eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natürlich alles +leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen, +die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti +zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. »Nein, der Büffel sei +ihnen nicht abgenommen worden für nichts, sie glaubten ja, dass ein +doppelter Preis dafür werde bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht +von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs +des Regenten zu arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti +sie später reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre Anklage +erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... sie seien +wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen möge für so +weitgetriebene Unehrerbietigkeit.« + +Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage +zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine +schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu stützen, und +ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit +einem ungünstigen Bericht zu »belästigen«. Die ruchlosen Ankläger +wurden mit Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert, +und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen +Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« zu haben. + +Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage +sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder--und das geschah +häufig--wenn dieselben Kläger zurückkehrten und ihre Einziehung +einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen, +um wieder darüber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe +Komödie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen +Menschen gehalten zu werden, der--dumm und bösartig vielleicht--so oft +Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen werden +mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen +Verhältnis zwischen dem vornehmsten Inländischen Häuptling und dem +ersten Europäischen Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen +gegen diesen Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde +aus den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt waren, wo +sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings unterstanden, +den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür angeklagt hatten? + +Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, flüchtete. Darum +schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum +waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufständischen in den +Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an +die Häuptlinge gefragt: »Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen +in den Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche +anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidul vor?« + +Doch nicht jeder konnte flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens +den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd, +ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte ... er +war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten, +dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen +Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rückkehr +in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprügel erspart, +die die Strafe sind für jeden, der einen Augenblick meinen mochte, +dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die +Strafe für den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte, +dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen +und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ... + +War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am +andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte--wie dieser ihm +abends sagen liess--und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung +zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung hinunterführen würde, +gewohnt, Überbringer zu sein der brüderlichen Grussgeschenke der Haie +im Binnenlande an die Haie in der See? + +Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem +Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen +und hierin einer höheren Macht verantwortlich sei als der Macht +einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb, +doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man, +wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darüber, +nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte? + +Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als +»älterer Bruder«, und wer meinen möchte, dass ich in Eingenommenheit +für den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach, +übermässig herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher +Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er +ihm für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange +darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur Verbrugge--als +Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als +also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu fürchten war--wie +dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief: +»Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!« + +Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er +hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel +drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit +sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt +und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in +benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel +Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der +Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen +zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit +dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von +Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger +erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen +waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte +die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig +zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig. + +So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und +noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde. + +Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die +Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten +fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein +Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich +sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf +das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen +unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde +ersparen können. + +Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit +der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden +werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur +auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie +dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier +vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich +mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten, +mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte +und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.« + +Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er +zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf +unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er +gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör +ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in +der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen +Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch +wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und +Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder +zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie +richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge +aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag, +den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar +nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass +sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden +war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen +verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches +Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch +das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr +Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede +von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung +auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand +sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den +eigenen Kopf geschlagen hatte. + +Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie +da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen +... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau, +wann sie ihn allein lassen musste. + +In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur +bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand. + +--Das ist eine schwierige Sache, M'nheer Havelaar, sagte er +eintretend. Sehr schwierig! + +Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung +enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von +Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser +finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas +schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere +ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage +gefunden haben würden. + +Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut +worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den +Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten, +die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür +auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und +des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den +ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch +unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen +Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten +werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung +selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit, +die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es +wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so +menschenfreundlich auf dem Papier aussehen. + +Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude +errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der +Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den örtlichen +Preisen der Materialien und von der Höhe der Arbeitslöhne am +Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer +genauen Untersuchung diesbezüglich beauftragt und ihm anbefohlen, +die Preise der Wahrheit gemäss anzugeben, ohne Rücksicht darauf, +was früher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden +war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht übereinstimmten +mit den Angaben, die einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun +nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für +Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was +hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass +er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen +würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstücken +eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu +sein scheint. + +Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz +über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts +angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier +eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der +amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile, +nicht allein mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von +dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist, +mit denen jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und +ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte. + + + »Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. März 1856. + + An den Kontrolleur von Lebak. + + + Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom + 16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie + ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem + Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen, + was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb. + + Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich dessen, + was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der + Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung + und im Auftrag derselben zu liefern sind. + + Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem--und wie + ich glaube, nach Ihrem besten Wissen--Folge gegeben, so dass + ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten, + diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten + unterbreitet habe. + + Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses, + No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird bezüglich + der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen + und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines + Gefängnisses gezahlt wurden. + + Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen + mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was + Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die + Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben + vom 5. dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich + besprachen. + + Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung. + + Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des + Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der + Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich + gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen + zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit + lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas, + das ich in Kürze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach + freundschaftlich warnte. + + Halbheit führt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr + ist unwahr. + + Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen, + vollständigen Eide thue man seine volle Pflicht. + + Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze ihn. + + Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu + ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich + selbst, die eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist, + gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und + überall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu + »schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf + dem rechten Wege antreffen wird. + + Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim + Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von + Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend + sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit + darauf angespielt. + + Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen von Mangel + und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir eingegangen war, + und ich darauf schrieb: »Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es + ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptsächlichste Wahrheit. Die + Hauptursache sitzt tiefer«, stimmten Sie dem in vollem Umfange + zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern, + dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten. + + Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und + unter anderm den, dass ich es für unbillig hielt, auf einmal + von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle + ebensowenig sich reissen würden, Sie zu zwingen, so auf einmal + dem gewohnten Laufe der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet + zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist, + als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich + erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher + es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb. + + Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter + meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt + die Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die--es sei denn, + dass ich irre--zuguterletzt triumphieren werden--jetzt wünschte ich + doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die + wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene Kraft erwürben, + die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus + sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar + jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur + darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen. + + Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollständige Angabe + dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint + zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854. + + Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses + Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu + kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt + haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage, + als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss + die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger + Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten + erzogen wurden. + + Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn + Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement + unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu + folgen, gegen den ich mich auflehne. + + Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen« + begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie + unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit« + anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser + langweilenden, sinnstörenden Titulatur. + + + Der Assistent-Resident von Lebak + + Max Havelaar.« + + +Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von +Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte, +als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe +aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten. + +Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt, +um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von +dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere +Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten, +der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste, +dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise +von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also, +dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte, +die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch +mit der Furchtsamkeit derjenigen, die--wie sehr auch sie selbst diese +unreellen Handlungen missbilligten--sich nicht berufen oder geeignet +erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten. + +Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen +zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit +des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene +Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig +zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht +vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder +der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners, +der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner +angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese +armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen +zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten? + +Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine +Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis +grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem +Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am +liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er, +der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den +schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der +Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite +ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein +Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde +verraten können. + +War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine +mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn +aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt, +dasitzen sah? + +Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit +derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen +Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen hatten. Nein, +zur Not würde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hülfe von +andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer, +die dieses Rechtes bedürftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss +auf das Volk er hatte, und wie--wenn einmal die armen Unterdrückten +aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie +ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten--er wusste, +wie er die Macht hatte, auf ihre Gemüter zu wirken, und wie die +Kraft seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache +von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass seine +Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, hielt ihn +also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten +anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte +er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung, +abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte. + +Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn +wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen +Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt, +den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen +Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu +glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der +vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend +machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl +seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr +für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon +gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie +ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier +das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass +er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht +überzugehen--des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen +müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere. + +Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der +Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde, +und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese +Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger, +als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen +es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er +das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon, +als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war +bei all seinem Scharfsinn? + +Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war. + + + +Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung +bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen +muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es +denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung +neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren +Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten +des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu +lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf +die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher +Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem +noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über +sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine +Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis, +der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich +nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt +den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor +sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem +Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen +Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen, +mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein. + +Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens +die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines +Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann +wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an +vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an, +dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen +unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu, +dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt +sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und +tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor +allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist, +hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner +hohen Berufung zu genügen. + +Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum +erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt, +in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues +Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des +Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen +sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen +Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde, +was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er +ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können, +was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar +selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen. + +Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich +übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es +schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen, +die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des +Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich +lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen +würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der +Generalgouverneurs meine ich angeben zu können: + +Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn. +Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der +durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten. + +Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf +und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit +vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz. + +Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang--vielleicht gar als +Ursache dieses Übergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden. + +Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für +diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als +sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der +ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später--nach der +Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um +deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht +in der Absicht sich zu bereichern«--z. B. einen Büschel Bananen im +Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden +in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld +hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend +welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können, +wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn +der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen, +was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr, +ad libitum. + +Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem +Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung +vorzubeugen ... + + + +Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden +müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne, +um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt +die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die +Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung +frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel +zu suchen? + +Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil, +der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die +Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil +dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in +Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit +der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor +der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen? + +Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er. + +Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es +ihm geholfen? + +Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er. + +Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit, +Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des +Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen +von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen +Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie +verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife! + +Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu +ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten« +und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der +kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb, +durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken +trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines +blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken +schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man +geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser +des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es +ihm geholfen? + +Wenn ich also gehört werden will--und verstanden vor allem!--muss +ich anders schreiben als er. Aber wie dann? + +Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat +mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff +deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben, +wie du es wünschest. + + + +Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen, +an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog +Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der +ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte +an dieser Krankheit gelitten!--schon so häufig hatte er das alles +wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut +bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur +beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten +andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch +der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde. + +Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein, +wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner +von Lebak würde auftreten müssen. + + + + + + +SECHZEHNTES KAPITEL. + + +Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm +mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch +darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er +wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen +grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong +solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen +würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden +mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann +vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den +Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich +tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige +Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu +besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste +er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben, +unter dem die Bevölkerung gebeugt ging. + +Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck +auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht +der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch +ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund +gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht +thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt, +vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern +derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin +auch nur zaghaft und verstohlenerweise. + +Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend, +wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie +gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die +mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn +sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums +Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und +er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem +Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war, +und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom +Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis, +dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten +raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars +Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen, +dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der +Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies +hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar +zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass +sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen +würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten, +wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an +dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen +und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch +der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte +er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von +Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der +Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er +bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und +zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung +zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung +der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge +den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen, +und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden, +dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die +Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde. + +Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte, +erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung +eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner +Bemühungen. + +Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen +Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah +in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und +den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin +Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen +Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte, +so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von +zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben, +denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind +für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt: +dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem +Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben, +und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist. + +Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ... + +Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel +minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten, +von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich +dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die +Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde +ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum +Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines +gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des +Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis +sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich +abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu +die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals +das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe +sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los +gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich +die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der +Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen +Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder +verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den +Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen. + +Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar +Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in +Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres +Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise +zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum +wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die +Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von +dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und +wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen, +ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den +diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm +dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also +nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-, +ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche, +leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt +wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich +bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr +ausgesetzt sind? + +Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen +Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt, +die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd +sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich +bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen, +die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen +Personen so besonders schwierig machen. + +Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies +dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie +ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java +Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia, +Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande +genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet, +und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen +Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung +eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten +Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als +mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den +eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer +gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu +Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird +wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in +zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen +Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus +berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss, +wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden +sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist, +der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen, +dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak, +dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa +verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den +Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich, +die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich, +ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre +Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg +erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum +Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen +Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung +Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft, +die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und +oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis +von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals +Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen +Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis +auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der +rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit +ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten, +der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der +Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu +verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie +unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde. + +Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der +Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen +doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur +von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in +Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt +sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien +selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich +stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze +Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu +verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht, +als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner +Rede behandelt. + +Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft +wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft, +indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz +abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine +Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt +machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage +nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt, +sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes +beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person +ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in +Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus, +dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer +trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar +scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner +Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird, +wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung, +wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs, +der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines +Ministeriums für die Kolonien zu setzen. + +Es ist eine eigentümliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer +Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht +man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis +zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein +kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht +darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die +Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man +sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie +Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine +Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man +annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn +nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher +Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer +fallen würde--sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem +Gegner günstig erwiesen. + +Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in +Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach +der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen, +was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen +soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so +mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen, +doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend +einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in +Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates +gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in +Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder +mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist +betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil +aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel +gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur +zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören. + +Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten +Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein +Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies +anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass +man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht +noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium +für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für +den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind. + +Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer +Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen +erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem +die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des +Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien +und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt, +zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für +sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den +Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang, +und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren +ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass +Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des +Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu, +»dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete +seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte! + +Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak, +Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen +eintöniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt übergehe. + +Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der +Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den +Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur +Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht, +um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss +fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den +Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund, +der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht +ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat, +ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper, +auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich +auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss +das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last +zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in +steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der +Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt, +sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb +entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe +weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht: +der Baum schnellt zurück--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach, +die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen +Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in +dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres +Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel +Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift +sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch +einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen. + +So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will +ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der +Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von +Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings, +wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird +sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie +schwarz--und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug, +ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie +darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung. + +Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig +sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser +dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit +verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis, +Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere +Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren +haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand +Seelenvortrefflichkeit. + +Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so +weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel +aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der +Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde +her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn +ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause, +sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da +verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln +und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich, +o Niederländer!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen +lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man +seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über +so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der +Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich, +dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den +König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich, +in deinem schönen Reiche Insulinde!« + +Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der +Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl +überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven +in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen +Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den +weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit +B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als +... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf +der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt +mit Sinken? + +»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!« +habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn +ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz +bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern +geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen +und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn +der Kaffee steht sehr gut. + +Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel +wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel +gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht +recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit +seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz +macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die +in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind +das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz +äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen +gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen +in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz +bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das für +nützlich in Geschäften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal +grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den +Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann +kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser +Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei +ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss +man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo +es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die +Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe +noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt +Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit +betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht +gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für +die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch. + +O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch +schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler +in Kaffee--und für andere--dann hätte ich's lieber selbst gethan. Doch +hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und +das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin +aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem +Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal +mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat, +dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen +toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken +lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie +gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur +deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker +macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei +ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich, +als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht +der Fall, denn sie machen in Zucker. + +Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib +kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun +schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch +hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht--steht es ihm wohl gut, +dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine +Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur +werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine +ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte +geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O, +damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein +General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des +Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er +hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich +ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre +und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck & +Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die +haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss, +weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman +wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind. + +Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der +Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte +von Lot--hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine +Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte +zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen +nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste +ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb +mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was +immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit +ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte +lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie +mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe, +dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche +Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das +sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser +Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in +der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten +angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen, +auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter +anderm ein französisches Lied singen hören--von Béranger, glaube +ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend +an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne +Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anständig ist. + +Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen +hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein +Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein +Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer +im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt, +denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die +Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter, +die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette +Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom +Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel +auf Sittlichkeit. + +Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz +sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er, +da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies, +denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar +klagt über seine Anmassendheit--über Fritzens, meine ich--in der +Katechismusstunde, und der Junge scheint--natürlich wieder aus dem +Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben, +die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist +rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei +Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal +neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines +Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von +Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige +Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach +dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit +Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot +des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu +fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist +für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein +junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie +und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen +Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind +für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter +den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick +zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...« + +»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.--Leser, +was soll ich mit dem Jungen anfangen? + +Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist +ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O, +junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie +vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie +bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt +werden zu den Böcken auf der linken Seite ...« + +Da brach der Taugenichts in Gelächter aus--Fritz, meine ich--und auch +Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem +Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe +gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt, +die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll. + +Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem +Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und +Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was +gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn +ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen +Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger +Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott +alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet +nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom +Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das +kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen +arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang +pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut +da drüben. Das ist Gottes Wille so!« + +Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn +es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine +Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während +die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas +geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die +Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten, +haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen, +der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der +Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich +gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch +den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin +ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die +vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so, +als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung +eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes, +der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist +das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da +drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren +Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten +sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen, +das kein Vaterunser kennt? + +O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie +leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in +den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach +Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft, +die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit +seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist +bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen +sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als +ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint +zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von +Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu +beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von +schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline +keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und +am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um +und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art +trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas, +die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn +er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der +Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich +so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist, +und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags +gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So +ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen +hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte +an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock +laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul, +dünkelhaft und kränklich wäre. + +Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um +Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern +Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem +kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah +entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich +bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der +Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden, +kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer +von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher, +dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem +Solitärspiel finde. + +Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und +hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held +der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher +gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann +später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das +Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr +wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und +wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles +aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im +Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin +dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich +habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen +Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und +nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit +mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich +und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen +suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte, +habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden +meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich +aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat +der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der +Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise +habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre +1848 von all dem Murren zu denken hatte. + +Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko« +offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so +schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas +davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit +den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil, +sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er +Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen +Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht +hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer +über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass +für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu +verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul, +dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm +nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der +Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten +sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam, +wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen +sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich, +aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf +Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es +muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm, +das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so. + + + + + + +SIEBZEHNTES KAPITEL. + + +Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als +nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm +abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein +Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, +dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des +Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten +und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte. + +Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, +die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches +Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist. + +Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine +Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, +und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah. + +Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen, +wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde, +denn darauf steht Gesetzesstrafe. + +Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater +war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder +um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit +Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der +am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden, +für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte. + +Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen +Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: +Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der +javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, +anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, +links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, +das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist. + +Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast +sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme +schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu +geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen, +scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das +Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite +Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten +lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund. + +Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes, +das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen +an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war +mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um +die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube, +dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser +zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl +für ein gutes Wort. + +Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser +Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang +abgenommen wurde. + +Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne +Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--für achtzehn +Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel. + +Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern +Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden +war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen +habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage +hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er, +dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das +Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm. + +Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem +er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen, +lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte. + +Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war. + +Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des +Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell +eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so +leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem +auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl +war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war +willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich +Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen +die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch, +dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn +die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen +undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern +mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte +ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt, +dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern. + +Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig +am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so +grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich +nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, +der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht +versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben +Ausdrucks erspare. + +Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil +er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre +Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen, +denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er +schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn +den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte +... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen, +sodass das Zahnfleisch bloss lag ... + +»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah, +fliehe! da ist ein Tiger!« + +Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich +auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über +Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes +Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und +schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen. + +Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel +bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein +unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und +ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ... + +Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss +um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod +wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine +Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft +überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende +Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine +ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über +das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang +... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihn mit seinen +Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger +ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem +Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem +User-useran dieses Büffels! + +Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ... + +ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist! + +... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre, +und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie +hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen, +und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah +sehr traurig gesehen. + +Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter +am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres +geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während +sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass +es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft +mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit +in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib +ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische +Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und +sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier +doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, +dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er +auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet +zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter +war, die ihn schlachten liess. + +Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er +hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht +bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel +zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und +ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten +dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt +er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten +Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten, +und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen +Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es, +dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak +und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er +wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen +hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde +er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was +nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde, +in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten +begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb. + +Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich +nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit +leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit +Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck, +wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak. + +Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg +verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren +Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren +seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle +als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt, +der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last +hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es +wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück +Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf +diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel +zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem +Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der +Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit. + +--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug +sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben! + +--Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du +wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und +batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit. + +--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde? + +--Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen +werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt. + +--Und du selbst? + +--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher! + +--Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ... + +--Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen? + +--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei +dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume +gegeben hast. + +--Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich +bei dem Ketapan zu erwarten? + +Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte: + +--Zähl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser +Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei +jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben +eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem +Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist? + +--Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein, +wenn du zurückkommst. + + + +Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das +sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen Leinwand Adinda, +damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur. + + + +Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das +derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, +wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er +Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später +kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines +so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt +mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb +dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht +marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch +bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den +grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte. + +In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er +ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies, +wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla +kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte, +hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia +etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es +kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es +ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das +Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm +unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden, +weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und +auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war, +da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war, +dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch +selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten +sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass +sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten. Er +hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen +Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum +verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das +Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von +Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte, +als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von +diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er +nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun +dort unter dem Baume Adinda seiner harren. + +Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde, +wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse +Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das +ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen +Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel, +so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte +daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer +Beherztheit sagen? + +Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten +Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal +gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff +nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so +nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn +nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie +da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er +nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal +ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz +zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang, +den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, +weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine +Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war's möglich«, +dachte er, »deswegen bös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch +einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklich hierdurch +die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch +die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den +kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--hätte +ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen +benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um +Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als +wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten +bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem +Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, +denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?« + +So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen +Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie +sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im +Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem +ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst, +etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es +schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem + Vater, Salz zu machen. +Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins + tiefe Wasser, werden Haie kommen. +Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird +den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt? + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, + weil er matah-glap war. +Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke + Holz auf meinen Leichnam niederfallen. +Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, +die Wasser werfen, um den Brand zu töten. + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als + er einen Klappa pflückte für seine Mutter. +Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen + an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah. +Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre +werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!« + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, + denn seine Haare waren weiss. +Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen + um meine Leiche stehn. +Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, +und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut. + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete + sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund. +Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah + ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist, +Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird + leise über das Gras schleifen ... + Ich werd' es hören. + + + +Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in +Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah +nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch +kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die +andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung +stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, +denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und +an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in +Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher +nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe +begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er +gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn +und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders +zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue +gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den +Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen +des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler +Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte. + +Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem +Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass +er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, +und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise. + +Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber +dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas +ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die +Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen +Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er +an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges +gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube +es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, +um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war +noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene +Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher +aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit +einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In +den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von +silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel +war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda! + +Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug +er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren. + +War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt +als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen +Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen +sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss +in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, +da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie +er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident +vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu +Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War +es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die +ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul +sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die +Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen +sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf +öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines +Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach +Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen +sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte +auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger +Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass +man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde? + +Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte +den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen +zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die +Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte +sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den +schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen +auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem +Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz +aufzog als Kind, wenn er--wie war's möglich!--sie plagte, und den +Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah +ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie +der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss +und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am +Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ... + +Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz +andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, +Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim +Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt +von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des +neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!« + +Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und +die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem +Wege erzählte. + +Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, +der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald +sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, +am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und +betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit +an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, +den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak +zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, +das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der +Ketapan, den er suchte. + +Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte +als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert +hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit +allen Kindern--Knaben und Mädchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie +ihm die Melatti gegeben. + +Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den +Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen +Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob +Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde +in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, +wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte +... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt +haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters +Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine +Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, +was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder +treu gewesen wäre. + +Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem +Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher +jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er +selbst dem Wiedersehen mit Adinda. + +Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern +des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht +schon am Tage vorher gekommen? + +Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen +Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem +Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner +Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn +zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er +auf sie warten müsste. + +Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne +aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die +Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, +beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde +... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, +die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren +Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im +Osten ein glühender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und +wieder über den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder +und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen, +der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg. + +Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute +schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen +Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief +Adinda! + +Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen +können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte +die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre +Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch +fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein +Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem +sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein. + +Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock +sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich +sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt +waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass +sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt +fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen +Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde +vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah. + +Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit +fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, +dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb +... wegblieb ... + +Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken +klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu +blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, +doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen +Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen +mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und +vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem +Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und +Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, +das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda! + +Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch +unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank, +als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in +menschliche Sprache zu fassen. + +Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst +schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald +sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge +über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn +willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und +ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern +an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während +der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich +an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines +kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch +umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad, +der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne +wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so +gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten +sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn +es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!--und sie +hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater +war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda! + +Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über +den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum +gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil +Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minder +betrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, +das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ... + +Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum +leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh. + +Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin +und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein +Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt +und Bewegung--kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es +und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken +Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange +der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald +äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner +Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen +zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung: + + + Sieh, wie der Badjing Atzung sucht + Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts, + Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder: + Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel. + + Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch' dir Heil! + Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ... + Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, + Wartend auf Atzung für mein Herz. + + Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ... + Lang' schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ... + Doch immerdar noch ist meine Seele + Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda! + + +Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum +leitete. + +Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, +weil es warm zu werden begann: + + + Sieh, wie der Falter dort rundflattert. + Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume. + Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte: + Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen. + + Viel Glück, mein Falter, ich wünsch' dir Heil! + Sicher wirst du finden, was du suchst ... + Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, + Wartend auf die, die mein Herz lieb hat. + + Lang' schon hat der Falter geküsst + Die Kenarieblume, die er so lieb hat ... + Doch immerdar noch ist meine Seele + Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda! + + +Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum +leitete. + +Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in +der Luft. + + + Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe, + Hoch über dem Waringi-Hügel. + Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen, + Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten. + + Viel Glück, o Sonne, ich wünsch' dir Heil! + Was du suchst, wirst sicher du finden ... + Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, + Wartend auf Ruh für mein Herz. + + Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein + Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ... + Und immerdar noch wird meine Seele + Und mein Herz bitter betrübt sein ... Adinda! + + +Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan +leitete. + + + Wenn nicht länger Falter werden rundflattern, + Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen, + Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird, + Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind, + Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ... + Wenn die Sonne verkehrt wird laufen, + Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ... + Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist, + Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln + Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb. + Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ... + Meine Seele ist bitter betrübt ... Adinda! + + +Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem +Baum leitete. + + + Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden. + Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen: + + "Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen, + Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume. + Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen, + Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war. + Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben, + Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!" + + Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich öffnen, + Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ... + Noch einmal will ich die Melatti küssen, + Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda! + + +Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem +Ketapan führte. + +O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von +all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher +hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es! + +Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht +scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte? + +Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der +Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen über Adinda, +nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein, +sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen! + +Er sollte warten, warten ... + +Aber wenn sie krank wäre oder ... tot? + +Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der +von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts +und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es +standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: +»Saïdjah, Saïdjah!« + +Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, +Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das +Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich +vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu +sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein +Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog +er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an +seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte, +und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!« + +Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit +Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, +dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht +im Dorfe Badur sei. + +Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den +Büffel weggenommen hatte ... + +ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist! + +... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes +Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es +säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er +seine Landrenten nicht bezahlen konnte ... + +weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist! + +... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda +mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs +Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er +Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder +nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch +in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen, +dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in +den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, +Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die +durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden +waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht +bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers +gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und +liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie +sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die +europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an +der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den +hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der +Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über +offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde. + +Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm +sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht +völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem +Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise +durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter +der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach +nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um +ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus. + +Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den +armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach +er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme +aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben +soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den +Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die Genesung Saïdjahs zu +bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht. + +Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom +Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, +wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil +so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der +bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die +durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten, +wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden +Bergspitzen berechnet. + +Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt! + +Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches +strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er +suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden +Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte +gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte, +wenn sie sich schlafen legte ... + +Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu +Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine +geöffneten Lippen und atmete sehr tief ... + +Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der +Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die +Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum, +um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen +konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt, +zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ... + +Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines +Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte +er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die +Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die Niederländische +Herrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an, +weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war +sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit. + +Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, +schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das +Niederländische Heer erobert war und also in Flammen stand. Saïdjah +wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils +aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter +den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den +Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der +Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, +Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam +Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ... + +Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende +Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende +gemacht zu haben schien ... + +Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem +Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden +Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich +mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen +Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen +die Brust vordrangen ... + +Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den +neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der +Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb +heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt +sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener, +belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen. + +Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der +Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man +vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten +hatte unter dem Banner der Niederlande ... + + + "Doch Gott, der alles Weh ersicht, + Erhörte dieses Tages Opfer nicht." + + + + + +Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, +als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges +zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der +Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte +ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu +hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich +begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde +stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit +der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch +empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, +wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen. + +Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor +mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis. + +Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb +hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs +ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, +ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, +weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda +die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ... + +Dies alles weiss ich nicht! + +Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass +es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung +im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, +dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern +von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat +vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem +Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof +gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, +in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, +Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der +die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, +wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung +in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von +Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift +der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine +ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in +den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt +ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen +lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der +Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren. + +Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu +beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah +erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda +in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und +mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, +dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht! + +Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, +weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein +samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, +die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen +Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der +mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die +die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht +niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin +dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst +oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der +Wirkung--wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden +nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein +Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren +Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, +um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu +lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm +die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld--oder +die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid +der Lüge borgen muss? + +Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine +Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen +können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe +wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und +Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wäre +immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen +die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen +Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, +besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer +nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der +Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, +wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese +singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ... + +Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im +Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, +dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es +sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder +solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber +Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen, +die nicht sentimental sind? + +Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit +der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem +Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser +Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf +ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen +gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält, +wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine +"weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers +von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet +wurde: eine Note, die vor mir liegt! + +Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch +Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben. + +O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart +gestraft. Er wurde ermordet. + + + + + + +ACHTZEHNTES KAPITEL. + + +Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine +in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering +trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu +wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies +dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor +eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte, +dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen +entlang nach Havelaars Haus zurück. + +»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar, +und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone, +damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf +einem Erbe, das früher das ihre war: + +--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die +Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben +gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas, +was man in der Küche braucht? + +Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher +Zug, der Havelaars Blick nicht entging. + +--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk! + +--Gewiss, das giebt's überall. Doch wenn man es den Menschen so +schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw, +erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht +üben über das Erbe! + +Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in +ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die +Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des +Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre. + +--Er wollte Gerechtigkeit üben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme +Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der +die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in +Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe +gefunden haben im Archiv? + +Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften +vor mir liegen. + +--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe, +doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die +Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten, +den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten +alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung +der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls +keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den +Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging +kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im +Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in +erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen +deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er, +der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war. + +--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar. + +--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er +bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor +meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde +wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können, +und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein +Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum +habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen +verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen, +und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe, +damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten. + +Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene +Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche +machen wollte, »die doch so geräumig sei«. + +Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an +den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei +Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war +nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war +Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu +meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich +auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich +glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken +zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch +wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung +des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine +ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt +doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an +einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen +konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren, +der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der +Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein +und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der +Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen +zu vermuten. + +Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger +vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat, +diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen, +dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung +sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten. + + + +Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab: + +--Woran ist M'nheer Slotering gestorben? + +--Das weiss ich nicht. + +--Ist er vergiftet? + +--Das weiss ich nicht, aber ... + +--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge! + +--Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer +Havelaar, und ... und ... + +--Nun? Weiter? + +--Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch +länger hier geblieben wäre. + +--Schreiben Sie das auf! + +Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt +vor mir! + +--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und +erpresst wird in Lebak? + +Verbrugge antwortete nicht. + +--Antworten Sie, Verbrugge! + +--Ich wage es nicht. + +--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen! + +Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir! + +--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage, +doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass +Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht +wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund +dessen, was ich stets Halbheit nannte? + +--Ja! + +--Schreiben Sie das auf. + +Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir! + +--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug. + +Und Verbrugge konnte gehen. [6] + +Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit +besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war, +schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer. + +--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit +Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an. + +Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und +rief schluchzend: + +--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken +zusammen! + + + +Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht +zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles? + + + +Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift +gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter +denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu +haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus +hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog, +den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch +nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu +betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte +Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner +Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen, +doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die +Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu +lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht +sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen. + +In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften, +die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube +ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu +dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie +diese Änderung bereitwillig hinnehmen. + + + + »No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856. + Geheim. Eile. + + An den Residenten von Bantam. + + + Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich + mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die + Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen + gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des + 'Pundutan' und dergleichen erfüllen. + + Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität + und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess, + die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits + weit überschritt. + + Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren, + und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch + Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um + mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen: + dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte + Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt + würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die, + wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in + Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete + von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor, + zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit + grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der + Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status + seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche + Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge + zu treffen. + + Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon + geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit + gegenüber weiteren Fällen. + + Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder + Ungesetzlichkeit. + + Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den + Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand + Kenntnis verschafft. + + Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler + Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich + kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen: + + + dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta + Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch + ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten, + und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung + von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich + festgestellte, unausreichende Bezahlung; + + dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen + Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den + genannten Thatsachen. + + + Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die + Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen: + + + 1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile + nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder + vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch + Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen, + die ich werde einholen müssen; + + 2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu + nehmen; + + 3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren + Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss + auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung + ausüben könnten; + + 4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von + dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen. + + + Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben, + den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen. + + Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die + Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die + Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt + der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste + im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls + sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert, + dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist + (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei + und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut. + + Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit + dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus + der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das + eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit + dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht, + ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar.« + + +Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein, +der Herr Slymering, privatim! + +Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art +und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt +wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der +Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis +gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu +»schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden +Geschäften störe«! + +Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige +Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und +traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des +Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den +Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . + +Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser, +dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die +Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen +der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen +bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken, +dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er +so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre, +drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die +wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach +der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn, +schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst +recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler +in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn +man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich +das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe +es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch +einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der +Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann +zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau +zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib +weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag +Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst +nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen +und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne +stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge +habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte +also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von +selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah +ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes +Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche +Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr +schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf +dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche +Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und +... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen +Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und +es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf +losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass +Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von +derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem +schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die +Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und +darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen +will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein +Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken +besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin +und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau, +wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus, +als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe +ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich +gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn +auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir +eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen +Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig +gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann +führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah +ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über +diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer +unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht +auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen +im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass +die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens +war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name +angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt +von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein, +der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau +des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden, +der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne, +der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass +der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl +sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte, +indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum +HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie +die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch +vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre +Schande für die Familie bedeute«. + +Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da +in diesem Briefe stand. + +Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare +Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder +das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss +also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen +Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse, +und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren, +weil unser Geschäft so flott geht. + +Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es +gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett +gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind +wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, +mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der +Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die +sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau +und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und +meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte, +brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich +sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung +ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan +zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in +der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich +ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf +den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den +Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich +alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir +gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich +würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in +enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran, +dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, +die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das +nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte, +als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen +Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich, +weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe, +dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz +offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem +Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen. + +Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei +einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun +auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich, +ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte +sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine +rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu +besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst +blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das +Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, +eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu +sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und +ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt +wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte +wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein +noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und +auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, +gerade wie der Kutscher. + +Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des +Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran +ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im +Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an +all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich +brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer +sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran +that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person, +die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über +sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft +Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte +seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus +dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all +diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu +sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr +zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem +Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich. + +Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie +erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch +wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen +nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den +Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an +die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis +dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und +rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug +von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte, +als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein +Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen +ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang +geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch +ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er +Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck & +Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte, +denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge +ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen. + +Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr, +der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die +Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm +für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen +anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen +Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er +konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er +sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee, +den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, +dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der +eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern +möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass +der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert +hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden +Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch +sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon +gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel +um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre, +und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube +im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem +er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu +kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle +Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich +nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet« +vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so +wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor +Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele +wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor +allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren +und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist. + +Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der +Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen +und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig, +mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen +nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn +als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof, +einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste, +die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns +mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und +ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden, +wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns +da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, +denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu +kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat +war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation +schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk +Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und +ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich. + +Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer +so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, +als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in +gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel +seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen +zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine +Frau fand es auch. + + + + + + +NEUNZEHNTES KAPITEL. + + +In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte, +teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner »dringenden Geschäfte« +am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was +gethan werden müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche +Erwägungen zu bedeuten hatten--sein Vorgänger hatte so oft mit dem +Residenten von Bantam »abouchiert«!--schrieb den nachfolgenden Brief, +den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben +sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar +zu diesem Schriftstück erübrigt sich. + + + »No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856, + Geheim. Eilig. abends 11 Uhr. + + + Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive + No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts: + + + dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen + Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von seinem + unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides + verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen + des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdächtig hielte + der Erpressung. + + + Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen + Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke, + nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen + Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung + einzuleiten über die Begründetheit meiner Beschuldigung und + meiner Vermutung. + + Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe + ich zu diesem Entschluss kam. + + Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich + getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten + Regenten vor Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst + vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar + voraufgehende--Ursache zu sein. + + Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene, + tief niedergebeugte Bevölkerung, ich dachte an die Notwendigkeit + eines Beispiels--denn viele andere Bedrückungen werde ich + Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von + mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende + macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher Überlegung habe + ich gethan, was ich für Pflicht hielt. + + In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes + Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen + hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese + Sache lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen. + + Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just + darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden, + um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren. + + Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer + Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der + Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar + der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall + meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten + Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege + abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg + hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem + Namen--es war am 12. dieses--ausdrücklich für diese Diskretion + Dank gesagt. Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche + zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung + durch einen eben gehörten Vorfall überlief, als längeres Schweigen + Mitverantwortlichkeit bedeutet hätte, da war diese Geheimhaltung + meinethalben nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen + habe ich Pflichten zu erfüllen. + + Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern + unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene + hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen wäre. Und würde + oder wird es mir möglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe, + »was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein + Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter + dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen, + dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle + Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau + und Kind ... wird es mir möglich sein, das alles zu beweisen, + wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt + und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'? + + Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an + seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der + Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten + immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden, + den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge würde + sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich + ein leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort ein + unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger auszudrücken. + + Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses + Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich + kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten' + nennen könnte, und ich besitze diesen Geist nicht! + + Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« wäre behandelt + worden, lässt mich Befürchtungen hegen vor einer mündlichen + Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe, + ist wahr. Doch vielleicht würde es unwahr scheinen, wenn die + Sache in einer Weise behandelt würde, die die Offenbarwerdung + meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der + Regent von hier entfernt ist. + + Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen + in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten + Express mich befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher + meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam + werden und versuchen wird, wenn möglich die Beweise seiner Schuld, + tant soit peu, zu verwischen. + + Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine Missive + von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei + ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag + enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und + die von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu machen. Ich + vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein für das, was ich + vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der + Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, öffentlich, + und vor allem frei--zuzustimmen belieben. + + Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt + ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts + Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige + und verdächtig erkläre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn + er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus + dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt, + dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe. + + Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs! + + Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben + und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er + berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine 'Nächsten' sind, + vergewaltigt werden und ausgesogen! + + Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass + die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut + gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für + mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch + Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde, + die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis, + durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wäre. + + Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen + offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen + dieses Versäumnisses. + + Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die + Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und + mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung + Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an + ihrem Wohlergehen nagt. + + Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu + ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz + nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung, + Rapport und Vorschlag--gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten + von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung, + von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich + dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern, + No. 88, mitteilte. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar.« + + +Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der +Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem +Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit: +was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob +er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der +Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete +er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die +er--für den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche +zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars +vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche +Handlungsweise ihm bekannt wurde. + +Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als +gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war +denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete +durch 'Schippern' und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe +zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen +offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache, +noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die +»Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war +erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit +willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu +vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten +beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende +Schimpfworte geschlagen hat. + +Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht +habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge, +dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen +Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand +ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene +Erwägungen oder 'Rücksprachen' zu so unerhörter Pflichterfüllung +hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen +wahrheitsgemäss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den +Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der +Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich +sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu über, +diese Briefe zu verlesen. + +Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu +beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht gelogen +haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die Wahrheit +des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser +Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer +vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da, +wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar davon +Gebrauch machte? + +Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es würde ihm +angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke zurücknähme, um sie +als nicht geschrieben betrachten zu können, was dieser mit höflicher +Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte, +ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts +anderes übrig bliebe, als eine Untersuchung über die Begründetheit +der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen +müsste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen +Halt geben könnten. + +Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornsträuchen +in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen geklopft haben, +wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören können! + +Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio, +Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt +hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht, +der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ... + +Havelaar antwortete: + +»Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt, +die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich +klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang, +ich werde die Begründetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu +die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich +bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!« + +Wie Verbrugge aufatmete! + +Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand! + +Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit--denn höflich und +wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen, +von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser +Höflichkeit blieb dieser unerschütterlich. Das Ende war, dass +der Resident sich darin fügen musste, und als Bedrohung sagte, +was für Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann genötigt sähe, +die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten. + +Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den +Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und +nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen Tische der Havelaars +ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurück, mit grosser Eile: +Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe. + +Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen +Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier +abschreibe: + + + »No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856. + Geheim. + + + Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O, + geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend: + + + dass Sie Gründe hätten, nicht den Vorschlägen Gewähr zu geben, + die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses, + No. 88 und 91, machte; + + dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht hätten; + + dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen + umschrieben sind, nicht billigten; + + und zum Schluss einige Befehle. + + + Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz + mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu versichern: + + + dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer Autorität + respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlägen + Gewähr zu geben oder nicht; + + dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls + mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären + Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer: + bei allem, was ich nicht thue und nicht sage. + + + Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen vertrauen. + + Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu + protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung + bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines + einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet, + gesprochen oder geschrieben. + + Ich habe die Überzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe, + sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausführung + angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne + die mindeste Abweichung. + + Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst: + bevor ich »untersuchte, rapportierte und Vorschläge machte«--und + wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte + ... aus Übereilung fehlte ich nicht. + + In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas schneller + jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und lassen. + + Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre etwas + missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die + Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht, + ein Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein + Stotterer für das seine--wäre es das immerhin ... doch nein, + dies kann es nicht sein, aber wäre es auch so: ich habe meine + Pflicht gethan! + + Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid, + dass Sie hierüber anders urteilen--und was mich selbst angeht, + ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung + meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und + ich habe Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde, + welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine. + + Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht + also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss + ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass + man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von + sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn + mir zu erkämpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach + siebenzehn schweren, mühevollen Dienstjahren, nachdem ich meine + besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für meine + Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot + geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine Gedanken, + Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren oder Spaten, + wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft + meiner Seele. + + Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von + Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich + bin also verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und + Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb, + Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen: + + + es möge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch + die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen + Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben + sind, gutheisse. + + + Oder aber: + + + es möge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung + aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden + Punkte der Missbilligung. + + + Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung + zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen könnte von meinen lang + durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten + Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es würde dies nur der + rücksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie + in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar. + + + + +Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns der +Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen +machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nämlich +in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfüllung und +Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung +bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle +Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube, +ich habe nicht nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die, +wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen +muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch +ein »abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach der +Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, dass es +keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen! + + + +Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der +Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht. + + + +Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur +Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute, +die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm +ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe sprechen. + +--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch +verraten Sie mich nicht. + +--Was? Was soll ich nicht verraten? + +--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem, +was ich Ihnen jetzt sagen werde? + +--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort. + +Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass +nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er +gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er ihm gleichzeitig +ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge +wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Gründe den +Residenten hierzu veranlasst haben könnten. Havelaar war entrüstet, +allein ... er hatte sein Wort gegeben. + +Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm +vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern +zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme, +ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden. + +--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf! + +Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor mir. + +Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so leicht +allen Ansprüchen auf juridische Echtheit der Geschichte Saïdjahs +entsagen konnte. + +Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris +Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer +Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte! + +Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzähle, +Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten, +er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstücke, die vor mir +liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete +... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende +Aufzeichnung mit: + +»Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter +des Niederländischen Löwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident +von Djokjakarta zu sein. Ich würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge +auf die Lebakschen Angelegenheiten zurückkommen können.« + + + + + + +ZWANZIGSTES KAPITEL. + + +Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar +zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild' +ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau« +nicht finden konnte. + +--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die +Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of +beauty' von Hogarth, nicht wahr? + +--Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander. + +--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine +Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, +wo du das gestickt hast, Tine! + +--Ich nicht. Wo denn? + +--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil +der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte, +und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn +zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei. + +Tine stand auf und küsste den Kleinen. + +--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind fröhlich, +und die rote Frau war komplett. + +--Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter. + +--Ich, sagte der kleine Max. + +--Und was bedeutet das? + +--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen. + +--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich. + +Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem +gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien, +denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört. + +--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar. + +--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von +Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen. + +Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie +abgebrochen waren. + +--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch +nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart! + +--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun +können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist +alles binnen kurzer Zeit geregelt. + +--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte +Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich +dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch +mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak +lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen +Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: +man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, +wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ... + +--Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von +hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur +bist. + +Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser +Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ... + +Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte. + +--Lieber Max ... begann sie freundlich. + +--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst +du leben von Sand? + +--Lieber Max! + +Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging +zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in +einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, +doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde: + +--Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich +nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das +arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, +dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ... + +Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, +einem Brief, der vor mir liegt, Leser! + +--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu +kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von +den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die +Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das +sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere +Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, +um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts +zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand +essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht! + +Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so +sprach mit ihr, die er so lieb hatte. + +--Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur +Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen +Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so +werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, +da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und +wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit +Frau und Kindern!« Ja, ich hör' es wohl, ich hör' es wohl das Rufen +nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her! + +Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte. + +--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, +der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter +gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass +das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, +o Max, zeuge du dann davon, was ich litt! + +Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf +den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie +zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, +die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete +Entscheidung von der Regierung. + +--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen +Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht +empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel +an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel +hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon +als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, +die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn +nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, +wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen +und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei +Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss +also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ... + +--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam +geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen +mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen +möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des +... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen +gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die +Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, +man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben +werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der +Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit +kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man +selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ... + +--Da kommt die Post! rief Verbrugge. + +Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, +einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an den +gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar: + + + »Kabinett. Buitenzorg, den 23. März 1856. + + No. 54. + + + Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung + von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke + gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, + dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine + Unzufriedenheit erregt. + + In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle + Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr + erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den + Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte + Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten. + + Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, + ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das + Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm + beschwerlicher Untersuchungen zu machen. + + In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre + Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger + noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge + einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten + von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, + doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen + Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets + günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig + vernichtenden Behandlung zu unterwerfen. + + Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt + zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, + dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene + Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf + die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war. + + Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr + leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der + Binnenländischen Verwaltung schliessen. + + Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung + des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben. + + Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger + Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden + wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der + Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher + vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten + von Ngawi betraut. + + Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, + ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt + bleiben können.« + + +Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit +und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er +desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien +unterzeichnete. + + + +--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, +und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück +mit Duclari las. + +Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari, +ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus: + +--Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe +gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt +Ihnen solch einen Brief! + +--Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein +ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch +vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er +ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir +kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die +Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt! + +--Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ... + +--Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen +Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den +Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen, +was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen +sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun, +als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein, +dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter +sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel +Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung +zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi +zu gehen. Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her, +er ist für mich freigemacht! + +Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post +angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den +ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident +dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die +vakant war. + +--Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach +dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von +Madiun, wozu Ngawi gehört, ist der Schwager des vorigen Residenten +von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten +Vorbilder gehabt hätte ... + +--Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum +Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen, +ob er sich vielleicht bessern würde! + +--Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte +er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit +abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von +ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme +Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch +vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, +so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal! + +--Lieber Max? + +--Du hast Mut, nicht wahr? + +--Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin! + +--Also! + +Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens +ein Muster von Wohlberedtheit: + + + »Rangkas-Betung, den 29. März 1856. + + An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien. + + + Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive + vom 23. ds., No. 54, zu empfangen. + + Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer + Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des + Landes Diensten zu verleihen. + + + Max Havelaar.« + + +Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds +nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die +Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte +doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen +weniger Tage in Lebak an. + +--Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine. + +Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung +vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger +abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz +anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen +Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch +noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den +Kontrolleur Verbrugge: + + + »No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856. + + An den Kontrolleur von Lebak. + + + Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom + 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten + verabschiedet bin. + + Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang + dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort + niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion + zu erfüllen, ohne Beamter zu sein. + + Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben, + und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten + nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus + Ursachen untergeordneter Bedeutung wartete ich die Ankunft meines + Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald--wenigstens + diesen Monat noch--eintreffen würde. + + Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht + so bald erwartet werden kann--Sie haben, meine ich, hiervon in + Serang Kenntnis erhalten--und zugleich, dass es den Residenten + verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der + ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung + Ihnen übertragen zu dürfen. + + Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich + brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, + nicht anders dienen zu können, als ich es hier that--ich, der ich + für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer + für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem + Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit + vertrauten--mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!--dass + ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an + meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sache mir + schwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen + und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, + solange ich nicht meines Amtes enthoben bin. + + Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich Klägern + Antwort zu geben hatte. + + Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune + seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich--unvorsichtig + genug!--mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des + Gouvernements. + + Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen + und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und + ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und + Menschlichkeit. + + Und man fuhr mit Klagen fort! + + Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive + dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer. + + Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung, + Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und + Kind Hunger und Armut entgegengehe. + + Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte + nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die + Verwaltung will, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine + Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande + und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs. + + Hören Sie, was ich den Leuten antwortete: + + + »Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach + Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über + euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet + vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht + noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, + ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!« + + + So meinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte + gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu + bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung, die mich + noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft + meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer + Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem + doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen. + + Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende + Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet + ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, + ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen--wie man mir + rapportiert--ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu + bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sich wieder zu mir und + erklärt: dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren + wage. + + Was ich nun diesem Mann antworten soll, weiss ich nicht! + + Ich kann ihm keinen Schutz mehr geben ... ich darf ihm meine + Ohnmacht nicht gestehen ... ich will den angeklagten Dorfhäuptling + nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als + wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen + wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ... + + Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten + von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung + der Abteilung Lebak. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar.« + + +Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies +alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim +Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten +Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung +fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen. + +In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit +der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing. + +Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll, +wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrüssen, +und Max empfing manchen beredten Händedruck ... + +Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ... + +Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm +verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte. + +Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein +anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden. + +Seine Excellenz »sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem +Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«, +und könne also auch Havelaar nicht empfangen. + +Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung +hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf +die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn +er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche +'Überhäufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun +natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit: +er wartete! + +Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man +gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne, +weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden +Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«. + +Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe +Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte +zwischen zwei 'Überhäufungen'. + +Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen +werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft +an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann +und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um +die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde +schien man ihm nicht geben zu wollen. + +Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den +er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen +Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht +mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass +einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies, +um nicht aus dem Mangel buchstäblicher Übereinstimmung bei diesem +Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen +offiziellen Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine +fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht +hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen +genauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen +können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich +korrekt war der Inhalt also: + + + + »Batavia, 23. Mai 1856. + + + Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen + gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu + werden, ist ohne Erfolg geblieben. + + Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten + Ersuchen um Audienz Folge zu geben. + + Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig + bei dem Gouvernement aufgenommen sind«--das sind Eurer Excellenz + eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen + Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern + gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und + für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer + Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hört man + zum mindesten. + + Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife + ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen + haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht. + + Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht + verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine + Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht, + mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut. + + Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz + Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind durchweg + erdichtet und lügenhaft. + + Ich kann dieses beweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer + Excellenz mir eine halbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn + Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit hätten finden können, + um recht zu thun! + + Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch + an den Bettelstab gebracht ... + + Gleichwohl, hierüber klage ich nicht. + + Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von + Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane + gebeugt geht ... und darüber klage ich. + + Das schreit zum Himmel! + + Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen + indischen Soldes, Excellenz! + + Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese + Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht + für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache + der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache + wohlerfasster Politik ist. + + So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, + von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird + beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet + zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, + die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, + in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in + der Bevölkerung umgeht. + + Max Havelaar.« + + +Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht. + +Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes +bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen +trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort, +ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz +zur Ruhe begeben ins Mutterland! + + + +Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ... + +Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist +nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich +ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte +dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich +liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist +genug, Stern, du kannst gehen. + + + +Der Shawlmann und seine Frau ... + +Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher +Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum +Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen +Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde! + + + +Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder +auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese +Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles. + +Dieses Ziel ist zweiteilig: + +Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als +heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem +Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein. + +Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand. + +Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden! + +Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern, +die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von +Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen, +von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an +den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich +für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande +... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen +... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich +den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das +Göttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und +Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem +sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am +lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs +... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen, +was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von +Niederland gehört ... + +Ja, ich werde gelesen werden! + +Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir +nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben, +dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt' den +Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das +Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art +und Weise beurteilen wird, wie ich mein »Halt' den Dieb!« hinausschrie. + +»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt +... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein +Talent ... keine Methode ... + +Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt! + +Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich! + +Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird +sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht, dass ich gehört +werde. Und das will ich! + +Doch ihr, die ich euch störe in euren 'Arbeitsüberhäufungen' oder +in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet +nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie +könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer +Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke +geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im +Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die +Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten +vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu +bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ... + +... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten +gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum +Aufstande zwang. + +... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man +durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die öffentliche +Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft. + +Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette, +und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer! + +Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir +fort und fort nicht glaubte ... + +Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich +kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa +zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht. + +Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain: + + + Es liegt ein Raubstaat an der See, + Zwischen Ostfriesland und der Schelde! + + +Und wenn auch das nichts fruchtete? + +Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische, +Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ... + +Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter +der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli! + +Rettung und Hülfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf +dem rechtmässigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss. + +Und das würde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der +Niederländischen Handelsgesellschaft! + +Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer +wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines +Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter. + +Dieses Buch ist eine Einleitung ... + +Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es +nötig sein wird ... + +Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde! + +Nein, es wird nicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch, +Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, +Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE, +das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ... + +Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher +Wille ist: + +Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und +Droogstoppels? + +Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen +misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen? + + + + + + + + + +ERLÄUTERUNGEN ZU INDIISMEN. + + +V. KAPITEL. + + +Seite + +49 Radhen Adhipatti Karta Natta Negara: die drei letzten Worte +bilden den Namen, die beiden ersten drücken den Titel aus. Nach +den vielerlei Titeln von mehr oder minder scheinbar-unabhängigen +Fürsten ist der eines Pangérang der höchste. Er könnte etwa "Prinz" +bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit einem der regierenden +Häuser von Solo (Surakarta) und Djokja (Djokjakarta) entlehnt ist. Der +nächstfolgende Titel ist der eines Adhipatti, oder vollständig: Radhen +Adhipatti. Radhen allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der +jedoch noch ziemlich hoch über dem Gemeinen steht. Etwas niedriger +als die Adhipattis stehen die Tommongongs. Der Adel spielt in dem +Niederländisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle. + +58 sawahs, gagahs, tipars: Reisfelder, unterschieden nach der Lage +und nach der Art der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die +Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit der Bewässerung. + +58 padie: Reis in der Hülse. + +58 dessah: Dorf. Anderswo: negrie. Auch: kampong. Der inländische +Ursprung der beiden letzteren Wörter steht nicht ausser allem Zweifel. + +61 alun-alun: ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebäuden, die +die Wohnung eines Regenten bilden. Gewöhnlich stehen auf solchem +Platz zwei stattliche waringi-Bäume, aus deren Alter sich erweist, +dass nicht sie auf den alun-alun gepflanzt sind, sondern dass die +Regentenwohnung in ihrer Nähe, und wahrscheinlich gerade wegen ihrer +Nähe an dieser Stelle errichtet worden ist. + +62 mantrie: ein inländischer Beamter, dessen Stellung ungefähr als +die eines "Aufsehers" bezeichnet werden kann. + + + + +VI. KAPITEL. + +66 sarong: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres +über die Indische Kleidung unter sarong in den Erläuterungen zu +Kap. XVII. + +66 sirie, pinang, gambier: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und +Kalk den für den Javanen unentbehrlichen Betel-Kautabak bilden. Auch +die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der +braune Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefärbt durch die gambier, +färbt aller Lippen und Zähne. Schön steht dies gerade nicht, doch für +sehr mundsäubernd wird das Betelkauen gehalten. Der Genuss von sirie +mit seinen Zuthaten ist so verbreitet, dass der europäische Begriff +"Trinkgeld" durch das Wort wang sirih, d. h. Siriegeld, ausgedrückt +wird.--Die sirie ist das Blatt eines Rankengewächses, das nicht viel +stärker ist als unsere Erbse und dem Pfefferbaum so ähnlich ist, +dass der Uneingeweihte diese beiden Gewächse schwer unterscheidet. Es +ist verwunderlich, dass man die sirie so wenig in der Zahnheilkunde +anwendet, da sie doch eine säubernde, zusammenziehende Wirkung übt und +der Geschmack nicht unangenehm ist. Die gambier hat, wie es scheint, +eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der pinang +oder areka weiss ich nichts Sicheres hieraufbezüglich anzugeben. Die +pinang oder areka ist eine Nuss, ähnlich einer Muskatnuss. Doch der +Baum, auf dem sie wächst, ist eine Palmenart. + +66 slamat: Gruss, und in diesem Fall das sehr eigenartige +Kompliment--Zusammenfaltung--das in dem Text beschrieben wird. Frage: +besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen slamat, selamat +und dem Wörtchen Sela, das so oft in den Psalmen vorkommt? Man +weiss, dass nach den Riten des Orients gottesdienstliche Übungen +bestehen aus Gebeten und Gesängen, mehrfach unterbrochen durch +vielerlei Geberden und Komplimente im ursprünglichen Sinne des +thatsächlichen Zusammenklappens, des Sich-Zusammenfaltens. So +etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen der Psalmen, und diese +Vermutung wird verstärkt durch die Beachtung der vermutlich näheren +Bedeutung des Wortes slamat oder selamat. In Zusammenhang gebracht +mit Slam oder Islam--durch Buchstabenversetzung verwandt mit mosl, +muzl = Muselmann--würde vielleicht als ursprünglicher Sinn sich +herausstellen: der feierliche, ceremonielle oder rituelle Gruss, und +das würde vollkommen der Bedeutung entsprechen, die das Wort Sela in +den Psalmen füglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen +Belehrung gern zugänglich sein. + +68 kidang: eine Art Hirsch mittlerer Grösse. Viel kleiner, nicht +grösser wie ein mittelmässiger Hund, sind die kandjiels, Hirschchen, +die sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit +auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft +nicht am Leben erhalten werden können. Der kidang jedoch scheint, +ebenso wie die meisten Arten unserer Hirsche, sich leicht anzupassen. + +71 tudung: die in Form einer grossen, runden Schüssel geflochtene +Kopfbedeckung der Javanen; der Tudung schützt sowohl vor Sonne wie +vor Regen, vor dem der Inländer eine lächerliche Furcht hat. Man hat +in Europa schon Gartenhüte gehabt, die den Tudungs ähnlich sind. + +76 Melattiblume: die melatti ist ein kleines weisses Blümchen mit +starkem Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse +Rolle in Balladen, Sagen und Legenden. + +76 kondeh: das auf dem Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das +jedoch niemals durch ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern +stets durch eine Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der +Kondeh ist auch niemals 'chignon', sondern stets echtes Haar. + + + +VII. KAPITEL. + +84 pajong: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des Sonnenschirms +deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell festgelegten +Bestimmungen, den Rang des Häuptlings an, dem ein solcher Pajong +nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den höchsten Rang an. + +85 tandu: Tragstuhl. In anderen Provinzen auch jolek, djuli und +ähnlich. + +90 Patteh, Kliwon, Djaksa: Inländische Häuptlinge. Der Patteh steht +dem Regenten zur Seite als Sekretär, Botschafter, Faktotum. Der Kliwon +ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den Dorfhäuptern; +gewöhnlich hat er die Aufsicht über die Öffentlichen Arbeiten der +Gemeinde, Verteilung der Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes +u. s. w. Der Djaksa ist Polizei- und Justizoffizier. + +90 mantrie: Inländischer Beamter, etwa: Aufseher. + +91 gong und gamlang: Musikinstrumente. Der gong ist ein schweres +metallenes Becken, das an einem Strang hängt. Man spielt den +gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz- +und Stroh-Instrument. Es hätte an dieser Stelle wohl gleichfalls +von anklung gesprochen werden dürfen, einem Gestell nach Art eines +Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es sei darauf +hingewiesen, dass die Benennungen von all diesen Instrumenten +Onomatopöen sind, die den Klang geschickt nachbilden. Der gong +klingt stark, gewaltig und kriegerisch. Anklung und gamlang (gamelan) +dagegen sanft und lieblich, doch sehr melancholisch. + + + +VIII. KAPITEL. + +106 Dhemang: Distriktshäuptling. Im zentralen und östlichen Java +heisst dieser Beamte Wedhono. + +107 padie: Reis. + +108 Bandung: Abteilung (Regentschaft, Assistent-Residentschaft) +in den Preanger-Regentschaften. + +108 patjol: Hacke, Karst, meisselartiger Spaten. + +108 banjir: Sturmflut, Sturzflut. Über diese Naturerscheinung hat +Multatuli ergreifend berichtet in einem Schriftchen: "Zeige mir den +Platz, wo ich gesäet habe!", dessen Titel dieser Stelle des "Havelaar" +entlehnt ist. Näheres über die Schrift in meinem Biographie- und +Auswahlbande, und zwar in der Ersten Auflage auf S. 82 u. 83; bei +der veränderten und in Neudruck befindlichen Zweiten Auflage dürfte +die Stelle sich etwas verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in +einem späteren Bande noch veröffentlicht. + +109 dessah: Dorf. + +109 kris und klewang: Waffen. Über kris siehe unter Kap. XVII. + +112 maniessan: Süssigkeit, Konfituren. Der Genuss desselben beim Thee +ist chinesischen Ursprungs. + +112 Radhen Wiera Kusuma, Distriktshaupt von Parang-Kudjang: der +im "Havelaar" oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des +Regenten. In seinem Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete +Vergiftungsaffaire. + +120 djimats: Briefe oder andere Gegenstände, die aus dem Himmel +fielen und Schwärmern und Bauernfängern zum Kredit verhalfen. Tout +comme chez nous! + +121 garem glap: Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz +ist in Indien Regie. Es wurde in der That an der Südküste von Lebak +viel Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht übel zu nehmen, +wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten, +um einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen +Preis bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung +als unbillig und vor allem grausam gegenüber Strandbewohnern, denen +das Seesalz ins Haus spült. + + + +XI. KAPITEL. + +157 datu: Inländischer Häuptling. + +159 Ophir: Wir finden diesen Namen auf den meisten Landkarten, +und--wahrscheinlich weil der Berg, der so bezeichnet ist, weit von +der See her zu sehen ist--auf allen Seekarten. Doch das Wort Ophir +ist bei den Inländern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefähr +in der Mitte der Breite des Landes, eben nördlich der Linie liegt: +Gunung Passaman. Wie also die Kartographen, die offenbar einander +nachgeschrieben haben, die Benennung Ophir verantworten können, weiss +ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg mit der Gegend +in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische König Hiram für +Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und Edelsteine holen liess (I. Könige, +IX, 28; X, 11). Es ist sehr gewagt, dies auf Grund eines einzigen +Wortes zu thun. Und überdies, woher stammt das Wort Ophir? Wer hat +den Gunung Passaman zuerst so genannt? Der f-Klang lässt an Araber +denken. In den "Arabischen Erzählungen" wird Sumatra von Sindbad dem +Seefahrer besucht. + +165 baleh-baleh: Ruhebank aus Bambus, Pritsche. + +165 klambu: Gardine. + +165 pajong: Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal für den Rang. + +166 banjir: Sturmflut. + + + +XII. KAPITEL. + +169 traussa: ist nicht nötig! + + + +XIII. KAPITEL. + +196 sambal-sambal: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit +sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den sambals, die dort +genossen werden, würde Bände füllen. In wohlhabenden Familien erfordert +diese Unterabteilung des täglichen Menüs die ausschliessliche Hingebung +eines Bedienten, und bei Reichen ist hierfür eine Person nicht einmal +hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so viel als +möglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das Uneingeweihten nicht +essbar vorkommt, z. B. unreife Früchte und verdorbener Fischlaich. Die +Bereitung all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert +ein wahres Studium. Auch ist für baren (Neulinge) bisweilen einige +Übung nötig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte geben der +indischen Küche den Vorzug vor den vielerlei Arten europäischer Küche. + + + +XIV. KAPITEL. + +199 Jang (njang) di Pertuan: "Er, der herrscht". Wenn ich mich +nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur ein Häuptling, der diesen +Titel trägt. Tuankus (myn-heer, mon-seigneur) giebt es viele. Beide +Benennungen sind malayisch--die letzte Silbe des Wortes Tuanku kommt +mir gar javanisch vor--und da der Jang di Pertuan ganz speziell der +vornehmste Häuptling in den Battahlanden ist, so scheint diese Würde +ursprünglich durch malayische Unterjocher eingeführt zu sein. Die +Wurzel der Benennungen von autochthonen Würden und Titeln müssen stets +in der ältesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur von +verhältnismässig jüngerem Ursprung als die unwillkürlichen Laute, die +durch äussere Ursachen Lunge und Kehle entfahren, als die vielerlei +Benennungen für "Wasser", als die Andeutung von Terrainbesonderheiten +oder Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung. + +201 Padries: wir nannten so die Atjinesen, die damals kurz vorher +die Battahlande zum Islam bekehrt hatten. Das Wort muss wohl Pedirees +bedeuten, nach Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das +Wort 'Atjin' ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene +Entartung. Aus 'Atjeh' machten wir 'Atjehnese' oder 'Atjinese', +wodurch das Grundwort selbst in 'Atjin' sich veränderte. Litterarischer +Purismus ist hier nicht angebracht. + +Die Beweise für den im Text berührten Fanatismus laufen übrigens ins +Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die Einführung des +Islam--der zugleich Vermehrung des Salzgebrauchs zur Folge hatte--dem +Menschenfressen grossen Abbruch gethan hat. Dass diese Gewohnheit +in der Gegend von Penjabungan--dem Zentrum unserer Herrschaft in den +Battahlanden--noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer diese +Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich für eine Lüge. Sie knüpft +an das Erlebnis, das sie in dieser Sache gehabt zu haben behauptet, +eine Anekdote, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn trägt. Man +habe sie geschont, erzählt sie, wegen der Spasshaftigkeit ihrer +Bemerkung: sie sei "eine bejahrte Frau und deshalb zu zäh". Als sie, +einige Jahre nach mir, mit Battahleuten in Berührung kam, war die +Anthropophagie in diesen Gegenden ausgerottet, und zwar durch den +Einfluss derselben Völker, die wir jetzt im Namen der Civilisation +bekriegen. Wann und wo hat Niederland je mit seiner Religion und mit +seinen Waffen wie in diesem Fall sozusagen im Umsehen einen ganzen +Volksstamm von Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht? + +204 sewah: die Waffe der Bewohner Sumatras, wie auf Java der kris. Der +sewah ist ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an +der Binnenseite der Krümmung. Die ursprüngliche Absicht bei dieser +Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in der +Hand verborgen werden kann, während der sehr stumpfe Rücken gegen +den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm verdeckt wird. Der +Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner bewaffnet ist, +als bis dieser--nach einer eigenartigen, behenden Bewegung von Puls und +Arm in drei Tempis--ihn trifft. Ganz abgesehen von dieser Geeignetheit +als Mordwerkzeug ist der sewah das symbolische Merkmal der Freiheit +und Männlichkeit. Wer ein malayisches Haupt gefangen nimmt--wie es +unter den auf S. 205 beschriebenen Umständen meine verdriessliche +Aufgabe war--fordert ihm seinen sewah ab. + +Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist, +heisst krambièh und dient ausschliesslich als Mordwaffe. Sie ist +kleiner und noch viel krummer als der sewah. Der Griff besteht aus +nicht viel mehr als einer ringförmigen Öffnung, in die der Mörder +seinen Daumen steckt, während die Klinge ganz in oder hinter der Hand +verborgen bleibt. + +226 tikar: kleine Matte. Die Benutzung von fein geflochtenen Matten +auf den Bettmatratzen ist in Indien ziemlich allgemein, und wird, +weil sie kühl bleiben, für gesund gehalten. Die Herstellung dieser +Matten und anderen Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie, +in der sich vor allem die Makassaren auszeichnen. + +227 klapper: Kokosnuss. Auch klappa, kelappa. + +227 pukul ampat: "vier Uhr". Dies ist der Name eines Blümchens, das +des Nachmittags um diese Stunde sich öffnet und gegen die Morgenstunde +sich wieder schliesst; ampat heisst: vier, pukul: schlagen, Schlag, +Glockenschlag. + +227 Saudien oder Sudien für Si-Udien: ein sehr häufig vorkommender +malayischer Name. Udien, Udin (das arabische Eddin) ist wahrscheinlich +verwandt mit gleichartigen nordischen Namen in Europa. Über das sehr +gebräuchliche Praefix si wäre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der +Raum zulässt. + + + +XV. KAPITEL. + +233 Patteh: Häuptlingstitel, des Regenten Sekretär, Botschafter, +Faktotum. + + + +XVI. KAPITEL. + +250 dessah: Dorf. + +250 Saïdjah: dieser Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung +der "Liste von gestohlenen Büffeln" in den "Liebesbriefen" entlehnt +(deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch die +Namen der Dörfer Badur und Tjipurut. + +252 Orang Gunung: Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der +Bewohner der Berge in der Westecke. + +253 Alfur: das Wort aliforu, alifuru, hari furu hat in der Nordecke +von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch +eine Bedeutung wie Orang Gunung: Bergbewohner, oder mindestens die +von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks- +oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird--ebenso wie das Wort: +Niederländer--häufig als solcher gebraucht. + +258 kendang: Umfriedigung von rohem Pfahlwerk. + + + +XVII. KAPITEL. + +268 sawah: durch künstliche Bewässerung unterhaltenes Reisfeld, +in Gegensatz zu gagahs und tipars, die, was die Befeuchtung angeht, +ganz vom Regen abhängen. + +268 lombong: Bergeraum für Reis, enthülsten wie unenthülsten. Meistens +ist der lombong ausserhalb des Hauses gegen eine der Wände angebaut. + +268 kris: die volkstümliche Waffe des Javanen, die als solche zu +seiner vollständigen Kleidung gehört, wie bei uns in früherer Zeit +der Degen. Der kris ist ein schlangenförmiger, platter Dolch mit +sehr kleinem Heft. Gewöhnlich sind die Krisse aus Streifen weichen +Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hülfe von Büffelhufen +gestählt. Sie werden vor Rost bewahrt durch Einreibung mit djerook +(einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt ist, welches dem Eisen einen +eigentümlichen matten Schein verleiht. Der Aberglaube behauptet, +dass man, wenn man einen Kris besehen will, diesen vollständig aus +der Scheide ziehen müsse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei +macht, stellt sich grossem Unglück bloss. Über bezauberte Krisse sind +zahllose Erzählungen in Umlauf. + +268 pusaka: Erbstück, hier--wie öfter--im pietätvollen Sinne: +heiliges Erbstück. + +269 Klambu-Haken: klambu ist: Gardine. In den platten, sehr breiten +Haken, womit die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus +entwickelt. Auch bei den ungünstigst Gestellten sind sie doch +gewöhnlich von Messing. + +270 patjol: die Hacke, das Werkzeug, das der Javane für den Spaten +gebraucht. Das Blatt sitzt lotrecht auf dem hölzernen Stiel. Es +wird also damit gehauen, nicht gegraben, was vielleicht dem Umstande +zuzuschreiben ist, dass der Inländer barfuss geht. + +270 user-useran: das Wort wird in dem Text erklärt. Vermeintliche +Besonderheiten in der Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie +sich auf dem Scheitel eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei +Weissagungen (siehe z. B. S. 113, 117, 118.). + +270 penghulu: Priester. + +270 ontong: Glück, Vorteil. + +271 galangans: kleine, schmale Deiche, die das Wasser auf den sawahs +halten. + +271 Alanggras (allang-allang): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es +ist oft so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen +kann. Auf Sumatra nennt man es auch riembu, was dort auch Wildnis im +allgemeinen bedeutet. + +272 sarong; batik; kapala: Der sarong ist das eigenartige +Kleidungsstück der Javanen, der Männer wie der Frauen. Es ist ein aus +kapok gewobenes Stück Zeug, dessen Enden aneinandergenäht werden. Die +Anwendung von Seide ist Ausnahme. Eines dieser Enden heisst kapala, +d. h. Kopf, und ist mit einem breiten Rand bemalt, gewöhnlich bestehend +aus ineinander verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst batik +und geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in +einen Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen +Werkzeuge von Blech, das--sehr verkleinert--die Form eines Theetopfes +hat oder eines antiken Lämpchens. Sarongs ohne kapala, und deren +Enden nicht aneinander genäht sind, heissen slendangs. Man trägt diese +Kleidungsstücke um die Hüften, und die Männer schürzen sie mehr oder +weniger auf, bisweilen auch vollständig. Auch wird der slendang häufig +ganz zum Gürtel zusammengerollt, in welchem Fall die Männer eine Hose +tragen, sehr gegen die eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr +und mehr die Oberhand gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europäern +in Berührung kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass +die Anwendung von Hosen unter den sarongs bei Frauen allein in dem +Nordwinkel von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur +dort angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese +Kleidungsstücke serawak atjeh heissen: atjinesische Hose. + +Was übrigens die sarongs und slendangs angeht, seit etwa dreissig +Jahren (1881 von M. geschrieben. D. Übers.) haben sich europäische +Fabrikanten darauf gelegt, das javanische batik nachzumachen, und es +wurden denn auch jährlich in diesem Artikel Fabrikate im Werte von +Millionen umgesetzt. Doch wird das Tragen eines gedruckten Kain (kahin: +Kleid, der generelle Name für all solche Kleidungsstücke) stets für +ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes gehalten. + +273 matah-glap, amokh. Das Wort (matah-glap = verdunkelten Auges) +deutet den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet, +niederschlägt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es irgendwo +"Selbstmord in Gesellschaft" und weiss auch jetzt noch keinen besseren +Namen dafür. Der Unglückliche, der von dieser Wut gepackt wird, kennt +weder Freund noch Feind. Ursache ist gewöhnlich Eifersucht oder zu +lang verhaltener Groll über Misshandlung. Der Javane ist, wie die +meisten anderen Inländer, sanftmütig und nachgiebig von Art. Doch +allzu tief verwundet oder zu andauernd gekränkt, bricht seine Wut in +amokh aus. Dass gleichwohl auch der amfiun (Opium) hierbei eine Rolle +spielt--sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein Mittel, +das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben veranlasst--versteht sich +von selbst. + +273 atap: eine Art Wasserpalme, deren Blätter zum Decken geringer +Häuser verwandt werden. + +273 bendie: Chaise, Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett. + +274 djati, ketapan: zwei Arten von grossen Bäumen. Der erstere Baum +liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen +Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise +mit unserer Eiche übereinkommt. + +274 melatti: unter Kap. VI erklärt. + +274 Reisblock: schwerer, hölzerner Trog, worin der padie durch Stampfen +von der Hülse befreit wird. Dieses Stampfen heisst--Klangnachbildung +wieder!--tumbokh. + +275 tudung: siehe unter Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit +nach dem Schatten, den sein tudung auf seinem Antlitz zeichnete, +folgte Saïdjah einem allgemeinen indischen Brauch. + +276 lalayang: ein Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergötzen +sich nicht ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und +beschreibt allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen +und Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der +Hand hält, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem +Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft +zu begegnen und sie zu durchschneiden. Aus den vielerlei lebhaften +Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr ergötzlich +anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme zwingt. Die von +Saïdjah hingestellte Möglichkeit, demgemäss "der kleine Djamien" die +Niederlage durch geschilderten betrügerischen Eingriff herbeigeführt +haben sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im +Werfen angeht, ein Indiismus. + +277 "er hat einen grossen Mund gehabt": spezifischer Malayismus. + +277 "Salzmachen an der Südküste": siehe unter Kap. VIII: garem glap: +Schmuggelsalz. + +277 matah-glap: rasend. Näheres weiter oben erklärt. + +277 "den Brand, das Feuer töten": spezifischer Malayismus. + +278 klappa: Kokosnuss. Klappabaum also: Kokospalme. + +278 Klagefrauen: beim Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul +gemacht, nicht--wie früher bei uns--durch bezahlte "huilebalgen", +sondern von Verwandten, Bekannten und Nachbarn. + +279 kamuning: feines, gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel +des so benannten kleinen Bäumchens gewonnen wird, und das also nie +gross im Stück sein kann. Es ist sehr teuer. + +279 kahin: der zum Gürtel gerollte slendang. + +280 'Grossvater' des Susukunan von Solo: der Sus. v. Solo ist der +Kaiser von Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen +dem Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines 'Grossvaters'. + +280 kondeh ... im eigenen Strick gefangen: siehe unter Kap. VI. + +281 kabaai: ein leichtes, nachlässiges Gewand, das indische Hauskleid, +auch Schlafgewand; ein Négligé. + +281 pontianak: Spuk, der sich in Bäumen aufhält und auf Frauen sehr +ergrimmt ist, besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein +Zusammenhang zu suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und +dem Namen der Niederländischen Befestigung an der Westküste von Borneo. + +283 pelitah: Lämpchen. + +284 rottan oder rotan: spanisch Rohr. + +285 badjing: javanisches Eichhörnchen. Dies Tierchen kam mir immer +kleiner vor als sein europäischer Artgenosse. Es lässt sich leicht +zähmen. + +285 Bauch für 'Magen': Malayismus. + +289 boaja: Kaiman, eine Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man +abends Bambuskörbchen oder Näpfchen voll Reis und anderer Speise, mit +einem kleinen Licht versehen, stromabwärts treiben lässt. Wenn gerade +viel auf den Flüssen geopfert wird, bieten die ruhig dahintreibenden +Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick. + +290 baleh-baleh: Pritsche, Ruhebank aus Bambus. + +291 "... und also in Flammen stand": dieses blutige "also" +(im Holländ.: "dus") hat nach Erscheinen des "Havelaar" erregte +Kontroversen zum Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt. + + + +XVIII. KAPITEL. + +301 pundutan: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung +erhoben werden. + +301 pantjens und kemits: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk. + + + +XIX. KAPITEL. + +313 Patteh: der Inländische Häuptling, der die Vertrauensstellung +eines Sekretärs, Botschafters beim Regenten einnimmt. + + + +XX. KAPITEL. + +325 tongtong (tomtom, tamtam): ein grosser, hängender, ausgehöhlter +Block von Holz, auf dem man die Stunden anschlägt. Der Name ist wieder +eine Onomatopöe. + +335 kampong: Dorf. + + + + + + + +ANMERKUNGEN + + +[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem +Holländischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, +seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit +Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns' +Verlag. + +[2] Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres +Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch +holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, +Eingebildetheit, Anmassung. + +[3] Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: +Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen. + +[4] Note des Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen. + +[5] Badjing = das javanische Eichhörnchen. + +[6] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine +Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des +"Havelaar" entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes +Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines +Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes +enthält. W. Sp. + + + + + + + +In gleicher Ausstattung erschienen in unserem Verlage: + +MULTATULI. + +Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem Holländischen, +eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner +Persönlichkeit und seines Schaffens. Von WILHELM SPOHR. Mit Bildnissen +und handschriftlicher Beilage. Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark +5,50. + +MULTATULI. + +LIEBESBRIEFE. + +Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark +3,--, geb. Mark 3,75. + +MULTATULI. + +MILLIONEN-STUDIEN. + +Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark +4,50, geb. Mark 5,50. + +MULTATULI. + +FÜRSTENSCHULE. + +Schauspiel in 5 Aufzügen. Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM +SPOHR. Preis: brosch. Mark 2,25, geb. Mark 3,--. + +MULTATULI. + +DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER. + +Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Zwei starke +Bände. Preis: brosch. Mark 10,--, geb. Mark 12,--. + + + +Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bände + +IDEEN. + +BRIEFE UND DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI. + +J. C. C. Bruns' Verlag, + +Minden i. Westf. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR *** + +***** This file should be named 31527-0.txt or 31527-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/5/2/31527/ + +Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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\ No newline at end of file diff --git a/31527-0.zip b/31527-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3216647 --- /dev/null +++ b/31527-0.zip diff --git a/31527-h.zip b/31527-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d7c6b5e --- /dev/null +++ b/31527-h.zip diff --git a/31527-h/31527-h.htm b/31527-h/31527-h.htm new file mode 100644 index 0000000..06a6eca --- /dev/null +++ b/31527-h/31527-h.htm @@ -0,0 +1,13606 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN" +"http://www.w3.org/TR/html4/loose.dtd"> +<html lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=utf-8"> +<title>Max Havelaar</title> + +<style type="text/css"> + +body +{ +font: 100%/1.2em "Times New Roman", Times, serif; +margin: 1.58em 16%; +text-align: left; +} +/***** Titlepage *****************************************************/ +.titlePage +{ +border: #DDDDDD 2px solid; +margin: 3em 0% 7em 0%; +padding: 5em 10% 6em 10%; +text-align: center; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Max Havelaar + +Author: Multatuli + +Translator: Wilhelm Spohr + +Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR *** + + + + +Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + +</pre> + +<div class="front"> +<div class="div1"> +<p class="firstpar xd20e91">Max Havelaar.</p> +</div> +<div class="titlePage"> +<div class="byline"><span class="docAuthor">Multatuli</span></div> +<div class="docTitle"> +<div class="mainTitle">Max Havelaar</div> +</div> +<div class="byline">Übertragen aus dem Holländischen<br> +Von<br> +<span class="docAuthor">Wilhelm Spohr</span><br> +Titelzeichnung von Fidus.</div> +<div class="docImprint">Zweite Auflage.<br> +Minden in Westf.<br> +J. C. C. Bruns’ Verlag.<br> +<span class="docDate">1901.</span></div> +</div> +<div class="div1"> +<p class="firstpar xd20e91">Alle Rechte, auch das der Übersetzung +in fremde Sprachen, vorbehalten. <span class="pagenum">[<a id="xd20e126" href="#xd20e126" name="xd20e126">V</a>]</span></p> +</div> +<div id="pre" class="div1"> +<h2>Vorwort des Herausgebers.</h2> +<p class="firstpar">Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner +Multatuli-Bücher abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten +Bände des Unternehmens vornehmen kann. Meine Übersetzung des +holländischen »Max Havelaar« liegt hier in zweiter +Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige <span class="corr" +id="xd20e132" title="Quelle: Anderungen">Änderungen</span>, wie +sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung zu ergeben +pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen +erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:</p> +<p>Ich nenne das Buch schlichtweg »<span class="letterspaced">Max +Havelaar</span>«, da mir, dem deutschen Interpreten, der +eigentliche von Multatuli ihm gegebene Titel »Max Havelaar oder +die Kaffeeauktionen der Niederländischen +Handelsgesellschaft« (»<span lang="nl-1900">Max Havelaar of +de koffiveilingen der Nederlandsche Handelmaatschappy</span>«, +geschrieben 1859, erschienen zu Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit +und Umständen weniger passend erscheint. Der Leser möge sich +bei einigen wenigen Anspielungen im Text des ursprünglichen Titels +erinnern.</p> +<p>Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in +so eminentem Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt +hätte. »Es ging ein Schaudern durch das Land«, +erklärte nach seinem Erscheinen ein Abgeordneter von der +Tribüne des Parlaments. Sogar <span class="letterspaced">Einzelheiten</span> haben ihre eigene Geschichte! Indem +ich darauf hinweise, dass das <span class="pagenum">[<a id="xd20e148" +href="#xd20e148" name="xd20e148">VI</a>]</span>kleine holländische +Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner +Übersetzung das »also« auf <a href="#also">S. 291 +Zeile 7</a>) einen gewaltigen Federkrieg entfachen konnte, mache ich +wohl begreiflich, dass ich davon absehen möchte, in diesem kurz +beabsichtigten Vorwort mich weiter in die Schicksalsgeschichte des +Werkes zu verlieren. Nur will ich noch dem Leser, der sich nicht +über dieses Buch hinaus in den reissenden Strudel der +Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von vornherein verraten, dass +der Held Max Havelaar der Autor selbst ist, bürgerlichen Namens +Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung eines +Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem 1856 +genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen +Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche +»Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein +Roman im gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer +Einkleidung bietet es <span class="letterspaced">aktenmässige +Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten Eduard +Douwes Dekker</span>, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und +als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr +von der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen +Buches, mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, +‚der viel getragen hat‘, dem ist die Möglichkeit +geboten, sich in dem von mir herausgegebenen Multatuli-Biographie- und +Auswahlbande des weiteren zu unterrichten.<a class="noteref" id="xd20e156src" href="#xd20e156" name="xd20e156src">1</a></p> +<p>Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem +ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu +verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige +Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei +denn durch Multatuli selbst in <span class="pagenum">[<a id="xd20e169" +href="#xd20e169" name="xd20e169">VII</a>]</span>seinen späteren +Werken. Voll Verwunderung mag dieser oder jener prüfend an manchen +Stellen verweilen, indem er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein +Erstlingswerk, 1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem +Autor kein Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart +daneben wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe +Fabel zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher +wie die aus dem Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit +der Logik des Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den +Mann so reden, dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein +Gott, wer bist du?« Multatuli verriet die Hauptsache selbst, +indem er einmal in einem Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder +ein Künstchen, er sprudelt allein aus dem Herzen heraus.« +Dass man auch sonst nebenbei kein gewöhnlicher Mensch sein +dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich voraus für +jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er <span class="letterspaced">war</span> ein aussergewöhnlicher Mensch und er +<span class="letterspaced">hatte</span> Herz, und der Quell sprudelte +auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz +gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres +1859, teils in einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und +schmierigen Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich +unästhetischen Biertrinkern«. Was er gerade derzeit +gelitten, löste sich auf in den köstlichen Humor des Buches +und in die Satire auf das Philistertum, das so schweres Geschütz +wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch auch die Tragik seines +Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch einmal mit: »es +fielen Thränen auf die Handschrift«.</p> +<p>Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten +Personen tragen schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des +Milieus, dem sie angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in +der ursprünglichen Form wiedergegeben, vor allem, weil sie auch +für uns genug verräterischen Klang haben. Warum der gute +Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss, d. i. ein Mensch mit +langweiligem, salbungsvollem <span class="pagenum">[<a id="xd20e179" +href="#xd20e179" name="xd20e179">VIII</a>]</span>Gebabbel, und warum +der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit +dem ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren +Stoppelfelde bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum +belasse ich es bei diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus +Multatulis Werken sind in der Sprache und in der Vorstellungswelt der +Holländer zum Range von allgemein geltenden Typen avanciert. +Namentlich ist der vorher erwähnte Droogstoppel Gemeingut des +Volkes geworden, als der Typus einer Rasse, die leider nicht auf das +Gebiet von Holland beschränkt scheint.</p> +<p>Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die +Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe +ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und nach +Gefallen zu benutzende »<a href="#gloss">Erläuterungen zu +Indiismen</a>« angefügt.</p> +<p>Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit +den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit +ihrer sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen +Frieden und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. +Doch vorher eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner +Kunst <span class="letterspaced">mehr</span> als ein Genussmittel zu +sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone, dass der +Empörungsschrei dieser Seele <span class="letterspaced">uns</span>, uns <span class="letterspaced">alle</span> +angeht.</p> +<p class="xd20e197">Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.</p> +<p class="xd20e199"><b>Wilhelm Spohr.</b> <span class="pagenum">[<a id="pb1" href="#pb1" name="pb1">1</a>]</span></p> +<div class="footnotes"> +<hr class="fnsep"> +<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e156" href="#xd20e156src" name="xd20e156">1</a></span> +<span class="letterspaced">Multatuli.</span> Auswahl aus seinen Werken +in Übersetzung aus dem Holländischen, eingeleitet durch eine +Charakteristik seines Lebens, seiner Persönlichkeit und seines +Schaffens. Von <span class="letterspaced">Wilhelm Spohr</span>. Mit +Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. +<span class="letterspaced">Bruns’</span> Verlag.</p> +</div> +</div> +</div> +<div class="body"> +<div id="ch1" class="div1"> +<h2>Erstes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht +37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen +Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar +Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber +Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du +nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich +niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich +halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein +rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die +Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die +Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch +etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar +nicht geschehen kann. Wenn ich in <span class="letterspaced">meinem</span> Fach—ich bin Makler in Kaffee und +wohne Lauriergracht 37—einem Prinzipal—ein Prinzipal ist +jemand, der Kaffee verkauft—eine Angabe machte, worin nur ein +kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten +und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle +zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, +doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf +der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben +mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die +sich auf so <span class="pagenum">[<a id="pb2" href="#pb2" name="pb2">2</a>]</span>was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. +Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die +Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem +verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! +Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, +dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten +schon in ihrer Jugend gegeben war.</p> +<p>Ich sage: <span class="letterspaced">Wahrheit und gesunder +Menschenverstand</span>, und dabei bleibe ich. Für die SCHRIFT +mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler fängt schon bei +unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten Zeile über +die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn +bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, +die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, der +immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch +<span class="letterspaced">Lieb’</span> bewogen die +Vers’chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: +»Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir +nicht die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder +meinen vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln—ich heisse +<span class="letterspaced">Batavus</span>—dann bist du ein +Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. +Er war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater +mein bester Freund wäre—mir lag mehr an Paulchen Winser, der +neben uns in der Batavierstrasse wohnte—und dass mein kleiner +Hund so dankbar wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so +unreinlich sind.</p> +<p>Alles Lügen! So geht’s dann weiter mit der Erziehung. Das +neue Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen +Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die +Römer waren froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von +Tunis kriegte eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen +Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war +1672, glaube ich, dauerte etwas länger wie gewöhnlich, +express, <span class="pagenum">[<a id="pb3" href="#pb3" name="pb3">3</a>]</span>um Niederland Schutz zu gewähren. Lügen. +Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Altvordern auf ihre +Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben hatten. +<span class="letterspaced">Das</span> ist die Sache.</p> +<p>Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein +Mädchen ist ein Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals +Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen +oder andern Gegenstand ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und +solche Liebe ist auch eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich +nicht gut lebe mit meiner Frau—sie ist eine Tochter von Last +& Co., Maklern in Kaffee—niemand kann an unserer Ehe was +aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, unserm +Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch von zwei und +neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten Liebe, die +durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen uns niemals +die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine kleine Tour +nach dem Haag gemacht—sie hat da Flanell gekauft, wovon ich noch +Unterjacken trage—und weiter hat uns nie die Liebe in die Welt +gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!</p> +<p>Und sollte <span class="letterspaced">meine</span> Ehe nun weniger +glücklich sein als die Ehe der Leute, die sich rein aus Liebe die +Schwindsucht an den Hals holten oder ihre Haare dabei loswurden? Oder +denkt ihr, dass es weniger geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als +wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen in <span class="letterspaced">Versen</span> gesagt hätte, dass ich sie heiraten +wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie +jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder +schwer ist als Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen +Aufbackbilder mit Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach +dem Preis von einem Satz Billardbällen!</p> +<p>Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins +Glied rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! +»<span class="letterspaced">Der Regen ist vorbei, und die Uhr ist +<span class="pagenum">[<a id="pb4" href="#pb4" name="pb4">4</a>]</span>drei.</span>« Das lasse ich gelten, wenn +wirklich <span class="letterspaced">der Regen vorbei</span> und die Uhr +<span class="letterspaced">drei</span> ist. Doch wenn es viertel auf +vier ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: +»<span class="letterspaced">der Regen ist vorbei, und die Uhr ist +viertel auf vier</span>«. Der Versemacher ist durch das +Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es muss genau +<span class="letterspaced">drei</span> Uhr, in diesem günstigen +Falle meinetwegen auch genau <span class="letterspaced">zwei</span> Uhr +sein, oder der Regen darf nicht <span class="letterspaced">vorbei</span> sein. <span class="letterspaced">Sieben</span> und <span class="letterspaced">neun</span> +ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder das +Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. <span class="letterspaced">Eins</span> von beiden ist dann gelogen.</p> +<p>Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh +mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den +Mann gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser +geholt von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann +giebt er ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als +kürzlich auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich +dem Mann einen Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, +dass ich etwas mehr hätte geben müssen, wenn er <span class="letterspaced">mich selbst</span> herausgeholt hätte, aber gewiss +nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, dass man +auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, um völlig +arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen auf +der Bühne: das Publikum gewöhnt sich <span class="letterspaced">so</span> an all die Unwahrheiten, dass es sie +schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, +so’n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem +es mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, +mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person +keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden ist, +mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, +weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.</p> +<p>Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. +<span class="pagenum">[<a id="pb5" href="#pb5" name="pb5">5</a>]</span>Es ist so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold +und einer Borde von ausgeschlagenem Papier sieht das alles so +verlockend aus. Für Kinder, meine ich, und für Leute, die +keine Ahnung von Geschäftssachen haben. Selbst wenn die +Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist ihre Darstellung immer +lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott macht, +arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt sie denn zu +nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal die +Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie +seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. +Die Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So +ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige +Verführer die Treppe hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: +»o meine Mutter, o meine Mutter!« und stellt also die +Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die ein volles Jahr +nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt dies alles +nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten für +den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!</p> +<p>Dann kommt ihr erster Liebhaber—der früher am Kopierbuch +sass, nun aber steinreich—auf einmal zurück und heiratet +sie. Auch wieder Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen +aus einem falliten Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der +Bühne so durchgeht als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf +bestehen, dass man den Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das +die Ausnahme als Regel hinnimmt, und dass man die öffentliche +Sittlichkeit untergräbt, indem man es daran gewöhnt, etwas +zuzujauchzen auf der <span class="letterspaced">Bühne</span>, was +in der <span class="letterspaced">Welt</span> von jedem achtbaren +Makler oder Kaufmann für eine lächerliche +Übergeschnapptheit angesehen wird. Als <span class="letterspaced">ich</span> heiratete, waren wir auf dem Kontor meines +Schwiegervaters—Last & Co.—unserer dreizehn, und es +wurde was umgesetzt!</p> +<p>Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit +seinem steifen Komödienschritt abtritt, um das bedrängte +Vaterland zu retten, warum geht dann die Doppelthür im +<span class="pagenum">[<a id="pb6" href="#pb6" name="pb6">6</a>]</span>Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und weiter, wie +kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was der andere zu +antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn der Feldherr zu +der Fürstin sagt: »<span class="letterspaced">Mevrouw, es +ist zu spät, man schloss die Thore beide</span>«, wie kann +er nur im voraus wissen, dass sie sagen will: »<span class="letterspaced">Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert der +Scheide!</span>«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die +Thore geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten +wolle, bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen +werde, wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure +Lüge, wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu +erfahren, was sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch +eins: wenn das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, +anstatt etwas zu entblössen? Alles Lügen!</p> +<p>Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn +Jahren Makler in Kaffee—Lauriergracht 37—und habe also +schon allerlei mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal +furchtbar vor den Kopf, wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. +Belohnte Tugend? Ist es nicht, als wenn man aus der Tugend einen +Handelsartikel machen wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist +gut, dass es nicht so ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die +Tugend belohnt würde? Wozu also diese infamen Lügen jedesmal +aufgetischt?</p> +<p>Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem +Vater von Last & Co. gearbeitet hat—die Firma war damals Last +& Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus—das wäre +dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er +ging regelmässig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als +mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus +und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank +siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt +und gichtig und kann keine Arbeit <span class="pagenum">[<a id="pb7" +href="#pb7" name="pb7">7</a>]</span>mehr verrichten. Nun hat er nichts, +denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute +nötig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft; +aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt, +oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist +arm und bleibt arm, und so muss es auch sein. <span class="letterspaced">Ich</span> kann ihm nicht helfen—denn wir haben +junges Volk nötig, weil es bei uns sehr flott geht—aber +<span class="letterspaced">könnte</span> ich auch, wo bliebe sein +Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben +führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl +tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, +weil dann keine besondere Belohnung für die Braven im Jenseits +übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das ... alles +Lügen!</p> +<p><span class="letterspaced">Ich</span> habe auch Tugend, doch fordere +ich hierfür Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut +gehen—und das thun sie—wenn meine Frau und meine Kinder +gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe +... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite legen kann +für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er +später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen +zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles +eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs +Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.</p> +<p>Und dass ich doch tugendhaft <span class="letterspaced">bin</span>, +das zeigt sich an meiner Liebe für die Wahrheit. Diese ist, nach +meiner Anhänglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich +wünschte, dass ihr hiervon überzeugt wäret, Leser, weil +darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich dieses Buch +schreibe.</p> +<p>Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe +beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin +nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: +meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs +Geschäft habt ihr zu danken, dass <span class="pagenum">[<a id="pb8" href="#pb8" name="pb8">8</a>]</span>diese Blätter +geschrieben wurden. Ich werde euch erzählen, wie dies zugegangen +ist. Da ich nun für einen Augenblick Abschied von euch +nehme—ich muss auf die Börse—lade ich euch gleich auf +ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!</p> +<p>Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist +nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da +hab ich’s ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers +raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.</p> +<div class="q xd20e341"> +<p class="firstpar xd20e91">LAST & Co.</p> +<p class="xd20e91">MAKLER IN KAFFEE.</p> +<p class="xd20e91">Lauriergracht No. 37.</p> +</div> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb9" href="#pb9" name="pb9">9</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch2" class="div1"> +<h2>Zweites Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Es war schlapp auf der Börse, doch die +Frühjahrsauktion wird’s wohl wieder einholen. Denkt nicht, +dass bei uns kein Umsatz ist. Bei Busselinck & Waterman ist es noch +stiller. Eine sonderbare Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine +Jahre zwanzig die Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie +versucht haben—Busselinck & Waterman, meine ich—mir +Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht weiss, ob ihr mit der +Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben sagen, dass Ludwig +Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, das dauernd durch Last +& Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich +dahinter—hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine +ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr +nachlassen—hinterlistige Schleicher sind sie, was anderes +nicht!—und nun lass dir doch sagen, was ich that, um diesen +Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht +Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung der +langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe +ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen +an Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der +Kontinentalsperre, als wir die Kolonialwaren von Helgoland +einschmuggelten. Ja, wer weiss, was ein anderer alles geschrieben haben +würde. Doch nein, Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach +»Café Polen« gegangen, liess mir Feder und Papier +geben und schrieb: <span class="pagenum">[<a id="pb10" href="#pb10" +name="pb10">10</a>]</span></p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Dass die grosse Ausbreitung, die unser +Geschäft in der letzten Zeit angenommen hätte, namentlich +durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...</p> +</div> +<p>Es ist die reine Wahrheit!</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung +unseres Personals notwendig mache.</p> +</div> +<p>Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem +Kontor, um seine Brille zu suchen.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Dass vor allem sich das Bedürfnis nach +anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und +zwar für die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge +Deutsche in Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten +besässen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...</p> +</div> +<p>Es ist die blanke Wahrheit!</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und +Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der +Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die +Notwendigkeit, Solidität des Betragens in gewisser Verbindung sich +zu denken mit der Solidität in der Ausführung der gegebenen +Ordres ...</p> +</div> +<p>Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... dass solch ein Haus—<span class="xd20e383">ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht +37</span>—nicht vorsichtig genug sein könne bei dem +Engagement von Leuten.</p> +</div> +<p>Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der +junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, +durchgebrannt ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere +Marie wird auch schon dreizehn im September.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem +Herrn Saffeler zu vernehmen—<span class="xd20e383">Saffeler reist +für Stern—dass</span> der geehrte Chef der Firma, der Herr +Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst Stern, der zur +Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige +Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass +ich mit Rücksicht darauf ...</p> +</div> +<p>Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte +die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um +jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt +nun ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts +schaden, dass sie’s wissen, dünkt mich. <span class="pagenum">[<a id="pb11" href="#pb11" name="pb11">11</a>]</span></p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... dass ich mit Rücksicht darauf nichts +lieber wünschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen +Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...</p> +</div> +<p>Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder +Salair. Aber ich fügte noch hinzu:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb +nehmen wolle, in unserm Hause—<span class="xd20e383">Lauriergracht No. 37</span>—zu wohnen, meine Frau sich +bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass +seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.</p> +</div> +<p>Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. +Und zum Schluss:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Dass bei uns dem <span class="letterspaced">Herrn</span> gedient werde.</p> +</div> +<p>Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und +ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte Stern +nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der +junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die +Antwort.</p> +<p>Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends +durch die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers +stehen, der beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie +»Java«, »ordinair«, +»schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas +Bruch mit Kehrichtabfall, was mich sehr interessierte, denn ich achte +stets auf alles. Da kam mir auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht +dabei vor einer Buchhandlung stand und mir bekannt vorkam. Er schien +auch mich wiederzuerkennen, denn unsere Blicke trafen sich +fortwährend. Ich muss bekennen, dass ich zu sehr in des +Krämers <span class="corr" id="xd20e426" title="Quelle: Kaffekehricht">Kaffeekehricht</span> vertieft war, um sogleich +zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht +dürftig gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden +lassen. Doch auf einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht +Reisender eines Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. +Er schien mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von +einem Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung +und Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines +gehörigen Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über +die Schulter, <span class="pagenum">[<a id="pb12" href="#pb12" name="pb12">12</a>]</span>als wenn er von der Reise käme. Ich meinte +einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., +Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne +und sagte: »Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt. Ich +dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir +zu sehen, aber ... Last? Das ist der Name nicht.«</p> +<p>—Pardon, sagte ich—denn ich bin immer +höflich—ich bin M’nheer Droogstoppel, Batavus +Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, +Lauriergr....</p> +<p>—Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal +ordentlich an.</p> +<p>Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn +öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf +mich, wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht +darüber, Leser, alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir +sicher, dass er keinen Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich +etwas Angenehmes und Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte +ich es!</p> +<p>—Sind <span class="letterspaced">Sie</span> es, der mich von +dem Griechen befreit hat?</p> +<p>—Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es +<span class="letterspaced">Ihnen</span>?</p> +<p>Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und +dass so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es +ihm ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht +in guten Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen +nicht besonders, weil da gewöhnlich eigne Schuld mit +unterläuft, denn der Herr würde nicht jemanden verlassen, der +ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach gesagt: »Wir sind +unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre ich ihn +los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je +länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss +ich auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu +lesen gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. +Ich halte etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die +<span class="pagenum">[<a id="pb13" href="#pb13" name="pb13">13</a>]</span>das nicht thun, das sind unzufriedene Menschen, +die ich nicht leiden kann.</p> +<p>Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit +hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen +genommen bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. +Ich habe euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner +Frau nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen +und Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige +Erholungsreise, die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei +uns so tüchtig zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um +meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er +kümmerte sich stets um Dinge, die ihn nichts angingen.</p> +<p>Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im +September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern +vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. +Später habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen +muss, um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? +Genug, ich war auf der Lateinschule—nun sagen sie +»Gymnasium«—und da war Jahrmarkt ... in Amsterdam, +mein’ ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein +Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, wirst du +dich erinnern, dass darunter <span class="letterspaced">eine</span> +war, die sich durch die schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines +Mädchens auszeichnete, das wie eine Griechin gekleidet war. Auch +ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens: er sah so aus wie ein +Grieche. Sie verkauften allerlei Parfumerien.</p> +<p>Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, +gleichwohl ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir +auch wenig geholfen haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren +betrachten einen Jungen von sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie +sehr recht. Doch kamen wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den +Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.</p> +<p>Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, <span class="pagenum">[<a id="pb14" href="#pb14" name="pb14">14</a>]</span>einmal +dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und +also noch zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der +Primus unserer Klasse—denn tüchtig war er, das muss ich +sagen—und spielen, balgen und raufen, das war sein Fall. Darum +war er bei uns. Derweil wir also—wir waren wohl unser +zehn—in sehr weiter Entfernung von der Bude standen, um nach der +Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es anlegen müssten, um +mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, Geld +zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da war guter +Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das Mädchen +ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es wurde +gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, dass ich +mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und Vater, und +halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, was auch +in der <span class="letterspaced">Schrift</span> steht. Es ist mir +wirklich angenehm, die Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen +Ansichten über Gefahr und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da +ich jetzt diesbezüglich noch just derselben Meinung huldige, wie +an jenem Abend, als ich da bei der Bude des Griechen stand, mit den +zwölf Stübern in der Hand, die wir zusammengelegt hatten. +Doch aus falscher Scham scheute ich mich, zu sagen, dass ich es nicht +wagte, und überdies, ich musste schon dran, denn meine Kameraden +drängten mich, und mit einem Male stand ich vor der Bude.</p> +<p>Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles +grün und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus +von ich weiss nicht welchem Zeitwort ...</p> +<p>—<span class="corr" id="xd20e472" title="Quelle: Plait-il">Plaît-il</span>? sagte sie.</p> +<p>Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:</p> +<p>—»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein +Geschenk des Nil.</p> +<p>Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem +Mädchen vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick +einer meiner Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit +<span class="pagenum">[<a id="pb15" href="#pb15" name="pb15">15</a>]</span>mir einen so harten Stoss in den Rücken +gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den Ausstellkasten +anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des Krams +abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen +zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und +bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude +des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass +ich ein »gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die +Polizei rufen werde. Nun war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, +doch Vergnügen machte es mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, +denn ich war schrecklich in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche +hielt mich am Arm fest und schüttelte und knuffte mich. Ich sah +mich nach meinen Kameraden um—wir hatten gerade den Morgen viel +mit Scaevola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer hielt, und in +ihren lateinischen Aufsätzen hatten sie das so sehr schön +gefunden—jawohl! Niemand war dageblieben, um für +<span class="letterspaced">mich</span> eine Hand ins Feuer zu stecken +...</p> +<p>So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch +die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark und +so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und tapferes +Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen—sonst sahen sie matt +in die Welt—gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war +gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn +tüchtig geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz +habe, mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin +ich sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.</p> +<p>Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum +erinnerten, und weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen +kriegen kann. Wenn auf späteren Jahrmärkten dieser Mann +wieder mit seiner Bude auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein +Vergnügen anderswo.</p> +<p>Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich dir +doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser Welt +miteinander verknüpft sind. Wenn <span class="pagenum">[<a id="pb16" href="#pb16" name="pb16">16</a>]</span>die Augen dieses +Mädchens weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere +Zöpfe gehabt hätte, oder wenn man mich nicht gegen den +Ausstellkasten geschuppst hätte, so würdest du nun dies Buch +nicht lesen. Sei also dankbar, dass es so gekommen ist. Glaube mir, +alles in der Welt ist gut, <span class="letterspaced">so</span> wie es +ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine +Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich +muss fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion +fertig sein.</p> +<p>Geradeaus gesagt—denn ich gebe was auf Wahrheit—mir war +das Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte +sogleich, dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, +und als ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das +sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die +Börse besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab’ +schon manches Haus purzeln sehen.</p> +<p>Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich +links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also +einem Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht +aus dem Sinn, dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein +bemerkte ich, dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft +war—was ein sehr schlechtes Zeichen ist—so dass ich den Ton +unserer Unterhaltung etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, +dass er in Indien gewesen war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder +habe. Ich hatte nichts dagegen, doch fand es auch nicht besonders von +Wichtigkeit. Beim Kapelsteg—ich gehe sonst niemals durch diese +Gasse, weil sich das für einen anständigen Mann nicht passt, +finde ich—doch diesmal wollte ich den Kapelsteg hinein rechts +abschwenken. Ich wartete, bis wir die kleine Strasse beinah vorbei +waren, damit es sich gut herausstellte, dass sein Weg geradeaus +führte, und darauf sagte ich sehr höflich ... denn +höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, wie man später +jemanden nötig hat:</p> +<p>—Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, +<span class="pagenum">[<a id="pb17" href="#pb17" name="pb17">17</a>]</span>M’nheer ... r ... r! Und ... und ... und ... +ich empfehle mich! Ich muss hierher.</p> +<p>Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich +auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...</p> +<p>—Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas +bitten.</p> +<p>Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie +spät es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich +antwortete ich, dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse +müsste, obwohl es Abend war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig +die Börse besucht hat ... und jemand will dich um etwas bitten, +ohne zu wissen, wie spät es ist ...</p> +<p>Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr +höflich—denn höflich bin ich stets—und bog in den +Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig +ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, dass es niemand +gesehen hat. <span class="pagenum">[<a id="pb18" href="#pb18" name="pb18">18</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch3" class="div1"> +<h2>Drittes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte +Fritz, dass jemand da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der +Beschreibung nach war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... +nun ja, die Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine +Kinder von der Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass +einem noch zwanzig, dreissig Jahre später von einem Schulkameraden +nachgesetzt wird, der einen Shawl trägt statt eines +Überziehers, und der nicht weiss, wie spät es ist. Auch habe +ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Buden dort +stehen.</p> +<p>Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. +Ich werde euch den Brief lesen lassen:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar xd20e197">Werter Droogstoppel!</p> +</div> +<p>Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: +»Hochgeehrter Herr Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, +Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten +Verhältnissen verkehren ...</p> +</div> +<p>Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch +nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die für mich von +grosser Bedeutung ist.</p> +</div> +<p>Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die +Frühjahrsversteigerung handelt?</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich +im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.</p> +</div> +<p>Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er +‚einigermassen‘! <span class="pagenum">[<a id="pb19" href="#pb19" name="pb19">19</a>]</span></p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was +nötig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung +meiner Kinder ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es +wohl möchte.</p> +</div> +<p>Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass +er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein +Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, er +wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, +wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und +jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton +in seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er +arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, +und es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und +niemandem lästig fällt, hab’ ich durchaus nichts +dagegen, dass er arm ist, aber diese Ziererei bei der Sache finde ich +nicht angebracht. Hört weiter:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die +Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent +auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter +...</p> +</div> +<p>Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen +darüber denken.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit +drückte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch später +schrieb ich täglich nieder, was umging in meiner Seele. Ich +glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und +ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. +Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten +mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.</p> +</div> +<p>Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na +gewiss! Wie sonst wohl?</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht +ganz ohne Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich +zeigen nach der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die +Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...</p> +</div> +<p>Darin haben sie sehr recht.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen +kommt. Da ich gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die +Kosten decken würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden +dürfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung +...</p> +</div> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb20" href="#pb20" name="pb20">20</a>]</span></p> +<p>Das nennt er <span class="letterspaced">ermutigen</span>!</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob +Sie für mich bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten +wollen für die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines +kleinen Bändchens. Ich überlasse die Auswahl bei diesem +ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie +viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht, +gearbeitet und durchgemacht habe ...</p> +</div> +<p>Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte +machte.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">... und wenn die Gabe, meine Empfindungen +auszudrücken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der +Mangel an Eindrücken schuld, dass ich keinen Erfolg haben +sollte.</p> +<p>In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter +Schulkamerad ...</p> +</div> +<p>Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich +nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.</p> +<p>Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, +als man mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. +Mir ist gewiss, dass dieser Shawlmann—so will ich ihn nur fortan +nennen—wenn der Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht +mit solch einem Ersuchen an mich gewendet haben würde. Denn +Würde und Achtbarkeit lassen sich nicht verbergen. Doch es war +Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.</p> +<p>Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts +wissen wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen +lassen, aber ich wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von +sich hören. Ich dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst +was.</p> +<p>Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in +Zucker machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn +Jahre, und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. +Sonst läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die +Mädchen hatten Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert +neckten sie sich mit etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein +schien, als wir hinten beim Whist sassen, und es schien sich dabei um +Fritz <span class="pagenum">[<a id="pb21" href="#pb21" name="pb21">21</a>]</span>zu handeln. »Ja, ja, Luise«, rief +Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum +Weinen gebracht.«</p> +<p>Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit +sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen +hätte oder sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich +machte mich daran, ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise +rief:</p> +<p>—Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, +dass er es noch einmal thäte!</p> +<p><span class="letterspaced">Was denn?</span>—Er hatte sie nicht +gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr’s.</p> +<p>Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch +eine kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache +voll. Mevrouw Rosemeyer—die Rosemeyers lassen sich Mevrouw +nennen, weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile +haben—Mevrouw Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu +Thränen brachte, auch uns ergötzen müsse, und verlangte +ein Dacapo von Fritz, der errötete wie ein Puter. Ich konnte um +alles in der Welt nicht spitz kriegen, was er wohl vorgebracht haben +mochte, denn ich kannte sein Repertoire auf ein Haar. Dieses war: +»Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten +Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der +»Hochzeit des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, +weil etwas von einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was +unter dem allen sein konnte, das Thränen entlockte, war mir ein +Rätsel. Es ist ja wahr, so’n Mädchen weint ja bald.</p> +<p>»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, +und Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier +raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich +sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, +und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine +Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel +Schwierigkeiten ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, +dass dies Buch <span class="pagenum">[<a id="pb22" href="#pb22" name="pb22">22</a>]</span><span class="letterspaced">auch</span> seinen +Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit gehörig +dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man mich als +jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf seine +Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in +Kaffee, Lauriergracht No. 37.</p> +<p>Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn +zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb +an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein +Mädchen sich mit einem andern verheiratet habe—woran sie +sehr recht that, finde ich—dass er aber, ungeachtet dessen, stets +viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder +nicht? Findet ihr, dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um +das zu sagen? Nun, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, +darauf zwei Birnen geschält, und ich hatte gut halb die dritte +verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung erst zu Rande war. Aber +Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr schön sei. +Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein +grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket +von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und ich setzte +den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber +von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso +nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt +hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz +rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben, +und das ist eine minderwertige Marke. Der <span class="corr" id="xd20e623" title="Quelle: Kaffe">Kaffee</span>, meine ich. Aber gleich +werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider +Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche +vor, da <span class="letterspaced">die Kaffeeauktionen der +Handelsgesellschaft</span> damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe +für mein Fach. <span class="pagenum">[<a id="pb23" href="#pb23" +name="pb23">23</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch4" class="div1"> +<h2>Viertes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass +der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint +gewandt und tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen +<span class="letterspaced">schwärmt</span>. Marie ist dreizehn +Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans +Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben +kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen +werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... +für den jungen Stern, mein’ ich. Busselinck & Waterman +haben hinter den Reusen gefischt. Ein anständiger Makler benutzt +keine Schleichwege, das sage <span class="letterspaced">ich</span>!</p> +<p>Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker +machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu +bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr +ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, +gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem +Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, +das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach +dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und +das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem +zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also +von Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen +und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt +hatte. Es wird da gesprochen <span class="pagenum">[<a id="pb24" href="#pb24" name="pb24">24</a>]</span>von einem Kind, das an der Brust der +Mutter liegt—das geht ja noch—aber: »das kaum dem +mütterlichen Schoss entstiegen ist«, sieh, das fand ich +nicht gut—dass man davon <span class="letterspaced">spricht</span>, mein’ ich—und meine Frau +auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht +gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den Teichen, wo die +Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde +ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf +Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun +einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, +versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen +würde—wenigstens nicht, bevor er Mitglied von +»Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen +Mädchen—und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das +Gedicht, mein’ ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in +dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und +Blättern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen +darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein +dickes Heft: »<span class="letterspaced">Bericht über die +Kaffeekultur in der Residentschaft Menado</span>«.</p> +<p>Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee +bin—Lauriergracht No. 37—und »Menado« ist eine +gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, +hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern +Augen an, und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle +begriff, die aber wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden +sich da Listen, Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen +nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und +Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt—denn ich halte +was von der Wahrheit—auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, +wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre—was +schon kommen kann, da er alt und stümperig wird—ganz gut +dessen Platz würde ausfüllen können. Es versteht sich +von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen würde +über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn <span class="pagenum">[<a id="pb25" href="#pb25" name="pb25">25</a>]</span>ich +nehme niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit +habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem +Brief an Ludwig Stern ersehen.</p> +<hr class="tb"> +<p>Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des +Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es +wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile +einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist +wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und +ich musste staunen über die Verschiedenheit der behandelten +Gegenstände. Ich gebe zu—denn ich gebe was auf +Wahrheit—dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im +stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese +Beurteilung: allein die Liste der Überschriften war schon kurios. +Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wisst +ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden +bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate +enthalte—was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz +ist—so dachte ich doch, als ich dies alles sah: +»<span lang="la">Multa, non multum</span>«. Oder: +»<span lang="la">De omnibus aliquid, de toto +nihil.</span>«</p> +<hr class="tb"> +<p>Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen +und von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor +mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn +wo ich längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, +musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner +Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidität in +seinen Beweisführungen an den Tag legte.</p> +<hr class="tb"> +<p>Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:</p> +<hr class="tb"> +<p>Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.</p> +<p>Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.</p> +<p>Über den Ursprung des Adels. <span class="pagenum">[<a id="pb26" href="#pb26" name="pb26">26</a>]</span></p> +<p>Über den Unterschied in den Begriffen: <span class="letterspaced">Unendliche Zeit</span> und <span class="letterspaced">Ewigkeit</span>.</p> +<p>Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.</p> +<p>Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber +das waren Verse.)</p> +<p>Über Protëine in der atmosphärischen Luft.</p> +<p>Über die Politik Russlands.</p> +<p>Über die Vokale.</p> +<p>Über Zellengefängnisse.</p> +<p>Über die alten Hypothesen vom »<span lang="la">horror +vacui</span>«.</p> +<p>Über das Wünschenswerte der Abschaffung von +Strafbestimmungen, die die Beleidigung betreffen.</p> +<p>Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen +Spanien, <span class="letterspaced">nicht</span> zu suchen in dem +Streben nach Gewissensfreiheit und politischer Freiheit.</p> +<p>Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des +Zirkels und die Wurzel von wurzellosen Zahlen.</p> +<p>Über die Schwere des Lichts.</p> +<p>Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des +Christentums. (Nanu?)</p> +<p>Über die isländische Mythologie.</p> +<p>Über den »Emile« von Rousseau.</p> +<p>Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des +Kaufhandels.</p> +<p>Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.</p> +<p>Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, +rücksichtslos, ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals +etwas gehört.)</p> +<p>Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich +nicht.)</p> +<p>Über weisse Ameisen.</p> +<p>Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.</p> +<p>Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein +schändliches Stück!)</p> +<p>Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der +Reiskultur. <span class="pagenum">[<a id="pb27" href="#pb27" name="pb27">27</a>]</span></p> +<p>Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.</p> +<p>Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.</p> +<p>Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich +mal lesen, weil er auf Wahrheit dringt.)</p> +<p>Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und +gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es +doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, das ich +für mein Buch gebrauchen kann.)</p> +<p>Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.</p> +<p>Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich +nicht.)</p> +<p>Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt +ganz einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich +früher nie gedacht hatte.)</p> +<p>Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den +Franzosen, eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. +Witzigkeit und Armut ... er kann es wissen.)</p> +<p>Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine +und der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine +Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich +erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)</p> +<p>Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.</p> +<p>Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.</p> +<p>Über die Rechenkunst bei den Römern.</p> +<p>Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.</p> +<p>Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.</p> +<p>Über epidemische Krankheiten.</p> +<p>Über den Maurischen Baustil.</p> +<p>Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die +durch Zug verursacht sein sollen. (Hab’ ich nicht gesagt, dass +die Liste kurios ist?)</p> +<p>Über die deutsche Einheit.</p> +<p>Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl +alles ebenso lang sein wird wie an Land.) <span class="pagenum">[<a id="pb28" href="#pb28" name="pb28">28</a>]</span></p> +<p>Über die Pflichten der Regierung bezüglich +öffentlicher Lustbarkeiten.</p> +<p>Über die Übereinstimmung in den schottischen und +friesischen Sprachen.</p> +<p>Über Prosodie.</p> +<p>Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, +mit einer Untersuchung über das Kolonisierungssystem der +Phönicier.</p> +<p>Über Landbauverträge auf Java.</p> +<p>Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.</p> +<p>Über Legitimität von Dynastien.</p> +<p>Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.</p> +<p>Über die neue Art des Segelreffens.</p> +<p>Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses +Stück datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)</p> +<p>Über den Ehrbegriff.</p> +<p>Über die apokryphen Bücher.</p> +<p>Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und +Confucius.</p> +<p>Über die elterliche Gewalt.</p> +<p>Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.</p> +<p>Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, +begreife ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)</p> +<p>Über Schrauben-Wassermühlen.</p> +<p>Über das souveräne Recht der Begnadigung.</p> +<p>Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.</p> +<p>Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.</p> +<p>Über die Opiumpacht auf Java.</p> +<p>Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.</p> +<p>Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen +hiervon.</p> +<p>Über die Entrichtung von Landrenten in natura.</p> +<p>Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon +genannt.)</p> +<p>Über die Auflösung des Römischen Reichs. <span class="pagenum">[<a id="pb29" href="#pb29" name="pb29">29</a>]</span></p> +<p>Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.</p> +<p>Über die skandinavische Edda.</p> +<p>Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein +Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in +Französisch geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)</p> +<p>Über das Essigmachen.</p> +<p>Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen +Mittelstande.</p> +<p>Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.</p> +<p>Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war +in Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)</p> +<p>Über ministerielle Verantwortlichkeit.</p> +<p>Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.</p> +<p>Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte +Steuer zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in +Javanisch.)</p> +<p>Über das doppelte A und das griechische ETA.</p> +<p>Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den +Herzen der Menschen. (Eine infame Lüge!)</p> +<p>Über den Stil.</p> +<p>Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals +von diesem Reich gehört.)</p> +<p>Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen +Regeln.</p> +<p>Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel +Sachkenntnis geschrieben ist.)<a class="noteref" id="xd20e873src" href="#xd20e873" name="xd20e873src">1</a></p> +<p>Über die Verpflichtung Europas gegenüber den +Portugiesen.</p> +<p>Über Stimmen des Waldes.</p> +<p>Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er +»Feuerwasser« und sonstige starke Essenzen im Auge hat.) +<span class="pagenum">[<a id="pb30" href="#pb30" name="pb30">30</a>]</span></p> +<p>Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es +scheint in der Nähe von Banda zu sein.)</p> +<p>Über Seher und Propheten.</p> +<p>Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.</p> +<p>Über Ebbe und Flut der Kultur.</p> +<p>Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.</p> +<p>Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses +und jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)</p> +<p>Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen +Forschungen.</p> +<p>Über die Vogelnestklippen an der javanischen +Südküste.</p> +<p>Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)</p> +<p>Über persönliche Begriffe als Massstab der +Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, +dass jeder sein eigner Richter sein solle. Wo kämen wir da +hin!)</p> +<p>Über Galanterie.</p> +<p>Über den Versbau der Hebräer.</p> +<p>Über das »<span lang="en">Century of +inventions</span>« vom Marquis von Worcester.</p> +<p>Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei +Timor. (Es muss da billig leben sein.)</p> +<p>Über die Menschenfresserei der Battahs und über die +Kopfjägerei der Alfuren.</p> +<p>Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen +Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der +Schlösser) abschaffen. Ich bin dagegen.)</p> +<p>Über »das Recht« und »die Rechte«.</p> +<p>Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh’ ich +wieder nicht.)</p> +<p>Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.</p> +<p>Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten +Hochschulen.</p> +<p>Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren +Begriffen über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!) +<span class="pagenum">[<a id="pb31" href="#pb31" name="pb31">31</a>]</span></p> +<p>Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als +ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)</p> +<p>Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe +ich für mein Buch auf die Seite gelegt.)</p> +<p>Über Gefühl, Mitgefühl, +‚<i>sensiblerie</i>‘, Empfindelei u. s. w.</p> +<p>Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und +Religion.</p> +<p>Über den Palmwein auf den Molukken.</p> +<p>Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist +eigentlich das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu +schreiben. Er sagt, dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden +abgehalten werden, und ich lebe für mein Fach.)</p> +<p>Über Genesis. (Ein infames Stück!)</p> +<p>Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.</p> +<p>Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass +ein neugebornes Kind zeichnen kann!)</p> +<p>Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)</p> +<p>Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf +Java.</p> +<p>Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen +Wissenschaften.</p> +<p>Über die Wajangs der Chinesen.</p> +<p>Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite +gelegt.)</p> +<p>Über ein europäisches Münzsystem.</p> +<p>Über Berieselung von Gemeindefeldern.</p> +<p>Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.</p> +<p>Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von +Wechselagio. Ich habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)</p> +<p>Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er +behauptet, dass Jesus einen Turban trug.)</p> +<p>Über die Ideen von Malthus bezüglich der +Bevölkerungszahl in Verbindung mit den Unterhaltsmitteln.</p> +<p>Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.</p> +<p>Über die »<span lang="nl-1900">havenhoofden</span>« +(Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange eines Hafens) von +Batavia, Samarang und Surabaja. <span class="pagenum">[<a id="pb32" +href="#pb32" name="pb32">32</a>]</span></p> +<p>Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.</p> +<p>Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den +Regenten auf Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein +Buch.)</p> +<p>Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.</p> +<p>Über die Kraft des Irrtums.</p> +<p>Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei +vollkommenen Naturgesetzen.</p> +<p>Über das Salzmonopol auf Java.</p> +<p>Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, +sagt er ... bbä!)</p> +<p>Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über +die Pantūns der Javanen.</p> +<p>Über das ‚<span lang="la">jus primi +occupantis</span>‘.</p> +<p>Über die Armut der Malkunst.</p> +<p>Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals +gehört?)</p> +<p>Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.</p> +<p>Über die Waffen der schwächeren Tierarten.</p> +<p>Über das ‚<span lang="la">jus talionis</span>‘. +(Schon wieder ein infames Stück! Mit einem Gedicht von einem +andern, das ich gewiss für das allerschandbarste erklärt +haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)</p> +<hr class="tb"> +<p>Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu +sprechen—es waren deren in vielerlei Sprachen—eine Anzahl +von Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer +Sprache, Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! +Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. +Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, +doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war +alles von anderen Personen gezeichnet als: »<span class="letterspaced">gleichlautend mit dem Original</span>«. Dann fand +ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen und lose +Gedanken—einzelne wirklich sehr lose. <span class="pagenum">[<a id="pb33" href="#pb33" name="pb33">33</a>]</span></p> +<p>Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite +gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für +mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des +übrigen in Verlegenheit war. Zurücksenden konnte ich das +Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal +offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und +das würde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die +Wahrheit zu thun ist. Auch glückte es mir nicht, es wieder so zu +schliessen, dass von dem Öffnen nichts zu sehen war. Überdies +kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, die über Kaffee +nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern davon +Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige +Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, +dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in +der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in +Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.</p> +<p>Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder +vor mir stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben +möchte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem +Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man +niemals den anständigen Weg verlassen muss. Natürlich +hätte er mich um Geld gefragt und hätte von seinem Paket +gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er +mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt hätte, +so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann +den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die +Nummern zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig +hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich +nun nicht thun kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich +es abliefern, und wenn er sähe, dass ich an ein paar Stücken +von seiner Hand Interesse zeigte, würde er sicher zu viel +dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer mehr +Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner +Ware gelegen ist. So eine <span class="pagenum">[<a id="pb34" href="#pb34" name="pb34">34</a>]</span>Position wird denn auch von einem +Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie möglich +vermieden.</p> +<p>Ein anderer Gedanke—ich sprach schon davon—der beweisen +möge, wie empfänglich für menschenfreundliche +Anwandlungen einen das Besuchen der Börse lassen kann, war dieser: +Bastians—das ist der dritte Schreiber, der so alt und +stümperig wird—war die letzte Zeit von den dreissig Tagen +sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und +<span class="letterspaced">wenn</span> er ins Kontor kommt, macht er +seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma +gegenüber—Last & Co., seit die Meyers raus +sind—verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine Arbeit +thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus +Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein +Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein +Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert +Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, +dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen—sowohl von +Last & Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind +raus—die Summe von beinah fünfzehntausend Gulden genossen +hat, und das ist für einen Mann von seinem Stande ein +anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den kleinen +Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also +nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns +Stück über die Multiplikation.</p> +<p>Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, +er sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie +wär’s, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians +gäbe? In diesem Falle würde ich ihm sagen, dass er mich +»M’nheer« nennen müsse, aber er würde wohl +selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein +Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre +vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder +fünfhundert Gulden anfangen—unser Bastians hat auch lange +gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg—und ich <span class="pagenum">[<a id="pb35" href="#pb35" name="pb35">35</a>]</span>hätte eine gute That gethan. Ja, mit +dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er +niemals vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die +ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er +kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet +haben. Ich bin überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden +sein würde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines +Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo +er wohnte.</p> +<p>Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im +»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. +Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich +Taschengeld hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist +seine Sache. Doch sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann +gesehen hätte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er +hätte die Bücher aus den Schränken genommen und sie auf +dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr +bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, +ihn ausgezankt hätte, weil er ein paar Jahrgänge von der +»Aglaja« hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr +ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von +Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den Rosemeyers, die +in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus der +»Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz +gehört, dass er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. +»Denken Sie, dass ich Lust habe, fünfzehn Stüber +täglich für Sie aus’m Fenster zu schmeissen?« +hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber +täglich—ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht +mitzählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt +genannt—zweihundertfünfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen. +Ich bin schnell in meinen Entschlüssen—wenn man so lange +Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun +hat—und am andern Morgen früh war ich bei <span class="letterspaced">Gaafzuiger</span>. So heisst der Buchhändler, der +die Auktion veranstaltet hatte. <span class="pagenum">[<a id="pb36" +href="#pb36" name="pb36">36</a>]</span>Ich fragte nach dem Mann, der +die »Aglaja« hätte fallen lassen.</p> +<p>—Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, +dünkelhaft und kränklich.</p> +<p>Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es +mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers +Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, +doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein +Grundsatz gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas +zu unterrichten, was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum +fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, +und ich schrieb sie auf.</p> +<p>Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf +Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich +da anzufangen hatte. <span class="letterspaced">Ein</span> Ding steht +fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten +grosses Interesse für die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie +ich handeln musste, um diese Baustoffe gehörig auszuwählen +und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine +gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.</p> +<p>Doch <span class="letterspaced">schreiben</span>—ausgenommen +die Korrespondenz mit den Geschäftshäusern—liegt so gar +nicht in meinem Beruf; und doch fühlte ich, dass ich schreiben +müsste, denn vielleicht hängt die Zukunft der ganzen Branche +davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind +nicht von einer Art, dass Last & Co. den Nutzen davon für sich +allein behalten könnten. Wenn dies so wäre, so würde ich +mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, ein Buch drucken +zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die Hände +kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine +fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. +Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt +zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten +Kräfte <span class="pagenum">[<a id="pb37" href="#pb37" name="pb37">37</a>]</span>aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist +möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind +und dass auch die Zuckerraffinadeure—Fritz sagt: +»raffineure«, aber ich schreibe »nadeure«; das +thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl, +dass man sagt: <span class="letterspaced">raffinierter</span> Schelm +und nicht: <span class="letterspaced">raffinadierter</span> Schelm, +aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so +schnell wie möglich von der Sache drückt—dass dann auch +die Raffinadeure und die Händler in Indigo dabei nötig sein +werden.</p> +<p>Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass +selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und +die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, +und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern +Minister, und die Zuckerbäcker, und die +Galanteriewarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, +und die Grossisten, und die Detailhändler, und die +Hauswärter, und die Gärtner.</p> +<p>Und—merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm +Schreiben aufkommen—mein Buch geht auch die Müller an, und +die Pastoren, und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die +Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von +der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die +Reepschläger, und die Weber, und die Schlächter, und die +Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktionäre von der +»Niederländischen Handelsgesellschaft«, und +eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.</p> +<p>Und den König auch ... ja, den König vor allem!</p> +<p>Mein Buch <span class="letterspaced">muss</span> in die Welt. +Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck & +Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber +Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sage <span class="letterspaced">ich</span>! Ich habe es heute noch dem jungen Stern +gesagt, als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische +Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater +schreiben. <span class="pagenum">[<a id="pb38" href="#pb38" name="pb38">38</a>]</span></p> +<p>So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem +Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst +habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden +merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist—dies ist ein +Grundsatz bei mir—aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein +tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der +Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins +Holländische übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf +den Kopf gestellt in meinem Hause: der <span class="letterspaced">Holländer</span> hatte in deutscher Sprache +geschrieben, und der <span class="letterspaced">Deutsche</span> +übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an seine +eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. +Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? +Wenn ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu +Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von +Wörtern, die mit zwei <b>e</b>’s geschrieben werden, und +Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig für +den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift +ihr wohl, dass ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die +Hände geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand +verträgt!</p> +<p>Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und +sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man—wie bei vielen +Deutschen—einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme +haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel +mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der +Thür steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte +ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die +Brust ihm erglühte vom Gefühl für das Wahre und +Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, die Töne +anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und dass +er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln +der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«—Ich fand +dies nun wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht +<span class="pagenum">[<a id="pb39" href="#pb39" name="pb39">39</a>]</span>allem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir +setzten also fest:</p> +<ul> +<li>1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern +solle.</li> +<li>2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern +dürfe.</li> +<li>3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.</li> +<li>4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem Buch +einen soliden Anstrich zu geben.</li> +<li>5. Dass der Titel sein solle: »<span class="letterspaced">Die +Kaffeeauktionen der Niederländischen +Handelsgesellschaft.</span>«</li> +<li>6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass +man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche +wäre.</li> +<li>7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen +vorgelesen werden sollten.</li> +<li>8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.</li> +<li>9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich bin +Makler.</li> +<li>10. Dass Stern eine <span class="letterspaced">deutsche</span>, +eine <span class="letterspaced">französische</span> und eine +<span class="letterspaced">englische</span> Übersetzung meines +Buches herausgeben könne, weil—so behauptete er—solche +Werke besser im Auslande verstanden würden als bei uns.</li> +<li>11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries +Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.</li> +</ul> +<p>Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse +Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel +fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es +kommt, dass ein Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht +37—ein Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit +hat.</p> +<p>Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf +Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das +Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, <span class="pagenum">[<a id="pb40" href="#pb40" name="pb40">40</a>]</span>kamen +noch fortwährend in den Manuskripten Wörter und +Ausdrücke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren. +Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da +Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah +ein, dass wir Shawlmann nötig hatten, und da ich es für einen +jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen +anknüpft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich +nahm einige Konfektstücke mit, die vom letzten Abendkränzchen +übrig geblieben waren—denn ich denke stets an +alles—und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung +nicht, doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die +Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in +seiner Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. +Überdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden +sind.</p> +<p>Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach +hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle +möglichen Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, +alte Bücher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen +mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbräche, denn in solchem +Fall fordern die Menschen immer mehr Geld für die Sachen, als sie +wert sind. Ein kleines Mädchen sass auf der Schwelle und kleidete +ihre Puppe an. Ich fragte, ob M’nheer Shawlmann dort wohnte. Sie +lief weg, und die Mutter kam.</p> +<p>—Ja, der wohnt hier, M’nheer. Gehn Sie nur die Treppe +rauf nach ’n ersten Flur und dann die Treppe nach ’n +zweiten Flur und dann noch ’ne Treppe und dann sind Sie da, denn +Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag’ doch mal eben +Bescheid, dass ’n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist, +M’nheer?</p> +<p>Ich sagte, dass ich M’nheer Droogstoppel sei, Makler in +Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst +vorstellen würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und +hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimme <span class="pagenum">[<a id="pb41" href="#pb41" name="pb41">41</a>]</span>singen: +»Gleich kommt Vater, mein süsser Papa«. Ich klopfte, +und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, oder einer +Dame—ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll. +Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von +Müdigkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die +Wäsche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses +Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und +an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle +eines Kleides oder Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter +ein Stück dunkel geblümter Leinwand, das einige Male um den +Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Kniee ziemlich eng +umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender Weite oder +Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, dass +ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr +unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt +durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie +sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht +aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen +sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, +rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch +sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung +kommt.</p> +<p>Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin +und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten +zusammengebunden. Später habe ich vernommen, dass ihre Kleidung +eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande »Sarong« +und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch sehr +hässlich.</p> +<p>—Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.</p> +<p>—Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in +einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr +»Ehre« in meine Frage hätte legen dürfen.</p> +<p>Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem +Geschäftskunden ist das was anderes, und ich bin zu lange +<span class="pagenum">[<a id="pb42" href="#pb42" name="pb42">42</a>]</span>geschäftlich thätig, um meine Welt nicht +zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer <span class="letterspaced">dritten</span> Etage, das hielt ich nicht für +nötig. Ich sagte also kurz, dass ich M’nheer Droogstoppel +wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann +sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umstände +machen!</p> +<p>Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines +Mädchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der +kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich stramm an und +beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht +verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so +sonderbar gekleidet. Sein weites Höschen reichte knappernot bis +zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf +die Knöchel. Sehr unanständig finde ich das. »Kommst +du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und mir wurde da +sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu wünschen +übrig liess, sonst hätte er »Kommen <span class="letterspaced">Sie</span>« gesagt. Doch weil ich mich in meiner +Situation nicht recht wohl fühlte und was reden wollte, antwortete +ich:</p> +<p>—Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er +wohl bald kommen, denkst du?</p> +<p>—Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen +Tuschkasten zu kaufen.</p> +<p>—Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen +Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.</p> +<p>—Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen +hat.</p> +<p>Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade +nicht als feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« +dagewesen zu sein, der alles »mitgenommen hatte« ... ein +spassiger Besuch! Die Frau schien auch nicht bei Laune, denn sie +wischte sich heimlich die Augen, als sie das kleine Mädchen zu +ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, spiel’ ’n +bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er. +<span class="pagenum">[<a id="pb43" href="#pb43" name="pb43">43</a>]</span></p> +<p>—Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald +zurück?</p> +<p>—Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.</p> +<p>Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er +»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:</p> +<p>—M’nheer, warum sagst du zu Mama: +»Frau«?</p> +<p>—Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn <span class="letterspaced">sonst</span> sagen?</p> +<p>—Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist +unten. Die verkauft Schüsseln und Brummkreisel.</p> +<p>Nun bin ich Makler in Kaffee—Last & Co., Lauriergracht No. +37—wir sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern +mitzähle, der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun +wohl, meine Ehefrau ist »Frau«, und ich sollte nun zu +<span class="letterspaced">solchem</span> Weib »<span class="letterspaced">Mevrouw</span>« sagen? Das ging doch nicht! Jeder +muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr bedeutet, gestern hatten +die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram weggeholt. Ich fand mein +»Frau« also gut, und blieb dabei.</p> +<p>Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, +um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und sagte, +dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da +für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er +jedoch nicht hätte bleiben können, weil seine Artikel Ursache +waren, dass das Blatt an der französischen Grenze so oft +zurückgewiesen wurde. Dass sie vor einigen Tagen nach Amsterdam +zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier eine Stellung erhalten +sollte ...</p> +<p>—Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.</p> +<p>Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon +wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« +fallen lassen und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur +darum war er weggejagt.</p> +<p>Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu <span class="pagenum">[<a id="pb44" href="#pb44" name="pb44">44</a>]</span>mir +kommen und vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf +das von ihm gestellte Ersuchen zu holen.</p> +<p>Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er +nicht klingeln solle, denn das ist so unbequem für das +Mädchen. Wenn er einen Augenblick wartete, sagte ich, würde +die Thür wohl mal offen gehen, wenn jemand heraus müsste. Und +darauf ging ich fort und nahm meine Zuckersachen wieder mit, denn, +geradeaus gesagt, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht +wohl dort. Ein Makler ist doch kein Dienstmann, dünkt mich, und +ich kann doch wohl behaupten, dass ich anständig aussehe. Ich +hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch sass sie da so kommode +und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie wenn sie allein gewesen +wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, und unzufriedene +Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt und +unbehaglich—gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt +war—und ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. +Während ich nach Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit +Bastians anzusehen; denn ich setze nicht gern jemanden auf die +Strasse.</p> +<p>Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, +dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich +an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich +glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil +er einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.</p> +<p>Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und +ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. +Die Stern nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich +durch die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass +ich hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, +Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: <span class="letterspaced">Last +& Co., Lauriergracht No.</span> 37. <span class="pagenum">[<a id="pb45" href="#pb45" name="pb45">45</a>]</span></p> +<div class="footnotes"> +<hr class="fnsep"> +<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e873" href="#xd20e873src" name="xd20e873">1</a></span> Note des +Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres Droogstoppel +wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch +holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, +Eingebildetheit, Anmassung.</p> +</div> +</div> +<div id="ch5" class="div1"> +<h2>Fünftes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Es war des Morgens um zehn Uhr eine +ungewöhnliche Bewegung auf dem grossen Wege, der die Abteilung +Pandeglang verbindet mit Lebak. »Grosser Weg« ist +vielleicht etwas zu viel gesagt von dem breiten Fusspfad, den man, aus +Höflichkeit und Ermangelung eines bessern, den »Weg« +nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen Fuhrwerk von Serang, +dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam, verzog, mit der Absicht, sich +nach Rangkas-Betung zu begeben, dem neuen Hauptplatz im Lebakschen, +konnte man einigermassen sicher sein, nach einiger Zeit dort +anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb man fortwährend im +Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden schwer, lehmig und +klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe der +Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen—waren sie +auch nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn +gesäet in diesen Gegenden—aber wenn es einem dann endlich +geglückt war, an die zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen +zu kriegen, so dauerte es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man +Pferde und Wagen wieder auf festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher +knallte mit der Peitsche, die Läufer—in Europa würde +man, glaube ich, »palfreniers« sagen, oder richtiger +vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen Läufern +entsprechen würde—die unvergleichlichen Läufer also mit +ihren kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann +her, stiessen <span class="pagenum">[<a id="pb46" href="#pb46" name="pb46">46</a>]</span>unbeschreibliche Töne aus und schlugen den +Pferden anfeuernd unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit +weiter, bis der verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis +über die Achsen in den Moder sank. Dann fing das Rufen um +Hülfe aufs neue an. Man wartete geduldig, bis die Hülfe kam, +und ... krebste weiter.</p> +<p>Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als +müsste ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem +vorigen Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. +Aber das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die +je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden, wo sie +sein wollten.</p> +<p>Man würde sich sehr irren, <span class="corr" id="xd20e1239" +title="Quelle: wen">wenn</span> man sich von dem ganz grossen Weg auf +Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im Lebakschen +bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren vielen +Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel Volk +anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, +und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der, +ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im +Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und +der Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding +zustande zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und +verdient.</p> +<p>Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in +Europa—selbst nicht in England, Russland oder Ungarn—kann +denn auch der auf Java gleichgestellt werden. Über hohe +Bergrücken, hart an Abgründen vorbei, die dich erschauern +lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in <span class="letterspaced">einem</span> Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf +den Bock genagelt, Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, +und er schwenkt die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau +zu berechnen, wo und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem +Zügel bändigen muss, um nach einer <span class="pagenum">[<a id="pb47" href="#pb47" name="pb47">47</a>]</span>wahren +Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an jener Ecke +...</p> +<p>—Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! +schreit der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die +Tiefe!</p> +<p>Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo +<span class="letterspaced">einen</span> Galoppsprung weiter dem +Vorspann der feste Boden unter den Füssen schwinden würde, +wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die Ecke herum. Sie +fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick früher +nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.</p> +<p>Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein +auf den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr +beschreibt: die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden +gehoben. Es gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen +nicht schliesse, und wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an +seine Familie in Europa, dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber +wer dort zu Hause ist, lacht über diese Angst.</p> +<p>Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner +Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen, +Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch +Dinge, die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst +später, wenn ich fühle, dass er für mich gewonnen ist, +wenn ich an Blick und Haltung bemerke, dass das Los der Heldin, die +irgendwo vom Balkon eines vierten Stockwerks springt, ihm Interesse +einflösst, dann lasse ich sie, mit stolzer Verachtung aller +Gesetze der Schwerkraft, zwischen Himmel und Erde schweben, bis ich +meinem Herzen Luft gemacht habe in der sorgfältigen Schilderung +der Schönheiten der Landschaft, oder des Gebäudes, das da an +irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint, um einen Vorwand +für eine viele Seiten fassende Charakterisierung mittelalterlicher +Architektur an die Hand zu geben. All diese Burgen sind einander +ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener Bauart. Das +»corps de logis«, das Hauptgebäude, <span class="pagenum">[<a id="pb48" href="#pb48" name="pb48">48</a>]</span>datiert +stets von einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die +unter diesem oder jenem späteren König angefügt sind. +Die Türme sind in verfallenem Zustande ...</p> +<p>Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, +ein Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche +Übertreibung! Es giebt halbe Türme, und ... +Türmchen.</p> +<p>Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen +auf die Gebäude, die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder +jenes Heiligen, dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die +Spitze, die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, +gewöhnlich ein paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, +was an den Mann ohne Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu +sehen ist. Einzig Türmchen, auf Dorfkirchen kleine +Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.</p> +<p>Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des +Westens, dass selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu +wollen, sich lange genug hat lebendig erhalten können, um das Werk +vollendet zu sehen. Ich rede hier nicht von Unternehmungen, deren +Zuendeführung nötig war, um die Kosten zu decken. Wer recht +wissen will, was ich meine, sehe sich den Dom zu Köln an. Er gebe +sich Rechenschaft von der stolzen Vorstellung des Bauwerks, wie sie in +der Seele des Baumeisters Gerhard von Riehl lebendig war ... vom +Glauben im Herzen des Volks, das ihn in den Stand setzte, das Werk +anzufangen und fortzusetzen ... von der Kraft des Innenlebens, das +solch einen Koloss nötig hatte, um als sichtbarer Ausdruck des +unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen ... und er +vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es einige +Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk +stillstand.</p> +<p>Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren +Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist, diese +Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. +Aber wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? +Wird man <span class="pagenum">[<a id="pb49" href="#pb49" name="pb49">49</a>]</span>wiederfinden in unseren Tagen, was damals die +Kraft ausmachte von Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. +Geld wird wohl aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk +feil. Man kann den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und +den Maurer, der die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil +das irrende und doch ehrerbietungswürdige Gefühl, das in +einem Bauwerk eine Dichtung sah, eine Dichtung von Granit, die laut +sprach zum Volke, eine Dichtung in Marmor, die dastand wie ein +unbewegliches, unaufhörliches, ewiges Gebet.—</p> +<p>Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens +eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden +bedeckten den Weg, und tausend Menschen mindestens—was viel war +für diesen Fleck—liefen in geschäftiger Erwartung hin +und her. Hier sah man die Häuptlinge der Dörfer und die +Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen, alle mit ihrem Gefolge, +und zu urteilen nach dem schönen, reich gesattelten Araberbastard, +der auf seiner silbernen Trense herumbiss, war auch ein Häuptling +höheren Ranges hier am Platze. Das war denn auch der Fall. Der +Regent von Lebak, <span class="letterspaced">Radhen Adhipatti Karta +Natta Negara</span>, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen +und trotz seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn +»Pfähle« zurückgelegt, die zwischen seinem +Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung Pandeglang +lagen.</p> +<p>Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch, der +in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will, dass der +Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist, bei seiner +Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war hier +anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten nach +dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range +die Verwaltung wahrgenommen hatte.</p> +<p>Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt +geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches +Zeltdach, aufrichten lassen, einen <span class="pagenum">[<a id="pb50" +href="#pb50" name="pb50">50</a>]</span>Tisch und einige Stühle +dahin gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser +Pendoppo erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen +Chefs.</p> +<p>Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen +Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung +»Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den +Boden gerammt, die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen +miteinander verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen +Blättern der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden +‚atap‘ heisst, und ihr werdet euch die sogenannte +‚pendoppo‘ vorstellen können. Sie ist, wie ihr seht, +so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier denn auch nur +dienen als ‚pied à terre‘ für die +europäischen und inländischen Beamten, die dort ihrem neuen +Oberhaupt einen Willkomm an den Grenzen entgegenbringen wollten.</p> +<p>Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den +Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine +Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen +Landstrichen ist hier für das rechte Verständnis dessen, was +folgen wird, notwendig.</p> +<p>Das sogenannte »Niederländisch-Indien«—das +Adjektiv »niederländisch« kommt mir einigermassen +unzutreffend vor, doch es wurde offiziell angenommen—ist, was das +Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung angeht, in zwei +sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. <span class="letterspaced">Ein</span> Teil besteht aus Stämmen, deren +Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft Niederlands als +»suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer die +unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen der +eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu +dem—mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren +Ausnahme—ganz Java gehört, ist Niederland unmittelbar +unterworfen. <span class="letterspaced">Von</span> Tribut oder +Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. <span class="letterspaced">Der Javane ist Niederländischer Unterthan.</span> +Der König von Niederland ist <span class="letterspaced">sein</span> König. Die <span class="pagenum">[<a id="pb51" href="#pb51" name="pb51">51</a>]</span>Nachkommen seiner früheren Fürsten und +Herren sind <span class="letterspaced">Niederländische</span> +Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom +Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher +wird abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom <span class="letterspaced">Haag</span> ausgegangen ist. Die Abgaben, die der Javane +aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von <span class="letterspaced">Niederland</span>.</p> +<p>Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in +der That einen Teil des <span class="letterspaced">Königreichs der +Niederlande</span> ausmacht, wird in diesen Blättern +hauptsächlich die Rede sein.</p> +<p>Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der +jedoch auf seine Beschlüsse keinen <span class="letterspaced">entscheidenden</span> Einfluss hat. Zu Batavia sind die +unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« +zugeteilt, an deren Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied +darstellen zwischen der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den +Residenten in den Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte +<span class="letterspaced">politischer Bedeutung</span> wenden sich +diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.</p> +<p>Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da +Niederland nur erst <span class="letterspaced">mittelbar</span> als +<span class="letterspaced">Lehnsherr</span> die Bevölkerung +beherrschte und sich an den Höfen der noch regierenden +Fürsten durch »<span class="letterspaced">Residenten</span>« repräsentieren liess. +Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als +Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von +Landschaften geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der +Name ist geblieben.</p> +<p>Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische +Autorität gegenüber der javanischen Bevölkerung +darstellen. Das Volk kennt weder den Generalgouverneur, noch die +»Räte von Indien«, noch die Direktoren zu Batavia. Es +kennt nur den Residenten, sowie die Beamten, die unter ihm über +das Volk walten.</p> +<p>Eine solche Residentschaft—es giebt welche, die beinahe eine +Million Seelen fassen—ist geteilt in drei, vier oder fünf +Abteilungen oder Regentschaften, an deren Haupt <span class="pagenum">[<a id="pb52" href="#pb52" name="pb52">52</a>]</span>»<span class="letterspaced">Assistent-Residenten</span>« gestellt sind. Unter +diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure ausgeübt, +durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die nötig sind +für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des +Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die +Staatswasserwerke, für die Polizei und das Rechtswesen.</p> +<p>In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen +Ranges mit dem Titel eines »<span class="letterspaced">Regenten</span>« dem Assistent-Residenten zur +Seite. So ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur +Verwaltung und sein Arbeitsfeld ganz das eines <span class="letterspaced">besoldeten Beamten</span> ist, immer zum hohen Adel des +Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in +der Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. +Sehr diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen +Einfluss—der in Asien überall von grossem Gewicht ist und +bei den meisten Stämmen als ein Religionsmoment zu erkennen +ist—Gebrauch gemacht, sintemal durch die Ernennung dieser +Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen wird, an deren +Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch den +Generalgouverneur ausgeübt wird.</p> +<p>Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, +Mark-, Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den +Kaiser angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne +weiteres Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der +Sache liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in +<span class="letterspaced">unserm</span> Erdteil und drüben im +fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen hatten. Ein Land muss +aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu sind Beamte +nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter dem +System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür +die »Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die +Befehlshaber der Legionen, die das betreffende Land unterworfen hatten. +Solche Ländergebiete blieben dann auch »Provinzen«, d. +h. <span class="letterspaced">erobertes Gebiet</span>. Doch als +später die zentrale Gewalt des Deutschen <span class="pagenum">[<a id="pb53" href="#pb53" name="pb53">53</a>]</span>Reiches +das Bedürfnis fühlte, ein etwas ferngelegenes Volk, sobald +das Gebiet durch Gleichheit in Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum +Reiche gehörig betrachtet wurde, noch auf andere Weise an sich zu +binden als allein durch materielles Übergewicht—erwies es +sich als notwendig, jemanden mit der Leitung der Geschäfte zu +betrauen, der nicht allein in dem betreffenden Lande zu Haus war, +sondern durch seinen Stand über seine Mitbürger in der Gegend +erhoben war, damit der Gehorsam gegen die Befehle des Kaisers +erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung zur Unterwerfung unter +den, der mit der Ausführung dieser Befehle betraut war. Hierdurch +wurden dann zugleich ganz oder teilweise die Ausgaben für ein +stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen Staatskasse, oder, wie es +meist war, den Provinzen selbst zur Last fielen, welche durch solche +Heere bewacht werden mussten. So wurden die ersten Grafen aus den +Baronen des Landes ausgewählt, und genau genommen ist also das +Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die Benennung +einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube denn auch, +dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche Kaiser wohl +das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und Herzöge, +d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was ihre +Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig zu +sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu dienen, +falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt war. +Ein Graf bekleidete ein <span class="letterspaced">Amt</span>, zu dem +ihn der Kaiser berufen. Ein Baron betrachtete sich als Baron +»durch die Gnade Gottes«. Die Grafen vertraten den Kaiser +und führten als solche dessen Panier, d. h. die Reichsstandarte. +Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner eigenen Fahne, als +Bannerherr.</p> +<p>Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den +Baronen entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres +Amtes neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die +Schale legten, und hieraus <span class="pagenum">[<a id="pb54" href="#pb54" name="pb54">54</a>]</span>scheint später, vor allem als +die Erblichkeit dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang +entstanden zu sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch +heutzutage würde manche freiherrliche Familie—ohne +kaiserliches oder königliches Patent, d. h. eine solche Familie, +die ihren Adel vom Urentstehen des Landes herleitet, die <span class="letterspaced">immer</span> von Adel war, <span class="letterspaced">weil</span> sie von Adel war—autochthon—eine +Erhebung in den Grafenstand als entadelnd abweisen. Man hat Beispiele +dafür.</p> +<p>Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt +waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre +Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen +in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch +gewöhnlich, obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese +Nachfolge organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten +in den Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, +Hennegau oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. +w. Es war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine +Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.</p> +<p>Ungefähr in der gleichen Art—was die Wahl der Personen +angeht, da hier von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, +wiewohl auch in dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins +Auge fällt—steht an der Spitze einer Abteilung auf Java ein +eingeborener Beamter, der den ihm von der Regierung verliehenen Rang +mit seinem <span class="letterspaced">autochthonen</span> Einfluss +verbindet, um dem europäischen Beamten, der die +Niederländische Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu +erleichtern. Auch hier ist die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz +bestimmt zu sein, zu einer Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des +Regenten findet meistens diese Regelung statt, und es gilt als eine +Belohnung für Diensteifer und Treue, wenn man ihm die Zusage +giebt, dass ihm als Nachfolger in seiner Stellung sein Sohn folgen +werde. Es müssen schon sehr gewichtige Gründe vorhanden sein, +wenn <span class="pagenum">[<a id="pb55" href="#pb55" name="pb55">55</a>]</span>einmal von dieser Regel abgewichen wird, und wo +dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den +Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.</p> +<p>Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und +derartigen hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der +Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er +hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies +hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt, +durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle +Einkünfte und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit +über ihn erhoben steht. Obendrein ist der Regent, als +Repräsentant des javanischen Elements eines Landkomplexes und +bestimmt, im Namen der hundert- oder mehr tausend Seelen zu sprechen, +die seine Regentschaft bevölkern, auch in den Augen der Regierung +eine Person von viel grösserer Wichtigkeit als der simple +europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit nicht gefürchtet +werden braucht, da man für ihn viele andere an die Stelle bekommen +kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten vielleicht +der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte.</p> +<p>Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben, dass +eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der +Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies +und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft ihn +auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident, den +Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis +schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar +bei äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder +Herzlichkeit, noch, wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen +brauchen, und ich glaube, dass der Ton, der in diesem Verhältnis +herrschen muss, sehr treffend in der offiziellen Vorschrift angedeutet +ist, die dahin geht: der europäische Beamte habe den +inländischen Beamten, der ihm zur Seite steht, zu behandeln wie +seinen »<span class="letterspaced">jüngeren +Bruder</span>«. <span class="pagenum">[<a id="pb56" href="#pb56" +name="pb56">56</a>]</span></p> +<p>Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere +Bruder« bei den Eltern sehr beliebt ist—oder +gefürchtet—und dass bei vorkommenden Zwistigkeiten sein +dieserweise konstruierter Altersvorsprung als Beweggrund in Rechnung +gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass er seinen +»jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder +Takt behandelte.</p> +<p>Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen—selbst +der geringe Javane ist viel höflicher als sein europäischer +Standesgenosse—macht gleichwohl dies scheinbar schwierige +Verhältnis erträglicher, als es sonst sein würde.</p> +<p>Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich +mit freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass +der Regent seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im +Grunde beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form +geäussert, wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der +Unterschied in Stand, Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst +ausgewischt, der den Europäer, als Vertreter des Königs der +Niederlande, zu sich erhebt, und schliesslich ist ein Verhältnis, +das, oberflächlich betrachtet, Zwist zuwege bringen sollte, sehr +oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.</p> +<p>Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor +dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. +Der Europäer ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen +wird, die an Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich +steht, gewöhnlich ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem +Alter, verheiratet und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes +willen. Seine Einkünfte sind gerade ausreichend und oft auch nicht +ausreichend, um den Seinen das Nötige zu verschaffen. Der Regent +ist: ‚Tommongong‘, ‚Adhipatti‘, ja, sogar +‚Pangerang‘, d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich +für ihn nicht darum, dass er <span class="letterspaced">lebe</span>, er muss <span class="letterspaced">so</span> leben, wie das Volk es von seiner Aristokratie +zu sehen gewohnt ist. Während der <span class="letterspaced">Europäer ein</span> Haus bewohnt, ist vielfach +<span class="letterspaced">sein</span> Aufenthalt ein +‚Kratoon‘, <span class="pagenum">[<a id="pb57" href="#pb57" +name="pb57">57</a>]</span>mit vielen Häusern und Dörfern +darin. Während der <span class="letterspaced">Europäer +eine</span> Frau hat, mit drei, vier Kindern, unterhält +<span class="letterspaced">er</span> eine ganze Anzahl von Frauen mit +allem, was dazu gehört. Während der <span class="letterspaced">Europäer</span> ausreitet, gefolgt von einigen +Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise zur Erteilung von +Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent begleitet von +Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen des Volks +untrennbar ist von seinem hohen Range. Der <span class="letterspaced">Europäer</span> lebt bürgerlich, der Regent +lebt—oder man erwartet von ihm, dass er so lebt—wie ein +Fürst.</p> +<p>Doch das alles muss <span class="letterspaced">bezahlt</span> +werden. Die Niederländische Verwaltung, die auf den Einfluss +dieser Regenten gegründet ist, weiss dies, und nichts ist also +natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu einer Höhe +geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen +würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der +Ausgaben hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen +inländischen Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts +Ungewöhnliches, Regenten, die zwei-, ja, dreimalhunderttausend +Gulden jährliches Einkommen haben, in Geldverlegenheit zu sehen. +Hierzu trägt viel bei die sozusagen fürstliche +Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte verschleudern, +ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen, ihre +krankhafte Kauflust und <span class="letterspaced">vor allem</span> der +Missbrauch, der häufig von Europäern bei einer derartigen +Lage der Dinge getrieben wird.</p> +<p>Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier +Teile teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste +Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die +Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine +Belohnung in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer +Regentschaft erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. +s. w. Und schliesslich: die willkürliche Verfügung über +die Arbeit und über das Eigentum ihrer Unterthanen.</p> +<p>Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. +Der Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. <span class="pagenum">[<a id="pb58" href="#pb58" name="pb58">58</a>]</span>Der +Grund, auf dem er geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel +verspricht, ist ihm hierzu Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib +und Seele der Bebauung seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch +sehr erfahren ist. Er wächst auf inmitten seiner +‚sawah’s‘ und ‚gagah’s‘ und +‚tipar’s‘, begleitet schon in sehr jugendlichem Alter +seinen Vater aufs Feld, wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten +behülflich ist an Dämmen und Wasserleitungen zur +Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine Jahre nach +Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde stehenden +Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm +‚padie‘, d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er +sucht seine Frau unter den Mädchen der »dessah«, die +am Abend unter fröhlichem Gesange den Reis stampfen, um ihn der +Hülsen zu entledigen ... der Besitz von ein paar Büffeln, die +seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das ihm entgegenlächelt +... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das, was in den +Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist.</p> +<p>Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des +Landes machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der +Fruchtbarkeit des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil +seiner Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu +widmen, die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von +Europa. Um den geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine +sehr einfache Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen +Häuptlingen, man hatte also nur diese Häuptlinge zu gewinnen, +indem man ihnen einen Teil des Gewinnes zusagte, und ... es +glückte vollkommen.</p> +<p>Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in +Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit +lenkt, so kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend +diese Politik war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, +möchte jemand fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge +entsprechende Belohnung <span class="pagenum">[<a id="pb59" href="#pb59" name="pb59">59</a>]</span>geniesst, so muss ich hierauf eine +verneinende Antwort geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf +<span class="letterspaced">seinem</span> Grunde zu ziehen, was +<span class="letterspaced">ihr</span> behagt, sie bestraft ihn, wenn er +das also hervorgebrachte irgend jemandem anders verkauft als +<span class="letterspaced">ihr</span>, und <span class="letterspaced">sie selbst</span> setzt den Preis fest, den sie ihm +dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach Europa durch +Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind hoch. Die den +Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren obendrein +den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze Sache Gewinn +abwerfen <span class="letterspaced">muss</span>, kann dieser Gewinn +nicht anders erzielt werden, als dass man dem Javanen just soviel +ausbezahlt, dass er nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, +die produktive Kraft der Nation vermindern würde.</p> +<p>Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, +die sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet.</p> +<p>Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch +zwiefache Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen +Reisfeldern, wohl ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, +indessen ... fröhlich flattern zu Batavia, zu Samarang, zu +Surabaja, zu Passaruan, zu Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu +Tjilatjap die Flaggen an Bord der Schiffe, die beladen werden mit den +Ernten, die die Niederlande reich machen.</p> +<p><span class="letterspaced">Hungersnot?</span> Auf dem reichen, +fruchtbaren, gesegneten Java <span class="letterspaced">Hungersnot</span>? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind +ganze Distrikte ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre +Kinder als Speise zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen +...</p> +<p>Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In +den Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber +unzufrieden gewesen, und der damalige Landvogt hat Befehl geben +müssen, dass man es in der Verbreitung der sogenannten +»europäischen Marktprodukte« fortan nicht wieder +treiben dürfe bis zur Hungersnot ... <span class="pagenum">[<a id="pb60" href="#pb60" name="pb60">60</a>]</span></p> +<p>Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von +jemandem, der solche Dinge niederschreiben kann <span class="letterspaced">ohne</span> Bitterkeit?</p> +<p>Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste +Art der Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu +sprechen: die Macht der willkürlichen Verfügung über +Personen und über das Eigentum ihrer Unterthanen.</p> +<p>Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien +gehört der Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. +Dies ist auch auf Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der +früheren Fürsten nutzen gern die Unkenntnis der +Bevölkerung aus, die nicht recht begreift, dass ihr +‚Tommongong‘ oder ‚Adhipatti‘ oder +‚Pangerang‘ jetzt ein <span class="letterspaced">besoldeter +Beamter</span> ist, der seine eigenen und ihre Rechte für ein +bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich +belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der +Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von +den Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also +alltäglicher, als dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung +aufgerufen werden, <span class="letterspaced">ohne Bezahlung</span> +Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts ist +alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum +Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein +gefälliges Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die +Tochter, die Frau des geringen Mannes, würde man es unerhört +finden, wenn dieser die bedingungslose Verzichtleistung auf den +begehrten Gegenstand weigerte.</p> +<p>Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen +Verfügung einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von +dem geringen Mann fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus +nötig ist. Andere gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese +Ungesetzlichkeit nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, +unmöglich, diesen Missbrauch ganz auszurotten, da er seine tiefen +Wurzeln in der Anlage der Bevölkerung selbst hat, die darunter +leidet. Der Javane ist <span class="pagenum">[<a id="pb61" href="#pb61" +name="pb61">61</a>]</span>freigebig, vor allem wo es sich darum +handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an seinen Häuptling +zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter gehorchten. +Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung, die er +seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen +»Kratoon« ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke +sind denn auch manchmal von so geringem Werte, dass die Abweisung eine +Verletzung in sich schliessen würde, und oft ist demgemäss +diese Gewohnheit eher der Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das +seine Liebe zum Vater durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu +äussern sucht, als dass man sie als Tribut an tyrannische +Willkür auffassen dürfte.</p> +<p>Allein ... also wird durch einen »<span class="letterspaced">lieben Brauch</span>« die Beseitigung von +<span class="letterspaced">Missbrauch</span> gehindert.</p> +<p>Wenn der Alūn-alūn vor der Wohnung des Regenten in +verwildertem Zustande läge, würde die umwohnende +Bevölkerung sich dessen schämen, und es wäre viel Macht +nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut zu säubern +und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range des Regenten +übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben, +würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der +Nähe dieses Alūn-alūn oder anderswo liegen Sawahs, die +des Pfluges warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin +führe, manchmal aus meilenweiter Ferne ... diese Sawahs +gehören dem Regenten. Er ruft, dass sie seine Felder bearbeite +oder wässere, die Bevölkerung ganzer Dörfer auf, deren +eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen ... der Missbrauch +ist da.</p> +<p>Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die +»Staatsblätter« liest, worin die Gesetze, +Instruktionen und Anweisungen für die Beamten enthalten sind, +jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen derselben den Vorsitz +geführt zu haben scheint. Überall wird dem Europäer, der +mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet ist, als +eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der +Bevölkerung <span class="pagenum">[<a id="pb62" href="#pb62" name="pb62">62</a>]</span>Schutz zu bieten gegen ihre eigene +Unterwürfigkeit und die Habsucht der Häuptlinge. Und, als +wäre es nicht genug, dass man diese Verpflichtung im allgemeinen +vorschreibt, es wird noch von den <span class="letterspaced">Assistent-Residenten</span> beim Antritt der Verwaltung +einer Abteilung ein »<span class="letterspaced">besonderer +Eid</span>« gefordert, dass sie diese väterliche +Fürsorge für die Bevölkerung als eine erste Pflicht +betrachten würden.</p> +<p>Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu +lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den +Schwachen zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das +Lamm des Armen zurückzufordern aus den Ställen des +fürstlichen Räubers ... siehe, das Herz möchte einem +erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass man berufen ward zu +etwas so schönem! Und wer in den javanischen Binnenlanden +bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner Stationierung oder +mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die erhabene Pflicht, die auf +ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung, die die Erfüllung solch +einer Pflicht mit sich bringt, und er wird keinen weiteren Sold +begehren.</p> +<p>Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig +zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um +»Missbrauch« Platz zu machen. Und ... wo der +»Missbrauch« <span class="letterspaced">besteht</span>, wo +wirklich Raub und Willkür gepflogen <span class="letterspaced">ist</span>, sind vielfach die Schlachtopfer selbst +hieran mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener +Unterwürfigkeit, sei es aus Furcht, sei es aus geringem Vertrauen +auf den Willen oder die Macht der Person, die sie schützen soll. +Jeder weiss, dass der <span class="letterspaced">europäische</span> Beamte jeden Augenblick in eine +andere Stellung berufen werden kann, und dass der Regent, <span class="letterspaced">der mächtige Regent</span>, dableibt. Ferner, wie +viele Methoden giebt’s, um sich das Eigentum eines armen, +einfältigen Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass +der Regent sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier +alsbald in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist +solches durchaus noch nicht, dass <span class="pagenum">[<a id="pb63" +href="#pb63" name="pb63">63</a>]</span>dieser nicht die Absicht hatte, +dafür—o, sicher!—einen hohen Preis zu bezahlen ... +nach einiger Zeit. Wenn Hunderte arbeiten auf den Feldern eines +Häuptlings, ohne dafür Bezahlung zu empfangen, so folgt +hieraus keineswegs, dass er dies geschehen liess zu <span class="letterspaced">seinem</span> Vorteil. Konnte er nicht die Absicht +haben, ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen +Berechnung, dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als +der ihre und also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?</p> +<p>Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen +her, die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn +abzugeben, den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine +Beschuldigung, ohne sie beweisen zu können, wo bleibt dann das +Verhalten als »älterer Bruder«, der in solchem Fall +seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in seiner Ehre +gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, die +ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn +verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte +Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt +oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?</p> +<p>Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon +daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen +Häuptlinge, die Grenzen des erlaubten Verfügens über +Arbeit und Eigentum ihrer Unterthanen zu überschreiten, +überall ohne Einschränkung als bestehend anerkannt wird ... +dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, dieser verbrecherischen +Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, und ... dass doch nur +<span class="letterspaced">sehr</span> selten ein Regent angeklagt wird +wegen Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.</p> +<p>Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu +bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der +inländischen Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung +und Erpressung«. <span class="pagenum">[<a id="pb64" href="#pb64" +name="pb64">64</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch6" class="div1"> +<h2>Sechstes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. +Wenn man ihn dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten +Eichen- und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, +war es schwer, in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den +Holländern in Indien ... nebenbei erwähnt, ein +Menschenschlag, der sich sehr unterscheidet von den Holländern in +Holland. Träg, so lange es nichts zu thun gab, und fern von der +kleinlichen, auch ohne Anlass entwickelten Ameisengeschäftigkeit, +die in Europa für Eifer gilt, aber eifrig, wo Bethätigung +nötig war ... einfach, aber herzlich gegenüber denen, die zu +seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam, <span class="corr" id="xd20e1560" title="Quelle: hilfbereit">hilfsbereit</span> und gastfrei +... von guten Manieren, doch ohne Steifheit ... empfänglich +für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, ohne gleichwohl +Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen zu werden ... +kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, überall auf +seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den Gedanken +kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er denn +auch nicht begehrte.</p> +<p>Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und +mit Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von +Zeit zu Zeit den ‚mandoor‘-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt +von den Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob +nichts im Anzug <span class="pagenum">[<a id="pb65" href="#pb65" name="pb65">65</a>]</span>sei. Dann stand er ’mal auf, versuchte +vergebens, seine Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden +der Pendoppo, steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie +nicht recht zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.</p> +<p>Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht +allein. Ich meine hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft +der zwanzig oder dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und +Aufpasser, die auf dem Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo +sassen, noch der vielen, die anhaltend aus- und einliefen, noch der +grossen Menge Eingeborener von verschiedenem Range, die da draussen die +Pferde festhielten oder umherritten ... nein, der Regent von Lebak +selbst, <span class="letterspaced">Radhen Adhipatti Karta Natta +Negara</span> sass ihm gegenüber.</p> +<p>Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde, +eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas +gesprächiger sein können. Der Regent von Lebak war ein +gebildeter alter Mann, der über vieles mit Verstand und Urteil zu +sprechen wusste. Man brauchte ihn nur anzusehen, um überzeugt zu +sein, dass die meisten Europäer, die mit ihm in Berührung +kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er von ihnen. Seine +lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem Feuer der +Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner Haare. +Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht—so recht +eine Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist—und +wenn man mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine +Worte als Briefe anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem +Archiv hatte, um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun +jemandem, der den Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, +unangenehm scheinen, doch ist es nicht schwierig, alle +Gesprächsgegenstände, die Anstoss geben könnten, zu +vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in brüsker Weise dem +Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben werden, da das nach +orientalischen Begriffen <span class="pagenum">[<a id="pb66" href="#pb66" name="pb66">66</a>]</span>in Widerstreit mit dem guten Ton +wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten +Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu +reden, und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling +ihn nie durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein +Terrain ziehen wird, das er lieber nicht beträte.</p> +<p>Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, +bestehen übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass +einfache Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den +Vorzug verdient.</p> +<p>Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung +über das Wetter und den Regen.</p> +<p>—Ja, m’nheer de kontroleur, es ist Westmūsson.</p> +<p>Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was <span class="letterspaced">er</span> über den Regen gesagt hatte, wusste der +Regent auch. Darauf folgte wieder einiges Schweigen. Der Regent winkte +mit einer kaum sichtbaren Kopfbewegung einem der Bedienten, die am +Eingang der Pendoppo niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, +allerliebst gekleidet in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit +goldenem Leibgurt, der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, +und auf dem Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine +schwarzen Augen so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an +die Füsse des Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den +Tabak, den Kalk, die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte +den Slamat, indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur +tiefniedergebeugten Stirn, und bot darauf seinem Herrn die kostbare +Dose dar.</p> +<p>—Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der +Regent, wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, +und bestrich dabei ein Betelblatt mit Kalk.</p> +<p>—Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete +Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema +berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er +hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern +die Wege von Pandeglang <span class="pagenum">[<a id="pb67" href="#pb67" name="pb67">67</a>]</span>rühmen hört, wenn diese +auch wirklich besser sind als die lebakschen.</p> +<p>Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. +Der kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, +immer kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den +Eingang der Pendoppo, wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der +Regent hatte schon seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel +seiner Sirie braunrot gefärbt, und er sagte dann endlich:</p> +<p>—Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.</p> +<p>Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem der +Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich +herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. +Eine Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer +benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche zu +sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die +bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin +hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor +allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, +und dass also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der +Kräfte leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf +hunderten von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend +Einwohner zählte.</p> +<p>—Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, +aber ...</p> +<p>Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er +wusste, dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das +unangenehm klingen würde für ihn, der seit dreissig Jahren +Regent von Lebak gewesen war. Es schien, dass Verbrugge in diesem +Augenblicke keine Lust hatte, den Streit fortzusetzen. Wenigstens brach +er das Gespräch ab und fragte wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er +nichts kommen sähe.</p> +<p>—Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer +de kontroleur, aber da drüben an der andern Seite <span class="pagenum">[<a id="pb68" href="#pb68" name="pb68">68</a>]</span>reitet +jemand zu Pferde ... das ist der Tuwan kommendaan.</p> +<p>—Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, +das ist der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute +morgen schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!</p> +<p>—Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge +reitet hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem +Pferd.</p> +<p>—Pegang kudahnja tuwan kommendaan!—halte das Pferd des +Herrn Kommandanten fest—gebot Verbrugge einem der Bediensteten, +die draussen sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du +geschossen? Komm herein!</p> +<p>Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer +militärischer Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die +Pendoppo. Es war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen +Garnison von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und +ihre Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger +Zeit in Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung +bezogen hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den +Regenten mit Höflichkeit und setzte sich mit der Frage: +»nun, was habt ihr denn hier so?«</p> +<p>—Willst du Thee, Duclari?</p> +<p>—Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die +ist erfrischender.</p> +<p>—Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich +Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. +Sieh mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie +halten sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, +oder von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...</p> +<p>—Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich +noch niemals gesehen.</p> +<p>—Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt +man’s. <span class="pagenum">[<a id="pb69" href="#pb69" name="pb69">69</a>]</span></p> +<p>—Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von <span class="corr" id="xd20e1630" title="Quelle: Kaffeblättern">Kaffeeblättern</span> und auch keinen +Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der neue +Assistent-Resident auch, nicht wahr?</p> +<p>Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer +Sprache, die der Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine +Unhöflichkeit darin zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der +Unterhaltung ausschloss, oder sei es, dass er hiermit etwas anderes +beabsichtigte, auf einmal fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf +Malayisch fort:</p> +<p>—Weiss m’nheer de Adhipatti, dass m’nheer de +kontroleur den neuen Assistent-Residenten kennt?</p> +<p>—O nein, <span class="letterspaced">das</span> habe ich nicht +gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn niemals gesehen. Er diente +einige Jahre <span class="letterspaced">vor</span> mir auf Sumatra. Ich +habe dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, +das ist alles!</p> +<p>—Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade +nicht zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m’nheer de Adhipatti +hierüber?</p> +<p>Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es +verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem Herrn +Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei, +jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne.</p> +<p>—Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in +holländischer Sprache fort—sei es, dass diese ihm vertrauter +war und er der Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei +es, weil er allein von Verbrugge verstanden werden wollte—das mag +im allgemeinen wahr sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig +kein persönliches Bekanntsein nötig ... der ist doch +verrückt!</p> +<p>—Das habe ich nicht gesagt, Duclari!</p> +<p>—Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach +alledem, was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der +ins Wasser springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, +verrückt. <span class="pagenum">[<a id="pb70" href="#pb70" name="pb70">70</a>]</span></p> +<p>—Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ...</p> +<p>—Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme +... das war keine Sache!</p> +<p>—Es war witzig ...</p> +<p>—Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein +gegenüber einem General.</p> +<p>—Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es +war vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.</p> +<p>—Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?</p> +<p>—Das that er, um den General zu ärgern.</p> +<p>—Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu +ärgern, der obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das +andere Gedicht find’ ich ja drollig, aber ... das ewige +Duellieren!</p> +<p>—Er that’s gewöhnlich für einen andern. Er +ergriff stets Partei für den Schwächeren.</p> +<p>—Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn +man es nun durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein +Duell nötig ist. Wo es unvermeidlich wäre, würde auch +ich eine Forderung annehmen, in bestimmten Fällen <span class="letterspaced">selbst</span> fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf +zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser +Beziehung geändert hat.</p> +<p>—Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel +älter, dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. +Überdies, ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und +dass er ein warmes Gefühl hat für Recht.</p> +<p>—Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade +etwas passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?</p> +<p>—Ich glaub’s nicht. Doch zeige mir was aus deiner +Jagdtasche, dann denkt er, dass wir <span class="letterspaced">darüber</span> sprechen.</p> +<p>Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus +hervor, und, die Vögel befühlend, als spräche er +über die Jagd, teilte er Verbrugge mit, dass ihm soeben +<span class="pagenum">[<a id="pb71" href="#pb71" name="pb71">71</a>]</span>auf dem Felde ein Javane nachgelaufen sei, der ihn +gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu +erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze.</p> +<p>—Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass +ich mich wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im +Bantamschen, um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der +geringe Javane, der gewöhnlich so vorsichtig und +zurückhaltend ist, wo es sich um seine Häuptlinge handelt, so +etwas von jemandem verlangt, der nichts damit zu schaffen hat, das +befremdet mich!</p> +<p>—Und was hast du geantwortet, Duclari?</p> +<p>—Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen +müsste, oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in +Rangkas-Betung angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.</p> +<p>—Jenie apa tuwan-tuwan datang!—d. h.: Da kommen die +Herren an!—rief auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen +Mantrie, der mit seinem Tudung schwenkt.</p> +<p>Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der +Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen zur +Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über +ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn +»verrückt« war, stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von +seinem Bedienten, davon.</p> +<p>Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der +Pendoppo, und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen +sich nähern, der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei +dem Bambusgebäude stillhielt.</p> +<p>Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles +enthalten mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer +und eine Anzahl Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, +all die Riemen und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk +eingeschlossen hielten mit einem schwarzledernen Futteral, das an die +Diskretion erinnerte, mit der in früheren Jahren Löwen und +Tiger in die Stadt kamen, als die Zoologischen Gärten noch +umherziehende Menagerien <span class="pagenum">[<a id="pb72" href="#pb72" name="pb72">72</a>]</span>waren. Nun, Löwen und Tiger +waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles so sorgfältig +geschlossen, weil es Westmūsson war und man also auf Regen gefasst +sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem Reisewagen, in dem +man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt ist, nicht so +leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist, sich wohl +vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt, die +durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil des Thons +oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der Absicht +gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden, die ein +bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu lange +in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren, was ich +Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss schliesslich +nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört und wo die +Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd, dass man +in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den man für +Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt.</p> +<p>Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem +denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des +Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft +gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes +haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für +»Recht« halten, daraus resultieren, dass man zu lange mit +derselben Gesellschaft in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, +das du da links so weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel +und den Korb mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag +gedrückt hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den +Gedanken kam, dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne +habest ... der mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange +war vor den Absätzen des Commis voyageur neben dir ... der Hals, +den du so lange links wenden musstest, weil es tröpfelte auf der +rechten Seite ... sieh, das werden auf diese Weise schliesslich alles +<span class="pagenum">[<a id="pb73" href="#pb73" name="pb73">73</a>]</span>Hälser und Kniee und Füsse, die so etwas +Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von Zeit zu Zeit mal +Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man kann dann seinen Hals +mal anders wenden, bewegt dann und wann seine Kniee, und vielleicht +sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen neben uns, oder ein kleiner +Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den Boden reichen. Man hat dann +mehr Aussicht, dass man gerade sieht und gerade läuft, sobald man +wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.</p> +<p>Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich +etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, +weiss ich nicht, doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum +Vorschein kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit +geführt zu werden. Man vernahm die Worte: »bitte schön, +Mevrouw!« und »bitte schön, Herr Resident!« +Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung und +Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte, von denen +ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden, will ich +euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht ausschliesslich +der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben werden darf, sondern +dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk in der Nähe war, +eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an den Tag +legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in den +Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und +Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr +bleich, was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur +mässiger Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl +von Entwicklung des Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte +in seinem Blick, etwas, das an die Logarithmentafel erinnerte, und +obwohl seine Erscheinung im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend +war, konnte man sich doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine +ziemlich grosse, magere Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so +wenig darauf vorging.</p> +<p>Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr +<span class="pagenum">[<a id="pb74" href="#pb74" name="pb74">74</a>]</span>beim Aussteigen behülflich zu sein, und +nachdem diese von einem Herrn, der noch im Wagen sass, ein Kind in +Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden Jungen von etwa drei +Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf folgte der Herr selbst, +und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde es als eine +Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag wartete, um +einer alten javanischen ‚babu‘, einer Kindsmagd, das +Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten +sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten am +Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer +Mutter.</p> +<p>Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem +Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung +annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass +sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es war +der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak eine +Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt, eine +Assistent-Residentschaft ist.</p> +<p>Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über +die geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums +geärgert und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass +sie etwas schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen +müsste, um hier nicht von <span class="letterspaced">Humor</span> +zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe +durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem <span class="letterspaced">Komischen</span> in einen Topf geworfen wird. Man +führt eine Person redend ein, die die Sprache nicht versteht oder +sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen das wunderlichste +Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns nimmt man jemanden, +der stottert, oder man schafft eine Person, die ihr Steckenpferd reitet +mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich habe ein fabelhaft +dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin jemand +vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich +dünken solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit +<span class="pagenum">[<a id="pb75" href="#pb75" name="pb75">75</a>]</span>zu sagen, ich bin bös auf euch, Leser, wenn +ihr so etwas spasshaft findet.</p> +<p>Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss +von Zeit zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen—ich werde es so +selten wie möglich thun—der in der That eine Art zu sprechen +hatte, welche mich fürchten lässt, dass ich in den Verdacht +eines missglückten Versuchs, euch zum Lachen zu bringen, komme, +und darum muss ich euch ausdrücklich versichern, dass es nicht +<span class="letterspaced">meine</span> Schuld ist, wenn +Hochwohlgeboren der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede +ist, sich so sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine +Wiedergabe, ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den +Effekt der Witzigkeit in einem »tic«, grosse +Schwierigkeiten macht. Er sprach nämlich in einem Tonfall, als ob +hinter jedem Wort ein Punkt stände, oder gar ein langes +Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen seinen Worten +keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille, die nach einem +langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das, wie +jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz zu +wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war +gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen +Ruhepunkte hätte abgewöhnen können, so würde +meistens das Gesagte, aus einem dialektischen Gesichtspunkte +wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt haben. Aber all das +Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das Anhören +beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn +gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten +Meinung, dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des +Fehlenden dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die +noch fehlenden Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres +hintenan und liessen empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, +was immer unangenehm ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern +es nicht in Diensten der Regierung stand—ein Umstand, der die +meisten etwas vorsichtig macht—nannte sein <span class="pagenum">[<a id="pb76" href="#pb76" name="pb76">76</a>]</span>Sprechen +»schleimig«. Ich finde dies Wort nicht sehr geschmackvoll, +doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft von des Residenten +Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.</p> +<p>Ich habe von <span class="letterspaced">Max Havelaar</span> und +seiner Frau—denn das waren die beiden Personen, die nach dem +Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin, der +‚babu‘, aus dem Wagen gekommen waren—noch nichts +gesagt, und vielleicht würde es genügen, die Feststellung +ihrer Erscheinung und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des +Lesers eigener Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun +einmal am Beschreiben bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar +nicht schön war, dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut +lag, und dass sie in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren +untrüglich erkennen liess, dass sie in der Welt gewesen und in den +höheren Klassen der Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das +Steife und Unbehagliche des bürgerlichen Anstandes, der, um +für »distinguiert« durchzugehen, sich und andere mit +»gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing +denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch +andere Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein +Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer +Einfassung—ich glaube, dass man in Europa so ein +Kleidungsstück ein Morgenkleid nennen würde—war ihr +Reisekleid. Um den Hals trug sie eine dünne seidene Schnur, an der +zwei kleine Medaillons hingen, die man aber nicht zu sehen bekam, da +sie in den Falten vor ihrer Brust verborgen waren. Die Haare trug sie +à la chinoise, und ein Kränzchen von Melattiblumen +schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.</p> +<p>Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich +nicht gern, dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie +schön finden werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in +ihrer Entrüstung zu zeigen über das, was sie +»Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr angebeteter Max +<span class="pagenum">[<a id="pb77" href="#pb77" name="pb77">77</a>]</span>im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte, +der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist +gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man +noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen +Gesichts, das nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele +mangelt. Nun, <span class="letterspaced">sie</span> hatte eine +schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht auch ihr +Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.</p> +<p>Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war +schlank, und behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und +beweglichen Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn +er in ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer +sprühten, wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner +Erscheinung nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen +glatt an den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass +wenige, die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen +würden, dass sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und +Herz angeht, zu den Seltenheiten gehört. Er war ein +»Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf wie eine +Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer am +ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und er +litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen, +erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der +Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles +Studium, alle Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die +einfachste Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen +können. Voll Liebe für Wahrheit und Recht, +vernachlässigte er manchmal seine einfachsten, +nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, +das höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich +grössere Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war +ritterlich und mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote +seine Tapferkeit manchmal an eine Windmühle. Er glühte von +unersättlichem Ehrgeiz, der <span class="pagenum">[<a id="pb78" +href="#pb78" name="pb78">78</a>]</span>ihm allen herkömmlichen +Unterschied im gesellschaftlichen Leben als nicht bestehend erscheinen +liess, und doch lag ihm das grösste Glück in einem ruhigen, +häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im höchsten Sinne +des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem Funken, +bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte +sich Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch +konnte er gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein +Gespräch führen über den Preis des Reises, über +Sprachregeln, über die ökonomischen Vorteile einer +ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft war ihm +ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem Masse +die Gabe, das Wenige, das er wusste—jeder weiss wenig, und er, +vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel +keine Ausnahme—das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass +seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich +und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil +Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist +etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung +von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn seine +Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren +zu lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch +bewies er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und +erhaben war, lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie +ein Kind. Er war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut +überging, und hätte Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt +gelassen, weil er Tausende weggeschenkt hatte. Er war +geistsprühend und unterhaltend, wenn er fühlte, dass sein +Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und +zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte +er—zu schnell bisweilen—zu seinem Freunde alles, was litt. +Er war empfänglich für Liebe und Anhänglichkeit ... treu +seinem gegebenen Wort ... schwach in Kleinigkeiten, doch standhaft bis +zum Eigensinn, wo es ihm der Mühe wert schien, Charakter zu zeigen +... <span class="pagenum">[<a id="pb79" href="#pb79" name="pb79">79</a>]</span>demütig und wohlwollend denen gegenüber, +die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch ein +hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen +dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit, +doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man +werde seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für +sinnlichen wie für geistigen Genuss gleicherweise empfänglich +... bedrückt und schlecht bei Worten, wo er glaubte, nicht +begriffen zu werden, aber einer ausserordentlichen Sprache +mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte auf willigen Boden +fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der eigenen Seele ihn +antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo dies wohl der Fall +war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren und untadelhaft im +Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken!</p> +<p>Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle +Festlegungen schwierig sind, so gilt dies vor allem von der +Beschreibung einer Person, die sehr weit von der alltäglichen +Grundform abweicht. Dem Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, +dass Romandichter ihre Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln +machen. Schwarz oder weiss lässt sich leicht ein Bild entwerfen, +aber schwieriger ist die exakte Wiedergabe von Schattierungen, die +dazwischen liegen, wenn man sich an die Wahrheit bindet und also die +Farbe weder zu dunkel noch zu hell halten will. Ich fühle, dass +die Skizze, die ich von Havelaar zu geben versuchte, <span class="corr" +id="xd20e1760" title="Quelle: höcht">höchst</span> +unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir vorliegen, sind in ihrer Art +so voneinander abweichend, dass sie mich durch Übermass von +Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich werde also +vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich mitzuteilen +wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. +<span class="letterspaced">Das</span> ist gewiss, er war ein +aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe der +Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt +habe, als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die +lächerliche und die ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu +gleicher <span class="pagenum">[<a id="pb80" href="#pb80" name="pb80">80</a>]</span>Zeit erfasste, welcher Eigenschaft seine Weise zu +sprechen, ohne dass er selbst dies wusste, eine Art Humor entlehnte, +der seine Zuhörer fortwährend in Zweifel brachte, ob sie +gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das in seinen Worten +lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik, die auf einmal +dem Ernst der Sache Abbruch that.</p> +<p>Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden +so wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen +der Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt +Leute, die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in +dem sie zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig +anderes zu erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht +nach der B-strasse verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als +dass man auf seine Erfahrung pochen hört, und just vonseiten +jener, die ihre grauen Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder +meinen ihre Ansprüche auf Erfahrung auf wirklich erlittene +Schicksalswendungen gründen zu dürfen, ohne dass aber an +irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch diese Veränderungen in +ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass +das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, ja, selbst das +unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder keinen +Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht +zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke +aufzufangen und zu verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob +man Erfahrung all den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die +vierzig oder fünfzig Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle +waren doch Menschen, die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, +nicht allein hatten aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder +minder gewichtigen Rollen dieses Drama mitgespielt hatten.</p> +<p>Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von +Empfindungen berührt, ohne dass die äusseren Umstände +hierzu Veranlassung zu geben scheinen. Man denke an die +Crusœ-Romane, an Silvio Pellicos Gefangenschaft, <span class="pagenum">[<a id="pb81" href="#pb81" name="pb81">81</a>]</span>an das +allerliebste »Picciola« von Saintine, an den Kampf in der +Brust einer ‚alten Jungfer‘, die ihr ganzes Leben hindurch +<span class="letterspaced">eine</span> Liebe hegte, ohne je durch ein +Wort zu verraten, was in ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des +Menschenfreundes, der, ohne äusserlich mit dem Lauf der +Geschehnisse verknüpft zu sein, ein feuriges Interesse hat am +Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man stelle sich vor, wie er +wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede Veränderung +beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und +glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und +zertreten sieht von den vielen, die, für einen Augenblick +wenigstens, stärker waren als jener schöne Gedanke. Man denke +an den Philosophen, der von seiner Zelle aus das Volk zu lehren +trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, dass seine Stimme +überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder von +gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates +vor—nicht, da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die +Erfahrung des Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch +äussere Umstände veranlasst wird—wie bitter +betrübt seine Seele gewesen sein muss, dass er, der das Gute und +Wahre suchte, sich »einen Verderber der Jugend und einen +Verächter der Götter« nennen hörte.</p> +<p>Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf +Jerusalem hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht +gewollt habe«.</p> +<p>Solch ein Schmerzensschrei—<span class="letterspaced">vor</span> Giftbecher oder Kreuzholz—löst +sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, viel +gelitten, da ist <span class="letterspaced">Erfahrung</span>!</p> +<p>Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und sie +bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das den +Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, mehr +denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg, +Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und +»Lieben« in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele +Länder besucht und Umgang <span class="pagenum">[<a id="pb82" +href="#pb82" name="pb82">82</a>]</span>gehabt mit Leuten von allerlei +Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, Religionen und Gesichtsfarbe.</p> +<p>Was also die Lebensumstände angeht, <span class="letterspaced">konnte</span> er viel erfahren haben. Und dass er +wirklich viel erfahren <span class="letterspaced">hatte</span>, dass er +nicht durch das Leben gegangen war, ohne die Eindrücke +aufzufangen, die es ihm so im Überfluss anbot, dafür +möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und die +Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.</p> +<p>Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten +konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig +auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen +etwas wie Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend +als auf nahendes Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch +wiederum sein, denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig +Jahren nicht jung mehr.</p> +<p>Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie +ein Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass +‚der kleine Max‘ noch zu jung sei, Drachen steigen zu +lassen, denn er, ‚der grosse Max‘, hatte viel +Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er +‚Bockspringen‘, und er zeichnete sehr gern ein Muster +für die Stickereiarbeit der Mädchen. Er nahm gar mehrfach +diesen die Nadel aus der Hand und hatte seinen Spass an dieser Arbeit, +obschon er öfters sagte, dass sie wohl etwas Besseres thun +könnten als dies ‚maschinelle Stichezählen‘. Bei +jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern +sein ‚Patriam canimus‘ mitsang oder ‚Gaudeamus +igitur‘ ... ja, ich bin mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht +noch sehr kurze Zeit vorher, als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein +Firmenschild abbrach, das ihm nicht behagte, weil ein Neger darauf +gemalt war, der niedergekauert sass zu den Füssen eines +Europäers mit einer langen Pfeife im Mund, und worunter +natürlich zu lesen stand: ‚<span lang="nl-1900">de rookende +jonge koopman</span>‘.</p> +<p>Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich <span class="pagenum">[<a id="pb83" href="#pb83" name="pb83">83</a>]</span>allen +Babus in Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von +Dienstpersonal kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie +aussah. Und wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von +anderen Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr +wenig zu thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von +Fürsorge für ihr Kind, und was es für den kleinen Max +oder mit ihm zu thun gab, that sie selbst, zur grossen Verwunderung +vieler anderer Damen, die es nicht gut fanden, dass man sich zur +‚Sklavin seiner Kinder‘ mache. <span class="pagenum">[<a id="pb84" href="#pb84" name="pb84">84</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch7" class="div1"> +<h2>Siebentes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Der Resident von Bantam stellte den Regenten und +den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar +begrüsste beide Beamte höflich. Dem Kontrolleur—die +Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches—nahm er +durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von +vornherein eine Art Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr +erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war +gegenüber einer Person, die den goldenen Pajong führt, aber +gleichzeitig auch sein »jüngerer Bruder« sein sollte. +Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen Tadel über +dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter +ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, was +denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der +Etikette nicht hätte thun brauchen.</p> +<p>—Wahrlich, m’nheer de Adhipatti, ich bin bös auf +Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich +dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.</p> +<p>—Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald +wie möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte +der Adhipatti.</p> +<p>—Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich +sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich +allzusehr bemühen. Und dazu noch zu Pferde! <span class="pagenum">[<a id="pb85" href="#pb85" name="pb85">85</a>]</span></p> +<p>—Ja, M’nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich +ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.</p> +<p>—Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, +Resident?</p> +<p>—Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.</p> +<p>—Gut, aber es giebt da eine Grenze.</p> +<p>—Eifrig, schleppte der Resident hinterher.</p> +<p>—Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch +einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt +wieder zurückschlucken. Wenn Sie’s für gut befinden, +Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, +wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau +nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz +genug.</p> +<p>—Es. Ist. Mir.</p> +<p>—Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. +Ich seh nicht ein ...</p> +<p>—Recht! sagte der Resident.</p> +<p>—Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde +durch den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz +genug. Wir können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. +Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen +Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser +Junge ... unser Max!</p> +<p>Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen. +Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter +Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo +genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte +Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:</p> +<p>—Ist der Regent immer so diensteifrig?</p> +<p>—Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, +M’nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen +guten Eindruck auf Sie machen möchte. <span class="pagenum">[<a id="pb86" href="#pb86" name="pb86">86</a>]</span></p> +<p>—Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört +... er besitzt Bildung, nicht wahr?</p> +<p>—O ja ...</p> +<p>—Und er hat eine grosse Familie, wie?</p> +<p>Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang +nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht +kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in +Gesprächen häufig einige Glieder in der logischen Kette +überschlagen, und wenn dieser Übergang auch in <span class="letterspaced">seinen</span> Gedanken ohne Stockung vor sich ging, so +war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche +Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei +solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf +den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst +verstehen?</p> +<p>So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, +und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:</p> +<p>—Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.</p> +<p>—Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr +Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den +Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde +zwischen diesen Moscheen und der ‚grossen Familie‘ des +Regenten.</p> +<p>Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet +werde.</p> +<p>—Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir +nun einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der +Landrenten?</p> +<p>—Ja, das könnte wohl besser sein ...</p> +<p>—Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte +Havelaar, als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch +ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass +Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich +auf die Antwort besinnen, <span class="pagenum">[<a id="pb87" href="#pb87" name="pb87">87</a>]</span>kam ihm Havelaar zuvor und setzte +seine Rede in <span class="letterspaced">einem</span> Atem also +fort:</p> +<p>—Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und +einige hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... +doch nur sechstausend über das Jahr ’55. Das ist seit +’53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die +Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, Malthus! In zwölf +Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Schätzung +ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren früher sehr +ungenau ... und sind’s noch! Von ’50 zu ’51 besteht +sogar ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte +... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie +doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... +wollen mal hingehen, Max!</p> +<p>Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu +lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem +Übergewicht durch ‚lokale Anciennetät‘, was der +gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.</p> +<p>—Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max +auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr +erfreut darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs +auch. Ich möchte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, +M’nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und +wir müssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch +immer Distriktshäuptling? Alles in allem halte ich ihn für +eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich +freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben und so +ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.</p> +<p>Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den +Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und +Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf +Minuten früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht +war«, wie der Kommandant meinte. Verbrugge <span class="pagenum">[<a id="pb88" href="#pb88" name="pb88">88</a>]</span>war +keineswegs von Verstande entblösst, und er, der die Abteilung +Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts +gedruckt wird, von <span class="letterspaced">einer</span> Person +überhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch +Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen +Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl +er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da +vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude über die +Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt +verstanden haben müsse. Später allerdings, als Havelaar +mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Grösse und +Adel hinter dieser Freude steckte.</p> +<p>Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, +indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge +sprach, bis Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde +vorgespannt seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen +und fuhr davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. +Der kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, +die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, dass +sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren +Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in +einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen +Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen +habe.</p> +<p>—M’nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.</p> +<p>—Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns +bleiben. Ich möchte einer Dame ...</p> +<p>—Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit +vieler Mühe hinterher.</p> +<p>—Ich möchte einer Dame in <span class="letterspaced">ihren</span> Umständen nicht gern mein Haus +verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?</p> +<p>Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde. +<span class="pagenum">[<a id="pb89" href="#pb89" name="pb89">89</a>]</span></p> +<p>—Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte +Verbrugge. <span class="corr" id="xd20e1915" title="Quelle: Est">Es</span> ist Raum in Überfluss vorhanden für +zwei Familien.</p> +<p>—Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...</p> +<p>—Ich. Wagte. Es. Ihr.</p> +<p>—Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt’s gar +keinen Zweifel!</p> +<p>—Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.</p> +<p>—Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb +nähmen bei uns.</p> +<p>—Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.</p> +<p>—Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, +Resident!</p> +<p>Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, +setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau +Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte +pflichtgemäss sein erschrecktes »hopsa!« gerufen, das +auf solchen Stoss folgt, Max hatte in seiner Mutter Schoss die Banane +wiedergefunden, die er durch den Ruck verloren hatte, und schon war man +ein ganzes Ende dem demnächst zu erwartenden Morastloch +näher, als endlich der Resident beschliessen konnte, seinen Satz +zu vollenden, indem er hinzufügte:</p> +<p>—Eine. Eingeborne. Frau.</p> +<p>—O, das bleibt sich gleich, suchte <span class="corr" id="xd20e1939" title="Quelle: Mevrouv">Mevrouw</span> Havelaar +verständlich zu machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, +dass die Sache geregelt sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach +man das Gespräch ab.</p> +<p>Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars +Vorgänger, der zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem +darauf vorläufig die Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten +übertragen waren, hätte das Recht gehabt, während dieser +Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, die zu Rangkas-Betung so +wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das Oberhaupt der +Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies jedoch nicht +gethan, zum <span class="pagenum">[<a id="pb90" href="#pb90" name="pb90">90</a>]</span>Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald +wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben +jener Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre +Raum genug gewesen, denn ausser der sehr grossen +Assistent-Residentenwohnung selbst stand daneben auf demselben +»Erbe« noch ein anderes Haus, das früher dieser +Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen baufälligen +Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.</p> +<p>Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher +bei dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die +Benutzung des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie +in einigen Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem +Havelaar und seine Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in +ihrer Art lag, denn gastfrei und hülfbereit waren sie in +höchstem Masse.</p> +<p>Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine +»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir +werden ihr später wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und +dem kleinen Max in der Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten +zu Rangkas-Betung, wo unsere Reisegesellschaft nach langem +Gerüttel und Geschüttel endlich wohlbehalten ankam, Thee +trinken.</p> +<p>Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen +Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu +erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren +möchte:</p> +<p>—Weil. Er.</p> +<p>Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit +...</p> +<p>—So. Drängend. Zu thun. Habe.</p> +<p>... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine +halbe Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich +wieder zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte +schon mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, +dem Kliwon, dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und +<span class="pagenum">[<a id="pb91" href="#pb91" name="pb91">91</a>]</span>schliesslich allen inländischen Beamten, die +dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, Befehl gegeben, sich am +Hauptplatze zu versammeln.</p> +<p>Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar +besah ihre neue Wohnung und <span class="corr" id="xd20e1965" title="Quelle: wahr">war</span> sehr entzückt von ihr, vor allem weil +der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, +der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre +Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, der +stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm +erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, die +entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder zum +Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- +und Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles +zeigte an, dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen +Erde in der Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben +unterbrochen war.</p> +<p>Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt +herauf. Der Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch +ein wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben +sich nach der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und +Gamlangs empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm +bespritztes Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die +Häuptlinge geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach +orientalischer Sitte auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen +Galerie stand ein Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der +Assistent-Resident, der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz +nahmen. Man reichte Thee mit Gebäck herum, und die einfache +Feierlichkeit nahm ihren Anfang.</p> +<p>Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des +Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten +von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den +Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« +zur Hand, worin der Eid <span class="pagenum">[<a id="pb92" href="#pb92" name="pb92">92</a>]</span>stand, der bei Antritt eines Amtes +allgemein vorgeschrieben ist und der besagt:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»... dass man, um zur Würde des * * * * +ernannt oder befördert zu werden, niemandem etwas versprochen oder +gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man +unerschütterlich treu sein werde Seiner Majestät dem +König der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner +Majestät in den Indischen Regionen; dass man peinlich +erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und +Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass man +sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: +Assistent-Residenten) gezieme.«</p> +</div> +<p><span class="corr" id="xd20e1979" title="Quelle: Daurauf">Darauf</span> folgte natürlich das sakramentale: +»So wahr mir helfe Gott der Allmächtige!«</p> +<p>Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in +diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das +Gelöbnis: »der eingeborenen Bevölkerung Schutz +gewähren zu wollen vor Aussaugung und Unterdrückung«. +Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden Gesetze und +Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf die +diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, +dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig +sei. Doch der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des +Guten nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert +von dem Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese +Verpflichtung bezüglich des geringen Mannes noch einmal +ausdrücklich ausgesprochen ist. Havelaar musste also ein zweites +Mal »Gott den Allmächtigen« zum Zeugen anrufen bei dem +Gelübde: dass er »<span class="letterspaced">die eingeborene +Bevölkerung schützen werde vor Unterdrückung, +Misshandlung und Erpressung</span>«.</p> +<p>Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe +gelohnt haben, auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton +einerseits des Residenten und andererseits Havelaars bei dieser +Gelegenheit sich zeigte. Beide hatten <span class="pagenum">[<a id="pb93" href="#pb93" name="pb93">93</a>]</span>sie einer solchen +Feierlichkeit zu mehreren Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem +ich rede, lag also nicht in der grösseren oder geringeren +Inanspruchnahme bei einer neuen und ungewohnten Situation, sondern er +war allein zurückzuführen auf die durchaus entgegengesetzte +Richtung der Charaktere und Begriffe dieser beiden Personen. Der +Resident sprach wohl etwas schneller wie gewöhnlich, da er den +Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, was ihm die Mühe +ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber doch geschah von +seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, der dem +oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der +Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar +hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, in +Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: +»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott +der Allmächtige« würde ich das thun«, und wer +Menschenkenntnis besass, würde mehr Vertrauen gesetzt haben auf +seine Ungezwungenheit und scheinbare Gleichgültigkeit, als auf die +würdige Amtsmiene des Residenten.</p> +<p>Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, +der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von +Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten +würde durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne +diese Worte, sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes +Herz?</p> +<p>Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, +wo er sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er +bei »Gott dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt +hätte.</p> +<p>Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, +worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der Abteilung +vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren +Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze +mehr waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen +Havelaar bei <span class="pagenum">[<a id="pb94" href="#pb94" name="pb94">94</a>]</span>Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und +die »Installation« war vor sich gegangen.</p> +<p>Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der +Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben +bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder +angelangt sein wollte:</p> +<p>—Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.</p> +<p>... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung wieder +eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen +Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und +überdies nicht an dem Grossen Wege gelegen war.</p> +<p>Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen +angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr +eingenommen sei für seinen neuen »älteren +Bruder«, und Verbrugge erzählte später, dass auch der +Resident, den er auf seiner Rückreise nach Serang ein Stück +Weges geleitet hatte, sich über die Familie Havelaar, die auf +ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt, +sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der +bei der Regierung gut angeschrieben stünde, +höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt +befördert oder wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« +Abteilung versetzt werden würde.</p> +<p>Max und ‚seine Tine‘ waren erst unlängst von einer +Reise nach Europa zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet +von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe +nennen hören. Sie erachteten sich also glücklich, nach vielem +Umherschwärmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo +sie zu Hause sein durften. <span class="letterspaced">Vor</span> ihrer +Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, +wo er mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die +Bevölkerung dieses Eilandes in einem gärenden und +aufrührerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen +verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeit <span class="pagenum">[<a id="pb95" href="#pb95" name="pb95">95</a>]</span>getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte +er diesen Geist des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus +Verdruss über die geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher +Hand lieh, und aus Ärger über die elende Verwaltung, die seit +Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entvölkert und +verwüstet ...</p> +<p>Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen +Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen +geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im +»Indischen Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande +jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!</p> +<p>Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften +lag, doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung +vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine +Bemühungen zu unterstützen, war er krank geworden, und dies +hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen, +hätte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen +günstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner +Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina +von grösserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten über +sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, schon bevor +er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu +befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die +Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig an +Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer +Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er +selbst freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein +Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen +um höheren Rang oder grösseren Gewinn.</p> +<p>Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn +auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in +früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen +und er war also mit <span class="pagenum">[<a id="pb96" href="#pb96" +name="pb96">96</a>]</span>einem Wort arm. Doch nimmer hätte er +sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner +Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den +Rückstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die +in Geschmack und Bedürfnissen sehr einfach war, mit grosser +Bereitwilligkeit unterstützen würde.</p> +<p>Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn +selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige +beschränken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb +dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war +ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser +Schwäche bewusst, begründete mit all dem gesunden Verstand, +der ihm gegeben war, wie unrecht er thäte, wenn er jemanden +unterstützte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene +Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht noch +lebendiger, wenn auch ‚seine Tine‘ und Max, die er beide so +lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ... +er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, +als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu +lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn +dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu +gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das +ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch +Übertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der +Geburt des kleinen Max besass er das Nötige nicht, um die eiserne +Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit +vorher noch hatte er die wenigen Schmuckstücke seiner Frau +geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren +Verhältnissen lebte als er selbst.</p> +<p>Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak +angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem +Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit +einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel +bestellt, die alles so »comfortable« <span class="pagenum">[<a id="pb97" href="#pb97" name="pb97">97</a>]</span>und +gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die +Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der +kleine Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo +er ihr des Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er +war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... +und: »dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann +würde man sehen, wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er +etwas dem Druck übergeben von dem, was in seinem Kopfe umging, +weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, die wohl einen Zug von +Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser +zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu öffentlichem +Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet ihr eure +Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«</p> +<p>Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die +seiner Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein +sonderbarer Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil +behaupte. Doch wenn man sich die Mühe genommen hätte, seinen +ungewöhnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so würde man in +dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines +Mädchens vielleicht den Text gefunden haben für eine +Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet +vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich +zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter +Sprödigkeit.</p> +<p>Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und +seine Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die +Schulden, die sie in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um +die noch unbezahlten Kosten der Rückreise nach Indien und um die +Ausgaben für die Möblierung ihrer Wohnung. Doch Not war +keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, von einem +Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, ja +wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde +alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...</p> +<p>—Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, +<span class="pagenum">[<a id="pb98" href="#pb98" name="pb98">98</a>]</span>Tine, wenn ich Lebak verlassen müsste, denn +es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann +können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne +Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht +lange!</p> +<p>Nun brauchte er <span class="letterspaced">sie</span> nicht zur +Sparsamkeit anspornen. <span class="letterspaced">Sie</span> war +wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, +doch sie war so in sein <span class="letterspaced">Ich</span> +verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel +auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste +sehr gut, dass <span class="letterspaced">er</span> allein gefehlt +hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass +<span class="letterspaced">ihr</span> Fehler—wenn überhaupt +ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war—allein darin gelegen +hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er +that.</p> +<p>Ja, <span class="letterspaced">sie</span> hatte es gut gefunden, +dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals +Amsterdam verlassen hatten und niemals »aus gewesen« waren, +auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter dem +ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit +»der Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so +gut betragen hätten«. <span class="letterspaced">Sie</span> +fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf +Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug +überschüttete. <span class="letterspaced">Sie</span> begriff +vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen +Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück wollten, doch +nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe gehörte +und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für +ihren elenden Betrieb. <span class="letterspaced">Sie</span> konnte es +nicht missbilligen, dass er das Mädchen zu ihr brachte, das abends +auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab, +ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile »gehe hin und +sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor er ihr dies +»nicht sündigen« möglich gemacht hatte. +<span class="letterspaced">Sie</span> fand es sehr schön von ihrem +Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die Wohnung des +Familienvaters, den er hatte sagen hören, <span class="pagenum">[<a id="pb99" href="#pb99" name="pb99">99</a>]</span>wie weh +es ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die +Musik entbehren müssten. <span class="letterspaced">Sie</span> +begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte, +die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf den Tisch des +Auktionators steigen musste. <span class="letterspaced">Sie</span> fand +es natürlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde +von den Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, +dafür andere Pferde wiedergab. <span class="letterspaced">Sie</span> hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und +auf Amboina die Schiffbrüchigen der ‚whalers‘, der +Walfischfänger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu +sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung +eine Verpflegungsrechnung vorgelegt hätte. <span class="letterspaced">Sie</span> begriff vollkommen, warum die Offiziere +beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max +logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier +bedeutete.</p> +<p>War er nicht <span class="letterspaced">ihr</span> Max? War es nicht +wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so +fürstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der +Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere gilt? Und zudem, +mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine +Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, +war Max, <span class="letterspaced">ihr</span> Max, nicht bestimmt +für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in +Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne +Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen +Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur +werden über das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es +nicht sonderbar, dass er nicht schon König war?</p> +<p>Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die +Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn +je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der +viel geliebt!</p> +<p>Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die +übertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max +bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine <span class="pagenum">[<a id="pb100" href="#pb100" name="pb100">100</a>]</span>gute +Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegründete Aussicht sich +verwirklicht hätte, wären in der That die unangenehmen Folgen +seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu räumen gewesen. Aber +noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine +scheinbare Sorglosigkeit.</p> +<p>Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei +Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr +mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr +auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer +Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer +Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von +väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, +ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann +dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um +Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, +als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der +früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft +von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm +V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister +gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie +ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als +Ursache des Niederganges seiner günstigen +Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei +Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. +Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen—damals +eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem +Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf +bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben +sollte—Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, +wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines +Vaters gesucht hatte.</p> +<p>Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, +dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus +einigen Papieren wurde ersichtlich, dass <span class="pagenum">[<a id="pb101" href="#pb101" name="pb101">101</a>]</span>dieser im Besitz des +Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in +einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig +die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis +ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch +hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder +wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.</p> +<p>Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst +nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es +seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben +sprach—und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der +Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke +enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert +waren—auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie +uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere +Umstände die Meinung, dass dahinter ein ‚roman intime‘ +sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der +er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit +Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. +Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses +Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, +dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen +»Millionentraum« nennen könnte.</p> +<p>Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf +dem Rechte eines andern—wie tief es auch begraben sein mochte +unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von +Advokatenkniffen—nachgespürt und es verteidigt haben +würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, +nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache +hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham +zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube +bestimmt, wenn ‚seine Tine‘ mit einem anderen verheiratet +gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen +gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, +worin der grossväterliche Wohlstand <span class="pagenum">[<a id="pb102" href="#pb102" name="pb102">102</a>]</span>hängen geblieben +war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, ‚die +interessante Waise‘ in den Besitz des Vermögens zu setzen, +das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, +ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas +Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu +fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«</p> +<p>Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich +schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine +Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was +häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld +ausgab.</p> +<p>Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel +gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges +Haupt hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen +Gläubigers, war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine +Scheu zu überwinden, um die Millionen gegenständlich zu +machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit +einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen +das nichts ins Feld zu führen ist.</p> +<p>Doch sie würden <span class="letterspaced">so</span> sparsam +sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem +unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen über die +Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein wenig +Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von +problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie +auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren +doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze +Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung +war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak +zu arm, als dass er—bei welcher Wendung des Loses immer—die +Aufmerksamkeit erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine +überdachte dies alles wohl nicht so—hierzu hätte sie +sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte, +Rechenschaft geben müssen von den Ursachen ihrer nicht sehr +günstigen Verhältnisse—aber es lag in ihrer neuen +<span class="pagenum">[<a id="pb103" href="#pb103" name="pb103">103</a>]</span>Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es +mangelten hier alle Anlässe, die—mit mehr oder minder +romanhaftem Hintergrunde—früher Havelaar so oftmals hatten +sagen lassen:</p> +<p>—Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich +nicht entziehen kann?</p> +<p>Und worauf sie stets geantwortet hatte:</p> +<p>—Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!</p> +<p>Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak +Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens +zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen +in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe +und im Besitz ihres Kindes ...</p> +<p>—O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da +auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die +schönen Lilien ...</p> +<p>Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an +ihrem Hause. <span class="letterspaced">Und</span> als abends Duclari +und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer +gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen sie viel +über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen +Familie.</p> +<p>Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht +über bis zum folgenden Morgen. <span class="pagenum">[<a id="pb104" href="#pb104" name="pb104">104</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch8" class="div1"> +<h2>Achtes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die +Häuptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, +dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah +beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand +gewöhnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen +Häuptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt +wohnten—denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt—das +unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es +sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in +feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten +Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.</p> +<p>Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und +gegenüber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein +Gebäude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft +enthielt, wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil +aus einer ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht +geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn +auch den folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig +vereinigt. Havelaar trat ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing +die geschriebenen Monatlichen Berichte über Landbau, Viehstand, +Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu näherer Prüfung +beiseite.</p> +<p>Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der +Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und es <span class="pagenum">[<a id="pb105" href="#pb105" name="pb105">105</a>]</span>ist +nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte, +etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten +gehört und gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie +er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene +Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich +dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer sprühte, wie +seine Stimme vom schmeichelnd-sanften überging zu +Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als +streue er Kleinodien um sich her, die <span class="letterspaced">ihn</span> doch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er +anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen: +»Mein Gott, wer bist du?«</p> +<p>Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach +wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er +gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die +Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch +Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er +hätte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus +beschlossen war, anfeuern können bis zu vernichtender Raserei, +doch nicht so gut wäre es ihm wahrscheinlich, falls es seine +Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege +zu bewegen. Seine Ansprache an die Häuptlinge von Lebak wurde +natürlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem +Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der +orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine Kraft verleiht, die +unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit verloren +gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das +süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen +Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl +seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen +Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren +Eindrücke sehr verschieden sind von den unseren.</p> +<p>Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben: <span class="pagenum">[<a id="pb106" href="#pb106" name="pb106">106</a>]</span></p> +<p>—Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und +Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser +Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, +und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am +Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter +seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!</p> +<p>Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun +ich hier Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von +meinem Munde.</p> +<p>Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch +Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine +Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie +ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, +doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, +die die Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen +Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen +verdrängt und ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die +unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser +zu werden, als ich bin.</p> +<p>Ich grüsse Euch alle sehr.</p> +<p>Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich +Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr +erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul +betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure +Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in +Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es +sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu +leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden +von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!</p> +<p>Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern +Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben. <span class="pagenum">[<a id="pb107" href="#pb107" name="pb107">107</a>]</span></p> +<p>Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und +hierüber war ich froh im Innersten meiner Seele.</p> +<p>Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum +giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer +sein Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.</p> +<p>Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in +den Blumenkelch, der Durst hat?</p> +<p>Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die +Ermüdeten suche, die zurückblieben nach der Arbeit und +niedersanken am Wege, da ihre Kniee nicht stark mehr waren, +hinaufzugehen nach dem Orte des Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, +die Hand reichen zu dürfen dem, der in die Grube fiel, und einen +Stab zu geben dem, der die Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz +aufspringen vor Lust, wenn es sich erwählet sieht unter vielen, +aus Klagen ein Gebet zu machen und Danksagung aus Weinen?</p> +<p>Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach +Bantan-Kidul!</p> +<p>Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein +Glück grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah +Segen giebt auf das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen +Ort, wo nicht alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich +würdig, da zu sein <span class="letterspaced">vor</span> der Zeit +der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: die Freude +ist im Schneiden <span class="letterspaced">des</span> Padie, den man +gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, +sondern von der Arbeit, die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: +Allah hat uns ein Kind gegeben, das dereinstmals sagen wird: +»Wisset Ihr, dass ich sein Sohn bin?« Und dann werden da +welche sein im Lande, die ihn grüssen mit Liebe und die die Hand +auf sein Haupt legen werden, und sie werden sagen: »Setze dich +nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, und nimm deinen Teil von +dem, was wir haben, denn ich habe deinen Vater gekannt.« +<span class="pagenum">[<a id="pb108" href="#pb108" name="pb108">108</a>]</span></p> +<p>Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem +Landstrich!</p> +<p>Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft +zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele +Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder +gering?</p> +<p>Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, das +da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind +die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre +ich den Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, +noch das Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«</p> +<p>Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der +Südküste und die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf +ihren Seiten, oder die Flächen, wo nimmer ein Büffel den +Pflug zog?</p> +<p>Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber +betrübt ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns +Macht gegeben hat, hier zu arbeiten.</p> +<p>Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon +der Bewohner wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn +die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und +nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an +vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach dem +Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es ist +kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün +ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch +sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das +Getreide reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, +noch Banjirs, deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen +und Euch jammern lassen: »Zeig’ mir den Platz, wo ich +gesäet habe!«</p> +<p>Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... +wo Er den Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne +glühen lässet, dass alles versenget <span class="pagenum">[<a id="pb109" href="#pb109" name="pb109">109</a>]</span>werde ... wo Er Krieg sendet, der die Felder +niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände +erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet +... da, Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und +sagen: »Er will es so!«</p> +<p>Doch nicht also in Bantan-Kidul!</p> +<p>Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer +Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn +Ihr einen Tiger sähet auf seinem Wege?</p> +<p>Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, +und unser Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.</p> +<p>Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend +von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die unser +Land verlassen haben.</p> +<p>Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern +begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung +empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort +wächst, vor dem Schatten unserer Haine?</p> +<p>Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder +sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in +fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie +kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die +Aufständischen erschlägt.</p> +<p>Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so +viele, die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? +Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an +seinem Fusse?</p> +<hr class="tb"> +<p>Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den +Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn +hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war +in seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, +das zu der Frage lockte: »Wo ist <span class="pagenum">[<a id="pb110" href="#pb110" name="pb110">110</a>]</span>der Kleine? Jetzt +schon will ich das Kind küssen, das seinen Vater so sprechen +lässt!« Doch als er kurz darauf, scheinbar mit wenig +Planmässigkeit in dem allen, überging zu den Fragen, warum +Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser Gegenden anderswohin +verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, der an das +Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz geschraubt +wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne Worte +besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber—sei +hier nun Absicht oder Natur im Spiel—gerade diese +Eintönigkeit verstärkte den Eindruck seiner Worte auf +Gemüter, die so besonders empfänglich waren für solche +Sprache.</p> +<p>Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn +umringte, waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum +Begreiflichmachen dessen, was er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so +häufig, lästige Anhängsel, die die Sätze der Redner +beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit dem Begriff der Sache +hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir sind jetzt +gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: +»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild +zuerst anwendete, zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der +Seelenpoesie geschöpft hatte, die Bilder giebt für logische +Folgerungen und nicht anders sprechen <span class="letterspaced">kann</span>, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach +aus diesem oder jenem Buch—aus der Bibel +vielleicht—abgeschrieben hatte, worin ein <span class="letterspaced">Löwe vorkam</span>. Denn niemand seiner +Zuhörer hatte jemals die Stärke des Löwen erfahren, und +es wäre also viel eher nötig gewesen, sie diese Stärke +erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, dessen +Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.</p> +<p>Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder +fühlt, dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen +wären, die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle +und dass er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum +fragen liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, +dass dieser Baum <span class="pagenum">[<a id="pb111" href="#pb111" +name="pb111">111</a>]</span>dastand und in der Einbildung von Havelaars +Zuhörern in Wirklichkeit fragend umherspähte nach den +ausgewanderten Bewohnern von Lebak. Auch ersann er nichts: er +hörte den Baum sprechen und glaubte nur nachzusagen, was er in +seiner dichterischen Auffassung so deutlich verstanden hatte.</p> +<p>Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die +Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so +unbestreitbar sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten +Testaments erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt +habe, wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von +einem Seher hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben +in Wäldern und auf Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von +der poesie-ausströmenden Atmosphäre des Ostens, und also aus +gleichartiger Quelle schöpfend wie die mahnenden und richtenden +Seher des Altertums, mit denen ihn zu vergleichen man sich bisweilen +genötigt sah ... da vermuten wir, dass er nicht <span class="letterspaced">anders</span> gesprochen haben würde, auch wenn er +niemals die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen +hätte. Finden wir nicht schon in den Versen, die aus seiner +Jugendzeit datieren, Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak +geschrieben waren—einem der Riesen, doch nicht der grösste, +unter den Bergen der Preanger Regentschaften—worin gleichfalls +wieder der Beginn die Sanftheit seiner Empfindungen darthut, um auf +einmal überzugehen in das Nachsprechen des Donners, den er unter +sich hört:</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Wie herrlich ist’s, hier seinen Schöpfer +laut zu loben ...</p> +<p class="line xd20e2253">Wie freudig schwingt von Höh’ zu +Höh’ sich dein Gebet ...</p> +<p class="line">Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach +oben:</p> +<p class="line xd20e2253">Du fühlst von Gottes Nähe dich +umweht!</p> +<p class="line">Hier schuf Er <span class="letterspaced">Selbst</span> +sich in Altar und Tempelchören,</p> +<p class="line xd20e2253">Wo noch kein Priester Gottes Wort +geschmäht,</p> +<p class="line">Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern +hören ...</p> +<p class="line xd20e2253">Und rollend ruft sein Donner: <span class="letterspaced">Majestät</span>!</p> +<p class="line">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> +</div> +<p class="firstpar">... und fühlt man nicht, dass er diese letzten +Verse nicht <span class="letterspaced">so</span> hätte schreiben +können, wenn er nicht wirklich hören und <span class="pagenum">[<a id="pb112" href="#pb112" name="pb112">112</a>]</span>verstehen zu können glaubte, wie Gottes +Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, an den erbebenden +Bergwänden zurief?</p> +<p>Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches +Schnürleib«, sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas +vorzulesen von dem, was er, wie er sich ausdrückte, +»begangen« hatte, so suchte er sein Vergnügen darin, +sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder in einem Tone +vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem er auf +einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und ein +Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, +doch bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die +schlechte Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und +seiner Seele, die sich so beengt darin fühlte.</p> +<p>Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der +herumgereichten Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich +durch einen Wink befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten +unvermeidlichen Thee mit Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er +mit Vorbedacht nach den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache +einen Ruhepunkt eintreten liess. Und hierzu war Grund. +»Wie—mussten die Häuptlinge denken—er weiss +schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, mit Bitterkeit im +Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien in benachbarte +Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die hier herrscht? +Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter den Banden, die in +den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt haben gegen die +Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt er? Wem +gelten seine Fragen?«</p> +<p>Und es waren welche, die sahen <span class="letterspaced">Radhen +Wiera Kusuma</span> an, das Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die +meisten schlugen die Augen zur Erde.</p> +<p>»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr +werdend, das auf dem <span class="corr" id="xd20e2293" title="Quelle: Erbe">Hof</span> spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf +den Schoss. Doch der war zu wild, <span class="pagenum">[<a id="pb113" +href="#pb113" name="pb113">113</a>]</span>um es lange dort auszuhalten. +Er sprang fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und +ergötzte die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit +den Knäufen ihrer Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes +Aufmerksamkeit erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die +andern, schien dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem +Kliwon zu zeigen, der neben ihm sass und sein Ohr einer +zugeflüsterten Bemerkung darüber zu neigen schien.</p> +<p>—Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu +sagen.</p> +<p>Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen +zugeworfen.</p> +<p>Hierauf fuhr Havelaar also fort:</p> +<p>—Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des +Königs von Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass +wir unsere Pflicht thun, ist ferne von hier. +Dreissig-mal-tausend-mal-tausend Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind +gehalten, seinen Befehlen zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe +sein, die abhängen von seinem Willen.</p> +<p>Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder +seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und +gebietend über alles, was Gewalt hat in den Städten, und +über alle, die in den Dörfern die ältesten sind, und +bestimmend über die Heeresmacht und über die Schiffe, die auf +See fahren ... auch er kann nicht sehen, wo Unrecht gethan ist, denn +das Unrecht bleibt ferne von ihm.</p> +<p>Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil +Bantam, wo fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass +Recht geschehe in seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in +den Landschaften, die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es +fern von seiner Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem +Angesicht, weil er Strafe fürchtet. <span class="pagenum">[<a id="pb114" href="#pb114" name="pb114">114</a>]</span></p> +<p>Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, +dass jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande +laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.</p> +<p>Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, +dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht +würde thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: +»ein guter Assistent-Resident« ... auch ich habe den +Willen, zu thun, was meine Pflicht ist.</p> +<p>Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!</p> +<p>So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes +halber verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die +den Büffel dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen +gehören, die da Hunger haben ... wer wird sie strafen?</p> +<p>Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und +der Regent würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in +seiner Regentschaft. Und auch ich werde dem entgegentreten, wo ich +kann. Doch wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich es +erführen ...</p> +<p>Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in +Bantan-Kidul?</p> +<p>Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird +gethan werden.</p> +<p>Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden +bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird +sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da +ankommt in den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, +der gestorben ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer +<span class="letterspaced">war</span> der Mann, der gestorben +ist?« Und man wird sagen:</p> +<p>»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den +Kläger nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer +zu ihm kam, und gab wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht +treiben konnte durch den <span class="pagenum">[<a id="pb115" href="#pb115" name="pb115">115</a>]</span>Grund, weil ihm der Büffel +aus dem Stall geholt war, dem half er suchen nach dem Büffel. Und +wo die Tochter geraubt war aus dem Hause der Mutter, suchte er den Dieb +und brachte die Tochter wieder. Und wo man gearbeitet hatte, +vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die Früchte denen nicht +ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete sich nicht mit dem +Kleide, das andere decken musste, noch nährte er sich mit Nahrung, +die dem Armen gehörte.«</p> +<p>Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, +Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein +guter Mensch gestorben.«</p> +<p>Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem +Hause und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und +der Gesang der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: +»Da ist ein Mann gestorben.«</p> +<p>Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei +seinem Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des +Hauses und die Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird +sagen:</p> +<p>»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er +verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker +mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker der +Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte +sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut der +andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, doch +der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste den +Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie +ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen +von dem Kläger, der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem +Gesicht, doch keine Milch in den Brüsten der Mütter, die +säugten.«</p> +<p>Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist +gross ... wir fluchen niemandem!«</p> +<p>Häupter von Lebak, einst sterben wir alle! <span class="pagenum">[<a id="pb116" href="#pb116" name="pb116">116</a>]</span></p> +<p>Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? +Und was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis +ansehen?</p> +<p>Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme +spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den +Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die +Ernte aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der +das Feld pflügen sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den +ich dir zu bewachen gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der +Fruchtbarkeit seiner Frau?«</p> +<p>Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er +im einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede +gewesen, das Eindruck machen musste, fort:</p> +<p>—Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu +leben, und darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. +Wer geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite +versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht +streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen +Dienstvergehen oder Nachlässigkeiten. Allein, wo +Nachlässigkeit zur Gewohnheit werden sollte, werde ich ihr +entgegentreten. Über Vergehen gröberer Art ... über +<span class="letterspaced">Erpressung</span> und Unterdrückung +spreche ich nicht. So etwas wird nicht vorkommen, nicht wahr, +m’nheer de Adhipatti?</p> +<p>—O nein, m’nheer de Assistent-Resident, so etwas wird +nicht vorkommen in Lebak.</p> +<p>—Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, +lasset es uns eine Freude sein, dass unsere Abteilung so +zurückgeblieben und so arm ist. Wir haben Schönes zu thun. +Wenn Allah uns am Leben erhält, werden wir Sorge tragen, dass +Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist fruchtbar genug und die +Bevölkerung willig. So jeder im Genuss seiner Mühen gelassen +wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass binnen kurzer Zeit die +Bevölkerung zunehmen wird, so an <span class="pagenum">[<a id="pb117" href="#pb117" name="pb117">117</a>]</span>Seelenzahl wie an +Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in Hand. Ich +ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, der Euch helfen +wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, Unrecht +entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung sehr +anempfohlen.</p> +<p>Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, +Viehzucht, Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen +zurückgeben lassen.</p> +<p>Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet +zurückkehren, ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch +alle sehr!«——</p> +<hr class="tb"> +<p>Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete ihn +über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie +erwartete.</p> +<hr class="tb"> +<p>—Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! +Kommen Sie ... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, +Rhaden Djaksa, höret einmal!</p> +<p>So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen +sich anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch +Verbrugge war im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem +Djaksa zurück.</p> +<p>—Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. +Djaksa, lasst hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen +Jungen gesagt?</p> +<p>—Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer +de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer +gesprochen hatte.</p> +<p>—I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst +schon nicht mehr, was ich gesagt habe.</p> +<p>—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...</p> +<p>Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max +gesprochen. <span class="pagenum">[<a id="pb118" href="#pb118" name="pb118">118</a>]</span></p> +<p>—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein +Königskind wäre.</p> +<p>Das that Tine wohl: sie fand es auch!</p> +<p>Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er +sah auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben +auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.</p> +<p>Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz +anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war einige +Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum +»Dienst« in Beziehung stand. Doch auf einmal—und also +im Widerspruch mit dem in so hohem Masse höflichen +Volkscharakter—fragte der Regent, ob gewisse Gelder, die der +Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht ausbezahlt werden +könnten.</p> +<p>—O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, +dass dies nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt +hat.</p> +<p>Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht +abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges Antwort +ihm wider den Strich ging.</p> +<p>—Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, +sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen das +nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut +befunden werden.</p> +<p>Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte +Verbrugge, der sich gern an die »Staatsblätter« +hielt:</p> +<p>—Aber, M’nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs +Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn +nun ein Manco sich herausstellt?</p> +<p>—Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.</p> +<p>Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem +Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben +war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. +Havelaar zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung +setzen solle <span class="pagenum">[<a id="pb119" href="#pb119" name="pb119">119</a>]</span></p> +<p>—Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der +Regent hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und +zudem ... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er +<span class="letterspaced">selbst</span> hat das Geld nötig, und +der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete lieber auf +eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann von seinem +Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen sollte. +Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch getrieben +mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie’s?</p> +<p>Verbrugge schwieg. Er wusste es.</p> +<p>—Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, <span class="letterspaced">ich weiss es</span>! Ist nicht M’nheer Slotering +gestorben im November? Nun, <span class="letterspaced">den Tag nach +seinem Tode</span> hat der Regent Volk aufgerufen, um <span class="letterspaced">seine Sawahs</span> zu bearbeiten ... ohne Bezahlung! +Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. <span class="letterspaced">Wussten</span> Sie’s?</p> +<p>Dieses wusste Verbrugge nicht.</p> +<p>—Als Kontrolleur hätten Sie es wissen <span class="letterspaced">müssen</span>! <span class="letterspaced">Ich</span> weiss es, fuhr Havelaar fort. Da liegen die +Monatsaufstellungen von den Distrikten—und er wies auf einen +Packen Schriftwerk, das er in der Versammlung erhalten +hatte—sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin sind unter +anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum +Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?</p> +<p>—Ich habe sie noch nicht gesehen ...</p> +<p>—Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren +die Angaben vom vorigen Monat richtig?</p> +<p>Verbrugge schwieg.</p> +<p>—Ich will’s Ihnen sagen: Sie waren <span class="letterspaced">falsch</span>! Denn es war dreimal mehr Volk aufgerufen, +um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen +bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man +natürlich in den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich +sage?</p> +<p>Verbrugge schwieg. <span class="pagenum">[<a id="pb120" href="#pb120" name="pb120">120</a>]</span></p> +<p>—Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, +fuhr Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und +Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der +von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist +Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für +Kaffee ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine +Einkünfte nicht, in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem +einfachen Dhemang in Preanger, der den Steigbügel halten +würde, wenn seine Vettern zu Pferde steigen. Ist das wahr?</p> +<p>—Ja, so ist es.</p> +<p>—Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine +Kürzung zur Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm +gegeben hat, als er ... wissen Sie’s?</p> +<p>—Ja, ich weiss es.</p> +<p>—Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld +nötig war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen +Sie’s?</p> +<p>—Ja, ich weiss es.</p> +<p>—Viele Glieder seiner Familie—die ja eigentlich nicht in +Lebak zu Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen +hat—scharen sich wie eine Plünderbande um ihn und pressen +ihm Geld ab. Ist das wahr?</p> +<p>—Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.</p> +<p>—Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, +nehmen sie <span class="letterspaced">in seinem Namen</span> der +Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?</p> +<p>—Ja, es ist so.</p> +<p>—Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. +Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von +der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu +machen. Er giebt viel Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach +Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zurückbringen, Reliquien, +Talismans und Djimats. Ist es nicht so?</p> +<p>—Ja, das ist wahr. <span class="pagenum">[<a id="pb121" href="#pb121" name="pb121">121</a>]</span></p> +<p>—Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von +Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor +seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang—doch er +ist es nicht allein—der dem Adhipatti den Hof macht, indem er +Geld und Gut von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von +ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach +den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass +er gern anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen +von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?</p> +<p>—Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr +einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.</p> +<p>—Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause +hatte, als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur +zu reden anfing. Sie haben heute morgen gehört, <span class="corr" +id="xd20e2498" title="Quelle: dsss">dass</span> es mein Vorsatz ist, +meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es +nicht!</p> +<p>Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als +am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.</p> +<p>—Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. +Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was +<span class="letterspaced">von heute ab</span> geschieht, fällt +unter <span class="letterspaced">meine</span> Verantwortung, dafür +werde <span class="letterspaced">ich</span> Sorge tragen! Ich hoffe +hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich schön +ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was +ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von <span class="letterspaced">Ihnen</span> hätte hören müssen? Ich +kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute ‚garem +glap‘, d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um +das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... +auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so +vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender +Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier <span class="pagenum">[<a id="pb122" href="#pb122" name="pb122">122</a>]</span>schon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es +also wissen, nicht wahr?</p> +<p>—M’nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter +jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht +übel.</p> +<p>—Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere +Menschen, doch was thut das zur Sache?</p> +<p>—Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und +Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.</p> +<p>—Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten +offiziellen Schlendrian, der seinen Stil sucht in »<span class="letterspaced">ich habe die Ehre</span>« und die Ruhe seines +Gewissens in der »<span class="letterspaced">hohen Zufriedenheit +der Regierung</span>«. Nein, Verbrugge! lästern Sie nicht +sich selbst! Sie brauchen von mir nichts zu lernen. Habe ich Ihnen zum +Beispiel heute morgen in der Sebah etwas Neues erzählt?</p> +<p>—Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere +...</p> +<p>—Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas +verwahrlost ist: ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir +sagen, warum Sie so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes +geschah in Lebak.</p> +<p>—Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer +<span class="letterspaced">Initiative</span>. Überdies, alles das +ist immer so gewesen in dieser Gegend.</p> +<p>—Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet +oder Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! +Aber Sie wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? +Sie wollen doch wohl Ihre <span class="letterspaced">Pflicht</span> +thun?</p> +<p>—Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde +das so streng fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man +so leicht in die Position jemandes, der gegen Windmühlen +kämpft.</p> +<p>—Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, <span class="pagenum">[<a id="pb123" href="#pb123" name="pb123">123</a>]</span>weil +sie davon leben, dass es kein Unrecht <span class="letterspaced">gäbe</span>, um das Vergnügen zu haben, Sie +und mich zu Don Quixotes machen zu können und zugleich +<span class="letterspaced">ihre</span> Windmühlen in Drehung zu +erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf <span class="letterspaced">mich</span> warten brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! +M’nheer Slotering war ein tüchtiger und ehrlicher Mann: er +wusste, was da vorging, er missbilligte es und setzte sich dagegen zur +Wehr ... sehen Sie hier!</p> +<p>Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie +Verbrugge hinhaltend, sagte er:</p> +<p>—Wessen Hand ist dies?</p> +<p>—Das ist die Hand M’nheer Sloterings.</p> +<p>—Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, +offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem +Residenten sprechen wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) <span class="letterspaced">Über den Reisbau.</span> 2) <span class="letterspaced">Über die Wohnungen der Dorfhäuptlinge.</span> +3) <span class="letterspaced">Über die Eintreibung der +Landrenten</span> u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was +wollte M’nheer Slotering damit sagen?</p> +<p>—Wie kann <span class="letterspaced">ich</span> das wissen? +rief Verbrugge.</p> +<p>—<span class="letterspaced">Ich</span> weiss es! Das bedeutet, +dass viel mehr Landrenten aufgebracht werden, als in die Landeskasse +fliessen. Doch ich werde Ihnen dann etwas zeigen, das wir beide +verstehen, weil es in Buchstaben und nicht in Zeichen geschrieben ist. +Sehen Sie:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»12) <span class="letterspaced">Über den +Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren Häuptlingen mit +der Bevölkerung getrieben wird.</span> (<span class="letterspaced">Über das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten +der Bevölkerung</span> u. s. w.)«</p> +</div> +<p>Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, +der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie +hätten sich also ihm anschliessen können. Hören Sie +weiter:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»15) <span class="letterspaced">Dass viele +Personen von den Familien und Bediensteten der inländischen +Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That +nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteile +<span class="pagenum">[<a id="pb124" href="#pb124" name="pb124">124</a>]</span>hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der +wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den +unrechtmässigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, während +diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der +Kultur.</span>«</p> +</div> +<p>Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie +mal, auch darin steht etwas sehr Deutliches:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»<span class="letterspaced">Die Verminderung +des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem +weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung ausgesetzt +ist.</span>«</p> +</div> +<p>Was sagen Sie <span class="letterspaced">davon</span>? Sehen Sie +wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, wie es scheint, wenn ich daran +gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, dass auch andere dies +thaten?</p> +<p>—Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat +über all diese Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.</p> +<p>—Und was folgte darauf?</p> +<p>—Dann wurde der Regent gerufen: es wurde <span class="letterspaced">abouchiert</span> ...</p> +<p>—Jawohl, <span class="letterspaced">mündlich</span> +verhandelt! Und weiter?</p> +<p>—Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten +Zeugen kommen ... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, +M’nheer Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!</p> +<p>Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie +Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig +sich erwiesen.</p> +<p>—Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr +Verbrugge fort, er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge +...</p> +<p>—Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.</p> +<p>—Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn +keine Änderung einträte, und wenn der Resident nicht +»durchgriffe«, sich direkt an den Generalgouverneur wenden +<span class="pagenum">[<a id="pb125" href="#pb125" name="pb125">125</a>]</span>würde. Dies hat er auch den +Häuptlingen selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er +präsidierte.</p> +<p>—Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident +war sein Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte +er das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam +Unrecht und Willkür gutheissen wird?</p> +<p>—Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der +Regierung einen <span class="letterspaced">Häuptling</span> +an.</p> +<p>—Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es +sein <span class="letterspaced">muss</span>, einen Häuptling so +gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank, +noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die +Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen Herrschaftsübung vor +Augen führen, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von +armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen Einrenkung werde +ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen zur Seite stehen, +so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem +Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe +ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie möge den Regenten +von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und +Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere +Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es sein +<span class="letterspaced">muss</span>, ohne Furcht! Sie sind ein +ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind schüchtern. Reden Sie +fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen +Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns +zum Essen: wir haben holländischen Blumenkohl in Büchse ... +doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich +bin arg zurückgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa, +begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!</p> +<p>Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in +die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten <span class="pagenum">[<a id="pb126" href="#pb126" name="pb126">126</a>]</span>Tisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte, +wirklich <span class="letterspaced">sehr</span> einfach war! Duclari, +der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach +Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische +genötigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner +Erzählung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel +verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem +Mahle. <span class="pagenum">[<a id="pb127" href="#pb127" name="pb127">127</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch9" class="div1"> +<h2>Neuntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht +wüsste, wie lange ich wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen +könnte, bis du, bei der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch +mutlos aus der Hand legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib +auf den Boden gekommen ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen +Luftsprung nötig hätte, würde ich vorsichtshalber doch +immer nur das erste Stockwerk als Ausgangspunkt ihres Sprunges +wählen, und ein Schloss, von dem es wenig zu berichten gäbe. +Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus hatte keine Etage, und +die Heldin meines Buches—du lieber Himmel, die liebe, treue, +anspruchslose Tine eine Heldin!—ist niemals aus einem Fenster +gesprungen.</p> +<p>Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung +grösserer Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr +ein oratorischer Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut +»klappte«, als dass ich wirklich meinte, dass das folgende +Kapitel allein »als Abwechslung« Wert haben sollte. Ein +Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich Übles von seiner Mutter +oder von der Farbe seiner Haare, sage, er habe einen amsterdamschen +Accent—was ein Amsterdamer niemals zugeben wird—vielleicht +verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals nur an die +Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache von etwas, +das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn <span class="letterspaced">das</span> vergiebt er dir <span class="pagenum">[<a id="pb128" href="#pb128" name="pb128">128</a>]</span>nicht! Wenn du also +mein Buch nicht schön findest und du begegnest mir mal, thue dann +so, als ob wir uns nicht kennten.</p> +<p>Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir +durch das Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst +belangreich und gar unentbehrlich vor, und wenn du es +überschlügest und darnach nicht nach Gebühr eingenommen +wärest von meinem Buch, würde ich nicht säumen, dir dies +Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass du mein Buch nicht +recht beurteilen konntest, denn du hättest just das <span class="letterspaced">Essentielle</span> nicht gelesen. <span class="letterspaced">So</span> würde ich—denn ich bin Mann und +Autor—jedes Kapitel für essentiell halten, das du in +unverzeihlichem Leserleichtsinn überschlagen.</p> +<p>Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was +»dran«? Und du sagst zum Beispiel—horribile auditu +für mich—mit dem Wortreichtum, der verheirateten +Männern eigen ist:</p> +<p>—Hm ... so ... ich weiss noch nicht.</p> +<p>Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der +Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die +Dicke der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht +nach dem Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist +...</p> +<p>Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen +und, ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...</p> +<p>Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss +vorbei sein, dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, +hast nichts und niemanden umarmt ...</p> +<p>Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem +rechten Daumen, und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung +... ja, wahrhaftig, ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine +Thräne!</p> +<p>Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich +kriegen«, und du sagst—eine andere Form von +Gesprächigkeit im Ehestande—gähnend: <span class="pagenum">[<a id="pb129" href="#pb129" name="pb129">129</a>]</span></p> +<p>—So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben +<span class="letterspaced">soviel</span> im Augenblick!</p> +<p>Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, <span class="letterspaced">Europäer</span>, Leser, dass du da eine Stunde +zugebracht hast mit Knabbern auf <span class="letterspaced">meinem</span> Geiste wie auf einem Zahnstocher? Mit +Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem Geschlecht? +Menschenfresser, darin steckte meine Seele, <span class="letterspaced">meine</span> Seele, die du zermahlen hast, wie eine Kuh +ihr vorher vertilgtes Gras! Es war <span class="letterspaced">mein</span> Herz, was du da aufgeschlürft hast wie +eine Leckerei! Denn in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese +Seele niedergelegt, und es fielen so viel Thränen auf diese +Handschrift, und mein Blut wich aus den Adern in dem Masse als ich +fortschrieb, und ich gab dir dies alles und du kaufst es für +wenige Stüber ... und du sagst: »<span class="letterspaced">hm!</span>«</p> +<p>Der Leser begreift, dass ich hier nicht von <span class="letterspaced">meinem</span> Buch rede.</p> +<p>»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham +Blankaart zu reden ...</p> +<hr class="tb"> +<p>—Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und +Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war, +denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen +Abend wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich +Makler in Kaffee bin—Lauriergracht Nr. 37—und dass ich +für mein Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen +können, wie wenig ich zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich +hatte auf Kaffee gehofft, und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, +<span class="letterspaced">was</span>!</p> +<p>Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende +aufgehalten, und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es +schön. So sagen sie wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für +nötig halte, beruft er sich auf Luise. <span class="letterspaced">Ihre</span> <span class="pagenum">[<a id="pb130" href="#pb130" name="pb130">130</a>]</span>Zustimmung, sagt er, wiege ihm +schwerer, als aller Kaffee von der Welt, und überdies »wenn +das Herz mir glüht ...« u. s. w.—Siehe diese Tirade +auf Seite soundsoviel, oder lieber, siehe sie nicht.—Da steh ich +denn und weiss nicht, was thun! Das Paket von Shawlmann ist ein wahres +Trojanisches Pferd. Auch Fritz ist davon angestochen. Er hat, wie ich +bemerke, Stern geholfen, denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu +holländisch für einen Deutschen. Sie sind beide so +eingenommen von sich, so superklug, dass ich wahrhaftig in Verlegenheit +gerate wegen der Sache. Das Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger +einen Vertrag eingegangen bin, nach welchem ein Buch herausgegeben +wird, das von den Kaffeeauktionen handeln muss—ganz Niederland +wartet darauf—und da geht mir nun der Stern einen ganz andern Weg +hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie sich, alle Wege +führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von der +Einleitung ab«—ist das alles noch +Einleitung?—»ich verspreche Ihnen, dass schliesslich die +Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, Kaffee, auf nichts als Kaffee! +Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, hat nicht er schon gesagt: omne +tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee mit was anderm? Handeln Sie +selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und Milch in Ihre Tasse +thun?«</p> +<p>Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil +ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, +dafür Sorge zu tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & +Waterman in die Finger falle, die ihn schlecht bedienen würden, +weil es niederträchtige Pfuscher sind.</p> +<p>Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach +dem Lesen von Sterns Geschreibsel—hast du’s wirklich +gelesen?—deinen Zorn nicht ausgiessen mögest über ein +unschuldiges Haupt—denn ich frage dich, wer wird einen Makler +nehmen, von dem man ‚Menschenfresser‘ geschimpft +wird?—so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist von +meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma meines +Buches drängen, nun die Sachen <span class="pagenum">[<a id="pb131" href="#pb131" name="pb131">131</a>]</span>einmal so weit +gediehen sind, dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche +kommt—die Jungens scheinen ihr aufzulauern—fragt, ob er +nicht ein bisschen früh kommen werde heute abend, um recht viel +von Max und Tine vorzulesen!</p> +<p>Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im +Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten +lässt, so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für +dein Geld an, und darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar +Kapitel. Du bist nicht in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, +und also glücklicher daran als ich, der alles mit anhören +muss. Dir steht es frei, die Kapitel überzuschlagen, die nach +deutscher Übergeschnapptheit riechen, und dich allein abzugeben +mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, einem honetten Manne und +Makler in Kaffee.</p> +<p>Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen—und +aus Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr +sei—dass in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies +ist sehr verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt +erachten, wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler +aufmerksam gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es +scheinen, dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur +nicht geeignet ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine +Entschuldigung, und ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher +Pflichtversäumnis schuldig macht gegenüber Niederland im +allgemeinen und den Kaffeemaklern im besonderen, ja, gegenüber den +Javanen selbst, indem man nicht diesen Boden verändert—der +Javane hat doch nichts anderes zu thun—oder, wenn man das nicht +zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht nach +anderen Gebieten schickt, wo der Boden <span class="letterspaced">wohl</span> gut ist für Kaffee.</p> +<p>Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf +behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über +diesen Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor <span class="pagenum">[<a id="pb132" href="#pb132" name="pb132">132</a>]</span>allem seit ich die Predigt von Pastor Wawelaar +in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der Heiden +hörte.</p> +<p>Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine +Pflichten als Vater ängstlich erfülle und dass mir die +sittliche Aufziehung meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz +seit einiger Zeit in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir +nicht gefällt—es kommt alles von dem verwünschten +Paket!—so habe ich ihn einmal gut unter die Finger genommen und +zu ihm gesagt:</p> +<p>»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets +das Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist +dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy +Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller +Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst +nicht so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum +Verderben, Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen +Shawlmann. Er hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und +wohnt auf einer kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von +Unsittlichkeit und schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in +der »Indépendance« geschrieben und hat die +»Aglaja« fallen lassen.—So geht es, wenn man weise +ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, wie spät +es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose an. Bedenke, +dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein Vater stets +hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt—das ist die +Wahrheit!—Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, +dass du zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine +alten Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, +die nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und +Sittlichkeit mit Füssen treten, und spiegle dich in diesen +Menschen. Und stelle dich nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater +so reich ist und der immer genug Geld haben wird, wenn er auch +schliesslich nicht Makler werden will und ab und zu auch mal etwas +Unrechtes thut. Bedenke doch, dass alles <span class="pagenum">[<a id="pb133" href="#pb133" name="pb133">133</a>]</span>Böse seine +Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann an, der keinen +Winterrock hat und aussieht wie so’n Schauspieler. Gieb doch gut +acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank, als +wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon +denken? Die Kirche ist <span class="letterspaced">Sein</span> +Heiligtum, weisst du wohl? Und laure nicht jungen Mädchen auf, +wenn es aus ist, denn das macht die ganze Erbauung zu Schanden. Bringe +auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim Essen aus der <span class="letterspaced">Schrift</span> lese. Das passt sich nicht in einem +achtbaren Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt +gemalt, als er wieder mal nicht da war—weil er manchmal die Gicht +hat—das hält die Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und +es steht in Gottes Wort, dass solche Thorheiten zum Verderben +führen. Der Shawlmann hat <span class="letterspaced">auch</span> +allerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als +Kind auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: +nun ist er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache +also nicht immer soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass +sein Vater ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er +dem Buchhalter Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich +mit Versen abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier +bei uns so gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat +mit echter Florseide. Frage ihn—weisst du, so nebenbei!—ob +er glaubt, dass sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und +sage ihm, dass das niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das +ist man seinem Nächsten schuldig—so bringst du ihn auf den +guten Weg, meine ich,—und ... all das Versemachen ist doch +Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, Fritz, und zupfe das +Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs Kontor bringt, und +mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es, und Apostel +Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss bereiten soll. +Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen, dass ich +geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine +Vermahnungen, <span class="pagenum">[<a id="pb134" href="#pb134" name="pb134">134</a>]</span>Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh +deinen Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut +thun!«</p> +<p>So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich +Eindruck auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text +seiner Rede gewählt hatte: <span class="letterspaced">die Liebe +Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn gegen Ungläubige</span>, nach +Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: I. Sam. XV, Vers 23 b.</p> +<p>Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, +was für ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und +göttlicher Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von +Shawlmann unter viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, +das ins Auge fiel durch Solidität der Beweisführung. Aber, +ach, wie wenig hat doch so etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht +mit einer Sprache wie die von Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner +Kraft—denn ich kenne Wawelaar und halte ihn für einen, der +wahrlich nicht hoch fliegt—nein, durch die Kraft, die von oben +kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher zum Vorschein, als er +etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann behandelt waren, +denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über Javanen und +andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine Heiden sind, +doch <span class="letterspaced">ich</span> nenne jeden, der einen +verkehrten Glauben hat, einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum +Christum, den Gekreuzigten, und das wird jeder anständige Leser +wohl auch thun.</p> +<p>Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft +habe bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der +Kaffeekultur zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als +auch, weil ich als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut +nichts erhält für sein Geld, werde ich hier einige +Bruchstücke aus der Predigt mitteilen, die ganz besonders treffend +waren.</p> +<p>Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen +und war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen, <span class="pagenum">[<a id="pb135" href="#pb135" name="pb135">135</a>]</span>worauf es hier eigentlich ankam, nämlich +auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all das Volk da mehr +heissen möge. Hört, was er davon sagte:</p> +<p>»<span class="letterspaced">So</span>, meine Geliebten, war +der herrliche Beruf von Israel—er meinte das Ausrotten der +Bewohner von Kanaan—und <span class="letterspaced">so</span> ist +der Beruf von Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das +Licht, das uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, +dass wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet +das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen +und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes—und des zu Recht +verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen +sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit, +da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von +eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung eines +falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des Herrn! Und, +Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es nicht genug, +einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche sind da, die einen +andern Gott, was sage ich, die <span class="letterspaced">Götter</span> anbeten, Götter von Holz oder +Stein, die sie selbst gemacht haben nach <span class="letterspaced">ihrem</span> Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten +Nasen und teufelhaft! Ja, Geliebte, beinahe verhindern mich +Thränen, hier fortzufahren, noch tiefer ist die Verderbtheit von +Hams Geschlechte! Es sind welche unter ihnen, die <span class="letterspaced">keinen</span> Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die +meinen, dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der +bürgerlichen Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude +ausdrücken über den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden +Dank betrachten an das Höchste Wesen, das diese Ernte reifen +liess! Es leben da Verirrte, meine Geliebten—wenn solch eine +greuliche Existenz Leben genannt werden mag!—da findet man Wesen, +die behaupten, dass es genügend sei, Frau und Kinder lieb zu haben +und seinem Nächsten nicht zu nehmen, was einem nicht gehört, +um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu können zum Schlafe! +Schaudert euch nicht <span class="pagenum">[<a id="pb136" href="#pb136" +name="pb136">136</a>]</span>bei diesem Bilde? Krampft euer Herz sich +nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein wird von all +diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die die +Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr +nicht—ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des +Textes habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und +ein Gott der gerechten Rache—ja, ihr höret das Krachen der +Gebeine und das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen +ist und Zähneklappern! Da, <span class="letterspaced">da</span> +brennen sie und vergehen nicht, denn <span class="letterspaced">ewig</span> ist die Strafe! <span class="letterspaced">Da</span> leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge +an den heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm +nicht, der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu +vernichten, auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in +der Brust des Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem +ungetauften Kinde abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird +von der Mutter Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«</p> +<p>Da fiel eine Frau in Ohnmacht.</p> +<p>»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott +ist ein Gott der Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren +gehe, sondern dass er selig werde <span class="letterspaced">mit</span> +der Gnade, <span class="letterspaced">in</span> Christo, <span class="letterspaced">durch</span> den Glauben! Und darum ist Niederland +auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten ist! +<span class="letterspaced">Dazu</span> hat Er in Seiner +unerforschlichen Weisheit einem Lande, klein von Umfang, doch gross und +stark durch die Kenntnis Gottes, Macht gegeben über die Bewohner +dieser Gebiete, auf dass sie durch das heilige, nimmer genug gepriesene +Evangelium gerettet werden von den Strafen der Hölle! Die Schiffe +von Niederland befahren die grossen Wasser und bringen Bildung, +Religion, Christentum den verirrten Javanen! Nein, unser +glückliches Niederland begehrt nicht für sich allein die +Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen +Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den +Fesseln des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die +Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich <span class="pagenum">[<a id="pb137" href="#pb137" name="pb137">137</a>]</span>dessen auf uns ruhen, wird den siebenten Teil +meiner Rede ausmachen.«</p> +<p>Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir +in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden +genannt:</p> +<ul> +<li>1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die +Missionsvereinigung.</li> +<li>2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck, +diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.</li> +<li>3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, +zu Nutzen des kolonialen Werbedepôts.</li> +<li>4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen +Gesängen, geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen +vorgelesen und vorgesungen zu werden.</li> +<li>5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, +deren Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König +anzuflehen: +<ul> +<li>a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen, von +denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen im wahren +Glauben.</li> +<li>b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch +die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe besuchen +dürfe, damit er durch den Verkehr mit niederländischen +Soldaten und Matrosen erzogen werde für das Reich Gottes.</li> +<li>c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen +in Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden.</li> +<li>d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung +aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat von Bibeln +vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der vermutlichen Zahl +der Besucher des betreffenden Instituts, und dass der Pächter sich +verbinde, kein Opium zu verkaufen, <span class="pagenum">[<a id="pb138" +href="#pb138" name="pb138">138</a>]</span>wenn nicht der Käufer +ein religiöses Traktätchen dazu nimmt.</li> +<li>e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht +werde.</li> +</ul> +</li> +<li>6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die +Missionsgenossenschaften.</li> +</ul> +<p>Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1 +genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss +scheint mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.</p> +<p>Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser +Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die +vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun nicht +mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, dass dieser +Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr aus den Gedanken +gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte der Missionare +vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche Sachkenntnis +abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich und mit dem Auge +auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken muss auf die +Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes, dann kann +ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits aller +Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee +gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das +Höchste Wesen just darum allein diesen Boden für die +Kaffeekultur ungeeignet gemacht hat, um durch die Arbeit, die +nötig sein wird, um einen anderen Grund dahin zu verpflanzen, die +Bevölkerung dieser Gegend empfänglich zu machen für die +Seligkeit.</p> +<p>Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und +dass alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden +möge, wie eng die rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten +Interesse des ganzen Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, +wie der einfältige und demütige Wawelaar ohne alle irdische +Weisheit—der Mann hat niemals einen Fuss in die Börse +gesetzt—aber durch die Gnade des Evangeliums, die ihm vorleuchtet +und eine Lampe <span class="pagenum">[<a id="pb139" href="#pb139" name="pb139">139</a>]</span>ist auf seinem Pfad, mir, Makler in Kaffee, da +auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland nicht nur +wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen wird, wenn +Fritz gut aufpasst—er hat leidlich still gesessen in der +Kirche—vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu +gehen. Ja, Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für +den Javanen, das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir +heilig.</p> +<p>Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas +über die Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese +Menschen selig zu machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit +nötig ist—ich selbst habe zwanzig Jahre die Börse +besucht!—dürfen wir dann dem Javanen Arbeit versagen, wo +seine Seele derer so dringend bedürftig ist, um später nicht +zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche +Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese +armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft, +die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in +Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht +hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen sind +so!</p> +<p>Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, <span class="letterspaced">ich</span>, der ich selbst vom Morgen bis zum Abend ans +Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch—das Stern mir so +sauer macht—ein Beweis, wie gut ich es meine mit der Wohlfahrt +unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und +wenn ich so schwer arbeiten muss, <span class="letterspaced">ich</span>, der ich getauft bin—in der +Amstelkirche—sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen +können, dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die +Hände rühre?</p> +<p>Wenn die Vereinigung—von Nr. 5e meine ich—zu stande +kommt, schliesse ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers +hierfür zu gewinnen suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran +interessiert sind, obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne +sind in ihren Gesinnungen <span class="pagenum">[<a id="pb140" href="#pb140" name="pb140">140</a>]</span>—die Rosemeyers meine +ich—denn sie halten ein katholisches Mädchen.</p> +<p>Wie es auch sei, <span class="letterspaced">ich</span> werde meine +Pflicht thun. Das habe ich mir selbst gelobt, als ich mit Fritz von der +Betstunde nach Hause ging. In <span class="letterspaced">meinem</span> +Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde <span class="letterspaced">ich</span> sorgen. Und dies mit um so mehr Eifer, da ich +je länger desto mehr einsehe, wie weise doch alles geordnet ist, +wie liebreich die Wege sind, die wir geführt werden an Gottes +Hand, und wie Er uns erhalten will für das ewige und für das +zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr gut geeignet +gemacht werden für die Kaffeekultur. <span class="pagenum">[<a id="pb141" href="#pb141" name="pb141">141</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch10" class="div1"> +<h2>Zehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, +niemanden schone, so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern +einen andern Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten +ist, dass mein Name—die Firma ist Last & Co., doch ich heisse +Droogstoppel: Batavus Droogstoppel—sich mit einem Buch +verknüpfen wird, in dem Sachen vorkommen, die sich nicht mit der +Achtung vertragen, die jeder anständige Mann und Makler sich +selber schuldig ist, so erachte ich es für meine Pflicht, hier +mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch den Stern auf den rechten +Weg zurückzubringen.</p> +<p>Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen—denn er ist +Lutheraner—aber ich habe auf sein Gemüt und auf sein +Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, wie ich das angefangen habe, und +beachte dabei, wie weit man es mit Menschenkenntnis bringt. Ich hatte +ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« und fragte, was er +darunter verstände.</p> +<p>—Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für +die Wahrheit dessen, was ich sage.</p> +<p>—Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest +überzeugt, dass Sie immer die Wahrheit sagen?</p> +<p>—Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die +Brust mir erglüht ...</p> +<p>Der Leser weiss den Rest.</p> +<p>—Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so +einfältig, als ob ich es glaubte. <span class="pagenum">[<a id="pb142" href="#pb142" name="pb142">142</a>]</span></p> +<p>Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte +mit der Absicht, den jungen Herrn—ohne Gefahr zu laufen, den +alten Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu +sehen—doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn +merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben +anfängt—macht sein Vater gleichwohl grosse +Geschäfte—und einem Makler, der zwanzig Jahre die Börse +besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er allerhand +Versekram aus dem Kopf wusste—er sagt: +»auswendig«—und da Verse stets Lügen enthalten, +war ich mir <span class="corr" id="xd20e2938" title="Quelle: gewis">gewiss</span>, dass ich ihn sehr schnell auf +Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht lange. +Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben +nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr +was erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende +war, fragte ich ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding +stände, das er da soeben hergeleiert hätte. Er sagte ja und +brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissen +<span class="letterspaced">Heine</span>. Am andern Morgen gab ich +ihm—Stern, meine ich—die folgenden</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar xd20e91"><span class="letterspaced">Betrachtungen</span></p> +</div> +<p>bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende +Machwerk von Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon +sitzt und strickt.</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Auf Flügeln des Gesanges,</p> +<p class="line">Herzliebchen, trag’ ich dich fort ...</p> +</div> +<p class="firstpar">»<span class="letterspaced">Herzliebchen</span>«? Marie Ihr +»Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon und Luise +Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das +durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann, +indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da man es +»Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen +auf Ihren Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr +Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal über die Lauriergracht, +die gar nicht einmal breit ist. Aber hätten Sie auch Flügel, +dürfen <span class="pagenum">[<a id="pb143" href="#pb143" name="pb143">143</a>]</span>Sie dann wohl einem Mädchen, das noch nicht +eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die +Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das Anerbieten, +zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Fort nach den Fluren des Ganges,</p> +<p class="line">Dort weiss ich den schönsten Ort.</p> +</div> +<p class="firstpar">Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich +ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner +Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! +Zunächst haben Sie nie den Ganges gesehen und können also +nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die +Sachen stehen? Das sind alles Lügen, die Sie nur <span class="letterspaced">darum</span> erzählen, weil Sie sich bei all dem +Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile +vielleicht auf <span class="letterspaced">Senf</span>, <span class="letterspaced">Zuckerteig</span> oder <span class="letterspaced">Leberthran</span> geendigt hätte, so hätten +Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach <span class="letterspaced">Genf</span>, <span class="letterspaced">Braunschweig</span> oder <span class="letterspaced">Teheran</span>, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre +vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles +hinausläuft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. +Wie wär’s, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die +verrückte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der +unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel +sei Dank, zu verständig, um Verlangen nach einem Lande zu haben, +von dem Sie sagen:</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Dort liegt ein rotblühender Garten</p> +<p class="line">Im stillen Mondenschein;</p> +<p class="line">Die Lotosblumen erwarten</p> +<p class="line">Ihr trautes Schwesterlein.</p> +<p class="line">Die Veilchen kichern und kosen,</p> +<p class="line">Und schaun nach den Sternen empor;</p> +<p class="line">Heimlich erzählen die Rosen</p> +<p class="line">Sich duftende Märchen ins Ohr.</p> +</div> +<p class="firstpar">Was würden Sie in diesem Garten bei +Mondenschein mit Marie anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist +das in der Ordnung, ist das anständig? Wollen Sie, dass ich +beschämt dastehe, so wie Busselinck & Waterman, mit denen +<span class="pagenum">[<a id="pb144" href="#pb144" name="pb144">144</a>]</span>kein anständiges Handelshaus etwas zu thun +haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es +niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort +geben, wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so +lange in dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, +dass niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin +müsste, um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie +sagen, sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder +verständige Mensch mich auslachen, wenn ich so albern wäre, +zu sagen: Marie ist da in dem roten Garten—warum rot und nicht +gelb oder lila?—um zu horchen auf das Quasseln und Quatschen der +Veilchen oder auf die Märchen, die die Rosen sich heimlich ins Ohr +blasen. Könnte so was auch wahr sein, was hätte Marie davon, +wenn es doch so heimlich geschähe, dass sie nichts davon verstehen +könnte? Doch Lügen sind das eben, faule Lügen! Und +hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie doch mal einen +Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und sehen Sie sich mal +an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass diese +»Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es +Ihnen mal sagen in der Sprache, die man im gewöhnlichen Leben +spricht? Das will sagen ... na, noch gelinde gesagt ... dass ein +Lüftchen von diesen albernen Märchen ausgeht ... da haben +Sie’s!</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Es hüpfen herbei und lauschen</p> +<p class="line">Die frommen, klugen Gazell’n;</p> +<p class="line">Und in der Ferne rauschen</p> +<p class="line">Des heiligen Stromes Well’n.</p> +<p class="line">Dort wollen wir niedersinken</p> +<p class="line">Unter dem Palmenbaum,</p> +<p class="line">Und Lieb’ und Ruhe trinken</p> +<p class="line">Und träumen seligen Traum.</p> +</div> +<p class="firstpar">Können Sie nicht nach »Artis« +gehen, unserm Zoologischen Garten—Sie haben doch wohl Ihrem Vater +geschrieben, dass ich Mitglied bin?—sagen Sie, kommen Sie denn +nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus fremde Tiere +sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges <span class="pagenum">[<a id="pb145" href="#pb145" name="pb145">145</a>]</span>sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut +zu beobachten sind, wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? +Warum nennen Sie diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja +gelten—sie machen wenigstens solche dummen Verse +nicht—aber: fromm? Was heisst das! Ist das nicht Missbrauch +getrieben mit einem heiligen Ausdruck, der nur auf Menschen vom wahren +Glauben angewendet werden sollte? Und dann der »heilige +Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, die sie zur +Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der +Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser +giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den +Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, +Christentum und Anstand?</p> +<p>Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist +ein sehr achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, +dass ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem +Geschäfte macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, +Grundsätze sind mir heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus +zu sagen, was ich meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was +ich Ihnen sage, schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in +einer soliden Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. +Und fragen Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, +wenn Sie zu Busselinck & Waterman gekommen wären! Da +würden Sie auch solche Verse aufgesagt haben, und da hätte +man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es niederträchtige +Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, denn wenn +Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden +die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann +lägen Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, +während Sie nun, weil <span class="letterspaced">ich</span> Sie so +väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in einem +anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und +sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, +und dass ich so gut für Sie <span class="pagenum">[<a id="pb146" +href="#pb146" name="pb146">146</a>]</span>sorge, und dass die Tochter +von Busselinck & Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie +ihn sehr von mir, und schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von +den Maklerspesen unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die +Unterbieter nicht ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus +dem Munde stehlen durch günstigere Bedingungen.</p> +<p>Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus +Shawlmanns Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin +Aufstellungen gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig +Jahre aus allen Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal +vor! Sehen Sie, dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, +einmal zu hören kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie +müssen auch die Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer +Stelle des Buches thun, nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas +von Ihnen aufgefressen haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein +bester Junge. Glauben Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt +passiert! Ich habe Ihren Vater schon vor seiner Geburt +bedient—seine Firma meine ich, nein ... unsere Firma meine ich: +Last & Co.—früher hiess sie Last & Meyer, aber die +Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass ich es gut mit +Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser aufpasst, und +lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als wenn Sie es +nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet und all solche +Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie doch so viel +älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles Wesen +in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.</p> +<p>Ich bin Ihr väterlicher Freund</p> +<p class="xd20e3046">Batavus Droogstoppel.</p> +<p class="xd20e3049">(Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,</p> +<p class="xd20e3046">Lauriergracht No. 37.) <span class="pagenum">[<a id="pb147" href="#pb147" name="pb147">147</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch11" class="div1"> +<h2>Elftes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">»Es war man, dass ich sagen +wollte«—um mit Abraham Blankaart zu reden—dass ich +dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir darin +nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er scheint +nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.</p> +<p>—Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache +niemals Essig an Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, +Pompelmuscitrone mit Salz, alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. +Essig an Fisch und an Fleisch ... es steht was darüber im +‚Liebig‘ ...</p> +<p>—Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie +lange wir hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.</p> +<p>Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern +hier angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts +hätte herrichten können in Küche oder Haushalt. Er +selbst war schon lange in Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze +Nacht zugebracht mit Lesen im Archiv, und war nicht schon allzuviel +durch seine Seele gegangen, das mit Lebak in Verbindung stand, als dass +er sich so schnell daran erinnern konnte, dass er erst seit gestern +hier war? Tine begriff dies wohl: <span class="letterspaced">sie</span> +begriff ihn stets!</p> +<p>—Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal +was von Liebig lesen. Verbrugge, haben <span class="letterspaced">Sie</span> viel von Liebig gelesen? <span class="pagenum">[<a id="pb148" href="#pb148" name="pb148">148</a>]</span></p> +<p>—Wer ist das? fragte Verbrugge.</p> +<p>—Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken +geschrieben hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt +... Sie verstehen doch?</p> +<p>—Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.</p> +<p>—Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein +Schaf auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch <span class="letterspaced">er</span> hat die Art und Weise erforscht, wie das +geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er wenig davon wisse. Nun +ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das ganze Schaf bei der +Herstellung überschlagen zu können ... o, diese Gelehrten! +Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach +mancher Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche +uns zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett +ist.</p> +<p>Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht +viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, +Goethe, Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, +Smith, Shakespeare, Byron ...</p> +<p>Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.</p> +<p>—Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was +haben Sie denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr +beschwerlich für Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch +gesprochen wird. Haben Sie Miss Mata-api gekannt?</p> +<p>—Nein, ich kenne den Namen nicht.</p> +<p>—Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss +Mata-api—d. h.: »<span class="letterspaced">Jungfer +Feuerauge</span>«—weil ihre Augen so sprühten. Das war +aber 43. Sie wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange +her! Niemals habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... +<span class="letterspaced">da</span> müssen Sie mal hingehen! Das +ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen Reisen. Es +giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die +Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des +Wahren, des <span class="pagenum">[<a id="pb149" href="#pb149" name="pb149">149</a>]</span>Unstofflich-Reinen ... als eine schöne +Frau. Glauben Sie mir, gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes +...</p> +<p>Duclari, Verbrugge und—ich muss es zugeben—auch Tine +konnten ein lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so +auf einmal von der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles +oder Nîmes im Süden von Frankreich. Havelaar, der +wahrscheinlich in seiner Phantasie auf dem Turme stand, der von den +Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena von Arles errichtet ist, musste +sich einigermassen anstrengen, bis er den Grund dieser Heiterkeit +heraus hatte, und darauf fuhr er fort:</p> +<p>—Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. +So etwas bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an +Enttäuschungen gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so +sehr in den Himmel erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die +Wasserfälle an, von denen man so viel spricht und schreibt. Was +mich betrifft, ich habe wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu +Maros, zu Schaffhausen, am Niagara. Man muss die Nase in seinen +Baedeker stecken, um dabei das vorgeschriebene Mass von Bewunderung +über »soundsoviel Fuss Fall« und »soundsoviel +Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu haben, und wenn +dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« sagen. +Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens +nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen mir +nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, wenn +es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine +Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und +lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter +sind sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das +manchmal auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer +Befriedigung für das Schönheitsgefühl—ungemischte +wenigstens niemals! Und ohne Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel +Schönes an manchen Bauwerken, aber es wird gewöhnlich +verdorben durch <span class="pagenum">[<a id="pb150" href="#pb150" +name="pb150">150</a>]</span>Führer—von Papier, von Fleisch +und Bein ... es kommt auf eins heraus!—Führer, die euch den +Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist +errichtet vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die +Säulen sind 63 Fuss hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, +und es kommt mir auch gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt +einen, denn man fühlt, dass man dann genau dreiundsechzig Fuss +Bewunderung bereit halten muss, wenn man nicht in mancher Augen als +Vandale gelten will oder als Geschäftsreisender ... ach, ist +<span class="letterspaced">das</span> eine Rasse!</p> +<p>—Die Vandalen?</p> +<p>—Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte +deinen Führer im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen +stehen oder schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, +um zu einem einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich +manchmal der Erläuterung bedarf, man würde, könnte man +auch immer die Erläuterung entbehren, doch vergeblich im +Gebäude an sich etwas suchen, das länger als einen sehr +kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen beantwortet, +weil es keine <span class="letterspaced">Bewegung</span> zeigt. Dies +gilt, glaube ich, auch für Werke der Skulptur und der Malerei. +Natur ist Bewegung. Wachstum, Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung +... Stillstand ist der Tod! Ohne Bewegung kein Schmerz, kein +Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie einmal, dazusitzen ohne sich +zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell Sie einen gespenstischen +Eindruck auf jeden andern machen und selbst auf Ihre eigene +Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt man sehr +schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der Eindruck zu +Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit <span class="letterspaced">einem</span> Blick auf das Schöne nicht befriedigt +ist, sondern das Bedürfnis nach einer sich anschliessenden Reihe +von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach der <span class="letterspaced">Bewegung des Schönen</span>, so macht sich ein +Unbefriedigtsein fühlbar beim Anschauen dieser Art von +Kunstwerken, und darum behaupte ich, dass eine schöne +Frau—wenn es keine äusserliche <span class="pagenum">[<a id="pb151" href="#pb151" name="pb151">151</a>]</span>Porträtschönheit ist, die ohne +Bewegung ist—dem Ideal des Göttlichen am nächsten +kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich +spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine +Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, +wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und dem +Publikum zugrinst.</p> +<p>—Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist +<span class="letterspaced">absolut</span> hässlich.</p> +<p>—Das finde ich auch. Aber <span class="letterspaced">sie</span> giebt es doch als schön und als Klimax +auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen +sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das +»aux armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren +Füssen sang, als das Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben +besprungenen Liebe. O, schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die +gewöhnlich—wie mehr oder minder wir alle—ihren +Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung gründen, diesen Moment als +den packendsten aufnehmen, ist daraus zu ersehen, dass man just dann in +tosenden Beifall ausbricht, wie wenn man zu erkennen geben wollte: all +das Vorhergehende war auch wohl schön, aber nun kann ich es +wahrhaftig nicht länger aushalten vor Bewunderung! Sie sagten, +dass diese Schlusspose <span class="letterspaced">absolut</span> +hässlich sei—ich sag’s ja auch!—doch woher kommt +dies? Weil die <span class="letterspaced">Bewegung</span> aufhielt und +damit die <span class="letterspaced">Geschichte</span>, die die +Tänzerin erzählte. Glauben Sie mir: Stillstand ist der +Tod!</p> +<p>—Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle +verworfen als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch +Bewegung!</p> +<p>—Ja, aber ... ohne <span class="letterspaced">Geschichte</span>! Sie bewegen sich, doch kommen nicht +von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch minus +dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen +nicht. Sie rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: +Rufen Sie mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und +<span class="pagenum">[<a id="pb152" href="#pb152" name="pb152">152</a>]</span>sehen Sie zu, wie wenige Sie für einen +unterhaltenden Menschen ansehen werden.</p> +<p>—Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin +doch noch nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte +Bewegung so durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die +Wasserfälle, aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann +doch viel ausdrücken.</p> +<p>—O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will +versuchen, meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist +heute der 18. Februar ...</p> +<p>—O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...</p> +<p>—Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind +im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...</p> +<p>—Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben +glaubte.</p> +<p>—Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in +der Mauer ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen +zu können, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor +und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas +schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben +Stühle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf +nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu +thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das +erwünschte Ziel ... werfen einen Blick durch die Öffnung und +rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie +»o Gott!« riefen und gefallen sind?</p> +<p>—Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, +sagte Verbrugge belehrend.</p> +<p>—Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie +gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr +lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nun <span class="letterspaced">mussten</span> Sie fallen, und wären auch dreizehn +Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem Boden +gestanden.</p> +<p>—Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie +<span class="pagenum">[<a id="pb153" href="#pb153" name="pb153">153</a>]</span>sich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich +fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich +bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!</p> +<p>—I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz +gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss +wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein +Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein +Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den +sein Schwert beschreiben sollte, um da ... <span class="letterspaced">da</span>, zwischen diesen Wirbeln hin, +hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen +Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen +Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren. +Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren—auf +Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen +langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu +gewähren wie einem Kanarienvogel—lange nachher, ja, bis +heute noch träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe +selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre +Lagerstätte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das +nicht wahr?</p> +<p>—Ich will’s schon glauben, aber sicher kann ich es +wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch +in der Mauer geguckt habe.</p> +<p>—Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein +Gemälde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen +wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in +vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich +weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen +nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie +abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die +Kommissmütze neuen Modells, und also <span class="letterspaced">alles</span>, um nicht ein Gemälde in dem +Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu +Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen <span class="pagenum">[<a id="pb154" href="#pb154" name="pb154">154</a>]</span>so, wie er wirklich +gestanden haben muss, ja, ich will <span class="letterspaced">so</span> +weit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag +abzuwehren! <span class="letterspaced">So</span> weit, Sie rufen zu +lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« +Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die +Ausführung des Gemäldes betrifft ...</p> +<p>—Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso +packend, als wie ich <span class="letterspaced">dasselbe</span> in +Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?</p> +<p>—Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf +einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen +Stuhl—mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen +Fauteuil—Sie setzen sich vor dem Gemälde nieder, um gut und +lange zu geniessen—wir »geniessen« nun einmal beim +Anschauen von etwas Grausigem—und, was meinen Sie, welchen +Eindruck das Gemälde auf Sie macht?</p> +<p>—Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung—genau so wie +damals, als ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben +angenommen, dass das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also +davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.</p> +<p>—Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem +rechten Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das +schwere Stück Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.</p> +<p>—Mitgefühl für den Henker?</p> +<p>—Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und +zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und +wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben +noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet +werden soll, sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie +enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen +hätten, so würde es schliesslich—angenommen, dass Sie +sich veranlasst fühlen, sich mit der Sache zu +befassen—nichts anderes <span class="pagenum">[<a id="pb155" +href="#pb155" name="pb155">155</a>]</span>sein als: +»Schlag’ doch in Gottes Namen zu, Mann, das Geschöpf +wartet drauf!« Und wenn Sie später das Gemälde +wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der <span class="letterspaced">erste</span> Eindruck: »Ist die Geschichte +<span class="letterspaced">noch</span> nicht vorbei? Steht er und liegt +sie da <span class="letterspaced">noch</span>?«</p> +<p>—Aber was ist denn für eine Bewegung in der +Schönheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.</p> +<p>—O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte +<span class="letterspaced">aus</span> in ihren Zügen. Karthago +blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den +Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen +... da brennt die Stadt ...</p> +<p>—Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein +Herz verloren hast, neckte Tine.</p> +<p>—Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: +ihr werdet es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe +ich ein Weib gesehen, das <span class="letterspaced">so</span> oder +<span class="letterspaced">so</span> schön war, nein: alle waren +sie schön, und es war unmöglich, da sich Hals über Kopf +zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung +verdrängte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder +Tiberius—von wem erzählt man doch diese Fabel?—der dem +ganzen menschlichen Geschlecht nur <span class="letterspaced">ein</span> Haupt wünschte. So nämlich stieg +unwillkürlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles +...</p> +<p>—Nur <span class="letterspaced">ein</span> Haupt hätten +alle miteinander?</p> +<p>—Ja ...</p> +<p>—Um es abzuschlagen?</p> +<p>—O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich +sagen, aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, +und davon zu träumen, und um ... <span class="letterspaced">gut zu +sein</span>!</p> +<p>Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder +besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht +und fuhr fort:</p> +<p>—Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham +fühlte, nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke <span class="pagenum">[<a id="pb156" href="#pb156" name="pb156">156</a>]</span>... +ein Strahl—nein, das wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber +... dann sass da plötzlich ein Bruder oder ein Vater neben diesen +Frauen, und ... Gott bewahre mich, ich habe eine gesehen, die sich +schnäuzte.</p> +<p>—Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich +darüber ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.</p> +<p>—Kann <span class="letterspaced">ich</span> dafür? +<span class="letterspaced">Ich</span> hätte sie lieber tot +umfallen sehen! Soll so ein Mädchen sich profanieren?</p> +<p>—Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen +hat?</p> +<p>—Nein, sie <span class="letterspaced">durfte</span> keinen +Schnupfen haben mit solch einer Nase!</p> +<p>—Ja, aber ...</p> +<p>Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen +... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!</p> +<p>—Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie +mit verhaltenem Lachen.</p> +<p>Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder +wirklich ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was +<span class="letterspaced">auch</span> sonderbar klingt: Tine war +erfreut darüber, dass er böse war und von <span class="letterspaced">ihr</span> erheischte, dass sie mehr sei als die +phönizischen Frauen zu Arles, hatte sie auch immerhin keinen +Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.</p> +<p>Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« +sei, hätte man es ihm nicht übel deuten können, wenn er +sich in dieser Meinung bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung +der kurzen Verstörtheit, die, nach dem Naseschnauben und wegen +desselben, auf Havelaars Gesicht einen Augenblick zu lesen war. Aber +dieser war von Karthago zurückgekehrt, und er las—mit der +Schnelligkeit, mit der er lesen <span class="letterspaced">konnte</span>, wenn er nicht zu weit von Hause war mit +seinem Geiste—auf den Gesichtern seiner Gäste, dass sie die +beiden folgenden Thesen <span class="corr" id="xd20e3305" title="Quelle: aufstelten">aufstellten</span>:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase +putzt, ist verrückt.</p> +</div> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb157" href="#pb157" name="pb157">157</a>]</span></p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien +gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen +Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen +der Kartoffel nähert.</p> +<p>Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die +zweite!</p> +</div> +<p>—O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine +Gäste so höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht +auszusprechen—das will ich Ihnen erklären. Tine ist ...</p> +<p>—Bester Max! sagte sie flehend.</p> +<p>Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich +in deiner Schätzung erhaben sein müsste über +Erkältung!«</p> +<p>Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er +antwortete:</p> +<p>—Gut, Kind!—Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, +dass man sich manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte +mancher Menschen auf stoffliche Unvollkommenheit?</p> +<p>Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten +gehört.</p> +<p>—Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, +die Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass <span class="letterspaced">sie</span> auf diese Unvollkommenheit kein Recht hatte. +Und doch habe ich sie ins Wasser fallen sehen bei einem Schiffbruch ... +genau wie eine andere. Ich, ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass +sie wieder an Land kam.</p> +<p>—Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine +Möwe?</p> +<p>—Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper +haben sollen. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt +wurde? Es war ’42. Ich war Kontrolleur von Natal ... sind Sie +dagewesen, Verbrugge?</p> +<p>—Ja.</p> +<p>—Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen +betrieben wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, +nördlich von Natal an der Küste. Ich musste sie inspizieren, +und da ich keine Ahnung von Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner +Segelprauw einen Datu mit, der mehr davon <span class="pagenum">[<a id="pb158" href="#pb158" name="pb158">158</a>]</span>verstand. Sein +Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, ging mit. Wir +segelten die Küste entlang und langweilten uns ...</p> +<p>—Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?</p> +<p>—O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der +Schiffbruch, auf den Sie hinaus wollen, passierte viel später. +Sonst würde ich mich nicht gelangweilt haben. So segelten wir die +Küste entlang, und es war eine Bärenhitze. So eine Prauw +bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie zu beschäftigen, und dazu +war ich gerade in einer verdriesslichen Stimmung, wozu viele Ursachen +das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, eine unglückliche Liebe, +zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum dritten ... nun ja, +noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so zum Leben. +Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen zwei +Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen +und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war +wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie +das kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und +schlechtem Humor und war, was die Deutschen nennen: +»ungeniessbar«. Ich fand unter anderm, dass es keine Sache +sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu lassen, und dass ich +längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte angestellt +werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer Mord, +dass man einen Geist wie den meinen in <span class="letterspaced">eine</span> Prauw setzte mit diesem dummen Datu und +seinem Kind.</p> +<p>Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge +wohl leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen +sogar vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen +Grossen. Ja, ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer +Meinung mit mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... +aber das lasse ich nun auf sich beruhen.</p> +<p>Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht +hätte—mit etwas weniger Spinneweben im Schädel, +<span class="pagenum">[<a id="pb159" href="#pb159" name="pb159">159</a>]</span>meine ich—würde ich wahrscheinlich +sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und +vielleicht hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen +gebracht, und das hätte mich dann gewiss gut unterhalten und +ergötzt, denn ein Kind hat meistens etwas ursprüngliches ... +obschon ich bekennen muss, dass ich selbst damals noch zuviel Kind war, +um den Wert der Ursprünglichkeit recht schätzen zu +können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in jedem Mädchen +von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig oder nichts +durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en +négligé, und das ist manchmal eine recht interessante +Sache.</p> +<p>Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine +Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... +drei rote, eine schwarze: es war schön!</p> +<p>Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: +<span class="letterspaced">Kleines Fräulein</span> ... ja, +Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat immer auf Java +gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen Gedanken nannte ich sie +»Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach meiner +Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.</p> +<p>Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden +eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner und +kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über der +weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt und +Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen in +stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und +sie suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich +das Ding?</p> +<p>—Was für ein Ding? Die Sonne?</p> +<p>—Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, +entzückend! Hören Sie einmal an:</p> +<div class="lgouter"> +<div class="lg"> +<p class="line">Du fragst, warum der Ocean,</p> +<p class="line xd20e3378">Der Natals Strand bespült,</p> +<p class="line">An andern Küsten lieb und hold,</p> +<p class="line">So ungestüm hier braust und grollt</p> +<p class="line xd20e3378">Und ewig kocht und wühlt?</p> +</div> +<span class="pagenum">[<a id="pb160" href="#pb160" name="pb160">160</a>]</span> +<div class="lg"> +<p class="line">Du fragst—und kaum erhört im Kahn</p> +<p class="line xd20e3378">Der Fischerknabe dich,</p> +<p class="line">So blitzt sein dunkler Augenstern</p> +<p class="line">Hinüber unermesslich fern,</p> +<p class="line xd20e3378">Und westwärts weist er dich.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Und westwärts bohrt er seinen Blick</p> +<p class="line xd20e3378">Ins Unermessene hinein,</p> +<p class="line">Und zeigt dir, bis ans Firmament,</p> +<p class="line">Nur Wasser, Wasser ohne End’</p> +<p class="line xd20e3378">Und See und See allein!</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Und darum peitscht der Ocean</p> +<p class="line xd20e3378">So wild den Ufersand:</p> +<p class="line">Nur See erblickst du weit umher</p> +<p class="line">Und Wasser, Wasser immermehr,</p> +<p class="line xd20e3378">Bis Madagaskars Strand!</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Und manches Opfer heischte schon</p> +<p class="line xd20e3378">Der Ocean empört,</p> +<p class="line">Und manchen Schrei, erstickt im Meer,</p> +<p class="line">Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,</p> +<p class="line xd20e3378">Nur Gott hat ihn erhört!</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Und manche Hand, in letzter Angst,</p> +<p class="line xd20e3378">Erhob sich aus dem Grab,</p> +<p class="line">Und fühlt’ und griff und sucht’ +ohn’ End’,</p> +<p class="line">Und suchte, dass sie Stütze fänd’,</p> +<p class="line xd20e3378">Und sank zuletzt hinab.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Und ...</p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Und ... und ... <span class="letterspaced">ich +weiss den Rest nicht mehr</span>.</p> +<p>—Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren +Clerk zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.</p> +<p>—Wie kommt <span class="letterspaced">der</span> daran? fragte +Max.</p> +<p>—Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das +Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, +die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede +von Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden +Brüdern?</p> +<p>—Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war +eine Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar +Jahrhunderte Legende <span class="letterspaced">werden</span> wird, +<span class="pagenum">[<a id="pb161" href="#pb161" name="pb161">161</a>]</span>wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So +begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, +wie Sie wissen; Seele, Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau +daraus, die unvermeidliche, nichtsnutzige Eva ...</p> +<p>—Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen +Korallen? fragte Tine.</p> +<p>—Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter +dem <span class="corr" id="xd20e3470" title="Quelle: Aquator">Äquator</span>—Natal liegt um wenige +Minuten nach Norden: wenn ich über Land nach Ayer-Bangie ging, +stapfte ich zu Pferde über ihn hin ... man konnte wahrhaftig +drüber stolpern!—da unter dem Äquator war sechs Uhr das +Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der Mensch des +Abends immer etwas besser ist—oder richtiger: weniger +nichtsnutzig—als des Morgens, und das ist ganz natürlich. +Morgens »nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener +oder Kontrolleur oder ... nein, das genügt schon! Ein +Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, dass er nun heute mal +recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was für eine +Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein +Kontrolleur—ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!—ein +Kontrolleur reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment +entgegen, wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei +seinen paar Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches +Übergewicht annehmen will, und von dem er so viel Sonderbares +gehört hat ... auf Sumatra. Oder er muss den Tag Felder vermessen +und steht in Zweifelsnöten zwischen seiner Ehrlichkeit—Sie +wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär sind, aber es giebt +wirklich ehrliche Kontrolleure!—dann steht er da, hin und her +schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, dass Radhen Dhemang +Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, der so guten +Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« oder +»nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, +des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und +daran hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat +<span class="pagenum">[<a id="pb162" href="#pb162" name="pb162">162</a>]</span>man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden +zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, da man seinen Dienstrock +wiedersieht. Zehn Stunden: sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch +zu sein! Das ist jedem ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich +zu sterben hoffe, um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen +Gesicht. Das ist der Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas +wiederfindet von dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das +Taschentuch behalten liess mit einem gekrönten E<a class="noteref" +id="xd20e3475src" href="#xd20e3475" name="xd20e3475src">1</a> in der +Ecke ...</p> +<p>—Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, +sagte Tine.</p> +<p>—Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des +Abends »gemütlicher« ist.</p> +<p>Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, +wurde ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser +Besserung möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein +sagte:</p> +<p>»Es wird nun kühler werden.«</p> +<p>»Ja, Tuwan!« antwortete sie.</p> +<p>Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem +»Gänschen« nieder und fing ein Gespräch mit ihr +an. Mein Verdienst war um so grösser, als sie sehr wenig +antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte ... was ebenfalls +verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein eingebildeter Kerl +sein.</p> +<p>»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen +nach Taloh-Baleh?« fragte ich.</p> +<p>»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«</p> +<p>»Nein, ich frage <span class="letterspaced">dich</span>, ob du +so eine Reise angenehm findest!«</p> +<p>»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete +sie.</p> +<p>Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? +Gleichwohl, ich wurde nicht toll. Die Sonne war <span class="pagenum">[<a id="pb163" href="#pb163" name="pb163">163</a>]</span>hinunter, und ich war gemütlich genug +aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel Dummheit. +Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen daran fand, +meine Stimme zu hören—es giebt wenige unter uns, die nicht +gern sich selbst zuhörten—allein nach meiner Stummheit den +ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen +war, etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen +Antworten von Si Upi Keteh.</p> +<p>Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann +höre ich mich selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten +nicht nötig. Nun wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim +Löschen eines Schiffes das zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum +Vorschein kommt, ebenso auch wir gewöhnlich den Gedanken oder die +Erzählung löschen, die zuletzt verladen ist. In der +»Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte ich +kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: +»<span class="letterspaced">Der Japanische +Steinhauer</span>« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie +ich soeben irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des +Fischerknaben Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar +bis zum Schielendwerden nach <span class="letterspaced">einer</span> +Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine +Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in +Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... +Sie wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, +vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmūsson ist dort +im Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das +Gefährliche an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem +gekränkten Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen +mit dem Liede über Djiwa. Ich hatte dem Residenten mehrfach den +Vorschlag gemacht, zu Natal eine Seewehr herstellen zu lassen oder +mindestens einen Kunsthafen in der Mündung des Flusses, mit der +Absicht, den Handel in die Abteilung Natal zu leiten, die die so +bedeutsamen Battahlande mit der See verbindet. Anderthalb Millionen +Menschen im Binnenlande wussten keinen Absatz für ihre Produkte, +weil die Natalsche Reede—und zu Recht!—<span class="pagenum">[<a id="pb164" href="#pb164" name="pb164">164</a>]</span>in +einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen wurde +durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er behauptete, +dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie wissen, +dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, von dem +er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung gefallen. Die +Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip dem herrschenden +System der Abschliessung, und weit entfernt, dass man Schiffe dahin +lockte, war es selbst verboten—es sei denn, dass force majeure im +Spiele war—Rahschiffe in die Reede einlaufen zu lassen. Wenn nun +doch ein Schiff kam—es waren meist amerikanische +Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den +unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras—liess +ich mir stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er +um die Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss +über das Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile +Natals zu bewirken, oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es +nicht hart für mich, so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht +einmal einen Hafen machen lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies +alles in Verbindung mit meiner Kandidatur für die Leitung eines +Sonnensystems hatte mich an dem Tage so unliebenswürdig gemacht. +Als ich durch den Untergang der Sonne einigermassen genas—denn +Unzufriedenheit ist eine Krankheit—brachte mir just diese +Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, und +vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, +um—indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus +Wohlwollen für das Kind—verstohlenerweise den letzten +Tropfen von dem Trank einzunehmen, dessen ich mich bedürftig +fühlte. Doch siehe, das Kind schenkte mir +Gesundheit—für einige Tage wenigstens—mehr jedenfalls +als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben +muss:</p> +<hr class="tb"> +<p>»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. +Seine Arbeit war sehr schwer, und er <span class="pagenum">[<a id="pb165" href="#pb165" name="pb165">165</a>]</span>arbeitete viel, doch +sein Lohn war gering, und zufrieden war er nicht.</p> +<p>Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass ich +reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von roter +Seide.</p> +<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast.</p> +<p>Und er <span class="letterspaced">war</span> reich. Und er ruhte auf +einer Baleh-baleh, und die Klambu war von roter Seide.</p> +<p>Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem +Wagen. Und auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den +goldenen Pajong über das Haupt des Königs.</p> +<p>Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein +goldener Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war +er nicht.</p> +<p>Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre +König.</p> +<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast.</p> +<p>Und er <span class="letterspaced">war</span> König. Und vor +seinem Wagen her ritten viele Reiter, und auch waren da Reiter hinter +seinem Wagen, und über sein Haupt hielt man den goldenen +Pajong.</p> +<p>Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das +Erdreich, sodass der Graswuchs verdorrte.</p> +<p>Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und +Macht hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.</p> +<p>Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die +Sonne.</p> +<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast.</p> +<p>Und er <span class="letterspaced">war</span> die Sonne. Und er +sandte seine Strahlen nach oben und hernieder, nach der rechten Seite +und nach der linken Seite und überall umher.</p> +<p>Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht +der Fürsten, die auf Erden waren. <span class="pagenum">[<a id="pb166" href="#pb166" name="pb166">166</a>]</span></p> +<p>Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die +Strahlen der Sonne prallten von ihr zurück.</p> +<p>Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und er +klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden +war er nicht.</p> +<p>Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.</p> +<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast.</p> +<p>Und er <span class="letterspaced">wurde</span> eine Wolke und +stellte sich auf zwischen Sonne und Erde und fing die Sonne auf, also +dass das Gras grün wurde.</p> +<p>Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess +die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden +hinweg.</p> +<p>Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.</p> +<p>Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in +grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.</p> +<p>Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die +Stärke seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er +nicht.</p> +<p>Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich +wünschte, ich wäre dieser Fels.</p> +<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast.</p> +<p>Und er <span class="letterspaced">wurde</span> Fels und rührte +sich nicht, so die Sonne schien, und nicht, so es regnete.</p> +<p>Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit +schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.</p> +<p>Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat +über mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden +war er nicht.</p> +<p>Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, +ich wäre dieser Mann.</p> +<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. <span class="pagenum">[<a id="pb167" href="#pb167" name="pb167">167</a>]</span></p> +<p>Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit +schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und +er war zufrieden ...</p> +<hr class="tb"> +<p>—Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den +Beweis schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein +müssen.</p> +<p>—Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich +habe nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. +Als meine Erzählung zu Ende war, fragte ich:</p> +<p>»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel +aus dem Himmel käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«</p> +<p>»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich +mitnähme nach dem Himmel.«</p> +<p class="tb"></p> +<p>—Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es +vielleicht ganz verrückt fanden ...</p> +<p class="tb"></p> +<p>Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn. <span class="pagenum">[<a id="pb168" href="#pb168" name="pb168">168</a>]</span></p> +<div class="footnotes"> +<hr class="fnsep"> +<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e3475" href="#xd20e3475src" name="xd20e3475">1</a></span> Note des +Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: Everdine (d. +i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.</p> +</div> +</div> +<div id="ch12" class="div1"> +<h2>Zwölftes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">—Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so +dürftig. Möchtest du nicht ... du weisst ja ...</p> +<p>—Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum +Teufel, ich bin heiser. Verbrugge ist jetzt dran.</p> +<p>—Ja, M’nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat +Mevrouw Havelaar.</p> +<p>Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:—Es war +einmal ein Mann, der einen Truthahn stahl ...</p> +<p>—O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie +geht es weiter?</p> +<p>—Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?</p> +<p>—Na, <span class="letterspaced">ich</span>! Ich habe ihn +aufgegessen, im Verein mit ... noch jemand. Wissen Sie, warum ich in +Padang vom Amte suspendiert war?</p> +<p>—Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, +erwiderte Verbrugge.</p> +<p>—Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich +war zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in +meinen geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf +wirklich viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig +vor! Die Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der +Einnahme von Barūs, Tapūs und Singkel so verwirrt, alles war +so unruhig, dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, +<span class="pagenum">[<a id="pb169" href="#pb169" name="pb169">169</a>]</span>als dass er Geld zählte oder +Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte, wenn nicht +alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl von einem +Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter +nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie wissen, +Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt, auf +Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig +in den Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn +auch häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr—einige Zeit +vor meiner Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein +Vorgänger ermordet und der Aufstand proklamiert werden +sollte—die Gefahr hat etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst +zweiundzwanzig Jahre alt ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl +unbrauchbar machen für Bureauarbeit oder für die peinliche +Genauigkeit, die für eine gute Verwaltung von Geldsachen +nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei Tollheiten im Kopf +...</p> +<p>—Traūssa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.</p> +<p>—<span class="letterspaced">Was</span> ist nicht +nötig?</p> +<p>—Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas +hergerichtet werden sollte ... eine Omelette oder sonstwas.</p> +<p>—Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen +Tollheiten anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist +es recht, aber die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für +was entscheiden Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder +für die Historie?</p> +<p>—Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen +Menschen, sagte Verbrugge.</p> +<p>—Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, +fügte Duclari hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache +zwischen M’nheer und Mevrouw, und: »entre +l’écorce et le bois, il ne faut pas mettre le +doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und +Angel.</p> +<p>—Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die +Omelette ist ... <span class="pagenum">[<a id="pb170" href="#pb170" +name="pb170">170</a>]</span></p> +<p>—Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette +wird doch wohl soviel wert sein wie ...</p> +<p>—Wie diese Historie? Gewiss, <span class="letterspaced">wenn</span> sie was wert wäre! Doch es hat damit +einen Haken ...</p> +<p>—Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief +Verbrugge. Ach, lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!</p> +<p>—Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran +hapert’s nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, +hätte das nichts zu sagen, aber ...</p> +<p>—Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?</p> +<p>—Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins +Feuer fallen, sie ist ...</p> +<p>—Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?</p> +<p>—Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein +müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!</p> +<p>—Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in +komischer Verzweiflung.</p> +<p>—Aber Kaffee haben wir, rief Tine.</p> +<p>—Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw +Slotering mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, +worauf die kleine Gesellschaft sich nach draussen verfügte.</p> +<p>—Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch +nicht gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.</p> +<p>—Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, +sagte Havelaar, und das hat sie abgeschreckt.</p> +<p>—O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie +versteht kein Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch +weiterhin ihren eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich +recht gut. Weisst du noch, wie du meinen Namen<a class="noteref" id="xd20e3702src" href="#xd20e3702" name="xd20e3702src">1</a> +interpretiert hast? <span class="pagenum">[<a id="pb171" href="#pb171" +name="pb171">171</a>]</span></p> +<p>—E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«.</p> +<p>—Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch +etwas menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, +die das Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...</p> +<p>—Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte +Duclari.</p> +<p>—Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht +angenommen. Wir haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und +darum verlange ich die Geschichte von dem Truthahn.</p> +<p>—Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte +das Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab’s aufgegessen ... +mit noch jemandem.</p> +<p>—Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine +schalkhaft.</p> +<p>—Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen +wissen, warum Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.</p> +<p>—Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme +Schuld, der mich suspendiert hatte.</p> +<p>—Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir +nächstes Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich +Verbrugge.</p> +<p>—Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er +hatte sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die +Tiere an meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und +sagte zu dem Manne, der sich einbildete, dass er sie hütete: +»Sage dem General, dass ich, Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, +weil ich essen will«.</p> +<p>—Und dann das Epigramm?</p> +<p>—Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt?</p> +<p>—Ja.</p> +<p>—Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das +Ding, weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss +sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren +Ämtern suspendiert hatte, und <span class="pagenum">[<a id="pb172" +href="#pb172" name="pb172">172</a>]</span>viele unter ihnen verdienten +es viel weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war +suspendiert, und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein +ganz anderer war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen +das wohl erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich +alles genau weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang +für wahr hielt und was auch—vor allem im Hinblick auf die +bekannten Eigenschaften des Generals—wahr gewesen sein +<span class="letterspaced">kann</span>.</p> +<p>Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine +Wette zu gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des +Abends aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair +Valkenaar muss einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause +seinem Inkognito so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine +Tracht Prügel zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. +Nicht weit davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass +diese Miss einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... +verschwunden wäre. Der Assistent-Resident war als Haupt der +Polizei verpflichtet und auch willens, diese Sache zu untersuchen, und +scheint von diesem Vornehmen auf einer Whistpartie beim General etwas +gesagt zu haben. Doch man höre: am folgenden Tage erhält er +den Befehl, sich nach einer Abteilung zu begeben, deren +amtsführender Kontrolleur wegen wahrer oder vermeintlicher +Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert war, und in loco bestimmte +Dinge zu untersuchen und dieserhalb Bericht einzureichen. Wohl war der +Assistent-Resident verwundert, dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der +durchaus nicht in Beziehung zu seiner Abteilung stand, aber da er, +recht genommen, ihn als eine ehrende Auszeichnung ansehen konnte und +auch mit dem General auf sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er +nicht Ursache hatte, an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich +durch diese Sendung nicht weiter beunruhigen und begab sich +nach—ich will vergessen haben, wohin—um zu thun, was ihm +befohlen war. Nach einiger Zeit kehrt <span class="pagenum">[<a id="pb173" href="#pb173" name="pb173">173</a>]</span>er zurück und +erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für den +Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch +das Publikum—das heisst: niemand und alle Welt—entdeckt +worden, dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu +schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem +Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind +betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt +zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. +Ich wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach +den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme +machte, kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, +der ihn nicht—was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit +gesunken war—als fähig zu so etwas einschätzte. Die +meisten schrieben ihm nur <span class="letterspaced">eine</span> gute +Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr, und wenn ich, der +ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre, dass er bei +alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich bewegen, +Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er hatte +auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer einzelne +Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung, +etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen mag, +ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der Sucht +der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder +beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies, dies +oder dies ist, doch ... <span class="letterspaced">das</span> ist er, +<span class="letterspaced">das</span> muss man ihm lassen! Und niemals +kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man einen stark +ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle Tage betrunken +...</p> +<p>—Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit +war.</p> +<p>—Ja, <i>ich</i> mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie +vergessen sich <span class="letterspaced">so</span> weit, dass Duclari +des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das wird er +unangenehm finden, aber sofort <span class="pagenum">[<a id="pb174" +href="#pb174" name="pb174">174</a>]</span>wird er sich erinnern, etwas +Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht +ins Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein +bisschen arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm +legen und ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst +so’n guter, braver, achtbarer Kerl!«</p> +<p>—Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch +vertikal.</p> +<p>—Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern +Sie sich mal, wie oft man sagen hört: »O, wenn <span class="letterspaced">der</span> Mann auf seine Sachen passen würde, +<span class="letterspaced">das</span> wäre einer! Aber ...« +und dann folgt die Darlegung, wie er <span class="letterspaced">nicht</span> auf seine Sachen achte und also +<span class="letterspaced">keiner</span> sei. Ich glaube den Grund +hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute +Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache +wird wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind +sich mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern +ganz und gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, +verbietet der gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns +würde sehr bald niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres +behaupteten. Es muss also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie +uns das gelingt. Wenn Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant +Gamascho ist ein guter Soldat, er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich +kann Ihnen nicht genug sagen, ein wie guter Soldat der Leutnant +Gamascho ist ... aber ein Theoreticus ist er nicht ...<span class="corr" id="xd20e3782" title="Nicht in der Quelle">«</span></p> +<p>Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?</p> +<p>—Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder +gesehen.</p> +<p>—Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von +ihm.</p> +<p>—Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag’s von ihm.</p> +<p>—Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass +<span class="letterspaced">Sie</span>, Duclari, obenauf sind in der +Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben Sie mir, wir thun unrecht, +<span class="pagenum">[<a id="pb175" href="#pb175" name="pb175">175</a>]</span>uns so zu erbosen über jemanden, der recht +schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten so nah! +Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert Grad +für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann—wir, die wir +schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!—Zeter zu schreien +über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich, +dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an +guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man +ist.</p> +<p>—Auf wieviel Grad stehe ich, Max?</p> +<p>—Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, +Tine.</p> +<p>—Ich reklamiere, rief Verbrugge—nein, Mevrouw, nicht +gegen Ihre Nullnähe!—nein, aber es sind Beamte suspendiert, +ein Kind wird vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: +»la pièce!«</p> +<p>—Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause +ist! Nein, Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, +ehe ich nicht noch ein bisschen auf meinem Steckenpferde von der +Antithese herumgeritten bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem +Mitmenschen eine Art Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer +tadeln—was auffallend wirken würde—darum streichen wir +gern eine gute Eigenschaft über die Massen heraus, um die +üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich nur +gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der +Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass +ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber +er ist ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie +darüber so bös sein! Ich habe doch dabei gesagt, dass Ihre +Tochter ein liebes Mädchen ist!« Sehen Sie, das gewinnt +doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm seine Kunden ab, die +ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen, und zu gleicher Zeit +sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei, denn ich striche die +Tochter eines Konkurrenten heraus.</p> +<p>—Nein, <span class="letterspaced">so</span> schlimm ist es +nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen stark aufgetragen! +<span class="pagenum">[<a id="pb176" href="#pb176" name="pb176">176</a>]</span></p> +<p>—Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich +etwas kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das +»er ist ein Dieb« einigermassen umschleiert vorstellen. Die +Tendenz des Gleichnisses bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, +jemandem bestimmte Eigenschaften zuzuerkennen, die Anspruch auf +Beachtung, Ehrerbietung und Autorität verleihen, dann gewährt +es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften etwas zu entdecken, das +uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder gänzlich frei +erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt +beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann +benutzen wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase +recht hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung, +dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. +Sobald wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, +die ihn der Ehre eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine +Ansprüche darauf nicht länger leugnen können, ohne als +unkundig, gefühllos oder eifersüchtig angesehen zu werden ... +sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur drauf!« Aber +schon während des Draufsetzens und während er selbst noch +meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner +Vortrefflichkeit, haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der +dienen soll, ihn bei der ersten günstigen Gelegenheit +herunterzuholen. Je mehr Wechsel unter den Inhabern der Piedestale, +desto grösser die Wahrscheinlichkeit für andere, dass sie +auch einmal an die Reihe kommen werden, und so wahr ist dies, dass wir +aus Gewohnheit und zur Übung—wie ein Jäger, welcher auf +Krähen schiesst, die er doch liegen lässt—auch +<span class="letterspaced">die</span> Standbilder gern niederlegen, +deren Piedestal nie durch uns bestiegen werden kann. Herr Schöps, +der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier, sucht Erhebung in +der Klage: »Alexander <span class="letterspaced">war</span> nicht +gross ... er war unmässig«, ohne dass für Herrn +Schöps die mindeste Möglichkeit besteht, jemals mit Alexander +in Welteroberung zu konkurrieren.</p> +<p>Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf +<span class="pagenum">[<a id="pb177" href="#pb177" name="pb177">177</a>]</span>den Gedanken gekommen wären, den General +Vandamme für so tapfer zu halten, wenn nicht seine Tapferkeit als +Vehikel hätte dienen können für das stets +hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und +ebenso bin ich überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den +vielen, die selbst nicht gerade unantastbar waren, nicht als so gross +hingestellt worden wäre, wenn man sie nicht nötig gehabt +hätte als Gegengewicht gegen seinen Ruhm der Tapferkeit, der +manche nicht schlafen liess.</p> +<p><span class="letterspaced">Eine</span> Eigenschaft besass er +wirklich in hohem Masse: Willenskraft. Was er sich vornahm, musste +geschehen, und geschah auch gewöhnlich. Doch—sehen Sie wohl, +dass ich sogleich wieder die Antithese zur Hand habe?—doch in der +Wahl der Mittel war er dann auch etwas ... frei, und, wie van der +Palm—ich glaube, zu Unrecht—von Napoleon sagte: +»Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals im Wege!« +Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen, als wenn man +sich durch so etwas <span class="letterspaced">wohl</span> gebunden +erachtet.</p> +<p>Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht +ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten +Kontrolleur, dessen Suspension hierdurch den Anstrich der +Ungerechtigkeit erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren +Fortgang: man sprach noch immer über das verschwundene Kind. Der +Assistent-Resident fühlte sich aufs neue berufen, die Sache +aufzunehmen, doch ehe er etwas zur Aufklärung hatte bringen +können, ging ihm ein Beschluss zu, nach welchem er vom Gouverneur +der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit in +Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus +Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen sein +besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe.</p> +<p>Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht +gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die +geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus zu +entnehmen ist, dass man gerade <span class="pagenum">[<a id="pb178" +href="#pb178" name="pb178">178</a>]</span><span class="letterspaced">ihn</span> bestimmt hatte, diese Sache zu untersuchen. +Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte Persönlichkeit war, +und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was aus der +Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts +untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist +später gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der +Beiden Suspension war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den +Frühstückstisch des Generals von jemandem niederlegen liess, +der damals bei ihm und vorher bei mir in Dienst stand.</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line xd20e3378">Leibhafter Suspensionsbeschluss, der +suspendierend uns regiert,</p> +<p class="line">Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer +Zeiten,</p> +<p class="line xd20e3378">Du hättest dein Gewissen selbst mit +Freuden suspendiert ...</p> +<p class="line">Wenn’s nicht schon längst entlassen +wär’ in alle Ewigkeiten!</p> +</div> +<p class="firstpar">—Nehmen Sie mir’s nicht übel, +M’nheer Havelaar, ich finde, dass so etwas nicht am Platze war, +sagte Duclari.</p> +<p>—Ich auch ... aber ich musste doch <span class="letterspaced">etwas</span> thun. Stellen Sie sich vor, dass ich kein +Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete, Hungers +zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte wenig oder +keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte dem General +geschrieben, dass <span class="letterspaced">er</span> verantwortlich +wäre, wenn ich in Elend umkäme, und dass ich von niemandem +Hülfe annehmen würde. In den Binnenlanden waren Leute, die, +als sie hörten, wie es mit mir bestellt war, mich zu ihnen zu +kommen nötigten, doch der General verbot, dass man mir einen Pass +dahin ausfertigte. Nach Java konnte ich auch nicht verziehen. +Überall anderswo hätte ich mich retten können und +vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem mächtigen +General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern zu +lassen. Das hat neun Monate gedauert!</p> +<p>—Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte +der General <span class="letterspaced">viel</span> Truthühner?</p> +<p>—O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur +<span class="letterspaced">einmal</span>, nicht wahr? Was ich +während dieser Zeit <span class="pagenum">[<a id="pb179" href="#pb179" name="pb179">179</a>]</span>anfing? Ach ... ich machte Verse, +schrieb Komödien ... und dergleichen mehr.</p> +<p>—Und war dafür Reis zu haben auf Padang?</p> +<p>—Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich +sage lieber nicht, wie ich gelebt habe.</p> +<p>Tine drückte ihm die Hand: <span class="letterspaced">sie</span> wusste es.</p> +<p>—Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen +geschrieben haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der +Rückseite einer Quittung.</p> +<p>—Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine +Lage. Es bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De +Kopiist«, auf die ich eingezeichnet war. Sie stand unter den +Auspizien der Regierung—der Redakteur war Beamter beim +Allgemeinen Sekretariat—und darum wurden die Subskriptionsgelder +in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir eine Quittung +von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich des +Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt blieb, +des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia +zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf +der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren:</p> +<div class="lgouter" lang="fr"> +<p class="line">Vingt florins ... quel trésor! Adieu, +littérature,</p> +<p class="line xd20e3378">Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux +destin:</p> +<p class="line xd20e3378">Je meurs de faim, de froid, d’ennui et +de chagrin,</p> +<p class="line">Vingt florins font pour moi deux mois de +nourriture!</p> +<p class="line xd20e3378">Si j’avais vingt florins, je serais +mieux chaussé,</p> +<p class="line">Mieux nourri, mieux logé, j’en ferais +bonne chère ...</p> +<p class="line">Il faut vivre avant tout, soit vie de +misère:</p> +<p class="line xd20e3378">Le crime fait la honte, et non la +pauvreté!</p> +</div> +<p class="firstpar">Doch als ich später in Batavia der Redaktion +des »Kopiist« meine zwanzig Gulden bringen wollte, war ich +nichts schuldig. Es scheint, dass der General selbst das Geld für +mich bezahlt hat, um nicht gezwungen zu sein, diese illustrierte +Quittung nach Batavia zurückzusenden.</p> +<p>—Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des +Truthahns? Es war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm? +<span class="pagenum">[<a id="pb180" href="#pb180" name="pb180">180</a>]</span></p> +<p>—Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte +vor Gericht stehen lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den +Gouverneur von Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem +guten Willen als »Versuch zur Unterminierung der +Holländischen Autorität und Aufreizung zum Aufstand« +hätte ausgelegt werden können, oder als schuldig des +»Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er +gezeigt haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er +strafte mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu +hüten hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu +wählen. Und mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er +sagte <span class="letterspaced">nichts</span>, und er that +<span class="letterspaced">nichts</span>! Sehen Sie, das war grausam! +Er gönnte mir nicht den mindesten Märtyrerschein, mir wurde +nicht die Beachtung zu teil, wie sie Verfolgung erweckt, ich sollte +nicht unglücklich werden durch meine ausschweifende Witzigkeit! O, +Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um ein für alle mal einen +Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So wenig Ermutigung +löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten Funken ... +und <span class="letterspaced">den</span> inklusive: ich hab’s +nie wieder gethan! <span class="pagenum">[<a id="pb181" href="#pb181" +name="pb181">181</a>]</span></p> +<div class="footnotes"> +<hr class="fnsep"> +<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e3702" href="#xd20e3702src" name="xd20e3702">1</a></span> Note des +Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.</p> +</div> +</div> +<div id="ch13" class="div1"> +<h2>Dreizehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">—Und darf man nun wissen, warum Sie +eigentlich suspendiert waren? fragte Duclari.</p> +<p>—O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen +habe, als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen +kann, so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig +handelte, als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das +in Padang umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es +wird einem sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen +General in den Angelegenheiten kennen lernt, die <span class="letterspaced">mich</span> betreffen.</p> +<p>Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten +und Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit +auf eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch +Nachlässigkeit Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu +Padang—der nun just mein besonderer Freund nicht +war—behauptete, dass ein Fehlbetrag von Tausenden vorhanden sei. +Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange ich in Natal war, darauf +nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich unerwartet wurde mir eine +Versetzung nach den Padangschen Oberlanden zu teil. Sie wissen, +Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den Oberlanden von Padang +als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird als eine solche in der +nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich nur wenige Monate +vorher den Gouverneur <span class="pagenum">[<a id="pb182" href="#pb182" name="pb182">182</a>]</span>bei mir gesehen hatte—gleich +werden Sie hören, warum und wie—und weil während seines +Aufenthalts zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen +waren, bei deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig +gezeigt hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige +Auszeichnung auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise +auf einem französischen Schiff, der »Baobab« von +Marseille, das zu Atjeh Pfeffer geladen hatte und ... natürlich +bei Natal »Mangel an Trinkwasser« hatte. Sobald ich in +Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich in die Binnenlande +einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht den Gouverneur +besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht empfangen +könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen Posten +bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass ich +hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in +einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen +musste, ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur +wenige Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm +ich—oder vielmehr ich merkte es ihnen an—dass der General +sehr erbost auf mich war. Ich sagte, dass ich es ihnen <span class="letterspaced">anmerkte</span>, weil auf einem Aussenposten, wie Padang +damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als der +Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden +hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen, +aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig +hatte, ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu +greifen, und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine +abweisende Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo +in Indien, wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle +spielt, in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde +in jedem anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige +hundert Gulden vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider +Erwarten irgendwo aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle +Hülfe. Ich drang bei <span class="pagenum">[<a id="pb183" href="#pb183" name="pb183">183</a>]</span>einzelnen darauf, dass sie mir die +Ursache dieses Misstrauens nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich +endlich, dass man in meiner Kassenverwaltung zu Natal Fehler und +Versäumnisse entdeckt hätte, die mich einer ungetreuen +Administration verdächtig machten. Dass Fehler in meiner +Administration zu konstatieren waren, befremdete mich durchaus nicht. +Gerade das Gegenteil würde mich verwundert haben. Doch wohl fand +ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der persönlich Zeuge +gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem Bureau, mit der +Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden Versuchen zum +Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar wegen dessen, +was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte, den +entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben +konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen +Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von +‚force majeure‘.</p> +<p>Und, mochte man immer diese ‚force majeure‘ leugnen, +wollte man mich auch verantwortlich machen für Fehler, die +begangen waren in Augenblicken, da ich—in Lebensgefahr +oftmals!—fern von der Kasse und was damit zusammenhing, deren +Verwaltung einem andern anvertrauen musste; würde man auch +fordern, dass ich, das eine thuend, das andere nicht hätte lassen +sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer +Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« +nichts gemein hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor +allem, zahlreiche Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, +wie mühevoll die Position der Beamten auf Sumatra war, und es +schien denn auch im Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen +etwas durch die Finger zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von +den in Frage kommenden Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und +es mussten schon sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das +Wort »Untreue« aussprach oder nur daran dachte. Dies war +denn auch <span class="letterspaced">so</span> sehr Regel geworden, +dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten zu +müssen, dass ich, nach <span class="pagenum">[<a id="pb184" href="#pb184" name="pb184">184</a>]</span>der Untersuchung meiner +Verbindlichkeiten auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen +haben, worauf er achselzuckend erwiderte: »Ach ... die +Geldsachen!«, als fände er selbst, dass das Unwichtigere vor +dem Wichtigeren zurückstehen müsse.</p> +<p>Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein, +wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und Arbeit +Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder +Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war, +so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese +Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem +Aufstande zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer +und Flammen zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu +lassen in die Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel +Volk und Geld verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen +Mankos, und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem +die Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich +grössere Interessen gerettet hatte.</p> +<p>Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. +Denn indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit +Thür und Thor öffnen.</p> +<p>Nach tagelangem Warten—Sie können sich denken, in welcher +Stimmung!—erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen +Brief, worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue +verdächtig erscheine, mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von +Bemängelungen, die meiner Verwaltung zuteil geworden waren, zu +verantworten. Einzelne von ihnen konnte ich sofort richtig stellen. +Für andere hingegen hatte ich die Einsicht bestimmter +Schriftstücke nötig, und vor allem war es für mich von +Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund zu gehen und bei +meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen Differenzen zu +forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine Bemühungen, +Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die Unterlassung +einer <span class="pagenum">[<a id="pb185" href="#pb185" name="pb185">185</a>]</span>Abschreibung nach Mandhéling gesandter +Gelder zum Beispiel—Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im +Binnenlande aus der Natalschen Kasse bezahlt werden—oder sonst +etwas derartiges, das mir höchstwahrscheinlich sofort klar +geworden wäre, wenn ich meine Nachforschungen am Platze selbst +hätte anstellen können, hatte vielleicht hinter diesen +ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der General wollte mich nicht +nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung liess mir die Art, in der die +Beschuldigung der Untreue gegen mich eingebracht war, noch +auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war ich von Natal +unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht der +Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung erst mit, +als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt hätte, +mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem Falle diese +Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste Beleuchtung +gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit und im +Widerspruch mit aller Billigkeit?</p> +<p>Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv +oder persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet +hatte, erfuhr ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich +war: »weil ich zu Natal ihm so widersprochen hätte; was denn +auch«, so fügte man hinzu, »sehr verkehrt von mir +gewesen wäre«.</p> +<p>Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in +der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich +<span class="letterspaced">hatte</span> ihm widersprochen, aber bei +seiner Abreise hatte mich nichts vermuten lassen, dass er mir deshalb +zürne! Dumm genug, hatte ich in der günstigen Versetzung nach +Padang einen Beweis gesehen, dass er mein »Widersprechen« +schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig ich ihn damals +kannte.</p> +<p>Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu +einer so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war +ich mit mir selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, +so gut ich konnte, und <span class="pagenum">[<a id="pb186" href="#pb186" name="pb186">186</a>]</span>schloss meinen Brief—ich +besitze noch den Entwurf—mit den Worten:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»Ich habe die an meine Administration +geknüpften Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder +lokale Nachforschung möglich war, beantwortet. Ich ersuche Euer +Hochedelgestrengen, mich von allen wohlwollenden Erwägungen +verschont zu lassen. Ich bin jung und bin unbedeutend im Vergleich zu +der Macht der herrschenden Begriffe, denen mich zu widersetzen meine +Grundsätze mich nötigen, doch ich bleibe nichtsdestoweniger +stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit, stolz auf meine +Ehre.«</p> +</div> +<p>Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer +Verwaltung«. Der Offizier der Gerichtsbarkeit—wir sagten +damals noch »Fiscal«—erhielt den Befehl, betreffs +meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen.</p> +<p>Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, +und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! +Man riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen—ich +war noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen +geschahen—doch das wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel +gedacht und gelitten, und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft +und gewirkt, als dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. +Sie sehen aus dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht +behandelt sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General +gegenüber meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und +gleichzeitig können Sie wohl aus dem Brief ersehen, wie +unbegründet die Beschuldigung war, die man gegen mich erhob. +Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen Verbrechens, schreibt +anders!</p> +<p>Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen +müssen, wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen +Verdacht. Wahrscheinlich aber war diese scheinbar unabsichtliche +Unterlassung nicht ohne Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, +dass man ihn unterhält <span class="pagenum">[<a id="pb187" href="#pb187" name="pb187">187</a>]</span>und ernährt. Da ich Padang +nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit doch ein Gefangener, +aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich hatte wiederholt, doch +jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben, dass er meinen Verzug +von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte kein +Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft +werden mit Hungerleiden.</p> +<p>Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit +bereitete, den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu +erklären, weil Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen +nur auf Ermächtigung der Regierung zu Batavia statthaben +dürften, hielt mich der General, wie ich schon sagte, neun Monate +an Padang gebannt. Er erhielt endlich von höherer Hand den Befehl, +mich nach Batavia verziehen zu lassen.</p> +<p>Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte—gute Tine, du hattest +es mir gegeben!—zahlte ich einige tausend Gulden, um die +Natalschen Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da +sagte mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von +Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte +ich an Ihrer Stelle nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf +die Ewigkeit gegeben haben.« Ainsi va le monde!</p> +<hr class="tb"> +<p>Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine +Gäste von ihm erwarteten und die Aufklärung darüber +geben sollte, in welcher Angelegenheit und warum er dem General +Vandamme zu Natal seinerzeit »so widersprochen« hatte, da +zeigte sich Mevrouw Slotering in der Vorgalerie ihrer Wohnung und +winkte dem Polizei-Aufseher, der bei Havelaars Hause auf einer Bank +sass. Der begab sich zu ihr und rief darauf einem Manne zu, der soeben +das Erbe betreten hatte, jedenfalls in der Absicht, sich nach der +Küche zu begeben, die hinterm Hause gelegen war. <span class="pagenum">[<a id="pb188" href="#pb188" name="pb188">188</a>]</span>Unsere Gesellschaft würde hierauf +wahrscheinlich nicht weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei +Tische gesagt hätte, dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine +Art Spionage zu üben scheine über jeden, der das Erbe +betrete. Man sah den Mann, der durch den Aufseher gerufen war, zu ihr +gehen, und es schien, dass sie ihn in ein Verhör nahm, das nicht +zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens wendete er seine Schritte und +lief nach aussen zurück.</p> +<p>—Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war +vielleicht einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. +Ich habe noch nichts im Hause.</p> +<p>—Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete +Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre +Autorität zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste +Person hier, und wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch +bedeutet, in seiner Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist +noch nicht gewohnt an die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies +kleine Vergnügen nicht rauben. Thu nur so, als wenn du nichts +bemerktest.</p> +<p>Dies fiel nun Tine nicht schwer: <span class="letterspaced">ihr</span> war nichts an Autorität gelegen.</p> +<p>Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal +abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt +einem Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen +den beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit +wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den +Leser auf unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung +zwischen Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung +der Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das +Vermeiden der beiden Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt +schwierig für jemanden, der Indien zum Schauplatz seiner +Erzählung gewählt hat. Denn während ein Schriftsteller, +der europäische Zustände schildert, viele Dinge als bekannt +voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen +lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische +<span class="pagenum">[<a id="pb189" href="#pb189" name="pb189">189</a>]</span>Leser diese oder jene Umstände richtig +auffassen wird. Wenn der europäische Leser sich Mevrouw Slotering +als bei den Havelaars »logierend« denkt, so wie dies in +Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich vorkommen, +dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die in der +Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt, dass sie ein +apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere +Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That +nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und +Erbe bekannt mache.</p> +<p>Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den +»Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er +manchmal die Geduld seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung +von Örtlichkeiten zu viel Platz einräume, scheint mir nicht +recht begründet, und ich glaube, dass man sich zur Beurteilung der +Richtigkeit einer solchen Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: +war diese Beschreibung nötig, um den speziellen Eindruck +hervorzurufen, den der Autor bei dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege +man es ihm nicht übel aus, dass er von dir die Mühe erwartet, +zu <span class="letterspaced">lesen</span>, was er zu <span class="letterspaced">schreiben</span> sich die Mühe gab. Wenn nein, so +werfe man das Buch weg. Denn der Autor, bei dem es im Kopfe so leer +ist, dass er ohne zwingenden Grund Topographie giebt statt Gedanken, +wird selten der Mühe des Lesens wert sein, auch da, wo +schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende nimmt. Aber man vergesse +nicht, dass das Urteil des Lesers darüber, ob ein Abschweifen +notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist, weil er <span class="letterspaced">vor</span> der Katastrophe nicht wissen kann, was +erforderlich oder nicht erforderlich ist für die geordnete +Darlegung der Zustände. Und wenn er nach der Katastrophe das Buch +wieder aufnimmt—von Büchern, die man nur einmal liest, rede +ich nicht—und selbst dann noch meint, dass diese oder jene +Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck hätte +entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage, ob er +vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht der +<span class="pagenum">[<a id="pb190" href="#pb190" name="pb190">190</a>]</span>Schriftsteller in mehr oder minder +künstlicher Weise ihn dazu gebracht haben würde, und gerade +durch die Abschweifungen, die dem oberflächlich urteilenden Leser +überflüssig erscheinen.</p> +<p>Meinet ihr, dass Amy Robsart’s Tod euch so packen würde, +wenn ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und +meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände—Verbindung in +der Antithese—zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der +unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? +Fühlt ihr nicht, dass Leicester—dies weiss jeder, der den +Mann auch aus anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman—dass +er unendlich tiefer stand, als er im »Kenilworth« +geschildert wird? Aber der grosse Romancier, der lieber durch +künstliche Verteilung der Farben fesselte als durch Grellheit +derselben, achtete es unter seiner Würde, den Pinsel in all den +Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem unwürdigen +Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf <span class="letterspaced">einen</span> dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl +weisen, doch verstand er es, solchen Fleck durch die Lichter ins Auge +fallen zu lassen, die er in seinen unsterblichen Schriften daneben +setzte. Wer nun all das daneben Gegebene als überflüssig +verwerfen zu können glaubt, verliert gänzlich aus dem Auge, +dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen, zu der Schule +übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich +floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die +Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten +Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich +selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule—ich +hoffe und glaube, dass sie ausgeblüht hat—hielt es für +gemäss, mit voller Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse +Sudelkleckse hiervon auf das Gemälde zu werfen, dass man sie +selbst aus der Entfernung sehen möge! Sie sind denn auch mit +geringerem Aufwande zu malen, diese groben Streifen von Rot und +Schwarz, als die feinen Züge zu pinseln sind, die da stehen im +<span class="pagenum">[<a id="pb191" href="#pb191" name="pb191">191</a>]</span>Kelch einer Lilie. Darum wählte denn auch +diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten, am +liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. +Sieh, die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier +in Volksgeheul ... <span class="letterspaced">sein</span> Zorn bietet +dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden auf dem +Schlachtfelde ... <span class="letterspaced">seine</span> Fehler geben +Raum zum Schildern von Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe +Pinsel in Bewegung! Wenn du dich nicht bewegen lässest von dem +stummen Schrecken einer Leiche, die da liegt, es ist in meiner +Geschichte Platz für ein Schlachtopfer, das noch ächzt und +zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die vergebens ihr Kind +sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter, die ihr Kind +vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod +dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem +ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du +verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in +einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt +...</p> +<p>Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: +»rechts und links ... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken +Arm seines Nebenmannes auf ... marsch!«</p> +<p>Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was +ich so im Vorübergehen beweisen wollte.</p> +<p>Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen +Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf +seine Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden +Farben.</p> +<p>Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. +Du verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so +ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu +müssen, aber ... wenn der Autor in das andere Extrem +verfällt, wenn er sündigt durch <span class="letterspaced">zu +viel</span> Abschweifen von der Hauptsache, durch <span class="letterspaced">zu viel</span> Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn +noch stärker, und mit Recht. <span class="pagenum">[<a id="pb192" +href="#pb192" name="pb192">192</a>]</span>Denn dann hat er dich +gelangweilt, und das ist unverzeihlich.</p> +<p>Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege +und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang +in die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir +vor, in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu +zeigen weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu +sehen ist, das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir +von Zeit zu Zeit eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im +Knopfloch mitnehme, dann verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, +ich bin dir dankbar dafür.</p> +<p>Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und +mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich +betreten werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und +wie ein kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort +unten schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht +übel. Denn wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann +weiss ich, wie unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die +Ursache ist, dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns +haben, die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen +Gipfel wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch +dieses Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und +Verstehen ist Genuss.</p> +<p>Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen +Wege gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht +hineinzuführen ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der +Spaziergang dich verdriessen würde, da ich nicht wusste, ob du +Gefallen finden würdest an den Blumen und Pflanzen, die ich dir +zeigen wollte. Doch da ich glaube, dass du später zufrieden sein +wirst, den Pfad gesehen zu haben, den wir gleich beschreiten werden, so +fühle ich mich veranlasst, dir etwas über Havelaars Haus zu +sagen.</p> +<p>Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in <span class="pagenum">[<a id="pb193" href="#pb193" name="pb193">193</a>]</span>Indien eine Vorstellung nach europäischen +Begriffen machte und sich dabei eine Steinmasse dächte von +aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, vorn die Strasse, rechts +und links Nachbarn, deren Häuser sich an das unsere anlehnen, und +ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern dahinter. Wenige +Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien kein oberes +Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor, denn es +ist eine Eigenart der Zivilisation—oder dessen, was man +hierfür laufen lässt—alles seltsam zu finden, was +natürlich ist. Die indischen Häuser sind ganz anders als die +unseren, doch nicht <span class="letterspaced">sie</span> sind +sonderbar, <span class="letterspaced">unsere</span> Häuser sind +sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus erlauben konnte, nicht in +<span class="letterspaced">einem</span> Zimmer mit seinen Kühen zu +schlafen, hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht <span class="letterspaced">auf</span>, sondern <span class="letterspaced">neben</span> das erste gesetzt, denn das Bauen zu ebener +Erde ist einfacher und bietet auch mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. +Unsere hohen Häuser sind entstanden aus Mangel an Raum: wir suchen +in der Luft, was auf dem Boden fehlt, und so ist eigentlich jedes +Dienstmädchen, das abends das Fenster der Dachkammer schliesst, in +der es schläft, ein lebender Protest gegen die +Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, wie +ich wohl glaube.</p> +<p>In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch +nicht durch Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben +hinaufgequetscht haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das +Haus Havelaars gehörte nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser +Regel. Beim Eintreten ... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass +ich abstehe von allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. +‚Gegeben‘: ein längliches Quadrat, aufzuteilen in +einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben tief. Wir numerieren die +Flächen, beginnend an der linken Oberecke und nach rechts +weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, und in dieser +Weise weiter.</p> +<p>Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an drei +Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen +ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren <span class="pagenum">[<a id="pb194" href="#pb194" name="pb194">194</a>]</span>in +die Binnengalerie, die aus den drei folgenden Fächern sich +zusammensetzt. Die Fächer 7, 9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind +Zimmer, von denen die meisten durch Thüren mit den +danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten Nummern +bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist eine +Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich bin +recht stolz auf diese Beschreibung.</p> +<p>Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die +Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort +»Erbe« knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, +noch Feld, noch Wald, sondern entweder etwas davon, oder alles +zusammen, oder nichts von dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause +gehört, insoweit dieser nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass +in Indien der Ausdruck »Garten <span class="letterspaced">und</span> Erbe« als ein Pleonasmus gelten +würde. Es giebt da keine oder wenige Häuser ohne ein +derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen Wald und Garten und Weideland +und erinnern an einen Park. Andere sind Blumengärten. Anderswo +wieder ist das ganze Erbe <span class="letterspaced">ein</span> grosses +Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher +Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen Steinen +gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge weniger +anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert, +weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen +werden.</p> +<p>Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, +an einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein +»Ravijn« stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, +das sich bis an die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der +Rangkas-Betung mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess +sich schwer bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung +aufhörte, und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel +im Erguss von Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in +Gesichtsweite zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« +<span class="pagenum">[<a id="pb195" href="#pb195" name="pb195">195</a>]</span>füllte bis fast heran an Havelaars Haus, +fortwährend die Grenzen veränderte.</p> +<p>Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer +ein Dorn im Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der +Pflanzenwuchs, schon überall anderswo in Indien so wuchernd, war +an diesem Ort durch den jedesmal zurückgebliebenen Schlamm +besonders üppig, sogar in solchem Masse, dass, war auch der Zu- +und der Ablauf des Wassers mit einer Kraft erfolgt, die das Buschholz +entwurzelte und mit fortführte, nur sehr wenig Zeit nötig +war, um den Boden wieder mit all dem Unkraut sich überziehen zu +lassen, das das Reinhalten des Erbes, selbst in der unmittelbaren +Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und dies verursachte +beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame des +Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die +gewöhnlich abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, +dass Schreiben und Lesen unmöglich war—etwas, das an vielen +Orten Indiens recht viel Beschwer verursacht—es hielten sich in +dem Buschdickicht Schlangen und anderes Getier in Menge auf, das sich +nicht auf den »Ravijn« beschränkte, sondern oft auch +im Garten neben und hinter dem Hause gefunden wurde, oder auf der +Grasfläche des grossen Platzes vor dem Hause.</p> +<p>Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der +Aussengalerie mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus +lag links das Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem +Versammlungssaal, wo Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen +gesprochen hatte, und dahinter breitete sich der »Ravijn« +aus, den man überblicken konnte bis zum Tjiudjung hinunter. Den +Bureaux gerade gegenüber stand die alte +Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw +Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe +nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten +des Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, +der das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude +<span class="pagenum">[<a id="pb196" href="#pb196" name="pb196">196</a>]</span>gelegenen Küchen- und Stallgebäuden zu +begeben, entweder an den Bureaux oder an der Wohnung der Mevrouw +Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom Hauptgebäude und +dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude erregt hatte +durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem deshalb, da sie +ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.</p> +<p>Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, dass +er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, am folgenden +Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen und hatte sich +vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame ein sogenanntes +»inländisches Kind« war und keine andere Sprache +redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass +sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine +gern willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese +Einwilligung zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der +Befürchtung, dass sie, eben in Lebak angekommen und also noch +nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering nicht so gut +würde empfangen können, als die besonderen Umstände, in +denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl +würden sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens +Erzählungen nicht »stören«, wie Tine sich +ausdrückte, doch es verstand sich für sie, dass mehr +nötig war, als dass die Familie Slotering nicht +»gestört« wurde, und die schmale Küche in +Verbindung mit der beabsichtigten Sparsamkeit liessen sie wirklich den +Entschluss der Mevrouw Slotering sehr vernünftig finden. Ob nun +übrigens, wenn die Umstände anders gewesen wären, der +Umgang mit jemandem, der nur <span class="letterspaced">eine</span> +Sprache sprach, in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu +beiderseitiger Befriedigung geführt hätte, bleibt +zweifelhaft. Tine würde sie so gut wie möglich unterhalten +und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen haben, +über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken—ohne +Liebig, lieber Himmel!—aber so etwas bleibt doch immer eine +Aufopferung, und man empfand es also als sehr angenehm, <span class="pagenum">[<a id="pb197" href="#pb197" name="pb197">197</a>]</span>dass +die Angelegenheit durch Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in +einer Weise erledigt war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit +liess. Indes seltsam blieb es doch, dass die Dame es nicht allein +ausgeschlagen hatte, an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, +sondern selbst keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen +in der Küche von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die +Bescheidenheit, sagte Tine, wäre hier doch etwas weit getrieben, +denn die Küche sei geräumig genug. <span class="pagenum">[<a id="pb198" href="#pb198" name="pb198">198</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch14" class="div1"> +<h2>Vierzehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">—Sie wissen, begann Havelaar, dass die +niederländischen Besitzungen an der Westküste von Sumatra an +die unabhängigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh +das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem +Traktat von 1824 gegenüber den Engländern uns die +Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu +überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem ‚faux-air +Napoléon‘ gern sein Gouvernement so weit wie möglich +ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein +unüberwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses +geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden +würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen +nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben +wird, nicht längst unter niederländische +Souveränität gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen +Vorwand findet, solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich +zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu +allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube +von dem General Vandamme, dass er selbst eine Mühle weggenommen +haben würde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht, +wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht +handfestere Gründe dafür bestanden als Recht und +Billigkeit.</p> +<p>Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach +Norden, sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling +<span class="pagenum">[<a id="pb199" href="#pb199" name="pb199">199</a>]</span>und Ankola—dies war der Name der +Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich zur +Ruhe gebrachten Battahlanden—waren wohl noch nicht gesäubert +von atjinesischem Einfluss—denn wo religiöser Fanatismus +einmal seine Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten +schwierig—aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort. +Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine +Herrschaft bis an die Ostküste aus, und es wurden +niederländische Beamte und niederländische Garnisonen gesandt +nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später—wie Sie +wohl wissen, Verbrugge—wieder geräumt wurden.</p> +<p>Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese +Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, +da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom +Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General +Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das +Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus +Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er +ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische +Verwaltung gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben +entstanden wären. Und was ferner die teilweise Entblössung +anderer Plätze, hauptsächlich im Mandhélingschen, +anginge, so meinte er genügend auf die Treue und +Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling +in den Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu +sehen.</p> +<p>Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und +zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für +Jang di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.</p> +<p>Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, +der Schwiegersohn des <span class="corr" id="xd20e4120" title="Quelle: Assisent-Residenten">Assistent-Residenten</span> in den +Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. +Später habe ich viel von Klagen reden hören, die gegen diesen +Assistent-Residenten erhoben waren, <span class="pagenum">[<a id="pb200" href="#pb200" name="pb200">200</a>]</span>doch man durfte nur +mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie +grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem +Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war, +was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den Fehlern +seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie dem +sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für +die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und +vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr +befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den +battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde +zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren +Heiratsanträge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen +ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von +edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um +Natal und Mandhéling in Feindschaft gegeneinander zu +erhalten.</p> +<p>Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in +Mandhéling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan +verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne +des Aufstandes zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die +erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich +ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der +Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause +aus Furcht vor einem beteiligten Häuptling sich von der +Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese +Furcht einigermassen überwinden, sobald sie sich auf einem +Grundgebiet befinden, wo der betreffende Häuptling keinen Einfluss +hat.</p> +<p>Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den +Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich +verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch +ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im +Jahre 1846 im Krawangschen <span class="pagenum">[<a id="pb201" href="#pb201" name="pb201">201</a>]</span>und bin viel umhergestreift im +Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak +begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater +Ländereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden +und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an +dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet +bevölkert.</p> +<p>So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, +die—wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss—Jang di +Pertuan als Verräter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die +der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem +Bruder Sutan Adam die battakschen Häuptlinge in einem heiligen +Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen hätten, nicht +zu ruhen, bis die Herrschaft der »Christenhunde« in +Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von selbst, +dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie +wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.</p> +<p>Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, +kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der +Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben +nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der +Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande +gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung +erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und +Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.</p> +<p>Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass +Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling +gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn +der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten +passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach Padang +überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur +all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse +niedergelegt waren <span class="pagenum">[<a id="pb202" href="#pb202" +name="pb202">202</a>]</span>und die die Strenge der getroffenen +Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als +ein <span class="letterspaced">Gefangener</span> von Mandhéling +gegangen. Zu Natal war er <span class="letterspaced">gefangen</span>. +An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er +natürlich auch ein <span class="letterspaced">Gefangener</span>. +Er erwartete also—schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur +Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch zuständige +Autorität Hochverrats beschuldigt war—auch in Padang als ein +Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben, +dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er +<span class="letterspaced">frei</span> sei, sondern dass gar der +General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich +zur Ehre anrechnen würde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und +ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats +Beschuldigter angenehmer überrascht worden. Kurz darauf wurde der +Assistent-Resident von Mandhéling von seinem Amte suspendiert +wegen allerlei Vergehen, über die ich hier kein Urteil abgebe. +Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im +Hause des Generals verweilt und von diesem mit der grössten +Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling +zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des +Unschuldigerklärten, sondern mit dem Hochmut jemandes, der +<span class="letterspaced">so</span> hoch steht, dass er eine +Erklärung seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: +<span class="letterspaced">untersucht</span> war diese Angelegenheit +nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung +für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine +Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem +diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem +falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine +Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die +gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als ‚non +avenu‘ betrachtet, und ich halte es für sicher, dass die +hierauf bezüglichen Aktenstücke nie der Regierung zu Batavia +vorgelegt worden sind. <span class="pagenum">[<a id="pb203" href="#pb203" name="pb203">203</a>]</span></p> +<p>Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die +Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger +erzählte mir natürlich, was kurz vorher im +Mandhélingschen vorgefallen war, und gab mir die nötige +Aufklärung über das politische Verhältnis dieser +Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, +dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte +Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den +unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des +Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die +Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein +Faustschlag ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser—der +sich persönlich für die Treue des Häuptlings haftbar +gemacht hatte—begründete Ursache hatte, ihn, was es kosten +mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war +für den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin +erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war +und ihn also—im Zorn über das ungerechtfertigte Vertrauen +auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende +Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der +Ostküste widersetzt hatte—höchstwahrscheinlich aus +seinem Gouvernement abberufen haben würde.</p> +<p>»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen +möge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen +Beschuldigungen ohne weitere Prüfung Glauben zu schenken und die +viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer +Untersuchung wert zu erachten—die Sache ist noch nicht begraben +hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten +Zeugenerklärungen vernichtet hat, so können sie hier etwas +anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«</p> +<p>Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen +Präsident er war, des Inhaltes: <span class="letterspaced">Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der +Geisselung und Brandmarkung</span> und zu—wie ich +meine—<span class="letterspaced">zwanzigjähriger +<span class="pagenum">[<a id="pb204" href="#pb204" name="pb204">204</a>]</span>Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku +von Natal.</span></p> +<p>»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte +mein Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater +nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er <span class="letterspaced">da</span> Jang <span class="corr" id="xd20e4179" title="Quelle: die">di</span> Pertuan Hochverrats anklagt!«</p> +<p>Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem +»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal +den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung +führenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan +auszuführen, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den +Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein +Gespräch über einen Sewah, die Sumatra eigentümliche +Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, seine Anwesenheit +auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, der denn auch +bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga +war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus +unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen können. +Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga +ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage +später durch die natalsche Polizei ergriffen.</p> +<p>»Auf die Frage an den Beschuldigten: ‚<span class="letterspaced">was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan +Salim</span> und den <span class="letterspaced">Kontrolleur von Natal +geplanten Mordanschlag bewogen habe?</span>‘ antwortete er: +‚<span class="letterspaced">er sei dazu gedungen worden durch +Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von +Mandhéling</span>‘.«</p> +<p>»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das +Urteil ist nach dem ‚fiat executio‘ des Residenten, was die +Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si +Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als +Kettengänger nach Java überführt zu werden. Gleichzeitig +mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann +kann man da sehen, <span class="pagenum">[<a id="pb205" href="#pb205" +name="pb205">205</a>]</span>wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein +Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht +vernichten, und wollte er es auch.«</p> +<p>Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein +Vorgänger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass +der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal +besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und +verlangte augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen +»von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt +hätte«.</p> +<p>»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung +verdient!« fügte er hinzu.</p> +<p>Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen +Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also in +mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit +Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt +haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen +ein gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den +Befehl, Sutan Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der +junge Tuanku sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur +wenig Garnison im Fort hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf +freiem Fusse zu belassen, was mir auch zugestanden wurde. Doch für +Sutan Salim, den besonderen Feind von Jang di Pertuan, gab es keine +Gnade. Die Bevölkerung war in grosser Spannung. Die Nataler +argwöhnten, dass der General sich zu einem Werkzeug +mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser Situation war +es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, was er +»beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die +im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, das +er von Bord mitgebracht hatte, nicht <span class="letterspaced">mir</span> zur Bedeckung abstand, wenn ich an die +Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe bei dieser +Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für seine +eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch <span class="pagenum">[<a id="pb206" href="#pb206" name="pb206">206</a>]</span>in +den Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr +davon gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt +werde.</p> +<p>Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad +hoc« würde nennen können. Die Glieder desselben waren: +ein paar Adjutanten, andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit +oder »Fiscal«, den er von Padang mitgebracht hatte, und +ich. Dieser Rat sollte eine Untersuchung darüber einleiten, in +welcher Weise unter meinem Vorgänger der Prozess gegen Si Pamaga +geführt worden war. Ich musste eine Anzahl Zeugen aufrufen lassen, +deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der General, der +natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das +Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte +wenig Malayisch verstand—und absolut nicht das Malayisch, das im +Norden von Sumatra gesprochen wird—so war es oftmals nötig, +ihm die Antworten der Zeugen zu verdolmetschen, was der General +meistens selbst that. Aus den Sitzungen dieses Rats sind +Aktenstücke hervorgegangen, die aufs deutlichste zu beweisen +scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan gehegt hatte, jemanden, wer +es auch sei, zu ermorden; dass er weder Sutan Adam noch Jang di Pertuan +jemals gesehen oder gekannt hatte; dass er <span class="letterspaced">nicht</span> auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; +dass dieser <span class="letterspaced">nicht</span> aus dem Fenster +geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass das Urteil gegen +den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der Pression des +Vorsitzenden—meines Vorgängers—und des Ratsmitgliedes +Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas +ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von +Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu +geben und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.</p> +<p>Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die +Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes +Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel’ +Herzen, oder ich schneide dir den <span class="pagenum">[<a id="pb207" +href="#pb207" name="pb207">207</a>]</span>Hals ab!« Auch die +Übersetzungen, wie er sie dem Fiscal in die Feder diktierte, +liessen viel zu wünschen übrig.</p> +<p>Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den +natalschen Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig +erkläre, ist mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General +Vandamme eine Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die +des Mannes <span class="letterspaced">Unschuld</span> beweisen sollten. +Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei obwaltenden tieferen +Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser ... Ungenauigkeit +widersetzt, die eben <span class="letterspaced">so</span> weit ging, +dass ich mich einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern +müssen, und da haben Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem +General »so widersprochen« hatte. Sie begreifen nun auch, +worauf die Worte hinzielen, mit denen ich die Beantwortung auf die +Aussetzungen, die auf meine geldliche Verwaltung gefallen waren, +schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, mich von allen +wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.</p> +<p>—Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren +Jahren, sagte Duclari.</p> +<p>—Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General +Vandamme so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den +Folgen dieser Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, +was Sie sagen wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch +hinzufügen, dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen +die Art, wie der General die Zeugen befragte, und nicht auf die +Weigerung, zu einzelnen Protokollen meine Handzeichnung zu geben, +beschränkt haben würde, wenn ich damals schon hätte +vermuten können, was ich erst später erfuhr, dass dies alles +nur hervorging aus der von vornherein festgelegten Absicht, meinen +Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der General, +überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte +Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den +Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung +<span class="pagenum">[<a id="pb208" href="#pb208" name="pb208">208</a>]</span>und Brandmarkung noch möglich war. Diese +meine Meinung genügte wohl, mich einer Fälschung zu +widersetzen, doch ich war über die Sache nicht so entrüstet, +wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass es sich +hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, sondern +dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre und des +Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, die der +Politik des Generals im Wege standen.</p> +<p>—Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte +Verbrugge.</p> +<p>—Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor +der General nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor +der Regierung zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist +er in Dienst geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil +das ‚fiat executio‘ verliehen hatte, wurde ...</p> +<p>—Suspendiert?</p> +<p>—Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht +hatte, als ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur +suspendierend uns regierte.</p> +<p>—Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten +geworden?</p> +<p>—O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem +andern, sind in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen +haben später sehr angesehene Posten bekleidet.</p> +<p>—Und Sutan Salim?</p> +<p>—Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, +und von da wurde er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch +zu Tjanjor in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort +war, habe ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in +Tjanjor anstellte, Tine?</p> +<p>—Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.</p> +<p>—Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine +Herren!</p> +<p>—Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am <span class="pagenum">[<a id="pb209" href="#pb209" name="pb209">209</a>]</span>Erzählen sind: darf ich fragen, ob es wahr +ist, dass Sie zu Padang sich so häufig duellierten?</p> +<p>—Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe +Ihnen schon gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen +Aussenposten der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen +bemessen. Die meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, +und oft ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. +Ein nicht erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die +»Thorheit jemandes, der es gegen den General aufnehmen +wolle«, eine Anspielung auf meine Armut, auf mein Hungerleiden, +die Äusserung, dass »die sittliche Unabhängigkeit ihren +Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, begreifen +Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, wussten, dass +der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und vor allem mit +jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht also reizte man +mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich wohl einmal +für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt hatte. Wie +dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, und mehr +als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein hatte an +<span class="letterspaced">einem</span> Morgen. O, es liegt viel +Anziehendes im Duell, vor allem im Duell mit Säbel, oder +»auf« Säbel, wie man’s ... ich weiss nicht, +warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun +nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie +in jenen Tagen ... komm mal her, Max—nein, fang’ das +Tierchen nicht—komm her. Hör mal, du musst niemals +Schmetterlinge fangen. Das arme Tier ist erst lange Zeit als Raupe auf +einem Baume herumgekrochen, das war kein fröhliches Leben! Nun hat +es gerade Flügel gekriegt und will in der Luft umherfliegen und +sich des Lebens freuen und sucht Nahrung in den Bäumen und thut +niemandem was zu Leide ... sieh doch, ist es nicht viel netter, es da +so umherflattern zu sehen?</p> +<p>So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf +das Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf <span class="pagenum">[<a id="pb210" href="#pb210" name="pb210">210</a>]</span>das +Tierquälen, auf die »loi Grammont«, auf die +Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur Annahme gelangte, auf die +Republik und auf hundert andere Dinge noch!</p> +<p>Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen +Gästen, weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am +folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der +neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der +Vorgalerie nach Parang-Kudjang—dem Distrikt der +»<span class="letterspaced">weitgehenden +Missbräuche</span>«—ausgeritten und erst diesen Morgen +in der Frühe von dort zurückgekehrt war.</p> +<hr class="tb"> +<p>Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, +um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten +Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, +als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit +Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man +seinen Gästen die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer +vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die +Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und hätte die +Tischgespräche vor dem Leser noch weiter ausbreiten können, +und zwar mit geringerer Mühe, als mich das Abgehen von denselben +gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte genügen +wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von +Havelaars Naturell und seinen Qualitäten gegeben habe, und hoffe, +dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsfällen +Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.</p> +<p>Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig +über Tage aus und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. +Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen +Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem häuslichen +Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit +zu entdecken, die sonst in Indien <span class="pagenum">[<a id="pb211" +href="#pb211" name="pb211">211</a>]</span>den Verkehr so oft steif und +unerquicklich macht, während Havelaars Ehrgeiz, Hülfe zu +leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem Regenten zu +statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte für seinen +»älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw +Havelaars liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr +mit den wenigen am Platze anwesenden Europäern und den +eingeborenen Häuptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem +Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens, +während die Befehle des Residenten, mit Höflichkeit gegeben, +streng befolgt wurden.</p> +<p>Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren +die Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz +eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies +fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl +doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, +dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.</p> +<p>Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male +in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach +wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder +Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das +man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und +achtete bald nicht mehr darauf.</p> +<p>Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine +verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu +finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten +unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein +Brot. Man hätte es von Serang kommen lassen können, doch die +Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass +viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung +bringen zu lassen, doch <span class="letterspaced">unbezahlte +Arbeit</span>, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war +vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohne +<span class="pagenum">[<a id="pb212" href="#pb212" name="pb212">212</a>]</span>Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht +für einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen +schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. +Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau +nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine +andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen +Sonnenhitze und Westmūsson-Regenböen als ein Tischchen, +zwischen dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie +sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises +und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und +vielen anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur +mit ihrem Max zusammen sein konnte?</p> +<p><span class="letterspaced">Einen</span> Umstand jedoch gab es zu +Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem +Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte +und hierüber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den +Bedienten einen Preis aus für jede Schlange, die sie fangen +würden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an +Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin einziehen +musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also +ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung +bald über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also +bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen +dürfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen +in der Vorgalerie begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war +Tine doch stets ängstlich und besonders abends, da man weiss, wie +Schlangen häufig in die Häuser kriechen und sich, Wärme +suchend, in den Schlafzimmern verbergen.</p> +<p>Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien +überall, doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die +Bevölkerung dichter gedrängt wohnt, kommen sie natürlich +seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn +aber Havelaar sich hätte entschliessen können, sein Erbe bis +an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen <span class="pagenum">[<a id="pb213" href="#pb213" name="pb213">213</a>]</span>zu +lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer +noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie +es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit +und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, +wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur +unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen +haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und +ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft +auf die Missbräuche, die beinahe überall in den +Niederländisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.</p> +<p>Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, +der den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum +sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. +Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. +Dieser würde, wenn das der Fall wäre, sich jedenfalls +hüten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung +über seine Kräfte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm +angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten zu +werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs +binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten +oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal +gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen +Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den +Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche +Arbeit gegen gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun +doch das würdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein +Erfordernis ist, damit nicht die Bevölkerung, die auf <span class="corr" id="xd20e4306" title="Quelle: Ausserlichkeiten">Äusserlichkeiten</span> +ausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu +geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses +Ziel erreicht wird. An den meisten Plätzen haben die Statthalter +Verfügung über einige Kettengänger, d. h. anderswo +verurteilte Verbrecher, welche Art <span class="pagenum">[<a id="pb214" +href="#pb214" name="pb214">214</a>]</span>Arbeitskräfte jedoch in +Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gründen politischer Art +nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, wo sich wohl derartige +Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die +Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem +Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, um ein +grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel +gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von +<span class="letterspaced">Herrendienst</span> ist nahe gelegen. Der +Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben +wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut, +dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht, +späterhin schwer fallen wird, ein Inländisches Haupt wegen +eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des +einen als Freibrief für den andern.</p> +<p>Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden +Beamten <span class="letterspaced">in einzelnen Fällen</span> +nicht allzu streng, und vor allem nicht nach europäischen +Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst würde +es—vielleicht, da es ihr ungewohnt ist—sehr sonderbar +finden, wenn er <span class="letterspaced">stets</span> und +<span class="letterspaced">in allen Fällen</span> sich streng an +die Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten +Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten +können, die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch +sobald einmal die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten +ist, wird es schwer, einen Punkt anzugeben, wo eine solche +Überschreitung in strafwürdige Willkür übergehen +würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, sobald man +weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel warten, +um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die Geschichte +von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung +<span class="letterspaced">eines</span> Kornes Salz vergässe, das +er bei seinem einfachen Mahle gebraucht hatte, als er an der Spitze +seines Heeres das Land durchzog—weil, wie er sagte, dies der +Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich sein ganzes +<span class="pagenum">[<a id="pb215" href="#pb215" name="pb215">215</a>]</span>Reich vernichten würde—möge er +nun Timurleng, Nureddin oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, +dass entweder diese Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser +Vorfall selbst nach Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von +Seedeichen an die Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, +ebenso mag man annehmen, dass Neigung zu <span class="letterspaced">solchen</span> Missbräuchen in einem Lande besteht, +wo <span class="letterspaced">solche</span> warnenden Lehren gegeben +werden.</p> +<p>Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich +zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen +Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut und +Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen +eine völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der +Mittel, dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem +der Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo +Kettengänger in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er +erhielt hierauf eine abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass +er allerdings das Recht hätte, die Personen, die von ihm durch +Polizeiurteil zu »Arbeit am öffentlichen Wege« +verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu stellen. Dies wusste +Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm hinlänglich +bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte +überall die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber +niemals hatte er—weder in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch +in Menado, noch in Natal—von diesem vermeintlichen Recht Gebrauch +machen wollen. Es widerstrebte ihm, zur Busse für kleine Vergehen +seinen Garten unterhalten zu lassen, und mehrfach hatte er sich die +Frage vorgelegt, wie die Regierung Bestimmungen bestehen lassen +könne, die geeignet sind, den Beamten in Versuchung zu bringen, +kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und zwar im Verhältnis +nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande oder der Ausgedehntheit +seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der Gestrafte, auch sogar der, +der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, dass sich Eigennutz +hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn, <span class="pagenum">[<a id="pb216" href="#pb216" name="pb216">216</a>]</span>wo +er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden +Einkerkerung den Vorzug geben.</p> +<p>Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen +durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen +vergönnt war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung +vorgestellt hatte.</p> +<p>Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine +Verdriesslichkeiten keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie +ausübten, die soviel Baustoffe besass, um sich ein +glückliches häusliches Leben zu zimmern, und nicht solchen +Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, wenn Havelaar zuweilen +mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise zurückgekehrt +oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn zu sprechen +verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die Häuptlinge +gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht +entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus +den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der +wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, +was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir +können also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak +vorging, seiner Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele +Jahre vorher der Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon +am ersten Tage, als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der +meine Erzählung beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer +Wirkungskreis nicht fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den +Plätzen selbst vieles bestätigt gefunden, was er früher +vermutete, und insonderheit aus dem Archiv war es ihm klar geworden, +dass der Landstrich, dessen Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut +war, sich wirklich in einem höchst traurigen Zustande befand.</p> +<p>Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich +ihm, dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die +Korrespondenz mit den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, +Bedrohung auf Bedrohung, und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie +dieser Beamte schliesslich gesagt <span class="pagenum">[<a id="pb217" +href="#pb217" name="pb217">217</a>]</span>haben mochte, dass er sich +direkt an die Regierung wenden werde, wenn diesem Stande der Dinge +nicht ein Ende gemacht würde.</p> +<p>Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, +sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der +Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von Bantam +übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies +auch durch nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man +dürfe doch wohl nicht annehmen, dass dieser hohe Beamte für +Erpressung und Wucherei Partei ergreifen werde.</p> +<p>Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen +in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob dem +Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen zufiele. +Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr ungern +auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir +haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten +über die herrschenden Missbräuche +gesprochen—»abouchiert« nannte es Verbrugge—und +wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also nicht des +Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter Beamter, der +als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der +Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, dass +Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses +Rechtes Lauf aufzuhalten.</p> +<p>Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten +verweilte, hatte er mit diesem über die Lebakschen +Missbräuche geredet und hierbei zur Antwort bekommen: »dass +all dies in höherem oder geringerem Masse überall der Fall +wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer wollte +wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht +geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, +die Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem +nicht, wenn man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, +und meinte auch, dass <span class="pagenum">[<a id="pb218" href="#pb218" name="pb218">218</a>]</span>nach allem, was er von Lebak +wüsste, hier keine Rede wäre von <span class="letterspaced">höherem</span> oder <span class="letterspaced">geringerem</span>, sondern vielmehr von <span class="letterspaced">sehr hohem</span> Masse, worauf ihm der Resident unter +anderm antwortete: »dass es in der Abteilung +Tjiringien—auch zu Bantam gehörend—noch ärger +bestellt sei«.</p> +<p>Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident +keinen direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher +Verfügung über die Bevölkerung hat, so tritt die Frage +auf, was denn so viele bewegt, im Widerspruch mit Eid und Pflicht +solche Missbräuche bestehen zu lassen, ohne der Regierung hiervon +Kenntnis zu geben? Und wer hierüber nachdenkt, muss es schon sehr +sonderbar finden, dass man so kaltblütig die Existenz dieser +Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu thun, das +ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, +die Ursachen hiervon darzulegen.</p> +<p>Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten +Nachricht eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem +ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben +bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten +mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein +würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen +Umstandes zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man +Gefahr läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, +die nun einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte +scheint, sondern zugleich auch als die Ursache des ungünstigen +Zustandes angesehen zu werden, den man pflichtgemäss +offenbart.</p> +<p>Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe +an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die +Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die +Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur +günstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten +keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in +der offiziellen und <span class="pagenum">[<a id="pb219" href="#pb219" +name="pb219">219</a>]</span>schriftlichen Behandlung der Geschäfte +ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der +Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen dieser +Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich +behandeln, und—noch sonderbarer—häufig selbst in +Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde +viele Beispiele von Rapporten anführen können, die den +günstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben, +jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst Lügen +strafen. Diese Beispiele würden, wenn nicht die Sache wegen der +schliesslichen Folgen zu ernst wäre, Anlass zu Spott und +Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, mit +der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht +erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige +Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich +bekämpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel +beschränken, das ich um sehr viele andere vermehren könnte. +Unter den Schriftstücken, die mir vorliegen, finde ich den +Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident rühmt den Handel, +der dort blüht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft +grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen +ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel spricht, die ihm +zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im +selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der +Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass ihr also +in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, sagt +er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner +Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn +... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass +niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen +würde.«</p> +<p>Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den +Worten: »Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig +geblieben.« Solche Wendungen zeugen freilich von einer +<span class="pagenum">[<a id="pb220" href="#pb220" name="pb220">220</a>]</span>sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die +Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten +erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht +lästig fällt« mit unangenehmen Berichten!</p> +<p>Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in +den Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die +Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht +ist, durch niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der +sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald—meistens, wenn +der Berichterstatter abgetreten ist—unerhörte Früchte +abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung auftrat, die nicht +verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger +Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, +da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder +Hungersnot die Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge +von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von +schlechter Verwaltung.</p> +<p>Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die +Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang <span class="letterspaced">weitgehendem</span> Missbrauch« zuschrieb, habe +ich vor mir liegen. Diese Note war <span class="letterspaced">in</span>offiziell, und sie umfasste Punkte, über +die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zu <span class="letterspaced">sprechen</span> hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im +Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache +ritterlich in einem <span class="letterspaced">offenbaren +Dienstschreiben</span> beim wahren Namen genannt hatte.</p> +<p>Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und +also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im +Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: <span class="letterspaced">unwahr</span>.</p> +<p>Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte +sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen +zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese +unverschleierte Äusserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele +Millionen aus dem Staatssäckel und wie viele Menschenleben +<span class="pagenum">[<a id="pb221" href="#pb221" name="pb221">221</a>]</span>England erspart worden wären, wenn man +zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den +wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit +man dem Manne schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt +hätte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu spät war, den +Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger +blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.</p> +<p>Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen +könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig +Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt +gerühmt wurden, und dass mehrmals eine Bevölkerung, die als +ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei +auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise in +<span class="letterspaced">diesem</span> Buche zu liefern, vertraue ich +gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, +dass sie vorhanden sind.</p> +<p>Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein +einziges Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen +ich vorher Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun +vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht +verstanden werden kann.</p> +<p>Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der +in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin +versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen +aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt +oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge +fasst, welche nach diesen Rapporten übergeführt ist +<span class="letterspaced">aus</span> Residentschaften auf Java +<span class="letterspaced">nach</span> Residenschaften auf Java, wird +man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikols <span class="letterspaced">mehr</span> beträgt als der Reis, der—nach +denselben Rapporten—<span class="letterspaced">in</span> +Residentschaften auf Java <span class="letterspaced">aus</span> +Residentschaften auf Java eingeführt ist.</p> +<p>Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von +dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte <span class="pagenum">[<a id="pb222" href="#pb222" name="pb222">222</a>]</span>annimmt und publiziert, und will den Leser nur +auf die <span class="letterspaced">Absicht</span> bei dieser +Fälschung aufmerksam machen.</p> +<p>Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen +Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden +sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass +in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen +der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich +habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, +dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu +den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die +von mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, +damit die Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses +Lebensmittels haben könne. <span class="letterspaced">Ausfuhr</span> aus einer Residentschaft bedeutet: +Wohlstand, <span class="letterspaced">Einfuhr</span>: entsprechenden +Mangel.</p> +<p>Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich +heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass +<span class="letterspaced">alle Residentschaften zusammen mehr Reis +ausführen als in allen Residentschaften zusammen eingeführt +wird</span>. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr +über See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der +logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung: +<span class="letterspaced">dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort +ist</span>. Das ist doch Wohlstand!</p> +<p>Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als +nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend +erscheinen würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig +wären. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu +erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die +Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel +von einer Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und +schmiegsam, seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, +wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension +abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht, <span class="pagenum">[<a id="pb223" href="#pb223" name="pb223">223</a>]</span>ohne +dass irgend etwas für die Beseitigung des Kummers geschieht, unter +dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich +zurückspringen? Muss nicht die so lange unterdrückte +Unzufriedenheit—unterdrückt, damit man fortfahren +könne, sie zu leugnen!—endlich in Wut umschlagen, in +Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses +Weges?</p> +<p>Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander +folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas +Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas +Höheres als die »Zufriedenheit des +Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der +flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten +blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes entbehrten, ein +herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die +Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie +Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur +Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? +Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre +Schuld?</p> +<p>Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die +am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit +unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger +Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der +Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch +eingeborene Häuptlinge handelt.</p> +<p>Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen +Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten +müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, +der für die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität +nötig ist, dass diese Häuptlinge hierfür eine viel +höhere Besoldung würden geniessen müssen, als es jetzt +der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende +durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum und die +Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem <span class="pagenum">[<a id="pb224" href="#pb224" name="pb224">224</a>]</span>sei, +die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen +über, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor +Erpressung und Raub schützen. Meistens weiss man in +unbeurteilbaren und häufig aus der Luft gegriffenen Gründen +der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen +Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum +Sprichwort <span class="corr" id="xd20e4464" title="Quelle: geaichte">geeichte</span> Meinung, dass die Regierung lieber +zehn Residenten entlasse als <span class="letterspaced">einen</span> +Regenten. Auch die vorgeschützten politischen +Gründe—wenn sie sich überhaupt auf etwas +gründen—sind gewöhnlich auf falsche Angaben +gestützt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines +Regenten auf die Bevölkerung recht hoch darzustellen, damit er +sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn später einmal +ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber diesen +Häuptlingen fallen sollte.</p> +<p>Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche +Heuchelei der human lautenden Bestimmungen—und der +Eide!—die den Javanen gegen Willkür schützen ... auf +dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim +Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung +denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation +des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer +gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.</p> +<p>Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie +für manchen andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft +war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als +einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur +mit Befürchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn +und Beförderung zu kämpfen, noch auch allein mit den +Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erfüllen +hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen überwinden. +Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es würde mich +zu weit führen, wollte ich die Beispiele anführen, wie er +stets, auch wo er <span class="pagenum">[<a id="pb225" href="#pb225" +name="pb225">225</a>]</span>gekränkt und beleidigt war, den Part +eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte +Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am +Duell mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er +sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners +gewöhnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie +eine barmherzige Schwester pflegte. Ich könnte erzählen, wie +er zu Natal den Kettengänger, der auf ihn geschossen hatte, zu +sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn beköstigen liess und +ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte, +dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo +gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich wurde die +Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde +lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist +bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden von +dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich +Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne +geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem—ausser von +Tine—der ihn darauf über die »dummen Tiere« +schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, die +solche Tiere schuf.</p> +<p>Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal +herunterzuholen, auf das seine Umgebung—man mochte ihn lieben +oder nicht—wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er +<span class="letterspaced">ist</span> geistvoll, aber ... es ist +Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er <span class="letterspaced">ist</span> verständig, doch ... er wendet seinen +Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er <span class="letterspaced">ist</span> gutherzig ... doch er kokettiert +damit!«</p> +<p>Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht +Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn +er gänzlich allein war, wollet <span class="letterspaced">ihr</span> dieses Herz verteidigen gegen die +Beschuldigung der Koketterie?</p> +<p>Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um +Havelaar, die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis +nötig haben würde! <span class="pagenum">[<a id="pb226" href="#pb226" name="pb226">226</a>]</span></p> +<p>War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem +Hunde—Sappho hiess das Tier—in die Flussmündung +nachsprang, weil er befürchtete, dass das noch junge Tier nicht +gut genug schwimmen könne, um den Haien zu entgehen, die dort so +zahlreich waren? Ich kann an ein derartiges Kokettieren mit +Gutherzigkeit schwerer glauben, als an die Gutherzigkeit selbst.</p> +<p>Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt +habt—wenn ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod +... wie die geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da +jenseits unter der Linie!—ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis +ableget von seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt +vor allem rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen +braucht, wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von +welcher geringen Höhe auch immer.</p> +<p>Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen +Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht +überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau +und Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und +befand sich in Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm +eigentümlich finde, ohne indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, +wenn man sie antastet, machte er sich zum Meister der Sprache des +Landes, in dem er sich einige Monate aufgehalten hatte. Hier sind also +die Verse, die gleichzeitig die Innigkeit verraten, mit der er den +Seinen zugethan war:</p> +<div class="lgouter xd20e4502"> +<div class="lg"> +<p class="line">—Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, +hör!</p> +<p class="line">Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird +kühl,</p> +<p class="line">Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen +glüht!</p> +<p class="line">Du hast den ganzen Tag so wild gespielt</p> +<p class="line">Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Ach, Mutter, lass mich noch ’nen +Augenblick!</p> +<p class="line">Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,</p> +<p class="line">Da drin auf meiner Matte, schlaf’ ich gleich,</p> +<p class="line">Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier</p> +<p class="line">Kann ich doch gleich dir sagen, was ich +träume,<span class="pagenum">[<a id="pb227" href="#pb227" name="pb227">227</a>]</span></p> +<p class="line">Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,</p> +<p class="line">Was war das?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Was war das?</span> —Es +war ein Klapper, der da fiel.</p> +<p class="line">—Thut das dem Klapper weh?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—Thut das dem Klapper +weh?</span> —Ich glaube nicht.</p> +<p class="line">Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein +Gefühl.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—Doch eine Blume, +fühlt die auch nicht?</span> —Nein.</p> +<p class="line">Man sagt, sie fühle nicht.</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Man sagt, sie fühle +nicht.</span> —Warum denn, Mutter,</p> +<p class="line">Als gestern ich die Pukul ampat brach,</p> +<p class="line">Hast du gesagt: es thut der Blume weh!</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Mein Kind, die Pukul ampat war so +schön,</p> +<p class="line">Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,</p> +<p class="line">Das that mir für die arme Blume leid.</p> +<p class="line">Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,</p> +<p class="line"><span class="letterspaced">Ich</span> fühlt’ +es für die Blume, weil sie schön war.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Doch, Mutter, bist du auch schön?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—Doch, Mutter, bist du +auch schön?</span> —Nein, mein Kind,</p> +<p class="line">Ich glaube nicht.</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Ich glaube nicht.</span> +—Allein <span class="letterspaced">du</span> hast +Gefühl?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Ja, Menschen haben’s ... doch nicht alle +gleich.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Und kann <span class="letterspaced">dir</span> +etwas weh thun? Thut dir’s weh,</p> +<p class="line">Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen +ruht?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Nein, <span class="letterspaced">das</span> thut +mir nicht weh!</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—Nein, d a s thut mir +nicht weh!</span> —Und, Mutter, ich ...</p> +<p class="line">Hab’ <span class="letterspaced">ich</span> +Gefühl?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Hab’ i c h +Gefühl?</span> —Gewiss, erinn’re dich,</p> +<p class="line">Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein</p> +<p class="line">Dein Händchen hast verwundet und geweint.</p> +<p class="line">Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,</p> +<p class="line">Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein +tief</p> +<p class="line">In eine Schlucht hinunterfiel und starb.</p> +<p class="line">Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Doch, Mutter, ist Gefühl +denn Schmerz?</span> —Ja, oft!</p> +<p class="line">Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,</p> +<p class="line">Wenn’s Schwesterlein dir in die Haare greift</p> +<p class="line">Und krähend dir’s Gesichtchen nahe +drückt,</p> +<p class="line">Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.</p> +</div> +<span class="pagenum">[<a id="xd20e4627" href="#xd20e4627" name="xd20e4627">228</a>]</span> +<div class="lg"> +<p class="line">—Und dann mein Schwesterlein ... es weint so +oft,</p> +<p class="line">Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Vielleicht, mein Kind, wir wissen’s aber +nicht,</p> +<p class="line">Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Doch, Mutter ... höre, was war das?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—Doch, Mutter ... +höre, was war das?</span> —Ein Hirsch,</p> +<p class="line">Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt</p> +<p class="line">Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht</p> +<p class="line">Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Bei andern Hirschen, die ihm +lieb sind.</span> —Mutter,</p> +<p class="line">Hat solch ein <span class="corr" id="xd20e4654" title="Quelle: Hirch">Hirsch</span> ein Schwesterlein wie ich?</p> +<p class="line">Und eine Mutter auch?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Und eine Mutter auch?</span> +—Ich weiss nicht, Kind.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Das würde traurig sein, wenn’s nicht +so wäre!</p> +<p class="line">Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im +Strauch?</p> +<p class="line">Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein +Funke?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—’s ist eine Feuerfliege.</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—’s ist eine +Feuerfliege.</span> —Darf ich’s fangen?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Du darfst es, doch das Flieglein ist so +zart,</p> +<p class="line">Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald</p> +<p class="line">Du’s mit den Fingern allzu roh berührst,</p> +<p class="line">Ist’s Tierchen krank und stirbt und glänzt +nicht mehr.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Das wäre schade! Nein, ich fang’ es +nicht!</p> +<p class="line">Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher +...</p> +<p class="line">Ich fang’ es doch nicht! Wieder fliegt es +fort</p> +<p class="line">Und freut sich, dass ich’s nicht gefangen +habe.</p> +<p class="line">Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist +<span class="letterspaced">das</span>,</p> +<p class="line">Sind das auch Feuerfliegen dort?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Sind das auch Feuerfliegen +dort?</span> —Das sind</p> +<p class="line">Die Sterne.</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Die Sterne.</span> —Ein, +und zehn, und tausend!</p> +<p class="line">Wieviel sind denn wohl da?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Wieviel sind denn wohl +da?</span> —Ich weiss es nicht,</p> +<p class="line">Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Sag, Mutter, zählt auch <span class="letterspaced">Er</span> die Sterne nicht?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Nein, liebes Kind, auch <span class="letterspaced">Er</span> nicht.</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Nein, liebes Kind, auch E r +nicht.</span> —Ist das weit</p> +<p class="line">Dort oben, wo die Sterne sind?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Dort oben, wo die Sterne +sind?</span> —Sehr weit</p> +</div> +<span class="pagenum">[<a id="xd20e4729" href="#xd20e4729" name="xd20e4729">229</a>]</span> +<div class="lg"> +<p class="line">—Doch haben diese Sterne auch Gefühl?</p> +<p class="line">Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand</p> +<p class="line">Berührte, gleich erkranken und den Glanz</p> +<p class="line">Verlieren, wie das Flieglein?—Sieh, noch schwebt +es!—</p> +<p class="line">Sag’, würd’ es auch den Sternen weh +thun?</p> +<p class="line"><span class="hemistich">Sag’, würd’ es +auch den Sternen weh thun?</span> —Nein,</p> +<p class="line">Weh thut’s den Sternen nicht! Doch ’s ist +zu weit</p> +<p class="line">Für deine kleine Hand: du reichst so hoch +nicht.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Kann <span class="letterspaced">Er</span> die +Sterne fangen mit der Hand?</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">—Auch <span class="letterspaced">Er</span> nicht: +das kann niemand!</p> +<p class="line"><span class="hemistich">—Auch E r nicht: das kann +niemand!</span> —Das ist schade!</p> +<p class="line">Ich gäb’ so gern dir einen! Wenn ich gross +bin,</p> +<p class="line"><span class="letterspaced">Dann will ich so dich +lieben, dass ich’s kann</span>.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Das Kind schlief ein und träumte von +Gefühl,</p> +<p class="line">Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...</p> +<p class="line">Die Mutter schlief noch lange nicht, doch +träumte</p> +<p class="line">Auch sie und dacht’ an den, der fern war ...</p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu +scheinen, habe ich diesen Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte +keine Gelegenheit versäumen, die uns den Mann verstehen lehrt, der +die Hauptrolle in meiner Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige +Teilnahme abringe, wenn später über seinem Haupte dunkle +Wolken sich zusammenziehen. <span class="pagenum">[<a id="pb230" href="#pb230" name="pb230">230</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch15" class="div1"> +<h2>Fünfzehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, +doch zugleich die hohe Ungnade der Regierung einigermassen +gefürchtet zu haben schien—der Mann hatte viele Kinder, und +kein Vermögen—hatte also lieber mit dem Residenten +»<span class="letterspaced">gesprochen</span>« über +das, was er »weitgehende« Missbräuche nannte, als dass +er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus beim Namen nannte. Er +wusste, dass ein Resident nicht gern einen schriftlichen Rapport +empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt und später als +Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder jene Misslichkeit +aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche Mitteilung +ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr +nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten +gewöhnlich eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der +natürlich alles leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die +Leute aufgerufen, die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und +dem Adhipatti zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. +»Nein, der Büffel sei ihnen nicht abgenommen worden für +nichts, sie glaubten ja, dass ein doppelter Preis dafür werde +bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht von ihren Feldern +abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs des Regenten zu +arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti sie später +reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre +Anklage erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... +sie seien wahnsinnig gewesen <span class="pagenum">[<a id="pb231" href="#pb231" name="pb231">231</a>]</span>und fleheten, dass man sie strafen +möge für so weitgetriebene Unehrerbietigkeit.«</p> +<p>Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der +Anklage zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger +eine schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu +stützen, und ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die +Regierung mit einem ungünstigen Bericht zu +»belästigen«. Die ruchlosen Ankläger wurden mit +Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert, und der +Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen +Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« +zu haben.</p> +<p>Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden +Tage sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder—und +das geschah häufig—wenn dieselben Kläger +zurückkehrten und ihre Einziehung einzogen? Sollte er wieder die +Sache in seine private Nota eintragen, um wieder darüber mit dem +Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe Komödie spielen zu +sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen Menschen gehalten zu +werden, der—dumm und bösartig vielleicht—so oft +Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen +werden mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen +freundschaftlichen Verhältnis zwischen dem vornehmsten +Inländischen Häuptling und dem ersten Europäischen +Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen gegen diesen +Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde aus +den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt +waren, wo sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings +unterstanden, den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür +angeklagt hatten?</p> +<p>Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, +flüchtete. Darum schweiften soviel Bantamer in den benachbarten +Provinzen umher! Darum waren soviel Bewohner von Lebak unter den +Aufständischen in den Lampongschen Distrikten! Darum hatte +Havelaar in seiner Ansprache an <span class="pagenum">[<a id="pb232" +href="#pb232" name="pb232">232</a>]</span>die Häuptlinge gefragt: +»Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen in den +Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche +anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidūl +vor?«</p> +<p>Doch nicht jeder <span class="letterspaced">konnte</span> +flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens den Fluss +hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd, +ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte +... er war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human +erachten, dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch +kurzen Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei +Rückkehr in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die +Stockprügel erspart, die die Strafe sind für jeden, der einen +Augenblick meinen mochte, dass er kein Tier sei, kein seelenloser +Holzklotz oder ein Stein; die Strafe für den, der in einer +Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte, dass <span class="letterspaced">Recht</span> im Lande sei, und dass der +Assistent-Resident den Willen und die Macht habe, dieses Recht +durchzusetzen ...</p> +<p>War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am +andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte—wie +dieser ihm abends sagen liess—und seine Klage in dem gelben +Wasser des Tjiudjung zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung +hinunterführen würde, gewohnt, Überbringer zu sein der +brüderlichen Grussgeschenke der Haie im Binnenlande an die Haie in +der See?</p> +<p>Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem +Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen +und hierin einer <span class="letterspaced">höheren</span> Macht +verantwortlich sei als der Macht einer Regierung, die wohl dies Recht +in ihren Gesetzen vorschrieb, doch nicht immer gleich gern deren +Anwendung sah? Empfindet man, wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, +Unentschiedenheit darüber, nicht <span class="letterspaced">was</span> ihm zu thun oblag, <span class="letterspaced">doch auf welche Weise</span> er zu handeln hatte?</p> +<p>Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als +»älterer Bruder«, und wer meinen möchte, +<span class="pagenum">[<a id="pb233" href="#pb233" name="pb233">233</a>]</span>dass ich in Eingenommenheit für den Helden +meiner Geschichte die Weise, in der er sprach, übermässig +herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher +Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er ihm +für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange +darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur +Verbrugge—als Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident +von Lebak zu sein, als also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu +fürchten war—wie dieser Patteh bei der Erinnerung an seine +Worte begeistert ausrief: »Noch niemals hat irgend ein Herr +gesprochen wie er!«</p> +<p>Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! +Er hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel +drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit +sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war +alt und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in +benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel +Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der +Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten +zurückstehen zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von +Schwärmerei ergriffen, mit dem Wachsen seiner Jahre das Heil +seiner Seele durch Bezahlung von Wallfahrten nach Mekka und durch +Almosen an gebetsingende Müssiggänger erkaufen zu +können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen waren, +hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte die +ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig +zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig.</p> +<p>So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen +und noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit +Milde.</p> +<p>Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an +die Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem +Regenten fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit +nicht irgend ein Zwang allzu <span class="pagenum">[<a id="pb234" href="#pb234" name="pb234">234</a>]</span>stark zum Vergehen dränge, +und er vergass wie gewöhnlich sich selbst so weit, dass er bereit +war, sich und die Seinen auf das durchaus Nötige zu +beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen unter die Arme zu +greifen, das er noch von seinem Einkommen würde ersparen +können.</p> +<p>Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die +Sanftmut, mit der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so +würde er gefunden werden können in einer mündlichen +Botschaft, die er dem Kontrolleur auftrug, als derselbe einmal nach +Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie dem Residenten, er möge, +wenn er von den Missbräuchen hört, die hier vorkommen, nicht +glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich mache +nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten, mit dem +ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte +und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu +bringen.«</p> +<p>Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er +zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf unserem +Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er +gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um +Gehör ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil +er dort in der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im +nebenan gelegenen Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, +dass Max, auch wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die +Aufmerksamkeit und Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis +fühlte, sie zu sehen oder zu hören. Es war oft spasshaft, wie +er auf einmal ein Wort an sie richtete, das in seinen Gedanken +über die ihn beschäftigenden Dinge aufdämmerte, und wie +schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag, den Sinn seiner Meinung +zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar nicht einmal +auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass sie +wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er +unzufrieden war über seine eigene Arbeit oder über einen +soeben empfangenen verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach +ein unfreundliches Wort zu ihr ... die doch schuldlos war <span class="pagenum">[<a id="pb235" href="#pb235" name="pb235">235</a>]</span>an +seiner Unzufriedenheit! Doch das hörte sie gern, denn es war ihr +ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr Max mit sich selbst identifizierte. +Und es war auch niemals die Rede von einem Bedauern über solche +scheinbare Härte oder von Vergebung auf der andern Seite. Das +wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand sich selbst um +Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den eigenen Kopf +geschlagen hatte.</p> +<p>Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie da +sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen ... genau, +wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau, wann sie ihn +allein lassen musste.</p> +<p>In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur +bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.</p> +<p>—Das ist eine schwierige Sache, M’nheer Havelaar, sagte +er eintretend. Sehr schwierig!</p> +<p>Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung +enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen +von Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser +finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas +schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele +andere ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen +Frage gefunden haben würden.</p> +<p>Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut +worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den +Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu +errichten, die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte +dafür auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der +Tüchtigkeit und des Eifers in der Bedienung des Landes. Der +Unterschied zwischen den ausgegebenen Geldern und dem Werte des +dafür Erhaltenen wird durch unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte +Arbeit erzielt. Seit einigen Jahren bestehen Vorschriften, die dies +verbieten. <span class="pagenum">[<a id="pb236" href="#pb236" name="pb236">236</a>]</span>Ob sie innegehalten werden, steht hier nicht zur +Frage. Ebensowenig, ob die Regierung selbst <span class="letterspaced">will</span>, dass sie innegehalten werden mit einer +Genauigkeit, die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken +würde. Es wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen +Vorschriften, die so menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.</p> +<p>Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude +errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der +Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den +örtlichen Preisen der Materialien und von der Höhe der +Arbeitslöhne am Platze eingefordert. Havelaar hatte den +Kontrolleur mit einer genauen Untersuchung diesbezüglich +beauftragt und ihm anbefohlen, die Preise der Wahrheit gemäss +anzugeben, ohne Rücksicht darauf, was früher geschah. Als +Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden war, stellte es sich heraus, +dass seine Preise nicht übereinstimmten mit den Angaben, die +einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun nach dem Grunde +dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für Verbrugge +soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was hinter dieser +scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass er seine +Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen +würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden +Schriftstücken eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage +hin geschrieben zu sein scheint.</p> +<p>Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz +über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar +nichts angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, +dass hier eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, <span class="letterspaced">von dem Zustande der amtlichen Indischen +Haushaltung</span>, und dass der Brief, den ich mitteile, nicht allein +mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von dem ich +redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist, mit denen +jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und ohne sich +umzusehen seinen Weg gehen wollte. <span class="pagenum">[<a id="pb237" +href="#pb237" name="pb237">237</a>]</span></p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. März +1856.</p> +<p class="xd20e199">An den Kontrolleur von Lebak.</p> +<p>Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom +16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie +ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem +Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen, +was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.</p> +<p>Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich +dessen, was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der +Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung +und im Auftrag derselben zu liefern sind.</p> +<p>Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem—und wie +ich glaube, nach Ihrem besten Wissen—Folge gegeben, so dass ich, +vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten, diese +Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten unterbreitet +habe.</p> +<p>Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses, +No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird +bezüglich der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen +Preisen und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau +eines Gefängnisses gezahlt wurden.</p> +<p>Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen +mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was +Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die +Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben vom 5. +dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich +besprachen.</p> +<p>Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.</p> +<p>Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des +Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der +Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich +gewahrte bei Ihnen wiederum <span class="pagenum">[<a id="pb238" href="#pb238" name="pb238">238</a>]</span>jene Scheu, die Dinge beim wahren +Namen zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit +lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas, +das ich in Kürze <span class="letterspaced">Halbheit</span> nenne +und wovor ich Sie schon mehrfach freundschaftlich warnte.</p> +<p>Halbheit führt zu nichts. <span class="letterspaced">Halb</span>-gut ist <span class="letterspaced">nicht</span> gut. <span class="letterspaced">Halb</span>-wahr ist <span class="letterspaced">un</span>wahr.</p> +<p>Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen, +<span class="letterspaced">vollständigen</span> Eide thue man +seine <span class="letterspaced">volle</span> Pflicht.</p> +<p>Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze +ihn.</p> +<p>Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu +ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich selbst, die +eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist, gebiert das +Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und überall einem +Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu +»schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als +man auf dem rechten Wege antreffen wird.</p> +<p>Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt +beim Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von +Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend +sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit +darauf angespielt.</p> +<p>Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen +von Mangel und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir +eingegangen war, und ich darauf schrieb: »<span class="letterspaced">Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es ist nicht +alle Wahrheit, noch die</span> <b>hauptsächlichste</b> +<span class="letterspaced">Wahrheit. Die Hauptursache sitzt +tiefer</span>«, stimmten Sie dem in vollem Umfange zu, und ich +machte keinen Gebrauch von meinem <span class="letterspaced">Recht</span>, zu fordern, dass Sie dann auch diese +Hauptwahrheit <span class="letterspaced">nennen</span> sollten.</p> +<p>Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und +unter anderm den, dass ich es für <span class="corr" id="xd20e4933" title="Quelle: unbilig">unbillig</span> <span class="pagenum">[<a id="pb239" href="#pb239" name="pb239">239</a>]</span>hielt, auf einmal von <span class="letterspaced">Ihnen</span> etwas zu fordern, um das viele andere an +Ihrer Stelle ebensowenig sich reissen würden, <span class="letterspaced">Sie</span> zu zwingen, so auf einmal dem gewohnten Laufe +der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet zu sagen, der nicht so +sehr <span class="letterspaced">Ihnen</span> als Schuld beizumessen +ist, als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich +erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher +es ist, eine Pflicht <span class="letterspaced">ganz</span> zu thun, +als <span class="letterspaced">halb</span>.</p> +<p>Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter +meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt die +Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die—es sei +denn, dass ich irre—zuguterletzt triumphieren werden—jetzt +wünschte ich doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass +Sie sich die wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene +Kraft erwürben, die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem +besten Wissen rundheraus sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie +also ganz und gar jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu +lassen, die immer nur darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der +Affaire zu ziehen.</p> +<p>Ich erwarte also nun eine einfache, aber <span class="letterspaced">vollständige</span> Angabe dessen, was Ihnen als +Ursache des Preisunterschieds erscheint zwischen jetzt und den Jahren +1853 und 1854.</p> +<p>Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses Briefes +aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu kränken. +Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt haben, um zu +wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage, als ich meine, und +überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss die Versicherung, +dass meine Bemerkungen eigentlich weniger Sie betreffen, als die +Schule, in der Sie zum Indischen Beamten erzogen wurden.</p> +<p>Diese circonstance atténuante würde jedoch +hinfällig werden, wenn Sie, indem Sie noch länger mit mir +verkehrten und dem Gouvernement unter meiner Leitung <span class="pagenum">[<a id="pb240" href="#pb240" name="pb240">240</a>]</span>dienten, fortführen, dem Schlendrian zu +folgen, gegen den ich mich auflehne.</p> +<p>Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des +»Euerwohledelgestrengen« begeben habe: es langweilte mich. +Thun Sie es auch und lassen Sie unsere »Wohledelheit« und, +wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit« anderswo und +vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser langweilenden, +sinnstörenden Titulatur.</p> +<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar</span>.«</p> +</div> +<p>Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen +von Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht +hatte, als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« +mit unter die Gründe aufnahm, die für Schonung des Regenten +sprechen konnten.</p> +<p>Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt, um +nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von +dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere Dinge +beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten, der ohne +Zweifel ein braver Mensch war, <span class="letterspaced">so</span> +zugeredet werden musste, dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur +um Angabe der Preise von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. +Man entnimmt also, dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu +kämpfen hatte, die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern +gleichzeitig auch mit der Furchtsamkeit derjenigen, die—wie sehr +auch sie selbst diese unreellen Handlungen missbilligten—sich +nicht berufen oder geeignet erachteten, hiergegen mit dem +erforderlichen Mute aufzutreten.</p> +<p>Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes +einigermassen zurückkommen von der Geringschätzung der +sklavischen Unterwürfigkeit des Javanen, der in Gegenwart seines +Häuptlings die erhobene Beschuldigung, wie begründet +<span class="pagenum">[<a id="pb241" href="#pb241" name="pb241">241</a>]</span>immer sie sein mochte, feigherzig +zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht +vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch +wohl minder der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen +Landbewohners, der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der +Macht seiner angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein +Wunder, dass diese armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer +Keckheit, diesen Folgen zu entgehen oder sie durch demütige +Unterwerfung zu mildern suchten?</p> +<p>Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine Pflicht +mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis +grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei +dem Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, +betrat am liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars +Wohnung. Er, der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag +hatte, den schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als +wäre er selbst der Dieb, der Überraschung fürchtete, mit +leisem Tritt an der Hinterseite ins Haus hinein, nachdem er sich erst +überzeugt hatte, dass kein Besuch da war, der ihn später als +schuldig der Pflichterfüllung würde verraten können.</p> +<p>War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass +Tine mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um +ihn aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand +gestützt, dasitzen sah?</p> +<p>Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der +Furchtsamkeit derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der +mitschuldigen Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen +hatten. Nein, zur Not würde er ganz <span class="letterspaced">allein</span> Recht thun, mit oder ohne Hülfe von +andern, ja, <span class="letterspaced">gegen</span> alle, und sei es +selbst gegen den Willen derer, die dieses Rechtes bedürftig waren! +Denn er wusste, welchen Einfluss auf das Volk er hatte, und +wie—wenn einmal die armen Unterdrückten aufgerufen waren, um +laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie ihm abends und nachts in +Einsamkeit zugeraunt hatten—er wusste, wie er die Macht hatte, +auf <span class="pagenum">[<a id="pb242" href="#pb242" name="pb242">242</a>]</span>ihre Gemüter zu wirken, und wie die Kraft +seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache +von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass +seine Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, +hielt ihn also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den +alten Regenten anzuklagen: <span class="letterspaced">das</span> war +der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte er auch nicht diesem +Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung, abgesehen von +ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.</p> +<p>Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. +Denn wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen +Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt, +den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen +Inländischen Häuptling zu strafen, er hatte doch einen +besonderen Grund, zu glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der +Beurteilung der vorliegenden Sache andere Grundsätze als die +gewohnten sich geltend machen würden. Es ist wahr, dass er auch +ohne diese Meinung ebensowohl seine Pflicht gethan haben würde, +ja, um so lieber, als er die Gefahr für sich und die Seinen +grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon gesagt, dass +Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie ihn +dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier das +Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass +er—schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das +Unrecht überzugehen—des ritterlichen Hochgefühls sich +werde entschlagen müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der +Schwächere.</p> +<p>Ja, das <span class="letterspaced">fürchtete</span> er. Er war +der Meinung, es stünde an der Spitze der Regierung ein +Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde, und es war +wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese Meinung +ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger, als +irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen +es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er +das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. +<span class="pagenum">[<a id="pb243" href="#pb243" name="pb243">243</a>]</span>Sagte ich nicht schon, als ich versuchte, sein +Naturell zu beschreiben, dass er naiv war bei all seinem +Scharfsinn?</p> +<p>Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.</p> +<hr class="tb"> +<p>Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte +Vorstellung bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als +Mensch stehen muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu +bleiben, und man sehe es denn auch nicht als ein strenges Urteil an, +wenn ich zu der Meinung neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, +einer so schweren Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all +die Qualitäten des Kopfes wie des Herzens, die hierfür +nötig sind, sich aufzählen zu lassen, erhebe man nur das Auge +zu der schwindelerregenden Höhe, auf die so über Nacht der +Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher Bürger, heute Macht +hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem noch in seiner +Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über sie +hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über +eine Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine +Kreis, der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich +glaube, dass ich nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend +nannte, denn sie lässt den Schwindel jemandes empfinden, der +unerwartet einen Abgrund vor sich sieht, oder die Blindheit, die uns +befällt, wenn wir aus tiefem Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes +Licht übergeführt werden. Solchen Übergängen sind +die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen, mögen sie +selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein.</p> +<p>Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens +die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst +eines Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist +dann wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an +vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an, +dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen +<span class="pagenum">[<a id="pb244" href="#pb244" name="pb244">244</a>]</span>Namen unter die Akte zeichnet, in der er sagt, +dass er von der »guten Treu, dem Eifer und der +Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt sei, +nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und +tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor +allem, ob diese <span class="letterspaced">Tauglichkeit</span> bei ihm +in einem <span class="letterspaced">Masse</span> vorhanden ist, hoch +genug erhoben über <span class="letterspaced">Mittelmässigkeit</span>, um den Ansprüchen +seiner hohen Berufung zu genügen.</p> +<p>Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum +erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs +verlässt, in <span class="letterspaced">diesem</span> Augenblick +die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues Amt nötig sein +wird ... das ist <span class="letterspaced">unmöglich</span>! Mit +der Bezeugung des Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die +Meinung ausgesprochen sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, +in einem gegebenen Augenblick, durch Eingebung, wenn’s nicht +anders ist, wissen werde, was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit +andern Worten: dass er ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male +kennen muss und können, was es weder kannte noch konnte. Solche +Genies sind selten, sogar selten unter Personen, die bei Königen +in Gunst stehen.</p> +<p>Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich +übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen +wäre. Es schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche +Blätter einzufügen, die den ernsthaften Zweck dieses Werkes +durch den Verdacht des Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen +lassen würden. Ich lasse also die Besonderheiten, die auf +bestimmte Personen entfallen würden, beiseite; aber als +<span class="letterspaced">allgemeine</span> Krankheitsgeschichte der +Generalgouverneurs meine ich angeben zu können:</p> +<p><span class="letterspaced">Erstes Stadium</span>: Schwindel. +Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn. Unmässiges +Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der durch langen +indischen Aufenthalt Eingebürgerten.</p> +<p><span class="letterspaced">Zweites Stadium</span>: Ermattung. +Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf und Ruhe. +Übermässiges Vertrauen auf <span class="pagenum">[<a id="pb245" href="#pb245" name="pb245">245</a>]</span>den Rat von Indien. +Abhängigkeit vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem +holländischen Landsitz.</p> +<p>Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang—vielleicht +gar als Ursache dieses Übergangs—liegen dysenterische +Bauchbeschwerden.</p> +<p>Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für +diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als sicher +annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der ersten +Periode an einer Mücke ersticken würde, +später—nach der Bauchkrankheit!—sonder Beschwer Kamele +vertragen wird. Oder, um deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der +»Geschenke annimmt, <span class="letterspaced">nicht in der +Absicht sich zu bereichern</span>«—z. B. einen Büschel +Bananen im Werte einiger Heller—mit Schmach und Schande wird +fortgejagt werden in der <span class="letterspaced">ersten</span> +Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld hat, den +<span class="letterspaced">letzten</span> Zeitabschnitt abzuwarten, +sehr ruhig und ohne irgend welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des +Gartens wird machen können, wo die Bananen wachsen, mit den +Gärten, die daran liegen ... zum Herrn der Häuser, die in der +Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen, was in diesen Häusern +ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr, <span class="letterspaced">ad libitum</span>.</p> +<p>Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem +Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung +vorzubeugen ...</p> +<hr class="tb"> +<p>Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich +kleiden müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass +eine Thräne, um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein +muss! Oder liegt die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein +Mass für die Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer +Staatsverwaltung frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro +oder Polichinel zu suchen?</p> +<p>Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil +<span class="letterspaced">ist</span>! Stil, der verriet, dass ein +<span class="letterspaced">Mensch</span> in der Nähe <span class="pagenum">[<a id="pb246" href="#pb246" name="pb246">246</a>]</span>war, +ein <span class="letterspaced">Mensch</span>, dem die Hand zu reichen +der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil dem armen +Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in +Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit der +Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor +der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?</p> +<p>Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben +als er.</p> +<p>Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? +Was hat es ihm geholfen?</p> +<p>Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als +er.</p> +<p>Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit, +Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des +Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und +scharfes Gellen von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen +von falschen Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit +einschlüpfe wie verbotene Ware unter Bedeckung von soviel +Getrommel und Gepfeife!</p> +<p>Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu +ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den +»Edelgestrengheiten« und dem »ehrerbietig zur +Erwägung geben«, wie es die Wollust der kleinen Welt +ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb, durchdrang einen +etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken trieben bei diesem +Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines blechernen +Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken schlug, +fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man +geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser des +allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. +Und was hat es ihm geholfen?</p> +<p>Wenn ich also gehört werden will—und verstanden vor +allem!—muss ich anders schreiben als er. Aber <span class="letterspaced">wie</span> dann?</p> +<p>Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, +<span class="pagenum">[<a id="pb247" href="#pb247" name="pb247">247</a>]</span>und darum hat mein Buch ein so scheckiges +Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff deine Wahl. Nachher werde ich +dir gelb oder blau oder rot geben, wie du es wünschest.</p> +<hr class="tb"> +<p>Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig +wahrgenommen, an soviel Patienten—und oft ‚in anima +vili‘, denn es giebt analog Residenten-, Kontrolleurs- und +Surnumerairskrankheiten, die sich zu der ersteren verhalten wie Masern +zu Pocken, und endlich: er selbst hatte an dieser Krankheit +gelitten!—schon so häufig hatte er das alles wahrgenommen, +dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut bekannt +geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur beim +Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten +andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass +auch der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen +würde.</p> +<p>Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere +sein, wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der +Einwohner von Lebak würde auftreten müssen. <span class="pagenum">[<a id="pb248" href="#pb248" name="pb248">248</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch16" class="div1"> +<h2>Sechzehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von +Tjanjor, worin dieser ihm mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti +von Lebak, einen Besuch darzubringen wünsche. Diese Nachricht war +ihm sehr unangenehm. Er wusste, dass die Häuptlinge in den +Preanger Regentschaften einen grossen Wohlstand zur Schau trugen, und +dass der Tjanjorsche Tommongong solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge +von vielen Hunderten machen würde, die alle mit ihren Pferden +beherbergt und bewirtet werden mussten. Er hätte also gern diesen +Besuch verhindert, doch er sann vergeblich auf Mittel, die dem +zuvorkommen konnten, ohne dass sie den Regenten von Rangkas-Betung +kränkten, da dieser sehr stolz war und sich tief beleidigt +gefühlt haben würde, wenn man seine +verhältnismässige Armut als zu entscheidendes Moment +angeführt hätte, ihn nicht zu besuchen. Und wenn dieser +Besuch <span class="letterspaced">nicht</span> zu umgehen war, so +musste er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes +geben, unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.</p> +<p>Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck +auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht +der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch ebenso +gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund +gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, +Recht thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die +<span class="pagenum">[<a id="pb249" href="#pb249" name="pb249">249</a>]</span>Kraft gehabt, vor Verbrechen +zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern derselben +den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin auch nur +zaghaft und verstohlenerweise.</p> +<p>Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer +sitzend, wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, +und sie gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle +Gestalten, die mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie +nicht mehr, denn sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese +Gestalten so spukhaft ums Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! +Dann winkte sie ihm, und er stand auf, um die Kläger zu sich zu +rufen. Die meisten kamen aus dem Distrikt Parang-Kudjang, wo des +Regenten Schwiegersohn Häuptling war, und wiewohl dieser +Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom Erpressten +zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis, dass er +meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten raubte. Es +war rührend, wie die armen Betroffenen auf <span class="corr" id="xd20e5134" title="Quelle: Havelars">Havelaars</span> Ritterlichkeit +bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen, dass sie am +folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der Nacht oder +am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies hätte +Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! +Havelaar zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den +Klägern, dass sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, +dass Recht geschehen würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen +und nicht auswanderten, wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens +war er kurz darauf an dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er +bereits dagewesen und hatte—gewöhnlich des Nachts—die +Sache untersucht, bevor noch der Kläger selbst an seine +Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte er in dieser +ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von +Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der +Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er +bezweckte damit, die Gefahr der Rache <span class="pagenum">[<a id="pb250" href="#pb250" name="pb250">250</a>]</span>von den Klägern +abzuwenden und zugleich dem Regenten die Beschämung einer +öffentlichen Untersuchung zu ersparen, die unter <span class="letterspaced">ihm</span> sicher nicht wie früher mit einer +Einziehung der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, +dass die Häuptlinge den gefährlichen Weg verlassen +würden, den sie schon so lange begingen, und es hätte in +diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden, dass er die +Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die Vergütung +des erlittenen Schadens möglich sein würde.</p> +<p>Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen +hatte, erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der +Besserung eitel waren, und er war bitter betrübt über das +Missglücken seiner Bemühungen.</p> +<p>Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner +mühevollen Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von +dem Javanen <span class="letterspaced">Saïdjah</span> in der +Dessah <span class="letterspaced">Badūr</span> zu erzählen. +Ich entnehme den Namen des Dorfes und den des Javanen aus den +Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin Rede sein von Erpressung und +Raub, und wenn man einer dichterischen Schöpfung—was ihren +Hauptzweck angeht—Beweiskraft absprechen möchte, so gebe ich +die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen <span class="letterspaced">von zweiunddreissig Personen allein im Distrikt +Parang-Kudjang</span> anzugeben, denen in der Zeit <span class="letterspaced">eines</span> Monats <span class="letterspaced">sechsunddreissig Büffel</span> abgenommen sind +für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender +ausgedrückt: dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig +Personen aus diesem Distrikt, die in <span class="letterspaced">einem</span> Monat <span class="letterspaced">sich zu +beklagen den Mut gehabt haben</span>, und deren Klage von Havelaar +<span class="letterspaced">untersucht und begründet befunden +ist</span>.</p> +<p>Solcher Distrikte sind <span class="letterspaced">fünf</span> +in der Abteilung Lebak ...</p> +<p>Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter +Büffel minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre +hatten, von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will +ich dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die +Unverschämtheit <span class="pagenum">[<a id="pb251" href="#pb251" +name="pb251">251</a>]</span>von anderen Häuptern auf gleich festem +Untergrunde ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der +Distriktshäuptling zum Beispiel von Tjilang-Kahan an der +Südküste konnte in Ermangelung eines gefürchteten +Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des Einbringens +einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis sechzig +»Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen +möglich war, sich abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu +verbergen. Und wenn man dazu die vielen berücksichtigt, die sich +auf den Weg machten, ohne jemals das Haus zu erreichen ... die vielen, +die nicht einmal aus ihrem Dorfe sich aufmachten, abgeschreckt durch +eigene Erfahrung oder das Los gewahrend, das anderen Klägern +erblühte, dann, glaube ich, würde sich die Meinung als +unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der Zahl gestohlener +Büffel aus <span class="letterspaced">einem</span> Distrikt mit +<span class="letterspaced">fünf</span> einen zu hohen Massstab +ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder +verlangt, die jeden Monat in <span class="letterspaced">fünf</span> Distrikten geraubt wurden, um den +Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.</p> +<p>Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war +gar Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es +ist—besonders in Indien, wo noch immer »Herrendienst« +gesetzlich besteht—ein geringeres Mass von Unverschämtheit +nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise zu unbezahlter +Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum wegzunehmen. Es +ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die Regierung +ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von dieser +Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts +und wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane +nachzuspüren wagen, ob der sogenannte »Herrendienst«, +den man von ihm verlangt, mit den diesbezüglichen Vorschriften in +Einklang steht, dann noch würde ihm dies unmöglich sein, da +der eine nicht vom andern weiss und er also nicht berechnen kann, ob +die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-, ja, fünfzigfach +überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche, leichter zu +<span class="pagenum">[<a id="pb252" href="#pb252" name="pb252">252</a>]</span>entdeckende That mit solcher Vermessenheit +ausgeführt wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, +deren man sich bequemer schuldig machen kann und die minder der +Entdeckungsgefahr ausgesetzt sind?</p> +<p>Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des +Javanen <span class="letterspaced">Saïdjah</span>. Zuvor jedoch +bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt, die bei der +Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd sind, +so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich bietende +Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen, die das +rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen Personen so +besonders schwierig machen.</p> +<p>Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich +dies dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung +wird doch wie ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der +auf Java Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, +Batavia, Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon—zusammen +<span class="letterspaced">Sundahlande</span> genannt—werden +nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet, und in der +That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen +Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische +Bevölkerung eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der +sogenannten Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz +anders als mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung +gegen den eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein +Engländer gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben +Veranlassung zu Abweichungen in der Beurteilung Indischer +Angelegenheiten. Man wird wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java +allein schon so scharf in zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, +ohne noch auf die vielen Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man +wird gewiss daraus berechnen können, wie gross der Unterschied bei +Volksstämmen sein muss, wenn sie weiter voneinander wohnen und gar +durch die See geschieden sind. Wem Niederländisch-Indien allein +von Java her bekannt ist, der kann sich <span class="pagenum">[<a id="pb253" href="#pb253" name="pb253">253</a>]</span>ebensowenig eine +rechte Vorstellung von dem Malayen, dem Amboinesen, dem Battah, dem +Alfur, dem Timoresen, dem Dajak, dem Bugie oder dem Makassar bilden, +wie wenn er niemals Europa verlassen hätte, und es ist für +jemanden, dem Gelegenheit wurde, den Unterschied zwischen diesen +Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich, die +Gespräche von Personen anzuhören—toll und +betrübend zugleich, ihre Redensarten gedruckt sehen zu +müssen!—von Personen, die ihre Erfahrungen in Indischen +Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg erwarben. Oftmals habe +ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum Beispiel ein +gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen Worten durch +angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung Gewicht +beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft, die durch +ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und oft verwunderte +ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis von Indischen +Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals Indischen Boden +betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen Generalgouverneur zu +erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis auf diese Weise zu eigen +gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der rechtmässige Lohn +vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit ist. Grösser +noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten, der geringere +Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der Entfernung +<span class="letterspaced">ohne</span> Anschauung weniger Gefahr lief, +in die Irrtümer zu verfallen, die die Folge einer <span class="letterspaced">mangelhaften</span> Anschauung sind, wie sie +unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.</p> +<p>Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der +Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen +doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als +nur von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt +in Buitenzorg <span class="corr" id="xd20e5214" title="Quelle: hinreiche">hinreichen</span>, um Indien zu kennen. Es muss +ihnen doch bekannt sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen +werden, die in Indien selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die +ebensosehr <span class="pagenum">[<a id="pb254" href="#pb254" name="pb254">254</a>]</span>wie ich stutzen müssen über die +Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze Zeit vorher vergeblich +seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu verstecken suchte, den +ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht, als ob er wirklich +Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner Rede +behandelt.</p> +<p>Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. +Oft wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik +bekämpft, indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, +die Kompetenz abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht +uninteressant, eine Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, +die jemanden befugt machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens +wird eine wichtige Frage nicht an der Sache geprüft, um die es +sich bei dieser Frage handelt, sondern sie wird bemessen nach dem Wert, +den man der Meinung des Mannes beimisst, der darüber das Wort +führt, und da dies meistens die Person ist, die als eine +»Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in +Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt +hieraus, dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der +Irrtümer trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen +Stellungen« untrennbar scheinen. Wenn dies schon seine Geltung +hat, wo der Einfluss sothaner Spezialität von einem Mitglied der +Volksvertretung ausgeübt wird, wie gross wird dann erst die +Gewissheit verkehrter Urteilsbildung, wenn solcher Einfluss gepaart +geht mit dem Vertrauen des Königs, der sich zwingen liess, solch +eine Spezialität an die Spitze seines Ministeriums für die +Kolonien zu setzen.</p> +<p>Es ist eine eigentümliche Erscheinung—herzuleiten +vielleicht aus einer Art Trägheit, die die Mühe dies +Selbst-Urteilens scheut—wie leicht man Personen Vertrauen +schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis zu geben wissen, +sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein kann, die +nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht darin, +dass durch die Anerkennung eines <span class="letterspaced">derartigen</span> Übergewichts die Eigenliebe +weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man +sich derselben Hülfsmittel <span class="pagenum">[<a id="pb255" +href="#pb255" name="pb255">255</a>]</span>hätte bedienen +können, wodurch etwas wie Wetteifer entstehen würde. Es +fällt dem Volksvertreter leicht, seine Empfindlichkeit aufzugeben, +sobald ihn jemand bekämpft, von dem man annehmen kann, dass er ein +zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn nur diese vorausgesetzte +grössere Zutreffendheit nicht persönlicher Tüchtigkeit +zugeschrieben werden braucht—deren Anerkennung schwerer fallen +würde—sondern allein den besonderen Umständen, die sich +diesem Gegner günstig erwiesen.</p> +<p>Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in +Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach +der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen, was +diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen +soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist +um so mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen +Beweisgrund legen, doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, +was ihnen von irgend einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder +fünfzig Jahre in Niederland gewohnt, über den Haushalt des +Niederländischen Staates gesagt werden würde. Es giebt +Personen, die sich ebenso lange in Niederländisch-Indien +aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder mit Inländischen +Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist +betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen +Teil aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst +Mittel gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum +Generalgouverneur zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von +Spezialitäten gehören.</p> +<p>Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten +Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für +ein Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von +Genies anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin +bestände, dass man einen so wichtigen Posten fortwährend +unbesetzt liesse, spricht noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie +würde unter dem Ministerium für die Kolonien nicht arbeiten +<span class="pagenum">[<a id="pb256" href="#pb256" name="pb256">256</a>]</span>können und also unbrauchbar sein für +den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach +sind.</p> +<p>Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der +Form einer Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die +Beachtung derjenigen erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts +berufen sind. Vor allem die Wichtigkeit betonend, dass all die +Personen, die für den Posten des Generalgouverneurs in Vorschlag +gebracht werden, rechtschaffen seien und im Besitz eines +Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt, zu lernen, +was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für sehr +notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den +Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang, +und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten +Jahren ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf +hingewiesen, dass Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf +den Beistand des Generalgouverneurs vermeinte stützen zu +können, und ich fügte hinzu, »dass diese Meinung naiv +war«. Dieser Generalgouverneur erwartete seinen Nachfolger: die +Ruhe in Niederland winkte!</p> +<p>Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak, +Havelaar und auch dem Javanen <span class="letterspaced">Saïdjah</span> eingebracht hat, zu dessen +eintöniger Geschichte—<span class="letterspaced">einer</span> unter sehr vielen!—ich jetzt +übergehe.</p> +<p>Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die +Erzählung von der Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum +Wintervorrat den Erdklumpen—den Berg—hinanschleppen muss, +der auf dem Wege zur Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie +zurück mit ihrer Fracht, um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie +wohl endlich festen Fuss fassen werde auf dem Steinchen dort +oben—auf dem Felsen, der den Berg krönt. Aber zwischen ihr +und diesem Gipfel ist ein Abgrund, der überholt werden muss ... +eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht ausfüllen würden. Darum +muss sie, die nur eben die Kraft hat, ihre Last, die viele Male +schwerer ist als ihr eigener Körper, auf ebenem Grund +fortzuschleppen, <span class="pagenum">[<a id="pb257" href="#pb257" +name="pb257">257</a>]</span>sich weit emporheben und sich auf einem +schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss das Gleichgewicht +bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last zwischen ihren +Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in steter +Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der Felswand +hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt, sie erstickt, +die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb entwurzelten +Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe weist—ein +Grashalm!—sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht: +der Baum schnellt zurück—der Grashalm weicht unter ihrem +Fuss—ach, die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer +Fracht. Dann ist sie einen Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde +lang—was viel ist in dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt +ist von dem Schmerz ihres Sturzes? Oder überlässt sie sich +missmutiger Stimmung, da soviel Anspannung eitel war? Doch sie verliert +den Mut nicht. Wieder ergreift sie ihre Last und wieder schleppt sie +sie nach oben, um darauf noch einmal und immer noch einmal in die Tiefe +niederzustürzen.</p> +<p>So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen +will ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der +Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von +Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings, wer +Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird +sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun—viele nennen sie +schwarz—und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund +genug, ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, +<span class="letterspaced">wenn</span> sie darauf niedersehen, es zu +thun sonder Rührung.</p> +<p>Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die +fähig sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen +unter dieser dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und +dem damit verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und +Gotteskenntnis, Tugend ... dass <span class="letterspaced">der</span> +seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere Weise zur Geltung +bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen <span class="pagenum">[<a id="pb258" href="#pb258" name="pb258">258</a>]</span>erfahren haben, die minder gesegnet sind in +Bezug auf Hautfarbe und allerhand Seelenvortrefflichkeit.</p> +<p>Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht +so weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel +aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der +Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem +weggeführten Rinde her den Eigner folgen lasse mit seinen +weinenden Kindern ... wenn ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe +vor des Räubers Hause, sprachlos, wesenlos und versunken in +Schmerz ... wenn ich ihn von da verjagen lasse mit Hohn und Schmach, +mit Androhung von Stockprügeln und Blockgefängnis ... seht, +ich fordere nicht—noch erwarte ich, o +Niederländer!—dass ihr euch dadurch in gleichem Masse +ergreifen lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, +dem man seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den +Thränen, die über so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen +Zorn, wenn ich von der Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. +Ebensowenig erwarte ich, dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche +in der Hand vor den König tretet und sagt: »Sieh, o +König, das geschieht in <span class="letterspaced">deinem</span> +Reich, in deinem schönen Reiche Insulinde!«</p> +<p>Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der +Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch +<span class="letterspaced">so</span> viel Gefühl überliesse +für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven in +Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen +Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den +weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der +Unbedeutendheit B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für +ernstere Dinge nötig als ... doch was brauche ich mehr zu sagen! +War es nicht gestern flau auf der Börse, und drohte nicht etwas +lebhafterer Import dem Kaffeemarkt mit Sinken? <span class="pagenum">[<a id="pb259" href="#pb259" name="pb259">259</a>]</span></p> +<p>»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, +Stern!« habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas +hitzig, denn ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester +Grundsatz bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten +Stern geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen +und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn +der Kaffee steht sehr gut.</p> +<p>Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten +Kapitel wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein +Solitärspiel gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs +Kränzchen. Hatte ich nicht recht, als ich sagte, dass dieser +Shawlmann alle toll gemacht hat mit seinem Paket? Sollte man aus all +dem Geschreib von Stern—und Fritz macht auch mit, das ist +gewiss!—wohl junge Leute wiedererkennen, die in einem vornehmen +Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind das gegen +eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz +äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach +Driebergen gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von +Bauchwehanfällen in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es +ist ein fester Grundsatz bei mir, immer mässig und gelassen zu +bleiben—denn ich halte das für nützlich in +Geschäften—doch ich muss sagen, dass es mich manchmal grosse +Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, +den Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann +kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser +Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die +Menschen bei ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & +Waterman muss man durch einen ganz schmalen Gang, an einem +Ölspeicher entlang, wo es ganz muffig und dreckig ist. Und dann +das lange Gesaires über die Büffel! Was brauchen sie +Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe noch niemals einen +Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt Menschen, die ewig +klagen. Und was das Schimpfen auf die <span class="pagenum">[<a id="pb260" href="#pb260" name="pb260">260</a>]</span>Zwangsarbeit +betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht +gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses +Arbeiten für die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, +er ist lutherisch.</p> +<p>O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, +<span class="letterspaced">wie</span> er das Buch schreiben würde, +das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler in +Kaffee—und für andere—dann hätte ich’s +lieber selbst gethan. Doch hat er eine Stütze an den Rosemeyers, +die in Zucker machen, und das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus +gesagt—denn ich bin aufrichtig in solchen Sachen—dass wir +uns die Geschichte von dem Saïdjah wohl würden schenken +können, aber da kriegte ich es auf einmal mit Luise Rosemeyer zu +thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat, dass was von Liebe drin +vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen toll nach. Ich +würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken lassen, wenn +mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie gern mit +Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur +deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker +macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand +Partei ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf +mich, als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus +nicht der Fall, denn sie machen in Zucker.</p> +<p>Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib +kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun +schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland—diese Woche +noch hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht—steht es ihm +wohl gut, dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die +allgemeine Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er +Generalgouverneur werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu +<span class="letterspaced">wollen</span>, meine ich. Ich stellte +vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte +geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. +»O, damit hat’s keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint +nur selten ein General-gouverneur <span class="pagenum">[<a id="pb261" +href="#pb261" name="pb261">261</a>]</span>dorthin geschickt zu werden, +der die Sprache des Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen +mit so einem Naseweis? Er hat nicht den geringsten Respekt vor meiner +Erfahrung. Als ich ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn +Jahre Makler wäre und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, +führte er Busselinck & Waterman an, die schon achtzehn Jahre +Makler sind, und, sagte er, »die haben also <span class="letterspaced">ein</span> Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, +denn ich muss, weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass +Busselinck & Waterman wenig vom Geschäft verstehen und dass es +niederträchtige Pfuscher sind.</p> +<p>Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche—sie war an +der Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei +der Geschichte von Lot—hielt sie plötzlich auf und wollte +nicht weiterlesen. Meine Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion +hält, suchte sie mit Güte zum Gehorsam zu bewegen, weil es +sich doch für ein sittsames Mädchen nicht passt, so +eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste ich als Vater mit +grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb mit ihrer +Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was +immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit +ihr anzufangen, und sie ging <span class="letterspaced">so</span> weit, +dass sie sagte, sie wollte lieber totgeschlagen werden, als dass sie +weiterläse. Ich habe sie mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei +Kaffee und Brot, und hoffe, dass ihr das gut thun wird. Um zugleich +diese Strafe für die sittliche Besserung dienen zu lassen, habe +ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das sie nicht lesen wollte, zehnmal +abzuschreiben, und ich bin zu dieser Strenge vor allem +übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in der letzten +Zeit—ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht—Ansichten +angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit +scheinen, auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie +unter anderm ein französisches Lied singen hören—von +Béranger, glaube ich—worin eine arme alte Bettlerin +beklagt wird, die in ihrer Jugend an einem Theater <span class="pagenum">[<a id="pb262" href="#pb262" name="pb262">262</a>]</span>sang, und gestern erschien sie beim +Frühstück ohne Korsett—unsere Marie, meine +ich—was doch nicht anständig ist.</p> +<p>Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen +hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein +Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein +Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer +im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt, +denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die +Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer +ältesten Tochter, die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, +eine recht nette Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so +etwas Fritz vom Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, +denn ich gebe soviel auf Sittlichkeit.</p> +<p>Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie +Fritz sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig +war wie er, da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den +rechten Weg wies, denn von dem <span class="letterspaced">alten</span> +Pharao sagt die <span class="letterspaced">Schrift</span> nichts. +Pastor Wawelaar klagt über seine Anmassendheit—über +Fritzens, meine ich—in der Katechismusstunde, und der Junge +scheint—natürlich wieder aus dem Paket von +Shawlmann—eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben, die den +sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist +rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns +trinkt, bei Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der +Bengel jedesmal neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit +seines Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten +Paket von Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen +versucht der eifrige Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen +von der Weisheit nach dem Menschen, um eingeführt zu werden in die +Geheimnisse der Weisheit Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht +er ihn an, doch nicht das Brot des ewigen Lebens zu verwerfen und +solchermassen in Satans Klauen zu fallen, der mit seinen Engeln das +Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist für alle Ewigkeit. »O, +sagte er <span class="pagenum">[<a id="pb263" href="#pb263" name="pb263">263</a>]</span>gestern—Wawelaar meine ich—o, mein +junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und +hören Sie und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu +sehen durch meinen Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die +gestorben sind für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er +niedersinkt unter den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, +wie noch sein Blick zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge +Psalmen singt ...«</p> +<p>»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz +darauf.—Leser, was soll ich mit dem Jungen anfangen?</p> +<p>Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist +ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. +»O, junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der +Anfang war so wie vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie +unbewegt bleiben, wenn Sie bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn +Sie einmal werden gezählt werden zu den Böcken auf der linken +Seite ...«</p> +<p>Da brach der Taugenichts in Gelächter aus—Fritz, meine +ich—und auch Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie +Lachen auf dem Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich +Wawelaar zu Hülfe gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus +seinem Spartopf belegt, die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden +soll.</p> +<p>Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei +solchem Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören +über Büffel und Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich +zu Fritzens Seligkeit? Was gehen mich die Angelegenheiten der Menschen +in weiter Ferne an, wenn ich fürchten muss, dass Fritz durch +seinen Unglauben, meinen eigenen Angelegenheiten Verderben bringt und +dass er niemals ein tüchtiger Makler werden wird? Denn Wawelaar +hat es selbst gesagt, dass Gott alles <span class="letterspaced">so</span> regiert, dass Rechtgläubigkeit zum +Reichtum führt. »Sehet nur, sagte er, ist nicht viel +Reichtum in Niederland? Das kommt vom Glauben her. Ist nicht in +Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das kommt daher, dass sie +dort katholisch sind. Sind nicht <span class="pagenum">[<a id="pb264" +href="#pb264" name="pb264">264</a>]</span>die Javanen arm? Es sind +Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang +pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut da +drüben. Das ist Gottes Wille so!«</p> +<p>Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in +Geschäftssachen. Denn es ist Thatsache, dass ich, der ich streng +auf Religion halte, meine Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere +Fortschritte nehmen sehe, während die Busselinck & Waterman, +die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas geben, ihr Leben lang +niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die Rosemeyers, die +in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten, haben +unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen +müssen, der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme +ich in der Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. +Kürzlich hat es sich gezeigt, dass wieder dreissig Millionen +Reingewinn erzielt sind durch den Verkauf von Produkten, die die Heiden +geliefert haben, und darin ist nicht einmal eingerechnet, was +<span class="letterspaced">ich</span> daran verdient habe und die +vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht +so, als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur +Belohnung eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der +Finger Gottes, der den Bösen lässet arbeiten, dass er den +Gerechten erhalte? Ist das nicht ein Wink, auf dem guten Wege +fortzuschreiten? Ein Wink, da drüben viel hervorbringen zu lassen, +und hier auszuharren im wahren Glauben? Heisst es nicht <span class="letterspaced">darum</span> »betet und arbeitet«, dass wir +beten sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun +lassen, das kein Vaterunser kennt?</p> +<p>O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie +leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in den +Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach +Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft, +die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit seiner +Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist bleich wie +der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen sind +<span class="pagenum">[<a id="pb265" href="#pb265" name="pb265">265</a>]</span>hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch +jünger ist als ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und +schien wieder geweint zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass +sie unzufrieden von Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu +sehen, um ihn zu beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte +eine Mantille von schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr +kalt. Von Krinoline keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um +die Kniee, und am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen +Shawl um und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch +eine Art trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau +etwas, die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, +sündigt, wenn er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe +niemals was auf der Strasse—das ist Grundsatz bei mir—denn +ich sage mir immer, wenn ich so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es +nicht ihre eigene Schuld ist, und ich darf sie nicht bestärken in +ihrem unrechten Wandel. Sonntags gebe ich zweimal: einmal für die +Armen und einmal für die Kirche. So ist es in der Ordnung. Ich +weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen hat, aber ich ging schnell +vorbei und guckte nach oben, und dachte an die Gerechtigkeit Gottes, +der ihn doch nicht so ohne Winterrock laufen lassen würde, wenn er +besser aufgepasst hätte und nicht faul, dünkelhaft und +kränklich wäre.</p> +<p>Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um +Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern +unsern Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem +kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem +Saïdjah entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden +Anschauungen ich bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an +meine Beurteilung der Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge +Mädchen so etwas nett finden, kann ich wohl begreifen, doch es ist +mir unerklärlich, dass Männer von Jahren solche Albernheiten +ohne Ekel anhören. Mir ist sicher, dass ich auf dem <span class="pagenum">[<a id="pb266" href="#pb266" name="pb266">266</a>]</span>anstehenden Kränzchen das Triolett von +meinem Solitärspiel finde.</p> +<p>Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu +hören, und hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn +<span class="letterspaced">er</span> der Held der Liebesgeschichte ist. +Es ist nur gut von Stern, dass er vorher gewarnt hat, es werde eine +eintönige Geschichte sein. Wenn er dann später mit etwas +anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das Herunterreissen +der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr wie +Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und wenig +Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles aus der +Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im Haag +gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin dort +mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn +ich habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen +Flanell gekauft in der Veenestraat—ich und meine Frau, meine +ich—und nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von +Unzufriedenheit mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden +sah glücklich und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne +uns weiszumachen suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie +es sich gehörte, habe ich auf dem Kränzchen über diese +Unzufriedenheit unumwunden meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn +jeder wusste, dass ich aus Erfahrung sprach. Auch auf der +Rückreise mit der Postkutsche hat der Postillon »Freut euch +des Lebens« geblasen, und das würde der Mann doch nicht +gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise habe ich auf +alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre 1848 von all +dem Murren zu denken hatte.</p> +<p>Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen +»Toko« offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. +Wenn also alles so schlecht stände, wie Stern sagt, so würde +sie doch auch wohl etwas davon wissen, und es scheint doch, dass sie +sehr zufrieden ist mit den Geschäften, <span class="pagenum">[<a id="pb267" href="#pb267" name="pb267">267</a>]</span>denn +ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil, sie sagt, dass ihr +Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er Mitglied vom Kirchenrat +ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen Zigarrenbehälter +geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht hätte. Dies alles +zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer über +schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass für +jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu +verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul, +dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er +nicht so arm nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock +herumlaufen. Und der Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht +der einzige, der im Osten sein Glück gemacht hat. Im +»Café Polen« hier bei uns in Amsterdam, wo so viele +Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen sind +und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich, +aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. +Auf Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es +muss gearbeitet werden! Wer <span class="letterspaced">das</span> nicht +will, ist arm und bleibt arm, das ist wohl selbstredend, und es ist +auch gut so. <span class="pagenum">[<a id="pb268" href="#pb268" name="pb268">268</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch17" class="div1"> +<h2>Siebzehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit +dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser Büffel durch das +Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr +betrübt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des +Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, dass, wenn man +die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des Säens +vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im +Lombong des Hauses geborgen werden könnte.</p> +<p>Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam +kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft +»persönliches Grundeigentum« besteht, was anderswo +nicht der Fall ist.</p> +<p>Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, +dass seine Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der +noch ein Kind war, und die Brüderchen und Schwesterchen von +Saïdjah.</p> +<p>Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten +verklagen, wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten +zurückbleiben würde, denn darauf steht Gesetzesstrafe.</p> +<p>Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem +Vater war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne +Bänder um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war +mit Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der +am Hauptplatze wohnte, <span class="pagenum">[<a id="pb269" href="#pb269" name="pb269">269</a>]</span>und kam nach Hause mit +vierundzwanzig Gulden, für welches Geld er einen anderen +Büffel kaufte.</p> +<p><span class="letterspaced">Saïdjah</span>, der damals etwa +sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen Büffel schnell +Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: Freundschaft, +denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der javanische +Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, +anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, +links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, das +es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.</p> +<p>Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem +neuen Gast sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs +ermutigende Kinderstimme schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen +Tieres noch mehr Kraft zu geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss +und seinen Weg in tiefen, scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel +wendete willig um, wenn er das Ende des Ackers erreicht hatte, und +verlor nicht eines Daumens Breite Grund beim Zurückpflügen +der neuen Furche, die jedesmal neben der alten lag, als wäre die +Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.</p> +<p>Daneben lagen die Sawahs von <span class="letterspaced">Adindas</span> Vater, dem Vater des Kindes, das mit +Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen +an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war +mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und +rühmten um die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer +Büffel. Doch ich glaube, dass Saïdjahs der beste war, +vielleicht wohl weil dieser ihm besser zuzusprechen wusste als die +andern. Denn Büffel haben viel Gefühl für ein gutes +Wort.</p> +<p>Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als +dieser Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von +Parang-Kudjang abgenommen wurde.</p> +<p>Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne +Klambuhaken—Pusakas von den Eltern seiner Frau—für +achtzehn Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen +Büffel. <span class="pagenum">[<a id="pb270" href="#pb270" name="pb270">270</a>]</span></p> +<p>Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen +Brüdern Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz +getrieben worden war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier +nicht gesehen habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf +diese Frage hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum +fürchtete er, dass sein Büffel geschlachtet war, wie die +andern Büffel, die das Distriktshaupt der Bevölkerung +abnahm.</p> +<p>Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel +dachte, mit dem er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er +konnte nicht essen, lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn +er schluckte.</p> +<p>Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.</p> +<p>Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der +Geneigtheit des Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers +ein. Allzu schnell eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke +unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um Platz zu machen +für spätere Schrift! Wie dem auch sei, der neue Büffel +war nicht so stark wie der vorige ... wohl war das alte Joch zu weit +für seinen Nacken ... aber das arme Tier war willig wie sein +Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich Saïdjah +beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen die +Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete +doch, dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. +Und wenn die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn +Erdklumpen undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er +gern mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel +hatte ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja +gesagt, dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den +Hinterblättern.</p> +<p>Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel +vergebens zu, eilig am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. +Überrascht über so grosse und vor allem so ungewohnte +Widerspenstigkeit, konnte er sich nicht enthalten, einen Schimpf +auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, der in Indien <span class="pagenum">[<a id="pb271" href="#pb271" name="pb271">271</a>]</span>gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich +nicht versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung +eines groben Ausdrucks erspare.</p> +<p>Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es +nur, weil er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie +über ihre Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts +zu sagen brauchen, denn es half nichts: sein Büffel that keinen +Schritt vorwärts. Er schüttelte den Kopf, als wollte er das +Joch abwerfen ... man sah ihn den Atem aus seinen Nüstern blasen +... er schnob, bebte, schauderte ... Angst war in seinem blauen Auge, +und die Lefze war aufgezogen, sodass das Zahnfleisch bloss lag ...</p> +<p>»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas +Brüderchen, »Saïdjah, fliehe! da ist ein +Tiger!«</p> +<p>Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen +sich auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, +über Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und +Buschwerk und hohes Alanggras, längs der Felder und Wege, und als +sie schnaubend und schwitzend ins Dorf Badur einritten, war +Saïdjah nicht unter ihnen.</p> +<p>Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel +bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein +unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und ihn +zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...</p> +<p>Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft +vorwärtsgetrieben, schoss um einige Sätze an dem Fleck +vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod wartete. Das Tier war nur +infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine Absicht weiter an +Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft +überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende +Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf +seine ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem +Dach über das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger +zu. Dieser sprang ... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel +fing ihn <span class="pagenum">[<a id="pb272" href="#pb272" name="pb272">272</a>]</span>mit seinen Hörnern auf, er selbst verlor +nur ein Stück Fleisch, das der Tiger ihm am Halse ausschlug. Der +Angreifer lag da mit aufgeschlitztem Bauch, Saïdjah war gerettet. +Wirklich war da Ontong gewesen in dem User-useran dieses +Büffels!</p> +<p>Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und +geschlachtet ...</p> +<p>ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig +ist!</p> +<p>... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte +Saïdjah schon 12 Jahre, und Adinda wob schon Sarongs, und +»batikte« sie mit Kapalas. Sie hatte schon Gedanken in den +Lauf ihres ‚Farbschiffchens‘ zu bringen, und sie zeichnete +Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah sehr +traurig gesehen.</p> +<p>Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine +Mutter am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen +Tieres geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, +während sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen +geglaubt hatte, dass es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte +die Wunde so oft mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die +Krallen, die so weit in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, +in den weichen Leib ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und +oft, wenn sie frische Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, +streichelte sie den Büffel und sprach ihm einige freundliche Worte +zu, damit das gute, treue Tier doch wissen sollte, wie dankbar eine +Mutter ist. Sie hoffte später, dass der Büffel sie doch +verstanden haben möchte, denn dann hätte er auch ihr Jammern +begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet zu werden, und +er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter war, die +ihn schlachten liess.</p> +<p>Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem +Lande. Denn er hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine +Landrente nicht bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um +einen neuen Büffel zu kaufen, da seine <span class="pagenum">[<a id="pb273" href="#pb273" name="pb273">273</a>]</span>Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten +und ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau +wohnten dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten +Büffels hielt er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem +er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr +undankbares Arbeiten, und vor allem verdriesslich für jemanden, +der im Besitz von einigen Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter +starb vor Kummer, und da war es, dass sein Vater sich in einem +Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak und aus Bantam fortmachte, um im +Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er wurde mit Stockschlägen +bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen hatte, und durch die +Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde er ins +Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was +nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er +werde, in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere +Verkehrtheiten begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz +darauf starb.</p> +<p>Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, +weiss ich nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand +einige Zeit leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut +und mit Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den +Fleck, wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in +Lebak.</p> +<p>Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach +Buitenzorg verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit +grösseren Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia +sehr viele Herren seien, die in Bendies führen, sodass er also +dort leicht eine Stelle als Bendiejunge finden müsse, wozu man +gewöhnlich jemanden wählt, der noch jung und unausgewachsen +ist, um nicht durch zu grosse Last hinten auf dem zweirädrigen +Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es wäre, hatte man ihm +versichert, bei guter Führung ein gut Stück Geld bei solchem +Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf diese Weise +binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel zu +kaufen. Diese <span class="pagenum">[<a id="pb274" href="#pb274" name="pb274">274</a>]</span>Aussicht lachte ihm entgegen. Mit +selbstbewusstem Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, +trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr +seinen Plan mit.</p> +<p>—Denk’ doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir +alt genug sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel +haben!</p> +<p>—Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn +du wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und +batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.</p> +<p>—O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet +finde?</p> +<p>—Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem +ehelichen werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.</p> +<p>—Und du selbst?</p> +<p>—Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!</p> +<p>—Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...</p> +<p>—Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?</p> +<p>—Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich +bei dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die +Melattiblume gegeben hast.</p> +<p>—Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen +muss, um dich bei dem Ketapan zu erwarten?</p> +<p>Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:</p> +<p>—Zähl’ die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf +Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide +eine Kerbe bei jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du +drei-mal-zwölf Kerben eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der +darauf folgt, bei dem Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da +bist?</p> +<p>—Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim +Djatigehölz sein, wenn du zurückkommst.</p> +<hr class="tb"> +<p>Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das +sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen <span class="pagenum">[<a id="pb275" href="#pb275" name="pb275">275</a>]</span>Leinwand Adinda, damit sie es als Pfand bewahre. +Und darauf verliess er sie und Badur.</p> +<hr class="tb"> +<p>Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das +derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, +wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er +Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag +später kam er in Serang an, und er stand überwältigt von +der Pracht eines so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus +Stein und gedeckt mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie +gesehen. Er blieb dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der +Kühle der Nacht marschierte er weiter und kam am folgenden Tag +nach Tangerang, noch bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken +war, wiewohl er den grossen Tudung trug, den sein Vater ihm +hinterlassen hatte.</p> +<p>In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, +und er ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn +unterwies, wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von +Manilla kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er +dachte, hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls +er in Batavia etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag +gegen Abend, als es kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr +und ging weiter. Sobald es ganz dunkel war, sodass niemand mehr es +sehen mochte, brachte er das Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti +bewahrte, die Adinda ihm unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er +war betrübt geworden, weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen +würde. Den ersten Tag und auch den zweiten hatte er minder stark +gefühlt, wie allein er war, da seine Seele noch gänzlich von +dem grossen Gedanken erfüllt war, dass er Geld verdienen und +hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch selbst sein Vater nie +mehr als einen besessen hatte; auch richteten sich seine Gedanken zu +viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass sie der Betrübtheit +über den Abschied viel Raum bieten konnten. <span class="pagenum">[<a id="pb276" href="#pb276" name="pb276">276</a>]</span>Er +hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen +Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum +verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das +Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von Badur +an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich +fühlte, als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig +Monde, die ihn von diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, +als brauche er nur umzukehren, als sei er schon von der Reise +zurück und sehe nun dort unter dem Baume Adinda seiner harren.</p> +<p>Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne +wurde, wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die +grosse Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, +das ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in +seinen Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da +überfiel, so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von +Mutlosigkeit. Er dachte daran, zurückzukehren; doch was sollte +dann Adinda von so geringer Beherztheit sagen?</p> +<p>Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am +ersten Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar +manches Mal gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter +geworden und begriff nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt +hatte, wo doch Adinda ihm so nahe war und er sie sehen konnte, so oft +und so lange er begehrte. Denn nun würde er nicht so ruhig sein, +wenn er erwarten könnte, dass sie da stracks vor ihm stehen werde. +Und auch begriff er nicht, dass er nach dem Abschied nicht noch einmal +umgekehrt war, um ihr noch einmal ins Gesicht zu schauen! Auch kam es +ihm in den Sinn, wie er noch kurz zuvor mit ihr wegen der Schnur +gezankt hatte, die sie für den Lalayang, den Drachen ihrer +Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, weil, wie er +meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine Wette gegen die +Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war’s +möglich«, dachte er, »deswegen <span class="pagenum">[<a id="pb277" href="#pb277" name="pb277">277</a>]</span>bös zu werden auf Adinda! Denn hätte +sie auch einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch +wirklich <span class="letterspaced">hierdurch</span> die Wette von +Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch die +Glasscherbe—so hinterlistig und geschickt sie immer durch den +kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein +mochte—hätte ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie +mit ungehörigen Namen benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich +in Batavia sterbe, ohne sie um Vergebung für so grosse Grobheit +gebeten zu haben? Ist es nicht, als wenn ich ein schlechter Mensch sei, +der ein Mädchen mit Schimpfworten bewirft? Und wird nicht in +Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem Lande gestorben bin, ein +jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, denn er hat einen +grossen Mund gehabt gegen Adinda?«</p> +<p>So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der +voraufgegangenen Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich +äusserten sie sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen +Worten, dann im Selbstgespräch, und schliesslich in dem +wehmütigen Sang, von dem ich hier die Übersetzung folgen +lasse. Meine Absicht war zunächst, etwas Mass und Reim in die +Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es schliesslich besser, das +Schnürleibchen wegzulassen.</p> +<div class="lgouter"> +<div class="lg"> +<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich habe die grosse See gesehn am +Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.</p> +<p class="line xd20e5485">Wenn ich sterbe auf der See und wenn man +meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.</p> +<p class="line xd20e5485">Sie werden um meine Leiche schwimmen und +fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser +treibt?</p> +<p class="line xd20e5485">Ich werd’s nicht hören.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, +das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.</p> +<p class="line xd20e5485">Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, +werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam +niederfallen.</p> +<p class="line xd20e5485">Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf +von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich werd’s nicht hören.</p> +</div> +<span class="pagenum">[<a id="pb278" href="#pb278" name="pb278">278</a>]</span> +<div class="lg"> +<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus +dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine +Mutter.</p> +<p class="line xd20e5485">Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, +werd’ ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den +Sträuchern, wie Si-unah.</p> +<p class="line xd20e5485">Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie +ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da +liegt Saïdjah!«</p> +<p class="line xd20e5485">Ich werd’s nicht hören.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, +der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.</p> +<p class="line xd20e5485">Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen +Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.</p> +<p class="line xd20e5485">Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen +an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr +laut.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich werd’s nicht hören.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p> +<p class="line xd20e5485">Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben +waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den +Grund.</p> +<p class="line xd20e5485">Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt +mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das +Gras hoch ist,</p> +<p class="line xd20e5485">Dann wird <span class="letterspaced">Adinda</span> dort vorbeigehn, und der Saum ihres +Sarongs wird leise über das Gras schleifen ...</p> +<p class="line xd20e5485"><span class="letterspaced">Ich werd’ es +hören.</span></p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, +dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er +Saïdjah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, +die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie +die andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in +Berührung stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er +passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er +kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle +Tage ass, was in Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im +Stall und wäre sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter +des Kutschers zum Weibe begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so +viel von Saïdjah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben +wurde. Man erhöhte seinen Lohn und gab ihm obendrein <span class="pagenum">[<a id="pb279" href="#pb279" name="pb279">279</a>]</span>fortwährend Geschenke, weil man so +besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman +von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an +den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen +Damen des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der +javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris +gelangen konnte.</p> +<p>Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe +dreijährigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis +ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch +nicht verweigern, und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die +Reise.</p> +<p>Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. +Aber dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, +er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt +hielt. Er zählte die Schätze, die er mit heimbrachte. In +einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten +Betragens. In einem Köcher, den er an einem ledernen Riemen trug, +schien unaufhörlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu +schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube es schon, darin +waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei Büffel +zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war noch nicht +alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene +Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher +aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig +mit einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr +Schätze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen +Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der +Gürtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!</p> +<p>Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, +trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti +waren.</p> +<p>War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger +aufhielt als nötig war, den Bekannten seines Vaters <span class="pagenum">[<a id="pb280" href="#pb280" name="pb280">280</a>]</span>zu +besuchen, der die feinen Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass +er nicht viel zu den Mädchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten: +»wohin, woher?«, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet? +Dass er Serang nicht mehr so schön fand, da er doch Batavia kennen +gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that, +ins Gestrüpp verkroch, als der Resident vorüberritt, er, der +den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt +und der ‚Grossvater‘ des Susuhunan zu Solo ist? War es ein +Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die ein +Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul +sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die +Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen +sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf +öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines +Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach +Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen +sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf +der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit +niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man +hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet +werde?</p> +<p>Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er +suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur +suchen zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte +er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. +Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er +sah den schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen +Schlinge gefangen auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr +grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die +Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn +er—wie war’s möglich!—sie plagte, und den Winkel +zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln <span class="pagenum">[<a id="pb281" href="#pb281" name="pb281">281</a>]</span>bewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen +werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst +gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss und, dem Schenkel in +gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis +auf den kleinen Fuss ...</p> +<p>Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte +ganz andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: +»Sei willkommen, Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim +Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der +drei-mal-zwölf Kerben trägt von meiner Hand. Hier bin ich +unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen, +Saïdjah: ich will deine Frau sein!«</p> +<p>Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und +die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf +seinem Wege erzählte.</p> +<p>Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen +Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der +Djatiwald sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda +wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im +Dunkel umher und betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm +bekannte Unebenheit an der Südseite eines Baumes, und er legte den +Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt +hatte, um den Pontianak zu beschwören, der das Zahnweh von +Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines +Brüderchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.</p> +<p>Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen +hatte als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst +geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz +zuvor mit allen Kindern—Knaben und Mädchen—mitgespielt +hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.</p> +<p>Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den +Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei +seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl +schläft? <span class="pagenum">[<a id="pb282" href="#pb282" name="pb282">282</a>]</span>Und ob sie wohl sorgfältig die Monde in +ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, wenn sie +einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht +genügte ... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und +Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl +in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den +Geist, und seine Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger +rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein +möchte, wenn der Büffel minder treu gewesen wäre.</p> +<p>Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem +Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel +näher jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel +näher er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.</p> +<p>Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim +Dämmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie +nicht schon am Tage vorher gekommen?</p> +<p>Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem +schönen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit +unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der +Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da +sein müssen, um auf <span class="letterspaced">ihn</span> zu +warten, der nun sich beklagte—und vor der Zeit schon!—dass +er auf <span class="letterspaced">sie</span> warten müsste.</p> +<p>Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne +aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene +geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, +beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ... +wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, die +um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren Grunde +sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein +glühender Strahl—Pfeile von Gold und Feuer, die hin und +wieder über den Horizont schossen—aber sie verschwanden +wieder und schienen hinter den undurchdringbaren <span class="pagenum">[<a id="pb283" href="#pb283" name="pb283">283</a>]</span>Vorhang niederzufallen, der dem Auge +Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.</p> +<p>Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er +schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des +kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da +schlief Adinda!</p> +<p>Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen +können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, +sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache +an ihre Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem +Häuschen noch fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie +dann gesagt, dass ein Gelübde sie wach halte; sie müsse den +Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen +Mondes müsse er fertig sein.</p> +<p>Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock +sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich +sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren. +Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass sie +sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle, +um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit +zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde +vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.</p> +<p>Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit +fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg +zu senken, dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen +Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...</p> +<p>Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die +Wolken klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, +und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch +den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich +an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und +grösseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten, +verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu +Strahlenbündeln, und wetterleuchteten <span class="pagenum">[<a id="pb284" href="#pb284" name="pb284">284</a>]</span>in +goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und +Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o +Gott, das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit +Adinda!</p> +<p>Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, +wäre auch unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein +feurigerer Dank, als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele +lag, war nicht in menschliche Sprache zu fassen.</p> +<p>Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst +schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun +alsbald sehen <span class="letterspaced">werde</span>. Er setzte sich +an den Fuss des Ketapan und liess das Auge über die Landschaft +schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn willkommen zu heissen +wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und ebenso wie diese +ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern an +vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie +während der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch +Saïdjah sich an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, +die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine +Gedanken auch umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen +zurück auf den Pfad, der von Badur nach dem Ketapanbaum +führt. Alles, was seine Sinne wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den +Abgrund links, wo die Erde so gelb ist, wo einmal ein junger +Büffel in die Tiefe sank: da hatten sich die Bewohner des Dorfes +versammelt, um das Tier zu retten—denn es ist keine geringe +Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!—und sie hatten sich +an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater war der +mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, +Adinda!</p> +<p>Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine +Kronen über den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war +Si-unah aus dem Baum gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte +seine Mutter: »weil Si-unah noch so klein war«, jammerte +sie ... als ob sie sich minder <span class="pagenum">[<a id="pb285" +href="#pb285" name="pb285">285</a>]</span>betrübt hätte, wenn +Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, das ist +wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...</p> +<p>Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum +leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch +früh.</p> +<p>Saidjah sah einen Badjing<a class="noteref" id="xd20e5620src" href="#xd20e5620" name="xd20e5620src">1</a>, der mit ausgelassener +Hurtigkeit hin und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das +Tierchen—ein Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber +doch so lieb in Gestalt und Bewegung—kletterte unermüdlich +auf und nieder. Saïdjah sah es und zwang sich, es im Auge zu +behalten, weil dies seinen Gedanken Ablenkung gab von der schweren +Arbeit, die sie seit dem Aufgange der Sonne verrichteten—Ruhe +nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald äusserten sich seine +Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner Seele vorging. Es +wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen zu +können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die +Übertragung:</p> +<div class="lgouter"> +<div class="lg"> +<p class="line">Sieh, wie der Badjing Atzung sucht</p> +<p class="line">Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links +und rechts,</p> +<p class="line">Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und +fällt wieder:</p> +<p class="line">Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein +Vogel.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch’ +dir Heil!</p> +<p class="line">Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst +...</p> +<p class="line">Doch <span class="letterspaced">ich</span> sitze allein +bei dem Djatibusch,</p> +<p class="line">Wartend auf Atzung für mein Herz.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Lang’ schon ist der kleine Bauch meines Badjing +gesättigt ...</p> +<p class="line">Lang’ schon ist er zurückgekehrt in sein +Nestchen ...</p> +<p class="line">Doch immerdar noch ist meine Seele</p> +<p class="line">Und mein Herz bitter betrübt ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur +nach dem Ketapanbaum leitete.</p> +<p>Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, +weil es warm zu werden begann: <span class="pagenum">[<a id="pb286" +href="#pb286" name="pb286">286</a>]</span></p> +<div class="lgouter"> +<div class="lg"> +<p class="line">Sieh, wie der Falter dort rundflattert.</p> +<p class="line">Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.</p> +<p class="line">Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:</p> +<p class="line">Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Viel Glück, mein Falter, ich wünsch’ +dir Heil!</p> +<p class="line">Sicher wirst du finden, was du suchst ...</p> +<p class="line">Doch <span class="letterspaced">ich</span> sitze allein +bei dem Djatibusch,</p> +<p class="line">Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Lang’ schon hat der Falter geküsst</p> +<p class="line">Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...</p> +<p class="line">Doch immerdar noch ist meine Seele</p> +<p class="line">Und mein Herz bitter betrübt ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur +nach dem Baum leitete.</p> +<p>Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss +in der Luft.</p> +<div class="lgouter"> +<div class="lg"> +<p class="line">Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,</p> +<p class="line">Hoch über dem Waringi-Hügel.</p> +<p class="line">Sie fühlt sich zu warm und wünscht +niederzusteigen,</p> +<p class="line">Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines +Gatten.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Viel Glück, o Sonne, ich wünsch’ dir +Heil!</p> +<p class="line">Was du suchst, wirst sicher du finden ...</p> +<p class="line">Doch <span class="letterspaced">ich</span> sitze allein +bei dem Djatibusch,</p> +<p class="line">Wartend auf Ruh für mein Herz.</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Lang’ schon wird die Sonne untergegangen sein</p> +<p class="line">Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...</p> +<p class="line">Und immerdar noch wird meine Seele</p> +<p class="line">Und mein Herz bitter betrübt sein ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her +nach dem Ketapan leitete.</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,</p> +<p class="line">Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,</p> +<p class="line">Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,</p> +<p class="line">Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,</p> +<p class="line">Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...</p> +<p class="line">Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,</p> +<p class="line">Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...</p> +<p class="line">Wenn <span class="letterspaced">dann</span> Adinda noch +nicht gekommen ist,<span class="pagenum">[<a id="pb287" href="#pb287" +name="pb287">287</a>]</span></p> +<p class="line">Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln</p> +<p class="line">Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein +blieb.</p> +<p class="line">Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan +...</p> +<p class="line">Meine Seele ist bitter betrübt ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p> +</div> +<p class="firstpar">Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der +von Badur nach dem Baum leitete.</p> +<div class="lgouter"> +<div class="lg"> +<p class="line">Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn +werden.</p> +<p class="line">Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger +weisen:</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">„Sehet, dort ist ein gestorb’ner Mensch +vergessen,</p> +<p class="line">Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.</p> +<p class="line">Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel +tragen,</p> +<p class="line">Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.</p> +<p class="line">Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,</p> +<p class="line">Dessen Herz die Kraft hatte, <span class="letterspaced">so</span> zu lieben!“</p> +</div> +<div class="lg"> +<p class="line">Dann soll noch <span class="letterspaced">ein</span>mal +mein erstarrter Mund sich öffnen,</p> +<p class="line">Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...</p> +<p class="line">Noch <span class="letterspaced">ein</span>mal will ich +die Melatti küssen,</p> +<p class="line">Die <span class="letterspaced">sie</span> mir gab ... +<span class="letterspaced">Adinda</span> ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p> +</div> +</div> +<p class="firstpar">Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der +von Badur nach dem Ketapan führte.</p> +<p>O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet +von all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler +Nächte! Sicher hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war +es!</p> +<p>Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht +scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?</p> +<p>Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? +Der Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen +<span class="letterspaced">über</span> Adinda, nicht fragen +<span class="letterspaced">nach</span> Adinda ... er wollte sie +<span class="letterspaced">wiedersehen</span>, <span class="letterspaced">sie</span> allein, <span class="letterspaced">sie</span> +zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!</p> +<p>Er sollte warten, warten ...</p> +<p>Aber wenn sie krank wäre oder ... <span class="letterspaced">tot</span>?</p> +<p>Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, +der von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo <span class="pagenum">[<a id="pb288" href="#pb288" name="pb288">288</a>]</span>Adinda wohnte. Er sah nichts und er hörte +nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es +standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: +»Saïdjah, Saïdjah!«</p> +<p>Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, +Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das +Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug +sich vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es +zu sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und—mein Gott, war +es ein Traum?—wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch +einmal flog er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff +mit beiden Händen an seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn +herausreissen, der ihn packte, und rief laut: »Von Sinnen, +betrunken, ich bin betrunken!«</p> +<p>Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit +Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, +dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht im +Dorfe Badur sei.</p> +<p>Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den +Büffel weggenommen hatte ...</p> +<p>ich hab’ dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte +eintönig ist!</p> +<p>... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr +jüngstes Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, +die es säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe +fürchtete, als er seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...</p> +<p>weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!</p> +<p>... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda +mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie +Saïdjahs Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft +worden war, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war +Adindas Vater weder nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch +nach Preanger, <span class="pagenum">[<a id="pb289" href="#pb289" name="pb289">289</a>]</span>noch in die Bataviaschen Ommelande ... er war +nach Tjilangkahan gegangen, dem Distrikt von Lebak, der an die See +grenzt. Da hatte er sich in den Wäldern versteckt gehalten und die +Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch +einigen andern abgewartet, die durch das Distriktshaupt von +Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden waren und die Alle +Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht bezahlten. Da +hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers gemacht und +waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und liessen das Land +rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie sich +nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die +europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland +an der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den +hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der +Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn +über offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten +gesprochen wurde.</p> +<p>Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm +sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht +völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in +seinem Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut +stossweise durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert +wurde, die unter der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen +drohten. Er sprach nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne +zu sehen, was um ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in +grausiges Gelächter aus.</p> +<p>Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte +den armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch +sprach er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine +Stimme aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo +ich sterben soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld +zusammen, um den Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für +die Genesung <span class="pagenum">[<a id="pb290" href="#pb290" name="pb290">290</a>]</span>Saïdjahs zu bringen, den sie für +wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.</p> +<p>Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom +Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, wo +Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil so viele +Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der +bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die +durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge +bildeten, wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und +hervorragenden Bergspitzen berechnet.</p> +<p>Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!</p> +<p>Über halbverfaulten Bambus und Stücke des +niedergestürzten Daches strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu +dem Heiligtume, das er suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest +der aufrechtstehenden Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden +hatte, und es steckte gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem +sie ihr Kleid aufhängte, wenn sie sich schlafen legte ...</p> +<p>Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe +zu Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an +seine geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...</p> +<p>Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der +Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. +Die Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe +herum, um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner +bezeichnen konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke +angelangt, zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...</p> +<p>Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf +eines Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In +Tjilangkahan kaufte er einen Fischerewer und erreichte damit nach +einigen Tagen Segelns die Lampongsche Küste, wo die +Aufständischen sich gegen die Niederländische <span class="pagenum">[<a id="pb291" href="#pb291" name="pb291">291</a>]</span>Herrschaft empörten. Er schloss sich einem +Trupp von Bantamern an, weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu +suchen. Denn er war sanftmütig von Art und eher Betrübtheit +zugänglich als Bitterkeit.</p> +<p>Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, +schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das +Niederländische Heer erobert war und <span id="also">also</span> +in Flammen stand. Saïdjah wusste, dass der Haufe, der dort +vernichtet worden war, grossenteils aus Leuten von Bantam bestanden +hatte. Wie ein Spuk irrte er unter den Häusern umher, die noch +nicht ganz verbrannt waren, und fand den Leichnam von Adindas Vater, +mit einer Klewang-Bajonettwunde in der Brust. Neben ihm fand +Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, Jünglinge, +beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam Adindas, +nackt, abscheulich misshandelt ...</p> +<p>Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende +Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende +gemacht zu haben schien ...</p> +<p>Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit +gefälltem Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das +Feuer der brennenden Häuser trieben. Er umfasste die breiten +Säbelbajonette, schob sich mit Allgewalt vorwärts und +drängte noch mit einem letzten grossen Kraftaufwand die Soldaten +zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen die Brust +vordrangen ...</p> +<p>Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel +über den neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten +Lorbeeren der Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. +Und der Landvogt schrieb heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den +Lampongs wiederhergestellt sei. Und der König von Niederland, +erleuchtet durch seine Staatsdiener, belohnte wiederum soviel Heldenmut +mit vielen Ritterkreuzen.</p> +<p>Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der +Sonntagskirche oder in der Betstunde, <span class="pagenum">[<a id="pb292" href="#pb292" name="pb292">292</a>]</span>Dankgebete gen +Himmel, als man vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« +wieder einmal mitgestritten hatte unter dem Banner der Niederlande +...</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">„Doch Gott, der alles Weh ersicht,</p> +<p class="line">Erhörte dieses Tages Opfer nicht.“</p> +</div> +<hr class="tb"> +<p>Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer +gemacht, als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran +fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie +ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als +schreckte ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich +über sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht +meine Absicht, als ich begann, über Saïdjah zu reden. Denn +anfänglich fürchtete ich, ich würde stärkere Farben +nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit der +Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch +empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein +würde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu +müssen.</p> +<p>Doch hätte ich dies thun <span class="letterspaced">können</span>, denn ich habe hier Dokumente vor mir +liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.</p> +<p>Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda +lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den +Lampongs ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss +nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben +wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob +Adinda die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock +schnitt ...</p> +<p>Dies alles weiss ich nicht!</p> +<p>Doch ich weiss <span class="letterspaced">mehr</span> als dies +alles. Ich weiss <span class="letterspaced">und kann beweisen</span>, +dass es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, +<span class="letterspaced">was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird +im allgemeinen</span>. Ich sagte bereits, dass ich die <span class="pagenum">[<a id="pb293" href="#pb293" name="pb293">293</a>]</span>Namen von Personen angeben kann, die, wie die +Eltern von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus +ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in +diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen +Gerichtshof gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte +über die Art und Weise, in welcher die Niederländische +Autorität in Indien ausgeübt wird, Auseinandersetzungen, die +nur für <span class="letterspaced">den</span> Beweiskraft haben +würden, der die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und +Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem +Publikum, das Zerstreuung in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich +an Stelle dürrer Namen von Personen und Plätzen mit den Daten +dabei, an Stelle einer Abschrift <span class="letterspaced">der Liste +von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt</span>, eine +ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann +in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum +Unterhalt ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den +Leser ahnen lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen +zu können in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich +selber nie erfahren.</p> +<p>Aber was die <span class="letterspaced">Hauptsache</span> betrifft? +O, dass ich aufgerufen würde, um zu beweisen, was ich schrieb! O, +dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah erdichtet ... er +sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!« Nur +wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem +Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, dass +aus mir nicht die Lästerzunge spricht!</p> +<p>Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, +weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein +samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, +die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen +Felsen auswerfen wird? Oder—um auf die Ebene zu gelangen, in der +mein Buch liegt—will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die +die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil +vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der +Verfasserin <span class="pagenum">[<a id="pb294" href="#pb294" name="pb294">294</a>]</span>dieses unsterblichen +Plaidoyers—unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des +Talentes, sondern wegen der <span class="letterspaced">Tendenz</span> +und wegen der <span class="letterspaced">Wirkung</span>—wird man +zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht +misshandelt, denn—es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein +Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung +von dürren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen +einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung +eindringen zu lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch +gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenstückes gegeben +hätte? Ist es ihre Schuld—oder die meine—dass die +Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der Lüge borgen +muss?</p> +<p>Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine +Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen +können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der +Mühe wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- +und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man ‚Eingeborene‘ +nennt. Doch wäre immerhin ihr Einwurf begründet: wer +<span class="letterspaced">solche</span> Bedenken als Beweis gegen die +Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen +Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du +bekämpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, +<span class="letterspaced">weil</span> der Inländer nicht ist wie +dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt +kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, wenn du deinen +Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese singt +solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also +...</p> +<p>Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im +Ruhestande, nicht <span class="letterspaced">das</span> habt ihr zu +beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bevölkerung <span class="letterspaced">nicht misshandelt</span> wird, gleichgültig, ob es +sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder +nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei +gestattet gegenüber Leuten, die <span class="letterspaced">nicht</span> lieben, die <span class="letterspaced">keine</span> schwermütigen Lieder singen, die +<span class="letterspaced">nicht</span> sentimental sind? <span class="pagenum">[<a id="pb295" href="#pb295" name="pb295">295</a>]</span></p> +<p>Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die +Korrektheit der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf +politischem Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen +bezüglich dieser Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die +grosse Frage auf ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir +vollkommen gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten +Zeichner hält, wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des +Eingeborenen eine „<b>weitgehende</b>“ ist; so lautet doch +das Wort in der Note des Vorgängers von Havelaar, die von diesem +dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet wurde: <span class="letterspaced">eine Note, die vor mir liegt!</span></p> +<p>Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch +Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.</p> +<p>O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr +hart gestraft. Er wurde ermordet. <span class="pagenum">[<a id="pb296" +href="#pb296" name="pb296">296</a>]</span></p> +<div class="footnotes"> +<hr class="fnsep"> +<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e5620" href="#xd20e5620src" name="xd20e5620">1</a></span> +<span class="corr" id="xd20e5621" title="Quelle: badjing">Badjing</span> = das javanische +Eichhörnchen.</p> +</div> +</div> +<div id="ch18" class="div1"> +<h2>Achtzehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und +fand seine Tine in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw +Slotering trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben +zu wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies +dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der +ebenzuvor eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert +hatte, dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf +dem Rasen entlang nach Havelaars Haus zurück.</p> +<p>»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« +sagte Havelaar, und als die Begrüssung vorüber war, fragte er +in scherzhaftem Tone, damit sie nicht meine, er missgönne ihr das +bisschen Autorität auf einem Erbe, das früher das ihre +war:</p> +<p>—Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer +die Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da +eben gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst +irgendwas, was man in der Küche braucht?</p> +<p>Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein +schmerzlicher Zug, der Havelaars Blick nicht entging.</p> +<p>—Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!</p> +<p>—Gewiss, das giebt’s überall. Doch wenn man es den +Menschen so schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, +Mevrouw, erzählen Sie mir doch nun mal <span class="pagenum">[<a id="pb297" href="#pb297" name="pb297">297</a>]</span>ganz +offen, warum Sie so streng Aufsicht üben über das Erbe!</p> +<p>Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in +ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... +die Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause +des Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre.</p> +<p>—Er wollte Gerechtigkeit üben, M’nheer Havelaar, +fuhr die arme Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, +unter der die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die +Häupter, in Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch +wohl seine Briefe gefunden haben im Archiv?</p> +<p>Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, <span class="letterspaced">von denen Abschriften vor mir liegen</span>.</p> +<p>—Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die +Witwe, doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass +die Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten, +den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so +führten alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur +Misshandlung der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass +er, falls keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an +den Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging kurz +darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im Hause des +Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in +erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den +Magen deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden +später war er tot, er, der immer ein Muster von Gesundheit gewesen +war.</p> +<p>—Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte +Havelaar.</p> +<p>—Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil +er bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor +meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde +wegen meines Zustandes diesen <span class="pagenum">[<a id="pb298" +href="#pb298" name="pb298">298</a>]</span>Ort nicht schnell verlassen +können, und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass +Sie ebenso wie mein Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die +hier herrschen, und darum habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte +dies alles vor Ihnen verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht +ängstlich zu machen, und beschränkte mich also auf die +Überwachung von Garten und Erbe, damit keine Fremden Zutritt zur +Küche erlangten.</p> +<p>Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene +Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der +Küche machen wollte, »die doch so geräumig +sei«.</p> +<p>Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an den +Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei Sloterings +Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war nicht in dem +Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war Slotering +gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu +meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich +auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich +glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken +zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. +Doch wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die +Auffassung des Begriffes ‚Gesundheit‘ vor allem bei +Nicht-Heilkundigen eine ziemlich grobsinnliche und auch +unterschiedliche ist—so bleibt doch die gewichtige Frage +bestehen, ob jemand, der heute stirbt an einem »Abscess in der +Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen konnte mit der +Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren, der in einzelnen +Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der Slotering +behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein und +nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der <span class="corr" +id="xd20e6040" title="Quelle: Beurteilumg">Beurteilung</span> der +Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen +zu vermuten.</p> +<p>Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars <span class="pagenum">[<a id="pb299" href="#pb299" name="pb299">299</a>]</span>Vorgänger vergiftet wurde, da man Havelaar +die Zeit nicht gelassen hat, diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl +aber kann ich beweisen, <span class="letterspaced">dass seine Umgebung +ihn für vergiftet hielt</span>, und dass diese Vermutung sich +stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht +entgegenzutreten.</p> +<hr class="tb"> +<p>Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte +kurzab:</p> +<p>—Woran ist M’nheer Slotering gestorben?</p> +<p>—Das weiss ich nicht.</p> +<p>—Ist er vergiftet?</p> +<p>—Das weiss ich nicht, aber ...</p> +<p>—Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!</p> +<p>—Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie +Sie, M’nheer Havelaar, und ... und ...</p> +<p>—Nun? Weiter?</p> +<p>—Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden +wäre, wenn er noch länger hier geblieben wäre.</p> +<p>—Schreiben Sie das auf!</p> +<p>Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. <span class="letterspaced">Seine Erklärung liegt vor mir!</span></p> +<p>—Noch etwas. Ist es <span class="letterspaced">wahr</span> +oder ist es <span class="letterspaced">nicht</span> wahr, dass +gewuchert und erpresst wird in Lebak?</p> +<p>Verbrugge antwortete nicht.</p> +<p>—Antworten Sie, Verbrugge!</p> +<p>—Ich wage es nicht.</p> +<p>—Schreiben Sie auf, dass Sie’s nicht wagen!</p> +<p>Verbrugge hat es aufgeschrieben: <span class="letterspaced">es liegt +vor mir!</span></p> +<p>—Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte +Frage, doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung +war, dass Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia +seien, nicht wahr? Liegt <span class="letterspaced">darin</span> +vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund dessen, was ich stets +<span class="letterspaced">Halbheit</span> nannte?</p> +<p>—Ja!</p> +<p>—Schreiben Sie das auf. <span class="pagenum">[<a id="pb300" +href="#pb300" name="pb300">300</a>]</span></p> +<p>Verbrugge schrieb es auf: <span class="letterspaced">seine +Erklärung liegt vor mir!</span></p> +<p>—Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.</p> +<p>Und Verbrugge konnte gehen.<a class="noteref" id="xd20e6122src" +href="#xd20e6122" name="xd20e6122src">1</a></p> +<p>Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit +besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen +war, schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.</p> +<p>—Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, +dass du mit Max nach Batavia gingest: <span class="letterspaced">ich +klage heute den Regenten an.</span></p> +<p>Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und +rief schluchzend:</p> +<p>—Nein, Max! nein, Max! <span class="letterspaced">das thue ich +nicht ... wir essen und trinken zusammen</span>!</p> +<hr class="tb"> +<p>Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig +recht zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?</p> +<hr class="tb"> +<p>Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift +gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, +unter denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht +nötig zu haben, auf die beherzte Pflichterfüllung +hinzuweisen, die daraus hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle +Milde, die Havelaar bewog, den Regenten vor allzu schwerer Strafe in +Schutz zu nehmen. Doch nicht so überflüssig wird es sein, +dabei seine kluge Umsicht zu betonen, die ihn kein Wort verlieren liess +über die soeben gemachte Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und +Zuverlässigkeit seiner Anklage nicht durch die Ungewissheit einer +wohl bedeutungsvollen, doch noch unbewiesenen <span class="pagenum">[<a id="pb301" href="#pb301" name="pb301">301</a>]</span>Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht +war, die Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich +untersuchen zu lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang +unschädlich gemacht sein würde. Doch man hat ihm hierzu die +Gelegenheit nicht gelassen.</p> +<p>In den Abschriften von offiziellen +Schriftstücken—Abschriften, die übrigens +buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen—glaube +ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen +zu dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass +sie diese Änderung bereitwillig hinnehmen.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar"></p> +<p>»No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.<br> +<span class="letterspaced">Geheim. Eile.</span></p> +<p class="xd20e199"><span class="letterspaced">An den Residenten von +Bantam.</span></p> +<p>Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich mir +hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die +Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre +Verpflichtungen gegenüber der Bevölkerung im Punkte des +Herrendienstes, des ‚Pundutan‘ und dergleichen +erfüllen.</p> +<p>Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität +und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess, die die +gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits <span class="letterspaced">weit</span> überschritt.</p> +<p>Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren, +und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch +Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um +mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen: dass +dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte +Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt +würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die, wie +ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in +Berücksichtigung des besonderen Umstandes, <span class="pagenum">[<a id="pb302" href="#pb302" name="pb302">302</a>]</span>dass +er Besuch erwartete von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und +von Tjanjor, zum mindesten von dem letzteren—der, wie ich meine, +schon mit grossem Gefolge unterwegs ist—und er also mehr als +sonst der Versuchung ausgesetzt war—und angesichts des +beschränkten Status seiner Geldmittel sozusagen der <span class="letterspaced">Notwendigkeit</span>—durch ungesetzliche Mittel +für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge +zu treffen.</p> +<p>Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon +geschehen <span class="letterspaced">war</span>, doch keineswegs war +ich geneigt zur Nachgiebigkeit gegenüber weiteren Fällen.</p> +<p>Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder +Ungesetzlichkeit.</p> +<p>Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte +auf den Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand +Kenntnis verschafft.</p> +<p>Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler +Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle +mich kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar">dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti +Karta Natta Negara, <span class="letterspaced">beschuldige</span> des +Missbrauchs der Amtsgewalt durch ungesetzliches Verfügen über +die Arbeit der ihm Unterstellten, und <span class="letterspaced">verdächtig erkläre</span> der Erpressung durch +die Forderung von Aufwendungen in natura ohne oder gegen +willkürlich festgestellte, unausreichende Bezahlung;</p> +<p>dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang—seinen +Schwiegersohn—verdächtig erkläre der Mitschuld an den +genannten Thatsachen.</p> +</div> +<p>Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir +die Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:</p> +<ul> +<li>1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile nach +Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder vor +seiner Abreise noch unterwegs <span class="pagenum">[<a id="pb303" +href="#pb303" name="pb303">303</a>]</span>die Gelegenheit habe, durch +Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen, die ich +werde einholen müssen;</li> +<li>2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu +nehmen;</li> +<li>3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren +Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss auf den +geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung ausüben +könnten;</li> +<li>4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von dem +Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.</li> +</ul> +<p>Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu +geben, den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.</p> +<p>Zum Schlusse habe ich die Ehre—zum Überfluss für +Sie, der Sie die Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon +möglich ist—die Versicherung zu geben, dass aus einem +<span class="letterspaced">politischen</span> Gesichtspunkt der streng +gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste im Wege steht, und +dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls sie <span class="letterspaced">nicht</span> zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin +informiert, dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, +»pussing« ist (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) +durch all die Plackerei und Bedrückung, schon lange nach Rettung +ausschaut.</p> +<p>Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit dem +Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus der +Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das eine +und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit dessen +Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht, ich +gleichwohl tiefes Mitleid fühle.</p> +<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar</span>.«</p> +</div> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb304" href="#pb304" name="pb304">304</a>]</span></p> +<p>Folgenden Tags antwortete ihm ... der <span class="letterspaced">Resident von Bantam</span>? O nein, der Herr Slymering, +<span class="letterspaced">privatim</span>!</p> +<p>Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der +Art und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung +gehandhabt wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar +ihm von der Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst +mündlich Kenntnis gegeben hätte«. Natürlich weil +dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu »<span class="letterspaced">schipperen</span>«. Und weiterhin: »dass +Havelaar ihn <span class="letterspaced">in seinen dringenden +Geschäften störe</span>«!</p> +<p>Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige +Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und +traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des +Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle <span class="letterspaced">ihn</span> und den Residenten von Bantam, Havelaar und +Slymering, nebeneinander . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . +. . . . . .</p> +<hr class="tb"> +<p>Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser, dass +Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die Gicht +hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen der +Kapitalien der Firma—Last & Co.—mache ... denn in +Grundsätzen bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern +auf den Gedanken, dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, +und da er so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl +zu kriegen wäre, drängte es sich mir auf, dass ich der Firma +verpflichtet sei, auf die wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians +zu sorgen. Ich ging also nach der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau +von dem Laden war vorn, schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, +obschon ich ihr unlängst recht deutlich gesagt hatte, dass ich +<span class="letterspaced">M’nheer Droogstoppel</span> sei, +<span class="letterspaced">Makler in Kaffee</span>, von der +<span class="letterspaced">Lauriergracht</span>. Es berührt immer +beleidigend, wenn man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt +weniger kalt ist und ich das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe +ich es dem zu und ziehe es mir <span class="pagenum">[<a id="pb305" +href="#pb305" name="pb305">305</a>]</span>nicht an ... die Beleidigung, +meine ich. Ich sagte also noch einmal, dass ich <span class="letterspaced">M’nheer Droogstoppel</span> sei, <span class="letterspaced">Makler in Kaffee</span>, von der <span class="letterspaced">Lauriergracht</span>, und ersuchte sie, doch +nachzusehen, ob der Shawlmann zu Hause wäre, weil ich nicht wieder +wie unlängst mit seiner Frau zu thun haben wollte, die stets +unzufrieden ist. Doch das Trödelweib weigerte sich, nach oben zu +gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag Treppen klettern +für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst +nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der +Treppen und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich +erkenne stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich +überall mein Auge habe. Das habe ich mir so bei den +Geschäften angewöhnt. Ich kletterte also die Treppen hinauf +und klopfte an die bekannte Thür, die von selbst wich. Ich trat +ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah ich mich mal um. Nun, +viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes Höschen mit +gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche Menschen +gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr schwerer +Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf dem +Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche +Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, +Béranger, und ... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, +mit den apokryphen Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann +nicht erwartet. Und es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand +viele Notizen auf losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT +bezogen—er sagt, dass Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist +verrückt—nun, alles war von derselben Hand wie die +Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem schien er das +Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die Blätter. +Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und darum +durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT +versöhnen will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, +fiel mein Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne +Hintergedanken <span class="pagenum">[<a id="pb306" href="#pb306" name="pb306">306</a>]</span>besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige +Kinderstrümpfe darin und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein +Brief an Shawlmanns Frau, wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war +geöffnet und sah aus, als wenn man ihn in Erregung +zusammengeknutscht hätte. Nun habe ich den festen Grundsatz, +niemals etwas zu lesen, was nicht an mich gerichtet ist, weil ich es +nicht anständig finde. Ich thue es denn auch nie, wenn ich kein +Interesse daran habe. Aber nun wurde mir eine Eingebung, dass es meine +Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen Brief zu nehmen, weil sein +Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig gewährte bei der +menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann führte. Ich +dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah ist, da Er mir +hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über diesen Mann +zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer +unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht auf +solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen im +Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass +die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens war +der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name +angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt +von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu +sein, der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, +»dass die Frau des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von +solch einem Elenden, der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht +verdienen könne, der obendrein ein Schurke wäre, denn er +hätte Schulden ... dass der Schreiber des Briefes um ihren Zustand +bekümmert sei, wiewohl sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf +den Hals geladen hätte, indem sie den HERRN verliess und Shawlmann +anhing ... dass sie zum HERRN zurückkehren müsse, und dass +dann vielleicht die ganze Familie die Hände dazu verbinden +würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch vor diesem allen +müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre Schande +für die Familie bedeute«. <span class="pagenum">[<a id="pb307" href="#pb307" name="pb307">307</a>]</span></p> +<p>Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da +in diesem Briefe stand.</p> +<p>Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare Weise +gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder das +Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss also +nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen +Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die +Strasse, und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten +entbehren, weil unser Geschäft so flott geht.</p> +<p>Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es +gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett +gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind +wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, mit +meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der Sohn von +dem ersten Last—als die Meyers noch drin waren, aber die sind nun +lange raus—hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau und +Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und +meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte, +brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich sprach +mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung ist +und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen +Plan zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell +in der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden +Tag sah ich ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte +mich auf den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, +als den Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich +reiflich alles erwogen—es sprach viel dafür, aber auch viel +dagegen—sind wir gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen +zurückgekehrt. Ich würde das ja alles nicht so +ausführlich erzählen, wenn es nicht in enger Beziehung zu +meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran, dass ihr wisst, +warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, die Stern letzten +Sonntag <span class="pagenum">[<a id="pb308" href="#pb308" name="pb308">308</a>]</span>gewiss wieder ausgekramt hat.—Was ist das +nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was +hören sollte, als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte +es von den jungen Rosemeyers, die in Zucker machen.—Zum zweiten +bin ich so ausführlich, weil ich wiederum aufs neue die sichere +Überzeugung gewonnen habe, dass all diese Erzählungen +über Elend und Unruhe in Ostindien ganz offenbare Lügen sind. +Da sieht man wieder, wie das Reisen einem Gelegenheit giebt, recht auf +den Grund der Dinge zu kommen.</p> +<p>Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung +bei einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war +und nun auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und +wahrlich, ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug +rühmen. Er hatte sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und +der Kutscher hatte eine rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu +kalt, um den Landsitz zu besichtigen, der im Sommer prächtig sein +muss, aber im Hause selbst blieb einem nichts zu wünschen +übrig, denn es war von allem, was das Leben angenehm macht, +vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, eine überdeckte +eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu sass auf einem +Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und ersah +sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt wird. Der +Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte wohl +drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein noch ein +Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und auch die +Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, gerade wie der +Kutscher.</p> +<p>Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren—wegen des +Kaffees—brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, +woran ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass +er’s im Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein +wahres Wort ist an all den Erzählungen über die +Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich brachte das Gespräch +auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von <span class="pagenum">[<a id="pb309" href="#pb309" name="pb309">309</a>]</span>einer sehr ungünstigen Seite. Er +versicherte mir, dass man sehr recht daran that, den Mann wegzujagen, +denn er war eine sehr unzufriedene Person, die stets an allem was +auszusetzen hatte, während überdies sehr über sein +eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte +nämlich oft Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen +Frau, und er bezahlte seine Schulden nicht, was doch sehr +unanständig ist. Da ich nun aus dem Brief, den ich gelesen hatte, +so gut wusste, wie begründet all diese Beschuldigungen waren, war +es mir eine grosse Genugthuung, zu sehen, dass ich die Dinge so gut +beurteilt hatte, und war ich sehr zufrieden mit mir selbst. Dafür +bin ich denn auch bekannt an meinem Börsenpfeiler—dass ich +stets so richtig urteile, meine ich.</p> +<p>Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie +erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss +doch wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei +Driebergen nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, +wie sie es nannten, in den Binnenlanden von Java, und dass zur +Unterhaltung desselben wohl an die hundert Menschen nötig waren. +Doch—und das ist wohl ein Beweis dafür, wie beliebt sie +waren—das thaten diese Leute ganz umsonst und rein aus Wohlwollen +für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug von dort +der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte, +als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so +gern ein Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie +gewesen ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es +durch Zwang geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen +könnte. Doch ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein +Verleumder ist, dass er Mädchen entführt hat—gerade wie +der junge Deutsche bei Busselinck & Waterman—und dass ich auf +sein Urteil durchaus keinen Wert legte, denn ich hätte nun von +einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge ständen, und +hätte also von M’nheer Shawlmann nichts zu lernen.</p> +<p>Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter <span class="pagenum">[<a id="pb310" href="#pb310" name="pb310">310</a>]</span>anderm ein Herr, der sehr reich war und noch +immer viel Geld an Thee verdient, den die Javanen ihm für wenig +Geld liefern müssen und den die Regierung ihm für einen hohen +Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen anzuregen. Auch +dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen Menschen, die +fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er konnte die +Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er sagte, er sei +überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee, den man +von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, dass man +dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der +eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht +gern möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch +sagte er, dass der Generalgouverneur, der die sogenannten +Theeverträge verlängert hätte, trotz seiner +Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden Verlust bei diesem Artikel +habe, so ein befähigter, braver Mensch sei, und vor allem denen +ein so treuer Freund, die ihn früher schon gekannt hätten. +Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel um das Gerede +gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre, und er +hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge—ich +glaube im Jahre 1846—die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, +indem er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu +kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle +Menschen beschimpfen höre! Wenn <span class="letterspaced">er</span> nicht gewesen wäre, liefe ich nun zu Fuss +mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein +»barouchet<span class="corr" id="xd20e6313" title="Quelle: »">«</span> vorfahren, und das sah doch +<span class="letterspaced">so</span> apart aus, und die Pferde waren so +wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht +vor Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele +wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor +allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren und +Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.</p> +<p>Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls +der Herr, für den die Javanen Thee bauen. <span class="pagenum">[<a id="pb311" href="#pb311" name="pb311">311</a>]</span>Es +sind die allerbesten Menschen und doch von ganz besonderem Ansehen! +Beide fragten sie gleichzeitig, mit welchem Zuge wir in Amsterdam +anzukommen gedächten. Wir begriffen nicht, was dies auf sich +hatte, doch später wurde es uns klar, denn als wir am Montag +Morgen dort ankamen, waren <span class="letterspaced">zwei</span> +Bediente am Bahnhof, einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit +einer gelben Weste, die beide aussagten, sie hätten per Depesche +Auftrag erhalten, uns mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus +dem Häuschen, und ich dachte daran, was Busselinck & Waterman +wohl gesagt haben würden, wenn sie das gesehen hätten ... +dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns da waren, meine ich. Aber es +war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, denn ich konnte mich nicht +entschliessen, eine von den Parteien zu kränken, indem ich eine so +liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat war teuer. Aber ich habe mich +aus dieser höchst schwierigen Situation schon wieder gerettet. Ich +habe meine Frau und Marie im <span class="letterspaced">roten</span> +Fuhrwerk Platz nehmen lassen—in dem Wagen von der roten Weste +meine ich—und ich habe mich ins <span class="letterspaced">gelbe</span> gesetzt—ins Fuhrwerk, meine ich.</p> +<p>Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer so +schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, als +wenn’s wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in +gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem +Ärmel seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den +Dreckspritzen zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, +und meine Frau fand es auch. <span class="pagenum">[<a id="pb312" href="#pb312" name="pb312">312</a>]</span></p> +<div class="footnotes"> +<hr class="fnsep"> +<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e6122" href="#xd20e6122src" name="xd20e6122">1</a></span> Dem +ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine Beilage in +Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des +„Havelaar“ entsprechenden, von dem Assistent-Residenten +Eduard Douwes Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die +Antworten seines Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des +<span class="corr" id="xd20e6124" title="Quelle: Orginal">Original</span>-Aktenstückes enthält. W. +Sp.</p> +</div> +</div> +<div id="ch19" class="div1"> +<h2>Neunzehntes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering +an Havelaar sandte, teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner +»dringenden Geschäfte« am folgenden Tage nach +Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was gethan werden +müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche +Erwägungen zu bedeuten hatten—sein Vorgänger hatte so +oft mit dem Residenten von Bantam +»abouchiert«!—schrieb den nachfolgenden Brief, den er +dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben sollte, +bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar zu diesem +Schriftstück erübrigt sich.</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar +1856,<br> +Geheim. Eilig. abends 11 Uhr.</p> +<p>Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive No. 88 +an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar">dass ich nach langer Untersuchung und nach +vergeblichen Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von +seinem unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides +verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu <span class="letterspaced">beschuldigen</span> des Gewaltmissbrauchs, und dass ich +ihn <span class="letterspaced">verdächtig</span> hielte der +Erpressung.</p> +</div> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb313" href="#pb313" name="pb313">313</a>]</span></p> +<p>Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen +Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem +<span class="letterspaced">Zwecke, nach seiner Abreise und nach +Neutralisierung des verderblichen Einflusses seiner ausgebreiteten +Familie</span> eine Untersuchung einzuleiten über die +Begründetheit meiner Beschuldigung und meiner Vermutung.</p> +<p>Lange, oder richtiger gesagt: <span class="letterspaced">viel</span> +hatte ich nachgedacht, ehe ich zu diesem Entschluss kam.</p> +<p>Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich getrachtet +habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten Regenten vor +Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst vor dem tiefen +Schmerz, hiervon—sei es auch nur die unmittelbar +voraufgehende—Ursache zu sein.</p> +<p>Doch ich sah an der andern Seite die <span class="letterspaced">seit +Jahren ausgesogene, tief niedergebeugte Bevölkerung</span>, ich +dachte an die Notwendigkeit eines Beispiels—denn <span class="letterspaced">viele andere Bedrückungen</span> werde ich Ihnen zu +rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von mir angefasste +Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende macht—und, ich +wiederhole es, <span class="letterspaced">nach reiflicher +Überlegung</span> habe ich gethan, was ich für Pflicht +hielt.</p> +<p>In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes +Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen +hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese Sache +lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen.</p> +<p>Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just darum +nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden, um vor +unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.</p> +<p>Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer +Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der Patteh +wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar der Kontrolleur +weiss jetzt nur <span class="pagenum">[<a id="pb314" href="#pb314" +name="pb314">314</a>]</span>erst zum Teil den Ausfall meiner +Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten Zweck. Erst, +als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege abzubringen, +beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg hatte, ihn nicht zu +kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem Namen—es war am 12. +dieses—ausdrücklich für diese Diskretion Dank gesagt. +Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche zu verzweifeln +begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung <span class="letterspaced">durch einen eben gehörten Vorfall</span> +überlief, als längeres Schweigen <span class="letterspaced">Mitverantwortlichkeit</span> bedeutet hätte, da war +diese Geheimhaltung <span class="letterspaced">meinethalben</span> +nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen habe ich +Pflichten zu erfüllen.</p> +<p>Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern +unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin +Ausgesprochene hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen +wäre. Und würde oder wird es mir möglich sein, zu +beweisen, dass ich gethan habe, »was einem guten +Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein Amtseid +vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter dem Niveau +des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen, dass ich nicht +unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle Dienstjahre aufs +Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau und Kind ... wird es +mir möglich sein, das alles zu beweisen, wenn nicht tiefe +Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt und den Schuldigen +hindert, sich, wie man es nennt, zu ‚<span class="letterspaced">decken</span>‘?</p> +<p>Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an seinen +Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der Erhaltung des +Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten immer, Geld, teilt es +aus mit verschwenderischer Hand an jeden, den er in der letzten Zeit +benachteiligt hat, und die Folge würde sein—ich hoffe, nicht +sagen zu brauchen: <span class="letterspaced">wird</span> +sein—dass <span class="letterspaced">ich</span> ein +leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort <span class="pagenum">[<a id="pb315" href="#pb315" name="pb315">315</a>]</span>ein +unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger +auszudrücken.</p> +<p>Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses +Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich +kenne den Geist, den man ’den Geist der Ost-Indischen +Beamten’ nennen könnte, und ich besitze diesen Geist +<span class="letterspaced">nicht</span>!</p> +<p>Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« +wäre behandelt worden, lässt mich Befürchtungen hegen +vor einer mündlichen Besprechung. Was ich in meinem Briefe von +gestern gesagt habe, ist <span class="letterspaced">wahr</span>. Doch +vielleicht würde es unwahr <span class="letterspaced">scheinen</span>, wenn die Sache in einer Weise behandelt +würde, die die Offenbarwerdung meiner Beschuldigung wie meines +Vermutens veranlasste, <span class="letterspaced">bevor der Regent von +hier entfernt ist</span>.</p> +<p>Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen in +Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten Express mich +befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher meine +Ermahnungen in den Wind schlug, <span class="letterspaced">jetzt</span> +vor der Zeit aufmerksam werden und versuchen wird, wenn möglich +die Beweise seiner Schuld, tant soit peu, zu verwischen.</p> +<p>Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine +Missive von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, +dabei ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive <span class="letterspaced">auch</span> den Vorschlag enthielt: <span class="letterspaced">vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und die +von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu +machen.</span> Ich vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein +für das, was ich vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem +Vorschlage betreffs der Art und Weise der Untersuchung—d. i. +unparteiisch, öffentlich, und vor allem <span class="letterspaced">frei</span>—zuzustimmen belieben.</p> +<p>Diese Freiheit besteht <span class="letterspaced">nicht</span>, ehe +nicht der Regent entfernt ist, und nach meiner bescheidenen Meinung +liegt hierin nichts Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, +<span class="pagenum">[<a id="pb316" href="#pb316" name="pb316">316</a>]</span>dass <span class="letterspaced">ich</span> ihn +beschuldige und verdächtig erkläre, dass <span class="letterspaced">ich</span> Gefahr laufe und nicht <span class="letterspaced">er</span>, wenn er unschuldig ist. Denn ich selbst bin +der Ansicht, dass ich aus dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn +sich herausstellt, dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig +gehandelt habe.</p> +<p>Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!</p> +<p>Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und +leben und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen +er berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine +‚Nächsten‘ sind, vergewaltigt werden und +ausgesogen!</p> +<p>Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass die +Frage einmal sein wird: <span class="letterspaced">was</span> man +gethan hat, ob man es <span class="letterspaced">gut</span> gethan hat, +und nicht, ob man es in <span class="letterspaced">zu kurzer +Zeit</span> gethan hat. Für mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die +gekennzeichnet ist durch Erpressung und Unterdrückung, und schwer +wiegt mir die Sekunde, die durch <span class="letterspaced">meine</span> Nachlässigkeit, durch <span class="letterspaced">meine</span> Pflichtversäumnis, durch <span class="letterspaced">meinen</span> ‚Geist des +‚Schipperns‘‘ in Elend verbracht wäre.</p> +<p>Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen +offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen dieses +Versäumnisses.</p> +<p>Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die +Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und mich +zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung +Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an ihrem +Wohlergehen nagt.</p> +<p>Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu +ersuchen, meine Handlungen diesangehend—die ja wahrlich ganz nach +Vorschrift der Instruktion allein bestehen in <span class="letterspaced">Untersuchung, Rapport und +Vorschlag</span>—gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten +von Lebak, ohne voraufgehende <span class="letterspaced">direkte</span> +oder <span class="letterspaced">indirekte</span> Warnung, <span class="pagenum">[<a id="pb317" href="#pb317" name="pb317">317</a>]</span>von +hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich dessen +einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern, No. 88, +mitteilte.</p> +<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar</span>.«</p> +</div> +<p>Diese Bitte, <span class="letterspaced">die Schuldigen nicht in +Schutz zu nehmen</span>, empfing der Resident unterwegs. Eine Stunde +nach seiner Ankunft stattete er dem Regenten einen kurzen Besuch ab und +fragte bei dieser Gelegenheit: <span class="letterspaced">was er gegen +den Assistent-Residenten vorbringen könne?</span> und dann: ob +<span class="letterspaced">er</span>, der Adhipatti, <span class="letterspaced">Geld nötig habe</span>? Auf die erste Frage +antwortete der Regent: »Nichts, das kann ich +beschwören!« Auf die zweite antwortete er zustimmend, worauf +der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die er—für den +vorkommenden Fall mitgebracht!—aus seiner Westentasche zog. Man +wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars vor sich +ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche +Handlungsweise ihm bekannt wurde.</p> +<p>Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als +gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es +war denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich +<span class="letterspaced">so</span> auszeichnete durch +’Schippern’ und jährliche Ruheberichte, so +plötzlich Briefe zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom +gebräuchlichen offiziellen Optimismus, noch von künstlicher +Verdrehung der Sache, noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit +der Regierung über die »Belästigung« mit +ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war erschrocken, +und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit willen verzeihen +will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu vergleichen, der +sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten beklagt, +weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende Schimpfworte +geschlagen hat.</p> +<p>Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er <span class="pagenum">[<a id="pb318" href="#pb318" name="pb318">318</a>]</span>nicht versucht habe, Havelaar von seiner Anklage +zurückzuhalten. Der arme Verbrugge, dem die ganze Anklage +unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen Glauben. Der Herr +Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand ganz allein, auf +eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene +Erwägungen oder ‚Rücksprachen‘ zu so +unerhörter Pflichterfüllung hatte übergehen können. +Da gleichwohl Verbrugge—vollkommen +wahrheitsgemäss—dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von +den Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der +Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung +endlich sich darein finden, und er ging—ich weiss nicht, +warum—dazu über, diese Briefe zu verlesen.</p> +<p>Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu +beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht +gelogen haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die +Wahrheit des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von +dieser Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht +immer vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder +da, wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar +davon Gebrauch machte?</p> +<p>Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es +würde ihm angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke +zurücknähme, um sie als nicht geschrieben betrachten zu +können, was dieser mit höflicher Bestimmtheit von sich wies. +Nachdem er vergebens versucht hatte, ihn hierzu zu bewegen, sagte der +Resident, dass ihm dann nichts anderes übrig bliebe, als eine +Untersuchung über die Begründetheit der erhobenen Klagen +anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen müsste, die Zeugen +aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen Halt geben +könnten.</p> +<p>Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den +Dornsträuchen in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen +geklopft haben, wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören +können! <span class="pagenum">[<a id="pb319" href="#pb319" name="pb319">319</a>]</span></p> +<p>Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio, +Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt +<span class="letterspaced">hattest</span> durch <span class="letterspaced">schriftlichen</span> Bericht! Durch schriftlichen +Bericht, der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...</p> +<p>Havelaar antwortete:</p> +<p>»Resident, <span class="letterspaced">ich</span> bin +Assistent-Resident von Lebak, <span class="letterspaced">ich</span> +habe gelobt, die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und +Gewaltthat, <span class="letterspaced">ich</span> klage den Regenten an +und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang, <span class="letterspaced">ich</span> werde die Begründetheit meiner Anklage +beweisen, sobald mir dazu die Gelegenheit gegeben wird, die ich in +meinen Briefen erbat, <span class="letterspaced">ich</span> bin +schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch +ist!«</p> +<p>Wie Verbrugge aufatmete!</p> +<p>Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!</p> +<p>Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit—denn +höflich und wohlerzogen war der Herr Slymering—suchte er +Havelaar zu bewegen, von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. +Doch mit ebenso grosser Höflichkeit blieb dieser +unerschütterlich. Das Ende war, dass der Resident sich darin +fügen musste, und als Bedrohung sagte, was für Havelaar ein +Triumph war: <span class="letterspaced">dass er sich dann genötigt +sähe, die fraglichen Briefe der Regierung zu +unterbreiten.</span></p> +<p>Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den +Adhipatti—wir sahen schon, was er da zu verrichten +hatte!—und nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen +Tische der Havelaars ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang +zurück, mit grosser Eile: Weil. Er. So. Besonders. Drängend. +Zu thun. Habe.</p> +<p>Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen +Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier +abschreibe: <span class="pagenum">[<a id="pb320" href="#pb320" name="pb320">320</a>]</span></p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar"></p> +<p>»No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856.<br> +<span class="letterspaced">Geheim.</span></p> +<p>Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, +L<sup>a</sup> O, geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung +enthaltend:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar">dass Sie Gründe hätten, nicht den +Vorschlägen Gewähr zu geben, die ich in meinen Amtsschreiben +vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, machte;</p> +<p>dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht +hätten;</p> +<p>dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen umschrieben +sind, nicht billigten;</p> +<p>und zum Schluss einige Befehle.</p> +</div> +<p>Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz +mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu +versichern:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar">dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer +Autorität respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen +Vorschlägen Gewähr zu geben oder nicht;</p> +<p>dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls +mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären Sie +zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer: bei allem, was +ich nicht thue und nicht sage.</p> +</div> +<p>Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen +vertrauen.</p> +<p>Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu +protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung +bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines +einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet, gesprochen +oder geschrieben.</p> +<p>Ich habe die Überzeugung, dass ich meine <span class="letterspaced">Pflicht</span> gethan habe, sowohl was die Absicht, als +auch was die Art der Ausführung angeht, <span class="letterspaced">vollkommen meine Pflicht, nichts als meine +Pflicht</span> ohne die mindeste Abweichung. <span class="pagenum">[<a id="pb321" href="#pb321" name="pb321">321</a>]</span></p> +<p>Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte—das heisst: +bevor ich »<span class="letterspaced">untersuchte</span>, +<span class="letterspaced">rapportierte</span> und <span class="letterspaced">Vorschläge machte</span>«—und wenn ich +in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte ... aus +Übereilung fehlte ich nicht.</p> +<p>In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas +schneller jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und +lassen.</p> +<p>Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre +etwas missbilligte von dem, was ich that—ausgenommen vielleicht +die Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht, ein +Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein +Stotterer für das seine—wäre es das immerhin ... doch +nein, dies <span class="letterspaced">kann</span> es nicht sein, aber +wäre es auch so: <span class="letterspaced">ich habe meine +<b>Pflicht</b> gethan!</span></p> +<p>Gewiss thut es mir—gleichwohl ohne befremdet zu +sein—leid, dass Sie hierüber anders urteilen—und was +mich selbst angeht, ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass +eine Verkennung meiner Person stattfand—doch es ist ein +<span class="letterspaced">Prinzip</span> in Frage, und ich habe +Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde, welche +Meinung richtig ist, die <span class="letterspaced">Ihre</span> oder +die <span class="letterspaced">meine</span>.</p> +<p>Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht +also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss ich als +ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass man mich verabschiede. +Dann muss ich in einem Alter von sechsunddreissig Jahren danach +streben, aufs neue eine Laufbahn mir zu erkämpfen. Dann muss +ich—nach siebenzehn Jahren, nach siebenzehn <span class="letterspaced">schweren</span>, <span class="letterspaced">mühevollen</span> Dienstjahren, nachdem ich meine +besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für +meine Pflicht hielt—aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir +Brot geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine +Gedanken, Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren +oder Spaten, wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als +der Kraft meiner Seele. <span class="pagenum">[<a id="pb322" href="#pb322" name="pb322">322</a>]</span></p> +<p>Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von Seiner +Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich bin also +verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und +Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb, +Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar"><span class="letterspaced">es möge dem +Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch die Handlungen des +Assistent-Residenten, wie sie in dessen Missives vom 24. und 25. +dieses, No. 88 und 91, umschrieben sind, gutheisse.</span></p> +</div> +<p>Oder aber:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar"><span class="letterspaced">es möge genannten +Assistent-Residenten zur Verantwortung aufrufen gegen die vom +Residenten von Bantam zu formulierenden Punkte der +Missbilligung.</span></p> +</div> +<p>Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung zu +geben, dass, wenn <span class="letterspaced">etwas</span> mich +abbringen könnte von meinen lang durchdachten und ruhig, doch +ebenso mit Leidenschaft verfolgten Prinzipien in dieser Frage ... +wahrlich, es würde dies nur der rücksichtsvollen, +einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie in der Konferenz von +ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben.</p> +<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar</span>.</p> +</div> +<hr class="tb"> +<p>Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns +der Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen +machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass +nämlich in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen +Pflichterfüllung und Gift—<span class="pagenum">[<a id="pb323" href="#pb323" name="pb323">323</a>]</span>mochte auch immer +diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung bestehen—so wird +doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle Tage nach des +Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube, ich habe nicht +nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die, wenn sie ihrem +Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen muss, ob sie +vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch ein +»abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach +der Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, +dass es keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu +kommen!</p> +<hr class="tb"> +<p>Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der +Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch +nicht.</p> +<hr class="tb"> +<p>Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur +Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute, +die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm +ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe +sprechen.</p> +<p>—Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... +doch verraten Sie mich nicht.</p> +<p>—Was? Was soll ich nicht verraten?</p> +<p>—Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von +dem, was ich Ihnen jetzt sagen werde?</p> +<p>—Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein +Wort.</p> +<p>Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt +ist, dass nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt +hatte, ob er gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er +ihm gleichzeitig ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben +hatte. Verbrugge wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, +welche Gründe den Residenten hierzu veranlasst haben könnten. +Havelaar war entrüstet, allein ... er hatte sein Wort gegeben.</p> +<p>Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, <span class="pagenum">[<a id="pb324" href="#pb324" name="pb324">324</a>]</span>dass +Duclari ihm vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen +Gegnern zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er +nun komme, ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.</p> +<p>—Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!</p> +<p>Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor +mir.</p> +<p>Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so +leicht allen Ansprüchen auf <span class="letterspaced">juridische</span> Echtheit der Geschichte Saïdjahs +entsagen konnte.</p> +<p>Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge—vor +Duclaris Mahnung—auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch +in einer Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte!</p> +<p>Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich +erzähle, Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer +gelitten, er hat seine Familie leiden sehen—die +Schriftstücke, die vor mir liegen, zeugen davon!—und es +scheint, dass er auf etwas <span class="letterspaced">wartete</span> +... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende +Aufzeichnung mit:</p> +<p>»<span class="letterspaced">Ich habe in den Zeitungen gelesen, +dass der Herr Slymering zum Ritter des Niederländischen Löwen +ernannt ist. Er scheint jetzt Resident von Djokjakarta zu sein. Ich +würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge auf die Lebakschen +Angelegenheiten zurückkommen können.</span>« +<span class="pagenum">[<a id="pb325" href="#pb325" name="pb325">325</a>]</span></p> +</div> +<div id="ch20" class="div1"> +<h2>Zwanzigstes Kapitel.</h2> +<p class="firstpar">Es war Abend. Tine sass lesend in der +Binnengalerie, und Havelaar zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max +zauberte ein ‚Legebild‘ ineinander und wurde ganz erregt, +dass er »den roten Leib von der Frau« nicht finden +konnte.</p> +<p>—Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich +habe die Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die +leibhaftige ‚<span lang="en">line of beauty</span>‘ von +Hogarth, nicht wahr?</p> +<p>—Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht +aneinander.</p> +<p>—So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich +deine Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, +wo du das gestickt hast, Tine!</p> +<p>—Ich nicht. Wo denn?</p> +<p>—Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt +waren, weil der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich +geformten Kopf hätte, und dass sehr viel Sorgfalt nötig +wäre, um Andrang nach dem Gehirn zu verhüten. Gerade in den +Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.</p> +<p>Tine stand auf und küsste den Kleinen.</p> +<p>—Ich <span class="letterspaced">hab</span>’ ihren Bauch, +ich <span class="letterspaced">hab</span>’ ihren Bauch! rief das +Kind fröhlich, und die rote Frau war komplett.</p> +<p>—Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die +Mutter.</p> +<p>—Ich, sagte der kleine Max.</p> +<p>—Und was bedeutet das? <span class="pagenum">[<a id="pb326" +href="#pb326" name="pb326">326</a>]</span></p> +<p>—Schlafengehen! Aber ... ich hab’ noch nicht +gegessen.</p> +<p>—Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.</p> +<p>Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem +gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben +schien, denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern +gehört.</p> +<p>—Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.</p> +<p>—O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von +Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.</p> +<p>Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie +abgebrochen waren.</p> +<p>—Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung +noch nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!</p> +<p>—Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles +abthun können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident +werden, und dann ist alles binnen kurzer Zeit geregelt.</p> +<p>—Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte +Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will +ich dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit +noch mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak +lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen Jahren +leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: +man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, wenn +ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...</p> +<p>—Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch +fort von hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du +Generalgouverneur bist.</p> +<p>Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn +in dieser Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie +bissen einander ... <span class="pagenum">[<a id="pb327" href="#pb327" +name="pb327">327</a>]</span></p> +<p>Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.</p> +<p>—Lieber Max ... begann sie freundlich.</p> +<p>—Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern +lassen? Kannst du leben von <span class="letterspaced">Sand</span>?</p> +<p>—Lieber Max!</p> +<p>Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er +ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er +in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben +würde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:</p> +<p>—Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da +sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen +muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu +rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...</p> +<p>Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der +Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!</p> +<p>—Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit +Vorschlägen zu kommen über die <span class="letterspaced">Art</span> von Arbeit, die er verrichten lassen will von +den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die +Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für +Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit +Säuglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem +Hauptplatze getrieben sind, um für <span class="letterspaced">ihn</span> zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! +Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen +Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich +Generalgouverneur bin? Verflucht!</p> +<p>Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er +so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.</p> +<p>—Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles <span class="letterspaced">meiner</span> Verantwortung zur Last! Wenn in diesem +Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn +sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: »da +wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, da <span class="pagenum">[<a id="pb328" href="#pb328" name="pb328">328</a>]</span>sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet +Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu +verhungern mit Frau und Kindern!« Ja, ich hör’ es +wohl, ich hör’ es wohl das Rufen nach Rache über mein +Haupt! Komm her, Max, komm her!</p> +<p>Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es +erschreckte.</p> +<p>—Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, +der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele +Mütter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen +wird, dass das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl +... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!</p> +<p>Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie +brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen—eine +Strohmatte—und als sie zurückkam, fand sie Havelaar im +Gespräch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren. +Das Gespräch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der +Regierung.</p> +<p>—Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer +schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement +nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann +würde <span class="letterspaced">zu viel</span> an den Tag kommen. +Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch +als Sie selbst, M’nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier +in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, die der +Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun +nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, +wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und +von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in +zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss +also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen +...</p> +<p>—Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam +geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti <span class="pagenum">[<a id="pb329" href="#pb329" name="pb329">329</a>]</span>zu +bewegen, etwas gegen mich geltend zu machen—was ein Zeichen +scheint, dass er versuchen möchte, die Frage zu verdrehen, indem +er z. B. <span class="letterspaced">mich</span> beschuldigt des ... was +weiss ich, welchen Vergehens—ich habe mich also hiergegen +gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die +Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, man +möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben +werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn +nun der Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher +Billigkeit kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. +Das ist man selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts +verbrochen habe ...</p> +<p>—Da kommt die Post! rief Verbrugge.</p> +<p>Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, +einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an +den <span class="letterspaced">gewesenen</span> Assistent-Residenten +von Lebak, Havelaar:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»<span class="letterspaced">Kabinett.</span> +Buitenzorg, den 23. März 1856.</p> +<p>No. 54.</p> +<p>Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung +von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu +Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem +Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine +Unzufriedenheit erregt.</p> +<p>In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle +Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr +erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den +Binnenlanden bekleideten (<span class="letterspaced">sic</span>) +Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren +unmittelbaren Vorgesetzten.</p> +<p>Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne +voraufgehende Beratschlagung des (<span class="letterspaced">sic</span>) <span class="pagenum">[<a id="pb330" href="#pb330" name="pb330">330</a>]</span>Residenten das Haupt der +Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm +beschwerlicher Untersuchungen zu machen.</p> +<p>In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen +gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu +stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge einzubringen, die +darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten von der Bedeutung +eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, doch noch +eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen +Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets +günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch +völlig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.</p> +<p>Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt +zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, +dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene +Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug +auf die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.</p> +<p>Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr +leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der +Binnenländischen Verwaltung schliessen.</p> +<p>Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung +des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.</p> +<p>Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener +günstiger Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund +finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der +Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher +vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines <span class="letterspaced">Assistent-Residenten von Ngawi</span> betraut.</p> +<p>Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte +abhängen, ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden +angestellt bleiben können.«</p> +</div> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb331" href="#pb331" name="pb331">331</a>]</span></p> +<p>Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, +Tüchtigkeit und gute Treue« der König sich verlassen zu +können vorgab, als er desselben Ernennung zum Generalgouverneur +von Niederländisch-Indien unterzeichnete.</p> +<hr class="tb"> +<p>—Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, +und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück +mit Duclari las.</p> +<p>Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. +Duclari, ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch +aus:</p> +<p>—Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und +Diebe gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt +<span class="letterspaced">Ihnen</span> solch einen Brief!</p> +<p>—Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist +ein ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch +vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst +hörte. Er ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen +Amtswirtschaft. Wir kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm +zeigen, wie hier die Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin +ich überzeugt!</p> +<p>—Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...</p> +<p>—Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem +Djokjaschen Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang +in den Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi +dasselbe thun müssen, was ich hier gethan habe: das würde +unnützes Hin- und Wiederreisen sein. Überdies, es ist mir +unmöglich, Dienst auf Probe zu thun, als ob ich mich schlecht +betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein, dass ich, um all der +Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter sein darf. Als +Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel Personen, die ein +Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung zu leugnen. Es +sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi zu gehen. +<span class="pagenum">[<a id="pb332" href="#pb332" name="pb332">332</a>]</span>Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal +her, er ist für mich freigemacht!</p> +<p>Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit +derselben Post angekommen war, dass in der That mit demselben +Beschluss, durch den ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen +wurde, der Assistent-Resident dieser Provinz nach einer anderen +Abteilung versetzt wurde, die vakant war.</p> +<p>—Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach +dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von +Madiūn, wozu Ngawi gehört, ist der <span class="letterspaced">Schwager des vorigen Residenten von Bantam</span>. Ich +habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten Vorbilder +gehabt hätte ...</p> +<p>—Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, +warum Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu +dienen, ob er sich vielleicht bessern würde!</p> +<p>—Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, +sagte er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in +allernächster Zeit abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und +ich weiss, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig +etwas für das arme Volk zu erreichen, muss ich den +gegenwärtigen Generalgouverneur noch vor seinem Verzuge sprechen, +und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, so würde das unmöglich +sein. Tine, höre mal!</p> +<p>—Lieber Max?</p> +<p>—Du hast Mut, nicht wahr?</p> +<p>—Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir +bin!</p> +<p>—Also!</p> +<p>Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens +ein Muster von Wohlberedtheit:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»Rangkas-Betung, den 29. März 1856.</p> +<p>An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.</p> +<p>Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. ds., +No. 54, zu empfangen. <span class="pagenum">[<a id="pb333" href="#pb333" name="pb333">333</a>]</span></p> +<p>Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer +Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des Landes +Diensten zu verleihen.</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar.</span>«</p> +</div> +<p>Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten +Abschieds nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich +erwies für die Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden +konnte. Dieses hatte doch einen Monat erfordert, und der verlangte +Abschied kam binnen weniger Tage in Lebak an.</p> +<p>—Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief +Tine.</p> +<p>Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung +vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen +Nachfolger abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus +einem ganz anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei +Wochen Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der +jedoch noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an +den Kontrolleur Verbrugge:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar">»No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April +1856.</p> +<p>An den Kontrolleur von Lebak.</p> +<p>Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom 4. +dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten +verabschiedet bin.</p> +<p>Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang +dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort +niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion zu +erfüllen, ohne Beamter zu sein.</p> +<p>Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu +übergeben, und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen +Posten nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum +Teil aus Ursachen untergeordneter <span class="pagenum">[<a id="pb334" +href="#pb334" name="pb334">334</a>]</span>Bedeutung wartete ich die +Ankunft meines Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte +bald—wenigstens diesen Monat noch—eintreffen +würde.</p> +<p>Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht so +bald erwartet werden kann—Sie haben, meine ich, hiervon in Serang +Kenntnis erhalten—und zugleich, dass es den Residenten +verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der +ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung Ihnen +übertragen zu dürfen.</p> +<p>Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich +brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, +nicht anders dienen zu können, als ich es hier that—ich, der +ich für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit +einer für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit +dem Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit +vertrauten—mit der Wahl also zwischen Unehre und +Brotmangel!—dass ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden +vorkommenden Fall an meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die +einfachste Sache <span class="letterspaced">mir</span> schwer fiel, der +ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen und die Prinzipien des +Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, solange ich nicht meines +Amtes enthoben bin.</p> +<p>Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich <span class="letterspaced">Klägern</span> Antwort zu geben hatte.</p> +<p>Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune +seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte +ich—unvorsichtig genug!—mein Wort verpfändet für +die Gerechtigkeit des Gouvernements.</p> +<p>Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses +Versprechen und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich +arm und ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für +Recht und Menschlichkeit.</p> +<p>Und man fuhr mit Klagen fort!</p> +<p>Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive +<span class="pagenum">[<a id="pb335" href="#pb335" name="pb335">335</a>]</span>dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als +machtloser Beschützer.</p> +<p>Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, +Aussaugung, Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit +Frau und Kind Hunger und Armut entgegengehe.</p> +<p>Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte +nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die +Verwaltung <span class="letterspaced">will</span>, dass ihr geschunden +werdet!« Ich durfte meine Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da +sie eins war mit der Schande und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber +des Generalgouverneurs.</p> +<p>Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:</p> +<div class="q xd20e6193"> +<p class="firstpar">»Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch +ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen +über euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet +vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch +nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass +Recht geschehen wird!«</p> +</div> +<p><span class="letterspaced">So</span> meinte ich, beschämt +darüber, dass meine Hülfezusage zunichte gemacht wurde, meine +Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu bringen mit meiner Pflicht +gegenüber der Verwaltung, <span class="letterspaced">die mich noch +diesen Monat bezahlt</span>, und ich würde also bis zur Ankunft +meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer Vorfall +mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem +doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.</p> +<p>Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende Antwort. +Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet ihnen der +Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, ihren +Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen—wie man mir +rapportiert—ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu +bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sich <span class="letterspaced">wieder</span> zu mir <span class="pagenum">[<a id="pb336" href="#pb336" name="pb336">336</a>]</span>und erklärt: +<span class="letterspaced">dass er nicht wieder nach seinem Dorfe +zurückzukehren wage</span>.</p> +<p>Was ich nun <span class="letterspaced">diesem</span> Mann antworten +soll, weiss ich nicht!</p> +<p>Ich <span class="letterspaced">kann</span> ihm keinen Schutz mehr +geben ... ich <span class="letterspaced">darf</span> ihm meine Ohnmacht +nicht gestehen ... ich <span class="letterspaced">will</span> den +angeklagten Dorfhäuptling nicht verfolgen, da das den Schein +aufkommen lassen würde, als wenn diese Sache durch mich pour le +besoin de ma cause aufgegriffen wäre: ich weiss nicht mehr, was +thun ...</p> +<p>Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten +von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung +der Abteilung Lebak.</p> +<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar</span>.«</p> +</div> +<p>Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies +alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt +beim Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des +ersten Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus +Rangkas-Betung fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu +begrüssen.</p> +<p>In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit +der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.</p> +<p>Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll, +wie es erlaubt war, man sei gekommen, <span class="letterspaced">um +Havelaar zu begrüssen</span>, und Max empfing manchen beredten +Händedruck ...</p> +<p>Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen +...</p> +<p>Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm +verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse +hätte.</p> +<p>Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er +ein anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden. <span class="pagenum">[<a id="pb337" href="#pb337" name="pb337">337</a>]</span></p> +<p>Seine Excellenz <span class="letterspaced">»sei so mit Arbeit +überhäuft, dass sie selbst dem Generaldirektor der Finanzen +eine Audienz hätte abschlagen müssen«, und könne +also auch Havelaar nicht empfangen</span>.</p> +<p>Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese +Überhäufung hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen +fühlte er etwas wie Neid auf die Personen, die Seiner Excellenz in +der Arbeit beigegeben waren. Denn er arbeitete gern schnell und viel, +und gewöhnlich schmolzen solche +‚Überhäufungen‘ ihm unter den Fingern weg. Aber +hiervon war nun natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war +schwerer als Arbeit: er <span class="letterspaced">wartete</span>!</p> +<p>Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu +werden. Man gab ihm zur Antwort, »<span class="letterspaced">dass +Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne, weil sie daran +gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden Verzuge in +Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung</span>«.</p> +<p>Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm <span class="letterspaced">eine</span> halbe Stunde Gehör zu schenken, sobald +ein kleiner Zwischenraum sein sollte zwischen zwei +‚Überhäufungen‘.</p> +<p>Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen +werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft an +dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann und +... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, +um die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde +schien man ihm nicht geben zu wollen.</p> +<p>Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den er +an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen Verzug +ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht mit +Bleistift angezeichnet: »<span class="letterspaced">nicht +genau</span>«, woraus ich entnehme, dass einzelne Sätze beim +Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies, um nicht aus dem +Mangel <span class="letterspaced">buchstäblicher</span> +Übereinstimmung bei <span class="letterspaced">diesem</span> +Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen <span class="pagenum">[<a id="pb338" href="#pb338" name="pb338">338</a>]</span>an +der Echtheit der anderen <span class="letterspaced">offiziellen</span> +Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine fremde +Hand als »<span class="letterspaced">gleichlautende +Abschrift</span>« gezeichnet sind. Vielleicht hat der Mann, an +den dieser Brief gerichtet war, Lust, den <span class="letterspaced">vollkommen</span> genauen Text zu veröffentlichen. +Man würde durch Vergleichung sehen können, wie weit Havelaar +von seinem Entwurf abgewichen ist. <span class="letterspaced">Sachlich</span> korrekt war der Inhalt also:</p> +<div class="blockquote"> +<p class="firstpar xd20e3046">»Batavia, 23. Mai 1856.</p> +<p>Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen +gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu +werden, ist ohne Erfolg geblieben.</p> +<p>Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten +Ersuchen um Audienz Folge zu geben.</p> +<p>Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste +günstig bei dem Gouvernement aufgenommen sind«—das +sind Eurer Excellenz eigene Worte!—jemanden, der siebenzehn Jahre +dem Lande in diesen Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts +verbrach, sondern gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das +Gute verfolgte und für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... +<span class="letterspaced">so</span> jemanden haben Euer Excellenz noch +unter den Verbrecher gestellt. Denn <span class="letterspaced">den +hört</span> man zum mindesten.</p> +<p>Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, +begreife ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen +haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.</p> +<p>Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht +verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, <span class="letterspaced">dass ich meine <b>Pflicht</b> gethan habe, <b>ganz und +gar meine Pflicht</b>, mit Einsicht, mit Bescheidenheit, mit +Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut</span>.</p> +<p>Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz +Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind <span class="letterspaced">durchweg erdichtet und lügenhaft</span>. +<span class="pagenum">[<a id="pb339" href="#pb339" name="pb339">339</a>]</span></p> +<p>Ich kann dieses <span class="letterspaced">beweisen</span>, und es +wäre bereits geschehen, wenn Euer Excellenz mir <span class="letterspaced">eine</span> halbe Stunde Gehör hätten schenken +wollen. Wenn Euer Excellenz <span class="letterspaced">eine</span> +halbe Stunde Zeit hätten finden können, um <span class="letterspaced">recht zu thun</span>!</p> +<p>Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch an +den Bettelstab gebracht ...</p> +<p>Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.</p> +<p>Doch Euer Excellenz haben <span class="letterspaced">sanktioniert</span>: <b>Das System von Gewaltmissbrauch, +von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht</b> ... und +<span class="letterspaced">darüber</span> klage ich.</p> +<p>Das schreit zum Himmel!</p> +<p>Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres <span class="letterspaced">also</span> empfangenen indischen Soldes, Excellenz!</p> +<p>Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese +Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht +für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache +der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache +wohlerfasster Politik ist.</p> +<p>So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, von +hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird beruhigt +sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet zu +haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, die +alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, in der die +Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in der +Bevölkerung umgeht.</p> +<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max +Havelaar.</span>«</p> +</div> +<p>Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.</p> +<p>Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines +Briefes bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu +erreichen trachtete. Seine Hoffnung <span class="pagenum">[<a id="pb340" href="#pb340" name="pb340">340</a>]</span>war eitel! Der +Generalgouverneur ging fort, ohne Havelaar gehört zu haben. Es +hatte sich wieder eine Excellenz zur Ruhe begeben ins Mutterland!</p> +<hr class="tb"> +<p>Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...</p> +<p><span class="letterspaced">Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, +nehme die Feder auf.</span> Du bist nicht gerufen, Havelaars +Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich ins Leben gerufen ... ich +liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte dich leidlich gut +Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich liess dich Luise +Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist genug, Stern, du +kannst gehen.</p> +<hr class="tb"> +<p>Der Shawlmann und seine Frau ...</p> +<p>Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und +gotteslästerlicher Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du +bist angewachsen zum Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel +vor meinem eigenen Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!</p> +<hr class="tb"> +<p><span class="letterspaced">Ja, ich, Multatuli, »der ich viel +getragen habe«, ich nehme die Feder auf.</span> Ich winsele nicht +um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese Form schien mir +geeignet zur Erreichung meines Zieles.</p> +<p>Dieses Ziel ist zweiteilig:</p> +<p>Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als +heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max +und seinem Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen +sein.</p> +<p>Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.</p> +<p>Und an zweiter Stelle: <span class="letterspaced">ich will gelesen +werden!</span> <span class="pagenum">[<a id="pb341" href="#pb341" name="pb341">341</a>]</span></p> +<p>Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von +Staatsmännern, die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen +der Zeit ... von Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch +nehmen müssen, von dem man soviel Böses spricht ... von +Männern des Handels, die an den Kaffeeauktionen interessiert sind +... von Kammerzofen, die mich für wenige Cents leihen ... von +Generalgouverneurs im Ruhestande ... von Ministern in Dienst ... von +den Lakaien dieser Excellenzen ... von frommen Pastoren, die more +majorum sagen werden, dass ich den Allmächtigen Gott antaste, wo +ich mich nur widersetze gegen das Göttlein, das <span class="letterspaced">sie</span> machten nach <span class="letterspaced">ihrem</span> Bilde ... von Tausenden und Zehntausenden +von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die—indem sie ihr +Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren—am +lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines +Geschreibs ... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen +müssen, was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum +Reiche von Niederland gehört ...</p> +<p>Ja, ich <span class="letterspaced">werde</span> gelesen werden!</p> +<p>Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir +nicht darum zu thun, dass ich <span class="letterspaced">gut</span> +schriebe ... ich wollte <span class="letterspaced">so</span> schreiben, +dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft +»Halt’ den Dieb!«, sich wenig um den Stil seines +improvisierten Zurufs an das Publikum kümmert, ebenso +gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art und Weise beurteilen +wird, wie ich <span class="letterspaced">mein</span> »Halt’ +den Dieb!« hinausschrie.</p> +<p>»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd +nach Effekt ... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... +kein Talent ... keine Methode ...</p> +<p>Gut, gut, alles gut! Aber: <span class="letterspaced">Der Javane +wird misshandelt!</span></p> +<p>Denn: <span class="letterspaced">Widerlegung des Hauptmomentes in +meinem Werke ist unmöglich!</span></p> +<p>Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, +<span class="pagenum">[<a id="pb342" href="#pb342" name="pb342">342</a>]</span>desto lieber wird sie mir sein, denn desto +grösser wird die Aussicht, <span class="letterspaced">dass ich +gehört werde</span>. Und das <span class="letterspaced">will</span> ich!</p> +<p>Doch ihr, die ich euch störe in euren +‚Arbeitsüberhäufungen‘ oder in eurem +‚Ruhestande‘, ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet +nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie +könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu +einer Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom +Volke geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz +verlangen im Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu +protestieren gegen die Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich +Indische Spezialitäten vice versa aushändigen, vielleicht, um +auf die sonderbare Idee zu bringen, dass man selbst Wert lege auf diese +Beschaffenheit ...</p> +<p>... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und +Heldenthaten gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch +Misshandlung zum Aufstande zwang.</p> +<p>... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, +indem man durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die +<span class="letterspaced">öffentliche Mildthätigkeit +für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes</span> anruft.</p> +<p>Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette, +und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!</p> +<p>Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir +fort und fort <span class="letterspaced">nicht</span> glaubte ...</p> +<p>Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die +ich kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von +<span class="letterspaced">Europa</span> zu fordern, was ich fruchtlos +in Niederland gesucht.</p> +<p>Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem +Refrain:</p> +<div class="lgouter"> +<p class="line">Es liegt ein Raubstaat an der See,</p> +<p class="line">Zwischen Ostfriesland und der Schelde!</p> +</div> +<p class="firstpar">Und wenn auch das nichts fruchtete?</p> +<p>Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische, +Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ... <span class="pagenum">[<a id="pb343" href="#pb343" name="pb343">343</a>]</span></p> +<p>Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die +Gemüter der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, +Multatuli!</p> +<p>Rettung und Hülfe—auf gesetzlichem Wege, wenn es sein +<span class="letterspaced">kann</span> ... auf dem <span class="letterspaced">rechtmässigen</span> Wege der Gewalt, wenn es sein +muss.</p> +<p>Und das <span class="letterspaced">würde sehr nachteilig wirken +auf die Kaffeeauktionen der Niederländischen +Handelsgesellschaft</span>!</p> +<p>Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger +Träumer wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem +Mut eines Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines +Murmeltieres im Winter.</p> +<p>Dieses Buch ist eine Einleitung ...</p> +<p>Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je +nachdem es nötig sein wird ...</p> +<p>Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!</p> +<p>Nein, es <span class="letterspaced">wird</span> nicht nötig +sein! Denn Dir widme ich mein Buch, Wilhelm der Dritte, König, +Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, Grossherzog und König: +Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE, das sich da schlingt um +den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...</p> +<p>Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher Wille +ist:</p> +<p>Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und +Droogstoppels?</p> +<p>Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen +Unterthanen <span class="letterspaced">misshandelt und ausgesogen +werden in</span> <b>Deinem</b> <span class="letterspaced">Namen</span>?</p> +</div> +</div> +<div class="back"> +<p><span class="pagenum">[<a id="pb344" href="#pb344" name="pb344">344</a>]</span></p> +<div id="gloss" class="div1"> +<h2>Erläuterungen zu Indiismen.</h2> +<div class="div2" id="xd20e7383"> +<h3>V. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar">Seite</p> +<p><a href="#pb49" class="pageref">49</a> <i>Radhen Adhipatti Karta +Natta Negara</i>: die drei letzten Worte bilden den Namen, die beiden +ersten drücken den Titel aus. Nach den vielerlei Titeln von mehr +oder minder scheinbar-unabhängigen Fürsten ist der eines +<i>Pangérang</i> der höchste. Er könnte etwa +„Prinz“ bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit +einem der regierenden Häuser von Solo (Surakarta) und Djokja +(Djokjakarta) entlehnt ist. Der nächstfolgende Titel ist der eines +<i>Adhipatti</i>, oder vollständig: <i>Radhen Adhipatti</i>. +<i>Radhen</i> allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der jedoch +noch ziemlich hoch über dem Gemeinen steht. Etwas niedriger als +die Adhipattis stehen die <i>Tommongongs</i>. Der Adel spielt in dem +Niederländisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle.</p> +<p><a href="#pb58" class="pageref">58</a> <i>sawahs</i>, <i>gagahs</i>, +<i>tipars</i>: Reisfelder, unterschieden nach der Lage und nach der Art +der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die Möglichkeit oder +Nichtmöglichkeit der Bewässerung.</p> +<p><a href="#pb58" class="pageref">58</a> <i>padie</i>: Reis in der +Hülse.</p> +<p><a href="#pb58" class="pageref">58</a> <i>dessah</i>: Dorf. +Anderswo: <i>negrie</i>. Auch: <i>kampong</i>. Der inländische +Ursprung der beiden letzteren Wörter steht nicht ausser allem +Zweifel.</p> +<p><a href="#pb61" class="pageref">61</a> <i>alūn-alūn</i>: +ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebäuden, die die Wohnung +eines Regenten bilden. Gewöhnlich stehen auf solchem Platz zwei +stattliche <i>waringi</i>-Bäume, aus deren Alter sich erweist, +dass nicht sie auf den <i>alūn-alūn</i> gepflanzt sind, +sondern dass die Regentenwohnung in ihrer Nähe, und wahrscheinlich +gerade wegen ihrer Nähe an dieser Stelle errichtet worden ist.</p> +<p><a href="#pb62" class="pageref">62</a> <i>mantrie</i>: ein +inländischer Beamter, dessen Stellung ungefähr als die eines +„Aufsehers“ bezeichnet werden kann. <span class="pagenum">[<a id="pb345" href="#pb345" name="pb345">345</a>]</span></p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7465"> +<h3>VI. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb66" class="pageref">66</a> +<i>sarong</i>: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres +über die Indische Kleidung unter <i>sarong</i> in den +Erläuterungen zu Kap. XVII.</p> +<p><a href="#pb66" class="pageref">66</a> <i>sirie</i>, <i>pinang</i>, +<i>gambier</i>: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und Kalk den +für den Javanen unentbehrlichen <i>Betel</i>-Kautabak bilden. Auch +die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der braune +Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefärbt durch die +<i>gambier</i>, färbt aller Lippen und Zähne. Schön +steht dies gerade nicht, doch für sehr mundsäubernd wird das +Betelkauen gehalten. Der Genuss von <i>sirie</i> mit seinen Zuthaten +ist so verbreitet, dass der europäische Begriff +„Trinkgeld“ durch das Wort <i>wang sirih</i>, d. h. +Siriegeld, ausgedrückt wird.—Die <i>sirie</i> ist das Blatt +eines Rankengewächses, das nicht viel stärker ist als unsere +Erbse und dem Pfefferbaum so ähnlich ist, dass der Uneingeweihte +diese beiden Gewächse schwer unterscheidet. Es ist verwunderlich, +dass man die <i>sirie</i> so wenig in der Zahnheilkunde anwendet, da +sie doch eine säubernde, zusammenziehende Wirkung übt und der +Geschmack nicht unangenehm ist. Die <i>gambier</i> hat, wie es scheint, +eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der +<i>pinang</i> oder <i>areka</i> weiss ich nichts Sicheres +hieraufbezüglich anzugeben. Die <i>pinang</i> oder <i>areka</i> +ist eine Nuss, ähnlich einer Muskatnuss. Doch der Baum, auf dem +sie wächst, ist eine Palmenart.</p> +<p><a href="#pb66" class="pageref">66</a> <i>slamat</i>: Gruss, und in +diesem Fall das sehr eigenartige +Kompliment—Zusammenfaltung—das in dem Text beschrieben +wird. Frage: besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen +<i>slamat</i>, <i>selamat</i> und dem Wörtchen <i>Sela</i>, das so +oft in den Psalmen vorkommt? Man weiss, dass nach den Riten des Orients +gottesdienstliche Übungen bestehen aus Gebeten und Gesängen, +mehrfach unterbrochen durch vielerlei Geberden und Komplimente im +ursprünglichen Sinne des thatsächlichen Zusammenklappens, des +Sich-Zusammenfaltens. So etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen +der Psalmen, und diese Vermutung wird verstärkt durch die +Beachtung der vermutlich näheren Bedeutung des Wortes +<i>slamat</i> oder <i>selamat</i>. In Zusammenhang gebracht mit +<i>Slam</i> oder <i>Islam</i>—durch Buchstabenversetzung verwandt +mit <i>mosl</i>, <i>muzl</i> = Muselmann—würde vielleicht +als ursprünglicher Sinn sich herausstellen: der <span class="letterspaced">feierliche</span>, <span class="letterspaced">ceremonielle</span> oder <span class="letterspaced">rituelle</span> Gruss, und das würde vollkommen der +Bedeutung entsprechen, die das Wort <i>Sela</i> in den Psalmen +füglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen Belehrung +gern zugänglich sein. <span class="pagenum">[<a id="pb346" href="#pb346" name="pb346">346</a>]</span></p> +<p><a href="#pb68" class="pageref">68</a> <i>kidang</i>: eine Art +Hirsch mittlerer Grösse. Viel kleiner, nicht grösser wie ein +mittelmässiger Hund, sind die <i>kandjiels</i>, Hirschchen, die +sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit +auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft +nicht am Leben erhalten werden können. Der <i>kidang</i> jedoch +scheint, ebenso wie die meisten Arten <span class="letterspaced">unserer</span> Hirsche, sich leicht anzupassen.</p> +<p><a href="#pb71" class="pageref">71</a> <i>tudung</i>: die in Form +einer grossen, runden Schüssel geflochtene Kopfbedeckung der +Javanen; der Tudung schützt sowohl vor Sonne wie vor Regen, vor +dem der Inländer eine lächerliche Furcht hat. Man hat in +Europa schon Gartenhüte gehabt, die den Tudungs ähnlich +sind.</p> +<p><a href="#pb76" class="pageref">76</a> <i>Melattiblume</i>: die +<i>melatti</i> ist ein kleines weisses Blümchen mit starkem +Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse Rolle in +Balladen, Sagen und Legenden.</p> +<p><a href="#pb76" class="pageref">76</a> <i>kondeh</i>: das auf dem +Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das jedoch niemals durch +ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern stets durch eine +Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der Kondeh ist auch +niemals ‚chignon‘, sondern stets echtes Haar.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7615"> +<h3>VII. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb84" class="pageref">84</a> +<i>pajong</i>: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des +Sonnenschirms deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell +festgelegten Bestimmungen, den Rang des Häuptlings an, dem ein +solcher Pajong nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den +höchsten Rang an.</p> +<p><a href="#pb85" class="pageref">85</a> <i>tandu</i>: Tragstuhl. In +anderen Provinzen auch <i>jolek</i>, <i>djuli</i> und ähnlich.</p> +<p><a href="#pb90" class="pageref">90</a> <i>Patteh</i>, <i>Kliwon</i>, +<i>Djaksa</i>: Inländische Häuptlinge. Der <i>Patteh</i> +steht dem Regenten zur Seite als Sekretär, Botschafter, Faktotum. +Der <i>Kliwon</i> ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den +Dorfhäuptern; gewöhnlich hat er die Aufsicht über die +Öffentlichen Arbeiten der Gemeinde, Verteilung der +Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes u. s. w. Der +<i>Djaksa</i> ist Polizei- und Justizoffizier.</p> +<p><a href="#pb90" class="pageref">90</a> <i>mantrie</i>: +Inländischer Beamter, etwa: Aufseher.</p> +<p><a href="#pb91" class="pageref">91</a> <i>gong</i> und +<i>gamlang</i>: Musikinstrumente. Der <i>gong</i> ist ein schweres +metallenes Becken, das an einem Strang hängt. Man spielt den +gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz- und +Stroh-Instrument. Es hätte an dieser Stelle wohl gleichfalls von +<i>anklung</i> gesprochen werden dürfen, einem Gestell nach Art +eines Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es +<span class="pagenum">[<a id="pb347" href="#pb347" name="pb347">347</a>]</span>sei darauf hingewiesen, dass die Benennungen von +all diesen Instrumenten Onomatopöen sind, die den Klang geschickt +nachbilden. Der <i>gong</i> klingt stark, gewaltig und kriegerisch. +<i>Anklung</i> und <i>gamlang</i> (<i>gamelan</i>) dagegen sanft und +lieblich, doch sehr melancholisch.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7699"> +<h3>VIII. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb106" class="pageref">106</a> +<i>Dhemang</i>: Distriktshäuptling. Im zentralen und +östlichen Java heisst dieser Beamte <i>Wedhono</i>.</p> +<p><a href="#pb107" class="pageref">107</a> <i>padie</i>: Reis.</p> +<p><a href="#pb108" class="pageref">108</a> <i>Bandung</i>: Abteilung +(Regentschaft, Assistent-Residentschaft) in den +Preanger-Regentschaften.</p> +<p><a href="#pb108" class="pageref">108</a> <i>patjol</i>: Hacke, +Karst, meisselartiger Spaten.</p> +<p><a href="#pb108" class="pageref">108</a> <i>banjir</i>: Sturmflut, +Sturzflut. Über diese Naturerscheinung hat Multatuli ergreifend +berichtet in einem Schriftchen: „Zeige mir den Platz, wo ich +gesäet habe!“, dessen Titel dieser Stelle des +„Havelaar“ entlehnt ist. Näheres über die Schrift +in meinem Biographie- und Auswahlbande, und zwar in der <span class="letterspaced">Ersten</span> Auflage auf S. 82 u. 83; bei der +veränderten und in Neudruck befindlichen <span class="letterspaced">Zweiten</span> Auflage dürfte die Stelle sich etwas +verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in einem späteren +Bande noch veröffentlicht.</p> +<p><a href="#pb109" class="pageref">109</a> <i>dessah</i>: Dorf.</p> +<p><a href="#pb109" class="pageref">109</a> <i>kris</i> und +<i>klewang</i>: Waffen. Über <i>kris</i> siehe unter Kap. +XVII.</p> +<p><a href="#pb112" class="pageref">112</a> <i>maniessan</i>: +Süssigkeit, Konfituren<span class="corr" id="xd20e7773" title="Nicht in der Quelle">.</span> Der Genuss desselben beim Thee ist +chinesischen Ursprungs.</p> +<p><a href="#pb112" class="pageref">112</a> <i>Radhen Wiera Kusuma, +Distriktshaupt von Parang-Kudjang</i>: der im „Havelaar“ +oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des Regenten. In seinem +Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete +Vergiftungsaffaire.</p> +<p><a href="#pb120" class="pageref">120</a> <i>djimats</i>: Briefe oder +andere Gegenstände, die aus dem Himmel fielen und Schwärmern +und Bauernfängern zum Kredit verhalfen. Tout comme chez nous!</p> +<p><a href="#pb121" class="pageref">121</a> <i>garem glap</i>: +Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz ist in Indien +Regie. Es wurde in der That an der Südküste von Lebak viel +Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht übel zu nehmen, +wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten, um +einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen Preis +bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung als +unbillig und vor allem grausam gegenüber Strandbewohnern, denen +das Seesalz ins Haus spült. <span class="pagenum">[<a id="pb348" +href="#pb348" name="pb348">348</a>]</span></p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7799"> +<h3>XI. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb157" class="pageref">157</a> +<i>datu</i>: Inländischer Häuptling.</p> +<p><a href="#pb159" class="pageref">159</a> <i>Ophir</i><span class="corr" id="xd20e7815" title="Quelle: .">:</span> Wir finden diesen +Namen auf den meisten Landkarten, und—wahrscheinlich weil der +Berg, der so bezeichnet ist, weit von der See her zu sehen +ist—auf allen Seekarten. Doch das Wort <i>Ophir</i> ist bei den +Inländern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefähr in der +Mitte der Breite des Landes, eben nördlich der Linie liegt: +<i>Gunung Passaman</i>. Wie also die Kartographen, die offenbar +einander nachgeschrieben haben, die Benennung <i>Ophir</i> verantworten +können, weiss ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg +mit der Gegend in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische +König Hiram für Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und +Edelsteine holen liess (I. Könige, IX, 28; X, 11). Es ist sehr +gewagt, dies auf Grund eines einzigen Wortes zu thun. Und +überdies, woher stammt das Wort <i>Ophir</i>? Wer hat den +<i>Gunung Passaman</i> zuerst so genannt? Der f-Klang lässt an +Araber denken. In den „Arabischen Erzählungen“ wird +Sumatra von Sindbad dem Seefahrer besucht.</p> +<p><a href="#pb165" class="pageref">165</a> <i>baleh-baleh</i>: +Ruhebank aus Bambus, Pritsche.</p> +<p><a href="#pb165" class="pageref">165</a> <i>klambu</i>: Gardine.</p> +<p><a href="#pb165" class="pageref">165</a> <i>pajong</i>: +Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal für den Rang.</p> +<p><a href="#pb166" class="pageref">166</a> <i>banjir</i>: +Sturmflut.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7862"> +<h3>XII. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb169" class="pageref">169</a> +<i>traūssa</i>: ist nicht nötig!</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7872"> +<h3>XIII. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb196" class="pageref">196</a> +<i>sambal-sambal</i>: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit +sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den <i>sambals</i>, die +dort genossen werden, würde Bände füllen. In +wohlhabenden Familien erfordert diese Unterabteilung des täglichen +Menüs die ausschliessliche Hingebung eines Bedienten, und bei +Reichen ist hierfür <span class="letterspaced">eine</span> Person +nicht einmal hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so +viel als möglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das +Uneingeweihten <span class="letterspaced">nicht</span> essbar vorkommt, +z. B. unreife Früchte und verdorbener Fischlaich. Die Bereitung +all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert ein wahres +Studium. Auch ist für <i>baren</i> (Neulinge) bisweilen einige +Übung nötig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte +geben der indischen Küche den Vorzug vor den vielerlei Arten +europäischer Küche. <span class="pagenum">[<a id="pb349" +href="#pb349" name="pb349">349</a>]</span></p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e7896"> +<h3>XIV. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb199" class="pageref">199</a> <i>Jang +(njang) di Pertuan</i>: „Er, der herrscht“. Wenn ich mich +nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur <span class="letterspaced">ein</span> Häuptling, der diesen Titel trägt. +<i>Tuankus</i> (<i>myn-heer</i>, <i>mon-seigneur</i>) giebt es viele. +Beide Benennungen sind malayisch—die letzte Silbe des Wortes +<i>Tuanku</i> kommt mir gar javanisch vor—und da der <i>Jang di +Pertuan</i> ganz speziell der vornehmste Häuptling in den +Battahlanden ist, so scheint diese Würde ursprünglich durch +malayische Unterjocher eingeführt zu sein. Die Wurzel der +Benennungen von autochthonen Würden und Titeln müssen stets +in der ältesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur +von verhältnismässig jüngerem Ursprung als die +unwillkürlichen Laute, die durch äussere Ursachen Lunge und +Kehle entfahren, als die vielerlei Benennungen für +„Wasser“, als die Andeutung von Terrainbesonderheiten oder +Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung.</p> +<p><a href="#pb201" class="pageref">201</a> <i>Padries</i>: wir nannten +so die Atjinesen, die damals kurz vorher die Battahlande zum Islam +bekehrt hatten. Das Wort muss wohl <i>Pedirees</i> bedeuten, nach +Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das Wort +‚Atjin‘ ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene +Entartung. Aus ‚Atjeh‘ machten wir ‚Atjehnese‘ +oder ‚Atjinese‘, wodurch das Grundwort selbst in +‚Atjin‘ sich veränderte. Litterarischer Purismus ist +hier nicht angebracht.</p> +<p>Die Beweise für den im Text berührten Fanatismus laufen +übrigens ins Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die +Einführung des Islam—der zugleich Vermehrung des +Salzgebrauchs zur Folge hatte—dem Menschenfressen grossen Abbruch +gethan hat. Dass diese Gewohnheit in der Gegend von +Penjabungan—dem Zentrum unserer Herrschaft in den +Battahlanden—noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer +diese Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich für eine +Lüge. Sie knüpft an das Erlebnis, das sie in dieser Sache +gehabt zu haben behauptet, eine Anekdote, die den Stempel der +Unwahrheit an der Stirn trägt. Man habe <span class="letterspaced">sie</span> geschont, erzählt sie, wegen der +Spasshaftigkeit ihrer Bemerkung: sie sei „eine bejahrte Frau und +deshalb zu zäh“. Als sie, einige Jahre nach mir, mit +Battahleuten in Berührung kam, war die Anthropophagie in diesen +Gegenden ausgerottet, und zwar durch den Einfluss derselben +Völker, die wir jetzt im Namen der Civilisation bekriegen. Wann +und wo hat Niederland je mit <span class="letterspaced">seiner</span> +Religion und mit <span class="letterspaced">seinen</span> Waffen wie in +diesem Fall sozusagen im Umsehen einen <span class="pagenum">[<a id="pb350" href="#pb350" name="pb350">350</a>]</span>ganzen Volksstamm von +Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht?</p> +<p><a href="#pb204" class="pageref">204</a> <i>sewah</i>: die Waffe der +Bewohner Sumatras, wie auf Java der <i>kris</i>. Der <i>sewah</i> ist +ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an der +Binnenseite der Krümmung. Die ursprüngliche Absicht bei +dieser Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in +der Hand verborgen werden kann, während der sehr stumpfe +Rücken gegen den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm +verdeckt wird. Der Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner +bewaffnet ist, als bis dieser—nach einer eigenartigen, behenden +Bewegung von Puls und Arm in drei Tempis—ihn trifft. Ganz +abgesehen von dieser Geeignetheit als Mordwerkzeug ist der <i>sewah</i> +das symbolische Merkmal der Freiheit und Männlichkeit. Wer ein +malayisches Haupt gefangen nimmt—wie es unter den auf S. 205 +beschriebenen Umständen meine verdriessliche Aufgabe +war—fordert ihm seinen <i>sewah</i> ab.</p> +<p>Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist, +heisst <i>krambièh</i> und dient ausschliesslich als Mordwaffe. +Sie ist kleiner und noch viel krummer als der <i>sewah</i>. Der Griff +besteht aus nicht viel mehr als einer ringförmigen Öffnung, +in die der Mörder seinen Daumen steckt, während die Klinge +ganz in oder hinter der Hand verborgen bleibt.</p> +<p><a href="#pb226" class="pageref">226</a> <i>tikar</i>: kleine Matte. +Die Benutzung von fein geflochtenen Matten auf den Bettmatratzen ist in +Indien ziemlich allgemein, und wird, weil sie kühl bleiben, +für gesund gehalten. Die Herstellung dieser Matten und anderen +Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie, in der sich vor +allem die Makassaren auszeichnen.</p> +<p><a href="#pb227" class="pageref">227</a> <i>klapper</i>: Kokosnuss. +Auch <i>klappa</i>, <i>kelappa</i>.</p> +<p><a href="#pb227" class="pageref">227</a> <i>pukul ampat</i>: +„vier Uhr“. Dies ist der Name eines Blümchens, das des +Nachmittags um diese Stunde sich öffnet und gegen die Morgenstunde +sich wieder schliesst; <i>ampat</i> heisst: vier, <i>pukul</i>: +schlagen, Schlag, Glockenschlag.</p> +<p><a href="#pb227" class="pageref">227</a> <i>Saudien</i> oder +<i>Sudien</i> für <i>Si-Udien</i>: ein sehr häufig +vorkommender malayischer Name. <i>Udien</i>, <i>Udin</i> (das arabische +<i>Eddin</i>) ist wahrscheinlich verwandt mit gleichartigen nordischen +Namen in Europa. Über das sehr gebräuchliche Praefix +<i>si</i> wäre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der Raum +zulässt.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e8034"> +<h3>XV. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb233" class="pageref">233</a> +<i>Patteh</i>: Häuptlingstitel, des Regenten Sekretär, +Botschafter, Faktotum. <span class="pagenum">[<a id="pb351" href="#pb351" name="pb351">351</a>]</span></p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e8045"> +<h3>XVI. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb250" class="pageref">250</a> +<i>dessah</i>: Dorf.</p> +<p><a href="#pb250" class="pageref">250</a> <i>Saïdjah</i>: dieser +Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung der „Liste von +gestohlenen Büffeln“ in den „Liebesbriefen“ +entlehnt (deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch +die Namen der Dörfer <i>Badur</i> und <i>Tjipurut</i>.</p> +<p><a href="#pb252" class="pageref">252</a> <i>Orang Gunung</i>: +Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der Bewohner der Berge in +der Westecke.</p> +<p><a href="#pb253" class="pageref">253</a> <i>Alfur</i>: das Wort +<i>aliforu</i>, <i>alifuru</i>, <i>hari furu</i> hat in der Nordecke +von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch +eine Bedeutung wie <i>Orang Gunung</i>: Bergbewohner, oder mindestens +die von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks- +oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird—ebenso wie das +Wort: Niederländer—häufig als solcher gebraucht.</p> +<p><a href="#pb258" class="pageref">258</a> <i>kendang</i>: +Umfriedigung von rohem Pfahlwerk.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e8102"> +<h3>XVII. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb268" class="pageref">268</a> +<i>sawah</i>: durch künstliche Bewässerung unterhaltenes +Reisfeld, in Gegensatz zu <i>gagahs</i> und <i>tipars</i>, die, was die +Befeuchtung angeht, ganz vom Regen abhängen.</p> +<p><a href="#pb268" class="pageref">268</a> <i>lombong</i>: Bergeraum +für Reis, enthülsten wie unenthülsten. Meistens ist der +<i>lombong</i> ausserhalb des Hauses gegen eine der Wände +angebaut.</p> +<p><a href="#pb268" class="pageref">268</a> <i>kris</i>: die +volkstümliche Waffe des Javanen, die als solche zu seiner +vollständigen Kleidung gehört, wie bei uns in früherer +Zeit der Degen. Der <i>kris</i> ist ein schlangenförmiger, platter +Dolch mit sehr kleinem Heft. Gewöhnlich sind die Krisse aus +Streifen weichen Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hülfe +von Büffelhufen gestählt. Sie werden vor Rost bewahrt durch +Einreibung mit <i>djerook</i> (einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt +ist, welches dem Eisen einen eigentümlichen matten Schein +verleiht. Der Aberglaube behauptet, dass man, wenn man einen Kris +besehen will, diesen vollständig aus der Scheide ziehen +müsse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei macht, stellt +sich grossem Unglück bloss. Über bezauberte Krisse sind +zahllose Erzählungen in Umlauf.</p> +<p><a href="#pb268" class="pageref">268</a> <i>pusaka</i>: +Erbstück, hier—wie öfter—im pietätvollen +Sinne: heiliges Erbstück.</p> +<p><a href="#pb269" class="pageref">269</a> <i>Klambu-Haken</i>: +<i>klambu</i> ist: Gardine. In den platten, sehr breiten Haken, womit +die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus <span class="pagenum">[<a id="pb352" href="#pb352" name="pb352">352</a>]</span>entwickelt. Auch bei den ungünstigst +Gestellten sind sie doch gewöhnlich von Messing.</p> +<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>patjol</i>: die Hacke, +das Werkzeug, das der Javane für den Spaten gebraucht. Das Blatt +sitzt lotrecht auf dem hölzernen Stiel. Es wird also damit +<span class="letterspaced">gehauen</span>, nicht gegraben, was +vielleicht dem Umstande zuzuschreiben ist, dass der Inländer +barfuss geht.</p> +<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>user-useran</i>: das +Wort wird in dem Text erklärt. Vermeintliche Besonderheiten in der +Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie sich auf dem Scheitel +eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei Weissagungen (siehe z. +B. S. 113, 117, 118.).</p> +<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>penghulu</i>: +Priester.</p> +<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>ontong</i>: Glück, +Vorteil.</p> +<p><a href="#pb271" class="pageref">271</a> <i>galangans</i>: kleine, +schmale Deiche, die das Wasser auf den <i>sawahs</i> halten.</p> +<p><a href="#pb271" class="pageref">271</a> <i>Alanggras</i> +(<i>allang-allang</i>): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es ist oft +so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen kann. Auf +Sumatra nennt man es auch <i>riembu</i>, was dort auch Wildnis im +allgemeinen bedeutet.</p> +<p><a href="#pb272" class="pageref">272</a> <i>sarong</i>; +<i>batik</i>; <i>kapala</i><span class="corr" id="xd20e8227" title="Quelle: .">:</span> Der <i>sarong</i> ist das eigenartige +Kleidungsstück der Javanen, der Männer wie der Frauen. Es ist +ein aus <i>kapok</i> gewobenes Stück Zeug, dessen Enden +aneinandergenäht werden. Die Anwendung von Seide ist Ausnahme. +Eines dieser Enden heisst <i>kapala</i>, d. h. Kopf, und ist mit einem +breiten Rand bemalt, gewöhnlich bestehend aus ineinander +verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst <i>batik</i> und +geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in einen +Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen Werkzeuge +von Blech, das—sehr verkleinert—die Form eines Theetopfes +hat oder eines antiken Lämpchens. <i>Sarongs</i> ohne +<i>kapala</i>, und deren Enden nicht aneinander genäht sind, +heissen <i>slendangs</i>. Man trägt diese Kleidungsstücke um +die Hüften, und die Männer schürzen sie mehr oder +weniger auf, bisweilen auch vollständig. Auch wird der +<i>slendang</i> häufig ganz zum Gürtel zusammengerollt, in +welchem Fall die Männer eine Hose tragen, sehr gegen die +eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr und mehr die Oberhand +gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europäern in Berührung +kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass die Anwendung +von Hosen unter den <i>sarongs</i> bei Frauen allein in dem Nordwinkel +von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur dort +angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese +Kleidungsstücke <i>serawak atjeh</i> heissen: atjinesische Hose. +<span class="pagenum">[<a id="pb353" href="#pb353" name="pb353">353</a>]</span></p> +<p>Was übrigens die <i>sarongs</i> und <i>slendangs</i> angeht, +seit etwa dreissig Jahren (1881 von M. geschrieben. D. Übers.) +haben sich europäische Fabrikanten darauf gelegt, das javanische +<i>batik</i> nachzumachen, und es wurden denn auch jährlich in +diesem Artikel Fabrikate im Werte von Millionen umgesetzt. Doch wird +das Tragen eines <i>gedruckten Kain</i> (<i>kahin</i>: Kleid, der +generelle Name für all solche Kleidungsstücke) stets für +ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes +gehalten.</p> +<p><a href="#pb273" class="pageref">273</a> <i>matah-glap</i>, +<i>amokh</i>. Das Wort (<i>matah-glap</i> = verdunkelten Auges) deutet +den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet, +niederschlägt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es +irgendwo „Selbstmord in Gesellschaft“ und weiss auch jetzt +noch keinen besseren Namen dafür. Der Unglückliche, der von +dieser Wut gepackt wird, kennt weder Freund noch Feind. Ursache ist +gewöhnlich Eifersucht oder zu lang verhaltener Groll über +Misshandlung. Der Javane ist, wie die meisten anderen Inländer, +sanftmütig und nachgiebig von Art. Doch allzu tief verwundet oder +zu andauernd gekränkt, bricht seine Wut in <i>amokh</i> aus. Dass +gleichwohl auch der <i>amfiūn</i> (Opium) hierbei eine Rolle +spielt—sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein +Mittel, das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben +veranlasst—versteht sich von selbst.</p> +<p><a href="#pb273" class="pageref">273</a> <i>atap</i>: eine Art +Wasserpalme, deren Blätter zum Decken geringer Häuser +verwandt werden.</p> +<p><a href="#pb273" class="pageref">273</a> <i>bendie</i>: Chaise, +Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett.</p> +<p><a href="#pb274" class="pageref">274</a> <i>djati</i>, +<i>ketapan</i>: zwei Arten von grossen Bäumen. Der erstere Baum +liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen +Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise +mit unserer Eiche übereinkommt.</p> +<p><a href="#pb274" class="pageref">274</a> <i>melatti</i>: unter Kap. +VI erklärt.</p> +<p><a href="#pb274" class="pageref">274</a> <i>Reisblock</i>: schwerer, +hölzerner Trog, worin der <i>padie</i> durch Stampfen von der +Hülse befreit wird. Dieses Stampfen heisst—Klangnachbildung +wieder!—<i>tumbokh</i>.</p> +<p><a href="#pb275" class="pageref">275</a> <i>tudung</i>: siehe unter +Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit nach dem Schatten, den sein +<i>tudung</i> auf seinem Antlitz zeichnete, folgte Saïdjah einem +allgemeinen indischen Brauch.</p> +<p><a href="#pb276" class="pageref">276</a> <i>lalayang</i>: ein +Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergötzen sich nicht +ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und beschreibt +allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen und +Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der Hand +hält, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem +Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft zu +begegnen und sie zu durchschneiden. <span class="pagenum">[<a id="pb354" href="#pb354" name="pb354">354</a>]</span>Aus den vielerlei +lebhaften Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr +ergötzlich anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme +zwingt. Die von Saïdjah hingestellte Möglichkeit, +demgemäss „der kleine Djamien“ die Niederlage durch +geschilderten betrügerischen Eingriff herbeigeführt haben +sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im Werfen +angeht, ein Indiismus.</p> +<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> „<i>er hat einen +grossen Mund gehabt</i>“: spezifischer Malayismus.</p> +<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> „<i>Salzmachen an der +Südküste</i>“: siehe unter Kap. VIII: <i>garem +glap</i>: Schmuggelsalz.</p> +<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> <i>matah-glap</i>: rasend. +Näheres weiter oben erklärt.</p> +<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> „<i>den Brand, das +Feuer töten</i>“: spezifischer Malayismus.</p> +<p><a href="#pb278" class="pageref">278</a> <i>klappa</i>: Kokosnuss. +Klappabaum also: Kokospalme.</p> +<p><a href="#pb278" class="pageref">278</a> <i>Klagefrauen</i>: beim +Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul gemacht, +nicht—wie früher bei uns—durch bezahlte +„<span lang="nl-1900">huilebalgen</span>“, sondern von +Verwandten, Bekannten und Nachbarn.</p> +<p><a href="#pb279" class="pageref">279</a> <i>kamuning</i>: feines, +gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel des so benannten kleinen +Bäumchens gewonnen wird, und das also nie gross im Stück sein +kann. Es ist sehr teuer.</p> +<p><a href="#pb279" class="pageref">279</a> <i>kahin</i>: der zum +Gürtel gerollte <i>slendang</i>.</p> +<p><a href="#pb280" class="pageref">280</a> <i>‚Grossvater‘ +des Susukunan von Solo</i>: der Sus. v. Solo ist der Kaiser von +Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen dem +Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines +‚Grossvaters‘.</p> +<p><a href="#pb280" class="pageref">280</a> <i>kondeh ... im eigenen +Strick gefangen</i>: siehe unter Kap. VI.</p> +<p><a href="#pb281" class="pageref">281</a> <i>kabaai</i>: ein +leichtes, nachlässiges Gewand, das indische Hauskleid, auch +Schlafgewand; ein Négligé.</p> +<p><a href="#pb281" class="pageref">281</a> <i>pontianak</i>: Spuk, der +sich in Bäumen aufhält und auf Frauen sehr ergrimmt ist, +besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein Zusammenhang zu +suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und dem Namen der +Niederländischen Befestigung an der Westküste von Borneo.</p> +<p><a href="#pb283" class="pageref">283</a> <i>pelitah</i>: +Lämpchen.</p> +<p><a href="#pb284" class="pageref">284</a> <i>rottan</i> oder +<i>rotan</i>: spanisch Rohr.</p> +<p><a href="#pb285" class="pageref">285</a> <i>badjing</i>: javanisches +Eichhörnchen. Dies Tierchen kam mir immer kleiner vor als sein +europäischer Artgenosse. Es lässt sich leicht +zähmen.</p> +<p><a href="#pb285" class="pageref">285</a> <i>Bauch</i> für +‚Magen‘: Malayismus.</p> +<p><a href="#pb289" class="pageref">289</a> <i>boaja</i>: Kaiman, eine +Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man abends +Bambuskörbchen oder Näpfchen voll Reis und anderer Speise, +mit einem kleinen Licht versehen, stromabwärts treiben lässt. +Wenn gerade viel auf den Flüssen geopfert wird, bieten die ruhig +dahintreibenden Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick. <span class="pagenum">[<a id="pb355" href="#pb355" name="pb355">355</a>]</span></p> +<p><a href="#pb290" class="pageref">290</a> <i>baleh-baleh</i>: +Pritsche, Ruhebank aus Bambus.</p> +<p><a href="#pb291" class="pageref">291</a> „<i>... und also in +Flammen stand</i>“: dieses blutige „<span class="letterspaced">also</span>“ (im Holländ.: „dus“) +hat nach Erscheinen des „Havelaar“ erregte Kontroversen zum +Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e8513"> +<h3>XVIII. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb301" class="pageref">301</a> +<i>pundutan</i>: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung +erhoben werden.</p> +<p><a href="#pb301" class="pageref">301</a> <i>pantjens</i> und +<i>kemits</i>: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e8533"> +<h3>XIX. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb313" class="pageref">313</a> +<i>Patteh</i>: der Inländische Häuptling, der die +Vertrauensstellung eines Sekretärs, Botschafters beim Regenten +einnimmt.</p> +</div> +<div class="div2" id="xd20e8543"> +<h3>XX. Kapitel.</h3> +<p class="firstpar"><a href="#pb325" class="pageref">325</a> +<i>tongtong</i> (<i>tomtom</i>, <i>tamtam</i>): ein grosser, +hängender, ausgehöhlter Block von Holz, auf dem man die +Stunden anschlägt. Der Name ist wieder eine Onomatopöe.</p> +<p><a href="#pb335" class="pageref">335</a> <i>kampong</i>: Dorf. +<span class="pagenum">[<a id="pb356" href="#pb356" name="pb356">356</a>]</span></p> +</div> +</div> +<div class="div1"> +<p class="firstpar">In gleicher Ausstattung erschienen in unserem +Verlage:</p> +<p>MULTATULI.</p> +<p><b>Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem +Holländischen,</b> eingeleitet durch eine <b>Charakteristik seines +Lebens, seiner Persönlichkeit und seines Schaffens</b>. Von +<b>WILHELM SPOHR</b>. Mit Bildnissen und handschriftlicher Beilage. +Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark 5,50.</p> +<p>MULTATULI.</p> +<p>LIEBESBRIEFE.</p> +<p>Übertragen aus dem Holländischen von <b>WILHELM SPOHR</b>. +Preis: brosch. Mark 3,—, geb. Mark 3,75.</p> +<p>MULTATULI.</p> +<p>MILLIONEN-STUDIEN.</p> +<p>Übertragen aus dem Holländischen von <b>WILHELM SPOHR</b>. +Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark 5,50.</p> +<p>MULTATULI.</p> +<p>FÜRSTENSCHULE.</p> +<p>Schauspiel in 5 Aufzügen. Übertragen aus dem +Holländischen von <b>WILHELM SPOHR</b>. Preis: brosch. Mark 2,25, +geb. Mark 3,—.</p> +<p>MULTATULI.</p> +<p>DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER.</p> +<p>Übertragen aus dem Holländischen von <b>WILHELM SPOHR</b>. +Zwei starke Bände. Preis: brosch. Mark 10,—, geb. Mark +12,—.</p> +<hr class="tb"> +<p>Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bände</p> +<p>IDEEN.</p> +<p>BRIEFE <span class="corr" id="xd20e8627" title="Quelle: UNO">UND</span> DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI.</p> +<p>J. C. C. Bruns’ Verlag,</p> +<p>Minden i. Westf.</p> +<div class="div1"> +<h2 class="normal">Inhalt</h2> +<ul> +<li><a href="#pre">Vorwort des Herausgebers.</a></li> +<li><a href="#ch1">Erstes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch2">Zweites Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch3">Drittes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch4">Viertes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch5">Fünftes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch6">Sechstes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch7">Siebentes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch8">Achtes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch9">Neuntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch10">Zehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch11">Elftes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch12">Zwölftes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch13">Dreizehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch14">Vierzehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch15">Fünfzehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch16">Sechzehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch17">Siebzehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch18">Achtzehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch19">Neunzehntes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#ch20">Zwanzigstes Kapitel.</a></li> +<li><a href="#gloss">Erläuterungen zu Indiismen.</a> +<ul> +<li><a href="#xd20e7383">V. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7465">VI. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7615">VII. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7699">VIII. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7799">XI. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7862">XII. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7872">XIII. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e7896">XIV. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e8034">XV. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e8045">XVI. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e8102">XVII. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e8513">XVIII. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e8533">XIX. Kapitel.</a></li> +<li><a href="#xd20e8543">XX. Kapitel.</a></li> +</ul> +</li> +</ul> +</div> +<div class="transcribernote"> +<h2>Kolophon</h2> +<h3>Korrekturen</h3> +<p>Die folgenden Korrekturen sind am Text angewendet worden:</p> +<table width="75%" summary="Übersicht der Korrekturen im Text"> +<tr> +<th>Seite</th> +<th>Quelle</th> +<th>Korrektur</th> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e132">V</a></td> +<td class="width40">Anderungen</td> +<td class="width40">Änderungen</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e426">11</a></td> +<td class="width40">Kaffekehricht</td> +<td class="width40">Kaffeekehricht</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e472">14</a></td> +<td class="width40">Plait-il</td> +<td class="width40">Plaît-il</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e623">22</a></td> +<td class="width40">Kaffe</td> +<td class="width40">Kaffee</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1239">46</a></td> +<td class="width40">wen</td> +<td class="width40">wenn</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1560">64</a></td> +<td class="width40">hilfbereit</td> +<td class="width40">hilfsbereit</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1630">69</a></td> +<td class="width40">Kaffeblättern</td> +<td class="width40">Kaffeeblättern</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1760">79</a></td> +<td class="width40">höcht</td> +<td class="width40">höchst</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1915">89</a></td> +<td class="width40">Est</td> +<td class="width40">Es</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1939">89</a></td> +<td class="width40">Mevrouv</td> +<td class="width40">Mevrouw</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1965">91</a></td> +<td class="width40">wahr</td> +<td class="width40">war</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1979">92</a></td> +<td class="width40">Daurauf</td> +<td class="width40">Darauf</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e2293">112</a></td> +<td class="width40">Erbe</td> +<td class="width40">Hof</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e2498">121</a></td> +<td class="width40">dsss</td> +<td class="width40">dass</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e2938">142</a></td> +<td class="width40">gewis</td> +<td class="width40">gewiss</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e3305">156</a></td> +<td class="width40">aufstelten</td> +<td class="width40">aufstellten</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e3470">161</a></td> +<td class="width40">Aquator</td> +<td class="width40">Äquator</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e3782">174</a></td> +<td class="width40">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td> +<td class="width40">«</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4120">199</a></td> +<td class="width40">Assisent-Residenten</td> +<td class="width40">Assistent-Residenten</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4179">204</a></td> +<td class="width40">die</td> +<td class="width40">di</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4306">213</a></td> +<td class="width40">Ausserlichkeiten</td> +<td class="width40">Äusserlichkeiten</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4464">224</a></td> +<td class="width40">geaichte</td> +<td class="width40">geeichte</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4654">228</a></td> +<td class="width40">Hirch</td> +<td class="width40">Hirsch</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4933">238</a></td> +<td class="width40">unbilig</td> +<td class="width40">unbillig</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e5134">249</a></td> +<td class="width40">Havelars</td> +<td class="width40">Havelaars</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e5214">253</a></td> +<td class="width40">hinreiche</td> +<td class="width40">hinreichen</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e5621">285</a></td> +<td class="width40">badjing</td> +<td class="width40">Badjing</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e6040">298</a></td> +<td class="width40">Beurteilumg</td> +<td class="width40">Beurteilung</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e6124">300</a></td> +<td class="width40">Orginal</td> +<td class="width40">Original</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e6313">310</a></td> +<td class="width40">»</td> +<td class="width40">«</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e7773">347</a></td> +<td class="width40">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td> +<td class="width40">.</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e7815">348</a></td> +<td class="width40">.</td> +<td class="width40">:</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e8227">352</a></td> +<td class="width40">.</td> +<td class="width40">:</td> +</tr> +<tr> +<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e8627">356</a></td> +<td class="width40">UNO</td> +<td class="width40">UND</td> +</tr> +</table> +</div> +</div> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR *** + +***** This file should be named 31527-h.htm or 31527-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/5/2/31527/ + +Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Max Havelaar + +Author: Multatuli + +Translator: Wilhelm Spohr + +Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR *** + + + + +Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + + + + Multatuli + + MAX HAVELAAR + + Übertragen aus dem Holländischen + + Von + + Wilhelm Spohr + + Titelzeichnung von Fidus. + + + Zweite Auflage. + + Minden in Westf. + J. C. C. Bruns' Verlag. + 1901. + + + + + + + + + +Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. + + + + + + +VORWORT DES HERAUSGEBERS. + + +Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bücher +abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bände des Unternehmens +vornehmen kann. Meine Übersetzung des holländischen »Max Havelaar« +liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige +Änderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung +zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen +erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen: + +Ich nenne das Buch schlichtweg »Max Havelaar«, da mir, dem +deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene +Titel »Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederländischen +Handelsgesellschaft« (»Max Havelaar of de koffiveilingen der +Nederlandsche Handelmaatschappy«, geschrieben 1859, erschienen zu +Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umständen weniger passend +erscheint. Der Leser möge sich bei einigen wenigen Anspielungen im +Text des ursprünglichen Titels erinnern. + +Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in so eminentem +Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt hätte. »Es ging +ein Schaudern durch das Land«, erklärte nach seinem Erscheinen ein +Abgeordneter von der Tribüne des Parlaments. Sogar Einzelheiten +haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass +das kleine holländische Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner +Übersetzung das »also« auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen +Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich +davon absehen möchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich +weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will +ich noch dem Leser, der sich nicht über dieses Buch hinaus in den +reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von +vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist, +bürgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung +eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem +1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen +Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche +»Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im +gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer Einkleidung bietet +es aktenmässige Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten +Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und +als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr von +der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen Buches, +mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel +getragen hat', dem ist die Möglichkeit geboten, sich in dem von mir +herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren +zu unterrichten. [1] + +Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem +ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu +verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige +Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn +durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung +mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem +er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk, +1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein +Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben +wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel +zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem +Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des +Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden, +dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?« +Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem +Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt +allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein +gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich +voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er +war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell +sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz +gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in +einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen +Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen +Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den +köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum, +das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch +auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch +einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«. + +Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen +schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie +angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form +wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen +Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss, +d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum +der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem +ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde +bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei +diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind +in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von +allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte +Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse, +die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint. + +Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die +Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe +ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und +nach Gefallen zu benutzende »Erläuterungen zu Indiismen« angefügt. + +Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit +den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer +sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden +und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher +eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein +Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone, +dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht. + + + Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901. + + Wilhelm Spohr. + + + + + + + + + +ERSTES KAPITEL. + + +Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht +meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und +es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries +Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber +Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, +ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, +dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, +ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich +ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die +Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die +Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas +weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht +geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und +wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand, +der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil +von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen +die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & +Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse +braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich +keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe +denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so +was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig +Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also +sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich +habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den +Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten +Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war. + +Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe +ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler +fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten +Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn +bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, +die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, +der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch +Lieb' bewogen die Vers'chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: +»Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht +die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen +vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann +bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er +war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein +bester Freund wäre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns +in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar +wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind. + +Alles Lügen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue +Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen +Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren +froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte +eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der +Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich, +dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express, um Niederland Schutz +zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere +Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben +hatten. Das ist die Sache. + +Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein +Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe +ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand +ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch +eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner +Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand +kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, +unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch +von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten +Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen +uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine +kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon +ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die +Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen! + +Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die Ehe der +Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten +oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger +geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn +Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, dass ich sie heiraten +wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere, +denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als +Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit +Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem +Satz Billardbällen! + +Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied +rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist +vorbei, und die Uhr ist drei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklich +der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier +ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der +Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher +ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es +muss genau drei Uhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genau +zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun +ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder +das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist +dann gelogen. + +Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh +mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann +gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt +von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er +ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf +der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen +Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas +mehr hätte geben müssen, wenn er mich selbst herausgeholt hätte, +aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, +dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, +um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen +auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sich so an all die Unwahrheiten, +dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, +so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es +mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, +mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person +keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden +ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, +weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock. + +Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist +so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von +ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder, +meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen +haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist +ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott +macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt +sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal +die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie +seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die +Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein +Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe +hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine +Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, +die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt +dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten +für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen! + +Dann kommt ihr erster Liebhaber--der früher am Kopierbuch sass, nun +aber steinreich--auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder +Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten +Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht +als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den +Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel +hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem +man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bühne, was in der +Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche +Übergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf +dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn, +und es wurde was umgesetzt! + +Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen +Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum +geht dann die Doppelthür im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und +weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was +der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn +der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man +schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass +sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert +der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore +geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle, +bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde, +wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge, +wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was +sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn +das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu +entblössen? Alles Lügen! + +Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren +Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei +mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf, +wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist +es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen +wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so +ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu +also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt? + +Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem +Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last & +Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wäre dann doch wohl +ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig +zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater +in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und +alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, +und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine +Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun +bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen +Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein +Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen +schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es +auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk nötig, +weil es bei uns sehr flott geht--aber könnte ich auch, wo bliebe sein +Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben +führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden +und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine +besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber +auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen! + +Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine +Geschäfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine +Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem +Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite +legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, +so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in +Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber +das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs +Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts. + +Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für +die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, +meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt +wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich +dieses Buch schreibe. + +Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe +beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin +nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner +unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt +ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch +erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick +Abschied von euch nehme--ich muss auf die Börse--lade ich euch gleich +auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also! + +Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist +nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab +ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus +sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater. + + + + +---------------------------+ + | LAST & Co. | + | | + | MAKLER IN KAFFEE. | + | | + | Lauriergracht No. 37. | + +---------------------------+ + + + + + + +ZWEITES KAPITEL. + + +Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird's wohl +wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei +Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare +Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die +Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck +& Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht +weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben +sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, +das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam +ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine +ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen--hinterlistige +Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen, +was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle +hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung +der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe +ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an +Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre, +als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer +weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein, +Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen, +liess mir Feder und Papier geben und schrieb: + + + Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten + Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres + aus Norddeutschland ... + + +Es ist die reine Wahrheit! + + + ... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals + notwendig mache. + + +Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem +Kontor, um seine Brille zu suchen. + + + Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, + wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die + Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in + Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass + aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ... + + +Es ist die blanke Wahrheit! + + + ... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter + der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, + und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens + in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der + Ausführung der gegebenen Ordres ... + + +Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit! + + + ... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, + Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein könne bei dem + Engagement von Leuten. + + +Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der +junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt +ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch +schon dreizehn im September. + + + ... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu + vernehmen--Saffeler reist für Stern--dass der geehrte Chef der + Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst + Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse + einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass + ich mit Rücksicht darauf ... + + +Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte +die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um +jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun +ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden, +dass sie's wissen, dünkt mich. + + + ... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den + Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses + betraut zu sehen ... + + +Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder +Salair. Aber ich fügte noch hinzu: + + + Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in + unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich + bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass + seine Wäsche im Hause besorgt werden würde. + + +Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und +zum Schluss: + + + Dass bei uns dem Herrn gedient werde. + + +Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und +ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte +Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der +junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf +die Antwort. + +Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch +die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der +beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«, +»schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was +mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir +auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung +stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen, +denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass +ich zu sehr in des Krämers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich +zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig +gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf +einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines +Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien +mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem +Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und +Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen +Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter, +als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und +gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht +No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen, +aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen +alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der +Name nicht.« + +--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer höflich--ich bin M'nheer +Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler +in Kaffee, Lauriergr.... + +--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal +ordentlich an. + +Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn +öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich, +wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser, +alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen +Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und +Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es! + +--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat? + +--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen? + +Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass +so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm +ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten +Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders, +weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde +nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach +gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre +ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je +länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich +auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen +gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte +etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun, +das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann. + +Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit +hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen +bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe +euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau +nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und +Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise, +die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu +thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem +Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um +Dinge, die ihn nichts angingen. + +Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im +September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern +vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später +habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss, +um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf +der Lateinschule--nun sagen sie »Gymnasium«--und da war Jahrmarkt +... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und +wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, +wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die +schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete, +das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche, +oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften +allerlei Parfumerien. + +Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne +den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen +haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von +sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen +wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das +Mädchen zu sehen. + +Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei, +obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch +zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus +unserer Klasse--denn tüchtig war er, das muss ich sagen--und spielen, +balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil +wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der +Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es +anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, +Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da +war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das +Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es +wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, +dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und +Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, +was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die +Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr +und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich +noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da +bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand, +die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich +mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste +schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male +stand ich vor der Bude. + +Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün +und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich +weiss nicht welchem Zeitwort ... + +--Plaît-il? sagte sie. + +Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort: + +--»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil. + +Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen +vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner +Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit mir einen so harten +Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den +Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des +Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen +zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und +bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude +des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein +»gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun +war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es +mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich +in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest +und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden +um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt, +der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen +hatten sie das so sehr schön gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben, +um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ... + +So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch +die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark +und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und +tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen +sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich +war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig +geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe, +mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich +sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen. + +Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und +weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn +auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem +Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo. + +Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich +dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser +Welt miteinander verknüpft sind. Wenn die Augen dieses Mädchens +weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte, +oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte, +so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es +so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es +ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine +Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss +fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein. + +Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das +Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich, +dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als +ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge, +auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse +besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus +purzeln sehen. + +Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich +links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem +Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn, +dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich, +dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war--was ein sehr +schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung +etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen +war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts +dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim +Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das +für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal +wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete, +bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut +herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich +sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, +wie man später jemanden nötig hat: + +--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r +... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher. + +Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich +auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ... + +--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten. + +Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät +es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, +dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend +war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und +jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ... + +Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich--denn höflich bin +ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil +es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, +dass es niemand gesehen hat. + + + + + +DRITTES KAPITEL. + + +Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand +da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach +war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die +Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der +Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig, +dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird, +der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss, +wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt +zu gehen, wenn Buden dort stehen. + +Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich +werde euch den Brief lesen lassen: + + + Werter Droogstoppel! + + +Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr +Droogstoppel, wo ich doch Makler bin. + + + Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu + ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ... + + +Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor. + + + ... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache + zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist. + + +Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die +Frühjahrsversteigerung handelt? + + + Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick + einigermassen um Geld verlegen. + + +Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'! + + + Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um + das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder + ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte. + + +Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass +er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein +Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, +er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, +wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und +jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in +seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er +arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und +es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem +lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber +diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter: + + + Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen + zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, + wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ... + + +Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber +denken. + + + ... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine + Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich + nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem + allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür + einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum + kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr + nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt. + + +Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na +gewiss! Wie sonst wohl? + + + Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne + Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach + der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von + Druckkosten u. s. w. im voraus ... + + +Darin haben sie sehr recht. + + + ... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich + gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken + würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, + ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ... + + +Das nennt er ermutigen! + + + ... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich + bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten + einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich + überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem + Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und + daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht + habe ... + + +Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte. + + + ... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht + ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken + schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte. + + In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter + Schulkamerad ... + + +Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich +nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen. + +Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man +mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss, +dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der +Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen +an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich +nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an. + +Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen +wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich +wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich +dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was. + +Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker +machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, +und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst +läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten +Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit +etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten +beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja, +ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat +Luise zum Weinen gebracht.« + +Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit +sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder +sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran, +ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief: + +--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es +noch einmal thäte! + +Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da +habt ihr's. + +Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine +kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache +voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen, +weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw +Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch +uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete +wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen, +was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire +auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten +Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit +des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von +einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein +konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr, +so'n Mädchen weint ja bald. + +»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und +Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier +raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich +sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, +und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine +Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten +ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch +auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit +gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man +mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf +seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in +Kaffee, Lauriergracht No. 37. + +Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn +zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb +an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen +sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that, +finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner +Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, +dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe +ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich +hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung +erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, +dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der +Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding +in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und +ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen +war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, +und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht +gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, +das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang +geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine +ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge +von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch +in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft +damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach. + + + + + + +VIERTES KAPITEL. + + +Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern +gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und +tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist +dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans +Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich +bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie +soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, +mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein +anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich! + +Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker +machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu +bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr +ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, +gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem +Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das +nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, +aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir +genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun +habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von +Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand +sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da +gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das +geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen +ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein' +ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars +wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den +Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim +Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten +ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, +der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, +versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht, +bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen +Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, +mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, +das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles +lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht +verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht +über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«. + +Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee +bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also +dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in +Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, +und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber +wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, +Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu +erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit +bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der +Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem +dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann, +da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen +können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen +einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme +niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das +ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an +Ludwig Stern ersehen. + + + +Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des +Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es +wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile +einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, +viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste +staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich +gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in +Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu +beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der +Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem +Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend +einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in +der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor +auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles +sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.« + + + +Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und +von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, +in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich +längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir +gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen +schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen +an den Tag legte. + + + +Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze: + + + +Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige. + +Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend. + +Über den Ursprung des Adels. + +Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit. + +Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung. + +Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren +Verse.) + +Über Protëine in der atmosphärischen Luft. + +Über die Politik Russlands. + +Über die Vokale. + +Über Zellengefängnisse. + +Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«. + +Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die +die Beleidigung betreffen. + +Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien, +nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer +Freiheit. + +Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel +von wurzellosen Zahlen. + +Über die Schwere des Lichts. + +Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des +Christentums. (Nanu?) + +Über die isländische Mythologie. + +Über den »Emile« von Rousseau. + +Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels. + +Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems. + +Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos, +ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.) + +Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.) + +Über weisse Ameisen. + +Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen. + +Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!) + +Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur. + +Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur. + +Über Kataster, Registratur und Stempelwesen. + +Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen, +weil er auf Wahrheit dringt.) + +Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar +nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe +es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, +das ich für mein Buch gebrauchen kann.) + +Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen. + +Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.) + +Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz +einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie +gedacht hatte.) + +Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen, +eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit +und Armut ... er kann es wissen.) + +Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und +der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine +Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich +erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.) + +Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas. + +Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt. + +Über die Rechenkunst bei den Römern. + +Über Armut an Poesie bei Tonsetzern. + +Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken. + +Über epidemische Krankheiten. + +Über den Maurischen Baustil. + +Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch +Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste +kurios ist?) + +Über die deutsche Einheit. + +Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso +lang sein wird wie an Land.) + +Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten. + +Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen. + +Über Prosodie. + +Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer +Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier. + +Über Landbauverträge auf Java. + +Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells. + +Über Legitimität von Dynastien. + +Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden. + +Über die neue Art des Segelreffens. + +Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück +datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!) + +Über den Ehrbegriff. + +Über die apokryphen Bücher. + +Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius. + +Über die elterliche Gewalt. + +Über Shakespeare als Geschichtsschreiber. + +Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife +ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!) + +Über Schrauben-Wassermühlen. + +Über das souveräne Recht der Begnadigung. + +Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon. + +Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen. + +Über die Opiumpacht auf Java. + +Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift. + +Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon. + +Über die Entrichtung von Landrenten in natura. + +Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.) + +Über die Auflösung des Römischen Reichs. + +Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen. + +Über die skandinavische Edda. + +Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein +Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch +geschrieben. Warum, weiss ich nicht.) + +Über das Essigmachen. + +Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande. + +Über die Ansprüche des Menschen auf Glück. + +Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in +Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.) + +Über ministerielle Verantwortlichkeit. + +Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung. + +Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer +zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.) + +Über das doppelte A und das griechische ETA. + +Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der +Menschen. (Eine infame Lüge!) + +Über den Stil. + +Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von +diesem Reich gehört.) + +Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln. + +Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis +geschrieben ist.) [2] + +Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen. + +Über Stimmen des Waldes. + +Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser« +und sonstige starke Essenzen im Auge hat.) + +Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der +Nähe von Banda zu sein.) + +Über Seher und Propheten. + +Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen. + +Über Ebbe und Flut der Kultur. + +Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten. + +Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und +jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.) + +Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen. + +Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste. + +Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.) + +Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der +sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter +sein solle. Wo kämen wir da hin!) + +Über Galanterie. + +Über den Versbau der Hebräer. + +Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester. + +Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es +muss da billig leben sein.) + +Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei +der Alfuren. + +Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er +will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser) +abschaffen. Ich bin dagegen.) + +Über »das Recht« und »die Rechte«. + +Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.) + +Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen. + +Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen. + +Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen +über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!) + +Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn +sah, roch ich Rosenöl.) + +Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch +auf die Seite gelegt.) + +Über Gefühl, Mitgefühl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w. + +Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion. + +Über den Palmwein auf den Molukken. + +Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich +das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt, +dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden, +und ich lebe für mein Fach.) + +Über Genesis. (Ein infames Stück!) + +Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen. + +Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein +neugebornes Kind zeichnen kann!) + +Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!) + +Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java. + +Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften. + +Über die Wajangs der Chinesen. + +Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.) + +Über ein europäisches Münzsystem. + +Über Berieselung von Gemeindefeldern. + +Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist. + +Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich +habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.) + +Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet, +dass Jesus einen Turban trug.) + +Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung +mit den Unterhaltsmitteln. + +Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika. + +Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange +eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja. + +Über Baukunst als Ausdruck von Ideen. + +Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf +Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.) + +Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam. + +Über die Kraft des Irrtums. + +Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen +Naturgesetzen. + +Über das Salzmonopol auf Java. + +Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er +... bbä!) + +Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantuns +der Javanen. + +Über das 'jus primi occupantis'. + +Über die Armut der Malkunst. + +Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?) + +Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas. + +Über die Waffen der schwächeren Tierarten. + +Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem +Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste +erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.) + + + + +Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht +zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von +Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, +Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe +fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige +waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, +doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es +war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem +Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen +und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose. + +Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, +weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe +ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit +war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, +wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, +dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan +haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte +es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts +zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, +die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern +davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige +Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man +Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt +vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, +niemals so etwas unter die Augen bekommen haben. + +Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir +stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing +es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg +eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg +verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von +seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und +wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt +hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann +den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern +zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest +verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun +kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er +sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, +würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer +mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware +gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann, +der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden. + +Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie +empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der +Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber, +der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig +Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn +er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als +ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die +Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine +Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid +oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein +Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein +Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden +auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass +der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last & +Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von +beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann +von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den +kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er +also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns +Stück über die Multiplikation. + +Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er +sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's, +dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem +Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber +er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, +dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre +vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert +Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu +siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit +dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals +vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre +als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht +in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin +überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber +ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte +einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte. + +Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im +»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich +verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld +hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch +sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei +dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den +Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator +zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein +Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, +weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was +ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste +Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den +Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus +der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass +er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, +fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte +der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich +denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein +Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden +im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man +so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun +hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der +Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem +Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen. + +--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft +und kränklich. + +Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit +unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz +bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, +doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz +gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, +was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, +wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb +sie auf. + +Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit +sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da +anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in +Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die +Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um +diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder +Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen +Ballen ist. + +Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den +Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch +fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die +Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem +Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & +Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so +wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, +ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die +Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, +kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz +bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze +Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch +die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es +ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind +und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«, +aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die +machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm +und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder, +der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der +Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in +Indigo dabei nötig sein werden. + +Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst +die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die +Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, +und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, +und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, +und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, +und die Hauswärter, und die Gärtner. + +Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben +aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, +und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, +und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld +leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, +und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und +die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und +eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch. + +Und den König auch ... ja, den König vor allem! + +Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch +meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst +ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind +sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, +als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, +introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben. + +So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem +Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm +selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, +jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist +ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein +tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache +mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische +übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in +meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben, +und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an +seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, +dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn +ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit +ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, +die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine +schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen +alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger +Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht +mit Sitte und Anstand verträgt! + +Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden +ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen +Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in +Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht +sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von +Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark +widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl +für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, +die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und +dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden +Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun +wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und +der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest: + + + 1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern + solle. + + 2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe. + + 3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle. + + 4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem + Buch einen soliden Anstrich zu geben. + + 5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der + Niederländischen Handelsgesellschaft.« + + 6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass + man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre. + + 7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen + vorgelesen werden sollten. + + 8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle. + + 9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich + bin Makler. + + 10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische + Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so + behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden + würden als bei uns. + + 11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries + Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte. + + +Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile +mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel +fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es +kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein +Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat. + +Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf +Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das +Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch +fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht +verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch +oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die +schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig +hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, +dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch +Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom +letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an +alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, +doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen +angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner +Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts +von Menschen, die ewig unzufrieden sind. + +Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach +hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen +Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, +Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass +ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer +mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass +auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer +Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam. + +--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n +ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch +'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst +hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was +kann sie sagen, wer da ist, M'nheer? + +Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von +der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen +würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf +dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein +süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, +oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen +soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit +und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter +sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine +Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite +mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder +Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter +Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften +und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender +Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, +dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr +unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt +durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich +ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht +aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen +sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, +rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu +thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt. + +Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten +auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später +habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, +die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch +sehr hässlich. + +--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich. + +--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, +der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine +Frage hätte legen dürfen. + +Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden +ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um +meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer +dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, +dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht +37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn +da viel Umstände machen! + +Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den +Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich +hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis +unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel +von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites +Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine +waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde +ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und +mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu +wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil +ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden +wollte, antwortete ich: + +--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl +bald kommen, denkst du? + +--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen +Tuschkasten zu kaufen. + +--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern +oder mit der chinesischen Spieldose. + +--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat. + +Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als +feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der +alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien +auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als +sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, +spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er. + +--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück? + +--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie. + +Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er +»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich: + +--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«? + +--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen? + +--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft +Schüsseln und Brummkreisel. + +Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir +sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle, +der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau +ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das +ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr +bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram +weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei. + +Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, +um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und +sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da +für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte +bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an +der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor +einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier +eine Stellung erhalten sollte ... + +--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich. + +Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon +wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen +und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt. + +Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und +vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von +ihm gestellte Ersuchen zu holen. + +Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht +klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er +einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen +gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm +meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir +da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein +Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich +anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch +sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie +wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, +und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt +und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und +ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach +Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen; +denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse. + +Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, +dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich +an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich +glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er +einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht. + +Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und +ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern +nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch +die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich +hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, +Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht +No. 37. + + + + + + +FÜNFTES KAPITEL. + + +Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf +dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit +Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem +breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines +bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen +Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam, +verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem +neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein, +nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb +man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden +schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe +der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen--waren sie auch +nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen +Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die +zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte +es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf +festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, +die Läufer--in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen, +oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen +Läufern entsprechen würde--die unvergleichlichen Läufer also mit ihren +kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her, +stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd +unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der +verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen +in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man +wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter. + +Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste +ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen +Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber +das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die +je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden, +wo sie sein wollten. + +Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen +Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im +Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren +vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel +Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, +und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der, +ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im +Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der +Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande +zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient. + +Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa--selbst +nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java +gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei, +die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in +einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt, +Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt +die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo +und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss, +um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an +jener Ecke ... + +--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit +der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe! + +Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen +Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen +schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die +Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick +früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch. + +Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf +den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt: +die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es +gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und +wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa, +dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist, +lacht über diese Angst. + +Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner +Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen, +Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge, +die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich +fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung +bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines +vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich +sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen +Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in +der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des +Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint, +um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung +mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese +Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener +Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von +einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder +jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem +Zustande ... + +Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein +Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es +giebt halbe Türme, und ... Türmchen. + +Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude, +die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen, +dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze, +die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein +paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne +Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen, +auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht. + +Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass +selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange +genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich +rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war, +um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe +sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen +Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard +von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn +in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der +Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als +sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen +... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es +einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand. + +Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren +Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist, +diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber +wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man +wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von +Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl +aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann +den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der +die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch +ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah, +eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung +in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches, +ewiges Gebet.-- + +Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens +eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten +den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war für diesen +Fleck--liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die +Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen, +alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich +gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss, +war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn +auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta +Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz +seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt, +die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung +Pandeglang lagen. + +Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch, +der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will, +dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist, +bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war +hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten +nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range +die Verwaltung wahrgenommen hatte. + +Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt +geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches +Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin +gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo +erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs. + +Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen +Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung +»Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den Boden gerammt, +die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander +verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blättern +der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden 'atap' heisst, +und ihr werdet euch die sogenannte 'pendoppo' vorstellen können. Sie +ist, wie ihr seht, so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier +denn auch nur dienen als 'pied à terre' für die europäischen und +inländischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm +an den Grenzen entgegenbringen wollten. + +Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den +Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine +Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen +ist hier für das rechte Verständnis dessen, was folgen wird, notwendig. + +Das sogenannte »Niederländisch-Indien«--das Adjektiv »niederländisch« +kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell +angenommen--ist, was das Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung +angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil +besteht aus Stämmen, deren Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft +Niederlands als »suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer +die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen +der eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu +dem--mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme--ganz +Java gehört, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut +oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der +Javane ist Niederländischer Unterthan. Der König von Niederland ist +sein König. Die Nachkommen seiner früheren Fürsten und Herren sind +Niederländische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom +Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher wird +abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben, +die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland. + +Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in der +That einen Teil des Königreichs der Niederlande ausmacht, wird in +diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein. + +Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der jedoch auf seine +Beschlüsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die +unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« zugeteilt, an deren +Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen +der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den +Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte politischer Bedeutung wenden +sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur. + +Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst +mittelbar als Lehnsherr die Bevölkerung beherrschte und sich an den +Höfen der noch regierenden Fürsten durch »Residenten« repräsentieren +liess. Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als +Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von Landschaften +geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der Name ist geblieben. + +Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische Autorität +gegenüber der javanischen Bevölkerung darstellen. Das Volk kennt +weder den Generalgouverneur, noch die »Räte von Indien«, noch die +Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten, +die unter ihm über das Volk walten. + +Eine solche Residentschaft--es giebt welche, die beinahe eine Million +Seelen fassen--ist geteilt in drei, vier oder fünf Abteilungen oder +Regentschaften, an deren Haupt »Assistent-Residenten« gestellt +sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure +ausgeübt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die +nötig sind für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des +Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die Staatswasserwerke, +für die Polizei und das Rechtswesen. + +In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen Ranges mit +dem Titel eines »Regenten« dem Assistent-Residenten zur Seite. So +ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur Verwaltung und sein +Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel +des Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in der +Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. Sehr +diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss--der in +Asien überall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als +ein Religionsmoment zu erkennen ist--Gebrauch gemacht, sintemal durch +die Ernennung dieser Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen +wird, an deren Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch +den Generalgouverneur ausgeübt wird. + +Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-, +Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser +angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne weiteres +Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache +liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil +und drüben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen +hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu +sind Beamte nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter +dem System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür die +»Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen, +die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Ländergebiete +blieben dann auch »Provinzen«, d. h. erobertes Gebiet. Doch als +später die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedürfnis fühlte, +ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in +Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehörig betrachtet +wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch +materielles Übergewicht--erwies es sich als notwendig, jemanden +mit der Leitung der Geschäfte zu betrauen, der nicht allein in dem +betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand über seine +Mitbürger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die +Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung +zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung dieser Befehle +betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise +die Ausgaben für ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen +Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last +fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden +die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewählt, und genau +genommen ist also das Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die +Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube +denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche +Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und +Herzöge, d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was +ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig +zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu +dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt +war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein +Baron betrachtete sich als Baron »durch die Gnade Gottes«. Die Grafen +vertraten den Kaiser und führten als solche dessen Panier, d. h. die +Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner +eigenen Fahne, als Bannerherr. + +Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den Baronen +entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes +neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale +legten, und hieraus scheint später, vor allem als die Erblichkeit +dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu +sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage +würde manche freiherrliche Familie--ohne kaiserliches oder königliches +Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen +des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel +war--autochthon--eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd +abweisen. Man hat Beispiele dafür. + +Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt +waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre +Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen +in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewöhnlich, +obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge +organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den +Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau +oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es +war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine +Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz. + +Ungefähr in der gleichen Art--was die Wahl der Personen angeht, da hier +von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in +dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins Auge fällt--steht an +der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den +ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss +verbindet, um dem europäischen Beamten, der die Niederländische +Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist +die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer +Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens +diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer +und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in +seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es müssen schon sehr gewichtige +Gründe vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird, +und wo dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den +Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie. + +Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und derartigen +hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der +Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er +hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies +hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt, +durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle Einkünfte +und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit über ihn erhoben +steht. Obendrein ist der Regent, als Repräsentant des javanischen +Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder +mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevölkern, +auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grösserer +Wichtigkeit als der simple europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit +nicht gefürchtet werden braucht, da man für ihn viele andere an die +Stelle bekommen kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten +vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte. + +Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben, +dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der +Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies +und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft +ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident, +den Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis +schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar bei +äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch, +wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube, +dass der Ton, der in diesem Verhältnis herrschen muss, sehr treffend +in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der +europäische Beamte habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite +steht, zu behandeln wie seinen »jüngeren Bruder«. + +Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere Bruder« bei den +Eltern sehr beliebt ist--oder gefürchtet--und dass bei vorkommenden +Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als +Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass +er seinen »jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt +behandelte. + +Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen--selbst der geringe +Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse--macht +gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es +sonst sein würde. + +Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit +freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent +seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde +beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert, +wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand, +Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den +Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und +schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist +zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs. + +Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor +dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer +ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an +Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich +ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet +und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte +sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen +das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: 'Tommongong', 'Adhipatti', +ja, sogar 'Pangerang', d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für +ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es +von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer +ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein 'Kratoon', mit +vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat, +mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen +mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt +von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise +zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent +begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen +des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt +bürgerlich, der Regent lebt--oder man erwartet von ihm, dass er so +lebt--wie ein Fürst. + +Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung, +die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies, +und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu +einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen +würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben +hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen +Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten, +die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen +haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die +sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte +verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen, +ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig +von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird. + +Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile +teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste +Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die +Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung +in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft +erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und +schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über +das Eigentum ihrer Unterthanen. + +Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der +Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er +geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu +Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung +seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er +wächst auf inmitten seiner 'sawah's' und 'gagah's' und 'tipar's', +begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld, +wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen +und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine +Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde +stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm +'padie', d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau +unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange +den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von +ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das +ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das, +was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist. + +Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes +machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit +des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner +Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen, +die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den +geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache +Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also +nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des +Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen. + +Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in +Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so +kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik +war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand +fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende +Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort +geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen, +was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte +irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den +Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach +Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind +hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren +obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze +Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt +werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er +nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft +der Nation vermindern würde. + +Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die +sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet. + +Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache +Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl +ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich +flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu +Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord +der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande +reich machen. + +Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java +Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte +ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre Kinder als Speise +zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen ... + +Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In den +Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber unzufrieden gewesen, +und der damalige Landvogt hat Befehl geben müssen, dass man es in +der Verbreitung der sogenannten »europäischen Marktprodukte« fortan +nicht wieder treiben dürfe bis zur Hungersnot ... + +Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von jemandem, +der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit? + +Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste Art der +Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu sprechen: die Macht der +willkürlichen Verfügung über Personen und über das Eigentum ihrer +Unterthanen. + +Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehört der +Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Dies ist auch auf +Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten +nutzen gern die Unkenntnis der Bevölkerung aus, die nicht recht +begreift, dass ihr 'Tommongong' oder 'Adhipatti' oder 'Pangerang' +jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte +für ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich +belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der +Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von den +Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltäglicher, als +dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden, +ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts +ist alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum +Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein gefälliges +Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau +des geringen Mannes, würde man es unerhört finden, wenn dieser die +bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte. + +Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen Verfügung +einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann +fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus nötig ist. Andere +gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit +nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmöglich, diesen Missbrauch +ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der +Bevölkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig, +vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an +seinen Häuptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter +gehorchten. Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung, +die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen »Kratoon« +ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal +von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich +schliessen würde, und oft ist demgemäss diese Gewohnheit eher der +Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater +durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu äussern sucht, +als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkür auffassen dürfte. + +Allein ... also wird durch einen »lieben Brauch« die Beseitigung von +Missbrauch gehindert. + +Wenn der Alun-alun vor der Wohnung des Regenten in verwildertem +Zustande läge, würde die umwohnende Bevölkerung sich dessen schämen, +und es wäre viel Macht nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut +zu säubern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range +des Regenten übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben, +würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der +Nähe dieses Alun-alun oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges +warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin führe, manchmal aus +meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft, +dass sie seine Felder bearbeite oder wässere, die Bevölkerung ganzer +Dörfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen +... der Missbrauch ist da. + +Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die »Staatsblätter« liest, +worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen für die Beamten +enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen +derselben den Vorsitz geführt zu haben scheint. Überall wird dem +Europäer, der mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet +ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der +Bevölkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und +die Habsucht der Häuptlinge. Und, als wäre es nicht genug, dass man +diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den +Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein +»besonderer Eid« gefordert, dass sie diese väterliche Fürsorge für +die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten würden. + +Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu +lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen +zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen +zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe, +das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass +man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen +Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner +Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die +erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung, +die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird +keinen weiteren Sold begehren. + +Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig +zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz +zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und +Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran +mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus +Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht +der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische +Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann, +und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele +Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen +Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent +sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald +in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches +durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür--o, +sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn +Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür +Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies +geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben, +ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung, +dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und +also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde? + +Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her, +die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben, +den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne +sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer +Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in +seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, +die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn +verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte +Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt +oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit? + +Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon +daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge, +die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer +Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend +anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, +dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, +und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen +Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt. + +Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu +bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen +Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«. + + + + + + +SECHSTES KAPITEL. + + +Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn +dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen- +und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer, +in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern +in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr +unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es +nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass +entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt, +aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich +gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam, +hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit +... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, +ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen +zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, +überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den +Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er +denn auch nicht begehrte. + +Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit +Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von +Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den +Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts +im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine +Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo, +steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht +zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig. + +Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine +hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder +dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem +Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen, +die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener +von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder +umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti +Karta Natta Negara sass ihm gegenüber. + +Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde, +eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger +sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der +über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte +ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer, +die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er +von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem +Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner +Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht--so recht eine +Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man +mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe +anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte, +um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den +Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen, +doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss +geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in +brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben +werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem +guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten +Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden, +und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie +durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen +wird, das er lieber nicht beträte. + +Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen +übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache +Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug +verdient. + +Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das +Wetter und den Regen. + +--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson. + +Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den +Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder +einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren +Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo +niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet +in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt, +der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem +Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen +so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des +Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk, +die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat, +indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn, +und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar. + +--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent, +wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich +dabei ein Betelblatt mit Kalk. + +--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete +Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema +berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er +hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege +von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als +die lebakschen. + +Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der +kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer +kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo, +wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon +seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot +gefärbt, und er sagte dann endlich: + +--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang. + +Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem +der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich +herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine +Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer +benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche +zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die +bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin +hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor +allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass +also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte +leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten +von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte. + +--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ... + +Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste, +dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde +für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es +schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den +Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte +wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe. + +--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de +kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde +... das ist der Tuwan kommendaan. + +--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist +der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen +schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari! + +--Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet +hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd. + +--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn +Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen +sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm +herein! + +Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer +Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es +war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison +von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre +Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in +Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen +hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit +und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?« + +--Willst du Thee, Duclari? + +--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist +erfrischender. + +--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich +Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh +mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten +sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder +von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ... + +--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals +gesehen. + +--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's. + +--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und +auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der +neue Assistent-Resident auch, nicht wahr? + +Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der +Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin +zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss, +oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal +fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort: + +--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen +Assistent-Residenten kennt? + +--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn +niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe +dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles! + +--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht +zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierüber? + +Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es +verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem +Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei, +jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne. + +--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer +Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der +Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein +von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr +sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches +Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt! + +--Das habe ich nicht gesagt, Duclari! + +--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem, +was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser +springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt. + +--Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ... + +--Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das +war keine Sache! + +--Es war witzig ... + +--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber +einem General. + +--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war +vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt. + +--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl? + +--Das that er, um den General zu ärgern. + +--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der +obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht +find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren! + +--Er that's gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für +den Schwächeren. + +--Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun +durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo +es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in +bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf +zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser +Beziehung geändert hat. + +--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter, +dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies, +ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes +Gefühl hat für Recht. + +--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas +passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht? + +--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann +denkt er, dass wir darüber sprechen. + +Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor, +und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er +Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen +sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu +erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze. + +--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich +wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen, +um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der +gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine +Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit +zu schaffen hat, das befremdet mich! + +--Und was hast du geantwortet, Duclari? + +--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste, +oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung +angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen. + +--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief +auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit +seinem Tudung schwenkt. + +Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der +Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen +zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über +ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war, +stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon. + +Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo, +und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern, +der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude +stillhielt. + +Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten +mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl +Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen +und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten +mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte, +mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als +die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun, +Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles +so sorgfältig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf +Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem +Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt +ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist, +sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt, +die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil +des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der +Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden, +die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu +lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren, +was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss +schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört +und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd, +dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den +man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt. + +Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem +denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des +Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft +gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes +haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten, +daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft +in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so +weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb +mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt +hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam, +dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der +mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen +des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links +wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh, +das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und +Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von +Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man +kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine +Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen +neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den +Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und +gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt. + +Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich +etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht, +doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein +kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man +vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr +Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung +und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte, +von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden, +will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht +ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben +werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk +in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an +den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in +den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und +Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich, +was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger +Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des +Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas, +das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung +im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich +doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere +Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging. + +Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen +behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im +Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden +Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf +folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde +es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag +wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das +Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten +sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten +am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter. + +Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem +Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung +annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass +sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es +war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak +eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt, +eine Assistent-Residentschaft ist. + +Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die +geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert +und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas +schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier +nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe +durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf +geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache +nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen +das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns +nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die +ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich +habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin +jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken +solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen, +ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet. + +Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit +zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie +möglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich +fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs, +euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich +versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren +der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so +sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe, +ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der +Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach +nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände, +oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen +seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille, +die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das, +wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz +zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war +gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte +hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem +dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt +haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das +Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn +gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung, +dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden +dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden +Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen +empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm +ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten +der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig +macht--nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht +sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft +von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab. + +Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden +Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin, +der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und +vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung +und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener +Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben +bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war, +dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie +in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen +liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der +Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche +des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen, +sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing +denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere +Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein +Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer +Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein +Morgenkleid nennen würde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie +eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die +man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust +verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen +von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette. + +Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern, +dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden +werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu +zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr +angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte, +der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist +gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man +noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das +nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun, +sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht +auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war. + +Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und +behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen +Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in +ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten, +wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung +nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an +den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige, +die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass +sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den +Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf +wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer +am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und +er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen, +erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der +Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle +Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste +Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für +Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten, +nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das +höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere +Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und +mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit +manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz, +der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben +als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste +Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im +höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem +Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich +Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er +gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen +über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen +Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft +war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem +Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er, +vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel +keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass +seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich +und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil +Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist +etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung +von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn +seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu +lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies +er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war, +lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er +war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte +Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende +weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er +fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und +zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell +bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für +Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach +in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der +Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend +denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch +ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen +dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit, +doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde +seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für +geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht +bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer +ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte +auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der +eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo +dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren +und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken! + +Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen +schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer +Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem +Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre +Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss +lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte +Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich +an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu +hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar +zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir +vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich +durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich +werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich +mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das +ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe +der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe, +als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die +ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste, +welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst +dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend +in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das +in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik, +die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that. + +Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so +wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der +Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute, +die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie +zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu +erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse +verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine +Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen +Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche +auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu +dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch +diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann +mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, +ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder +keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht +zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu +verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all +den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig +Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen, +die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten +aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen +dieses Drama mitgespielt hatten. + +Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen +berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu +geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos +Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an +den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben +hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in +ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der, +ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein +feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man +stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede +Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und +glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den +vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener +schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus +das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, +dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder +von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht, +da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des +Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände +veranlasst wird--wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss, +dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der +Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte. + +Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem +hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«. + +Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--löst +sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, +viel gelitten, da ist Erfahrung! + +Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und +sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das +den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, +mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg, +Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben« +in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang +gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, +Religionen und Gesichtsfarbe. + +Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und +dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben +gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im +Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und +die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein. + +Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten +konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig +auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie +Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes +Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein, +denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr. + +Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein +Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine +Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse +Max', hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er 'Bockspringen', +und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der +Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte +seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl +etwas Besseres thun könnten als dies 'maschinelle Stichezählen'. Bei +jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern +sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin +mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher, +als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm +nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert +sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund, +und worunter natürlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'. + +Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in +Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal +kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und +wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen +Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu +thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für +ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab, +that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die +es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache. + + + + + + +SIEBENTES KAPITEL. + + +Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem +neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte +höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef +hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche +Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art +Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem +Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, +die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer +Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen +Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch +einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, +was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der +Etikette nicht hätte thun brauchen. + +--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr +Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst +in Rangkas-Betung zu begegnen. + +--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie +möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der +Adhipatti. + +--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern +einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und +dazu noch zu Pferde! + +--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin +ich noch immer stark und gut auf den Beinen. + +--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident? + +--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr. + +--Gut, aber es giebt da eine Grenze. + +--Eifrig, schleppte der Resident hinterher. + +--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal +sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder +zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir +Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr +von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max +auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug. + +--Es. Ist. Mir. + +--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht +ein ... + +--Recht! sagte der Resident. + +--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch +den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir +können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, +Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, +Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge +... unser Max! + +Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz +genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel +mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der +Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte +Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte: + +--Ist der Regent immer so diensteifrig? + +--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar, +und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie +machen möchte. + +--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er +besitzt Bildung, nicht wahr? + +--O ja ... + +--Und er hat eine grosse Familie, wie? + +Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang +nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, +schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen +häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn +dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging, +so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche +Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei +solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf +den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen? + +So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, +und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete: + +--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie. + +--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar +fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten +selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen +diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten. + +Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet +werde. + +--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun +einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten? + +--Ja, das könnte wohl besser sein ... + +--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, +als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der +Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge +sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die +Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in +einem Atem also fort: + +--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige +hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur +sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend +gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, +Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und +auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren +früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar +ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das +ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, +wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen +mal hingehen, Max! + +Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig +zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem +Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch +nicht begehrt hatte. + +--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den +Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut +darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte +Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent +ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, +ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem +halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, +meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben +und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben. + +Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den +Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw +Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten +früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant +meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der +die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, +wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden +kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen +den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, +dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten +hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch +immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich +ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später +allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, +wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte. + +Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, +indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis +Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt +seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr +davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der +kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, +die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, +dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren +Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in +einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen +Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe. + +--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt. + +--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich +möchte einer Dame ... + +--Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe +hinterher. + +--Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus +verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine? + +Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde. + +--Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist +Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien. + +--Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ... + +--Ich. Wagte. Es. Ihr. + +--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel! + +--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist. + +--Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns. + +--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist. + +--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident! + +Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, +setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau +Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein +erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte +in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den +Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst +zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen +konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte: + +--Eine. Eingeborne. Frau. + +--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu +machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt +sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab. + +Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der +zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die +Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das +Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, +die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das +Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies +jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald +wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener +Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug +gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung +selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das +früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen +baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war. + +Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei +dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung +des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen +Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine +Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag, +denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse. + +Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine +»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später +wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der +Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung, +wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel +endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken. + +Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen +Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu +erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte: + +--Weil. Er. + +Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ... + +--So. Drängend. Zu thun. Habe. + +... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe +Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder +zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon +mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon, +dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich +allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, +Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln. + +Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar +besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem +weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, +der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre +Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, +der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm +erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, +die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder +zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und +Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an, +dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der +Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war. + +Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der +Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein +wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach +der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs +empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes +Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge +geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte +auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein +Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident, +der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee +mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang. + +Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des +Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten +von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den +Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur +Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein +vorgeschrieben ist und der besagt: + + + »... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert + zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, + versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu + sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam + den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass + man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und + Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass + man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: + Assistent-Residenten) gezieme.« + + +Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott +der Allmächtige!« + +Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in +diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis: +»der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung +und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden +Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf +die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, +dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch +der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten +nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem +Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung +bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen +ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum +Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung +schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«. + +Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben, +auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des +Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich +zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren +Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht +in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen +und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf +die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe +dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie +gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, +was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber +doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, +der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der +Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar +hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, +in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: +»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige« +würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr +Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare +Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten. + +Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, +der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von +Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde +durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte, +sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz? + +Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er +sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott +dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte. + +Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, +worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der +Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren +Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr +waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei +Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation« +war vor sich gegangen. + +Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der +Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben +bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder +angelangt sein wollte: + +--Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe. + +... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung +wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen +Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies +nicht an dem Grossen Wege gelegen war. + +Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen +angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr +eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge +erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise +nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie +Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei +ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte +er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, +höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder +wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde. + +Max und 'seine Tine' waren erst unlängst von einer Reise nach Europa +zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst +sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich +also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen +Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach +Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er +mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses +Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, +und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten +Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist +des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die +geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger +über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen +Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ... + +Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand +schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; +er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen +Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit +dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt! + +Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, +doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten +derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu +unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach +Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung +Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in +der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein +Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne +Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, +schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum +Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm +jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig +an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer +Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst +freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war +keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder +grösseren Gewinn. + +Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf +seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in +früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und +er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine +Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak +nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit +einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen +sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde. + +Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst +betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, +ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen +bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben +eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, +begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie +unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr +Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht +noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so +lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten +... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, +als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen +... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser +oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu +gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet +der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum +Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max +besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein +Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen +Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, +der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst. + +Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak +angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von +dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem +eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die +alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich +gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine +Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des +Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets +eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: +»dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, +wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von +dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, +die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste +diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn +zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet +ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?« + +Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner +Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer +Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn +man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck +zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem +Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden +haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu +empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich +zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit. + +Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine +Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie +in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten +der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer +Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, +von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, +ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde +alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ... + +--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak +verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam +sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, +auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, +recht lange! + +Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich +nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie +war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht +als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn +Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine +zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn überhaupt +ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte, +dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that. + +Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus +der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals +»aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter +dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der +Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen +hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften +Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug +überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung +der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück +wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe +gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für +ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das +Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen +hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu +wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor +er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr +schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die +Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es +ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren +müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu +Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf +den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich, +dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den +Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde +wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina +die Schiffbrüchigen der 'whalers', der Walfischfänger, in sein Haus +rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, +als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung +vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe +jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, +und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete. + +War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es +nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an +die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere +gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine +Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max, +ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht +alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne +Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien +Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über +das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, +dass er nicht schon König war? + +Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die +Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, +dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel +geliebt! + +Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen +Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es +doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte, +und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären +in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus +dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art +entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit. + +Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen +von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie +ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch +Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen +losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten +Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie +mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl +deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren +gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, +wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein +liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten +einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron +van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des +Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen +Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, +was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen +Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel +er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, +die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn +Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen +Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später +im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr +sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem +Leichnam seines Vaters gesucht hatte. + +Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, +dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und +aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des +Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in +einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig +die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein +grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich +unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite +Glied übergegangen. + +Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach +seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine +Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie +mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, +dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht +von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie +uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände +die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man +mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige +Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches +Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen +Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, +gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man +einen »Millionentraum« nennen könnte. + +Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und +scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben +sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von +Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er +hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick +verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er +schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen +Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem +anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit +dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, +worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube, +dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des +Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante +Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas +Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: +»Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?« + +Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, +und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei +der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, +dass er zu viel Geld ausgab. + +Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten +hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt +hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, +war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um +die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben +meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung +... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu +führen ist. + +Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es +irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen +über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein +wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von +problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine +Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und +derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze +Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so +gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, +als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit +erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles +wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus +Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen +ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen +Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, +die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar +so oftmals hatten sagen lassen: + +--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht +entziehen kann? + +Und worauf sie stets geantwortet hatte: + +--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen! + +Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak +Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens +zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen +in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im +Besitz ihres Kindes ... + +--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch +Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen +Lilien ... + +Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an +ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei +Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen +sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie. + +Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über +bis zum folgenden Morgen. + + + + + + +ACHTES KAPITEL. + + +Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in +Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis +zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die +er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im +Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas +weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist +sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder +sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten +Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte +den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt. + +Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber +dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, +das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, +wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer +ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet +war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den +folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat +ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen +Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und +legte sie zu näherer Prüfung beiseite. + +Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident +am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher, +dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch +man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, +um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich +begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen +eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie +sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften +überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, +als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten, +und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, +als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?« + +Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach +wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er +gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr +die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch +Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der +Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern +können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm +wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch +logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache +an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache +gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, +als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine +Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit +verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das +süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen +Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl +seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen +bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr +verschieden sind von den unseren. + +Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben: + +--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, +Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser +Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, +und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, +und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der +Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch! + +Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier +Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde. + +Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch +Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine +Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, +wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, +doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die +Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen +... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und +ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre +Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin. + +Ich grüsse Euch alle sehr. + +Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich +Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr +erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul +betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure +Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in +Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es +sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben +und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von +andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul! + +Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern +Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben. + +Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war +ich froh im Innersten meiner Seele. + +Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum +giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein +Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend. + +Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in +den Blumenkelch, der Durst hat? + +Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten +suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege, +da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des +Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen +dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die +Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es +sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und +Danksagung aus Weinen? + +Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul! + +Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück +grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf +das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht +alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor +der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: +die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die +Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit, +die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind +gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn +bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit +Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden +sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, +und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen +Vater gekannt.« + +Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich! + +Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft +zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele +Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder +gering? + +Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, +das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind +die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den +Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das +Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?« + +Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und +die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder +die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog? + +Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt +ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben +hat, hier zu arbeiten. + +Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner +wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die +Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und +nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an +vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach +dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es +ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün +ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch +sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide +reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs, +deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern +lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!« + +Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den +Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen +lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die +Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände +erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da, +Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will +es so!« + +Doch nicht also in Bantan-Kidul! + +Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer +Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen +Tiger sähet auf seinem Wege? + +Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser +Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen. + +Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend +von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die +unser Land verlassen haben. + +Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern +begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung +empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst, +vor dem Schatten unserer Haine? + +Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder +sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in +fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie +kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die +Aufständischen erschlägt. + +Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele, +die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum +fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an +seinem Fusse? + + + +Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den +Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn +hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in +seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das +zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das +Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz +darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu +den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser +Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, +der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz +geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne +Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier +nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte +den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich +waren für solche Sprache. + +Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte, +waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was +er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel, +die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit +dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir +sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: +»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete, +zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft +hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders +sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem +oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin +ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke +des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie +diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, +dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen. + +Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt, +dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären, +die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass +er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen +liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass +dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in +Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern +von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und +glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung +so deutlich verstanden hatte. + +Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die +Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar +sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments +erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe, +wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher +hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf +Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden +Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend +wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn +zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir, +dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals +die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden +wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren, +Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem +der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger +Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit +seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das +Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört: + + + Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ... + Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ... + Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben: + Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht! + Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören, + Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht, + Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ... + Und rollend ruft sein Donner: Majestät! + . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . + + +... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte +schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können +glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, +an den erbebenden Bergwänden zurief? + +Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«, +sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem, +was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein +Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder +in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem +er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und +ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch +bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte +Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich +so beengt darin fühlte. + +Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten +Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink +befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit +Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach +den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt +eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge +denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, +mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien +in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die +hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter +den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt +haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt +er? Wem gelten seine Fragen?« + +Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das +Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die +Augen zur Erde. + +»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend, +das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den +Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang +fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte +die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer +Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit +erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien +dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen, +der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber +zu neigen schien. + +--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen. + +Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen. + +Hierauf fuhr Havelaar also fort: + +--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von +Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere +Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend +Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen +zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von +seinem Willen. + +Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder +seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend +über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den +Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und +über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen, +wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm. + +Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo +fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in +seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften, +die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner +Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht, +weil er Strafe fürchtet. + +Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass +jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande +laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist. + +Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, +dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde +thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter +Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine +Pflicht ist. + +Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle! + +So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber +verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel +dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger +haben ... wer wird sie strafen? + +Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent +würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und +auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr, +noch der Adhipatti, noch ich es erführen ... + +Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul? + +Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird +gethan werden. + +Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden +bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird +sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in +den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben +ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann, +der gestorben ist?« Und man wird sagen: + +»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger +nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab +wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch +den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er +suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause +der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo +man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die +Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete +sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er +sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.« + +Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn +zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch +gestorben.« + +Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause +und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang +der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.« + +Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem +Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die +Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen: + +»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er +verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker +mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker +der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte +sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut +der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, +doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste +den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie +ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger, +der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine +Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.« + +Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir +fluchen niemandem!« + +Häupter von Lebak, einst sterben wir alle! + +Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und +was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen? + +Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme +spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den +Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte +aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen +sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen +gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner +Frau?« + +Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im +einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen, +das Eindruck machen musste, fort: + +--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und +darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer +geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite +versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht +streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen +oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit +werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer +Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas +wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti? + +--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen +in Lebak. + +--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns +eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so +arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält, +werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist +fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss +seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass +binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl +wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in +Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, +der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, +Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung +sehr anempfohlen. + +Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht, +Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen. + +Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren, +ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«---- + + + +Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete +ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie +erwartete. + + + +--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie +... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa, +höret einmal! + +So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich +anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war +im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück. + +--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst +hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt? + +--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer +de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer +gesprochen hatte. + +--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon +nicht mehr, was ich gesagt habe. + +--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ... + +Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max +gesprochen. + +--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind +wäre. + +Das that Tine wohl: sie fand es auch! + +Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah +auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben +auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen. + +Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz +anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war +einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst« +in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit +dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent, +ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht +ausbezahlt werden könnten. + +--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies +nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat. + +Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht +abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges +Antwort ihm wider den Strich ging. + +--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, +sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen +das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut +befunden werden. + +Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge, +der sich gern an die »Staatsblätter« hielt: + +--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs +Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn +nun ein Manco sich herausstellt? + +--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar. + +Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem +Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben +war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar +zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle + +--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent +hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem +... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld +nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete +lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann +von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen +sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch +getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's? + +Verbrugge schwieg. Er wusste es. + +--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer +Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat +der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne +Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's? + +Dieses wusste Verbrugge nicht. + +--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es, +fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den +Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der +Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin +sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum +Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig? + +--Ich habe sie noch nicht gesehen ... + +--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die +Angaben vom vorigen Monat richtig? + +Verbrugge schwieg. + +--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr +Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen +bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in +den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage? + +Verbrugge schwieg. + +--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr +Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und +Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der +von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist +Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee +ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht, +in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in +Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu +Pferde steigen. Ist das wahr? + +--Ja, so ist es. + +--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur +Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat, +als er ... wissen Sie's? + +--Ja, ich weiss es. + +--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig +war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's? + +--Ja, ich weiss es. + +--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu +Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich +wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr? + +--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge. + +--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in +seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so? + +--Ja, es ist so. + +--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der +in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, +sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel +Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei +Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es +nicht so? + +--Ja, das ist wahr. + +--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang +ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range +nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht +allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut +von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen +Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs +des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern +anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen +Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge? + +--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen +begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte. + +--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, +als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden +anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine +Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht! + +Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, +als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide. + +--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich +will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von +heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich +Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, +dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, +dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte +hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute +'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das +scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch +das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so +vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender +Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange +als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr? + +--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie +Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel. + +--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere +Menschen, doch was thut das zur Sache? + +--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und +Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden. + +--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen +Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe +seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein, +Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts +zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah +etwas Neues erzählt? + +--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ... + +--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist: +ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie +so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak. + +--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer +Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend. + +--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder +Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie +wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie +wollen doch wohl Ihre Pflicht thun? + +--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng +fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht +in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft. + +--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben, +dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich +zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in +Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten +brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger +und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es +und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier! + +Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie +Verbrugge hinhaltend, sagte er: + +--Wessen Hand ist dies? + +--Das ist die Hand M'nheer Sloterings. + +--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, +offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen +wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die +Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten +u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer +Slotering damit sagen? + +--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge. + +--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht +werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann +etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und +nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie: + + + »12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren + Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten + verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)« + + +Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, +der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also +ihm anschliessen können. Hören Sie weiter: + + + »15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der + inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, + die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass + die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich + beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz + von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, + die Anteil haben an der Kultur.« + + +Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal, +auch darin steht etwas sehr Deutliches: + + + »Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein + zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung + ausgesetzt ist.« + + +Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, +wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, +dass auch andere dies thaten? + +--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese +Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen. + +--Und was folgte darauf? + +--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ... + +--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter? + +--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen +... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer +Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten! + +Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie +Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig +sich erwiesen. + +--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort, +er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ... + +--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar. + +--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung +einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an +den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen +selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte. + +--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein +Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er +das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam +Unrecht und Willkür gutheissen wird? + +--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung +einen Häuptling an. + +--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein +muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen +ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den +Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen +Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt +um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen +Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen +zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, +weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, +nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie +möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege +entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, +was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es +sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, +doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die +Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, +bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben +holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, +denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen +in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max +... sapperlot, Junge, was wirst du schwer! + +Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein +in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete, +der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari, +der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach +Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, +und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient +ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, +was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle. + + + + + + +NEUNTES KAPITEL. + + +Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich +wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei +der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand +legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen +ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte, +würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als +Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es +wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus +hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches--du lieber Himmel, +die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!--ist niemals aus +einem Fenster gesprungen. + +Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer +Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer +Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass +ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung« +Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich +Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er +habe einen amsterdamschen Accent--was ein Amsterdamer niemals zugeben +wird--vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals +nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache +von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das +vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest +und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten. + +Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das +Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und +gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach +nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich +nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass +du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just +das Essentielle nicht gelesen. So würde ich--denn ich bin Mann und +Autor--jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem +Leserleichtsinn überschlagen. + +Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was +»dran«? Und du sagst zum Beispiel--horribile auditu für mich--mit +dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist: + +--Hm ... so ... ich weiss noch nicht. + +Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der +Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke +der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem +Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ... + +Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und, +ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ... + +Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein, +dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts +und niemanden umarmt ... + +Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen, +und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig, +ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne! + +Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und +du sagst--eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande--gähnend: + +--So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben soviel +im Augenblick! + +Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, Europäer, Leser, dass du +da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern auf meinem Geiste wie auf +einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem +Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele, meine Seele, +die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es +war mein Herz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn +in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt, +und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut +wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir +dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!« + +Der Leser begreift, dass ich hier nicht von meinem Buch rede. + +»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu +reden ... + + + +--Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und +Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war, +denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend +wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich +Makler in Kaffee bin--Lauriergracht Nr. 37--und dass ich für mein +Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich +zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft, +und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, was! + +Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten, +und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie +wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich +auf Luise. Ihre Zustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller +Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...« +u. s. w.--Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber, +siehe sie nicht.--Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das +Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz +ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen, +denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen +Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug, +dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das +Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin, +nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen +handeln muss--ganz Niederland wartet darauf--und da geht mir nun der +Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie +sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von +der Einleitung ab«--ist das alles noch Einleitung?--»ich verspreche +Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, +Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, +hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee +mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und +Milch in Ihre Tasse thun?« + +Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil +ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu +tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger +falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige +Pfuscher sind. + +Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen +von Sterns Geschreibsel--hast du's wirklich gelesen?--deinen Zorn +nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt--denn ich frage +dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man 'Menschenfresser' +geschimpft wird?--so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist +von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma +meines Buches drängen, nun die Sachen einmal so weit gediehen sind, +dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt--die Jungens +scheinen ihr aufzulauern--fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen +werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen! + +Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im +Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt, +so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und +darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht +in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran +als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel +überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und +dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, +einem honetten Manne und Makler in Kaffee. + +Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen--und aus +Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei--dass +in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr +verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten, +wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam +gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen, +dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet +ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und +ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig +macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im +besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen +Boden verändert--der Javane hat doch nichts anderes zu thun--oder, wenn +man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht +nach anderen Gebieten schickt, wo der Boden wohl gut ist für Kaffee. + +Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf +behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen +Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor allem seit ich die Predigt +von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der +Heiden hörte. + +Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten +als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung +meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit +in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt--es +kommt alles von dem verwünschten Paket!--so habe ich ihn einmal gut +unter die Finger genommen und zu ihm gesagt: + +»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das +Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist +dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy +Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller +Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht +so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben, +Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er +hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer +kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und +schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance« +geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.--So geht es, wenn +man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, +wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose +an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein +Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt--das ist die +Wahrheit!--Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du +zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten +Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die +nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit +Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich +nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer +genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden +will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass +alles Böse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann +an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so'n Schauspieler. Gieb +doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank, +als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon +denken? Die Kirche ist Sein Heiligtum, weisst du wohl? Und laure +nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze +Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim +Essen aus der Schrift lese. Das passt sich nicht in einem achtbaren +Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er +wieder mal nicht da war--weil er manchmal die Gicht hat--das hält die +Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort, +dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hat auch +allerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind +auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist +er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer +soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater +ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter +Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen +abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so +gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter +Florseide. Frage ihn--weisst du, so nebenbei!--ob er glaubt, dass +sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das +niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten +schuldig--so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,--und ... all +das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, +Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs +Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es, +und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss +bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen, +dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine +Vermahnungen, Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen +Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!« + +So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck +auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner +Rede gewählt hatte: die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn +gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: +I. Sam. XV, Vers 23 b. + +Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für +ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher +Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter +viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel +durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so +etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von +Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft--denn ich kenne Wawelaar +und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt--nein, durch +die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher +zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann +behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über +Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine +Heiden sind, doch ich nenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat, +einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten, +und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun. + +Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe +bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur +zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich +als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält +für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt +mitteilen, die ganz besonders treffend waren. + +Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und +war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen, worauf es hier eigentlich +ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all +das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte: + +»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel--er meinte +das Ausrotten der Bewohner von Kanaan--und so ist der Beruf von +Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das +uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass +wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet +das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen +und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes--und des zu Recht +verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen +sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit, +da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von +eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung +eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des +Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es +nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche +sind da, die einen andern Gott, was sage ich, die Götter anbeten, +Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nach ihrem +Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja, +Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch +tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter +ihnen, die keinen Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen, +dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen +Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über +den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das +Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte, +meine Geliebten--wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt +werden mag!--da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei, +Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen, +was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu +können zum Schlafe! Schaudert euch nicht bei diesem Bilde? Krampft +euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein +wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die +die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr +nicht--ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes +habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein +Gott der gerechten Rache--ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und +das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und +Zähneklappern! Da, da brennen sie und vergehen nicht, denn ewig ist +die Strafe! Da leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den +heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht, +der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten, +auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des +Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde +abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter +Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...« + +Da fiel eine Frau in Ohnmacht. + +»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der +Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er +selig werde mit der Gnade, in Christo, durch den Glauben! Und darum ist +Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten +ist! Dazu hat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande, +klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes, +Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das +heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den +Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen +Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten +Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich +allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen +Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln +des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die +Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich dessen auf uns ruhen, +wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.« + +Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir +in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt: + + + 1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die + Missionsvereinigung. + + 2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck, + diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen. + + 3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen + des kolonialen Werbedepôts. + + 4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen, + geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen + und vorgesungen zu werden. + + 5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren + Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen: + + a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen, + von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen + im wahren Glauben. + + b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch + die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe + besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit + niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für + das Reich Gottes. + + c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in + Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden. + + d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung + aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat + von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der + vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts, + und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen, + wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt. + + e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht + werde. + + 6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die + Missionsgenossenschaften. + + + +Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1 +genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint +mir im Feuer der Rede wohl erklärlich. + +Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser +Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die +vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun +nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, +dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr +aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte +der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche +Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich +und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken +muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes, +dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits +aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee +gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste +Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet +gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen +anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend +empfänglich zu machen für die Seligkeit. + +Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass +alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die +rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen +Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und +demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit--der Mann hat niemals +einen Fuss in die Börse gesetzt--aber durch die Gnade des Evangeliums, +die ihm vorleuchtet und eine Lampe ist auf seinem Pfad, mir, Makler +in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland +nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen +wird, wenn Fritz gut aufpasst--er hat leidlich still gesessen in der +Kirche--vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja, +Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen, +das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig. + +Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die +Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu +machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist--ich selbst +habe zwanzig Jahre die Börse besucht!--dürfen wir dann dem Javanen +Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist, +um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche +Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese +armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft, +die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in +Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht +hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen +sind so! + +Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen +bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das +Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der +Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und +wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der +Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können, +dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre? + +Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse +ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen +suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind, +obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren +Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein +katholisches Mädchen. + +Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst +gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In +meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde ich sorgen. Und +dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie +weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir +geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das +ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr +gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur. + + + + + + +ZEHNTES KAPITEL. + + +Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone, +so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern +Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass +mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel: +Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem +Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder +anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich +es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch +den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen. + +Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber +ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, +wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit +Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« +und fragte, was er darunter verstände. + +--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen, +was ich sage. + +--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt, +dass Sie immer die Wahrheit sagen? + +--Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir +erglüht ... + +Der Leser weiss den Rest. + +--Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als +ob ich es glaubte. + +Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte +mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten +Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch +einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, +wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt--macht +sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte--und einem Makler, der zwanzig +Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er +allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: »auswendig«--und +da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr +schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht +lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben +nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was +erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich +ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben +hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der +Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern, +meine ich--die folgenden + + + Betrachtungen + + +bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von +Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt. + + + Auf Flügeln des Gesanges, + Herzliebchen, trag' ich dich fort ... + + +»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon +und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu +sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam +werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da +man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren +Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren +Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber +hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch +nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch +das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das +Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui! + + + Fort nach den Fluren des Ganges, + Dort weiss ich den schönsten Ort. + + +Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber +nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt +helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben +Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut +leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das +sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all +dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste +Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte, +so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig +oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene +Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf +ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn +Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich +rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da +vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um +Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen: + + + Dort liegt ein rotblühender Garten + Im stillen Mondenschein; + Die Lotosblumen erwarten + Ihr trautes Schwesterlein. + Die Veilchen kichern und kosen, + Und schaun nach den Sternen empor; + Heimlich erzählen die Rosen + Sich duftende Märchen ins Ohr. + + +Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie +anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung, +ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie +Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas +zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es +niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben, +wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in +dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass +niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste, +um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen, +sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch +mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in +dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen +auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen, +die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr +sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe, +dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben, +faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie +doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und +sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass +diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der +Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na, +noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen +ausgeht ... da haben Sie's! + + + Es hüpfen herbei und lauschen + Die frommen, klugen Gazell'n; + Und in der Ferne rauschen + Des heiligen Stromes Well'n. + Dort wollen wir niedersinken + Unter dem Palmenbaum, + Und Lieb' und Ruhe trinken + Und träumen seligen Traum. + + +Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie +haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen +Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus +fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges +sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind, +wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie +diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie +machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst +das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck, +der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und +dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, +die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der +Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser +giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den +Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, +Christentum und Anstand? + +Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr +achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass +ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte +macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir +heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich +meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage, +schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden +Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen +Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu +Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse +aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es +niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, +denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden +die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen +Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun, +weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in +einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und +sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, +und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck +& Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und +schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen +unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht +ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen +durch günstigere Bedingungen. + +Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns +Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen +gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen +Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie, +dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören +kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die +Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun, +nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen +haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben +Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe +Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich, +nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last & +Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass +ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser +aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als +wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet +und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie +doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles +Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden. + +Ich bin Ihr väterlicher Freund + + + Batavus Droogstoppel. + (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee, + Lauriergracht No. 37.) + + + + + + +ELFTES KAPITEL. + + +»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu +reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir +darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er +scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein. + +--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an +Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz, +alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch +... es steht was darüber im 'Liebig' ... + +--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir +hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering. + +Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier +angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte +herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in +Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen +im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen, +das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran +erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff +dies wohl: sie begriff ihn stets! + +--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von +Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen? + +--Wer ist das? fragte Verbrugge. + +--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben +hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie +verstehen doch? + +--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich. + +--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf +auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise +erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er +wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das +ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese +Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher +Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns +zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist. + +Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht +viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe, +Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith, +Shakespeare, Byron ... + +Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese. + +--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie +denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für +Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben +Sie Miss Mata-api gekannt? + +--Nein, ich kenne den Namen nicht. + +--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.: +»Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie +wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals +habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal +hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen +Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die +Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren, +des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir, +gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ... + +Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein +lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von +der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden +von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf +dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena +von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis +er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort: + +--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas +bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen +gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel +erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von +denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe +wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen, +am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei +das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall« +und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu +haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« +sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens +nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen +mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, +wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine +Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und +lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind +sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal +auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung +für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne +Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken, +aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von +Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den +Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet +vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss +hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch +gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt, +dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten +muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder +als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse! + +--Die Vandalen? + +--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer +im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder +schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem +einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der +Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung +entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger +als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen +beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch +für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum, +Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne +Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie +einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell +Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst +auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt +man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der +Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick +auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer +sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach +der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar +beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich, +dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit +ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten +kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich +spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine +Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, +wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und +dem Publikum zugrinst. + +--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich. + +--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als +Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen +sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux +armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das +Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O, +schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr +oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung +gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu +ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn +man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl +schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor +Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich +sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung +aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben +Sie mir: Stillstand ist der Tod! + +--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen +als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung! + +--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht +von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch +minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie +rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie +mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu, +wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden. + +--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch +nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so +durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle, +aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken. + +--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen, +meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der +18. Februar ... + +--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ... + +--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im +Kastell Fotheringhay eingeschlossen ... + +--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte. + +--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer +ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, +und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen +Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen +auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander +stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und +Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas +unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen +Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen +Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind? + +--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte +Verbrugge belehrend. + +--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie +gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf +diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch +dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem +Boden gestanden. + +--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut +in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es +wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig +nicht, warum! + +--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz +gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss +wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und +ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, +und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den +Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen +diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit +und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das +alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei +Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay +befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es +den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu +gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch +träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken +Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, +weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr? + +--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht +sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer +geguckt habe. + +--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, +das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, +dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem +Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, +was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen +nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der +Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, +die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde +in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz +genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er +wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den +Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie +rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« +Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung +des Gemäldes betrifft ... + +--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, +als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah? + +--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl +mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier +Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor +dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen« +nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie, +welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht? + +--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als +ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass +das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben +Eindruck haben wie von der Wirklichkeit. + +--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten +Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück +Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss. + +--Mitgefühl für den Henker? + +--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit +der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich +in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer +Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, +sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, +und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es +schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der +Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes +Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das +Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der +erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und +liegt sie da noch?« + +--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in +Arles? fragte Verbrugge. + +--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren +Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den +Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen +... da brennt die Stadt ... + +--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz +verloren hast, neckte Tine. + +--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet +es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib +gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und +es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede +folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich +dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt +man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein +Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, +dass die Frauen zu Arles ... + +--Nur ein Haupt hätten alle miteinander? + +--Ja ... + +--Um es abzuschlagen? + +--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen, +aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, +und davon zu träumen, und um ... gut zu sein! + +Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder +besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht +und fuhr fort: + +--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte, +nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das +wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein +Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich, +ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte. + +--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber +ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich. + +--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so +ein Mädchen sich profanieren? + +--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat? + +--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase! + +--Ja, aber ... + +Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen +... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt! + +--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit +verhaltenem Lachen. + +Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich +ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar +klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr +erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles, +hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein. + +Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man +es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung +bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach +dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen +Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt, +und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er +nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern +seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten: + + + 1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist + verrückt. + + 2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase + nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf + Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der + Kartoffel nähert. + + Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die + zweite! + + +--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so +höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich +Ihnen erklären. Tine ist ... + +--Bester Max! sagte sie flehend. + +Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner +Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!« + +Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete: + +--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich +manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf +stoffliche Unvollkommenheit? + +Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört. + +--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die +Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese +Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser +fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich, +ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam. + +--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe? + +--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll +ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich +war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge? + +--Ja. + +--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben +wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal +an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von +Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr +davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, +ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ... + +--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten? + +--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den +Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht +gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine +Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie +zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen +Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, +eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum +dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so +zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen +zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen +und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war +wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das +kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem +Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter +anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu +lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte +angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer +Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit +diesem dummen Datu und seinem Kind. + +Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl +leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar +vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja, +ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit +mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das +lasse ich nun auf sich beruhen. + +Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas +weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich +sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht +hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte +mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat +meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich +selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit +recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in +jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig +oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé, +und das ist manchmal eine recht interessante Sache. + +Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine +Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei +rote, eine schwarze: es war schön! + +Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines +Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat +immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen +Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach +meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war. + +Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden +eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner +und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über +der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt +und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen +in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie +suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding? + +--Was für ein Ding? Die Sonne? + +--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören +Sie einmal an: + + + Du fragst, warum der Ocean, + Der Natals Strand bespült, + An andern Küsten lieb und hold, + So ungestüm hier braust und grollt + Und ewig kocht und wühlt? + + Du fragst--und kaum erhört im Kahn + Der Fischerknabe dich, + So blitzt sein dunkler Augenstern + Hinüber unermesslich fern, + Und westwärts weist er dich. + + Und westwärts bohrt er seinen Blick + Ins Unermessene hinein, + Und zeigt dir, bis ans Firmament, + Nur Wasser, Wasser ohne End' + Und See und See allein! + + Und darum peitscht der Ocean + So wild den Ufersand: + Nur See erblickst du weit umher + Und Wasser, Wasser immermehr, + Bis Madagaskars Strand! + + Und manches Opfer heischte schon + Der Ocean empört, + Und manchen Schrei, erstickt im Meer, + Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr, + Nur Gott hat ihn erhört! + + Und manche Hand, in letzter Angst, + Erhob sich aus dem Grab, + Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End', + Und suchte, dass sie Stütze fänd', + Und sank zuletzt hinab. + + Und ... + + +Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr. + +--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk +zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge. + +--Wie kommt der daran? fragte Max. + +--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das +Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, +die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von +Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern? + +--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine +Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte +Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So +begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele, +Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche, +nichtsnutzige Eva ... + +--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen +Korallen? fragte Tine. + +--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter +dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich +über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin +... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator +war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der +Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger +nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens +»nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder +... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, +dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was +für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein +Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur +reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen, +wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar +Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will, +und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder +er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen +seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär +sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er +da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, +dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, +der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« +oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, +des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran +hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat +man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und +dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden: +sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem +ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe, +um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der +Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von +dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten +liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ... + +--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine. + +--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends +»gemütlicher« ist. + +Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde +ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung +möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte: + +»Es wird nun kühler werden.« + +»Ja, Tuwan!« antwortete sie. + +Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder +und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser, +als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte +... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein +eingebildeter Kerl sein. + +»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?« +fragte ich. + +»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.« + +»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!« + +»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie. + +Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl, +ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich +genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel +Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen +daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die +nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den +ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war, +etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten +von Si Upi Keteh. + +Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich +selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun +wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das +zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch +wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt +verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte +ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische +Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben +irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben +Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden +nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine +Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in +Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie +wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, +vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im +Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche +an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz, +und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich +hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine +Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der +Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung +Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See +verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten +keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu +Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen +wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er +behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie +wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, +von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung +gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip +dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass +man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass +force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu +lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische +Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den +unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir +stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die +Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das +Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken, +oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich, +so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen +lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit +meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem +Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne +einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte +mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, +und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, +um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen +für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank +einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind +schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls +als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss: + + + +»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine +Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war +gering, und zufrieden war er nicht. + +Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass +ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von +roter Seide. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu +war von roter Seide. + +Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und +auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong +über das Haupt des Königs. + +Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener +Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht. + +Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und +auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt +man den goldenen Pajong. + +Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich, +sodass der Graswuchs verdorrte. + +Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht +hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht. + +Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und +hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und +überall umher. + +Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht +der Fürsten, die auf Erden waren. + +Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen +der Sonne prallten von ihr zurück. + +Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und +er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war +er nicht. + +Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde +und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde. + +Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess +die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg. + +Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld. + +Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in +grossen Strömen, doch der Fels wich nicht. + +Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke +seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht. + +Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte, +ich wäre dieser Fels. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er wurde Fels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und +nicht, so es regnete. + +Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit +schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen. + +Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über +mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht. + +Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre +dieser Mann. + +Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du +gesagt hast. + +Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit +schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er +war zufrieden ... + + + +--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis +schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen. + +--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe +nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine +Erzählung zu Ende war, fragte ich: + +»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel +käme, dich zu fragen, was du begehrtest?« + +»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach +dem Himmel.« + + + +--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht +ganz verrückt fanden ... + + + +Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn. + + + + + + +ZWÖLFTES KAPITEL. + + +--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so dürftig. Möchtest du +nicht ... du weisst ja ... + +--Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum Teufel, ich bin +heiser. Verbrugge ist jetzt dran. + +--Ja, M'nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar. + +Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal +ein Mann, der einen Truthahn stahl ... + +--O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es +weiter? + +--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie? + +--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch +jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war? + +--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte +Verbrugge. + +--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war +zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in meinen +geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich +viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig vor! Die +Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme +von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig, +dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass +er Geld zählte oder Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte, +wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl +von einem Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter +nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie +wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt, +auf Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig in den +Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch +häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner +Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgänger +ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat +etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt +ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen für +Bureauarbeit oder für die peinliche Genauigkeit, die für eine gute +Verwaltung von Geldsachen nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei +Tollheiten im Kopf ... + +--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu. + +--Was ist nicht nötig? + +--Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas hergerichtet werden +sollte ... eine Omelette oder sonstwas. + +--Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen Tollheiten +anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist es recht, aber +die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für was entscheiden +Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder für die Historie? + +--Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen Menschen, sagte +Verbrugge. + +--Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, fügte Duclari +hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und +Mevrouw, und: »entre l'écorce et le bois, il ne faut pas mettre le +doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und Angel. + +--Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ... + +--Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette wird doch +wohl soviel wert sein wie ... + +--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wäre! Doch es hat +damit einen Haken ... + +--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach, +lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen! + +--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's +nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, hätte das nichts zu sagen, +aber ... + +--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen? + +--Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen, +sie ist ... + +--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein? + +--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein +müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr! + +--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer +Verzweiflung. + +--Aber Kaffee haben wir, rief Tine. + +--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering +mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, worauf die kleine +Gesellschaft sich nach draussen verfügte. + +--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht +gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben. + +--Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar, +und das hat sie abgeschreckt. + +--O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein +Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren +eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich recht gut. Weisst +du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast? + +--E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«. + +--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas +menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, die das +Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ... + +--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari. + +--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir +haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und darum verlange ich +die Geschichte von dem Truthahn. + +--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das +Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit +noch jemandem. + +--Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft. + +--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen wissen, warum +Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten. + +--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld, +der mich suspendiert hatte. + +--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nächstes +Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge. + +--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte +sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an +meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne, +der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich, +Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«. + +--Und dann das Epigramm? + +--Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt? + +--Ja. + +--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding, +weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss +sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren +Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel +weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert, +und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer +war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl +erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau +weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und +was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des +Generals--wahr gewesen sein kann. + +Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu +gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends +aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss +einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito +so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel +zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit +davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss +einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der +Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch +willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen +auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch +man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer +Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer +oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert +war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb +Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert, +dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung +zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine +ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf +sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte, +an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung +nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen +haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit +kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für +den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch +das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden, +dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu +schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem +Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind +betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt +zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich +wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach +den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte, +kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn +nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken +war--als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm +nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr, +und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre, +dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich +bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er +hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer +einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung, +etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen +mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der +Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder +beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies, +dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und +niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man +einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle +Tage betrunken ... + +--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war. + +--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so +weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das +wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas +Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins +Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen +arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und +ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver, +achtbarer Kerl!« + +--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal. + +--Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal, +wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen +würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie +er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den +Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute +Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird +wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich +mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und +gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der +gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald +niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss +also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn +Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat, +er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen, +ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus +ist er nicht ...« + +Haben Sie nicht so gesagt, Duclari? + +--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen. + +--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm. + +--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm. + +--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie, +Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben +Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen über jemanden, der +recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten +so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert +Grad für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir +schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien +über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich, +dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an +guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist. + +--Auf wieviel Grad stehe ich, Max? + +--Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, Tine. + +--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre +Nullnähe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird +vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: »la pièce!« + +--Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause ist! Nein, +Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, ehe ich nicht noch ein +bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten +bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art +Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken +würde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft über die Massen +heraus, um die üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich +nur gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der +Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass +ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber er ist +ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie darüber so bös sein! Ich +habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mädchen ist!« +Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm +seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen, +und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei, +denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus. + +--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen +stark aufgetragen! + +--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas +kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb« +einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses +bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften +zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität +verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften +etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder +gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt +beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen +wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht +hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung, +dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald +wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre +eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht +länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig +angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur +drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch +meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit, +haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn +bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel +unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit +für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so +wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung--wie ein Jäger, +welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt--auch die +Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen +werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier, +sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war +unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht, +jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren. + +Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken +gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten, +wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das +stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich +überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht +gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre, +wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen +Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess. + +Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse: +Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah +auch gewöhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die +Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch +etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von +Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals +im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen, +als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet. + +Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht +ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur, +dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit +erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach +noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte +sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas +zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach +welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit +in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus +Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen +sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe. + +Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht +gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die +geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus +zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache +zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte +Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was +aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts +untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später +gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension +war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch +des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und +vorher bei mir in Dienst stand. + + + Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert, +Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten, + Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ... +Wenn's nicht schon längst entlassen wär' in alle Ewigkeiten! + + +--Nehmen Sie mir's nicht übel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so +etwas nicht am Platze war, sagte Duclari. + +--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor, +dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete, +Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte +wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte +dem General geschrieben, dass er verantwortlich wäre, wenn ich in +Elend umkäme, und dass ich von niemandem Hülfe annehmen würde. In +den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hörten, wie es mit mir +bestellt war, mich zu ihnen zu kommen nötigten, doch der General +verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte +ich auch nicht verziehen. Überall anderswo hätte ich mich retten +können und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem +mächtigen General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern +zu lassen. Das hat neun Monate gedauert! + +--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der +General viel Truthühner? + +--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal, +nicht wahr? Was ich während dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte +Verse, schrieb Komödien ... und dergleichen mehr. + +--Und war dafür Reis zu haben auf Padang? + +--Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich sage lieber +nicht, wie ich gelebt habe. + +Tine drückte ihm die Hand: sie wusste es. + +--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben +haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rückseite einer +Quittung. + +--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es +bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De Kopiist«, auf die ich +eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der +Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden +die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir +eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich +des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt +blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia +zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf +der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren: + + + Vingt florins ... quel trésor! Adieu, littérature, + Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin: + Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin, + Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture! + Si j'avais vingt florins, je serais mieux chaussé, + Mieux nourri, mieux logé, j'en ferais bonne chère ... + Il faut vivre avant tout, soit vie de misère: + Le crime fait la honte, et non la pauvreté! + + +Doch als ich später in Batavia der Redaktion des »Kopiist« meine +zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint, +dass der General selbst das Geld für mich bezahlt hat, um nicht +gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia +zurückzusenden. + +--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es +war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm? + +--Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte vor Gericht stehen +lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von +Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen +als »Versuch zur Unterminierung der Holländischen Autorität und +Aufreizung zum Aufstand« hätte ausgelegt werden können, oder als +schuldig des »Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er gezeigt +haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte +mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hüten +hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu wählen. Und +mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er sagte nichts, und er +that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht den +mindesten Märtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie +sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglücklich werden durch meine +ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um +ein für alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So +wenig Ermutigung löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten +Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan! + + + + + + +DREIZEHNTES KAPITEL. + + +--Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert +waren? fragte Duclari. + +--O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe, +als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann, +so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte, +als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang +umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem +sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in +den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen. + +Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und +Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf +eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit +Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang--der nun just +mein besonderer Freund nicht war--behauptete, dass ein Fehlbetrag von +Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange +ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich +unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden +zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den +Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird +als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich +nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte--gleich +werden Sie hören, warum und wie--und weil während seines Aufenthalts +zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei +deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt +hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung +auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem +französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer +geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser« +hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich +in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht +den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht +empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen +Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass +ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in +einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste, +ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige +Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich--oder vielmehr +ich merkte es ihnen an--dass der General sehr erbost auf mich war. Ich +sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie +Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als +der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden +hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen, +aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte, +ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen, +und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende +Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien, +wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt, +in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem +anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden +vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo +aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang +bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens +nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner +Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte, +die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass +Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete +mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert +haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der +persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem +Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden +Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar +wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte, +den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben +konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen +Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von +'force majeure'. + +Und, mochte man immer diese 'force majeure' leugnen, wollte man +mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in +Augenblicken, da ich--in Lebensgefahr oftmals!--fern von der Kasse +und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen +musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere +nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer +Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein +hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche +Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die +Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im +Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger +zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden +Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon +sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue« +aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel +geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten +zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten +auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er +achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er +selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse. + +Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein, +wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und +Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder +Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war, +so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese +Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande +zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen +zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die +Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld +verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos, +und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die +Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen +gerettet hatte. + +Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn +indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und +Thor öffnen. + +Nach tagelangem Warten--Sie können sich denken, in welcher +Stimmung!--erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief, +worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine, +mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner +Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen +konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich +die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es +für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund +zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen +Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine +Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die +Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum +Beispiel--Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus +der Natalschen Kasse bezahlt werden--oder sonst etwas derartiges, +das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich +meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte +vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der +General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung +liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich +eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war +ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht +der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung +erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt +hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem +Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste +Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit +und im Widerspruch mit aller Billigkeit? + +Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder +persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr +ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu +Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu, +»sehr verkehrt von mir gewesen wäre«. + +Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in +der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich hatte ihm +widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten +lassen, dass er mir deshalb zürne! Dumm genug, hatte ich in der +günstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein +»Widersprechen« schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig +ich ihn damals kannte. + +Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer +so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war ich mit mir +selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, so gut ich konnte, +und schloss meinen Brief--ich besitze noch den Entwurf--mit den Worten: + + + »Ich habe die an meine Administration geknüpften Bemängelungen, + so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung möglich war, + beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen + wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin + unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe, + denen mich zu widersetzen meine Grundsätze mich nötigen, doch ich + bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit, + stolz auf meine Ehre.« + + +Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer Verwaltung«. Der +Offizier der Gerichtsbarkeit--wir sagten damals noch »Fiscal«--erhielt +den Befehl, betreffs meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen. + +Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, +und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! Man +riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen--ich war +noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen--doch das +wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten, +und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als +dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus +dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt +sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenüber +meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig können Sie +wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegründet die Beschuldigung war, +die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen +Verbrechens, schreibt anders! + +Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen müssen, +wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich +aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne +Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhält und +ernährt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit +doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich +hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben, +dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte +kein Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft +werden mit Hungerleiden. + +Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete, +den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu erklären, weil +Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermächtigung +der Regierung zu Batavia statthaben dürften, hielt mich der General, +wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich +von höherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen. + +Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte--gute Tine, du hattest es +mir gegeben!--zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen +Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte +mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von +Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte ich an Ihrer Stelle +nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben +haben.« Ainsi va le monde! + + + +Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine Gäste von +ihm erwarteten und die Aufklärung darüber geben sollte, in welcher +Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit +»so widersprochen« hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der +Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei +Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief +darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls +in der Absicht, sich nach der Küche zu begeben, die hinterm Hause +gelegen war. Unsere Gesellschaft würde hierauf wahrscheinlich nicht +weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt hätte, +dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu üben +scheine über jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch +den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn +in ein Verhör nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens +wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurück. + +--Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht +einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. Ich habe noch nichts +im Hause. + +--Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete +Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre Autorität +zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste Person hier, und +wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner +Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist noch nicht gewohnt an +die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergnügen nicht +rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest. + +Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autorität gelegen. + +Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal +abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt einem +Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den +beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit +wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den Leser auf +unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen +Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der +Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das Vermeiden der beiden +Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig für jemanden, +der Indien zum Schauplatz seiner Erzählung gewählt hat. Denn während +ein Schriftsteller, der europäische Zustände schildert, viele Dinge als +bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen +lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische Leser diese +oder jene Umstände richtig auffassen wird. Wenn der europäische Leser +sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars »logierend« denkt, so +wie dies in Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich +vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die +in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt, +dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere +Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That +nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe +bekannt mache. + +Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den +»Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er manchmal die Geduld +seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von Örtlichkeiten +zu viel Platz einräume, scheint mir nicht recht begründet, und ich +glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen +Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung +nötig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei +dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht übel aus, +dass er von dir die Mühe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich +die Mühe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor, +bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund +Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mühe des Lesens +wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende +nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darüber, +ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist, +weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder +nicht erforderlich ist für die geordnete Darlegung der Zustände. Und +wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt--von Büchern, +die man nur einmal liest, rede ich nicht--und selbst dann noch meint, +dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck +hätte entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage, +ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht +der Schriftsteller in mehr oder minder künstlicher Weise ihn dazu +gebracht haben würde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem +oberflächlich urteilenden Leser überflüssig erscheinen. + +Meinet ihr, dass Amy Robsart's Tod euch so packen würde, wenn +ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und +meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände--Verbindung in +der Antithese--zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der +unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fühlt +ihr nicht, dass Leicester--dies weiss jeder, der den Mann auch aus +anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman--dass er unendlich +tiefer stand, als er im »Kenilworth« geschildert wird? Aber der +grosse Romancier, der lieber durch künstliche Verteilung der Farben +fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Würde, +den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem +unwürdigen Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen +dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es, +solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er +in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das +daneben Gegebene als überflüssig verwerfen zu können glaubt, verliert +gänzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen, +zu der Schule übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich +floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die +Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten +Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich +selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule--ich hoffe +und glaube, dass sie ausgeblüht hat--hielt es für gemäss, mit voller +Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon +auf das Gemälde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung +sehen möge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen, +diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Züge +zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum wählte +denn auch diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten, +am liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. Sieh, +die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul +... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden +auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von +Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn +du dich nicht bewegen lässest von dem stummen Schrecken einer Leiche, +die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz für ein Schlachtopfer, +das noch ächzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die +vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter, +die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod +dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem +ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du +verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in +einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ... + +Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: »rechts und links +... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes +auf ... marsch!« + +Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was ich so +im Vorübergehen beweisen wollte. + +Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen +Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf seine +Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben. + +Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. Du +verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so +ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu müssen, +aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfällt, wenn er +sündigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel +Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch stärker, und mit +Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich. + +Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege +und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in +die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor, +in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen +weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist, +das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit +eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann +verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür. + +Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und +mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten +werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein +kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten +schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn +wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie +unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist, +dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben, +die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel +wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses +Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und +Verstehen ist Genuss. + +Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege +gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen +ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen +würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den +Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube, +dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben, +den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst, +dir etwas über Havelaars Haus zu sagen. + +Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine +Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine +Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, +vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das +unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern +dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien +kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor, +denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man +hierfür laufen lässt--alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die +indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind +sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus +erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen, +hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste +gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch +mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden +aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt, +und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster +der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest +gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, +wie ich wohl glaube. + +In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch +Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht +haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte +nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten +... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von +allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein längliches +Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben +tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke +und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, +und in dieser Weise weiter. + +Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an +drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen +ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie, +die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7, +9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch +Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten +Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist +eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich +bin recht stolz auf diese Beschreibung. + +Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die +Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe« +knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald, +sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von +dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser +nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck +»Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine +oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen +Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere +sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses +Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher +Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen +Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge +weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert, +weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden. + +Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an +einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn« +stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an +die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung +mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer +bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte, +und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von +Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite +zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an +Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte. + +Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im +Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon +überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den +jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem +Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer +Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte, +nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem +Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes, +selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und +dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame +des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich +abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und +Lesen unmöglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel +Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen +und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn« +beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause +gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor +dem Hause. + +Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie +mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das +Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo +Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter +breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum +Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte +Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw +Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe +nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des +Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der +das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen +Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder +an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom +Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude +erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem +deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen. + +Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, +dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, +am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen +und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame +ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache +redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass +sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern +willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung +zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in +Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering +nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände, +in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden +sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht +»stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie, +dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört« +wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten +Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering +sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders +gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach, +in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger +Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut +wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen +haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken--ohne Liebig, +lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und +man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch +Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt +war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam +blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte, +an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst +keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche +von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine, +wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug. + + + + + + +VIERZEHNTES KAPITEL. + + +--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an +der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke +grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein +geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern +uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu +überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon' +gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also +in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an +das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich +anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren +Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der +dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität +gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, +solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben +zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter +sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, +dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein +Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im +Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür +bestanden als Recht und Billigkeit. + +Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, +sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der +Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich +zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von +atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine +Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen +selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur +nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, +und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen +gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie +wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden. + +Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung +zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie +in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom +Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General +Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das +Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert +aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass +er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung +gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und +was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich +im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und +Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den +Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen. + +Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar +auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang +di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle. + +Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, +der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher +Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel +von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben +waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben +schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar +erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen +angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den +Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie +dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für +die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, +und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim +sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den +battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde +zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge +ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; +Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, +und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling +in Feindschaft gegeneinander zu erhalten. + +Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein +Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte +und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes +zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung +hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den +anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet +wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor +einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen +bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen +überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der +betreffende Häuptling keinen Einfluss hat. + +Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den +Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich +verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe +ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre +1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, +wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich +bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen +und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher +diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer +Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert. + +So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie +bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter +erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von +Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die +battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen +haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft +der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von +selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie +wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt. + +Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, +kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der +Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben +nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der +Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande +gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung +erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und +Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch. + +Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, +dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling +gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier +schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess +ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach +Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur +all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse +niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln +rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein +Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An +Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich +auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies +thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch +zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als +ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert +haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er +frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei +Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, +ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss +ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht +worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von +seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier +kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige +Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit +der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling +zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern +mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung +seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese +Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene +Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine +Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem +diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem +falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine +Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen +Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet, +und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke +nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind. + +Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die +Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir +natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und +gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser +Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, +dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte +Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den +unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des +Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die +Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag +ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die +Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte, +ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen +Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen +der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur +geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte +Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende +Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste +widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement +abberufen haben würde. + +»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all +den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere +Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen +Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die +Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, +wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so +können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.« + +Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen +Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si +Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich +meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku +von Natal. + +»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein +Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht +geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats +anklagt!« + +Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem +»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den +Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden +Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, +nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf +der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, +die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, +seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, +der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, +sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, +hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen +können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und +Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann +einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen. + +»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage +und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten +Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen +worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan +von Mandhéling'.« + +»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil +ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und +Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet +sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java +überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten +dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann +ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses +Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.« + +Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger +zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General +mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen +werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte +augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, +den man so schrecklich misshandelt hätte«. + +»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte +er hinzu. + +Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen +Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also +in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit +Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt +haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein +gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan +Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku +sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort +hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen, +was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen +Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war +in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich +zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser +Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, +was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die +im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, +das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand, +wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe +bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für +seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den +Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon +gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde. + +Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde +nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten, +andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«, +den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine +Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger +der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl +Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der +General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das +Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig +Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von +Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der +Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus +den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs +deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan +gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder +Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte; +dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser +nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass +das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der +Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes +Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas +ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von +Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben +und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen. + +Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die +Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes +Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen, +oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er +sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig. + +Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen +Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist +mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine +Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld +beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei +obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser +... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich +einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben +Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen« +hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen +ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche +Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, +mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. + +--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren, +sagte Duclari. + +--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme +so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser +Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen +wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen, +dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der +General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen +Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn +ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr, +dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten +Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der +General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte +Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den +Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung +und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl, +mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht +so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass +es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, +sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre +und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, +die der Politik des Generals im Wege standen. + +--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge. + +--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General +nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung +zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst +geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat +executio' verliehen hatte, wurde ... + +--Suspendiert? + +--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als +ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend +uns regierte. + +--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden? + +--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind +in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr +angesehene Posten bekleidet. + +--Und Sutan Salim? + +--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde +er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor +in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe +ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor +anstellte, Tine? + +--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen. + +--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren! + +--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind: +darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig +duellierten? + +--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon +gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten +der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die +meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft +ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht +erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes, +der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine +Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche +Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, +begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, +wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und +vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht +also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich +wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt +hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, +und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein +hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem +im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht, +warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun +nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen +Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm +her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier +ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das +war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und +will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht +Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch, +ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen? + +So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das +Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die +»loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur +Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch! + +Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, +weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden +Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue +Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der +Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden +Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von +dort zurückgekehrt war. + + + +Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, +um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten +Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, +als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der +Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen +die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften +Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, +die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch +weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich +das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das +hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu +rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten +gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme +von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu +Rangkas-Betung warteten. + +Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus +und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen +ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, +und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine +Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien +den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars +Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem +Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte +für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars +liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen +am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen +bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen +gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit +Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden. + +Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die +Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, +und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht +mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die +Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die +zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde. + +Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male +in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach +wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer +oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, +das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und +achtete bald nicht mehr darauf. + +Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine +verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die +auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich +sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man +hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten +waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel +zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu +lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm +ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der +Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen +billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich +Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten +ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht +Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine +andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen +Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen +dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf +dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen +Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen +anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem +Max zusammen sein konnte? + +Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: +der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so +viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei +Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für +jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage +bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin +einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also +ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald +über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass +der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass +er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie +begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich +und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser +kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen. + +Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, +doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt +wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden +wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen +können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu +lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer +noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, +wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit +und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, +wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur +unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen +haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und +ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf +die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen +Besitzungen herrschend sind. + +Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der +den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann +in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses +Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn +das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder +zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das +Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten +zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen +kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder +niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal +gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, +der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden +hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen +gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige +Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht +die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert +legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, +so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An +den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige +Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art +Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden +Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, +wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor +allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, +selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, +um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel +gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von +Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine +solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg +zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden +Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, +ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und +also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern. + +Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten +in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach +europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst +würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar +finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die +Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten +Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können, +die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal +die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer, +einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige +Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, +sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel +warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die +Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung +eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht +hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil, +wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich +sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin +oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese +Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach +Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die +Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen, +dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche +warnenden Lehren gegeben werden. + +Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich +zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen +Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut +und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine +völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel, +dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der +Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger +in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine +abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht +hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am +öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu +stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm +hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall +die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder +in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von +diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte +ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen, +und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung +Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten +in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und +zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande +oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der +Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, +dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn, +wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden +Einkerkerung den Vorzug geben. + +Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen +durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt +war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt +hatte. + +Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten +keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel +Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern, +und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, +wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise +zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn +zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die +Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht +entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus +den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der +wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, +was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können +also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner +Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der +Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage, +als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung +beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht +fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles +bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus +dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen +Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem +höchst traurigen Zustande befand. + +Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm, +dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit +den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung, +und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich +gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde, +wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde. + +Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, +sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der +Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von +Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch +nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht +annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei +ergreifen werde. + +Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen +in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob +dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen +zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr +ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir +haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über +die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es +Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also +nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter +Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der +Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, +dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes +Lauf aufzuhalten. + +Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte, +hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei +zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse +überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer +wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht +geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die +Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn +man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch, +dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von +höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf +ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung +Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«. + +Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen +direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die +Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt, +im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu +lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber +nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig +die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu +thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, +die Ursachen hiervon darzulegen. + +Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht +eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem +ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben +bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten +mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein +würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes +zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr +läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun +einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern +zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu +werden, den man pflichtgemäss offenbart. + +Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre +Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten +melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die +selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, +senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an +die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen +Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch +nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen +dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich +behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit +ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele +von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer +Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo +die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, +wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, +Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, +mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht +erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige +Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen +lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich +um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die +mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der +Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der +ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen +werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel +spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, +will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, +der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass +ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, +sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner +Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn +... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass +niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.« + +Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: +»Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen +zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die +Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten +erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« +mit unangenehmen Berichten! + +Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den +Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht +steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch +niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu +entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter +abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung +auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger +weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, +da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die +Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von +Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung. + +Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des +Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch« +zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und +sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von +Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv +nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in +einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte. + +Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, +und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im +Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr. + +Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte +sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen +zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung +meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel +und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man +zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der +Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne +schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote +zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre +rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl +notwendig geworden war. + +Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen +könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot +herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und +dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben +wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in +meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich +gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, +dass sie vorhanden sind. + +Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges +Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher +Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder +nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden +werden kann. + +Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, +der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin +versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen +aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich +weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche +nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java +nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge +viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben +Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java +eingeführt ist. + +Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem +Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert, +und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam +machen. + +Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten +für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat +den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen +Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der +Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe +bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, +dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu +den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von +mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die +Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels +haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand, +Einfuhr: entsprechenden Mangel. + +Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt +sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass +alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen +Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier +keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer +Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die +widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort +ist. Das ist doch Wohlstand! + +Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als +nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen +würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie +ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von +vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten +alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer +Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, +seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten +einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein +anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung +des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die +gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange +unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren +könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, +in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges? + +Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander +folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas +Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als +die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, +die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit +ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes +entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen +und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden +sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur +Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das +Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld? + +Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht +die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit +unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger +Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der +Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene +Häuptlinge handelt. + +Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen +Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten +müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die +Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese +Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, +als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, +das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum +und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung +geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die +nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub +schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der +Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen +Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in +Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber +zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten +politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind +gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse +hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch +darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, +wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber +diesen Häuptlingen fallen sollte. + +Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche +Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den +Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den +Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide +ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick +will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der +sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine +Pflicht gebunden erachtete. + +Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen +andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu +seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen +kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen +vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu +kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl +und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem +eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden +sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele +anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part +eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari +und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell +mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht +dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und +seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester +pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der +auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, +ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil +er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten +die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich +wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie +wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und +Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden +von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich +Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten +war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf +über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, +die solche Tiere schuf. + +Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal +herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder +nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber +... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig, +doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist +gutherzig ... doch er kokettiert damit!« + +Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber +sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich +allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung +der Koketterie? + +Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar, +die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig +haben würde! + +War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho +hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete, +dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den +Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein +derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an +die Gutherzigkeit selbst. + +Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn +ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die +geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits +unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von +seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem +rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht, +wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher +geringen Höhe auch immer. + +Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen +Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht +überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und +Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in +Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne +indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte +er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige +Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig +die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war: + + + --Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör! + Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl, + Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht! + Du hast den ganzen Tag so wild gespielt + Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret. + + --Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick! + Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort, + Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich, + Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier + Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume, + Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör, + Was war das? + --Es war ein Klapper, der da fiel. + --Thut das dem Klapper weh? + --Ich glaube nicht. + Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl. + + --Doch eine Blume, fühlt die auch nicht? + --Nein. + Man sagt, sie fühle nicht. + --Warum denn, Mutter, + Als gestern ich die Pukul ampat brach, + Hast du gesagt: es thut der Blume weh! + + --Mein Kind, die Pukul ampat war so schön, + Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei, + Das that mir für die arme Blume leid. + Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt, + Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war. + + --Doch, Mutter, bist du auch schön? + --Nein, mein Kind, + Ich glaube nicht. + --Allein du hast Gefühl? + + --Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich. + + --Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh, + Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht? + + --Nein, das thut mir nicht weh! + --Und, Mutter, ich ... + Hab' ich Gefühl? + --Gewiss, erinn're dich, + Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein + Dein Händchen hast verwundet und geweint. + Auch weintest du, als Saudien dir erzählte, + Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief + In eine Schlucht hinunterfiel und starb. + Da hast du lang geweint ... das war Gefühl. + + Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz? + --Ja, oft! + Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst, + Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift + Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt, + Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl. + + --Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft, + Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl? + + --Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht, + Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann. + + --Doch, Mutter ... höre, was war das? + --Ein Hirsch, + Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt + Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht + Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind. + --Mutter, + Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich? + Und eine Mutter auch? + --Ich weiss nicht, Kind. + + --Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre! + Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch? + Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke? + + --'s ist eine Feuerfliege. + --Darf ich's fangen? + + --Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart, + Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald + Du's mit den Fingern allzu roh berührst, + Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr. + + --Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht! + Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ... + Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort + Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe. + Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das, + Sind das auch Feuerfliegen dort? + --Das sind + Die Sterne. + --Ein, und zehn, und tausend! + Wieviel sind denn wohl da? + --Ich weiss es nicht, + Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt. + + --Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht? + + Nein, liebes Kind, auch Er nicht. + --Ist das weit + Dort oben, wo die Sterne sind? + --Sehr weit + + --Doch haben diese Sterne auch Gefühl? + Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand + Berührte, gleich erkranken und den Glanz + Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!-- + Sag', würd' es auch den Sternen weh thun? + --Nein, + Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit + Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht. + + --Kann Er die Sterne fangen mit der Hand? + + --Auch Er nicht: das kann niemand! + --Das ist schade! + Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin, + Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann. + + Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl, + Von Sternen, die es fasste mit der Hand ... + Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte + Auch sie und dacht' an den, der fern war ... + + +Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen +Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, +die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner +Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe, +wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen. + + + + + + +FÜNFZEHNTES KAPITEL. + + +Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe +Ungnade der Regierung einigermassen gefürchtet zu haben schien--der +Mann hatte viele Kinder, und kein Vermögen--hatte also lieber mit dem +Residenten »gesprochen« über das, was er »weitgehende« Missbräuche +nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus +beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen +schriftlichen Rapport empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt +und später als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder +jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche +Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr +nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten gewöhnlich +eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natürlich alles +leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen, +die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti +zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. »Nein, der Büffel sei +ihnen nicht abgenommen worden für nichts, sie glaubten ja, dass ein +doppelter Preis dafür werde bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht +von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs +des Regenten zu arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti +sie später reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre Anklage +erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... sie seien +wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen möge für so +weitgetriebene Unehrerbietigkeit.« + +Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage +zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine +schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu stützen, und +ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit +einem ungünstigen Bericht zu »belästigen«. Die ruchlosen Ankläger +wurden mit Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert, +und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen +Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« zu haben. + +Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage +sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder--und das geschah +häufig--wenn dieselben Kläger zurückkehrten und ihre Einziehung +einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen, +um wieder darüber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe +Komödie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen +Menschen gehalten zu werden, der--dumm und bösartig vielleicht--so oft +Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen werden +mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen +Verhältnis zwischen dem vornehmsten Inländischen Häuptling und dem +ersten Europäischen Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen +gegen diesen Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde +aus den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt waren, wo +sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings unterstanden, +den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür angeklagt hatten? + +Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, flüchtete. Darum +schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum +waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufständischen in den +Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an +die Häuptlinge gefragt: »Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen +in den Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche +anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidul vor?« + +Doch nicht jeder konnte flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens +den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd, +ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte ... er +war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten, +dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen +Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rückkehr +in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprügel erspart, +die die Strafe sind für jeden, der einen Augenblick meinen mochte, +dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die +Strafe für den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte, +dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen +und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ... + +War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am +andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte--wie dieser ihm +abends sagen liess--und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung +zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung hinunterführen würde, +gewohnt, Überbringer zu sein der brüderlichen Grussgeschenke der Haie +im Binnenlande an die Haie in der See? + +Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem +Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen +und hierin einer höheren Macht verantwortlich sei als der Macht +einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb, +doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man, +wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darüber, +nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte? + +Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als +»älterer Bruder«, und wer meinen möchte, dass ich in Eingenommenheit +für den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach, +übermässig herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher +Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er +ihm für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange +darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur Verbrugge--als +Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als +also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu fürchten war--wie +dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief: +»Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!« + +Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er +hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel +drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit +sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt +und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in +benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel +Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der +Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen +zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit +dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von +Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger +erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen +waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte +die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig +zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig. + +So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und +noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde. + +Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die +Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten +fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein +Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich +sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf +das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen +unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde +ersparen können. + +Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit +der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden +werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur +auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie +dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier +vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich +mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten, +mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte +und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.« + +Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er +zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf +unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er +gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör +ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in +der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen +Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch +wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und +Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder +zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie +richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge +aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag, +den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar +nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass +sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden +war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen +verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches +Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch +das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr +Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede +von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung +auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand +sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den +eigenen Kopf geschlagen hatte. + +Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie +da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen +... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau, +wann sie ihn allein lassen musste. + +In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur +bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand. + +--Das ist eine schwierige Sache, M'nheer Havelaar, sagte er +eintretend. Sehr schwierig! + +Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung +enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von +Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser +finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas +schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere +ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage +gefunden haben würden. + +Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut +worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den +Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten, +die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür +auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und +des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den +ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch +unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen +Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten +werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung +selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit, +die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es +wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so +menschenfreundlich auf dem Papier aussehen. + +Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude +errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der +Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den örtlichen +Preisen der Materialien und von der Höhe der Arbeitslöhne am +Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer +genauen Untersuchung diesbezüglich beauftragt und ihm anbefohlen, +die Preise der Wahrheit gemäss anzugeben, ohne Rücksicht darauf, +was früher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden +war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht übereinstimmten +mit den Angaben, die einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun +nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für +Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was +hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass +er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen +würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstücken +eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu +sein scheint. + +Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz +über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts +angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier +eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der +amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile, +nicht allein mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von +dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist, +mit denen jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und +ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte. + + + »Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. März 1856. + + An den Kontrolleur von Lebak. + + + Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom + 16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie + ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem + Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen, + was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb. + + Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich dessen, + was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der + Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung + und im Auftrag derselben zu liefern sind. + + Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem--und wie + ich glaube, nach Ihrem besten Wissen--Folge gegeben, so dass + ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten, + diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten + unterbreitet habe. + + Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses, + No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird bezüglich + der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen + und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines + Gefängnisses gezahlt wurden. + + Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen + mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was + Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die + Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben + vom 5. dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich + besprachen. + + Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung. + + Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des + Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der + Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich + gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen + zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit + lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas, + das ich in Kürze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach + freundschaftlich warnte. + + Halbheit führt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr + ist unwahr. + + Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen, + vollständigen Eide thue man seine volle Pflicht. + + Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze ihn. + + Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu + ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich + selbst, die eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist, + gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und + überall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu + »schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf + dem rechten Wege antreffen wird. + + Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim + Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von + Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend + sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit + darauf angespielt. + + Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen von Mangel + und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir eingegangen war, + und ich darauf schrieb: »Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es + ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptsächlichste Wahrheit. Die + Hauptursache sitzt tiefer«, stimmten Sie dem in vollem Umfange + zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern, + dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten. + + Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und + unter anderm den, dass ich es für unbillig hielt, auf einmal + von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle + ebensowenig sich reissen würden, Sie zu zwingen, so auf einmal + dem gewohnten Laufe der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet + zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist, + als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich + erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher + es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb. + + Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter + meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt + die Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die--es sei denn, + dass ich irre--zuguterletzt triumphieren werden--jetzt wünschte ich + doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die + wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene Kraft erwürben, + die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus + sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar + jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur + darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen. + + Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollständige Angabe + dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint + zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854. + + Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses + Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu + kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt + haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage, + als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss + die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger + Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten + erzogen wurden. + + Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn + Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement + unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu + folgen, gegen den ich mich auflehne. + + Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen« + begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie + unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit« + anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser + langweilenden, sinnstörenden Titulatur. + + + Der Assistent-Resident von Lebak + + Max Havelaar.« + + +Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von +Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte, +als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe +aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten. + +Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt, +um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von +dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere +Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten, +der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste, +dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise +von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also, +dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte, +die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch +mit der Furchtsamkeit derjenigen, die--wie sehr auch sie selbst diese +unreellen Handlungen missbilligten--sich nicht berufen oder geeignet +erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten. + +Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen +zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit +des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene +Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig +zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht +vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder +der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners, +der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner +angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese +armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen +zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten? + +Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine +Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis +grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem +Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am +liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er, +der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den +schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der +Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite +ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein +Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde +verraten können. + +War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine +mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn +aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt, +dasitzen sah? + +Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit +derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen +Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen hatten. Nein, +zur Not würde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hülfe von +andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer, +die dieses Rechtes bedürftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss +auf das Volk er hatte, und wie--wenn einmal die armen Unterdrückten +aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie +ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten--er wusste, +wie er die Macht hatte, auf ihre Gemüter zu wirken, und wie die +Kraft seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache +von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass seine +Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, hielt ihn +also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten +anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte +er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung, +abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte. + +Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn +wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen +Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt, +den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen +Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu +glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der +vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend +machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl +seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr +für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon +gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie +ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier +das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass +er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht +überzugehen--des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen +müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere. + +Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der +Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde, +und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese +Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger, +als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen +es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er +das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon, +als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war +bei all seinem Scharfsinn? + +Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war. + + + +Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung +bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen +muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es +denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung +neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren +Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten +des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu +lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf +die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher +Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem +noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über +sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine +Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis, +der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich +nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt +den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor +sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem +Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen +Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen, +mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein. + +Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens +die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines +Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann +wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an +vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an, +dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen +unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu, +dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt +sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und +tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor +allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist, +hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner +hohen Berufung zu genügen. + +Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum +erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt, +in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues +Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des +Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen +sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen +Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde, +was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er +ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können, +was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar +selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen. + +Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich +übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es +schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen, +die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des +Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich +lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen +würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der +Generalgouverneurs meine ich angeben zu können: + +Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn. +Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der +durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten. + +Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf +und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit +vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz. + +Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang--vielleicht gar als +Ursache dieses Übergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden. + +Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für +diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als +sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der +ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später--nach der +Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um +deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht +in der Absicht sich zu bereichern«--z. B. einen Büschel Bananen im +Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden +in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld +hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend +welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können, +wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn +der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen, +was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr, +ad libitum. + +Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem +Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung +vorzubeugen ... + + + +Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden +müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne, +um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt +die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die +Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung +frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel +zu suchen? + +Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil, +der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die +Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil +dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in +Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit +der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor +der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen? + +Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er. + +Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es +ihm geholfen? + +Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er. + +Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit, +Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des +Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen +von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen +Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie +verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife! + +Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu +ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten« +und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der +kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb, +durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken +trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines +blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken +schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man +geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser +des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es +ihm geholfen? + +Wenn ich also gehört werden will--und verstanden vor allem!--muss +ich anders schreiben als er. Aber wie dann? + +Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat +mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff +deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben, +wie du es wünschest. + + + +Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen, +an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog +Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der +ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte +an dieser Krankheit gelitten!--schon so häufig hatte er das alles +wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut +bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur +beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten +andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch +der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde. + +Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein, +wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner +von Lebak würde auftreten müssen. + + + + + + +SECHZEHNTES KAPITEL. + + +Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm +mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch +darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er +wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen +grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong +solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen +würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden +mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann +vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den +Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich +tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige +Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu +besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste +er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben, +unter dem die Bevölkerung gebeugt ging. + +Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck +auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht +der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch +ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund +gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht +thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt, +vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern +derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin +auch nur zaghaft und verstohlenerweise. + +Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend, +wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie +gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die +mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn +sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums +Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und +er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem +Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war, +und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom +Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis, +dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten +raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars +Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen, +dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der +Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies +hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar +zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass +sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen +würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten, +wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an +dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen +und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch +der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte +er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von +Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der +Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er +bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und +zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung +zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung +der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge +den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen, +und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden, +dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die +Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde. + +Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte, +erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung +eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner +Bemühungen. + +Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen +Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah +in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und +den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin +Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen +Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte, +so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von +zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben, +denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind +für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt: +dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem +Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben, +und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist. + +Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ... + +Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel +minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten, +von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich +dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die +Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde +ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum +Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines +gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des +Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis +sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich +abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu +die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals +das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe +sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los +gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich +die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der +Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen +Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder +verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den +Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen. + +Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar +Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in +Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres +Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise +zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum +wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die +Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von +dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und +wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen, +ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den +diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm +dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also +nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-, +ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche, +leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt +wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich +bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr +ausgesetzt sind? + +Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen +Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt, +die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd +sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich +bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen, +die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen +Personen so besonders schwierig machen. + +Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies +dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie +ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java +Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia, +Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande +genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet, +und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen +Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung +eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten +Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als +mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den +eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer +gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu +Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird +wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in +zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen +Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus +berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss, +wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden +sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist, +der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen, +dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak, +dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa +verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den +Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich, +die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich, +ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre +Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg +erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum +Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen +Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung +Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft, +die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und +oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis +von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals +Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen +Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis +auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der +rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit +ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten, +der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der +Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu +verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie +unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde. + +Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der +Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen +doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur +von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in +Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt +sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien +selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich +stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze +Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu +verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht, +als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner +Rede behandelt. + +Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft +wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft, +indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz +abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine +Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt +machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage +nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt, +sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes +beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person +ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in +Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus, +dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer +trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar +scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner +Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird, +wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung, +wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs, +der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines +Ministeriums für die Kolonien zu setzen. + +Es ist eine eigentümliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer +Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht +man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis +zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein +kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht +darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die +Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man +sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie +Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine +Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man +annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn +nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher +Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer +fallen würde--sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem +Gegner günstig erwiesen. + +Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in +Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach +der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen, +was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen +soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so +mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen, +doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend +einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in +Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates +gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in +Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder +mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist +betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil +aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel +gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur +zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören. + +Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten +Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein +Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies +anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass +man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht +noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium +für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für +den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind. + +Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer +Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen +erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem +die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des +Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien +und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt, +zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für +sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den +Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang, +und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren +ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass +Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des +Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu, +»dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete +seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte! + +Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak, +Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen +eintöniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt übergehe. + +Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der +Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den +Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur +Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht, +um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss +fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den +Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund, +der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht +ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat, +ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper, +auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich +auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss +das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last +zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in +steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der +Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt, +sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb +entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe +weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht: +der Baum schnellt zurück--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach, +die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen +Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in +dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres +Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel +Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift +sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch +einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen. + +So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will +ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der +Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von +Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings, +wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird +sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie +schwarz--und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug, +ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie +darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung. + +Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig +sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser +dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit +verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis, +Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere +Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren +haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand +Seelenvortrefflichkeit. + +Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so +weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel +aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der +Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde +her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn +ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause, +sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da +verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln +und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich, +o Niederländer!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen +lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man +seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über +so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der +Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich, +dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den +König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich, +in deinem schönen Reiche Insulinde!« + +Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der +Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl +überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven +in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen +Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den +weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit +B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als +... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf +der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt +mit Sinken? + +»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!« +habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn +ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz +bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern +geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen +und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn +der Kaffee steht sehr gut. + +Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel +wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel +gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht +recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit +seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz +macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die +in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind +das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz +äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen +gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen +in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz +bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das für +nützlich in Geschäften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal +grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den +Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann +kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser +Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei +ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss +man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo +es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die +Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe +noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt +Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit +betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht +gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für +die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch. + +O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch +schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler +in Kaffee--und für andere--dann hätte ich's lieber selbst gethan. Doch +hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und +das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin +aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem +Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal +mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat, +dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen +toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken +lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie +gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur +deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker +macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei +ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich, +als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht +der Fall, denn sie machen in Zucker. + +Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib +kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun +schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch +hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht--steht es ihm wohl gut, +dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine +Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur +werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine +ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte +geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O, +damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein +General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des +Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er +hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich +ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre +und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck & +Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die +haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss, +weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman +wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind. + +Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der +Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte +von Lot--hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine +Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte +zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen +nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste +ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb +mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was +immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit +ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte +lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie +mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe, +dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche +Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das +sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser +Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in +der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten +angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen, +auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter +anderm ein französisches Lied singen hören--von Béranger, glaube +ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend +an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne +Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anständig ist. + +Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen +hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein +Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein +Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer +im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt, +denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die +Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter, +die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette +Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom +Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel +auf Sittlichkeit. + +Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz +sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er, +da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies, +denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar +klagt über seine Anmassendheit--über Fritzens, meine ich--in der +Katechismusstunde, und der Junge scheint--natürlich wieder aus dem +Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben, +die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist +rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei +Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal +neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines +Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von +Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige +Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach +dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit +Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot +des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu +fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist +für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein +junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie +und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen +Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind +für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter +den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick +zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...« + +»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.--Leser, +was soll ich mit dem Jungen anfangen? + +Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist +ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O, +junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie +vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie +bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt +werden zu den Böcken auf der linken Seite ...« + +Da brach der Taugenichts in Gelächter aus--Fritz, meine ich--und auch +Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem +Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe +gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt, +die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll. + +Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem +Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und +Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was +gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn +ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen +Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger +Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott +alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet +nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom +Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das +kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen +arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang +pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut +da drüben. Das ist Gottes Wille so!« + +Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn +es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine +Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während +die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas +geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die +Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten, +haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen, +der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der +Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich +gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch +den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin +ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die +vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so, +als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung +eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes, +der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist +das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da +drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren +Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten +sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen, +das kein Vaterunser kennt? + +O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie +leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in +den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach +Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft, +die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit +seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist +bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen +sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als +ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint +zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von +Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu +beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von +schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline +keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und +am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um +und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art +trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas, +die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn +er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der +Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich +so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist, +und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags +gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So +ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen +hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte +an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock +laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul, +dünkelhaft und kränklich wäre. + +Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um +Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern +Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem +kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah +entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich +bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der +Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden, +kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer +von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher, +dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem +Solitärspiel finde. + +Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und +hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held +der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher +gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann +später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das +Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr +wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und +wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles +aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im +Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin +dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich +habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen +Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und +nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit +mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich +und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen +suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte, +habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden +meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich +aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat +der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der +Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise +habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre +1848 von all dem Murren zu denken hatte. + +Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko« +offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so +schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas +davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit +den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil, +sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er +Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen +Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht +hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer +über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass +für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu +verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul, +dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm +nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der +Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten +sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam, +wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen +sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich, +aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf +Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es +muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm, +das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so. + + + + + + +SIEBZEHNTES KAPITEL. + + +Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als +nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm +abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein +Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, +dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des +Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten +und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte. + +Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, +die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches +Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist. + +Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine +Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, +und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah. + +Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen, +wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde, +denn darauf steht Gesetzesstrafe. + +Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater +war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder +um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit +Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der +am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden, +für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte. + +Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen +Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: +Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der +javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, +anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, +links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, +das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist. + +Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast +sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme +schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu +geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen, +scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das +Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite +Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten +lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund. + +Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes, +das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen +an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war +mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um +die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube, +dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser +zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl +für ein gutes Wort. + +Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser +Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang +abgenommen wurde. + +Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne +Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--für achtzehn +Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel. + +Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern +Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden +war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen +habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage +hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er, +dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das +Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm. + +Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem +er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen, +lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte. + +Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war. + +Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des +Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell +eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so +leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem +auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl +war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war +willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich +Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen +die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch, +dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn +die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen +undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern +mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte +ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt, +dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern. + +Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig +am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so +grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich +nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, +der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht +versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben +Ausdrucks erspare. + +Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil +er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre +Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen, +denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er +schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn +den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte +... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen, +sodass das Zahnfleisch bloss lag ... + +»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah, +fliehe! da ist ein Tiger!« + +Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich +auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über +Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes +Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und +schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen. + +Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel +bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein +unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und +ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ... + +Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss +um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod +wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine +Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft +überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende +Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine +ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über +das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang +... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihn mit seinen +Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger +ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem +Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem +User-useran dieses Büffels! + +Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ... + +ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist! + +... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre, +und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie +hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen, +und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah +sehr traurig gesehen. + +Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter +am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres +geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während +sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass +es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft +mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit +in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib +ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische +Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und +sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier +doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, +dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er +auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet +zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter +war, die ihn schlachten liess. + +Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er +hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht +bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel +zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und +ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten +dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt +er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten +Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten, +und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen +Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es, +dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak +und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er +wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen +hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde +er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was +nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde, +in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten +begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb. + +Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich +nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit +leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit +Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck, +wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak. + +Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg +verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren +Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren +seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle +als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt, +der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last +hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es +wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück +Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf +diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel +zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem +Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der +Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit. + +--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug +sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben! + +--Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du +wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und +batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit. + +--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde? + +--Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen +werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt. + +--Und du selbst? + +--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher! + +--Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ... + +--Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen? + +--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei +dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume +gegeben hast. + +--Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich +bei dem Ketapan zu erwarten? + +Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte: + +--Zähl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser +Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei +jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben +eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem +Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist? + +--Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein, +wenn du zurückkommst. + + + +Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das +sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen Leinwand Adinda, +damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur. + + + +Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das +derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, +wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er +Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später +kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines +so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt +mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb +dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht +marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch +bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den +grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte. + +In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er +ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies, +wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla +kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte, +hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia +etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es +kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es +ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das +Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm +unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden, +weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und +auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war, +da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war, +dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch +selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten +sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass +sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten. Er +hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen +Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum +verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das +Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von +Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte, +als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von +diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er +nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun +dort unter dem Baume Adinda seiner harren. + +Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde, +wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse +Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das +ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen +Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel, +so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte +daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer +Beherztheit sagen? + +Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten +Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal +gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff +nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so +nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn +nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie +da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er +nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal +ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz +zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang, +den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, +weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine +Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war's möglich«, +dachte er, »deswegen bös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch +einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklich hierdurch +die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch +die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den +kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--hätte +ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen +benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um +Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als +wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten +bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem +Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, +denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?« + +So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen +Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie +sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im +Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem +ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst, +etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es +schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem + Vater, Salz zu machen. +Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins + tiefe Wasser, werden Haie kommen. +Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird +den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt? + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, + weil er matah-glap war. +Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke + Holz auf meinen Leichnam niederfallen. +Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, +die Wasser werfen, um den Brand zu töten. + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als + er einen Klappa pflückte für seine Mutter. +Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen + an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah. +Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre +werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!« + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, + denn seine Haare waren weiss. +Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen + um meine Leiche stehn. +Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, +und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut. + Ich werd's nicht hören. + + + + Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. +Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete + sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund. +Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah + ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist, +Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird + leise über das Gras schleifen ... + Ich werd' es hören. + + + +Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in +Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah +nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch +kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die +andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung +stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, +denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und +an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in +Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher +nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe +begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er +gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn +und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders +zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue +gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den +Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen +des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler +Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte. + +Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem +Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass +er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, +und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise. + +Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber +dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas +ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die +Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen +Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er +an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges +gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube +es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, +um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war +noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene +Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher +aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit +einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In +den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von +silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel +war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda! + +Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug +er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren. + +War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt +als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen +Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen +sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss +in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, +da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie +er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident +vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu +Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War +es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die +ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul +sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die +Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen +sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf +öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines +Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach +Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen +sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte +auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger +Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass +man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde? + +Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte +den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen +zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die +Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte +sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den +schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen +auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem +Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz +aufzog als Kind, wenn er--wie war's möglich!--sie plagte, und den +Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah +ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie +der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss +und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am +Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ... + +Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz +andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, +Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim +Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt +von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des +neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!« + +Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und +die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem +Wege erzählte. + +Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, +der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald +sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, +am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und +betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit +an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, +den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak +zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, +das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der +Ketapan, den er suchte. + +Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte +als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert +hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit +allen Kindern--Knaben und Mädchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie +ihm die Melatti gegeben. + +Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den +Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen +Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob +Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde +in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, +wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte +... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt +haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters +Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine +Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, +was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder +treu gewesen wäre. + +Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem +Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher +jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er +selbst dem Wiedersehen mit Adinda. + +Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern +des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht +schon am Tage vorher gekommen? + +Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen +Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem +Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner +Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn +zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er +auf sie warten müsste. + +Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne +aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die +Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, +beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde +... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, +die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren +Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im +Osten ein glühender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und +wieder über den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder +und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen, +der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg. + +Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute +schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen +Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief +Adinda! + +Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen +können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte +die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre +Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch +fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein +Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem +sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein. + +Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock +sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich +sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt +waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass +sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt +fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen +Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde +vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah. + +Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit +fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, +dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb +... wegblieb ... + +Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken +klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu +blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, +doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen +Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen +mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und +vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem +Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und +Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, +das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda! + +Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch +unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank, +als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in +menschliche Sprache zu fassen. + +Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst +schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald +sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge +über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn +willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und +ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern +an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während +der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich +an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines +kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch +umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad, +der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne +wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so +gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten +sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn +es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!--und sie +hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater +war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda! + +Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über +den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum +gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil +Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minder +betrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, +das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ... + +Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum +leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh. + +Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin +und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein +Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt +und Bewegung--kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es +und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken +Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange +der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald +äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner +Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen +zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung: + + + Sieh, wie der Badjing Atzung sucht + Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts, + Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder: + Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel. + + Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch' dir Heil! + Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ... + Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, + Wartend auf Atzung für mein Herz. + + Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ... + Lang' schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ... + Doch immerdar noch ist meine Seele + Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda! + + +Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum +leitete. + +Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, +weil es warm zu werden begann: + + + Sieh, wie der Falter dort rundflattert. + Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume. + Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte: + Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen. + + Viel Glück, mein Falter, ich wünsch' dir Heil! + Sicher wirst du finden, was du suchst ... + Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, + Wartend auf die, die mein Herz lieb hat. + + Lang' schon hat der Falter geküsst + Die Kenarieblume, die er so lieb hat ... + Doch immerdar noch ist meine Seele + Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda! + + +Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum +leitete. + +Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in +der Luft. + + + Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe, + Hoch über dem Waringi-Hügel. + Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen, + Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten. + + Viel Glück, o Sonne, ich wünsch' dir Heil! + Was du suchst, wirst sicher du finden ... + Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, + Wartend auf Ruh für mein Herz. + + Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein + Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ... + Und immerdar noch wird meine Seele + Und mein Herz bitter betrübt sein ... Adinda! + + +Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan +leitete. + + + Wenn nicht länger Falter werden rundflattern, + Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen, + Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird, + Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind, + Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ... + Wenn die Sonne verkehrt wird laufen, + Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ... + Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist, + Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln + Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb. + Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ... + Meine Seele ist bitter betrübt ... Adinda! + + +Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem +Baum leitete. + + + Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden. + Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen: + + "Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen, + Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume. + Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen, + Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war. + Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben, + Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!" + + Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich öffnen, + Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ... + Noch einmal will ich die Melatti küssen, + Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda! + + +Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem +Ketapan führte. + +O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von +all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher +hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es! + +Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht +scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte? + +Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der +Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen über Adinda, +nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein, +sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen! + +Er sollte warten, warten ... + +Aber wenn sie krank wäre oder ... tot? + +Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der +von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts +und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es +standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: +»Saïdjah, Saïdjah!« + +Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, +Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das +Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich +vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu +sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein +Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog +er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an +seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte, +und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!« + +Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit +Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, +dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht +im Dorfe Badur sei. + +Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den +Büffel weggenommen hatte ... + +ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist! + +... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes +Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es +säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er +seine Landrenten nicht bezahlen konnte ... + +weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist! + +... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda +mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs +Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er +Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder +nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch +in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen, +dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in +den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, +Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die +durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden +waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht +bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers +gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und +liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie +sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die +europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an +der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den +hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der +Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über +offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde. + +Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm +sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht +völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem +Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise +durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter +der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach +nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um +ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus. + +Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den +armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach +er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme +aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben +soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den +Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die Genesung Saïdjahs zu +bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht. + +Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom +Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, +wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil +so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der +bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die +durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten, +wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden +Bergspitzen berechnet. + +Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt! + +Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches +strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er +suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden +Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte +gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte, +wenn sie sich schlafen legte ... + +Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu +Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine +geöffneten Lippen und atmete sehr tief ... + +Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der +Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die +Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum, +um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen +konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt, +zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ... + +Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines +Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte +er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die +Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die Niederländische +Herrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an, +weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war +sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit. + +Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, +schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das +Niederländische Heer erobert war und also in Flammen stand. Saïdjah +wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils +aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter +den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den +Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der +Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, +Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam +Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ... + +Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende +Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende +gemacht zu haben schien ... + +Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem +Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden +Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich +mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen +Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen +die Brust vordrangen ... + +Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den +neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der +Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb +heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt +sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener, +belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen. + +Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der +Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man +vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten +hatte unter dem Banner der Niederlande ... + + + "Doch Gott, der alles Weh ersicht, + Erhörte dieses Tages Opfer nicht." + + + + + +Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, +als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges +zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der +Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte +ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu +hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich +begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde +stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit +der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch +empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, +wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen. + +Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor +mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis. + +Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb +hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs +ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, +ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, +weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda +die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ... + +Dies alles weiss ich nicht! + +Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass +es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung +im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, +dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern +von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat +vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem +Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof +gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, +in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, +Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der +die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, +wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung +in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von +Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift +der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine +ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in +den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt +ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen +lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der +Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren. + +Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu +beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah +erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda +in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und +mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, +dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht! + +Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, +weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein +samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, +die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen +Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der +mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die +die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht +niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin +dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst +oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der +Wirkung--wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden +nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein +Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren +Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, +um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu +lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm +die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld--oder +die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid +der Lüge borgen muss? + +Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine +Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen +können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe +wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und +Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wäre +immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen +die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen +Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, +besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer +nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der +Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, +wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese +singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ... + +Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im +Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, +dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es +sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder +solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber +Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen, +die nicht sentimental sind? + +Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit +der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem +Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser +Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf +ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen +gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält, +wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine +"weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers +von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet +wurde: eine Note, die vor mir liegt! + +Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch +Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben. + +O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart +gestraft. Er wurde ermordet. + + + + + + +ACHTZEHNTES KAPITEL. + + +Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine +in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering +trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu +wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies +dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor +eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte, +dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen +entlang nach Havelaars Haus zurück. + +»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar, +und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone, +damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf +einem Erbe, das früher das ihre war: + +--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die +Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben +gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas, +was man in der Küche braucht? + +Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher +Zug, der Havelaars Blick nicht entging. + +--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk! + +--Gewiss, das giebt's überall. Doch wenn man es den Menschen so +schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw, +erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht +üben über das Erbe! + +Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in +ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die +Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des +Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre. + +--Er wollte Gerechtigkeit üben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme +Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der +die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in +Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe +gefunden haben im Archiv? + +Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften +vor mir liegen. + +--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe, +doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die +Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten, +den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten +alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung +der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls +keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den +Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging +kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im +Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in +erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen +deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er, +der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war. + +--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar. + +--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er +bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor +meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde +wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können, +und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein +Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum +habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen +verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen, +und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe, +damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten. + +Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene +Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche +machen wollte, »die doch so geräumig sei«. + +Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an +den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei +Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war +nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war +Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu +meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich +auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich +glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken +zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch +wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung +des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine +ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt +doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an +einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen +konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren, +der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der +Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein +und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der +Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen +zu vermuten. + +Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger +vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat, +diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen, +dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung +sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten. + + + +Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab: + +--Woran ist M'nheer Slotering gestorben? + +--Das weiss ich nicht. + +--Ist er vergiftet? + +--Das weiss ich nicht, aber ... + +--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge! + +--Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer +Havelaar, und ... und ... + +--Nun? Weiter? + +--Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch +länger hier geblieben wäre. + +--Schreiben Sie das auf! + +Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt +vor mir! + +--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und +erpresst wird in Lebak? + +Verbrugge antwortete nicht. + +--Antworten Sie, Verbrugge! + +--Ich wage es nicht. + +--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen! + +Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir! + +--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage, +doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass +Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht +wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund +dessen, was ich stets Halbheit nannte? + +--Ja! + +--Schreiben Sie das auf. + +Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir! + +--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug. + +Und Verbrugge konnte gehen. [6] + +Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit +besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war, +schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer. + +--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit +Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an. + +Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und +rief schluchzend: + +--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken +zusammen! + + + +Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht +zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles? + + + +Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift +gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter +denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu +haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus +hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog, +den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch +nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu +betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte +Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner +Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen, +doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die +Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu +lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht +sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen. + +In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften, +die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube +ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu +dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie +diese Änderung bereitwillig hinnehmen. + + + + »No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856. + Geheim. Eile. + + An den Residenten von Bantam. + + + Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich + mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die + Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen + gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des + 'Pundutan' und dergleichen erfüllen. + + Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität + und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess, + die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits + weit überschritt. + + Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren, + und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch + Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um + mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen: + dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte + Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt + würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die, + wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in + Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete + von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor, + zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit + grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der + Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status + seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche + Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge + zu treffen. + + Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon + geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit + gegenüber weiteren Fällen. + + Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder + Ungesetzlichkeit. + + Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den + Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand + Kenntnis verschafft. + + Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler + Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich + kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen: + + + dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta + Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch + ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten, + und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung + von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich + festgestellte, unausreichende Bezahlung; + + dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen + Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den + genannten Thatsachen. + + + Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die + Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen: + + + 1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile + nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder + vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch + Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen, + die ich werde einholen müssen; + + 2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu + nehmen; + + 3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren + Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss + auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung + ausüben könnten; + + 4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von + dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen. + + + Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben, + den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen. + + Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die + Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die + Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt + der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste + im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls + sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert, + dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist + (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei + und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut. + + Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit + dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus + der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das + eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit + dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht, + ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar.« + + +Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein, +der Herr Slymering, privatim! + +Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art +und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt +wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der +Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis +gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu +»schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden +Geschäften störe«! + +Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige +Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und +traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des +Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den +Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . +. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . + +Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser, +dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die +Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen +der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen +bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken, +dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er +so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre, +drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die +wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach +der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn, +schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst +recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler +in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn +man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich +das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe +es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch +einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der +Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann +zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau +zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib +weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag +Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst +nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen +und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne +stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge +habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte +also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von +selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah +ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes +Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche +Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr +schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf +dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche +Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und +... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen +Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und +es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf +losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass +Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von +derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem +schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die +Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und +darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen +will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein +Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken +besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin +und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau, +wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus, +als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe +ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich +gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn +auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir +eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen +Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig +gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann +führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah +ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über +diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer +unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht +auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen +im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass +die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens +war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name +angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt +von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein, +der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau +des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden, +der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne, +der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass +der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl +sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte, +indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum +HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie +die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch +vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre +Schande für die Familie bedeute«. + +Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da +in diesem Briefe stand. + +Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare +Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder +das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss +also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen +Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse, +und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren, +weil unser Geschäft so flott geht. + +Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es +gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett +gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind +wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, +mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der +Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die +sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau +und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und +meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte, +brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich +sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung +ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan +zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in +der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich +ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf +den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den +Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich +alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir +gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich +würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in +enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran, +dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, +die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das +nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte, +als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen +Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich, +weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe, +dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz +offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem +Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen. + +Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei +einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun +auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich, +ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte +sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine +rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu +besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst +blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das +Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, +eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu +sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und +ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt +wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte +wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein +noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und +auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, +gerade wie der Kutscher. + +Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des +Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran +ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im +Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an +all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich +brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer +sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran +that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person, +die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über +sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft +Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte +seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus +dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all +diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu +sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr +zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem +Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich. + +Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie +erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch +wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen +nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den +Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an +die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis +dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und +rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug +von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte, +als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein +Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen +ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang +geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch +ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er +Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck & +Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte, +denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge +ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen. + +Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr, +der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die +Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm +für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen +anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen +Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er +konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er +sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee, +den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, +dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der +eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern +möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass +der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert +hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden +Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch +sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon +gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel +um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre, +und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube +im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem +er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu +kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle +Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich +nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet« +vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so +wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor +Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele +wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor +allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren +und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist. + +Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der +Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen +und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig, +mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen +nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn +als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof, +einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste, +die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns +mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und +ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden, +wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns +da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, +denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu +kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat +war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation +schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk +Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und +ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich. + +Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer +so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, +als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in +gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel +seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen +zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine +Frau fand es auch. + + + + + + +NEUNZEHNTES KAPITEL. + + +In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte, +teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner »dringenden Geschäfte« +am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was +gethan werden müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche +Erwägungen zu bedeuten hatten--sein Vorgänger hatte so oft mit dem +Residenten von Bantam »abouchiert«!--schrieb den nachfolgenden Brief, +den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben +sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar +zu diesem Schriftstück erübrigt sich. + + + »No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856, + Geheim. Eilig. abends 11 Uhr. + + + Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive + No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts: + + + dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen + Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von seinem + unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides + verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen + des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdächtig hielte + der Erpressung. + + + Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen + Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke, + nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen + Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung + einzuleiten über die Begründetheit meiner Beschuldigung und + meiner Vermutung. + + Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe + ich zu diesem Entschluss kam. + + Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich + getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten + Regenten vor Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst + vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar + voraufgehende--Ursache zu sein. + + Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene, + tief niedergebeugte Bevölkerung, ich dachte an die Notwendigkeit + eines Beispiels--denn viele andere Bedrückungen werde ich + Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von + mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende + macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher Überlegung habe + ich gethan, was ich für Pflicht hielt. + + In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes + Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen + hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese + Sache lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen. + + Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just + darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden, + um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren. + + Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer + Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der + Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar + der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall + meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten + Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege + abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg + hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem + Namen--es war am 12. dieses--ausdrücklich für diese Diskretion + Dank gesagt. Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche + zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung + durch einen eben gehörten Vorfall überlief, als längeres Schweigen + Mitverantwortlichkeit bedeutet hätte, da war diese Geheimhaltung + meinethalben nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen + habe ich Pflichten zu erfüllen. + + Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern + unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene + hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen wäre. Und würde + oder wird es mir möglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe, + »was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein + Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter + dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen, + dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle + Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau + und Kind ... wird es mir möglich sein, das alles zu beweisen, + wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt + und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'? + + Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an + seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der + Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten + immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden, + den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge würde + sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich + ein leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort ein + unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger auszudrücken. + + Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses + Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich + kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten' + nennen könnte, und ich besitze diesen Geist nicht! + + Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« wäre behandelt + worden, lässt mich Befürchtungen hegen vor einer mündlichen + Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe, + ist wahr. Doch vielleicht würde es unwahr scheinen, wenn die + Sache in einer Weise behandelt würde, die die Offenbarwerdung + meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der + Regent von hier entfernt ist. + + Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen + in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten + Express mich befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher + meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam + werden und versuchen wird, wenn möglich die Beweise seiner Schuld, + tant soit peu, zu verwischen. + + Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine Missive + von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei + ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag + enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und + die von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu machen. Ich + vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein für das, was ich + vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der + Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, öffentlich, + und vor allem frei--zuzustimmen belieben. + + Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt + ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts + Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige + und verdächtig erkläre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn + er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus + dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt, + dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe. + + Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs! + + Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben + und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er + berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine 'Nächsten' sind, + vergewaltigt werden und ausgesogen! + + Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass + die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut + gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für + mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch + Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde, + die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis, + durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wäre. + + Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen + offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen + dieses Versäumnisses. + + Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die + Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und + mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung + Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an + ihrem Wohlergehen nagt. + + Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu + ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz + nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung, + Rapport und Vorschlag--gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten + von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung, + von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich + dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern, + No. 88, mitteilte. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar.« + + +Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der +Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem +Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit: +was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob +er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der +Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete +er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die +er--für den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche +zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars +vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche +Handlungsweise ihm bekannt wurde. + +Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als +gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war +denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete +durch 'Schippern' und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe +zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen +offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache, +noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die +»Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war +erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit +willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu +vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten +beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende +Schimpfworte geschlagen hat. + +Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht +habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge, +dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen +Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand +ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene +Erwägungen oder 'Rücksprachen' zu so unerhörter Pflichterfüllung +hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen +wahrheitsgemäss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den +Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der +Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich +sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu über, +diese Briefe zu verlesen. + +Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu +beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht gelogen +haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die Wahrheit +des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser +Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer +vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da, +wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar davon +Gebrauch machte? + +Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es würde ihm +angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke zurücknähme, um sie +als nicht geschrieben betrachten zu können, was dieser mit höflicher +Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte, +ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts +anderes übrig bliebe, als eine Untersuchung über die Begründetheit +der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen +müsste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen +Halt geben könnten. + +Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornsträuchen +in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen geklopft haben, +wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören können! + +Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio, +Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt +hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht, +der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ... + +Havelaar antwortete: + +»Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt, +die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich +klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang, +ich werde die Begründetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu +die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich +bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!« + +Wie Verbrugge aufatmete! + +Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand! + +Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit--denn höflich und +wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen, +von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser +Höflichkeit blieb dieser unerschütterlich. Das Ende war, dass +der Resident sich darin fügen musste, und als Bedrohung sagte, +was für Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann genötigt sähe, +die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten. + +Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den +Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und +nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen Tische der Havelaars +ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurück, mit grosser Eile: +Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe. + +Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen +Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier +abschreibe: + + + »No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856. + Geheim. + + + Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O, + geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend: + + + dass Sie Gründe hätten, nicht den Vorschlägen Gewähr zu geben, + die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses, + No. 88 und 91, machte; + + dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht hätten; + + dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen + umschrieben sind, nicht billigten; + + und zum Schluss einige Befehle. + + + Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz + mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu versichern: + + + dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer Autorität + respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlägen + Gewähr zu geben oder nicht; + + dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls + mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären + Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer: + bei allem, was ich nicht thue und nicht sage. + + + Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen vertrauen. + + Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu + protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung + bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines + einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet, + gesprochen oder geschrieben. + + Ich habe die Überzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe, + sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausführung + angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne + die mindeste Abweichung. + + Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst: + bevor ich »untersuchte, rapportierte und Vorschläge machte«--und + wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte + ... aus Übereilung fehlte ich nicht. + + In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas schneller + jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und lassen. + + Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre etwas + missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die + Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht, + ein Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein + Stotterer für das seine--wäre es das immerhin ... doch nein, + dies kann es nicht sein, aber wäre es auch so: ich habe meine + Pflicht gethan! + + Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid, + dass Sie hierüber anders urteilen--und was mich selbst angeht, + ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung + meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und + ich habe Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde, + welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine. + + Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht + also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss + ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass + man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von + sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn + mir zu erkämpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach + siebenzehn schweren, mühevollen Dienstjahren, nachdem ich meine + besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für meine + Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot + geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine Gedanken, + Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren oder Spaten, + wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft + meiner Seele. + + Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von + Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich + bin also verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und + Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb, + Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen: + + + es möge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch + die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen + Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben + sind, gutheisse. + + + Oder aber: + + + es möge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung + aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden + Punkte der Missbilligung. + + + Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung + zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen könnte von meinen lang + durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten + Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es würde dies nur der + rücksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie + in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar. + + + + +Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns der +Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen +machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nämlich +in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfüllung und +Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung +bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle +Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube, +ich habe nicht nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die, +wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen +muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch +ein »abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach der +Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, dass es +keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen! + + + +Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der +Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht. + + + +Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur +Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute, +die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm +ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe sprechen. + +--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch +verraten Sie mich nicht. + +--Was? Was soll ich nicht verraten? + +--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem, +was ich Ihnen jetzt sagen werde? + +--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort. + +Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass +nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er +gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er ihm gleichzeitig +ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge +wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Gründe den +Residenten hierzu veranlasst haben könnten. Havelaar war entrüstet, +allein ... er hatte sein Wort gegeben. + +Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm +vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern +zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme, +ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden. + +--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf! + +Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor mir. + +Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so leicht +allen Ansprüchen auf juridische Echtheit der Geschichte Saïdjahs +entsagen konnte. + +Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris +Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer +Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte! + +Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzähle, +Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten, +er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstücke, die vor mir +liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete +... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende +Aufzeichnung mit: + +»Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter +des Niederländischen Löwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident +von Djokjakarta zu sein. Ich würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge +auf die Lebakschen Angelegenheiten zurückkommen können.« + + + + + + +ZWANZIGSTES KAPITEL. + + +Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar +zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild' +ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau« +nicht finden konnte. + +--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die +Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of +beauty' von Hogarth, nicht wahr? + +--Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander. + +--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine +Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, +wo du das gestickt hast, Tine! + +--Ich nicht. Wo denn? + +--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil +der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte, +und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn +zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei. + +Tine stand auf und küsste den Kleinen. + +--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind fröhlich, +und die rote Frau war komplett. + +--Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter. + +--Ich, sagte der kleine Max. + +--Und was bedeutet das? + +--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen. + +--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich. + +Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem +gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien, +denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört. + +--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar. + +--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von +Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen. + +Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie +abgebrochen waren. + +--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch +nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart! + +--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun +können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist +alles binnen kurzer Zeit geregelt. + +--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte +Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich +dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch +mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak +lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen +Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: +man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, +wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ... + +--Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von +hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur +bist. + +Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser +Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ... + +Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte. + +--Lieber Max ... begann sie freundlich. + +--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst +du leben von Sand? + +--Lieber Max! + +Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging +zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in +einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, +doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde: + +--Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich +nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das +arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, +dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ... + +Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, +einem Brief, der vor mir liegt, Leser! + +--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu +kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von +den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die +Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das +sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere +Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, +um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts +zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand +essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht! + +Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so +sprach mit ihr, die er so lieb hatte. + +--Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur +Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen +Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so +werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, +da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und +wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit +Frau und Kindern!« Ja, ich hör' es wohl, ich hör' es wohl das Rufen +nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her! + +Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte. + +--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, +der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter +gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass +das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, +o Max, zeuge du dann davon, was ich litt! + +Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf +den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie +zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, +die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete +Entscheidung von der Regierung. + +--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen +Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht +empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel +an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel +hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon +als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, +die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn +nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, +wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen +und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei +Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss +also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ... + +--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam +geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen +mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen +möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des +... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen +gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die +Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, +man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben +werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der +Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit +kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man +selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ... + +--Da kommt die Post! rief Verbrugge. + +Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, +einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an den +gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar: + + + »Kabinett. Buitenzorg, den 23. März 1856. + + No. 54. + + + Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung + von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke + gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, + dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine + Unzufriedenheit erregt. + + In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle + Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr + erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den + Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte + Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten. + + Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, + ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das + Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm + beschwerlicher Untersuchungen zu machen. + + In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre + Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger + noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge + einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten + von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, + doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen + Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets + günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig + vernichtenden Behandlung zu unterwerfen. + + Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt + zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, + dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene + Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf + die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war. + + Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr + leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der + Binnenländischen Verwaltung schliessen. + + Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung + des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben. + + Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger + Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden + wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der + Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher + vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten + von Ngawi betraut. + + Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, + ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt + bleiben können.« + + +Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit +und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er +desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien +unterzeichnete. + + + +--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, +und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück +mit Duclari las. + +Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari, +ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus: + +--Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe +gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt +Ihnen solch einen Brief! + +--Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein +ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch +vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er +ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir +kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die +Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt! + +--Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ... + +--Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen +Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den +Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen, +was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen +sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun, +als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein, +dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter +sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel +Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung +zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi +zu gehen. Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her, +er ist für mich freigemacht! + +Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post +angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den +ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident +dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die +vakant war. + +--Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach +dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von +Madiun, wozu Ngawi gehört, ist der Schwager des vorigen Residenten +von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten +Vorbilder gehabt hätte ... + +--Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum +Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen, +ob er sich vielleicht bessern würde! + +--Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte +er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit +abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von +ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme +Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch +vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, +so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal! + +--Lieber Max? + +--Du hast Mut, nicht wahr? + +--Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin! + +--Also! + +Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens +ein Muster von Wohlberedtheit: + + + »Rangkas-Betung, den 29. März 1856. + + An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien. + + + Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive + vom 23. ds., No. 54, zu empfangen. + + Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer + Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des + Landes Diensten zu verleihen. + + + Max Havelaar.« + + +Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds +nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die +Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte +doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen +weniger Tage in Lebak an. + +--Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine. + +Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung +vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger +abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz +anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen +Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch +noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den +Kontrolleur Verbrugge: + + + »No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856. + + An den Kontrolleur von Lebak. + + + Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom + 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten + verabschiedet bin. + + Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang + dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort + niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion + zu erfüllen, ohne Beamter zu sein. + + Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben, + und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten + nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus + Ursachen untergeordneter Bedeutung wartete ich die Ankunft meines + Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald--wenigstens + diesen Monat noch--eintreffen würde. + + Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht + so bald erwartet werden kann--Sie haben, meine ich, hiervon in + Serang Kenntnis erhalten--und zugleich, dass es den Residenten + verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der + ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung + Ihnen übertragen zu dürfen. + + Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich + brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe, + nicht anders dienen zu können, als ich es hier that--ich, der ich + für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer + für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem + Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit + vertrauten--mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!--dass + ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an + meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sache mir + schwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen + und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, + solange ich nicht meines Amtes enthoben bin. + + Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich Klägern + Antwort zu geben hatte. + + Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune + seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich--unvorsichtig + genug!--mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des + Gouvernements. + + Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen + und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und + ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und + Menschlichkeit. + + Und man fuhr mit Klagen fort! + + Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive + dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer. + + Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung, + Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und + Kind Hunger und Armut entgegengehe. + + Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte + nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die + Verwaltung will, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine + Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande + und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs. + + Hören Sie, was ich den Leuten antwortete: + + + »Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach + Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über + euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet + vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht + noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, + ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!« + + + So meinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte + gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu + bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung, die mich + noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft + meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer + Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem + doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen. + + Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende + Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet + ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, + ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen--wie man mir + rapportiert--ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu + bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sich wieder zu mir und + erklärt: dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren + wage. + + Was ich nun diesem Mann antworten soll, weiss ich nicht! + + Ich kann ihm keinen Schutz mehr geben ... ich darf ihm meine + Ohnmacht nicht gestehen ... ich will den angeklagten Dorfhäuptling + nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als + wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen + wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ... + + Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten + von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung + der Abteilung Lebak. + + + Der Assistent-Resident von Lebak, + + Max Havelaar.« + + +Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies +alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim +Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten +Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung +fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen. + +In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit +der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing. + +Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll, +wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrüssen, +und Max empfing manchen beredten Händedruck ... + +Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ... + +Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm +verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte. + +Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein +anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden. + +Seine Excellenz »sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem +Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«, +und könne also auch Havelaar nicht empfangen. + +Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung +hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf +die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn +er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche +'Überhäufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun +natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit: +er wartete! + +Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man +gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne, +weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden +Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«. + +Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe +Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte +zwischen zwei 'Überhäufungen'. + +Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen +werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft +an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann +und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um +die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde +schien man ihm nicht geben zu wollen. + +Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den +er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen +Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht +mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass +einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies, +um nicht aus dem Mangel buchstäblicher Übereinstimmung bei diesem +Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen +offiziellen Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine +fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht +hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen +genauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen +können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich +korrekt war der Inhalt also: + + + + »Batavia, 23. Mai 1856. + + + Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen + gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu + werden, ist ohne Erfolg geblieben. + + Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten + Ersuchen um Audienz Folge zu geben. + + Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig + bei dem Gouvernement aufgenommen sind«--das sind Eurer Excellenz + eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen + Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern + gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und + für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer + Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hört man + zum mindesten. + + Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife + ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen + haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht. + + Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht + verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine + Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht, + mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut. + + Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz + Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind durchweg + erdichtet und lügenhaft. + + Ich kann dieses beweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer + Excellenz mir eine halbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn + Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit hätten finden können, + um recht zu thun! + + Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch + an den Bettelstab gebracht ... + + Gleichwohl, hierüber klage ich nicht. + + Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von + Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane + gebeugt geht ... und darüber klage ich. + + Das schreit zum Himmel! + + Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen + indischen Soldes, Excellenz! + + Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese + Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht + für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache + der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache + wohlerfasster Politik ist. + + So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, + von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird + beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet + zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, + die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, + in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in + der Bevölkerung umgeht. + + Max Havelaar.« + + +Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht. + +Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes +bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen +trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort, +ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz +zur Ruhe begeben ins Mutterland! + + + +Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ... + +Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist +nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich +ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte +dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich +liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist +genug, Stern, du kannst gehen. + + + +Der Shawlmann und seine Frau ... + +Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher +Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum +Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen +Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde! + + + +Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder +auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese +Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles. + +Dieses Ziel ist zweiteilig: + +Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als +heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem +Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein. + +Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand. + +Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden! + +Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern, +die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von +Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen, +von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an +den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich +für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande +... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen +... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich +den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das +Göttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und +Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem +sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am +lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs +... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen, +was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von +Niederland gehört ... + +Ja, ich werde gelesen werden! + +Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir +nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben, +dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt' den +Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das +Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art +und Weise beurteilen wird, wie ich mein »Halt' den Dieb!« hinausschrie. + +»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt +... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein +Talent ... keine Methode ... + +Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt! + +Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich! + +Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird +sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht, dass ich gehört +werde. Und das will ich! + +Doch ihr, die ich euch störe in euren 'Arbeitsüberhäufungen' oder +in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet +nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie +könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer +Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke +geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im +Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die +Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten +vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu +bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ... + +... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten +gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum +Aufstande zwang. + +... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man +durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die öffentliche +Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft. + +Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette, +und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer! + +Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir +fort und fort nicht glaubte ... + +Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich +kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa +zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht. + +Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain: + + + Es liegt ein Raubstaat an der See, + Zwischen Ostfriesland und der Schelde! + + +Und wenn auch das nichts fruchtete? + +Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische, +Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ... + +Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter +der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli! + +Rettung und Hülfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf +dem rechtmässigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss. + +Und das würde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der +Niederländischen Handelsgesellschaft! + +Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer +wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines +Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter. + +Dieses Buch ist eine Einleitung ... + +Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es +nötig sein wird ... + +Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde! + +Nein, es wird nicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch, +Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, +Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE, +das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ... + +Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher +Wille ist: + +Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und +Droogstoppels? + +Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen +misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen? + + + + + + + + + +ERLÄUTERUNGEN ZU INDIISMEN. + + +V. KAPITEL. + + +Seite + +49 Radhen Adhipatti Karta Natta Negara: die drei letzten Worte +bilden den Namen, die beiden ersten drücken den Titel aus. Nach +den vielerlei Titeln von mehr oder minder scheinbar-unabhängigen +Fürsten ist der eines Pangérang der höchste. Er könnte etwa "Prinz" +bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit einem der regierenden +Häuser von Solo (Surakarta) und Djokja (Djokjakarta) entlehnt ist. Der +nächstfolgende Titel ist der eines Adhipatti, oder vollständig: Radhen +Adhipatti. Radhen allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der +jedoch noch ziemlich hoch über dem Gemeinen steht. Etwas niedriger +als die Adhipattis stehen die Tommongongs. Der Adel spielt in dem +Niederländisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle. + +58 sawahs, gagahs, tipars: Reisfelder, unterschieden nach der Lage +und nach der Art der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die +Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit der Bewässerung. + +58 padie: Reis in der Hülse. + +58 dessah: Dorf. Anderswo: negrie. Auch: kampong. Der inländische +Ursprung der beiden letzteren Wörter steht nicht ausser allem Zweifel. + +61 alun-alun: ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebäuden, die +die Wohnung eines Regenten bilden. Gewöhnlich stehen auf solchem +Platz zwei stattliche waringi-Bäume, aus deren Alter sich erweist, +dass nicht sie auf den alun-alun gepflanzt sind, sondern dass die +Regentenwohnung in ihrer Nähe, und wahrscheinlich gerade wegen ihrer +Nähe an dieser Stelle errichtet worden ist. + +62 mantrie: ein inländischer Beamter, dessen Stellung ungefähr als +die eines "Aufsehers" bezeichnet werden kann. + + + + +VI. KAPITEL. + +66 sarong: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres +über die Indische Kleidung unter sarong in den Erläuterungen zu +Kap. XVII. + +66 sirie, pinang, gambier: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und +Kalk den für den Javanen unentbehrlichen Betel-Kautabak bilden. Auch +die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der +braune Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefärbt durch die gambier, +färbt aller Lippen und Zähne. Schön steht dies gerade nicht, doch für +sehr mundsäubernd wird das Betelkauen gehalten. Der Genuss von sirie +mit seinen Zuthaten ist so verbreitet, dass der europäische Begriff +"Trinkgeld" durch das Wort wang sirih, d. h. Siriegeld, ausgedrückt +wird.--Die sirie ist das Blatt eines Rankengewächses, das nicht viel +stärker ist als unsere Erbse und dem Pfefferbaum so ähnlich ist, +dass der Uneingeweihte diese beiden Gewächse schwer unterscheidet. Es +ist verwunderlich, dass man die sirie so wenig in der Zahnheilkunde +anwendet, da sie doch eine säubernde, zusammenziehende Wirkung übt und +der Geschmack nicht unangenehm ist. Die gambier hat, wie es scheint, +eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der pinang +oder areka weiss ich nichts Sicheres hieraufbezüglich anzugeben. Die +pinang oder areka ist eine Nuss, ähnlich einer Muskatnuss. Doch der +Baum, auf dem sie wächst, ist eine Palmenart. + +66 slamat: Gruss, und in diesem Fall das sehr eigenartige +Kompliment--Zusammenfaltung--das in dem Text beschrieben wird. Frage: +besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen slamat, selamat +und dem Wörtchen Sela, das so oft in den Psalmen vorkommt? Man +weiss, dass nach den Riten des Orients gottesdienstliche Übungen +bestehen aus Gebeten und Gesängen, mehrfach unterbrochen durch +vielerlei Geberden und Komplimente im ursprünglichen Sinne des +thatsächlichen Zusammenklappens, des Sich-Zusammenfaltens. So +etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen der Psalmen, und diese +Vermutung wird verstärkt durch die Beachtung der vermutlich näheren +Bedeutung des Wortes slamat oder selamat. In Zusammenhang gebracht +mit Slam oder Islam--durch Buchstabenversetzung verwandt mit mosl, +muzl = Muselmann--würde vielleicht als ursprünglicher Sinn sich +herausstellen: der feierliche, ceremonielle oder rituelle Gruss, und +das würde vollkommen der Bedeutung entsprechen, die das Wort Sela in +den Psalmen füglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen +Belehrung gern zugänglich sein. + +68 kidang: eine Art Hirsch mittlerer Grösse. Viel kleiner, nicht +grösser wie ein mittelmässiger Hund, sind die kandjiels, Hirschchen, +die sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit +auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft +nicht am Leben erhalten werden können. Der kidang jedoch scheint, +ebenso wie die meisten Arten unserer Hirsche, sich leicht anzupassen. + +71 tudung: die in Form einer grossen, runden Schüssel geflochtene +Kopfbedeckung der Javanen; der Tudung schützt sowohl vor Sonne wie +vor Regen, vor dem der Inländer eine lächerliche Furcht hat. Man hat +in Europa schon Gartenhüte gehabt, die den Tudungs ähnlich sind. + +76 Melattiblume: die melatti ist ein kleines weisses Blümchen mit +starkem Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse +Rolle in Balladen, Sagen und Legenden. + +76 kondeh: das auf dem Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das +jedoch niemals durch ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern +stets durch eine Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der +Kondeh ist auch niemals 'chignon', sondern stets echtes Haar. + + + +VII. KAPITEL. + +84 pajong: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des Sonnenschirms +deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell festgelegten +Bestimmungen, den Rang des Häuptlings an, dem ein solcher Pajong +nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den höchsten Rang an. + +85 tandu: Tragstuhl. In anderen Provinzen auch jolek, djuli und +ähnlich. + +90 Patteh, Kliwon, Djaksa: Inländische Häuptlinge. Der Patteh steht +dem Regenten zur Seite als Sekretär, Botschafter, Faktotum. Der Kliwon +ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den Dorfhäuptern; +gewöhnlich hat er die Aufsicht über die Öffentlichen Arbeiten der +Gemeinde, Verteilung der Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes +u. s. w. Der Djaksa ist Polizei- und Justizoffizier. + +90 mantrie: Inländischer Beamter, etwa: Aufseher. + +91 gong und gamlang: Musikinstrumente. Der gong ist ein schweres +metallenes Becken, das an einem Strang hängt. Man spielt den +gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz- +und Stroh-Instrument. Es hätte an dieser Stelle wohl gleichfalls +von anklung gesprochen werden dürfen, einem Gestell nach Art eines +Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es sei darauf +hingewiesen, dass die Benennungen von all diesen Instrumenten +Onomatopöen sind, die den Klang geschickt nachbilden. Der gong +klingt stark, gewaltig und kriegerisch. Anklung und gamlang (gamelan) +dagegen sanft und lieblich, doch sehr melancholisch. + + + +VIII. KAPITEL. + +106 Dhemang: Distriktshäuptling. Im zentralen und östlichen Java +heisst dieser Beamte Wedhono. + +107 padie: Reis. + +108 Bandung: Abteilung (Regentschaft, Assistent-Residentschaft) +in den Preanger-Regentschaften. + +108 patjol: Hacke, Karst, meisselartiger Spaten. + +108 banjir: Sturmflut, Sturzflut. Über diese Naturerscheinung hat +Multatuli ergreifend berichtet in einem Schriftchen: "Zeige mir den +Platz, wo ich gesäet habe!", dessen Titel dieser Stelle des "Havelaar" +entlehnt ist. Näheres über die Schrift in meinem Biographie- und +Auswahlbande, und zwar in der Ersten Auflage auf S. 82 u. 83; bei +der veränderten und in Neudruck befindlichen Zweiten Auflage dürfte +die Stelle sich etwas verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in +einem späteren Bande noch veröffentlicht. + +109 dessah: Dorf. + +109 kris und klewang: Waffen. Über kris siehe unter Kap. XVII. + +112 maniessan: Süssigkeit, Konfituren. Der Genuss desselben beim Thee +ist chinesischen Ursprungs. + +112 Radhen Wiera Kusuma, Distriktshaupt von Parang-Kudjang: der +im "Havelaar" oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des +Regenten. In seinem Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete +Vergiftungsaffaire. + +120 djimats: Briefe oder andere Gegenstände, die aus dem Himmel +fielen und Schwärmern und Bauernfängern zum Kredit verhalfen. Tout +comme chez nous! + +121 garem glap: Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz +ist in Indien Regie. Es wurde in der That an der Südküste von Lebak +viel Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht übel zu nehmen, +wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten, +um einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen +Preis bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung +als unbillig und vor allem grausam gegenüber Strandbewohnern, denen +das Seesalz ins Haus spült. + + + +XI. KAPITEL. + +157 datu: Inländischer Häuptling. + +159 Ophir: Wir finden diesen Namen auf den meisten Landkarten, +und--wahrscheinlich weil der Berg, der so bezeichnet ist, weit von +der See her zu sehen ist--auf allen Seekarten. Doch das Wort Ophir +ist bei den Inländern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefähr +in der Mitte der Breite des Landes, eben nördlich der Linie liegt: +Gunung Passaman. Wie also die Kartographen, die offenbar einander +nachgeschrieben haben, die Benennung Ophir verantworten können, weiss +ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg mit der Gegend +in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische König Hiram für +Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und Edelsteine holen liess (I. Könige, +IX, 28; X, 11). Es ist sehr gewagt, dies auf Grund eines einzigen +Wortes zu thun. Und überdies, woher stammt das Wort Ophir? Wer hat +den Gunung Passaman zuerst so genannt? Der f-Klang lässt an Araber +denken. In den "Arabischen Erzählungen" wird Sumatra von Sindbad dem +Seefahrer besucht. + +165 baleh-baleh: Ruhebank aus Bambus, Pritsche. + +165 klambu: Gardine. + +165 pajong: Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal für den Rang. + +166 banjir: Sturmflut. + + + +XII. KAPITEL. + +169 traussa: ist nicht nötig! + + + +XIII. KAPITEL. + +196 sambal-sambal: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit +sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den sambals, die dort +genossen werden, würde Bände füllen. In wohlhabenden Familien erfordert +diese Unterabteilung des täglichen Menüs die ausschliessliche Hingebung +eines Bedienten, und bei Reichen ist hierfür eine Person nicht einmal +hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so viel als +möglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das Uneingeweihten nicht +essbar vorkommt, z. B. unreife Früchte und verdorbener Fischlaich. Die +Bereitung all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert +ein wahres Studium. Auch ist für baren (Neulinge) bisweilen einige +Übung nötig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte geben der +indischen Küche den Vorzug vor den vielerlei Arten europäischer Küche. + + + +XIV. KAPITEL. + +199 Jang (njang) di Pertuan: "Er, der herrscht". Wenn ich mich +nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur ein Häuptling, der diesen +Titel trägt. Tuankus (myn-heer, mon-seigneur) giebt es viele. Beide +Benennungen sind malayisch--die letzte Silbe des Wortes Tuanku kommt +mir gar javanisch vor--und da der Jang di Pertuan ganz speziell der +vornehmste Häuptling in den Battahlanden ist, so scheint diese Würde +ursprünglich durch malayische Unterjocher eingeführt zu sein. Die +Wurzel der Benennungen von autochthonen Würden und Titeln müssen stets +in der ältesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur von +verhältnismässig jüngerem Ursprung als die unwillkürlichen Laute, die +durch äussere Ursachen Lunge und Kehle entfahren, als die vielerlei +Benennungen für "Wasser", als die Andeutung von Terrainbesonderheiten +oder Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung. + +201 Padries: wir nannten so die Atjinesen, die damals kurz vorher +die Battahlande zum Islam bekehrt hatten. Das Wort muss wohl Pedirees +bedeuten, nach Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das +Wort 'Atjin' ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene +Entartung. Aus 'Atjeh' machten wir 'Atjehnese' oder 'Atjinese', +wodurch das Grundwort selbst in 'Atjin' sich veränderte. Litterarischer +Purismus ist hier nicht angebracht. + +Die Beweise für den im Text berührten Fanatismus laufen übrigens ins +Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die Einführung des +Islam--der zugleich Vermehrung des Salzgebrauchs zur Folge hatte--dem +Menschenfressen grossen Abbruch gethan hat. Dass diese Gewohnheit +in der Gegend von Penjabungan--dem Zentrum unserer Herrschaft in den +Battahlanden--noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer diese +Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich für eine Lüge. Sie knüpft +an das Erlebnis, das sie in dieser Sache gehabt zu haben behauptet, +eine Anekdote, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn trägt. Man +habe sie geschont, erzählt sie, wegen der Spasshaftigkeit ihrer +Bemerkung: sie sei "eine bejahrte Frau und deshalb zu zäh". Als sie, +einige Jahre nach mir, mit Battahleuten in Berührung kam, war die +Anthropophagie in diesen Gegenden ausgerottet, und zwar durch den +Einfluss derselben Völker, die wir jetzt im Namen der Civilisation +bekriegen. Wann und wo hat Niederland je mit seiner Religion und mit +seinen Waffen wie in diesem Fall sozusagen im Umsehen einen ganzen +Volksstamm von Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht? + +204 sewah: die Waffe der Bewohner Sumatras, wie auf Java der kris. Der +sewah ist ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an +der Binnenseite der Krümmung. Die ursprüngliche Absicht bei dieser +Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in der +Hand verborgen werden kann, während der sehr stumpfe Rücken gegen +den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm verdeckt wird. Der +Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner bewaffnet ist, +als bis dieser--nach einer eigenartigen, behenden Bewegung von Puls und +Arm in drei Tempis--ihn trifft. Ganz abgesehen von dieser Geeignetheit +als Mordwerkzeug ist der sewah das symbolische Merkmal der Freiheit +und Männlichkeit. Wer ein malayisches Haupt gefangen nimmt--wie es +unter den auf S. 205 beschriebenen Umständen meine verdriessliche +Aufgabe war--fordert ihm seinen sewah ab. + +Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist, +heisst krambièh und dient ausschliesslich als Mordwaffe. Sie ist +kleiner und noch viel krummer als der sewah. Der Griff besteht aus +nicht viel mehr als einer ringförmigen Öffnung, in die der Mörder +seinen Daumen steckt, während die Klinge ganz in oder hinter der Hand +verborgen bleibt. + +226 tikar: kleine Matte. Die Benutzung von fein geflochtenen Matten +auf den Bettmatratzen ist in Indien ziemlich allgemein, und wird, +weil sie kühl bleiben, für gesund gehalten. Die Herstellung dieser +Matten und anderen Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie, +in der sich vor allem die Makassaren auszeichnen. + +227 klapper: Kokosnuss. Auch klappa, kelappa. + +227 pukul ampat: "vier Uhr". Dies ist der Name eines Blümchens, das +des Nachmittags um diese Stunde sich öffnet und gegen die Morgenstunde +sich wieder schliesst; ampat heisst: vier, pukul: schlagen, Schlag, +Glockenschlag. + +227 Saudien oder Sudien für Si-Udien: ein sehr häufig vorkommender +malayischer Name. Udien, Udin (das arabische Eddin) ist wahrscheinlich +verwandt mit gleichartigen nordischen Namen in Europa. Über das sehr +gebräuchliche Praefix si wäre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der +Raum zulässt. + + + +XV. KAPITEL. + +233 Patteh: Häuptlingstitel, des Regenten Sekretär, Botschafter, +Faktotum. + + + +XVI. KAPITEL. + +250 dessah: Dorf. + +250 Saïdjah: dieser Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung +der "Liste von gestohlenen Büffeln" in den "Liebesbriefen" entlehnt +(deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch die +Namen der Dörfer Badur und Tjipurut. + +252 Orang Gunung: Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der +Bewohner der Berge in der Westecke. + +253 Alfur: das Wort aliforu, alifuru, hari furu hat in der Nordecke +von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch +eine Bedeutung wie Orang Gunung: Bergbewohner, oder mindestens die +von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks- +oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird--ebenso wie das Wort: +Niederländer--häufig als solcher gebraucht. + +258 kendang: Umfriedigung von rohem Pfahlwerk. + + + +XVII. KAPITEL. + +268 sawah: durch künstliche Bewässerung unterhaltenes Reisfeld, +in Gegensatz zu gagahs und tipars, die, was die Befeuchtung angeht, +ganz vom Regen abhängen. + +268 lombong: Bergeraum für Reis, enthülsten wie unenthülsten. Meistens +ist der lombong ausserhalb des Hauses gegen eine der Wände angebaut. + +268 kris: die volkstümliche Waffe des Javanen, die als solche zu +seiner vollständigen Kleidung gehört, wie bei uns in früherer Zeit +der Degen. Der kris ist ein schlangenförmiger, platter Dolch mit +sehr kleinem Heft. Gewöhnlich sind die Krisse aus Streifen weichen +Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hülfe von Büffelhufen +gestählt. Sie werden vor Rost bewahrt durch Einreibung mit djerook +(einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt ist, welches dem Eisen einen +eigentümlichen matten Schein verleiht. Der Aberglaube behauptet, +dass man, wenn man einen Kris besehen will, diesen vollständig aus +der Scheide ziehen müsse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei +macht, stellt sich grossem Unglück bloss. Über bezauberte Krisse sind +zahllose Erzählungen in Umlauf. + +268 pusaka: Erbstück, hier--wie öfter--im pietätvollen Sinne: +heiliges Erbstück. + +269 Klambu-Haken: klambu ist: Gardine. In den platten, sehr breiten +Haken, womit die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus +entwickelt. Auch bei den ungünstigst Gestellten sind sie doch +gewöhnlich von Messing. + +270 patjol: die Hacke, das Werkzeug, das der Javane für den Spaten +gebraucht. Das Blatt sitzt lotrecht auf dem hölzernen Stiel. Es +wird also damit gehauen, nicht gegraben, was vielleicht dem Umstande +zuzuschreiben ist, dass der Inländer barfuss geht. + +270 user-useran: das Wort wird in dem Text erklärt. Vermeintliche +Besonderheiten in der Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie +sich auf dem Scheitel eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei +Weissagungen (siehe z. B. S. 113, 117, 118.). + +270 penghulu: Priester. + +270 ontong: Glück, Vorteil. + +271 galangans: kleine, schmale Deiche, die das Wasser auf den sawahs +halten. + +271 Alanggras (allang-allang): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es +ist oft so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen +kann. Auf Sumatra nennt man es auch riembu, was dort auch Wildnis im +allgemeinen bedeutet. + +272 sarong; batik; kapala: Der sarong ist das eigenartige +Kleidungsstück der Javanen, der Männer wie der Frauen. Es ist ein aus +kapok gewobenes Stück Zeug, dessen Enden aneinandergenäht werden. Die +Anwendung von Seide ist Ausnahme. Eines dieser Enden heisst kapala, +d. h. Kopf, und ist mit einem breiten Rand bemalt, gewöhnlich bestehend +aus ineinander verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst batik +und geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in +einen Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen +Werkzeuge von Blech, das--sehr verkleinert--die Form eines Theetopfes +hat oder eines antiken Lämpchens. Sarongs ohne kapala, und deren +Enden nicht aneinander genäht sind, heissen slendangs. Man trägt diese +Kleidungsstücke um die Hüften, und die Männer schürzen sie mehr oder +weniger auf, bisweilen auch vollständig. Auch wird der slendang häufig +ganz zum Gürtel zusammengerollt, in welchem Fall die Männer eine Hose +tragen, sehr gegen die eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr +und mehr die Oberhand gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europäern +in Berührung kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass +die Anwendung von Hosen unter den sarongs bei Frauen allein in dem +Nordwinkel von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur +dort angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese +Kleidungsstücke serawak atjeh heissen: atjinesische Hose. + +Was übrigens die sarongs und slendangs angeht, seit etwa dreissig +Jahren (1881 von M. geschrieben. D. Übers.) haben sich europäische +Fabrikanten darauf gelegt, das javanische batik nachzumachen, und es +wurden denn auch jährlich in diesem Artikel Fabrikate im Werte von +Millionen umgesetzt. Doch wird das Tragen eines gedruckten Kain (kahin: +Kleid, der generelle Name für all solche Kleidungsstücke) stets für +ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes gehalten. + +273 matah-glap, amokh. Das Wort (matah-glap = verdunkelten Auges) +deutet den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet, +niederschlägt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es irgendwo +"Selbstmord in Gesellschaft" und weiss auch jetzt noch keinen besseren +Namen dafür. Der Unglückliche, der von dieser Wut gepackt wird, kennt +weder Freund noch Feind. Ursache ist gewöhnlich Eifersucht oder zu +lang verhaltener Groll über Misshandlung. Der Javane ist, wie die +meisten anderen Inländer, sanftmütig und nachgiebig von Art. Doch +allzu tief verwundet oder zu andauernd gekränkt, bricht seine Wut in +amokh aus. Dass gleichwohl auch der amfiun (Opium) hierbei eine Rolle +spielt--sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein Mittel, +das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben veranlasst--versteht sich +von selbst. + +273 atap: eine Art Wasserpalme, deren Blätter zum Decken geringer +Häuser verwandt werden. + +273 bendie: Chaise, Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett. + +274 djati, ketapan: zwei Arten von grossen Bäumen. Der erstere Baum +liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen +Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise +mit unserer Eiche übereinkommt. + +274 melatti: unter Kap. VI erklärt. + +274 Reisblock: schwerer, hölzerner Trog, worin der padie durch Stampfen +von der Hülse befreit wird. Dieses Stampfen heisst--Klangnachbildung +wieder!--tumbokh. + +275 tudung: siehe unter Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit +nach dem Schatten, den sein tudung auf seinem Antlitz zeichnete, +folgte Saïdjah einem allgemeinen indischen Brauch. + +276 lalayang: ein Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergötzen +sich nicht ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und +beschreibt allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen +und Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der +Hand hält, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem +Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft +zu begegnen und sie zu durchschneiden. Aus den vielerlei lebhaften +Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr ergötzlich +anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme zwingt. Die von +Saïdjah hingestellte Möglichkeit, demgemäss "der kleine Djamien" die +Niederlage durch geschilderten betrügerischen Eingriff herbeigeführt +haben sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im +Werfen angeht, ein Indiismus. + +277 "er hat einen grossen Mund gehabt": spezifischer Malayismus. + +277 "Salzmachen an der Südküste": siehe unter Kap. VIII: garem glap: +Schmuggelsalz. + +277 matah-glap: rasend. Näheres weiter oben erklärt. + +277 "den Brand, das Feuer töten": spezifischer Malayismus. + +278 klappa: Kokosnuss. Klappabaum also: Kokospalme. + +278 Klagefrauen: beim Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul +gemacht, nicht--wie früher bei uns--durch bezahlte "huilebalgen", +sondern von Verwandten, Bekannten und Nachbarn. + +279 kamuning: feines, gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel +des so benannten kleinen Bäumchens gewonnen wird, und das also nie +gross im Stück sein kann. Es ist sehr teuer. + +279 kahin: der zum Gürtel gerollte slendang. + +280 'Grossvater' des Susukunan von Solo: der Sus. v. Solo ist der +Kaiser von Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen +dem Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines 'Grossvaters'. + +280 kondeh ... im eigenen Strick gefangen: siehe unter Kap. VI. + +281 kabaai: ein leichtes, nachlässiges Gewand, das indische Hauskleid, +auch Schlafgewand; ein Négligé. + +281 pontianak: Spuk, der sich in Bäumen aufhält und auf Frauen sehr +ergrimmt ist, besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein +Zusammenhang zu suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und +dem Namen der Niederländischen Befestigung an der Westküste von Borneo. + +283 pelitah: Lämpchen. + +284 rottan oder rotan: spanisch Rohr. + +285 badjing: javanisches Eichhörnchen. Dies Tierchen kam mir immer +kleiner vor als sein europäischer Artgenosse. Es lässt sich leicht +zähmen. + +285 Bauch für 'Magen': Malayismus. + +289 boaja: Kaiman, eine Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man +abends Bambuskörbchen oder Näpfchen voll Reis und anderer Speise, mit +einem kleinen Licht versehen, stromabwärts treiben lässt. Wenn gerade +viel auf den Flüssen geopfert wird, bieten die ruhig dahintreibenden +Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick. + +290 baleh-baleh: Pritsche, Ruhebank aus Bambus. + +291 "... und also in Flammen stand": dieses blutige "also" +(im Holländ.: "dus") hat nach Erscheinen des "Havelaar" erregte +Kontroversen zum Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt. + + + +XVIII. KAPITEL. + +301 pundutan: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung +erhoben werden. + +301 pantjens und kemits: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk. + + + +XIX. KAPITEL. + +313 Patteh: der Inländische Häuptling, der die Vertrauensstellung +eines Sekretärs, Botschafters beim Regenten einnimmt. + + + +XX. KAPITEL. + +325 tongtong (tomtom, tamtam): ein grosser, hängender, ausgehöhlter +Block von Holz, auf dem man die Stunden anschlägt. Der Name ist wieder +eine Onomatopöe. + +335 kampong: Dorf. + + + + + + + +ANMERKUNGEN + + +[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem +Holländischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, +seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit +Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns' +Verlag. + +[2] Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres +Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch +holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit, +Eingebildetheit, Anmassung. + +[3] Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: +Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen. + +[4] Note des Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen. + +[5] Badjing = das javanische Eichhörnchen. + +[6] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine +Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des +"Havelaar" entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes +Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines +Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes +enthält. W. Sp. + + + + + + + +In gleicher Ausstattung erschienen in unserem Verlage: + +MULTATULI. + +Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem Holländischen, +eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner +Persönlichkeit und seines Schaffens. Von WILHELM SPOHR. Mit Bildnissen +und handschriftlicher Beilage. Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark +5,50. + +MULTATULI. + +LIEBESBRIEFE. + +Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark +3,--, geb. Mark 3,75. + +MULTATULI. + +MILLIONEN-STUDIEN. + +Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark +4,50, geb. Mark 5,50. + +MULTATULI. + +FÜRSTENSCHULE. + +Schauspiel in 5 Aufzügen. Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM +SPOHR. Preis: brosch. Mark 2,25, geb. Mark 3,--. + +MULTATULI. + +DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER. + +Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Zwei starke +Bände. Preis: brosch. Mark 10,--, geb. Mark 12,--. + + + +Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bände + +IDEEN. + +BRIEFE UND DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI. + +J. C. C. Bruns' Verlag, + +Minden i. Westf. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR *** + +***** This file should be named 31527-8.txt or 31527-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/5/2/31527/ + +Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/31527-8.zip b/old/31527-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e06efe5 --- /dev/null +++ b/old/31527-8.zip |
