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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:55:56 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Max Havelaar
+
+Author: Multatuli
+
+Translator: Wilhelm Spohr
+
+Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***
+
+
+
+
+Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
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+ Multatuli
+
+ MAX HAVELAAR
+
+ Übertragen aus dem Holländischen
+
+ Von
+
+ Wilhelm Spohr
+
+ Titelzeichnung von Fidus.
+
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+ Zweite Auflage.
+
+ Minden in Westf.
+ J. C. C. Bruns' Verlag.
+ 1901.
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+
+Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
+
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+
+VORWORT DES HERAUSGEBERS.
+
+
+Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bücher
+abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bände des Unternehmens
+vornehmen kann. Meine Übersetzung des holländischen »Max Havelaar«
+liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige
+Änderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung
+zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen
+erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:
+
+Ich nenne das Buch schlichtweg »Max Havelaar«, da mir, dem
+deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene
+Titel »Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederländischen
+Handelsgesellschaft« (»Max Havelaar of de koffiveilingen der
+Nederlandsche Handelmaatschappy«, geschrieben 1859, erschienen zu
+Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umständen weniger passend
+erscheint. Der Leser möge sich bei einigen wenigen Anspielungen im
+Text des ursprünglichen Titels erinnern.
+
+Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in so eminentem
+Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt hätte. »Es ging
+ein Schaudern durch das Land«, erklärte nach seinem Erscheinen ein
+Abgeordneter von der Tribüne des Parlaments. Sogar Einzelheiten
+haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass
+das kleine holländische Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner
+Übersetzung das »also« auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen
+Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich
+davon absehen möchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich
+weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will
+ich noch dem Leser, der sich nicht über dieses Buch hinaus in den
+reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von
+vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist,
+bürgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung
+eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem
+1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen
+Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche
+»Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im
+gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer Einkleidung bietet
+es aktenmässige Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten
+Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und
+als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr von
+der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen Buches,
+mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel
+getragen hat', dem ist die Möglichkeit geboten, sich in dem von mir
+herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren
+zu unterrichten. [1]
+
+Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem
+ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu
+verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige
+Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn
+durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung
+mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem
+er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk,
+1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein
+Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben
+wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel
+zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem
+Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des
+Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden,
+dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?«
+Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem
+Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt
+allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein
+gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich
+voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er
+war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell
+sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz
+gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in
+einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen
+Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen
+Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den
+köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum,
+das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch
+auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch
+einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«.
+
+Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen
+schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie
+angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form
+wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen
+Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss,
+d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum
+der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem
+ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde
+bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei
+diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind
+in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von
+allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte
+Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse,
+die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint.
+
+Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die
+Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe
+ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und
+nach Gefallen zu benutzende »Erläuterungen zu Indiismen« angefügt.
+
+Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit
+den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer
+sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden
+und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher
+eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein
+Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone,
+dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht.
+
+
+ Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.
+
+ Wilhelm Spohr.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ERSTES KAPITEL.
+
+
+Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht
+meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und
+es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries
+Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber
+Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst,
+ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein,
+dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein,
+ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich
+ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die
+Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die
+Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas
+weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht
+geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und
+wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand,
+der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil
+von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen
+die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck &
+Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse
+braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich
+keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe
+denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so
+was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig
+Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also
+sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich
+habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den
+Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten
+Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.
+
+Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe
+ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler
+fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten
+Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn
+bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen,
+die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard,
+der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch
+Lieb' bewogen die Vers'chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind:
+»Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht
+die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen
+vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann
+bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er
+war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein
+bester Freund wäre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns
+in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar
+wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.
+
+Alles Lügen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue
+Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen
+Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren
+froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte
+eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der
+Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich,
+dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express, um Niederland Schutz
+zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere
+Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben
+hatten. Das ist die Sache.
+
+Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein
+Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe
+ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand
+ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch
+eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner
+Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand
+kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«,
+unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch
+von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten
+Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen
+uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine
+kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon
+ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die
+Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!
+
+Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die Ehe der
+Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten
+oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger
+geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn
+Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, dass ich sie heiraten
+wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere,
+denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als
+Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit
+Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem
+Satz Billardbällen!
+
+Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied
+rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist
+vorbei, und die Uhr ist drei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklich
+der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier
+ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der
+Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher
+ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es
+muss genau drei Uhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genau
+zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun
+ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder
+das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist
+dann gelogen.
+
+Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh
+mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann
+gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt
+von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er
+ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf
+der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen
+Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas
+mehr hätte geben müssen, wenn er mich selbst herausgeholt hätte,
+aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand,
+dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht,
+um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen
+auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sich so an all die Unwahrheiten,
+dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust,
+so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es
+mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe,
+mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person
+keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden
+ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben,
+weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.
+
+Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist
+so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von
+ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder,
+meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen
+haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist
+ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott
+macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt
+sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal
+die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie
+seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die
+Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein
+Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe
+hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine
+Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend,
+die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt
+dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten
+für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!
+
+Dann kommt ihr erster Liebhaber--der früher am Kopierbuch sass, nun
+aber steinreich--auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder
+Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten
+Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht
+als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den
+Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel
+hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem
+man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bühne, was in der
+Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche
+Übergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf
+dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn,
+und es wurde was umgesetzt!
+
+Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen
+Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum
+geht dann die Doppelthür im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und
+weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was
+der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn
+der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man
+schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass
+sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert
+der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore
+geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle,
+bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde,
+wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge,
+wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was
+sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn
+das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu
+entblössen? Alles Lügen!
+
+Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren
+Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei
+mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf,
+wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist
+es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen
+wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so
+ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu
+also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?
+
+Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem
+Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last &
+Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wäre dann doch wohl
+ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig
+zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater
+in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und
+alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel,
+und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine
+Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun
+bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen
+Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein
+Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen
+schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es
+auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk nötig,
+weil es bei uns sehr flott geht--aber könnte ich auch, wo bliebe sein
+Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben
+führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden
+und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine
+besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber
+auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!
+
+Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine
+Geschäfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine
+Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem
+Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite
+legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht,
+so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in
+Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber
+das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs
+Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.
+
+Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für
+die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben,
+meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt
+wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich
+dieses Buch schreibe.
+
+Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe
+beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin
+nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner
+unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt
+ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch
+erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick
+Abschied von euch nehme--ich muss auf die Börse--lade ich euch gleich
+auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!
+
+Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist
+nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab
+ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus
+sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.
+
+
+
+ +---------------------------+
+ | LAST & Co. |
+ | |
+ | MAKLER IN KAFFEE. |
+ | |
+ | Lauriergracht No. 37. |
+ +---------------------------+
+
+
+
+
+
+
+ZWEITES KAPITEL.
+
+
+Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird's wohl
+wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei
+Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare
+Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die
+Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck
+& Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht
+weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben
+sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg,
+das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam
+ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine
+ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen--hinterlistige
+Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen,
+was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle
+hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung
+der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe
+ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an
+Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre,
+als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer
+weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein,
+Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen,
+liess mir Feder und Papier geben und schrieb:
+
+
+ Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten
+ Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres
+ aus Norddeutschland ...
+
+
+Es ist die reine Wahrheit!
+
+
+ ... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals
+ notwendig mache.
+
+
+Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem
+Kontor, um seine Brille zu suchen.
+
+
+ Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen,
+ wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die
+ Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in
+ Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass
+ aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...
+
+
+Es ist die blanke Wahrheit!
+
+
+ ... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter
+ der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger,
+ und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens
+ in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der
+ Ausführung der gegebenen Ordres ...
+
+
+Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!
+
+
+ ... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee,
+ Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein könne bei dem
+ Engagement von Leuten.
+
+
+Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der
+junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt
+ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch
+schon dreizehn im September.
+
+
+ ... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu
+ vernehmen--Saffeler reist für Stern--dass der geehrte Chef der
+ Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst
+ Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse
+ einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass
+ ich mit Rücksicht darauf ...
+
+
+Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte
+die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um
+jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun
+ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden,
+dass sie's wissen, dünkt mich.
+
+
+ ... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den
+ Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses
+ betraut zu sehen ...
+
+
+Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder
+Salair. Aber ich fügte noch hinzu:
+
+
+ Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in
+ unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich
+ bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass
+ seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.
+
+
+Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und
+zum Schluss:
+
+
+ Dass bei uns dem Herrn gedient werde.
+
+
+Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und
+ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte
+Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der
+junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf
+die Antwort.
+
+Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch
+die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der
+beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«,
+»schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was
+mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir
+auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung
+stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen,
+denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass
+ich zu sehr in des Krämers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich
+zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig
+gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf
+einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines
+Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien
+mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem
+Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und
+Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen
+Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter,
+als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und
+gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht
+No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen,
+aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen
+alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der
+Name nicht.«
+
+--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer höflich--ich bin M'nheer
+Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler
+in Kaffee, Lauriergr....
+
+--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal
+ordentlich an.
+
+Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn
+öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich,
+wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser,
+alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen
+Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und
+Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!
+
+--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat?
+
+--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen?
+
+Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass
+so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm
+ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten
+Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders,
+weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde
+nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach
+gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre
+ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je
+länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich
+auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen
+gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte
+etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun,
+das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.
+
+Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit
+hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen
+bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe
+euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau
+nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und
+Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise,
+die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu
+thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem
+Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um
+Dinge, die ihn nichts angingen.
+
+Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im
+September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern
+vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später
+habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss,
+um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf
+der Lateinschule--nun sagen sie »Gymnasium«--und da war Jahrmarkt
+... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und
+wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter,
+wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die
+schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete,
+das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche,
+oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften
+allerlei Parfumerien.
+
+Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne
+den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen
+haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von
+sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen
+wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das
+Mädchen zu sehen.
+
+Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei,
+obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch
+zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus
+unserer Klasse--denn tüchtig war er, das muss ich sagen--und spielen,
+balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil
+wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der
+Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es
+anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen,
+Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da
+war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das
+Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es
+wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen,
+dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und
+Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren,
+was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die
+Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr
+und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich
+noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da
+bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand,
+die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich
+mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste
+schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male
+stand ich vor der Bude.
+
+Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün
+und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich
+weiss nicht welchem Zeitwort ...
+
+--Plaît-il? sagte sie.
+
+Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:
+
+--»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.
+
+Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen
+vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner
+Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit mir einen so harten
+Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den
+Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des
+Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen
+zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und
+bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude
+des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein
+»gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun
+war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es
+mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich
+in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest
+und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden
+um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt,
+der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen
+hatten sie das so sehr schön gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben,
+um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ...
+
+So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch
+die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark
+und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und
+tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen
+sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich
+war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig
+geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe,
+mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich
+sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.
+
+Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und
+weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn
+auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem
+Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.
+
+Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich
+dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser
+Welt miteinander verknüpft sind. Wenn die Augen dieses Mädchens
+weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte,
+oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte,
+so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es
+so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es
+ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine
+Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss
+fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.
+
+Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das
+Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich,
+dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als
+ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge,
+auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse
+besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus
+purzeln sehen.
+
+Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich
+links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem
+Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn,
+dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich,
+dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war--was ein sehr
+schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung
+etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen
+war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts
+dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim
+Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das
+für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal
+wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete,
+bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut
+herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich
+sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen,
+wie man später jemanden nötig hat:
+
+--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r
+... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.
+
+Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich
+auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...
+
+--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.
+
+Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät
+es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich,
+dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend
+war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und
+jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...
+
+Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich--denn höflich bin
+ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil
+es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe,
+dass es niemand gesehen hat.
+
+
+
+
+
+DRITTES KAPITEL.
+
+
+Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand
+da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach
+war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die
+Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der
+Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig,
+dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird,
+der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss,
+wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt
+zu gehen, wenn Buden dort stehen.
+
+Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich
+werde euch den Brief lesen lassen:
+
+
+ Werter Droogstoppel!
+
+
+Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr
+Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.
+
+
+ Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu
+ ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...
+
+
+Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.
+
+
+ ... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache
+ zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.
+
+
+Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die
+Frühjahrsversteigerung handelt?
+
+
+ Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick
+ einigermassen um Geld verlegen.
+
+
+Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'!
+
+
+ Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um
+ das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder
+ ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.
+
+
+Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass
+er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein
+Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun,
+er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing,
+wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und
+jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in
+seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er
+arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und
+es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem
+lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber
+diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:
+
+
+ Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen
+ zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das,
+ wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...
+
+
+Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber
+denken.
+
+
+ ... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine
+ Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich
+ nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem
+ allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür
+ einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum
+ kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr
+ nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.
+
+
+Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na
+gewiss! Wie sonst wohl?
+
+
+ Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne
+ Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach
+ der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von
+ Druckkosten u. s. w. im voraus ...
+
+
+Darin haben sie sehr recht.
+
+
+ ... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich
+ gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken
+ würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich,
+ ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...
+
+
+Das nennt er ermutigen!
+
+
+ ... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich
+ bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten
+ einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich
+ überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem
+ Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und
+ daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht
+ habe ...
+
+
+Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.
+
+
+ ... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht
+ ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken
+ schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.
+
+ In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter
+ Schulkamerad ...
+
+
+Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich
+nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.
+
+Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man
+mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss,
+dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der
+Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen
+an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich
+nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.
+
+Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen
+wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich
+wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich
+dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.
+
+Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker
+machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre,
+und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst
+läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten
+Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit
+etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten
+beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja,
+ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat
+Luise zum Weinen gebracht.«
+
+Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit
+sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder
+sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran,
+ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:
+
+--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es
+noch einmal thäte!
+
+Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da
+habt ihr's.
+
+Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine
+kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache
+voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen,
+weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw
+Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch
+uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete
+wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen,
+was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire
+auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten
+Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit
+des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von
+einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein
+konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr,
+so'n Mädchen weint ja bald.
+
+»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und
+Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier
+raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich
+sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten,
+und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine
+Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten
+ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch
+auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit
+gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man
+mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf
+seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in
+Kaffee, Lauriergracht No. 37.
+
+Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn
+zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb
+an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen
+sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that,
+finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner
+Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr,
+dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe
+ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich
+hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung
+erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten,
+dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der
+Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding
+in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und
+ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen
+war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war,
+und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht
+gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding,
+das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang
+geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine
+ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge
+von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch
+in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft
+damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.
+
+
+
+
+
+
+VIERTES KAPITEL.
+
+
+Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern
+gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und
+tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist
+dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans
+Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich
+bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie
+soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern,
+mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein
+anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!
+
+Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker
+machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu
+bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr
+ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor,
+gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem
+Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das
+nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram,
+aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir
+genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun
+habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von
+Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand
+sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da
+gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das
+geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen
+ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein'
+ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars
+wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den
+Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim
+Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten
+ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz,
+der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt,
+versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht,
+bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen
+Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht,
+mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war,
+das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles
+lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht
+verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht
+über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.
+
+Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee
+bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also
+dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in
+Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an,
+und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber
+wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen,
+Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu
+erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit
+bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der
+Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem
+dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann,
+da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen
+können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen
+einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme
+niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das
+ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an
+Ludwig Stern ersehen.
+
+
+
+Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des
+Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es
+wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile
+einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr,
+viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste
+staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich
+gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in
+Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu
+beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der
+Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem
+Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend
+einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in
+der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor
+auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles
+sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«
+
+
+
+Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und
+von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag,
+in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich
+längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir
+gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen
+schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen
+an den Tag legte.
+
+
+
+Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:
+
+
+
+Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.
+
+Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.
+
+Über den Ursprung des Adels.
+
+Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit.
+
+Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
+
+Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren
+Verse.)
+
+Über Protëine in der atmosphärischen Luft.
+
+Über die Politik Russlands.
+
+Über die Vokale.
+
+Über Zellengefängnisse.
+
+Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.
+
+Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die
+die Beleidigung betreffen.
+
+Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,
+nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer
+Freiheit.
+
+Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel
+von wurzellosen Zahlen.
+
+Über die Schwere des Lichts.
+
+Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des
+Christentums. (Nanu?)
+
+Über die isländische Mythologie.
+
+Über den »Emile« von Rousseau.
+
+Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.
+
+Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.
+
+Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos,
+ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)
+
+Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)
+
+Über weisse Ameisen.
+
+Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.
+
+Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)
+
+Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.
+
+Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.
+
+Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.
+
+Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen,
+weil er auf Wahrheit dringt.)
+
+Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar
+nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe
+es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt,
+das ich für mein Buch gebrauchen kann.)
+
+Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.
+
+Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)
+
+Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz
+einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie
+gedacht hatte.)
+
+Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen,
+eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit
+und Armut ... er kann es wissen.)
+
+Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und
+der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine
+Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich
+erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)
+
+Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.
+
+Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.
+
+Über die Rechenkunst bei den Römern.
+
+Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.
+
+Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.
+
+Über epidemische Krankheiten.
+
+Über den Maurischen Baustil.
+
+Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch
+Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste
+kurios ist?)
+
+Über die deutsche Einheit.
+
+Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso
+lang sein wird wie an Land.)
+
+Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.
+
+Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.
+
+Über Prosodie.
+
+Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer
+Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.
+
+Über Landbauverträge auf Java.
+
+Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.
+
+Über Legitimität von Dynastien.
+
+Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.
+
+Über die neue Art des Segelreffens.
+
+Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück
+datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)
+
+Über den Ehrbegriff.
+
+Über die apokryphen Bücher.
+
+Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.
+
+Über die elterliche Gewalt.
+
+Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.
+
+Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife
+ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)
+
+Über Schrauben-Wassermühlen.
+
+Über das souveräne Recht der Begnadigung.
+
+Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.
+
+Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.
+
+Über die Opiumpacht auf Java.
+
+Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.
+
+Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.
+
+Über die Entrichtung von Landrenten in natura.
+
+Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)
+
+Über die Auflösung des Römischen Reichs.
+
+Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.
+
+Über die skandinavische Edda.
+
+Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein
+Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch
+geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)
+
+Über das Essigmachen.
+
+Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.
+
+Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.
+
+Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in
+Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)
+
+Über ministerielle Verantwortlichkeit.
+
+Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.
+
+Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer
+zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)
+
+Über das doppelte A und das griechische ETA.
+
+Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der
+Menschen. (Eine infame Lüge!)
+
+Über den Stil.
+
+Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von
+diesem Reich gehört.)
+
+Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.
+
+Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis
+geschrieben ist.) [2]
+
+Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.
+
+Über Stimmen des Waldes.
+
+Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser«
+und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)
+
+Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der
+Nähe von Banda zu sein.)
+
+Über Seher und Propheten.
+
+Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.
+
+Über Ebbe und Flut der Kultur.
+
+Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.
+
+Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und
+jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)
+
+Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.
+
+Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.
+
+Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)
+
+Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der
+sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter
+sein solle. Wo kämen wir da hin!)
+
+Über Galanterie.
+
+Über den Versbau der Hebräer.
+
+Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.
+
+Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es
+muss da billig leben sein.)
+
+Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei
+der Alfuren.
+
+Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er
+will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser)
+abschaffen. Ich bin dagegen.)
+
+Über »das Recht« und »die Rechte«.
+
+Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.)
+
+Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.
+
+Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.
+
+Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen
+über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)
+
+Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn
+sah, roch ich Rosenöl.)
+
+Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch
+auf die Seite gelegt.)
+
+Über Gefühl, Mitgefühl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w.
+
+Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.
+
+Über den Palmwein auf den Molukken.
+
+Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich
+das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt,
+dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden,
+und ich lebe für mein Fach.)
+
+Über Genesis. (Ein infames Stück!)
+
+Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.
+
+Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein
+neugebornes Kind zeichnen kann!)
+
+Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)
+
+Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.
+
+Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.
+
+Über die Wajangs der Chinesen.
+
+Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)
+
+Über ein europäisches Münzsystem.
+
+Über Berieselung von Gemeindefeldern.
+
+Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.
+
+Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich
+habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)
+
+Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet,
+dass Jesus einen Turban trug.)
+
+Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung
+mit den Unterhaltsmitteln.
+
+Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.
+
+Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange
+eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.
+
+Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.
+
+Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf
+Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)
+
+Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.
+
+Über die Kraft des Irrtums.
+
+Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen
+Naturgesetzen.
+
+Über das Salzmonopol auf Java.
+
+Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er
+... bbä!)
+
+Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantuns
+der Javanen.
+
+Über das 'jus primi occupantis'.
+
+Über die Armut der Malkunst.
+
+Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)
+
+Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.
+
+Über die Waffen der schwächeren Tierarten.
+
+Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem
+Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste
+erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)
+
+
+
+
+Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht
+zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von
+Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache,
+Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe
+fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige
+waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften,
+doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es
+war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem
+Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen
+und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose.
+
+Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt,
+weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe
+ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit
+war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht,
+wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen,
+dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan
+haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte
+es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts
+zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke,
+die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern
+davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige
+Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man
+Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt
+vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen,
+niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.
+
+Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir
+stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing
+es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg
+eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg
+verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von
+seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und
+wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt
+hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann
+den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern
+zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest
+verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun
+kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er
+sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte,
+würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer
+mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware
+gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann,
+der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.
+
+Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie
+empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der
+Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber,
+der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig
+Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn
+er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als
+ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die
+Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine
+Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid
+oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein
+Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein
+Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden
+auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass
+der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last &
+Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von
+beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann
+von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den
+kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er
+also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns
+Stück über die Multiplikation.
+
+Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er
+sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's,
+dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem
+Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber
+er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht,
+dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre
+vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert
+Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu
+siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit
+dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals
+vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre
+als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht
+in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin
+überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber
+ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte
+einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.
+
+Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im
+»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich
+verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld
+hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch
+sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei
+dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den
+Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator
+zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein
+Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte,
+weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was
+ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste
+Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den
+Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus
+der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass
+er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe,
+fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte
+der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich
+denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein
+Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden
+im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man
+so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun
+hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der
+Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem
+Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.
+
+--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft
+und kränklich.
+
+Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit
+unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz
+bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge,
+doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz
+gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten,
+was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger,
+wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb
+sie auf.
+
+Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit
+sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da
+anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in
+Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die
+Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um
+diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder
+Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen
+Ballen ist.
+
+Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den
+Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch
+fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die
+Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem
+Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last &
+Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so
+wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen,
+ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die
+Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft,
+kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz
+bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze
+Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch
+die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es
+ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind
+und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«,
+aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die
+machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm
+und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder,
+der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der
+Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in
+Indigo dabei nötig sein werden.
+
+Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst
+die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die
+Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch,
+und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister,
+und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen,
+und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler,
+und die Hauswärter, und die Gärtner.
+
+Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben
+aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren,
+und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten,
+und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld
+leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber,
+und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und
+die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und
+eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.
+
+Und den König auch ... ja, den König vor allem!
+
+Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch
+meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst
+ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind
+sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt,
+als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft,
+introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.
+
+So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem
+Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm
+selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde,
+jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist
+ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein
+tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache
+mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische
+übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in
+meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben,
+und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an
+seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber,
+dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn
+ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit
+ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern,
+die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine
+schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen
+alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger
+Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht
+mit Sitte und Anstand verträgt!
+
+Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden
+ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen
+Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in
+Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht
+sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von
+Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark
+widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl
+für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne,
+die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und
+dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden
+Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun
+wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und
+der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:
+
+
+ 1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern
+ solle.
+
+ 2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.
+
+ 3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.
+
+ 4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem
+ Buch einen soliden Anstrich zu geben.
+
+ 5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der
+ Niederländischen Handelsgesellschaft.«
+
+ 6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass
+ man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.
+
+ 7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen
+ vorgelesen werden sollten.
+
+ 8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.
+
+ 9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich
+ bin Makler.
+
+ 10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische
+ Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so
+ behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden
+ würden als bei uns.
+
+ 11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries
+ Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.
+
+
+Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile
+mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel
+fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es
+kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein
+Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.
+
+Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf
+Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das
+Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch
+fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht
+verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch
+oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die
+schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig
+hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde,
+dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch
+Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom
+letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an
+alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht,
+doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen
+angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner
+Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts
+von Menschen, die ewig unzufrieden sind.
+
+Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach
+hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen
+Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren,
+Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass
+ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer
+mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass
+auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer
+Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.
+
+--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n
+ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch
+'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst
+hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was
+kann sie sagen, wer da ist, M'nheer?
+
+Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von
+der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen
+würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf
+dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein
+süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet,
+oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen
+soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit
+und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter
+sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine
+Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite
+mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder
+Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter
+Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften
+und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender
+Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh,
+dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr
+unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt
+durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich
+ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht
+aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen
+sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch,
+rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu
+thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.
+
+Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten
+auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später
+habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist,
+die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch
+sehr hässlich.
+
+--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.
+
+--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton,
+der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine
+Frage hätte legen dürfen.
+
+Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden
+ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um
+meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer
+dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz,
+dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht
+37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn
+da viel Umstände machen!
+
+Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den
+Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich
+hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis
+unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel
+von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites
+Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine
+waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde
+ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und
+mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu
+wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil
+ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden
+wollte, antwortete ich:
+
+--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl
+bald kommen, denkst du?
+
+--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen
+Tuschkasten zu kaufen.
+
+--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern
+oder mit der chinesischen Spieldose.
+
+--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.
+
+Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als
+feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der
+alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien
+auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als
+sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie,
+spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.
+
+--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?
+
+--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.
+
+Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er
+»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:
+
+--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?
+
+--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen?
+
+--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft
+Schüsseln und Brummkreisel.
+
+Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir
+sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle,
+der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau
+ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das
+ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr
+bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram
+weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.
+
+Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte,
+um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und
+sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da
+für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte
+bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an
+der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor
+einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier
+eine Stellung erhalten sollte ...
+
+--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.
+
+Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon
+wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen
+und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.
+
+Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und
+vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von
+ihm gestellte Ersuchen zu holen.
+
+Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht
+klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er
+einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen
+gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm
+meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir
+da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein
+Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich
+anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch
+sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie
+wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben,
+und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt
+und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und
+ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach
+Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen;
+denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.
+
+Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich,
+dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich
+an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich
+glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er
+einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.
+
+Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und
+ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern
+nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch
+die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich
+hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir,
+Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht
+No. 37.
+
+
+
+
+
+
+FÜNFTES KAPITEL.
+
+
+Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf
+dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit
+Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem
+breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines
+bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen
+Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam,
+verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem
+neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein,
+nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb
+man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden
+schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe
+der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen--waren sie auch
+nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen
+Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die
+zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte
+es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf
+festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche,
+die Läufer--in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen,
+oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen
+Läufern entsprechen würde--die unvergleichlichen Läufer also mit ihren
+kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her,
+stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd
+unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der
+verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen
+in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man
+wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter.
+
+Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste
+ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen
+Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber
+das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die
+je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden,
+wo sie sein wollten.
+
+Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen
+Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im
+Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren
+vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel
+Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit,
+und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der,
+ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im
+Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der
+Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande
+zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient.
+
+Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa--selbst
+nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java
+gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei,
+die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in
+einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt,
+Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt
+die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo
+und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss,
+um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an
+jener Ecke ...
+
+--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit
+der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!
+
+Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen
+Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen
+schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die
+Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick
+früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.
+
+Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf
+den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt:
+die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es
+gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und
+wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa,
+dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist,
+lacht über diese Angst.
+
+Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner
+Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen,
+Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge,
+die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich
+fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung
+bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines
+vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich
+sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen
+Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in
+der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des
+Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint,
+um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung
+mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese
+Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener
+Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von
+einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder
+jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem
+Zustande ...
+
+Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein
+Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es
+giebt halbe Türme, und ... Türmchen.
+
+Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude,
+die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen,
+dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze,
+die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein
+paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne
+Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen,
+auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.
+
+Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass
+selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange
+genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich
+rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war,
+um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe
+sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen
+Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard
+von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn
+in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der
+Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als
+sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen
+... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es
+einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand.
+
+Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren
+Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist,
+diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber
+wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man
+wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von
+Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl
+aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann
+den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der
+die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch
+ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah,
+eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung
+in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches,
+ewiges Gebet.--
+
+Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens
+eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten
+den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war für diesen
+Fleck--liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die
+Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen,
+alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich
+gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss,
+war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn
+auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
+Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz
+seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt,
+die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung
+Pandeglang lagen.
+
+Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch,
+der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will,
+dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist,
+bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war
+hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten
+nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range
+die Verwaltung wahrgenommen hatte.
+
+Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt
+geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches
+Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin
+gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo
+erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs.
+
+Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen
+Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung
+»Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den Boden gerammt,
+die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander
+verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blättern
+der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden 'atap' heisst,
+und ihr werdet euch die sogenannte 'pendoppo' vorstellen können. Sie
+ist, wie ihr seht, so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier
+denn auch nur dienen als 'pied à terre' für die europäischen und
+inländischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm
+an den Grenzen entgegenbringen wollten.
+
+Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den
+Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine
+Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen
+ist hier für das rechte Verständnis dessen, was folgen wird, notwendig.
+
+Das sogenannte »Niederländisch-Indien«--das Adjektiv »niederländisch«
+kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell
+angenommen--ist, was das Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung
+angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil
+besteht aus Stämmen, deren Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft
+Niederlands als »suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer
+die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen
+der eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu
+dem--mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme--ganz
+Java gehört, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut
+oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der
+Javane ist Niederländischer Unterthan. Der König von Niederland ist
+sein König. Die Nachkommen seiner früheren Fürsten und Herren sind
+Niederländische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom
+Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher wird
+abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben,
+die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland.
+
+Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in der
+That einen Teil des Königreichs der Niederlande ausmacht, wird in
+diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein.
+
+Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der jedoch auf seine
+Beschlüsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die
+unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« zugeteilt, an deren
+Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen
+der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den
+Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte politischer Bedeutung wenden
+sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.
+
+Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst
+mittelbar als Lehnsherr die Bevölkerung beherrschte und sich an den
+Höfen der noch regierenden Fürsten durch »Residenten« repräsentieren
+liess. Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als
+Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von Landschaften
+geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der Name ist geblieben.
+
+Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische Autorität
+gegenüber der javanischen Bevölkerung darstellen. Das Volk kennt
+weder den Generalgouverneur, noch die »Räte von Indien«, noch die
+Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten,
+die unter ihm über das Volk walten.
+
+Eine solche Residentschaft--es giebt welche, die beinahe eine Million
+Seelen fassen--ist geteilt in drei, vier oder fünf Abteilungen oder
+Regentschaften, an deren Haupt »Assistent-Residenten« gestellt
+sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure
+ausgeübt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die
+nötig sind für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des
+Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die Staatswasserwerke,
+für die Polizei und das Rechtswesen.
+
+In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen Ranges mit
+dem Titel eines »Regenten« dem Assistent-Residenten zur Seite. So
+ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur Verwaltung und sein
+Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel
+des Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in der
+Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. Sehr
+diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss--der in
+Asien überall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als
+ein Religionsmoment zu erkennen ist--Gebrauch gemacht, sintemal durch
+die Ernennung dieser Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen
+wird, an deren Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch
+den Generalgouverneur ausgeübt wird.
+
+Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-,
+Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser
+angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne weiteres
+Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache
+liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil
+und drüben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen
+hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu
+sind Beamte nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter
+dem System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür die
+»Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen,
+die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Ländergebiete
+blieben dann auch »Provinzen«, d. h. erobertes Gebiet. Doch als
+später die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedürfnis fühlte,
+ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in
+Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehörig betrachtet
+wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch
+materielles Übergewicht--erwies es sich als notwendig, jemanden
+mit der Leitung der Geschäfte zu betrauen, der nicht allein in dem
+betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand über seine
+Mitbürger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die
+Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung
+zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung dieser Befehle
+betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise
+die Ausgaben für ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen
+Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last
+fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden
+die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewählt, und genau
+genommen ist also das Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die
+Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube
+denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche
+Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und
+Herzöge, d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was
+ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig
+zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu
+dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt
+war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein
+Baron betrachtete sich als Baron »durch die Gnade Gottes«. Die Grafen
+vertraten den Kaiser und führten als solche dessen Panier, d. h. die
+Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner
+eigenen Fahne, als Bannerherr.
+
+Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den Baronen
+entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes
+neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale
+legten, und hieraus scheint später, vor allem als die Erblichkeit
+dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu
+sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage
+würde manche freiherrliche Familie--ohne kaiserliches oder königliches
+Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen
+des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel
+war--autochthon--eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd
+abweisen. Man hat Beispiele dafür.
+
+Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt
+waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre
+Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen
+in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewöhnlich,
+obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge
+organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den
+Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau
+oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es
+war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine
+Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.
+
+Ungefähr in der gleichen Art--was die Wahl der Personen angeht, da hier
+von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in
+dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins Auge fällt--steht an
+der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den
+ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss
+verbindet, um dem europäischen Beamten, der die Niederländische
+Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist
+die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer
+Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens
+diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer
+und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in
+seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es müssen schon sehr gewichtige
+Gründe vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird,
+und wo dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den
+Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.
+
+Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und derartigen
+hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der
+Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er
+hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies
+hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt,
+durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle Einkünfte
+und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit über ihn erhoben
+steht. Obendrein ist der Regent, als Repräsentant des javanischen
+Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder
+mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevölkern,
+auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grösserer
+Wichtigkeit als der simple europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit
+nicht gefürchtet werden braucht, da man für ihn viele andere an die
+Stelle bekommen kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten
+vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte.
+
+Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben,
+dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der
+Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies
+und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft
+ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident,
+den Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis
+schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar bei
+äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch,
+wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube,
+dass der Ton, der in diesem Verhältnis herrschen muss, sehr treffend
+in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der
+europäische Beamte habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite
+steht, zu behandeln wie seinen »jüngeren Bruder«.
+
+Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere Bruder« bei den
+Eltern sehr beliebt ist--oder gefürchtet--und dass bei vorkommenden
+Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als
+Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass
+er seinen »jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt
+behandelte.
+
+Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen--selbst der geringe
+Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse--macht
+gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es
+sonst sein würde.
+
+Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit
+freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent
+seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde
+beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert,
+wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand,
+Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den
+Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und
+schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist
+zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.
+
+Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor
+dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer
+ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an
+Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich
+ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet
+und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte
+sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen
+das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: 'Tommongong', 'Adhipatti',
+ja, sogar 'Pangerang', d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für
+ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es
+von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer
+ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein 'Kratoon', mit
+vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat,
+mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen
+mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt
+von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise
+zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent
+begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen
+des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt
+bürgerlich, der Regent lebt--oder man erwartet von ihm, dass er so
+lebt--wie ein Fürst.
+
+Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung,
+die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies,
+und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu
+einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen
+würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben
+hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen
+Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten,
+die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen
+haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die
+sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte
+verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen,
+ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig
+von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird.
+
+Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile
+teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste
+Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die
+Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung
+in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft
+erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und
+schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über
+das Eigentum ihrer Unterthanen.
+
+Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der
+Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er
+geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu
+Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung
+seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er
+wächst auf inmitten seiner 'sawah's' und 'gagah's' und 'tipar's',
+begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld,
+wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen
+und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine
+Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde
+stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm
+'padie', d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau
+unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange
+den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von
+ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das
+ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das,
+was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist.
+
+Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes
+machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit
+des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner
+Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen,
+die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den
+geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache
+Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also
+nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des
+Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen.
+
+Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in
+Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so
+kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik
+war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand
+fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende
+Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort
+geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen,
+was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte
+irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den
+Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach
+Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind
+hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren
+obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze
+Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt
+werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er
+nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft
+der Nation vermindern würde.
+
+Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die
+sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet.
+
+Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache
+Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl
+ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich
+flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu
+Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord
+der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande
+reich machen.
+
+Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java
+Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte
+ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre Kinder als Speise
+zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen ...
+
+Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In den
+Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber unzufrieden gewesen,
+und der damalige Landvogt hat Befehl geben müssen, dass man es in
+der Verbreitung der sogenannten »europäischen Marktprodukte« fortan
+nicht wieder treiben dürfe bis zur Hungersnot ...
+
+Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von jemandem,
+der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit?
+
+Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste Art der
+Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu sprechen: die Macht der
+willkürlichen Verfügung über Personen und über das Eigentum ihrer
+Unterthanen.
+
+Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehört der
+Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Dies ist auch auf
+Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten
+nutzen gern die Unkenntnis der Bevölkerung aus, die nicht recht
+begreift, dass ihr 'Tommongong' oder 'Adhipatti' oder 'Pangerang'
+jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte
+für ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich
+belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der
+Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von den
+Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltäglicher, als
+dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden,
+ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts
+ist alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum
+Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein gefälliges
+Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau
+des geringen Mannes, würde man es unerhört finden, wenn dieser die
+bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte.
+
+Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen Verfügung
+einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann
+fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus nötig ist. Andere
+gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit
+nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmöglich, diesen Missbrauch
+ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der
+Bevölkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig,
+vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an
+seinen Häuptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter
+gehorchten. Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung,
+die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen »Kratoon«
+ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal
+von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich
+schliessen würde, und oft ist demgemäss diese Gewohnheit eher der
+Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater
+durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu äussern sucht,
+als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkür auffassen dürfte.
+
+Allein ... also wird durch einen »lieben Brauch« die Beseitigung von
+Missbrauch gehindert.
+
+Wenn der Alun-alun vor der Wohnung des Regenten in verwildertem
+Zustande läge, würde die umwohnende Bevölkerung sich dessen schämen,
+und es wäre viel Macht nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut
+zu säubern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range
+des Regenten übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben,
+würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der
+Nähe dieses Alun-alun oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges
+warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin führe, manchmal aus
+meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft,
+dass sie seine Felder bearbeite oder wässere, die Bevölkerung ganzer
+Dörfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen
+... der Missbrauch ist da.
+
+Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die »Staatsblätter« liest,
+worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen für die Beamten
+enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen
+derselben den Vorsitz geführt zu haben scheint. Überall wird dem
+Europäer, der mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet
+ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der
+Bevölkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und
+die Habsucht der Häuptlinge. Und, als wäre es nicht genug, dass man
+diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den
+Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein
+»besonderer Eid« gefordert, dass sie diese väterliche Fürsorge für
+die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten würden.
+
+Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu
+lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen
+zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen
+zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe,
+das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass
+man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen
+Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner
+Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die
+erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung,
+die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird
+keinen weiteren Sold begehren.
+
+Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig
+zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz
+zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und
+Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran
+mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus
+Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht
+der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische
+Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann,
+und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele
+Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen
+Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent
+sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald
+in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches
+durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür--o,
+sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn
+Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür
+Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies
+geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben,
+ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung,
+dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und
+also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?
+
+Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her,
+die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben,
+den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne
+sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer
+Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in
+seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung,
+die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn
+verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte
+Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt
+oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?
+
+Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon
+daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge,
+die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer
+Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend
+anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen,
+dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen,
+und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen
+Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.
+
+Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu
+bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen
+Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«.
+
+
+
+
+
+
+SECHSTES KAPITEL.
+
+
+Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn
+dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen-
+und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer,
+in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern
+in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr
+unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es
+nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass
+entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt,
+aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich
+gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam,
+hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit
+... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig,
+ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen
+zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt,
+überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den
+Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er
+denn auch nicht begehrte.
+
+Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit
+Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von
+Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den
+Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts
+im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine
+Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo,
+steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht
+zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.
+
+Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine
+hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder
+dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem
+Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen,
+die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener
+von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder
+umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti
+Karta Natta Negara sass ihm gegenüber.
+
+Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde,
+eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger
+sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der
+über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte
+ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer,
+die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er
+von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem
+Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner
+Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht--so recht eine
+Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man
+mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe
+anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte,
+um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den
+Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen,
+doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss
+geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in
+brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben
+werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem
+guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten
+Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden,
+und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie
+durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen
+wird, das er lieber nicht beträte.
+
+Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen
+übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache
+Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug
+verdient.
+
+Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das
+Wetter und den Regen.
+
+--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson.
+
+Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den
+Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder
+einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren
+Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo
+niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet
+in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt,
+der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem
+Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen
+so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des
+Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk,
+die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat,
+indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn,
+und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar.
+
+--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent,
+wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich
+dabei ein Betelblatt mit Kalk.
+
+--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete
+Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema
+berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er
+hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege
+von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als
+die lebakschen.
+
+Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der
+kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer
+kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo,
+wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon
+seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot
+gefärbt, und er sagte dann endlich:
+
+--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.
+
+Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem
+der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich
+herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine
+Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer
+benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche
+zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die
+bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin
+hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor
+allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass
+also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte
+leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten
+von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte.
+
+--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ...
+
+Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste,
+dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde
+für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es
+schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den
+Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte
+wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe.
+
+--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de
+kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde
+... das ist der Tuwan kommendaan.
+
+--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist
+der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen
+schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!
+
+--Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet
+hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd.
+
+--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn
+Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen
+sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm
+herein!
+
+Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer
+Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es
+war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison
+von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre
+Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in
+Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen
+hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit
+und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?«
+
+--Willst du Thee, Duclari?
+
+--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist
+erfrischender.
+
+--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich
+Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh
+mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten
+sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder
+von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...
+
+--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals
+gesehen.
+
+--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's.
+
+--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und
+auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der
+neue Assistent-Resident auch, nicht wahr?
+
+Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der
+Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin
+zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss,
+oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal
+fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort:
+
+--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen
+Assistent-Residenten kennt?
+
+--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn
+niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe
+dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles!
+
+--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht
+zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierüber?
+
+Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es
+verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem
+Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei,
+jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne.
+
+--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer
+Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der
+Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein
+von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr
+sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches
+Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt!
+
+--Das habe ich nicht gesagt, Duclari!
+
+--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem,
+was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser
+springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt.
+
+--Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ...
+
+--Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das
+war keine Sache!
+
+--Es war witzig ...
+
+--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber
+einem General.
+
+--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war
+vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.
+
+--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?
+
+--Das that er, um den General zu ärgern.
+
+--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der
+obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht
+find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren!
+
+--Er that's gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für
+den Schwächeren.
+
+--Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun
+durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo
+es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in
+bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf
+zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser
+Beziehung geändert hat.
+
+--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter,
+dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies,
+ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes
+Gefühl hat für Recht.
+
+--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas
+passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?
+
+--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann
+denkt er, dass wir darüber sprechen.
+
+Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor,
+und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er
+Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen
+sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu
+erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze.
+
+--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich
+wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen,
+um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der
+gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine
+Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit
+zu schaffen hat, das befremdet mich!
+
+--Und was hast du geantwortet, Duclari?
+
+--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste,
+oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung
+angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.
+
+--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief
+auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit
+seinem Tudung schwenkt.
+
+Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der
+Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen
+zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über
+ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war,
+stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon.
+
+Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo,
+und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern,
+der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude
+stillhielt.
+
+Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten
+mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl
+Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen
+und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten
+mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte,
+mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als
+die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun,
+Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles
+so sorgfältig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf
+Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem
+Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt
+ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist,
+sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt,
+die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil
+des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der
+Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden,
+die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu
+lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren,
+was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss
+schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört
+und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd,
+dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den
+man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt.
+
+Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem
+denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des
+Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft
+gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes
+haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten,
+daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft
+in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so
+weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb
+mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt
+hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam,
+dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der
+mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen
+des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links
+wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh,
+das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und
+Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von
+Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man
+kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine
+Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen
+neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den
+Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und
+gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.
+
+Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich
+etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht,
+doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein
+kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man
+vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr
+Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung
+und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte,
+von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden,
+will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht
+ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben
+werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk
+in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an
+den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in
+den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und
+Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich,
+was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger
+Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des
+Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas,
+das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung
+im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich
+doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere
+Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging.
+
+Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen
+behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im
+Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden
+Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf
+folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde
+es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag
+wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das
+Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten
+sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten
+am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter.
+
+Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem
+Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung
+annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass
+sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es
+war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak
+eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt,
+eine Assistent-Residentschaft ist.
+
+Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die
+geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert
+und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas
+schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier
+nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe
+durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf
+geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache
+nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen
+das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns
+nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die
+ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich
+habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin
+jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken
+solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen,
+ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet.
+
+Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit
+zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie
+möglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich
+fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs,
+euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich
+versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren
+der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so
+sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe,
+ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der
+Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach
+nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände,
+oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen
+seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille,
+die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das,
+wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz
+zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war
+gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte
+hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem
+dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt
+haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das
+Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn
+gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung,
+dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden
+dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden
+Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen
+empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm
+ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten
+der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig
+macht--nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht
+sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft
+von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.
+
+Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden
+Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin,
+der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und
+vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung
+und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener
+Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben
+bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war,
+dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie
+in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen
+liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der
+Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche
+des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen,
+sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing
+denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere
+Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein
+Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer
+Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein
+Morgenkleid nennen würde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie
+eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die
+man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust
+verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen
+von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.
+
+Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern,
+dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden
+werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu
+zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr
+angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte,
+der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist
+gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man
+noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das
+nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun,
+sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht
+auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.
+
+Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und
+behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen
+Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in
+ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten,
+wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung
+nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an
+den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige,
+die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass
+sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den
+Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf
+wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer
+am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und
+er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen,
+erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der
+Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle
+Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste
+Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für
+Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten,
+nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das
+höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere
+Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und
+mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit
+manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz,
+der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben
+als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste
+Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im
+höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem
+Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich
+Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er
+gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen
+über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen
+Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft
+war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem
+Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er,
+vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel
+keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass
+seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich
+und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil
+Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist
+etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung
+von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn
+seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu
+lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies
+er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war,
+lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er
+war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte
+Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende
+weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er
+fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und
+zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell
+bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für
+Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach
+in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der
+Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend
+denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch
+ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen
+dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit,
+doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde
+seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für
+geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht
+bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer
+ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte
+auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der
+eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo
+dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren
+und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken!
+
+Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen
+schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer
+Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem
+Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre
+Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss
+lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte
+Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich
+an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu
+hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar
+zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir
+vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich
+durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich
+werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich
+mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das
+ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe
+der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe,
+als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die
+ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste,
+welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst
+dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend
+in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das
+in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik,
+die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that.
+
+Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so
+wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der
+Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute,
+die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie
+zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu
+erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse
+verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine
+Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen
+Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche
+auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu
+dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch
+diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann
+mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen,
+ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder
+keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht
+zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu
+verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all
+den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig
+Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen,
+die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten
+aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen
+dieses Drama mitgespielt hatten.
+
+Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen
+berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu
+geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos
+Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an
+den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben
+hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in
+ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der,
+ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein
+feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man
+stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede
+Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und
+glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den
+vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener
+schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus
+das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss,
+dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder
+von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht,
+da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des
+Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände
+veranlasst wird--wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss,
+dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der
+Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte.
+
+Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem
+hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«.
+
+Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--löst
+sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein,
+viel gelitten, da ist Erfahrung!
+
+Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und
+sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das
+den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten,
+mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg,
+Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben«
+in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang
+gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen,
+Religionen und Gesichtsfarbe.
+
+Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und
+dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben
+gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im
+Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und
+die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.
+
+Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten
+konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig
+auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie
+Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes
+Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein,
+denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr.
+
+Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein
+Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine
+Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse
+Max', hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er 'Bockspringen',
+und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der
+Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte
+seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl
+etwas Besseres thun könnten als dies 'maschinelle Stichezählen'. Bei
+jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern
+sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin
+mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher,
+als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm
+nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert
+sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund,
+und worunter natürlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'.
+
+Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in
+Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal
+kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und
+wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen
+Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu
+thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für
+ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab,
+that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die
+es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache.
+
+
+
+
+
+
+SIEBENTES KAPITEL.
+
+
+Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem
+neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte
+höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef
+hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche
+Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art
+Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem
+Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person,
+die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer
+Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen
+Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch
+einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte,
+was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der
+Etikette nicht hätte thun brauchen.
+
+--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr
+Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst
+in Rangkas-Betung zu begegnen.
+
+--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie
+möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der
+Adhipatti.
+
+--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern
+einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und
+dazu noch zu Pferde!
+
+--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin
+ich noch immer stark und gut auf den Beinen.
+
+--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?
+
+--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.
+
+--Gut, aber es giebt da eine Grenze.
+
+--Eifrig, schleppte der Resident hinterher.
+
+--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal
+sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder
+zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir
+Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr
+von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max
+auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.
+
+--Es. Ist. Mir.
+
+--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht
+ein ...
+
+--Recht! sagte der Resident.
+
+--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch
+den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir
+können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr,
+Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal,
+Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge
+... unser Max!
+
+Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz
+genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel
+mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der
+Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte
+Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:
+
+--Ist der Regent immer so diensteifrig?
+
+--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar,
+und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie
+machen möchte.
+
+--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er
+besitzt Bildung, nicht wahr?
+
+--O ja ...
+
+--Und er hat eine grosse Familie, wie?
+
+Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang
+nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte,
+schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen
+häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn
+dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging,
+so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche
+Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei
+solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf
+den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?
+
+So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren,
+und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:
+
+--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.
+
+--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar
+fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten
+selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen
+diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten.
+
+Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet
+werde.
+
+--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun
+einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?
+
+--Ja, das könnte wohl besser sein ...
+
+--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar,
+als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der
+Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge
+sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die
+Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in
+einem Atem also fort:
+
+--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige
+hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur
+sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend
+gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja,
+Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und
+auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren
+früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar
+ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das
+ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch,
+wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen
+mal hingehen, Max!
+
+Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig
+zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem
+Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch
+nicht begehrt hatte.
+
+--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den
+Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut
+darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte
+Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent
+ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch,
+ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem
+halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent,
+meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben
+und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.
+
+Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den
+Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw
+Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten
+früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant
+meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der
+die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex,
+wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden
+kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen
+den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig,
+dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten
+hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch
+immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich
+ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später
+allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein,
+wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.
+
+Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete,
+indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis
+Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt
+seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr
+davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der
+kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter,
+die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben,
+dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren
+Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in
+einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen
+Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.
+
+--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.
+
+--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich
+möchte einer Dame ...
+
+--Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe
+hinterher.
+
+--Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus
+verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?
+
+Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.
+
+--Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist
+Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.
+
+--Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...
+
+--Ich. Wagte. Es. Ihr.
+
+--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel!
+
+--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.
+
+--Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.
+
+--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.
+
+--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!
+
+Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde,
+setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau
+Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein
+erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte
+in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den
+Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst
+zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen
+konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:
+
+--Eine. Eingeborne. Frau.
+
+--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu
+machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt
+sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.
+
+Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der
+zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die
+Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das
+Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen,
+die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das
+Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies
+jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald
+wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener
+Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug
+gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung
+selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das
+früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen
+baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.
+
+Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei
+dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung
+des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen
+Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine
+Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag,
+denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.
+
+Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine
+»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später
+wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der
+Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung,
+wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel
+endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.
+
+Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen
+Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu
+erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:
+
+--Weil. Er.
+
+Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...
+
+--So. Drängend. Zu thun. Habe.
+
+... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe
+Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder
+zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon
+mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon,
+dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich
+allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten,
+Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.
+
+Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar
+besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem
+weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max,
+der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre
+Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt,
+der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm
+erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen,
+die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder
+zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und
+Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an,
+dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der
+Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.
+
+Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der
+Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein
+wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach
+der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs
+empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes
+Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge
+geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte
+auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein
+Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident,
+der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee
+mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.
+
+Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des
+Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten
+von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den
+Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur
+Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein
+vorgeschrieben ist und der besagt:
+
+
+ »... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert
+ zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe,
+ versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu
+ sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam
+ den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass
+ man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und
+ Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass
+ man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier:
+ Assistent-Residenten) gezieme.«
+
+
+Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott
+der Allmächtige!«
+
+Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in
+diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis:
+»der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung
+und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden
+Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf
+die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen,
+dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch
+der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten
+nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem
+Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung
+bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen
+ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum
+Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung
+schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.
+
+Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben,
+auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des
+Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich
+zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren
+Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht
+in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen
+und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf
+die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe
+dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie
+gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte,
+was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber
+doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst,
+der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der
+Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar
+hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach,
+in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien:
+»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige«
+würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr
+Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare
+Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.
+
+Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann,
+der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von
+Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde
+durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte,
+sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?
+
+Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er
+sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott
+dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.
+
+Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge,
+worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der
+Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren
+Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr
+waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei
+Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation«
+war vor sich gegangen.
+
+Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der
+Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben
+bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder
+angelangt sein wollte:
+
+--Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
+
+... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung
+wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen
+Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies
+nicht an dem Grossen Wege gelegen war.
+
+Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen
+angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr
+eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge
+erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise
+nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie
+Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei
+ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte
+er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde,
+höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder
+wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.
+
+Max und 'seine Tine' waren erst unlängst von einer Reise nach Europa
+zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst
+sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich
+also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen
+Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach
+Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er
+mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses
+Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte,
+und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten
+Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist
+des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die
+geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger
+über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen
+Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...
+
+Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand
+schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde;
+er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen
+Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit
+dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!
+
+Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag,
+doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten
+derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu
+unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach
+Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung
+Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in
+der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein
+Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne
+Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war,
+schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum
+Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm
+jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig
+an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer
+Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst
+freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war
+keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder
+grösseren Gewinn.
+
+Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf
+seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in
+früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und
+er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine
+Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak
+nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit
+einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen
+sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.
+
+Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst
+betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken,
+ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen
+bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben
+eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst,
+begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie
+unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr
+Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht
+noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so
+lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten
+... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit,
+als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen
+... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser
+oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu
+gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet
+der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum
+Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max
+besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein
+Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen
+Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten,
+der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.
+
+Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak
+angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von
+dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem
+eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die
+alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich
+gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine
+Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des
+Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets
+eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und:
+»dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen,
+wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von
+dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte,
+die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste
+diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn
+zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet
+ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«
+
+Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner
+Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer
+Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn
+man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck
+zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem
+Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden
+haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu
+empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich
+zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.
+
+Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine
+Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie
+in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten
+der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer
+Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte,
+von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch,
+ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde
+alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...
+
+--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak
+verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam
+sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen,
+auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben,
+recht lange!
+
+Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich
+nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie
+war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht
+als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn
+Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine
+zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn überhaupt
+ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte,
+dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.
+
+Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus
+der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals
+»aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter
+dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der
+Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen
+hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften
+Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug
+überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung
+der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück
+wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe
+gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für
+ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das
+Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen
+hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu
+wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor
+er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr
+schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die
+Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es
+ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren
+müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu
+Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf
+den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich,
+dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den
+Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde
+wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina
+die Schiffbrüchigen der 'whalers', der Walfischfänger, in sein Haus
+rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete,
+als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung
+vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe
+jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten,
+und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.
+
+War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es
+nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an
+die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere
+gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine
+Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,
+ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht
+alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne
+Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien
+Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über
+das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar,
+dass er nicht schon König war?
+
+Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die
+Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je,
+dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel
+geliebt!
+
+Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen
+Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es
+doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte,
+und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären
+in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus
+dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art
+entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.
+
+Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen
+von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie
+ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch
+Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen
+losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten
+Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie
+mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl
+deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren
+gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte,
+wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein
+liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten
+einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron
+van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des
+Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen
+Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben,
+was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen
+Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel
+er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es,
+die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn
+Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen
+Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später
+im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr
+sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem
+Leichnam seines Vaters gesucht hatte.
+
+Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich,
+dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und
+aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des
+Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in
+einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig
+die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein
+grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich
+unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite
+Glied übergegangen.
+
+Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach
+seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine
+Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie
+mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen,
+dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht
+von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie
+uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände
+die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man
+mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige
+Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches
+Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen
+Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht,
+gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man
+einen »Millionentraum« nennen könnte.
+
+Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und
+scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben
+sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von
+Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er
+hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick
+verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er
+schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen
+Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem
+anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit
+dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören,
+worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube,
+dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des
+Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante
+Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas
+Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen:
+»Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«
+
+Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln,
+und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei
+der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte,
+dass er zu viel Geld ausgab.
+
+Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten
+hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt
+hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers,
+war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um
+die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben
+meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung
+... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu
+führen ist.
+
+Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es
+irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen
+über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein
+wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von
+problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine
+Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und
+derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze
+Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so
+gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm,
+als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit
+erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles
+wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus
+Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen
+ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen
+Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe,
+die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar
+so oftmals hatten sagen lassen:
+
+--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht
+entziehen kann?
+
+Und worauf sie stets geantwortet hatte:
+
+--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!
+
+Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak
+Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens
+zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen
+in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im
+Besitz ihres Kindes ...
+
+--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch
+Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen
+Lilien ...
+
+Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an
+ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei
+Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen
+sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.
+
+Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über
+bis zum folgenden Morgen.
+
+
+
+
+
+
+ACHTES KAPITEL.
+
+
+Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in
+Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis
+zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die
+er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im
+Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas
+weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist
+sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder
+sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten
+Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte
+den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.
+
+Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber
+dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude,
+das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt,
+wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer
+ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet
+war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den
+folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat
+ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen
+Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und
+legte sie zu näherer Prüfung beiseite.
+
+Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident
+am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher,
+dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch
+man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben,
+um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich
+begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen
+eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie
+sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften
+überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen,
+als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten,
+und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde,
+als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«
+
+Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach
+wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er
+gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr
+die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch
+Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der
+Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern
+können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm
+wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch
+logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache
+an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache
+gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart,
+als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine
+Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit
+verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das
+süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen
+Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl
+seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen
+bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr
+verschieden sind von den unseren.
+
+Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:
+
+--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr,
+Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser
+Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt,
+und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze,
+und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der
+Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!
+
+Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier
+Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.
+
+Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch
+Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine
+Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross,
+wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb,
+doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die
+Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen
+... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und
+ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre
+Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.
+
+Ich grüsse Euch alle sehr.
+
+Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich
+Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr
+erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul
+betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure
+Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in
+Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es
+sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben
+und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von
+andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!
+
+Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern
+Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.
+
+Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war
+ich froh im Innersten meiner Seele.
+
+Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum
+giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein
+Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.
+
+Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in
+den Blumenkelch, der Durst hat?
+
+Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten
+suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege,
+da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des
+Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen
+dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die
+Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es
+sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und
+Danksagung aus Weinen?
+
+Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!
+
+Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück
+grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf
+das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht
+alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor
+der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude:
+die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die
+Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit,
+die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind
+gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn
+bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit
+Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden
+sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus,
+und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen
+Vater gekannt.«
+
+Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!
+
+Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft
+zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele
+Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder
+gering?
+
+Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung,
+das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind
+die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den
+Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das
+Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«
+
+Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und
+die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder
+die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?
+
+Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt
+ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben
+hat, hier zu arbeiten.
+
+Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner
+wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die
+Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und
+nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an
+vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach
+dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es
+ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün
+ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch
+sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide
+reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs,
+deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern
+lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!«
+
+Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den
+Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen
+lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die
+Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände
+erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da,
+Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will
+es so!«
+
+Doch nicht also in Bantan-Kidul!
+
+Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer
+Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen
+Tiger sähet auf seinem Wege?
+
+Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser
+Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.
+
+Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend
+von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die
+unser Land verlassen haben.
+
+Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern
+begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung
+empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst,
+vor dem Schatten unserer Haine?
+
+Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder
+sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in
+fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie
+kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die
+Aufständischen erschlägt.
+
+Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele,
+die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum
+fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an
+seinem Fusse?
+
+
+
+Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den
+Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn
+hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in
+seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das
+zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das
+Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz
+darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu
+den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser
+Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an,
+der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz
+geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne
+Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier
+nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte
+den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich
+waren für solche Sprache.
+
+Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte,
+waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was
+er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel,
+die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit
+dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir
+sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck:
+»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete,
+zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft
+hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders
+sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem
+oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin
+ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke
+des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie
+diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas,
+dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.
+
+Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt,
+dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären,
+die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass
+er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen
+liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass
+dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in
+Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern
+von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und
+glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung
+so deutlich verstanden hatte.
+
+Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die
+Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar
+sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments
+erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe,
+wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher
+hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf
+Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden
+Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend
+wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn
+zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir,
+dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals
+die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden
+wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren,
+Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem
+der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger
+Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit
+seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das
+Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:
+
+
+ Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...
+ Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ...
+ Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:
+ Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!
+ Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören,
+ Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,
+ Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...
+ Und rollend ruft sein Donner: Majestät!
+ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+
+
+... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte
+schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können
+glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall,
+an den erbebenden Bergwänden zurief?
+
+Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«,
+sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem,
+was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein
+Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder
+in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem
+er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und
+ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch
+bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte
+Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich
+so beengt darin fühlte.
+
+Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten
+Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink
+befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit
+Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach
+den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt
+eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge
+denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen,
+mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien
+in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die
+hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter
+den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt
+haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt
+er? Wem gelten seine Fragen?«
+
+Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das
+Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die
+Augen zur Erde.
+
+»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend,
+das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den
+Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang
+fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte
+die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer
+Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit
+erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien
+dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen,
+der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber
+zu neigen schien.
+
+--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.
+
+Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.
+
+Hierauf fuhr Havelaar also fort:
+
+--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von
+Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere
+Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend
+Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen
+zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von
+seinem Willen.
+
+Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder
+seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend
+über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den
+Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und
+über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen,
+wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.
+
+Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo
+fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in
+seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften,
+die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner
+Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht,
+weil er Strafe fürchtet.
+
+Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass
+jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande
+laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.
+
+Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm,
+dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde
+thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter
+Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine
+Pflicht ist.
+
+Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!
+
+So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber
+verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel
+dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger
+haben ... wer wird sie strafen?
+
+Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent
+würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und
+auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr,
+noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...
+
+Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?
+
+Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird
+gethan werden.
+
+Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden
+bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird
+sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in
+den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben
+ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann,
+der gestorben ist?« Und man wird sagen:
+
+»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger
+nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab
+wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch
+den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er
+suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause
+der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo
+man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die
+Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete
+sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er
+sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«
+
+Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn
+zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch
+gestorben.«
+
+Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause
+und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang
+der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«
+
+Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem
+Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die
+Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:
+
+»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er
+verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker
+mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker
+der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte
+sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut
+der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge,
+doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste
+den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie
+ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger,
+der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine
+Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«
+
+Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir
+fluchen niemandem!«
+
+Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!
+
+Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und
+was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?
+
+Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme
+spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den
+Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte
+aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen
+sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen
+gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner
+Frau?«
+
+Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im
+einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen,
+das Eindruck machen musste, fort:
+
+--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und
+darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer
+geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite
+versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht
+streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen
+oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit
+werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer
+Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas
+wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti?
+
+--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen
+in Lebak.
+
+--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns
+eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so
+arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält,
+werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist
+fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss
+seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass
+binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl
+wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in
+Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen,
+der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt,
+Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung
+sehr anempfohlen.
+
+Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht,
+Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.
+
+Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren,
+ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«----
+
+
+
+Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete
+ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie
+erwartete.
+
+
+
+--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie
+... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa,
+höret einmal!
+
+So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich
+anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war
+im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.
+
+--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst
+hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?
+
+--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer
+de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer
+gesprochen hatte.
+
+--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon
+nicht mehr, was ich gesagt habe.
+
+--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...
+
+Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max
+gesprochen.
+
+--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind
+wäre.
+
+Das that Tine wohl: sie fand es auch!
+
+Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah
+auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben
+auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.
+
+Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz
+anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war
+einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst«
+in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit
+dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent,
+ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht
+ausbezahlt werden könnten.
+
+--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies
+nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.
+
+Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht
+abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges
+Antwort ihm wider den Strich ging.
+
+--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen,
+sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen
+das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut
+befunden werden.
+
+Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge,
+der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:
+
+--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs
+Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn
+nun ein Manco sich herausstellt?
+
+--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.
+
+Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem
+Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben
+war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar
+zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle
+
+--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent
+hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem
+... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld
+nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete
+lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann
+von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen
+sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch
+getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's?
+
+Verbrugge schwieg. Er wusste es.
+
+--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer
+Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat
+der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne
+Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's?
+
+Dieses wusste Verbrugge nicht.
+
+--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es,
+fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den
+Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der
+Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin
+sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum
+Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?
+
+--Ich habe sie noch nicht gesehen ...
+
+--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die
+Angaben vom vorigen Monat richtig?
+
+Verbrugge schwieg.
+
+--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr
+Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen
+bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in
+den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?
+
+Verbrugge schwieg.
+
+--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr
+Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und
+Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der
+von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist
+Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee
+ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht,
+in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in
+Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu
+Pferde steigen. Ist das wahr?
+
+--Ja, so ist es.
+
+--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur
+Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat,
+als er ... wissen Sie's?
+
+--Ja, ich weiss es.
+
+--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig
+war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's?
+
+--Ja, ich weiss es.
+
+--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu
+Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich
+wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?
+
+--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.
+
+--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in
+seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?
+
+--Ja, es ist so.
+
+--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der
+in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht,
+sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel
+Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei
+Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es
+nicht so?
+
+--Ja, das ist wahr.
+
+--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang
+ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range
+nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht
+allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut
+von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen
+Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs
+des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern
+anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen
+Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?
+
+--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen
+begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.
+
+--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte,
+als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden
+anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine
+Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!
+
+Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes,
+als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.
+
+--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich
+will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von
+heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich
+Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge,
+dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch,
+dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte
+hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute
+'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das
+scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch
+das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so
+vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender
+Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange
+als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?
+
+--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie
+Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.
+
+--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere
+Menschen, doch was thut das zur Sache?
+
+--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und
+Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.
+
+--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen
+Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe
+seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein,
+Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts
+zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah
+etwas Neues erzählt?
+
+--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...
+
+--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist:
+ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie
+so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.
+
+--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer
+Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.
+
+--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder
+Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie
+wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie
+wollen doch wohl Ihre Pflicht thun?
+
+--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng
+fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht
+in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.
+
+--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben,
+dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich
+zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in
+Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten
+brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger
+und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es
+und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!
+
+Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie
+Verbrugge hinhaltend, sagte er:
+
+--Wessen Hand ist dies?
+
+--Das ist die Hand M'nheer Sloterings.
+
+--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas,
+offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen
+wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die
+Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten
+u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer
+Slotering damit sagen?
+
+--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge.
+
+--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht
+werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann
+etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und
+nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:
+
+
+ »12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren
+ Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten
+ verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)«
+
+
+Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war,
+der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also
+ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:
+
+
+ »15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der
+ inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren,
+ die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass
+ die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich
+ beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz
+ von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen,
+ die Anteil haben an der Kultur.«
+
+
+Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal,
+auch darin steht etwas sehr Deutliches:
+
+
+ »Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein
+ zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung
+ ausgesetzt ist.«
+
+
+Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin,
+wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun,
+dass auch andere dies thaten?
+
+--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese
+Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.
+
+--Und was folgte darauf?
+
+--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ...
+
+--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter?
+
+--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen
+... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer
+Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!
+
+Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie
+Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig
+sich erwiesen.
+
+--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort,
+er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...
+
+--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.
+
+--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung
+einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an
+den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen
+selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.
+
+--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein
+Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er
+das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam
+Unrecht und Willkür gutheissen wird?
+
+--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung
+einen Häuptling an.
+
+--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein
+muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen
+ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den
+Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen
+Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt
+um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen
+Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen
+zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl,
+weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen,
+nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie
+möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege
+entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun,
+was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es
+sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich,
+doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die
+Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich,
+bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben
+holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach,
+denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen
+in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max
+... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!
+
+Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein
+in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete,
+der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari,
+der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach
+Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt,
+und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient
+ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile,
+was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.
+
+
+
+
+
+
+NEUNTES KAPITEL.
+
+
+Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich
+wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei
+der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand
+legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen
+ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte,
+würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als
+Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es
+wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus
+hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches--du lieber Himmel,
+die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!--ist niemals aus
+einem Fenster gesprungen.
+
+Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer
+Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer
+Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass
+ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung«
+Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich
+Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er
+habe einen amsterdamschen Accent--was ein Amsterdamer niemals zugeben
+wird--vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals
+nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache
+von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das
+vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest
+und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.
+
+Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das
+Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und
+gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach
+nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich
+nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass
+du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just
+das Essentielle nicht gelesen. So würde ich--denn ich bin Mann und
+Autor--jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem
+Leserleichtsinn überschlagen.
+
+Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was
+»dran«? Und du sagst zum Beispiel--horribile auditu für mich--mit
+dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:
+
+--Hm ... so ... ich weiss noch nicht.
+
+Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der
+Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke
+der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem
+Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...
+
+Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und,
+ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...
+
+Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein,
+dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts
+und niemanden umarmt ...
+
+Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen,
+und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig,
+ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne!
+
+Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und
+du sagst--eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande--gähnend:
+
+--So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben soviel
+im Augenblick!
+
+Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, Europäer, Leser, dass du
+da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern auf meinem Geiste wie auf
+einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem
+Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele, meine Seele,
+die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es
+war mein Herz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn
+in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt,
+und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut
+wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir
+dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!«
+
+Der Leser begreift, dass ich hier nicht von meinem Buch rede.
+
+»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu
+reden ...
+
+
+
+--Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und
+Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war,
+denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend
+wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich
+Makler in Kaffee bin--Lauriergracht Nr. 37--und dass ich für mein
+Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich
+zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft,
+und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, was!
+
+Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten,
+und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie
+wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich
+auf Luise. Ihre Zustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller
+Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...«
+u. s. w.--Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber,
+siehe sie nicht.--Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das
+Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz
+ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen,
+denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen
+Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug,
+dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das
+Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin,
+nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen
+handeln muss--ganz Niederland wartet darauf--und da geht mir nun der
+Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie
+sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von
+der Einleitung ab«--ist das alles noch Einleitung?--»ich verspreche
+Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee,
+Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort,
+hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee
+mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und
+Milch in Ihre Tasse thun?«
+
+Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil
+ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu
+tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger
+falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige
+Pfuscher sind.
+
+Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen
+von Sterns Geschreibsel--hast du's wirklich gelesen?--deinen Zorn
+nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt--denn ich frage
+dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man 'Menschenfresser'
+geschimpft wird?--so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist
+von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma
+meines Buches drängen, nun die Sachen einmal so weit gediehen sind,
+dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt--die Jungens
+scheinen ihr aufzulauern--fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen
+werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!
+
+Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im
+Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt,
+so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und
+darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht
+in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran
+als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel
+überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und
+dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir,
+einem honetten Manne und Makler in Kaffee.
+
+Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen--und aus
+Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei--dass
+in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr
+verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten,
+wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam
+gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen,
+dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet
+ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und
+ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig
+macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im
+besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen
+Boden verändert--der Javane hat doch nichts anderes zu thun--oder, wenn
+man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht
+nach anderen Gebieten schickt, wo der Boden wohl gut ist für Kaffee.
+
+Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf
+behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen
+Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor allem seit ich die Predigt
+von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der
+Heiden hörte.
+
+Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten
+als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung
+meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit
+in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt--es
+kommt alles von dem verwünschten Paket!--so habe ich ihn einmal gut
+unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:
+
+»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das
+Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist
+dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy
+Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller
+Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht
+so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben,
+Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er
+hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer
+kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und
+schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance«
+geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.--So geht es, wenn
+man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal,
+wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose
+an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein
+Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt--das ist die
+Wahrheit!--Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du
+zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten
+Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die
+nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit
+Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich
+nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer
+genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden
+will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass
+alles Böse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann
+an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so'n Schauspieler. Gieb
+doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank,
+als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon
+denken? Die Kirche ist Sein Heiligtum, weisst du wohl? Und laure
+nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze
+Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim
+Essen aus der Schrift lese. Das passt sich nicht in einem achtbaren
+Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er
+wieder mal nicht da war--weil er manchmal die Gicht hat--das hält die
+Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort,
+dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hat auch
+allerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind
+auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist
+er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer
+soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater
+ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter
+Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen
+abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so
+gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter
+Florseide. Frage ihn--weisst du, so nebenbei!--ob er glaubt, dass
+sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das
+niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten
+schuldig--so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,--und ... all
+das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam,
+Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs
+Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es,
+und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss
+bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen,
+dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine
+Vermahnungen, Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen
+Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!«
+
+So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck
+auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner
+Rede gewählt hatte: die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn
+gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel:
+I. Sam. XV, Vers 23 b.
+
+Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für
+ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher
+Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter
+viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel
+durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so
+etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von
+Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft--denn ich kenne Wawelaar
+und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt--nein, durch
+die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher
+zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann
+behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über
+Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine
+Heiden sind, doch ich nenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat,
+einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten,
+und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun.
+
+Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe
+bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur
+zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich
+als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält
+für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt
+mitteilen, die ganz besonders treffend waren.
+
+Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und
+war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen, worauf es hier eigentlich
+ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all
+das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte:
+
+»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel--er meinte
+das Ausrotten der Bewohner von Kanaan--und so ist der Beruf von
+Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das
+uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass
+wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet
+das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen
+und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes--und des zu Recht
+verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen
+sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit,
+da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von
+eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung
+eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des
+Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es
+nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche
+sind da, die einen andern Gott, was sage ich, die Götter anbeten,
+Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nach ihrem
+Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja,
+Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch
+tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter
+ihnen, die keinen Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen,
+dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen
+Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über
+den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das
+Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte,
+meine Geliebten--wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt
+werden mag!--da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei,
+Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen,
+was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu
+können zum Schlafe! Schaudert euch nicht bei diesem Bilde? Krampft
+euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein
+wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die
+die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr
+nicht--ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes
+habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein
+Gott der gerechten Rache--ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und
+das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und
+Zähneklappern! Da, da brennen sie und vergehen nicht, denn ewig ist
+die Strafe! Da leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den
+heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht,
+der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten,
+auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des
+Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde
+abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter
+Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«
+
+Da fiel eine Frau in Ohnmacht.
+
+»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der
+Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er
+selig werde mit der Gnade, in Christo, durch den Glauben! Und darum ist
+Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten
+ist! Dazu hat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande,
+klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes,
+Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das
+heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den
+Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen
+Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten
+Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich
+allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen
+Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln
+des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die
+Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich dessen auf uns ruhen,
+wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.«
+
+Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir
+in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt:
+
+
+ 1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die
+ Missionsvereinigung.
+
+ 2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck,
+ diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.
+
+ 3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen
+ des kolonialen Werbedepôts.
+
+ 4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen,
+ geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen
+ und vorgesungen zu werden.
+
+ 5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren
+ Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen:
+
+ a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen,
+ von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen
+ im wahren Glauben.
+
+ b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch
+ die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe
+ besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit
+ niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für
+ das Reich Gottes.
+
+ c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in
+ Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden.
+
+ d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung
+ aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat
+ von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der
+ vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts,
+ und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen,
+ wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt.
+
+ e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht
+ werde.
+
+ 6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die
+ Missionsgenossenschaften.
+
+
+
+Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1
+genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint
+mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.
+
+Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser
+Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die
+vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun
+nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere,
+dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr
+aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte
+der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche
+Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich
+und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken
+muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes,
+dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits
+aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee
+gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste
+Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet
+gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen
+anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend
+empfänglich zu machen für die Seligkeit.
+
+Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass
+alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die
+rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen
+Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und
+demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit--der Mann hat niemals
+einen Fuss in die Börse gesetzt--aber durch die Gnade des Evangeliums,
+die ihm vorleuchtet und eine Lampe ist auf seinem Pfad, mir, Makler
+in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland
+nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen
+wird, wenn Fritz gut aufpasst--er hat leidlich still gesessen in der
+Kirche--vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja,
+Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen,
+das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig.
+
+Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die
+Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu
+machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist--ich selbst
+habe zwanzig Jahre die Börse besucht!--dürfen wir dann dem Javanen
+Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist,
+um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche
+Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese
+armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft,
+die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in
+Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht
+hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen
+sind so!
+
+Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen
+bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das
+Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der
+Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und
+wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der
+Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können,
+dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?
+
+Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse
+ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen
+suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind,
+obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren
+Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein
+katholisches Mädchen.
+
+Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst
+gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In
+meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde ich sorgen. Und
+dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie
+weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir
+geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das
+ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr
+gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.
+
+
+
+
+
+
+ZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone,
+so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern
+Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass
+mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel:
+Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem
+Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder
+anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich
+es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch
+den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.
+
+Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber
+ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe,
+wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit
+Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!«
+und fragte, was er darunter verstände.
+
+--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen,
+was ich sage.
+
+--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt,
+dass Sie immer die Wahrheit sagen?
+
+--Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir
+erglüht ...
+
+Der Leser weiss den Rest.
+
+--Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als
+ob ich es glaubte.
+
+Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte
+mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten
+Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch
+einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen,
+wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt--macht
+sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte--und einem Makler, der zwanzig
+Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er
+allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: »auswendig«--und
+da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr
+schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht
+lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben
+nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was
+erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich
+ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben
+hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der
+Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern,
+meine ich--die folgenden
+
+
+ Betrachtungen
+
+
+bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von
+Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.
+
+
+ Auf Flügeln des Gesanges,
+ Herzliebchen, trag' ich dich fort ...
+
+
+»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon
+und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu
+sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam
+werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da
+man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren
+Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren
+Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber
+hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch
+nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch
+das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das
+Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!
+
+
+ Fort nach den Fluren des Ganges,
+ Dort weiss ich den schönsten Ort.
+
+
+Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber
+nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt
+helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben
+Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut
+leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das
+sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all
+dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste
+Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte,
+so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig
+oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene
+Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf
+ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn
+Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich
+rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da
+vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um
+Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:
+
+
+ Dort liegt ein rotblühender Garten
+ Im stillen Mondenschein;
+ Die Lotosblumen erwarten
+ Ihr trautes Schwesterlein.
+ Die Veilchen kichern und kosen,
+ Und schaun nach den Sternen empor;
+ Heimlich erzählen die Rosen
+ Sich duftende Märchen ins Ohr.
+
+
+Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie
+anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung,
+ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie
+Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas
+zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es
+niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben,
+wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in
+dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass
+niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste,
+um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen,
+sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch
+mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in
+dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen
+auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen,
+die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr
+sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe,
+dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben,
+faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie
+doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und
+sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass
+diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der
+Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na,
+noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen
+ausgeht ... da haben Sie's!
+
+
+ Es hüpfen herbei und lauschen
+ Die frommen, klugen Gazell'n;
+ Und in der Ferne rauschen
+ Des heiligen Stromes Well'n.
+ Dort wollen wir niedersinken
+ Unter dem Palmenbaum,
+ Und Lieb' und Ruhe trinken
+ Und träumen seligen Traum.
+
+
+Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie
+haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen
+Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus
+fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges
+sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind,
+wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie
+diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie
+machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst
+das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck,
+der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und
+dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen,
+die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der
+Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser
+giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den
+Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion,
+Christentum und Anstand?
+
+Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr
+achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass
+ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte
+macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir
+heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich
+meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage,
+schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden
+Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen
+Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu
+Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse
+aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es
+niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater,
+denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden
+die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen
+Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun,
+weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in
+einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und
+sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind,
+und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck
+& Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und
+schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen
+unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht
+ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen
+durch günstigere Bedingungen.
+
+Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns
+Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen
+gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen
+Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie,
+dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören
+kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die
+Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun,
+nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen
+haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben
+Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe
+Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich,
+nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last &
+Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass
+ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser
+aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als
+wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet
+und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie
+doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles
+Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.
+
+Ich bin Ihr väterlicher Freund
+
+
+ Batavus Droogstoppel.
+ (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,
+ Lauriergracht No. 37.)
+
+
+
+
+
+
+ELFTES KAPITEL.
+
+
+»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu
+reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir
+darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er
+scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.
+
+--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an
+Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz,
+alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch
+... es steht was darüber im 'Liebig' ...
+
+--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir
+hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.
+
+Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier
+angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte
+herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in
+Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen
+im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen,
+das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran
+erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff
+dies wohl: sie begriff ihn stets!
+
+--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von
+Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen?
+
+--Wer ist das? fragte Verbrugge.
+
+--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben
+hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie
+verstehen doch?
+
+--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.
+
+--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf
+auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise
+erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er
+wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das
+ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese
+Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher
+Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns
+zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.
+
+Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht
+viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe,
+Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith,
+Shakespeare, Byron ...
+
+Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.
+
+--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie
+denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für
+Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben
+Sie Miss Mata-api gekannt?
+
+--Nein, ich kenne den Namen nicht.
+
+--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.:
+»Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie
+wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals
+habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal
+hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen
+Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die
+Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren,
+des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir,
+gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...
+
+Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein
+lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von
+der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden
+von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf
+dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena
+von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis
+er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:
+
+--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas
+bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen
+gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel
+erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von
+denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe
+wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen,
+am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei
+das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall«
+und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu
+haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!«
+sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens
+nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen
+mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders,
+wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine
+Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und
+lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind
+sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal
+auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung
+für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne
+Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken,
+aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von
+Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den
+Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet
+vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss
+hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch
+gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt,
+dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten
+muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder
+als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse!
+
+--Die Vandalen?
+
+--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer
+im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder
+schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem
+einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der
+Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung
+entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger
+als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen
+beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch
+für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum,
+Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne
+Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie
+einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell
+Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst
+auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt
+man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der
+Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick
+auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer
+sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach
+der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar
+beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich,
+dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit
+ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten
+kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich
+spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine
+Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht,
+wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und
+dem Publikum zugrinst.
+
+--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich.
+
+--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als
+Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen
+sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux
+armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das
+Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O,
+schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr
+oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung
+gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu
+ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn
+man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl
+schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor
+Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich
+sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung
+aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben
+Sie mir: Stillstand ist der Tod!
+
+--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen
+als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!
+
+--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht
+von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch
+minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie
+rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie
+mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu,
+wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.
+
+--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch
+nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so
+durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle,
+aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.
+
+--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen,
+meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der
+18. Februar ...
+
+--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...
+
+--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im
+Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...
+
+--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.
+
+--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer
+ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können,
+und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen
+Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen
+auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander
+stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und
+Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas
+unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen
+Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen
+Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?
+
+--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte
+Verbrugge belehrend.
+
+--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie
+gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf
+diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch
+dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem
+Boden gestanden.
+
+--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut
+in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es
+wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig
+nicht, warum!
+
+--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz
+gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss
+wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und
+ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch,
+und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den
+Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen
+diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit
+und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das
+alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei
+Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay
+befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es
+den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu
+gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch
+träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken
+Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte,
+weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?
+
+--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht
+sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer
+geguckt habe.
+
+--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde,
+das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an,
+dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem
+Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss,
+was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen
+nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der
+Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind,
+die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde
+in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz
+genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er
+wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den
+Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie
+rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!«
+Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung
+des Gemäldes betrifft ...
+
+--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend,
+als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?
+
+--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl
+mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier
+Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor
+dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen«
+nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie,
+welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?
+
+--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als
+ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass
+das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben
+Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.
+
+--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten
+Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück
+Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.
+
+--Mitgefühl für den Henker?
+
+--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit
+der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich
+in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer
+Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll,
+sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird,
+und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es
+schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der
+Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes
+Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das
+Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der
+erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und
+liegt sie da noch?«
+
+--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in
+Arles? fragte Verbrugge.
+
+--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren
+Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den
+Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen
+... da brennt die Stadt ...
+
+--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz
+verloren hast, neckte Tine.
+
+--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet
+es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib
+gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und
+es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede
+folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich
+dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt
+man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein
+Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf,
+dass die Frauen zu Arles ...
+
+--Nur ein Haupt hätten alle miteinander?
+
+--Ja ...
+
+--Um es abzuschlagen?
+
+--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen,
+aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen,
+und davon zu träumen, und um ... gut zu sein!
+
+Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder
+besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht
+und fuhr fort:
+
+--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte,
+nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das
+wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein
+Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich,
+ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.
+
+--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber
+ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.
+
+--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so
+ein Mädchen sich profanieren?
+
+--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?
+
+--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!
+
+--Ja, aber ...
+
+Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen
+... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!
+
+--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit
+verhaltenem Lachen.
+
+Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich
+ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar
+klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr
+erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles,
+hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.
+
+Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man
+es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung
+bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach
+dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen
+Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt,
+und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er
+nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern
+seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten:
+
+
+ 1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist
+ verrückt.
+
+ 2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase
+ nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf
+ Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der
+ Kartoffel nähert.
+
+ Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die
+ zweite!
+
+
+--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so
+höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich
+Ihnen erklären. Tine ist ...
+
+--Bester Max! sagte sie flehend.
+
+Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner
+Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«
+
+Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:
+
+--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich
+manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf
+stoffliche Unvollkommenheit?
+
+Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.
+
+--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die
+Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese
+Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser
+fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich,
+ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.
+
+--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?
+
+--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll
+ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich
+war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?
+
+--Ja.
+
+--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben
+wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal
+an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von
+Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr
+davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren,
+ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...
+
+--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?
+
+--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den
+Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht
+gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine
+Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie
+zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen
+Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo,
+eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum
+dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so
+zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen
+zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen
+und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war
+wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das
+kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem
+Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter
+anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu
+lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte
+angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer
+Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit
+diesem dummen Datu und seinem Kind.
+
+Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl
+leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar
+vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja,
+ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit
+mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das
+lasse ich nun auf sich beruhen.
+
+Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas
+weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich
+sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht
+hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte
+mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat
+meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich
+selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit
+recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in
+jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig
+oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé,
+und das ist manchmal eine recht interessante Sache.
+
+Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine
+Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei
+rote, eine schwarze: es war schön!
+
+Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines
+Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat
+immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen
+Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach
+meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.
+
+Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden
+eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner
+und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über
+der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt
+und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen
+in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie
+suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?
+
+--Was für ein Ding? Die Sonne?
+
+--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören
+Sie einmal an:
+
+
+ Du fragst, warum der Ocean,
+ Der Natals Strand bespült,
+ An andern Küsten lieb und hold,
+ So ungestüm hier braust und grollt
+ Und ewig kocht und wühlt?
+
+ Du fragst--und kaum erhört im Kahn
+ Der Fischerknabe dich,
+ So blitzt sein dunkler Augenstern
+ Hinüber unermesslich fern,
+ Und westwärts weist er dich.
+
+ Und westwärts bohrt er seinen Blick
+ Ins Unermessene hinein,
+ Und zeigt dir, bis ans Firmament,
+ Nur Wasser, Wasser ohne End'
+ Und See und See allein!
+
+ Und darum peitscht der Ocean
+ So wild den Ufersand:
+ Nur See erblickst du weit umher
+ Und Wasser, Wasser immermehr,
+ Bis Madagaskars Strand!
+
+ Und manches Opfer heischte schon
+ Der Ocean empört,
+ Und manchen Schrei, erstickt im Meer,
+ Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,
+ Nur Gott hat ihn erhört!
+
+ Und manche Hand, in letzter Angst,
+ Erhob sich aus dem Grab,
+ Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End',
+ Und suchte, dass sie Stütze fänd',
+ Und sank zuletzt hinab.
+
+ Und ...
+
+
+Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr.
+
+--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk
+zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.
+
+--Wie kommt der daran? fragte Max.
+
+--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das
+Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde,
+die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von
+Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?
+
+--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine
+Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte
+Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So
+begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele,
+Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche,
+nichtsnutzige Eva ...
+
+--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen
+Korallen? fragte Tine.
+
+--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter
+dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich
+über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin
+... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator
+war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der
+Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger
+nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens
+»nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder
+... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«,
+dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was
+für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein
+Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur
+reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen,
+wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar
+Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will,
+und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder
+er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen
+seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär
+sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er
+da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht,
+dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde,
+der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja«
+oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz,
+des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran
+hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat
+man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und
+dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden:
+sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem
+ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe,
+um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der
+Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von
+dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten
+liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ...
+
+--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.
+
+--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends
+»gemütlicher« ist.
+
+Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde
+ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung
+möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:
+
+»Es wird nun kühler werden.«
+
+»Ja, Tuwan!« antwortete sie.
+
+Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder
+und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser,
+als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte
+... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein
+eingebildeter Kerl sein.
+
+»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?«
+fragte ich.
+
+»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«
+
+»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!«
+
+»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.
+
+Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl,
+ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich
+genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel
+Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen
+daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die
+nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den
+ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war,
+etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten
+von Si Upi Keteh.
+
+Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich
+selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun
+wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das
+zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch
+wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt
+verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte
+ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische
+Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben
+irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben
+Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden
+nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine
+Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in
+Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie
+wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf,
+vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im
+Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche
+an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz,
+und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich
+hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine
+Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der
+Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung
+Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See
+verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten
+keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu
+Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen
+wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er
+behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie
+wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt,
+von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung
+gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip
+dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass
+man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass
+force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu
+lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische
+Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den
+unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir
+stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die
+Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das
+Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken,
+oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich,
+so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen
+lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit
+meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem
+Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne
+einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte
+mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn,
+und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut,
+um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen
+für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank
+einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind
+schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls
+als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:
+
+
+
+»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine
+Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war
+gering, und zufrieden war er nicht.
+
+Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass
+ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von
+roter Seide.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu
+war von roter Seide.
+
+Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und
+auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong
+über das Haupt des Königs.
+
+Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener
+Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.
+
+Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und
+auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt
+man den goldenen Pajong.
+
+Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich,
+sodass der Graswuchs verdorrte.
+
+Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht
+hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.
+
+Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und
+hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und
+überall umher.
+
+Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht
+der Fürsten, die auf Erden waren.
+
+Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen
+der Sonne prallten von ihr zurück.
+
+Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und
+er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war
+er nicht.
+
+Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde
+und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.
+
+Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess
+die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.
+
+Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.
+
+Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in
+grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.
+
+Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke
+seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.
+
+Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte,
+ich wäre dieser Fels.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er wurde Fels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und
+nicht, so es regnete.
+
+Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit
+schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.
+
+Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über
+mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.
+
+Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre
+dieser Mann.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit
+schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er
+war zufrieden ...
+
+
+
+--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis
+schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.
+
+--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe
+nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine
+Erzählung zu Ende war, fragte ich:
+
+»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel
+käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«
+
+»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach
+dem Himmel.«
+
+
+
+--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht
+ganz verrückt fanden ...
+
+
+
+Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.
+
+
+
+
+
+
+ZWÖLFTES KAPITEL.
+
+
+--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so dürftig. Möchtest du
+nicht ... du weisst ja ...
+
+--Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum Teufel, ich bin
+heiser. Verbrugge ist jetzt dran.
+
+--Ja, M'nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar.
+
+Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal
+ein Mann, der einen Truthahn stahl ...
+
+--O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es
+weiter?
+
+--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?
+
+--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch
+jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war?
+
+--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte
+Verbrugge.
+
+--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war
+zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in meinen
+geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich
+viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig vor! Die
+Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme
+von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig,
+dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass
+er Geld zählte oder Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte,
+wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl
+von einem Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter
+nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie
+wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt,
+auf Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig in den
+Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch
+häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner
+Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgänger
+ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat
+etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt
+ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen für
+Bureauarbeit oder für die peinliche Genauigkeit, die für eine gute
+Verwaltung von Geldsachen nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei
+Tollheiten im Kopf ...
+
+--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.
+
+--Was ist nicht nötig?
+
+--Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas hergerichtet werden
+sollte ... eine Omelette oder sonstwas.
+
+--Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen Tollheiten
+anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist es recht, aber
+die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für was entscheiden
+Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder für die Historie?
+
+--Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen Menschen, sagte
+Verbrugge.
+
+--Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, fügte Duclari
+hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und
+Mevrouw, und: »entre l'écorce et le bois, il ne faut pas mettre le
+doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und Angel.
+
+--Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ...
+
+--Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette wird doch
+wohl soviel wert sein wie ...
+
+--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wäre! Doch es hat
+damit einen Haken ...
+
+--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach,
+lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!
+
+--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's
+nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, hätte das nichts zu sagen,
+aber ...
+
+--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?
+
+--Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen,
+sie ist ...
+
+--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?
+
+--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein
+müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!
+
+--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer
+Verzweiflung.
+
+--Aber Kaffee haben wir, rief Tine.
+
+--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering
+mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, worauf die kleine
+Gesellschaft sich nach draussen verfügte.
+
+--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht
+gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.
+
+--Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar,
+und das hat sie abgeschreckt.
+
+--O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein
+Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren
+eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich recht gut. Weisst
+du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast?
+
+--E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«.
+
+--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas
+menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, die das
+Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...
+
+--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari.
+
+--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir
+haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und darum verlange ich
+die Geschichte von dem Truthahn.
+
+--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das
+Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit
+noch jemandem.
+
+--Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft.
+
+--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen wissen, warum
+Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.
+
+--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld,
+der mich suspendiert hatte.
+
+--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nächstes
+Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge.
+
+--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte
+sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an
+meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne,
+der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich,
+Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«.
+
+--Und dann das Epigramm?
+
+--Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt?
+
+--Ja.
+
+--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding,
+weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss
+sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren
+Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel
+weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert,
+und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer
+war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl
+erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau
+weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und
+was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des
+Generals--wahr gewesen sein kann.
+
+Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu
+gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends
+aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss
+einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito
+so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel
+zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit
+davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss
+einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der
+Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch
+willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen
+auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch
+man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer
+Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer
+oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert
+war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb
+Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert,
+dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung
+zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine
+ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf
+sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte,
+an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung
+nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen
+haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit
+kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für
+den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch
+das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden,
+dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu
+schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem
+Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind
+betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt
+zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich
+wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach
+den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte,
+kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn
+nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken
+war--als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm
+nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr,
+und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre,
+dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich
+bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er
+hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer
+einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung,
+etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen
+mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der
+Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder
+beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies,
+dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und
+niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man
+einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle
+Tage betrunken ...
+
+--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war.
+
+--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so
+weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das
+wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas
+Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins
+Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen
+arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und
+ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver,
+achtbarer Kerl!«
+
+--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal.
+
+--Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal,
+wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen
+würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie
+er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den
+Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute
+Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird
+wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich
+mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und
+gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der
+gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald
+niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss
+also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn
+Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat,
+er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen,
+ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus
+ist er nicht ...«
+
+Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?
+
+--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen.
+
+--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm.
+
+--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm.
+
+--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie,
+Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben
+Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen über jemanden, der
+recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten
+so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert
+Grad für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir
+schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien
+über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich,
+dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an
+guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist.
+
+--Auf wieviel Grad stehe ich, Max?
+
+--Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, Tine.
+
+--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre
+Nullnähe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird
+vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: »la pièce!«
+
+--Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause ist! Nein,
+Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, ehe ich nicht noch ein
+bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten
+bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art
+Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken
+würde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft über die Massen
+heraus, um die üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich
+nur gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der
+Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass
+ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber er ist
+ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie darüber so bös sein! Ich
+habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mädchen ist!«
+Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm
+seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen,
+und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei,
+denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus.
+
+--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen
+stark aufgetragen!
+
+--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas
+kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb«
+einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses
+bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften
+zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität
+verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften
+etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder
+gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt
+beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen
+wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht
+hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung,
+dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald
+wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre
+eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht
+länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig
+angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur
+drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch
+meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit,
+haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn
+bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel
+unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit
+für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so
+wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung--wie ein Jäger,
+welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt--auch die
+Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen
+werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier,
+sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war
+unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht,
+jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren.
+
+Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken
+gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten,
+wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das
+stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich
+überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht
+gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre,
+wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen
+Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess.
+
+Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse:
+Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah
+auch gewöhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die
+Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch
+etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von
+Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals
+im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen,
+als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet.
+
+Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht
+ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur,
+dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit
+erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach
+noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte
+sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas
+zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach
+welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit
+in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus
+Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen
+sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe.
+
+Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht
+gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die
+geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus
+zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache
+zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte
+Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was
+aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts
+untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später
+gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension
+war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch
+des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und
+vorher bei mir in Dienst stand.
+
+
+ Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert,
+Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten,
+ Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ...
+Wenn's nicht schon längst entlassen wär' in alle Ewigkeiten!
+
+
+--Nehmen Sie mir's nicht übel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so
+etwas nicht am Platze war, sagte Duclari.
+
+--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor,
+dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete,
+Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte
+wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte
+dem General geschrieben, dass er verantwortlich wäre, wenn ich in
+Elend umkäme, und dass ich von niemandem Hülfe annehmen würde. In
+den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hörten, wie es mit mir
+bestellt war, mich zu ihnen zu kommen nötigten, doch der General
+verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte
+ich auch nicht verziehen. Überall anderswo hätte ich mich retten
+können und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem
+mächtigen General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern
+zu lassen. Das hat neun Monate gedauert!
+
+--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der
+General viel Truthühner?
+
+--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal,
+nicht wahr? Was ich während dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte
+Verse, schrieb Komödien ... und dergleichen mehr.
+
+--Und war dafür Reis zu haben auf Padang?
+
+--Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich sage lieber
+nicht, wie ich gelebt habe.
+
+Tine drückte ihm die Hand: sie wusste es.
+
+--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben
+haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rückseite einer
+Quittung.
+
+--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es
+bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De Kopiist«, auf die ich
+eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der
+Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden
+die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir
+eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich
+des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt
+blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia
+zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf
+der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren:
+
+
+ Vingt florins ... quel trésor! Adieu, littérature,
+ Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin:
+ Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin,
+ Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture!
+ Si j'avais vingt florins, je serais mieux chaussé,
+ Mieux nourri, mieux logé, j'en ferais bonne chère ...
+ Il faut vivre avant tout, soit vie de misère:
+ Le crime fait la honte, et non la pauvreté!
+
+
+Doch als ich später in Batavia der Redaktion des »Kopiist« meine
+zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint,
+dass der General selbst das Geld für mich bezahlt hat, um nicht
+gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia
+zurückzusenden.
+
+--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es
+war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm?
+
+--Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte vor Gericht stehen
+lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von
+Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen
+als »Versuch zur Unterminierung der Holländischen Autorität und
+Aufreizung zum Aufstand« hätte ausgelegt werden können, oder als
+schuldig des »Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er gezeigt
+haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte
+mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hüten
+hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu wählen. Und
+mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er sagte nichts, und er
+that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht den
+mindesten Märtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie
+sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglücklich werden durch meine
+ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um
+ein für alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So
+wenig Ermutigung löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten
+Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan!
+
+
+
+
+
+
+DREIZEHNTES KAPITEL.
+
+
+--Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert
+waren? fragte Duclari.
+
+--O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe,
+als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann,
+so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte,
+als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang
+umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem
+sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in
+den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen.
+
+Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und
+Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf
+eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit
+Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang--der nun just
+mein besonderer Freund nicht war--behauptete, dass ein Fehlbetrag von
+Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange
+ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich
+unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden
+zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den
+Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird
+als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich
+nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte--gleich
+werden Sie hören, warum und wie--und weil während seines Aufenthalts
+zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei
+deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt
+hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung
+auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem
+französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer
+geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser«
+hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich
+in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht
+den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht
+empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen
+Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass
+ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in
+einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste,
+ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige
+Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich--oder vielmehr
+ich merkte es ihnen an--dass der General sehr erbost auf mich war. Ich
+sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie
+Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als
+der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden
+hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen,
+aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte,
+ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen,
+und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende
+Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien,
+wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt,
+in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem
+anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden
+vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo
+aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang
+bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens
+nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner
+Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte,
+die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass
+Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete
+mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert
+haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der
+persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem
+Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden
+Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar
+wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte,
+den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben
+konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen
+Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von
+'force majeure'.
+
+Und, mochte man immer diese 'force majeure' leugnen, wollte man
+mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in
+Augenblicken, da ich--in Lebensgefahr oftmals!--fern von der Kasse
+und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen
+musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere
+nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer
+Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein
+hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche
+Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die
+Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im
+Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger
+zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden
+Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon
+sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue«
+aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel
+geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten
+zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten
+auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er
+achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er
+selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse.
+
+Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein,
+wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und
+Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder
+Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war,
+so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese
+Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande
+zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen
+zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die
+Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld
+verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos,
+und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die
+Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen
+gerettet hatte.
+
+Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn
+indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und
+Thor öffnen.
+
+Nach tagelangem Warten--Sie können sich denken, in welcher
+Stimmung!--erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief,
+worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine,
+mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner
+Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen
+konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich
+die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es
+für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund
+zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen
+Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine
+Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die
+Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum
+Beispiel--Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus
+der Natalschen Kasse bezahlt werden--oder sonst etwas derartiges,
+das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich
+meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte
+vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der
+General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung
+liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich
+eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war
+ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht
+der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung
+erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt
+hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem
+Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste
+Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit
+und im Widerspruch mit aller Billigkeit?
+
+Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder
+persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr
+ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu
+Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu,
+»sehr verkehrt von mir gewesen wäre«.
+
+Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in
+der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich hatte ihm
+widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten
+lassen, dass er mir deshalb zürne! Dumm genug, hatte ich in der
+günstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein
+»Widersprechen« schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig
+ich ihn damals kannte.
+
+Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer
+so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war ich mit mir
+selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, so gut ich konnte,
+und schloss meinen Brief--ich besitze noch den Entwurf--mit den Worten:
+
+
+ »Ich habe die an meine Administration geknüpften Bemängelungen,
+ so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung möglich war,
+ beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen
+ wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin
+ unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe,
+ denen mich zu widersetzen meine Grundsätze mich nötigen, doch ich
+ bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit,
+ stolz auf meine Ehre.«
+
+
+Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer Verwaltung«. Der
+Offizier der Gerichtsbarkeit--wir sagten damals noch »Fiscal«--erhielt
+den Befehl, betreffs meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen.
+
+Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt,
+und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! Man
+riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen--ich war
+noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen--doch das
+wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten,
+und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als
+dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus
+dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt
+sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenüber
+meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig können Sie
+wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegründet die Beschuldigung war,
+die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen
+Verbrechens, schreibt anders!
+
+Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen müssen,
+wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich
+aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne
+Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhält und
+ernährt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit
+doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich
+hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben,
+dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte
+kein Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft
+werden mit Hungerleiden.
+
+Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete,
+den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu erklären, weil
+Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermächtigung
+der Regierung zu Batavia statthaben dürften, hielt mich der General,
+wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich
+von höherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen.
+
+Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte--gute Tine, du hattest es
+mir gegeben!--zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen
+Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte
+mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von
+Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte ich an Ihrer Stelle
+nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben
+haben.« Ainsi va le monde!
+
+
+
+Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine Gäste von
+ihm erwarteten und die Aufklärung darüber geben sollte, in welcher
+Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit
+»so widersprochen« hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der
+Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei
+Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief
+darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls
+in der Absicht, sich nach der Küche zu begeben, die hinterm Hause
+gelegen war. Unsere Gesellschaft würde hierauf wahrscheinlich nicht
+weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt hätte,
+dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu üben
+scheine über jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch
+den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn
+in ein Verhör nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens
+wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurück.
+
+--Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht
+einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. Ich habe noch nichts
+im Hause.
+
+--Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete
+Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre Autorität
+zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste Person hier, und
+wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner
+Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist noch nicht gewohnt an
+die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergnügen nicht
+rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest.
+
+Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autorität gelegen.
+
+Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal
+abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt einem
+Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den
+beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit
+wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den Leser auf
+unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen
+Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der
+Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das Vermeiden der beiden
+Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig für jemanden,
+der Indien zum Schauplatz seiner Erzählung gewählt hat. Denn während
+ein Schriftsteller, der europäische Zustände schildert, viele Dinge als
+bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen
+lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische Leser diese
+oder jene Umstände richtig auffassen wird. Wenn der europäische Leser
+sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars »logierend« denkt, so
+wie dies in Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich
+vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die
+in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt,
+dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere
+Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That
+nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe
+bekannt mache.
+
+Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den
+»Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er manchmal die Geduld
+seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von Örtlichkeiten
+zu viel Platz einräume, scheint mir nicht recht begründet, und ich
+glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen
+Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung
+nötig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei
+dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht übel aus,
+dass er von dir die Mühe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich
+die Mühe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor,
+bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund
+Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mühe des Lesens
+wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende
+nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darüber,
+ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist,
+weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder
+nicht erforderlich ist für die geordnete Darlegung der Zustände. Und
+wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt--von Büchern,
+die man nur einmal liest, rede ich nicht--und selbst dann noch meint,
+dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck
+hätte entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage,
+ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht
+der Schriftsteller in mehr oder minder künstlicher Weise ihn dazu
+gebracht haben würde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem
+oberflächlich urteilenden Leser überflüssig erscheinen.
+
+Meinet ihr, dass Amy Robsart's Tod euch so packen würde, wenn
+ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und
+meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände--Verbindung in
+der Antithese--zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der
+unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fühlt
+ihr nicht, dass Leicester--dies weiss jeder, der den Mann auch aus
+anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman--dass er unendlich
+tiefer stand, als er im »Kenilworth« geschildert wird? Aber der
+grosse Romancier, der lieber durch künstliche Verteilung der Farben
+fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Würde,
+den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem
+unwürdigen Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen
+dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es,
+solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er
+in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das
+daneben Gegebene als überflüssig verwerfen zu können glaubt, verliert
+gänzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen,
+zu der Schule übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich
+floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die
+Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten
+Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich
+selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule--ich hoffe
+und glaube, dass sie ausgeblüht hat--hielt es für gemäss, mit voller
+Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon
+auf das Gemälde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung
+sehen möge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen,
+diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Züge
+zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum wählte
+denn auch diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten,
+am liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. Sieh,
+die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul
+... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden
+auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von
+Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn
+du dich nicht bewegen lässest von dem stummen Schrecken einer Leiche,
+die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz für ein Schlachtopfer,
+das noch ächzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die
+vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter,
+die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod
+dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem
+ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du
+verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in
+einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ...
+
+Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: »rechts und links
+... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes
+auf ... marsch!«
+
+Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was ich so
+im Vorübergehen beweisen wollte.
+
+Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen
+Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf seine
+Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben.
+
+Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. Du
+verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so
+ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu müssen,
+aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfällt, wenn er
+sündigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel
+Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch stärker, und mit
+Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich.
+
+Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege
+und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in
+die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor,
+in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen
+weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist,
+das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit
+eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann
+verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür.
+
+Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und
+mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten
+werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein
+kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten
+schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn
+wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie
+unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist,
+dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben,
+die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel
+wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses
+Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und
+Verstehen ist Genuss.
+
+Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege
+gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen
+ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen
+würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den
+Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube,
+dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben,
+den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst,
+dir etwas über Havelaars Haus zu sagen.
+
+Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine
+Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine
+Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen,
+vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das
+unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern
+dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien
+kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor,
+denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man
+hierfür laufen lässt--alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die
+indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind
+sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus
+erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen,
+hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste
+gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch
+mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden
+aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt,
+und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster
+der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest
+gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes,
+wie ich wohl glaube.
+
+In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch
+Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht
+haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte
+nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten
+... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von
+allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein längliches
+Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben
+tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke
+und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2,
+und in dieser Weise weiter.
+
+Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an
+drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen
+ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie,
+die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7,
+9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch
+Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten
+Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist
+eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich
+bin recht stolz auf diese Beschreibung.
+
+Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die
+Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe«
+knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald,
+sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von
+dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser
+nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck
+»Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine
+oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen
+Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere
+sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses
+Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher
+Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen
+Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge
+weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert,
+weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden.
+
+Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an
+einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn«
+stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an
+die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung
+mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer
+bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte,
+und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von
+Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite
+zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an
+Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte.
+
+Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im
+Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon
+überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den
+jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem
+Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer
+Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte,
+nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem
+Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes,
+selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und
+dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame
+des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich
+abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und
+Lesen unmöglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel
+Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen
+und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn«
+beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause
+gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor
+dem Hause.
+
+Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie
+mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das
+Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo
+Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter
+breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum
+Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte
+Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw
+Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe
+nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des
+Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der
+das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen
+Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder
+an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom
+Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude
+erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem
+deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.
+
+Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen,
+dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor,
+am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen
+und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame
+ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache
+redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass
+sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern
+willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung
+zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in
+Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering
+nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände,
+in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden
+sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht
+»stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie,
+dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört«
+wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten
+Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering
+sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders
+gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach,
+in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger
+Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut
+wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen
+haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken--ohne Liebig,
+lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und
+man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch
+Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt
+war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam
+blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte,
+an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst
+keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche
+von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine,
+wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug.
+
+
+
+
+
+
+VIERZEHNTES KAPITEL.
+
+
+--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an
+der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke
+grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein
+geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern
+uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu
+überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon'
+gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also
+in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an
+das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich
+anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren
+Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der
+dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität
+gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet,
+solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben
+zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter
+sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme,
+dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein
+Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im
+Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür
+bestanden als Recht und Billigkeit.
+
+Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden,
+sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der
+Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich
+zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von
+atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine
+Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen
+selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur
+nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus,
+und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen
+gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie
+wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden.
+
+Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung
+zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie
+in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom
+Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General
+Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das
+Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert
+aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass
+er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung
+gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und
+was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich
+im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und
+Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den
+Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.
+
+Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar
+auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang
+di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.
+
+Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete,
+der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher
+Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel
+von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben
+waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben
+schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar
+erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen
+angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den
+Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie
+dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für
+die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters,
+und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim
+sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den
+battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde
+zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge
+ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses;
+Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war,
+und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling
+in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.
+
+Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein
+Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte
+und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes
+zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung
+hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den
+anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet
+wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor
+einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen
+bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen
+überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der
+betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.
+
+Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den
+Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich
+verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe
+ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre
+1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet,
+wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich
+bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen
+und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher
+diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer
+Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.
+
+So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie
+bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter
+erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von
+Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die
+battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen
+haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft
+der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von
+selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie
+wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.
+
+Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat,
+kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der
+Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben
+nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der
+Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande
+gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung
+erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und
+Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.
+
+Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war,
+dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling
+gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier
+schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess
+ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach
+Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur
+all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse
+niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln
+rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein
+Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An
+Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich
+auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies
+thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch
+zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als
+ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert
+haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er
+frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei
+Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde,
+ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss
+ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht
+worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von
+seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier
+kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige
+Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit
+der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling
+zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern
+mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung
+seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese
+Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene
+Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine
+Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem
+diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem
+falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine
+Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen
+Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet,
+und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke
+nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.
+
+Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die
+Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir
+natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und
+gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser
+Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten,
+dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte
+Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den
+unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des
+Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die
+Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag
+ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die
+Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte,
+ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen
+Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen
+der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur
+geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte
+Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende
+Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste
+widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement
+abberufen haben würde.
+
+»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all
+den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere
+Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen
+Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die
+Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang,
+wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so
+können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«
+
+Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen
+Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si
+Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich
+meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku
+von Natal.
+
+»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein
+Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht
+geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats
+anklagt!«
+
+Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem
+»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den
+Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden
+Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen,
+nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf
+der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah,
+die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht,
+seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde,
+der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten,
+sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen,
+hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen
+können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und
+Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann
+einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.
+
+»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage
+und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten
+Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen
+worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan
+von Mandhéling'.«
+
+»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil
+ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und
+Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet
+sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java
+überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten
+dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann
+ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses
+Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«
+
+Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger
+zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General
+mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen
+werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte
+augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann,
+den man so schrecklich misshandelt hätte«.
+
+»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte
+er hinzu.
+
+Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen
+Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also
+in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit
+Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt
+haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein
+gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan
+Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku
+sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort
+hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen,
+was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen
+Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war
+in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich
+zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser
+Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte,
+was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die
+im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten,
+das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand,
+wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe
+bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für
+seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den
+Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon
+gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.
+
+Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde
+nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten,
+andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«,
+den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine
+Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger
+der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl
+Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der
+General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das
+Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig
+Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von
+Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der
+Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus
+den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs
+deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan
+gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder
+Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte;
+dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser
+nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass
+das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der
+Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes
+Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas
+ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von
+Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben
+und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.
+
+Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die
+Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes
+Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen,
+oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er
+sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.
+
+Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen
+Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist
+mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine
+Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld
+beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei
+obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser
+... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich
+einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben
+Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen«
+hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen
+ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche
+Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte,
+mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.
+
+--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren,
+sagte Duclari.
+
+--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme
+so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser
+Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen
+wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen,
+dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der
+General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen
+Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn
+ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr,
+dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten
+Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der
+General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte
+Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den
+Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung
+und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl,
+mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht
+so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass
+es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte,
+sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre
+und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten,
+die der Politik des Generals im Wege standen.
+
+--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.
+
+--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General
+nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung
+zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst
+geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat
+executio' verliehen hatte, wurde ...
+
+--Suspendiert?
+
+--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als
+ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend
+uns regierte.
+
+--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?
+
+--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind
+in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr
+angesehene Posten bekleidet.
+
+--Und Sutan Salim?
+
+--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde
+er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor
+in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe
+ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor
+anstellte, Tine?
+
+--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.
+
+--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!
+
+--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind:
+darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig
+duellierten?
+
+--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon
+gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten
+der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die
+meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft
+ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht
+erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes,
+der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine
+Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche
+Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles,
+begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere,
+wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und
+vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht
+also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich
+wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt
+hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung,
+und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein
+hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem
+im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht,
+warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun
+nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen
+Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm
+her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier
+ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das
+war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und
+will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht
+Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch,
+ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?
+
+So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das
+Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die
+»loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur
+Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!
+
+Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen,
+weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden
+Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue
+Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der
+Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden
+Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von
+dort zurückgekehrt war.
+
+
+
+Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass,
+um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten
+Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade,
+als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der
+Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen
+die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften
+Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan,
+die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch
+weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich
+das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das
+hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu
+rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten
+gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme
+von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu
+Rangkas-Betung warteten.
+
+Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus
+und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen
+ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste,
+und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine
+Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien
+den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars
+Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem
+Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte
+für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars
+liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen
+am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen
+bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen
+gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit
+Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.
+
+Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die
+Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt,
+und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht
+mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die
+Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die
+zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.
+
+Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male
+in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach
+wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer
+oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr,
+das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und
+achtete bald nicht mehr darauf.
+
+Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine
+verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die
+auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich
+sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man
+hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten
+waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel
+zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu
+lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm
+ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der
+Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen
+billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich
+Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten
+ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht
+Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine
+andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen
+Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen
+dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf
+dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen
+Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen
+anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem
+Max zusammen sein konnte?
+
+Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete:
+der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so
+viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei
+Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für
+jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage
+bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin
+einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also
+ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald
+über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass
+der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass
+er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie
+begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich
+und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser
+kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.
+
+Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall,
+doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt
+wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden
+wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen
+können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu
+lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer
+noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge,
+wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit
+und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass,
+wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur
+unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen
+haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und
+ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf
+die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen
+Besitzungen herrschend sind.
+
+Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der
+den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann
+in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses
+Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn
+das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder
+zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das
+Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten
+zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen
+kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder
+niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal
+gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks,
+der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden
+hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen
+gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige
+Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht
+die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert
+legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde,
+so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An
+den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige
+Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art
+Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden
+Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen,
+wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor
+allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht,
+selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre,
+um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel
+gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von
+Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine
+solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg
+zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden
+Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird,
+ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und
+also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.
+
+Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten
+in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach
+europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst
+würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar
+finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die
+Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten
+Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können,
+die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal
+die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer,
+einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige
+Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht,
+sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel
+warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die
+Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung
+eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht
+hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil,
+wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich
+sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin
+oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese
+Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach
+Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die
+Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen,
+dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche
+warnenden Lehren gegeben werden.
+
+Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich
+zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen
+Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut
+und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine
+völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel,
+dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der
+Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger
+in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine
+abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht
+hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am
+öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu
+stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm
+hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall
+die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder
+in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von
+diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte
+ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen,
+und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung
+Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten
+in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und
+zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande
+oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der
+Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne,
+dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,
+wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden
+Einkerkerung den Vorzug geben.
+
+Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen
+durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt
+war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt
+hatte.
+
+Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten
+keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel
+Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern,
+und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben,
+wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise
+zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn
+zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die
+Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht
+entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus
+den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der
+wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen,
+was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können
+also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner
+Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der
+Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage,
+als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung
+beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht
+fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles
+bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus
+dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen
+Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem
+höchst traurigen Zustande befand.
+
+Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm,
+dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit
+den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung,
+und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich
+gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde,
+wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.
+
+Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet,
+sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der
+Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von
+Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch
+nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht
+annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei
+ergreifen werde.
+
+Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen
+in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob
+dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen
+zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr
+ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir
+haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über
+die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es
+Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also
+nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter
+Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der
+Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste,
+dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes
+Lauf aufzuhalten.
+
+Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte,
+hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei
+zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse
+überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer
+wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht
+geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die
+Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn
+man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch,
+dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von
+höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf
+ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung
+Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«.
+
+Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen
+direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die
+Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt,
+im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu
+lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber
+nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig
+die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu
+thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen,
+die Ursachen hiervon darzulegen.
+
+Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht
+eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem
+ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben
+bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten
+mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein
+würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes
+zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr
+läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun
+einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern
+zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu
+werden, den man pflichtgemäss offenbart.
+
+Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre
+Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten
+melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die
+selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen,
+senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an
+die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen
+Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch
+nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen
+dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich
+behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit
+ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele
+von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer
+Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo
+die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden,
+wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre,
+Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät,
+mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht
+erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige
+Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen
+lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich
+um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die
+mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der
+Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der
+ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen
+werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel
+spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren,
+will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen,
+der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass
+ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein,
+sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner
+Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn
+... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass
+niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«
+
+Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten:
+»Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen
+zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die
+Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten
+erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt«
+mit unangenehmen Berichten!
+
+Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den
+Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht
+steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch
+niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu
+entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter
+abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung
+auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger
+weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien,
+da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die
+Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von
+Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.
+
+Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des
+Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch«
+zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und
+sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von
+Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv
+nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in
+einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.
+
+Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement,
+und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im
+Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr.
+
+Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte
+sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen
+zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung
+meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel
+und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man
+zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der
+Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne
+schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote
+zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre
+rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl
+notwendig geworden war.
+
+Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen
+könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot
+herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und
+dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben
+wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in
+meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich
+gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben,
+dass sie vorhanden sind.
+
+Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges
+Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher
+Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder
+nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden
+werden kann.
+
+Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein,
+der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin
+versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen
+aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich
+weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche
+nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java
+nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge
+viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben
+Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java
+eingeführt ist.
+
+Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem
+Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert,
+und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam
+machen.
+
+Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten
+für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat
+den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen
+Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der
+Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe
+bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind,
+dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu
+den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von
+mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die
+Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels
+haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,
+Einfuhr: entsprechenden Mangel.
+
+Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt
+sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass
+alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen
+Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier
+keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer
+Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die
+widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort
+ist. Das ist doch Wohlstand!
+
+Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als
+nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen
+würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie
+ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von
+vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten
+alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer
+Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam,
+seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten
+einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein
+anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung
+des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die
+gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange
+unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren
+könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung,
+in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?
+
+Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander
+folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas
+Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als
+die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein,
+die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit
+ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes
+entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen
+und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden
+sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur
+Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das
+Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?
+
+Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht
+die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit
+unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger
+Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der
+Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene
+Häuptlinge handelt.
+
+Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen
+Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten
+müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die
+Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese
+Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen,
+als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse,
+das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum
+und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung
+geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die
+nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub
+schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der
+Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen
+Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in
+Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber
+zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten
+politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind
+gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse
+hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch
+darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann,
+wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber
+diesen Häuptlingen fallen sollte.
+
+Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche
+Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den
+Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den
+Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide
+ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick
+will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der
+sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine
+Pflicht gebunden erachtete.
+
+Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen
+andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu
+seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen
+kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen
+vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu
+kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl
+und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem
+eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden
+sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele
+anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part
+eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari
+und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell
+mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht
+dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und
+seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester
+pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der
+auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach,
+ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil
+er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten
+die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich
+wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie
+wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und
+Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden
+von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich
+Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten
+war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf
+über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«,
+die solche Tiere schuf.
+
+Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal
+herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder
+nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber
+... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig,
+doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist
+gutherzig ... doch er kokettiert damit!«
+
+Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber
+sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich
+allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung
+der Koketterie?
+
+Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar,
+die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig
+haben würde!
+
+War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho
+hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete,
+dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den
+Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein
+derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an
+die Gutherzigkeit selbst.
+
+Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn
+ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die
+geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits
+unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von
+seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem
+rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht,
+wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher
+geringen Höhe auch immer.
+
+Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen
+Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht
+überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und
+Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in
+Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne
+indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte
+er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige
+Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig
+die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:
+
+
+ --Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!
+ Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,
+ Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!
+ Du hast den ganzen Tag so wild gespielt
+ Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.
+
+ --Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick!
+ Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,
+ Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich,
+ Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier
+ Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,
+ Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,
+ Was war das?
+ --Es war ein Klapper, der da fiel.
+ --Thut das dem Klapper weh?
+ --Ich glaube nicht.
+ Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.
+
+ --Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?
+ --Nein.
+ Man sagt, sie fühle nicht.
+ --Warum denn, Mutter,
+ Als gestern ich die Pukul ampat brach,
+ Hast du gesagt: es thut der Blume weh!
+
+ --Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,
+ Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,
+ Das that mir für die arme Blume leid.
+ Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,
+ Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war.
+
+ --Doch, Mutter, bist du auch schön?
+ --Nein, mein Kind,
+ Ich glaube nicht.
+ --Allein du hast Gefühl?
+
+ --Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich.
+
+ --Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh,
+ Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?
+
+ --Nein, das thut mir nicht weh!
+ --Und, Mutter, ich ...
+ Hab' ich Gefühl?
+ --Gewiss, erinn're dich,
+ Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein
+ Dein Händchen hast verwundet und geweint.
+ Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,
+ Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief
+ In eine Schlucht hinunterfiel und starb.
+ Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.
+
+ Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?
+ --Ja, oft!
+ Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,
+ Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift
+ Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt,
+ Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.
+
+ --Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,
+ Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?
+
+ --Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht,
+ Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.
+
+ --Doch, Mutter ... höre, was war das?
+ --Ein Hirsch,
+ Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt
+ Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht
+ Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.
+ --Mutter,
+ Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich?
+ Und eine Mutter auch?
+ --Ich weiss nicht, Kind.
+
+ --Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre!
+ Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?
+ Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?
+
+ --'s ist eine Feuerfliege.
+ --Darf ich's fangen?
+
+ --Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,
+ Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald
+ Du's mit den Fingern allzu roh berührst,
+ Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.
+
+ --Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht!
+ Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...
+ Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort
+ Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe.
+ Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das,
+ Sind das auch Feuerfliegen dort?
+ --Das sind
+ Die Sterne.
+ --Ein, und zehn, und tausend!
+ Wieviel sind denn wohl da?
+ --Ich weiss es nicht,
+ Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.
+
+ --Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht?
+
+ Nein, liebes Kind, auch Er nicht.
+ --Ist das weit
+ Dort oben, wo die Sterne sind?
+ --Sehr weit
+
+ --Doch haben diese Sterne auch Gefühl?
+ Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand
+ Berührte, gleich erkranken und den Glanz
+ Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!--
+ Sag', würd' es auch den Sternen weh thun?
+ --Nein,
+ Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit
+ Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.
+
+ --Kann Er die Sterne fangen mit der Hand?
+
+ --Auch Er nicht: das kann niemand!
+ --Das ist schade!
+ Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin,
+ Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann.
+
+ Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,
+ Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...
+ Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte
+ Auch sie und dacht' an den, der fern war ...
+
+
+Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen
+Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen,
+die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner
+Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe,
+wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.
+
+
+
+
+
+
+FÜNFZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe
+Ungnade der Regierung einigermassen gefürchtet zu haben schien--der
+Mann hatte viele Kinder, und kein Vermögen--hatte also lieber mit dem
+Residenten »gesprochen« über das, was er »weitgehende« Missbräuche
+nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus
+beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen
+schriftlichen Rapport empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt
+und später als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder
+jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche
+Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr
+nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten gewöhnlich
+eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natürlich alles
+leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen,
+die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti
+zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. »Nein, der Büffel sei
+ihnen nicht abgenommen worden für nichts, sie glaubten ja, dass ein
+doppelter Preis dafür werde bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht
+von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs
+des Regenten zu arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti
+sie später reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre Anklage
+erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... sie seien
+wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen möge für so
+weitgetriebene Unehrerbietigkeit.«
+
+Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage
+zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine
+schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu stützen, und
+ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit
+einem ungünstigen Bericht zu »belästigen«. Die ruchlosen Ankläger
+wurden mit Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert,
+und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen
+Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« zu haben.
+
+Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage
+sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder--und das geschah
+häufig--wenn dieselben Kläger zurückkehrten und ihre Einziehung
+einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen,
+um wieder darüber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe
+Komödie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen
+Menschen gehalten zu werden, der--dumm und bösartig vielleicht--so oft
+Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen werden
+mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen
+Verhältnis zwischen dem vornehmsten Inländischen Häuptling und dem
+ersten Europäischen Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen
+gegen diesen Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde
+aus den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt waren, wo
+sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings unterstanden,
+den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür angeklagt hatten?
+
+Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, flüchtete. Darum
+schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum
+waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufständischen in den
+Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an
+die Häuptlinge gefragt: »Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen
+in den Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche
+anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidul vor?«
+
+Doch nicht jeder konnte flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens
+den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd,
+ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte ... er
+war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten,
+dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen
+Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rückkehr
+in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprügel erspart,
+die die Strafe sind für jeden, der einen Augenblick meinen mochte,
+dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die
+Strafe für den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte,
+dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen
+und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ...
+
+War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am
+andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte--wie dieser ihm
+abends sagen liess--und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung
+zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung hinunterführen würde,
+gewohnt, Überbringer zu sein der brüderlichen Grussgeschenke der Haie
+im Binnenlande an die Haie in der See?
+
+Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem
+Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen
+und hierin einer höheren Macht verantwortlich sei als der Macht
+einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb,
+doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man,
+wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darüber,
+nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte?
+
+Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als
+»älterer Bruder«, und wer meinen möchte, dass ich in Eingenommenheit
+für den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach,
+übermässig herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher
+Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er
+ihm für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange
+darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur Verbrugge--als
+Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als
+also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu fürchten war--wie
+dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief:
+»Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!«
+
+Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er
+hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel
+drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit
+sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt
+und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in
+benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel
+Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der
+Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen
+zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit
+dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von
+Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger
+erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen
+waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte
+die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig
+zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig.
+
+So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und
+noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde.
+
+Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die
+Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten
+fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein
+Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich
+sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf
+das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen
+unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde
+ersparen können.
+
+Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit
+der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden
+werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur
+auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie
+dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier
+vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich
+mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten,
+mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte
+und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.«
+
+Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er
+zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf
+unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er
+gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör
+ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in
+der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen
+Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch
+wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und
+Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder
+zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie
+richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge
+aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag,
+den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar
+nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass
+sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden
+war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen
+verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches
+Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch
+das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr
+Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede
+von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung
+auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand
+sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den
+eigenen Kopf geschlagen hatte.
+
+Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie
+da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen
+... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau,
+wann sie ihn allein lassen musste.
+
+In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur
+bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.
+
+--Das ist eine schwierige Sache, M'nheer Havelaar, sagte er
+eintretend. Sehr schwierig!
+
+Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung
+enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von
+Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser
+finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas
+schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere
+ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage
+gefunden haben würden.
+
+Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut
+worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den
+Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten,
+die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür
+auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und
+des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den
+ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch
+unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen
+Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten
+werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung
+selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit,
+die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es
+wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so
+menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.
+
+Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude
+errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der
+Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den örtlichen
+Preisen der Materialien und von der Höhe der Arbeitslöhne am
+Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer
+genauen Untersuchung diesbezüglich beauftragt und ihm anbefohlen,
+die Preise der Wahrheit gemäss anzugeben, ohne Rücksicht darauf,
+was früher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden
+war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht übereinstimmten
+mit den Angaben, die einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun
+nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für
+Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was
+hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass
+er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen
+würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstücken
+eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu
+sein scheint.
+
+Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz
+über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts
+angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier
+eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der
+amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile,
+nicht allein mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von
+dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist,
+mit denen jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und
+ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte.
+
+
+ »Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. März 1856.
+
+ An den Kontrolleur von Lebak.
+
+
+ Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom
+ 16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie
+ ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem
+ Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen,
+ was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.
+
+ Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich dessen,
+ was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der
+ Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung
+ und im Auftrag derselben zu liefern sind.
+
+ Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem--und wie
+ ich glaube, nach Ihrem besten Wissen--Folge gegeben, so dass
+ ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten,
+ diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten
+ unterbreitet habe.
+
+ Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses,
+ No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird bezüglich
+ der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen
+ und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines
+ Gefängnisses gezahlt wurden.
+
+ Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen
+ mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was
+ Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die
+ Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben
+ vom 5. dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich
+ besprachen.
+
+ Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.
+
+ Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des
+ Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der
+ Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich
+ gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen
+ zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit
+ lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas,
+ das ich in Kürze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach
+ freundschaftlich warnte.
+
+ Halbheit führt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr
+ ist unwahr.
+
+ Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen,
+ vollständigen Eide thue man seine volle Pflicht.
+
+ Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze ihn.
+
+ Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu
+ ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich
+ selbst, die eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist,
+ gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und
+ überall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu
+ »schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf
+ dem rechten Wege antreffen wird.
+
+ Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim
+ Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von
+ Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend
+ sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit
+ darauf angespielt.
+
+ Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen von Mangel
+ und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir eingegangen war,
+ und ich darauf schrieb: »Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es
+ ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptsächlichste Wahrheit. Die
+ Hauptursache sitzt tiefer«, stimmten Sie dem in vollem Umfange
+ zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern,
+ dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten.
+
+ Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und
+ unter anderm den, dass ich es für unbillig hielt, auf einmal
+ von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle
+ ebensowenig sich reissen würden, Sie zu zwingen, so auf einmal
+ dem gewohnten Laufe der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet
+ zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist,
+ als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich
+ erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher
+ es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb.
+
+ Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter
+ meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt
+ die Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die--es sei denn,
+ dass ich irre--zuguterletzt triumphieren werden--jetzt wünschte ich
+ doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die
+ wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene Kraft erwürben,
+ die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus
+ sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar
+ jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur
+ darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen.
+
+ Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollständige Angabe
+ dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint
+ zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854.
+
+ Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses
+ Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu
+ kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt
+ haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage,
+ als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss
+ die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger
+ Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten
+ erzogen wurden.
+
+ Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn
+ Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement
+ unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu
+ folgen, gegen den ich mich auflehne.
+
+ Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen«
+ begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie
+ unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit«
+ anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser
+ langweilenden, sinnstörenden Titulatur.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von
+Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte,
+als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe
+aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten.
+
+Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt,
+um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von
+dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere
+Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten,
+der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste,
+dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise
+von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also,
+dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte,
+die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch
+mit der Furchtsamkeit derjenigen, die--wie sehr auch sie selbst diese
+unreellen Handlungen missbilligten--sich nicht berufen oder geeignet
+erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten.
+
+Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen
+zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit
+des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene
+Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig
+zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht
+vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder
+der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners,
+der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner
+angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese
+armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen
+zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten?
+
+Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine
+Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis
+grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem
+Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am
+liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er,
+der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den
+schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der
+Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite
+ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein
+Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde
+verraten können.
+
+War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine
+mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn
+aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt,
+dasitzen sah?
+
+Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit
+derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen
+Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen hatten. Nein,
+zur Not würde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hülfe von
+andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer,
+die dieses Rechtes bedürftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss
+auf das Volk er hatte, und wie--wenn einmal die armen Unterdrückten
+aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie
+ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten--er wusste,
+wie er die Macht hatte, auf ihre Gemüter zu wirken, und wie die
+Kraft seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache
+von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass seine
+Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, hielt ihn
+also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten
+anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte
+er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung,
+abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.
+
+Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn
+wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen
+Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt,
+den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen
+Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu
+glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der
+vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend
+machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl
+seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr
+für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon
+gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie
+ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier
+das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass
+er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht
+überzugehen--des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen
+müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere.
+
+Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der
+Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde,
+und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese
+Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger,
+als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen
+es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er
+das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon,
+als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war
+bei all seinem Scharfsinn?
+
+Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.
+
+
+
+Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung
+bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen
+muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es
+denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung
+neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren
+Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten
+des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu
+lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf
+die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher
+Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem
+noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über
+sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine
+Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis,
+der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich
+nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt
+den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor
+sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem
+Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen
+Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen,
+mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein.
+
+Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens
+die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines
+Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann
+wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an
+vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an,
+dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen
+unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu,
+dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt
+sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und
+tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor
+allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist,
+hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner
+hohen Berufung zu genügen.
+
+Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum
+erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt,
+in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues
+Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des
+Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen
+sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen
+Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde,
+was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er
+ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können,
+was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar
+selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen.
+
+Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich
+übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es
+schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen,
+die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des
+Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich
+lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen
+würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der
+Generalgouverneurs meine ich angeben zu können:
+
+Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn.
+Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der
+durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten.
+
+Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf
+und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit
+vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz.
+
+Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang--vielleicht gar als
+Ursache dieses Übergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden.
+
+Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für
+diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als
+sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der
+ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später--nach der
+Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um
+deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht
+in der Absicht sich zu bereichern«--z. B. einen Büschel Bananen im
+Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden
+in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld
+hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend
+welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können,
+wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn
+der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen,
+was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr,
+ad libitum.
+
+Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem
+Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung
+vorzubeugen ...
+
+
+
+Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden
+müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne,
+um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt
+die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die
+Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung
+frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel
+zu suchen?
+
+Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil,
+der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die
+Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil
+dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in
+Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit
+der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor
+der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?
+
+Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er.
+
+Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es
+ihm geholfen?
+
+Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er.
+
+Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit,
+Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des
+Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen
+von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen
+Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie
+verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife!
+
+Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu
+ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten«
+und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der
+kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb,
+durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken
+trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines
+blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken
+schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man
+geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser
+des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es
+ihm geholfen?
+
+Wenn ich also gehört werden will--und verstanden vor allem!--muss
+ich anders schreiben als er. Aber wie dann?
+
+Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat
+mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff
+deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben,
+wie du es wünschest.
+
+
+
+Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen,
+an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog
+Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der
+ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte
+an dieser Krankheit gelitten!--schon so häufig hatte er das alles
+wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut
+bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur
+beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten
+andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch
+der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde.
+
+Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein,
+wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner
+von Lebak würde auftreten müssen.
+
+
+
+
+
+
+SECHZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm
+mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch
+darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er
+wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen
+grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong
+solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen
+würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden
+mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann
+vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den
+Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich
+tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige
+Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu
+besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste
+er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben,
+unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.
+
+Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck
+auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht
+der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch
+ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund
+gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht
+thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt,
+vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern
+derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin
+auch nur zaghaft und verstohlenerweise.
+
+Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend,
+wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie
+gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die
+mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn
+sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums
+Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und
+er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem
+Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war,
+und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom
+Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis,
+dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten
+raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars
+Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen,
+dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der
+Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies
+hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar
+zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass
+sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen
+würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten,
+wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an
+dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen
+und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch
+der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte
+er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von
+Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der
+Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er
+bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und
+zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung
+zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung
+der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge
+den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen,
+und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden,
+dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die
+Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde.
+
+Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte,
+erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung
+eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner
+Bemühungen.
+
+Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen
+Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah
+in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und
+den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin
+Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen
+Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte,
+so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von
+zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben,
+denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind
+für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt:
+dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem
+Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben,
+und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist.
+
+Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ...
+
+Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel
+minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten,
+von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich
+dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die
+Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde
+ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum
+Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines
+gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des
+Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis
+sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich
+abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu
+die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals
+das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe
+sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los
+gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich
+die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der
+Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen
+Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder
+verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den
+Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.
+
+Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar
+Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in
+Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres
+Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise
+zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum
+wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die
+Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von
+dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und
+wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen,
+ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den
+diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm
+dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also
+nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-,
+ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche,
+leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt
+wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich
+bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr
+ausgesetzt sind?
+
+Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen
+Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt,
+die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd
+sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich
+bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen,
+die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen
+Personen so besonders schwierig machen.
+
+Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies
+dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie
+ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java
+Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia,
+Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande
+genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet,
+und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen
+Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung
+eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten
+Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als
+mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den
+eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer
+gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu
+Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird
+wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in
+zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen
+Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus
+berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss,
+wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden
+sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist,
+der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen,
+dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak,
+dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa
+verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den
+Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich,
+die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich,
+ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre
+Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg
+erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum
+Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen
+Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung
+Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft,
+die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und
+oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis
+von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals
+Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen
+Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis
+auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der
+rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit
+ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten,
+der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der
+Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu
+verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie
+unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.
+
+Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der
+Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen
+doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur
+von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in
+Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt
+sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien
+selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich
+stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze
+Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu
+verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht,
+als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner
+Rede behandelt.
+
+Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft
+wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft,
+indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz
+abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine
+Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt
+machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage
+nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt,
+sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes
+beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person
+ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in
+Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus,
+dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer
+trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar
+scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner
+Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird,
+wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung,
+wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs,
+der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines
+Ministeriums für die Kolonien zu setzen.
+
+Es ist eine eigentümliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer
+Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht
+man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis
+zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein
+kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht
+darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die
+Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man
+sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie
+Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine
+Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man
+annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn
+nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher
+Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer
+fallen würde--sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem
+Gegner günstig erwiesen.
+
+Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in
+Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach
+der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen,
+was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen
+soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so
+mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen,
+doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend
+einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in
+Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates
+gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in
+Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder
+mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist
+betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil
+aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel
+gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur
+zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören.
+
+Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten
+Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein
+Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies
+anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass
+man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht
+noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium
+für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für
+den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.
+
+Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer
+Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen
+erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem
+die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des
+Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien
+und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt,
+zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für
+sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den
+Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang,
+und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren
+ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass
+Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des
+Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu,
+»dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete
+seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!
+
+Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak,
+Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen
+eintöniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt übergehe.
+
+Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der
+Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den
+Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur
+Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht,
+um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss
+fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den
+Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund,
+der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht
+ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat,
+ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper,
+auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich
+auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss
+das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last
+zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in
+steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der
+Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt,
+sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb
+entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe
+weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht:
+der Baum schnellt zurück--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach,
+die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen
+Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in
+dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres
+Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel
+Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift
+sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch
+einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen.
+
+So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will
+ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der
+Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von
+Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings,
+wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird
+sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie
+schwarz--und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug,
+ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie
+darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung.
+
+Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig
+sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser
+dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit
+verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis,
+Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere
+Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren
+haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand
+Seelenvortrefflichkeit.
+
+Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so
+weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel
+aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der
+Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde
+her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn
+ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause,
+sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da
+verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln
+und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich,
+o Niederländer!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen
+lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man
+seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über
+so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der
+Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich,
+dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den
+König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich,
+in deinem schönen Reiche Insulinde!«
+
+Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der
+Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl
+überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven
+in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen
+Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den
+weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit
+B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als
+... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf
+der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt
+mit Sinken?
+
+»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!«
+habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn
+ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz
+bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern
+geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen
+und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn
+der Kaffee steht sehr gut.
+
+Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel
+wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel
+gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht
+recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit
+seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz
+macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die
+in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind
+das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz
+äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen
+gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen
+in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz
+bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das für
+nützlich in Geschäften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal
+grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den
+Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann
+kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser
+Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei
+ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss
+man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo
+es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die
+Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe
+noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt
+Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit
+betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht
+gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für
+die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.
+
+O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch
+schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler
+in Kaffee--und für andere--dann hätte ich's lieber selbst gethan. Doch
+hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und
+das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin
+aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem
+Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal
+mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat,
+dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen
+toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken
+lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie
+gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur
+deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker
+macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei
+ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich,
+als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht
+der Fall, denn sie machen in Zucker.
+
+Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib
+kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun
+schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch
+hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht--steht es ihm wohl gut,
+dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine
+Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur
+werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine
+ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte
+geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O,
+damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein
+General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des
+Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er
+hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich
+ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre
+und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck &
+Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die
+haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss,
+weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman
+wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind.
+
+Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der
+Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte
+von Lot--hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine
+Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte
+zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen
+nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste
+ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb
+mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was
+immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit
+ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte
+lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie
+mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe,
+dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche
+Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das
+sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser
+Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in
+der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten
+angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen,
+auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter
+anderm ein französisches Lied singen hören--von Béranger, glaube
+ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend
+an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne
+Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anständig ist.
+
+Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen
+hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein
+Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein
+Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer
+im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt,
+denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die
+Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter,
+die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette
+Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom
+Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel
+auf Sittlichkeit.
+
+Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz
+sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er,
+da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies,
+denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar
+klagt über seine Anmassendheit--über Fritzens, meine ich--in der
+Katechismusstunde, und der Junge scheint--natürlich wieder aus dem
+Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben,
+die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist
+rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei
+Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal
+neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines
+Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von
+Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige
+Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach
+dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit
+Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot
+des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu
+fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist
+für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein
+junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie
+und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen
+Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind
+für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter
+den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick
+zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...«
+
+»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.--Leser,
+was soll ich mit dem Jungen anfangen?
+
+Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist
+ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O,
+junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie
+vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie
+bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt
+werden zu den Böcken auf der linken Seite ...«
+
+Da brach der Taugenichts in Gelächter aus--Fritz, meine ich--und auch
+Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem
+Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe
+gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt,
+die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.
+
+Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem
+Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und
+Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was
+gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn
+ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen
+Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger
+Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott
+alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet
+nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom
+Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das
+kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen
+arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang
+pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut
+da drüben. Das ist Gottes Wille so!«
+
+Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn
+es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine
+Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während
+die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas
+geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die
+Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten,
+haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen,
+der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der
+Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich
+gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch
+den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin
+ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die
+vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so,
+als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung
+eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes,
+der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist
+das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da
+drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren
+Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten
+sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen,
+das kein Vaterunser kennt?
+
+O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie
+leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in
+den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach
+Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft,
+die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit
+seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist
+bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen
+sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als
+ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint
+zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von
+Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu
+beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von
+schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline
+keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und
+am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um
+und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art
+trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas,
+die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn
+er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der
+Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich
+so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist,
+und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags
+gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So
+ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen
+hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte
+an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock
+laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul,
+dünkelhaft und kränklich wäre.
+
+Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um
+Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern
+Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem
+kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah
+entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich
+bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der
+Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden,
+kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer
+von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher,
+dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem
+Solitärspiel finde.
+
+Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und
+hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held
+der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher
+gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann
+später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das
+Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr
+wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und
+wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles
+aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im
+Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin
+dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich
+habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen
+Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und
+nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit
+mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich
+und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen
+suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte,
+habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden
+meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich
+aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat
+der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der
+Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise
+habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre
+1848 von all dem Murren zu denken hatte.
+
+Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko«
+offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so
+schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas
+davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit
+den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil,
+sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er
+Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen
+Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht
+hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer
+über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass
+für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu
+verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul,
+dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm
+nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der
+Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten
+sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam,
+wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen
+sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich,
+aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf
+Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es
+muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm,
+das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.
+
+
+
+
+
+
+SIEBZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als
+nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm
+abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein
+Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten,
+dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des
+Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten
+und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.
+
+Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen,
+die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches
+Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.
+
+Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine
+Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war,
+und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.
+
+Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen,
+wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde,
+denn darauf steht Gesetzesstrafe.
+
+Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater
+war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder
+um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit
+Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der
+am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden,
+für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.
+
+Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen
+Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich:
+Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der
+javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt,
+anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts,
+links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt,
+das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.
+
+Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast
+sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme
+schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu
+geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen,
+scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das
+Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite
+Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten
+lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.
+
+Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes,
+das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen
+an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war
+mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um
+die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube,
+dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser
+zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl
+für ein gutes Wort.
+
+Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser
+Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang
+abgenommen wurde.
+
+Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne
+Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--für achtzehn
+Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.
+
+Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern
+Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden
+war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen
+habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage
+hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er,
+dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das
+Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.
+
+Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem
+er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen,
+lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.
+
+Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.
+
+Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des
+Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell
+eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so
+leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem
+auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl
+war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war
+willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich
+Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen
+die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch,
+dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn
+die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen
+undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern
+mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte
+ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt,
+dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.
+
+Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig
+am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so
+grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich
+nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder,
+der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht
+versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben
+Ausdrucks erspare.
+
+Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil
+er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre
+Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen,
+denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er
+schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn
+den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte
+... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen,
+sodass das Zahnfleisch bloss lag ...
+
+»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah,
+fliehe! da ist ein Tiger!«
+
+Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich
+auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über
+Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes
+Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und
+schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.
+
+Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel
+bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein
+unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und
+ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...
+
+Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss
+um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod
+wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine
+Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft
+überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende
+Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine
+ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über
+das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang
+... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihn mit seinen
+Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger
+ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem
+Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem
+User-useran dieses Büffels!
+
+Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...
+
+ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!
+
+... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre,
+und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie
+hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen,
+und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah
+sehr traurig gesehen.
+
+Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter
+am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres
+geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während
+sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass
+es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft
+mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit
+in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib
+ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische
+Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und
+sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier
+doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später,
+dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er
+auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet
+zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter
+war, die ihn schlachten liess.
+
+Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er
+hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht
+bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel
+zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und
+ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten
+dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt
+er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten
+Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten,
+und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen
+Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es,
+dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak
+und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er
+wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen
+hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde
+er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was
+nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde,
+in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten
+begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.
+
+Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich
+nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit
+leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit
+Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck,
+wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.
+
+Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg
+verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren
+Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren
+seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle
+als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt,
+der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last
+hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es
+wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück
+Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf
+diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel
+zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem
+Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der
+Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.
+
+--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug
+sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!
+
+--Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du
+wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und
+batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.
+
+--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?
+
+--Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen
+werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.
+
+--Und du selbst?
+
+--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!
+
+--Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...
+
+--Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?
+
+--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei
+dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume
+gegeben hast.
+
+--Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich
+bei dem Ketapan zu erwarten?
+
+Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:
+
+--Zähl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser
+Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei
+jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben
+eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem
+Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?
+
+--Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein,
+wenn du zurückkommst.
+
+
+
+Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das
+sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen Leinwand Adinda,
+damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.
+
+
+
+Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das
+derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung,
+wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er
+Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später
+kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines
+so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt
+mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb
+dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht
+marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch
+bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den
+grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.
+
+In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er
+ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies,
+wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla
+kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte,
+hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia
+etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es
+kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es
+ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das
+Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm
+unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden,
+weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und
+auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war,
+da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war,
+dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch
+selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten
+sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass
+sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten. Er
+hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen
+Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum
+verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das
+Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von
+Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte,
+als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von
+diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er
+nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun
+dort unter dem Baume Adinda seiner harren.
+
+Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde,
+wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse
+Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das
+ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen
+Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel,
+so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte
+daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer
+Beherztheit sagen?
+
+Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten
+Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal
+gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff
+nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so
+nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn
+nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie
+da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er
+nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal
+ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz
+zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang,
+den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war,
+weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine
+Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war's möglich«,
+dachte er, »deswegen bös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch
+einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklich hierdurch
+die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch
+die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den
+kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--hätte
+ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen
+benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um
+Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als
+wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten
+bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem
+Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb,
+denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«
+
+So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen
+Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie
+sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im
+Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem
+ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst,
+etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es
+schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem
+ Vater, Salz zu machen.
+Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins
+ tiefe Wasser, werden Haie kommen.
+Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird
+den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte,
+ weil er matah-glap war.
+Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke
+ Holz auf meinen Leichnam niederfallen.
+Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein,
+die Wasser werfen, um den Brand zu töten.
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als
+ er einen Klappa pflückte für seine Mutter.
+Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen
+ an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.
+Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre
+werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb,
+ denn seine Haare waren weiss.
+Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen
+ um meine Leiche stehn.
+Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche,
+und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete
+ sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.
+Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah
+ ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,
+Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird
+ leise über das Gras schleifen ...
+ Ich werd' es hören.
+
+
+
+Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in
+Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah
+nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch
+kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die
+andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung
+stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf,
+denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und
+an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in
+Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher
+nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe
+begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er
+gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn
+und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders
+zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue
+gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den
+Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen
+des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler
+Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.
+
+Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem
+Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass
+er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern,
+und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.
+
+Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber
+dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas
+ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die
+Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen
+Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er
+an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges
+gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube
+es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also,
+um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war
+noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene
+Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher
+aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit
+einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In
+den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von
+silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel
+war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!
+
+Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug
+er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.
+
+War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt
+als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen
+Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen
+sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss
+in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand,
+da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie
+er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident
+vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu
+Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War
+es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die
+ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul
+sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die
+Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen
+sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf
+öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines
+Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach
+Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen
+sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte
+auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger
+Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass
+man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?
+
+Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte
+den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen
+zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die
+Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte
+sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den
+schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen
+auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem
+Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz
+aufzog als Kind, wenn er--wie war's möglich!--sie plagte, und den
+Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah
+ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie
+der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss
+und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am
+Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...
+
+Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz
+andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen,
+Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim
+Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt
+von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des
+neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«
+
+Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und
+die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem
+Wege erzählte.
+
+Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck,
+der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald
+sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte,
+am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und
+betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit
+an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt,
+den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak
+zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete,
+das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der
+Ketapan, den er suchte.
+
+Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte
+als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert
+hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit
+allen Kindern--Knaben und Mädchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie
+ihm die Melatti gegeben.
+
+Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den
+Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen
+Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob
+Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde
+in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen,
+wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte
+... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt
+haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters
+Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine
+Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte,
+was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder
+treu gewesen wäre.
+
+Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem
+Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher
+jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er
+selbst dem Wiedersehen mit Adinda.
+
+Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern
+des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht
+schon am Tage vorher gekommen?
+
+Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen
+Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem
+Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner
+Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn
+zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er
+auf sie warten müsste.
+
+Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne
+aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die
+Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe,
+beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde
+... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge,
+die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren
+Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im
+Osten ein glühender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und
+wieder über den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder
+und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen,
+der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.
+
+Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute
+schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen
+Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief
+Adinda!
+
+Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen
+können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte
+die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre
+Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch
+fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein
+Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem
+sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.
+
+Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock
+sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich
+sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt
+waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass
+sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt
+fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen
+Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde
+vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.
+
+Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit
+fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken,
+dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb
+... wegblieb ...
+
+Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken
+klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu
+blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum,
+doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen
+Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen
+mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und
+vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem
+Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und
+Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott,
+das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!
+
+Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch
+unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank,
+als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in
+menschliche Sprache zu fassen.
+
+Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst
+schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald
+sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge
+über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn
+willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und
+ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern
+an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während
+der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich
+an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines
+kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch
+umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad,
+der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne
+wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so
+gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten
+sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn
+es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!--und sie
+hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater
+war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!
+
+Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über
+den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum
+gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil
+Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minder
+betrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er,
+das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...
+
+Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum
+leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.
+
+Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin
+und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein
+Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt
+und Bewegung--kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es
+und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken
+Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange
+der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald
+äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner
+Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen
+zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:
+
+
+ Sieh, wie der Badjing Atzung sucht
+ Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,
+ Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:
+ Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.
+
+ Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch' dir Heil!
+ Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...
+ Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
+ Wartend auf Atzung für mein Herz.
+
+ Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...
+ Lang' schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...
+ Doch immerdar noch ist meine Seele
+ Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!
+
+
+Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum
+leitete.
+
+Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien,
+weil es warm zu werden begann:
+
+
+ Sieh, wie der Falter dort rundflattert.
+ Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.
+ Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:
+ Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.
+
+ Viel Glück, mein Falter, ich wünsch' dir Heil!
+ Sicher wirst du finden, was du suchst ...
+ Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
+ Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.
+
+ Lang' schon hat der Falter geküsst
+ Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...
+ Doch immerdar noch ist meine Seele
+ Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!
+
+
+Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum
+leitete.
+
+Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in
+der Luft.
+
+
+ Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,
+ Hoch über dem Waringi-Hügel.
+ Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,
+ Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.
+
+ Viel Glück, o Sonne, ich wünsch' dir Heil!
+ Was du suchst, wirst sicher du finden ...
+ Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
+ Wartend auf Ruh für mein Herz.
+
+ Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein
+ Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...
+ Und immerdar noch wird meine Seele
+ Und mein Herz bitter betrübt sein ... Adinda!
+
+
+Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan
+leitete.
+
+
+ Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,
+ Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,
+ Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,
+ Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,
+ Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...
+ Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,
+ Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...
+ Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist,
+ Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln
+ Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.
+ Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...
+ Meine Seele ist bitter betrübt ... Adinda!
+
+
+Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
+Baum leitete.
+
+
+ Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.
+ Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:
+
+ "Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen,
+ Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.
+ Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,
+ Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.
+ Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,
+ Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!"
+
+ Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich öffnen,
+ Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...
+ Noch einmal will ich die Melatti küssen,
+ Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda!
+
+
+Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
+Ketapan führte.
+
+O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von
+all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher
+hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!
+
+Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht
+scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?
+
+Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der
+Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen über Adinda,
+nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein,
+sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!
+
+Er sollte warten, warten ...
+
+Aber wenn sie krank wäre oder ... tot?
+
+Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der
+von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts
+und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es
+standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen:
+»Saïdjah, Saïdjah!«
+
+Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte,
+Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das
+Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich
+vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu
+sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein
+Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog
+er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an
+seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte,
+und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«
+
+Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit
+Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen,
+dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht
+im Dorfe Badur sei.
+
+Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den
+Büffel weggenommen hatte ...
+
+ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!
+
+... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes
+Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es
+säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er
+seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...
+
+weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!
+
+... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda
+mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs
+Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er
+Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder
+nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch
+in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen,
+dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in
+den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha,
+Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die
+durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden
+waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht
+bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers
+gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und
+liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie
+sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die
+europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an
+der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den
+hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der
+Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über
+offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.
+
+Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm
+sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht
+völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem
+Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise
+durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter
+der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach
+nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um
+ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.
+
+Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den
+armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach
+er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme
+aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben
+soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den
+Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die Genesung Saïdjahs zu
+bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.
+
+Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom
+Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle,
+wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil
+so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der
+bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die
+durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten,
+wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden
+Bergspitzen berechnet.
+
+Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!
+
+Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches
+strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er
+suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden
+Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte
+gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte,
+wenn sie sich schlafen legte ...
+
+Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu
+Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine
+geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...
+
+Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der
+Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die
+Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum,
+um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen
+konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt,
+zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...
+
+Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines
+Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte
+er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die
+Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die Niederländische
+Herrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an,
+weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war
+sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.
+
+Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren,
+schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das
+Niederländische Heer erobert war und also in Flammen stand. Saïdjah
+wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils
+aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter
+den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den
+Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der
+Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen,
+Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam
+Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...
+
+Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende
+Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende
+gemacht zu haben schien ...
+
+Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem
+Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden
+Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich
+mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen
+Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen
+die Brust vordrangen ...
+
+Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den
+neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der
+Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb
+heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt
+sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener,
+belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.
+
+Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der
+Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man
+vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten
+hatte unter dem Banner der Niederlande ...
+
+
+ "Doch Gott, der alles Weh ersicht,
+ Erhörte dieses Tages Opfer nicht."
+
+
+
+
+
+Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht,
+als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges
+zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der
+Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte
+ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu
+hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich
+begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde
+stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit
+der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch
+empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde,
+wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.
+
+Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor
+mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.
+
+Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb
+hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs
+ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht,
+ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden,
+weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda
+die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...
+
+Dies alles weiss ich nicht!
+
+Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass
+es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung
+im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits,
+dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern
+von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat
+vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem
+Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof
+gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise,
+in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird,
+Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der
+die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen,
+wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung
+in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von
+Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift
+der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine
+ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in
+den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt
+ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen
+lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der
+Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.
+
+Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu
+beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah
+erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda
+in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und
+mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde,
+dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!
+
+Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
+weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein
+samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft,
+die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen
+Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der
+mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die
+die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht
+niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin
+dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst
+oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der
+Wirkung--wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden
+nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein
+Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren
+Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete,
+um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu
+lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm
+die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld--oder
+die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid
+der Lüge borgen muss?
+
+Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine
+Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen
+können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe
+wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und
+Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wäre
+immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen
+die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen
+Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst,
+besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer
+nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der
+Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde,
+wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese
+singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...
+
+Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im
+Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen,
+dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es
+sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder
+solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber
+Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen,
+die nicht sentimental sind?
+
+Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit
+der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem
+Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser
+Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf
+ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen
+gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält,
+wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine
+"weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers
+von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet
+wurde: eine Note, die vor mir liegt!
+
+Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch
+Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.
+
+O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart
+gestraft. Er wurde ermordet.
+
+
+
+
+
+
+ACHTZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine
+in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering
+trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu
+wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies
+dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor
+eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte,
+dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen
+entlang nach Havelaars Haus zurück.
+
+»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar,
+und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone,
+damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf
+einem Erbe, das früher das ihre war:
+
+--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die
+Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben
+gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas,
+was man in der Küche braucht?
+
+Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher
+Zug, der Havelaars Blick nicht entging.
+
+--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!
+
+--Gewiss, das giebt's überall. Doch wenn man es den Menschen so
+schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw,
+erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht
+üben über das Erbe!
+
+Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in
+ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die
+Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des
+Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre.
+
+--Er wollte Gerechtigkeit üben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme
+Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der
+die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in
+Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe
+gefunden haben im Archiv?
+
+Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften
+vor mir liegen.
+
+--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe,
+doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die
+Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten,
+den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten
+alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung
+der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls
+keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den
+Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging
+kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im
+Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in
+erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen
+deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er,
+der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war.
+
+--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar.
+
+--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er
+bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor
+meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde
+wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können,
+und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein
+Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum
+habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen
+verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen,
+und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe,
+damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten.
+
+Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene
+Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche
+machen wollte, »die doch so geräumig sei«.
+
+Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an
+den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei
+Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war
+nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war
+Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu
+meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich
+auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich
+glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken
+zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch
+wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung
+des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine
+ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt
+doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an
+einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen
+konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren,
+der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der
+Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein
+und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der
+Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen
+zu vermuten.
+
+Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger
+vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat,
+diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen,
+dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung
+sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten.
+
+
+
+Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab:
+
+--Woran ist M'nheer Slotering gestorben?
+
+--Das weiss ich nicht.
+
+--Ist er vergiftet?
+
+--Das weiss ich nicht, aber ...
+
+--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!
+
+--Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer
+Havelaar, und ... und ...
+
+--Nun? Weiter?
+
+--Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch
+länger hier geblieben wäre.
+
+--Schreiben Sie das auf!
+
+Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt
+vor mir!
+
+--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und
+erpresst wird in Lebak?
+
+Verbrugge antwortete nicht.
+
+--Antworten Sie, Verbrugge!
+
+--Ich wage es nicht.
+
+--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen!
+
+Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir!
+
+--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage,
+doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass
+Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht
+wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund
+dessen, was ich stets Halbheit nannte?
+
+--Ja!
+
+--Schreiben Sie das auf.
+
+Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir!
+
+--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.
+
+Und Verbrugge konnte gehen. [6]
+
+Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit
+besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war,
+schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.
+
+--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit
+Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.
+
+Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und
+rief schluchzend:
+
+--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken
+zusammen!
+
+
+
+Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht
+zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?
+
+
+
+Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift
+gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter
+denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu
+haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus
+hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog,
+den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch
+nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu
+betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte
+Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner
+Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen,
+doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die
+Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu
+lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht
+sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.
+
+In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften,
+die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube
+ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu
+dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie
+diese Änderung bereitwillig hinnehmen.
+
+
+
+ »No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.
+ Geheim. Eile.
+
+ An den Residenten von Bantam.
+
+
+ Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich
+ mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die
+ Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen
+ gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des
+ 'Pundutan' und dergleichen erfüllen.
+
+ Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität
+ und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess,
+ die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits
+ weit überschritt.
+
+ Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren,
+ und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch
+ Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um
+ mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen:
+ dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte
+ Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt
+ würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die,
+ wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in
+ Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete
+ von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor,
+ zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit
+ grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der
+ Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status
+ seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche
+ Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge
+ zu treffen.
+
+ Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon
+ geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit
+ gegenüber weiteren Fällen.
+
+ Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder
+ Ungesetzlichkeit.
+
+ Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den
+ Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand
+ Kenntnis verschafft.
+
+ Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler
+ Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich
+ kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:
+
+
+ dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
+ Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch
+ ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten,
+ und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung
+ von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich
+ festgestellte, unausreichende Bezahlung;
+
+ dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen
+ Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den
+ genannten Thatsachen.
+
+
+ Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die
+ Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:
+
+
+ 1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile
+ nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder
+ vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch
+ Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen,
+ die ich werde einholen müssen;
+
+ 2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu
+ nehmen;
+
+ 3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren
+ Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss
+ auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung
+ ausüben könnten;
+
+ 4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von
+ dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.
+
+
+ Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben,
+ den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.
+
+ Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die
+ Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die
+ Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt
+ der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste
+ im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls
+ sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert,
+ dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist
+ (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei
+ und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut.
+
+ Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit
+ dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus
+ der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das
+ eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit
+ dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht,
+ ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein,
+der Herr Slymering, privatim!
+
+Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art
+und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt
+wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der
+Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis
+gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu
+»schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden
+Geschäften störe«!
+
+Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige
+Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und
+traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des
+Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den
+Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander
+. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+
+Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser,
+dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die
+Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen
+der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen
+bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken,
+dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er
+so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre,
+drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die
+wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach
+der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn,
+schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst
+recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler
+in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn
+man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich
+das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe
+es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch
+einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der
+Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann
+zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau
+zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib
+weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag
+Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst
+nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen
+und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne
+stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge
+habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte
+also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von
+selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah
+ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes
+Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche
+Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr
+schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf
+dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche
+Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und
+... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen
+Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und
+es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf
+losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass
+Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von
+derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem
+schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die
+Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und
+darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen
+will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein
+Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken
+besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin
+und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau,
+wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus,
+als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe
+ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich
+gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn
+auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir
+eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen
+Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig
+gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann
+führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah
+ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über
+diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer
+unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht
+auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen
+im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass
+die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens
+war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name
+angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt
+von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein,
+der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau
+des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden,
+der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne,
+der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass
+der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl
+sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte,
+indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum
+HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie
+die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch
+vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre
+Schande für die Familie bedeute«.
+
+Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da
+in diesem Briefe stand.
+
+Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare
+Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder
+das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss
+also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen
+Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse,
+und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren,
+weil unser Geschäft so flott geht.
+
+Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es
+gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett
+gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind
+wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen,
+mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der
+Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die
+sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau
+und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und
+meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte,
+brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich
+sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung
+ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan
+zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in
+der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich
+ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf
+den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den
+Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich
+alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir
+gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich
+würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in
+enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran,
+dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten,
+die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das
+nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte,
+als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen
+Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich,
+weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe,
+dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz
+offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem
+Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.
+
+Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei
+einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun
+auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich,
+ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte
+sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine
+rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu
+besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst
+blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das
+Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal,
+eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu
+sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und
+ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt
+wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte
+wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein
+noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und
+auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an,
+gerade wie der Kutscher.
+
+Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des
+Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran
+ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im
+Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an
+all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich
+brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer
+sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran
+that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person,
+die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über
+sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft
+Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte
+seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus
+dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all
+diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu
+sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr
+zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem
+Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich.
+
+Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie
+erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch
+wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen
+nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den
+Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an
+die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis
+dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und
+rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug
+von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte,
+als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein
+Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen
+ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang
+geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch
+ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er
+Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck &
+Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte,
+denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge
+ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen.
+
+Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr,
+der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die
+Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm
+für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen
+anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen
+Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er
+konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er
+sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee,
+den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei,
+dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der
+eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern
+möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass
+der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert
+hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden
+Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch
+sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon
+gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel
+um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre,
+und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube
+im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem
+er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu
+kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle
+Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich
+nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet«
+vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so
+wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor
+Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele
+wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor
+allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren
+und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.
+
+Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der
+Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen
+und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig,
+mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen
+nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn
+als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof,
+einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste,
+die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns
+mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und
+ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden,
+wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns
+da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen,
+denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu
+kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat
+war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation
+schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk
+Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und
+ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich.
+
+Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer
+so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und,
+als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in
+gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel
+seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen
+zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine
+Frau fand es auch.
+
+
+
+
+
+
+NEUNZEHNTES KAPITEL.
+
+
+In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte,
+teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner »dringenden Geschäfte«
+am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was
+gethan werden müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche
+Erwägungen zu bedeuten hatten--sein Vorgänger hatte so oft mit dem
+Residenten von Bantam »abouchiert«!--schrieb den nachfolgenden Brief,
+den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben
+sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar
+zu diesem Schriftstück erübrigt sich.
+
+
+ »No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856,
+ Geheim. Eilig. abends 11 Uhr.
+
+
+ Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive
+ No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:
+
+
+ dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen
+ Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von seinem
+ unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides
+ verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen
+ des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdächtig hielte
+ der Erpressung.
+
+
+ Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen
+ Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke,
+ nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen
+ Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung
+ einzuleiten über die Begründetheit meiner Beschuldigung und
+ meiner Vermutung.
+
+ Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe
+ ich zu diesem Entschluss kam.
+
+ Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich
+ getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten
+ Regenten vor Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst
+ vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar
+ voraufgehende--Ursache zu sein.
+
+ Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene,
+ tief niedergebeugte Bevölkerung, ich dachte an die Notwendigkeit
+ eines Beispiels--denn viele andere Bedrückungen werde ich
+ Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von
+ mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende
+ macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher Überlegung habe
+ ich gethan, was ich für Pflicht hielt.
+
+ In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes
+ Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen
+ hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese
+ Sache lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen.
+
+ Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just
+ darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden,
+ um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.
+
+ Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer
+ Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der
+ Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar
+ der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall
+ meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten
+ Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege
+ abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg
+ hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem
+ Namen--es war am 12. dieses--ausdrücklich für diese Diskretion
+ Dank gesagt. Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche
+ zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung
+ durch einen eben gehörten Vorfall überlief, als längeres Schweigen
+ Mitverantwortlichkeit bedeutet hätte, da war diese Geheimhaltung
+ meinethalben nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen
+ habe ich Pflichten zu erfüllen.
+
+ Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern
+ unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene
+ hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen wäre. Und würde
+ oder wird es mir möglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe,
+ »was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein
+ Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter
+ dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen,
+ dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle
+ Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau
+ und Kind ... wird es mir möglich sein, das alles zu beweisen,
+ wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt
+ und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'?
+
+ Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an
+ seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der
+ Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten
+ immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden,
+ den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge würde
+ sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich
+ ein leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort ein
+ unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger auszudrücken.
+
+ Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses
+ Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich
+ kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten'
+ nennen könnte, und ich besitze diesen Geist nicht!
+
+ Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« wäre behandelt
+ worden, lässt mich Befürchtungen hegen vor einer mündlichen
+ Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe,
+ ist wahr. Doch vielleicht würde es unwahr scheinen, wenn die
+ Sache in einer Weise behandelt würde, die die Offenbarwerdung
+ meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der
+ Regent von hier entfernt ist.
+
+ Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen
+ in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten
+ Express mich befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher
+ meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam
+ werden und versuchen wird, wenn möglich die Beweise seiner Schuld,
+ tant soit peu, zu verwischen.
+
+ Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine Missive
+ von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei
+ ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag
+ enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und
+ die von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu machen. Ich
+ vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein für das, was ich
+ vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der
+ Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, öffentlich,
+ und vor allem frei--zuzustimmen belieben.
+
+ Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt
+ ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts
+ Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige
+ und verdächtig erkläre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn
+ er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus
+ dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt,
+ dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe.
+
+ Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!
+
+ Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben
+ und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er
+ berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine 'Nächsten' sind,
+ vergewaltigt werden und ausgesogen!
+
+ Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass
+ die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut
+ gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für
+ mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch
+ Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde,
+ die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis,
+ durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wäre.
+
+ Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen
+ offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen
+ dieses Versäumnisses.
+
+ Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die
+ Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und
+ mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung
+ Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an
+ ihrem Wohlergehen nagt.
+
+ Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu
+ ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz
+ nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung,
+ Rapport und Vorschlag--gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten
+ von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung,
+ von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich
+ dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern,
+ No. 88, mitteilte.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der
+Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem
+Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit:
+was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob
+er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der
+Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete
+er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die
+er--für den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche
+zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars
+vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche
+Handlungsweise ihm bekannt wurde.
+
+Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als
+gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war
+denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete
+durch 'Schippern' und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe
+zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen
+offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache,
+noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die
+»Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war
+erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit
+willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu
+vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten
+beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende
+Schimpfworte geschlagen hat.
+
+Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht
+habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge,
+dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen
+Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand
+ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene
+Erwägungen oder 'Rücksprachen' zu so unerhörter Pflichterfüllung
+hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen
+wahrheitsgemäss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den
+Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der
+Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich
+sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu über,
+diese Briefe zu verlesen.
+
+Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu
+beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht gelogen
+haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die Wahrheit
+des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser
+Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer
+vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da,
+wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar davon
+Gebrauch machte?
+
+Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es würde ihm
+angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke zurücknähme, um sie
+als nicht geschrieben betrachten zu können, was dieser mit höflicher
+Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte,
+ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts
+anderes übrig bliebe, als eine Untersuchung über die Begründetheit
+der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen
+müsste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen
+Halt geben könnten.
+
+Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornsträuchen
+in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen geklopft haben,
+wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören können!
+
+Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio,
+Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt
+hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht,
+der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...
+
+Havelaar antwortete:
+
+»Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt,
+die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich
+klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang,
+ich werde die Begründetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu
+die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich
+bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!«
+
+Wie Verbrugge aufatmete!
+
+Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!
+
+Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit--denn höflich und
+wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen,
+von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser
+Höflichkeit blieb dieser unerschütterlich. Das Ende war, dass
+der Resident sich darin fügen musste, und als Bedrohung sagte,
+was für Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann genötigt sähe,
+die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten.
+
+Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den
+Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und
+nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen Tische der Havelaars
+ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurück, mit grosser Eile:
+Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
+
+Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen
+Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier
+abschreibe:
+
+
+ »No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856.
+ Geheim.
+
+
+ Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O,
+ geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend:
+
+
+ dass Sie Gründe hätten, nicht den Vorschlägen Gewähr zu geben,
+ die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses,
+ No. 88 und 91, machte;
+
+ dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht hätten;
+
+ dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen
+ umschrieben sind, nicht billigten;
+
+ und zum Schluss einige Befehle.
+
+
+ Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz
+ mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu versichern:
+
+
+ dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer Autorität
+ respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlägen
+ Gewähr zu geben oder nicht;
+
+ dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls
+ mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären
+ Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer:
+ bei allem, was ich nicht thue und nicht sage.
+
+
+ Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen vertrauen.
+
+ Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu
+ protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung
+ bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines
+ einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet,
+ gesprochen oder geschrieben.
+
+ Ich habe die Überzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe,
+ sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausführung
+ angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne
+ die mindeste Abweichung.
+
+ Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst:
+ bevor ich »untersuchte, rapportierte und Vorschläge machte«--und
+ wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte
+ ... aus Übereilung fehlte ich nicht.
+
+ In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas schneller
+ jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und lassen.
+
+ Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre etwas
+ missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die
+ Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht,
+ ein Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein
+ Stotterer für das seine--wäre es das immerhin ... doch nein,
+ dies kann es nicht sein, aber wäre es auch so: ich habe meine
+ Pflicht gethan!
+
+ Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid,
+ dass Sie hierüber anders urteilen--und was mich selbst angeht,
+ ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung
+ meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und
+ ich habe Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde,
+ welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine.
+
+ Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht
+ also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss
+ ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass
+ man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von
+ sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn
+ mir zu erkämpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach
+ siebenzehn schweren, mühevollen Dienstjahren, nachdem ich meine
+ besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für meine
+ Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot
+ geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine Gedanken,
+ Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren oder Spaten,
+ wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft
+ meiner Seele.
+
+ Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von
+ Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich
+ bin also verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und
+ Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb,
+ Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:
+
+
+ es möge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch
+ die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen
+ Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben
+ sind, gutheisse.
+
+
+ Oder aber:
+
+
+ es möge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung
+ aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden
+ Punkte der Missbilligung.
+
+
+ Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung
+ zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen könnte von meinen lang
+ durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten
+ Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es würde dies nur der
+ rücksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie
+ in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.
+
+
+
+
+Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns der
+Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen
+machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nämlich
+in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfüllung und
+Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung
+bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle
+Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube,
+ich habe nicht nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die,
+wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen
+muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch
+ein »abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach der
+Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, dass es
+keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen!
+
+
+
+Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der
+Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht.
+
+
+
+Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur
+Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute,
+die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm
+ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe sprechen.
+
+--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch
+verraten Sie mich nicht.
+
+--Was? Was soll ich nicht verraten?
+
+--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem,
+was ich Ihnen jetzt sagen werde?
+
+--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort.
+
+Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass
+nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er
+gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er ihm gleichzeitig
+ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge
+wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Gründe den
+Residenten hierzu veranlasst haben könnten. Havelaar war entrüstet,
+allein ... er hatte sein Wort gegeben.
+
+Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm
+vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern
+zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme,
+ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.
+
+--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!
+
+Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor mir.
+
+Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so leicht
+allen Ansprüchen auf juridische Echtheit der Geschichte Saïdjahs
+entsagen konnte.
+
+Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris
+Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer
+Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte!
+
+Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzähle,
+Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten,
+er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstücke, die vor mir
+liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete
+... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende
+Aufzeichnung mit:
+
+»Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter
+des Niederländischen Löwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident
+von Djokjakarta zu sein. Ich würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge
+auf die Lebakschen Angelegenheiten zurückkommen können.«
+
+
+
+
+
+
+ZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar
+zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild'
+ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau«
+nicht finden konnte.
+
+--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die
+Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of
+beauty' von Hogarth, nicht wahr?
+
+--Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.
+
+--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine
+Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch,
+wo du das gestickt hast, Tine!
+
+--Ich nicht. Wo denn?
+
+--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil
+der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte,
+und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn
+zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.
+
+Tine stand auf und küsste den Kleinen.
+
+--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind fröhlich,
+und die rote Frau war komplett.
+
+--Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.
+
+--Ich, sagte der kleine Max.
+
+--Und was bedeutet das?
+
+--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen.
+
+--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.
+
+Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem
+gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien,
+denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.
+
+--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.
+
+--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von
+Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.
+
+Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie
+abgebrochen waren.
+
+--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch
+nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!
+
+--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun
+können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist
+alles binnen kurzer Zeit geregelt.
+
+--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte
+Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich
+dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch
+mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak
+lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen
+Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken:
+man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits,
+wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...
+
+--Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von
+hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur
+bist.
+
+Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser
+Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...
+
+Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.
+
+--Lieber Max ... begann sie freundlich.
+
+--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst
+du leben von Sand?
+
+--Lieber Max!
+
+Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging
+zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in
+einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde,
+doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:
+
+--Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich
+nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das
+arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen,
+dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...
+
+Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand,
+einem Brief, der vor mir liegt, Leser!
+
+--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu
+kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von
+den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die
+Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das
+sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere
+Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind,
+um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts
+zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand
+essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!
+
+Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so
+sprach mit ihr, die er so lieb hatte.
+
+--Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur
+Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen
+Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so
+werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte,
+da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und
+wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit
+Frau und Kindern!« Ja, ich hör' es wohl, ich hör' es wohl das Rufen
+nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!
+
+Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.
+
+--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei,
+der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter
+gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass
+das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max,
+o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!
+
+Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf
+den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie
+zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari,
+die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete
+Entscheidung von der Regierung.
+
+--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen
+Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht
+empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel
+an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel
+hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon
+als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen,
+die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn
+nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt,
+wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen
+und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei
+Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss
+also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...
+
+--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam
+geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen
+mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen
+möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des
+... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen
+gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die
+Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten,
+man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben
+werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der
+Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit
+kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man
+selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...
+
+--Da kommt die Post! rief Verbrugge.
+
+Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte,
+einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an den
+gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar:
+
+
+ »Kabinett. Buitenzorg, den 23. März 1856.
+
+ No. 54.
+
+
+ Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung
+ von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke
+ gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef,
+ dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine
+ Unzufriedenheit erregt.
+
+ In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle
+ Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr
+ erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den
+ Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte
+ Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.
+
+ Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt,
+ ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das
+ Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm
+ beschwerlicher Untersuchungen zu machen.
+
+ In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre
+ Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger
+ noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge
+ einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten
+ von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen,
+ doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen
+ Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets
+ günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig
+ vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.
+
+ Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt
+ zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert,
+ dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene
+ Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf
+ die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.
+
+ Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr
+ leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der
+ Binnenländischen Verwaltung schliessen.
+
+ Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung
+ des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.
+
+ Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger
+ Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden
+ wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der
+ Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher
+ vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten
+ von Ngawi betraut.
+
+ Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen,
+ ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt
+ bleiben können.«
+
+
+Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit
+und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er
+desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien
+unterzeichnete.
+
+
+
+--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen,
+und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück
+mit Duclari las.
+
+Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari,
+ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:
+
+--Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe
+gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt
+Ihnen solch einen Brief!
+
+--Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein
+ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch
+vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er
+ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir
+kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die
+Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt!
+
+--Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...
+
+--Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen
+Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den
+Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen,
+was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen
+sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun,
+als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein,
+dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter
+sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel
+Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung
+zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi
+zu gehen. Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her,
+er ist für mich freigemacht!
+
+Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post
+angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den
+ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident
+dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die
+vakant war.
+
+--Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach
+dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von
+Madiun, wozu Ngawi gehört, ist der Schwager des vorigen Residenten
+von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten
+Vorbilder gehabt hätte ...
+
+--Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum
+Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen,
+ob er sich vielleicht bessern würde!
+
+--Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte
+er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit
+abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von
+ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme
+Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch
+vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge,
+so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal!
+
+--Lieber Max?
+
+--Du hast Mut, nicht wahr?
+
+--Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!
+
+--Also!
+
+Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens
+ein Muster von Wohlberedtheit:
+
+
+ »Rangkas-Betung, den 29. März 1856.
+
+ An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.
+
+
+ Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive
+ vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.
+
+ Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer
+ Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des
+ Landes Diensten zu verleihen.
+
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds
+nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die
+Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte
+doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen
+weniger Tage in Lebak an.
+
+--Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.
+
+Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung
+vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger
+abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz
+anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen
+Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch
+noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den
+Kontrolleur Verbrugge:
+
+
+ »No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856.
+
+ An den Kontrolleur von Lebak.
+
+
+ Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom
+ 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten
+ verabschiedet bin.
+
+ Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang
+ dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort
+ niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion
+ zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.
+
+ Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben,
+ und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten
+ nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus
+ Ursachen untergeordneter Bedeutung wartete ich die Ankunft meines
+ Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald--wenigstens
+ diesen Monat noch--eintreffen würde.
+
+ Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht
+ so bald erwartet werden kann--Sie haben, meine ich, hiervon in
+ Serang Kenntnis erhalten--und zugleich, dass es den Residenten
+ verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der
+ ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung
+ Ihnen übertragen zu dürfen.
+
+ Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich
+ brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe,
+ nicht anders dienen zu können, als ich es hier that--ich, der ich
+ für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer
+ für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem
+ Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit
+ vertrauten--mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!--dass
+ ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an
+ meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sache mir
+ schwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen
+ und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin,
+ solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.
+
+ Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich Klägern
+ Antwort zu geben hatte.
+
+ Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune
+ seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich--unvorsichtig
+ genug!--mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des
+ Gouvernements.
+
+ Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen
+ und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und
+ ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und
+ Menschlichkeit.
+
+ Und man fuhr mit Klagen fort!
+
+ Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive
+ dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.
+
+ Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung,
+ Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und
+ Kind Hunger und Armut entgegengehe.
+
+ Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte
+ nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die
+ Verwaltung will, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine
+ Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande
+ und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.
+
+ Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:
+
+
+ »Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach
+ Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über
+ euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet
+ vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht
+ noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke,
+ ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«
+
+
+ So meinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte
+ gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu
+ bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung, die mich
+ noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft
+ meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer
+ Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem
+ doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.
+
+ Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende
+ Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet
+ ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben,
+ ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen--wie man mir
+ rapportiert--ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu
+ bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sich wieder zu mir und
+ erklärt: dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren
+ wage.
+
+ Was ich nun diesem Mann antworten soll, weiss ich nicht!
+
+ Ich kann ihm keinen Schutz mehr geben ... ich darf ihm meine
+ Ohnmacht nicht gestehen ... ich will den angeklagten Dorfhäuptling
+ nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als
+ wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen
+ wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...
+
+ Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten
+ von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung
+ der Abteilung Lebak.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies
+alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim
+Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten
+Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung
+fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.
+
+In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit
+der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.
+
+Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll,
+wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrüssen,
+und Max empfing manchen beredten Händedruck ...
+
+Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...
+
+Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm
+verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.
+
+Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein
+anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.
+
+Seine Excellenz »sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem
+Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«,
+und könne also auch Havelaar nicht empfangen.
+
+Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung
+hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf
+die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn
+er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche
+'Überhäufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun
+natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit:
+er wartete!
+
+Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man
+gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne,
+weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden
+Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.
+
+Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe
+Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte
+zwischen zwei 'Überhäufungen'.
+
+Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen
+werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft
+an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann
+und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um
+die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde
+schien man ihm nicht geben zu wollen.
+
+Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den
+er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen
+Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht
+mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass
+einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies,
+um nicht aus dem Mangel buchstäblicher Übereinstimmung bei diesem
+Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen
+offiziellen Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine
+fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht
+hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen
+genauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen
+können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich
+korrekt war der Inhalt also:
+
+
+
+ »Batavia, 23. Mai 1856.
+
+
+ Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen
+ gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu
+ werden, ist ohne Erfolg geblieben.
+
+ Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten
+ Ersuchen um Audienz Folge zu geben.
+
+ Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig
+ bei dem Gouvernement aufgenommen sind«--das sind Eurer Excellenz
+ eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen
+ Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern
+ gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und
+ für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer
+ Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hört man
+ zum mindesten.
+
+ Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife
+ ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen
+ haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.
+
+ Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht
+ verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine
+ Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht,
+ mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.
+
+ Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz
+ Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind durchweg
+ erdichtet und lügenhaft.
+
+ Ich kann dieses beweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer
+ Excellenz mir eine halbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn
+ Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit hätten finden können,
+ um recht zu thun!
+
+ Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch
+ an den Bettelstab gebracht ...
+
+ Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.
+
+ Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von
+ Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane
+ gebeugt geht ... und darüber klage ich.
+
+ Das schreit zum Himmel!
+
+ Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen
+ indischen Soldes, Excellenz!
+
+ Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese
+ Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht
+ für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache
+ der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache
+ wohlerfasster Politik ist.
+
+ So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können,
+ von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird
+ beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet
+ zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen,
+ die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde,
+ in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in
+ der Bevölkerung umgeht.
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.
+
+Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes
+bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen
+trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort,
+ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz
+zur Ruhe begeben ins Mutterland!
+
+
+
+Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...
+
+Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist
+nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich
+ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte
+dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich
+liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist
+genug, Stern, du kannst gehen.
+
+
+
+Der Shawlmann und seine Frau ...
+
+Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher
+Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum
+Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen
+Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!
+
+
+
+Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder
+auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese
+Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.
+
+Dieses Ziel ist zweiteilig:
+
+Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als
+heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem
+Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.
+
+Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.
+
+Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden!
+
+Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern,
+die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von
+Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen,
+von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an
+den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich
+für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande
+... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen
+... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich
+den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das
+Göttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und
+Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem
+sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am
+lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs
+... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen,
+was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von
+Niederland gehört ...
+
+Ja, ich werde gelesen werden!
+
+Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir
+nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben,
+dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt' den
+Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das
+Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art
+und Weise beurteilen wird, wie ich mein »Halt' den Dieb!« hinausschrie.
+
+»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt
+... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein
+Talent ... keine Methode ...
+
+Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt!
+
+Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!
+
+Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird
+sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht, dass ich gehört
+werde. Und das will ich!
+
+Doch ihr, die ich euch störe in euren 'Arbeitsüberhäufungen' oder
+in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet
+nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie
+könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer
+Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke
+geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im
+Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die
+Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten
+vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu
+bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...
+
+... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten
+gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum
+Aufstande zwang.
+
+... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man
+durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die öffentliche
+Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft.
+
+Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette,
+und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!
+
+Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir
+fort und fort nicht glaubte ...
+
+Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich
+kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa
+zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.
+
+Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:
+
+
+ Es liegt ein Raubstaat an der See,
+ Zwischen Ostfriesland und der Schelde!
+
+
+Und wenn auch das nichts fruchtete?
+
+Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische,
+Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...
+
+Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter
+der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!
+
+Rettung und Hülfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf
+dem rechtmässigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss.
+
+Und das würde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der
+Niederländischen Handelsgesellschaft!
+
+Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer
+wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines
+Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.
+
+Dieses Buch ist eine Einleitung ...
+
+Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es
+nötig sein wird ...
+
+Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!
+
+Nein, es wird nicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch,
+Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz,
+Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE,
+das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...
+
+Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher
+Wille ist:
+
+Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und
+Droogstoppels?
+
+Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen
+misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen?
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ERLÄUTERUNGEN ZU INDIISMEN.
+
+
+V. KAPITEL.
+
+
+Seite
+
+49 Radhen Adhipatti Karta Natta Negara: die drei letzten Worte
+bilden den Namen, die beiden ersten drücken den Titel aus. Nach
+den vielerlei Titeln von mehr oder minder scheinbar-unabhängigen
+Fürsten ist der eines Pangérang der höchste. Er könnte etwa "Prinz"
+bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit einem der regierenden
+Häuser von Solo (Surakarta) und Djokja (Djokjakarta) entlehnt ist. Der
+nächstfolgende Titel ist der eines Adhipatti, oder vollständig: Radhen
+Adhipatti. Radhen allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der
+jedoch noch ziemlich hoch über dem Gemeinen steht. Etwas niedriger
+als die Adhipattis stehen die Tommongongs. Der Adel spielt in dem
+Niederländisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle.
+
+58 sawahs, gagahs, tipars: Reisfelder, unterschieden nach der Lage
+und nach der Art der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die
+Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit der Bewässerung.
+
+58 padie: Reis in der Hülse.
+
+58 dessah: Dorf. Anderswo: negrie. Auch: kampong. Der inländische
+Ursprung der beiden letzteren Wörter steht nicht ausser allem Zweifel.
+
+61 alun-alun: ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebäuden, die
+die Wohnung eines Regenten bilden. Gewöhnlich stehen auf solchem
+Platz zwei stattliche waringi-Bäume, aus deren Alter sich erweist,
+dass nicht sie auf den alun-alun gepflanzt sind, sondern dass die
+Regentenwohnung in ihrer Nähe, und wahrscheinlich gerade wegen ihrer
+Nähe an dieser Stelle errichtet worden ist.
+
+62 mantrie: ein inländischer Beamter, dessen Stellung ungefähr als
+die eines "Aufsehers" bezeichnet werden kann.
+
+
+
+
+VI. KAPITEL.
+
+66 sarong: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres
+über die Indische Kleidung unter sarong in den Erläuterungen zu
+Kap. XVII.
+
+66 sirie, pinang, gambier: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und
+Kalk den für den Javanen unentbehrlichen Betel-Kautabak bilden. Auch
+die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der
+braune Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefärbt durch die gambier,
+färbt aller Lippen und Zähne. Schön steht dies gerade nicht, doch für
+sehr mundsäubernd wird das Betelkauen gehalten. Der Genuss von sirie
+mit seinen Zuthaten ist so verbreitet, dass der europäische Begriff
+"Trinkgeld" durch das Wort wang sirih, d. h. Siriegeld, ausgedrückt
+wird.--Die sirie ist das Blatt eines Rankengewächses, das nicht viel
+stärker ist als unsere Erbse und dem Pfefferbaum so ähnlich ist,
+dass der Uneingeweihte diese beiden Gewächse schwer unterscheidet. Es
+ist verwunderlich, dass man die sirie so wenig in der Zahnheilkunde
+anwendet, da sie doch eine säubernde, zusammenziehende Wirkung übt und
+der Geschmack nicht unangenehm ist. Die gambier hat, wie es scheint,
+eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der pinang
+oder areka weiss ich nichts Sicheres hieraufbezüglich anzugeben. Die
+pinang oder areka ist eine Nuss, ähnlich einer Muskatnuss. Doch der
+Baum, auf dem sie wächst, ist eine Palmenart.
+
+66 slamat: Gruss, und in diesem Fall das sehr eigenartige
+Kompliment--Zusammenfaltung--das in dem Text beschrieben wird. Frage:
+besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen slamat, selamat
+und dem Wörtchen Sela, das so oft in den Psalmen vorkommt? Man
+weiss, dass nach den Riten des Orients gottesdienstliche Übungen
+bestehen aus Gebeten und Gesängen, mehrfach unterbrochen durch
+vielerlei Geberden und Komplimente im ursprünglichen Sinne des
+thatsächlichen Zusammenklappens, des Sich-Zusammenfaltens. So
+etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen der Psalmen, und diese
+Vermutung wird verstärkt durch die Beachtung der vermutlich näheren
+Bedeutung des Wortes slamat oder selamat. In Zusammenhang gebracht
+mit Slam oder Islam--durch Buchstabenversetzung verwandt mit mosl,
+muzl = Muselmann--würde vielleicht als ursprünglicher Sinn sich
+herausstellen: der feierliche, ceremonielle oder rituelle Gruss, und
+das würde vollkommen der Bedeutung entsprechen, die das Wort Sela in
+den Psalmen füglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen
+Belehrung gern zugänglich sein.
+
+68 kidang: eine Art Hirsch mittlerer Grösse. Viel kleiner, nicht
+grösser wie ein mittelmässiger Hund, sind die kandjiels, Hirschchen,
+die sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit
+auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft
+nicht am Leben erhalten werden können. Der kidang jedoch scheint,
+ebenso wie die meisten Arten unserer Hirsche, sich leicht anzupassen.
+
+71 tudung: die in Form einer grossen, runden Schüssel geflochtene
+Kopfbedeckung der Javanen; der Tudung schützt sowohl vor Sonne wie
+vor Regen, vor dem der Inländer eine lächerliche Furcht hat. Man hat
+in Europa schon Gartenhüte gehabt, die den Tudungs ähnlich sind.
+
+76 Melattiblume: die melatti ist ein kleines weisses Blümchen mit
+starkem Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse
+Rolle in Balladen, Sagen und Legenden.
+
+76 kondeh: das auf dem Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das
+jedoch niemals durch ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern
+stets durch eine Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der
+Kondeh ist auch niemals 'chignon', sondern stets echtes Haar.
+
+
+
+VII. KAPITEL.
+
+84 pajong: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des Sonnenschirms
+deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell festgelegten
+Bestimmungen, den Rang des Häuptlings an, dem ein solcher Pajong
+nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den höchsten Rang an.
+
+85 tandu: Tragstuhl. In anderen Provinzen auch jolek, djuli und
+ähnlich.
+
+90 Patteh, Kliwon, Djaksa: Inländische Häuptlinge. Der Patteh steht
+dem Regenten zur Seite als Sekretär, Botschafter, Faktotum. Der Kliwon
+ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den Dorfhäuptern;
+gewöhnlich hat er die Aufsicht über die Öffentlichen Arbeiten der
+Gemeinde, Verteilung der Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes
+u. s. w. Der Djaksa ist Polizei- und Justizoffizier.
+
+90 mantrie: Inländischer Beamter, etwa: Aufseher.
+
+91 gong und gamlang: Musikinstrumente. Der gong ist ein schweres
+metallenes Becken, das an einem Strang hängt. Man spielt den
+gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz-
+und Stroh-Instrument. Es hätte an dieser Stelle wohl gleichfalls
+von anklung gesprochen werden dürfen, einem Gestell nach Art eines
+Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es sei darauf
+hingewiesen, dass die Benennungen von all diesen Instrumenten
+Onomatopöen sind, die den Klang geschickt nachbilden. Der gong
+klingt stark, gewaltig und kriegerisch. Anklung und gamlang (gamelan)
+dagegen sanft und lieblich, doch sehr melancholisch.
+
+
+
+VIII. KAPITEL.
+
+106 Dhemang: Distriktshäuptling. Im zentralen und östlichen Java
+heisst dieser Beamte Wedhono.
+
+107 padie: Reis.
+
+108 Bandung: Abteilung (Regentschaft, Assistent-Residentschaft)
+in den Preanger-Regentschaften.
+
+108 patjol: Hacke, Karst, meisselartiger Spaten.
+
+108 banjir: Sturmflut, Sturzflut. Über diese Naturerscheinung hat
+Multatuli ergreifend berichtet in einem Schriftchen: "Zeige mir den
+Platz, wo ich gesäet habe!", dessen Titel dieser Stelle des "Havelaar"
+entlehnt ist. Näheres über die Schrift in meinem Biographie- und
+Auswahlbande, und zwar in der Ersten Auflage auf S. 82 u. 83; bei
+der veränderten und in Neudruck befindlichen Zweiten Auflage dürfte
+die Stelle sich etwas verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in
+einem späteren Bande noch veröffentlicht.
+
+109 dessah: Dorf.
+
+109 kris und klewang: Waffen. Über kris siehe unter Kap. XVII.
+
+112 maniessan: Süssigkeit, Konfituren. Der Genuss desselben beim Thee
+ist chinesischen Ursprungs.
+
+112 Radhen Wiera Kusuma, Distriktshaupt von Parang-Kudjang: der
+im "Havelaar" oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des
+Regenten. In seinem Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete
+Vergiftungsaffaire.
+
+120 djimats: Briefe oder andere Gegenstände, die aus dem Himmel
+fielen und Schwärmern und Bauernfängern zum Kredit verhalfen. Tout
+comme chez nous!
+
+121 garem glap: Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz
+ist in Indien Regie. Es wurde in der That an der Südküste von Lebak
+viel Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht übel zu nehmen,
+wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten,
+um einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen
+Preis bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung
+als unbillig und vor allem grausam gegenüber Strandbewohnern, denen
+das Seesalz ins Haus spült.
+
+
+
+XI. KAPITEL.
+
+157 datu: Inländischer Häuptling.
+
+159 Ophir: Wir finden diesen Namen auf den meisten Landkarten,
+und--wahrscheinlich weil der Berg, der so bezeichnet ist, weit von
+der See her zu sehen ist--auf allen Seekarten. Doch das Wort Ophir
+ist bei den Inländern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefähr
+in der Mitte der Breite des Landes, eben nördlich der Linie liegt:
+Gunung Passaman. Wie also die Kartographen, die offenbar einander
+nachgeschrieben haben, die Benennung Ophir verantworten können, weiss
+ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg mit der Gegend
+in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische König Hiram für
+Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und Edelsteine holen liess (I. Könige,
+IX, 28; X, 11). Es ist sehr gewagt, dies auf Grund eines einzigen
+Wortes zu thun. Und überdies, woher stammt das Wort Ophir? Wer hat
+den Gunung Passaman zuerst so genannt? Der f-Klang lässt an Araber
+denken. In den "Arabischen Erzählungen" wird Sumatra von Sindbad dem
+Seefahrer besucht.
+
+165 baleh-baleh: Ruhebank aus Bambus, Pritsche.
+
+165 klambu: Gardine.
+
+165 pajong: Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal für den Rang.
+
+166 banjir: Sturmflut.
+
+
+
+XII. KAPITEL.
+
+169 traussa: ist nicht nötig!
+
+
+
+XIII. KAPITEL.
+
+196 sambal-sambal: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit
+sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den sambals, die dort
+genossen werden, würde Bände füllen. In wohlhabenden Familien erfordert
+diese Unterabteilung des täglichen Menüs die ausschliessliche Hingebung
+eines Bedienten, und bei Reichen ist hierfür eine Person nicht einmal
+hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so viel als
+möglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das Uneingeweihten nicht
+essbar vorkommt, z. B. unreife Früchte und verdorbener Fischlaich. Die
+Bereitung all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert
+ein wahres Studium. Auch ist für baren (Neulinge) bisweilen einige
+Übung nötig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte geben der
+indischen Küche den Vorzug vor den vielerlei Arten europäischer Küche.
+
+
+
+XIV. KAPITEL.
+
+199 Jang (njang) di Pertuan: "Er, der herrscht". Wenn ich mich
+nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur ein Häuptling, der diesen
+Titel trägt. Tuankus (myn-heer, mon-seigneur) giebt es viele. Beide
+Benennungen sind malayisch--die letzte Silbe des Wortes Tuanku kommt
+mir gar javanisch vor--und da der Jang di Pertuan ganz speziell der
+vornehmste Häuptling in den Battahlanden ist, so scheint diese Würde
+ursprünglich durch malayische Unterjocher eingeführt zu sein. Die
+Wurzel der Benennungen von autochthonen Würden und Titeln müssen stets
+in der ältesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur von
+verhältnismässig jüngerem Ursprung als die unwillkürlichen Laute, die
+durch äussere Ursachen Lunge und Kehle entfahren, als die vielerlei
+Benennungen für "Wasser", als die Andeutung von Terrainbesonderheiten
+oder Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung.
+
+201 Padries: wir nannten so die Atjinesen, die damals kurz vorher
+die Battahlande zum Islam bekehrt hatten. Das Wort muss wohl Pedirees
+bedeuten, nach Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das
+Wort 'Atjin' ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene
+Entartung. Aus 'Atjeh' machten wir 'Atjehnese' oder 'Atjinese',
+wodurch das Grundwort selbst in 'Atjin' sich veränderte. Litterarischer
+Purismus ist hier nicht angebracht.
+
+Die Beweise für den im Text berührten Fanatismus laufen übrigens ins
+Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die Einführung des
+Islam--der zugleich Vermehrung des Salzgebrauchs zur Folge hatte--dem
+Menschenfressen grossen Abbruch gethan hat. Dass diese Gewohnheit
+in der Gegend von Penjabungan--dem Zentrum unserer Herrschaft in den
+Battahlanden--noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer diese
+Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich für eine Lüge. Sie knüpft
+an das Erlebnis, das sie in dieser Sache gehabt zu haben behauptet,
+eine Anekdote, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn trägt. Man
+habe sie geschont, erzählt sie, wegen der Spasshaftigkeit ihrer
+Bemerkung: sie sei "eine bejahrte Frau und deshalb zu zäh". Als sie,
+einige Jahre nach mir, mit Battahleuten in Berührung kam, war die
+Anthropophagie in diesen Gegenden ausgerottet, und zwar durch den
+Einfluss derselben Völker, die wir jetzt im Namen der Civilisation
+bekriegen. Wann und wo hat Niederland je mit seiner Religion und mit
+seinen Waffen wie in diesem Fall sozusagen im Umsehen einen ganzen
+Volksstamm von Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht?
+
+204 sewah: die Waffe der Bewohner Sumatras, wie auf Java der kris. Der
+sewah ist ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an
+der Binnenseite der Krümmung. Die ursprüngliche Absicht bei dieser
+Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in der
+Hand verborgen werden kann, während der sehr stumpfe Rücken gegen
+den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm verdeckt wird. Der
+Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner bewaffnet ist,
+als bis dieser--nach einer eigenartigen, behenden Bewegung von Puls und
+Arm in drei Tempis--ihn trifft. Ganz abgesehen von dieser Geeignetheit
+als Mordwerkzeug ist der sewah das symbolische Merkmal der Freiheit
+und Männlichkeit. Wer ein malayisches Haupt gefangen nimmt--wie es
+unter den auf S. 205 beschriebenen Umständen meine verdriessliche
+Aufgabe war--fordert ihm seinen sewah ab.
+
+Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist,
+heisst krambièh und dient ausschliesslich als Mordwaffe. Sie ist
+kleiner und noch viel krummer als der sewah. Der Griff besteht aus
+nicht viel mehr als einer ringförmigen Öffnung, in die der Mörder
+seinen Daumen steckt, während die Klinge ganz in oder hinter der Hand
+verborgen bleibt.
+
+226 tikar: kleine Matte. Die Benutzung von fein geflochtenen Matten
+auf den Bettmatratzen ist in Indien ziemlich allgemein, und wird,
+weil sie kühl bleiben, für gesund gehalten. Die Herstellung dieser
+Matten und anderen Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie,
+in der sich vor allem die Makassaren auszeichnen.
+
+227 klapper: Kokosnuss. Auch klappa, kelappa.
+
+227 pukul ampat: "vier Uhr". Dies ist der Name eines Blümchens, das
+des Nachmittags um diese Stunde sich öffnet und gegen die Morgenstunde
+sich wieder schliesst; ampat heisst: vier, pukul: schlagen, Schlag,
+Glockenschlag.
+
+227 Saudien oder Sudien für Si-Udien: ein sehr häufig vorkommender
+malayischer Name. Udien, Udin (das arabische Eddin) ist wahrscheinlich
+verwandt mit gleichartigen nordischen Namen in Europa. Über das sehr
+gebräuchliche Praefix si wäre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der
+Raum zulässt.
+
+
+
+XV. KAPITEL.
+
+233 Patteh: Häuptlingstitel, des Regenten Sekretär, Botschafter,
+Faktotum.
+
+
+
+XVI. KAPITEL.
+
+250 dessah: Dorf.
+
+250 Saïdjah: dieser Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung
+der "Liste von gestohlenen Büffeln" in den "Liebesbriefen" entlehnt
+(deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch die
+Namen der Dörfer Badur und Tjipurut.
+
+252 Orang Gunung: Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der
+Bewohner der Berge in der Westecke.
+
+253 Alfur: das Wort aliforu, alifuru, hari furu hat in der Nordecke
+von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch
+eine Bedeutung wie Orang Gunung: Bergbewohner, oder mindestens die
+von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks-
+oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird--ebenso wie das Wort:
+Niederländer--häufig als solcher gebraucht.
+
+258 kendang: Umfriedigung von rohem Pfahlwerk.
+
+
+
+XVII. KAPITEL.
+
+268 sawah: durch künstliche Bewässerung unterhaltenes Reisfeld,
+in Gegensatz zu gagahs und tipars, die, was die Befeuchtung angeht,
+ganz vom Regen abhängen.
+
+268 lombong: Bergeraum für Reis, enthülsten wie unenthülsten. Meistens
+ist der lombong ausserhalb des Hauses gegen eine der Wände angebaut.
+
+268 kris: die volkstümliche Waffe des Javanen, die als solche zu
+seiner vollständigen Kleidung gehört, wie bei uns in früherer Zeit
+der Degen. Der kris ist ein schlangenförmiger, platter Dolch mit
+sehr kleinem Heft. Gewöhnlich sind die Krisse aus Streifen weichen
+Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hülfe von Büffelhufen
+gestählt. Sie werden vor Rost bewahrt durch Einreibung mit djerook
+(einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt ist, welches dem Eisen einen
+eigentümlichen matten Schein verleiht. Der Aberglaube behauptet,
+dass man, wenn man einen Kris besehen will, diesen vollständig aus
+der Scheide ziehen müsse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei
+macht, stellt sich grossem Unglück bloss. Über bezauberte Krisse sind
+zahllose Erzählungen in Umlauf.
+
+268 pusaka: Erbstück, hier--wie öfter--im pietätvollen Sinne:
+heiliges Erbstück.
+
+269 Klambu-Haken: klambu ist: Gardine. In den platten, sehr breiten
+Haken, womit die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus
+entwickelt. Auch bei den ungünstigst Gestellten sind sie doch
+gewöhnlich von Messing.
+
+270 patjol: die Hacke, das Werkzeug, das der Javane für den Spaten
+gebraucht. Das Blatt sitzt lotrecht auf dem hölzernen Stiel. Es
+wird also damit gehauen, nicht gegraben, was vielleicht dem Umstande
+zuzuschreiben ist, dass der Inländer barfuss geht.
+
+270 user-useran: das Wort wird in dem Text erklärt. Vermeintliche
+Besonderheiten in der Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie
+sich auf dem Scheitel eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei
+Weissagungen (siehe z. B. S. 113, 117, 118.).
+
+270 penghulu: Priester.
+
+270 ontong: Glück, Vorteil.
+
+271 galangans: kleine, schmale Deiche, die das Wasser auf den sawahs
+halten.
+
+271 Alanggras (allang-allang): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es
+ist oft so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen
+kann. Auf Sumatra nennt man es auch riembu, was dort auch Wildnis im
+allgemeinen bedeutet.
+
+272 sarong; batik; kapala: Der sarong ist das eigenartige
+Kleidungsstück der Javanen, der Männer wie der Frauen. Es ist ein aus
+kapok gewobenes Stück Zeug, dessen Enden aneinandergenäht werden. Die
+Anwendung von Seide ist Ausnahme. Eines dieser Enden heisst kapala,
+d. h. Kopf, und ist mit einem breiten Rand bemalt, gewöhnlich bestehend
+aus ineinander verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst batik
+und geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in
+einen Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen
+Werkzeuge von Blech, das--sehr verkleinert--die Form eines Theetopfes
+hat oder eines antiken Lämpchens. Sarongs ohne kapala, und deren
+Enden nicht aneinander genäht sind, heissen slendangs. Man trägt diese
+Kleidungsstücke um die Hüften, und die Männer schürzen sie mehr oder
+weniger auf, bisweilen auch vollständig. Auch wird der slendang häufig
+ganz zum Gürtel zusammengerollt, in welchem Fall die Männer eine Hose
+tragen, sehr gegen die eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr
+und mehr die Oberhand gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europäern
+in Berührung kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass
+die Anwendung von Hosen unter den sarongs bei Frauen allein in dem
+Nordwinkel von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur
+dort angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese
+Kleidungsstücke serawak atjeh heissen: atjinesische Hose.
+
+Was übrigens die sarongs und slendangs angeht, seit etwa dreissig
+Jahren (1881 von M. geschrieben. D. Übers.) haben sich europäische
+Fabrikanten darauf gelegt, das javanische batik nachzumachen, und es
+wurden denn auch jährlich in diesem Artikel Fabrikate im Werte von
+Millionen umgesetzt. Doch wird das Tragen eines gedruckten Kain (kahin:
+Kleid, der generelle Name für all solche Kleidungsstücke) stets für
+ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes gehalten.
+
+273 matah-glap, amokh. Das Wort (matah-glap = verdunkelten Auges)
+deutet den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet,
+niederschlägt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es irgendwo
+"Selbstmord in Gesellschaft" und weiss auch jetzt noch keinen besseren
+Namen dafür. Der Unglückliche, der von dieser Wut gepackt wird, kennt
+weder Freund noch Feind. Ursache ist gewöhnlich Eifersucht oder zu
+lang verhaltener Groll über Misshandlung. Der Javane ist, wie die
+meisten anderen Inländer, sanftmütig und nachgiebig von Art. Doch
+allzu tief verwundet oder zu andauernd gekränkt, bricht seine Wut in
+amokh aus. Dass gleichwohl auch der amfiun (Opium) hierbei eine Rolle
+spielt--sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein Mittel,
+das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben veranlasst--versteht sich
+von selbst.
+
+273 atap: eine Art Wasserpalme, deren Blätter zum Decken geringer
+Häuser verwandt werden.
+
+273 bendie: Chaise, Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett.
+
+274 djati, ketapan: zwei Arten von grossen Bäumen. Der erstere Baum
+liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen
+Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise
+mit unserer Eiche übereinkommt.
+
+274 melatti: unter Kap. VI erklärt.
+
+274 Reisblock: schwerer, hölzerner Trog, worin der padie durch Stampfen
+von der Hülse befreit wird. Dieses Stampfen heisst--Klangnachbildung
+wieder!--tumbokh.
+
+275 tudung: siehe unter Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit
+nach dem Schatten, den sein tudung auf seinem Antlitz zeichnete,
+folgte Saïdjah einem allgemeinen indischen Brauch.
+
+276 lalayang: ein Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergötzen
+sich nicht ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und
+beschreibt allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen
+und Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der
+Hand hält, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem
+Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft
+zu begegnen und sie zu durchschneiden. Aus den vielerlei lebhaften
+Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr ergötzlich
+anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme zwingt. Die von
+Saïdjah hingestellte Möglichkeit, demgemäss "der kleine Djamien" die
+Niederlage durch geschilderten betrügerischen Eingriff herbeigeführt
+haben sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im
+Werfen angeht, ein Indiismus.
+
+277 "er hat einen grossen Mund gehabt": spezifischer Malayismus.
+
+277 "Salzmachen an der Südküste": siehe unter Kap. VIII: garem glap:
+Schmuggelsalz.
+
+277 matah-glap: rasend. Näheres weiter oben erklärt.
+
+277 "den Brand, das Feuer töten": spezifischer Malayismus.
+
+278 klappa: Kokosnuss. Klappabaum also: Kokospalme.
+
+278 Klagefrauen: beim Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul
+gemacht, nicht--wie früher bei uns--durch bezahlte "huilebalgen",
+sondern von Verwandten, Bekannten und Nachbarn.
+
+279 kamuning: feines, gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel
+des so benannten kleinen Bäumchens gewonnen wird, und das also nie
+gross im Stück sein kann. Es ist sehr teuer.
+
+279 kahin: der zum Gürtel gerollte slendang.
+
+280 'Grossvater' des Susukunan von Solo: der Sus. v. Solo ist der
+Kaiser von Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen
+dem Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines 'Grossvaters'.
+
+280 kondeh ... im eigenen Strick gefangen: siehe unter Kap. VI.
+
+281 kabaai: ein leichtes, nachlässiges Gewand, das indische Hauskleid,
+auch Schlafgewand; ein Négligé.
+
+281 pontianak: Spuk, der sich in Bäumen aufhält und auf Frauen sehr
+ergrimmt ist, besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein
+Zusammenhang zu suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und
+dem Namen der Niederländischen Befestigung an der Westküste von Borneo.
+
+283 pelitah: Lämpchen.
+
+284 rottan oder rotan: spanisch Rohr.
+
+285 badjing: javanisches Eichhörnchen. Dies Tierchen kam mir immer
+kleiner vor als sein europäischer Artgenosse. Es lässt sich leicht
+zähmen.
+
+285 Bauch für 'Magen': Malayismus.
+
+289 boaja: Kaiman, eine Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man
+abends Bambuskörbchen oder Näpfchen voll Reis und anderer Speise, mit
+einem kleinen Licht versehen, stromabwärts treiben lässt. Wenn gerade
+viel auf den Flüssen geopfert wird, bieten die ruhig dahintreibenden
+Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick.
+
+290 baleh-baleh: Pritsche, Ruhebank aus Bambus.
+
+291 "... und also in Flammen stand": dieses blutige "also"
+(im Holländ.: "dus") hat nach Erscheinen des "Havelaar" erregte
+Kontroversen zum Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt.
+
+
+
+XVIII. KAPITEL.
+
+301 pundutan: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung
+erhoben werden.
+
+301 pantjens und kemits: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk.
+
+
+
+XIX. KAPITEL.
+
+313 Patteh: der Inländische Häuptling, der die Vertrauensstellung
+eines Sekretärs, Botschafters beim Regenten einnimmt.
+
+
+
+XX. KAPITEL.
+
+325 tongtong (tomtom, tamtam): ein grosser, hängender, ausgehöhlter
+Block von Holz, auf dem man die Stunden anschlägt. Der Name ist wieder
+eine Onomatopöe.
+
+335 kampong: Dorf.
+
+
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN
+
+
+[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem
+Holländischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens,
+seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit
+Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns'
+Verlag.
+
+[2] Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres
+Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch
+holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit,
+Eingebildetheit, Anmassung.
+
+[3] Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess:
+Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.
+
+[4] Note des Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.
+
+[5] Badjing = das javanische Eichhörnchen.
+
+[6] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine
+Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des
+"Havelaar" entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes
+Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines
+Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes
+enthält. W. Sp.
+
+
+
+
+
+
+
+In gleicher Ausstattung erschienen in unserem Verlage:
+
+MULTATULI.
+
+Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem Holländischen,
+eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner
+Persönlichkeit und seines Schaffens. Von WILHELM SPOHR. Mit Bildnissen
+und handschriftlicher Beilage. Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark
+5,50.
+
+MULTATULI.
+
+LIEBESBRIEFE.
+
+Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
+3,--, geb. Mark 3,75.
+
+MULTATULI.
+
+MILLIONEN-STUDIEN.
+
+Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
+4,50, geb. Mark 5,50.
+
+MULTATULI.
+
+FÜRSTENSCHULE.
+
+Schauspiel in 5 Aufzügen. Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM
+SPOHR. Preis: brosch. Mark 2,25, geb. Mark 3,--.
+
+MULTATULI.
+
+DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER.
+
+Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Zwei starke
+Bände. Preis: brosch. Mark 10,--, geb. Mark 12,--.
+
+
+
+Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bände
+
+IDEEN.
+
+BRIEFE UND DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI.
+
+J. C. C. Bruns' Verlag,
+
+Minden i. Westf.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***
+
+***** This file should be named 31527-0.txt or 31527-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+States.
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
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+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
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+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. \ No newline at end of file
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+</head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Max Havelaar
+
+Author: Multatuli
+
+Translator: Wilhelm Spohr
+
+Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***
+
+
+
+
+Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<div class="front">
+<div class="div1">
+<p class="firstpar xd20e91">Max Havelaar.</p>
+</div>
+<div class="titlePage">
+<div class="byline"><span class="docAuthor">Multatuli</span></div>
+<div class="docTitle">
+<div class="mainTitle">Max Havelaar</div>
+</div>
+<div class="byline">&Uuml;bertragen aus dem Holl&auml;ndischen<br>
+Von<br>
+<span class="docAuthor">Wilhelm Spohr</span><br>
+Titelzeichnung von Fidus.</div>
+<div class="docImprint">Zweite Auflage.<br>
+Minden in Westf.<br>
+J. C. C. Bruns&rsquo; Verlag.<br>
+<span class="docDate">1901.</span></div>
+</div>
+<div class="div1">
+<p class="firstpar xd20e91">Alle Rechte, auch das der &Uuml;bersetzung
+in fremde Sprachen, vorbehalten. <span class="pagenum">[<a id="xd20e126" href="#xd20e126" name="xd20e126">V</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="pre" class="div1">
+<h2>Vorwort des Herausgebers.</h2>
+<p class="firstpar">Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner
+Multatuli-B&uuml;cher abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten
+B&auml;nde des Unternehmens vornehmen kann. Meine &Uuml;bersetzung des
+holl&auml;ndischen &raquo;Max Havelaar&laquo; liegt hier in zweiter
+Auflage vor. Der Text erhielt nur geringf&uuml;gige <span class="corr"
+id="xd20e132" title="Quelle: Anderungen">&Auml;nderungen</span>, wie
+sie sich aus der Neudurchsicht einer &Uuml;bersetzung zu ergeben
+pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen
+erl&auml;uternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:</p>
+<p>Ich nenne das Buch schlichtweg &raquo;<span class="letterspaced">Max
+Havelaar</span>&laquo;, da mir, dem deutschen Interpreten, der
+eigentliche von Multatuli ihm gegebene Titel &raquo;Max Havelaar oder
+die Kaffeeauktionen der Niederl&auml;ndischen
+Handelsgesellschaft&laquo; (&raquo;<span lang="nl-1900">Max Havelaar of
+de koffiveilingen der Nederlandsche Handelmaatschappy</span>&laquo;,
+geschrieben 1859, erschienen zu Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit
+und Umst&auml;nden weniger passend erscheint. Der Leser m&ouml;ge sich
+bei einigen wenigen Anspielungen im Text des urspr&uuml;nglichen Titels
+erinnern.</p>
+<p>Ich kenne nach dem &raquo;Havelaar&laquo; kein zweites Buch, das in
+so eminentem Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt
+h&auml;tte. &raquo;Es ging ein Schaudern durch das Land&laquo;,
+erkl&auml;rte nach seinem Erscheinen ein Abgeordneter von der
+Trib&uuml;ne des Parlaments. Sogar <span class="letterspaced">Einzelheiten</span> haben ihre eigene Geschichte! Indem
+ich darauf hinweise, dass das <span class="pagenum">[<a id="xd20e148"
+href="#xd20e148" name="xd20e148">VI</a>]</span>kleine holl&auml;ndische
+W&ouml;rtchen &raquo;dus&laquo; in dem Buche (in meiner
+&Uuml;bersetzung das &raquo;also&laquo; auf <a href="#also">S. 291
+Zeile 7</a>) einen gewaltigen Federkrieg entfachen konnte, mache ich
+wohl begreiflich, dass ich davon absehen m&ouml;chte, in diesem kurz
+beabsichtigten Vorwort mich weiter in die Schicksalsgeschichte des
+Werkes zu verlieren. Nur will ich noch dem Leser, der sich nicht
+&uuml;ber dieses Buch hinaus in den reissenden Strudel der
+Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von vornherein verraten, dass
+der Held Max Havelaar der Autor selbst ist, b&uuml;rgerlichen Namens
+Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung eines
+Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem 1856
+genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkw&uuml;rdigen
+Erfahrungen in den Niederl&auml;ndisch-Indischen Besitzungen im Buche
+&raquo;Max Havelaar&laquo; niederlegte. Es ist also dieses Buch kein
+Roman im gew&ouml;hnlichen Sinne; in ganz einziger k&uuml;nstlerischer
+Einkleidung bietet es <span class="letterspaced">aktenm&auml;ssige
+Wahrheit &uuml;ber die Schicksale des Assistent-Residenten Eduard
+Douwes Dekker</span>, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und
+als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es dr&auml;ngt, mehr
+von der Geschichte des lange Zeit schlau unterdr&uuml;ckt gehaltenen
+Buches, mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren,
+&sbquo;der viel getragen hat&lsquo;, dem ist die M&ouml;glichkeit
+geboten, sich in dem von mir herausgegebenen Multatuli-Biographie- und
+Auswahlbande des weiteren zu unterrichten.<a class="noteref" id="xd20e156src" href="#xd20e156" name="xd20e156src">1</a></p>
+<p>Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem
+ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu
+verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige
+Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht &uuml;bertroffen, es sei
+denn durch Multatuli selbst in <span class="pagenum">[<a id="xd20e169"
+href="#xd20e169" name="xd20e169">VII</a>]</span>seinen sp&auml;teren
+Werken. Voll Verwunderung mag dieser oder jener pr&uuml;fend an manchen
+Stellen verweilen, indem er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein
+Erstlingswerk, 1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem
+Autor kein Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart
+daneben wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe
+Fabel zusammengeballt und -geschweisst, dann Kl&auml;nge, h&ouml;her
+wie die aus dem Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit
+der Logik des Occidents ger&uuml;stet. Und das Geheimnis? Was liess den
+Mann so reden, dass man mit offenem Munde fragen mochte: &raquo;mein
+Gott, wer bist du?&laquo; Multatuli verriet die Hauptsache selbst,
+indem er einmal in einem Briefe sagte: &raquo;Stil ist keine Kunst oder
+ein K&uuml;nstchen, er sprudelt allein aus dem Herzen heraus.&laquo;
+Dass man auch sonst nebenbei kein gew&ouml;hnlicher Mensch sein
+d&uuml;rfe, setzte er wohl als selbstverst&auml;ndlich voraus f&uuml;r
+jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er <span class="letterspaced">war</span> ein aussergew&ouml;hnlicher Mensch und er
+<span class="letterspaced">hatte</span> Herz, und der Quell sprudelte
+auch lustig, obwohl er dieses Werk mit &raquo;Weh und Schmerz
+gebar&laquo;, es schrieb in Br&uuml;ssel &raquo;im Winter des Jahres
+1859, teils in einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und
+schmierigen Herbergstische, umringt von gutm&uuml;tigen, aber ziemlich
+un&auml;sthetischen Biertrinkern&laquo;. Was er gerade derzeit
+gelitten, l&ouml;ste sich auf in den k&ouml;stlichen Humor des Buches
+und in die Satire auf das Philistertum, das so schweres Gesch&uuml;tz
+wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch auch die Tragik seines
+Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch einmal mit: &raquo;es
+fielen Thr&auml;nen auf die Handschrift&laquo;.</p>
+<p>Die meisten im &raquo;Havelaar&laquo; handelnd eingef&uuml;hrten
+Personen tragen schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des
+Milieus, dem sie angeh&ouml;ren. Ich habe absichtlich diese Namen in
+der urspr&uuml;nglichen Form wiedergegeben, vor allem, weil sie auch
+f&uuml;r uns genug verr&auml;terischen Klang haben. Warum der gute
+Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss, d. i. ein Mensch mit
+langweiligem, salbungsvollem <span class="pagenum">[<a id="xd20e179"
+href="#xd20e179" name="xd20e179">VIII</a>]</span>Gebabbel, und warum
+der engherzige, gef&auml;hrlich dumm-schlaue Spiessb&uuml;rger, der mit
+dem ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, d&uuml;rren
+Stoppelfelde bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum
+belasse ich es bei diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus
+Multatulis Werken sind in der Sprache und in der Vorstellungswelt der
+Holl&auml;nder zum Range von allgemein geltenden Typen avanciert.
+Namentlich ist der vorher erw&auml;hnte Droogstoppel Gemeingut des
+Volkes geworden, als der Typus einer Rasse, die leider nicht auf das
+Gebiet von Holland beschr&auml;nkt scheint.</p>
+<p>Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die
+Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; f&uuml;r sie habe
+ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und nach
+Gefallen zu benutzende &raquo;<a href="#gloss">Erl&auml;uterungen zu
+Indiismen</a>&laquo; angef&uuml;gt.</p>
+<p>Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit
+den H&ouml;hen und Abgr&uuml;nden ihres Humors und ihrer Tragik, mit
+ihrer sanften und mit ihrer heissen Sch&ouml;nheit, mit ihrem tiefen
+Frieden und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vor&uuml;berziehen.
+Doch vorher eines noch. Ich habe mich daran gew&ouml;hnt, in seiner
+Kunst <span class="letterspaced">mehr</span> als ein Genussmittel zu
+sehen. So m&ouml;ge man verstehen, wenn ich mahnend betone, dass der
+Emp&ouml;rungsschrei dieser Seele <span class="letterspaced">uns</span>, uns <span class="letterspaced">alle</span>
+angeht.</p>
+<p class="xd20e197">Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.</p>
+<p class="xd20e199"><b>Wilhelm Spohr.</b> <span class="pagenum">[<a id="pb1" href="#pb1" name="pb1">1</a>]</span></p>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e156" href="#xd20e156src" name="xd20e156">1</a></span>
+<span class="letterspaced">Multatuli.</span> Auswahl aus seinen Werken
+in &Uuml;bersetzung aus dem Holl&auml;ndischen, eingeleitet durch eine
+Charakteristik seines Lebens, seiner Pers&ouml;nlichkeit und seines
+Schaffens. Von <span class="letterspaced">Wilhelm Spohr</span>. Mit
+Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C.
+<span class="letterspaced">Bruns&rsquo;</span> Verlag.</p>
+</div>
+</div>
+</div>
+<div class="body">
+<div id="ch1" class="div1">
+<h2>Erstes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht
+37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen
+Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar
+Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber
+Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du
+nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich
+niemals etwas schrieb, was einem Roman &auml;hnlich sah, nein, ich
+halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein
+rechter Gesch&auml;ftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die
+Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen &uuml;ber die
+Unversch&auml;mtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch
+etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar
+nicht geschehen kann. Wenn ich in <span class="letterspaced">meinem</span> Fach&mdash;ich bin Makler in Kaffee und
+wohne Lauriergracht 37&mdash;einem Prinzipal&mdash;ein Prinzipal ist
+jemand, der Kaffee verkauft&mdash;eine Angabe machte, worin nur ein
+kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten w&auml;re, die in Gedichten
+und Romanen die Hauptsache ausmachen, so w&uuml;rde er auf der Stelle
+zu Busselinck &amp; Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee,
+doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf
+der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben
+mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die
+sich auf so <span class="pagenum">[<a id="pb2" href="#pb2" name="pb2">2</a>]</span>was einlassen, gew&ouml;hnlich schlecht wegkommen.
+Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die
+B&ouml;rse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem
+verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen!
+Und gew&ouml;hnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor,
+dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen m&uuml;sste, der den meisten
+schon in ihrer Jugend gegeben war.</p>
+<p>Ich sage: <span class="letterspaced">Wahrheit und gesunder
+Menschenverstand</span>, und dabei bleibe ich. F&uuml;r die SCHRIFT
+mache ich nat&uuml;rlich eine Ausnahme. Der Fehler f&auml;ngt schon bei
+unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten Zeile &uuml;ber
+die &raquo;lieben Kleinen&laquo;. Was zum Teufel konnte den alten Herrn
+bewegen, sich f&uuml;r einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen,
+die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, der
+immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: &raquo;dass er durch
+<span class="letterspaced">Lieb&rsquo;</span> bewogen die
+Vers&rsquo;chen singe&laquo;. Ich dachte manchmal als Kind:
+&raquo;Mann, ich m&ouml;chte dir gern mal begegnen, und wenn du mir
+nicht die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen w&uuml;rde, oder
+meinen vollst&auml;ndigen Namen in Buchstabenbretzeln&mdash;ich heisse
+<span class="letterspaced">Batavus</span>&mdash;dann bist du ein
+L&uuml;gner f&uuml;r mich.&laquo; Aber ich habe Van Alphen nie gesehen.
+Er war schon tot, glaube ich, als er uns erz&auml;hlte, dass mein Vater
+mein bester Freund w&auml;re&mdash;mir lag mehr an Paulchen Winser, der
+neben uns in der Batavierstrasse wohnte&mdash;und dass mein kleiner
+Hund so dankbar w&auml;re. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so
+unreinlich sind.</p>
+<p>Alles L&uuml;gen! So geht&rsquo;s dann weiter mit der Erziehung. Das
+neue Schwesterchen ist von der Gr&uuml;nfrau gekommen in einem grossen
+Kohlkopf. Alle Holl&auml;nder sind tapfer und edelm&uuml;tig. Die
+R&ouml;mer waren froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von
+Tunis kriegte eine Kolik, als er das Flattern der Niederl&auml;ndischen
+Flagge h&ouml;rte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war
+1672, glaube ich, dauerte etwas l&auml;nger wie gew&ouml;hnlich,
+express, <span class="pagenum">[<a id="pb3" href="#pb3" name="pb3">3</a>]</span>um Niederland Schutz zu gew&auml;hren. L&uuml;gen.
+Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Altvordern auf ihre
+Gesch&auml;fte passten, und weil sie den wahren Glauben hatten.
+<span class="letterspaced">Das</span> ist die Sache.</p>
+<p>Und dann kommen sp&auml;ter wieder andere L&uuml;gen. Ein
+M&auml;dchen ist ein Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals
+Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen
+oder andern Gegenstand ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und
+solche Liebe ist auch eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich
+nicht gut lebe mit meiner Frau&mdash;sie ist eine Tochter von Last
+&amp; Co., Maklern in Kaffee&mdash;niemand kann an unserer Ehe was
+aussetzen. Ich bin Mitglied von &raquo;Artis&laquo;, unserm
+Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch von zwei und
+neunzig Gulden Wert, und von solch einer verr&uuml;ckten Liebe, die
+durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen uns niemals
+die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine kleine Tour
+nach dem Haag gemacht&mdash;sie hat da Flanell gekauft, wovon ich noch
+Unterjacken trage&mdash;und weiter hat uns nie die Liebe in die Welt
+gejagt. Also: alles Albernheit und L&uuml;gen!</p>
+<p>Und sollte <span class="letterspaced">meine</span> Ehe nun weniger
+gl&uuml;cklich sein als die Ehe der Leute, die sich rein aus Liebe die
+Schwindsucht an den Hals holten oder ihre Haare dabei loswurden? Oder
+denkt ihr, dass es weniger geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als
+wenn ich vor siebzehn Jahren meinem M&auml;dchen in <span class="letterspaced">Versen</span> gesagt h&auml;tte, dass ich sie heiraten
+wollte? Unsinn! Ich h&auml;tte das doch ebenso gut k&ouml;nnen wie
+jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder
+schwer ist als Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen
+Aufbackbilder mit Spr&uuml;chen so billig sein? Und frage einmal nach
+dem Preis von einem Satz Billardb&auml;llen!</p>
+<p>Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die W&ouml;rter ins
+Glied r&uuml;cken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist!
+&raquo;<span class="letterspaced">Der Regen ist vorbei, und die Uhr ist
+<span class="pagenum">[<a id="pb4" href="#pb4" name="pb4">4</a>]</span>drei.</span>&laquo; Das lasse ich gelten, wenn
+wirklich <span class="letterspaced">der Regen vorbei</span> und die Uhr
+<span class="letterspaced">drei</span> ist. Doch wenn es viertel auf
+vier ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen:
+&raquo;<span class="letterspaced">der Regen ist vorbei, und die Uhr ist
+viertel auf vier</span>&laquo;. Der Versemacher ist durch das
+Aufh&ouml;ren des Regens an die volle Stunde gebunden. Es muss genau
+<span class="letterspaced">drei</span> Uhr, in diesem g&uuml;nstigen
+Falle meinetwegen auch genau <span class="letterspaced">zwei</span> Uhr
+sein, oder der Regen darf nicht <span class="letterspaced">vorbei</span> sein. <span class="letterspaced">Sieben</span> und <span class="letterspaced">neun</span>
+ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder das
+Wetter muss ver&auml;ndert werden, oder die Zeit. <span class="letterspaced">Eins</span> von beiden ist dann gelogen.</p>
+<p>Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh
+mal ins Theater und achte mal darauf, was da f&uuml;r L&uuml;gen an den
+Mann gebracht werden. Der Held des St&uuml;ckes wird aus dem Wasser
+geholt von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann
+giebt er ihm sein halbes Verm&ouml;gen. Das kann nicht wahr sein. Als
+k&uuml;rzlich auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich
+dem Mann einen Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl,
+dass ich etwas mehr h&auml;tte geben m&uuml;ssen, wenn er <span class="letterspaced">mich selbst</span> herausgeholt h&auml;tte, aber gewiss
+nicht mein halbes Verm&ouml;gen. Es liegt doch auf der Hand, dass man
+auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, um v&ouml;llig
+arm zu sein. Was das &Auml;rgste ist bei solchen Vorf&uuml;hrungen auf
+der B&uuml;hne: das Publikum gew&ouml;hnt sich <span class="letterspaced">so</span> an all die Unwahrheiten, dass es sie
+sch&ouml;n findet und ihnen zujubelt. Ich h&auml;tte wohl mal Lust,
+so&rsquo;n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem
+es mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe,
+mache der Welt bekannt, dass ich f&uuml;r das Auffischen meiner Person
+keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden ist,
+mag mich liegen lassen. Nur Sonntags w&uuml;rde ich etwas mehr geben,
+weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.</p>
+<p>Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane.
+<span class="pagenum">[<a id="pb5" href="#pb5" name="pb5">5</a>]</span>Es ist so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold
+und einer Borde von ausgeschlagenem Papier sieht das alles so
+verlockend aus. F&uuml;r Kinder, meine ich, und f&uuml;r Leute, die
+keine Ahnung von Gesch&auml;ftssachen haben. Selbst wenn die
+Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist ihre Darstellung immer
+l&uuml;genhaft. Ein M&auml;dchen, dessen Vater Bankerott macht,
+arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt sie denn zu
+n&auml;hen, zu stricken und zu sticken. Aber z&auml;hle nun mal die
+Stiche, die sie macht w&auml;hrend des ganzen Akts. Sie quasselt, sie
+seufzt, sie l&auml;uft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht.
+Die Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig n&ouml;tig. So
+ein M&auml;dchen ist nat&uuml;rlich die Heldin. Sie hat einige
+Verf&uuml;hrer die Treppe hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort:
+&raquo;o meine Mutter, o meine Mutter!&laquo; und stellt also die
+Tugend vor. Was ist das f&uuml;r eine Tugend, die ein volles Jahr
+n&ouml;tig hat zu einem Paar wollener Str&uuml;mpfe? Giebt dies alles
+nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom &raquo;Arbeiten f&uuml;r
+den Lebensunterhalt&laquo;? Alles Albernheit und L&uuml;gen!</p>
+<p>Dann kommt ihr erster Liebhaber&mdash;der fr&uuml;her am Kopierbuch
+sass, nun aber steinreich&mdash;auf einmal zur&uuml;ck und heiratet
+sie. Auch wieder L&uuml;gen. Wer Geld hat, heiratet kein M&auml;dchen
+aus einem falliten Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der
+B&uuml;hne so durchgeht als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf
+bestehen, dass man den Sinn f&uuml;r Wahrheit verdirbt beim Volke, das
+die Ausnahme als Regel hinnimmt, und dass man die &ouml;ffentliche
+Sittlichkeit untergr&auml;bt, indem man es daran gew&ouml;hnt, etwas
+zuzujauchzen auf der <span class="letterspaced">B&uuml;hne</span>, was
+in der <span class="letterspaced">Welt</span> von jedem achtbaren
+Makler oder Kaufmann f&uuml;r eine l&auml;cherliche
+&Uuml;bergeschnapptheit angesehen wird. Als <span class="letterspaced">ich</span> heiratete, waren wir auf dem Kontor meines
+Schwiegervaters&mdash;Last &amp; Co.&mdash;unserer dreizehn, und es
+wurde was umgesetzt!</p>
+<p>Und noch mehr L&uuml;gen auf der B&uuml;hne. Wenn der Held mit
+seinem steifen Kom&ouml;dienschritt abtritt, um das bedr&auml;ngte
+Vaterland zu retten, warum geht dann die Doppelth&uuml;r im
+<span class="pagenum">[<a id="pb6" href="#pb6" name="pb6">6</a>]</span>Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und weiter, wie
+kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was der andere zu
+antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn der Feldherr zu
+der F&uuml;rstin sagt: &raquo;<span class="letterspaced">Mevrouw, es
+ist zu sp&auml;t, man schloss die Thore beide</span>&laquo;, wie kann
+er nur im voraus wissen, dass sie sagen will: &raquo;<span class="letterspaced">Wohlan denn, unverzagt, entbl&ouml;sst das Schwert der
+Scheide!</span>&laquo;? Denn wenn sie nun, als sie h&ouml;rte, dass die
+Thore geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten
+wolle, bis ge&ouml;ffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen
+werde, wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure
+L&uuml;ge, wenn der Feldherr die F&uuml;rstin fragend ansieht, um zu
+erfahren, was sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch
+eins: wenn das Weib nun Lust gehabt h&auml;tte, schlafen zu gehen,
+anstatt etwas zu entbl&ouml;ssen? Alles L&uuml;gen!</p>
+<p>Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn
+Jahren Makler in Kaffee&mdash;Lauriergracht 37&mdash;und habe also
+schon allerlei mit angesehen, doch es st&ouml;sst mich jedesmal
+furchtbar vor den Kopf, wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe.
+Belohnte Tugend? Ist es nicht, als wenn man aus der Tugend einen
+Handelsartikel machen wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist
+gut, dass es nicht so ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die
+Tugend belohnt w&uuml;rde? Wozu also diese infamen L&uuml;gen jedesmal
+aufgetischt?</p>
+<p>Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem
+Vater von Last &amp; Co. gearbeitet hat&mdash;die Firma war damals Last
+&amp; Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus&mdash;das w&auml;re
+dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er
+ging regelm&auml;ssig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als
+mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus
+und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank
+siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zur&uuml;ck. Er ist nun alt
+und gichtig und kann keine Arbeit <span class="pagenum">[<a id="pb7"
+href="#pb7" name="pb7">7</a>]</span>mehr verrichten. Nun hat er nichts,
+denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute
+n&ouml;tig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas f&uuml;r sehr tugendhaft;
+aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt,
+oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist
+arm und bleibt arm, und so muss es auch sein. <span class="letterspaced">Ich</span> kann ihm nicht helfen&mdash;denn wir haben
+junges Volk n&ouml;tig, weil es bei uns sehr flott geht&mdash;aber
+<span class="letterspaced">k&ouml;nnte</span> ich auch, wo bliebe sein
+Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gem&auml;chliches Leben
+f&uuml;hren k&ouml;nnte? Dann w&uuml;rden alle Speicherknechte wohl
+tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann,
+weil dann keine besondere Belohnung f&uuml;r die Braven im Jenseits
+&uuml;brig bliebe. Aber auf der B&uuml;hne verdrehen sie das ... alles
+L&uuml;gen!</p>
+<p><span class="letterspaced">Ich</span> habe auch Tugend, doch fordere
+ich hierf&uuml;r Belohnung? Wenn meine Gesch&auml;fte gut
+gehen&mdash;und das thun sie&mdash;wenn meine Frau und meine Kinder
+gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe
+... wenn ich jahraus jahrein ein S&uuml;mmchen auf die Seite legen kann
+f&uuml;r die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er
+sp&auml;ter meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen
+zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles
+eine nat&uuml;rliche Folge der Umst&auml;nde, und weil ich aufs
+Gesch&auml;ft passe. F&uuml;r meine Tugend verlange ich nichts.</p>
+<p>Und dass ich doch tugendhaft <span class="letterspaced">bin</span>,
+das zeigt sich an meiner Liebe f&uuml;r die Wahrheit. Diese ist, nach
+meiner Anh&auml;nglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich
+w&uuml;nschte, dass ihr hiervon &uuml;berzeugt w&auml;ret, Leser, weil
+darin die Entschuldigung daf&uuml;r liegt, dass ich dieses Buch
+schreibe.</p>
+<p>Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe
+beherrscht, ist die Leidenschaft f&uuml;r meine Profession. Ich bin
+n&auml;mlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser:
+meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer f&uuml;rs
+Gesch&auml;ft habt ihr zu danken, dass <span class="pagenum">[<a id="pb8" href="#pb8" name="pb8">8</a>]</span>diese Bl&auml;tter
+geschrieben wurden. Ich werde euch erz&auml;hlen, wie dies zugegangen
+ist. Da ich nun f&uuml;r einen Augenblick Abschied von euch
+nehme&mdash;ich muss auf die B&ouml;rse&mdash;lade ich euch gleich auf
+ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!</p>
+<p>Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist
+nur eine kleine M&uuml;he ... es kann mal n&uuml;tzlich sein ... na, da
+hab ich&rsquo;s ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers
+raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.</p>
+<div class="q xd20e341">
+<p class="firstpar xd20e91">LAST &amp; Co.</p>
+<p class="xd20e91">MAKLER IN KAFFEE.</p>
+<p class="xd20e91">Lauriergracht No. 37.</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb9" href="#pb9" name="pb9">9</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch2" class="div1">
+<h2>Zweites Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Es war schlapp auf der B&ouml;rse, doch die
+Fr&uuml;hjahrsauktion wird&rsquo;s wohl wieder einholen. Denkt nicht,
+dass bei uns kein Umsatz ist. Bei Busselinck &amp; Waterman ist es noch
+stiller. Eine sonderbare Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine
+Jahre zwanzig die B&ouml;rse besucht. Stellt euch vor, dass sie
+versucht haben&mdash;Busselinck &amp; Waterman, meine ich&mdash;mir
+Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht weiss, ob ihr mit der
+B&ouml;rsenwelt vertraut seid, will ich euch eben sagen, dass Ludwig
+Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, das dauernd durch Last
+&amp; Co. bedient worden ist. Ganz zuf&auml;llig kam ich
+dahinter&mdash;hinter die Schliche von Busselinck &amp; Waterman, meine
+ich. Sie w&uuml;rden 1/4 % von der Maklergeb&uuml;hr
+nachlassen&mdash;hinterlistige Schleicher sind sie, was anderes
+nicht!&mdash;und nun lass dir doch sagen, was ich that, um diesen
+Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle h&auml;tte vielleicht
+Ludwig Stern geschrieben, dass er die Ber&uuml;cksichtigung der
+langj&auml;hrigen Bedienung durch Last &amp; Co. erwarte ... ich habe
+ausgerechnet, dass die Firma, seit gut f&uuml;nfzig Jahren, vier Tonnen
+an Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der
+Kontinentalsperre, als wir die Kolonialwaren von Helgoland
+einschmuggelten. Ja, wer weiss, was ein anderer alles geschrieben haben
+w&uuml;rde. Doch nein, Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach
+&raquo;Caf&eacute; Polen&laquo; gegangen, liess mir Feder und Papier
+geben und schrieb: <span class="pagenum">[<a id="pb10" href="#pb10"
+name="pb10">10</a>]</span></p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Dass die grosse Ausbreitung, die unser
+Gesch&auml;ft in der letzten Zeit angenommen h&auml;tte, namentlich
+durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...</p>
+</div>
+<p>Es ist die reine Wahrheit!</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung
+unseres Personals notwendig mache.</p>
+</div>
+<p>Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem
+Kontor, um seine Brille zu suchen.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Dass vor allem sich das Bed&uuml;rfnis nach
+anst&auml;ndigen, wohlerzogenen jungen Leuten f&uuml;hlbar mache, und
+zwar f&uuml;r die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge
+Deutsche in Amsterdam die hierf&uuml;r erforderlichen Qualit&auml;ten
+bes&auml;ssen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...</p>
+</div>
+<p>Es ist die blanke Wahrheit!</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und
+Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem t&auml;glichen Anwachsen der
+Zahl der Gl&uuml;cksj&auml;ger, und mit R&uuml;cksicht auf die
+Notwendigkeit, Solidit&auml;t des Betragens in gewisser Verbindung sich
+zu denken mit der Solidit&auml;t in der Ausf&uuml;hrung der gegebenen
+Ordres ...</p>
+</div>
+<p>Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... dass solch ein Haus&mdash;<span class="xd20e383">ich meine Last &amp; Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht
+37</span>&mdash;nicht vorsichtig genug sein k&ouml;nne bei dem
+Engagement von Leuten.</p>
+</div>
+<p>Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der
+junge Deutsche, der auf der B&ouml;rse bei Pfeiler 17 stand,
+durchgebrannt ist mit der Tochter von Busselinck &amp; Waterman? Unsere
+Marie wird auch schon dreizehn im September.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... dass ich die Ehre gehabt h&auml;tte, von dem
+Herrn Saffeler zu vernehmen&mdash;<span class="xd20e383">Saffeler reist
+f&uuml;r Stern&mdash;dass</span> der geehrte Chef der Firma, der Herr
+Ludwig Stern, einen Sohn h&auml;tte, den Herrn Ernst Stern, der zur
+Vervollst&auml;ndigung seiner kaufm&auml;nnischen Kenntnisse einige
+Zeit in einem Holl&auml;ndischen Hause plaziert sein m&ouml;chte. Dass
+ich mit R&uuml;cksicht darauf ...</p>
+</div>
+<p>Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erz&auml;hlte
+die Geschichte von der Tochter von Busselinck &amp; Waterman. Nicht, um
+jemanden anzuschw&auml;rzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt
+nun ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts
+schaden, dass sie&rsquo;s wissen, d&uuml;nkt mich. <span class="pagenum">[<a id="pb11" href="#pb11" name="pb11">11</a>]</span></p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... dass ich mit R&uuml;cksicht darauf nichts
+lieber w&uuml;nschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen
+Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...</p>
+</div>
+<p>Aus Zartgef&uuml;hl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder
+Salair. Aber ich f&uuml;gte noch hinzu:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb
+nehmen wolle, in unserm Hause&mdash;<span class="xd20e383">Lauriergracht No. 37</span>&mdash;zu wohnen, meine Frau sich
+bereit erkl&auml;rte, wie eine Mutter f&uuml;r ihn zu sorgen, und dass
+seine W&auml;sche im Hause besorgt werden w&uuml;rde.</p>
+</div>
+<p>Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett.
+Und zum Schluss:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Dass bei uns dem <span class="letterspaced">Herrn</span> gedient werde.</p>
+</div>
+<p>Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und
+ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte Stern
+nicht gut zu Busselinck &amp; Waterman &uuml;berspringen kann, wenn der
+junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die
+Antwort.</p>
+<p>Nun zur&uuml;ck zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends
+durch die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Kr&auml;mers
+stehen, der besch&auml;ftigt war mit dem Sortieren einer Partie
+&raquo;Java&laquo;, &raquo;ordinair&laquo;,
+&raquo;sch&ouml;n-gelb&laquo;, &raquo;Cheribon-Marke&laquo;, etwas
+Bruch mit Kehrichtabfall, was mich sehr interessierte, denn ich achte
+stets auf alles. Da kam mir auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht
+dabei vor einer Buchhandlung stand und mir bekannt vorkam. Er schien
+auch mich wiederzuerkennen, denn unsere Blicke trafen sich
+fortw&auml;hrend. Ich muss bekennen, dass ich zu sehr in des
+Kr&auml;mers <span class="corr" id="xd20e426" title="Quelle: Kaffekehricht">Kaffeekehricht</span> vertieft war, um sogleich
+zu bemerken, was ich n&auml;mlich erst sp&auml;ter sah, dass er recht
+d&uuml;rftig gekleidet war. Sonst h&auml;tte ich es dabei bewenden
+lassen. Doch auf einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht
+Reisender eines Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte.
+Er schien mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von
+einem Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung
+und Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines
+geh&ouml;rigen Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid &uuml;ber
+die Schulter, <span class="pagenum">[<a id="pb12" href="#pb12" name="pb12">12</a>]</span>als wenn er von der Reise k&auml;me. Ich meinte
+einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Adresskarte: Last &amp; Co.,
+Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne
+und sagte: &raquo;Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt. Ich
+dachte das Vergn&uuml;gen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir
+zu sehen, aber ... Last? Das ist der Name nicht.&laquo;</p>
+<p>&mdash;Pardon, sagte ich&mdash;denn ich bin immer
+h&ouml;flich&mdash;ich bin M&rsquo;nheer Droogstoppel, Batavus
+Droogstoppel. Last &amp; Co. ist die Firma, Makler in Kaffee,
+Lauriergr....</p>
+<p>&mdash;Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal
+ordentlich an.</p>
+<p>Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn
+&ouml;fters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf
+mich, wie wenn ich fremde Parfumerien r&ouml;che. Lache nicht
+dar&uuml;ber, Leser, alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir
+sicher, dass er keinen Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich
+etwas Angenehmes und Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte
+ich es!</p>
+<p>&mdash;Sind <span class="letterspaced">Sie</span> es, der mich von
+dem Griechen befreit hat?</p>
+<p>&mdash;Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es
+<span class="letterspaced">Ihnen</span>?</p>
+<p>Ich erz&auml;hlte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und
+dass so t&uuml;chtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es
+ihm ginge, was mich sp&auml;ter &auml;rgerte, denn er schien sich nicht
+in guten Verh&auml;ltnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen
+nicht besonders, weil da gew&ouml;hnlich eigne Schuld mit
+unterl&auml;uft, denn der Herr w&uuml;rde nicht jemanden verlassen, der
+ihm treu gedient hat. H&auml;tte ich einfach gesagt: &raquo;Wir sind
+unser dreizehn, und ... guten Abend auch!&laquo; dann w&auml;re ich ihn
+los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je
+l&auml;nger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss
+ich auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu
+lesen gekriegt h&auml;ttet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung.
+Ich halte etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die
+<span class="pagenum">[<a id="pb13" href="#pb13" name="pb13">13</a>]</span>das nicht thun, das sind unzufriedene Menschen,
+die ich nicht leiden kann.</p>
+<p>Ja ja, er war es, der mich aus den H&auml;nden des Griechen befreit
+hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seer&auml;ubern gefangen
+genommen bin, oder dass ich Streit gehabt h&auml;tte in der Levante.
+Ich habe euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner
+Frau nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen
+und Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige
+Erholungsreise, die mir je meine Gesch&auml;fte erlaubt haben, weil bei
+uns so t&uuml;chtig zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um
+meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er
+k&uuml;mmerte sich stets um Dinge, die ihn nichts angingen.</p>
+<p>Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im
+September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern
+vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein.
+Sp&auml;ter habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen
+muss, um in unserer Sprache zu sagen: &raquo;Gott ist gut&laquo;?
+Genug, ich war auf der Lateinschule&mdash;nun sagen sie
+&raquo;Gymnasium&laquo;&mdash;und da war Jahrmarkt ... in Amsterdam,
+mein&rsquo; ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein
+Amsterdamer bist, Leser, und ungef&auml;hr von meinem Alter, wirst du
+dich erinnern, dass darunter <span class="letterspaced">eine</span>
+war, die sich durch die schwarzen Augen und die langen Z&ouml;pfe eines
+M&auml;dchens auszeichnete, das wie eine Griechin gekleidet war. Auch
+ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens: er sah so aus wie ein
+Grieche. Sie verkauften allerlei Parfumerien.</p>
+<p>Ich war just alt genug, um das M&auml;dchen sch&ouml;n zu finden,
+gleichwohl ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das w&uuml;rde mir
+auch wenig geholfen haben, denn M&auml;dchen von achtzehn Jahren
+betrachten einen Jungen von sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie
+sehr recht. Doch kamen wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den
+Westermarkt, um das M&auml;dchen zu sehen.</p>
+<p>Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, <span class="pagenum">[<a id="pb14" href="#pb14" name="pb14">14</a>]</span>einmal
+dabei, obschon er ein paar Jahre j&uuml;nger war als die andern und
+also noch zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der
+Primus unserer Klasse&mdash;denn t&uuml;chtig war er, das muss ich
+sagen&mdash;und spielen, balgen und raufen, das war sein Fall. Darum
+war er bei uns. Derweil wir also&mdash;wir waren wohl unser
+zehn&mdash;in sehr weiter Entfernung von der Bude standen, um nach der
+Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es anlegen m&uuml;ssten, um
+mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, Geld
+zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da war guter
+Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das M&auml;dchen
+ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es wurde
+gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, dass ich
+mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und Vater, und
+halte jeden, der die Gefahr aufsucht, f&uuml;r einen Narren, was auch
+in der <span class="letterspaced">Schrift</span> steht. Es ist mir
+wirklich angenehm, die Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen
+Ansichten &uuml;ber Gefahr und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da
+ich jetzt diesbez&uuml;glich noch just derselben Meinung huldige, wie
+an jenem Abend, als ich da bei der Bude des Griechen stand, mit den
+zw&ouml;lf St&uuml;bern in der Hand, die wir zusammengelegt hatten.
+Doch aus falscher Scham scheute ich mich, zu sagen, dass ich es nicht
+wagte, und &uuml;berdies, ich musste schon dran, denn meine Kameraden
+dr&auml;ngten mich, und mit einem Male stand ich vor der Bude.</p>
+<p>Das M&auml;dchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles
+gr&uuml;n und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus
+von ich weiss nicht welchem Zeitwort ...</p>
+<p>&mdash;<span class="corr" id="xd20e472" title="Quelle: Plait-il">Pla&icirc;t-il</span>? sagte sie.</p>
+<p>Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:</p>
+<p>&mdash;&raquo;Meenin aeide thea&laquo;, und ... Egypten sei ein
+Geschenk des Nil.</p>
+<p>Ich bin &uuml;berzeugt, dass es mir gegl&uuml;ckt w&auml;re, mit dem
+M&auml;dchen vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick
+einer meiner Kameraden in seiner jungsm&auml;ssigen Ausgelassenheit
+<span class="pagenum">[<a id="pb15" href="#pb15" name="pb15">15</a>]</span>mir einen so harten Stoss in den R&uuml;cken
+gegeben h&auml;tte, dass ich sehr unsanft gegen den Ausstellkasten
+anflog, der in halber Mannsh&ouml;he die Vorderseite des Krams
+abschloss. Ich f&uuml;hlte einen Griff in meinen Nacken ... einen
+zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und
+bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude
+des Griechen, der in verst&auml;ndlichem Franz&ouml;sisch sagte, dass
+ich ein &raquo;gamin&laquo;, ein Gassenjunge sei, und dass er die
+Polizei rufen werde. Nun war ich wohl recht dicht bei dem M&auml;dchen,
+doch Vergn&uuml;gen machte es mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade,
+denn ich war schrecklich in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche
+hielt mich am Arm fest und sch&uuml;ttelte und knuffte mich. Ich sah
+mich nach meinen Kameraden um&mdash;wir hatten gerade den Morgen viel
+mit Scaevola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer hielt, und in
+ihren lateinischen Aufs&auml;tzen hatten sie das so sehr sch&ouml;n
+gefunden&mdash;jawohl! Niemand war dageblieben, um f&uuml;r
+<span class="letterspaced">mich</span> eine Hand ins Feuer zu stecken
+...</p>
+<p>So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch
+die Hinterth&uuml;r zur Bude herein. Er war nicht gross und stark und
+so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und tapferes
+Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen&mdash;sonst sahen sie matt
+in die Welt&mdash;gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war
+gerettet. Sp&auml;ter habe ich geh&ouml;rt, dass der Grieche ihn
+t&uuml;chtig geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz
+habe, mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin
+ich sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.</p>
+<p>Das sind die Gr&uuml;nde, warum seine Z&uuml;ge mich so an Parfum
+erinnerten, und weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen
+kriegen kann. Wenn auf sp&auml;teren Jahrm&auml;rkten dieser Mann
+wieder mit seiner Bude auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein
+Vergn&uuml;gen anderswo.</p>
+<p>Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich dir
+doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser Welt
+miteinander verkn&uuml;pft sind. Wenn <span class="pagenum">[<a id="pb16" href="#pb16" name="pb16">16</a>]</span>die Augen dieses
+M&auml;dchens weniger schwarz gewesen w&auml;ren, wenn sie k&uuml;rzere
+Z&ouml;pfe gehabt h&auml;tte, oder wenn man mich nicht gegen den
+Ausstellkasten geschuppst h&auml;tte, so w&uuml;rdest du nun dies Buch
+nicht lesen. Sei also dankbar, dass es so gekommen ist. Glaube mir,
+alles in der Welt ist gut, <span class="letterspaced">so</span> wie es
+ist, und unzufriedene Menschen, die fortw&auml;hrend klagen, sind meine
+Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck &amp; Waterman ... doch ich
+muss fortfahren, denn mein Buch muss vor der Fr&uuml;hjahrsauktion
+fertig sein.</p>
+<p>Geradeaus gesagt&mdash;denn ich gebe was auf Wahrheit&mdash;mir war
+das Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte
+sogleich, dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus,
+und als ich ihn fragte, wie sp&auml;t es sei, wusste er es nicht. Das
+sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die
+B&ouml;rse besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab&rsquo;
+schon manches Haus purzeln sehen.</p>
+<p>Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich
+links m&uuml;sste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also
+einem Gespr&auml;ch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht
+aus dem Sinn, dass er nicht wusste, wie sp&auml;t es war, und obendrein
+bemerkte ich, dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugekn&ouml;pft
+war&mdash;was ein sehr schlechtes Zeichen ist&mdash;so dass ich den Ton
+unserer Unterhaltung etwas kalt bleiben liess. Er erz&auml;hlte mir,
+dass er in Indien gewesen war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder
+habe. Ich hatte nichts dagegen, doch fand es auch nicht besonders von
+Wichtigkeit. Beim Kapelsteg&mdash;ich gehe sonst niemals durch diese
+Gasse, weil sich das f&uuml;r einen anst&auml;ndigen Mann nicht passt,
+finde ich&mdash;doch diesmal wollte ich den Kapelsteg hinein rechts
+abschwenken. Ich wartete, bis wir die kleine Strasse beinah vorbei
+waren, damit es sich gut herausstellte, dass sein Weg geradeaus
+f&uuml;hrte, und darauf sagte ich sehr h&ouml;flich ... denn
+h&ouml;flich bin ich stets, man kann nicht wissen, wie man sp&auml;ter
+jemanden n&ouml;tig hat:</p>
+<p>&mdash;Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen,
+<span class="pagenum">[<a id="pb17" href="#pb17" name="pb17">17</a>]</span>M&rsquo;nheer ... r ... r! Und ... und ... und ...
+ich empfehle mich! Ich muss hierher.</p>
+<p>Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich
+auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...</p>
+<p>&mdash;Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas
+bitten.</p>
+<p>Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie
+sp&auml;t es war, und wollte mich um etwas bitten! Nat&uuml;rlich
+antwortete ich, dass ich keine Zeit h&auml;tte und nach der B&ouml;rse
+m&uuml;sste, obwohl es Abend war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig
+die B&ouml;rse besucht hat ... und jemand will dich um etwas bitten,
+ohne zu wissen, wie sp&auml;t es ist ...</p>
+<p>Ich machte meinen Knopf los, gr&uuml;sste sehr
+h&ouml;flich&mdash;denn h&ouml;flich bin ich stets&mdash;und bog in den
+Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anst&auml;ndig
+ist, und Anstand geht mir &uuml;ber alles. Ich hoffe, dass es niemand
+gesehen hat. <span class="pagenum">[<a id="pb18" href="#pb18" name="pb18">18</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch3" class="div1">
+<h2>Drittes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Als ich tags darauf von der B&ouml;rse kam, sagte
+Fritz, dass jemand da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der
+Beschreibung nach war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ...
+nun ja, die Adresskarte! Ich &uuml;berlegte mir, ob ich nicht meine
+Kinder von der Schule nehmen sollte, denn es ist l&auml;stig, dass
+einem noch zwanzig, dreissig Jahre sp&auml;ter von einem Schulkameraden
+nachgesetzt wird, der einen Shawl tr&auml;gt statt eines
+&Uuml;berziehers, und der nicht weiss, wie sp&auml;t es ist. Auch habe
+ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Buden dort
+stehen.</p>
+<p>Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket.
+Ich werde euch den Brief lesen lassen:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar xd20e197">Werter Droogstoppel!</p>
+</div>
+<p>Ich finde, dass er wohl h&auml;tte sagen k&ouml;nnen:
+&raquo;Hochgeehrter Herr Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht,
+Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten
+Verh&auml;ltnissen verkehren ...</p>
+</div>
+<p>Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... und ich m&ouml;chte Ihren Kredit in Anspruch
+nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die f&uuml;r mich von
+grosser Bedeutung ist.</p>
+</div>
+<p>Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die
+Fr&uuml;hjahrsversteigerung handelt?</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Durch vielerlei verwickelte Umst&auml;nde bin ich
+im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.</p>
+</div>
+<p>Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er
+&sbquo;einigermassen&lsquo;! <span class="pagenum">[<a id="pb19" href="#pb19" name="pb19">19</a>]</span></p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was
+n&ouml;tig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung
+meiner Kinder ist, aus finanziellen Gr&uuml;nden, nicht so, wie ich es
+wohl m&ouml;chte.</p>
+</div>
+<p>Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass
+er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein
+Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, er
+wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing,
+wusste ich dies nicht, aber sp&auml;ter bin ich bei ihm gewesen, und
+jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern &uuml;ber den albernen Ton
+in seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er
+arm ist! Arme muss es geben, das ist n&ouml;tig in der Gesellschaft,
+und es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und
+niemandem l&auml;stig f&auml;llt, hab&rsquo; ich durchaus nichts
+dagegen, dass er arm ist, aber diese Ziererei bei der Sache finde ich
+nicht angebracht. H&ouml;rt weiter:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Da auf mir die Verpflichtung ruht, f&uuml;r die
+Bed&uuml;rfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent
+auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter
+...</p>
+</div>
+<p>Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verst&auml;ndigen Menschen
+dar&uuml;ber denken.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit
+dr&uuml;ckte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch sp&auml;ter
+schrieb ich t&auml;glich nieder, was umging in meiner Seele. Ich
+glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und
+ich suche daf&uuml;r einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige.
+Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten
+mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.</p>
+</div>
+<p>Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renomm&eacute;e der Marken. Na
+gewiss! Wie sonst wohl?</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht
+ganz ohne Verdienst ist, so w&uuml;rde sich das doch erst wirklich
+zeigen nach der Herausgabe, und die Buchh&auml;ndler verlangen die
+Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...</p>
+</div>
+<p>Darin haben sie sehr recht.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen
+kommt. Da ich gleichwohl &uuml;berzeugt bin, dass meine Arbeit die
+Kosten decken w&uuml;rde und ruhig darauf mein Wort verpf&auml;nden
+d&uuml;rfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung
+...</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb20" href="#pb20" name="pb20">20</a>]</span></p>
+<p>Das nennt er <span class="letterspaced">ermutigen</span>!</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob
+Sie f&uuml;r mich bei einem Buchh&auml;ndler B&uuml;rgschaft leisten
+wollen f&uuml;r die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines
+kleinen B&auml;ndchens. Ich &uuml;berlasse die Auswahl bei diesem
+ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie
+viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht,
+gearbeitet und durchgemacht habe ...</p>
+</div>
+<p>Ich habe nie geh&ouml;rt, dass er irgendwie Gesch&auml;fte
+machte.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">... und wenn die Gabe, meine Empfindungen
+auszudr&uuml;cken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der
+Mangel an Eindr&uuml;cken schuld, dass ich keinen Erfolg haben
+sollte.</p>
+<p>In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter
+Schulkamerad ...</p>
+</div>
+<p>Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich
+nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.</p>
+<p>Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich f&uuml;r ein Gesicht zog,
+als man mich so auf einmal zum Makler in Versen erh&ouml;hen wollte.
+Mir ist gewiss, dass dieser Shawlmann&mdash;so will ich ihn nur fortan
+nennen&mdash;wenn der Mann mich bei Tage gesehen h&auml;tte, sich nicht
+mit solch einem Ersuchen an mich gewendet haben w&uuml;rde. Denn
+W&uuml;rde und Achtbarkeit lassen sich nicht verbergen. Doch es war
+Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.</p>
+<p>Es ist selbstverst&auml;ndlich, dass ich von diesen Possen nichts
+wissen wollte. Ich h&auml;tte das Paket durch Fritz zur&uuml;ckbringen
+lassen, aber ich wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von
+sich h&ouml;ren. Ich dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst
+was.</p>
+<p>Vorige Woche nun war Kr&auml;nzchen bei den Rosemeyers, die in
+Zucker machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn
+Jahre, und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt.
+Sonst l&auml;uft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die
+M&auml;dchen hatten Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert
+neckten sie sich mit etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein
+schien, als wir hinten beim Whist sassen, und es schien sich dabei um
+Fritz <span class="pagenum">[<a id="pb21" href="#pb21" name="pb21">21</a>]</span>zu handeln. &raquo;Ja, ja, Luise&laquo;, rief
+Betsy Rosemeyer, &raquo;geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum
+Weinen gebracht.&laquo;</p>
+<p>Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit
+sollte aufs Kr&auml;nzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen
+h&auml;tte oder sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich
+machte mich daran, ein herzhaftes Wort beizuf&uuml;gen, als Luise
+rief:</p>
+<p>&mdash;Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich m&ouml;chte,
+dass er es noch einmal th&auml;te!</p>
+<p><span class="letterspaced">Was denn?</span>&mdash;Er hatte sie nicht
+gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr&rsquo;s.</p>
+<p>Nat&uuml;rlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch
+eine kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache
+voll. Mevrouw Rosemeyer&mdash;die Rosemeyers lassen sich Mevrouw
+nennen, weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile
+haben&mdash;Mevrouw Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu
+Thr&auml;nen brachte, auch uns erg&ouml;tzen m&uuml;sse, und verlangte
+ein Dacapo von Fritz, der err&ouml;tete wie ein Puter. Ich konnte um
+alles in der Welt nicht spitz kriegen, was er wohl vorgebracht haben
+mochte, denn ich kannte sein Repertoire auf ein Haar. Dieses war:
+&raquo;Die G&ouml;tterhochzeit&laquo;, &raquo;Die B&uuml;cher des Alten
+Testaments, in Reime gesetzt&laquo;, und eine Episode aus der
+&raquo;Hochzeit des Kamacho&laquo;, die die Jungen immer so gern haben,
+weil etwas von einem &raquo;geheimen Gemach&laquo; darin vorkommt. Was
+unter dem allen sein konnte, das Thr&auml;nen entlockte, war mir ein
+R&auml;tsel. Es ist ja wahr, so&rsquo;n M&auml;dchen weint ja bald.</p>
+<p>&raquo;Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!&laquo; So ging es,
+und Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier
+raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich
+sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann ge&ouml;ffnet hatten,
+und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine
+Sentimentalit&auml;t sich angeeignet, die mir sp&auml;ter viel
+Schwierigkeiten ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser,
+dass dies Buch <span class="pagenum">[<a id="pb22" href="#pb22" name="pb22">22</a>]</span><span class="letterspaced">auch</span> seinen
+Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit geh&ouml;rig
+dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man mich als
+jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf seine
+Gesch&auml;fte achtgiebt. Unsere Firma ist Last &amp; Co., Makler in
+Kaffee, Lauriergracht No. 37.</p>
+<p>Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn
+zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb
+an seine Mutter, dass er verliebt gewesen w&auml;re, und dass sein
+M&auml;dchen sich mit einem andern verheiratet habe&mdash;woran sie
+sehr recht that, finde ich&mdash;dass er aber, ungeachtet dessen, stets
+viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder
+nicht? Findet ihr, dass da viel Weitl&auml;ufigkeit n&ouml;tig ist, um
+das zu sagen? Nun, ich habe ein Br&ouml;tchen mit K&auml;se gegessen,
+darauf zwei Birnen gesch&auml;lt, und ich hatte gut halb die dritte
+verspeist, als Fritz mit seiner Erz&auml;hlung erst zu Rande war. Aber
+Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr sch&ouml;n sei.
+Darauf erz&auml;hlte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein
+grosses St&uuml;ck verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket
+von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl tr&uuml;ge, und ich setzte
+den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber
+von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso
+nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt
+hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz
+rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben,
+und das ist eine minderwertige Marke. Der <span class="corr" id="xd20e623" title="Quelle: Kaffe">Kaffee</span>, meine ich. Aber gleich
+werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider
+Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche
+vor, da <span class="letterspaced">die Kaffeeauktionen der
+Handelsgesellschaft</span> damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe
+f&uuml;r mein Fach. <span class="pagenum">[<a id="pb23" href="#pb23"
+name="pb23">23</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch4" class="div1">
+<h2>Viertes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass
+der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint
+gewandt und t&uuml;chtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen
+<span class="letterspaced">schw&auml;rmt</span>. Marie ist dreizehn
+Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans
+Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holl&auml;ndischen Stil &uuml;ben
+kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen
+werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln f&uuml;r ihn sticken ...
+f&uuml;r den jungen Stern, mein&rsquo; ich. Busselinck &amp; Waterman
+haben hinter den Reusen gefischt. Ein anst&auml;ndiger Makler benutzt
+keine Schleichwege, das sage <span class="letterspaced">ich</span>!</p>
+<p>Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker
+machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu
+bringen. Ihr m&uuml;sst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr
+&auml;ngstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor,
+gerade als ich meine erste Birne gesch&auml;lt hatte, las ich auf dem
+Gesicht von einem der M&auml;dchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam,
+das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingeh&ouml;rt nach
+dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkr&uuml;melte, und
+das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem
+zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also
+von Fritz das sch&ouml;ne St&uuml;ck vom vorhergehenden Abend vorlegen
+und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkr&uuml;melt
+hatte. Es wird da gesprochen <span class="pagenum">[<a id="pb24" href="#pb24" name="pb24">24</a>]</span>von einem Kind, das an der Brust der
+Mutter liegt&mdash;das geht ja noch&mdash;aber: &raquo;das kaum dem
+m&uuml;tterlichen Schoss entstiegen ist&laquo;, sieh, das fand ich
+nicht gut&mdash;dass man davon <span class="letterspaced">spricht</span>, mein&rsquo; ich&mdash;und meine Frau
+auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht
+gesprochen, auch nicht von Kohlk&ouml;pfen oder den Teichen, wo die
+Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde
+ich ungeh&ouml;rig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf
+Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun
+einmal &raquo;auswendig wusste&laquo;, wie Stern das nennt,
+versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen
+w&uuml;rde&mdash;wenigstens nicht, bevor er Mitglied von
+&raquo;Doctrina&laquo; ist, denn dahin kommen keine jungen
+M&auml;dchen&mdash;und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das
+Gedicht, mein&rsquo; ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in
+dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und
+Bl&auml;ttern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen
+darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein
+dickes Heft: &raquo;<span class="letterspaced">Bericht &uuml;ber die
+Kaffeekultur in der Residentschaft Menado</span>&laquo;.</p>
+<p>Mein Herz h&uuml;pfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee
+bin&mdash;Lauriergracht No. 37&mdash;und &raquo;Menado&laquo; ist eine
+gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte,
+hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern
+Augen an, und ich fand St&uuml;cke darin, die ich wohl nicht alle
+begriff, die aber wirklich Gesch&auml;ftskenntnis verrieten. Es fanden
+sich da Listen, Angaben, ziffernm&auml;ssige Berechnungen, an denen
+nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und
+Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt&mdash;denn ich halte
+was von der Wahrheit&mdash;auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann,
+wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr w&auml;re&mdash;was
+schon kommen kann, da er alt und st&uuml;mperig wird&mdash;ganz gut
+dessen Platz w&uuml;rde ausf&uuml;llen k&ouml;nnen. Es versteht sich
+von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen w&uuml;rde
+&uuml;ber Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn <span class="pagenum">[<a id="pb25" href="#pb25" name="pb25">25</a>]</span>ich
+nehme niemand aufs Kontor, bevor ich dar&uuml;ber nicht Sicherheit
+habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem
+Brief an Ludwig Stern ersehen.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des
+Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es
+wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile
+einen nach dem andern aufnahm und die &Uuml;berschriften las. Es ist
+wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel N&uuml;tzliches, und
+ich musste staunen &uuml;ber die Verschiedenheit der behandelten
+Gegenst&auml;nde. Ich gebe zu&mdash;denn ich gebe was auf
+Wahrheit&mdash;dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im
+stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese
+Beurteilung: allein die Liste der &Uuml;berschriften war schon kurios.
+Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erz&auml;hlt habe, wisst
+ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden
+bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate
+enthalte&mdash;was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz
+ist&mdash;so dachte ich doch, als ich dies alles sah:
+&raquo;<span lang="la">Multa, non multum</span>&laquo;. Oder:
+&raquo;<span lang="la">De omnibus aliquid, de toto
+nihil.</span>&laquo;</p>
+<hr class="tb">
+<p>Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen
+und von einem gewissen Bed&uuml;rfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor
+mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn
+wo ich l&auml;ngere Einsicht in das eine oder andere St&uuml;ck nahm,
+musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der H&ouml;he seiner
+Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidit&auml;t in
+seinen Beweisf&uuml;hrungen an den Tag legte.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Ich fand da Abhandlungen und Aufs&auml;tze:</p>
+<hr class="tb">
+<p>&Uuml;ber das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.</p>
+<p>&Uuml;ber die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.</p>
+<p>&Uuml;ber den Ursprung des Adels. <span class="pagenum">[<a id="pb26" href="#pb26" name="pb26">26</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber den Unterschied in den Begriffen: <span class="letterspaced">Unendliche Zeit</span> und <span class="letterspaced">Ewigkeit</span>.</p>
+<p>&Uuml;ber die Wahrscheinlichkeitsrechnung.</p>
+<p>&Uuml;ber das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas &uuml;ber Hiob, aber
+das waren Verse.)</p>
+<p>&Uuml;ber Prot&euml;ine in der atmosph&auml;rischen Luft.</p>
+<p>&Uuml;ber die Politik Russlands.</p>
+<p>&Uuml;ber die Vokale.</p>
+<p>&Uuml;ber Zellengef&auml;ngnisse.</p>
+<p>&Uuml;ber die alten Hypothesen vom &raquo;<span lang="la">horror
+vacui</span>&laquo;.</p>
+<p>&Uuml;ber das W&uuml;nschenswerte der Abschaffung von
+Strafbestimmungen, die die Beleidigung betreffen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Ursachen des Aufstandes der Niederl&auml;nder gegen
+Spanien, <span class="letterspaced">nicht</span> zu suchen in dem
+Streben nach Gewissensfreiheit und politischer Freiheit.</p>
+<p>&Uuml;ber das &raquo;perpetuum mobile&laquo;, die Quadratur des
+Zirkels und die Wurzel von wurzellosen Zahlen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Schwere des Lichts.</p>
+<p>&Uuml;ber den R&uuml;ckgang der Kultur seit dem Entstehen des
+Christentums. (Nanu?)</p>
+<p>&Uuml;ber die isl&auml;ndische Mythologie.</p>
+<p>&Uuml;ber den &raquo;Emile&laquo; von Rousseau.</p>
+<p>&Uuml;ber die &raquo;Civile Rechtsforderung&laquo; in Sachen des
+Kaufhandels.</p>
+<p>&Uuml;ber den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.</p>
+<p>&Uuml;ber das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckm&auml;ssig,
+r&uuml;cksichtslos, ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals
+etwas geh&ouml;rt.)</p>
+<p>&Uuml;ber Verse als die &auml;lteste Sprache. (Das glaube ich
+nicht.)</p>
+<p>&Uuml;ber weisse Ameisen.</p>
+<p>&Uuml;ber das Widernat&uuml;rliche in Schuleinrichtungen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein
+sch&auml;ndliches St&uuml;ck!)</p>
+<p>&Uuml;ber hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der
+Reiskultur. <span class="pagenum">[<a id="pb27" href="#pb27" name="pb27">27</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber das scheinbare &Uuml;bergewicht der Westlichen Kultur.</p>
+<p>&Uuml;ber Kataster, Registratur und Stempelwesen.</p>
+<p>&Uuml;ber Kinderb&uuml;cher, Fabeln und M&auml;rchen. (Dies will ich
+mal lesen, weil er auf Wahrheit dringt.)</p>
+<p>&Uuml;ber Zwischenglieder im Handel. (Dies gef&auml;llt mir ganz und
+gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es
+doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, das ich
+f&uuml;r mein Buch gebrauchen kann.)</p>
+<p>&Uuml;ber das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich
+nicht.)</p>
+<p>&Uuml;ber Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt
+ganz einfach, aber es steht viel in dem St&uuml;ck, woran ich
+fr&uuml;her nie gedacht hatte.)</p>
+<p>&Uuml;ber eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den
+Franzosen, eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten.
+Witzigkeit und Armut ... er kann es wissen.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine
+und der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine
+B&uuml;cher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich
+erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Macht der Engl&auml;nder ausserhalb Europas.</p>
+<p>&Uuml;ber das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.</p>
+<p>&Uuml;ber die Rechenkunst bei den R&ouml;mern.</p>
+<p>&Uuml;ber Armut an Poesie bei Tonsetzern.</p>
+<p>&Uuml;ber Pietisterei, Benebelung und Tischr&uuml;cken.</p>
+<p>&Uuml;ber epidemische Krankheiten.</p>
+<p>&Uuml;ber den Maurischen Baustil.</p>
+<p>&Uuml;ber die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die
+durch Zug verursacht sein sollen. (Hab&rsquo; ich nicht gesagt, dass
+die Liste kurios ist?)</p>
+<p>&Uuml;ber die deutsche Einheit.</p>
+<p>&Uuml;ber die L&auml;nge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl
+alles ebenso lang sein wird wie an Land.) <span class="pagenum">[<a id="pb28" href="#pb28" name="pb28">28</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber die Pflichten der Regierung bez&uuml;glich
+&ouml;ffentlicher Lustbarkeiten.</p>
+<p>&Uuml;ber die &Uuml;bereinstimmung in den schottischen und
+friesischen Sprachen.</p>
+<p>&Uuml;ber Prosodie.</p>
+<p>&Uuml;ber die Sch&ouml;nheit der Frauen zu N&icirc;mes und zu Arles,
+mit einer Untersuchung &uuml;ber das Kolonisierungssystem der
+Ph&ouml;nicier.</p>
+<p>&Uuml;ber Landbauvertr&auml;ge auf Java.</p>
+<p>&Uuml;ber das Saugverm&ouml;gen einer Pumpe neuen Modells.</p>
+<p>&Uuml;ber Legitimit&auml;t von Dynastien.</p>
+<p>&Uuml;ber die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.</p>
+<p>&Uuml;ber die neue Art des Segelreffens.</p>
+<p>&Uuml;ber die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses
+St&uuml;ck datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)</p>
+<p>&Uuml;ber den Ehrbegriff.</p>
+<p>&Uuml;ber die apokryphen B&uuml;cher.</p>
+<p>&Uuml;ber die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und
+Confucius.</p>
+<p>&Uuml;ber die elterliche Gewalt.</p>
+<p>&Uuml;ber Shakespeare als Geschichtsschreiber.</p>
+<p>&Uuml;ber die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will,
+begreife ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)</p>
+<p>&Uuml;ber Schrauben-Wasserm&uuml;hlen.</p>
+<p>&Uuml;ber das souver&auml;ne Recht der Begnadigung.</p>
+<p>&Uuml;ber die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.</p>
+<p>&Uuml;ber die Zucht auf Kauffahrteischiffen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Opiumpacht auf Java.</p>
+<p>&Uuml;ber die Bestimmungen bez&uuml;glich des Verkaufs von Gift.</p>
+<p>&Uuml;ber den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen
+hiervon.</p>
+<p>&Uuml;ber die Entrichtung von Landrenten in natura.</p>
+<p>&Uuml;ber die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon
+genannt.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Aufl&ouml;sung des R&ouml;mischen Reichs. <span class="pagenum">[<a id="pb29" href="#pb29" name="pb29">29</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber die &raquo;Gem&uuml;tlichkeit&laquo; der Deutschen.</p>
+<p>&Uuml;ber die skandinavische Edda.</p>
+<p>&Uuml;ber die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein
+Gegengewicht gegen&uuml;ber England zu schaffen. (Dieses war in
+Franz&ouml;sisch geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)</p>
+<p>&Uuml;ber das Essigmachen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen
+Mittelstande.</p>
+<p>&Uuml;ber die Anspr&uuml;che des Menschen auf Gl&uuml;ck.</p>
+<p>&Uuml;ber das Recht des Aufstandes bei Unterdr&uuml;ckung. (Dies war
+in Javanisch. Ich habe den Titel erst sp&auml;ter erfahren.)</p>
+<p>&Uuml;ber ministerielle Verantwortlichkeit.</p>
+<p>&Uuml;ber einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.</p>
+<p>&Uuml;ber das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte
+Steuer zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in
+Javanisch.)</p>
+<p>&Uuml;ber das doppelte A und das griechische ETA.</p>
+<p>&Uuml;ber das Bestehen eines unpers&ouml;nlichen Gottes in den
+Herzen der Menschen. (Eine infame L&uuml;ge!)</p>
+<p>&Uuml;ber den Stil.</p>
+<p>&Uuml;ber eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals
+von diesem Reich geh&ouml;rt.)</p>
+<p>&Uuml;ber den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen
+Regeln.</p>
+<p>&Uuml;ber Pedanterie. (Ich glaube, dass dies St&uuml;ck mit viel
+Sachkenntnis geschrieben ist.)<a class="noteref" id="xd20e873src" href="#xd20e873" name="xd20e873src">1</a></p>
+<p>&Uuml;ber die Verpflichtung Europas gegen&uuml;ber den
+Portugiesen.</p>
+<p>&Uuml;ber Stimmen des Waldes.</p>
+<p>&Uuml;ber Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er
+&raquo;Feuerwasser&laquo; und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)
+<span class="pagenum">[<a id="pb30" href="#pb30" name="pb30">30</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber den Milchsee. (Ich habe davon niemals geh&ouml;rt. Es
+scheint in der N&auml;he von Banda zu sein.)</p>
+<p>&Uuml;ber Seher und Propheten.</p>
+<p>&Uuml;ber Elektrizit&auml;t als Motorkraft, ohne weiches Eisen.</p>
+<p>&Uuml;ber Ebbe und Flut der Kultur.</p>
+<p>&Uuml;ber den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.</p>
+<p>&Uuml;ber bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses
+und jenes vor, das ich f&uuml;r mein Buch n&ouml;tig habe.)</p>
+<p>&Uuml;ber Etymologie als H&uuml;lfsquelle bei ethnologischen
+Forschungen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Vogelnestklippen an der javanischen
+S&uuml;dk&uuml;ste.</p>
+<p>&Uuml;ber die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)</p>
+<p>&Uuml;ber pers&ouml;nliche Begriffe als Massstab der
+Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (L&auml;cherlich! Er sagt,
+dass jeder sein eigner Richter sein solle. Wo k&auml;men wir da
+hin!)</p>
+<p>&Uuml;ber Galanterie.</p>
+<p>&Uuml;ber den Versbau der Hebr&auml;er.</p>
+<p>&Uuml;ber das &raquo;<span lang="en">Century of
+inventions</span>&laquo; vom Marquis von Worcester.</p>
+<p>&Uuml;ber die nicht-essende Bev&ouml;lkerung des Eilandes Rotti bei
+Timor. (Es muss da billig leben sein.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Menschenfresserei der Battahs und &uuml;ber die
+Kopfj&auml;gerei der Alfuren.</p>
+<p>&Uuml;ber das Misstrauen gegen&uuml;ber der &ouml;ffentlichen
+Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der
+Schl&ouml;sser) abschaffen. Ich bin dagegen.)</p>
+<p>&Uuml;ber &raquo;das Recht&laquo; und &raquo;die Rechte&laquo;.</p>
+<p>&Uuml;ber B&eacute;ranger als Philosophen. (Dies versteh&rsquo; ich
+wieder nicht.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.</p>
+<p>&Uuml;ber die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten
+Hochschulen.</p>
+<p>&Uuml;ber den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren
+Begriffen &uuml;ber Gott. (Schon wieder ein gottloses St&uuml;ck!)
+<span class="pagenum">[<a id="pb31" href="#pb31" name="pb31">31</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als
+ich ihn sah, roch ich Rosen&ouml;l.)</p>
+<p>&Uuml;ber die &raquo;Spitzwurzel&laquo; des Kaffeebaums. (Dies habe
+ich f&uuml;r mein Buch auf die Seite gelegt.)</p>
+<p>&Uuml;ber Gef&uuml;hl, Mitgef&uuml;hl,
+&sbquo;<i>sensiblerie</i>&lsquo;, Empfindelei u. s. w.</p>
+<p>&Uuml;ber die begriffliche Verwirrung von Mythologie und
+Religion.</p>
+<p>&Uuml;ber den Palmwein auf den Molukken.</p>
+<p>&Uuml;ber die Zukunft des niederl&auml;ndischen Handels. (Dies ist
+eigentlich das St&uuml;ck, das mich bewogen hat, dies Buch zu
+schreiben. Er sagt, dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden
+abgehalten werden, und ich lebe f&uuml;r mein Fach.)</p>
+<p>&Uuml;ber Genesis. (Ein infames St&uuml;ck!)</p>
+<p>&Uuml;ber die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.</p>
+<p>&Uuml;ber das Zeichnen als nat&uuml;rliche Schrift. (Er sagt, dass
+ein neugebornes Kind zeichnen kann!)</p>
+<p>&Uuml;ber Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)</p>
+<p>&Uuml;ber die Unbeliebtheit der Reissch&auml;lm&uuml;hlen auf
+Java.</p>
+<p>&Uuml;ber den Zusammenhang von Poesie und mathematischen
+Wissenschaften.</p>
+<p>&Uuml;ber die Wajangs der Chinesen.</p>
+<p>&Uuml;ber den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite
+gelegt.)</p>
+<p>&Uuml;ber ein europ&auml;isches M&uuml;nzsystem.</p>
+<p>&Uuml;ber Berieselung von Gemeindefeldern.</p>
+<p>&Uuml;ber den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.</p>
+<p>&Uuml;ber Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von
+Wechselagio. Ich habe es f&uuml;r mein Buch auf die Seite gelegt.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Best&auml;ndigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er
+behauptet, dass Jesus einen Turban trug.)</p>
+<p>&Uuml;ber die Ideen von Malthus bez&uuml;glich der
+Bev&ouml;lkerungszahl in Verbindung mit den Unterhaltsmitteln.</p>
+<p>&Uuml;ber die urspr&uuml;ngliche Bev&ouml;lkerung von Amerika.</p>
+<p>&Uuml;ber die &raquo;<span lang="nl-1900">havenhoofden</span>&laquo;
+(Hafenk&ouml;pfe, gemauerte W&auml;lle am Eingange eines Hafens) von
+Batavia, Samarang und Surabaja. <span class="pagenum">[<a id="pb32"
+href="#pb32" name="pb32">32</a>]</span></p>
+<p>&Uuml;ber Baukunst als Ausdruck von Ideen.</p>
+<p>&Uuml;ber das Verh&auml;ltnis der europ&auml;ischen Beamten zu den
+Regenten auf Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein
+Buch.)</p>
+<p>&Uuml;ber das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.</p>
+<p>&Uuml;ber die Kraft des Irrtums.</p>
+<p>&Uuml;ber die Arbeitslosigkeit eines h&ouml;heren Wesens bei
+vollkommenen Naturgesetzen.</p>
+<p>&Uuml;ber das Salzmonopol auf Java.</p>
+<p>&Uuml;ber die W&uuml;rmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen,
+sagt er ... bb&auml;!)</p>
+<p>&Uuml;ber die Spr&uuml;che, den Prediger, das Hohelied und &uuml;ber
+die Pant&#363;ns der Javanen.</p>
+<p>&Uuml;ber das &sbquo;<span lang="la">jus primi
+occupantis</span>&lsquo;.</p>
+<p>&Uuml;ber die Armut der Malkunst.</p>
+<p>&Uuml;ber die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals
+geh&ouml;rt?)</p>
+<p>&Uuml;ber die S&uuml;nden der Europ&auml;er ausserhalb Europas.</p>
+<p>&Uuml;ber die Waffen der schw&auml;cheren Tierarten.</p>
+<p>&Uuml;ber das &sbquo;<span lang="la">jus talionis</span>&lsquo;.
+(Schon wieder ein infames St&uuml;ck! Mit einem Gedicht von einem
+andern, das ich gewiss f&uuml;r das allerschandbarste erkl&auml;rt
+haben w&uuml;rde, wenn ich es ausgelesen h&auml;tte.)</p>
+<hr class="tb">
+<p>Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu
+sprechen&mdash;es waren deren in vielerlei Sprachen&mdash;eine Anzahl
+von St&uuml;cken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer
+Sprache, Kriegsges&auml;nge in Javanisch, und was nicht noch alles!
+Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand.
+Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften,
+doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war
+alles von anderen Personen gezeichnet als: &raquo;<span class="letterspaced">gleichlautend mit dem Original</span>&laquo;. Dann fand
+ich noch Ausz&uuml;ge aus Tageb&uuml;chern, Aufzeichnungen und lose
+Gedanken&mdash;einzelne wirklich sehr lose. <span class="pagenum">[<a id="pb33" href="#pb33" name="pb33">33</a>]</span></p>
+<p>Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige St&uuml;cke auf die Seite
+gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und f&uuml;r
+mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des
+&uuml;brigen in Verlegenheit war. Zur&uuml;cksenden konnte ich das
+Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal
+offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und
+das w&uuml;rde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die
+Wahrheit zu thun ist. Auch gl&uuml;ckte es mir nicht, es wieder so zu
+schliessen, dass von dem &Ouml;ffnen nichts zu sehen war. &Uuml;berdies
+kann ich nicht verhehlen, dass einige St&uuml;cke, die &uuml;ber Kaffee
+n&auml;mlich, mir Interesse einfl&ouml;ssten, und dass ich gern davon
+Gebrauch gemacht h&auml;tte. Ich las t&auml;glich hier und da einige
+Seiten, und ich kam je l&auml;nger je mehr zu der &Uuml;berzeugung,
+dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in
+der Welt vorgeht. Ich bin &uuml;berzeugt, dass die Rosemeyers, die in
+Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.</p>
+<p>Ich f&uuml;rchtete nun, dass dieser Shawlmann pl&ouml;tzlich wieder
+vor mir stehen w&uuml;rde und mir wieder etwas zu sagen haben
+m&ouml;chte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem
+Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man
+niemals den anst&auml;ndigen Weg verlassen muss. Nat&uuml;rlich
+h&auml;tte er mich um Geld gefragt und h&auml;tte von seinem Paket
+gesprochen. Ich h&auml;tte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er
+mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt h&auml;tte,
+so w&auml;re es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich h&auml;tte dann
+den Weizen von der Spreu scheiden k&ouml;nnen, ich h&auml;tte die
+Nummern zur&uuml;ckbehalten, die ich f&uuml;r mein Buch n&ouml;tig
+hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich
+nun nicht thun kann. Denn wenn er zur&uuml;ckk&auml;me, m&uuml;sste ich
+es abliefern, und wenn er s&auml;he, dass ich an ein paar St&uuml;cken
+von seiner Hand Interesse zeigte, w&uuml;rde er sicher zu viel
+daf&uuml;r fordern. Nichts giebt dem Verk&auml;ufer mehr
+&Uuml;bergewicht, als die Entdeckung, dass dem K&auml;ufer an seiner
+Ware gelegen ist. So eine <span class="pagenum">[<a id="pb34" href="#pb34" name="pb34">34</a>]</span>Position wird denn auch von einem
+Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie m&ouml;glich
+vermieden.</p>
+<p>Ein anderer Gedanke&mdash;ich sprach schon davon&mdash;der beweisen
+m&ouml;ge, wie empf&auml;nglich f&uuml;r menschenfreundliche
+Anwandlungen einen das Besuchen der B&ouml;rse lassen kann, war dieser:
+Bastians&mdash;das ist der dritte Schreiber, der so alt und
+st&uuml;mperig wird&mdash;war die letzte Zeit von den dreissig Tagen
+sicher keine f&uuml;nfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und
+<span class="letterspaced">wenn</span> er ins Kontor kommt, macht er
+seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma
+gegen&uuml;ber&mdash;Last &amp; Co., seit die Meyers raus
+sind&mdash;verpflichtet, daf&uuml;r zu sorgen, dass jeder seine Arbeit
+thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus
+&Uuml;berempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein
+Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein
+Dreiguldenst&uuml;ck, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert
+Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet,
+dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen&mdash;sowohl von
+Last &amp; Co., wie von Last &amp; Meyer, aber die Meyers sind
+raus&mdash;die Summe von beinah f&uuml;nfzehntausend Gulden genossen
+hat, und das ist f&uuml;r einen Mann von seinem Stande ein
+anst&auml;ndiges S&uuml;mmchen. Es giebt wenige unter den kleinen
+B&uuml;rgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also
+nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns
+St&uuml;ck &uuml;ber die Multiplikation.</p>
+<p>Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. &Uuml;berdies,
+er sah &auml;rmlich aus und wusste nicht, wie sp&auml;t es war ... wie
+w&auml;r&rsquo;s, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians
+g&auml;be? In diesem Falle w&uuml;rde ich ihm sagen, dass er mich
+&raquo;M&rsquo;nheer&laquo; nennen m&uuml;sse, aber er w&uuml;rde wohl
+selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein
+Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm w&auml;re
+vielleicht f&uuml;rs Leben geholfen. Er k&ouml;nnte mit vier- oder
+f&uuml;nfhundert Gulden anfangen&mdash;unser Bastians hat auch lange
+gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg&mdash;und ich <span class="pagenum">[<a id="pb35" href="#pb35" name="pb35">35</a>]</span>h&auml;tte eine gute That gethan. Ja, mit
+dreihundert Gulden w&uuml;rde er wohl beginnen k&ouml;nnen, denn da er
+niemals vorher in einem Gesch&auml;ft Stellung hatte, kann er wohl die
+ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig w&auml;re, denn er
+kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet
+haben. Ich bin &uuml;berzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden
+sein w&uuml;rde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines
+Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo
+er wohnte.</p>
+<p>Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im
+&raquo;Wappen von Bern&laquo; auf einer B&uuml;cherauktion gewesen.
+Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich
+Taschengeld hat, kam mit einigen Schm&ouml;kern nach Haus. Das ist
+seine Sache. Doch sieh, da erz&auml;hlte Fritz, dass er Shawlmann
+gesehen h&auml;tte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er
+h&auml;tte die B&uuml;cher aus den Schr&auml;nken genommen und sie auf
+dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr
+bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien,
+ihn ausgezankt h&auml;tte, weil er ein paar Jahrg&auml;nge von der
+&raquo;Aglaja&laquo; hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr
+ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von
+Damenhandarbeiten. Marie h&auml;lt sie zusammen mit den Rosemeyers, die
+in Zucker machen. Sie macht Kn&uuml;pfarbeit daraus ... aus der
+&raquo;Aglaja&laquo;, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz
+geh&ouml;rt, dass er f&uuml;nfzehn St&uuml;ber den Tag verdiente.
+&raquo;Denken Sie, dass ich Lust habe, f&uuml;nfzehn St&uuml;ber
+t&auml;glich f&uuml;r Sie aus&rsquo;m Fenster zu schmeissen?&laquo;
+hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass f&uuml;nfzehn St&uuml;ber
+t&auml;glich&mdash;ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht
+mitz&auml;hlen, sonst h&auml;tte er ein Monats- oder Jahresgehalt
+genannt&mdash;zweihundertf&uuml;nfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen.
+Ich bin schnell in meinen Entschl&uuml;ssen&mdash;wenn man so lange
+Gesch&auml;ftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun
+hat&mdash;und am andern Morgen fr&uuml;h war ich bei <span class="letterspaced">Gaafzuiger</span>. So heisst der Buchh&auml;ndler, der
+die Auktion veranstaltet hatte. <span class="pagenum">[<a id="pb36"
+href="#pb36" name="pb36">36</a>]</span>Ich fragte nach dem Mann, der
+die &raquo;Aglaja&laquo; h&auml;tte fallen lassen.</p>
+<p>&mdash;Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul,
+d&uuml;nkelhaft und kr&auml;nklich.</p>
+<p>Ich kaufte ein Sch&auml;chtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es
+mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht &uuml;bers
+Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge,
+doch, wo es sein kann, milde und g&uuml;tig, das ist immer mein
+Grundsatz gewesen. Ich vers&auml;ume aber niemals, mich &uuml;ber etwas
+zu unterrichten, was dem Gesch&auml;fte zugute kommen kann, und darum
+fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse,
+und ich schrieb sie auf.</p>
+<p>Ich dachte andauernd &uuml;ber mein Buch nach, doch da ich auf
+Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich
+da anzufangen hatte. <span class="letterspaced">Ein</span> Ding steht
+fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten
+grosses Interesse f&uuml;r die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie
+ich handeln musste, um diese Baustoffe geh&ouml;rig auszuw&auml;hlen
+und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine
+gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.</p>
+<p>Doch <span class="letterspaced">schreiben</span>&mdash;ausgenommen
+die Korrespondenz mit den Gesch&auml;ftsh&auml;usern&mdash;liegt so gar
+nicht in meinem Beruf; und doch f&uuml;hlte ich, dass ich schreiben
+m&uuml;sste, denn vielleicht h&auml;ngt die Zukunft der ganzen Branche
+davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind
+nicht von einer Art, dass Last &amp; Co. den Nutzen davon f&uuml;r sich
+allein behalten k&ouml;nnten. Wenn dies so w&auml;re, so w&uuml;rde ich
+mir nicht, das begreift jeder, die M&uuml;he machen, ein Buch drucken
+zu lassen, das Busselinck &amp; Waterman auch in die H&auml;nde
+kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine
+f&uuml;nf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir.
+Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt
+zu Grunde gehen w&uuml;rde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten
+Kr&auml;fte <span class="pagenum">[<a id="pb37" href="#pb37" name="pb37">37</a>]</span>aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist
+m&ouml;glich, dass diese Kr&auml;fte dazu nicht einmal ausreichend sind
+und dass auch die Zuckerraffinadeure&mdash;Fritz sagt:
+&raquo;raffineure&laquo;, aber ich schreibe &raquo;nadeure&laquo;; das
+thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl,
+dass man sagt: <span class="letterspaced">raffinierter</span> Schelm
+und nicht: <span class="letterspaced">raffinadierter</span> Schelm,
+aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so
+schnell wie m&ouml;glich von der Sache dr&uuml;ckt&mdash;dass dann auch
+die Raffinadeure und die H&auml;ndler in Indigo dabei n&ouml;tig sein
+werden.</p>
+<p>Wie ich so &uuml;ber dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass
+selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und
+die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch,
+und der Finanzminister, und die Armenbeh&ouml;rden, und die andern
+Minister, und die Zuckerb&auml;cker, und die
+Galanteriewarenh&auml;ndler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister,
+und die Grossisten, und die Detailh&auml;ndler, und die
+Hausw&auml;rter, und die G&auml;rtner.</p>
+<p>Und&mdash;merkw&uuml;rdig doch, wie einem die Gedanken so unterm
+Schreiben aufkommen&mdash;mein Buch geht auch die M&uuml;ller an, und
+die Pastoren, und die Verk&auml;ufer von Schweizerpillen, und die
+Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von
+der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die
+Reepschl&auml;ger, und die Weber, und die Schl&auml;chter, und die
+Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktion&auml;re von der
+&raquo;Niederl&auml;ndischen Handelsgesellschaft&laquo;, und
+eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.</p>
+<p>Und den K&ouml;nig auch ... ja, den K&ouml;nig vor allem!</p>
+<p>Mein Buch <span class="letterspaced">muss</span> in die Welt.
+Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck &amp;
+Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber
+Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sage <span class="letterspaced">ich</span>! Ich habe es heute noch dem jungen Stern
+gesagt, als ich ihn in &raquo;Artis&laquo;, unsere zoologische
+Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater
+schreiben. <span class="pagenum">[<a id="pb38" href="#pb38" name="pb38">38</a>]</span></p>
+<p>So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem
+Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst
+habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden
+merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist&mdash;dies ist ein
+Grundsatz bei mir&mdash;aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein
+t&uuml;chtiger Junge w&auml;re, dass er so schnell Fortschritte in der
+Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins
+Holl&auml;ndische &uuml;bersetzt h&auml;tte. Ihr seht, die Welt war auf
+den Kopf gestellt in meinem Hause: der <span class="letterspaced">Holl&auml;nder</span> hatte in deutscher Sprache
+geschrieben, und der <span class="letterspaced">Deutsche</span>
+&uuml;bersetzte das ins Holl&auml;ndische. Wenn jeder sich an seine
+eigene Sprache gehalten h&auml;tte, w&auml;re M&uuml;he gespart worden.
+Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse?
+Wenn ich was hinzuzuf&uuml;gen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu
+Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von
+W&ouml;rtern, die mit zwei <b>e</b>&rsquo;s geschrieben werden, und
+Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig f&uuml;r
+den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift
+ihr wohl, dass ein anst&auml;ndiger Makler seiner Tochter nichts in die
+H&auml;nde geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand
+vertr&auml;gt!</p>
+<p>Ich habe dann zu den Jungen &uuml;ber meinen Plan gesprochen, und
+sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man&mdash;wie bei vielen
+Deutschen&mdash;einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme
+haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausf&uuml;hrung. Dies gefiel
+mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Fr&uuml;hjahrsauktion vor der
+Th&uuml;r steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte
+ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: &raquo;wenn die
+Brust ihm ergl&uuml;hte vom Gef&uuml;hl f&uuml;r das Wahre und
+Sch&ouml;ne, keine Macht der Welt ihn hindern k&ouml;nne, die T&ouml;ne
+anzuschlagen, die mit diesem Gef&uuml;hl &uuml;bereinstimmten, und dass
+er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln
+der Allt&auml;glichkeit geb&auml;ndigt zu sehen.&laquo;&mdash;Ich fand
+dies nun wohl recht n&auml;rrisch von Stern, aber mein Fach geht
+<span class="pagenum">[<a id="pb39" href="#pb39" name="pb39">39</a>]</span>allem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir
+setzten also fest:</p>
+<ul>
+<li>1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel f&uuml;r mein Buch liefern
+solle.</li>
+<li>2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts ver&auml;ndern
+d&uuml;rfe.</li>
+<li>3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.</li>
+<li>4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem Buch
+einen soliden Anstrich zu geben.</li>
+<li>5. Dass der Titel sein solle: &raquo;<span class="letterspaced">Die
+Kaffeeauktionen der Niederl&auml;ndischen
+Handelsgesellschaft.</span>&laquo;</li>
+<li>6. Dass Marie die Reinschrift f&uuml;r den Druck machen solle, dass
+man aber Geduld mit ihr haben w&uuml;rde, wenn grosse W&auml;sche
+w&auml;re.</li>
+<li>7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kr&auml;nzchen
+vorgelesen werden sollten.</li>
+<li>8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.</li>
+<li>9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich bin
+Makler.</li>
+<li>10. Dass Stern eine <span class="letterspaced">deutsche</span>,
+eine <span class="letterspaced">franz&ouml;sische</span> und eine
+<span class="letterspaced">englische</span> &Uuml;bersetzung meines
+Buches herausgeben k&ouml;nne, weil&mdash;so behauptete er&mdash;solche
+Werke besser im Auslande verstanden w&uuml;rden als bei uns.</li>
+<li>11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries
+Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.</li>
+</ul>
+<p>Ich erkl&auml;rte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse
+Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel
+fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es
+kommt, dass ein Makler in Kaffee&mdash;Last &amp; Co., Lauriergracht
+37&mdash;ein Buch schreibt, das mit einem Roman &Auml;hnlichkeit
+hat.</p>
+<p>Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf
+Schwierigkeiten. Ausser der M&uuml;he, aus so viel Baustoffen das
+N&ouml;tige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, <span class="pagenum">[<a id="pb40" href="#pb40" name="pb40">40</a>]</span>kamen
+noch fortw&auml;hrend in den Manuskripten W&ouml;rter und
+Ausdr&uuml;cke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren.
+Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da
+Abk&uuml;rzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah
+ein, dass wir Shawlmann n&ouml;tig hatten, und da ich es f&uuml;r einen
+jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen
+ankn&uuml;pft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich
+nahm einige Konfektst&uuml;cke mit, die vom letzten Abendkr&auml;nzchen
+&uuml;brig geblieben waren&mdash;denn ich denke stets an
+alles&mdash;und ich suchte ihn auf. Gl&auml;nzend war seine Behausung
+nicht, doch die Gleichheit f&uuml;r alle Menschen, also auch was die
+Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in
+seiner Abhandlung &uuml;ber die Anspr&uuml;che auf Gl&uuml;ck.
+&Uuml;berdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden
+sind.</p>
+<p>Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach
+hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Tr&ouml;dler, der alle
+m&ouml;glichen Dinge verkaufte, Tassen, Sch&uuml;sseln, M&ouml;bel,
+alte B&uuml;cher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen
+mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbr&auml;che, denn in solchem
+Fall fordern die Menschen immer mehr Geld f&uuml;r die Sachen, als sie
+wert sind. Ein kleines M&auml;dchen sass auf der Schwelle und kleidete
+ihre Puppe an. Ich fragte, ob M&rsquo;nheer Shawlmann dort wohnte. Sie
+lief weg, und die Mutter kam.</p>
+<p>&mdash;Ja, der wohnt hier, M&rsquo;nheer. Gehn Sie nur die Treppe
+rauf nach &rsquo;n ersten Flur und dann die Treppe nach &rsquo;n
+zweiten Flur und dann noch &rsquo;ne Treppe und dann sind Sie da, denn
+Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag&rsquo; doch mal eben
+Bescheid, dass &rsquo;n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist,
+M&rsquo;nheer?</p>
+<p>Ich sagte, dass ich M&rsquo;nheer Droogstoppel sei, Makler in
+Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst
+vorstellen w&uuml;rde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und
+h&ouml;rte auf dem dritten Flur eine Kinderstimme <span class="pagenum">[<a id="pb41" href="#pb41" name="pb41">41</a>]</span>singen:
+&raquo;Gleich kommt Vater, mein s&uuml;sser Papa&laquo;. Ich klopfte,
+und die Th&uuml;r wurde von einer Frau ge&ouml;ffnet, oder einer
+Dame&mdash;ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll.
+Sie sah sehr bleich aus. Ihre Z&uuml;ge trugen Spuren von
+M&uuml;digkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die
+W&auml;sche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses
+Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und
+an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle
+eines Kleides oder Rocks, wie es sich geh&ouml;rt, trug sie darunter
+ein St&uuml;ck dunkel gebl&uuml;mter Leinwand, das einige Male um den
+Leib gewickelt schien und ihre H&uuml;ften und Kniee ziemlich eng
+umschloss. Keine Spur von Falten, von gen&uuml;gender Weite oder
+Umfang, wie sich das doch f&uuml;r eine Frau ziemt. Ich war froh, dass
+ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr
+unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verst&auml;rkt
+durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als f&uuml;hlte sie
+sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht
+aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen
+sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch,
+r&uuml;ckte nicht mit den St&uuml;hlen und that nichts, was man doch
+sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung
+kommt.</p>
+<p>Sie hatte die Haare hinten&uuml;ber gek&auml;mmt wie eine Chinesin
+und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten
+zusammengebunden. Sp&auml;ter habe ich vernommen, dass ihre Kleidung
+eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande &raquo;Sarong&laquo;
+und &raquo;Kabaai&laquo; nennen, aber ich fand es doch sehr
+h&auml;sslich.</p>
+<p>&mdash;Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.</p>
+<p>&mdash;Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in
+einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr
+&raquo;Ehre&laquo; in meine Frage h&auml;tte legen d&uuml;rfen.</p>
+<p>Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem
+Gesch&auml;ftskunden ist das was anderes, und ich bin zu lange
+<span class="pagenum">[<a id="pb42" href="#pb42" name="pb42">42</a>]</span>gesch&auml;ftlich th&auml;tig, um meine Welt nicht
+zu kennen. Aber viel B&uuml;cklinge zu machen auf einer <span class="letterspaced">dritten</span> Etage, das hielt ich nicht f&uuml;r
+n&ouml;tig. Ich sagte also kurz, dass ich M&rsquo;nheer Droogstoppel
+w&auml;re, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann
+sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umst&auml;nde
+machen!</p>
+<p>Sie bot mir einen K&uuml;chenstuhl an und nahm ein kleines
+M&auml;dchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der
+kleine Junge, den ich hatte singen h&ouml;ren, sah mich stramm an und
+beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht
+verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so
+sonderbar gekleidet. Sein weites H&ouml;schen reichte knappernot bis
+zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf
+die Kn&ouml;chel. Sehr unanst&auml;ndig finde ich das. &raquo;Kommst
+du, um Papa zu sprechen?&laquo; fragte er auf einmal, und mir wurde da
+sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu w&uuml;nschen
+&uuml;brig liess, sonst h&auml;tte er &raquo;Kommen <span class="letterspaced">Sie</span>&laquo; gesagt. Doch weil ich mich in meiner
+Situation nicht recht wohl f&uuml;hlte und was reden wollte, antwortete
+ich:</p>
+<p>&mdash;Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er
+wohl bald kommen, denkst du?</p>
+<p>&mdash;Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen
+Tuschkasten zu kaufen.</p>
+<p>&mdash;Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen
+Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.</p>
+<p>&mdash;Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen
+hat.</p>
+<p>Auch seine Mutter nannte er &raquo;du&laquo;, was in Holland gerade
+nicht als feine Sitte gilt, und es schien ein &raquo;Herr&laquo;
+dagewesen zu sein, der alles &raquo;mitgenommen hatte&laquo; ... ein
+spassiger Besuch! Die Frau schien auch nicht bei Laune, denn sie
+wischte sich heimlich die Augen, als sie das kleine M&auml;dchen zu
+ihrem Bruder hinbrachte. &raquo;Da, sagte sie, spiel&rsquo; &rsquo;n
+bisschen mit Nonni.&laquo; Ein seltsamer Name. Und das that er.
+<span class="pagenum">[<a id="pb43" href="#pb43" name="pb43">43</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald
+zur&uuml;ck?</p>
+<p>&mdash;Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.</p>
+<p>Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er
+&raquo;Kahnfahren&laquo; gespielt hatte, im Stich und fragte mich:</p>
+<p>&mdash;M&rsquo;nheer, warum sagst du zu Mama:
+&raquo;Frau&laquo;?</p>
+<p>&mdash;Wie denn, B&uuml;rschchen, was muss ich denn <span class="letterspaced">sonst</span> sagen?</p>
+<p>&mdash;Na ... so wie andere Menschen! Die &raquo;Frau&laquo; ist
+unten. Die verkauft Sch&uuml;sseln und Brummkreisel.</p>
+<p>Nun bin ich Makler in Kaffee&mdash;Last &amp; Co., Lauriergracht No.
+37&mdash;wir sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern
+mitz&auml;hle, der kein Salair empf&auml;ngt, sind es vierzehn. Nun
+wohl, meine Ehefrau ist &raquo;Frau&laquo;, und ich sollte nun zu
+<span class="letterspaced">solchem</span> Weib &raquo;<span class="letterspaced">Mevrouw</span>&laquo; sagen? Das ging doch nicht! Jeder
+muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr bedeutet, gestern hatten
+die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram weggeholt. Ich fand mein
+&raquo;Frau&laquo; also gut, und blieb dabei.</p>
+<p>Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen h&auml;tte,
+um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und sagte,
+dass sie auf Reisen gewesen w&auml;ren, nach Br&uuml;ssel. Dass er da
+f&uuml;r die &raquo;Ind&eacute;pendance&laquo; gearbeitet habe, dass er
+jedoch nicht h&auml;tte bleiben k&ouml;nnen, weil seine Artikel Ursache
+waren, dass das Blatt an der franz&ouml;sischen Grenze so oft
+zur&uuml;ckgewiesen wurde. Dass sie vor einigen Tagen nach Amsterdam
+zur&uuml;ckgekehrt seien, weil Shawlmann hier eine Stellung erhalten
+sollte ...</p>
+<p>&mdash;Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.</p>
+<p>Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon
+wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die &raquo;Aglaja&laquo;
+fallen lassen und war faul, d&uuml;nkelhaft und kr&auml;nklich ... nur
+darum war er weggejagt.</p>
+<p>Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu <span class="pagenum">[<a id="pb44" href="#pb44" name="pb44">44</a>]</span>mir
+kommen und vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf
+das von ihm gestellte Ersuchen zu holen.</p>
+<p>Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen k&ouml;nne, doch dass er
+nicht klingeln solle, denn das ist so unbequem f&uuml;r das
+M&auml;dchen. Wenn er einen Augenblick wartete, sagte ich, w&uuml;rde
+die Th&uuml;r wohl mal offen gehen, wenn jemand heraus m&uuml;sste. Und
+darauf ging ich fort und nahm meine Zuckersachen wieder mit, denn,
+geradeaus gesagt, es gefiel mir da nicht. Ich f&uuml;hlte mich nicht
+wohl dort. Ein Makler ist doch kein Dienstmann, d&uuml;nkt mich, und
+ich kann doch wohl behaupten, dass ich anst&auml;ndig aussehe. Ich
+hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch sass sie da so kommode
+und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie wenn sie allein gewesen
+w&auml;re. Obendrein, sie schien geweint zu haben, und unzufriedene
+Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt und
+unbehaglich&mdash;gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt
+war&mdash;und ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer.
+W&auml;hrend ich nach Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit
+Bastians anzusehen; denn ich setze nicht gern jemanden auf die
+Strasse.</p>
+<p>Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverst&auml;ndlich,
+dass viel drin vorkommt, das mir nicht gef&auml;llt. Aber ich muss mich
+an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich
+glaube zu bemerken, dass sie sich viel M&uuml;he um Stern geben, weil
+er einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.</p>
+<p>Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und
+ihm einige W&ouml;rter und Dinge erkl&auml;rt, die er nicht verstand.
+Die Stern nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich
+durch die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass
+ich hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir,
+Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: <span class="letterspaced">Last
+&amp; Co., Lauriergracht No.</span> 37. <span class="pagenum">[<a id="pb45" href="#pb45" name="pb45">45</a>]</span></p>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e873" href="#xd20e873src" name="xd20e873">1</a></span> Note des
+&Uuml;bersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres Droogstoppel
+wird erst recht verst&auml;ndlich, wenn man die spezifisch
+holl&auml;ndische Bedeutung dieses Wortes kennt: D&uuml;nkelhaftigkeit,
+Eingebildetheit, Anmassung.</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch5" class="div1">
+<h2>F&uuml;nftes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Es war des Morgens um zehn Uhr eine
+ungew&ouml;hnliche Bewegung auf dem grossen Wege, der die Abteilung
+Pandeglang verbindet mit Lebak. &raquo;Grosser Weg&laquo; ist
+vielleicht etwas zu viel gesagt von dem breiten Fusspfad, den man, aus
+H&ouml;flichkeit und Ermangelung eines bessern, den &raquo;Weg&laquo;
+nannte. Doch wenn man mit einem viersp&auml;nnigen Fuhrwerk von Serang,
+dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam, verzog, mit der Absicht, sich
+nach Rangkas-Betung zu begeben, dem neuen Hauptplatz im Lebakschen,
+konnte man einigermassen sicher sein, nach einiger Zeit dort
+anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb man fortw&auml;hrend im
+Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden schwer, lehmig und
+klebrig ist, wohl war man oft gen&ouml;tigt, die H&uuml;lfe der
+Bewohner der n&auml;chstgelegenen D&ouml;rfer anzurufen&mdash;waren sie
+auch nicht sehr nahe, denn die D&ouml;rfer sind nur d&uuml;nn
+ges&auml;et in diesen Gegenden&mdash;aber wenn es einem dann endlich
+gegl&uuml;ckt war, an die zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen
+zu kriegen, so dauerte es gew&ouml;hnlich nicht sehr lange, bis man
+Pferde und Wagen wieder auf festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher
+knallte mit der Peitsche, die L&auml;ufer&mdash;in Europa w&uuml;rde
+man, glaube ich, &raquo;palfreniers&laquo; sagen, oder richtiger
+vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen L&auml;ufern
+entsprechen w&uuml;rde&mdash;die unvergleichlichen L&auml;ufer also mit
+ihren kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann
+her, stiessen <span class="pagenum">[<a id="pb46" href="#pb46" name="pb46">46</a>]</span>unbeschreibliche T&ouml;ne aus und schlugen den
+Pferden anfeuernd unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit
+weiter, bis der verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis
+&uuml;ber die Achsen in den Moder sank. Dann fing das Rufen um
+H&uuml;lfe aufs neue an. Man wartete geduldig, bis die H&uuml;lfe kam,
+und ... krebste weiter.</p>
+<p>Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als
+m&uuml;sste ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem
+vorigen Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren.
+Aber das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die
+je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden, wo sie
+sein wollten.</p>
+<p>Man w&uuml;rde sich sehr irren, <span class="corr" id="xd20e1239"
+title="Quelle: wen">wenn</span> man sich von dem ganz grossen Weg auf
+Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im Lebakschen
+bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren vielen
+Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel Volk
+anlegen liess, ist in der That ein pr&auml;chtiges St&uuml;ck Arbeit,
+und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der,
+ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im
+Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bev&ouml;lkerung und
+der Unzufriedenheit der H&auml;uptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding
+zustande zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und
+verdient.</p>
+<p>Keine der mit Pferden betriebenen &Uuml;berland-Posten in
+Europa&mdash;selbst nicht in England, Russland oder Ungarn&mdash;kann
+denn auch der auf Java gleichgestellt werden. &Uuml;ber hohe
+Bergr&uuml;cken, hart an Abgr&uuml;nden vorbei, die dich erschauern
+lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in <span class="letterspaced">einem</span> Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf
+den Bock genagelt, Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort,
+und er schwenkt die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau
+zu berechnen, wo und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem
+Z&uuml;gel b&auml;ndigen muss, um nach einer <span class="pagenum">[<a id="pb47" href="#pb47" name="pb47">47</a>]</span>wahren
+H&ouml;llenfahrt den Bergabhang hinunter dr&uuml;ben an jener Ecke
+...</p>
+<p>&mdash;Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund!
+schreit der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die
+Tiefe!</p>
+<p>Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo
+<span class="letterspaced">einen</span> Galoppsprung weiter dem
+Vorspann der feste Boden unter den F&uuml;ssen schwinden w&uuml;rde,
+wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die Ecke herum. Sie
+fliegen die Bergh&ouml;he hinauf, die ihr einen Augenblick fr&uuml;her
+nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.</p>
+<p>Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein
+auf den R&auml;dern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr
+beschreibt: die zentrifugale Kraft hat die inneren R&auml;der vom Boden
+gehoben. Es geh&ouml;rt Kaltbl&uuml;tigkeit dazu, dass man die Augen
+nicht schliesse, und wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an
+seine Familie in Europa, dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber
+wer dort zu Hause ist, lacht &uuml;ber diese Angst.</p>
+<p>Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner
+Erz&auml;hlung, den Leser lange mit der Beschreibung von Pl&auml;tzen,
+Landschaften oder Geb&auml;uden aufzuhalten. Ich f&uuml;rchte ihn durch
+Dinge, die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst
+sp&auml;ter, wenn ich f&uuml;hle, dass er f&uuml;r mich gewonnen ist,
+wenn ich an Blick und Haltung bemerke, dass das Los der Heldin, die
+irgendwo vom Balkon eines vierten Stockwerks springt, ihm Interesse
+einfl&ouml;sst, dann lasse ich sie, mit stolzer Verachtung aller
+Gesetze der Schwerkraft, zwischen Himmel und Erde schweben, bis ich
+meinem Herzen Luft gemacht habe in der sorgf&auml;ltigen Schilderung
+der Sch&ouml;nheiten der Landschaft, oder des Geb&auml;udes, das da an
+irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint, um einen Vorwand
+f&uuml;r eine viele Seiten fassende Charakterisierung mittelalterlicher
+Architektur an die Hand zu geben. All diese Burgen sind einander
+&auml;hnlich. Durchg&auml;ngig sind sie von heterogener Bauart. Das
+&raquo;corps de logis&laquo;, das Hauptgeb&auml;ude, <span class="pagenum">[<a id="pb48" href="#pb48" name="pb48">48</a>]</span>datiert
+stets von einigen Regierungen fr&uuml;her als die Anh&auml;ngsel, die
+unter diesem oder jenem sp&auml;teren K&ouml;nig angef&uuml;gt sind.
+Die T&uuml;rme sind in verfallenem Zustande ...</p>
+<p>Werter Leser, es giebt keine T&uuml;rme. Ein Turm ist ein Gedanke,
+ein Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unertr&auml;gliche
+&Uuml;bertreibung! Es giebt halbe T&uuml;rme, und ...
+T&uuml;rmchen.</p>
+<p>Die Schw&auml;rmerei, die glaubte T&uuml;rme setzen zu m&uuml;ssen
+auf die Geb&auml;ude, die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder
+jenes Heiligen, dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die
+Spitze, die den Gl&auml;ubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht,
+gew&ouml;hnlich ein paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis,
+was an den Mann ohne H&uuml;ften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu
+sehen ist. Einzig T&uuml;rmchen, auf Dorfkirchen kleine
+Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.</p>
+<p>Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft f&uuml;r die Kultur des
+Westens, dass selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu
+wollen, sich lange genug hat lebendig erhalten k&ouml;nnen, um das Werk
+vollendet zu sehen. Ich rede hier nicht von Unternehmungen, deren
+Zuendef&uuml;hrung n&ouml;tig war, um die Kosten zu decken. Wer recht
+wissen will, was ich meine, sehe sich den Dom zu K&ouml;ln an. Er gebe
+sich Rechenschaft von der stolzen Vorstellung des Bauwerks, wie sie in
+der Seele des Baumeisters Gerhard von Riehl lebendig war ... vom
+Glauben im Herzen des Volks, das ihn in den Stand setzte, das Werk
+anzufangen und fortzusetzen ... von der Kraft des Innenlebens, das
+solch einen Koloss n&ouml;tig hatte, um als sichtbarer Ausdruck des
+unsichtbaren religi&ouml;sen Gef&uuml;hls zu dienen ... und er
+vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es einige
+Jahrhunderte sp&auml;ter dazu kommen liess, dass das Werk
+stillstand.</p>
+<p>Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren
+Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist, diese
+Kluft auszuf&uuml;llen. Auch an dem K&ouml;lner Dom baut man wieder.
+Aber wird man den abgerissenen Faden wieder ankn&uuml;pfen k&ouml;nnen?
+Wird man <span class="pagenum">[<a id="pb49" href="#pb49" name="pb49">49</a>]</span>wiederfinden in unseren Tagen, was damals die
+Kraft ausmachte von Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht.
+Geld wird wohl aufzubringen sein, und hierf&uuml;r ist Stein und Kalk
+feil. Man kann den K&uuml;nstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und
+den Maurer, der die Steine f&uuml;gt. Doch nicht ist f&uuml;r Geld feil
+das irrende und doch ehrerbietungsw&uuml;rdige Gef&uuml;hl, das in
+einem Bauwerk eine Dichtung sah, eine Dichtung von Granit, die laut
+sprach zum Volke, eine Dichtung in Marmor, die dastand wie ein
+unbewegliches, unaufh&ouml;rliches, ewiges Gebet.&mdash;</p>
+<p>Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens
+eine ungew&ouml;hnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden
+bedeckten den Weg, und tausend Menschen mindestens&mdash;was viel war
+f&uuml;r diesen Fleck&mdash;liefen in gesch&auml;ftiger Erwartung hin
+und her. Hier sah man die H&auml;uptlinge der D&ouml;rfer und die
+Distriktsh&auml;uptlinge aus dem Lebakschen, alle mit ihrem Gefolge,
+und zu urteilen nach dem sch&ouml;nen, reich gesattelten Araberbastard,
+der auf seiner silbernen Trense herumbiss, war auch ein H&auml;uptling
+h&ouml;heren Ranges hier am Platze. Das war denn auch der Fall. Der
+Regent von Lebak, <span class="letterspaced">Radhen Adhipatti Karta
+Natta Negara</span>, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen
+und trotz seines hohen Alters die zw&ouml;lf oder vierzehn
+&raquo;Pf&auml;hle&laquo; zur&uuml;ckgelegt, die zwischen seinem
+Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung Pandeglang
+lagen.</p>
+<p>Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch, der
+in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will, dass der
+Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist, bei seiner
+Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war hier
+anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten nach
+dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als N&auml;chster im Range
+die Verwaltung wahrgenommen hatte.</p>
+<p>Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt
+geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches
+Zeltdach, aufrichten lassen, einen <span class="pagenum">[<a id="pb50"
+href="#pb50" name="pb50">50</a>]</span>Tisch und einige St&uuml;hle
+dahin gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser
+Pendoppo erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen
+Chefs.</p>
+<p>Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen
+Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung
+&raquo;Dach&laquo;. Denkt euch vier oder sechs Bambuspf&auml;hle in den
+Boden gerammt, die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen
+miteinander verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen
+Bl&auml;ttern der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden
+&sbquo;atap&lsquo; heisst, und ihr werdet euch die sogenannte
+&sbquo;pendoppo&lsquo; vorstellen k&ouml;nnen. Sie ist, wie ihr seht,
+so einfach wie nur m&ouml;glich, und sie sollte hier denn auch nur
+dienen als &sbquo;pied &agrave; terre&lsquo; f&uuml;r die
+europ&auml;ischen und inl&auml;ndischen Beamten, die dort ihrem neuen
+Oberhaupt einen Willkomm an den Grenzen entgegenbringen wollten.</p>
+<p>Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedr&uuml;ckt, als ich den
+Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine
+Verbreitung &uuml;ber den Mechanismus der Verwaltung in diesen
+Landstrichen ist hier f&uuml;r das rechte Verst&auml;ndnis dessen, was
+folgen wird, notwendig.</p>
+<p>Das sogenannte &raquo;Niederl&auml;ndisch-Indien&laquo;&mdash;das
+Adjektiv &raquo;niederl&auml;ndisch&laquo; kommt mir einigermassen
+unzutreffend vor, doch es wurde offiziell angenommen&mdash;ist, was das
+Verh&auml;ltnis des Mutterlandes zur Bev&ouml;lkerung angeht, in zwei
+sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. <span class="letterspaced">Ein</span> Teil besteht aus St&auml;mmen, deren
+F&uuml;rsten und F&uuml;rstchen die Oberherrschaft Niederlands als
+&raquo;suzerein&laquo; anerkannt haben, wobei jedoch noch immer die
+unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den H&auml;nden der
+eingeborenen H&auml;uptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu
+dem&mdash;mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren
+Ausnahme&mdash;ganz Java geh&ouml;rt, ist Niederland unmittelbar
+unterworfen. <span class="letterspaced">Von</span> Tribut oder
+Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. <span class="letterspaced">Der Javane ist Niederl&auml;ndischer Unterthan.</span>
+Der K&ouml;nig von Niederland ist <span class="letterspaced">sein</span> K&ouml;nig. Die <span class="pagenum">[<a id="pb51" href="#pb51" name="pb51">51</a>]</span>Nachkommen seiner fr&uuml;heren F&uuml;rsten und
+Herren sind <span class="letterspaced">Niederl&auml;ndische</span>
+Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, bef&ouml;rdert vom
+Generalgouverneur, der im Namen des K&ouml;nigs regiert. Der Verbrecher
+wird abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom <span class="letterspaced">Haag</span> ausgegangen ist. Die Abgaben, die der Javane
+aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von <span class="letterspaced">Niederland</span>.</p>
+<p>Von diesem Teil der Niederl&auml;ndischen Besitzungen, der also in
+der That einen Teil des <span class="letterspaced">K&ouml;nigreichs der
+Niederlande</span> ausmacht, wird in diesen Bl&auml;ttern
+haupts&auml;chlich die Rede sein.</p>
+<p>Dem Generalgouverneur steht ein &raquo;Rat&laquo; zur Seite, der
+jedoch auf seine Beschl&uuml;sse keinen <span class="letterspaced">entscheidenden</span> Einfluss hat. Zu Batavia sind die
+unterschiedlichen Verwaltungszweige &raquo;Departements&laquo;
+zugeteilt, an deren Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied
+darstellen zwischen der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den
+Residenten in den Provinzen. Bei Behandlung der Gesch&auml;fte
+<span class="letterspaced">politischer Bedeutung</span> wenden sich
+diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.</p>
+<p>Die Benennung &raquo;Resident&laquo; entstammt aus der Zeit, da
+Niederland nur erst <span class="letterspaced">mittelbar</span> als
+<span class="letterspaced">Lehnsherr</span> die Bev&ouml;lkerung
+beherrschte und sich an den H&ouml;fen der noch regierenden
+F&uuml;rsten durch &raquo;<span class="letterspaced">Residenten</span>&laquo; repr&auml;sentieren liess.
+Diese F&uuml;rsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als
+Gouverneure der Distrikte oder Pr&auml;fekten, Verwalter von
+Landschaften geworden. Ihr Wirkungskreis ist ver&auml;ndert, doch der
+Name ist geblieben.</p>
+<p>Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederl&auml;ndische
+Autorit&auml;t gegen&uuml;ber der javanischen Bev&ouml;lkerung
+darstellen. Das Volk kennt weder den Generalgouverneur, noch die
+&raquo;R&auml;te von Indien&laquo;, noch die Direktoren zu Batavia. Es
+kennt nur den Residenten, sowie die Beamten, die unter ihm &uuml;ber
+das Volk walten.</p>
+<p>Eine solche Residentschaft&mdash;es giebt welche, die beinahe eine
+Million Seelen fassen&mdash;ist geteilt in drei, vier oder f&uuml;nf
+Abteilungen oder Regentschaften, an deren Haupt <span class="pagenum">[<a id="pb52" href="#pb52" name="pb52">52</a>]</span>&raquo;<span class="letterspaced">Assistent-Residenten</span>&laquo; gestellt sind. Unter
+diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure ausge&uuml;bt,
+durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die n&ouml;tig sind
+f&uuml;r die Eintreibung der Abgaben, f&uuml;r die Inspektion des
+Landbaues, f&uuml;r die Auff&uuml;hrung von Geb&auml;uden, f&uuml;r die
+Staatswasserwerke, f&uuml;r die Polizei und das Rechtswesen.</p>
+<p>In jeder Abteilung steht ein Inl&auml;ndischer H&auml;uptling hohen
+Ranges mit dem Titel eines &raquo;<span class="letterspaced">Regenten</span>&laquo; dem Assistent-Residenten zur
+Seite. So ein Regent geh&ouml;rt, obwohl sein Verh&auml;ltnis zur
+Verwaltung und sein Arbeitsfeld ganz das eines <span class="letterspaced">besoldeten Beamten</span> ist, immer zum hohen Adel des
+Landes, und oftmals zu der Familie der F&uuml;rsten, die fr&uuml;her in
+der Landschaft oder in der Nachbarschaft unabh&auml;ngig regiert haben.
+Sehr diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen
+Einfluss&mdash;der in Asien &uuml;berall von grossem Gewicht ist und
+bei den meisten St&auml;mmen als ein Religionsmoment zu erkennen
+ist&mdash;Gebrauch gemacht, sintemal durch die Ernennung dieser
+H&auml;uptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen wird, an deren
+Spitze die Niederl&auml;ndische Autorit&auml;t steht, die durch den
+Generalgouverneur ausge&uuml;bt wird.</p>
+<p>Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-,
+Mark-, Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den
+Kaiser angestellt und meistens aus den Baronen ausgew&auml;hlt? Ohne
+weiteres Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der
+Sache liegt, m&ouml;chte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in
+<span class="letterspaced">unserm</span> Erdteil und dr&uuml;ben im
+fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen hatten. Ein Land muss
+aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu sind Beamte
+n&ouml;tig, die die Zentralgewalt vergegenw&auml;rtigen. Unter dem
+System der soldatesken Willk&uuml;r setzten die R&ouml;mer hierf&uuml;r
+die &raquo;Pr&auml;fekten&laquo; ein, im Anfang gew&ouml;hnlich die
+Befehlshaber der Legionen, die das betreffende Land unterworfen hatten.
+Solche L&auml;ndergebiete blieben dann auch &raquo;Provinzen&laquo;, d.
+h. <span class="letterspaced">erobertes Gebiet</span>. Doch als
+sp&auml;ter die zentrale Gewalt des Deutschen <span class="pagenum">[<a id="pb53" href="#pb53" name="pb53">53</a>]</span>Reiches
+das Bed&uuml;rfnis f&uuml;hlte, ein etwas ferngelegenes Volk, sobald
+das Gebiet durch Gleichheit in Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum
+Reiche geh&ouml;rig betrachtet wurde, noch auf andere Weise an sich zu
+binden als allein durch materielles &Uuml;bergewicht&mdash;erwies es
+sich als notwendig, jemanden mit der Leitung der Gesch&auml;fte zu
+betrauen, der nicht allein in dem betreffenden Lande zu Haus war,
+sondern durch seinen Stand &uuml;ber seine Mitb&uuml;rger in der Gegend
+erhoben war, damit der Gehorsam gegen die Befehle des Kaisers
+erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung zur Unterwerfung unter
+den, der mit der Ausf&uuml;hrung dieser Befehle betraut war. Hierdurch
+wurden dann zugleich ganz oder teilweise die Ausgaben f&uuml;r ein
+stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen Staatskasse, oder, wie es
+meist war, den Provinzen selbst zur Last fielen, welche durch solche
+Heere bewacht werden mussten. So wurden die ersten Grafen aus den
+Baronen des Landes ausgew&auml;hlt, und genau genommen ist also das
+Wort &raquo;Graf&laquo; kein adeliger Titel, sondern nur die Benennung
+einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube denn auch,
+dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche Kaiser wohl
+das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und Herz&ouml;ge,
+d. h. Heerf&uuml;hrer, zu ernennen, doch dass die Barone, was ihre
+Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abh&auml;ngig zu
+sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu dienen,
+falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erw&auml;hlt war.
+Ein Graf bekleidete ein <span class="letterspaced">Amt</span>, zu dem
+ihn der Kaiser berufen. Ein Baron betrachtete sich als Baron
+&raquo;durch die Gnade Gottes&laquo;. Die Grafen vertraten den Kaiser
+und f&uuml;hrten als solche dessen Panier, d. h. die Reichsstandarte.
+Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner eigenen Fahne, als
+Bannerherr.</p>
+<p>Der Umstand nun, dass Grafen und Herz&ouml;ge gew&ouml;hnlich den
+Baronen entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres
+Amtes neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die
+Schale legten, und hieraus <span class="pagenum">[<a id="pb54" href="#pb54" name="pb54">54</a>]</span>scheint sp&auml;ter, vor allem als
+die Erblichkeit dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang
+entstanden zu sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch
+heutzutage w&uuml;rde manche freiherrliche Familie&mdash;ohne
+kaiserliches oder k&ouml;nigliches Patent, d. h. eine solche Familie,
+die ihren Adel vom Urentstehen des Landes herleitet, die <span class="letterspaced">immer</span> von Adel war, <span class="letterspaced">weil</span> sie von Adel war&mdash;autochthon&mdash;eine
+Erhebung in den Grafenstand als entadelnd abweisen. Man hat Beispiele
+daf&uuml;r.</p>
+<p>Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt
+waren, trachteten nat&uuml;rlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre
+S&ouml;hne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen
+in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch
+gew&ouml;hnlich, obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese
+Nachfolge organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten
+in den Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland,
+Hennegau oder Flandern, die Herz&ouml;ge von Brabant, Gelderland u. s.
+w. Es war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine
+Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.</p>
+<p>Ungef&auml;hr in der gleichen Art&mdash;was die Wahl der Personen
+angeht, da hier von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist,
+wiewohl auch in dieser Hinsicht eine gewisse &Uuml;bereinstimmung ins
+Auge f&auml;llt&mdash;steht an der Spitze einer Abteilung auf Java ein
+eingeborener Beamter, der den ihm von der Regierung verliehenen Rang
+mit seinem <span class="letterspaced">autochthonen</span> Einfluss
+verbindet, um dem europ&auml;ischen Beamten, der die
+Niederl&auml;ndische Autorit&auml;t wahrnimmt, die Verwaltung zu
+erleichtern. Auch hier ist die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz
+bestimmt zu sein, zu einer Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des
+Regenten findet meistens diese Regelung statt, und es gilt als eine
+Belohnung f&uuml;r Diensteifer und Treue, wenn man ihm die Zusage
+giebt, dass ihm als Nachfolger in seiner Stellung sein Sohn folgen
+werde. Es m&uuml;ssen schon sehr gewichtige Gr&uuml;nde vorhanden sein,
+wenn <span class="pagenum">[<a id="pb55" href="#pb55" name="pb55">55</a>]</span>einmal von dieser Regel abgewichen wird, und wo
+dies der Fall sein sollte, w&auml;hlt man doch gew&ouml;hnlich den
+Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.</p>
+<p>Das Verh&auml;ltnis zwischen europ&auml;ischen Beamten und
+derartigen hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der
+Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er
+hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies
+hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt,
+durch Einfluss auf die Bev&ouml;lkerung, durch finanzielle
+Eink&uuml;nfte und hiermit &uuml;bereinstimmende Lebensweise weit
+&uuml;ber ihn erhoben steht. Obendrein ist der Regent, als
+Repr&auml;sentant des javanischen Elements eines Landkomplexes und
+bestimmt, im Namen der hundert- oder mehr tausend Seelen zu sprechen,
+die seine Regentschaft bev&ouml;lkern, auch in den Augen der Regierung
+eine Person von viel gr&ouml;sserer Wichtigkeit als der simple
+europ&auml;ische Beamte, dessen Unzufriedenheit nicht gef&uuml;rchtet
+werden braucht, da man f&uuml;r ihn viele andere an die Stelle bekommen
+kann, w&auml;hrend die minder gute Stimmung eines Regenten vielleicht
+der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden k&ouml;nnte.</p>
+<p>Dem allen ist also der merkw&uuml;rdige Umstand zuzuschreiben, dass
+eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der
+Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben &uuml;ber dies
+und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft ihn
+auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident, den
+Vorsitz f&uuml;hrt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtvers&auml;umnis
+schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verh&auml;ltnis ist nur denkbar
+bei &auml;usserst h&ouml;flichen Formen, die gleichwohl weder
+Herzlichkeit, noch, wo es n&ouml;tig scheint, Strenge ausschliessen
+brauchen, und ich glaube, dass der Ton, der in diesem Verh&auml;ltnis
+herrschen muss, sehr treffend in der offiziellen Vorschrift angedeutet
+ist, die dahin geht: der europ&auml;ische Beamte habe den
+inl&auml;ndischen Beamten, der ihm zur Seite steht, zu behandeln wie
+seinen &raquo;<span class="letterspaced">j&uuml;ngeren
+Bruder</span>&laquo;. <span class="pagenum">[<a id="pb56" href="#pb56"
+name="pb56">56</a>]</span></p>
+<p>Aber er vergesse nicht, dass dieser &raquo;j&uuml;ngere
+Bruder&laquo; bei den Eltern sehr beliebt ist&mdash;oder
+gef&uuml;rchtet&mdash;und dass bei vorkommenden Zwistigkeiten sein
+dieserweise konstruierter Altersvorsprung als Beweggrund in Rechnung
+gebracht werden kann, ihm &uuml;belzunehmen, dass er seinen
+&raquo;j&uuml;ngeren Bruder&laquo; nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder
+Takt behandelte.</p>
+<p>Die angeborene H&ouml;flichkeit des Javanischen Grossen&mdash;selbst
+der geringe Javane ist viel h&ouml;flicher als sein europ&auml;ischer
+Standesgenosse&mdash;macht gleichwohl dies scheinbar schwierige
+Verh&auml;ltnis ertr&auml;glicher, als es sonst sein w&uuml;rde.</p>
+<p>Der Europ&auml;er sei wohlerzogen und zartf&uuml;hlend, er gebe sich
+mit freundlicher W&uuml;rdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass
+der Regent seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im
+Grunde beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form
+ge&auml;ussert, wird mit P&uuml;nktlichkeit nachgekommen. Der
+Unterschied in Stand, Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst
+ausgewischt, der den Europ&auml;er, als Vertreter des K&ouml;nigs der
+Niederlande, zu sich erhebt, und schliesslich ist ein Verh&auml;ltnis,
+das, oberfl&auml;chlich betrachtet, Zwist zuwege bringen sollte, sehr
+oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.</p>
+<p>Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor
+dem europ&auml;ischen Beamten h&auml;tten, und das ist nat&uuml;rlich.
+Der Europ&auml;er ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen
+wird, die an Ausdehnung vielen deutschen Herzogt&uuml;mern gleich
+steht, gew&ouml;hnlich ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem
+Alter, verheiratet und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes
+willen. Seine Eink&uuml;nfte sind gerade ausreichend und oft auch nicht
+ausreichend, um den Seinen das N&ouml;tige zu verschaffen. Der Regent
+ist: &sbquo;Tommongong&lsquo;, &sbquo;Adhipatti&lsquo;, ja, sogar
+&sbquo;Pangerang&lsquo;, d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich
+f&uuml;r ihn nicht darum, dass er <span class="letterspaced">lebe</span>, er muss <span class="letterspaced">so</span> leben, wie das Volk es von seiner Aristokratie
+zu sehen gewohnt ist. W&auml;hrend der <span class="letterspaced">Europ&auml;er ein</span> Haus bewohnt, ist vielfach
+<span class="letterspaced">sein</span> Aufenthalt ein
+&sbquo;Kratoon&lsquo;, <span class="pagenum">[<a id="pb57" href="#pb57"
+name="pb57">57</a>]</span>mit vielen H&auml;usern und D&ouml;rfern
+darin. W&auml;hrend der <span class="letterspaced">Europ&auml;er
+eine</span> Frau hat, mit drei, vier Kindern, unterh&auml;lt
+<span class="letterspaced">er</span> eine ganze Anzahl von Frauen mit
+allem, was dazu geh&ouml;rt. W&auml;hrend der <span class="letterspaced">Europ&auml;er</span> ausreitet, gefolgt von einigen
+Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise zur Erteilung von
+Anweisungen unterwegs n&ouml;tig sind, wird der Regent begleitet von
+Hunderten, die zum Gefolge geh&ouml;ren, das in den Augen des Volks
+untrennbar ist von seinem hohen Range. Der <span class="letterspaced">Europ&auml;er</span> lebt b&uuml;rgerlich, der Regent
+lebt&mdash;oder man erwartet von ihm, dass er so lebt&mdash;wie ein
+F&uuml;rst.</p>
+<p>Doch das alles muss <span class="letterspaced">bezahlt</span>
+werden. Die Niederl&auml;ndische Verwaltung, die auf den Einfluss
+dieser Regenten gegr&uuml;ndet ist, weiss dies, und nichts ist also
+nat&uuml;rlicher, als dass sie deren Eink&uuml;nfte zu einer H&ouml;he
+gef&uuml;hrt hat, die dem Nicht-Indier &uuml;bertrieben vorkommen
+w&uuml;rde, aber in Wirklichkeit selten f&uuml;r die Bestreitung der
+Ausgaben hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen
+inl&auml;ndischen Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts
+Ungew&ouml;hnliches, Regenten, die zwei-, ja, dreimalhunderttausend
+Gulden j&auml;hrliches Einkommen haben, in Geldverlegenheit zu sehen.
+Hierzu tr&auml;gt viel bei die sozusagen f&uuml;rstliche
+Gleichg&uuml;ltigkeit, mit der sie ihre Eink&uuml;nfte verschleudern,
+ihre Nachl&auml;ssigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen, ihre
+krankhafte Kauflust und <span class="letterspaced">vor allem</span> der
+Missbrauch, der h&auml;ufig von Europ&auml;ern bei einer derartigen
+Lage der Dinge getrieben wird.</p>
+<p>Die Eink&uuml;nfte der javanischen H&auml;upter lassen sich in vier
+Teile teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste
+Summe als Schadloshaltung f&uuml;r abgekaufte Rechte, die auf die
+Niederl&auml;ndische Verwaltung &uuml;bergegangen sind. Drittens eine
+Belohnung in &Uuml;bereinstimmung mit der Quantit&auml;t der in ihrer
+Regentschaft erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u.
+s. w. Und schliesslich: die willk&uuml;rliche Verf&uuml;gung &uuml;ber
+die Arbeit und &uuml;ber das Eigentum ihrer Unterthanen.</p>
+<p>Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erkl&auml;rung.
+Der Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. <span class="pagenum">[<a id="pb58" href="#pb58" name="pb58">58</a>]</span>Der
+Grund, auf dem er geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel
+verspricht, ist ihm hierzu Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib
+und Seele der Bebauung seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch
+sehr erfahren ist. Er w&auml;chst auf inmitten seiner
+&sbquo;sawah&rsquo;s&lsquo; und &sbquo;gagah&rsquo;s&lsquo; und
+&sbquo;tipar&rsquo;s&lsquo;, begleitet schon in sehr jugendlichem Alter
+seinen Vater aufs Feld, wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten
+beh&uuml;lflich ist an D&auml;mmen und Wasserleitungen zur
+Bew&auml;sserung seiner &Auml;cker. Er z&auml;hlt seine Jahre nach
+Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde stehenden
+Halme, er f&uuml;hlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm
+&sbquo;padie&lsquo;, d. h. den unenth&uuml;lsten Reis, schnitten, er
+sucht seine Frau unter den M&auml;dchen der &raquo;dessah&laquo;, die
+am Abend unter fr&ouml;hlichem Gesange den Reis stampfen, um ihn der
+H&uuml;lsen zu entledigen ... der Besitz von ein paar B&uuml;ffeln, die
+seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das ihm entgegenl&auml;chelt
+... kurzum, der Reisbau ist f&uuml;r den Javanen das, was in den
+Rheingegenden und in S&uuml;dfrankreich der Weinbau ist.</p>
+<p>Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des
+Landes machten. Es l&uuml;stete sie, Vorteil zu ziehen aus der
+Fruchtbarkeit des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil
+seiner Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu
+widmen, die mehr Gewinn abwerfen w&uuml;rden auf den M&auml;rkten von
+Europa. Um den geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine
+sehr einfache Staatskunst n&ouml;tig. Er gehorsamt seinen
+H&auml;uptlingen, man hatte also nur diese H&auml;uptlinge zu gewinnen,
+indem man ihnen einen Teil des Gewinnes zusagte, und ... es
+gl&uuml;ckte vollkommen.</p>
+<p>Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in
+Niederland dem K&auml;ufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit
+lenkt, so kann man sich davon &uuml;berzeugen, wie zweckentsprechend
+diese Politik war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn,
+m&ouml;chte jemand fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge
+entsprechende Belohnung <span class="pagenum">[<a id="pb59" href="#pb59" name="pb59">59</a>]</span>geniesst, so muss ich hierauf eine
+verneinende Antwort geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf
+<span class="letterspaced">seinem</span> Grunde zu ziehen, was
+<span class="letterspaced">ihr</span> behagt, sie bestraft ihn, wenn er
+das also hervorgebrachte irgend jemandem anders verkauft als
+<span class="letterspaced">ihr</span>, und <span class="letterspaced">sie selbst</span> setzt den Preis fest, den sie ihm
+daf&uuml;r bezahlt. Die Kosten der &Uuml;berfuhr nach Europa durch
+Vermittlung eines bevorrechteten Handelsk&ouml;rpers sind hoch. Die den
+H&auml;uptlingen gew&auml;hrten Ermutigungsgelder beschweren obendrein
+den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze Sache Gewinn
+abwerfen <span class="letterspaced">muss</span>, kann dieser Gewinn
+nicht anders erzielt werden, als dass man dem Javanen just soviel
+ausbezahlt, dass er nicht Hungers sterbe, was, wenn es gesch&auml;he,
+die produktive Kraft der Nation vermindern w&uuml;rde.</p>
+<p>Auch den europ&auml;ischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt,
+die sich nach der H&ouml;he des erzielten Ertrages richtet.</p>
+<p>Wohl wird also der arme Javane vorw&auml;rts gepeitscht durch
+zwiefache Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen
+Reisfeldern, wohl ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln,
+indessen ... fr&ouml;hlich flattern zu Batavia, zu Samarang, zu
+Surabaja, zu Passaruan, zu Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu
+Tjilatjap die Flaggen an Bord der Schiffe, die beladen werden mit den
+Ernten, die die Niederlande reich machen.</p>
+<p><span class="letterspaced">Hungersnot?</span> Auf dem reichen,
+fruchtbaren, gesegneten Java <span class="letterspaced">Hungersnot</span>? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind
+ganze Distrikte ausgestorben durch den Hunger. M&uuml;tter boten ihre
+Kinder als Speise zu Kauf an. M&uuml;tter haben ihre Kinder gegessen
+...</p>
+<p>Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bek&uuml;mmert. In
+den Beratungss&auml;len der Volksvertretung ist man dar&uuml;ber
+unzufrieden gewesen, und der damalige Landvogt hat Befehl geben
+m&uuml;ssen, dass man es in der Verbreitung der sogenannten
+&raquo;europ&auml;ischen Marktprodukte&laquo; fortan nicht wieder
+treiben d&uuml;rfe bis zur Hungersnot ... <span class="pagenum">[<a id="pb60" href="#pb60" name="pb60">60</a>]</span></p>
+<p>Ich bin hier bitter geworden. Was m&ouml;chtet ihr denken von
+jemandem, der solche Dinge niederschreiben kann <span class="letterspaced">ohne</span> Bitterkeit?</p>
+<p>Mir bleibt noch &uuml;brig, &uuml;ber die letzte und vornehmlichste
+Art der Eink&uuml;nfte von Inl&auml;ndischen H&auml;uptlingen zu
+sprechen: die Macht der willk&uuml;rlichen Verf&uuml;gung &uuml;ber
+Personen und &uuml;ber das Eigentum ihrer Unterthanen.</p>
+<p>Gem&auml;ss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien
+geh&ouml;rt der Unterthan mit allem, was er besitzt, dem F&uuml;rsten.
+Dies ist auch auf Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der
+fr&uuml;heren F&uuml;rsten nutzen gern die Unkenntnis der
+Bev&ouml;lkerung aus, die nicht recht begreift, dass ihr
+&sbquo;Tommongong&lsquo; oder &sbquo;Adhipatti&lsquo; oder
+&sbquo;Pangerang&lsquo; jetzt ein <span class="letterspaced">besoldeter
+Beamter</span> ist, der seine eigenen und ihre Rechte f&uuml;r ein
+bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die k&auml;rglich
+belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der
+Abgaben getreten ist, die fr&uuml;her durch die Herren des Landes von
+den Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also
+allt&auml;glicher, als dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung
+aufgerufen werden, <span class="letterspaced">ohne Bezahlung</span>
+Felder zu bearbeiten, die dem Regenten geh&ouml;ren. Nichts ist
+allt&auml;glicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum
+Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein
+gef&auml;lliges Auge werfen mag auf das Pferd, den B&uuml;ffel, die
+Tochter, die Frau des geringen Mannes, w&uuml;rde man es unerh&ouml;rt
+finden, wenn dieser die bedingungslose Verzichtleistung auf den
+begehrten Gegenstand weigerte.</p>
+<p>Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willk&uuml;rlichen
+Verf&uuml;gung einen m&auml;ssigen Gebrauch machen und nicht mehr von
+dem geringen Mann fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus
+n&ouml;tig ist. Andere gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese
+Ungesetzlichkeit nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja,
+unm&ouml;glich, diesen Missbrauch ganz auszurotten, da er seine tiefen
+Wurzeln in der Anlage der Bev&ouml;lkerung selbst hat, die darunter
+leidet. Der Javane ist <span class="pagenum">[<a id="pb61" href="#pb61"
+name="pb61">61</a>]</span>freigebig, vor allem wo es sich darum
+handelt, einen Beweis der Anh&auml;nglichkeit an seinen H&auml;uptling
+zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine V&auml;ter gehorchten.
+Ja, er w&uuml;rde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung, die er
+seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen
+&raquo;Kratoon&laquo; ohne Geschenke betr&auml;te. Solche Geschenke
+sind denn auch manchmal von so geringem Werte, dass die Abweisung eine
+Verletzung in sich schliessen w&uuml;rde, und oft ist demgem&auml;ss
+diese Gewohnheit eher der Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das
+seine Liebe zum Vater durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu
+&auml;ussern sucht, als dass man sie als Tribut an tyrannische
+Willk&uuml;r auffassen d&uuml;rfte.</p>
+<p>Allein ... also wird durch einen &raquo;<span class="letterspaced">lieben Brauch</span>&laquo; die Beseitigung von
+<span class="letterspaced">Missbrauch</span> gehindert.</p>
+<p>Wenn der Al&#363;n-al&#363;n vor der Wohnung des Regenten in
+verwildertem Zustande l&auml;ge, w&uuml;rde die umwohnende
+Bev&ouml;lkerung sich dessen sch&auml;men, und es w&auml;re viel Macht
+n&ouml;tig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut zu s&auml;ubern
+und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range des Regenten
+&uuml;bereinstimmt. Hierf&uuml;r irgend eine Bezahlung zu geben,
+w&uuml;rde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der
+N&auml;he dieses Al&#363;n-al&#363;n oder anderswo liegen Sawahs, die
+des Pfluges warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin
+f&uuml;hre, manchmal aus meilenweiter Ferne ... diese Sawahs
+geh&ouml;ren dem Regenten. Er ruft, dass sie seine Felder bearbeite
+oder w&auml;ssere, die Bev&ouml;lkerung ganzer D&ouml;rfer auf, deren
+eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen ... der Missbrauch
+ist da.</p>
+<p>Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die
+&raquo;Staatsbl&auml;tter&laquo; liest, worin die Gesetze,
+Instruktionen und Anweisungen f&uuml;r die Beamten enthalten sind,
+jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen derselben den Vorsitz
+gef&uuml;hrt zu haben scheint. &Uuml;berall wird dem Europ&auml;er, der
+mit irgend einer Autorit&auml;t in den Binnenlanden bekleidet ist, als
+eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der
+Bev&ouml;lkerung <span class="pagenum">[<a id="pb62" href="#pb62" name="pb62">62</a>]</span>Schutz zu bieten gegen ihre eigene
+Unterw&uuml;rfigkeit und die Habsucht der H&auml;uptlinge. Und, als
+w&auml;re es nicht genug, dass man diese Verpflichtung im allgemeinen
+vorschreibt, es wird noch von den <span class="letterspaced">Assistent-Residenten</span> beim Antritt der Verwaltung
+einer Abteilung ein &raquo;<span class="letterspaced">besonderer
+Eid</span>&laquo; gefordert, dass sie diese v&auml;terliche
+F&uuml;rsorge f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung als eine erste Pflicht
+betrachten w&uuml;rden.</p>
+<p>Das ist gewisslich ein sch&ouml;ner Beruf. Gerechtigkeit walten zu
+lassen, den Geringen zu schirmen gegen den M&auml;chtigen, den
+Schwachen zu besch&uuml;tzen vor der &Uuml;bermacht des Starken, das
+Lamm des Armen zur&uuml;ckzufordern aus den St&auml;llen des
+f&uuml;rstlichen R&auml;ubers ... siehe, das Herz m&ouml;chte einem
+ergl&uuml;hen vor Genuss bei dem Gedanken, dass man berufen ward zu
+etwas so sch&ouml;nem! Und wer in den javanischen Binnenlanden
+bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner Stationierung oder
+mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die erhabene Pflicht, die auf
+ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung, die die Erf&uuml;llung solch
+einer Pflicht mit sich bringt, und er wird keinen weiteren Sold
+begehren.</p>
+<p>Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig
+zu beurteilen, wo der &raquo;Brauch&laquo; aufgehalten hat, um
+&raquo;Missbrauch&laquo; Platz zu machen. Und ... wo der
+&raquo;Missbrauch&laquo; <span class="letterspaced">besteht</span>, wo
+wirklich Raub und Willk&uuml;r gepflogen <span class="letterspaced">ist</span>, sind vielfach die Schlachtopfer selbst
+hieran mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener
+Unterw&uuml;rfigkeit, sei es aus Furcht, sei es aus geringem Vertrauen
+auf den Willen oder die Macht der Person, die sie sch&uuml;tzen soll.
+Jeder weiss, dass der <span class="letterspaced">europ&auml;ische</span> Beamte jeden Augenblick in eine
+andere Stellung berufen werden kann, und dass der Regent, <span class="letterspaced">der m&auml;chtige Regent</span>, dableibt. Ferner, wie
+viele Methoden giebt&rsquo;s, um sich das Eigentum eines armen,
+einf&auml;ltigen Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass
+der Regent sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier
+alsbald in den St&auml;llen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist
+solches durchaus noch nicht, dass <span class="pagenum">[<a id="pb63"
+href="#pb63" name="pb63">63</a>]</span>dieser nicht die Absicht hatte,
+daf&uuml;r&mdash;o, sicher!&mdash;einen hohen Preis zu bezahlen ...
+nach einiger Zeit. Wenn Hunderte arbeiten auf den Feldern eines
+H&auml;uptlings, ohne daf&uuml;r Bezahlung zu empfangen, so folgt
+hieraus keineswegs, dass er dies geschehen liess zu <span class="letterspaced">seinem</span> Vorteil. Konnte er nicht die Absicht
+haben, ihnen die Ernte zu &uuml;berlassen, in der menschenfreundlichen
+Berechnung, dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer w&auml;re als
+der ihre und also ihre Arbeit freigebiger belohnen w&uuml;rde?</p>
+<p>&Uuml;berdies, wo schafft der europ&auml;ische Beamte die Zeugen
+her, die den Mut haben, eine Erkl&auml;rung gegen ihren Herrn
+abzugeben, den gef&uuml;rchteten Regenten? Und, wagte er eine
+Beschuldigung, ohne sie beweisen zu k&ouml;nnen, wo bleibt dann das
+Verhalten als &raquo;&auml;lterer Bruder&laquo;, der in solchem Fall
+seinen &raquo;j&uuml;ngeren Bruder&laquo; ohne Grund in seiner Ehre
+gekr&auml;nkt haben w&uuml;rde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, die
+ihm Brot giebt f&uuml;r seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn
+verabschieden w&uuml;rde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte
+Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verd&auml;chtigt
+oder angeklagt h&auml;tte mit Leichtfertigkeit?</p>
+<p>Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon
+daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inl&auml;ndischen
+H&auml;uptlinge, die Grenzen des erlaubten Verf&uuml;gens &uuml;ber
+Arbeit und Eigentum ihrer Unterthanen zu &uuml;berschreiten,
+&uuml;berall ohne Einschr&auml;nkung als bestehend anerkannt wird ...
+dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, dieser verbrecherischen
+Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, und ... dass doch nur
+<span class="letterspaced">sehr</span> selten ein Regent angeklagt wird
+wegen Willk&uuml;r oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.</p>
+<p>Es scheint also wohl eine fast un&uuml;berwindliche Schwierigkeit zu
+bestehen, dem Eide gem&auml;ss zu handeln, dass man &raquo;der
+inl&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung
+und Erpressung&laquo;. <span class="pagenum">[<a id="pb64" href="#pb64"
+name="pb64">64</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch6" class="div1">
+<h2>Sechstes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch.
+Wenn man ihn dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten
+Eichen- und Orangezweigen auf Kragen und &Auml;rmelaufschl&auml;gen,
+war es schwer, in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den
+Holl&auml;ndern in Indien ... nebenbei erw&auml;hnt, ein
+Menschenschlag, der sich sehr unterscheidet von den Holl&auml;ndern in
+Holland. Tr&auml;g, so lange es nichts zu thun gab, und fern von der
+kleinlichen, auch ohne Anlass entwickelten Ameisengesch&auml;ftigkeit,
+die in Europa f&uuml;r Eifer gilt, aber eifrig, wo Beth&auml;tigung
+n&ouml;tig war ... einfach, aber herzlich gegen&uuml;ber denen, die zu
+seiner Umgebung geh&ouml;rten ... mitteilsam, <span class="corr" id="xd20e1560" title="Quelle: hilfbereit">hilfsbereit</span> und gastfrei
+... von guten Manieren, doch ohne Steifheit ... empf&auml;nglich
+f&uuml;r gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, ohne gleichwohl
+Lust zu empfinden, zum M&auml;rtyrer dieser Veranlagungen zu werden ...
+kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, &uuml;berall auf
+seinem Platze sein w&uuml;rde, ohne dass man jedoch auf den Gedanken
+kommen k&ouml;nnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er denn
+auch nicht begehrte.</p>
+<p>Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und
+mit Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von
+Zeit zu Zeit den &sbquo;mandoor&lsquo;-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt
+von den Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob
+nichts im Anzug <span class="pagenum">[<a id="pb65" href="#pb65" name="pb65">65</a>]</span>sei. Dann stand er &rsquo;mal auf, versuchte
+vergebens, seine Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden
+der Pendoppo, steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie
+nicht recht zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.</p>
+<p>Und doch h&auml;tte er sprechen k&ouml;nnen, denn er war nicht
+allein. Ich meine hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft
+der zwanzig oder dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und
+Aufpasser, die auf dem Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo
+sassen, noch der vielen, die anhaltend aus- und einliefen, noch der
+grossen Menge Eingeborener von verschiedenem Range, die da draussen die
+Pferde festhielten oder umherritten ... nein, der Regent von Lebak
+selbst, <span class="letterspaced">Radhen Adhipatti Karta Natta
+Negara</span> sass ihm gegen&uuml;ber.</p>
+<p>Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde,
+eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge h&auml;tte wohl etwas
+gespr&auml;chiger sein k&ouml;nnen. Der Regent von Lebak war ein
+gebildeter alter Mann, der &uuml;ber vieles mit Verstand und Urteil zu
+sprechen wusste. Man brauchte ihn nur anzusehen, um &uuml;berzeugt zu
+sein, dass die meisten Europ&auml;er, die mit ihm in Ber&uuml;hrung
+kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er von ihnen. Seine
+lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem Feuer der
+M&uuml;digkeit seiner Gesichtsz&uuml;ge und der Greisheit seiner Haare.
+Was er sagte, war gew&ouml;hnlich lange &uuml;berdacht&mdash;so recht
+eine Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist&mdash;und
+wenn man mit ihm im Gespr&auml;ch war, f&uuml;hlte man, dass man seine
+Worte als Briefe anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem
+Archiv hatte, um, wenn n&ouml;tig, darauf zu verweisen. Das mag nun
+jemandem, der den Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist,
+unangenehm scheinen, doch ist es nicht schwierig, alle
+Gespr&auml;chsgegenst&auml;nde, die Anstoss geben k&ouml;nnten, zu
+vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in br&uuml;sker Weise dem
+Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben werden, da das nach
+orientalischen Begriffen <span class="pagenum">[<a id="pb66" href="#pb66" name="pb66">66</a>]</span>in Widerstreit mit dem guten Ton
+w&auml;re. Wer also Ursache hat, die Ber&uuml;hrung eines bestimmten
+Punktes zu vermeiden, braucht nur &uuml;ber unbedeutende Dinge zu
+reden, und er kann versichert sein, dass ein javanischer H&auml;uptling
+ihn nie durch eine unerw&uuml;nschte Wendung des Gespr&auml;chs auf ein
+Terrain ziehen wird, das er lieber nicht betr&auml;te.</p>
+<p>&Uuml;ber die beste Art, mit diesen H&auml;uptlingen zu verkehren,
+bestehen &uuml;brigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass
+einfache Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den
+Vorzug verdient.</p>
+<p>Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung
+&uuml;ber das Wetter und den Regen.</p>
+<p>&mdash;Ja, m&rsquo;nheer de kontroleur, es ist Westm&#363;sson.</p>
+<p>Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was <span class="letterspaced">er</span> &uuml;ber den Regen gesagt hatte, wusste der
+Regent auch. Darauf folgte wieder einiges Schweigen. Der Regent winkte
+mit einer kaum sichtbaren Kopfbewegung einem der Bedienten, die am
+Eingang der Pendoppo niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge,
+allerliebst gekleidet in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit
+goldenem Leibgurt, der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt,
+und auf dem Kopf den gef&auml;lligen Kain-kapala, unter dem seine
+schwarzen Augen so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an
+die F&uuml;sse des Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den
+Tabak, den Kalk, die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte
+den Slamat, indem er beide H&auml;nde gefaltet aufhob bis zur
+tiefniedergebeugten Stirn, und bot darauf seinem Herrn die kostbare
+Dose dar.</p>
+<p>&mdash;Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der
+Regent, wie um f&uuml;r ihr langes Warten eine Erkl&auml;rung zu geben,
+und bestrich dabei ein Betelblatt mit Kalk.</p>
+<p>&mdash;Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete
+Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema
+ber&uuml;hren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er
+h&auml;tte bedenken m&uuml;ssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern
+die Wege von Pandeglang <span class="pagenum">[<a id="pb67" href="#pb67" name="pb67">67</a>]</span>r&uuml;hmen h&ouml;rt, wenn diese
+auch wirklich besser sind als die lebakschen.</p>
+<p>Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer &uuml;bereilten Antwort.
+Der kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits,
+immer kauernd, r&uuml;ckw&auml;rts zur&uuml;ckgekrochen bis an den
+Eingang der Pendoppo, wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der
+Regent hatte schon seine Lippen und etliche Z&auml;hne mit dem Speichel
+seiner Sirie braunrot gef&auml;rbt, und er sagte dann endlich:</p>
+<p>&mdash;Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.</p>
+<p>Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem der
+Zustand von Lebak kein Geheimnis war, h&auml;tte es sich deutlich
+herausgestellt, dass das Gespr&auml;ch schon ein Streit geworden war.
+Eine Anspielung n&auml;mlich auf den besseren Zustand der Wege in einer
+benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche zu
+sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die
+bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin
+hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bev&ouml;lkert war, vor
+allem im Verh&auml;ltnis zu seinem viel kleineren Fl&auml;cheninhalt,
+und dass also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der
+Kr&auml;fte leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf
+hunderten von &raquo;Pf&auml;hlen&laquo; Fl&auml;che nur siebzigtausend
+Einwohner z&auml;hlte.</p>
+<p>&mdash;Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier,
+aber ...</p>
+<p>Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er
+wusste, dass nach dem &raquo;aber&laquo; etwas folgen konnte, das
+unangenehm klingen w&uuml;rde f&uuml;r ihn, der seit dreissig Jahren
+Regent von Lebak gewesen war. Es schien, dass Verbrugge in diesem
+Augenblicke keine Lust hatte, den Streit fortzusetzen. Wenigstens brach
+er das Gespr&auml;ch ab und fragte wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er
+nichts kommen s&auml;he.</p>
+<p>&mdash;Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer
+de kontroleur, aber da dr&uuml;ben an der andern Seite <span class="pagenum">[<a id="pb68" href="#pb68" name="pb68">68</a>]</span>reitet
+jemand zu Pferde ... das ist der Tuwan kommendaan.</p>
+<p>&mdash;Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen &auml;ugend,
+das ist der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute
+morgen schon fr&uuml;h ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!</p>
+<p>&mdash;Er h&ouml;rt Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge
+reitet hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem
+Pferd.</p>
+<p>&mdash;Pegang kudahnja tuwan kommendaan!&mdash;halte das Pferd des
+Herrn Kommandanten fest&mdash;gebot Verbrugge einem der Bediensteten,
+die draussen sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du
+geschossen? Komm herein!</p>
+<p>Ein kr&auml;ftiger Mann von dreissig Jahren und straffer
+milit&auml;rischer Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die
+Pendoppo. Es war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen
+Garnison von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und
+ihre Vertraulichkeit war um so gr&ouml;sser, als Duclari vor einiger
+Zeit in Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung
+bezogen hatte. Er dr&uuml;ckte diesem die Hand, gr&uuml;sste den
+Regenten mit H&ouml;flichkeit und setzte sich mit der Frage:
+&raquo;nun, was habt ihr denn hier so?&laquo;</p>
+<p>&mdash;Willst du Thee, Duclari?</p>
+<p>&mdash;Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die
+ist erfrischender.</p>
+<p>&mdash;Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich
+Kokosmilch f&uuml;r sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon.
+Sieh mal die Kulis, die schwere Lasten &uuml;ber die Berge tragen: sie
+halten sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser,
+oder von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...</p>
+<p>&mdash;Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeebl&auml;ttern? Das hab ich
+noch niemals gesehen.</p>
+<p>&mdash;Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt
+man&rsquo;s. <span class="pagenum">[<a id="pb69" href="#pb69" name="pb69">69</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von <span class="corr" id="xd20e1630" title="Quelle: Kaffebl&auml;ttern">Kaffeebl&auml;ttern</span> und auch keinen
+Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der neue
+Assistent-Resident auch, nicht wahr?</p>
+<p>Dies Gespr&auml;ch wurde in Holl&auml;ndisch gef&uuml;hrt, einer
+Sprache, die der Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine
+Unh&ouml;flichkeit darin zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der
+Unterhaltung ausschloss, oder sei es, dass er hiermit etwas anderes
+beabsichtigte, auf einmal fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf
+Malayisch fort:</p>
+<p>&mdash;Weiss m&rsquo;nheer de Adhipatti, dass m&rsquo;nheer de
+kontroleur den neuen Assistent-Residenten kennt?</p>
+<p>&mdash;O nein, <span class="letterspaced">das</span> habe ich nicht
+gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn niemals gesehen. Er diente
+einige Jahre <span class="letterspaced">vor</span> mir auf Sumatra. Ich
+habe dir nur gesagt, dass ich da viel &uuml;ber ihn reden h&ouml;rte,
+das ist alles!</p>
+<p>&mdash;Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade
+nicht zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m&rsquo;nheer de Adhipatti
+hier&uuml;ber?</p>
+<p>Der Adhipatti hatte gerade n&ouml;tig, einen Bedienten zu rufen. Es
+verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem Herrn
+Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal n&ouml;tig sei,
+jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen k&ouml;nne.</p>
+<p>&mdash;Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in
+holl&auml;ndischer Sprache fort&mdash;sei es, dass diese ihm vertrauter
+war und er der H&ouml;flichkeit Gen&uuml;ge gethan zu haben meinte, sei
+es, weil er allein von Verbrugge verstanden werden wollte&mdash;das mag
+im allgemeinen wahr sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig
+kein pers&ouml;nliches Bekanntsein n&ouml;tig ... der ist doch
+verr&uuml;ckt!</p>
+<p>&mdash;Das habe ich nicht gesagt, Duclari!</p>
+<p>&mdash;Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach
+alledem, was du mir von ihm erz&auml;hlt hast. Ich nenne jemanden, der
+ins Wasser springt, um einen Hund vor den Haien zu retten,
+verr&uuml;ckt. <span class="pagenum">[<a id="pb70" href="#pb70" name="pb70">70</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Nun ja, vern&uuml;nftig ist das gewiss nicht. Aber ...</p>
+<p>&mdash;Und dann, h&ouml;r mal, das Gedicht auf den General Vandamme
+... das war keine Sache!</p>
+<p>&mdash;Es war witzig ...</p>
+<p>&mdash;Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein
+gegen&uuml;ber einem General.</p>
+<p>&mdash;Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es
+war vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.</p>
+<p>&mdash;Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?</p>
+<p>&mdash;Das that er, um den General zu &auml;rgern.</p>
+<p>&mdash;Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu
+&auml;rgern, der obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das
+andere Gedicht find&rsquo; ich ja drollig, aber ... das ewige
+Duellieren!</p>
+<p>&mdash;Er that&rsquo;s gew&ouml;hnlich f&uuml;r einen andern. Er
+ergriff stets Partei f&uuml;r den Schw&auml;cheren.</p>
+<p>&mdash;Nun, lass jeden f&uuml;r seine Person sich duellieren, wenn
+man es nun durchaus will! Ich f&uuml;r mich glaube, dass selten ein
+Duell n&ouml;tig ist. Wo es unvermeidlich w&auml;re, w&uuml;rde auch
+ich eine Forderung annehmen, in bestimmten F&auml;llen <span class="letterspaced">selbst</span> fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf
+zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser
+Beziehung ge&auml;ndert hat.</p>
+<p>&mdash;Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel
+&auml;lter, dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident.
+&Uuml;berdies, ich habe stets geh&ouml;rt, dass sein Herz gut ist und
+dass er ein warmes Gef&uuml;hl hat f&uuml;r Recht.</p>
+<p>&mdash;Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade
+etwas passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?</p>
+<p>&mdash;Ich glaub&rsquo;s nicht. Doch zeige mir was aus deiner
+Jagdtasche, dann denkt er, dass wir <span class="letterspaced">dar&uuml;ber</span> sprechen.</p>
+<p>Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus
+hervor, und, die V&ouml;gel bef&uuml;hlend, als spr&auml;che er
+&uuml;ber die Jagd, teilte er Verbrugge mit, dass ihm soeben
+<span class="pagenum">[<a id="pb71" href="#pb71" name="pb71">71</a>]</span>auf dem Felde ein Javane nachgelaufen sei, der ihn
+gefragt h&auml;tte, ob er nichts thun k&ouml;nne, um den Druck zu
+erleichtern, unter dem die Bev&ouml;lkerung seufze.</p>
+<p>&mdash;Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass
+ich mich wundere &uuml;ber die Sache selbst. Ich bin lange genug im
+Bantamschen, um zu wissen, was hier vorf&auml;llt, aber dass der
+geringe Javane, der gew&ouml;hnlich so vorsichtig und
+zur&uuml;ckhaltend ist, wo es sich um seine H&auml;uptlinge handelt, so
+etwas von jemandem verlangt, der nichts damit zu schaffen hat, das
+befremdet mich!</p>
+<p>&mdash;Und was hast du geantwortet, Duclari?</p>
+<p>&mdash;Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen
+m&uuml;sste, oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in
+Rangkas-Betung angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.</p>
+<p>&mdash;Jenie apa tuwan-tuwan datang!&mdash;d. h.: Da kommen die
+Herren an!&mdash;rief auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen
+Mantrie, der mit seinem Tudung schwenkt.</p>
+<p>Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der
+Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen zur
+Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range &uuml;ber
+ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein f&uuml;r ihn
+&raquo;verr&uuml;ckt&laquo; war, stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von
+seinem Bedienten, davon.</p>
+<p>Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der
+Pendoppo, und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen
+sich n&auml;hern, der alsbald, stark von Schlamm &uuml;berzogen, bei
+dem Bambusgeb&auml;ude stillhielt.</p>
+<p>Es w&uuml;rde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles
+enthalten mochte, bevor Dongso, unterst&uuml;tzt durch die L&auml;ufer
+und eine Anzahl Bedienter, die zum Gefolge des Regenten geh&ouml;rten,
+all die Riemen und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk
+eingeschlossen hielten mit einem schwarzledernen Futteral, das an die
+Diskretion erinnerte, mit der in fr&uuml;heren Jahren L&ouml;wen und
+Tiger in die Stadt kamen, als die Zoologischen G&auml;rten noch
+umherziehende Menagerien <span class="pagenum">[<a id="pb72" href="#pb72" name="pb72">72</a>]</span>waren. Nun, L&ouml;wen und Tiger
+waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles so sorgf&auml;ltig
+geschlossen, weil es Westm&#363;sson war und man also auf Regen gefasst
+sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem Reisewagen, in dem
+man eine gute Strecke Wegs hin und her ger&uuml;ttelt ist, nicht so
+leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist, sich wohl
+vorstellen mag. Ungef&auml;hr wie bei den Sauriern der Urwelt, die
+durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil des Thons
+oder Lehms ausmachen, in den sie anf&auml;nglich nicht mit der Absicht
+gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden, die ein
+bisschen eng zusammengep&ouml;kelt und in gezwungener Haltung zu lange
+in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren, was ich
+Assimilierung zu nennen vorschlagen m&ouml;chte. Man weiss schliesslich
+nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufh&ouml;rt und wo die
+Ichheit anf&auml;ngt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd, dass man
+in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den man f&uuml;r
+Mottenfrass in der Reisedecke h&auml;lt, oder umgekehrt.</p>
+<p>Es giebt wenig Verh&auml;ltnisse in der stofflichen Welt, die dem
+denkenden Menschen nicht Veranlassung g&auml;ben, auf der Ebene des
+Verstandes adaequate Schl&uuml;sse zu ziehen, und so habe ich mich oft
+gefragt, ob nicht viele Irrt&uuml;mer, die unter uns Kraft des Gesetzes
+haben, ob nicht viele &raquo;Schiefheiten&laquo;, die wir f&uuml;r
+&raquo;Recht&laquo; halten, daraus resultieren, dass man zu lange mit
+derselben Gesellschaft in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein,
+das du da links so weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel
+und den Korb mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag
+gedr&uuml;ckt hieltest, damit die Dame dir gegen&uuml;ber nicht auf den
+Gedanken kam, dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne
+habest ... der mit H&uuml;hneraugen geschm&uuml;ckte Fuss, der so bange
+war vor den Abs&auml;tzen des Commis voyageur neben dir ... der Hals,
+den du so lange links wenden musstest, weil es tr&ouml;pfelte auf der
+rechten Seite ... sieh, das werden auf diese Weise schliesslich alles
+<span class="pagenum">[<a id="pb73" href="#pb73" name="pb73">73</a>]</span>H&auml;lser und Kniee und F&uuml;sse, die so etwas
+Verdrehtes bekommen. Ich halte es f&uuml;r gut, von Zeit zu Zeit mal
+Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man kann dann seinen Hals
+mal anders wenden, bewegt dann und wann seine Kniee, und vielleicht
+sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen neben uns, oder ein kleiner
+Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den Boden reichen. Man hat dann
+mehr Aussicht, dass man gerade sieht und gerade l&auml;uft, sobald man
+wieder festen Boden unter die F&uuml;sse kriegt.</p>
+<p>Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich
+etwas der &raquo;Aufhebung der Kontinuit&auml;t&laquo; widersetzte,
+weiss ich nicht, doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum
+Vorschein kam. Es schien da ein H&ouml;flichkeitswettstreit
+gef&uuml;hrt zu werden. Man vernahm die Worte: &raquo;bitte sch&ouml;n,
+Mevrouw!&laquo; und &raquo;bitte sch&ouml;n, Herr Resident!&laquo;
+Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung und
+Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte, von denen
+ich eben sprach. Da wir ihn sp&auml;ter wiedersehen werden, will ich
+euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht ausschliesslich
+der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben werden darf, sondern
+dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk in der N&auml;he war,
+eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bed&auml;chtigkeit an den Tag
+legte, die manchen Saurier neidisch machen w&uuml;rde und die in den
+Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, M&auml;ssigung und
+Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europ&auml;er in Indien, sehr
+bleich, was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur
+m&auml;ssiger Gesundheit gilt, und er hatte feine Z&uuml;ge, die wohl
+von Entwicklung des Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse K&auml;lte
+in seinem Blick, etwas, das an die Logarithmentafel erinnerte, und
+obwohl seine Erscheinung im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend
+war, konnte man sich doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine
+ziemlich grosse, magere Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so
+wenig darauf vorging.</p>
+<p>Mit H&ouml;flichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr
+<span class="pagenum">[<a id="pb74" href="#pb74" name="pb74">74</a>]</span>beim Aussteigen beh&uuml;lflich zu sein, und
+nachdem diese von einem Herrn, der noch im Wagen sass, ein Kind in
+Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden Jungen von etwa drei
+Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf folgte der Herr selbst,
+und wer auf Java Bescheid wusste, dem w&uuml;rde es als eine
+Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag wartete, um
+einer alten javanischen &sbquo;babu&lsquo;, einer Kindsmagd, das
+Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten
+sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten am
+Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem R&uuml;cken ihrer
+Mutter.</p>
+<p>Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem
+Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung
+annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gef&uuml;hl anzumerken, dass
+sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es war
+der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak eine
+Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt, eine
+Assistent-Residentschaft ist.</p>
+<p>Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach &uuml;ber
+die geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums
+ge&auml;rgert und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass
+sie etwas schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen
+m&uuml;sste, um hier nicht von <span class="letterspaced">Humor</span>
+zu sprechen, diesem eigent&uuml;mlichen Etwas, das beinahe
+durchg&auml;ngig aufs allerj&auml;mmerlichste mit dem <span class="letterspaced">Komischen</span> in einen Topf geworfen wird. Man
+f&uuml;hrt eine Person redend ein, die die Sprache nicht versteht oder
+sie schlecht spricht, man l&auml;sst einen Franzosen das wunderlichste
+Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns nimmt man jemanden,
+der stottert, oder man schafft eine Person, die ihr Steckenpferd reitet
+mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich habe ein fabelhaft
+dummes Vaudeville &raquo;durchschlagen&laquo; sehen, weil darin jemand
+vorkam, der ewig sagte: &raquo;Mein Name ist Meyer.&laquo; Mich
+d&uuml;nken solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit
+<span class="pagenum">[<a id="pb75" href="#pb75" name="pb75">75</a>]</span>zu sagen, ich bin b&ouml;s auf euch, Leser, wenn
+ihr so etwas spasshaft findet.</p>
+<p>Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuf&uuml;hren. Ich muss
+von Zeit zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen&mdash;ich werde es so
+selten wie m&ouml;glich thun&mdash;der in der That eine Art zu sprechen
+hatte, welche mich f&uuml;rchten l&auml;sst, dass ich in den Verdacht
+eines missgl&uuml;ckten Versuchs, euch zum Lachen zu bringen, komme,
+und darum muss ich euch ausdr&uuml;cklich versichern, dass es nicht
+<span class="letterspaced">meine</span> Schuld ist, wenn
+Hochwohlgeboren der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede
+ist, sich so sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine
+Wiedergabe, ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den
+Effekt der Witzigkeit in einem &raquo;tic&laquo;, grosse
+Schwierigkeiten macht. Er sprach n&auml;mlich in einem Tonfall, als ob
+hinter jedem Wort ein Punkt st&auml;nde, oder gar ein langes
+Ruhezeichen, und ich kann f&uuml;r den Raum zwischen seinen Worten
+keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille, die nach einem
+langen Gebet in der Kirche auf das &raquo;Amen&laquo; folgt, das, wie
+jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz zu
+wechseln, zu husten oder sich zu schn&auml;uzen. Was er sagte, war
+gew&ouml;hnlich gut &uuml;berlegt, und wenn er sich die unzeitigen
+Ruhepunkte h&auml;tte abgew&ouml;hnen k&ouml;nnen, so w&uuml;rde
+meistens das Gesagte, aus einem dialektischen Gesichtspunkte
+wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt haben. Aber all das
+Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das Anh&ouml;ren
+beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal dar&uuml;ber. Denn
+gew&ouml;hnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten
+Meinung, dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Erg&auml;nzung des
+Fehlenden dem Scharfsinn seiner Zuh&ouml;rer &uuml;berlasse, kamen die
+noch fehlenden Worte als Nachz&uuml;gler eines geschlagenen Heeres
+hintenan und liessen empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war,
+was immer unangenehm ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern
+es nicht in Diensten der Regierung stand&mdash;ein Umstand, der die
+meisten etwas vorsichtig macht&mdash;nannte sein <span class="pagenum">[<a id="pb76" href="#pb76" name="pb76">76</a>]</span>Sprechen
+&raquo;schleimig&laquo;. Ich finde dies Wort nicht sehr geschmackvoll,
+doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft von des Residenten
+Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.</p>
+<p>Ich habe von <span class="letterspaced">Max Havelaar</span> und
+seiner Frau&mdash;denn das waren die beiden Personen, die nach dem
+Residenten mit ihrem Kinde und dessen W&auml;rterin, der
+&sbquo;babu&lsquo;, aus dem Wagen gekommen waren&mdash;noch nichts
+gesagt, und vielleicht w&uuml;rde es gen&uuml;gen, die Feststellung
+ihrer Erscheinung und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des
+Lesers eigener Vorstellung zu &uuml;berlassen. Da ich gleichwohl nun
+einmal am Beschreiben bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar
+nicht sch&ouml;n war, dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut
+lag, und dass sie in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren
+untr&uuml;glich erkennen liess, dass sie in der Welt gewesen und in den
+h&ouml;heren Klassen der Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das
+Steife und Unbehagliche des b&uuml;rgerlichen Anstandes, der, um
+f&uuml;r &raquo;distinguiert&laquo; durchzugehen, sich und andere mit
+&raquo;g&ecirc;ne&laquo; glaubt plagen zu m&uuml;ssen, und sie hing
+denn auch nicht an viel &Auml;usserlichkeiten, die f&uuml;r manch
+andere Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein
+Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer
+Einfassung&mdash;ich glaube, dass man in Europa so ein
+Kleidungsst&uuml;ck ein Morgenkleid nennen w&uuml;rde&mdash;war ihr
+Reisekleid. Um den Hals trug sie eine d&uuml;nne seidene Schnur, an der
+zwei kleine Medaillons hingen, die man aber nicht zu sehen bekam, da
+sie in den Falten vor ihrer Brust verborgen waren. Die Haare trug sie
+&agrave; la chinoise, und ein Kr&auml;nzchen von Melattiblumen
+schm&uuml;ckte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.</p>
+<p>Ich sagte, dass sie nicht sch&ouml;n war, und doch m&ouml;chte ich
+nicht gern, dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie
+sch&ouml;n finden werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in
+ihrer Entr&uuml;stung zu zeigen &uuml;ber das, was sie
+&raquo;Verkennung des Genies&laquo; nannte, wenn ihr angebeteter Max
+<span class="pagenum">[<a id="pb77" href="#pb77" name="pb77">77</a>]</span>im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte,
+der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist
+gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man
+noch etwas g&auml;be auf den Portr&auml;twert eines unbeweglichen
+Gesichts, das nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele
+mangelt. Nun, <span class="letterspaced">sie</span> hatte eine
+sch&ouml;ne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht auch ihr
+Gesicht sch&ouml;n zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.</p>
+<p>Havelaar war ein Mann von f&uuml;nfunddreissig Jahren. Er war
+schlank, und behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und
+beweglichen Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn
+er in ruhiger Stimmung war, etwas Tr&auml;umerisches hatten, doch Feuer
+spr&uuml;hten, wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner
+Erscheinung nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen
+glatt an den Schl&auml;fen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass
+wenige, die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen
+w&uuml;rden, dass sie jemanden vor sich h&auml;tten, der, was Kopf und
+Herz angeht, zu den Seltenheiten geh&ouml;rt. Er war ein
+&raquo;Gef&auml;ss voll Widerspr&uuml;chen&laquo;. Scharf wie eine
+Lanzette und sanft wie ein M&auml;dchen, f&uuml;hlte er selbst immer am
+ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und er
+litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen,
+erfasste sogleich das H&ouml;chste, Verwickeltste, spielte gern mit der
+L&ouml;sung schwieriger Fragen, wandte daf&uuml;r alle M&uuml;he, alles
+Studium, alle Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die
+einfachste Sache nicht, die ein Kind ihm h&auml;tte auslegen
+k&ouml;nnen. Voll Liebe f&uuml;r Wahrheit und Recht,
+vernachl&auml;ssigte er manchmal seine einfachsten,
+n&auml;chstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen,
+das h&ouml;her oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich
+gr&ouml;ssere Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war
+ritterlich und mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote
+seine Tapferkeit manchmal an eine Windm&uuml;hle. Er gl&uuml;hte von
+uners&auml;ttlichem Ehrgeiz, der <span class="pagenum">[<a id="pb78"
+href="#pb78" name="pb78">78</a>]</span>ihm allen herk&ouml;mmlichen
+Unterschied im gesellschaftlichen Leben als nicht bestehend erscheinen
+liess, und doch lag ihm das gr&ouml;sste Gl&uuml;ck in einem ruhigen,
+h&auml;uslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im h&ouml;chsten Sinne
+des Worts, ertr&auml;umte er sich Sonnensysteme aus einem Funken,
+bev&ouml;lkerte sie mit Gesch&ouml;pfen seiner Erfindung, f&uuml;hlte
+sich Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch
+konnte er gleich darauf ohne die mindeste Tr&auml;umerei sehr gut ein
+Gespr&auml;ch f&uuml;hren &uuml;ber den Preis des Reises, &uuml;ber
+Sprachregeln, &uuml;ber die &ouml;konomischen Vorteile einer
+&auml;gyptischen H&uuml;hnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft war ihm
+ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem Masse
+die Gabe, das Wenige, das er wusste&mdash;jeder weiss wenig, und er,
+vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel
+keine Ausnahme&mdash;das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass
+seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war p&uuml;nktlich und ordentlich
+und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil
+P&uuml;nktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist
+etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung
+von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn seine
+Schlussfolgerungen &auml;ussern h&ouml;rte. Seine Eindr&uuml;cke waren
+zu lebendig, als dass man sie f&uuml;r dauernd halten mochte, und doch
+bewies er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und
+erhaben war, lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie
+ein Kind. Er war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut
+&uuml;berging, und h&auml;tte Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt
+gelassen, weil er Tausende weggeschenkt hatte. Er war
+geistspr&uuml;hend und unterhaltend, wenn er f&uuml;hlte, dass sein
+Geist begriffen w&uuml;rde, aber sonst zugekn&ouml;pft und
+zur&uuml;ckgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte
+er&mdash;zu schnell bisweilen&mdash;zu seinem Freunde alles, was litt.
+Er war empf&auml;nglich f&uuml;r Liebe und Anh&auml;nglichkeit ... treu
+seinem gegebenen Wort ... schwach in Kleinigkeiten, doch standhaft bis
+zum Eigensinn, wo es ihm der M&uuml;he wert schien, Charakter zu zeigen
+... <span class="pagenum">[<a id="pb79" href="#pb79" name="pb79">79</a>]</span>dem&uuml;tig und wohlwollend denen gegen&uuml;ber,
+die sein geistiges &Uuml;bergewicht anerkannten, doch ein
+hartn&auml;ckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen
+dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbek&uuml;mmertheit,
+doch ebenso auch manchmal zur&uuml;ckhaltend, wo er f&uuml;rchtete, man
+werde seine Aufrichtigkeit f&uuml;r Unverstand ansehen ... f&uuml;r
+sinnlichen wie f&uuml;r geistigen Genuss gleicherweise empf&auml;nglich
+... bedr&uuml;ckt und schlecht bei Worten, wo er glaubte, nicht
+begriffen zu werden, aber einer ausserordentlichen Sprache
+m&auml;chtig, wenn er f&uuml;hlte, dass seine Worte auf willigen Boden
+fielen ... l&auml;ssig, wenn nicht ein Reiz aus der eigenen Seele ihn
+antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo dies wohl der Fall
+war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren und untadelhaft im
+Wandel: so m&ouml;gt ihr euch Havelaar ungef&auml;hr denken!</p>
+<p>Ich sage: ungef&auml;hr. Denn wenn &uuml;berhaupt schon alle
+Festlegungen schwierig sind, so gilt dies vor allem von der
+Beschreibung einer Person, die sehr weit von der allt&auml;glichen
+Grundform abweicht. Dem Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein,
+dass Romandichter ihre Helden gew&ouml;hnlich zu Teufeln oder zu Engeln
+machen. Schwarz oder weiss l&auml;sst sich leicht ein Bild entwerfen,
+aber schwieriger ist die exakte Wiedergabe von Schattierungen, die
+dazwischen liegen, wenn man sich an die Wahrheit bindet und also die
+Farbe weder zu dunkel noch zu hell halten will. Ich f&uuml;hle, dass
+die Skizze, die ich von Havelaar zu geben versuchte, <span class="corr"
+id="xd20e1760" title="Quelle: h&ouml;cht">h&ouml;chst</span>
+unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir vorliegen, sind in ihrer Art
+so voneinander abweichend, dass sie mich durch &Uuml;bermass von
+Reichtum in meinem Urteil zur&uuml;ckhalten, und ich werde also
+vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich mitzuteilen
+w&uuml;nsche, zur Erg&auml;nzung auf dies Gebiet zur&uuml;cklenken.
+<span class="letterspaced">Das</span> ist gewiss, er war ein
+aussergew&ouml;hnlicher Mensch und wohl die M&uuml;he der
+Ergr&uuml;ndung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich vers&auml;umt
+habe, als einen seiner Hauptz&uuml;ge anzugeben, dass er die
+l&auml;cherliche und die ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu
+gleicher <span class="pagenum">[<a id="pb80" href="#pb80" name="pb80">80</a>]</span>Zeit erfasste, welcher Eigenschaft seine Weise zu
+sprechen, ohne dass er selbst dies wusste, eine Art Humor entlehnte,
+der seine Zuh&ouml;rer fortw&auml;hrend in Zweifel brachte, ob sie
+ger&uuml;hrt waren von dem tiefen Gef&uuml;hl, das in seinen Worten
+lebte, oder ob sie lachen sollten &uuml;ber die Komik, die auf einmal
+dem Ernst der Sache Abbruch that.</p>
+<p>Auffallend war es, dass sein &Auml;usseres und selbst sein Empfinden
+so wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das R&uuml;hmen
+der Erfahrung ist ein l&auml;cherlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt
+Leute, die f&uuml;nfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in
+dem sie zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig
+anderes zu erz&auml;hlen w&uuml;ssten, als dass sie von der A-gracht
+nach der B-strasse verzogen waren. Nichts ist allt&auml;glicher, als
+dass man auf seine Erfahrung pochen h&ouml;rt, und just vonseiten
+jener, die ihre grauen Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder
+meinen ihre Anspr&uuml;che auf Erfahrung auf wirklich erlittene
+Schicksalswendungen gr&uuml;nden zu d&uuml;rfen, ohne dass aber an
+irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch diese Ver&auml;nderungen in
+ihrem Seelenleben ber&uuml;hrt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass
+das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, ja, selbst das
+unmittelbare Ber&uuml;hrtwerden von denselben wenig oder keinen
+Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gem&uuml;tern, die nicht
+zuger&uuml;stet sind mit der Empf&auml;nglichkeit, Eindr&uuml;cke
+aufzufangen und zu verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob
+man Erfahrung all den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die
+vierzig oder f&uuml;nfzig Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle
+waren doch Menschen, die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann,
+nicht allein hatten auff&uuml;hren sehen, sondern sogar in mehr oder
+minder gewichtigen Rollen dieses Drama mitgespielt hatten.</p>
+<p>Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von
+Empfindungen ber&uuml;hrt, ohne dass die &auml;usseren Umst&auml;nde
+hierzu Veranlassung zu geben scheinen. Man denke an die
+Crus&oelig;-Romane, an Silvio Pellicos Gefangenschaft, <span class="pagenum">[<a id="pb81" href="#pb81" name="pb81">81</a>]</span>an das
+allerliebste &raquo;Picciola&laquo; von Saintine, an den Kampf in der
+Brust einer &sbquo;alten Jungfer&lsquo;, die ihr ganzes Leben hindurch
+<span class="letterspaced">eine</span> Liebe hegte, ohne je durch ein
+Wort zu verraten, was in ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des
+Menschenfreundes, der, ohne &auml;usserlich mit dem Lauf der
+Geschehnisse verkn&uuml;pft zu sein, ein feuriges Interesse hat am
+Wohlsein von Mitb&uuml;rger oder Mitmensch. Man stelle sich vor, wie er
+wechselnd hofft und f&uuml;rchtet, wie er jede Ver&auml;nderung
+beobachtet, sich begeistert f&uuml;r einen sch&ouml;nen Gedanken und
+gl&uuml;ht vor Entr&uuml;stung, wenn er ihn verdr&auml;ngt und
+zertreten sieht von den vielen, die, f&uuml;r einen Augenblick
+wenigstens, st&auml;rker waren als jener sch&ouml;ne Gedanke. Man denke
+an den Philosophen, der von seiner Zelle aus das Volk zu lehren
+trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, dass seine Stimme
+&uuml;berschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder von
+gewinns&uuml;chtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates
+vor&mdash;nicht, da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die
+Erfahrung des Gem&uuml;ts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch
+&auml;ussere Umst&auml;nde veranlasst wird&mdash;wie bitter
+betr&uuml;bt seine Seele gewesen sein muss, dass er, der das Gute und
+Wahre suchte, sich &raquo;einen Verderber der Jugend und einen
+Ver&auml;chter der G&ouml;tter&laquo; nennen h&ouml;rte.</p>
+<p>Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf
+Jerusalem hinschaut und dar&uuml;ber klagt, &raquo;dass es nicht
+gewollt habe&laquo;.</p>
+<p>Solch ein Schmerzensschrei&mdash;<span class="letterspaced">vor</span> Giftbecher oder Kreuzholz&mdash;l&ouml;st
+sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, viel
+gelitten, da ist <span class="letterspaced">Erfahrung</span>!</p>
+<p>Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und sie
+bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das den
+Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, mehr
+denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg,
+Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und
+&raquo;Lieben&laquo; in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele
+L&auml;nder besucht und Umgang <span class="pagenum">[<a id="pb82"
+href="#pb82" name="pb82">82</a>]</span>gehabt mit Leuten von allerlei
+Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, Religionen und Gesichtsfarbe.</p>
+<p>Was also die Lebensumst&auml;nde angeht, <span class="letterspaced">konnte</span> er viel erfahren haben. Und dass er
+wirklich viel erfahren <span class="letterspaced">hatte</span>, dass er
+nicht durch das Leben gegangen war, ohne die Eindr&uuml;cke
+aufzufangen, die es ihm so im &Uuml;berfluss anbot, daf&uuml;r
+m&ouml;ge uns die Beweglichkeit seines Geistes und die
+Empf&auml;nglichkeit seines Gem&uuml;ts B&uuml;rge sein.</p>
+<p>Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten
+konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig
+auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Z&uuml;gen
+etwas wie M&uuml;digkeit, doch das liess eher auf fr&uuml;hreife Jugend
+als auf nahendes Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch
+wiederum sein, denn in Indien ist der Mann von f&uuml;nfunddreissig
+Jahren nicht jung mehr.</p>
+<p>Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie
+ein Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass
+&sbquo;der kleine Max&lsquo; noch zu jung sei, Drachen steigen zu
+lassen, denn er, &sbquo;der grosse Max&lsquo;, hatte viel
+Vergn&uuml;gen hieran. Mit Jungens &uuml;bte er
+&sbquo;Bockspringen&lsquo;, und er zeichnete sehr gern ein Muster
+f&uuml;r die Stickereiarbeit der M&auml;dchen. Er nahm gar mehrfach
+diesen die Nadel aus der Hand und hatte seinen Spass an dieser Arbeit,
+obschon er &ouml;fters sagte, dass sie wohl etwas Besseres thun
+k&ouml;nnten als dies &sbquo;maschinelle Stichez&auml;hlen&lsquo;. Bei
+jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern
+sein &sbquo;Patriam canimus&lsquo; mitsang oder &sbquo;Gaudeamus
+igitur&lsquo; ... ja, ich bin mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht
+noch sehr kurze Zeit vorher, als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein
+Firmenschild abbrach, das ihm nicht behagte, weil ein Neger darauf
+gemalt war, der niedergekauert sass zu den F&uuml;ssen eines
+Europ&auml;ers mit einer langen Pfeife im Mund, und worunter
+nat&uuml;rlich zu lesen stand: &sbquo;<span lang="nl-1900">de rookende
+jonge koopman</span>&lsquo;.</p>
+<p>Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich <span class="pagenum">[<a id="pb83" href="#pb83" name="pb83">83</a>]</span>allen
+Babus in Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von
+Dienstpersonal kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie
+aussah. Und wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von
+anderen Kinderm&auml;dchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr
+wenig zu thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von
+F&uuml;rsorge f&uuml;r ihr Kind, und was es f&uuml;r den kleinen Max
+oder mit ihm zu thun gab, that sie selbst, zur grossen Verwunderung
+vieler anderer Damen, die es nicht gut fanden, dass man sich zur
+&sbquo;Sklavin seiner Kinder&lsquo; mache. <span class="pagenum">[<a id="pb84" href="#pb84" name="pb84">84</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch7" class="div1">
+<h2>Siebentes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Der Resident von Bantam stellte den Regenten und
+den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar
+begr&uuml;sste beide Beamte h&ouml;flich. Dem Kontrolleur&mdash;die
+Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches&mdash;nahm er
+durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von
+vornherein eine Art Vertraulichkeit einf&uuml;hren, die den Verkehr
+erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war
+gegen&uuml;ber einer Person, die den goldenen Pajong f&uuml;hrt, aber
+gleichzeitig auch sein &raquo;j&uuml;ngerer Bruder&laquo; sein sollte.
+Mit feiner Liebensw&uuml;rdigkeit sprach er seinen Tadel &uuml;ber
+dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter
+ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung gef&uuml;hrt h&auml;tte, was
+denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der
+Etikette nicht h&auml;tte thun brauchen.</p>
+<p>&mdash;Wahrlich, m&rsquo;nheer de Adhipatti, ich bin b&ouml;s auf
+Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel M&uuml;he gegeben habt! Ich
+dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.</p>
+<p>&mdash;Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald
+wie m&ouml;glich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte
+der Adhipatti.</p>
+<p>&mdash;Gewiss, gewiss, ich f&uuml;hle mich sehr geehrt! Doch ich
+sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich
+allzusehr bem&uuml;hen. Und dazu noch zu Pferde! <span class="pagenum">[<a id="pb85" href="#pb85" name="pb85">85</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Ja, M&rsquo;nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich
+ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.</p>
+<p>&mdash;Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr,
+Resident?</p>
+<p>&mdash;Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.</p>
+<p>&mdash;Gut, aber es giebt da eine Grenze.</p>
+<p>&mdash;Eifrig, schleppte der Resident hinterher.</p>
+<p>&mdash;Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch
+einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt
+wieder zur&uuml;ckschlucken. Wenn Sie&rsquo;s f&uuml;r gut befinden,
+Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben,
+wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau
+nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz
+genug.</p>
+<p>&mdash;Es. Ist. Mir.</p>
+<p>&mdash;Verbrugge, wir werden auch f&uuml;r Sie einen Platz haben.
+Ich seh nicht ein ...</p>
+<p>&mdash;Recht! sagte der Resident.</p>
+<p>&mdash;Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde
+durch den Morast kleppern sollen ... es ist f&uuml;r uns alle Platz
+genug. Wir k&ouml;nnen dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen.
+Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen
+Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser
+Junge ... unser Max!</p>
+<p>Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen.
+Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter
+Schabracke geh&ouml;re. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo
+gen&auml;hert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte
+Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:</p>
+<p>&mdash;Ist der Regent immer so diensteifrig?</p>
+<p>&mdash;Er ist ein r&uuml;stiger Mann f&uuml;r seine Jahre,
+M&rsquo;nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen
+guten Eindruck auf Sie machen m&ouml;chte. <span class="pagenum">[<a id="pb86" href="#pb86" name="pb86">86</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm geh&ouml;rt
+... er besitzt Bildung, nicht wahr?</p>
+<p>&mdash;O ja ...</p>
+<p>&mdash;Und er hat eine grosse Familie, wie?</p>
+<p>Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen &Uuml;bergang
+nicht. Das war denn auch manchmal f&uuml;r jemanden, der ihn nicht
+kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in
+Gespr&auml;chen h&auml;ufig einige Glieder in der logischen Kette
+&uuml;berschlagen, und wenn dieser &Uuml;bergang auch in <span class="letterspaced">seinen</span> Gedanken ohne Stockung vor sich ging, so
+war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche
+Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht &uuml;bel zu deuten, wenn er bei
+solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf
+den Lippen: bist du verr&uuml;ckt ... oder wie soll ich das sonst
+verstehen?</p>
+<p>So etwas konnte man denn auch in den Z&uuml;gen Verbrugges gewahren,
+und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:</p>
+<p>&mdash;Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.</p>
+<p>&mdash;Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr
+Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den
+Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang best&uuml;nde
+zwischen diesen Moscheen und der &sbquo;grossen Familie&lsquo; des
+Regenten.</p>
+<p>Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet
+werde.</p>
+<p>&mdash;Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir
+nun einmal, ob da viel r&uuml;ckst&auml;ndig ist in der Bezahlung der
+Landrenten?</p>
+<p>&mdash;Ja, das k&ouml;nnte wohl besser sein ...</p>
+<p>&mdash;Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte
+Havelaar, als f&auml;nde er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch
+ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass
+Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich
+auf die Antwort besinnen, <span class="pagenum">[<a id="pb87" href="#pb87" name="pb87">87</a>]</span>kam ihm Havelaar zuvor und setzte
+seine Rede in <span class="letterspaced">einem</span> Atem also
+fort:</p>
+<p>&mdash;Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und
+einige hunderte ... f&uuml;nfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ...
+doch nur sechstausend &uuml;ber das Jahr &rsquo;55. Das ist seit
+&rsquo;53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die
+Bev&ouml;lkerung ist sehr d&uuml;nn ... nun ja, Malthus! In zw&ouml;lf
+Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Sch&auml;tzung
+ist noch kein Verlass, denn die Z&auml;hlungen waren fr&uuml;her sehr
+ungenau ... und sind&rsquo;s noch! Von &rsquo;50 zu &rsquo;51 besteht
+sogar ein R&uuml;ckgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte
+... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie
+doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ...
+wollen mal hingehen, Max!</p>
+<p>Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu
+lehren haben w&uuml;rde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem
+&Uuml;bergewicht durch &sbquo;lokale Anciennet&auml;t&lsquo;, was der
+gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.</p>
+<p>&mdash;Aber es ist nat&uuml;rlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max
+auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr
+erfreut dar&uuml;ber ... und die Aufst&auml;ndischen in den Lampongs
+auch. Ich m&ouml;chte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen,
+M&rsquo;nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und
+wir m&uuml;ssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch
+immer Distriktsh&auml;uptling? Alles in allem halte ich ihn f&uuml;r
+eine Person, die R&uuml;cksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich
+freue mich recht, dass hier alles so zur&uuml;ckgeblieben und so
+&auml;rmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.</p>
+<p>Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den
+Tisch zur&uuml;ckkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und
+Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als f&uuml;nf
+Minuten fr&uuml;her, dass &raquo;der Havelaar so verr&uuml;ckt nicht
+war&laquo;, wie der Kommandant meinte. Verbrugge <span class="pagenum">[<a id="pb88" href="#pb88" name="pb88">88</a>]</span>war
+keineswegs von Verstande entbl&ouml;sst, und er, der die Abteilung
+Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts
+gedruckt wird, von <span class="letterspaced">einer</span> Person
+&uuml;berhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch
+Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen
+Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl
+er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da
+vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude &uuml;ber die
+Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt
+verstanden haben m&uuml;sse. Sp&auml;ter allerdings, als Havelaar
+mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Gr&ouml;sse und
+Adel hinter dieser Freude steckte.</p>
+<p>Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete,
+indem man den Thee einnahm und &uuml;ber gleichg&uuml;ltige Dinge
+sprach, bis Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde
+vorgespannt seien. Man packte sich so gut wie m&ouml;glich in den Wagen
+und fuhr davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig.
+Der kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter,
+die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, dass
+sie erm&uuml;det sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren
+Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in
+einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen
+Assistent-Residenten schon &uuml;ber Mevrouw Slotering gesprochen
+habe.</p>
+<p>&mdash;M&rsquo;nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.</p>
+<p>&mdash;Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns
+bleiben. Ich m&ouml;chte einer Dame ...</p>
+<p>&mdash;Dass. Es. Gut. W&auml;re ... schleppte der Resident mit
+vieler M&uuml;he hinterher.</p>
+<p>&mdash;Ich m&ouml;chte einer Dame in <span class="letterspaced">ihren</span> Umst&auml;nden nicht gern mein Haus
+verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?</p>
+<p>Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verst&uuml;nde.
+<span class="pagenum">[<a id="pb89" href="#pb89" name="pb89">89</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Sie haben zwei H&auml;user in Rangkas-Betung, sagte
+Verbrugge. <span class="corr" id="xd20e1915" title="Quelle: Est">Es</span> ist Raum in &Uuml;berfluss vorhanden f&uuml;r
+zwei Familien.</p>
+<p>&mdash;Nun, wenn das auch nicht der Fall w&auml;re ...</p>
+<p>&mdash;Ich. Wagte. Es. Ihr.</p>
+<p>&mdash;Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt&rsquo;s gar
+keinen Zweifel!</p>
+<p>&mdash;Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.</p>
+<p>&mdash;Und w&auml;ren es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb
+n&auml;hmen bei uns.</p>
+<p>&mdash;Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.</p>
+<p>&mdash;Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unm&ouml;glich,
+Resident!</p>
+<p>Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde,
+setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erkl&auml;rung, dass Frau
+Slotering unm&ouml;glich reisen k&ouml;nne. Jeder hatte
+pflichtgem&auml;ss sein erschrecktes &raquo;hopsa!&laquo; gerufen, das
+auf solchen Stoss folgt, Max hatte in seiner Mutter Schoss die Banane
+wiedergefunden, die er durch den Ruck verloren hatte, und schon war man
+ein ganzes Ende dem demn&auml;chst zu erwartenden Morastloch
+n&auml;her, als endlich der Resident beschliessen konnte, seinen Satz
+zu vollenden, indem er hinzuf&uuml;gte:</p>
+<p>&mdash;Eine. Eingeborne. Frau.</p>
+<p>&mdash;O, das bleibt sich gleich, suchte <span class="corr" id="xd20e1939" title="Quelle: Mevrouv">Mevrouw</span> Havelaar
+verst&auml;ndlich zu machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden,
+dass die Sache geregelt sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach
+man das Gespr&auml;ch ab.</p>
+<p>Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars
+Vorg&auml;nger, der zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem
+darauf vorl&auml;ufig die Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten
+&uuml;bertragen waren, h&auml;tte das Recht gehabt, w&auml;hrend dieser
+Zeit die ger&auml;umige Wohnung einzunehmen, die zu Rangkas-Betung so
+wie in jeder Abteilung von Landeswegen f&uuml;r das Oberhaupt der
+Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies jedoch nicht
+gethan, zum <span class="pagenum">[<a id="pb90" href="#pb90" name="pb90">90</a>]</span>Teil, weil er vielleicht f&uuml;rchtete, zu bald
+wieder ausziehen zu m&uuml;ssen, zum Teil, um die Benutzung derselben
+jener Dame mit ihren Kindern zu &uuml;berlassen. Hinwiederum w&auml;re
+Raum genug gewesen, denn ausser der sehr grossen
+Assistent-Residentenwohnung selbst stand daneben auf demselben
+&raquo;Erbe&laquo; noch ein anderes Haus, das fr&uuml;her dieser
+Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen bauf&auml;lligen
+Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.</p>
+<p>Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr F&uuml;rsprecher
+bei dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die
+Benutzung des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie
+in einigen Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem
+Havelaar und seine Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in
+ihrer Art lag, denn gastfrei und h&uuml;lfbereit waren sie in
+h&ouml;chstem Masse.</p>
+<p>Wir h&ouml;rten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine
+&raquo;eingeborene Frau&laquo; sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir
+werden ihr sp&auml;ter wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und
+dem kleinen Max in der Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten
+zu Rangkas-Betung, wo unsere Reisegesellschaft nach langem
+Ger&uuml;ttel und Gesch&uuml;ttel endlich wohlbehalten ankam, Thee
+trinken.</p>
+<p>Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen
+Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu
+erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zur&uuml;ckkehren
+m&ouml;chte:</p>
+<p>&mdash;Weil. Er.</p>
+<p>Havelaar erkl&auml;rte sich demgem&auml;ss zu aller Eile bereit
+...</p>
+<p>&mdash;So. Dr&auml;ngend. Zu thun. Habe.</p>
+<p>... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man &uuml;ber eine
+halbe Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich
+wieder zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte
+schon mehrere Tage vorher den Distriktsh&auml;uptlingen, dem Patteh,
+dem Kliwon, dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und
+<span class="pagenum">[<a id="pb91" href="#pb91" name="pb91">91</a>]</span>schliesslich allen inl&auml;ndischen Beamten, die
+dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, Befehl gegeben, sich am
+Hauptplatze zu versammeln.</p>
+<p>Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar
+besah ihre neue Wohnung und <span class="corr" id="xd20e1965" title="Quelle: wahr">war</span> sehr entz&uuml;ckt von ihr, vor allem weil
+der Garten gross war, was ihr so gut schien f&uuml;r den kleinen Max,
+der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre
+Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, der
+stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kost&uuml;m
+erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, die
+entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder zum
+Gefolge der aufgerufenen H&auml;uptlinge geh&ouml;rten. Die Polizei-
+und Bureauaufseher liefen gesch&auml;ftig hin und her. Kurzum, alles
+zeigte an, dass die Eint&ouml;nigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen
+Erde in der Westecke Javas f&uuml;r einen Augenblick von regem Leben
+unterbrochen war.</p>
+<p>Alsbald fuhr der sch&ouml;ne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt
+herauf. Der Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch
+ein wenig &uuml;ber ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben
+sich nach der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und
+Gamlangs empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm
+bespritztes Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die
+H&auml;uptlinge geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach
+orientalischer Sitte auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen
+Galerie stand ein Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der
+Assistent-Resident, der Kontrolleur und sechs H&auml;uptlinge Platz
+nahmen. Man reichte Thee mit Geb&auml;ck herum, und die einfache
+Feierlichkeit nahm ihren Anfang.</p>
+<p>Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des
+Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten
+von Bantan-Kidul oder S&uuml;d-Bantam ernannt war, wie Lebak von den
+Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das &raquo;Staatsblatt&laquo;
+zur Hand, worin der Eid <span class="pagenum">[<a id="pb92" href="#pb92" name="pb92">92</a>]</span>stand, der bei Antritt eines Amtes
+allgemein vorgeschrieben ist und der besagt:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;... dass man, um zur W&uuml;rde des * * * *
+ernannt oder bef&ouml;rdert zu werden, niemandem etwas versprochen oder
+gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man
+unersch&uuml;tterlich treu sein werde Seiner Majest&auml;t dem
+K&ouml;nig der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner
+Majest&auml;t in den Indischen Regionen; dass man peinlich
+erf&uuml;llen und erf&uuml;llen lassen werde die Gesetze und
+Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben w&uuml;rden, und dass man
+sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier:
+Assistent-Residenten) gezieme.&laquo;</p>
+</div>
+<p><span class="corr" id="xd20e1979" title="Quelle: Daurauf">Darauf</span> folgte nat&uuml;rlich das sakramentale:
+&raquo;So wahr mir helfe Gott der Allm&auml;chtige!&laquo;</p>
+<p>Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in
+diesen Eid h&auml;tte eigentlich betrachtet werden m&uuml;ssen das
+Gel&ouml;bnis: &raquo;der eingeborenen Bev&ouml;lkerung Schutz
+gew&auml;hren zu wollen vor Aussaugung und Unterdr&uuml;ckung&laquo;.
+Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden Gesetze und
+Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf die
+diesbez&uuml;glichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen,
+dass eigentlich ein besonderer Eid hierf&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig
+sei. Doch der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des
+Guten nicht zu viel gethan werden k&ouml;nne, wenigstens man fordert
+von dem Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese
+Verpflichtung bez&uuml;glich des geringen Mannes noch einmal
+ausdr&uuml;cklich ausgesprochen ist. Havelaar musste also ein zweites
+Mal &raquo;Gott den Allm&auml;chtigen&laquo; zum Zeugen anrufen bei dem
+Gel&uuml;bde: dass er &raquo;<span class="letterspaced">die eingeborene
+Bev&ouml;lkerung sch&uuml;tzen werde vor Unterdr&uuml;ckung,
+Misshandlung und Erpressung</span>&laquo;.</p>
+<p>F&uuml;r einen feinen Beobachter w&uuml;rde es sich der M&uuml;he
+gelohnt haben, auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton
+einerseits des Residenten und andererseits Havelaars bei dieser
+Gelegenheit sich zeigte. Beide hatten <span class="pagenum">[<a id="pb93" href="#pb93" name="pb93">93</a>]</span>sie einer solchen
+Feierlichkeit zu mehreren Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem
+ich rede, lag also nicht in der gr&ouml;sseren oder geringeren
+Inanspruchnahme bei einer neuen und ungewohnten Situation, sondern er
+war allein zur&uuml;ckzuf&uuml;hren auf die durchaus entgegengesetzte
+Richtung der Charaktere und Begriffe dieser beiden Personen. Der
+Resident sprach wohl etwas schneller wie gew&ouml;hnlich, da er den
+Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, was ihm die M&uuml;he
+ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber doch geschah von
+seiner Seite alles mit einer W&uuml;rde und einem Ernst, der dem
+oberfl&auml;chlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der
+Wichtigkeit einfl&ouml;ssen musste, die er der Sache beimass. Havelaar
+hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, in
+Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien:
+&raquo;das ist selbstverst&auml;ndlich, auch ohne dieses &raquo;Gott
+der Allm&auml;chtige&laquo; w&uuml;rde ich das thun&laquo;, und wer
+Menschenkenntnis besass, w&uuml;rde mehr Vertrauen gesetzt haben auf
+seine Ungezwungenheit und scheinbare Gleichg&uuml;ltigkeit, als auf die
+w&uuml;rdige Amtsmiene des Residenten.</p>
+<p>Ist es nicht in der That l&auml;cherlich, zu meinen, dass der Mann,
+der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von
+Tausenden in die H&auml;nde gegeben ist, sich gebunden erachten
+w&uuml;rde durch ein paar sch&ouml;ne Worte, so er nicht, auch ohne
+diese Worte, sich dazu gedr&auml;ngt f&uuml;hlt durch sein eigenes
+Herz?</p>
+<p>Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdr&uuml;ckten,
+wo er sie antreffen mochte, beschirmt haben w&uuml;rde, auch wenn er
+bei &raquo;Gott dem Allm&auml;chtigen&laquo; das Gegenteil gelobt
+h&auml;tte.</p>
+<p>Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die H&auml;uptlinge,
+worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der Abteilung
+vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren
+Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinpl&auml;tze
+mehr waren. Die H&auml;uptlinge wurden darauf einer nach dem anderen
+Havelaar bei <span class="pagenum">[<a id="pb94" href="#pb94" name="pb94">94</a>]</span>Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und
+die &raquo;Installation&laquo; war vor sich gegangen.</p>
+<p>Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der
+Kommandant Duclari gen&ouml;tigt war. Gleich nach Beendigung desselben
+bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder
+angelangt sein wollte:</p>
+<p>&mdash;Weil. Er. So. Besonders. Dr&auml;ngend. Zu thun. Habe.</p>
+<p>... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung wieder
+eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen
+Binnenstation, die von nur wenigen Europ&auml;ern bewohnt wurde und
+&uuml;berdies nicht an dem Grossen Wege gelegen war.</p>
+<p>Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen
+angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr
+eingenommen sei f&uuml;r seinen neuen &raquo;&auml;lteren
+Bruder&laquo;, und Verbrugge erz&auml;hlte sp&auml;ter, dass auch der
+Resident, den er auf seiner R&uuml;ckreise nach Serang ein St&uuml;ck
+Weges geleitet hatte, sich &uuml;ber die Familie Havelaar, die auf
+ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt,
+sehr g&uuml;nstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der
+bei der Regierung gut angeschrieben st&uuml;nde,
+h&ouml;chstwahrscheinlich schnell in ein h&ouml;heres Amt
+bef&ouml;rdert oder wenigstens in eine mehr &raquo;vorteilhafte&laquo;
+Abteilung versetzt werden w&uuml;rde.</p>
+<p>Max und &sbquo;seine Tine&lsquo; waren erst unl&auml;ngst von einer
+Reise nach Europa zur&uuml;ckgekehrt und f&uuml;hlten sich erm&uuml;det
+von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe
+nennen h&ouml;ren. Sie erachteten sich also gl&uuml;cklich, nach vielem
+Umherschw&auml;rmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo
+sie zu Hause sein durften. <span class="letterspaced">Vor</span> ihrer
+Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen,
+wo er mit vielen M&uuml;hsalen zu k&auml;mpfen gehabt, weil die
+Bev&ouml;lkerung dieses Eilandes in einem g&auml;renden und
+aufr&uuml;hrerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen
+verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeit <span class="pagenum">[<a id="pb95" href="#pb95" name="pb95">95</a>]</span>getroffen w&auml;ren. Nicht ohne Federkraft hatte
+er diesen Geist des Widerstandes zu unterdr&uuml;cken gewusst, doch aus
+Verdruss &uuml;ber die geringe H&uuml;lfe, die man ihm hierin von hoher
+Hand lieh, und aus &Auml;rger &uuml;ber die elende Verwaltung, die seit
+Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entv&ouml;lkert und
+verw&uuml;stet ...</p>
+<p>Der sich interessierende Leser suche auf, was &uuml;ber diesen
+Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen
+geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im
+&raquo;Indischen Staatsblatt&laquo; dieses Jahres finden. Im Zustande
+jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!</p>
+<p>Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kr&auml;ften
+lag, doch aus Verdruss &uuml;ber den v&ouml;lligen Mangel an Mitwirkung
+vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine
+Bem&uuml;hungen zu unterst&uuml;tzen, war er krank geworden, und dies
+hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen,
+h&auml;tte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen
+g&uuml;nstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner
+Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina
+von gr&ouml;sserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten &uuml;ber
+sich, ganz auf sich selbst gestellt war. &Uuml;berdies war, schon bevor
+er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu
+bef&ouml;rdern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die
+Verwaltung einer Abteilung &uuml;bertragen wurde, die so wenig an
+Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer
+Stellung nach den damit verkn&uuml;pften Eink&uuml;nften bemessen. Er
+selbst freilich beklagte sich dar&uuml;ber durchaus nicht, denn sein
+Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er h&auml;tte betteln m&ouml;gen
+um h&ouml;heren Rang oder gr&ouml;sseren Gewinn.</p>
+<p>Und dieses letztere w&auml;re ihm doch gut zustatten gekommen! Denn
+auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in
+fr&uuml;heren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen
+und er war also mit <span class="pagenum">[<a id="pb96" href="#pb96"
+name="pb96">96</a>]</span>einem Wort arm. Doch nimmer h&auml;tte er
+sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner
+Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den
+R&uuml;ckstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die
+in Geschmack und Bed&uuml;rfnissen sehr einfach war, mit grosser
+Bereitwilligkeit unterst&uuml;tzen w&uuml;rde.</p>
+<p>Doch Sparsamkeit war f&uuml;r Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn
+selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige
+beschr&auml;nken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb
+dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der H&uuml;lfe bedurften, war
+ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser
+Schw&auml;che bewusst, begr&uuml;ndete mit all dem gesunden Verstand,
+der ihm gegeben war, wie unrecht er th&auml;te, wenn er jemanden
+unterst&uuml;tzte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene
+H&uuml;lfe gehabt h&auml;tte ... f&uuml;hlte dies Unrecht noch
+lebendiger, wenn auch &sbquo;seine Tine&lsquo; und Max, die er beide so
+lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ...
+er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schw&auml;che, als Eitelkeit,
+als Sucht, gern f&uuml;r einen verkleideten Prinzen sich halten zu
+lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn
+dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu
+geb&auml;rden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das
+ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch
+&Uuml;bertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der
+Geburt des kleinen Max besass er das N&ouml;tige nicht, um die eiserne
+Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit
+vorher noch hatte er die wenigen Schmuckst&uuml;cke seiner Frau
+geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren
+Verh&auml;ltnissen lebte als er selbst.</p>
+<p>Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak
+angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem
+Haus, &raquo;wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften&laquo;. Mit
+einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die M&ouml;bel
+bestellt, die alles so &raquo;comfortable&laquo; <span class="pagenum">[<a id="pb97" href="#pb97" name="pb97">97</a>]</span>und
+gem&uuml;tlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die
+&Ouml;rtlichkeiten, wo sie fr&uuml;hst&uuml;cken w&uuml;rden, wo der
+kleine Max spielen sollte, wo der B&uuml;cherschrank stehen sollte, wo
+er ihr des Abends vorlesen w&uuml;rde, was er tags geschrieben, denn er
+war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ...
+und: &raquo;dereinst w&uuml;rde das auch gedruckt werden, und dann
+w&uuml;rde man sehen, wer ihr Max sei!&laquo; Doch niemals hatte er
+etwas dem Druck &uuml;bergeben von dem, was in seinem Kopfe umging,
+weil eine gewisse Scheu ihn erf&uuml;llte, die wohl einen Zug von
+Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser
+zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu &ouml;ffentlichem
+Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: &raquo;W&uuml;rdet ihr eure
+Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?&laquo;</p>
+<p>Das war dann wieder eine von den vielen &raquo;Schrullen&laquo;, die
+seiner Umgebung das Wort eingaben, dass &raquo;dieser Havelaar doch ein
+sonderbarer Mensch&laquo; sei, und wovon ich nicht das Gegenteil
+behaupte. Doch wenn man sich die M&uuml;he genommen h&auml;tte, seinen
+ungew&ouml;hnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so w&uuml;rde man in
+dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines
+M&auml;dchens vielleicht den Text gefunden haben f&uuml;r eine
+Abhandlung &uuml;ber die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet
+vor den Blicken des interesselos Vor&uuml;berbummelnden und sich
+zur&uuml;ckzieht in sein Geh&auml;use m&auml;dchenhafter
+Spr&ouml;digkeit.</p>
+<p>Ja, sie wollten gl&uuml;cklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und
+seine Tine! Die einzige Sorge, die sie dr&uuml;ckte, waren die
+Schulden, die sie in Europa zur&uuml;ckgelassen hatten, erh&ouml;ht um
+die noch unbezahlten Kosten der R&uuml;ckreise nach Indien und um die
+Ausgaben f&uuml;r die M&ouml;blierung ihrer Wohnung. Doch Not war
+keine. Sie sollten doch auch wohl von der H&auml;lfte, von einem
+Drittel seiner Eink&uuml;nfte leben k&ouml;nnen? Vielleicht auch, ja
+wahrscheinlich, w&uuml;rde er schnell Resident werden, und dann wurde
+alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...</p>
+<p>&mdash;Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen w&uuml;rde,
+<span class="pagenum">[<a id="pb98" href="#pb98" name="pb98">98</a>]</span>Tine, wenn ich Lebak verlassen m&uuml;sste, denn
+es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann
+k&ouml;nnen wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne
+Bef&ouml;rderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht
+lange!</p>
+<p>Nun brauchte er <span class="letterspaced">sie</span> nicht zur
+Sparsamkeit anspornen. <span class="letterspaced">Sie</span> war
+wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit n&ouml;tig geworden war,
+doch sie war so in sein <span class="letterspaced">Ich</span>
+verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel
+auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste
+sehr gut, dass <span class="letterspaced">er</span> allein gefehlt
+hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass
+<span class="letterspaced">ihr</span> Fehler&mdash;wenn &uuml;berhaupt
+ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war&mdash;allein darin gelegen
+hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er
+that.</p>
+<p>Ja, <span class="letterspaced">sie</span> hatte es gut gefunden,
+dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals
+Amsterdam verlassen hatten und niemals &raquo;aus gewesen&laquo; waren,
+auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumf&uuml;hrte, unter dem
+erg&ouml;tzlichen Vorwande, dass der K&ouml;nig ihn betraut habe mit
+&raquo;der Sorge f&uuml;r das Amusement von alten Frauen, die sich so
+gut betragen h&auml;tten&laquo;. <span class="letterspaced">Sie</span>
+fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf
+Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug
+&uuml;bersch&uuml;ttete. <span class="letterspaced">Sie</span> begriff
+vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen
+S&auml;ngern bezahlte, die nach ihrem Lande zur&uuml;ck wollten, doch
+nicht gern ihre Habe zur&uuml;ckliessen, wozu die Harfe geh&ouml;rte
+und die Violine und der Bass, die sie so n&ouml;tig brauchten f&uuml;r
+ihren elenden Betrieb. <span class="letterspaced">Sie</span> konnte es
+nicht missbilligen, dass er das M&auml;dchen zu ihr brachte, das abends
+auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab,
+ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile &raquo;gehe hin und
+s&uuml;ndige nicht mehr!&laquo; nicht aussprach, bevor er ihr dies
+&raquo;nicht s&uuml;ndigen&laquo; m&ouml;glich gemacht hatte.
+<span class="letterspaced">Sie</span> fand es sehr sch&ouml;n von ihrem
+Max, dass er das Klavier zur&uuml;ckbringen liess in die Wohnung des
+Familienvaters, den er hatte sagen h&ouml;ren, <span class="pagenum">[<a id="pb99" href="#pb99" name="pb99">99</a>]</span>wie weh
+es ihm thue, dass die M&auml;dchen &raquo;nach dem Bankerott&laquo; die
+Musik entbehren m&uuml;ssten. <span class="letterspaced">Sie</span>
+begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte,
+die so bitter betr&uuml;bt war dar&uuml;ber, dass sie auf den Tisch des
+Auktionators steigen musste. <span class="letterspaced">Sie</span> fand
+es nat&uuml;rlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde
+von den Offizieren der &raquo;Bayonnaise&laquo; totgeritten waren,
+daf&uuml;r andere Pferde wiedergab. <span class="letterspaced">Sie</span> hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und
+auf Amboina die Schiffbr&uuml;chigen der &sbquo;whalers&lsquo;, der
+Walfischf&auml;nger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu
+sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung
+eine Verpflegungsrechnung vorgelegt h&auml;tte. <span class="letterspaced">Sie</span> begriff vollkommen, warum die Offiziere
+beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes gr&ouml;sstenteils bei Max
+logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier
+bedeutete.</p>
+<p>War er nicht <span class="letterspaced">ihr</span> Max? War es nicht
+wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so
+f&uuml;rstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der
+Sparsamkeit und des Haushaltens, die f&uuml;r andere gilt? Und zudem,
+mochte denn bisweilen auch f&uuml;r einen Augenblick keine
+&Uuml;bereinstimmung bestehen zwischen Eink&uuml;nften und Ausgaben,
+war Max, <span class="letterspaced">ihr</span> Max, nicht bestimmt
+f&uuml;r eine gl&auml;nzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in
+Verh&auml;ltnisse kommen, die ihn in stand setzen w&uuml;rden, ohne
+&Uuml;berschreitung seiner Eink&uuml;nfte seinen grossherzigen
+Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur
+werden &uuml;ber das liebe Indien, oder ... ein K&ouml;nig? Ja, war es
+nicht sonderbar, dass er nicht schon K&ouml;nig war?</p>
+<p>Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die
+Schuld, dass sie so sehr eingenommen war f&uuml;r Havelaar, und wenn
+je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben m&uuml;sse dem, der
+viel geliebt!</p>
+<p>Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die
+&uuml;bertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max
+bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine <span class="pagenum">[<a id="pb100" href="#pb100" name="pb100">100</a>]</span>gute
+Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegr&uuml;ndete Aussicht sich
+verwirklicht h&auml;tte, w&auml;ren in der That die unangenehmen Folgen
+seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu r&auml;umen gewesen. Aber
+noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine
+scheinbare Sorglosigkeit.</p>
+<p>Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei
+Angeh&ouml;rigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr
+mit, dass sie ein kleines Verm&ouml;gen besitze, und man zahlte es ihr
+auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen fr&uuml;herer
+Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer
+Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von
+v&auml;terlicher wie m&uuml;tterlicher Seite sehr reich gewesen war,
+ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann
+dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um
+Geldsachen bek&uuml;mmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten,
+als Havelaar sich angelegen sein liess, bez&uuml;glich der
+fr&uuml;heren Besitzverh&auml;ltnisse ihrer Verwandten einige Auskunft
+von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm
+V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister
+gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie
+ein lustiges Leben gef&uuml;hrt zu haben, was denn auch von vielen als
+Ursache des Niederganges seiner g&uuml;nstigen
+Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse angegeben wurde. Sp&auml;ter, bei
+Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel.
+R&uuml;hrend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen&mdash;damals
+eines J&uuml;nglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem
+Korps in demselben Angriff einen S&auml;belhieb &uuml;ber den Kopf
+bekam, an dessen Folgen er acht Jahre sp&auml;ter im Irrsinn sterben
+sollte&mdash;Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte,
+wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines
+Vaters gesucht hatte.</p>
+<p>Was ihre Abkunft m&uuml;tterlicherseits angeht, erinnerte sie sich,
+dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus
+einigen Papieren wurde ersichtlich, dass <span class="pagenum">[<a id="pb101" href="#pb101" name="pb101">101</a>]</span>dieser im Besitz des
+Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in
+einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig
+die &raquo;Apanage&laquo; der F&uuml;rsten von Thurn und Taxis
+ausmacht. Dies liess ein grosses Verm&ouml;gen voraussetzen, aber auch
+hiervon war durch g&auml;nzlich unbekannte Ursachen nichts oder
+wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied &uuml;bergegangen.</p>
+<p>Havelaar vernahm das wenige, was dar&uuml;ber zu vernehmen war, erst
+nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es
+seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben
+sprach&mdash;und die sie mit dem Inhalt aus einem Gef&uuml;hl der
+Piet&auml;t aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin St&uuml;cke
+enthalten sein k&ouml;nnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert
+waren&mdash;auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie
+uneigenn&uuml;tzig auch, er gr&uuml;ndete auf diese und viele andere
+Umst&auml;nde die Meinung, dass dahinter ein &sbquo;roman intime&lsquo;
+sich verstecke, und man mag es ihm nicht &uuml;bel deuten, dass er, der
+er f&uuml;r seine kostspielige Veranlagung viel n&ouml;tig hatte, mit
+Freude diesen Roman ein gl&uuml;ckliches Ende h&auml;tte nehmen sehen.
+Wie es nun auch sein m&ouml;ge mit dem wirklichen Bestehen dieses
+Romans, und ob nun &raquo;Raub&laquo; stattfand oder nicht, gewiss ist,
+dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen
+&raquo;Millionentraum&laquo; nennen k&ouml;nnte.</p>
+<p>Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf
+dem Rechte eines andern&mdash;wie tief es auch begraben sein mochte
+unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von
+Advokatenkniffen&mdash;nachgesp&uuml;rt und es verteidigt haben
+w&uuml;rde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war,
+nachl&auml;ssig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache
+h&auml;tte angefasst werden m&uuml;ssen. Er schien eine gewisse Scham
+zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube
+bestimmt, wenn &sbquo;seine Tine&lsquo; mit einem anderen verheiratet
+gewesen w&auml;re, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen
+gewendet h&auml;tte, er m&ouml;chte das Spinnengewebe zerst&ouml;ren,
+worin der grossv&auml;terliche Wohlstand <span class="pagenum">[<a id="pb102" href="#pb102" name="pb102">102</a>]</span>h&auml;ngen geblieben
+war, ich glaube, dass es ihm gegl&uuml;ckt w&auml;re, &sbquo;die
+interessante Waise&lsquo; in den Besitz des Verm&ouml;gens zu setzen,
+das ihr geh&ouml;rte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau,
+ihr Verm&ouml;gen war das seine, und so fand er etwas
+Kaufm&auml;nnisches, Entw&uuml;rdigendes darin, in ihrem Namen zu
+fragen: &raquo;Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?&laquo;</p>
+<p>Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich
+sch&uuml;tteln, und w&auml;re dies auch nur gewesen, um eine
+Rechtfertigung daf&uuml;r bei der Hand zu haben, wenn er, was
+h&auml;ufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld
+ausgab.</p>
+<p>Erst kurz vor der R&uuml;ckkehr nach Java, als er schon viel
+gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges
+Haupt hatte beugen m&uuml;ssen unter die furca caudina so manchen
+Gl&auml;ubigers, war es ihm gelungen, seine Tr&auml;gheit oder seine
+Scheu zu &uuml;berwinden, um die Millionen gegenst&auml;ndlich zu
+machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit
+einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen
+das nichts ins Feld zu f&uuml;hren ist.</p>
+<p>Doch sie w&uuml;rden <span class="letterspaced">so</span> sparsam
+sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem
+unkultivierten Lande nicht sp&auml;t abends M&auml;dchen &uuml;ber die
+Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben f&uuml;r ein wenig
+Essen. Es schw&auml;rmen da nicht so viel Menschen herum, die von
+problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie
+auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren
+doch gew&ouml;hnlich die Klippen, an denen die guten Vors&auml;tze
+Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europ&auml;er in dieser Abteilung
+war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak
+zu arm, als dass er&mdash;bei welcher Wendung des Loses immer&mdash;die
+Aufmerksamkeit erregen k&ouml;nnte durch noch gr&ouml;ssere Armut. Tine
+&uuml;berdachte dies alles wohl nicht so&mdash;hierzu h&auml;tte sie
+sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte,
+Rechenschaft geben m&uuml;ssen von den Ursachen ihrer nicht sehr
+g&uuml;nstigen Verh&auml;ltnisse&mdash;aber es lag in ihrer neuen
+<span class="pagenum">[<a id="pb103" href="#pb103" name="pb103">103</a>]</span>Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es
+mangelten hier alle Anl&auml;sse, die&mdash;mit mehr oder minder
+romanhaftem Hintergrunde&mdash;fr&uuml;her Havelaar so oftmals hatten
+sagen lassen:</p>
+<p>&mdash;Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich
+nicht entziehen kann?</p>
+<p>Und worauf sie stets geantwortet hatte:</p>
+<p>&mdash;Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!</p>
+<p>Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak
+Havelaar mehr kostete als alle fr&uuml;heren Exzesse seines Herzens
+zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen
+in die Zukunft und f&uuml;hlten sich so gl&uuml;cklich in ihrer Liebe
+und im Besitz ihres Kindes ...</p>
+<p>&mdash;O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da
+auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die
+sch&ouml;nen Lilien ...</p>
+<p>Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an
+ihrem Hause. <span class="letterspaced">Und</span> als abends Duclari
+und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer
+gemeinschaftlichen Wohnung zur&uuml;ckkehrten, sprachen sie viel
+&uuml;ber die kindliche Fr&ouml;hlichkeit der neu angekommenen
+Familie.</p>
+<p>Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht
+&uuml;ber bis zum folgenden Morgen. <span class="pagenum">[<a id="pb104" href="#pb104" name="pb104">104</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch8" class="div1">
+<h2>Achtes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die
+H&auml;uptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen,
+dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah
+beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand
+gew&ouml;hnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen
+H&auml;uptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt
+wohnten&mdash;denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt&mdash;das
+unn&ouml;tige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es
+sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in
+feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten
+Sebah-Tag f&uuml;r den folgenden Tag angesetzt.</p>
+<p>Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben &raquo;Erbe&laquo; und
+gegen&uuml;ber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein
+Geb&auml;ude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft
+enthielt, wozu auch die Landeskasse geh&ouml;rte, und zum andern Teil
+aus einer ziemlich ger&auml;umigen, offenen Galerie bestand, die recht
+geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn
+auch den folgenden Morgen die H&auml;uptlinge fr&uuml;hzeitig
+vereinigt. Havelaar trat ein, gr&uuml;sste und nahm Platz. Er empfing
+die geschriebenen Monatlichen Berichte &uuml;ber Landbau, Viehstand,
+Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu n&auml;herer Pr&uuml;fung
+beiseite.</p>
+<p>Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der
+Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und es <span class="pagenum">[<a id="pb105" href="#pb105" name="pb105">105</a>]</span>ist
+nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte,
+etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten
+geh&ouml;rt und gesehen haben, um sich vorstellen zu k&ouml;nnen, wie
+er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene
+Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich
+dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer spr&uuml;hte, wie
+seine Stimme vom schmeichelnd-sanften &uuml;berging zu
+Lanzettensch&auml;rfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als
+streue er Kleinodien um sich her, die <span class="letterspaced">ihn</span> doch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er
+anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen:
+&raquo;Mein Gott, wer bist du?&laquo;</p>
+<p>Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach
+wie ein Apostel, wie ein Seher, sp&auml;ter nicht wusste, wie er
+gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die
+Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch
+B&uuml;ndigkeit der Beweisf&uuml;hrung zu &uuml;berzeugen. Er
+h&auml;tte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus
+beschlossen war, anfeuern k&ouml;nnen bis zu vernichtender Raserei,
+doch nicht so gut w&auml;re es ihm wahrscheinlich, falls es seine
+Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege
+zu bewegen. Seine Ansprache an die H&auml;uptlinge von Lebak wurde
+nat&uuml;rlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem
+Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der
+orientalischen Sprachen vielen Ausdr&uuml;cken eine Kraft verleiht, die
+unseren Idiomen durch litterarische Gek&uuml;nsteltheit verloren
+gegangen ist, w&auml;hrend auf der andern Seite wieder das
+s&uuml;ssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen
+Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke &uuml;berdies, dass die Mehrzahl
+seiner Zuh&ouml;rer aus einf&auml;ltigen, doch keineswegs dummen
+Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren
+Eindr&uuml;cke sehr verschieden sind von den unseren.</p>
+<p>Havelaar muss ungef&auml;hr also gesprochen haben: <span class="pagenum">[<a id="pb106" href="#pb106" name="pb106">106</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und
+Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr H&auml;upter seid der Distrikte in dieser
+Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt,
+und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorit&auml;t &uuml;bt am
+Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr H&auml;upter
+seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich gr&uuml;sse Euch!</p>
+<p>Und ich sage Euch, dass ich Freude f&uuml;hle in meinem Herzen, nun
+ich hier Euch alle versammelt sehe, l&uuml;sternd nach den Worten von
+meinem Munde.</p>
+<p>Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch
+Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine
+Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie
+ich wohl w&uuml;nschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb,
+doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gem&uuml;te M&auml;ngel sind,
+die die Vortrefflichkeit &uuml;berschatten und ihr den fr&ouml;hlichen
+Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen
+verdr&auml;ngt und ihn t&ouml;tet. Darum werde ich schauen auf die
+unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser
+zu werden, als ich bin.</p>
+<p>Ich gr&uuml;sse Euch alle sehr.</p>
+<p>Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich
+Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr
+erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul
+betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das &uuml;ber Eure
+Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in
+Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Th&auml;lern, und es
+sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr w&uuml;nschet in Frieden zu
+leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden
+von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!</p>
+<p>Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern
+Gel&auml;nden w&uuml;rde ich viel Gutes gefunden haben. <span class="pagenum">[<a id="pb107" href="#pb107" name="pb107">107</a>]</span></p>
+<p>Doch ich gewahrte, dass Eure Bev&ouml;lkerung arm ist, und
+hier&uuml;ber war ich froh im Innersten meiner Seele.</p>
+<p>Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum
+giebt dem, den Er pr&uuml;fen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer
+sein Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.</p>
+<p>Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in
+den Blumenkelch, der Durst hat?</p>
+<p>Und ist es nicht sch&ouml;n, ausgesendet zu werden, dass man die
+Erm&uuml;deten suche, die zur&uuml;ckblieben nach der Arbeit und
+niedersanken am Wege, da ihre Kniee nicht stark mehr waren,
+hinaufzugehen nach dem Orte des Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein,
+die Hand reichen zu d&uuml;rfen dem, der in die Grube fiel, und einen
+Stab zu geben dem, der die Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz
+aufspringen vor Lust, wenn es sich erw&auml;hlet sieht unter vielen,
+aus Klagen ein Gebet zu machen und Danksagung aus Weinen?</p>
+<p>Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach
+Bantan-Kidul!</p>
+<p>Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein
+Gl&uuml;ck gr&ouml;sser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah
+Segen giebt auf das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen
+Ort, wo nicht alle Arbeit abgelaufen ist, und er sch&auml;tzte mich
+w&uuml;rdig, da zu sein <span class="letterspaced">vor</span> der Zeit
+der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: die Freude
+ist im Schneiden <span class="letterspaced">des</span> Padie, den man
+gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen w&auml;chst nicht vom Lohne,
+sondern von der Arbeit, die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr:
+Allah hat uns ein Kind gegeben, das dereinstmals sagen wird:
+&raquo;Wisset Ihr, dass ich sein Sohn bin?&laquo; Und dann werden da
+welche sein im Lande, die ihn gr&uuml;ssen mit Liebe und die die Hand
+auf sein Haupt legen werden, und sie werden sagen: &raquo;Setze dich
+nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, und nimm deinen Teil von
+dem, was wir haben, denn ich habe deinen Vater gekannt.&laquo;
+<span class="pagenum">[<a id="pb108" href="#pb108" name="pb108">108</a>]</span></p>
+<p>H&auml;upter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem
+Landstrich!</p>
+<p>Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft
+zur Speise f&uuml;r die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele
+Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder
+gering?</p>
+<p>Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, das
+da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: &raquo;Wo sind
+die D&ouml;rfer und wo die Besteller des Landes? Und warum h&ouml;re
+ich den Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde,
+noch das Gestampfe des Padie von Euren T&ouml;chtern?&laquo;</p>
+<p>Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der
+S&uuml;dk&uuml;ste und die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf
+ihren Seiten, oder die Fl&auml;chen, wo nimmer ein B&uuml;ffel den
+Pflug zog?</p>
+<p>Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele dar&uuml;ber
+betr&uuml;bt ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns
+Macht gegeben hat, hier zu arbeiten.</p>
+<p>Denn wir haben in diesem Lande &Auml;cker f&uuml;r viele, obschon
+der Bewohner wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn
+die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und
+nicht &uuml;berall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an
+vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach dem
+Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es ist
+kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch gr&uuml;n
+ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch
+sind da Sonnenstrahlen, die heisser w&auml;ren als n&ouml;tig ist, das
+Getreide reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder n&auml;hren soll,
+noch Banjirs, deren wilde Wogen alles &uuml;berfluten und niederreissen
+und Euch jammern lassen: &raquo;Zeig&rsquo; mir den Platz, wo ich
+ges&auml;et habe!&laquo;</p>
+<p>Wo Allah Wasserstr&ouml;me sendet, die die &Auml;cker wegnehmen ...
+wo Er den Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne
+gl&uuml;hen l&auml;sset, dass alles versenget <span class="pagenum">[<a id="pb109" href="#pb109" name="pb109">109</a>]</span>werde ... wo Er Krieg sendet, der die Felder
+niederlegt ... wo Er schl&auml;gt mit Krankheiten, die die H&auml;nde
+erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die &Auml;hren t&ouml;tet
+... da, H&auml;upter von Lebak, beugen wir dem&uuml;tig das Haupt und
+sagen: &raquo;Er will es so!&laquo;</p>
+<p>Doch nicht also in Bantan-Kidul!</p>
+<p>Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer &auml;lterer
+Bruder. W&uuml;rdet Ihr Euren j&uuml;ngeren Bruder nicht warnen, wenn
+Ihr einen Tiger s&auml;het auf seinem Wege?</p>
+<p>H&auml;upter von Lebak, wir haben wohl &ouml;fter Fehlgriffe gethan,
+und unser Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.</p>
+<p>Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend
+von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die unser
+Land verlassen haben.</p>
+<p>Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern
+begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung
+empfingen? Warum w&auml;hlen sie die K&uuml;hle des Baumes, der dort
+w&auml;chst, vor dem Schatten unserer Haine?</p>
+<p>Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder
+sein m&uuml;ssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in
+fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie
+kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die
+Aufst&auml;ndischen erschl&auml;gt.</p>
+<p>Ich frage Euch, H&auml;uptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so
+viele, die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind?
+Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an
+seinem Fusse?</p>
+<hr class="tb">
+<p>Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den
+Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, h&auml;tte man ihn
+h&ouml;ren und sehen m&uuml;ssen. Als er von seinem Kinde sprach, war
+in seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich R&uuml;hrendes,
+das zu der Frage lockte: &raquo;Wo ist <span class="pagenum">[<a id="pb110" href="#pb110" name="pb110">110</a>]</span>der Kleine? Jetzt
+schon will ich das Kind k&uuml;ssen, das seinen Vater so sprechen
+l&auml;sst!&laquo; Doch als er kurz darauf, scheinbar mit wenig
+Planm&auml;ssigkeit in dem allen, &uuml;berging zu den Fragen, warum
+Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser Gegenden anderswohin
+verz&ouml;gen, da nahm seine Stimme einen Klang an, der an das
+Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz geschraubt
+wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne Worte
+besonders, und sogar eint&ouml;nig schien seine Stimme, aber&mdash;sei
+hier nun Absicht oder Natur im Spiel&mdash;gerade diese
+Eint&ouml;nigkeit verst&auml;rkte den Eindruck seiner Worte auf
+Gem&uuml;ter, die so besonders empf&auml;nglich waren f&uuml;r solche
+Sprache.</p>
+<p>Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn
+umringte, waren f&uuml;r ihn wirklich H&uuml;lfsmittel zum
+Begreiflichmachen dessen, was er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so
+h&auml;ufig, l&auml;stige Anh&auml;ngsel, die die S&auml;tze der Redner
+beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit dem Begriff der Sache
+hinzuzuf&uuml;gen, die man zu erkl&auml;ren vorgiebt. Wir sind jetzt
+gew&ouml;hnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck:
+&raquo;stark wie ein L&ouml;we&laquo;; doch wer in Europa dies Bild
+zuerst anwendete, zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der
+Seelenpoesie gesch&ouml;pft hatte, die Bilder giebt f&uuml;r logische
+Folgerungen und nicht anders sprechen <span class="letterspaced">kann</span>, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach
+aus diesem oder jenem Buch&mdash;aus der Bibel
+vielleicht&mdash;abgeschrieben hatte, worin ein <span class="letterspaced">L&ouml;we vorkam</span>. Denn niemand seiner
+Zuh&ouml;rer hatte jemals die St&auml;rke des L&ouml;wen erfahren, und
+es w&auml;re also viel eher n&ouml;tig gewesen, sie diese St&auml;rke
+erkennen zu lassen durch Vergleich des L&ouml;wen mit etwas, dessen
+Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.</p>
+<p>Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder
+f&uuml;hlt, dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen
+w&auml;ren, die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle
+und dass er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum
+fragen liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt,
+dass dieser Baum <span class="pagenum">[<a id="pb111" href="#pb111"
+name="pb111">111</a>]</span>dastand und in der Einbildung von Havelaars
+Zuh&ouml;rern in Wirklichkeit fragend umhersp&auml;hte nach den
+ausgewanderten Bewohnern von Lebak. Auch ersann er nichts: er
+h&ouml;rte den Baum sprechen und glaubte nur nachzusagen, was er in
+seiner dichterischen Auffassung so deutlich verstanden hatte.</p>
+<p>Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die
+Urspr&uuml;nglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so
+unbestreitbar sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten
+Testaments erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt
+habe, wie er in Augenblicken der Entr&uuml;cktheit wirklich etwas von
+einem Seher hatte. Gen&auml;hrt durch die Eindr&uuml;cke, die das Leben
+in W&auml;ldern und auf Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von
+der poesie-ausstr&ouml;menden Atmosph&auml;re des Ostens, und also aus
+gleichartiger Quelle sch&ouml;pfend wie die mahnenden und richtenden
+Seher des Altertums, mit denen ihn zu vergleichen man sich bisweilen
+gen&ouml;tigt sah ... da vermuten wir, dass er nicht <span class="letterspaced">anders</span> gesprochen haben w&uuml;rde, auch wenn er
+niemals die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen
+h&auml;tte. Finden wir nicht schon in den Versen, die aus seiner
+Jugendzeit datieren, Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak
+geschrieben waren&mdash;einem der Riesen, doch nicht der gr&ouml;sste,
+unter den Bergen der Preanger Regentschaften&mdash;worin gleichfalls
+wieder der Beginn die Sanftheit seiner Empfindungen darthut, um auf
+einmal &uuml;berzugehen in das Nachsprechen des Donners, den er unter
+sich h&ouml;rt:</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Wie herrlich ist&rsquo;s, hier seinen Sch&ouml;pfer
+laut zu loben ...</p>
+<p class="line xd20e2253">Wie freudig schwingt von H&ouml;h&rsquo; zu
+H&ouml;h&rsquo; sich dein Gebet ...</p>
+<p class="line">Mehr denn im Thal w&auml;chst hier das Herz nach
+oben:</p>
+<p class="line xd20e2253">Du f&uuml;hlst von Gottes N&auml;he dich
+umweht!</p>
+<p class="line">Hier schuf Er <span class="letterspaced">Selbst</span>
+sich in Altar und Tempelch&ouml;ren,</p>
+<p class="line xd20e2253">Wo noch kein Priester Gottes Wort
+geschm&auml;ht,</p>
+<p class="line">Hier l&auml;sst Er sich in grollenden Gewittern
+h&ouml;ren ...</p>
+<p class="line xd20e2253">Und rollend ruft sein Donner: <span class="letterspaced">Majest&auml;t</span>!</p>
+<p class="line">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p>
+</div>
+<p class="firstpar">... und f&uuml;hlt man nicht, dass er diese letzten
+Verse nicht <span class="letterspaced">so</span> h&auml;tte schreiben
+k&ouml;nnen, wenn er nicht wirklich h&ouml;ren und <span class="pagenum">[<a id="pb112" href="#pb112" name="pb112">112</a>]</span>verstehen zu k&ouml;nnen glaubte, wie Gottes
+Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, an den erbebenden
+Bergw&auml;nden zurief?</p>
+<p>Doch er liebte Verse nicht. &raquo;Es w&auml;re ein h&auml;ssliches
+Schn&uuml;rleib&laquo;, sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas
+vorzulesen von dem, was er, wie er sich ausdr&uuml;ckte,
+&raquo;begangen&laquo; hatte, so suchte er sein Vergn&uuml;gen darin,
+sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder in einem Tone
+vortrug, der es l&auml;cherlich machen musste, oder indem er auf
+einmal, gew&ouml;hnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und ein
+Witzwort dazwischen warf, das die Zuh&ouml;rer peinlich ber&uuml;hrte,
+doch bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die
+schlechte &Uuml;bereinstimmung zwischen diesem Schn&uuml;rleib und
+seiner Seele, die sich so beengt darin f&uuml;hlte.</p>
+<p>Es waren unter den H&auml;uptlingen nur wenige, die sich der
+herumgereichten Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte n&auml;mlich
+durch einen Wink befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten
+unvermeidlichen Thee mit Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er
+mit Vorbedacht nach den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache
+einen Ruhepunkt eintreten liess. Und hierzu war Grund.
+&raquo;Wie&mdash;mussten die H&auml;uptlinge denken&mdash;er weiss
+schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, mit Bitterkeit im
+Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien in benachbarte
+Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die hier herrscht?
+Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter den Banden, die in
+den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt haben gegen die
+Niederl&auml;ndische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt er? Wem
+gelten seine Fragen?&laquo;</p>
+<p>Und es waren welche, die sahen <span class="letterspaced">Radhen
+Wiera Kusuma</span> an, das Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die
+meisten schlugen die Augen zur Erde.</p>
+<p>&raquo;Komm mal her, Max!&laquo; rief Havelaar, seines Kindes gewahr
+werdend, das auf dem <span class="corr" id="xd20e2293" title="Quelle: Erbe">Hof</span> spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf
+den Schoss. Doch der war zu wild, <span class="pagenum">[<a id="pb113"
+href="#pb113" name="pb113">113</a>]</span>um es lange dort auszuhalten.
+Er sprang fort und lief in dem grossen Kreise der M&auml;nner herum und
+erg&ouml;tzte die H&auml;uptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit
+den Kn&auml;ufen ihrer Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes
+Aufmerksamkeit erregte, weil er pr&auml;chtiger gekleidet war als die
+andern, schien dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem
+Kliwon zu zeigen, der neben ihm sass und sein Ohr einer
+zugefl&uuml;sterten Bemerkung dar&uuml;ber zu neigen schien.</p>
+<p>&mdash;Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu
+sagen.</p>
+<p>Der Kleine lief fort, nachdem er den M&auml;nnern Kussh&auml;ndchen
+zugeworfen.</p>
+<p>Hierauf fuhr Havelaar also fort:</p>
+<p>&mdash;H&auml;upter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des
+K&ouml;nigs von Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass
+wir unsere Pflicht thun, ist ferne von hier.
+Dreissig-mal-tausend-mal-tausend Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind
+gehalten, seinen Befehlen zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe
+sein, die abh&auml;ngen von seinem Willen.</p>
+<p>Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder
+seine Pflicht thue. Doch auch dieser, m&auml;chtig wie er ist und
+gebietend &uuml;ber alles, was Gewalt hat in den St&auml;dten, und
+&uuml;ber alle, die in den D&ouml;rfern die &auml;ltesten sind, und
+bestimmend &uuml;ber die Heeresmacht und &uuml;ber die Schiffe, die auf
+See fahren ... auch er kann nicht sehen, wo Unrecht gethan ist, denn
+das Unrecht bleibt ferne von ihm.</p>
+<p>Und der Resident zu Serang, der Herr ist &uuml;ber den Landesteil
+Bantam, wo f&uuml;nf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass
+Recht geschehe in seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in
+den Landschaften, die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es
+fern von seiner Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem
+Angesicht, weil er Strafe f&uuml;rchtet. <span class="pagenum">[<a id="pb114" href="#pb114" name="pb114">114</a>]</span></p>
+<p>Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von S&uuml;d-Bantam, will,
+dass jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande
+laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.</p>
+<p>Und ich, der ich gestern den Allm&auml;chtigen Gott zum Zeugen nahm,
+dass ich rechtfertig und langm&uuml;tig sein w&uuml;rde, dass ich Recht
+w&uuml;rde thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde:
+&raquo;ein guter Assistent-Resident&laquo; ... auch ich habe den
+Willen, zu thun, was meine Pflicht ist.</p>
+<p>H&auml;upter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!</p>
+<p>So aber etliche unter uns sein m&ouml;gen, die ihre Pflicht Gewinnes
+halber verwahrlosen, die das Recht verkaufen f&uuml;r Geld, oder die
+den B&uuml;ffel dem Armen nehmen, und die Fr&uuml;chte, die denen
+geh&ouml;ren, die da Hunger haben ... wer wird sie strafen?</p>
+<p>Wenn einer von Euch es w&uuml;sste, er w&uuml;rde es hindern. Und
+der Regent w&uuml;rde nicht dulden, dass so etwas gesch&auml;he in
+seiner Regentschaft. Und auch ich werde dem entgegentreten, wo ich
+kann. Doch wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich es
+erf&uuml;hren ...</p>
+<p>H&auml;uptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in
+Bantan-Kidul?</p>
+<p>H&ouml;ret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird
+gethan werden.</p>
+<p>Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden
+bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird
+sagen: &raquo;Da ist ein Mensch gestorben.&laquo; Dann wird, wer da
+ankommt in den D&ouml;rfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen,
+der gestorben ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: &raquo;Wer
+<span class="letterspaced">war</span> der Mann, der gestorben
+ist?&laquo; Und man wird sagen:</p>
+<p>&raquo;Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den
+Kl&auml;ger nicht von seiner Th&uuml;r. Er h&ouml;rte geduldig an, wer
+zu ihm kam, und gab wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht
+treiben konnte durch den <span class="pagenum">[<a id="pb115" href="#pb115" name="pb115">115</a>]</span>Grund, weil ihm der B&uuml;ffel
+aus dem Stall geholt war, dem half er suchen nach dem B&uuml;ffel. Und
+wo die Tochter geraubt war aus dem Hause der Mutter, suchte er den Dieb
+und brachte die Tochter wieder. Und wo man gearbeitet hatte,
+vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die Fr&uuml;chte denen nicht
+ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete sich nicht mit dem
+Kleide, das andere decken musste, noch n&auml;hrte er sich mit Nahrung,
+die dem Armen geh&ouml;rte.&laquo;</p>
+<p>Dann wird man sagen in den D&ouml;rfern: &raquo;Allah ist gross,
+Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein
+guter Mensch gestorben.&laquo;</p>
+<p>Doch ein andermal wird der Vor&uuml;bergehende stillstehen vor einem
+Hause und fragen: &raquo;Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und
+der Gesang der M&auml;dchen?&laquo; Und wiederum wird man sagen:
+&raquo;Da ist ein Mann gestorben.&laquo;</p>
+<p>Und wer rundreist in den D&ouml;rfern, wird am Abend sitzen bei
+seinem Gastherrn, und um ihn her die S&ouml;hne und T&ouml;chter des
+Hauses und die Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird
+sagen:</p>
+<p>&raquo;Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er
+verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er d&uuml;ngte seinen Acker
+mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker der
+Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er n&auml;hrte
+sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut der
+andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, doch
+der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste den
+Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein L&auml;cheln wie
+ein gl&uuml;cklicher Mensch, doch man h&ouml;rte Z&auml;hneknirschen
+von dem Kl&auml;ger, der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem
+Gesicht, doch keine Milch in den Br&uuml;sten der M&uuml;tter, die
+s&auml;ugten.&laquo;</p>
+<p>Dann werden die Bewohner der D&ouml;rfer sagen: &raquo;Allah ist
+gross ... wir fluchen niemandem!&laquo;</p>
+<p>H&auml;upter von Lebak, einst sterben wir alle! <span class="pagenum">[<a id="pb116" href="#pb116" name="pb116">116</a>]</span></p>
+<p>Was wird da gesagt werden in den D&ouml;rfern, wo wir Gewalt hatten?
+Und was von den Vor&uuml;bergehenden, die das Begr&auml;bnis
+ansehen?</p>
+<p>Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme
+spricht zu unserer Seele und fragt: &raquo;Warum ist da Weinen in den
+Feldern, und warum verbergen sich die J&uuml;nglinge? Wer nahm die
+Ernte aus den Scheuern und aus den St&auml;llen den B&uuml;ffel, der
+das Feld pfl&uuml;gen sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den
+ich dir zu bewachen gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der
+Fruchtbarkeit seiner Frau?&laquo;</p>
+<p>Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er
+im einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede
+gewesen, das Eindruck machen musste, fort:</p>
+<p>&mdash;Ich w&uuml;nsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu
+leben, und darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten.
+Wer geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite
+versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht
+streng sein ... wenigstens nicht in den gew&ouml;hnlichen
+Dienstvergehen oder Nachl&auml;ssigkeiten. Allein, wo
+Nachl&auml;ssigkeit zur Gewohnheit werden sollte, werde ich ihr
+entgegentreten. &Uuml;ber Vergehen gr&ouml;berer Art ... &uuml;ber
+<span class="letterspaced">Erpressung</span> und Unterdr&uuml;ckung
+spreche ich nicht. So etwas wird nicht vorkommen, nicht wahr,
+m&rsquo;nheer de Adhipatti?</p>
+<p>&mdash;O nein, m&rsquo;nheer de Assistent-Resident, so etwas wird
+nicht vorkommen in Lebak.</p>
+<p>&mdash;Wohl dann, Ihr Herren H&auml;uptlinge von Bantan-Kidul,
+lasset es uns eine Freude sein, dass unsere Abteilung so
+zur&uuml;ckgeblieben und so arm ist. Wir haben Sch&ouml;nes zu thun.
+Wenn Allah uns am Leben erh&auml;lt, werden wir Sorge tragen, dass
+Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist fruchtbar genug und die
+Bev&ouml;lkerung willig. So jeder im Genuss seiner M&uuml;hen gelassen
+wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass binnen kurzer Zeit die
+Bev&ouml;lkerung zunehmen wird, so an <span class="pagenum">[<a id="pb117" href="#pb117" name="pb117">117</a>]</span>Seelenzahl wie an
+Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in Hand. Ich
+ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, der Euch helfen
+wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, Unrecht
+entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung sehr
+anempfohlen.</p>
+<p>Ich werde Euch die empfangenen Berichte &uuml;ber Landbau,
+Viehzucht, Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen
+zur&uuml;ckgeben lassen.</p>
+<p>H&auml;upter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr k&ouml;nnet
+zur&uuml;ckkehren, ein jeder nach seiner Wohnung. Ich gr&uuml;sse Euch
+alle sehr!&laquo;&mdash;&mdash;</p>
+<hr class="tb">
+<p>Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete ihn
+&uuml;ber das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie
+erwartete.</p>
+<hr class="tb">
+<p>&mdash;Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause!
+Kommen Sie ... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen,
+Rhaden Djaksa, h&ouml;ret einmal!</p>
+<p>So rief Havelaar, als alle H&auml;uptlinge nach vielen Verbeugungen
+sich anschickten, nach ihren Wohnungen zur&uuml;ckzukehren. Auch
+Verbrugge war im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem
+Djaksa zur&uuml;ck.</p>
+<p>&mdash;Tine, ich m&ouml;chte Madeira trinken, Verbrugge auch.
+Djaksa, lasst h&ouml;ren, was habt Ihr doch dem Kliwon &uuml;ber meinen
+Jungen gesagt?</p>
+<p>&mdash;Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer
+de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer
+gesprochen hatte.</p>
+<p>&mdash;I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst
+schon nicht mehr, was ich gesagt habe.</p>
+<p>&mdash;Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...</p>
+<p>Tine trat an die Gruppe heran; es wurde &uuml;ber ihren kleinen Max
+gesprochen. <span class="pagenum">[<a id="pb118" href="#pb118" name="pb118">118</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein
+K&ouml;nigskind w&auml;re.</p>
+<p>Das that Tine wohl: sie fand es auch!</p>
+<p>Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er
+sah auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben
+auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.</p>
+<p>Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz
+anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war einige
+Zeit beieinander, ohne etwas zu ber&uuml;hren, das zum
+&raquo;Dienst&laquo; in Beziehung stand. Doch auf einmal&mdash;und also
+im Widerspruch mit dem in so hohem Masse h&ouml;flichen
+Volkscharakter&mdash;fragte der Regent, ob gewisse Gelder, die der
+Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht ausbezahlt werden
+k&ouml;nnten.</p>
+<p>&mdash;O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch,
+dass dies nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt
+hat.</p>
+<p>Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht
+abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges Antwort
+ihm wider den Strich ging.</p>
+<p>&mdash;Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen,
+sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen das
+nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon f&uuml;r gut
+befunden werden.</p>
+<p>Nachdem der Adhipatti sich zur&uuml;ckgezogen hatte, sagte
+Verbrugge, der sich gern an die &raquo;Staatsbl&auml;tter&laquo;
+hielt:</p>
+<p>&mdash;Aber, M&rsquo;nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs
+Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Pr&uuml;fung in Serang ... wenn
+nun ein Manco sich herausstellt?</p>
+<p>&mdash;Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.</p>
+<p>Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem
+Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben
+war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zur&uuml;ck.
+Havelaar zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung
+setzen solle <span class="pagenum">[<a id="pb119" href="#pb119" name="pb119">119</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der
+Regent hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und
+zudem ... das br&uuml;ske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er
+<span class="letterspaced">selbst</span> hat das Geld n&ouml;tig, und
+der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich &uuml;bertrete lieber auf
+eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann von seinem
+Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen sollte.
+Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch getrieben
+mit der Amtsgewalt. Das m&uuml;ssen Sie wissen. Wissen Sie&rsquo;s?</p>
+<p>Verbrugge schwieg. Er wusste es.</p>
+<p>&mdash;Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, <span class="letterspaced">ich weiss es</span>! Ist nicht M&rsquo;nheer Slotering
+gestorben im November? Nun, <span class="letterspaced">den Tag nach
+seinem Tode</span> hat der Regent Volk aufgerufen, um <span class="letterspaced">seine Sawahs</span> zu bearbeiten ... ohne Bezahlung!
+Sie h&auml;tten dies wissen m&uuml;ssen, Verbrugge. <span class="letterspaced">Wussten</span> Sie&rsquo;s?</p>
+<p>Dieses wusste Verbrugge nicht.</p>
+<p>&mdash;Als Kontrolleur h&auml;tten Sie es wissen <span class="letterspaced">m&uuml;ssen</span>! <span class="letterspaced">Ich</span> weiss es, fuhr Havelaar fort. Da liegen die
+Monatsaufstellungen von den Distrikten&mdash;und er wies auf einen
+Packen Schriftwerk, das er in der Versammlung erhalten
+hatte&mdash;sehen Sie, ich habe nichts ge&ouml;ffnet. Darin sind unter
+anderm enthalten die Angaben &uuml;ber f&uuml;r den Hauptplatz zum
+Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?</p>
+<p>&mdash;Ich habe sie noch nicht gesehen ...</p>
+<p>&mdash;Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren
+die Angaben vom vorigen Monat richtig?</p>
+<p>Verbrugge schwieg.</p>
+<p>&mdash;Ich will&rsquo;s Ihnen sagen: Sie waren <span class="letterspaced">falsch</span>! Denn es war dreimal mehr Volk aufgerufen,
+um f&uuml;r den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen
+bez&uuml;glich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man
+nat&uuml;rlich in den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich
+sage?</p>
+<p>Verbrugge schwieg. <span class="pagenum">[<a id="pb120" href="#pb120" name="pb120">120</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch,
+fuhr Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und
+Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der
+von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist
+Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land f&uuml;r
+Kaffee ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine
+Eink&uuml;nfte nicht, in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem
+einfachen Dhemang in Preanger, der den Steigb&uuml;gel halten
+w&uuml;rde, wenn seine Vettern zu Pferde steigen. Ist das wahr?</p>
+<p>&mdash;Ja, so ist es.</p>
+<p>&mdash;Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine
+K&uuml;rzung zur Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm
+gegeben hat, als er ... wissen Sie&rsquo;s?</p>
+<p>&mdash;Ja, ich weiss es.</p>
+<p>&mdash;Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld
+n&ouml;tig war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen
+Sie&rsquo;s?</p>
+<p>&mdash;Ja, ich weiss es.</p>
+<p>&mdash;Viele Glieder seiner Familie&mdash;die ja eigentlich nicht in
+Lebak zu Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen
+hat&mdash;scharen sich wie eine Pl&uuml;nderbande um ihn und pressen
+ihm Geld ab. Ist das wahr?</p>
+<p>&mdash;Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Und wenn seine Kasse leer ist, was &ouml;fters vorkommt,
+nehmen sie <span class="letterspaced">in seinem Namen</span> der
+Bev&ouml;lkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?</p>
+<p>&mdash;Ja, es ist so.</p>
+<p>&mdash;Ich bin also gut unterrichtet, doch dar&uuml;ber sp&auml;ter.
+Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod f&uuml;rchtet, wird von
+der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu
+machen. Er giebt viel Geld aus f&uuml;r Reisekosten von Pilgern nach
+Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zur&uuml;ckbringen, Reliquien,
+Talismans und Djimats. Ist es nicht so?</p>
+<p>&mdash;Ja, das ist wahr. <span class="pagenum">[<a id="pb121" href="#pb121" name="pb121">121</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von
+Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor
+seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang&mdash;doch er
+ist es nicht allein&mdash;der dem Adhipatti den Hof macht, indem er
+Geld und Gut von der armen Bev&ouml;lkerung erpresst und die Leute von
+ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach
+den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass
+er gern anders m&ouml;chte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen
+von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?</p>
+<p>&mdash;Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr
+einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.</p>
+<p>&mdash;Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause
+hatte, als er soeben &uuml;ber die Abrechnung mit dem Unterkollekteur
+zu reden anfing. Sie haben heute morgen geh&ouml;rt, <span class="corr"
+id="xd20e2498" title="Quelle: dsss">dass</span> es mein Vorsatz ist,
+meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es
+nicht!</p>
+<p>Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als
+am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.</p>
+<p>&mdash;Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde.
+Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was
+<span class="letterspaced">von heute ab</span> geschieht, f&auml;llt
+unter <span class="letterspaced">meine</span> Verantwortung, daf&uuml;r
+werde <span class="letterspaced">ich</span> Sorge tragen! Ich hoffe
+hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich sch&ouml;n
+ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was
+ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von <span class="letterspaced">Ihnen</span> h&auml;tte h&ouml;ren m&uuml;ssen? Ich
+kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute &sbquo;garem
+glap&lsquo;, d. h. Schmuggelsalz machen an der S&uuml;dk&uuml;ste, um
+das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ...
+auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so
+vieles verkehrt ist? W&auml;hrend zweier Monate sind Sie dienstthuender
+Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier <span class="pagenum">[<a id="pb122" href="#pb122" name="pb122">122</a>]</span>schon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es
+also wissen, nicht wahr?</p>
+<p>&mdash;M&rsquo;nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter
+jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht
+&uuml;bel.</p>
+<p>&mdash;Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere
+Menschen, doch was thut das zur Sache?</p>
+<p>&mdash;Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und
+Vorstellungen mitteilen, die fr&uuml;her nicht bestanden.</p>
+<p>&mdash;Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten
+offiziellen Schlendrian, der seinen Stil sucht in &raquo;<span class="letterspaced">ich habe die Ehre</span>&laquo; und die Ruhe seines
+Gewissens in der &raquo;<span class="letterspaced">hohen Zufriedenheit
+der Regierung</span>&laquo;. Nein, Verbrugge! l&auml;stern Sie nicht
+sich selbst! Sie brauchen von mir nichts zu lernen. Habe ich Ihnen zum
+Beispiel heute morgen in der Sebah etwas Neues erz&auml;hlt?</p>
+<p>&mdash;Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere
+...</p>
+<p>&mdash;Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas
+verwahrlost ist: ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir
+sagen, warum Sie so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes
+geschah in Lebak.</p>
+<p>&mdash;Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer
+<span class="letterspaced">Initiative</span>. &Uuml;berdies, alles das
+ist immer so gewesen in dieser Gegend.</p>
+<p>&mdash;Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet
+oder Apostel sein, das Holz w&uuml;rde teuer werden durchs Kreuzigen!
+Aber Sie wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen?
+Sie wollen doch wohl Ihre <span class="letterspaced">Pflicht</span>
+thun?</p>
+<p>&mdash;Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder w&uuml;rde
+das so streng fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man
+so leicht in die Position jemandes, der gegen Windm&uuml;hlen
+k&auml;mpft.</p>
+<p>&mdash;Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, <span class="pagenum">[<a id="pb123" href="#pb123" name="pb123">123</a>]</span>weil
+sie davon leben, dass es kein Unrecht <span class="letterspaced">g&auml;be</span>, um das Vergn&uuml;gen zu haben, Sie
+und mich zu Don Quixotes machen zu k&ouml;nnen und zugleich
+<span class="letterspaced">ihre</span> Windm&uuml;hlen in Drehung zu
+erhalten. Doch, Verbrugge, Sie h&auml;tten nicht auf <span class="letterspaced">mich</span> warten brauchen, um Ihre Pflicht zu thun!
+M&rsquo;nheer Slotering war ein t&uuml;chtiger und ehrlicher Mann: er
+wusste, was da vorging, er missbilligte es und setzte sich dagegen zur
+Wehr ... sehen Sie hier!</p>
+<p>Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie
+Verbrugge hinhaltend, sagte er:</p>
+<p>&mdash;Wessen Hand ist dies?</p>
+<p>&mdash;Das ist die Hand M&rsquo;nheer Sloterings.</p>
+<p>&mdash;Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas,
+offenbar Gegenst&auml;nde enthaltend, wor&uuml;ber er mit dem
+Residenten sprechen wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) <span class="letterspaced">&Uuml;ber den Reisbau.</span> 2) <span class="letterspaced">&Uuml;ber die Wohnungen der Dorfh&auml;uptlinge.</span>
+3) <span class="letterspaced">&Uuml;ber die Eintreibung der
+Landrenten</span> u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was
+wollte M&rsquo;nheer Slotering damit sagen?</p>
+<p>&mdash;Wie kann <span class="letterspaced">ich</span> das wissen?
+rief Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;<span class="letterspaced">Ich</span> weiss es! Das bedeutet,
+dass viel mehr Landrenten aufgebracht werden, als in die Landeskasse
+fliessen. Doch ich werde Ihnen dann etwas zeigen, das wir beide
+verstehen, weil es in Buchstaben und nicht in Zeichen geschrieben ist.
+Sehen Sie:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;12) <span class="letterspaced">&Uuml;ber den
+Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren H&auml;uptlingen mit
+der Bev&ouml;lkerung getrieben wird.</span> (<span class="letterspaced">&Uuml;ber das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten
+der Bev&ouml;lkerung</span> u. s. w.)&laquo;</p>
+</div>
+<p>Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war,
+der &raquo;Initiative&laquo; sch&auml;tzte und selbst kannte. Sie
+h&auml;tten sich also ihm anschliessen k&ouml;nnen. H&ouml;ren Sie
+weiter:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;15) <span class="letterspaced">Dass viele
+Personen von den Familien und Bediensteten der inl&auml;ndischen
+H&auml;uptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That
+nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteile
+<span class="pagenum">[<a id="pb124" href="#pb124" name="pb124">124</a>]</span>hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der
+wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den
+unrechtm&auml;ssigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, w&auml;hrend
+diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der
+Kultur.</span>&laquo;</p>
+</div>
+<p>Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie
+mal, auch darin steht etwas sehr Deutliches:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;<span class="letterspaced">Die Verminderung
+des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem
+weitgehenden Missbrauch, dem die Bev&ouml;lkerung ausgesetzt
+ist.</span>&laquo;</p>
+</div>
+<p>Was sagen Sie <span class="letterspaced">davon</span>? Sehen Sie
+wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, wie es scheint, wenn ich daran
+gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, dass auch andere dies
+thaten?</p>
+<p>&mdash;Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat
+&uuml;ber all diese Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.</p>
+<p>&mdash;Und was folgte darauf?</p>
+<p>&mdash;Dann wurde der Regent gerufen: es wurde <span class="letterspaced">abouchiert</span> ...</p>
+<p>&mdash;Jawohl, <span class="letterspaced">m&uuml;ndlich</span>
+verhandelt! Und weiter?</p>
+<p>&mdash;Der Regent leugnete gew&ouml;hnlich alles. Dann mussten
+Zeugen kommen ... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach,
+M&rsquo;nheer Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!</p>
+<p>Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie
+Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig
+sich erwiesen.</p>
+<p>&mdash;Mynheer Slotering hatte viel &Auml;rgernis deswegen, fuhr
+Verbrugge fort, er schrieb scharfe Briefe an die H&auml;uptlinge
+...</p>
+<p>&mdash;Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.</p>
+<p>&mdash;Und ich habe ihn mehrfach sagen h&ouml;ren, dass er, wenn
+keine &Auml;nderung eintr&auml;te, und wenn der Resident nicht
+&raquo;durchgriffe&laquo;, sich direkt an den Generalgouverneur wenden
+<span class="pagenum">[<a id="pb125" href="#pb125" name="pb125">125</a>]</span>w&uuml;rde. Dies hat er auch den
+H&auml;uptlingen selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er
+pr&auml;sidierte.</p>
+<p>&mdash;Da w&uuml;rde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident
+war sein Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte
+er das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam
+Unrecht und Willk&uuml;r gutheissen wird?</p>
+<p>&mdash;Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der
+Regierung einen <span class="letterspaced">H&auml;uptling</span>
+an.</p>
+<p>&mdash;Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es
+sein <span class="letterspaced">muss</span>, einen H&auml;uptling so
+gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank,
+noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die
+Unrechtm&auml;ssigkeit einer ungesetzlichen Herrschafts&uuml;bung vor
+Augen f&uuml;hren, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von
+armen Menschen. Doch in Abwartung der geh&ouml;rigen Einrenkung werde
+ich ihm in seinen wirklich heiklen Verh&auml;ltnissen zur Seite stehen,
+so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem
+Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe
+ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie m&ouml;ge den Regenten
+von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und
+Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere
+Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es sein
+<span class="letterspaced">muss</span>, ohne Furcht! Sie sind ein
+ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind sch&uuml;chtern. Reden Sie
+fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen
+Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns
+zum Essen: wir haben holl&auml;ndischen Blumenkohl in B&uuml;chse ...
+doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich
+bin arg zur&uuml;ckgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa,
+begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!</p>
+<p>Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in
+die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten <span class="pagenum">[<a id="pb126" href="#pb126" name="pb126">126</a>]</span>Tisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte,
+wirklich <span class="letterspaced">sehr</span> einfach war! Duclari,
+der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach
+Hause zur&uuml;ckkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische
+gen&ouml;tigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner
+Erz&auml;hlung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel
+verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem
+Mahle. <span class="pagenum">[<a id="pb127" href="#pb127" name="pb127">127</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch9" class="div1">
+<h2>Neuntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Ich g&auml;be viel darum, Leser, wenn ich recht
+w&uuml;sste, wie lange ich wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen
+k&ouml;nnte, bis du, bei der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch
+mutlos aus der Hand legen w&uuml;rdest, ohne abzuwarten, bis das Weib
+auf den Boden gekommen ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen
+Luftsprung n&ouml;tig h&auml;tte, w&uuml;rde ich vorsichtshalber doch
+immer nur das erste Stockwerk als Ausgangspunkt ihres Sprunges
+w&auml;hlen, und ein Schloss, von dem es wenig zu berichten g&auml;be.
+Sei aber vorl&auml;ufig ruhig: Havelaars Haus hatte keine Etage, und
+die Heldin meines Buches&mdash;du lieber Himmel, die liebe, treue,
+anspruchslose Tine eine Heldin!&mdash;ist niemals aus einem Fenster
+gesprungen.</p>
+<p>Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung
+gr&ouml;sserer Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr
+ein oratorischer Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut
+&raquo;klappte&laquo;, als dass ich wirklich meinte, dass das folgende
+Kapitel allein &raquo;als Abwechslung&laquo; Wert haben sollte. Ein
+Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich &Uuml;bles von seiner Mutter
+oder von der Farbe seiner Haare, sage, er habe einen amsterdamschen
+Accent&mdash;was ein Amsterdamer niemals zugeben wird&mdash;vielleicht
+verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... r&uuml;hre niemals nur an die
+Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache von etwas,
+das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn <span class="letterspaced">das</span> vergiebt er dir <span class="pagenum">[<a id="pb128" href="#pb128" name="pb128">128</a>]</span>nicht! Wenn du also
+mein Buch nicht sch&ouml;n findest und du begegnest mir mal, thue dann
+so, als ob wir uns nicht kennten.</p>
+<p>Nein, selbst so ein Kapitel &raquo;zur Abwechslung&laquo; kommt mir
+durch das Vergr&ouml;sserungsglas meiner Autoreneitelkeit h&ouml;chst
+belangreich und gar unentbehrlich vor, und wenn du es
+&uuml;berschl&uuml;gest und darnach nicht nach Geb&uuml;hr eingenommen
+w&auml;rest von meinem Buch, w&uuml;rde ich nicht s&auml;umen, dir dies
+&Uuml;berschlagen vorzuhalten als Ursache, dass du mein Buch nicht
+recht beurteilen konntest, denn du h&auml;ttest just das <span class="letterspaced">Essentielle</span> nicht gelesen. <span class="letterspaced">So</span> w&uuml;rde ich&mdash;denn ich bin Mann und
+Autor&mdash;jedes Kapitel f&uuml;r essentiell halten, das du in
+unverzeihlichem Leserleichtsinn &uuml;berschlagen.</p>
+<p>Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was
+&raquo;dran&laquo;? Und du sagst zum Beispiel&mdash;horribile auditu
+f&uuml;r mich&mdash;mit dem Wortreichtum, der verheirateten
+M&auml;nnern eigen ist:</p>
+<p>&mdash;Hm ... so ... ich weiss noch nicht.</p>
+<p>Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der
+Th&uuml;r. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die
+Dicke der umgeschlagenen Bl&auml;tter und ich suche auf deinem Gesicht
+nach dem Widerschein des Kapitels, das &raquo;so sch&ouml;n&laquo; ist
+...</p>
+<p>Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen
+und, ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...</p>
+<p>Doch du liesest weiter. Das &raquo;sch&ouml;ne Kapitel&laquo; muss
+vorbei sein, d&uuml;nkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen,
+hast nichts und niemanden umarmt ...</p>
+<p>Und schon d&uuml;nner wird das Teil Bl&auml;tter unter deinem
+rechten Daumen, und schon meine Hoffnung &auml;rmer auf die Umarmung
+... ja, wahrhaftig, ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine
+Thr&auml;ne!</p>
+<p>Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, &raquo;wo sie sich
+kriegen&laquo;, und du sagst&mdash;eine andere Form von
+Gespr&auml;chigkeit im Ehestande&mdash;g&auml;hnend: <span class="pagenum">[<a id="pb129" href="#pb129" name="pb129">129</a>]</span></p>
+<p>&mdash;So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben
+<span class="letterspaced">soviel</span> im Augenblick!</p>
+<p>Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, <span class="letterspaced">Europ&auml;er</span>, Leser, dass du da eine Stunde
+zugebracht hast mit Knabbern auf <span class="letterspaced">meinem</span> Geiste wie auf einem Zahnstocher? Mit
+Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem Geschlecht?
+Menschenfresser, darin steckte meine Seele, <span class="letterspaced">meine</span> Seele, die du zermahlen hast, wie eine Kuh
+ihr vorher vertilgtes Gras! Es war <span class="letterspaced">mein</span> Herz, was du da aufgeschl&uuml;rft hast wie
+eine Leckerei! Denn in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese
+Seele niedergelegt, und es fielen so viel Thr&auml;nen auf diese
+Handschrift, und mein Blut wich aus den Adern in dem Masse als ich
+fortschrieb, und ich gab dir dies alles und du kaufst es f&uuml;r
+wenige St&uuml;ber ... und du sagst: &raquo;<span class="letterspaced">hm!</span>&laquo;</p>
+<p>Der Leser begreift, dass ich hier nicht von <span class="letterspaced">meinem</span> Buch rede.</p>
+<p>&raquo;Es war man, dass ich sagen wollte&laquo;, um mit Abraham
+Blankaart zu reden ...</p>
+<hr class="tb">
+<p>&mdash;Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und
+Fritz erz&auml;hlte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war,
+denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, f&uuml;r diesen
+Abend wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich
+Makler in Kaffee bin&mdash;Lauriergracht Nr. 37&mdash;und dass ich
+f&uuml;r mein Fach alles &uuml;ber habe. Jeder wird also ermessen
+k&ouml;nnen, wie wenig ich zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich
+hatte auf Kaffee gehofft, und er gab uns ... ja, der Himmel weiss,
+<span class="letterspaced">was</span>!</p>
+<p>Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kr&auml;nzchenabende
+aufgehalten, und, was das &auml;rgste ist, die Rosemeyers finden es
+sch&ouml;n. So sagen sie wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung f&uuml;r
+n&ouml;tig halte, beruft er sich auf Luise. <span class="letterspaced">Ihre</span> <span class="pagenum">[<a id="pb130" href="#pb130" name="pb130">130</a>]</span>Zustimmung, sagt er, wiege ihm
+schwerer, als aller Kaffee von der Welt, und &uuml;berdies &raquo;wenn
+das Herz mir gl&uuml;ht ...&laquo; u. s. w.&mdash;Siehe diese Tirade
+auf Seite soundsoviel, oder lieber, siehe sie nicht.&mdash;Da steh ich
+denn und weiss nicht, was thun! Das Paket von Shawlmann ist ein wahres
+Trojanisches Pferd. Auch Fritz ist davon angestochen. Er hat, wie ich
+bemerke, Stern geholfen, denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu
+holl&auml;ndisch f&uuml;r einen Deutschen. Sie sind beide so
+eingenommen von sich, so superklug, dass ich wahrhaftig in Verlegenheit
+gerate wegen der Sache. Das Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger
+einen Vertrag eingegangen bin, nach welchem ein Buch herausgegeben
+wird, das von den Kaffeeauktionen handeln muss&mdash;ganz Niederland
+wartet darauf&mdash;und da geht mir nun der Stern einen ganz andern Weg
+hinaus! Gestern sagte er: &raquo;Beruhigen Sie sich, alle Wege
+f&uuml;hren nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von der
+Einleitung ab&laquo;&mdash;ist das alles noch
+Einleitung?&mdash;&raquo;ich verspreche Ihnen, dass schliesslich die
+Sache hinauslaufen wird auf Kaffee, Kaffee, auf nichts als Kaffee!
+Denken Sie an Horatius, fuhr er fort, hat nicht er schon gesagt: omne
+tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee mit was anderm? Handeln Sie
+selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und Milch in Ihre Tasse
+thun?&laquo;</p>
+<p>Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil
+ich der Firma Last &amp; Co. gegen&uuml;ber verpflichtet bin,
+daf&uuml;r Sorge zu tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck &amp;
+Waterman in die Finger falle, die ihn schlecht bedienen w&uuml;rden,
+weil es niedertr&auml;chtige Pfuscher sind.</p>
+<p>Bei dir, Leser, sch&uuml;tte ich mein Herz aus, und damit du nach
+dem Lesen von Sterns Geschreibsel&mdash;hast du&rsquo;s wirklich
+gelesen?&mdash;deinen Zorn nicht ausgiessen m&ouml;gest &uuml;ber ein
+unschuldiges Haupt&mdash;denn ich frage dich, wer wird einen Makler
+nehmen, von dem man &sbquo;Menschenfresser&lsquo; geschimpft
+wird?&mdash;so ist mir daran gelegen, dass du &uuml;berzeugt bist von
+meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma meines
+Buches dr&auml;ngen, nun die Sachen <span class="pagenum">[<a id="pb131" href="#pb131" name="pb131">131</a>]</span>einmal so weit
+gediehen sind, dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche
+kommt&mdash;die Jungens scheinen ihr aufzulauern&mdash;fragt, ob er
+nicht ein bisschen fr&uuml;h kommen werde heute abend, um recht viel
+von Max und Tine vorzulesen!</p>
+<p>Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld daf&uuml;r bezahlt im
+Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten
+l&auml;sst, so erkenne ich deine Anspr&uuml;che auf was Gutes f&uuml;r
+dein Geld an, und darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar
+Kapitel. Du bist nicht in dem Kr&auml;nzchen von den Rosemeyers, Leser,
+und also gl&uuml;cklicher daran als ich, der alles mit anh&ouml;ren
+muss. Dir steht es frei, die Kapitel &uuml;berzuschlagen, die nach
+deutscher &Uuml;bergeschnapptheit riechen, und dich allein abzugeben
+mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir, einem honetten Manne und
+Makler in Kaffee.</p>
+<p>Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen&mdash;und
+aus Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr
+sei&mdash;dass in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies
+ist sehr verkehrt, und ich werde meine M&uuml;he reichlich belohnt
+erachten, wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler
+aufmerksam gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann m&ouml;chte es
+scheinen, dass der Boden in diesen Gegenden f&uuml;r die Kaffeekultur
+nicht geeignet ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine
+Entschuldigung, und ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher
+Pflichtvers&auml;umnis schuldig macht gegen&uuml;ber Niederland im
+allgemeinen und den Kaffeemaklern im besonderen, ja, gegen&uuml;ber den
+Javanen selbst, indem man nicht diesen Boden ver&auml;ndert&mdash;der
+Javane hat doch nichts anderes zu thun&mdash;oder, wenn man das nicht
+zu k&ouml;nnen vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht nach
+anderen Gebieten schickt, wo der Boden <span class="letterspaced">wohl</span> gut ist f&uuml;r Kaffee.</p>
+<p>Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf
+behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich &uuml;ber
+diesen Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor <span class="pagenum">[<a id="pb132" href="#pb132" name="pb132">132</a>]</span>allem seit ich die Predigt von Pastor Wawelaar
+in dem Bittgottesdienst f&uuml;r die Bekehrung der Heiden
+h&ouml;rte.</p>
+<p>Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine
+Pflichten als Vater &auml;ngstlich erf&uuml;lle und dass mir die
+sittliche Aufziehung meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz
+seit einiger Zeit in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir
+nicht gef&auml;llt&mdash;es kommt alles von dem verw&uuml;nschten
+Paket!&mdash;so habe ich ihn einmal gut unter die Finger genommen und
+zu ihm gesagt:</p>
+<p>&raquo;Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets
+das Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist
+d&uuml;nkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy
+Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller
+Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht k&uuml;ssen und musst
+nicht so furchtbar d&uuml;nkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum
+Verderben, Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen
+Shawlmann. Er hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und
+wohnt auf einer kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von
+Unsittlichkeit und schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in
+der &raquo;Ind&eacute;pendance&laquo; geschrieben und hat die
+&raquo;Aglaja&laquo; fallen lassen.&mdash;So geht es, wenn man weise
+ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal, wie sp&auml;t
+es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose an. Bedenke,
+dass dein K&ouml;rper ein Tempel Gottes ist, und dass dein Vater stets
+hart hat arbeiten m&uuml;ssen f&uuml;r den Unterhalt&mdash;das ist die
+Wahrheit!&mdash;Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach,
+dass du zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine
+alten Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an,
+die nicht auf guten Rat h&ouml;ren wollen, die Religion und
+Sittlichkeit mit F&uuml;ssen treten, und spiegle dich in diesen
+Menschen. Und stelle dich nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater
+so reich ist und der immer genug Geld haben wird, wenn er auch
+schliesslich nicht Makler werden will und ab und zu auch mal etwas
+Unrechtes thut. Bedenke doch, dass alles <span class="pagenum">[<a id="pb133" href="#pb133" name="pb133">133</a>]</span>B&ouml;se seine
+Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann an, der keinen
+Winterrock hat und aussieht wie so&rsquo;n Schauspieler. Gieb doch gut
+acht in der Kirche und r&uuml;cke nicht hin und her auf der Bank, als
+wenn du Langeweile h&auml;ttest, Junge, denn ... was muss Gott davon
+denken? Die Kirche ist <span class="letterspaced">Sein</span>
+Heiligtum, weisst du wohl? Und laure nicht jungen M&auml;dchen auf,
+wenn es aus ist, denn das macht die ganze Erbauung zu Schanden. Bringe
+auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim Essen aus der <span class="letterspaced">Schrift</span> lese. Das passt sich nicht in einem
+achtbaren Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians L&ouml;schblatt
+gemalt, als er wieder mal nicht da war&mdash;weil er manchmal die Gicht
+hat&mdash;das h&auml;lt die Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und
+es steht in Gottes Wort, dass solche Thorheiten zum Verderben
+f&uuml;hren. Der Shawlmann hat <span class="letterspaced">auch</span>
+allerlei unn&uuml;tze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als
+Kind auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... nat&uuml;rlich:
+nun ist er faul, d&uuml;nkelhaft und kr&auml;nklich, siehst du? Mache
+also nicht immer soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass
+sein Vater ja reich ist. Thu so, als s&auml;hest du es nicht, wenn er
+dem Buchhalter Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich
+mit Versen abgiebt, so sage ihm mal so beil&auml;ufig, dass er es hier
+bei uns so gut hat und dass Marie Pantoffeln f&uuml;r ihn gestickt hat
+mit echter Florseide. Frage ihn&mdash;weisst du, so nebenbei!&mdash;ob
+er glaubt, dass sein Vater zu Busselinck &amp; Waterman gehen wird, und
+sage ihm, dass das niedertr&auml;chtige Pfuscher sind. Siehst du, das
+ist man seinem N&auml;chsten schuldig&mdash;so bringst du ihn auf den
+guten Weg, meine ich,&mdash;und ... all das Versemachen ist doch
+Albernheit. Sei doch brav und gehorsam, Fritz, und zupfe das
+Dienstm&auml;dchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs Kontor bringt, und
+mache mir keine Schande, denn dann versch&uuml;ttet es, und Apostel
+Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss bereiten soll.
+Ich besuche zwanzig Jahre die B&ouml;rse und kann sagen, dass ich
+geachtet bin dort an meinem Pfeiler. H&ouml;re also auf meine
+Vermahnungen, <span class="pagenum">[<a id="pb134" href="#pb134" name="pb134">134</a>]</span>Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh
+deinen Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut
+thun!&laquo;</p>
+<p>So habe ich gesprochen, und ich bin &uuml;berzeugt, dass ich
+Eindruck auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text
+seiner Rede gew&auml;hlt hatte: <span class="letterspaced">die Liebe
+Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn gegen Ungl&auml;ubige</span>, nach
+Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel: I. Sam. XV, Vers 23 b.</p>
+<p>Beim Anh&ouml;ren dieser Predigt dachte ich fortw&auml;hrend daran,
+was f&uuml;r ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und
+g&ouml;ttlicher Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von
+Shawlmann unter viel unn&uuml;tzem Zeug doch auch dieses und jenes war,
+das ins Auge fiel durch Solidit&auml;t der Beweisf&uuml;hrung. Aber,
+ach, wie wenig hat doch so etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht
+mit einer Sprache wie die von Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner
+Kraft&mdash;denn ich kenne Wawelaar und halte ihn f&uuml;r einen, der
+wahrlich nicht hoch fliegt&mdash;nein, durch die Kraft, die von oben
+kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher zum Vorschein, als er
+etliche Punkte ber&uuml;hrte, die auch von Shawlmann behandelt waren,
+denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel &uuml;ber Javanen und
+andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine Heiden sind,
+doch <span class="letterspaced">ich</span> nenne jeden, der einen
+verkehrten Glauben hat, einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum
+Christum, den Gekreuzigten, und das wird jeder anst&auml;ndige Leser
+wohl auch thun.</p>
+<p>Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung gesch&ouml;pft
+habe bez&uuml;glich der totalen Unzul&auml;ssigkeit der Einziehung der
+Kaffeekultur zu Lebak, worauf ich gleich zur&uuml;ckkommen werde, als
+auch, weil ich als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut
+nichts erh&auml;lt f&uuml;r sein Geld, werde ich hier einige
+Bruchst&uuml;cke aus der Predigt mitteilen, die ganz besonders treffend
+waren.</p>
+<p>Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen
+und war sehr schnell zu dem Punkte &uuml;bergegangen, <span class="pagenum">[<a id="pb135" href="#pb135" name="pb135">135</a>]</span>worauf es hier eigentlich ankam, n&auml;mlich
+auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all das Volk da mehr
+heissen m&ouml;ge. H&ouml;rt, was er davon sagte:</p>
+<p>&raquo;<span class="letterspaced">So</span>, meine Geliebten, war
+der herrliche Beruf von Israel&mdash;er meinte das Ausrotten der
+Bewohner von Kanaan&mdash;und <span class="letterspaced">so</span> ist
+der Beruf von Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das
+Licht, das uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch,
+dass wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet
+das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen
+und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes&mdash;und des zu Recht
+verstossenen Sohnes des edlen, gottgef&auml;lligen Noah! Da kriechen
+sie umher in den eklen Schlangenh&ouml;hlen heidnischer Unwissenheit,
+da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von
+eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung eines
+falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des Herrn! Und,
+Geliebte, es sind da selbst solche, die, als w&auml;re es nicht genug,
+einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche sind da, die einen
+andern Gott, was sage ich, die <span class="letterspaced">G&ouml;tter</span> anbeten, G&ouml;tter von Holz oder
+Stein, die sie selbst gemacht haben nach <span class="letterspaced">ihrem</span> Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten
+Nasen und teufelhaft! Ja, Geliebte, beinahe verhindern mich
+Thr&auml;nen, hier fortzufahren, noch tiefer ist die Verderbtheit von
+Hams Geschlechte! Es sind welche unter ihnen, die <span class="letterspaced">keinen</span> Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die
+meinen, dass es gen&uuml;gend sei, den Gesetzen zu gehorchen der
+b&uuml;rgerlichen Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude
+ausdr&uuml;cken &uuml;ber den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden
+Dank betrachten an das H&ouml;chste Wesen, das diese Ernte reifen
+liess! Es leben da Verirrte, meine Geliebten&mdash;wenn solch eine
+greuliche Existenz Leben genannt werden mag!&mdash;da findet man Wesen,
+die behaupten, dass es gen&uuml;gend sei, Frau und Kinder lieb zu haben
+und seinem N&auml;chsten nicht zu nehmen, was einem nicht geh&ouml;rt,
+um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu k&ouml;nnen zum Schlafe!
+Schaudert euch nicht <span class="pagenum">[<a id="pb136" href="#pb136"
+name="pb136">136</a>]</span>bei diesem Bilde? Krampft euer Herz sich
+nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein wird von all
+diesen Beth&ouml;rten, sobald die Posaune ert&ouml;nen wird, die die
+Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? H&ouml;ret ihr
+nicht&mdash;ja, ihr h&ouml;rt es, denn aus den verlesenen Worten des
+Textes habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein m&auml;chtiger Gott und
+ein Gott der gerechten Rache&mdash;ja, ihr h&ouml;ret das Krachen der
+Gebeine und das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen
+ist und Z&auml;hneklappern! Da, <span class="letterspaced">da</span>
+brennen sie und vergehen nicht, denn <span class="letterspaced">ewig</span> ist die Strafe! <span class="letterspaced">Da</span> leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge
+an den heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm
+nicht, der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu
+vernichten, auf dass da stets ein Herz zu nagen &uuml;brig bleibe in
+der Brust des Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem
+ungetauften Kinde abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird
+von der Mutter Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...&laquo;</p>
+<p>Da fiel eine Frau in Ohnmacht.</p>
+<p>&raquo;Doch, Geliebte&laquo;, fuhr Pastor Wawelaar fort, &raquo;Gott
+ist ein Gott der Liebe! Er will nicht, dass der S&uuml;nder verloren
+gehe, sondern dass er selig werde <span class="letterspaced">mit</span>
+der Gnade, <span class="letterspaced">in</span> Christo, <span class="letterspaced">durch</span> den Glauben! Und darum ist Niederland
+auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten ist!
+<span class="letterspaced">Dazu</span> hat Er in Seiner
+unerforschlichen Weisheit einem Lande, klein von Umfang, doch gross und
+stark durch die Kenntnis Gottes, Macht gegeben &uuml;ber die Bewohner
+dieser Gebiete, auf dass sie durch das heilige, nimmer genug gepriesene
+Evangelium gerettet werden von den Strafen der H&ouml;lle! Die Schiffe
+von Niederland befahren die grossen Wasser und bringen Bildung,
+Religion, Christentum den verirrten Javanen! Nein, unser
+gl&uuml;ckliches Niederland begehrt nicht f&uuml;r sich allein die
+Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den ungl&uuml;cklichen
+Gesch&ouml;pfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den
+Fesseln des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die
+Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich <span class="pagenum">[<a id="pb137" href="#pb137" name="pb137">137</a>]</span>dessen auf uns ruhen, wird den siebenten Teil
+meiner Rede ausmachen.&laquo;</p>
+<p>Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir
+in Ansehung dieser armen Heiden zu erf&uuml;llen haben, wurden
+genannt:</p>
+<ul>
+<li>1) Das Geben von reichlichen Beitr&auml;gen in Geld an die
+Missionsvereinigung.</li>
+<li>2) Das Unterst&uuml;tzen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck,
+diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.</li>
+<li>3) Das F&ouml;rdern der religi&ouml;sen &Uuml;bungen zu Harderwyk,
+zu Nutzen des kolonialen Werbedep&ocirc;ts.</li>
+<li>4) Die Ausarbeitung von Predigten und religi&ouml;sen
+Ges&auml;ngen, geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen
+vorgelesen und vorgesungen zu werden.</li>
+<li>5) Die Gr&uuml;ndung einer Vereinigung einflussreicher M&auml;nner,
+deren Aufgabe sein w&uuml;rde, unseren allverehrten K&ouml;nig
+anzuflehen:
+<ul>
+<li>a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen, von
+denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen im wahren
+Glauben.</li>
+<li>b) Dem Javanen zu verg&ouml;nnen, dass er die Kasernen, wie auch
+die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe besuchen
+d&uuml;rfe, damit er durch den Verkehr mit niederl&auml;ndischen
+Soldaten und Matrosen erzogen werde f&uuml;r das Reich Gottes.</li>
+<li>c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religi&ouml;se Trakt&auml;tchen
+in Schankh&auml;usern als Bezahlung angenommen werden.</li>
+<li>d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung
+aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat von Bibeln
+vorhanden sein m&uuml;sse, im Verh&auml;ltnis zu der vermutlichen Zahl
+der Besucher des betreffenden Instituts, und dass der P&auml;chter sich
+verbinde, kein Opium zu verkaufen, <span class="pagenum">[<a id="pb138"
+href="#pb138" name="pb138">138</a>]</span>wenn nicht der K&auml;ufer
+ein religi&ouml;ses Trakt&auml;tchen dazu nimmt.</li>
+<li>e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht
+werde.</li>
+</ul>
+</li>
+<li>6) Das Geben von reichlichen Beitr&auml;gen an die
+Missionsgenossenschaften.</li>
+</ul>
+<p>Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1
+genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser &Uuml;berfluss
+scheint mir im Feuer der Rede wohl erkl&auml;rlich.</p>
+<p>Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser
+Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die
+vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun nicht
+mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere, dass dieser
+Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr aus den Gedanken
+gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte der Missionare
+vorgelesen; niemand kann ihm also eine gr&uuml;ndliche Sachkenntnis
+abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich und mit dem Auge
+auf Gott behauptet, dass viel Arbeit g&uuml;nstig wirken muss auf die
+Eroberung der javanischen Seelen f&uuml;r das Reich Gottes, dann kann
+ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits aller
+Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee
+gepflanzt werden kann. Und st&auml;rker noch: dass vielleicht das
+H&ouml;chste Wesen just darum allein diesen Boden f&uuml;r die
+Kaffeekultur ungeeignet gemacht hat, um durch die Arbeit, die
+n&ouml;tig sein wird, um einen anderen Grund dahin zu verpflanzen, die
+Bev&ouml;lkerung dieser Gegend empf&auml;nglich zu machen f&uuml;r die
+Seligkeit.</p>
+<p>Ich hoffe doch, dass mein Buch dem K&ouml;nig vor Augen kommt, und
+dass alsbald durch gr&ouml;ssere Auktionen es kl&auml;rlich werden
+m&ouml;ge, wie eng die rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten
+Interesse des ganzen B&uuml;rgertums verkn&uuml;pft ist! Seht doch nur,
+wie der einf&auml;ltige und dem&uuml;tige Wawelaar ohne alle irdische
+Weisheit&mdash;der Mann hat niemals einen Fuss in die B&ouml;rse
+gesetzt&mdash;aber durch die Gnade des Evangeliums, die ihm vorleuchtet
+und eine Lampe <span class="pagenum">[<a id="pb139" href="#pb139" name="pb139">139</a>]</span>ist auf seinem Pfad, mir, Makler in Kaffee, da
+auf einmal einen Wink giebt, der f&uuml;r ganz Niederland nicht nur
+wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen wird, wenn
+Fritz gut aufpasst&mdash;er hat leidlich still gesessen in der
+Kirche&mdash;vielleicht f&uuml;nf Jahre fr&uuml;her nach Driebergen zu
+gehen. Ja, Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit f&uuml;r
+den Javanen, das ist mein Grundsatz! Und meine Grunds&auml;tze sind mir
+heilig.</p>
+<p>Ist nicht das Evangelium das h&ouml;chste Gut? Geht wohl etwas
+&uuml;ber die Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese
+Menschen selig zu machen? Und wenn, als H&uuml;lfsmittel hierzu, Arbeit
+n&ouml;tig ist&mdash;ich selbst habe zwanzig Jahre die B&ouml;rse
+besucht!&mdash;d&uuml;rfen wir dann dem Javanen Arbeit versagen, wo
+seine Seele derer so dringend bed&uuml;rftig ist, um sp&auml;ter nicht
+zu brennen? Selbstsucht w&uuml;rde es sein, sch&auml;ndliche
+Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese
+armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft,
+die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in
+Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht
+hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen sind
+so!</p>
+<p>Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, <span class="letterspaced">ich</span>, der ich selbst vom Morgen bis zum Abend ans
+Gesch&auml;ft denke? Ist nicht schon dieses Buch&mdash;das Stern mir so
+sauer macht&mdash;ein Beweis, wie gut ich es meine mit der Wohlfahrt
+unseres Vaterlandes und wie ich daf&uuml;r alles &uuml;brig habe? Und
+wenn ich so schwer arbeiten muss, <span class="letterspaced">ich</span>, der ich getauft bin&mdash;in der
+Amstelkirche&mdash;sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen
+k&ouml;nnen, dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die
+H&auml;nde r&uuml;hre?</p>
+<p>Wenn die Vereinigung&mdash;von Nr. 5e meine ich&mdash;zu stande
+kommt, schliesse ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers
+hierf&uuml;r zu gewinnen suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran
+interessiert sind, obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne
+sind in ihren Gesinnungen <span class="pagenum">[<a id="pb140" href="#pb140" name="pb140">140</a>]</span>&mdash;die Rosemeyers meine
+ich&mdash;denn sie halten ein katholisches M&auml;dchen.</p>
+<p>Wie es auch sei, <span class="letterspaced">ich</span> werde meine
+Pflicht thun. Das habe ich mir selbst gelobt, als ich mit Fritz von der
+Betstunde nach Hause ging. In <span class="letterspaced">meinem</span>
+Hause wird dem Herrn gedient, daf&uuml;r werde <span class="letterspaced">ich</span> sorgen. Und dies mit um so mehr Eifer, da ich
+je l&auml;nger desto mehr einsehe, wie weise doch alles geordnet ist,
+wie liebreich die Wege sind, die wir gef&uuml;hrt werden an Gottes
+Hand, und wie Er uns erhalten will f&uuml;r das ewige und f&uuml;r das
+zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr gut geeignet
+gemacht werden f&uuml;r die Kaffeekultur. <span class="pagenum">[<a id="pb141" href="#pb141" name="pb141">141</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch10" class="div1">
+<h2>Zehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Wiewohl ich, wo Grunds&auml;tze in Frage stehen,
+niemanden schone, so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern
+einen andern Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten
+ist, dass mein Name&mdash;die Firma ist Last &amp; Co., doch ich heisse
+Droogstoppel: Batavus Droogstoppel&mdash;sich mit einem Buch
+verkn&uuml;pfen wird, in dem Sachen vorkommen, die sich nicht mit der
+Achtung vertragen, die jeder anst&auml;ndige Mann und Makler sich
+selber schuldig ist, so erachte ich es f&uuml;r meine Pflicht, hier
+mitzuteilen, wie ich mir M&uuml;he gab, auch den Stern auf den rechten
+Weg zur&uuml;ckzubringen.</p>
+<p>Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen&mdash;denn er ist
+Lutheraner&mdash;aber ich habe auf sein Gem&uuml;t und auf sein
+Ehrgef&uuml;hl gewirkt. Man sehe, wie ich das angefangen habe, und
+beachte dabei, wie weit man es mit Menschenkenntnis bringt. Ich hatte
+ihn sagen h&ouml;ren: &raquo;auf Ehrenwort!&laquo; und fragte, was er
+darunter verst&auml;nde.</p>
+<p>&mdash;Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpf&auml;nde f&uuml;r
+die Wahrheit dessen, was ich sage.</p>
+<p>&mdash;Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest
+&uuml;berzeugt, dass Sie immer die Wahrheit sagen?</p>
+<p>&mdash;Ja, erkl&auml;rte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die
+Brust mir ergl&uuml;ht ...</p>
+<p>Der Leser weiss den Rest.</p>
+<p>&mdash;Das ist ja sehr sch&ouml;n, sagte ich, und ich that so
+einf&auml;ltig, als ob ich es glaubte. <span class="pagenum">[<a id="pb142" href="#pb142" name="pb142">142</a>]</span></p>
+<p>Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte
+mit der Absicht, den jungen Herrn&mdash;ohne Gefahr zu laufen, den
+alten Stern in die H&auml;nde von Busselinck &amp; Waterman fallen zu
+sehen&mdash;doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn
+merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben
+anf&auml;ngt&mdash;macht sein Vater gleichwohl grosse
+Gesch&auml;fte&mdash;und einem Makler, der zwanzig Jahre die B&ouml;rse
+besucht hat. Es war mir n&auml;mlich bekannt, dass er allerhand
+Versekram aus dem Kopf wusste&mdash;er sagt:
+&raquo;auswendig&laquo;&mdash;und da Verse stets L&uuml;gen enthalten,
+war ich mir <span class="corr" id="xd20e2938" title="Quelle: gewis">gewiss</span>, dass ich ihn sehr schnell auf
+Unwahrheiten ertappen w&uuml;rde. Das dauerte denn auch nicht lange.
+Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben
+n&auml;mlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr
+was erz&auml;hlen. Ich h&ouml;rte and&auml;chtig zu, und als er zu Ende
+war, fragte ich ihn, ob er das Buch bes&auml;sse, in dem das Ding
+st&auml;nde, das er da soeben hergeleiert h&auml;tte. Er sagte ja und
+brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissen
+<span class="letterspaced">Heine</span>. Am andern Morgen gab ich
+ihm&mdash;Stern, meine ich&mdash;die folgenden</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar xd20e91"><span class="letterspaced">Betrachtungen</span></p>
+</div>
+<p>bez&uuml;glich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende
+Machwerk von Heine einem jungen M&auml;dchen vorsagt, das im Salon
+sitzt und strickt.</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Auf Fl&uuml;geln des Gesanges,</p>
+<p class="line">Herzliebchen, trag&rsquo; ich dich fort ...</p>
+</div>
+<p class="firstpar">&raquo;<span class="letterspaced">Herzliebchen</span>&laquo;? Marie Ihr
+&raquo;Herzliebchen&laquo;? Wissen Ihre Eltern davon und Luise
+Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das
+durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann,
+indem es sich in den Kopf setzt, dass es m&uuml;ndig ist, da man es
+&raquo;Herzliebchen&laquo; nennt? Was bedeutet das &raquo;Forttragen
+auf Ihren Fl&uuml;geln&laquo;? Sie haben keine Fl&uuml;gel und Ihr
+Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal &uuml;ber die Lauriergracht,
+die gar nicht einmal breit ist. Aber h&auml;tten Sie auch Fl&uuml;gel,
+d&uuml;rfen <span class="pagenum">[<a id="pb143" href="#pb143" name="pb143">143</a>]</span>Sie dann wohl einem M&auml;dchen, das noch nicht
+eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die
+Einsegnung schon hinter sich h&auml;tte, was bedeutet das Anerbieten,
+zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Fort nach den Fluren des Ganges,</p>
+<p class="line">Dort weiss ich den sch&ouml;nsten Ort.</p>
+</div>
+<p class="firstpar">Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich
+ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein M&auml;dchen mit, das seiner
+Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so!
+Zun&auml;chst haben Sie nie den Ganges gesehen und k&ouml;nnen also
+nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die
+Sachen stehen? Das sind alles L&uuml;gen, die Sie nur <span class="letterspaced">darum</span> erz&auml;hlen, weil Sie sich bei all dem
+Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile
+vielleicht auf <span class="letterspaced">Senf</span>, <span class="letterspaced">Zuckerteig</span> oder <span class="letterspaced">Leberthran</span> geendigt h&auml;tte, so h&auml;tten
+Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach <span class="letterspaced">Genf</span>, <span class="letterspaced">Braunschweig</span> oder <span class="letterspaced">Teheran</span>, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre
+vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles
+hinausl&auml;uft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand.
+Wie w&auml;r&rsquo;s, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die
+verr&uuml;ckte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der
+unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel
+sei Dank, zu verst&auml;ndig, um Verlangen nach einem Lande zu haben,
+von dem Sie sagen:</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Dort liegt ein rotbl&uuml;hender Garten</p>
+<p class="line">Im stillen Mondenschein;</p>
+<p class="line">Die Lotosblumen erwarten</p>
+<p class="line">Ihr trautes Schwesterlein.</p>
+<p class="line">Die Veilchen kichern und kosen,</p>
+<p class="line">Und schaun nach den Sternen empor;</p>
+<p class="line">Heimlich erz&auml;hlen die Rosen</p>
+<p class="line">Sich duftende M&auml;rchen ins Ohr.</p>
+</div>
+<p class="firstpar">Was w&uuml;rden Sie in diesem Garten bei
+Mondenschein mit Marie anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist
+das in der Ordnung, ist das anst&auml;ndig? Wollen Sie, dass ich
+besch&auml;mt dastehe, so wie Busselinck &amp; Waterman, mit denen
+<span class="pagenum">[<a id="pb144" href="#pb144" name="pb144">144</a>]</span>kein anst&auml;ndiges Handelshaus etwas zu thun
+haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es
+niedertr&auml;chtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort
+geben, wenn man mich auf der B&ouml;rse fragte, warum meine Tochter so
+lange in dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch,
+dass niemand mir glauben w&uuml;rde, wenn ich sagte, dass sie dahin
+m&uuml;sste, um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie
+sagen, sie schon lange erwarteten. Ebenso w&uuml;rde jeder
+verst&auml;ndige Mensch mich auslachen, wenn ich so albern w&auml;re,
+zu sagen: Marie ist da in dem roten Garten&mdash;warum rot und nicht
+gelb oder lila?&mdash;um zu horchen auf das Quasseln und Quatschen der
+Veilchen oder auf die M&auml;rchen, die die Rosen sich heimlich ins Ohr
+blasen. K&ouml;nnte so was auch wahr sein, was h&auml;tte Marie davon,
+wenn es doch so heimlich gesch&auml;he, dass sie nichts davon verstehen
+k&ouml;nnte? Doch L&uuml;gen sind das eben, faule L&uuml;gen! Und
+h&auml;sslich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie doch mal einen
+Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und sehen Sie sich mal
+an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass diese
+&raquo;M&auml;rchen&laquo; so &raquo;duftend&laquo; sind? Soll ich es
+Ihnen mal sagen in der Sprache, die man im gew&ouml;hnlichen Leben
+spricht? Das will sagen ... na, noch gelinde gesagt ... dass ein
+L&uuml;ftchen von diesen albernen M&auml;rchen ausgeht ... da haben
+Sie&rsquo;s!</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Es h&uuml;pfen herbei und lauschen</p>
+<p class="line">Die frommen, klugen Gazell&rsquo;n;</p>
+<p class="line">Und in der Ferne rauschen</p>
+<p class="line">Des heiligen Stromes Well&rsquo;n.</p>
+<p class="line">Dort wollen wir niedersinken</p>
+<p class="line">Unter dem Palmenbaum,</p>
+<p class="line">Und Lieb&rsquo; und Ruhe trinken</p>
+<p class="line">Und tr&auml;umen seligen Traum.</p>
+</div>
+<p class="firstpar">K&ouml;nnen Sie nicht nach &raquo;Artis&laquo;
+gehen, unserm Zoologischen Garten&mdash;Sie haben doch wohl Ihrem Vater
+geschrieben, dass ich Mitglied bin?&mdash;sagen Sie, kommen Sie denn
+nicht mit &raquo;Artis&laquo; aus, wenn Sie denn durchaus fremde Tiere
+sehen wollen? M&uuml;ssen es gerade Gazellen am Ganges <span class="pagenum">[<a id="pb145" href="#pb145" name="pb145">145</a>]</span>sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut
+zu beobachten sind, wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter?
+Warum nennen Sie diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja
+gelten&mdash;sie machen wenigstens solche dummen Verse
+nicht&mdash;aber: fromm? Was heisst das! Ist das nicht Missbrauch
+getrieben mit einem heiligen Ausdruck, der nur auf Menschen vom wahren
+Glauben angewendet werden sollte? Und dann der &raquo;heilige
+Strom&laquo;? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erz&auml;hlen, die sie zur
+Heidin zu machen geeignet sind? D&uuml;rfen Sie sie in der
+&Uuml;berzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser
+giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den
+Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion,
+Christentum und Anstand?</p>
+<p>Denken Sie &uuml;ber dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist
+ein sehr achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet,
+dass ich so auf Ihr Gem&uuml;t wirke, und dass er gern mit jemandem
+Gesch&auml;fte macht, der Tugend und Religion hochh&auml;lt. Ja,
+Grunds&auml;tze sind mir heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus
+zu sagen, was ich meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was
+ich Ihnen sage, schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in
+einer soliden Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise.
+Und fragen Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden w&auml;re,
+wenn Sie zu Busselinck &amp; Waterman gekommen w&auml;ren! Da
+w&uuml;rden Sie auch solche Verse aufgesagt haben, und da h&auml;tte
+man nicht auf Ihr Gem&uuml;t gewirkt, weil es niedertr&auml;chtige
+Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, denn wenn
+Grunds&auml;tze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da w&uuml;rden
+die M&auml;dchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann
+l&auml;gen Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras,
+w&auml;hrend Sie nun, weil <span class="letterspaced">ich</span> Sie so
+v&auml;terlich verwarnte, hier bei uns bleiben k&ouml;nnen in einem
+anst&auml;ndigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und
+sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind,
+und dass ich so gut f&uuml;r Sie <span class="pagenum">[<a id="pb146"
+href="#pb146" name="pb146">146</a>]</span>sorge, und dass die Tochter
+von Busselinck &amp; Waterman durchgegangen ist, und gr&uuml;ssen Sie
+ihn sehr von mir, und schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von
+den Maklerspesen unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die
+Unterbieter nicht ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus
+dem Munde stehlen durch g&uuml;nstigere Bedingungen.</p>
+<p>Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus
+Shawlmanns Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin
+Aufstellungen gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig
+Jahre aus allen Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal
+vor! Sehen Sie, dann k&ouml;nnen die Rosemeyers, die in Zucker machen,
+einmal zu h&ouml;ren kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie
+m&uuml;ssen auch die M&auml;dchen und uns alle, wie Sie das an einer
+Stelle des Buches thun, nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas
+von Ihnen aufgefressen haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein
+bester Junge. Glauben Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt
+passiert! Ich habe Ihren Vater schon vor seiner Geburt
+bedient&mdash;seine Firma meine ich, nein ... unsere Firma meine ich:
+Last &amp; Co.&mdash;fr&uuml;her hiess sie Last &amp; Meyer, aber die
+Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass ich es gut mit
+Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser aufpasst, und
+lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als wenn Sie es
+nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet und all solche
+Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie doch so viel
+&auml;lter sind, und suchen Sie ein ernstes und w&uuml;rdevolles Wesen
+in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.</p>
+<p>Ich bin Ihr v&auml;terlicher Freund</p>
+<p class="xd20e3046">Batavus Droogstoppel.</p>
+<p class="xd20e3049">(Firma: Last &amp; Co., Makler in Kaffee,</p>
+<p class="xd20e3046">Lauriergracht No. 37.) <span class="pagenum">[<a id="pb147" href="#pb147" name="pb147">147</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch11" class="div1">
+<h2>Elftes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">&raquo;Es war man, dass ich sagen
+wollte&laquo;&mdash;um mit Abraham Blankaart zu reden&mdash;dass ich
+dieses Kapitel als &raquo;essentiell&laquo; betrachte, weil wir darin
+nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er scheint
+nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.</p>
+<p>&mdash;Tine, was sind das f&uuml;r Gurken? Liebes Kind, mache
+niemals Essig an Fr&uuml;chte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz,
+Pompelmuscitrone mit Salz, alles, was aus der Erde kommt, mit Salz.
+Essig an Fisch und an Fleisch ... es steht was dar&uuml;ber im
+&sbquo;Liebig&lsquo; ...</p>
+<p>&mdash;Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie
+lange wir hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.</p>
+<p>Und Havelaar hatte M&uuml;he, sich zu erinnern, dass er erst gestern
+hier angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts
+h&auml;tte herrichten k&ouml;nnen in K&uuml;che oder Haushalt. Er
+selbst war schon lange in Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze
+Nacht zugebracht mit Lesen im Archiv, und war nicht schon allzuviel
+durch seine Seele gegangen, das mit Lebak in Verbindung stand, als dass
+er sich so schnell daran erinnern konnte, dass er erst seit gestern
+hier war? Tine begriff dies wohl: <span class="letterspaced">sie</span>
+begriff ihn stets!</p>
+<p>&mdash;Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal
+was von Liebig lesen. Verbrugge, haben <span class="letterspaced">Sie</span> viel von Liebig gelesen? <span class="pagenum">[<a id="pb148" href="#pb148" name="pb148">148</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Wer ist das? fragte Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Das ist jemand, der viel &uuml;ber das Einlegen von Gurken
+geschrieben hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt
+... Sie verstehen doch?</p>
+<p>&mdash;Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.</p>
+<p>&mdash;Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein
+Schaf auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch <span class="letterspaced">er</span> hat die Art und Weise erforscht, wie das
+geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er wenig davon wisse. Nun
+ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das ganze Schaf bei der
+Herstellung &uuml;berschlagen zu k&ouml;nnen ... o, diese Gelehrten!
+Moli&egrave;re kannte sie wohl ... ich sch&auml;tze Moli&egrave;re nach
+mancher Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche
+uns zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett
+ist.</p>
+<p>Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht
+viele B&uuml;cher bes&auml;sse, aber darunter w&auml;ren doch Schiller,
+Goethe, Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja,
+Smith, Shakespeare, Byron ...</p>
+<p>Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.</p>
+<p>&mdash;Aber, zum Teufel, Sie sind doch &uuml;ber die Dreissig! Was
+haben Sie denn all die Zeit &uuml;ber getrieben? Das muss doch sehr
+beschwerlich f&uuml;r Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch
+gesprochen wird. Haben Sie Miss Mata-api gekannt?</p>
+<p>&mdash;Nein, ich kenne den Namen nicht.</p>
+<p>&mdash;Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss
+Mata-api&mdash;d. h.: &raquo;<span class="letterspaced">Jungfer
+Feuerauge</span>&laquo;&mdash;weil ihre Augen so spr&uuml;hten. Das war
+aber 43. Sie wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange
+her! Niemals habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ...
+<span class="letterspaced">da</span> m&uuml;ssen Sie mal hingehen! Das
+ist das Sch&ouml;nste, was ich gefunden habe auf all meinen Reisen. Es
+giebt nichts auf der Welt, d&uuml;nkt mich, das Ihnen so klar die
+Sch&ouml;nheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des
+Wahren, des <span class="pagenum">[<a id="pb149" href="#pb149" name="pb149">149</a>]</span>Unstofflich-Reinen ... als eine sch&ouml;ne
+Frau. Glauben Sie mir, gehen Sie mal hin nach Arles und N&icirc;mes
+...</p>
+<p>Duclari, Verbrugge und&mdash;ich muss es zugeben&mdash;auch Tine
+konnten ein lautes Lachen nicht unterdr&uuml;cken bei dem Gedanken, so
+auf einmal von der Westecke Javas hin&uuml;berzuspringen nach Arles
+oder N&icirc;mes im S&uuml;den von Frankreich. Havelaar, der
+wahrscheinlich in seiner Phantasie auf dem Turme stand, der von den
+Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena von Arles errichtet ist, musste
+sich einigermassen anstrengen, bis er den Grund dieser Heiterkeit
+heraus hatte, und darauf fuhr er fort:</p>
+<p>&mdash;Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen.
+So etwas bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an
+Entt&auml;uschungen gew&ouml;hnt beim Anschauen alles dessen, was so
+sehr in den Himmel erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die
+Wasserf&auml;lle an, von denen man so viel spricht und schreibt. Was
+mich betrifft, ich habe wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu
+Maros, zu Schaffhausen, am Niagara. Man muss die Nase in seinen
+Baedeker stecken, um dabei das vorgeschriebene Mass von Bewunderung
+&uuml;ber &raquo;soundsoviel Fuss Fall&laquo; und &raquo;soundsoviel
+Kubikfuss Wasser in der Minute&laquo; bei der Hand zu haben, und wenn
+dann die Ziffern hoch sind, muss man &raquo;Donnerwetter!&laquo; sagen.
+Ich werde mir niemals wieder Wasserf&auml;lle ansehen, wenigstens
+nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen mir
+nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, wenn
+es Bl&auml;tter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine
+Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und
+l&auml;sst die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter
+sind sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das
+manchmal auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer
+Befriedigung f&uuml;r das Sch&ouml;nheitsgef&uuml;hl&mdash;ungemischte
+wenigstens niemals! Und ohne Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel
+Sch&ouml;nes an manchen Bauwerken, aber es wird gew&ouml;hnlich
+verdorben durch <span class="pagenum">[<a id="pb150" href="#pb150"
+name="pb150">150</a>]</span>F&uuml;hrer&mdash;von Papier, von Fleisch
+und Bein ... es kommt auf eins heraus!&mdash;F&uuml;hrer, die euch den
+Eindruck rauben durch ihr eint&ouml;niges: &raquo;diese Kapelle ist
+errichtet vom Bischof von M&uuml;nster im Jahre 1423 ... die
+S&auml;ulen sind 63 Fuss hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was,
+und es kommt mir auch gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt
+einen, denn man f&uuml;hlt, dass man dann genau dreiundsechzig Fuss
+Bewunderung bereit halten muss, wenn man nicht in mancher Augen als
+Vandale gelten will oder als Gesch&auml;ftsreisender ... ach, ist
+<span class="letterspaced">das</span> eine Rasse!</p>
+<p>&mdash;Die Vandalen?</p>
+<p>&mdash;Nein, die andern. Nun k&ouml;nnte man sagen: so behalte
+deinen F&uuml;hrer im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen
+stehen oder schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man,
+um zu einem einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich
+manchmal der Erl&auml;uterung bedarf, man w&uuml;rde, k&ouml;nnte man
+auch immer die Erl&auml;uterung entbehren, doch vergeblich im
+Geb&auml;ude an sich etwas suchen, das l&auml;nger als einen sehr
+kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Sch&ouml;nen beantwortet,
+weil es keine <span class="letterspaced">Bewegung</span> zeigt. Dies
+gilt, glaube ich, auch f&uuml;r Werke der Skulptur und der Malerei.
+Natur ist Bewegung. Wachstum, Hunger, Denken, F&uuml;hlen ist Bewegung
+... Stillstand ist der Tod! Ohne Bewegung kein Schmerz, kein
+Gef&uuml;hl, kein Empfinden! Versuchen Sie einmal, dazusitzen ohne sich
+zu r&uuml;hren, Sie werden sehen, wie schnell Sie einen gespenstischen
+Eindruck auf jeden andern machen und selbst auf Ihre eigene
+Vorstellung. Beim sch&ouml;nsten Tableau-vivant verlangt man sehr
+schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der Eindruck zu
+Anfang war. Da nun unsere Sch&ouml;nheitssucht mit <span class="letterspaced">einem</span> Blick auf das Sch&ouml;ne nicht befriedigt
+ist, sondern das Bed&uuml;rfnis nach einer sich anschliessenden Reihe
+von Augengen&uuml;ssen f&uuml;hlt, das Verlangen nach der <span class="letterspaced">Bewegung des Sch&ouml;nen</span>, so macht sich ein
+Unbefriedigtsein f&uuml;hlbar beim Anschauen dieser Art von
+Kunstwerken, und darum behaupte ich, dass eine sch&ouml;ne
+Frau&mdash;wenn es keine &auml;usserliche <span class="pagenum">[<a id="pb151" href="#pb151" name="pb151">151</a>]</span>Portr&auml;tsch&ouml;nheit ist, die ohne
+Bewegung ist&mdash;dem Ideal des G&ouml;ttlichen am n&auml;chsten
+kommt. Wie gross das Bed&uuml;rfnis nach der Bewegung ist, von der ich
+spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine
+T&auml;nzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht,
+wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und dem
+Publikum zugrinst.</p>
+<p>&mdash;Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist
+<span class="letterspaced">absolut</span> h&auml;sslich.</p>
+<p>&mdash;Das finde ich auch. Aber <span class="letterspaced">sie</span> giebt es doch als sch&ouml;n und als Klimax
+auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Sch&ouml;nes gewesen
+sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das
+&raquo;aux armes!&laquo; der Marseillaise, die sie mit ihren
+F&uuml;ssen sang, als das Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben
+besprungenen Liebe. O, schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die
+gew&ouml;hnlich&mdash;wie mehr oder minder wir alle&mdash;ihren
+Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung gr&uuml;nden, diesen Moment als
+den packendsten aufnehmen, ist daraus zu ersehen, dass man just dann in
+tosenden Beifall ausbricht, wie wenn man zu erkennen geben wollte: all
+das Vorhergehende war auch wohl sch&ouml;n, aber nun kann ich es
+wahrhaftig nicht l&auml;nger aushalten vor Bewunderung! Sie sagten,
+dass diese Schlusspose <span class="letterspaced">absolut</span>
+h&auml;sslich sei&mdash;ich sag&rsquo;s ja auch!&mdash;doch woher kommt
+dies? Weil die <span class="letterspaced">Bewegung</span> aufhielt und
+damit die <span class="letterspaced">Geschichte</span>, die die
+T&auml;nzerin erz&auml;hlte. Glauben Sie mir: Stillstand ist der
+Tod!</p>
+<p>&mdash;Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserf&auml;lle
+verworfen als Ausdruck des Sch&ouml;nen. Wasserf&auml;lle haben doch
+Bewegung!</p>
+<p>&mdash;Ja, aber ... ohne <span class="letterspaced">Geschichte</span>! Sie bewegen sich, doch kommen nicht
+von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch minus
+dem &raquo;va et vient&laquo;. Sie machen Ger&auml;usch, doch sprechen
+nicht. Sie rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes:
+Rufen Sie mal sechstausend Jahre oder l&auml;nger: hrru, hrru ... und
+<span class="pagenum">[<a id="pb152" href="#pb152" name="pb152">152</a>]</span>sehen Sie zu, wie wenige Sie f&uuml;r einen
+unterhaltenden Menschen ansehen werden.</p>
+<p>&mdash;Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin
+doch noch nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte
+Bewegung so durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die
+Wasserf&auml;lle, aber ein gutes Gem&auml;lde, d&uuml;nkt mich, kann
+doch viel ausdr&uuml;cken.</p>
+<p>&mdash;O gewiss, aber nur f&uuml;r einen Augenblick. Ich will
+versuchen, meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist
+heute der 18. Februar ...</p>
+<p>&mdash;O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...</p>
+<p>&mdash;Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind
+im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...</p>
+<p>&mdash;Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben
+glaubte.</p>
+<p>&mdash;Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in
+der Mauer ist eine &Ouml;ffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen
+zu k&ouml;nnen, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor
+und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas
+schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben
+St&uuml;hle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf
+nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, &auml;hnlich zu
+thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das
+erw&uuml;nschte Ziel ... werfen einen Blick durch die &Ouml;ffnung und
+rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie
+&raquo;o Gott!&laquo; riefen und gefallen sind?</p>
+<p>&mdash;Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach,
+sagte Verbrugge belehrend.</p>
+<p>&mdash;Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie
+gefallen. Vor jeder anderen &Ouml;ffnung h&auml;tten Sie es ein Jahr
+lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nun <span class="letterspaced">mussten</span> Sie fallen, und w&auml;ren auch dreizehn
+Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und h&auml;tten Sie auf dem Boden
+gestanden.</p>
+<p>&mdash;Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie
+<span class="pagenum">[<a id="pb153" href="#pb153" name="pb153">153</a>]</span>sich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich
+fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich
+bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!</p>
+<p>&mdash;I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz
+gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss
+wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein
+Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein
+Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den
+sein Schwert beschreiben sollte, um da ... <span class="letterspaced">da</span>, zwischen diesen Wirbeln hin,
+hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen
+Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen
+Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren.
+Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren&mdash;auf
+F&uuml;rsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen
+langweilig wurde, Ihnen da l&auml;nger unverpflichtet Kost zu
+gew&auml;hren wie einem Kanarienvogel&mdash;lange nachher, ja, bis
+heute noch tr&auml;umen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe
+selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre
+Lagerst&auml;tte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das
+nicht wahr?</p>
+<p>&mdash;Ich will&rsquo;s schon glauben, aber sicher kann ich es
+wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch
+in der Mauer geguckt habe.</p>
+<p>&mdash;Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein
+Gem&auml;lde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen
+wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da h&auml;ngt es, in
+vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich
+weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen
+nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie
+abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die
+Kommissm&uuml;tze neuen Modells, und also <span class="letterspaced">alles</span>, um nicht ein Gem&auml;lde in dem
+Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu
+Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen <span class="pagenum">[<a id="pb154" href="#pb154" name="pb154">154</a>]</span>so, wie er wirklich
+gestanden haben muss, ja, ich will <span class="letterspaced">so</span>
+weit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag
+abzuwehren! <span class="letterspaced">So</span> weit, Sie rufen zu
+lassen: &raquo;Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!&laquo;
+Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die
+Ausf&uuml;hrung des Gem&auml;ldes betrifft ...</p>
+<p>&mdash;Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso
+packend, als wie ich <span class="letterspaced">dasselbe</span> in
+Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?</p>
+<p>&mdash;Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf
+einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen
+Stuhl&mdash;mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen
+Fauteuil&mdash;Sie setzen sich vor dem Gem&auml;lde nieder, um gut und
+lange zu geniessen&mdash;wir &raquo;geniessen&laquo; nun einmal beim
+Anschauen von etwas Grausigem&mdash;und, was meinen Sie, welchen
+Eindruck das Gem&auml;lde auf Sie macht?</p>
+<p>&mdash;Nun, Schreck, Angst, Mitleid, R&uuml;hrung&mdash;genau so wie
+damals, als ich durch die &Ouml;ffnung in der Mauer guckte. Wir haben
+angenommen, dass das Gem&auml;lde ein vollkommenes sei, ich muss also
+davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.</p>
+<p>&mdash;Nein, innerhalb zwei Minuten f&uuml;hlen Sie Schmerz in Ihrem
+rechten Arm, aus Mitgef&uuml;hl f&uuml;r den Henker, der so lange das
+schwere St&uuml;ck Stahl unbeweglich in die H&ouml;he halten muss.</p>
+<p>&mdash;Mitgef&uuml;hl f&uuml;r den Henker?</p>
+<p>&mdash;Ja! Mitleidenschaft, Gleichgef&uuml;hl, verstehen Sie? Und
+zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und
+wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben
+noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet
+werden soll, sondern weil man sie so lange warten l&auml;sst, ehe sie
+enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen
+h&auml;tten, so w&uuml;rde es schliesslich&mdash;angenommen, dass Sie
+sich veranlasst f&uuml;hlen, sich mit der Sache zu
+befassen&mdash;nichts anderes <span class="pagenum">[<a id="pb155"
+href="#pb155" name="pb155">155</a>]</span>sein als:
+&raquo;Schlag&rsquo; doch in Gottes Namen zu, Mann, das Gesch&ouml;pf
+wartet drauf!&laquo; Und wenn Sie sp&auml;ter das Gem&auml;lde
+wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der <span class="letterspaced">erste</span> Eindruck: &raquo;Ist die Geschichte
+<span class="letterspaced">noch</span> nicht vorbei? Steht er und liegt
+sie da <span class="letterspaced">noch</span>?&laquo;</p>
+<p>&mdash;Aber was ist denn f&uuml;r eine Bewegung in der
+Sch&ouml;nheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte
+<span class="letterspaced">aus</span> in ihren Z&uuml;gen. Karthago
+bl&uuml;ht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... h&ouml;ret den
+Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen f&uuml;r die Bogen
+... da brennt die Stadt ...</p>
+<p>&mdash;Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein
+Herz verloren hast, neckte Tine.</p>
+<p>&mdash;Ja, f&uuml;r einen Augenblick ... doch ich fand es wieder:
+ihr werdet es h&ouml;ren. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe
+ich ein Weib gesehen, das <span class="letterspaced">so</span> oder
+<span class="letterspaced">so</span> sch&ouml;n war, nein: alle waren
+sie sch&ouml;n, und es war unm&ouml;glich, da sich Hals &uuml;ber Kopf
+zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung
+verdr&auml;ngte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder
+Tiberius&mdash;von wem erz&auml;hlt man doch diese Fabel?&mdash;der dem
+ganzen menschlichen Geschlecht nur <span class="letterspaced">ein</span> Haupt w&uuml;nschte. So n&auml;mlich stieg
+unwillk&uuml;rlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles
+...</p>
+<p>&mdash;Nur <span class="letterspaced">ein</span> Haupt h&auml;tten
+alle miteinander?</p>
+<p>&mdash;Ja ...</p>
+<p>&mdash;Um es abzuschlagen?</p>
+<p>&mdash;O nein! Um ... es zu k&uuml;ssen auf die Stirn, wollte ich
+sagen, aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen,
+und davon zu tr&auml;umen, und um ... <span class="letterspaced">gut zu
+sein</span>!</p>
+<p>Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder
+besonders eigent&uuml;mlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht
+und fuhr fort:</p>
+<p>&mdash;Denn so edel waren die Z&uuml;ge, dass man etwas wie Scham
+f&uuml;hlte, nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke <span class="pagenum">[<a id="pb156" href="#pb156" name="pb156">156</a>]</span>...
+ein Strahl&mdash;nein, das w&auml;re stofflich!... ein Gedanke! Aber
+... dann sass da pl&ouml;tzlich ein Bruder oder ein Vater neben diesen
+Frauen, und ... Gott bewahre mich, ich habe eine gesehen, die sich
+schn&auml;uzte.</p>
+<p>&mdash;Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich
+dar&uuml;ber ziehen w&uuml;rdest, sagte Tine verdriesslich.</p>
+<p>&mdash;Kann <span class="letterspaced">ich</span> daf&uuml;r?
+<span class="letterspaced">Ich</span> h&auml;tte sie lieber tot
+umfallen sehen! Soll so ein M&auml;dchen sich profanieren?</p>
+<p>&mdash;Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen
+hat?</p>
+<p>&mdash;Nein, sie <span class="letterspaced">durfte</span> keinen
+Schnupfen haben mit solch einer Nase!</p>
+<p>&mdash;Ja, aber ...</p>
+<p>Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen
+... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!</p>
+<p>&mdash;Lieber Max, willst du nicht b&ouml;se drum sein? fragte sie
+mit verhaltenem Lachen.</p>
+<p>Er antwortete nicht. Und, wie n&auml;rrisch es auch scheint oder
+wirklich ist ... ja, er war wirklich b&ouml;se deshalb! Und was
+<span class="letterspaced">auch</span> sonderbar klingt: Tine war
+erfreut dar&uuml;ber, dass er b&ouml;se war und von <span class="letterspaced">ihr</span> erheischte, dass sie mehr sei als die
+ph&ouml;nizischen Frauen zu Arles, hatte sie auch immerhin keinen
+Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.</p>
+<p>Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar &raquo;verr&uuml;ckt&laquo;
+sei, h&auml;tte man es ihm nicht &uuml;bel deuten k&ouml;nnen, wenn er
+sich in dieser Meinung best&auml;rkt f&uuml;hlte bei der Wahrnehmung
+der kurzen Verst&ouml;rtheit, die, nach dem Naseschnauben und wegen
+desselben, auf Havelaars Gesicht einen Augenblick zu lesen war. Aber
+dieser war von Karthago zur&uuml;ckgekehrt, und er las&mdash;mit der
+Schnelligkeit, mit der er lesen <span class="letterspaced">konnte</span>, wenn er nicht zu weit von Hause war mit
+seinem Geiste&mdash;auf den Gesichtern seiner G&auml;ste, dass sie die
+beiden folgenden Thesen <span class="corr" id="xd20e3305" title="Quelle: aufstelten">aufstellten</span>:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase
+putzt, ist verr&uuml;ckt.</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb157" href="#pb157" name="pb157">157</a>]</span></p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">2) Wer glaubt, dass eine in sch&ouml;nen Linien
+gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen
+Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen
+der Kartoffel n&auml;hert.</p>
+<p>Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die
+zweite!</p>
+</div>
+<p>&mdash;O, rief er, als ob er zu antworten h&auml;tte, obschon seine
+G&auml;ste so h&ouml;flich gewesen waren, ihre Thesen nicht
+auszusprechen&mdash;das will ich Ihnen erkl&auml;ren. Tine ist ...</p>
+<p>&mdash;Bester Max! sagte sie flehend.</p>
+<p>Das bedeutete: &raquo;Erz&auml;hle doch nicht den Herren, warum ich
+in deiner Sch&auml;tzung erhaben sein m&uuml;sste &uuml;ber
+Erk&auml;ltung!&laquo;</p>
+<p>Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er
+antwortete:</p>
+<p>&mdash;Gut, Kind!&mdash;Aber wissen Sie denn auch, meine Herren,
+dass man sich manchmal t&auml;uscht in dem Urteil &uuml;ber die Rechte
+mancher Menschen auf stoffliche Unvollkommenheit?</p>
+<p>Sicherlich hatten die G&auml;ste niemals was von diesen Rechten
+geh&ouml;rt.</p>
+<p>&mdash;Ich habe auf Sumatra ein M&auml;dchen gekannt, fuhr er fort,
+die Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass <span class="letterspaced">sie</span> auf diese Unvollkommenheit kein Recht hatte.
+Und doch habe ich sie ins Wasser fallen sehen bei einem Schiffbruch ...
+genau wie eine andere. Ich, ein Mann, habe ihr helfen m&uuml;ssen, dass
+sie wieder an Land kam.</p>
+<p>&mdash;Aber ... h&auml;tte sie denn fliegen sollen wie eine
+M&ouml;we?</p>
+<p>&mdash;Freilich, oder ... nein, sie h&auml;tte keinen K&ouml;rper
+haben sollen. Soll ich Ihnen erz&auml;hlen, wie ich mit ihr bekannt
+wurde? Es war &rsquo;42. Ich war Kontrolleur von Natal ... sind Sie
+dagewesen, Verbrugge?</p>
+<p>&mdash;Ja.</p>
+<p>&mdash;Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen
+betrieben wird. Die Pfefferg&auml;rten liegen bei Taloh-Baleh,
+n&ouml;rdlich von Natal an der K&uuml;ste. Ich musste sie inspizieren,
+und da ich keine Ahnung von Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner
+Segelprauw einen Datu mit, der mehr davon <span class="pagenum">[<a id="pb158" href="#pb158" name="pb158">158</a>]</span>verstand. Sein
+T&ouml;chterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, ging mit. Wir
+segelten die K&uuml;ste entlang und langweilten uns ...</p>
+<p>&mdash;Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?</p>
+<p>&mdash;O nein, es war sch&ouml;nes Wetter, allzu sch&ouml;n. Der
+Schiffbruch, auf den Sie hinaus wollen, passierte viel sp&auml;ter.
+Sonst w&uuml;rde ich mich nicht gelangweilt haben. So segelten wir die
+K&uuml;ste entlang, und es war eine B&auml;renhitze. So eine Prauw
+bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie zu besch&auml;ftigen, und dazu
+war ich gerade in einer verdriesslichen Stimmung, wozu viele Ursachen
+das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, eine ungl&uuml;ckliche Liebe,
+zum zweiten eine ... ungl&uuml;ckliche Liebe, zum dritten ... nun ja,
+noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das geh&ouml;rt so zum Leben.
+Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen zwei
+Anf&auml;llen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum K&ouml;nig aufgeworfen
+und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war
+wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur &uuml;berschlagen, wie
+das kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und
+schlechtem Humor und war, was die Deutschen nennen:
+&raquo;ungeniessbar&laquo;. Ich fand unter anderm, dass es keine Sache
+sei, mich Pfefferg&auml;rten inspizieren zu lassen, und dass ich
+l&auml;ngst als Gouverneur eines Sonnensystems h&auml;tte angestellt
+werden m&uuml;ssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer Mord,
+dass man einen Geist wie den meinen in <span class="letterspaced">eine</span> Prauw setzte mit diesem dummen Datu und
+seinem Kind.</p>
+<p>Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen H&auml;uptlinge
+wohl leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen
+sogar vieles, das sie mich vorziehen l&auml;sst vor den javanischen
+Grossen. Ja, ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer
+Meinung mit mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ...
+aber das lasse ich nun auf sich beruhen.</p>
+<p>Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht
+h&auml;tte&mdash;mit etwas weniger Spinneweben im Sch&auml;del,
+<span class="pagenum">[<a id="pb159" href="#pb159" name="pb159">159</a>]</span>meine ich&mdash;w&uuml;rde ich wahrscheinlich
+sogleich mit dem Datu ein Gespr&auml;ch angefangen haben, und
+vielleicht h&auml;tte ich dann auch das M&auml;dchen zum Sprechen
+gebracht, und das h&auml;tte mich dann gewiss gut unterhalten und
+erg&ouml;tzt, denn ein Kind hat meistens etwas urspr&uuml;ngliches ...
+obschon ich bekennen muss, dass ich selbst damals noch zuviel Kind war,
+um den Wert der Urspr&uuml;nglichkeit recht sch&auml;tzen zu
+k&ouml;nnen. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in jedem M&auml;dchen
+von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig oder nichts
+durchstrichen ist. Man &uuml;berrascht den Autor en
+n&eacute;glig&eacute;, und das ist manchmal eine recht interessante
+Sache.</p>
+<p>Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine
+Aufmerksamkeit dabei n&ouml;tig zu haben. Drei rote, eine schwarze ...
+drei rote, eine schwarze: es war sch&ouml;n!</p>
+<p>Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie:
+<span class="letterspaced">Kleines Fr&auml;ulein</span> ... ja,
+Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat immer auf Java
+gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen Gedanken nannte ich sie
+&raquo;G&auml;nschen&laquo; oder so &auml;hnlich, weil ich nach meiner
+Sch&auml;tzung so himmelhoch &uuml;ber sie erhaben war.</p>
+<p>Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden
+eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner und
+kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, &uuml;ber der
+weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt und
+Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen in
+stetig stumpfer werdender Beugung &uuml;ber die Wogen h&uuml;pfen, und
+sie suchte K&uuml;hlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich
+das Ding?</p>
+<p>&mdash;Was f&uuml;r ein Ding? Die Sonne?</p>
+<p>&mdash;Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O,
+entz&uuml;ckend! H&ouml;ren Sie einmal an:</p>
+<div class="lgouter">
+<div class="lg">
+<p class="line">Du fragst, warum der Ocean,</p>
+<p class="line xd20e3378">Der Natals Strand besp&uuml;lt,</p>
+<p class="line">An andern K&uuml;sten lieb und hold,</p>
+<p class="line">So ungest&uuml;m hier braust und grollt</p>
+<p class="line xd20e3378">Und ewig kocht und w&uuml;hlt?</p>
+</div>
+<span class="pagenum">[<a id="pb160" href="#pb160" name="pb160">160</a>]</span>
+<div class="lg">
+<p class="line">Du fragst&mdash;und kaum erh&ouml;rt im Kahn</p>
+<p class="line xd20e3378">Der Fischerknabe dich,</p>
+<p class="line">So blitzt sein dunkler Augenstern</p>
+<p class="line">Hin&uuml;ber unermesslich fern,</p>
+<p class="line xd20e3378">Und westw&auml;rts weist er dich.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Und westw&auml;rts bohrt er seinen Blick</p>
+<p class="line xd20e3378">Ins Unermessene hinein,</p>
+<p class="line">Und zeigt dir, bis ans Firmament,</p>
+<p class="line">Nur Wasser, Wasser ohne End&rsquo;</p>
+<p class="line xd20e3378">Und See und See allein!</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Und darum peitscht der Ocean</p>
+<p class="line xd20e3378">So wild den Ufersand:</p>
+<p class="line">Nur See erblickst du weit umher</p>
+<p class="line">Und Wasser, Wasser immermehr,</p>
+<p class="line xd20e3378">Bis Madagaskars Strand!</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Und manches Opfer heischte schon</p>
+<p class="line xd20e3378">Der Ocean emp&ouml;rt,</p>
+<p class="line">Und manchen Schrei, erstickt im Meer,</p>
+<p class="line">Ihn h&ouml;rten Weib und Kind nicht mehr,</p>
+<p class="line xd20e3378">Nur Gott hat ihn erh&ouml;rt!</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Und manche Hand, in letzter Angst,</p>
+<p class="line xd20e3378">Erhob sich aus dem Grab,</p>
+<p class="line">Und f&uuml;hlt&rsquo; und griff und sucht&rsquo;
+ohn&rsquo; End&rsquo;,</p>
+<p class="line">Und suchte, dass sie St&uuml;tze f&auml;nd&rsquo;,</p>
+<p class="line xd20e3378">Und sank zuletzt hinab.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Und ...</p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Und ... und ... <span class="letterspaced">ich
+weiss den Rest nicht mehr</span>.</p>
+<p>&mdash;Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren
+Clerk zu Natal. Der hat das &Uuml;brige, sagte Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Wie kommt <span class="letterspaced">der</span> daran? fragte
+Max.</p>
+<p>&mdash;Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das
+Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten S&uuml;nde,
+die die Insel ins Meer sinken liess, durch die fr&uuml;her die Reede
+von Natal gesch&uuml;tzt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden
+Br&uuml;dern?</p>
+<p>&mdash;Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war
+eine Parabel, die ich machte, und die vielleicht &uuml;ber ein paar
+Jahrhunderte Legende <span class="letterspaced">werden</span> wird,
+<span class="pagenum">[<a id="pb161" href="#pb161" name="pb161">161</a>]</span>wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So
+begannen alle Mythologien. &raquo;Djiwa&laquo; ist &raquo;Seele&laquo;,
+wie Sie wissen; Seele, Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau
+daraus, die unvermeidliche, nichtsnutzige Eva ...</p>
+<p>&mdash;Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fr&auml;ulein mit seinen
+Korallen? fragte Tine.</p>
+<p>&mdash;Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter
+dem <span class="corr" id="xd20e3470" title="Quelle: Aquator">&Auml;quator</span>&mdash;Natal liegt um wenige
+Minuten nach Norden: wenn ich &uuml;ber Land nach Ayer-Bangie ging,
+stapfte ich zu Pferde &uuml;ber ihn hin ... man konnte wahrhaftig
+dr&uuml;ber stolpern!&mdash;da unter dem &Auml;quator war sechs Uhr das
+Signal f&uuml;r Abendgedanken. Nun finde ich, dass der Mensch des
+Abends immer etwas besser ist&mdash;oder richtiger: weniger
+nichtsnutzig&mdash;als des Morgens, und das ist ganz nat&uuml;rlich.
+Morgens &raquo;nimmt man sich zusammen&laquo;, man ist Gerichtsdiener
+oder Kontrolleur oder ... nein, das gen&uuml;gt schon! Ein
+Gerichtsdiener &raquo;nimmt sich zusammen&laquo;, dass er nun heute mal
+recht sch&ouml;n seine Pflicht thue ... Gott, was f&uuml;r eine
+Pflicht! Wie mag das &raquo;zusammengenommene&laquo; Herz aussehen! Ein
+Kontrolleur&mdash;ich sage das nicht f&uuml;r Sie, Verbrugge!&mdash;ein
+Kontrolleur reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment
+entgegen, wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei
+seinen paar Jahren mehr Dienstzeit ein l&auml;cherliches
+&Uuml;bergewicht annehmen will, und von dem er so viel Sonderbares
+geh&ouml;rt hat ... auf Sumatra. Oder er muss den Tag Felder vermessen
+und steht in Zweifelsn&ouml;ten zwischen seiner Ehrlichkeit&mdash;Sie
+wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Milit&auml;r sind, aber es giebt
+wirklich ehrliche Kontrolleure!&mdash;dann steht er da, hin und her
+schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, dass Radhen Dhemang
+Soundso von ihm den Schimmel zur&uuml;ckerbitten werde, der so guten
+Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft &raquo;ja&laquo; oder
+&raquo;nein&laquo; sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz,
+des Morgens beim Erwachen f&auml;llt einem die Welt aufs Herz, und
+daran hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat
+<span class="pagenum">[<a id="pb162" href="#pb162" name="pb162">162</a>]</span>man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden
+zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, da man seinen Dienstrock
+wiedersieht. Zehn Stunden: sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch
+zu sein! Das ist jedem ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich
+zu sterben hoffe, um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen
+Gesicht. Das ist der Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas
+wiederfindet von dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das
+Taschentuch behalten liess mit einem gekr&ouml;nten E<a class="noteref"
+id="xd20e3475src" href="#xd20e3475" name="xd20e3475src">1</a> in der
+Ecke ...</p>
+<p>&mdash;Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erk&auml;ltet zu sein,
+sagte Tine.</p>
+<p>&mdash;Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des
+Abends &raquo;gem&uuml;tlicher&laquo; ist.</p>
+<p>Als also die Sonne allm&auml;hlich verschwand, fuhr Havelaar fort,
+wurde ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser
+Besserung m&ouml;ge gelten, dass ich zu dem kleinen Fr&auml;ulein
+sagte:</p>
+<p>&raquo;Es wird nun k&uuml;hler werden.&laquo;</p>
+<p>&raquo;Ja, Tuwan!&laquo; antwortete sie.</p>
+<p>Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem
+&raquo;G&auml;nschen&laquo; nieder und fing ein Gespr&auml;ch mit ihr
+an. Mein Verdienst war um so gr&ouml;sser, als sie sehr wenig
+antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte ... was ebenfalls
+verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein eingebildeter Kerl
+sein.</p>
+<p>&raquo;W&uuml;rdest du das n&auml;chste Mal gern wieder mitgehen
+nach Taloh-Baleh?&laquo; fragte ich.</p>
+<p>&raquo;Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.&laquo;</p>
+<p>&raquo;Nein, ich frage <span class="letterspaced">dich</span>, ob du
+so eine Reise angenehm findest!&laquo;</p>
+<p>&raquo;Wenn mein Vater nichts dagegen hat&laquo;, antwortete
+sie.</p>
+<p>Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden?
+Gleichwohl, ich wurde nicht toll. Die Sonne war <span class="pagenum">[<a id="pb163" href="#pb163" name="pb163">163</a>]</span>hinunter, und ich war gem&uuml;tlich genug
+aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel Dummheit.
+Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen daran fand,
+meine Stimme zu h&ouml;ren&mdash;es giebt wenige unter uns, die nicht
+gern sich selbst zuh&ouml;rten&mdash;allein nach meiner Stummheit den
+ganzen Tag &uuml;ber glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen
+war, etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einf&auml;ltigen
+Antworten von Si Upi Keteh.</p>
+<p>Ich werde ihr ein M&auml;rchen erz&auml;hlen, dachte ich, dann
+h&ouml;re ich mich selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten
+nicht n&ouml;tig. Nun wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim
+L&ouml;schen eines Schiffes das zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum
+Vorschein kommt, ebenso auch wir gew&ouml;hnlich den Gedanken oder die
+Erz&auml;hlung l&ouml;schen, die zuletzt verladen ist. In der
+&raquo;Zeitschrift f&uuml;r Niederl&auml;ndisch-Indien&laquo; hatte ich
+kurz vorher eine Erz&auml;hlung von Jeronimus gelesen:
+&raquo;<span class="letterspaced">Der Japanische
+Steinhauer</span>&laquo; ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie
+ich soeben irrt&uuml;mlicherweise an das Lied geraten bin, worin des
+Fischerknaben Blick aus &raquo;dunklem Augenstern&laquo; sich wohl gar
+bis zum Schielendwerden nach <span class="letterspaced">einer</span>
+Richtung &raquo;westw&auml;rts bohrt&laquo; ... zu kurios! Das war eine
+Gedankenverkettung. Meine Verst&ouml;rtheit an diesem Tage stand in
+Verbindung mit der Gef&auml;hrlichkeit der Natalschen K&uuml;ste ...
+Sie wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf,
+vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westm&#363;sson ist dort
+im Juli am st&auml;rksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das
+Gef&auml;hrliche an dieser Reede verkn&uuml;pfte sich fest mit meinem
+gekr&auml;nkten Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz h&auml;ngt wieder zusammen
+mit dem Liede &uuml;ber Djiwa. Ich hatte dem Residenten mehrfach den
+Vorschlag gemacht, zu Natal eine Seewehr herstellen zu lassen oder
+mindestens einen Kunsthafen in der M&uuml;ndung des Flusses, mit der
+Absicht, den Handel in die Abteilung Natal zu leiten, die die so
+bedeutsamen Battahlande mit der See verbindet. Anderthalb Millionen
+Menschen im Binnenlande wussten keinen Absatz f&uuml;r ihre Produkte,
+weil die Natalsche Reede&mdash;und zu Recht!&mdash;<span class="pagenum">[<a id="pb164" href="#pb164" name="pb164">164</a>]</span>in
+einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Antr&auml;gen wurde
+durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er behauptete,
+dass die Regierung ihnen nicht zustimmen w&uuml;rde, und Sie wissen,
+dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschl&auml;gt, von dem
+er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung gefallen. Die
+Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip dem herrschenden
+System der Abschliessung, und weit entfernt, dass man Schiffe dahin
+lockte, war es selbst verboten&mdash;es sei denn, dass force majeure im
+Spiele war&mdash;Rahschiffe in die Reede einlaufen zu lassen. Wenn nun
+doch ein Schiff kam&mdash;es waren meist amerikanische
+Walfischf&auml;nger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den
+unabh&auml;ngigen Reichen der n&ouml;rdlichen Ecke Sumatras&mdash;liess
+ich mir stets durch den Kapit&auml;n einen Brief schreiben, in dem er
+um die Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss
+&uuml;ber das Missgl&uuml;cken meiner Versuche, etwas zum Vorteile
+Natals zu bewirken, oder besser die gekr&auml;nkte Eitelkeit ... war es
+nicht hart f&uuml;r mich, so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht
+einmal einen Hafen machen lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies
+alles in Verbindung mit meiner Kandidatur f&uuml;r die Leitung eines
+Sonnensystems hatte mich an dem Tage so unliebensw&uuml;rdig gemacht.
+Als ich durch den Untergang der Sonne einigermassen genas&mdash;denn
+Unzufriedenheit ist eine Krankheit&mdash;brachte mir just diese
+Krankheit den &raquo;Japanischen Steinhauer&laquo; in den Sinn, und
+vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum &uuml;berlaut,
+um&mdash;indem ich mir selbst weismachte, ich th&auml;te es aus
+Wohlwollen f&uuml;r das Kind&mdash;verstohlenerweise den letzten
+Tropfen von dem Trank einzunehmen, dessen ich mich bed&uuml;rftig
+f&uuml;hlte. Doch siehe, das Kind schenkte mir
+Gesundheit&mdash;f&uuml;r einige Tage wenigstens&mdash;mehr jedenfalls
+als meine Erz&auml;hlung, die ungef&auml;hr also gelautet haben
+muss:</p>
+<hr class="tb">
+<p>&raquo;Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen.
+Seine Arbeit war sehr schwer, und er <span class="pagenum">[<a id="pb165" href="#pb165" name="pb165">165</a>]</span>arbeitete viel, doch
+sein Lohn war gering, und zufrieden war er nicht.</p>
+<p>Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass ich
+reich w&auml;re, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von roter
+Seide.</p>
+<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.</p>
+<p>Und er <span class="letterspaced">war</span> reich. Und er ruhte auf
+einer Baleh-baleh, und die Klambu war von roter Seide.</p>
+<p>Und der K&ouml;nig des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem
+Wagen. Und auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den
+goldenen Pajong &uuml;ber das Haupt des K&ouml;nigs.</p>
+<p>Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein
+goldener Pajong &uuml;ber sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war
+er nicht.</p>
+<p>Er seufzte und rief: Ich w&uuml;nschte, ich w&auml;re
+K&ouml;nig.</p>
+<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.</p>
+<p>Und er <span class="letterspaced">war</span> K&ouml;nig. Und vor
+seinem Wagen her ritten viele Reiter, und auch waren da Reiter hinter
+seinem Wagen, und &uuml;ber sein Haupt hielt man den goldenen
+Pajong.</p>
+<p>Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das
+Erdreich, sodass der Graswuchs verdorrte.</p>
+<p>Und der K&ouml;nig klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und
+Macht hatte &uuml;ber ihn. Und zufrieden war er nicht.</p>
+<p>Und er seufzte und rief: Ich w&uuml;nschte, ich w&auml;re die
+Sonne.</p>
+<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.</p>
+<p>Und er <span class="letterspaced">war</span> die Sonne. Und er
+sandte seine Strahlen nach oben und hernieder, nach der rechten Seite
+und nach der linken Seite und &uuml;berall umher.</p>
+<p>Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht
+der F&uuml;rsten, die auf Erden waren. <span class="pagenum">[<a id="pb166" href="#pb166" name="pb166">166</a>]</span></p>
+<p>Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die
+Strahlen der Sonne prallten von ihr zur&uuml;ck.</p>
+<p>Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und er
+klagte, dass die Wolke m&auml;chtig war &uuml;ber ihn. Und zufrieden
+war er nicht.</p>
+<p>Er wollte die Wolke sein, die so m&auml;chtig war.</p>
+<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.</p>
+<p>Und er <span class="letterspaced">wurde</span> eine Wolke und
+stellte sich auf zwischen Sonne und Erde und fing die Sonne auf, also
+dass das Gras gr&uuml;n wurde.</p>
+<p>Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess
+die Str&ouml;me schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden
+hinweg.</p>
+<p>Und er verw&uuml;stete durch viel Wasser das Feld.</p>
+<p>Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in
+grossen Str&ouml;men, doch der Fels wich nicht.</p>
+<p>Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die
+St&auml;rke seiner Str&ouml;me eitel war. Und zufrieden war er
+nicht.</p>
+<p>Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben &uuml;ber mir. Ich
+w&uuml;nschte, ich w&auml;re dieser Fels.</p>
+<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.</p>
+<p>Und er <span class="letterspaced">wurde</span> Fels und r&uuml;hrte
+sich nicht, so die Sonne schien, und nicht, so es regnete.</p>
+<p>Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit
+schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.</p>
+<p>Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat
+&uuml;ber mir und Steine schl&auml;gt aus meinem Schosse? Und zufrieden
+war er nicht.</p>
+<p>Er rief: Ich bin schw&auml;cher als dieser ... ich w&uuml;nschte,
+ich w&auml;re dieser Mann.</p>
+<p>Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast. <span class="pagenum">[<a id="pb167" href="#pb167" name="pb167">167</a>]</span></p>
+<p>Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit
+schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer f&uuml;r wenig Lohn, und
+er war zufrieden ...</p>
+<hr class="tb">
+<p>&mdash;Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den
+Beweis schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel h&auml;tte sein
+m&uuml;ssen.</p>
+<p>&mdash;Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich
+habe nur erz&auml;hlen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte.
+Als meine Erz&auml;hlung zu Ende war, fragte ich:</p>
+<p>&raquo;Und du, Upi, was w&uuml;rdest du erw&auml;hlen, so ein Engel
+aus dem Himmel k&auml;me, dich zu fragen, was du begehrtest?&laquo;</p>
+<p>&raquo;Wahrlich, Herr, ich w&uuml;rde ihn bitten, dass er mich
+mitn&auml;hme nach dem Himmel.&laquo;</p>
+<p class="tb"></p>
+<p>&mdash;Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre G&auml;ste, die es
+vielleicht ganz verr&uuml;ckt fanden ...</p>
+<p class="tb"></p>
+<p>Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn. <span class="pagenum">[<a id="pb168" href="#pb168" name="pb168">168</a>]</span></p>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e3475" href="#xd20e3475src" name="xd20e3475">1</a></span> Note des
+&Uuml;bersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess: Everdine (d.
+i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch12" class="div1">
+<h2>Zw&ouml;lftes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">&mdash;Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so
+d&uuml;rftig. M&ouml;chtest du nicht ... du weisst ja ...</p>
+<p>&mdash;Noch was erz&auml;hlen, zum Ersatz f&uuml;r Geb&auml;ck? Zum
+Teufel, ich bin heiser. Verbrugge ist jetzt dran.</p>
+<p>&mdash;Ja, M&rsquo;nheer Verbrugge, l&ouml;sen Sie Max mal ab, bat
+Mevrouw Havelaar.</p>
+<p>Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:&mdash;Es war
+einmal ein Mann, der einen Truthahn stahl ...</p>
+<p>&mdash;O, Sie Schweren&ouml;ter, das haben Sie von Padang! Und wie
+geht es weiter?</p>
+<p>&mdash;Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?</p>
+<p>&mdash;Na, <span class="letterspaced">ich</span>! Ich habe ihn
+aufgegessen, im Verein mit ... noch jemand. Wissen Sie, warum ich in
+Padang vom Amte suspendiert war?</p>
+<p>&mdash;Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war,
+erwiderte Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich
+war zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachl&auml;ssig gewesen in
+meinen geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf
+wirklich viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so h&auml;ufig
+vor! Die Verh&auml;ltnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der
+Einnahme von Bar&#363;s, Tap&#363;s und Singkel so verwirrt, alles war
+so unruhig, dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass,
+<span class="pagenum">[<a id="pb169" href="#pb169" name="pb169">169</a>]</span>als dass er Geld z&auml;hlte oder
+Kassenb&uuml;cher f&uuml;hrte, nicht &uuml;belnehmen konnte, wenn nicht
+alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl von einem
+Amsterdamer Buchhalter h&auml;tte fordern k&ouml;nnen, der weiter
+nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie wissen,
+Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorf&auml;llt, auf
+Natal zur&uuml;ckschl&auml;gt. Ich schlief des Nachts vollst&auml;ndig
+in den Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn
+auch h&auml;ufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr&mdash;einige Zeit
+vor meiner Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein
+Vorg&auml;nger ermordet und der Aufstand proklamiert werden
+sollte&mdash;die Gefahr hat etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst
+zweiundzwanzig Jahre alt ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl
+unbrauchbar machen f&uuml;r Bureauarbeit oder f&uuml;r die peinliche
+Genauigkeit, die f&uuml;r eine gute Verwaltung von Geldsachen
+n&ouml;tig ist. &Uuml;berdies, ich hatte allerlei Tollheiten im Kopf
+...</p>
+<p>&mdash;Tra&#363;ssa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.</p>
+<p>&mdash;<span class="letterspaced">Was</span> ist nicht
+n&ouml;tig?</p>
+<p>&mdash;Ich hatte gesagt, dass in der K&uuml;che noch etwas
+hergerichtet werden sollte ... eine Omelette oder sonstwas.</p>
+<p>&mdash;Ah! Und das ist nun nicht mehr n&ouml;tig, nun ich von meinen
+Tollheiten anfange? Du bist doch ein Schweren&ouml;ter, Tine. Mir ist
+es recht, aber die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, f&uuml;r
+was entscheiden Sie sich, f&uuml;r Ihren Anteil an der Omelette oder
+f&uuml;r die Historie?</p>
+<p>&mdash;Das ist eine schwierige Lage f&uuml;r einen h&ouml;flichen
+Menschen, sagte Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Und auch ich m&ouml;chte hier lieber keine Wahl treffen,
+f&uuml;gte Duclari hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache
+zwischen M&rsquo;nheer und Mevrouw, und: &raquo;entre
+l&rsquo;&eacute;corce et le bois, il ne faut pas mettre le
+doigt&laquo;; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Th&uuml;r und
+Angel.</p>
+<p>&mdash;Ich will Ihnen zu H&uuml;lfe kommen, meine Herren. Die
+Omelette ist ... <span class="pagenum">[<a id="pb170" href="#pb170"
+name="pb170">170</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Mevrouw, sagte der sehr h&ouml;fliche Duclari, die Omelette
+wird doch wohl soviel wert sein wie ...</p>
+<p>&mdash;Wie diese Historie? Gewiss, <span class="letterspaced">wenn</span> sie was wert w&auml;re! Doch es hat damit
+einen Haken ...</p>
+<p>&mdash;Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief
+Verbrugge. Ach, lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!</p>
+<p>&mdash;Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran
+hapert&rsquo;s nicht. Wenn die Omelette &uuml;brigens gut w&auml;re,
+h&auml;tte das nichts zu sagen, aber ...</p>
+<p>&mdash;Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?</p>
+<p>&mdash;Ich wollte, dass es wahr w&auml;re! Nein, sie kann nicht ins
+Feuer fallen, sie ist ...</p>
+<p>&mdash;Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?</p>
+<p>&mdash;Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein
+m&uuml;ssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!</p>
+<p>&mdash;Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in
+komischer Verzweiflung.</p>
+<p>&mdash;Aber Kaffee haben wir, rief Tine.</p>
+<p>&mdash;Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw
+Slotering mit ihren M&auml;dchen hinzun&ouml;tigen, sagte Havelaar,
+worauf die kleine Gesellschaft sich nach draussen verf&uuml;gte.</p>
+<p>&mdash;Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch
+nicht gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.</p>
+<p>&mdash;Sie wird geh&ouml;rt haben, dass ich Historien loslasse,
+sagte Havelaar, und das hat sie abgeschreckt.</p>
+<p>&mdash;O nein, Max, das w&uuml;rde ihr nichts ausmachen; sie
+versteht kein Holl&auml;ndisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch
+weiterhin ihren eigenen Haushalt f&uuml;hren will, und das begreife ich
+recht gut. Weisst du noch, wie du meinen Namen<a class="noteref" id="xd20e3702src" href="#xd20e3702" name="xd20e3702src">1</a>
+interpretiert hast? <span class="pagenum">[<a id="pb171" href="#pb171"
+name="pb171">171</a>]</span></p>
+<p>&mdash;E. H. V. W.: &raquo;Eigener Herd viel wert&laquo;.</p>
+<p>&mdash;Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch
+etwas menschenscheu vor. Denke dir, l&auml;sst sie doch alle Fremden,
+die das Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...</p>
+<p>&mdash;Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte
+Duclari.</p>
+<p>&mdash;Ich auch! rief Verbrugge. Ausfl&uuml;chte werden nicht
+angenommen. Wir haben Anspruch auf ein vollst&auml;ndiges Mahl, und
+darum verlange ich die Geschichte von dem Truthahn.</p>
+<p>&mdash;Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte
+das Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab&rsquo;s aufgegessen ...
+mit noch jemandem.</p>
+<p>&mdash;Ehe dieser &raquo;jemand&laquo; gen Himmel fuhr, sagte Tine
+schalkhaft.</p>
+<p>&mdash;Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir m&uuml;ssen
+wissen, warum Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.</p>
+<p>&mdash;Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme
+Schuld, der mich suspendiert hatte.</p>
+<p>&mdash;Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir
+n&auml;chstes Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich
+Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er
+hatte sehr viele Truth&uuml;hner, und ich hatte nichts. Man trieb die
+Tiere an meiner Th&uuml;r vor&uuml;ber ... ich nahm eins davon und
+sagte zu dem Manne, der sich einbildete, dass er sie h&uuml;tete:
+&raquo;Sage dem General, dass ich, Max Havelaar, diesen Truthahn nehme,
+weil ich essen will&laquo;.</p>
+<p>&mdash;Und dann das Epigramm?</p>
+<p>&mdash;Hat Verbrugge Ihnen davon erz&auml;hlt?</p>
+<p>&mdash;Ja.</p>
+<p>&mdash;Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das
+Ding, weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss
+sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren
+&Auml;mtern suspendiert hatte, und <span class="pagenum">[<a id="pb172"
+href="#pb172" name="pb172">172</a>]</span>viele unter ihnen verdienten
+es viel weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war
+suspendiert, und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein
+ganz anderer war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen
+das wohl erz&auml;hlen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich
+alles genau weiss, und nur wiedererz&auml;hle, was man zu Padang
+f&uuml;r wahr hielt und was auch&mdash;vor allem im Hinblick auf die
+bekannten Eigenschaften des Generals&mdash;wahr gewesen sein
+<span class="letterspaced">kann</span>.</p>
+<p>Er hatte, m&uuml;ssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine
+Wette zu gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des
+Abends aus, um ... sich &uuml;berall herumzutreiben. Der Surnumerair
+Valkenaar muss einmal in einer Gasse nahe beim M&auml;dchenwaisenhause
+seinem Inkognito so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine
+Tracht Pr&uuml;gel zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel.
+Nicht weit davon wohnte Miss X. Es war ein Ger&uuml;cht in Umlauf, dass
+diese Miss einem Kinde das Leben gegeben h&auml;tte, das ...
+verschwunden w&auml;re. Der Assistent-Resident war als Haupt der
+Polizei verpflichtet und auch willens, diese Sache zu untersuchen, und
+scheint von diesem Vornehmen auf einer Whistpartie beim General etwas
+gesagt zu haben. Doch man h&ouml;re: am folgenden Tage erh&auml;lt er
+den Befehl, sich nach einer Abteilung zu begeben, deren
+amtsf&uuml;hrender Kontrolleur wegen wahrer oder vermeintlicher
+Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert war, und in loco bestimmte
+Dinge zu untersuchen und dieserhalb Bericht einzureichen. Wohl war der
+Assistent-Resident verwundert, dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der
+durchaus nicht in Beziehung zu seiner Abteilung stand, aber da er,
+recht genommen, ihn als eine ehrende Auszeichnung ansehen konnte und
+auch mit dem General auf sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er
+nicht Ursache hatte, an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich
+durch diese Sendung nicht weiter beunruhigen und begab sich
+nach&mdash;ich will vergessen haben, wohin&mdash;um zu thun, was ihm
+befohlen war. Nach einiger Zeit kehrt <span class="pagenum">[<a id="pb173" href="#pb173" name="pb173">173</a>]</span>er zur&uuml;ck und
+erstattet einen Bericht, der nicht ung&uuml;nstig f&uuml;r den
+Kontrolleur lautete. Doch es war w&auml;hrenddessen auf Padang durch
+das Publikum&mdash;das heisst: niemand und alle Welt&mdash;entdeckt
+worden, dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu
+schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem
+Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind
+betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt
+zu verschieben, wo es schwer fallen w&uuml;rde, die Sache aufzuhellen.
+Ich wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach
+den Erfahrungen, die ich selbst sp&auml;ter mit dem General Vandamme
+machte, kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand,
+der ihn nicht&mdash;was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit
+gesunken war&mdash;als f&auml;hig zu so etwas einsch&auml;tzte. Die
+meisten schrieben ihm nur <span class="letterspaced">eine</span> gute
+Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr, und wenn ich, der
+ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung w&auml;re, dass er bei
+alledem ein tapferer Mann war, so w&uuml;rde dies allein mich bewegen,
+Ihnen diese Geschichte nicht zu erz&auml;hlen. Es ist wahr, er hatte
+auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer einzelne
+Geschehnisse aus der N&auml;he beobachtet hatte, sp&uuml;rte Neigung,
+etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen mag,
+ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der Sucht
+der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder
+beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies, dies
+oder dies ist, doch ... <span class="letterspaced">das</span> ist er,
+<span class="letterspaced">das</span> muss man ihm lassen! Und niemals
+kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man einen stark
+ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle Tage betrunken
+...</p>
+<p>&mdash;Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von M&auml;ssigkeit
+war.</p>
+<p>&mdash;Ja, <i>ich</i> mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie
+vergessen sich <span class="letterspaced">so</span> weit, dass Duclari
+des Abends in der Galerie &uuml;ber Sie stolpert. Das wird er
+unangenehm finden, aber sofort <span class="pagenum">[<a id="pb174"
+href="#pb174" name="pb174">174</a>]</span>wird er sich erinnern, etwas
+Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch fr&uuml;her gar nicht
+ins Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein
+bisschen arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm
+legen und ausrufen: &raquo;Ach, glauben Sie doch, er ist sonst
+so&rsquo;n guter, braver, achtbarer Kerl!&laquo;</p>
+<p>&mdash;Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch
+vertikal.</p>
+<p>&mdash;Nicht mit dem Feuer und mit der &Uuml;berzeugung! Erinnern
+Sie sich mal, wie oft man sagen h&ouml;rt: &raquo;O, wenn <span class="letterspaced">der</span> Mann auf seine Sachen passen w&uuml;rde,
+<span class="letterspaced">das</span> w&auml;re einer! Aber ...&laquo;
+und dann folgt die Darlegung, wie er <span class="letterspaced">nicht</span> auf seine Sachen achte und also
+<span class="letterspaced">keiner</span> sei. Ich glaube den Grund
+hiervon zu wissen. Auch von den Toten erf&auml;hrt man immer gute
+Eigenschaften, von denen wir fr&uuml;her nichts bemerkten. Die Ursache
+wird wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind
+sich mehr oder minder Konkurrenten. Wir w&uuml;rden gern jeden andern
+ganz und gar in allem unter uns stellen. Das aber zu &auml;ussern,
+verbietet der gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns
+w&uuml;rde sehr bald niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres
+behaupteten. Es muss also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie
+uns das gelingt. Wenn Sie, Verbrugge, sagen: &raquo;Der Leutnant
+Gamascho ist ein guter Soldat, er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich
+kann Ihnen nicht genug sagen, ein wie guter Soldat der Leutnant
+Gamascho ist ... aber ein Theoreticus ist er nicht ...<span class="corr" id="xd20e3782" title="Nicht in der Quelle">&laquo;</span></p>
+<p>Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?</p>
+<p>&mdash;Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder
+gesehen.</p>
+<p>&mdash;Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von
+ihm.</p>
+<p>&mdash;Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag&rsquo;s von ihm.</p>
+<p>&mdash;Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass
+<span class="letterspaced">Sie</span>, Duclari, obenauf sind in der
+Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben Sie mir, wir thun unrecht,
+<span class="pagenum">[<a id="pb175" href="#pb175" name="pb175">175</a>]</span>uns so zu erbosen &uuml;ber jemanden, der recht
+schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten so nah!
+Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert Grad
+f&uuml;r schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann&mdash;wir, die wir
+schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!&mdash;Zeter zu schreien
+&uuml;ber jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich,
+dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an
+guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man
+ist.</p>
+<p>&mdash;Auf wieviel Grad stehe ich, Max?</p>
+<p>&mdash;Ich habe eine Lupe n&ouml;tig f&uuml;r die Zehntelteilung,
+Tine.</p>
+<p>&mdash;Ich reklamiere, rief Verbrugge&mdash;nein, Mevrouw, nicht
+gegen Ihre Nulln&auml;he!&mdash;nein, aber es sind Beamte suspendiert,
+ein Kind wird vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere:
+&raquo;la pi&egrave;ce!&laquo;</p>
+<p>&mdash;Tine, sorge doch in Zukunft daf&uuml;r, dass was im Hause
+ist! Nein, Verbrugge, Sie kriegen &raquo;la pi&egrave;ce&laquo; nicht,
+ehe ich nicht noch ein bisschen auf meinem Steckenpferde von der
+Antithese herumgeritten bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem
+Mitmenschen eine Art Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer
+tadeln&mdash;was auffallend wirken w&uuml;rde&mdash;darum streichen wir
+gern eine gute Eigenschaft &uuml;ber die Massen heraus, um die
+&uuml;ble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich nur
+gelegen ist, recht augenf&auml;llig zu machen, ohne den Schein der
+Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass
+ich von ihm gesagt habe: &raquo;Seine Tochter ist sehr sch&ouml;n, aber
+er ist ein Dieb&laquo;, dann antworte ich: &raquo;Wie k&ouml;nnen Sie
+dar&uuml;ber so b&ouml;s sein! Ich habe doch dabei gesagt, dass Ihre
+Tochter ein liebes M&auml;dchen ist!&laquo; Sehen Sie, das gewinnt
+doppelt! Wir beide sind H&ouml;ker, ich nehme ihm seine Kunden ab, die
+ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen, und zu gleicher Zeit
+sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei, denn ich striche die
+Tochter eines Konkurrenten heraus.</p>
+<p>&mdash;Nein, <span class="letterspaced">so</span> schlimm ist es
+nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen stark aufgetragen!
+<span class="pagenum">[<a id="pb176" href="#pb176" name="pb176">176</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich
+etwas kurz und br&uuml;sk gestaltet habe. Wir m&uuml;ssen uns das
+&raquo;er ist ein Dieb&laquo; einigermassen umschleiert vorstellen. Die
+Tendenz des Gleichnisses bleibt wahr. Wenn wir gen&ouml;tigt sind,
+jemandem bestimmte Eigenschaften zuzuerkennen, die Anspruch auf
+Beachtung, Ehrerbietung und Autorit&auml;t verleihen, dann gew&auml;hrt
+es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften etwas zu entdecken, das
+uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder g&auml;nzlich frei
+erkl&auml;rt. &raquo;Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt
+beugen, aber ... er schl&auml;gt seine Frau!&laquo; Sehen Sie, dann
+benutzen wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase
+recht hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung,
+dass er das Weib schl&auml;gt, was doch sonst recht h&auml;sslich ist.
+Sobald wir zugeben m&uuml;ssen, dass jemand Qualit&auml;ten besitzt,
+die ihn der Ehre eines Piedestals w&uuml;rdig machen, sobald wir seine
+Anspr&uuml;che darauf nicht l&auml;nger leugnen k&ouml;nnen, ohne als
+unkundig, gef&uuml;hllos oder eifers&uuml;chtig angesehen zu werden ...
+sagen wir schliesslich: &raquo;Gut, setzt ihn nur drauf!&laquo; Aber
+schon w&auml;hrend des Draufsetzens und w&auml;hrend er selbst noch
+meint, dass wir verz&uuml;ckt dast&auml;nden angesichts seiner
+Vortrefflichkeit, haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der
+dienen soll, ihn bei der ersten g&uuml;nstigen Gelegenheit
+herunterzuholen. Je mehr Wechsel unter den Inhabern der Piedestale,
+desto gr&ouml;sser die Wahrscheinlichkeit f&uuml;r andere, dass sie
+auch einmal an die Reihe kommen werden, und so wahr ist dies, dass wir
+aus Gewohnheit und zur &Uuml;bung&mdash;wie ein J&auml;ger, welcher auf
+Kr&auml;hen schiesst, die er doch liegen l&auml;sst&mdash;auch
+<span class="letterspaced">die</span> Standbilder gern niederlegen,
+deren Piedestal nie durch uns bestiegen werden kann. Herr Sch&ouml;ps,
+der sich n&auml;hrt von Sauerkohl und D&uuml;nnbier, sucht Erhebung in
+der Klage: &raquo;Alexander <span class="letterspaced">war</span> nicht
+gross ... er war unm&auml;ssig&laquo;, ohne dass f&uuml;r Herrn
+Sch&ouml;ps die mindeste M&ouml;glichkeit besteht, jemals mit Alexander
+in Welteroberung zu konkurrieren.</p>
+<p>Wie dem sei, ich bin &uuml;berzeugt, dass viele niemals auf
+<span class="pagenum">[<a id="pb177" href="#pb177" name="pb177">177</a>]</span>den Gedanken gekommen w&auml;ren, den General
+Vandamme f&uuml;r so tapfer zu halten, wenn nicht seine Tapferkeit als
+Vehikel h&auml;tte dienen k&ouml;nnen f&uuml;r das stets
+hinzugef&uuml;gte: &raquo;aber ... seine Sittlichkeit!&laquo; Und
+ebenso bin ich &uuml;berzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den
+vielen, die selbst nicht gerade unantastbar waren, nicht als so gross
+hingestellt worden w&auml;re, wenn man sie nicht n&ouml;tig gehabt
+h&auml;tte als Gegengewicht gegen seinen Ruhm der Tapferkeit, der
+manche nicht schlafen liess.</p>
+<p><span class="letterspaced">Eine</span> Eigenschaft besass er
+wirklich in hohem Masse: Willenskraft. Was er sich vornahm, musste
+geschehen, und geschah auch gew&ouml;hnlich. Doch&mdash;sehen Sie wohl,
+dass ich sogleich wieder die Antithese zur Hand habe?&mdash;doch in der
+Wahl der Mittel war er dann auch etwas ... frei, und, wie van der
+Palm&mdash;ich glaube, zu Unrecht&mdash;von Napoleon sagte:
+&raquo;Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals im Wege!&laquo;
+Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen, als wenn man
+sich durch so etwas <span class="letterspaced">wohl</span> gebunden
+erachtet.</p>
+<p>Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht
+ausgefertigt, der g&uuml;nstig lautete f&uuml;r den suspendierten
+Kontrolleur, dessen Suspension hierdurch den Anstrich der
+Ungerechtigkeit erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren
+Fortgang: man sprach noch immer &uuml;ber das verschwundene Kind. Der
+Assistent-Resident f&uuml;hlte sich aufs neue berufen, die Sache
+aufzunehmen, doch ehe er etwas zur Aufkl&auml;rung hatte bringen
+k&ouml;nnen, ging ihm ein Beschluss zu, nach welchem er vom Gouverneur
+der Westk&uuml;ste Sumatras &raquo;wegen Unehrlichkeit in
+Amtsbeziehungen&laquo; suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus
+Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen sein
+besseres Wissen in ein falsches Licht ger&uuml;ckt habe.</p>
+<p>Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht
+gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die
+geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus zu
+entnehmen ist, dass man gerade <span class="pagenum">[<a id="pb178"
+href="#pb178" name="pb178">178</a>]</span><span class="letterspaced">ihn</span> bestimmt hatte, diese Sache zu untersuchen.
+Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte Pers&ouml;nlichkeit war,
+und dass auch die Regierung ihn daf&uuml;r hielt, was aus der
+Nichtigerkl&auml;rung der Suspension, nachdem die Sache andernorts
+untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist
+sp&auml;ter g&auml;nzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der
+Beiden Suspension war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den
+Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch des Generals von jemandem niederlegen liess,
+der damals bei ihm und vorher bei mir in Dienst stand.</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line xd20e3378">Leibhafter Suspensionsbeschluss, der
+suspendierend uns regiert,</p>
+<p class="line">Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer
+Zeiten,</p>
+<p class="line xd20e3378">Du h&auml;ttest dein Gewissen selbst mit
+Freuden suspendiert ...</p>
+<p class="line">Wenn&rsquo;s nicht schon l&auml;ngst entlassen
+w&auml;r&rsquo; in alle Ewigkeiten!</p>
+</div>
+<p class="firstpar">&mdash;Nehmen Sie mir&rsquo;s nicht &uuml;bel,
+M&rsquo;nheer Havelaar, ich finde, dass so etwas nicht am Platze war,
+sagte Duclari.</p>
+<p>&mdash;Ich auch ... aber ich musste doch <span class="letterspaced">etwas</span> thun. Stellen Sie sich vor, dass ich kein
+Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag f&uuml;rchtete, Hungers
+zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte wenig oder
+keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte dem General
+geschrieben, dass <span class="letterspaced">er</span> verantwortlich
+w&auml;re, wenn ich in Elend umk&auml;me, und dass ich von niemandem
+H&uuml;lfe annehmen w&uuml;rde. In den Binnenlanden waren Leute, die,
+als sie h&ouml;rten, wie es mit mir bestellt war, mich zu ihnen zu
+kommen n&ouml;tigten, doch der General verbot, dass man mir einen Pass
+dahin ausfertigte. Nach Java konnte ich auch nicht verziehen.
+&Uuml;berall anderswo h&auml;tte ich mich retten k&ouml;nnen und
+vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem m&auml;chtigen
+General gewesen w&auml;re. Es schien sein Plan, mich verhungern zu
+lassen. Das hat neun Monate gedauert!</p>
+<p>&mdash;Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte
+der General <span class="letterspaced">viel</span> Truth&uuml;hner?</p>
+<p>&mdash;O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur
+<span class="letterspaced">einmal</span>, nicht wahr? Was ich
+w&auml;hrend dieser Zeit <span class="pagenum">[<a id="pb179" href="#pb179" name="pb179">179</a>]</span>anfing? Ach ... ich machte Verse,
+schrieb Kom&ouml;dien ... und dergleichen mehr.</p>
+<p>&mdash;Und war daf&uuml;r Reis zu haben auf Padang?</p>
+<p>&mdash;Nein, doch den habe ich auch nicht daf&uuml;r verlangt. Ich
+sage lieber nicht, wie ich gelebt habe.</p>
+<p>Tine dr&uuml;ckte ihm die Hand: <span class="letterspaced">sie</span> wusste es.</p>
+<p>&mdash;Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen
+geschrieben haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der
+R&uuml;ckseite einer Quittung.</p>
+<p>&mdash;Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine
+Lage. Es bestand in den Tagen eine Zeitschrift &raquo;De
+Kopiist&laquo;, auf die ich eingezeichnet war. Sie stand unter den
+Auspizien der Regierung&mdash;der Redakteur war Beamter beim
+Allgemeinen Sekretariat&mdash;und darum wurden die Subskriptionsgelder
+in Landes Kasse gest&uuml;rzt. Man pr&auml;sentierte mir eine Quittung
+von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Gesch&auml;ftsbereich des
+Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt blieb,
+des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia
+zur&uuml;ckgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf
+der R&uuml;ckseite also gegen meine Armut zu protestieren:</p>
+<div class="lgouter" lang="fr">
+<p class="line">Vingt florins ... quel tr&eacute;sor! Adieu,
+litt&eacute;rature,</p>
+<p class="line xd20e3378">Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux
+destin:</p>
+<p class="line xd20e3378">Je meurs de faim, de froid, d&rsquo;ennui et
+de chagrin,</p>
+<p class="line">Vingt florins font pour moi deux mois de
+nourriture!</p>
+<p class="line xd20e3378">Si j&rsquo;avais vingt florins, je serais
+mieux chauss&eacute;,</p>
+<p class="line">Mieux nourri, mieux log&eacute;, j&rsquo;en ferais
+bonne ch&egrave;re ...</p>
+<p class="line">Il faut vivre avant tout, soit vie de
+mis&egrave;re:</p>
+<p class="line xd20e3378">Le crime fait la honte, et non la
+pauvret&eacute;!</p>
+</div>
+<p class="firstpar">Doch als ich sp&auml;ter in Batavia der Redaktion
+des &raquo;Kopiist&laquo; meine zwanzig Gulden bringen wollte, war ich
+nichts schuldig. Es scheint, dass der General selbst das Geld f&uuml;r
+mich bezahlt hat, um nicht gezwungen zu sein, diese illustrierte
+Quittung nach Batavia zur&uuml;ckzusenden.</p>
+<p>&mdash;Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des
+Truthahns? Es war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm?
+<span class="pagenum">[<a id="pb180" href="#pb180" name="pb180">180</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Er strafte mich f&uuml;rchterlich! Wenn er mich h&auml;tte
+vor Gericht stehen lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den
+Gouverneur von Sumatras Westk&uuml;ste, was in jenen Tagen mit einigem
+guten Willen als &raquo;Versuch zur Unterminierung der
+Holl&auml;ndischen Autorit&auml;t und Aufreizung zum Aufstand&laquo;
+h&auml;tte ausgelegt werden k&ouml;nnen, oder als schuldig des
+&raquo;Diebstahls auf &ouml;ffentlichem Wege&laquo;, so w&uuml;rde er
+gezeigt haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er
+strafte mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu
+h&uuml;ten hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu
+w&auml;hlen. Und mein Epigramm ... ach, das ist noch &auml;rger! Er
+sagte <span class="letterspaced">nichts</span>, und er that
+<span class="letterspaced">nichts</span>! Sehen Sie, das war grausam!
+Er g&ouml;nnte mir nicht den mindesten M&auml;rtyrerschein, mir wurde
+nicht die Beachtung zu teil, wie sie Verfolgung erweckt, ich sollte
+nicht ungl&uuml;cklich werden durch meine ausschweifende Witzigkeit! O,
+Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um ein f&uuml;r alle mal einen
+Ekel zu haben vor Epigrammen und Truth&auml;hnen! So wenig Ermutigung
+l&ouml;scht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten Funken ...
+und <span class="letterspaced">den</span> inklusive: ich hab&rsquo;s
+nie wieder gethan! <span class="pagenum">[<a id="pb181" href="#pb181"
+name="pb181">181</a>]</span></p>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e3702" href="#xd20e3702src" name="xd20e3702">1</a></span> Note des
+&Uuml;bersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch13" class="div1">
+<h2>Dreizehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">&mdash;Und darf man nun wissen, warum Sie
+eigentlich suspendiert waren? fragte Duclari.</p>
+<p>&mdash;O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hier&uuml;ber zu sagen
+habe, als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen
+kann, so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig
+handelte, als ich in meiner Erz&auml;hlung von dem vermissten Kinde das
+in Padang umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es
+wird einem sehr glaubw&uuml;rdig erscheinen, sobald man unsern tapferen
+General in den Angelegenheiten kennen lernt, die <span class="letterspaced">mich</span> betreffen.</p>
+<p>Es waren also in meiner Kassenf&uuml;hrung zu Natal Ungenauigkeiten
+und Vers&auml;umnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit
+auf eigenen Schaden hinausl&auml;uft: niemals hat man durch
+Nachl&auml;ssigkeit Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu
+Padang&mdash;der nun just mein besonderer Freund nicht
+war&mdash;behauptete, dass ein Fehlbetrag von Tausenden vorhanden sei.
+Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange ich in Natal war, darauf
+nicht aufmerksam gemacht hatte. G&auml;nzlich unerwartet wurde mir eine
+Versetzung nach den Padangschen Oberlanden zu teil. Sie wissen,
+Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den Oberlanden von Padang
+als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird als eine solche in der
+n&ouml;rdlicher gelegenen Residentschaft. Da ich nur wenige Monate
+vorher den Gouverneur <span class="pagenum">[<a id="pb182" href="#pb182" name="pb182">182</a>]</span>bei mir gesehen hatte&mdash;gleich
+werden Sie h&ouml;ren, warum und wie&mdash;und weil w&auml;hrend seines
+Aufenthalts zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen
+waren, bei deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr t&uuml;chtig
+gezeigt hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine g&uuml;nstige
+Auszeichnung auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise
+auf einem franz&ouml;sischen Schiff, der &raquo;Baobab&laquo; von
+Marseille, das zu Atjeh Pfeffer geladen hatte und ... nat&uuml;rlich
+bei Natal &raquo;Mangel an Trinkwasser&laquo; hatte. Sobald ich in
+Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich in die Binnenlande
+einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht den Gouverneur
+besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht empfangen
+k&ouml;nne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen Posten
+bis auf weiteren Befehl ausstellen m&uuml;sste. Sie begreifen, dass ich
+hier&uuml;ber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in
+einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einfl&ouml;ssen
+musste, ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur
+wenige Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm
+ich&mdash;oder vielmehr ich merkte es ihnen an&mdash;dass der General
+sehr erbost auf mich war. Ich sagte, dass ich es ihnen <span class="letterspaced">anmerkte</span>, weil auf einem Aussenposten, wie Padang
+damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als der
+Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden
+hatte. Ich f&uuml;hlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen,
+aus welcher Ecke der Wind pfeifen w&uuml;rde. Da ich Geld n&ouml;tig
+hatte, ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu
+greifen, und ich stand wirklich verdutzt, als man mir &uuml;berall eine
+abweisende Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo
+in Indien, wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle
+spielt, in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man w&uuml;rde
+in jedem anderen Fall mit Vergn&uuml;gen einem Kontrolleur einige
+hundert Gulden vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider
+Erwarten irgendwo aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle
+H&uuml;lfe. Ich drang bei <span class="pagenum">[<a id="pb183" href="#pb183" name="pb183">183</a>]</span>einzelnen darauf, dass sie mir die
+Ursache dieses Misstrauens nennen sollten, und mit M&uuml;he erfuhr ich
+endlich, dass man in meiner Kassenverwaltung zu Natal Fehler und
+Vers&auml;umnisse entdeckt h&auml;tte, die mich einer ungetreuen
+Administration verd&auml;chtig machten. Dass Fehler in meiner
+Administration zu konstatieren waren, befremdete mich durchaus nicht.
+Gerade das Gegenteil w&uuml;rde mich verwundert haben. Doch wohl fand
+ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der pers&ouml;nlich Zeuge
+gewesen war, wie ich, fortw&auml;hrend fern von meinem Bureau, mit der
+Unzufriedenheit der Bev&ouml;lkerung und mit anhaltenden Versuchen zum
+Aufstand zu k&auml;mpfen hatte ... dass er, der mich gar wegen dessen,
+was er &raquo;Beherztheit&laquo; nannte, besonders gelobt hatte, den
+entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben
+konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen
+Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von
+&sbquo;force majeure&lsquo;.</p>
+<p>Und, mochte man immer diese &sbquo;force majeure&lsquo; leugnen,
+wollte man mich auch verantwortlich machen f&uuml;r Fehler, die
+begangen waren in Augenblicken, da ich&mdash;in Lebensgefahr
+oftmals!&mdash;fern von der Kasse und was damit zusammenhing, deren
+Verwaltung einem andern anvertrauen musste; w&uuml;rde man auch
+fordern, dass ich, das eine thuend, das andere nicht h&auml;tte lassen
+sollen ... dann immer noch w&auml;re ich allein einer
+Vernachl&auml;ssigung zu zeihen gewesen, die mit &raquo;Untreue&laquo;
+nichts gemein hatte. Es bestanden &uuml;berdies, in jenen Tagen vor
+allem, zahlreiche Beispiele daf&uuml;r, dass die Regierung wohl einsah,
+wie m&uuml;hevoll die Position der Beamten auf Sumatra war, und es
+schien denn auch im Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen
+etwas durch die Finger zu sehen habe. Man begn&uuml;gte sich damit, von
+den in Frage kommenden Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und
+es mussten schon sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das
+Wort &raquo;Untreue&laquo; aussprach oder nur daran dachte. Dies war
+denn auch <span class="letterspaced">so</span> sehr Regel geworden,
+dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, bef&uuml;rchten zu
+m&uuml;ssen, dass ich, nach <span class="pagenum">[<a id="pb184" href="#pb184" name="pb184">184</a>]</span>der Untersuchung meiner
+Verbindlichkeiten auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen
+haben, worauf er achselzuckend erwiderte: &raquo;Ach ... die
+Geldsachen!&laquo;, als f&auml;nde er selbst, dass das Unwichtigere vor
+dem Wichtigeren zur&uuml;ckstehen m&uuml;sse.</p>
+<p>Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein,
+wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und Arbeit
+Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachl&auml;ssigung oder
+Vers&auml;umnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war,
+so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese
+Tausende fehlten infolge meiner gegl&uuml;ckten Bem&uuml;hungen, dem
+Aufstande zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandh&eacute;ling in Feuer
+und Flammen zu setzen drohte, und die Atjinesen zur&uuml;ckkehren zu
+lassen in die Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel
+Volk und Geld verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen
+Mankos, und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem
+die R&uuml;ckzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich
+gr&ouml;ssere Interessen gerettet hatte.</p>
+<p>Und doch war ich der Ansicht, dergleichen m&uuml;sse ersetzt werden.
+Denn indem man das nicht forderte, w&uuml;rde man der Unehrlichkeit
+Th&uuml;r und Thor &ouml;ffnen.</p>
+<p>Nach tagelangem Warten&mdash;Sie k&ouml;nnen sich denken, in welcher
+Stimmung!&mdash;erhielt ich vom Sekret&auml;r des Gouverneurs einen
+Brief, worin man mir er&ouml;ffnete, dass ich der Untreue
+verd&auml;chtig erscheine, mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von
+Bem&auml;ngelungen, die meiner Verwaltung zuteil geworden waren, zu
+verantworten. Einzelne von ihnen konnte ich sofort richtig stellen.
+F&uuml;r andere hingegen hatte ich die Einsicht bestimmter
+Schriftst&uuml;cke n&ouml;tig, und vor allem war es f&uuml;r mich von
+Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund zu gehen und bei
+meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen Differenzen zu
+forschen. Und wahrscheinlich w&auml;ren auch da meine Bem&uuml;hungen,
+Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die Unterlassung
+einer <span class="pagenum">[<a id="pb185" href="#pb185" name="pb185">185</a>]</span>Abschreibung nach Mandh&eacute;ling gesandter
+Gelder zum Beispiel&mdash;Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im
+Binnenlande aus der Natalschen Kasse bezahlt werden&mdash;oder sonst
+etwas derartiges, das mir h&ouml;chstwahrscheinlich sofort klar
+geworden w&auml;re, wenn ich meine Nachforschungen am Platze selbst
+h&auml;tte anstellen k&ouml;nnen, hatte vielleicht hinter diesen
+&auml;rgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der General wollte mich nicht
+nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung liess mir die Art, in der die
+Beschuldigung der Untreue gegen mich eingebracht war, noch
+auff&auml;lliger erscheinen. Warum in aller Welt war ich von Natal
+unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht der
+Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung erst mit,
+als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt h&auml;tte,
+mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem Falle diese
+Angelegenheiten so ohne weiteres in die ung&uuml;nstigste Beleuchtung
+ger&uuml;ckt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit und im
+Widerspruch mit aller Billigkeit?</p>
+<p>Bevor ich noch all die Bem&auml;ngelungen, so gut es mir ohne Archiv
+oder pers&ouml;nliche Unterrichtung m&ouml;glich war, beantwortet
+hatte, erfuhr ich indirekt, dass der General so erz&uuml;rnt auf mich
+war: &raquo;weil ich zu Natal ihm so widersprochen h&auml;tte; was denn
+auch&laquo;, so f&uuml;gte man hinzu, &raquo;sehr verkehrt von mir
+gewesen w&auml;re&laquo;.</p>
+<p>Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in
+der naiven Meinung, dass er mich darum achten w&uuml;rde! Ich
+<span class="letterspaced">hatte</span> ihm widersprochen, aber bei
+seiner Abreise hatte mich nichts vermuten lassen, dass er mir deshalb
+z&uuml;rne! Dumm genug, hatte ich in der g&uuml;nstigen Versetzung nach
+Padang einen Beweis gesehen, dass er mein &raquo;Widersprechen&laquo;
+sch&ouml;n gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig ich ihn damals
+kannte.</p>
+<p>Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu
+einer so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung f&uuml;hrte, war
+ich mit mir selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt f&uuml;r Punkt,
+so gut ich konnte, und <span class="pagenum">[<a id="pb186" href="#pb186" name="pb186">186</a>]</span>schloss meinen Brief&mdash;ich
+besitze noch den Entwurf&mdash;mit den Worten:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;Ich habe die an meine Administration
+gekn&uuml;pften Bem&auml;ngelungen, so gut es mir ohne Archiv oder
+lokale Nachforschung m&ouml;glich war, beantwortet. Ich ersuche Euer
+Hochedelgestrengen, mich von allen wohlwollenden Erw&auml;gungen
+verschont zu lassen. Ich bin jung und bin unbedeutend im Vergleich zu
+der Macht der herrschenden Begriffe, denen mich zu widersetzen meine
+Grunds&auml;tze mich n&ouml;tigen, doch ich bleibe nichtsdestoweniger
+stolz auf meine sittliche Unabh&auml;ngigkeit, stolz auf meine
+Ehre.&laquo;</p>
+</div>
+<p>Tags darauf war ich suspendiert wegen &raquo;ungetreuer
+Verwaltung&laquo;. Der Offizier der Gerichtsbarkeit&mdash;wir sagten
+damals noch &raquo;Fiscal&laquo;&mdash;erhielt den Befehl, betreffs
+meiner &raquo;Amt und Pflicht&laquo; walten zu lassen.</p>
+<p>Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt,
+und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen w&uuml;rde!
+Man riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen&mdash;ich
+war noch unm&uuml;ndig, als die angeblichen Verfehlungen
+geschahen&mdash;doch das wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel
+gedacht und gelitten, und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft
+und gewirkt, als dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte.
+Sie sehen aus dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht
+behandelt sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General
+gegen&uuml;ber meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und
+gleichzeitig k&ouml;nnen Sie wohl aus dem Brief ersehen, wie
+unbegr&uuml;ndet die Beschuldigung war, die man gegen mich erhob.
+Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen Verbrechens, schreibt
+anders!</p>
+<p>Man nahm mich nicht gefangen, und dies h&auml;tte doch geschehen
+m&uuml;ssen, wenn es ernst gewesen w&auml;re mit dem kriminellen
+Verdacht. Wahrscheinlich aber war diese scheinbar unabsichtliche
+Unterlassung nicht ohne Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig,
+dass man ihn unterh&auml;lt <span class="pagenum">[<a id="pb187" href="#pb187" name="pb187">187</a>]</span>und ern&auml;hrt. Da ich Padang
+nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit doch ein Gefangener,
+aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich hatte wiederholt, doch
+jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben, dass er meinen Verzug
+von Padang nicht hindern m&ouml;chte, denn es d&uuml;rfte kein
+Verbrechen, und w&auml;re ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft
+werden mit Hungerleiden.</p>
+<p>Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit
+bereitete, den Ausweg gefunden hatte, sich unzust&auml;ndig zu
+erkl&auml;ren, weil Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen
+nur auf Erm&auml;chtigung der Regierung zu Batavia statthaben
+d&uuml;rften, hielt mich der General, wie ich schon sagte, neun Monate
+an Padang gebannt. Er erhielt endlich von h&ouml;herer Hand den Befehl,
+mich nach Batavia verziehen zu lassen.</p>
+<p>Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte&mdash;gute Tine, du hattest
+es mir gegeben!&mdash;zahlte ich einige tausend Gulden, um die
+Natalschen Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da
+sagte mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von
+Niederl&auml;ndisch-Indien repr&auml;sentierte: &raquo;Das h&auml;tte
+ich an Ihrer Stelle nicht gethan ... ich w&uuml;rde einen Wechsel auf
+die Ewigkeit gegeben haben.&laquo; Ainsi va le monde!</p>
+<hr class="tb">
+<p>Gerade wollte Havelaar mit der Erz&auml;hlung beginnen, die seine
+G&auml;ste von ihm erwarteten und die Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber
+geben sollte, in welcher Angelegenheit und warum er dem General
+Vandamme zu Natal seinerzeit &raquo;so widersprochen&laquo; hatte, da
+zeigte sich Mevrouw Slotering in der Vorgalerie ihrer Wohnung und
+winkte dem Polizei-Aufseher, der bei Havelaars Hause auf einer Bank
+sass. Der begab sich zu ihr und rief darauf einem Manne zu, der soeben
+das Erbe betreten hatte, jedenfalls in der Absicht, sich nach der
+K&uuml;che zu begeben, die hinterm Hause gelegen war. <span class="pagenum">[<a id="pb188" href="#pb188" name="pb188">188</a>]</span>Unsere Gesellschaft w&uuml;rde hierauf
+wahrscheinlich nicht weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei
+Tische gesagt h&auml;tte, dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine
+Art Spionage zu &uuml;ben scheine &uuml;ber jeden, der das Erbe
+betrete. Man sah den Mann, der durch den Aufseher gerufen war, zu ihr
+gehen, und es schien, dass sie ihn in ein Verh&ouml;r nahm, das nicht
+zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens wendete er seine Schritte und
+lief nach aussen zur&uuml;ck.</p>
+<p>&mdash;Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war
+vielleicht einer, der H&uuml;hner zu verkaufen hatte oder Gem&uuml;se.
+Ich habe noch nichts im Hause.</p>
+<p>&mdash;Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete
+Havelaar. Du weisst, dass inl&auml;ndische Damen gern ihre
+Autorit&auml;t zur Geltung bringen. Ihr Mann war fr&uuml;her die erste
+Person hier, und wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch
+bedeutet, in seiner Abteilung ist er ein kleiner K&ouml;nig: sie ist
+noch nicht gewohnt an die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies
+kleine Vergn&uuml;gen nicht rauben. Thu nur so, als wenn du nichts
+bemerktest.</p>
+<p>Dies fiel nun Tine nicht schwer: <span class="letterspaced">ihr</span> war nichts an Autorit&auml;t gelegen.</p>
+<p>Es ist hier eine Abschweifung n&ouml;tig, und gar will ich einmal
+abschweifen, um &uuml;ber Abschweifungen selbst zu reden. Es f&auml;llt
+einem Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen
+den beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit
+wird um so gr&ouml;sser, wenn man Zust&auml;nde beschreibt, die den
+Leser auf unbekannten Boden f&uuml;hren. Es ist eine zu enge Verbindung
+zwischen &Ouml;rtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung
+der &Ouml;rtlichkeit g&auml;nzlich entbehren k&ouml;nnte, und das
+Vermeiden der beiden Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt
+schwierig f&uuml;r jemanden, der Indien zum Schauplatz seiner
+Erz&auml;hlung gew&auml;hlt hat. Denn w&auml;hrend ein Schriftsteller,
+der europ&auml;ische Zust&auml;nde schildert, viele Dinge als bekannt
+voraussetzen kann, muss er, der sein St&uuml;ck in Indien spielen
+l&auml;sst, sich fortw&auml;hrend fragen, ob der nicht-inl&auml;ndische
+<span class="pagenum">[<a id="pb189" href="#pb189" name="pb189">189</a>]</span>Leser diese oder jene Umst&auml;nde richtig
+auffassen wird. Wenn der europ&auml;ische Leser sich Mevrouw Slotering
+als bei den Havelaars &raquo;logierend&laquo; denkt, so wie dies in
+Europa der Fall sein w&uuml;rde, muss es ihm unbegreiflich vorkommen,
+dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die in der
+Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt, dass sie ein
+apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich sp&auml;tere
+Vorkommnisse recht zum Verst&auml;ndnis zu bringen, ist es in der That
+n&ouml;tig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und
+Erbe bekannt mache.</p>
+<p>Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den
+&raquo;Waverley&laquo; schrieb, erhoben wird, n&auml;mlich, dass er
+manchmal die Geduld seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung
+von &Ouml;rtlichkeiten zu viel Platz einr&auml;ume, scheint mir nicht
+recht begr&uuml;ndet, und ich glaube, dass man sich zur Beurteilung der
+Richtigkeit einer solchen Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat:
+war diese Beschreibung n&ouml;tig, um den speziellen Eindruck
+hervorzurufen, den der Autor bei dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege
+man es ihm nicht &uuml;bel aus, dass er von dir die M&uuml;he erwartet,
+zu <span class="letterspaced">lesen</span>, was er zu <span class="letterspaced">schreiben</span> sich die M&uuml;he gab. Wenn nein, so
+werfe man das Buch weg. Denn der Autor, bei dem es im Kopfe so leer
+ist, dass er ohne zwingenden Grund Topographie giebt statt Gedanken,
+wird selten der M&uuml;he des Lesens wert sein, auch da, wo
+schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende nimmt. Aber man vergesse
+nicht, dass das Urteil des Lesers dar&uuml;ber, ob ein Abschweifen
+notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist, weil er <span class="letterspaced">vor</span> der Katastrophe nicht wissen kann, was
+erforderlich oder nicht erforderlich ist f&uuml;r die geordnete
+Darlegung der Zust&auml;nde. Und wenn er nach der Katastrophe das Buch
+wieder aufnimmt&mdash;von B&uuml;chern, die man nur einmal liest, rede
+ich nicht&mdash;und selbst dann noch meint, dass diese oder jene
+Abschweifung ohne Schaden f&uuml;r den Gesamteindruck h&auml;tte
+entbehrt werden k&ouml;nnen, so bleibt es noch immer die Frage, ob er
+vom Ganzen denselben Eindruck empfangen h&auml;tte, wenn nicht der
+<span class="pagenum">[<a id="pb190" href="#pb190" name="pb190">190</a>]</span>Schriftsteller in mehr oder minder
+k&uuml;nstlicher Weise ihn dazu gebracht haben w&uuml;rde, und gerade
+durch die Abschweifungen, die dem oberfl&auml;chlich urteilenden Leser
+&uuml;berfl&uuml;ssig erscheinen.</p>
+<p>Meinet ihr, dass Amy Robsart&rsquo;s Tod euch so packen w&uuml;rde,
+wenn ihr Fremdling gewesen w&auml;ret in den Hallen von Kenilworth? Und
+meinet ihr, dass da keine Verbindung best&auml;nde&mdash;Verbindung in
+der Antithese&mdash;zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der
+unw&uuml;rdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele?
+F&uuml;hlt ihr nicht, dass Leicester&mdash;dies weiss jeder, der den
+Mann auch aus anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman&mdash;dass
+er unendlich tiefer stand, als er im &raquo;Kenilworth&laquo;
+geschildert wird? Aber der grosse Romancier, der lieber durch
+k&uuml;nstliche Verteilung der Farben fesselte als durch Grellheit
+derselben, achtete es unter seiner W&uuml;rde, den Pinsel in all den
+Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem unw&uuml;rdigen
+G&uuml;nstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf <span class="letterspaced">einen</span> dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl
+weisen, doch verstand er es, solchen Fleck durch die Lichter ins Auge
+fallen zu lassen, die er in seinen unsterblichen Schriften daneben
+setzte. Wer nun all das daneben Gegebene als &uuml;berfl&uuml;ssig
+verwerfen zu k&ouml;nnen glaubt, verliert g&auml;nzlich aus dem Auge,
+dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen, zu der Schule
+&uuml;bergehen m&uuml;sste, die von 1830 ab so lange in Frankreich
+floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die
+Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten
+Geschmack s&uuml;ndigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich
+selbst, ihre gr&ouml;ssten Erfolge erzielten. Diese Schule&mdash;ich
+hoffe und glaube, dass sie ausgebl&uuml;ht hat&mdash;hielt es f&uuml;r
+gem&auml;ss, mit voller Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse
+Sudelkleckse hiervon auf das Gem&auml;lde zu werfen, dass man sie
+selbst aus der Entfernung sehen m&ouml;ge! Sie sind denn auch mit
+geringerem Aufwande zu malen, diese groben Streifen von Rot und
+Schwarz, als die feinen Z&uuml;ge zu pinseln sind, die da stehen im
+<span class="pagenum">[<a id="pb191" href="#pb191" name="pb191">191</a>]</span>Kelch einer Lilie. Darum w&auml;hlte denn auch
+diese Schule meistens K&ouml;nige zu Helden ihrer Geschichten, am
+liebsten aus der Zeit, da die V&ouml;lker noch unm&uuml;ndig waren.
+Sieh, die Betr&uuml;btheit des K&ouml;nigs wandelt man auf dem Papier
+in Volksgeheul ... <span class="letterspaced">sein</span> Zorn bietet
+dem Autor Gelegenheit zum T&ouml;ten von Tausenden auf dem
+Schlachtfelde ... <span class="letterspaced">seine</span> Fehler geben
+Raum zum Schildern von Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe
+Pinsel in Bewegung! Wenn du dich nicht bewegen l&auml;ssest von dem
+stummen Schrecken einer Leiche, die da liegt, es ist in meiner
+Geschichte Platz f&uuml;r ein Schlachtopfer, das noch &auml;chzt und
+zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die vergebens ihr Kind
+sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter, die ihr Kind
+vierteilen sieht! Bleibst du gef&uuml;hllos bei dem M&auml;rtyrertod
+dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gef&uuml;hl hundertmal, indem
+ich neunundneunzig andere M&auml;nner martern lasse neben ihm! Bist du
+verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in
+einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt
+...</p>
+<p>Epikur&auml;er! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren:
+&raquo;rechts und links ... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken
+Arm seines Nebenmannes auf ... marsch!&laquo;</p>
+<p>Ja, so geht dieser Kunst-Schauder &uuml;ber in Albernheit ... was
+ich so im Vor&uuml;bergehen beweisen wollte.</p>
+<p>Und dahin w&uuml;rde man doch geraten, indem man zu eilig einen
+Schriftsteller verurteilte, der sinngem&auml;ss vorbereiten wollte auf
+seine Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden
+Farben.</p>
+<p>Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch gr&ouml;sser.
+Du verachtest die Bem&uuml;hungen des groben Schrifttums, das mit so
+ungeschlachten Waffen auf dein Gef&uuml;hl meint einst&uuml;rmen zu
+m&uuml;ssen, aber ... wenn der Autor in das andere Extrem
+verf&auml;llt, wenn er s&uuml;ndigt durch <span class="letterspaced">zu
+viel</span> Abschweifen von der Hauptsache, durch <span class="letterspaced">zu viel</span> Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn
+noch st&auml;rker, und mit Recht. <span class="pagenum">[<a id="pb192"
+href="#pb192" name="pb192">192</a>]</span>Denn dann hat er dich
+gelangweilt, und das ist unverzeihlich.</p>
+<p>Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege
+und rufst mich ins Geb&uuml;sch, nur mit der Absicht, den Spaziergang
+in die L&auml;nge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir
+vor, in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu
+zeigen weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas f&uuml;r mich zu
+sehen ist, das fr&uuml;her meiner Beobachtung entging ... wenn du mir
+von Zeit zu Zeit eine Blume zeigst, die ich gern pfl&uuml;cke und im
+Knopfloch mitnehme, dann verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja,
+ich bin dir dankbar daf&uuml;r.</p>
+<p>Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und
+mir durchs Geb&auml;ume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich
+betreten werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und
+wie ein kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort
+unten schl&auml;ngelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht
+&uuml;bel. Denn wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann
+weiss ich, wie unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die
+Ursache ist, dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns
+haben, die Ursache, warum der H&uuml;gel nun hinter uns liegt, dessen
+Gipfel wir fr&uuml;her vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch
+dieses Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und
+Verstehen ist Genuss.</p>
+<p>Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen
+Wege gelassen, ob es mir gleich M&uuml;he kostete, dich nicht
+hineinzuf&uuml;hren ins Geb&uuml;sch. Ich bef&uuml;rchtete, dass der
+Spaziergang dich verdriessen w&uuml;rde, da ich nicht wusste, ob du
+Gefallen finden w&uuml;rdest an den Blumen und Pflanzen, die ich dir
+zeigen wollte. Doch da ich glaube, dass du sp&auml;ter zufrieden sein
+wirst, den Pfad gesehen zu haben, den wir gleich beschreiten werden, so
+f&uuml;hle ich mich veranlasst, dir etwas &uuml;ber Havelaars Haus zu
+sagen.</p>
+<p>Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in <span class="pagenum">[<a id="pb193" href="#pb193" name="pb193">193</a>]</span>Indien eine Vorstellung nach europ&auml;ischen
+Begriffen machte und sich dabei eine Steinmasse d&auml;chte von
+aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, vorn die Strasse, rechts
+und links Nachbarn, deren H&auml;user sich an das unsere anlehnen, und
+ein G&auml;rtchen mit drei Johannisbeerstr&auml;uchern dahinter. Wenige
+Ausnahmen abgerechnet, haben die H&auml;user in Indien kein oberes
+Stockwerk. Das kommt dem europ&auml;ischen Leser seltsam vor, denn es
+ist eine Eigenart der Zivilisation&mdash;oder dessen, was man
+hierf&uuml;r laufen l&auml;sst&mdash;alles seltsam zu finden, was
+nat&uuml;rlich ist. Die indischen H&auml;user sind ganz anders als die
+unseren, doch nicht <span class="letterspaced">sie</span> sind
+sonderbar, <span class="letterspaced">unsere</span> H&auml;user sind
+sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus erlauben konnte, nicht in
+<span class="letterspaced">einem</span> Zimmer mit seinen K&uuml;hen zu
+schlafen, hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht <span class="letterspaced">auf</span>, sondern <span class="letterspaced">neben</span> das erste gesetzt, denn das Bauen zu ebener
+Erde ist einfacher und bietet auch mehr Bequemlichkeit im Bewohnen.
+Unsere hohen H&auml;user sind entstanden aus Mangel an Raum: wir suchen
+in der Luft, was auf dem Boden fehlt, und so ist eigentlich jedes
+Dienstm&auml;dchen, das abends das Fenster der Dachkammer schliesst, in
+der es schl&auml;ft, ein lebender Protest gegen die
+&Uuml;berv&ouml;lkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, wie
+ich wohl glaube.</p>
+<p>In Landen also, wo Civilisation und &Uuml;berv&ouml;lkerung noch
+nicht durch Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben
+hinaufgequetscht haben, sind die H&auml;user ohne Stockwerk, und das
+Haus Havelaars geh&ouml;rte nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser
+Regel. Beim Eintreten ... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass
+ich abstehe von allen Anspr&uuml;chen auf pittoreske Mittel.
+&sbquo;Gegeben&lsquo;: ein l&auml;ngliches Quadrat, aufzuteilen in
+einundzwanzig Fl&auml;chen, drei breit, sieben tief. Wir numerieren die
+Fl&auml;chen, beginnend an der linken Oberecke und nach rechts
+weiterz&auml;hlend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, und in dieser
+Weise weiter.</p>
+<p>Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an drei
+Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf S&auml;ulen
+ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelth&uuml;ren <span class="pagenum">[<a id="pb194" href="#pb194" name="pb194">194</a>]</span>in
+die Binnengalerie, die aus den drei folgenden F&auml;chern sich
+zusammensetzt. Die F&auml;cher 7, 9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind
+Zimmer, von denen die meisten durch Th&uuml;ren mit den
+danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei h&ouml;chsten Nummern
+bilden die offene Hintergalerie, und was ich &uuml;berschlug, ist eine
+Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich bin
+recht stolz auf diese Beschreibung.</p>
+<p>Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die
+Vorstellung wiedergeben k&ouml;nnte, welche man in Indien an das Wort
+&raquo;Erbe&laquo; kn&uuml;pft. Dort ist es weder Garten, noch Park,
+noch Feld, noch Wald, sondern entweder etwas davon, oder alles
+zusammen, oder nichts von dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause
+geh&ouml;rt, insoweit dieser nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass
+in Indien der Ausdruck &raquo;Garten <span class="letterspaced">und</span> Erbe&laquo; als ein Pleonasmus gelten
+w&uuml;rde. Es giebt da keine oder wenige H&auml;user ohne ein
+derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen Wald und Garten und Weideland
+und erinnern an einen Park. Andere sind Blumeng&auml;rten. Anderswo
+wieder ist das ganze Erbe <span class="letterspaced">ein</span> grosses
+Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher
+Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen Steinen
+gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge weniger
+anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den H&auml;usern f&ouml;rdert,
+weil viele Insektenarten durch Gras und B&auml;ume angezogen
+werden.</p>
+<p>Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag,
+an einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein
+&raquo;Ravijn&laquo; stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain,
+das sich bis an die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der
+Rangkas-Betung mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess
+sich schwer bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung
+aufh&ouml;rte, und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel
+im Erguss von Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in
+Gesichtsweite zur&uuml;ckzog, und dann wieder den &raquo;Ravijn&laquo;
+<span class="pagenum">[<a id="pb195" href="#pb195" name="pb195">195</a>]</span>f&uuml;llte bis fast heran an Havelaars Haus,
+fortw&auml;hrend die Grenzen ver&auml;nderte.</p>
+<p>Dieser &raquo;Ravijn&laquo; war denn auch Mevrouw Slotering immer
+ein Dorn im Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der
+Pflanzenwuchs, schon &uuml;berall anderswo in Indien so wuchernd, war
+an diesem Ort durch den jedesmal zur&uuml;ckgebliebenen Schlamm
+besonders &uuml;ppig, sogar in solchem Masse, dass, war auch der Zu-
+und der Ablauf des Wassers mit einer Kraft erfolgt, die das Buschholz
+entwurzelte und mit fortf&uuml;hrte, nur sehr wenig Zeit n&ouml;tig
+war, um den Boden wieder mit all dem Unkraut sich &uuml;berziehen zu
+lassen, das das Reinhalten des Erbes, selbst in der unmittelbaren
+N&auml;he des Hauses, so schwierig machte. Und dies verursachte
+betr&auml;chtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht &raquo;Dame des
+Hauses&laquo; war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die
+gew&ouml;hnlich abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten,
+dass Schreiben und Lesen unm&ouml;glich war&mdash;etwas, das an vielen
+Orten Indiens recht viel Beschwer verursacht&mdash;es hielten sich in
+dem Buschdickicht Schlangen und anderes Getier in Menge auf, das sich
+nicht auf den &raquo;Ravijn&laquo; beschr&auml;nkte, sondern oft auch
+im Garten neben und hinter dem Hause gefunden wurde, oder auf der
+Grasfl&auml;che des grossen Platzes vor dem Hause.</p>
+<p>Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der
+Aussengalerie mit dem R&uuml;cken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus
+lag links das Geb&auml;ude mit den Bureaux, der Kasse und dem
+Versammlungssaal, wo Havelaar am Morgen zu den H&auml;uptlingen
+gesprochen hatte, und dahinter breitete sich der &raquo;Ravijn&laquo;
+aus, den man &uuml;berblicken konnte bis zum Tjiudjung hinunter. Den
+Bureaux gerade gegen&uuml;ber stand die alte
+Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw
+Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe
+nur &uuml;ber die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten
+des Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder,
+der das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgeb&auml;ude
+<span class="pagenum">[<a id="pb196" href="#pb196" name="pb196">196</a>]</span>gelegenen K&uuml;chen- und Stallgeb&auml;uden zu
+begeben, entweder an den Bureaux oder an der Wohnung der Mevrouw
+Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom Hauptgeb&auml;ude und
+dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude erregt hatte
+durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem deshalb, da sie
+ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.</p>
+<p>Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, dass
+er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, am folgenden
+Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen und hatte sich
+vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame ein sogenanntes
+&raquo;inl&auml;ndisches Kind&laquo; war und keine andere Sprache
+redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen ge&auml;ussert, dass
+sie ihren eigenen Haushalt weiter f&uuml;hren m&ouml;chte, worein Tine
+gern willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese
+Einwilligung zuzuschreiben, sondern haupts&auml;chlich der
+Bef&uuml;rchtung, dass sie, eben in Lebak angekommen und also noch
+nicht &raquo;in Ordnung&laquo;, Mevrouw Slotering nicht so gut
+w&uuml;rde empfangen k&ouml;nnen, als die besonderen Umst&auml;nde, in
+denen diese Dame verkehrte, es w&uuml;nschenswert machten. Wohl
+w&uuml;rden sie, die sie kein Holl&auml;ndisch verstand, Maxens
+Erz&auml;hlungen nicht &raquo;st&ouml;ren&laquo;, wie Tine sich
+ausdr&uuml;ckte, doch es verstand sich f&uuml;r sie, dass mehr
+n&ouml;tig war, als dass die Familie Slotering nicht
+&raquo;gest&ouml;rt&laquo; wurde, und die schmale K&uuml;che in
+Verbindung mit der beabsichtigten Sparsamkeit liessen sie wirklich den
+Entschluss der Mevrouw Slotering sehr vern&uuml;nftig finden. Ob nun
+&uuml;brigens, wenn die Umst&auml;nde anders gewesen w&auml;ren, der
+Umgang mit jemandem, der nur <span class="letterspaced">eine</span>
+Sprache sprach, in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu
+beiderseitiger Befriedigung gef&uuml;hrt h&auml;tte, bleibt
+zweifelhaft. Tine w&uuml;rde sie so gut wie m&ouml;glich unterhalten
+und viel mit ihr &uuml;ber K&uuml;chensachen gesprochen haben,
+&uuml;ber Sambal-sambal, &uuml;ber das Einmachen von Gurken&mdash;ohne
+Liebig, lieber Himmel!&mdash;aber so etwas bleibt doch immer eine
+Aufopferung, und man empfand es also als sehr angenehm, <span class="pagenum">[<a id="pb197" href="#pb197" name="pb197">197</a>]</span>dass
+die Angelegenheit durch Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in
+einer Weise erledigt war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit
+liess. Indes seltsam blieb es doch, dass die Dame es nicht allein
+ausgeschlagen hatte, an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen,
+sondern selbst keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen
+in der K&uuml;che von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die
+Bescheidenheit, sagte Tine, w&auml;re hier doch etwas weit getrieben,
+denn die K&uuml;che sei ger&auml;umig genug. <span class="pagenum">[<a id="pb198" href="#pb198" name="pb198">198</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch14" class="div1">
+<h2>Vierzehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">&mdash;Sie wissen, begann Havelaar, dass die
+niederl&auml;ndischen Besitzungen an der Westk&uuml;ste von Sumatra an
+die unabh&auml;ngigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh
+das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem
+Traktat von 1824 gegen&uuml;ber den Engl&auml;ndern uns die
+Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu
+&uuml;berschreiten. Der General Vandamme, der mit einem &sbquo;faux-air
+Napol&eacute;on&lsquo; gern sein Gouvernement so weit wie m&ouml;glich
+ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein
+un&uuml;berwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses
+geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden
+w&uuml;rde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen
+nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben
+wird, nicht l&auml;ngst unter niederl&auml;ndische
+Souver&auml;nit&auml;t gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen
+Vorwand findet, solche L&auml;ndchen in Krieg zu verwickeln und sich
+zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu
+allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer M&uuml;hle. Ich glaube
+von dem General Vandamme, dass er selbst eine M&uuml;hle weggenommen
+haben w&uuml;rde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht,
+wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht
+handfestere Gr&uuml;nde daf&uuml;r bestanden als Recht und
+Billigkeit.</p>
+<p>Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach
+Norden, sondern ostw&auml;rts. Die Landstriche Mandh&eacute;ling
+<span class="pagenum">[<a id="pb199" href="#pb199" name="pb199">199</a>]</span>und Ankola&mdash;dies war der Name der
+Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den k&uuml;rzlich zur
+Ruhe gebrachten Battahlanden&mdash;waren wohl noch nicht ges&auml;ubert
+von atjinesischem Einfluss&mdash;denn wo religi&ouml;ser Fanatismus
+einmal seine Wurzeln einschl&auml;gt, ist das Ausrotten
+schwierig&mdash;aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort.
+Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine
+Herrschaft bis an die Ostk&uuml;ste aus, und es wurden
+niederl&auml;ndische Beamte und niederl&auml;ndische Garnisonen gesandt
+nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch sp&auml;ter&mdash;wie Sie
+wohl wissen, Verbrugge&mdash;wieder ger&auml;umt wurden.</p>
+<p>Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese
+Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch,
+da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom
+Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General
+Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das
+Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus
+Truppen, f&uuml;r die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er
+ein sehr grosses L&auml;ndergebiet unter niederl&auml;ndische
+Verwaltung gebracht h&auml;tte, ohne dass hierf&uuml;r Geldausgaben
+entstanden w&auml;ren. Und was ferner die teilweise Entbl&ouml;ssung
+anderer Pl&auml;tze, haupts&auml;chlich im Mandh&eacute;lingschen,
+anginge, so meinte er gen&uuml;gend auf die Treue und
+Anh&auml;nglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten H&auml;uptling
+in den Battahlanden, rechnen zu k&ouml;nnen, um hierin kein Beschwer zu
+sehen.</p>
+<p>Nur z&ouml;gernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und
+zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er f&uuml;r
+Jang di Pertuans Treue pers&ouml;nlich sich zum B&uuml;rgen stelle.</p>
+<p>Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete,
+der Schwiegersohn des <span class="corr" id="xd20e4120" title="Quelle: Assisent-Residenten">Assistent-Residenten</span> in den
+Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte.
+Sp&auml;ter habe ich viel von Klagen reden h&ouml;ren, die gegen diesen
+Assistent-Residenten erhoben waren, <span class="pagenum">[<a id="pb200" href="#pb200" name="pb200">200</a>]</span>doch man durfte nur
+mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie
+grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem
+Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war,
+was ihn vielleicht n&ouml;tigte, seine Verteidigung in den Fehlern
+seines Beschuldigers zu suchen ... was &ouml;fter vorkommt. Wie dem
+sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte f&uuml;r
+die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und
+vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr
+befreundet war, einem natalschen H&auml;uptling, der auch sehr auf den
+battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde
+zwischen den Familien dieser beiden H&auml;uptlinge. Es waren
+Heiratsantr&auml;ge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen
+ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von
+edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um
+Natal und Mandh&eacute;ling in Feindschaft gegeneinander zu
+erhalten.</p>
+<p>Auf einmal verbreitete sich das Ger&uuml;cht, dass in
+Mandh&eacute;ling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan
+verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne
+des Aufstandes zu entfalten und alle Europ&auml;er zu ermorden. Die
+erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was nat&uuml;rlich
+ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der
+Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause
+aus Furcht vor einem beteiligten H&auml;uptling sich von der
+Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese
+Furcht einigermassen &uuml;berwinden, sobald sie sich auf einem
+Grundgebiet befinden, wo der betreffende H&auml;uptling keinen Einfluss
+hat.</p>
+<p>Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den
+Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich
+verh&auml;ltnism&auml;ssig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch
+ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt w&uuml;rde. Ich war im
+Jahre 1846 im Krawangschen <span class="pagenum">[<a id="pb201" href="#pb201" name="pb201">201</a>]</span>und bin viel umhergestreift im
+Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Fl&uuml;chtlingen aus Lebak
+begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater
+L&auml;ndereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden
+und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an
+dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet
+bev&ouml;lkert.</p>
+<p>So wird auch zu Natal die Verschw&ouml;rung entdeckt sein,
+die&mdash;wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss&mdash;Jang di
+Pertuan als Verr&auml;ter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die
+der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem
+Bruder Sutan Adam die battakschen H&auml;uptlinge in einem heiligen
+Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen h&auml;tten, nicht
+zu ruhen, bis die Herrschaft der &raquo;Christenhunde&laquo; in
+Mandh&eacute;ling vernichtet w&auml;re. Es versteht sich von selbst,
+dass er hierf&uuml;r eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie
+wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.</p>
+<p>Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat,
+kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erkl&auml;rungen der
+Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben
+nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der
+Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande
+gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bev&ouml;lkerung
+erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und
+Neubekehrte sind gew&ouml;hnlich fanatisch.</p>
+<p>Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass
+Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandh&eacute;ling
+gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn
+der Kontrolleur vorl&auml;ufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten
+passenden Schiffsgelegenheit gef&auml;nglich nach Padang
+&uuml;berf&uuml;hren. Selbstverst&auml;ndlich legte man dem Gouverneur
+all die Aktenst&uuml;cke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse
+niedergelegt waren <span class="pagenum">[<a id="pb202" href="#pb202"
+name="pb202">202</a>]</span>und die die Strenge der getroffenen
+Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als
+ein <span class="letterspaced">Gefangener</span> von Mandh&eacute;ling
+gegangen. Zu Natal war er <span class="letterspaced">gefangen</span>.
+An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn &uuml;berf&uuml;hrte, war er
+nat&uuml;rlich auch ein <span class="letterspaced">Gefangener</span>.
+Er erwartete also&mdash;schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur
+Sache, da er in gesetzm&auml;ssiger Form und durch zust&auml;ndige
+Autorit&auml;t Hochverrats beschuldigt war&mdash;auch in Padang als ein
+Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben,
+dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er
+<span class="letterspaced">frei</span> sei, sondern dass gar der
+General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich
+zur Ehre anrechnen w&uuml;rde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und
+ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats
+Beschuldigter angenehmer &uuml;berrascht worden. Kurz darauf wurde der
+Assistent-Resident von Mandh&eacute;ling von seinem Amte suspendiert
+wegen allerlei Vergehen, &uuml;ber die ich hier kein Urteil abgebe.
+Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im
+Hause des Generals verweilt und von diesem mit der gr&ouml;ssten
+Auszeichnung behandelt war, &uuml;ber Natal nach Mandh&eacute;ling
+zur&uuml;ck, nicht mit dem Selbstgef&uuml;hl des
+Unschuldigerkl&auml;rten, sondern mit dem Hochmut jemandes, der
+<span class="letterspaced">so</span> hoch steht, dass er eine
+Erkl&auml;rung seiner Unschuld nicht n&ouml;tig hat. Das ist sicher:
+<span class="letterspaced">untersucht</span> war diese Angelegenheit
+nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung
+f&uuml;r falsch hielt, dann h&auml;tte schon dieses Vermuten eine
+Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem
+diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem
+falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine
+Gr&uuml;nde hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die
+gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als &sbquo;non
+avenu&lsquo; betrachtet, und ich halte es f&uuml;r sicher, dass die
+hierauf bez&uuml;glichen Aktenst&uuml;cke nie der Regierung zu Batavia
+vorgelegt worden sind. <span class="pagenum">[<a id="pb203" href="#pb203" name="pb203">203</a>]</span></p>
+<p>Kurz nach Jang di Pertuans R&uuml;ckkehr kam ich in Natal an, um die
+Verwaltung dieser Abteilung zu &uuml;bernehmen. Mein Vorg&auml;nger
+erz&auml;hlte mir nat&uuml;rlich, was kurz vorher im
+Mandh&eacute;lingschen vorgefallen war, und gab mir die n&ouml;tige
+Aufkl&auml;rung &uuml;ber das politische Verh&auml;ltnis dieser
+Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht &uuml;bel zu deuten,
+dass er sich sehr beklagte &uuml;ber die seines Erachtens ungerechte
+Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und &uuml;ber den
+unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des
+Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die
+&Uuml;berf&uuml;hrung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein
+Faustschlag ins Gesicht gewesen w&auml;re, und dass dieser&mdash;der
+sich pers&ouml;nlich f&uuml;r die Treue des H&auml;uptlings haftbar
+gemacht hatte&mdash;begr&uuml;ndete Ursache hatte, ihn, was es kosten
+mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war
+f&uuml;r den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin
+erw&auml;hnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war
+und ihn also&mdash;im Zorn &uuml;ber das ungerechtfertigte Vertrauen
+auf Jang di Pertuan und &uuml;ber die hierauf sich st&uuml;tzende
+Hartn&auml;ckigkeit, mit der der General sich einer R&auml;umung der
+Ostk&uuml;ste widersetzt hatte&mdash;h&ouml;chstwahrscheinlich aus
+seinem Gouvernement abberufen haben w&uuml;rde.</p>
+<p>&raquo;Doch, sagte mein Vorg&auml;nger, was auch den General bewegen
+m&ouml;ge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen
+Beschuldigungen ohne weitere Pr&uuml;fung Glauben zu schenken und die
+viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer
+Untersuchung wert zu erachten&mdash;die Sache ist noch nicht begraben
+hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten
+Zeugenerkl&auml;rungen vernichtet hat, so k&ouml;nnen sie hier etwas
+anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.&laquo;</p>
+<p>Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen
+Pr&auml;sident er war, des Inhaltes: <span class="letterspaced">Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der
+Geisselung und Brandmarkung</span> und zu&mdash;wie ich
+meine&mdash;<span class="letterspaced">zwanzigj&auml;hriger
+<span class="pagenum">[<a id="pb204" href="#pb204" name="pb204">204</a>]</span>Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku
+von Natal.</span></p>
+<p>&raquo;Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte
+mein Vorg&auml;nger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater
+nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er <span class="letterspaced">da</span> Jang <span class="corr" id="xd20e4179" title="Quelle: die">di</span> Pertuan Hochverrats anklagt!&laquo;</p>
+<p>Ich las die Aktenst&uuml;cke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem
+&raquo;Bekenntnis des Beklagten&laquo; war Si Pamaga gedungen, zu Natal
+den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung
+f&uuml;hrenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan
+auszuf&uuml;hren, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den
+Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein
+Gespr&auml;ch &uuml;ber einen Sewah, die Sumatra eigent&uuml;mliche
+Dolchwaffe, angekn&uuml;pft, mit der Absicht, seine Anwesenheit
+auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig w&uuml;rde, der denn auch
+bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga
+war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus
+unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausf&uuml;hren k&ouml;nnen.
+Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga
+ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage
+sp&auml;ter durch die natalsche Polizei ergriffen.</p>
+<p>&raquo;Auf die Frage an den Beschuldigten: &sbquo;<span class="letterspaced">was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan
+Salim</span> und den <span class="letterspaced">Kontrolleur von Natal
+geplanten Mordanschlag bewogen habe?</span>&lsquo; antwortete er:
+&sbquo;<span class="letterspaced">er sei dazu gedungen worden durch
+Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von
+Mandh&eacute;ling</span>&lsquo;.&laquo;</p>
+<p>&raquo;Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorg&auml;nger. Das
+Urteil ist nach dem &sbquo;fiat executio&lsquo; des Residenten, was die
+Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si
+Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als
+Ketteng&auml;nger nach Java &uuml;berf&uuml;hrt zu werden. Gleichzeitig
+mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann
+kann man da sehen, <span class="pagenum">[<a id="pb205" href="#pb205"
+name="pb205">205</a>]</span>wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein
+Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht
+vernichten, und wollte er es auch.&laquo;</p>
+<p>Ich &uuml;bernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein
+Vorg&auml;nger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass
+der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal
+besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und
+verlangte augenblicklich die Original-Aktenst&uuml;cke zu sehen
+&raquo;von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt
+h&auml;tte&laquo;.</p>
+<p>&raquo;Die h&auml;tten selbst Geisselung und Brandmarkung
+verdient!&laquo; f&uuml;gte er hinzu.</p>
+<p>Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen
+Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also in
+mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorg&auml;nger mit
+Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt
+haben k&ouml;nne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen
+ein gerechtes Urteil in Schutz nehmen w&uuml;rde. Ich erhielt den
+Befehl, Sutan Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der
+junge Tuanku sehr beliebt bei der Bev&ouml;lkerung war und wir nur
+wenig Garnison im Fort hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf
+freiem Fusse zu belassen, was mir auch zugestanden wurde. Doch f&uuml;r
+Sutan Salim, den besonderen Feind von Jang di Pertuan, gab es keine
+Gnade. Die Bev&ouml;lkerung war in grosser Spannung. Die Nataler
+argw&ouml;hnten, dass der General sich zu einem Werkzeug
+mandh&eacute;lingschen Hasses erniedrigte, und in dieser Situation war
+es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, was er
+&raquo;beherzt&laquo; nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die
+im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, das
+er von Bord mitgebracht hatte, nicht <span class="letterspaced">mir</span> zur Bedeckung abstand, wenn ich an die
+Pl&auml;tze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe bei dieser
+Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut f&uuml;r seine
+eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch <span class="pagenum">[<a id="pb206" href="#pb206" name="pb206">206</a>]</span>in
+den Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr
+davon gesehen habe oder durch besondere Umst&auml;nde &uuml;berzeugt
+werde.</p>
+<p>Er bildete in grosser &Uuml;bereilung einen Rat, den ich &raquo;ad
+hoc&laquo; w&uuml;rde nennen k&ouml;nnen. Die Glieder desselben waren:
+ein paar Adjutanten, andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit
+oder &raquo;Fiscal&laquo;, den er von Padang mitgebracht hatte, und
+ich. Dieser Rat sollte eine Untersuchung dar&uuml;ber einleiten, in
+welcher Weise unter meinem Vorg&auml;nger der Prozess gegen Si Pamaga
+gef&uuml;hrt worden war. Ich musste eine Anzahl Zeugen aufrufen lassen,
+deren Aussagen hierf&uuml;r erforderlich waren. Der General, der
+nat&uuml;rlich den Vorsitz f&uuml;hrte, stellte die Fragen, und das
+Protokoll wurde von dem Fiscal gef&uuml;hrt. Da nun aber dieser Beamte
+wenig Malayisch verstand&mdash;und absolut nicht das Malayisch, das im
+Norden von Sumatra gesprochen wird&mdash;so war es oftmals n&ouml;tig,
+ihm die Antworten der Zeugen zu verdolmetschen, was der General
+meistens selbst that. Aus den Sitzungen dieses Rats sind
+Aktenst&uuml;cke hervorgegangen, die aufs deutlichste zu beweisen
+scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan gehegt hatte, jemanden, wer
+es auch sei, zu ermorden; dass er weder Sutan Adam noch Jang di Pertuan
+jemals gesehen oder gekannt hatte; dass er <span class="letterspaced">nicht</span> auf den Tuanku von Natal losgesprungen war;
+dass dieser <span class="letterspaced">nicht</span> aus dem Fenster
+gefl&uuml;chtet war ... und so weiter. Ferner: dass das Urteil gegen
+den ungl&uuml;cklichen Si Pamaga entstanden war unter der Pression des
+Vorsitzenden&mdash;meines Vorg&auml;ngers&mdash;und des Ratsmitgliedes
+Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas
+ersonnen h&auml;tten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von
+Mandh&eacute;ling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu
+geben und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.</p>
+<p>Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die
+Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes
+Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: &raquo;Spiel&rsquo;
+Herzen, oder ich schneide dir den <span class="pagenum">[<a id="pb207"
+href="#pb207" name="pb207">207</a>]</span>Hals ab!&laquo; Auch die
+&Uuml;bersetzungen, wie er sie dem Fiscal in die Feder diktierte,
+liessen viel zu w&uuml;nschen &uuml;brig.</p>
+<p>Ob nun Sutan Salim und mein Vorg&auml;nger eine Pression auf den
+natalschen Gerichtsrat ausge&uuml;bt haben, dass er Si Pamaga schuldig
+erkl&auml;re, ist mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General
+Vandamme eine Pression auf die Erkl&auml;rungen ausge&uuml;bt hat, die
+des Mannes <span class="letterspaced">Unschuld</span> beweisen sollten.
+Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei obwaltenden tieferen
+Gr&uuml;nden zu wissen, habe ich mich doch dieser ... Ungenauigkeit
+widersetzt, die eben <span class="letterspaced">so</span> weit ging,
+dass ich mich einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern
+m&uuml;ssen, und da haben Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem
+General &raquo;so widersprochen&laquo; hatte. Sie begreifen nun auch,
+worauf die Worte hinzielen, mit denen ich die Beantwortung auf die
+Aussetzungen, die auf meine geldliche Verwaltung gefallen waren,
+schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, mich von allen
+wohlwollenden Erw&auml;gungen verschont zu lassen.</p>
+<p>&mdash;Das war in der That sehr stark f&uuml;r jemanden in Ihren
+Jahren, sagte Duclari.</p>
+<p>&mdash;Mir war das nat&uuml;rlich. Doch gewiss ist, dass der General
+Vandamme so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den
+Folgen dieser Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe,
+was Sie sagen wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch
+hinzuf&uuml;gen, dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen
+die Art, wie der General die Zeugen befragte, und nicht auf die
+Weigerung, zu einzelnen Protokollen meine Handzeichnung zu geben,
+beschr&auml;nkt haben w&uuml;rde, wenn ich damals schon h&auml;tte
+vermuten k&ouml;nnen, was ich erst sp&auml;ter erfuhr, dass dies alles
+nur hervorging aus der von vornherein festgelegten Absicht, meinen
+Vorg&auml;nger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der General,
+&uuml;berzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte
+Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den
+Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung
+<span class="pagenum">[<a id="pb208" href="#pb208" name="pb208">208</a>]</span>und Brandmarkung noch m&ouml;glich war. Diese
+meine Meinung gen&uuml;gte wohl, mich einer F&auml;lschung zu
+widersetzen, doch ich war &uuml;ber die Sache nicht so entr&uuml;stet,
+wie ich es gewesen w&auml;re, wenn ich gewusst h&auml;tte, dass es sich
+hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, sondern
+dass diese F&auml;lschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre und des
+Wohlergehens meines Vorg&auml;ngers die Beweise zu vernichten, die der
+Politik des Generals im Wege standen.</p>
+<p>&mdash;Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorg&auml;nger? fragte
+Verbrugge.</p>
+<p>&mdash;Zu seinem Gl&uuml;ck war er schon nach Java gereist, bevor
+der General nach Padang zur&uuml;ckkehrte. Es scheint, dass er sich vor
+der Regierung zu Batavia hat verantworten k&ouml;nnen, wenigstens ist
+er in Dienst geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil
+das &sbquo;fiat executio&lsquo; verliehen hatte, wurde ...</p>
+<p>&mdash;Suspendiert?</p>
+<p>&mdash;Nat&uuml;rlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht
+hatte, als ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur
+suspendierend uns regierte.</p>
+<p>&mdash;Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten
+geworden?</p>
+<p>&mdash;O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem
+andern, sind in ihre &Auml;mter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen
+haben sp&auml;ter sehr angesehene Posten bekleidet.</p>
+<p>&mdash;Und Sutan Salim?</p>
+<p>&mdash;Der General f&uuml;hrte ihn gef&auml;nglich mit nach Padang,
+und von da wurde er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch
+zu Tjanjor in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort
+war, habe ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in
+Tjanjor anstellte, Tine?</p>
+<p>&mdash;Nein, Max, das ist mir g&auml;nzlich entfallen.</p>
+<p>&mdash;Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine
+Herren!</p>
+<p>&mdash;Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am <span class="pagenum">[<a id="pb209" href="#pb209" name="pb209">209</a>]</span>Erz&auml;hlen sind: darf ich fragen, ob es wahr
+ist, dass Sie zu Padang sich so h&auml;ufig duellierten?</p>
+<p>&mdash;Ja, sehr h&auml;ufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe
+Ihnen schon gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen
+Aussenposten der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen
+bemessen. Die meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich,
+und oft ging dies &uuml;ber in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar.
+Ein nicht erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die
+&raquo;Thorheit jemandes, der es gegen den General aufnehmen
+wolle&laquo;, eine Anspielung auf meine Armut, auf mein Hungerleiden,
+die &Auml;usserung, dass &raquo;die sittliche Unabh&auml;ngigkeit ihren
+Mann schlecht zu n&auml;hren scheine&laquo; ... dies alles, begreifen
+Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, wussten, dass
+der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und vor allem mit
+jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht also reizte man
+mein Zartgef&uuml;hl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich wohl einmal
+f&uuml;r einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt hatte. Wie
+dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, und mehr
+als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein hatte an
+<span class="letterspaced">einem</span> Morgen. O, es liegt viel
+Anziehendes im Duell, vor allem im Duell mit S&auml;bel, oder
+&raquo;auf&laquo; S&auml;bel, wie man&rsquo;s ... ich weiss nicht,
+warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun
+nicht mehr thun w&uuml;rde, auch wenn dazu soviel Anlass w&auml;re wie
+in jenen Tagen ... komm mal her, Max&mdash;nein, fang&rsquo; das
+Tierchen nicht&mdash;komm her. H&ouml;r mal, du musst niemals
+Schmetterlinge fangen. Das arme Tier ist erst lange Zeit als Raupe auf
+einem Baume herumgekrochen, das war kein fr&ouml;hliches Leben! Nun hat
+es gerade Fl&uuml;gel gekriegt und will in der Luft umherfliegen und
+sich des Lebens freuen und sucht Nahrung in den B&auml;umen und thut
+niemandem was zu Leide ... sieh doch, ist es nicht viel netter, es da
+so umherflattern zu sehen?</p>
+<p>So kam das Gespr&auml;ch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf
+das Erbarmen des Gerechten &uuml;ber sein Vieh, auf <span class="pagenum">[<a id="pb210" href="#pb210" name="pb210">210</a>]</span>das
+Tierqu&auml;len, auf die &raquo;loi Grammont&laquo;, auf die
+Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur Annahme gelangte, auf die
+Republik und auf hundert andere Dinge noch!</p>
+<p>Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen
+G&auml;sten, weil ihn Gesch&auml;fte riefen. Als der Kontrolleur ihn am
+folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der
+neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der
+Vorgalerie nach Parang-Kudjang&mdash;dem Distrikt der
+&raquo;<span class="letterspaced">weitgehenden
+Missbr&auml;uche</span>&laquo;&mdash;ausgeritten und erst diesen Morgen
+in der Fr&uuml;he von dort zur&uuml;ckgekehrt war.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass,
+um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten
+Kapiteln angef&uuml;hrt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade,
+als h&auml;tte er sich des Gespr&auml;chs Meister gemacht, mit
+Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man
+seinen G&auml;sten die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer
+vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die
+Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und h&auml;tte die
+Tischgespr&auml;che vor dem Leser noch weiter ausbreiten k&ouml;nnen,
+und zwar mit geringerer M&uuml;he, als mich das Abgehen von denselben
+gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte gen&uuml;gen
+wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von
+Havelaars Naturell und seinen Qualit&auml;ten gegeben habe, und hoffe,
+dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsf&auml;llen
+Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.</p>
+<p>Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war h&auml;ufig
+&uuml;ber Tage aus und brachte halbe N&auml;chte auf seinem Bureau zu.
+Das Verh&auml;ltnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen
+Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem h&auml;uslichen
+Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit
+zu entdecken, die sonst in Indien <span class="pagenum">[<a id="pb211"
+href="#pb211" name="pb211">211</a>]</span>den Verkehr so oft steif und
+unerquicklich macht, w&auml;hrend Havelaars Ehrgeiz, H&uuml;lfe zu
+leihen, wo er nur einigermassen konnte, h&auml;ufig dem Regenten zu
+statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte f&uuml;r seinen
+&raquo;&auml;lteren Bruder&laquo;. Und schliesslich trug Mevrouw
+Havelaars liebensw&uuml;rdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr
+mit den wenigen am Platze anwesenden Europ&auml;ern und den
+eingeborenen H&auml;uptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem
+Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens,
+w&auml;hrend die Befehle des Residenten, mit H&ouml;flichkeit gegeben,
+streng befolgt wurden.</p>
+<p>Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren
+die M&ouml;bel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz
+eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erz&auml;hlte, geschah dies
+fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern f&uuml;r die Omelette, wiewohl
+doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess,
+dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.</p>
+<p>Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male
+in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach
+wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder
+Havelaars Wohnung n&auml;herte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das
+man ihre &raquo;Monomanie&laquo; zu nennen begann, gewohnt geworden und
+achtete bald nicht mehr darauf.</p>
+<p>Alles schien Ruhe zu atmen, denn f&uuml;r Max und Tine war es eine
+verh&auml;ltnism&auml;ssige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu
+finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten
+unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein
+Brot. Man h&auml;tte es von Serang kommen lassen k&ouml;nnen, doch die
+Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass
+viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung
+bringen zu lassen, doch <span class="letterspaced">unbezahlte
+Arbeit</span>, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war
+vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohne
+<span class="pagenum">[<a id="pb212" href="#pb212" name="pb212">212</a>]</span>Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht
+f&uuml;r einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umst&auml;nden
+schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren.
+Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau
+nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine
+andere Lagerst&auml;tte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen
+Sonnenhitze und Westm&#363;sson-Regenb&ouml;en als ein Tischchen,
+zwischen dessen F&uuml;sse sie sich einzw&auml;ngen musste? Musste sie
+sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises
+und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und
+vielen anderen Verh&auml;ltnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur
+mit ihrem Max zusammen sein konnte?</p>
+<p><span class="letterspaced">Einen</span> Umstand jedoch gab es zu
+Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem
+Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte
+und hier&uuml;ber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den
+Bedienten einen Preis aus f&uuml;r jede Schlange, die sie fangen
+w&uuml;rden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an
+Pr&auml;mien, dass er sein Versprechen f&uuml;r weiterhin einziehen
+musste, denn auch unter gew&ouml;hnlichen Verh&auml;ltnissen und also
+ohne die f&uuml;r ihn so dringende Sparsamkeit w&uuml;rde die Bezahlung
+bald &uuml;ber seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also
+bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen
+d&uuml;rfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen
+in der Vorgalerie begn&uuml;gen m&uuml;sse. Trotz dieser Vorsorge war
+Tine doch stets &auml;ngstlich und besonders abends, da man weiss, wie
+Schlangen h&auml;ufig in die H&auml;user kriechen und sich, W&auml;rme
+suchend, in den Schlafzimmern verbergen.</p>
+<p>Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien
+&uuml;berall, doch an den gr&ouml;sseren Hauptpl&auml;tzen, wo die
+Bev&ouml;lkerung dichter gedr&auml;ngt wohnt, kommen sie nat&uuml;rlich
+seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn
+aber Havelaar sich h&auml;tte entschliessen k&ouml;nnen, sein Erbe bis
+an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen <span class="pagenum">[<a id="pb213" href="#pb213" name="pb213">213</a>]</span>zu
+lassen, w&uuml;rden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer
+noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie
+es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere l&auml;sst sie Dunkelheit
+und Schlupfwinkel dem Licht offener Pl&auml;tze vorziehen, so dass,
+wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden w&auml;re, die Schlangen nur
+unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen
+haben w&uuml;rden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und
+ich m&ouml;chte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft
+auf die Missbr&auml;uche, die beinahe &uuml;berall in den
+Niederl&auml;ndisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.</p>
+<p>Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund,
+der den Gemeinden geh&ouml;rt, insoweit man von Gemeinde-Eigentum
+sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet.
+Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugeh&ouml;rig.
+Dieser w&uuml;rde, wenn das der Fall w&auml;re, sich jedenfalls
+h&uuml;ten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung
+&uuml;ber seine Kr&auml;fte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm
+angewiesenen Wohnung zu gross ist, um geh&ouml;rig unterhalten zu
+werden, so w&uuml;rde es bei dem &uuml;ppigen tropischen Pflanzenwuchs
+binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten
+oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal
+gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des sch&ouml;nen
+Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den
+Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierf&uuml;r erforderliche
+Arbeit gegen geh&ouml;rige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun
+doch das w&uuml;rdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein
+Erfordernis ist, damit nicht die Bev&ouml;lkerung, die auf <span class="corr" id="xd20e4306" title="Quelle: Ausserlichkeiten">&Auml;usserlichkeiten</span>
+ausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu
+geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses
+Ziel erreicht wird. An den meisten Pl&auml;tzen haben die Statthalter
+Verf&uuml;gung &uuml;ber einige Ketteng&auml;nger, d. h. anderswo
+verurteilte Verbrecher, welche Art <span class="pagenum">[<a id="pb214"
+href="#pb214" name="pb214">214</a>]</span>Arbeitskr&auml;fte jedoch in
+Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gr&uuml;nden politischer Art
+nicht vorhanden war. Doch auch an Pl&auml;tzen, wo sich wohl derartige
+Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die
+Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem
+Verh&auml;ltnis zu der Arbeit, die erforderlich w&auml;re, um ein
+grosses Erbe gut zu unterhalten. Es m&uuml;ssen also andere Mittel
+gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von
+<span class="letterspaced">Herrendienst</span> ist nahe gelegen. Der
+Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben
+wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut,
+dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht,
+sp&auml;terhin schwer fallen wird, ein Inl&auml;ndisches Haupt wegen
+eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des
+einen als Freibrief f&uuml;r den andern.</p>
+<p>Es d&uuml;nkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden
+Beamten <span class="letterspaced">in einzelnen F&auml;llen</span>
+nicht allzu streng, und vor allem nicht nach europ&auml;ischen
+Begriffen beurteilt werden darf. Die Bev&ouml;lkerung selbst w&uuml;rde
+es&mdash;vielleicht, da es ihr ungewohnt ist&mdash;sehr sonderbar
+finden, wenn er <span class="letterspaced">stets</span> und
+<span class="letterspaced">in allen F&auml;llen</span> sich streng an
+die Vorschriften hielte, die die Zahl der f&uuml;r sein Erbe bestimmten
+Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umst&auml;nde eintreten
+k&ouml;nnen, die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch
+sobald einmal die Grenze des streng Gesetzlichen &uuml;berschritten
+ist, wird es schwer, einen Punkt anzugeben, wo eine solche
+&Uuml;berschreitung in strafw&uuml;rdige Willk&uuml;r &uuml;bergehen
+w&uuml;rde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, sobald man
+weiss, dass die H&auml;uptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel warten,
+um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die Geschichte
+von jenem K&ouml;nig, der nicht wollte, dass man die Bezahlung
+<span class="letterspaced">eines</span> Kornes Salz verg&auml;sse, das
+er bei seinem einfachen Mahle gebraucht hatte, als er an der Spitze
+seines Heeres das Land durchzog&mdash;weil, wie er sagte, dies der
+Beginn eines Unrechts w&auml;re, das schliesslich sein ganzes
+<span class="pagenum">[<a id="pb215" href="#pb215" name="pb215">215</a>]</span>Reich vernichten w&uuml;rde&mdash;m&ouml;ge er
+nun Timurleng, Nureddin oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist,
+dass entweder diese Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser
+Vorfall selbst nach Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von
+Seedeichen an die M&ouml;glichkeit von Hochwasser glauben l&auml;sst,
+ebenso mag man annehmen, dass Neigung zu <span class="letterspaced">solchen</span> Missbr&auml;uchen in einem Lande besteht,
+wo <span class="letterspaced">solche</span> warnenden Lehren gegeben
+werden.</p>
+<p>Die geringe Zahl von Leuten nun, &uuml;ber die Havelaar gesetzlich
+zu verf&uuml;gen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen
+Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut und
+Gestr&uuml;pp freihalten. Das &uuml;brige war binnen wenigen Wochen
+eine v&ouml;llige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der
+Mittel, dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem
+der Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo
+Ketteng&auml;nger in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er
+erhielt hierauf eine abschl&auml;gige Antwort, mit der Bemerkung, dass
+er allerdings das Recht h&auml;tte, die Personen, die von ihm durch
+Polizeiurteil zu &raquo;Arbeit am &ouml;ffentlichen Wege&laquo;
+verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu stellen. Dies wusste
+Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm hinl&auml;nglich
+bekannt, dass derartige Verf&uuml;gung &uuml;ber Verurteilte
+&uuml;berall die gew&ouml;hnlichste Sache von der Welt war, aber
+niemals hatte er&mdash;weder in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch
+in Menado, noch in Natal&mdash;von diesem vermeintlichen Recht Gebrauch
+machen wollen. Es widerstrebte ihm, zur Busse f&uuml;r kleine Vergehen
+seinen Garten unterhalten zu lassen, und mehrfach hatte er sich die
+Frage vorgelegt, wie die Regierung Bestimmungen bestehen lassen
+k&ouml;nne, die geeignet sind, den Beamten in Versuchung zu bringen,
+kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und zwar im Verh&auml;ltnis
+nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande oder der Ausgedehntheit
+seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der Gestrafte, auch sogar der,
+der zu Recht gestraft war, vermeinen k&ouml;nne, dass sich Eigennutz
+hinter dem gef&auml;llten Urteil verstecke, liess ihn, <span class="pagenum">[<a id="pb216" href="#pb216" name="pb216">216</a>]</span>wo
+er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden
+Einkerkerung den Vorzug geben.</p>
+<p>Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen
+durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen
+verg&ouml;nnt war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung
+vorgestellt hatte.</p>
+<p>Es versteht sich, dass diese und &auml;hnliche kleine
+Verdriesslichkeiten keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie
+aus&uuml;bten, die soviel Baustoffe besass, um sich ein
+gl&uuml;ckliches h&auml;usliches Leben zu zimmern, und nicht solchen
+Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, wenn Havelaar zuweilen
+mit bew&ouml;lkter Stirn eintrat, von einer Reise zur&uuml;ckgekehrt
+oder nachdem er diesen und jenen angeh&ouml;rt, der ihn zu sprechen
+verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die H&auml;uptlinge
+geh&ouml;rt, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht
+entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus
+den Gespr&auml;chen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der
+wohl imstande war, etwas zu ergr&uuml;nden und zur Klarheit zu bringen,
+was f&uuml;r manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir
+k&ouml;nnen also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak
+vorging, seiner Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele
+Jahre vorher der Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon
+am ersten Tage, als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der
+meine Erz&auml;hlung beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer
+Wirkungskreis nicht fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den
+Pl&auml;tzen selbst vieles best&auml;tigt gefunden, was er fr&uuml;her
+vermutete, und insonderheit aus dem Archiv war es ihm klar geworden,
+dass der Landstrich, dessen Verwaltung seiner F&uuml;rsorge anvertraut
+war, sich wirklich in einem h&ouml;chst traurigen Zustande befand.</p>
+<p>Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorg&auml;ngers zeigte es sich
+ihm, dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die
+Korrespondenz mit den H&auml;uptlingen enthielt Verweis auf Verweis,
+Bedrohung auf Bedrohung, und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie
+dieser Beamte schliesslich gesagt <span class="pagenum">[<a id="pb217"
+href="#pb217" name="pb217">217</a>]</span>haben mochte, dass er sich
+direkt an die Regierung wenden werde, wenn diesem Stande der Dinge
+nicht ein Ende gemacht w&uuml;rde.</p>
+<p>Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet,
+sein Vorg&auml;nger w&uuml;rde nicht recht daran gethan haben, da der
+Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von Bantam
+&uuml;bergehen d&uuml;rfe, und er hatte hinzugef&uuml;gt, dass dies
+auch durch nichts gerechtfertigt erscheinen w&uuml;rde, denn man
+d&uuml;rfe doch wohl nicht annehmen, dass dieser hohe Beamte f&uuml;r
+Erpressung und Wucherei Partei ergreifen werde.</p>
+<p>Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen
+in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so n&auml;mlich, als ob dem
+Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen zufiele.
+Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr ungern
+auf die Klagen von Havelaars Vorg&auml;nger Recht zu schaffen. Wir
+haben gesehen, wie dieser Vorg&auml;nger mehrfach mit dem Residenten
+&uuml;ber die herrschenden Missbr&auml;uche
+gesprochen&mdash;&raquo;abouchiert&laquo; nannte es Verbrugge&mdash;und
+wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also nicht des
+Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter Beamter, der
+als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der
+Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, dass
+Recht gesch&auml;he, fast immer Gr&uuml;nde zu haben meinte, dieses
+Rechtes Lauf aufzuhalten.</p>
+<p>Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten
+verweilte, hatte er mit diesem &uuml;ber die Lebakschen
+Missbr&auml;uche geredet und hierbei zur Antwort bekommen: &raquo;dass
+all dies in h&ouml;herem oder geringerem Masse &uuml;berall der Fall
+w&auml;re&laquo;. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer wollte
+wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht
+gesch&auml;he? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei,
+die Missbr&auml;uche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem
+nicht, wenn man ausdr&uuml;cklich berufen war, ihnen entgegenzutreten,
+und meinte auch, dass <span class="pagenum">[<a id="pb218" href="#pb218" name="pb218">218</a>]</span>nach allem, was er von Lebak
+w&uuml;sste, hier keine Rede w&auml;re von <span class="letterspaced">h&ouml;herem</span> oder <span class="letterspaced">geringerem</span>, sondern vielmehr von <span class="letterspaced">sehr hohem</span> Masse, worauf ihm der Resident unter
+anderm antwortete: &raquo;dass es in der Abteilung
+Tjiringien&mdash;auch zu Bantam geh&ouml;rend&mdash;noch &auml;rger
+bestellt sei&laquo;.</p>
+<p>Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident
+keinen direkten Vorteil von Erpressung und willk&uuml;rlicher
+Verf&uuml;gung &uuml;ber die Bev&ouml;lkerung hat, so tritt die Frage
+auf, was denn so viele bewegt, im Widerspruch mit Eid und Pflicht
+solche Missbr&auml;uche bestehen zu lassen, ohne der Regierung hiervon
+Kenntnis zu geben? Und wer hier&uuml;ber nachdenkt, muss es schon sehr
+sonderbar finden, dass man so kaltbl&uuml;tig die Existenz dieser
+Missbr&auml;uche zugiebt, als h&auml;tte man mit etwas zu thun, das
+ausser Bereich oder Zust&auml;ndigkeit l&auml;ge. Ich will versuchen,
+die Ursachen hiervon darzulegen.</p>
+<p>Im allgemeinen schon ist das &Uuml;berbringen einer schlechten
+Nachricht eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem
+ung&uuml;nstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben
+bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten
+mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon f&uuml;r manchen ein Grund sein
+w&uuml;rde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ung&uuml;nstigen
+Umstandes zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man
+Gefahr l&auml;uft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden,
+die nun einmal das Los des &Uuml;berbringers schlechter Berichte
+scheint, sondern zugleich auch als die Ursache des ung&uuml;nstigen
+Zustandes angesehen zu werden, den man pflichtgem&auml;ss
+offenbart.</p>
+<p>Die Regierung von Niederl&auml;ndisch-Indien schreibt mit Vorliebe
+an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die
+Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die
+Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur
+g&uuml;nstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten
+keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in
+der offiziellen und <span class="pagenum">[<a id="pb219" href="#pb219"
+name="pb219">219</a>]</span>schriftlichen Behandlung der Gesch&auml;fte
+ein gek&uuml;nstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der
+Wahrheit, sondern auch mit den eigenen &Auml;usserungen dieser
+Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten m&uuml;ndlich
+behandeln, und&mdash;noch sonderbarer&mdash;h&auml;ufig selbst in
+Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich w&uuml;rde
+viele Beispiele von Rapporten anf&uuml;hren k&ouml;nnen, die den
+g&uuml;nstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben,
+jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst L&uuml;gen
+strafen. Diese Beispiele w&uuml;rden, wenn nicht die Sache wegen der
+schliesslichen Folgen zu ernst w&auml;re, Anlass zu Spott und
+Gel&auml;chter geben, und man stutzt &uuml;ber die Naivet&auml;t, mit
+der h&auml;ufig in solchem Fall die gr&ouml;bsten Unwahrheiten aufrecht
+erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige
+S&auml;tze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich
+bek&auml;mpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel
+beschr&auml;nken, das ich um sehr viele andere vermehren k&ouml;nnte.
+Unter den Schriftst&uuml;cken, die mir vorliegen, finde ich den
+Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident r&uuml;hmt den Handel,
+der dort bl&uuml;ht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft
+gr&ouml;sste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen
+ein wenig weiter, wo er &uuml;ber die geringen Mittel spricht, die ihm
+zur Verf&uuml;gung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im
+selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der
+Regierung erreicht werden w&uuml;rde durch die Meinung, dass ihr also
+in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. &raquo;Nein, sagt
+er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner
+Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingef&uuml;hrt, denn
+... es ist in diesen Gegenden so geringer Gesch&auml;ftsumsatz, dass
+niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen
+w&uuml;rde.&laquo;</p>
+<p>Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den
+Worten: &raquo;Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig
+geblieben.&laquo; Solche Wendungen zeugen freilich von einer
+<span class="pagenum">[<a id="pb220" href="#pb220" name="pb220">220</a>]</span>sehr ruhigen Beruhigung dar&uuml;ber, dass die
+Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten
+erspart, oder der, wie der terminus lautet, &raquo;ihr nicht
+l&auml;stig f&auml;llt&laquo; mit unangenehmen Berichten!</p>
+<p>Wo die Bev&ouml;lkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in
+den Z&auml;hlungen der fr&uuml;heren Jahre zuzuschreiben. Wo die
+Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht
+ist, durch niedrige Einsch&auml;tzung den Landbau zu ermutigen, der
+sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald&mdash;meistens, wenn
+der Berichterstatter abgetreten ist&mdash;unerh&ouml;rte Fr&uuml;chte
+abwerfen m&uuml;sse. Wo Ordnungsst&ouml;rung auftrat, die nicht
+verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger
+&Uuml;belgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu f&uuml;rchten seien,
+da &raquo;allgemeine&laquo; Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder
+Hungersnot die Bev&ouml;lkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge
+von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder &auml;hnlichem, niemals von
+schlechter Verwaltung.</p>
+<p>Die Note von Havelaars Vorg&auml;nger, worin er &raquo;die
+Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang <span class="letterspaced">weitgehendem</span> Missbrauch&laquo; zuschrieb, habe
+ich vor mir liegen. Diese Note war <span class="letterspaced">in</span>offiziell, und sie umfasste Punkte, &uuml;ber
+die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zu <span class="letterspaced">sprechen</span> hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im
+Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorg&auml;nger dieselbe Sache
+ritterlich in einem <span class="letterspaced">offenbaren
+Dienstschreiben</span> beim wahren Namen genannt hatte.</p>
+<p>Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und
+also auch die darauf gegr&uuml;ndeten Rapporte an die Regierung im
+Mutterland sind zum gr&ouml;ssten und wichtigsten Teile: <span class="letterspaced">unwahr</span>.</p>
+<p>Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte
+sie aufrecht und f&uuml;hle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen
+zu st&uuml;tzen. Wer erz&uuml;rnt sein mag &uuml;ber diese
+unverschleierte &Auml;usserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele
+Millionen aus dem Staatss&auml;ckel und wie viele Menschenleben
+<span class="pagenum">[<a id="pb221" href="#pb221" name="pb221">221</a>]</span>England erspart worden w&auml;ren, wenn man
+zeitig der Nation die Augen ge&ouml;ffnet h&auml;tte f&uuml;r den
+wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit
+man dem Manne schuldig gewesen w&auml;re, der den Mut gezeigt
+h&auml;tte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu sp&auml;t war, den
+Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger
+blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.</p>
+<p>Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen st&uuml;tzen
+k&ouml;nne. Wo es n&ouml;tig ist, werde ich zeigen, dass h&auml;ufig
+Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt
+ger&uuml;hmt wurden, und dass mehrmals eine Bev&ouml;lkerung, die als
+ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei
+auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise in
+<span class="letterspaced">diesem</span> Buche zu liefern, vertraue ich
+gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben,
+dass sie vorhanden sind.</p>
+<p>F&uuml;r den Augenblick beschr&auml;nke ich mich darauf, noch ein
+einziges Beispiel von dem l&auml;cherlichen Optimismus zu geben, dessen
+ich vorher Erw&auml;hnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun
+vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht
+verstanden werden kann.</p>
+<p>Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der
+in seine Landschaft eingef&uuml;hrt oder aus dieser nach anderswohin
+versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen
+aufgef&uuml;hrt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschr&auml;nkt
+oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge
+fasst, welche nach diesen Rapporten &uuml;bergef&uuml;hrt ist
+<span class="letterspaced">aus</span> Residentschaften auf Java
+<span class="letterspaced">nach</span> Residenschaften auf Java, wird
+man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikols <span class="letterspaced">mehr</span> betr&auml;gt als der Reis, der&mdash;nach
+denselben Rapporten&mdash;<span class="letterspaced">in</span>
+Residentschaften auf Java <span class="letterspaced">aus</span>
+Residentschaften auf Java eingef&uuml;hrt ist.</p>
+<p>Ich &uuml;bergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von
+dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte <span class="pagenum">[<a id="pb222" href="#pb222" name="pb222">222</a>]</span>annimmt und publiziert, und will den Leser nur
+auf die <span class="letterspaced">Absicht</span> bei dieser
+F&auml;lschung aufmerksam machen.</p>
+<p>Die prozentweise Belohnung, die europ&auml;ischen und eingeborenen
+Beamten f&uuml;r Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden
+sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedr&auml;ngt, dass
+in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen
+der Nation durch kein Kunstst&uuml;ck mehr entzogen werden konnte. Ich
+habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind,
+dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen d&uuml;rfe. Zu
+den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften geh&ouml;rten auch die
+von mir genannten Rapporte &uuml;ber aus- und eingef&uuml;hrten Reis,
+damit die Regierung fortw&auml;hrend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses
+Lebensmittels haben k&ouml;nne. <span class="letterspaced">Ausfuhr</span> aus einer Residentschaft bedeutet:
+Wohlstand, <span class="letterspaced">Einfuhr</span>: entsprechenden
+Mangel.</p>
+<p>Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich
+heraus, dass der Reis &uuml;berall so im &Uuml;berfluss ist, dass
+<span class="letterspaced">alle Residentschaften zusammen mehr Reis
+ausf&uuml;hren als in allen Residentschaften zusammen eingef&uuml;hrt
+wird</span>. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr
+&uuml;ber See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der
+logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung:
+<span class="letterspaced">dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort
+ist</span>. Das ist doch Wohlstand!</p>
+<p>Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als
+nur gute Berichte zu bieten, ins L&auml;cherliche &uuml;bergehend
+erscheinen w&uuml;rde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig
+w&auml;ren. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrt&uuml;mern zu
+erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die
+Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel
+von einer Bev&ouml;lkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und
+schmiegsam, seit Jahren, Jahren &uuml;ber Unterdr&uuml;ckung klagt,
+wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension
+abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht, <span class="pagenum">[<a id="pb223" href="#pb223" name="pb223">223</a>]</span>ohne
+dass irgend etwas f&uuml;r die Beseitigung des Kummers geschieht, unter
+dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich
+zur&uuml;ckspringen? Muss nicht die so lange unterdr&uuml;ckte
+Unzufriedenheit&mdash;unterdr&uuml;ckt, damit man fortfahren
+k&ouml;nne, sie zu leugnen!&mdash;endlich in Wut umschlagen, in
+Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses
+Weges?</p>
+<p>Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander
+folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas
+H&ouml;heres besteht denn die &raquo;Gunst der Regierung&laquo;? Etwas
+H&ouml;heres als die &raquo;Zufriedenheit des
+Generalgouverneurs&laquo;? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der
+flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten
+blendeten? Werden dann die, die fr&uuml;her des Mutes entbehrten, ein
+herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die
+Niederl&auml;ndischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie
+Niederland die Sch&auml;tze wiedergeben, die n&ouml;tig sein werden zur
+D&auml;mpfung von Aufruhr, zur Verh&uuml;tung von Umw&auml;lzung?
+Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre
+Schuld?</p>
+<p>Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die
+am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit
+unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung g&uuml;nstiger
+Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der
+Fall, wo es sich um Unterdr&uuml;ckung der Bev&ouml;lkerung durch
+eingeborene H&auml;uptlinge handelt.</p>
+<p>Von vielen wird dies Inschutznehmen der H&auml;uptlinge der unedlen
+Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten
+m&uuml;ssen, um auf die Bev&ouml;lkerung den Einfluss auszu&uuml;ben,
+der f&uuml;r die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorit&auml;t
+n&ouml;tig ist, dass diese H&auml;uptlinge hierf&uuml;r eine viel
+h&ouml;here Besoldung w&uuml;rden geniessen m&uuml;ssen, als es jetzt
+der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende
+durch die ungesetzliche Verf&uuml;gung &uuml;ber das Besitztum und die
+Arbeit des Volkes zu erg&auml;nzen. Wie dem <span class="pagenum">[<a id="pb224" href="#pb224" name="pb224">224</a>]</span>sei,
+die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen
+&uuml;ber, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor
+Erpressung und Raub sch&uuml;tzen. Meistens weiss man in
+unbeurteilbaren und h&auml;ufig aus der Luft gegriffenen Gr&uuml;nden
+der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen
+H&auml;uptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum
+Sprichwort <span class="corr" id="xd20e4464" title="Quelle: geaichte">geeichte</span> Meinung, dass die Regierung lieber
+zehn Residenten entlasse als <span class="letterspaced">einen</span>
+Regenten. Auch die vorgesch&uuml;tzten politischen
+Gr&uuml;nde&mdash;wenn sie sich &uuml;berhaupt auf etwas
+gr&uuml;nden&mdash;sind gew&ouml;hnlich auf falsche Angaben
+gest&uuml;tzt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines
+Regenten auf die Bev&ouml;lkerung recht hoch darzustellen, damit er
+sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn sp&auml;ter einmal
+ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegen&uuml;ber diesen
+H&auml;uptlingen fallen sollte.</p>
+<p>Ich will mich nun nicht weiter verbreiten &uuml;ber die abscheuliche
+Heuchelei der human lautenden Bestimmungen&mdash;und der
+Eide!&mdash;die den Javanen gegen Willk&uuml;r sch&uuml;tzen ... auf
+dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim
+Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung
+denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation
+des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer
+gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.</p>
+<p>Und f&uuml;r ihn war diese Schwierigkeit gr&ouml;sser noch, als sie
+f&uuml;r manchen andern gewesen w&auml;re, da sein Gem&uuml;t sanft
+war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als
+einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur
+mit Bef&uuml;rchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn
+und Bef&ouml;rderung zu k&auml;mpfen, noch auch allein mit den
+Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erf&uuml;llen
+hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen &uuml;berwinden.
+Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es w&uuml;rde mich
+zu weit f&uuml;hren, wollte ich die Beispiele anf&uuml;hren, wie er
+stets, auch wo er <span class="pagenum">[<a id="pb225" href="#pb225"
+name="pb225">225</a>]</span>gekr&auml;nkt und beleidigt war, den Part
+eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erz&auml;hlte
+Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am
+Duell mit dem S&auml;bel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er
+sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners
+gew&ouml;hnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie
+eine barmherzige Schwester pflegte. Ich k&ouml;nnte erz&auml;hlen, wie
+er zu Natal den Ketteng&auml;nger, der auf ihn geschossen hatte, zu
+sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn bek&ouml;stigen liess und
+ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte,
+dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo
+gef&auml;llten zu strengen Urteils war. Gew&ouml;hnlich wurde die
+Sanftheit seines Gem&uuml;ts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde
+l&auml;cherlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist
+bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. L&auml;cherlich gefunden von
+dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verst&auml;ndiger Mensch sich
+M&uuml;he gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne
+geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem&mdash;ausser von
+Tine&mdash;der ihn darauf &uuml;ber die &raquo;dummen Tiere&laquo;
+schimpfen h&ouml;rte und &uuml;ber die &raquo;dumme Natur&laquo;, die
+solche Tiere schuf.</p>
+<p>Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal
+herunterzuholen, auf das seine Umgebung&mdash;man mochte ihn lieben
+oder nicht&mdash;wohl gezwungen war, ihn zu setzen. &raquo;Ja, er
+<span class="letterspaced">ist</span> geistvoll, aber ... es ist
+Fl&uuml;chtigkeit in seinem Geiste.&laquo; Oder: &raquo;er <span class="letterspaced">ist</span> verst&auml;ndig, doch ... er wendet seinen
+Verstand nicht gut an.&laquo; Oder: &raquo;ja, er <span class="letterspaced">ist</span> gutherzig ... doch er kokettiert
+damit!&laquo;</p>
+<p>F&uuml;r seinen Geist, f&uuml;r seinen Verstand nehme ich nicht
+Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn
+er g&auml;nzlich allein war, wollet <span class="letterspaced">ihr</span> dieses Herz verteidigen gegen die
+Beschuldigung der Koketterie?</p>
+<p>Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bek&uuml;mmert um
+Havelaar, die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis
+n&ouml;tig haben w&uuml;rde! <span class="pagenum">[<a id="pb226" href="#pb226" name="pb226">226</a>]</span></p>
+<p>War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem
+Hunde&mdash;Sappho hiess das Tier&mdash;in die Flussm&uuml;ndung
+nachsprang, weil er bef&uuml;rchtete, dass das noch junge Tier nicht
+gut genug schwimmen k&ouml;nne, um den Haien zu entgehen, die dort so
+zahlreich waren? Ich kann an ein derartiges Kokettieren mit
+Gutherzigkeit schwerer glauben, als an die Gutherzigkeit selbst.</p>
+<p>Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt
+habt&mdash;wenn ihr nicht erstarrt seid durch Winterk&auml;lte und Tod
+... wie die geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da
+jenseits unter der Linie!&mdash;ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis
+ableget von seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt
+vor allem rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen
+braucht, wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von
+welcher geringen H&ouml;he auch immer.</p>
+<p>Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen
+Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht
+&uuml;berfl&uuml;ssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau
+und Kind. Er hatte sie in Indien zur&uuml;cklassen m&uuml;ssen und
+befand sich in Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm
+eigent&uuml;mlich finde, ohne indes Lust zu haben, sie zu verteidigen,
+wenn man sie antastet, machte er sich zum Meister der Sprache des
+Landes, in dem er sich einige Monate aufgehalten hatte. Hier sind also
+die Verse, die gleichzeitig die Innigkeit verraten, mit der er den
+Seinen zugethan war:</p>
+<div class="lgouter xd20e4502">
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Mein Kind, da schl&auml;gt die neunte Stunde,
+h&ouml;r!</p>
+<p class="line">Der Nachtwind s&auml;uselt, und die Luft wird
+k&uuml;hl,</p>
+<p class="line">Zu k&uuml;hl vielleicht f&uuml;r dich; dein Stirnchen
+gl&uuml;ht!</p>
+<p class="line">Du hast den ganzen Tag so wild gespielt</p>
+<p class="line">Und bist wohl m&uuml;de. Komm, dein Tikar harret.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Ach, Mutter, lass mich noch &rsquo;nen
+Augenblick!</p>
+<p class="line">Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,</p>
+<p class="line">Da drin auf meiner Matte, schlaf&rsquo; ich gleich,</p>
+<p class="line">Und weiss nicht einmal, was ich tr&auml;ume! Hier</p>
+<p class="line">Kann ich doch gleich dir sagen, was ich
+tr&auml;ume,<span class="pagenum">[<a id="pb227" href="#pb227" name="pb227">227</a>]</span></p>
+<p class="line">Und fragen, was mein Traum bedeutet ... H&ouml;r,</p>
+<p class="line">Was war das?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Was war das?</span> &mdash;Es
+war ein Klapper, der da fiel.</p>
+<p class="line">&mdash;Thut das dem Klapper weh?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;Thut das dem Klapper
+weh?</span> &mdash;Ich glaube nicht.</p>
+<p class="line">Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein
+Gef&uuml;hl.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Doch eine Blume, f&uuml;hlt die auch nicht?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;Doch eine Blume,
+f&uuml;hlt die auch nicht?</span> &mdash;Nein.</p>
+<p class="line">Man sagt, sie f&uuml;hle nicht.</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Man sagt, sie f&uuml;hle
+nicht.</span> &mdash;Warum denn, Mutter,</p>
+<p class="line">Als gestern ich die Pukul ampat brach,</p>
+<p class="line">Hast du gesagt: es thut der Blume weh!</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Mein Kind, die Pukul ampat war so
+sch&ouml;n,</p>
+<p class="line">Du zogst die zarten Bl&auml;ttchen roh entzwei,</p>
+<p class="line">Das that mir f&uuml;r die arme Blume leid.</p>
+<p class="line">Wenngleich die Blume selbst es nicht gef&uuml;hlt,</p>
+<p class="line"><span class="letterspaced">Ich</span> f&uuml;hlt&rsquo;
+es f&uuml;r die Blume, weil sie sch&ouml;n war.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Doch, Mutter, bist du auch sch&ouml;n?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;Doch, Mutter, bist du
+auch sch&ouml;n?</span> &mdash;Nein, mein Kind,</p>
+<p class="line">Ich glaube nicht.</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Ich glaube nicht.</span>
+&mdash;Allein <span class="letterspaced">du</span> hast
+Gef&uuml;hl?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Ja, Menschen haben&rsquo;s ... doch nicht alle
+gleich.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Und kann <span class="letterspaced">dir</span>
+etwas weh thun? Thut dir&rsquo;s weh,</p>
+<p class="line">Wenn dir im Schoss so schwer mein K&ouml;pfchen
+ruht?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Nein, <span class="letterspaced">das</span> thut
+mir nicht weh!</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;Nein, d a s thut mir
+nicht weh!</span> &mdash;Und, Mutter, ich ...</p>
+<p class="line">Hab&rsquo; <span class="letterspaced">ich</span>
+Gef&uuml;hl?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Hab&rsquo; i c h
+Gef&uuml;hl?</span> &mdash;Gewiss, erinn&rsquo;re dich,</p>
+<p class="line">Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein</p>
+<p class="line">Dein H&auml;ndchen hast verwundet und geweint.</p>
+<p class="line">Auch weintest du, als Saudien dir erz&auml;hlte,</p>
+<p class="line">Dass auf den H&uuml;geln dort ein Sch&auml;flein
+tief</p>
+<p class="line">In eine Schlucht hinunterfiel und starb.</p>
+<p class="line">Da hast du lang geweint ... das war Gef&uuml;hl.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Doch, Mutter, ist Gef&uuml;hl denn Schmerz?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Doch, Mutter, ist Gef&uuml;hl
+denn Schmerz?</span> &mdash;Ja, oft!</p>
+<p class="line">Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,</p>
+<p class="line">Wenn&rsquo;s Schwesterlein dir in die Haare greift</p>
+<p class="line">Und kr&auml;hend dir&rsquo;s Gesichtchen nahe
+dr&uuml;ckt,</p>
+<p class="line">Dann lachst du freudig; das ist auch Gef&uuml;hl.</p>
+</div>
+<span class="pagenum">[<a id="xd20e4627" href="#xd20e4627" name="xd20e4627">228</a>]</span>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Und dann mein Schwesterlein ... es weint so
+oft,</p>
+<p class="line">Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gef&uuml;hl?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Vielleicht, mein Kind, wir wissen&rsquo;s aber
+nicht,</p>
+<p class="line">Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Doch, Mutter ... h&ouml;re, was war das?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;Doch, Mutter ...
+h&ouml;re, was war das?</span> &mdash;Ein Hirsch,</p>
+<p class="line">Der sich versp&auml;tet im Geb&uuml;sch und jetzt</p>
+<p class="line">Mit Eile heimw&auml;rts kehrt und Ruhe sucht</p>
+<p class="line">Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Bei andern Hirschen, die ihm
+lieb sind.</span> &mdash;Mutter,</p>
+<p class="line">Hat solch ein <span class="corr" id="xd20e4654" title="Quelle: Hirch">Hirsch</span> ein Schwesterlein wie ich?</p>
+<p class="line">Und eine Mutter auch?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Und eine Mutter auch?</span>
+&mdash;Ich weiss nicht, Kind.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Das w&uuml;rde traurig sein, wenn&rsquo;s nicht
+so w&auml;re!</p>
+<p class="line">Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im
+Strauch?</p>
+<p class="line">Sieh, wie es h&uuml;pft und tanzt ... ist das ein
+Funke?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;&rsquo;s ist eine Feuerfliege.</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;&rsquo;s ist eine
+Feuerfliege.</span> &mdash;Darf ich&rsquo;s fangen?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Du darfst es, doch das Flieglein ist so
+zart,</p>
+<p class="line">Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald</p>
+<p class="line">Du&rsquo;s mit den Fingern allzu roh ber&uuml;hrst,</p>
+<p class="line">Ist&rsquo;s Tierchen krank und stirbt und gl&auml;nzt
+nicht mehr.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Das w&auml;re schade! Nein, ich fang&rsquo; es
+nicht!</p>
+<p class="line">Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher
+...</p>
+<p class="line">Ich fang&rsquo; es doch nicht! Wieder fliegt es
+fort</p>
+<p class="line">Und freut sich, dass ich&rsquo;s nicht gefangen
+habe.</p>
+<p class="line">Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist
+<span class="letterspaced">das</span>,</p>
+<p class="line">Sind das auch Feuerfliegen dort?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Sind das auch Feuerfliegen
+dort?</span> &mdash;Das sind</p>
+<p class="line">Die Sterne.</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Die Sterne.</span> &mdash;Ein,
+und zehn, und tausend!</p>
+<p class="line">Wieviel sind denn wohl da?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Wieviel sind denn wohl
+da?</span> &mdash;Ich weiss es nicht,</p>
+<p class="line">Der Sterne Zahl hat niemand noch gez&auml;hlt.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Sag, Mutter, z&auml;hlt auch <span class="letterspaced">Er</span> die Sterne nicht?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Nein, liebes Kind, auch <span class="letterspaced">Er</span> nicht.</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Nein, liebes Kind, auch E r
+nicht.</span> &mdash;Ist das weit</p>
+<p class="line">Dort oben, wo die Sterne sind?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Dort oben, wo die Sterne
+sind?</span> &mdash;Sehr weit</p>
+</div>
+<span class="pagenum">[<a id="xd20e4729" href="#xd20e4729" name="xd20e4729">229</a>]</span>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Doch haben diese Sterne auch Gef&uuml;hl?</p>
+<p class="line">Und w&uuml;rden sie, wenn ich sie mit der Hand</p>
+<p class="line">Ber&uuml;hrte, gleich erkranken und den Glanz</p>
+<p class="line">Verlieren, wie das Flieglein?&mdash;Sieh, noch schwebt
+es!&mdash;</p>
+<p class="line">Sag&rsquo;, w&uuml;rd&rsquo; es auch den Sternen weh
+thun?</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">Sag&rsquo;, w&uuml;rd&rsquo; es
+auch den Sternen weh thun?</span> &mdash;Nein,</p>
+<p class="line">Weh thut&rsquo;s den Sternen nicht! Doch &rsquo;s ist
+zu weit</p>
+<p class="line">F&uuml;r deine kleine Hand: du reichst so hoch
+nicht.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Kann <span class="letterspaced">Er</span> die
+Sterne fangen mit der Hand?</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&mdash;Auch <span class="letterspaced">Er</span> nicht:
+das kann niemand!</p>
+<p class="line"><span class="hemistich">&mdash;Auch E r nicht: das kann
+niemand!</span> &mdash;Das ist schade!</p>
+<p class="line">Ich g&auml;b&rsquo; so gern dir einen! Wenn ich gross
+bin,</p>
+<p class="line"><span class="letterspaced">Dann will ich so dich
+lieben, dass ich&rsquo;s kann</span>.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Das Kind schlief ein und tr&auml;umte von
+Gef&uuml;hl,</p>
+<p class="line">Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...</p>
+<p class="line">Die Mutter schlief noch lange nicht, doch
+tr&auml;umte</p>
+<p class="line">Auch sie und dacht&rsquo; an den, der fern war ...</p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Ja, auf die Gefahr hin, unn&ouml;tig bunt zu
+scheinen, habe ich diesen Zeilen hier Raum gegeben. Ich m&ouml;chte
+keine Gelegenheit vers&auml;umen, die uns den Mann verstehen lehrt, der
+die Hauptrolle in meiner Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige
+Teilnahme abringe, wenn sp&auml;ter &uuml;ber seinem Haupte dunkle
+Wolken sich zusammenziehen. <span class="pagenum">[<a id="pb230" href="#pb230" name="pb230">230</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch15" class="div1">
+<h2>F&uuml;nfzehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Havelaars Vorg&auml;nger, der wohl das Gute wollte,
+doch zugleich die hohe Ungnade der Regierung einigermassen
+gef&uuml;rchtet zu haben schien&mdash;der Mann hatte viele Kinder, und
+kein Verm&ouml;gen&mdash;hatte also lieber mit dem Residenten
+&raquo;<span class="letterspaced">gesprochen</span>&laquo; &uuml;ber
+das, was er &raquo;weitgehende&laquo; Missbr&auml;uche nannte, als dass
+er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus beim Namen nannte. Er
+wusste, dass ein Resident nicht gern einen schriftlichen Rapport
+empf&auml;ngt, der in seinem Archiv liegen bleibt und sp&auml;ter als
+Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder jene Misslichkeit
+aufmerksam gemacht wurde, w&auml;hrend eine m&uuml;ndliche Mitteilung
+ihm gefahrlos die Wahl l&auml;sst, einer Klage Geh&ouml;r oder ihr
+nicht Geh&ouml;r zu geben. Solche m&uuml;ndlichen Mitteilungen hatten
+gew&ouml;hnlich eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der
+nat&uuml;rlich alles leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die
+Leute aufgerufen, die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und
+dem Adhipatti zu F&uuml;ssen kriechend baten sie um Schonung.
+&raquo;Nein, der B&uuml;ffel sei ihnen nicht abgenommen worden f&uuml;r
+nichts, sie glaubten ja, dass ein doppelter Preis daf&uuml;r werde
+bezahlt werden.&laquo; &raquo;Nein, sie seien nicht von ihren Feldern
+abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs des Regenten zu
+arbeiten; sie w&uuml;ssten sehr gut, dass der Adhipatti sie sp&auml;ter
+reichlich belohnt haben w&uuml;rde.&laquo; &raquo;Sie h&auml;tten ihre
+Anklage erhoben in einem Augenblick unbegr&uuml;ndeten Frevelmuts ...
+sie seien wahnsinnig gewesen <span class="pagenum">[<a id="pb231" href="#pb231" name="pb231">231</a>]</span>und fleheten, dass man sie strafen
+m&ouml;ge f&uuml;r so weitgetriebene Unehrerbietigkeit.&laquo;</p>
+<p>Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der
+Anklage zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger
+eine sch&ouml;ne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu
+st&uuml;tzen, und ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die
+Regierung mit einem ung&uuml;nstigen Bericht zu
+&raquo;bel&auml;stigen&laquo;. Die ruchlosen Ankl&auml;ger wurden mit
+Stockschl&auml;gen bestraft, der Regent hatte triumphiert, und der
+Resident kehrte nach dem Hauptplatz zur&uuml;ck mit dem angenehmen
+Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut &raquo;geschipperd&laquo;
+zu haben.</p>
+<p>Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden
+Tage sich wieder andere Kl&auml;ger bei ihm meldeten? Oder&mdash;und
+das geschah h&auml;ufig&mdash;wenn dieselben Kl&auml;ger
+zur&uuml;ckkehrten und ihre Einziehung einzogen? Sollte er wieder die
+Sache in seine private Nota eintragen, um wieder dar&uuml;ber mit dem
+Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe Kom&ouml;die spielen zu
+sehen, alles auf die Gefahr hin, f&uuml;r einen Menschen gehalten zu
+werden, der&mdash;dumm und b&ouml;sartig vielleicht&mdash;so oft
+Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegr&uuml;ndet abgewiesen
+werden mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen
+freundschaftlichen Verh&auml;ltnis zwischen dem vornehmsten
+Inl&auml;ndischen H&auml;uptling und dem ersten Europ&auml;ischen
+Beamten, wenn dieser fortw&auml;hrend falschen Anklagen gegen diesen
+H&auml;uptling Geh&ouml;r zu geben schien? Und vor allem, was wurde aus
+den armen Kl&auml;gern, nachdem sie in ihr Dorf zur&uuml;ckgekehrt
+waren, wo sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfh&auml;uptlings
+unterstanden, den sie als Werkzeug von des Regenten Willk&uuml;r
+angeklagt hatten?</p>
+<p>Was aus den Kl&auml;gern wurde? Wer fl&uuml;chten konnte,
+fl&uuml;chtete. Darum schweiften soviel Bantamer in den benachbarten
+Provinzen umher! Darum waren soviel Bewohner von Lebak unter den
+Aufst&auml;ndischen in den Lampongschen Distrikten! Darum hatte
+Havelaar in seiner Ansprache an <span class="pagenum">[<a id="pb232"
+href="#pb232" name="pb232">232</a>]</span>die H&auml;uptlinge gefragt:
+&raquo;Was ist dies, dass soviel H&auml;user leer stehen in den
+D&ouml;rfern, und warum ziehen viele den Schatten der Geb&uuml;sche
+anderswo der K&uuml;hle der W&auml;lder von Bantan-Kid&#363;l
+vor?&laquo;</p>
+<p>Doch nicht jeder <span class="letterspaced">konnte</span>
+fl&uuml;chten. Der Mann, dessen Leichnam morgens den Fluss
+hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, z&ouml;gernd,
+&auml;ngstlich beim Assistent-Residenten um Geh&ouml;r ersucht hatte
+... er war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human
+erachten, dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch
+kurzen Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei
+R&uuml;ckkehr in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die
+Stockpr&uuml;gel erspart, die die Strafe sind f&uuml;r jeden, der einen
+Augenblick meinen mochte, dass er kein Tier sei, kein seelenloser
+Holzklotz oder ein Stein; die Strafe f&uuml;r den, der in einer
+Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte, dass <span class="letterspaced">Recht</span> im Lande sei, und dass der
+Assistent-Resident den Willen und die Macht habe, dieses Recht
+durchzusetzen ...</p>
+<p>War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am
+andern Morgen zum Assistent-Residenten zur&uuml;ckkehrte&mdash;wie
+dieser ihm abends sagen liess&mdash;und seine Klage in dem gelben
+Wasser des Tjiudjung zu ersticken, das ihn sanft nach der M&uuml;ndung
+hinunterf&uuml;hren w&uuml;rde, gewohnt, &Uuml;berbringer zu sein der
+br&uuml;derlichen Grussgeschenke der Haie im Binnenlande an die Haie in
+der See?</p>
+<p>Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem
+Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen
+und hierin einer <span class="letterspaced">h&ouml;heren</span> Macht
+verantwortlich sei als der Macht einer Regierung, die wohl dies Recht
+in ihren Gesetzen vorschrieb, doch nicht immer gleich gern deren
+Anwendung sah? Empfindet man, wie sehr ihn Zweifel plagen mussten,
+Unentschiedenheit dar&uuml;ber, nicht <span class="letterspaced">was</span> ihm zu thun oblag, <span class="letterspaced">doch auf welche Weise</span> er zu handeln hatte?</p>
+<p>Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als
+&raquo;&auml;lterer Bruder&laquo;, und wer meinen m&ouml;chte,
+<span class="pagenum">[<a id="pb233" href="#pb233" name="pb233">233</a>]</span>dass ich in Eingenommenheit f&uuml;r den Helden
+meiner Geschichte die Weise, in der er sprach, &uuml;berm&auml;ssig
+herauszustreichen suche, der h&ouml;re, wie einmal nach solcher
+Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er ihm
+f&uuml;r seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange
+darnach dieser Patteh im Gespr&auml;ch mit dem Kontrolleur
+Verbrugge&mdash;als Havelaar aufgeh&ouml;rt hatte, Assistent-Resident
+von Lebak zu sein, als also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu
+f&uuml;rchten war&mdash;wie dieser Patteh bei der Erinnerung an seine
+Worte begeistert ausrief: &raquo;Noch niemals hat irgend ein Herr
+gesprochen wie er!&laquo;</p>
+<p>Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben!
+Er hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel
+dr&uuml;ckend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit
+sich f&uuml;hrt, suchte nach Gr&uuml;nden der Schonung. Der Regent war
+alt und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in
+benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel
+Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend f&uuml;r ihn, in der
+Lebensweise so weit hinter seinen j&uuml;ngeren Verwandten
+zur&uuml;ckstehen zu m&uuml;ssen? Obendrein meinte der Mann, von
+Schw&auml;rmerei ergriffen, mit dem Wachsen seiner Jahre das Heil
+seiner Seele durch Bezahlung von Wallfahrten nach Mekka und durch
+Almosen an gebetsingende M&uuml;ssigg&auml;nger erkaufen zu
+k&ouml;nnen. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen waren,
+hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte die
+ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollst&auml;ndig
+zur Last lag, die R&uuml;ckkehr zum rechten Wege sehr schwierig.</p>
+<p>So suchte Havelaar nach Gr&uuml;nden, alle Strenge auszuschliessen
+und noch einmal versuchen zu k&ouml;nnen, was sich erreichen liess mit
+Milde.</p>
+<p>Und er ging noch &uuml;ber Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an
+die Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem
+Regenten fortw&auml;hrend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit
+nicht irgend ein Zwang allzu <span class="pagenum">[<a id="pb234" href="#pb234" name="pb234">234</a>]</span>stark zum Vergehen dr&auml;nge,
+und er vergass wie gew&ouml;hnlich sich selbst so weit, dass er bereit
+war, sich und die Seinen auf das durchaus N&ouml;tige zu
+beschr&auml;nken, um dem Regenten mit dem Wenigen unter die Arme zu
+greifen, das er noch von seinem Einkommen w&uuml;rde ersparen
+k&ouml;nnen.</p>
+<p>Wenn noch der Beweis n&ouml;tig erscheinen m&ouml;chte f&uuml;r die
+Sanftmut, mit der Havelaar seine schwierige Pflicht erf&uuml;llte, so
+w&uuml;rde er gefunden werden k&ouml;nnen in einer m&uuml;ndlichen
+Botschaft, die er dem Kontrolleur auftrug, als derselbe einmal nach
+Serang zu reisen hatte: &raquo;Sagen Sie dem Residenten, er m&ouml;ge,
+wenn er von den Missbr&auml;uchen h&ouml;rt, die hier vorkommen, nicht
+glauben, dass ich dem gleichg&uuml;ltig gegen&uuml;berstehe. Ich mache
+nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten, mit dem
+ich Mitleid f&uuml;hle, vor allzu grosser Strenge bewahren m&ouml;chte
+und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu
+bringen.&laquo;</p>
+<p>Havelaar blieb h&auml;ufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er
+zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf unserem
+Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er
+gew&ouml;hnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um
+Geh&ouml;r ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gew&auml;hlt, weil
+er dort in der N&auml;he seiner Tine war, die sich gew&ouml;hnlich im
+nebenan gelegenen Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden,
+dass Max, auch wenn er mit einer Arbeit besch&auml;ftigt war, die
+Aufmerksamkeit und M&uuml;he erforderte, stetig das Bed&uuml;rfnis
+f&uuml;hlte, sie zu sehen oder zu h&ouml;ren. Es war oft spasshaft, wie
+er auf einmal ein Wort an sie richtete, das in seinen Gedanken
+&uuml;ber die ihn besch&auml;ftigenden Dinge aufd&auml;mmerte, und wie
+schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag, den Sinn seiner Meinung
+zu erfassen wusste, die er ihr gew&ouml;hnlich gar nicht einmal
+auseinandersetzte, als sei es selbstverst&auml;ndlich, dass sie
+w&uuml;sste, worauf er hinaus wolle. H&auml;ufig auch, wenn er
+unzufrieden war &uuml;ber seine eigene Arbeit oder &uuml;ber einen
+soeben empfangenen verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach
+ein unfreundliches Wort zu ihr ... die doch schuldlos war <span class="pagenum">[<a id="pb235" href="#pb235" name="pb235">235</a>]</span>an
+seiner Unzufriedenheit! Doch das h&ouml;rte sie gern, denn es war ihr
+ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr Max mit sich selbst identifizierte.
+Und es war auch niemals die Rede von einem Bedauern &uuml;ber solche
+scheinbare H&auml;rte oder von Vergebung auf der andern Seite. Das
+w&auml;re ihnen vorgekommen, als h&auml;tte jemand sich selbst um
+Verzeihung gebeten, dass er &auml;rgerlich sich vor den eigenen Kopf
+geschlagen hatte.</p>
+<p>Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie da
+sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen ... genau,
+wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau, wann sie ihn
+allein lassen musste.</p>
+<p>In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur
+bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.</p>
+<p>&mdash;Das ist eine schwierige Sache, M&rsquo;nheer Havelaar, sagte
+er eintretend. Sehr schwierig!</p>
+<p>Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung
+enthielt, aufzukl&auml;ren, warum eine Ver&auml;nderung in den Preisen
+von Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser
+finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas
+schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzuf&uuml;gen, dass viele
+andere ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen
+Frage gefunden haben w&uuml;rden.</p>
+<p>Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gef&auml;ngnis gebaut
+worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den
+Binnenl&auml;ndern von Java die Kunst verstehen, Geb&auml;ude zu
+errichten, die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte
+daf&uuml;r auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der
+T&uuml;chtigkeit und des Eifers in der Bedienung des Landes. Der
+Unterschied zwischen den ausgegebenen Geldern und dem Werte des
+daf&uuml;r Erhaltenen wird durch unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte
+Arbeit erzielt. Seit einigen Jahren bestehen Vorschriften, die dies
+verbieten. <span class="pagenum">[<a id="pb236" href="#pb236" name="pb236">236</a>]</span>Ob sie innegehalten werden, steht hier nicht zur
+Frage. Ebensowenig, ob die Regierung selbst <span class="letterspaced">will</span>, dass sie innegehalten werden mit einer
+Genauigkeit, die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken
+w&uuml;rde. Es wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen
+Vorschriften, die so menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.</p>
+<p>Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Geb&auml;ude
+errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der
+Pl&auml;ne hierf&uuml;r betraut waren, hatten Angaben von den
+&ouml;rtlichen Preisen der Materialien und von der H&ouml;he der
+Arbeitsl&ouml;hne am Platze eingefordert. Havelaar hatte den
+Kontrolleur mit einer genauen Untersuchung diesbez&uuml;glich
+beauftragt und ihm anbefohlen, die Preise der Wahrheit gem&auml;ss
+anzugeben, ohne R&uuml;cksicht darauf, was fr&uuml;her geschah. Als
+Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden war, stellte es sich heraus,
+dass seine Preise nicht &uuml;bereinstimmten mit den Angaben, die
+einige Jahre fr&uuml;her gemacht waren. Es wurde nun nach dem Grunde
+dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand f&uuml;r Verbrugge
+soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was hinter dieser
+scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass er seine
+Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen
+w&uuml;rde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden
+Schriftst&uuml;cken eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage
+hin geschrieben zu sein scheint.</p>
+<p>Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz
+&uuml;ber die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar
+nichts angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen,
+dass hier eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, <span class="letterspaced">von dem Zustande der amtlichen Indischen
+Haushaltung</span>, und dass der Brief, den ich mitteile, nicht allein
+mehr Licht auf den k&uuml;nstlichen Optimismus wirft, von dem ich
+redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist, mit denen
+jemand zu k&auml;mpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und ohne sich
+umzusehen seinen Weg gehen wollte. <span class="pagenum">[<a id="pb237"
+href="#pb237" name="pb237">237</a>]</span></p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. M&auml;rz
+1856.</p>
+<p class="xd20e199">An den Kontrolleur von Lebak.</p>
+<p>Als ich den Brief des Direktors der &Ouml;ffentlichen Arbeiten vom
+16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen &uuml;berwies, habe ich Sie
+ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach &Uuml;berlegung mit dem
+Regenten zu beantworten, und zwar unter Ber&uuml;cksichtigung dessen,
+was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.</p>
+<p>Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bez&uuml;glich
+dessen, was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der
+Preise von Materialien, die von der Bev&ouml;lkerung an die Verwaltung
+und im Auftrag derselben zu liefern sind.</p>
+<p>Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem&mdash;und wie
+ich glaube, nach Ihrem besten Wissen&mdash;Folge gegeben, so dass ich,
+vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten, diese
+Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten unterbreitet
+habe.</p>
+<p>Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses,
+No. 326, durch welche um eine Erkl&auml;rung ersucht wird
+bez&uuml;glich der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen
+Preisen und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau
+eines Gef&auml;ngnisses gezahlt wurden.</p>
+<p>Ich liess nat&uuml;rlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen
+m&uuml;ndlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was
+Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die
+Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben vom 5.
+dieses gab, und die wir auch m&uuml;ndlich mehrmals ausf&uuml;hrlich
+besprachen.</p>
+<p>Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.</p>
+<p>Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen &uuml;berwiesenen Briefe des
+Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der
+Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich
+gewahrte bei Ihnen wiederum <span class="pagenum">[<a id="pb238" href="#pb238" name="pb238">238</a>]</span>jene Scheu, die Dinge beim wahren
+Namen zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit
+lenkte, unter anderem unl&auml;ngst in Gegenwart des Residenten, etwas,
+das ich in K&uuml;rze <span class="letterspaced">Halbheit</span> nenne
+und wovor ich Sie schon mehrfach freundschaftlich warnte.</p>
+<p>Halbheit f&uuml;hrt zu nichts. <span class="letterspaced">Halb</span>-gut ist <span class="letterspaced">nicht</span> gut. <span class="letterspaced">Halb</span>-wahr ist <span class="letterspaced">un</span>wahr.</p>
+<p>F&uuml;r vollen Sold, f&uuml;r vollen Rang, nach einem deutlichen,
+<span class="letterspaced">vollst&auml;ndigen</span> Eide thue man
+seine <span class="letterspaced">volle</span> Pflicht.</p>
+<p>Ist zuweilen Mut n&ouml;tig, um diese zu erf&uuml;llen: man besitze
+ihn.</p>
+<p>Ich f&uuml;r mich w&uuml;rde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu
+ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich selbst, die
+eine Folge von Pflichtvers&auml;umnis und Lauheit ist, gebiert das
+Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und &uuml;berall einem
+Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu
+&raquo;schipperen&laquo; mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als
+man auf dem rechten Wege antreffen wird.</p>
+<p>W&auml;hrend des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt
+beim Gouvernement zur Erw&auml;gung steht und in die Sie eigentlich von
+Amts wegen einbezogen sein m&uuml;ssten, habe ich Sie stillschweigend
+sozusagen neutral gelassen, und nur l&auml;chelnd von Zeit zu Zeit
+darauf angespielt.</p>
+<p>Als zum Beispiel unl&auml;ngst Ihr Rapport &uuml;ber die Ursachen
+von Mangel und Hungersnot unter der Bev&ouml;lkerung bei mir
+eingegangen war, und ich darauf schrieb: &raquo;<span class="letterspaced">Dieses alles m&ouml;ge Wahrheit sein, doch es ist nicht
+alle Wahrheit, noch die</span> <b>haupts&auml;chlichste</b>
+<span class="letterspaced">Wahrheit. Die Hauptursache sitzt
+tiefer</span>&laquo;, stimmten Sie dem in vollem Umfange zu, und ich
+machte keinen Gebrauch von meinem <span class="letterspaced">Recht</span>, zu fordern, dass Sie dann auch diese
+Hauptwahrheit <span class="letterspaced">nennen</span> sollten.</p>
+<p>Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gr&uuml;nde und
+unter anderm den, dass ich es f&uuml;r <span class="corr" id="xd20e4933" title="Quelle: unbilig">unbillig</span> <span class="pagenum">[<a id="pb239" href="#pb239" name="pb239">239</a>]</span>hielt, auf einmal von <span class="letterspaced">Ihnen</span> etwas zu fordern, um das viele andere an
+Ihrer Stelle ebensowenig sich reissen w&uuml;rden, <span class="letterspaced">Sie</span> zu zwingen, so auf einmal dem gewohnten Laufe
+der Zur&uuml;ckhaltung und Menschenfurcht Valet zu sagen, der nicht so
+sehr <span class="letterspaced">Ihnen</span> als Schuld beizumessen
+ist, als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich
+erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gem&auml;chlicher
+es ist, eine Pflicht <span class="letterspaced">ganz</span> zu thun,
+als <span class="letterspaced">halb</span>.</p>
+<p>Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter
+meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt die
+Gelegenheit gab, Grunds&auml;tze kennen zu lernen, die&mdash;es sei
+denn, dass ich irre&mdash;zuguterletzt triumphieren werden&mdash;jetzt
+w&uuml;nschte ich doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass
+Sie sich die wohl nicht mangelnde, aber ausser &Uuml;bung gekommene
+Kraft erw&uuml;rben, die n&ouml;tig scheint, um Sie stets nach Ihrem
+besten Wissen rundheraus sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie
+also ganz und gar jene unm&auml;nnliche Furchtsamkeit verlieren zu
+lassen, die immer nur darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der
+Affaire zu ziehen.</p>
+<p>Ich erwarte also nun eine einfache, aber <span class="letterspaced">vollst&auml;ndige</span> Angabe dessen, was Ihnen als
+Ursache des Preisunterschieds erscheint zwischen jetzt und den Jahren
+1853 und 1854.</p>
+<p>Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses Briefes
+aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu kr&auml;nken.
+Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt haben, um zu
+wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage, als ich meine, und
+&uuml;berdies gebe ich Ihnen noch zum &Uuml;berfluss die Versicherung,
+dass meine Bemerkungen eigentlich weniger Sie betreffen, als die
+Schule, in der Sie zum Indischen Beamten erzogen wurden.</p>
+<p>Diese circonstance att&eacute;nuante w&uuml;rde jedoch
+hinf&auml;llig werden, wenn Sie, indem Sie noch l&auml;nger mit mir
+verkehrten und dem Gouvernement unter meiner Leitung <span class="pagenum">[<a id="pb240" href="#pb240" name="pb240">240</a>]</span>dienten, fortf&uuml;hren, dem Schlendrian zu
+folgen, gegen den ich mich auflehne.</p>
+<p>Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des
+&raquo;Euerwohledelgestrengen&laquo; begeben habe: es langweilte mich.
+Thun Sie es auch und lassen Sie unsere &raquo;Wohledelheit&laquo; und,
+wo es n&ouml;tig ist, unsere &raquo;Gestrengheit&laquo; anderswo und
+vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser langweilenden,
+sinnst&ouml;renden Titulatur.</p>
+<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar</span>.&laquo;</p>
+</div>
+<p>Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend f&uuml;r manchen
+von Havelaars Vorg&auml;ngern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht
+hatte, als er &raquo;die schlechten Beispiele fr&uuml;herer Zeit&laquo;
+mit unter die Gr&uuml;nde aufnahm, die f&uuml;r Schonung des Regenten
+sprechen konnten.</p>
+<p>Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt, um
+nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig H&uuml;lfe Havelaar von
+dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere Dinge
+beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten, der ohne
+Zweifel ein braver Mensch war, <span class="letterspaced">so</span>
+zugeredet werden musste, dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur
+um Angabe der Preise von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte.
+Man entnimmt also, dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu
+k&auml;mpfen hatte, die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern
+gleichzeitig auch mit der Furchtsamkeit derjenigen, die&mdash;wie sehr
+auch sie selbst diese unreellen Handlungen missbilligten&mdash;sich
+nicht berufen oder geeignet erachteten, hiergegen mit dem
+erforderlichen Mute aufzutreten.</p>
+<p>Vielleicht wird man auch nach der Lekt&uuml;re dieses Briefes
+einigermassen zur&uuml;ckkommen von der Geringsch&auml;tzung der
+sklavischen Unterw&uuml;rfigkeit des Javanen, der in Gegenwart seines
+H&auml;uptlings die erhobene Beschuldigung, wie begr&uuml;ndet
+<span class="pagenum">[<a id="pb241" href="#pb241" name="pb241">241</a>]</span>immer sie sein mochte, feigherzig
+zur&uuml;ckzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht
+vorhanden war selbst f&uuml;r den Europ&auml;ischen Beamten, der doch
+wohl minder der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen
+Landbewohners, der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der
+Macht seiner angeklagten Unterdr&uuml;cker anheimfiel? Ist es ein
+Wunder, dass diese armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer
+Keckheit, diesen Folgen zu entgehen oder sie durch dem&uuml;tige
+Unterwerfung zu mildern suchten?</p>
+<p>Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine Pflicht
+mit einer &auml;ngstlichen Scheu that, die an Pflichtvers&auml;umnis
+grenzte. Auch der Djaksa, der Inl&auml;ndische H&auml;uptling, der bei
+dem Landrat das Amt des &ouml;ffentlichen Ankl&auml;gers einnahm,
+betrat am liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars
+Wohnung. Er, der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag
+hatte, den schleichenden Dieb zu &uuml;berraschen, er schlich, als
+w&auml;re er selbst der Dieb, der &Uuml;berraschung f&uuml;rchtete, mit
+leisem Tritt an der Hinterseite ins Haus hinein, nachdem er sich erst
+&uuml;berzeugt hatte, dass kein Besuch da war, der ihn sp&auml;ter als
+schuldig der Pflichterf&uuml;llung w&uuml;rde verraten k&ouml;nnen.</p>
+<p>War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betr&uuml;bt war, und dass
+Tine mehr denn jemals es n&ouml;tig fand, in sein Zimmer zu treten, um
+ihn aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand
+gest&uuml;tzt, dasitzen sah?</p>
+<p>Und doch lag ihm die gr&ouml;sste Schwierigkeit nicht in der
+Furchtsamkeit derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der
+mitschuldigen Feigherzigkeit derer, die seine H&uuml;lfe angerufen
+hatten. Nein, zur Not w&uuml;rde er ganz <span class="letterspaced">allein</span> Recht thun, mit oder ohne H&uuml;lfe von
+andern, ja, <span class="letterspaced">gegen</span> alle, und sei es
+selbst gegen den Willen derer, die dieses Rechtes bed&uuml;rftig waren!
+Denn er wusste, welchen Einfluss auf das Volk er hatte, und
+wie&mdash;wenn einmal die armen Unterdr&uuml;ckten aufgerufen waren, um
+laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie ihm abends und nachts in
+Einsamkeit zugeraunt hatten&mdash;er wusste, wie er die Macht hatte,
+auf <span class="pagenum">[<a id="pb242" href="#pb242" name="pb242">242</a>]</span>ihre Gem&uuml;ter zu wirken, und wie die Kraft
+seiner Worte st&auml;rker sein w&uuml;rde als die Angst vor der Rache
+von Distriktsh&auml;uptling oder Regent. Die Bef&uuml;rchtung, dass
+seine Sch&uuml;tzlinge von ihrer eigenen Sache abfallen m&ouml;chten,
+hielt ihn also nicht zur&uuml;ck. Aber es kostete ihn so viel, den
+alten Regenten anzuklagen: <span class="letterspaced">das</span> war
+der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte er auch nicht diesem
+Widerwillen nachgeben, da die ganze Bev&ouml;lkerung, abgesehen von
+ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.</p>
+<p>Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln.
+Denn wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen
+Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem f&auml;llt,
+den Europ&auml;ischen Beamten brotlos zu machen, als einen
+Inl&auml;ndischen H&auml;uptling zu strafen, er hatte doch einen
+besonderen Grund, zu glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der
+Beurteilung der vorliegenden Sache andere Grunds&auml;tze als die
+gewohnten sich geltend machen w&uuml;rden. Es ist wahr, dass er auch
+ohne diese Meinung ebensowohl seine Pflicht gethan haben w&uuml;rde,
+ja, um so lieber, als er die Gefahr f&uuml;r sich und die Seinen
+gr&ouml;sser denn jemals erachtete. Es wurde schon gesagt, dass
+Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn aus&uuml;bten und wie ihn
+d&uuml;rstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier das
+Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und f&uuml;rchtete, dass
+er&mdash;schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das
+Unrecht &uuml;berzugehen&mdash;des ritterlichen Hochgef&uuml;hls sich
+werde entschlagen m&uuml;ssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der
+Schw&auml;chere.</p>
+<p>Ja, das <span class="letterspaced">f&uuml;rchtete</span> er. Er war
+der Meinung, es st&uuml;nde an der Spitze der Regierung ein
+Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein w&uuml;rde, und es war
+wieder eine Eigent&uuml;mlichkeit seines Charakters, dass diese Meinung
+ihn von strengen Massregeln zur&uuml;ckhielt, und zwar l&auml;nger, als
+irgend etwas anderes ihn abgehalten haben w&uuml;rde, weil sein Wesen
+es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er
+das Recht f&uuml;r st&auml;rker hielt denn gew&ouml;hnlich.
+<span class="pagenum">[<a id="pb243" href="#pb243" name="pb243">243</a>]</span>Sagte ich nicht schon, als ich versuchte, sein
+Naturell zu beschreiben, dass er naiv war bei all seinem
+Scharfsinn?</p>
+<p>Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Es k&ouml;nnen sich sehr wenige europ&auml;ische Leser eine rechte
+Vorstellung bilden von der H&ouml;he, auf der ein Generalgouverneur als
+Mensch stehen muss, um nicht unter der H&ouml;he seines Amtes zu
+bleiben, und man sehe es denn auch nicht als ein strenges Urteil an,
+wenn ich zu der Meinung neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht,
+einer so schweren Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all
+die Qualit&auml;ten des Kopfes wie des Herzens, die hierf&uuml;r
+n&ouml;tig sind, sich aufz&auml;hlen zu lassen, erhebe man nur das Auge
+zu der schwindelerregenden H&ouml;he, auf die so &uuml;ber Nacht der
+Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher B&uuml;rger, heute Macht
+hat &uuml;ber Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem noch in seiner
+Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht &uuml;ber sie
+hinauszuragen, f&uuml;hlt sich auf einmal, meist unerwartet, &uuml;ber
+eine Menge erhoben, die unendlich viel gr&ouml;sser ist als der kleine
+Kreis, der ihn fr&uuml;her dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich
+glaube, dass ich nicht mit Unrecht die H&ouml;he schwindelerregend
+nannte, denn sie l&auml;sst den Schwindel jemandes empfinden, der
+unerwartet einen Abgrund vor sich sieht, oder die Blindheit, die uns
+bef&auml;llt, wenn wir aus tiefem Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes
+Licht &uuml;bergef&uuml;hrt werden. Solchen &Uuml;berg&auml;ngen sind
+die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen, m&ouml;gen sie
+selbst von aussergew&ouml;hnlicher St&auml;rke sein.</p>
+<p>Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens
+die Ursachen des Verderbs mit sich f&uuml;hrt, des Verderbs selbst
+eines Menschen, der durch Verstand und Gem&uuml;t hervorragte, was ist
+dann wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an
+vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an,
+dass der K&ouml;nig stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen
+<span class="pagenum">[<a id="pb244" href="#pb244" name="pb244">244</a>]</span>Namen unter die Akte zeichnet, in der er sagt,
+dass er von der &raquo;guten Treu, dem Eifer und der
+Tauglichkeit&laquo; des ernannten Statthalters &uuml;berzeugt sei,
+nehmen wir immer an, dass der neue Unterk&ouml;nig eifrig, treu und
+tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor
+allem, ob diese <span class="letterspaced">Tauglichkeit</span> bei ihm
+in einem <span class="letterspaced">Masse</span> vorhanden ist, hoch
+genug erhoben &uuml;ber <span class="letterspaced">Mittelm&auml;ssigkeit</span>, um den Anspr&uuml;chen
+seiner hohen Berufung zu gen&uuml;gen.</p>
+<p>Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum
+erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des K&ouml;nigs
+verl&auml;sst, in <span class="letterspaced">diesem</span> Augenblick
+die Tauglichkeit besitzt, die f&uuml;r sein neues Amt n&ouml;tig sein
+wird ... das ist <span class="letterspaced">unm&ouml;glich</span>! Mit
+der Bezeugung des Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die
+Meinung ausgesprochen sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise,
+in einem gegebenen Augenblick, durch Eingebung, wenn&rsquo;s nicht
+anders ist, wissen werde, was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit
+andern Worten: dass er ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male
+kennen muss und k&ouml;nnen, was es weder kannte noch konnte. Solche
+Genies sind selten, sogar selten unter Personen, die bei K&ouml;nigen
+in Gunst stehen.</p>
+<p>Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich
+&uuml;bergehen m&ouml;chte, was &uuml;ber so manchen Landvogt zu sagen
+w&auml;re. Es schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche
+Bl&auml;tter einzuf&uuml;gen, die den ernsthaften Zweck dieses Werkes
+durch den Verdacht des Skandalinteresses als fragw&uuml;rdig erscheinen
+lassen w&uuml;rden. Ich lasse also die Besonderheiten, die auf
+bestimmte Personen entfallen w&uuml;rden, beiseite; aber als
+<span class="letterspaced">allgemeine</span> Krankheitsgeschichte der
+Generalgouverneurs meine ich angeben zu k&ouml;nnen:</p>
+<p><span class="letterspaced">Erstes Stadium</span>: Schwindel.
+Weihrauchtrunkenheit. Gr&ouml;ssenwahn. Unm&auml;ssiges
+Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der durch langen
+indischen Aufenthalt Eingeb&uuml;rgerten.</p>
+<p><span class="letterspaced">Zweites Stadium</span>: Ermattung.
+Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf und Ruhe.
+&Uuml;berm&auml;ssiges Vertrauen auf <span class="pagenum">[<a id="pb245" href="#pb245" name="pb245">245</a>]</span>den Rat von Indien.
+Abh&auml;ngigkeit vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem
+holl&auml;ndischen Landsitz.</p>
+<p>Zwischen diesen beiden Stadien, als &Uuml;bergang&mdash;vielleicht
+gar als Ursache dieses &Uuml;bergangs&mdash;liegen dysenterische
+Bauchbeschwerden.</p>
+<p>Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden f&uuml;r
+diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als sicher
+annehmen, dass der Kranke, der durch &Uuml;berspannung in der ersten
+Periode an einer M&uuml;cke ersticken w&uuml;rde,
+sp&auml;ter&mdash;nach der Bauchkrankheit!&mdash;sonder Beschwer Kamele
+vertragen wird. Oder, um deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der
+&raquo;Geschenke annimmt, <span class="letterspaced">nicht in der
+Absicht sich zu bereichern</span>&laquo;&mdash;z. B. einen B&uuml;schel
+Bananen im Werte einiger Heller&mdash;mit Schmach und Schande wird
+fortgejagt werden in der <span class="letterspaced">ersten</span>
+Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld hat, den
+<span class="letterspaced">letzten</span> Zeitabschnitt abzuwarten,
+sehr ruhig und ohne irgend welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des
+Gartens wird machen k&ouml;nnen, wo die Bananen wachsen, mit den
+G&auml;rten, die daran liegen ... zum Herrn der H&auml;user, die in der
+Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen, was in diesen H&auml;usern
+ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr, <span class="letterspaced">ad libitum</span>.</p>
+<p>Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem
+Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung
+vorzubeugen ...</p>
+<hr class="tb">
+<p>Verflucht, dass Entr&uuml;stung und Betr&uuml;btheit so oft sich
+kleiden m&uuml;ssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass
+eine Thr&auml;ne, um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein
+muss! Oder liegt die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein
+Mass f&uuml;r die Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer
+Staatsverwaltung frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro
+oder Polichinel zu suchen?</p>
+<p>Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftst&uuml;cke, worin Stil
+<span class="letterspaced">ist</span>! Stil, der verriet, dass ein
+<span class="letterspaced">Mensch</span> in der N&auml;he <span class="pagenum">[<a id="pb246" href="#pb246" name="pb246">246</a>]</span>war,
+ein <span class="letterspaced">Mensch</span>, dem die Hand zu reichen
+der M&uuml;he wert gewesen w&auml;re! Und was hat dieser Stil dem armen
+Havelaar geholfen? Er &uuml;bersetzte seine Thr&auml;nen nicht in
+Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit der
+Farben zu fesseln oder durch die tollen Sp&auml;sse des Ausrufers vor
+der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?</p>
+<p>K&ouml;nnte ich schreiben wie er, ich w&uuml;rde anders schreiben
+als er.</p>
+<p>Stil? Habt ihr geh&ouml;rt, wie er zu den H&auml;uptlingen sprach?
+Was hat es ihm geholfen?</p>
+<p>K&ouml;nnte ich reden wie er, ich w&uuml;rde anders reden als
+er.</p>
+<p>Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit,
+Deutlichkeit, Einfalt, Gef&uuml;hl! Fort mit allem, was erinnert an des
+Horatius &raquo;justum ac tenacem&laquo;! Trompeten hier etwa und
+scharfes Gellen von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen
+von falschen Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit
+einschl&uuml;pfe wie verbotene Ware unter Bedeckung von soviel
+Getrommel und Gepfeife!</p>
+<p>Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu
+ertr&auml;nken in dem &raquo;ich habe die Ehre&laquo; und den
+&raquo;Edelgestrengheiten&laquo; und dem &raquo;ehrerbietig zur
+Erw&auml;gung geben&laquo;, wie es die Wollust der kleinen Welt
+ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb, durchdrang einen
+etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken trieben bei diesem
+Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines blechernen
+Theaterdonners h&ouml;rte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken schlug,
+f&uuml;hlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man
+geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser des
+allerj&auml;mmerlichsten Berichts &uuml;ber &raquo;ruhige Ruhe&laquo;.
+Und was hat es ihm geholfen?</p>
+<p>Wenn ich also geh&ouml;rt werden will&mdash;und verstanden vor
+allem!&mdash;muss ich anders schreiben als er. Aber <span class="letterspaced">wie</span> dann?</p>
+<p>Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses &raquo;wie&laquo;,
+<span class="pagenum">[<a id="pb247" href="#pb247" name="pb247">247</a>]</span>und darum hat mein Buch ein so scheckiges
+Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff deine Wahl. Nachher werde ich
+dir gelb oder blau oder rot geben, wie du es w&uuml;nschest.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so h&auml;ufig
+wahrgenommen, an soviel Patienten&mdash;und oft &sbquo;in anima
+vili&lsquo;, denn es giebt analog Residenten-, Kontrolleurs- und
+Surnumerairskrankheiten, die sich zu der ersteren verhalten wie Masern
+zu Pocken, und endlich: er selbst hatte an dieser Krankheit
+gelitten!&mdash;schon so h&auml;ufig hatte er das alles wahrgenommen,
+dass die bez&uuml;glichen Erscheinungen ihm ziemlich gut bekannt
+geworden waren. Er hatte den gegenw&auml;rtigen Generalgouverneur beim
+Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten
+andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu d&uuml;rfen, dass
+auch der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen
+w&uuml;rde.</p>
+<p>Da lag der Grund, dass er f&uuml;rchtete, er werde der st&auml;rkere
+sein, wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der
+Einwohner von Lebak w&uuml;rde auftreten m&uuml;ssen. <span class="pagenum">[<a id="pb248" href="#pb248" name="pb248">248</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch16" class="div1">
+<h2>Sechzehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von
+Tjanjor, worin dieser ihm mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti
+von Lebak, einen Besuch darzubringen w&uuml;nsche. Diese Nachricht war
+ihm sehr unangenehm. Er wusste, dass die H&auml;uptlinge in den
+Preanger Regentschaften einen grossen Wohlstand zur Schau trugen, und
+dass der Tjanjorsche Tommongong solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge
+von vielen Hunderten machen w&uuml;rde, die alle mit ihren Pferden
+beherbergt und bewirtet werden mussten. Er h&auml;tte also gern diesen
+Besuch verhindert, doch er sann vergeblich auf Mittel, die dem
+zuvorkommen konnten, ohne dass sie den Regenten von Rangkas-Betung
+kr&auml;nkten, da dieser sehr stolz war und sich tief beleidigt
+gef&uuml;hlt haben w&uuml;rde, wenn man seine
+verh&auml;ltnism&auml;ssige Armut als zu entscheidendes Moment
+angef&uuml;hrt h&auml;tte, ihn nicht zu besuchen. Und wenn dieser
+Besuch <span class="letterspaced">nicht</span> zu umgehen war, so
+musste er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes
+geben, unter dem die Bev&ouml;lkerung gebeugt ging.</p>
+<p>Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck
+auf die H&auml;uptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht
+der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch ebenso
+gewiss ist, dass es in den D&ouml;rfern freudig von Mund zu Mund
+gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht h&auml;tte,
+Recht thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die
+<span class="pagenum">[<a id="pb249" href="#pb249" name="pb249">249</a>]</span>Kraft gehabt, vor Verbrechen
+zur&uuml;ckzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern derselben
+den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin auch nur
+zaghaft und verstohlenerweise.</p>
+<p>Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer
+sitzend, wurde mehrfach durch unerwartetes Ger&auml;usch aufgeschreckt,
+und sie gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle
+Gestalten, die mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie
+nicht mehr, denn sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese
+Gestalten so spukhaft ums Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max!
+Dann winkte sie ihm, und er stand auf, um die Kl&auml;ger zu sich zu
+rufen. Die meisten kamen aus dem Distrikt Parang-Kudjang, wo des
+Regenten Schwiegersohn H&auml;uptling war, und wiewohl dieser
+H&auml;uptling gewiss nicht vers&auml;umte, seinen Teil vom Erpressten
+zu nehmen, so war es doch f&uuml;r niemanden ein Geheimnis, dass er
+meistens im Namen und f&uuml;r den Niessbrauch des Regenten raubte. Es
+war r&uuml;hrend, wie die armen Betroffenen auf <span class="corr" id="xd20e5134" title="Quelle: Havelars">Havelaars</span> Ritterlichkeit
+bauten und &uuml;berzeugt waren, er werde sie nicht rufen, dass sie am
+folgenden Tage &ouml;ffentlich wiederholten, was sie in der Nacht oder
+am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies h&auml;tte
+Misshandlung bedeutet f&uuml;r alle, und f&uuml;r viele den Tod!
+Havelaar zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den
+Kl&auml;gern, dass sie in ihr Dorf zur&uuml;ckkehrten. Er versprach,
+dass Recht geschehen w&uuml;rde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen
+und nicht auswanderten, wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens
+war er kurz darauf an dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er
+bereits dagewesen und hatte&mdash;gew&ouml;hnlich des Nachts&mdash;die
+Sache untersucht, bevor noch der Kl&auml;ger selbst an seine
+Wohnst&auml;tte zur&uuml;ckgekehrt war. So besuchte er in dieser
+ausgedehnten Abteilung D&ouml;rfer, die zwanzig Stunden von
+Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der
+Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er
+bezweckte damit, die Gefahr der Rache <span class="pagenum">[<a id="pb250" href="#pb250" name="pb250">250</a>]</span>von den Kl&auml;gern
+abzuwenden und zugleich dem Regenten die Besch&auml;mung einer
+&ouml;ffentlichen Untersuchung zu ersparen, die unter <span class="letterspaced">ihm</span> sicher nicht wie fr&uuml;her mit einer
+Einziehung der Klage abgelaufen w&auml;re. So hoffte er noch immer,
+dass die H&auml;uptlinge den gef&auml;hrlichen Weg verlassen
+w&uuml;rden, den sie schon so lange begingen, und es h&auml;tte in
+diesem Falle f&uuml;r ihn sein Bewenden damit gefunden, dass er die
+Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die Verg&uuml;tung
+des erlittenen Schadens m&ouml;glich sein w&uuml;rde.</p>
+<p>Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen
+hatte, erlangte er die &Uuml;berzeugung, dass die Versprechungen der
+Besserung eitel waren, und er war bitter betr&uuml;bt &uuml;ber das
+Missgl&uuml;cken seiner Bem&uuml;hungen.</p>
+<p>Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betr&uuml;btheit und seiner
+m&uuml;hevollen Arbeit &uuml;berlassen, um dem Leser die Geschichte von
+dem Javanen <span class="letterspaced">Sa&iuml;djah</span> in der
+Dessah <span class="letterspaced">Bad&#363;r</span> zu erz&auml;hlen.
+Ich entnehme den Namen des Dorfes und den des Javanen aus den
+Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin Rede sein von Erpressung und
+Raub, und wenn man einer dichterischen Sch&ouml;pfung&mdash;was ihren
+Hauptzweck angeht&mdash;Beweiskraft absprechen m&ouml;chte, so gebe ich
+die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen <span class="letterspaced">von zweiunddreissig Personen allein im Distrikt
+Parang-Kudjang</span> anzugeben, denen in der Zeit <span class="letterspaced">eines</span> Monats <span class="letterspaced">sechsunddreissig B&uuml;ffel</span> abgenommen sind
+f&uuml;r den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender
+ausgedr&uuml;ckt: dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig
+Personen aus diesem Distrikt, die in <span class="letterspaced">einem</span> Monat <span class="letterspaced">sich zu
+beklagen den Mut gehabt haben</span>, und deren Klage von Havelaar
+<span class="letterspaced">untersucht und begr&uuml;ndet befunden
+ist</span>.</p>
+<p>Solcher Distrikte sind <span class="letterspaced">f&uuml;nf</span>
+in der Abteilung Lebak ...</p>
+<p>Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter
+B&uuml;ffel minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre
+hatten, von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will
+ich dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die
+Unversch&auml;mtheit <span class="pagenum">[<a id="pb251" href="#pb251"
+name="pb251">251</a>]</span>von anderen H&auml;uptern auf gleich festem
+Untergrunde ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der
+Distriktsh&auml;uptling zum Beispiel von Tjilang-Kahan an der
+S&uuml;dk&uuml;ste konnte in Ermangelung eines gef&uuml;rchteten
+Schwiegervaters sich st&uuml;tzen auf die Schwierigkeit des Einbringens
+einer Klage f&uuml;r arme Leute, die einen Weg von vierzig bis sechzig
+&raquo;Pf&auml;hlen&laquo; zur&uuml;ckzulegen hatten, ehe es ihnen
+m&ouml;glich war, sich abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu
+verbergen. Und wenn man dazu die vielen ber&uuml;cksichtigt, die sich
+auf den Weg machten, ohne jemals das Haus zu erreichen ... die vielen,
+die nicht einmal aus ihrem Dorfe sich aufmachten, abgeschreckt durch
+eigene Erfahrung oder das Los gewahrend, das anderen Kl&auml;gern
+erbl&uuml;hte, dann, glaube ich, w&uuml;rde sich die Meinung als
+unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der Zahl gestohlener
+B&uuml;ffel aus <span class="letterspaced">einem</span> Distrikt mit
+<span class="letterspaced">f&uuml;nf</span> einen zu hohen Massstab
+erg&auml;be f&uuml;r den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder
+verlangt, die jeden Monat in <span class="letterspaced">f&uuml;nf</span> Distrikten geraubt wurden, um den
+Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.</p>
+<p>Und nicht nur B&uuml;ffel waren es, die gestohlen wurden, noch war
+gar B&uuml;ffelraub das haupts&auml;chlichste, das in Frage kam. Es
+ist&mdash;besonders in Indien, wo noch immer &raquo;Herrendienst&laquo;
+gesetzlich besteht&mdash;ein geringeres Mass von Unversch&auml;mtheit
+n&ouml;tig, um die Bev&ouml;lkerung ungesetzlicherweise zu unbezahlter
+Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum wegzunehmen. Es
+ist leichter, der Bev&ouml;lkerung weiszumachen, dass die Regierung
+ihrer Arbeit bed&uuml;rfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von dieser
+Regierung zu sagen, dass sie ihre B&uuml;ffel verlange f&uuml;r nichts
+und wieder nichts. Und w&uuml;rde auch der furchtsame Javane
+nachzusp&uuml;ren wagen, ob der sogenannte &raquo;Herrendienst&laquo;,
+den man von ihm verlangt, mit den diesbez&uuml;glichen Vorschriften in
+Einklang steht, dann noch w&uuml;rde ihm dies unm&ouml;glich sein, da
+der eine nicht vom andern weiss und er also nicht berechnen kann, ob
+die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-, ja, f&uuml;nfzigfach
+&uuml;berschritten ist. Wo also die mehr gef&auml;hrliche, leichter zu
+<span class="pagenum">[<a id="pb252" href="#pb252" name="pb252">252</a>]</span>entdeckende That mit solcher Vermessenheit
+ausgef&uuml;hrt wird, was ist da von den Missbr&auml;uchen zu denken,
+deren man sich bequemer schuldig machen kann und die minder der
+Entdeckungsgefahr ausgesetzt sind?</p>
+<p>Ich sagte, dass ich &uuml;bergehen w&uuml;rde zu der Geschichte des
+Javanen <span class="letterspaced">Sa&iuml;djah</span>. Zuvor jedoch
+bin ich zu einer der Abschweifungen gen&ouml;tigt, die bei der
+Schilderung von Zust&auml;nden, die dem Leser g&auml;nzlich fremd sind,
+so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich bietende
+Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen, die das
+rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen Personen so
+besonders schwierig machen.</p>
+<p>Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie nat&uuml;rlich
+dies dem europ&auml;ischen Leser vorkommen m&ouml;ge, diese Benennung
+wird doch wie ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der
+auf Java Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam,
+Batavia, Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon&mdash;zusammen
+<span class="letterspaced">Sundahlande</span> genannt&mdash;werden
+nicht als zum eigentlichen Java geh&ouml;rig betrachtet, und in der
+That ist, um nun nicht von den &uuml;ber die See hergekommenen
+Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische
+Bev&ouml;lkerung eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der
+sogenannten Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz
+anders als mehr ostw&auml;rts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung
+gegen den eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein
+Engl&auml;nder gegen den Holl&auml;nder. Solche Unterschiede geben
+Veranlassung zu Abweichungen in der Beurteilung Indischer
+Angelegenheiten. Man wird wohl, wenn man sich &uuml;berzeugt, dass Java
+allein schon so scharf in zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist,
+ohne noch auf die vielen Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man
+wird gewiss daraus berechnen k&ouml;nnen, wie gross der Unterschied bei
+Volksst&auml;mmen sein muss, wenn sie weiter voneinander wohnen und gar
+durch die See geschieden sind. Wem Niederl&auml;ndisch-Indien allein
+von Java her bekannt ist, der kann sich <span class="pagenum">[<a id="pb253" href="#pb253" name="pb253">253</a>]</span>ebensowenig eine
+rechte Vorstellung von dem Malayen, dem Amboinesen, dem Battah, dem
+Alfur, dem Timoresen, dem Dajak, dem Bugie oder dem Makassar bilden,
+wie wenn er niemals Europa verlassen h&auml;tte, und es ist f&uuml;r
+jemanden, dem Gelegenheit wurde, den Unterschied zwischen diesen
+V&ouml;lkern wahrzunehmen, h&auml;ufig erg&ouml;tzlich, die
+Gespr&auml;che von Personen anzuh&ouml;ren&mdash;toll und
+betr&uuml;bend zugleich, ihre Redensarten gedruckt sehen zu
+m&uuml;ssen!&mdash;von Personen, die ihre Erfahrungen in Indischen
+Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg erwarben. Oftmals habe
+ich mich &uuml;ber den Mut gewundert, mit dem zum Beispiel ein
+gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen Worten durch
+angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung Gewicht
+beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft, die durch
+ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und oft verwunderte
+ich mich &uuml;ber die Ausgedehntheit der Kenntnis von Indischen
+Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals Indischen Boden
+betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen Generalgouverneur zu
+erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis auf diese Weise zu eigen
+gemacht, geb&uuml;hrt ihm die Achtung, die der rechtm&auml;ssige Lohn
+vielj&auml;hriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit ist. Gr&ouml;sser
+noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten, der geringere
+Schwierigkeiten zu &uuml;berwinden hatte, da er aus der Entfernung
+<span class="letterspaced">ohne</span> Anschauung weniger Gefahr lief,
+in die Irrt&uuml;mer zu verfallen, die die Folge einer <span class="letterspaced">mangelhaften</span> Anschauung sind, wie sie
+unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.</p>
+<p>Ich sagte, dass ich erstaunte &uuml;ber den Mut, den manche bei der
+Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen
+doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten geh&ouml;rt werden, als
+nur von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt
+in Buitenzorg <span class="corr" id="xd20e5214" title="Quelle: hinreiche">hinreichen</span>, um Indien zu kennen. Es muss
+ihnen doch bekannt sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen
+werden, die in Indien selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die
+ebensosehr <span class="pagenum">[<a id="pb254" href="#pb254" name="pb254">254</a>]</span>wie ich stutzen m&uuml;ssen &uuml;ber die
+Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze Zeit vorher vergeblich
+seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu verstecken suchte, den
+ihm der K&ouml;nig gab, jetzt auf einmal so spricht, als ob er wirklich
+Kenntnis von den Dingen bes&auml;sse, die er in seiner Rede
+behandelt.</p>
+<p>Oft h&ouml;rt man denn auch Klagen &uuml;ber unbefugte Einmengung.
+Oft wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik
+bek&auml;mpft, indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt,
+die Kompetenz abgesprochen wird, und vielleicht w&auml;re es nicht
+uninteressant, eine Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen,
+die jemanden befugt machen, &uuml;ber Befugtheit zu urteilen. Meistens
+wird eine wichtige Frage nicht an der Sache gepr&uuml;ft, um die es
+sich bei dieser Frage handelt, sondern sie wird bemessen nach dem Wert,
+den man der Meinung des Mannes beimisst, der dar&uuml;ber das Wort
+f&uuml;hrt, und da dies meistens die Person ist, die als eine
+&raquo;Spezialit&auml;t&laquo; gilt, in der Regel jemand, &raquo;der in
+Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat&laquo;, so folgt
+hieraus, dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der
+Irrt&uuml;mer tr&auml;gt, die nun einmal von &raquo;diesen gewichtigen
+Stellungen&laquo; untrennbar scheinen. Wenn dies schon seine Geltung
+hat, wo der Einfluss sothaner Spezialit&auml;t von einem Mitglied der
+Volksvertretung ausge&uuml;bt wird, wie gross wird dann erst die
+Gewissheit verkehrter Urteilsbildung, wenn solcher Einfluss gepaart
+geht mit dem Vertrauen des K&ouml;nigs, der sich zwingen liess, solch
+eine Spezialit&auml;t an die Spitze seines Ministeriums f&uuml;r die
+Kolonien zu setzen.</p>
+<p>Es ist eine eigent&uuml;mliche Erscheinung&mdash;herzuleiten
+vielleicht aus einer Art Tr&auml;gheit, die die M&uuml;he dies
+Selbst-Urteilens scheut&mdash;wie leicht man Personen Vertrauen
+schenkt, die sich den Schein h&ouml;herer Kenntnis zu geben wissen,
+sobald nur diese Kenntnis aus Quellen gesch&ouml;pft sein kann, die
+nicht jedem zug&auml;nglich sind. Die Ursache liegt vielleicht darin,
+dass durch die Anerkennung eines <span class="letterspaced">derartigen</span> &Uuml;bergewichts die Eigenliebe
+weniger gekr&auml;nkt wird, als es der Fall sein w&uuml;rde, wenn man
+sich derselben H&uuml;lfsmittel <span class="pagenum">[<a id="pb255"
+href="#pb255" name="pb255">255</a>]</span>h&auml;tte bedienen
+k&ouml;nnen, wodurch etwas wie Wetteifer entstehen w&uuml;rde. Es
+f&auml;llt dem Volksvertreter leicht, seine Empfindlichkeit aufzugeben,
+sobald ihn jemand bek&auml;mpft, von dem man annehmen kann, dass er ein
+zutreffenderes Urteil f&auml;llt als er, wenn nur diese vorausgesetzte
+gr&ouml;ssere Zutreffendheit nicht pers&ouml;nlicher T&uuml;chtigkeit
+zugeschrieben werden braucht&mdash;deren Anerkennung schwerer fallen
+w&uuml;rde&mdash;sondern allein den besonderen Umst&auml;nden, die sich
+diesem Gegner g&uuml;nstig erwiesen.</p>
+<p>Und ohne von denen zu reden, &raquo;die solche hohen Stellungen in
+Indien einnahmen&laquo;: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach
+der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen, was
+diese Anerkennung rechtfertigt, als die &raquo;Erinnerung an einen
+soundsovielj&auml;hrigen Aufenthalt in diesen Gegenden&laquo;. Das ist
+um so mehr merkw&uuml;rdig, als sie, die Gewicht auf solchen
+Beweisgrund legen, doch nicht bereitwillig alles annehmen w&uuml;rden,
+was ihnen von irgend einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder
+f&uuml;nfzig Jahre in Niederland gewohnt, &uuml;ber den Haushalt des
+Niederl&auml;ndischen Staates gesagt werden w&uuml;rde. Es giebt
+Personen, die sich ebenso lange in Niederl&auml;ndisch-Indien
+aufhielten, ohne je mit der Bev&ouml;lkerung oder mit Inl&auml;ndischen
+H&auml;uptlingen in Ber&uuml;hrung gekommen zu sein, und es ist
+betr&uuml;bend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen
+Teil aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst
+Mittel gefunden hat, den K&ouml;nig Ernennungen von Leuten zum
+Generalgouverneur zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von
+Spezialit&auml;ten geh&ouml;ren.</p>
+<p>Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten
+Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn f&uuml;r
+ein Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von
+Genies anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin
+best&auml;nde, dass man einen so wichtigen Posten fortw&auml;hrend
+unbesetzt liesse, spricht noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie
+w&uuml;rde unter dem Ministerium f&uuml;r die Kolonien nicht arbeiten
+<span class="pagenum">[<a id="pb256" href="#pb256" name="pb256">256</a>]</span>k&ouml;nnen und also unbrauchbar sein f&uuml;r
+den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach
+sind.</p>
+<p>Es w&auml;re vielleicht zu w&uuml;nschen, dass die von mir in der
+Form einer Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptm&auml;ngel die
+Beachtung derjenigen erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts
+berufen sind. Vor allem die Wichtigkeit betonend, dass all die
+Personen, die f&uuml;r den Posten des Generalgouverneurs in Vorschlag
+gebracht werden, rechtschaffen seien und im Besitz eines
+Fassungsverm&ouml;gens, das sie einigermassen bef&auml;higt, zu lernen,
+was sie werden wissen m&uuml;ssen, halte ich es darnach f&uuml;r sehr
+notwendig, dass man mit einigem begr&uuml;ndeten Vertrauen von den
+Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang,
+und vor allem jener apathischen Schl&auml;frigkeit in den letzten
+Jahren ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf
+hingewiesen, dass Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf
+den Beistand des Generalgouverneurs vermeinte st&uuml;tzen zu
+k&ouml;nnen, und ich f&uuml;gte hinzu, &raquo;dass diese Meinung naiv
+war&laquo;. Dieser Generalgouverneur erwartete seinen Nachfolger: die
+Ruhe in Niederland winkte!</p>
+<p>Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak,
+Havelaar und auch dem Javanen <span class="letterspaced">Sa&iuml;djah</span> eingebracht hat, zu dessen
+eint&ouml;niger Geschichte&mdash;<span class="letterspaced">einer</span> unter sehr vielen!&mdash;ich jetzt
+&uuml;bergehe.</p>
+<p>Ja, eint&ouml;nig wird sie sein! Eint&ouml;nig wie die
+Erz&auml;hlung von der Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum
+Wintervorrat den Erdklumpen&mdash;den Berg&mdash;hinanschleppen muss,
+der auf dem Wege zur Vorratskammer liegt. Jedesmal f&auml;llt sie
+zur&uuml;ck mit ihrer Fracht, um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie
+wohl endlich festen Fuss fassen werde auf dem Steinchen dort
+oben&mdash;auf dem Felsen, der den Berg kr&ouml;nt. Aber zwischen ihr
+und diesem Gipfel ist ein Abgrund, der &uuml;berholt werden muss ...
+eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht ausf&uuml;llen w&uuml;rden. Darum
+muss sie, die nur eben die Kraft hat, ihre Last, die viele Male
+schwerer ist als ihr eigener K&ouml;rper, auf ebenem Grund
+fortzuschleppen, <span class="pagenum">[<a id="pb257" href="#pb257"
+name="pb257">257</a>]</span>sich weit emporheben und sich auf einem
+schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss das Gleichgewicht
+bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last zwischen ihren
+Vorderf&uuml;sschen. Sie muss sie umklammern und muss in steter
+Aufw&auml;rtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der Felswand
+hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt, sie erstickt,
+die Kraft verl&auml;sst sie, sie sucht sich an dem halb entwurzelten
+Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe weist&mdash;ein
+Grashalm!&mdash;sie findet nicht den St&uuml;tzpunkt, den sie sucht:
+der Baum schnellt zur&uuml;ck&mdash;der Grashalm weicht unter ihrem
+Fuss&mdash;ach, die &Auml;rmste st&uuml;rzt in die Tiefe mit ihrer
+Fracht. Dann ist sie einen Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde
+lang&mdash;was viel ist in dem Leben einer Ameise. Ob sie bet&auml;ubt
+ist von dem Schmerz ihres Sturzes? Oder &uuml;berl&auml;sst sie sich
+missmutiger Stimmung, da soviel Anspannung eitel war? Doch sie verliert
+den Mut nicht. Wieder ergreift sie ihre Last und wieder schleppt sie
+sie nach oben, um darauf noch einmal und immer noch einmal in die Tiefe
+niederzust&uuml;rzen.</p>
+<p>So eint&ouml;nig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen
+will ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der
+Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erz&auml;hlen von
+Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings, wer
+R&uuml;hrung scheut und l&auml;stigem Mitleid entgehen will, der wird
+sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun&mdash;viele nennen sie
+schwarz&mdash;und f&uuml;r diese ist die Abweichung in der Farbe Grund
+genug, ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten,
+<span class="letterspaced">wenn</span> sie darauf niedersehen, es zu
+thun sonder R&uuml;hrung.</p>
+<p>Meine Erz&auml;hlung ist also allein an diejenigen gerichtet, die
+f&auml;hig sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen
+unter dieser dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und
+dem damit verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und
+Gotteskenntnis, Tugend ... dass <span class="letterspaced">der</span>
+seine schimmernd weissen Qualit&auml;ten auf andere Weise zur Geltung
+bringen k&ouml;nnte, als es bis jetzt diejenigen <span class="pagenum">[<a id="pb258" href="#pb258" name="pb258">258</a>]</span>erfahren haben, die minder gesegnet sind in
+Bezug auf Hautfarbe und allerhand Seelenvortrefflichkeit.</p>
+<p>Mein Vertrauen auf Mitgef&uuml;hl mit den Javanen geht jedoch nicht
+so weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten B&uuml;ffel
+aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der
+Niederl&auml;ndischen Autorit&auml;t ... wenn ich hinter dem
+weggef&uuml;hrten Rinde her den Eigner folgen lasse mit seinen
+weinenden Kindern ... wenn ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe
+vor des R&auml;ubers Hause, sprachlos, wesenlos und versunken in
+Schmerz ... wenn ich ihn von da verjagen lasse mit Hohn und Schmach,
+mit Androhung von Stockpr&uuml;geln und Blockgef&auml;ngnis ... seht,
+ich fordere nicht&mdash;noch erwarte ich, o
+Niederl&auml;nder!&mdash;dass ihr euch dadurch in gleichem Masse
+ergreifen lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte,
+dem man seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thr&auml;ne bei den
+Thr&auml;nen, die &uuml;ber so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen
+Zorn, wenn ich von der Verzweiflung der Beraubten sprechen werde.
+Ebensowenig erwarte ich, dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche
+in der Hand vor den K&ouml;nig tretet und sagt: &raquo;Sieh, o
+K&ouml;nig, das geschieht in <span class="letterspaced">deinem</span>
+Reich, in deinem sch&ouml;nen Reiche Insulinde!&laquo;</p>
+<p>Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der
+N&auml;he macht sich Meister eures Gef&uuml;hls, als dass es euch
+<span class="letterspaced">so</span> viel Gef&uuml;hl &uuml;berliesse
+f&uuml;r etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven in
+Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen
+Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den
+weltber&uuml;hmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der
+Unbedeutendheit B? Und habt ihr nicht eure teuren Thr&auml;nen f&uuml;r
+ernstere Dinge n&ouml;tig als ... doch was brauche ich mehr zu sagen!
+War es nicht gestern flau auf der B&ouml;rse, und drohte nicht etwas
+lebhafterer Import dem Kaffeemarkt mit Sinken? <span class="pagenum">[<a id="pb259" href="#pb259" name="pb259">259</a>]</span></p>
+<p>&raquo;Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa,
+Stern!&laquo; habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas
+hitzig, denn ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester
+Grundsatz bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten
+Stern geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen
+und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein m&uuml;sse, denn
+der Kaffee steht sehr gut.</p>
+<p>Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anh&ouml;ren dieser letzten
+Kapitel wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein
+Solit&auml;rspiel gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs
+Kr&auml;nzchen. Hatte ich nicht recht, als ich sagte, dass dieser
+Shawlmann alle toll gemacht hat mit seinem Paket? Sollte man aus all
+dem Geschreib von Stern&mdash;und Fritz macht auch mit, das ist
+gewiss!&mdash;wohl junge Leute wiedererkennen, die in einem vornehmen
+Hause erzogen werden? Was f&uuml;r alberne Ausf&auml;lle sind das gegen
+eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz
+&auml;ussert? Ist das auf mich gem&uuml;nzt? Darf ich nicht nach
+Driebergen gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von
+Bauchwehanf&auml;llen in Gesellschaft von Frauen und M&auml;dchen? Es
+ist ein fester Grundsatz bei mir, immer m&auml;ssig und gelassen zu
+bleiben&mdash;denn ich halte das f&uuml;r n&uuml;tzlich in
+Gesch&auml;ften&mdash;doch ich muss sagen, dass es mich manchmal grosse
+M&uuml;he kostete beim Anh&ouml;ren von all dem &uuml;berspannten Kram,
+den Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann
+kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser
+Havelaar seinen Garten sch&ouml;n in Stand h&auml;lt, und ob die
+Menschen bei ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck &amp;
+Waterman muss man durch einen ganz schmalen Gang, an einem
+&Ouml;lspeicher entlang, wo es ganz muffig und dreckig ist. Und dann
+das lange Gesaires &uuml;ber die B&uuml;ffel! Was brauchen sie
+B&uuml;ffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe noch niemals einen
+B&uuml;ffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt Menschen, die ewig
+klagen. Und was das Schimpfen auf die <span class="pagenum">[<a id="pb260" href="#pb260" name="pb260">260</a>]</span>Zwangsarbeit
+betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht
+geh&ouml;rt hat, sonst w&uuml;rde er wissen, wie n&uuml;tzlich dieses
+Arbeiten f&uuml;r die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings,
+er ist lutherisch.</p>
+<p>O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung h&auml;tte haben k&ouml;nnen,
+<span class="letterspaced">wie</span> er das Buch schreiben w&uuml;rde,
+das von solcher Bedeutung werden muss f&uuml;r alle Makler in
+Kaffee&mdash;und f&uuml;r andere&mdash;dann h&auml;tte ich&rsquo;s
+lieber selbst gethan. Doch hat er eine St&uuml;tze an den Rosemeyers,
+die in Zucker machen, und das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus
+gesagt&mdash;denn ich bin aufrichtig in solchen Sachen&mdash;dass wir
+uns die Geschichte von dem Sa&iuml;djah wohl w&uuml;rden schenken
+k&ouml;nnen, aber da kriegte ich es auf einmal mit Luise Rosemeyer zu
+thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat, dass was von Liebe drin
+vorkommen sollte, und da sind solche M&auml;dchen toll nach. Ich
+w&uuml;rde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken lassen, wenn
+mir nur die Rosemeyers nicht gesagt h&auml;tten, dass sie gern mit
+Sterns Vater Bekanntschaft machen m&ouml;chten. Das nat&uuml;rlich nur
+deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker
+macht. Wenn ich nun zu stark f&uuml;r den gesunden Menschenverstand
+Partei ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf
+mich, als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus
+nicht der Fall, denn sie machen in Zucker.</p>
+<p>Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib
+kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun
+sch&ouml;n, der er soviel Gutes geniesst in Holland&mdash;diese Woche
+noch hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebr&uuml;ht&mdash;steht es ihm
+wohl gut, dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die
+allgemeine Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er
+Generalgouverneur werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu
+<span class="letterspaced">wollen</span>, meine ich. Ich stellte
+vorgestern diesbez&uuml;glich eine Frage an ihn und f&uuml;gte
+geradeaus hinzu, dass sein Holl&auml;ndisch noch sehr mangelhaft sei.
+&raquo;O, damit hat&rsquo;s keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint
+nur selten ein General-gouverneur <span class="pagenum">[<a id="pb261"
+href="#pb261" name="pb261">261</a>]</span>dorthin geschickt zu werden,
+der die Sprache des Landes versteht.&laquo; Was soll ich nun anfangen
+mit so einem Naseweis? Er hat nicht den geringsten Respekt vor meiner
+Erfahrung. Als ich ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn
+Jahre Makler w&auml;re und schon zwanzig Jahre die B&ouml;rse besuchte,
+f&uuml;hrte er Busselinck &amp; Waterman an, die schon achtzehn Jahre
+Makler sind, und, sagte er, &raquo;die haben also <span class="letterspaced">ein</span> Jahr Erfahrung mehr&laquo;. So fing er mich,
+denn ich muss, weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass
+Busselinck &amp; Waterman wenig vom Gesch&auml;ft verstehen und dass es
+niedertr&auml;chtige Pfuscher sind.</p>
+<p>Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche&mdash;sie war an
+der Reihe mit dem Vorlesen beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, und wir waren bei
+der Geschichte von Lot&mdash;hielt sie pl&ouml;tzlich auf und wollte
+nicht weiterlesen. Meine Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion
+h&auml;lt, suchte sie mit G&uuml;te zum Gehorsam zu bewegen, weil es
+sich doch f&uuml;r ein sittsames M&auml;dchen nicht passt, so
+eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste ich als Vater mit
+grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb mit ihrer
+Hartn&auml;ckigkeit die Morgenerbauung beim Fr&uuml;hst&uuml;ck, was
+immer ung&uuml;nstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit
+ihr anzufangen, und sie ging <span class="letterspaced">so</span> weit,
+dass sie sagte, sie wollte lieber totgeschlagen werden, als dass sie
+weiterl&auml;se. Ich habe sie mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei
+Kaffee und Brot, und hoffe, dass ihr das gut thun wird. Um zugleich
+diese Strafe f&uuml;r die sittliche Besserung dienen zu lassen, habe
+ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das sie nicht lesen wollte, zehnmal
+abzuschreiben, und ich bin zu dieser Strenge vor allem
+&uuml;bergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in der letzten
+Zeit&mdash;ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht&mdash;Ansichten
+angenommen hat, die mir gef&auml;hrlich f&uuml;r die Sittlichkeit
+scheinen, auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie
+unter anderm ein franz&ouml;sisches Lied singen h&ouml;ren&mdash;von
+B&eacute;ranger, glaube ich&mdash;worin eine arme alte Bettlerin
+beklagt wird, die in ihrer Jugend an einem Theater <span class="pagenum">[<a id="pb262" href="#pb262" name="pb262">262</a>]</span>sang, und gestern erschien sie beim
+Fr&uuml;hst&uuml;ck ohne Korsett&mdash;unsere Marie, meine
+ich&mdash;was doch nicht anst&auml;ndig ist.</p>
+<p>Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen
+hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen &uuml;ber sein
+Stillsitzen in der Kirche. Er r&uuml;hrte sich nicht und wandte kein
+Auge von der Kanzel, doch sp&auml;ter erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer
+im Taufgest&uuml;hle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt,
+denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die
+Rosemeyers sind ein anst&auml;ndiges Haus. Sie haben ihrer
+&auml;ltesten Tochter, die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist,
+eine recht nette Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so
+etwas Fritz vom Westermarkt abh&auml;lt, was mir sehr angenehm ist,
+denn ich gebe soviel auf Sittlichkeit.</p>
+<p>Allein dies hindert nicht, dass es mich &auml;rgert, zu sehen, wie
+Fritz sein Herz verh&auml;rtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig
+war wie er, da er keinen Vater hatte, der ihm immerw&auml;hrend den
+rechten Weg wies, denn von dem <span class="letterspaced">alten</span>
+Pharao sagt die <span class="letterspaced">Schrift</span> nichts.
+Pastor Wawelaar klagt &uuml;ber seine Anmassendheit&mdash;&uuml;ber
+Fritzens, meine ich&mdash;in der Katechismusstunde, und der Junge
+scheint&mdash;nat&uuml;rlich wieder aus dem Paket von
+Shawlmann&mdash;eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben, die den
+sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist
+r&uuml;hrend, wie der w&uuml;rdige Mann, der h&auml;ufig Kaffee bei uns
+trinkt, bei Fritz auf das Gef&uuml;hl zu wirken sucht, und wie der
+Bengel jedesmal neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit
+seines Gem&uuml;ts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten
+Paket von Shawlmann! Mit Thr&auml;nen der R&uuml;hrung auf den Wangen
+versucht der eifrige Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen
+von der Weisheit nach dem Menschen, um eingef&uuml;hrt zu werden in die
+Geheimnisse der Weisheit Gottes. Mit Milde und Z&auml;rtlichkeit fleht
+er ihn an, doch nicht das Brot des ewigen Lebens zu verwerfen und
+solchermassen in Satans Klauen zu fallen, der mit seinen Engeln das
+Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist f&uuml;r alle Ewigkeit. &raquo;O,
+sagte er <span class="pagenum">[<a id="pb263" href="#pb263" name="pb263">263</a>]</span>gestern&mdash;Wawelaar meine ich&mdash;o, mein
+junger Freund, &ouml;ffnen Sie doch die Augen und die Ohren und
+h&ouml;ren Sie und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu h&ouml;ren und zu
+sehen durch meinen Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die
+gestorben sind f&uuml;r den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er
+niedersinkt unter den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie,
+wie noch sein Blick zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge
+Psalmen singt ...&laquo;</p>
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte lieber wiedergeschmissen!&laquo; sagte Fritz
+darauf.&mdash;Leser, was soll ich mit dem Jungen anfangen?</p>
+<p>Einen Augenblick sp&auml;ter begann Wawelaar aufs neue, denn er ist
+ein eifriger Knecht Gottes und l&auml;sst nicht ab von der Arbeit.
+&raquo;O, junger Freund, sagte er, &ouml;ffnen Sie doch,&laquo; ... der
+Anfang war so wie vorhin. &raquo;Doch, fuhr er fort, k&ouml;nnen Sie
+unbewegt bleiben, wenn Sie bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn
+Sie einmal werden gez&auml;hlt werden zu den B&ouml;cken auf der linken
+Seite ...&laquo;</p>
+<p>Da brach der Taugenichts in Gel&auml;chter aus&mdash;Fritz, meine
+ich&mdash;und auch Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie
+Lachen auf dem Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich
+Wawelaar zu H&uuml;lfe gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus
+seinem Spartopf belegt, die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden
+soll.</p>
+<p>Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei
+solchem Kummer sich damit erg&ouml;tzen, Geschichten anzuh&ouml;ren
+&uuml;ber B&uuml;ffel und Javanen? Was ist ein B&uuml;ffel im Vergleich
+zu Fritzens Seligkeit? Was gehen mich die Angelegenheiten der Menschen
+in weiter Ferne an, wenn ich f&uuml;rchten muss, dass Fritz durch
+seinen Unglauben, meinen eigenen Angelegenheiten Verderben bringt und
+dass er niemals ein t&uuml;chtiger Makler werden wird? Denn Wawelaar
+hat es selbst gesagt, dass Gott alles <span class="letterspaced">so</span> regiert, dass Rechtgl&auml;ubigkeit zum
+Reichtum f&uuml;hrt. &raquo;Sehet nur, sagte er, ist nicht viel
+Reichtum in Niederland? Das kommt vom Glauben her. Ist nicht in
+Frankreich h&auml;ufig Mord und Totschlag? Das kommt daher, dass sie
+dort katholisch sind. Sind nicht <span class="pagenum">[<a id="pb264"
+href="#pb264" name="pb264">264</a>]</span>die Javanen arm? Es sind
+Heiden. Je l&auml;nger die Holl&auml;nder mit den Javanen Umgang
+pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut da
+dr&uuml;ben. Das ist Gottes Wille so!&laquo;</p>
+<p>Ich bin erstaunt &uuml;ber Wawelaars Einsicht in
+Gesch&auml;ftssachen. Denn es ist Thatsache, dass ich, der ich streng
+auf Religion halte, meine Gesch&auml;fte von Jahr zu Jahr weitere
+Fortschritte nehmen sehe, w&auml;hrend die Busselinck &amp; Waterman,
+die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas geben, ihr Leben lang
+niedertr&auml;chtige Pfuscher bleiben werden. Auch die Rosemeyers, die
+in Zucker machen und ein katholisches M&auml;dchen halten, haben
+unl&auml;ngst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen
+m&uuml;ssen, der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme
+ich in der Ergr&uuml;ndung von Gottes unerforschlichen Wegen.
+K&uuml;rzlich hat es sich gezeigt, dass wieder dreissig Millionen
+Reingewinn erzielt sind durch den Verkauf von Produkten, die die Heiden
+geliefert haben, und darin ist nicht einmal eingerechnet, was
+<span class="letterspaced">ich</span> daran verdient habe und die
+vielen andern, die von diesen Gesch&auml;ften leben. Ist das nun nicht
+so, als ob der Herr sagte: &raquo;siehe da, dreissig Millionen zur
+Belohnung eures Glaubens&laquo;? Zeigt sich da nicht deutlich der
+Finger Gottes, der den B&ouml;sen l&auml;sset arbeiten, dass er den
+Gerechten erhalte? Ist das nicht ein Wink, auf dem guten Wege
+fortzuschreiten? Ein Wink, da dr&uuml;ben viel hervorbringen zu lassen,
+und hier auszuharren im wahren Glauben? Heisst es nicht <span class="letterspaced">darum</span> &raquo;betet und arbeitet&laquo;, dass wir
+beten sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun
+lassen, das kein Vaterunser kennt?</p>
+<p>O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie
+leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in den
+Vierzigern und k&ouml;nnte austreten, wenn ich wollte, und nach
+Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abl&auml;uft,
+die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit seiner
+Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist bleich wie
+der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen sind
+<span class="pagenum">[<a id="pb265" href="#pb265" name="pb265">265</a>]</span>hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch
+j&uuml;nger ist als ich. Auch sie war sehr &auml;rmlich gekleidet und
+schien wieder geweint zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass
+sie unzufrieden von Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu
+sehen, um ihn zu beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte
+eine Mantille von schwarzer Seide umh&auml;ngen, und es war doch sehr
+kalt. Von Krinoline keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um
+die Kniee, und am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen
+Shawl um und sah aus, als ob es Sommer w&auml;re. Doch scheint er noch
+eine Art trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau
+etwas, die auf der Br&uuml;cke sass, und wer selbst so wenig hat,
+s&uuml;ndigt, wenn er noch weggiebt an andere. &Uuml;brigens, ich gebe
+niemals was auf der Strasse&mdash;das ist Grundsatz bei mir&mdash;denn
+ich sage mir immer, wenn ich so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es
+nicht ihre eigene Schuld ist, und ich darf sie nicht best&auml;rken in
+ihrem unrechten Wandel. Sonntags gebe ich zweimal: einmal f&uuml;r die
+Armen und einmal f&uuml;r die Kirche. So ist es in der Ordnung. Ich
+weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen hat, aber ich ging schnell
+vorbei und guckte nach oben, und dachte an die Gerechtigkeit Gottes,
+der ihn doch nicht so ohne Winterrock laufen lassen w&uuml;rde, wenn er
+besser aufgepasst h&auml;tte und nicht faul, d&uuml;nkelhaft und
+kr&auml;nklich w&auml;re.</p>
+<p>Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um
+Entschuldigung bitten f&uuml;r die unverzeihliche Art, in der Stern
+unsern Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem
+kommenden Kr&auml;nzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem
+Sa&iuml;djah entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden
+Anschauungen ich bez&uuml;glich der Liebe habe ... man denke nur an
+meine Beurteilung der Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge
+M&auml;dchen so etwas nett finden, kann ich wohl begreifen, doch es ist
+mir unerkl&auml;rlich, dass M&auml;nner von Jahren solche Albernheiten
+ohne Ekel anh&ouml;ren. Mir ist sicher, dass ich auf dem <span class="pagenum">[<a id="pb266" href="#pb266" name="pb266">266</a>]</span>anstehenden Kr&auml;nzchen das Triolett von
+meinem Solit&auml;rspiel finde.</p>
+<p>Ich werde mir M&uuml;he geben, nichts von diesem Sa&iuml;djah zu
+h&ouml;ren, und hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn
+<span class="letterspaced">er</span> der Held der Liebesgeschichte ist.
+Es ist nur gut von Stern, dass er vorher gewarnt hat, es werde eine
+eint&ouml;nige Geschichte sein. Wenn er dann sp&auml;ter mit etwas
+anderm beginnt, werde ich wieder zuh&ouml;ren. Aber das Herunterreissen
+der Indischen Verwaltung missf&auml;llt mir fast ebensosehr wie
+Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und wenig
+Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles aus der
+N&auml;he sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im Haag
+gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin dort
+mit allen Gesellschaftsst&auml;nden in Ber&uuml;hrung gekommen, denn
+ich habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen
+Flanell gekauft in der Veenestraat&mdash;ich und meine Frau, meine
+ich&mdash;und nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von
+Unzufriedenheit mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden
+sah gl&uuml;cklich und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne
+uns weiszumachen suchten, dass im Haag nicht alles so st&auml;nde wie
+es sich geh&ouml;rte, habe ich auf dem Kr&auml;nzchen &uuml;ber diese
+Unzufriedenheit unumwunden meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn
+jeder wusste, dass ich aus Erfahrung sprach. Auch auf der
+R&uuml;ckreise mit der Postkutsche hat der Postillon &raquo;Freut euch
+des Lebens&laquo; geblasen, und das w&uuml;rde der Mann doch nicht
+gethan haben, wenn es so &uuml;bel stand. In dieser Weise habe ich auf
+alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre 1848 von all
+dem Murren zu denken hatte.</p>
+<p>Uns gegen&uuml;ber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen
+&raquo;Toko&laquo; offen h&auml;lt, wie sie dort einen Laden nennen.
+Wenn also alles so schlecht st&auml;nde, wie Stern sagt, so w&uuml;rde
+sie doch auch wohl etwas davon wissen, und es scheint doch, dass sie
+sehr zufrieden ist mit den Gesch&auml;ften, <span class="pagenum">[<a id="pb267" href="#pb267" name="pb267">267</a>]</span>denn
+ich h&ouml;re sie niemals klagen. Im Gegenteil, sie sagt, dass ihr
+Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er Mitglied vom Kirchenrat
+ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen Zigarrenbeh&auml;lter
+geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht h&auml;tte. Dies alles
+zeigt doch deutlich, wie unbegr&uuml;ndet das Gejammer &uuml;ber
+schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass f&uuml;r
+jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu
+verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul,
+d&uuml;nkelhaft und kr&auml;nklich gewesen ist, sonst w&uuml;rde er
+nicht so arm nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock
+herumlaufen. Und der Vetter von der Frau uns gegen&uuml;ber ist nicht
+der einzige, der im Osten sein Gl&uuml;ck gemacht hat. Im
+&raquo;Caf&eacute; Polen&laquo; hier bei uns in Amsterdam, wo so viele
+B&ouml;rsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen sind
+und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverst&auml;ndlich,
+aufs Gesch&auml;ft muss man acht geben, da dr&uuml;ben so gut wie hier.
+Auf Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es
+muss gearbeitet werden! Wer <span class="letterspaced">das</span> nicht
+will, ist arm und bleibt arm, das ist wohl selbstredend, und es ist
+auch gut so. <span class="pagenum">[<a id="pb268" href="#pb268" name="pb268">268</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch17" class="div1">
+<h2>Siebzehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Sa&iuml;djahs Vater hatte einen B&uuml;ffel, mit
+dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser B&uuml;ffel durch das
+Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr
+betr&uuml;bt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des
+Pfl&uuml;gens war nahe, und es war zu bef&uuml;rchten, dass, wenn man
+die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des S&auml;ens
+vor&uuml;bergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im
+Lombong des Hauses geborgen werden k&ouml;nnte.</p>
+<p>Ich muss hierbei f&uuml;r Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam
+kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft
+&raquo;pers&ouml;nliches Grundeigentum&laquo; besteht, was anderswo
+nicht der Fall ist.</p>
+<p>Sa&iuml;djahs Vater also war sehr bek&uuml;mmert. Er f&uuml;rchtete,
+dass seine Frau Reis n&ouml;tig haben werde, und auch Sa&iuml;djah, der
+noch ein Kind war, und die Br&uuml;derchen und Schwesterchen von
+Sa&iuml;djah.</p>
+<p>Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten
+verklagen, wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten
+zur&uuml;ckbleiben w&uuml;rde, denn darauf steht Gesetzesstrafe.</p>
+<p>Da nahm Sa&iuml;djahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem
+Vater war. Der Kris war nicht sehr sch&ouml;n, aber es waren silberne
+B&auml;nder um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war
+mit Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der
+am Hauptplatze wohnte, <span class="pagenum">[<a id="pb269" href="#pb269" name="pb269">269</a>]</span>und kam nach Hause mit
+vierundzwanzig Gulden, f&uuml;r welches Geld er einen anderen
+B&uuml;ffel kaufte.</p>
+<p><span class="letterspaced">Sa&iuml;djah</span>, der damals etwa
+sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen B&uuml;ffel schnell
+Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: Freundschaft,
+denn es ist in der That r&uuml;hrend, zu sehen, wie der javanische
+Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn h&uuml;tet und versorgt,
+anh&auml;ngt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts,
+links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, das
+es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.</p>
+<p>Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Sa&iuml;djah dem
+neuen Gast sehr bald einzufl&ouml;ssen gewusst, und Sa&iuml;djahs
+ermutigende Kinderstimme schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen
+Tieres noch mehr Kraft zu geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss
+und seinen Weg in tiefen, scharfen Furchen zeichnete. Der B&uuml;ffel
+wendete willig um, wenn er das Ende des Ackers erreicht hatte, und
+verlor nicht eines Daumens Breite Grund beim Zur&uuml;ckpfl&uuml;gen
+der neuen Furche, die jedesmal neben der alten lag, als w&auml;re die
+Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.</p>
+<p>Daneben lagen die Sawahs von <span class="letterspaced">Adindas</span> Vater, dem Vater des Kindes, das mit
+Sa&iuml;djah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Br&uuml;derchen
+an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Sa&iuml;djah da war
+mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fr&ouml;hlich zu und
+r&uuml;hmten um die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer
+B&uuml;ffel. Doch ich glaube, dass Sa&iuml;djahs der beste war,
+vielleicht wohl weil dieser ihm besser zuzusprechen wusste als die
+andern. Denn B&uuml;ffel haben viel Gef&uuml;hl f&uuml;r ein gutes
+Wort.</p>
+<p>Sa&iuml;djah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als
+dieser B&uuml;ffel Sa&iuml;djahs Vater durch das Distriktshaupt von
+Parang-Kudjang abgenommen wurde.</p>
+<p>Sa&iuml;djahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne
+Klambuhaken&mdash;Pusakas von den Eltern seiner Frau&mdash;f&uuml;r
+achtzehn Gulden. Und f&uuml;r dieses Geld kaufte er einen neuen
+B&uuml;ffel. <span class="pagenum">[<a id="pb270" href="#pb270" name="pb270">270</a>]</span></p>
+<p>Aber Sa&iuml;djah war betr&uuml;bt. Denn er wusste von den kleinen
+Br&uuml;dern Adindas, dass der vorige B&uuml;ffel nach dem Hauptplatz
+getrieben worden war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier
+nicht gesehen habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf
+diese Frage hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum
+f&uuml;rchtete er, dass sein B&uuml;ffel geschlachtet war, wie die
+andern B&uuml;ffel, die das Distriktshaupt der Bev&ouml;lkerung
+abnahm.</p>
+<p>Und Sa&iuml;djah weinte viel, wenn er an den armen B&uuml;ffel
+dachte, mit dem er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er
+konnte nicht essen, lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn
+er schluckte.</p>
+<p>Man bedenke, dass Sa&iuml;djah ein Kind war.</p>
+<p>Der neue B&uuml;ffel lernte Sa&iuml;djah kennen und nahm in der
+Geneigtheit des Kindes sehr schnell den Platz seines Vorg&auml;ngers
+ein. Allzu schnell eigentlich. Denn ach, die Wachseindr&uuml;cke
+unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um Platz zu machen
+f&uuml;r sp&auml;tere Schrift! Wie dem auch sei, der neue B&uuml;ffel
+war nicht so stark wie der vorige ... wohl war das alte Joch zu weit
+f&uuml;r seinen Nacken ... aber das arme Tier war willig wie sein
+Vorg&auml;nger, der geschlachtet war, und konnte gleich Sa&iuml;djah
+beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Br&uuml;derchen die
+Kraft seines B&uuml;ffels nicht besonders r&uuml;hmen, er behauptete
+doch, dass kein anderer den seinen an gutem Willen &uuml;bertr&auml;fe.
+Und wenn die Furche nicht so gradlinig wie fr&uuml;her war oder wenn
+Erdklumpen undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er
+gern mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein B&uuml;ffel
+hatte ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja
+gesagt, dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den
+Hinterbl&auml;ttern.</p>
+<p>Einstmals auf dem Felde rief Sa&iuml;djah seinem B&uuml;ffel
+vergebens zu, eilig am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da.
+&Uuml;berrascht &uuml;ber so grosse und vor allem so ungewohnte
+Widerspenstigkeit, konnte er sich nicht enthalten, einen Schimpf
+auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, der in Indien <span class="pagenum">[<a id="pb271" href="#pb271" name="pb271">271</a>]</span>gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich
+nicht versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erkl&auml;rung
+eines groben Ausdrucks erspare.</p>
+<p>Sa&iuml;djah meinte gleichwohl nichts B&ouml;ses damit. Er sagte es
+nur, weil er es so mehrmals von andern hatte sagen h&ouml;ren, wenn sie
+&uuml;ber ihre B&uuml;ffel ungehalten waren. Aber er h&auml;tte nichts
+zu sagen brauchen, denn es half nichts: sein B&uuml;ffel that keinen
+Schritt vorw&auml;rts. Er sch&uuml;ttelte den Kopf, als wollte er das
+Joch abwerfen ... man sah ihn den Atem aus seinen N&uuml;stern blasen
+... er schnob, bebte, schauderte ... Angst war in seinem blauen Auge,
+und die Lefze war aufgezogen, sodass das Zahnfleisch bloss lag ...</p>
+<p>&raquo;Fliehe, fliehe,&laquo; riefen auf einmal Adindas
+Br&uuml;derchen, &raquo;Sa&iuml;djah, fliehe! da ist ein
+Tiger!&laquo;</p>
+<p>Und alle entledigten ihre B&uuml;ffel der Pflugjoche und schwangen
+sich auf die breiten R&uuml;cken und galloppierten davon durch Sawahs,
+&uuml;ber Galangans, durch Schlamm, durch Kr&uuml;ppelholz und
+Buschwerk und hohes Alanggras, l&auml;ngs der Felder und Wege, und als
+sie schnaubend und schwitzend ins Dorf Badur einritten, war
+Sa&iuml;djah nicht unter ihnen.</p>
+<p>Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten B&uuml;ffel
+bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein
+unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und ihn
+zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...</p>
+<p>Sa&iuml;djahs B&uuml;ffel, durch eigene Schwungkraft
+vorw&auml;rtsgetrieben, schoss um einige S&auml;tze an dem Fleck
+vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod wartete. Das Tier war nur
+infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine Absicht weiter an
+Sa&iuml;djah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft
+&uuml;berwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende
+Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zur&uuml;ck, setzte auf
+seine ungeschlachten F&uuml;sse den ungeschlachten Leib gleich einem
+Dach &uuml;ber das Kind und kehrte seine geh&ouml;rnte Stirn dem Tiger
+zu. Dieser sprang ... aber er sprang zum letztenmal. Der B&uuml;ffel
+fing ihn <span class="pagenum">[<a id="pb272" href="#pb272" name="pb272">272</a>]</span>mit seinen H&ouml;rnern auf, er selbst verlor
+nur ein St&uuml;ck Fleisch, das der Tiger ihm am Halse ausschlug. Der
+Angreifer lag da mit aufgeschlitztem Bauch, Sa&iuml;djah war gerettet.
+Wirklich war da Ontong gewesen in dem User-useran dieses
+B&uuml;ffels!</p>
+<p>Als dieser B&uuml;ffel Sa&iuml;djahs Vater abgenommen war und
+geschlachtet ...</p>
+<p>ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eint&ouml;nig
+ist!</p>
+<p>... als dieser B&uuml;ffel geschlachtet war, z&auml;hlte
+Sa&iuml;djah schon 12 Jahre, und Adinda wob schon Sarongs, und
+&raquo;batikte&laquo; sie mit Kapalas. Sie hatte schon Gedanken in den
+Lauf ihres &sbquo;Farbschiffchens&lsquo; zu bringen, und sie zeichnete
+Betr&uuml;btheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Sa&iuml;djah sehr
+traurig gesehen.</p>
+<p>Und auch Sa&iuml;djahs Vater war sehr betr&uuml;bt, doch seine
+Mutter am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen
+Tieres geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte,
+w&auml;hrend sie auf die Erz&auml;hlung von Adindas Br&uuml;derchen
+geglaubt hatte, dass es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte
+die Wunde so oft mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die
+Krallen, die so weit in die rauhen Fasern des B&uuml;ffels eindrangen,
+in den weichen Leib ihres Kindes eingedrungen sein m&ouml;chten, und
+oft, wenn sie frische Heilkr&auml;uter auf die Wunde gelegt hatte,
+streichelte sie den B&uuml;ffel und sprach ihm einige freundliche Worte
+zu, damit das gute, treue Tier doch wissen sollte, wie dankbar eine
+Mutter ist. Sie hoffte sp&auml;ter, dass der B&uuml;ffel sie doch
+verstanden haben m&ouml;chte, denn dann h&auml;tte er auch ihr Jammern
+begriffen, als er weggef&uuml;hrt wurde, um geschlachtet zu werden, und
+er h&auml;tte dann gewusst, dass es nicht Sa&iuml;djahs Mutter war, die
+ihn schlachten liess.</p>
+<p>Einige Zeit darnach fl&uuml;chtete Sa&iuml;djahs Vater aus dem
+Lande. Denn er hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine
+Landrente nicht bezahlen w&uuml;rde, und er hatte kein Pusaka mehr, um
+einen neuen B&uuml;ffel zu kaufen, da seine <span class="pagenum">[<a id="pb273" href="#pb273" name="pb273">273</a>]</span>Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten
+und ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau
+wohnten dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten
+B&uuml;ffels hielt er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem
+er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr
+undankbares Arbeiten, und vor allem verdriesslich f&uuml;r jemanden,
+der im Besitz von einigen B&uuml;ffeln gewesen. Sa&iuml;djahs Mutter
+starb vor Kummer, und da war es, dass sein Vater sich in einem
+Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak und aus Bantam fortmachte, um im
+Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er wurde mit Stockschl&auml;gen
+bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen hatte, und durch die
+Polizei nach Badur zur&uuml;ckgebracht. Hier wurde er ins
+Gef&auml;ngnis gebracht, weil man ihn f&uuml;r irrsinnig hielt, was
+nicht so befremdend gewesen w&auml;re, und weil man f&uuml;rchtete, er
+werde, in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere
+Verkehrtheiten begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz
+darauf starb.</p>
+<p>Was aus den Br&uuml;dern und Schwestern Sa&iuml;djahs geworden ist,
+weiss ich nicht. Das H&auml;uschen, das sie zu Badur bewohnten, stand
+einige Zeit leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut
+und mit Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den
+Fleck, wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in
+Lebak.</p>
+<p>Sa&iuml;djah war f&uuml;nfzehn Jahre alt, als sein Vater nach
+Buitenzorg verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit
+gr&ouml;sseren Pl&auml;nen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia
+sehr viele Herren seien, die in Bendies f&uuml;hren, sodass er also
+dort leicht eine Stelle als Bendiejunge finden m&uuml;sse, wozu man
+gew&ouml;hnlich jemanden w&auml;hlt, der noch jung und unausgewachsen
+ist, um nicht durch zu grosse Last hinten auf dem zweir&auml;drigen
+Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es w&auml;re, hatte man ihm
+versichert, bei guter F&uuml;hrung ein gut St&uuml;ck Geld bei solchem
+Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar w&uuml;rde er auf diese Weise
+binnen drei Jahren genug ersparen k&ouml;nnen, um zwei B&uuml;ffel zu
+kaufen. Diese <span class="pagenum">[<a id="pb274" href="#pb274" name="pb274">274</a>]</span>Aussicht lachte ihm entgegen. Mit
+selbstbewusstem Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat,
+trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr
+seinen Plan mit.</p>
+<p>&mdash;Denk&rsquo; doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir
+alt genug sein, zu freien, und wir werden dann zwei B&uuml;ffel
+haben!</p>
+<p>&mdash;Pr&auml;chtig, Sa&iuml;djah, ich will gern zu dir gehen, wenn
+du wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und
+batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.</p>
+<p>&mdash;O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet
+finde?</p>
+<p>&mdash;Sa&iuml;djah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem
+ehelichen werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.</p>
+<p>&mdash;Und du selbst?</p>
+<p>&mdash;Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!</p>
+<p>&mdash;Wenn ich zur&uuml;ckkomme, werde ich von ferne rufen ...</p>
+<p>&mdash;Wer soll es h&ouml;ren, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?</p>
+<p>&mdash;Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich
+bei dem Djatigeh&ouml;lz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die
+Melattiblume gegeben hast.</p>
+<p>&mdash;Aber, Sa&iuml;djah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen
+muss, um dich bei dem Ketapan zu erwarten?</p>
+<p>Sa&iuml;djah bedachte sich einen Augenblick und sagte:</p>
+<p>&mdash;Z&auml;hl&rsquo; die Monde. Ich werde drei-mal-zw&ouml;lf
+Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide
+eine Kerbe bei jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du
+drei-mal-zw&ouml;lf Kerben eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der
+darauf folgt, bei dem Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da
+bist?</p>
+<p>&mdash;Ja, Sa&iuml;djah, ich werde unter dem Ketapan beim
+Djatigeh&ouml;lz sein, wenn du zur&uuml;ckkommst.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Nun riss Sa&iuml;djah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das
+sehr verschlissen war, und er gab das St&uuml;ckchen <span class="pagenum">[<a id="pb275" href="#pb275" name="pb275">275</a>]</span>Leinwand Adinda, damit sie es als Pfand bewahre.
+Und darauf verliess er sie und Badur.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das
+derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung,
+wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er
+Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag
+sp&auml;ter kam er in Serang an, und er stand &uuml;berw&auml;ltigt von
+der Pracht eines so grossen Platzes mit vielen H&auml;usern, gebaut aus
+Stein und gedeckt mit roten Ziegeln. Sa&iuml;djah hatte dergleichen nie
+gesehen. Er blieb dort einen Tag, weil er erm&uuml;det war, aber in der
+K&uuml;hle der Nacht marschierte er weiter und kam am folgenden Tag
+nach Tangerang, noch bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken
+war, wiewohl er den grossen Tudung trug, den sein Vater ihm
+hinterlassen hatte.</p>
+<p>In Tangerang badete er sich nahe bei der &Uuml;berfahrt im Flusse,
+und er ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn
+unterwies, wie man Strohh&uuml;te flicht, gerade solche, wie sie von
+Manilla kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er
+dachte, hiermit sp&auml;ter sich etwas verdienen zu k&ouml;nnen, falls
+er in Batavia etwa kein Gl&uuml;ck haben w&uuml;rde. Den folgenden Tag
+gegen Abend, als es k&uuml;hl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr
+und ging weiter. Sobald es ganz dunkel war, sodass niemand mehr es
+sehen mochte, brachte er das Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti
+bewahrte, die Adinda ihm unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er
+war betr&uuml;bt geworden, weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen
+w&uuml;rde. Den ersten Tag und auch den zweiten hatte er minder stark
+gef&uuml;hlt, wie allein er war, da seine Seele noch g&auml;nzlich von
+dem grossen Gedanken erf&uuml;llt war, dass er Geld verdienen und
+hiermit zwei B&uuml;ffel kaufen werde, wo doch selbst sein Vater nie
+mehr als einen besessen hatte; auch richteten sich seine Gedanken zu
+viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass sie der Betr&uuml;btheit
+&uuml;ber den Abschied viel Raum bieten konnten. <span class="pagenum">[<a id="pb276" href="#pb276" name="pb276">276</a>]</span>Er
+hatte in &uuml;berspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen
+Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum
+verkn&uuml;pft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das
+Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von Badur
+an diesem Baum vor&uuml;berging, eine Fr&ouml;hlichkeit in sich
+f&uuml;hlte, als w&auml;ren sie schon vorbei, die sechsunddreissig
+Monde, die ihn von diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen,
+als brauche er nur umzukehren, als sei er schon von der Reise
+zur&uuml;ck und sehe nun dort unter dem Baume Adinda seiner harren.</p>
+<p>Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne
+wurde, wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die
+grosse Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele,
+das ihn minder schnell fortschreiten liess. Er f&uuml;hlte Unlust in
+seinen Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da
+&uuml;berfiel, so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von
+Mutlosigkeit. Er dachte daran, zur&uuml;ckzukehren; doch was sollte
+dann Adinda von so geringer Beherztheit sagen?</p>
+<p>Also schritt er r&uuml;stiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am
+ersten Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und dr&uuml;ckte sie gar
+manches Mal gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel &auml;lter
+geworden und begriff nicht mehr, wie er fr&uuml;her so ruhig gelebt
+hatte, wo doch Adinda ihm so nahe war und er sie sehen konnte, so oft
+und so lange er begehrte. Denn nun w&uuml;rde er nicht so ruhig sein,
+wenn er erwarten k&ouml;nnte, dass sie da stracks vor ihm stehen werde.
+Und auch begriff er nicht, dass er nach dem Abschied nicht noch einmal
+umgekehrt war, um ihr noch einmal ins Gesicht zu schauen! Auch kam es
+ihm in den Sinn, wie er noch kurz zuvor mit ihr wegen der Schnur
+gezankt hatte, die sie f&uuml;r den Lalayang, den Drachen ihrer
+Br&uuml;derchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, weil, wie er
+meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine Wette gegen die
+Kinder aus Tjipurut verloren ging. &raquo;Wie war&rsquo;s
+m&ouml;glich&laquo;, dachte er, &raquo;deswegen <span class="pagenum">[<a id="pb277" href="#pb277" name="pb277">277</a>]</span>b&ouml;s zu werden auf Adinda! Denn h&auml;tte
+sie auch einen Fehler in die Schnur gesponnen, und w&auml;re auch
+wirklich <span class="letterspaced">hierdurch</span> die Wette von
+Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch die
+Glasscherbe&mdash;so hinterlistig und geschickt sie immer durch den
+kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein
+mochte&mdash;h&auml;tte ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie
+mit ungeh&ouml;rigen Namen benennen d&uuml;rfen? Was ist nun, wenn ich
+in Batavia sterbe, ohne sie um Vergebung f&uuml;r so grosse Grobheit
+gebeten zu haben? Ist es nicht, als wenn ich ein schlechter Mensch sei,
+der ein M&auml;dchen mit Schimpfworten bewirft? Und wird nicht in
+Badur, wenn man h&ouml;rt, dass ich in fremdem Lande gestorben bin, ein
+jeder sagen: es ist gut, dass Sa&iuml;djah starb, denn er hat einen
+grossen Mund gehabt gegen Adinda?&laquo;</p>
+<p>So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der
+voraufgegangenen Gehobenheit sehr unterschied, und unwillk&uuml;rlich
+&auml;usserten sie sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen
+Worten, dann im Selbstgespr&auml;ch, und schliesslich in dem
+wehm&uuml;tigen Sang, von dem ich hier die &Uuml;bersetzung folgen
+lasse. Meine Absicht war zun&auml;chst, etwas Mass und Reim in die
+Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es schliesslich besser, das
+Schn&uuml;rleibchen wegzulassen.</p>
+<div class="lgouter">
+<div class="lg">
+<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich habe die grosse See gesehn am
+S&uuml;drand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen.</p>
+<p class="line xd20e5485">Wenn ich sterbe auf der See und wenn man
+meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen.</p>
+<p class="line xd20e5485">Sie werden um meine Leiche schwimmen und
+fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser
+treibt?</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich werd&rsquo;s nicht h&ouml;ren.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu,
+das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war.</p>
+<p class="line xd20e5485">Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe,
+werden gl&uuml;hende St&uuml;cke Holz auf meinen Leichnam
+niederfallen.</p>
+<p class="line xd20e5485">Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf
+von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu t&ouml;ten.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich werd&rsquo;s nicht h&ouml;ren.</p>
+</div>
+<span class="pagenum">[<a id="pb278" href="#pb278" name="pb278">278</a>]</span>
+<div class="lg">
+<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus
+dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pfl&uuml;ckte f&uuml;r seine
+Mutter.</p>
+<p class="line xd20e5485">Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle,
+werd&rsquo; ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den
+Str&auml;uchern, wie Si-unah.</p>
+<p class="line xd20e5485">Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie
+ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: &raquo;Siehe, da
+liegt Sa&iuml;djah!&laquo;</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich werd&rsquo;s nicht h&ouml;ren.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen,
+der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss.</p>
+<p class="line xd20e5485">Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen
+Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn.</p>
+<p class="line xd20e5485">Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen
+an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr
+laut.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich werd&rsquo;s nicht h&ouml;ren.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line xd20e5485">Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.</p>
+<p class="line xd20e5485">Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben
+waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den
+Grund.</p>
+<p class="line xd20e5485">Wenn ich sterbe zu Badur und man begr&auml;bt
+mich ausserhalb der Dessah ostw&auml;rts gegen den H&uuml;gel, wo das
+Gras hoch ist,</p>
+<p class="line xd20e5485">Dann wird <span class="letterspaced">Adinda</span> dort vorbeigehn, und der Saum ihres
+Sarongs wird leise &uuml;ber das Gras schleifen ...</p>
+<p class="line xd20e5485"><span class="letterspaced">Ich werd&rsquo; es
+h&ouml;ren.</span></p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Sa&iuml;djah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn,
+dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er
+Sa&iuml;djah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete,
+die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie
+die andern, die schon l&auml;nger mit der europ&auml;ischen Kultur in
+Ber&uuml;hrung stehen. Sa&iuml;djah lernte bald Malayisch, aber er
+passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei B&uuml;ffel, die er
+kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle
+Tage ass, was in Badur nicht immer m&ouml;glich war. Er war beliebt im
+Stall und w&auml;re sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter
+des Kutschers zum Weibe begehrt h&auml;tte. Sein Herr selbst hielt so
+viel von Sa&iuml;djah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben
+wurde. Man erh&ouml;hte seinen Lohn und gab ihm obendrein <span class="pagenum">[<a id="pb279" href="#pb279" name="pb279">279</a>]</span>fortw&auml;hrend Geschenke, weil man so
+besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman
+von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an
+den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Sa&iuml;djah sah. Auch die jungen
+Damen des Hauses begriffen nun besser als fr&uuml;her, wie der
+javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Gl&uuml;ck und Ehren in Paris
+gelangen konnte.</p>
+<p>Doch fand man Sa&iuml;djah undankbar, als er nach beinahe
+dreij&auml;hrigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis
+ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch
+nicht verweigern, und Sa&iuml;djah ging fr&ouml;hlichen Herzens auf die
+Reise.</p>
+<p>Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte.
+Aber dies wusste Sa&iuml;djah nicht. Und h&auml;tte er es auch gewusst,
+er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn besch&auml;ftigt
+hielt. Er z&auml;hlte die Sch&auml;tze, die er mit heimbrachte. In
+einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten
+Betragens. In einem K&ouml;cher, den er an einem ledernen Riemen trug,
+schien unaufh&ouml;rlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu
+schlagen, aber er f&uuml;hlte es gern ... ich glaube es schon, darin
+waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei B&uuml;ffel
+zu kaufen. Was Adinda wohl sagen w&uuml;rde! Und das war noch nicht
+alles. Auf seinem R&uuml;cken sah man die mit Silber beschlagene
+Scheide eines Dolches, den er am G&uuml;rtel trug. Der Griff war sicher
+aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgf&auml;ltig
+mit einer seidenen H&uuml;lle umwickelt. Und er besass noch mehr
+Sch&auml;tze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen
+Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der
+G&uuml;rtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!</p>
+<p>Und an einem Schn&uuml;rchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju,
+trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti
+waren.</p>
+<p>War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht l&auml;nger
+aufhielt als n&ouml;tig war, den Bekannten seines Vaters <span class="pagenum">[<a id="pb280" href="#pb280" name="pb280">280</a>]</span>zu
+besuchen, der die feinen Strohh&uuml;te flocht? War es ein Wunder, dass
+er nicht viel zu den M&auml;dchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten:
+&raquo;wohin, woher?&laquo;, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet?
+Dass er Serang nicht mehr so sch&ouml;n fand, da er doch Batavia kennen
+gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that,
+ins Gestr&uuml;pp verkroch, als der Resident vor&uuml;berritt, er, der
+den viel gr&ouml;sseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt
+und der &sbquo;Grossvater&lsquo; des Susuhunan zu Solo ist? War es ein
+Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erz&auml;hlungen derer, die ein
+St&uuml;ck Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul
+sprachen? Dass er kaum hinh&ouml;rte, als man ihm berichtete, dass die
+Kaffeekultur nach vielen unbelohnten M&uuml;hen nun ganz eingezogen
+sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf
+&ouml;ffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines
+Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach
+Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen
+sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf
+der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit
+niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man
+hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder verg&uuml;tet
+werde?</p>
+<p>Nein, er hatte sch&ouml;nere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er
+suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur
+suchen zu k&ouml;nnen. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte
+er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten w&uuml;rde.
+Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er
+sah den schweren Kondeh, so gl&auml;nzend schwarz, in der eigenen
+Schlinge gefangen auf den Nacken herabh&auml;ngend ... er sah ihr
+grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die
+Nasenfl&uuml;gel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn
+er&mdash;wie war&rsquo;s m&ouml;glich!&mdash;sie plagte, und den Winkel
+zwischen ihren Lippen, in dem sie ein L&auml;cheln <span class="pagenum">[<a id="pb281" href="#pb281" name="pb281">281</a>]</span>bewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen
+werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst
+gewoben hatte, ihre H&uuml;ften eng umschloss und, dem Schenkel in
+gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis
+auf den kleinen Fuss ...</p>
+<p>Nein, er h&ouml;rte wenig von dem, was man ihm sagte. Er h&ouml;rte
+ganz andere T&ouml;ne. Er h&ouml;rte, wie Adinda sagen w&uuml;rde:
+&raquo;Sei willkommen, Sa&iuml;djah! Ich habe an dich gedacht beim
+Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der
+drei-mal-zw&ouml;lf Kerben tr&auml;gt von meiner Hand. Hier bin ich
+unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen,
+Sa&iuml;djah: ich will deine Frau sein!&laquo;</p>
+<p>Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und
+die ihn hinderte, auf all das Neue zu h&ouml;ren, das man ihm auf
+seinem Wege erz&auml;hlte.</p>
+<p>Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen
+Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der
+Djatiwald sein, in der N&auml;he des Baumes, bei dem er Adinda
+wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im
+Dunkel umher und betastete viele St&auml;mme. Alsbald fand er eine ihm
+bekannte Unebenheit an der S&uuml;dseite eines Baumes, und er legte den
+Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt
+hatte, um den Pontianak zu beschw&ouml;ren, der das Zahnweh von
+Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines
+Br&uuml;derchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.</p>
+<p>Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen
+hatte als seine &uuml;brigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst
+geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz
+zuvor mit allen Kindern&mdash;Knaben und M&auml;dchen&mdash;mitgespielt
+hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.</p>
+<p>Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den
+Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei
+seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl
+schl&auml;ft? <span class="pagenum">[<a id="pb282" href="#pb282" name="pb282">282</a>]</span>Und ob sie wohl sorgf&auml;ltig die Monde in
+ihren Reisblock geschnitten hat? Es w&uuml;rde ihn schmerzen, wenn sie
+einen Mond &uuml;berschlagen h&auml;tte; als wenn das nicht
+gen&uuml;gte ... sechsunddreissig! Und ob sie sch&ouml;ne Sarongs und
+Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl
+in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den
+Geist, und seine Mutter, und wie der B&uuml;ffel ihn vor dem Tiger
+rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein
+m&ouml;chte, wenn der B&uuml;ffel minder treu gewesen w&auml;re.</p>
+<p>Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem
+Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel
+n&auml;her jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel
+n&auml;her er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.</p>
+<p>Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim
+D&auml;mmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie
+nicht schon am Tage vorher gekommen?</p>
+<p>Es betr&uuml;bte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem
+sch&ouml;nen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit
+unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der
+Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als h&auml;tte Adinda da
+sein m&uuml;ssen, um auf <span class="letterspaced">ihn</span> zu
+warten, der nun sich beklagte&mdash;und vor der Zeit schon!&mdash;dass
+er auf <span class="letterspaced">sie</span> warten m&uuml;sste.</p>
+<p>Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne
+aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene
+geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der H&ouml;he,
+besch&auml;mt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ...
+wohl fluteten da seltsame Farben &uuml;ber die Spitzen der Berge, die
+um so dunkler erschienen, je sch&auml;rfer sie von dem lichteren Grunde
+sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein
+gl&uuml;hender Strahl&mdash;Pfeile von Gold und Feuer, die hin und
+wieder &uuml;ber den Horizont schossen&mdash;aber sie verschwanden
+wieder und schienen hinter den undurchdringbaren <span class="pagenum">[<a id="pb283" href="#pb283" name="pb283">283</a>]</span>Vorhang niederzufallen, der dem Auge
+Sa&iuml;djahs noch immer den Tag verbarg.</p>
+<p>Doch wurde es allm&auml;hlich lichter und lichter um ihn her. Er
+schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des
+kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da
+schlief Adinda!</p>
+<p>Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen
+k&ouml;nnen? Wusste sie nicht, dass Sa&iuml;djah ihrer warte? Gewiss,
+sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache
+an ihre Th&uuml;r geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem
+H&auml;uschen noch fortbrenne, und mit liebem L&auml;cheln hatte sie
+dann gesagt, dass ein Gel&uuml;bde sie wach halte; sie m&uuml;sse den
+Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen
+Mondes m&uuml;sse er fertig sein.</p>
+<p>Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock
+sitzend und mit begierigem Finger z&auml;hlend, ob auch wirklich
+sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren.
+Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken erg&ouml;tzt, dass sie
+sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle,
+um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit
+zu schwelgen, dass da wohlgez&auml;hlte drei-mal-zw&ouml;lf Monde
+vergangen seien, seit Sa&iuml;djah sie zum letztenmal sah.</p>
+<p>Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit
+fruchtlosem Bem&uuml;hen an, die Blicke &uuml;ber den Horizont hinweg
+zu senken, dass sie der Sonne begegnen m&ouml;chten, der tr&auml;gen
+Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...</p>
+<p>Da kam ein Streif bl&auml;ulichen Rots herauf, der sich an die
+Wolken klammerte, und die R&auml;nder wurden licht und gl&uuml;hend,
+und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch
+den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich
+an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in gr&ouml;sseren und
+gr&ouml;sseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten,
+verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu
+Strahlenb&uuml;ndeln, und wetterleuchteten <span class="pagenum">[<a id="pb284" href="#pb284" name="pb284">284</a>]</span>in
+goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und
+Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o
+Gott, das war die Morgenr&ouml;te: das war das Wiedersehen mit
+Adinda!</p>
+<p>Sa&iuml;djah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren,
+w&auml;re auch unn&uuml;tz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein
+feurigerer Dank, als da in dem sprachlosen Entz&uuml;cken seiner Seele
+lag, war nicht in menschliche Sprache zu fassen.</p>
+<p>Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst
+schien ihm minder sch&ouml;n als die Sicherheit, dass er sie nun
+alsbald sehen <span class="letterspaced">werde</span>. Er setzte sich
+an den Fuss des Ketapan und liess das Auge &uuml;ber die Landschaft
+schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn willkommen zu heissen
+wie eine Mutter ihr zur&uuml;ckkehrendes Kind. Und ebenso wie diese
+ihre Freude &auml;ussert durch das eigenwillige Erinnern an
+vor&uuml;bergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie
+w&auml;hrend der Trennung als Andenken bewahrte, so erg&ouml;tzte auch
+Sa&iuml;djah sich an dem Wiedererkennen so vieler &Ouml;rtlichkeiten,
+die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine
+Gedanken auch umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen
+zur&uuml;ck auf den Pfad, der von Badur nach dem Ketapanbaum
+f&uuml;hrt. Alles, was seine Sinne wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den
+Abgrund links, wo die Erde so gelb ist, wo einmal ein junger
+B&uuml;ffel in die Tiefe sank: da hatten sich die Bewohner des Dorfes
+versammelt, um das Tier zu retten&mdash;denn es ist keine geringe
+Sache, einen jungen B&uuml;ffel zu verlieren!&mdash;und sie hatten sich
+an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater war der
+mutigste gewesen ... o, wie sie in die H&auml;nde klatschte,
+Adinda!</p>
+<p>Und dr&uuml;ben an der andern Seite, wo das Kokosw&auml;ldchen seine
+Kronen &uuml;ber den H&uuml;tten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war
+Si-unah aus dem Baum gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte
+seine Mutter: &raquo;weil Si-unah noch so klein war&laquo;, jammerte
+sie ... als ob sie sich minder <span class="pagenum">[<a id="pb285"
+href="#pb285" name="pb285">285</a>]</span>betr&uuml;bt h&auml;tte, wenn
+Si-unah gr&ouml;sser gewesen w&auml;re! Doch klein war er, das ist
+wahr, denn er war kleiner und schw&auml;cher noch als Adinda ...</p>
+<p>Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum
+leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch
+fr&uuml;h.</p>
+<p>Saidjah sah einen Badjing<a class="noteref" id="xd20e5620src" href="#xd20e5620" name="xd20e5620src">1</a>, der mit ausgelassener
+Hurtigkeit hin und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das
+Tierchen&mdash;ein &Auml;rgernis f&uuml;r den Eigner des Baumes, aber
+doch so lieb in Gestalt und Bewegung&mdash;kletterte unerm&uuml;dlich
+auf und nieder. Sa&iuml;djah sah es und zwang sich, es im Auge zu
+behalten, weil dies seinen Gedanken Ablenkung gab von der schweren
+Arbeit, die sie seit dem Aufgange der Sonne verrichteten&mdash;Ruhe
+nach dem erm&uuml;denden Warten. Sehr bald &auml;usserten sich seine
+Eindr&uuml;cke in Worten, und er sang, was in seiner Seele vorging. Es
+w&auml;re mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen zu
+k&ouml;nnen, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die
+&Uuml;bertragung:</p>
+<div class="lgouter">
+<div class="lg">
+<p class="line">Sieh, wie der Badjing Atzung sucht</p>
+<p class="line">Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links
+und rechts,</p>
+<p class="line">Er kreist um den Baum, springt, f&auml;llt, klimmt und
+f&auml;llt wieder:</p>
+<p class="line">Er hat keine Fl&uuml;gel und ist doch hurtig wie ein
+Vogel.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Viel Gl&uuml;ck, mein Badjing, ich w&uuml;nsch&rsquo;
+dir Heil!</p>
+<p class="line">Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst
+...</p>
+<p class="line">Doch <span class="letterspaced">ich</span> sitze allein
+bei dem Djatibusch,</p>
+<p class="line">Wartend auf Atzung f&uuml;r mein Herz.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Lang&rsquo; schon ist der kleine Bauch meines Badjing
+ges&auml;ttigt ...</p>
+<p class="line">Lang&rsquo; schon ist er zur&uuml;ckgekehrt in sein
+Nestchen ...</p>
+<p class="line">Doch immerdar noch ist meine Seele</p>
+<p class="line">Und mein Herz bitter betr&uuml;bt ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur
+nach dem Ketapanbaum leitete.</p>
+<p>Sa&iuml;djahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien,
+weil es warm zu werden begann: <span class="pagenum">[<a id="pb286"
+href="#pb286" name="pb286">286</a>]</span></p>
+<div class="lgouter">
+<div class="lg">
+<p class="line">Sieh, wie der Falter dort rundflattert.</p>
+<p class="line">Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.</p>
+<p class="line">Sein Herz ist verliebt in die Kenariebl&uuml;te:</p>
+<p class="line">Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Viel Gl&uuml;ck, mein Falter, ich w&uuml;nsch&rsquo;
+dir Heil!</p>
+<p class="line">Sicher wirst du finden, was du suchst ...</p>
+<p class="line">Doch <span class="letterspaced">ich</span> sitze allein
+bei dem Djatibusch,</p>
+<p class="line">Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Lang&rsquo; schon hat der Falter gek&uuml;sst</p>
+<p class="line">Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...</p>
+<p class="line">Doch immerdar noch ist meine Seele</p>
+<p class="line">Und mein Herz bitter betr&uuml;bt ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur
+nach dem Baum leitete.</p>
+<p>Die Sonne begann auf die H&ouml;he zu klimmen ... es war schon heiss
+in der Luft.</p>
+<div class="lgouter">
+<div class="lg">
+<p class="line">Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der H&ouml;he,</p>
+<p class="line">Hoch &uuml;ber dem Waringi-H&uuml;gel.</p>
+<p class="line">Sie f&uuml;hlt sich zu warm und w&uuml;nscht
+niederzusteigen,</p>
+<p class="line">Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines
+Gatten.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Viel Gl&uuml;ck, o Sonne, ich w&uuml;nsch&rsquo; dir
+Heil!</p>
+<p class="line">Was du suchst, wirst sicher du finden ...</p>
+<p class="line">Doch <span class="letterspaced">ich</span> sitze allein
+bei dem Djatibusch,</p>
+<p class="line">Wartend auf Ruh f&uuml;r mein Herz.</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Lang&rsquo; schon wird die Sonne untergegangen sein</p>
+<p class="line">Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...</p>
+<p class="line">Und immerdar noch wird meine Seele</p>
+<p class="line">Und mein Herz bitter betr&uuml;bt sein ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her
+nach dem Ketapan leitete.</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Wenn nicht l&auml;nger Falter werden rundflattern,</p>
+<p class="line">Wenn nicht die Sterne mehr werden gl&auml;nzen,</p>
+<p class="line">Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,</p>
+<p class="line">Wenn da nicht l&auml;nger Herzen betr&uuml;bt sind,</p>
+<p class="line">Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...</p>
+<p class="line">Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,</p>
+<p class="line">Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...</p>
+<p class="line">Wenn <span class="letterspaced">dann</span> Adinda noch
+nicht gekommen ist,<span class="pagenum">[<a id="pb287" href="#pb287"
+name="pb287">287</a>]</span></p>
+<p class="line">Dann wird ein Engel mit blinkenden Fl&uuml;geln</p>
+<p class="line">Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein
+blieb.</p>
+<p class="line">Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan
+...</p>
+<p class="line">Meine Seele ist bitter betr&uuml;bt ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p>
+</div>
+<p class="firstpar">Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der
+von Badur nach dem Baum leitete.</p>
+<div class="lgouter">
+<div class="lg">
+<p class="line">Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn
+werden.</p>
+<p class="line">Er wird ihn seinen Br&uuml;dern mit dem Finger
+weisen:</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">&bdquo;Sehet, dort ist ein gestorb&rsquo;ner Mensch
+vergessen,</p>
+<p class="line">Sein erstarrter Mund k&uuml;sst eine Melattiblume.</p>
+<p class="line">Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel
+tragen,</p>
+<p class="line">Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.</p>
+<p class="line">F&uuml;rwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,</p>
+<p class="line">Dessen Herz die Kraft hatte, <span class="letterspaced">so</span> zu lieben!&ldquo;</p>
+</div>
+<div class="lg">
+<p class="line">Dann soll noch <span class="letterspaced">ein</span>mal
+mein erstarrter Mund sich &ouml;ffnen,</p>
+<p class="line">Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...</p>
+<p class="line">Noch <span class="letterspaced">ein</span>mal will ich
+die Melatti k&uuml;ssen,</p>
+<p class="line">Die <span class="letterspaced">sie</span> mir gab ...
+<span class="letterspaced">Adinda</span> ... <span class="letterspaced">Adinda</span>!</p>
+</div>
+</div>
+<p class="firstpar">Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der
+von Badur nach dem Ketapan f&uuml;hrte.</p>
+<p>O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, erm&uuml;det
+von all dem Wachen w&auml;hrend der Nacht, vom Wachen vieler
+N&auml;chte! Sicher hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war
+es!</p>
+<p>Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! M&ouml;chte es nicht
+scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?</p>
+<p>Wenn er den Mann anriefe, der da einen B&uuml;ffel aufs Feld trieb?
+Der Mann war zu fern. &Uuml;berdies, Sa&iuml;djah wollte nicht sprechen
+<span class="letterspaced">&uuml;ber</span> Adinda, nicht fragen
+<span class="letterspaced">nach</span> Adinda ... er wollte sie
+<span class="letterspaced">wiedersehen</span>, <span class="letterspaced">sie</span> allein, <span class="letterspaced">sie</span>
+zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!</p>
+<p>Er sollte warten, warten ...</p>
+<p>Aber wenn sie krank w&auml;re oder ... <span class="letterspaced">tot</span>?</p>
+<p>Wie ein angeschossener Hirsch flog Sa&iuml;djah den Pfad entlang,
+der von dem Ketapan nach dem Dorf f&uuml;hrt, wo <span class="pagenum">[<a id="pb288" href="#pb288" name="pb288">288</a>]</span>Adinda wohnte. Er sah nichts und er h&ouml;rte
+nichts, und doch h&auml;tte er etwas h&ouml;ren k&ouml;nnen, denn es
+standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen:
+&raquo;Sa&iuml;djah, Sa&iuml;djah!&laquo;</p>
+<p>Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte,
+Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das
+Dorf aufh&ouml;rt, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug
+sich vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es
+zu sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und&mdash;mein Gott, war
+es ein Traum?&mdash;wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch
+einmal flog er zur&uuml;ck, und pl&ouml;tzlich blieb er stehen, griff
+mit beiden H&auml;nden an seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn
+herausreissen, der ihn packte, und rief laut: &raquo;Von Sinnen,
+betrunken, ich bin betrunken!&laquo;</p>
+<p>Und die Frauen von Badur kamen aus ihren H&auml;usern und sahen mit
+Erbarmen Sa&iuml;djah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen,
+dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht im
+Dorfe Badur sei.</p>
+<p>Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den
+B&uuml;ffel weggenommen hatte ...</p>
+<p>ich hab&rsquo; dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte
+eint&ouml;nig ist!</p>
+<p>... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr
+j&uuml;ngstes Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte,
+die es s&auml;ugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe
+f&uuml;rchtete, als er seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...</p>
+<p>weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eint&ouml;nig ist!</p>
+<p>... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda
+mitgenommen und auch ihre Br&uuml;der. Aber er hatte vernommen, wie
+Sa&iuml;djahs Vater in Buitenzorg mit Stockschl&auml;gen gestraft
+worden war, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war
+Adindas Vater weder nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch
+nach Preanger, <span class="pagenum">[<a id="pb289" href="#pb289" name="pb289">289</a>]</span>noch in die Bataviaschen Ommelande ... er war
+nach Tjilangkahan gegangen, dem Distrikt von Lebak, der an die See
+grenzt. Da hatte er sich in den W&auml;ldern versteckt gehalten und die
+Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch
+einigen andern abgewartet, die durch das Distriktshaupt von
+Parang-Kudjang ihrer B&uuml;ffel beraubt worden waren und die Alle
+Strafe f&uuml;rchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht bezahlten. Da
+hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers gemacht und
+waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und liessen das Land
+rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie sich
+nordw&auml;rts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die
+europ&auml;ischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland
+an der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den
+hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der
+Weg, den man sich im Lebakschen fl&uuml;sternd ins Ohr sagte, wenn
+&uuml;ber offiziellen B&uuml;ffelraub und unbezahlte Landrenten
+gesprochen wurde.</p>
+<p>Doch der verwirrte Sa&iuml;djah verstand nicht deutlich, was man ihm
+sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht
+v&ouml;llig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als h&auml;tte man in
+seinem Kopfe einen Gong angeschlagen. Er f&uuml;hlte, wie das Blut
+stossweise durch die Adern gegen seine Schl&auml;fen geschleudert
+wurde, die unter der Wucht so schweren Anst&uuml;rmens zu zerspringen
+drohten. Er sprach nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne
+zu sehen, was um ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in
+grausiges Gel&auml;chter aus.</p>
+<p>Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem H&auml;uschen und verpflegte
+den armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch
+sprach er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine
+Stimme aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: &raquo;Ich weiss nicht, wo
+ich sterben soll&laquo;, und einige Bewohner von Badur legten Geld
+zusammen, um den Boajas des Tjudjung-Gew&auml;ssers ein Opfer f&uuml;r
+die Genesung <span class="pagenum">[<a id="pb290" href="#pb290" name="pb290">290</a>]</span>Sa&iuml;djahs zu bringen, den sie f&uuml;r
+wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.</p>
+<p>Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom
+Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, wo
+Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil so viele
+H&auml;user eingest&uuml;rzt waren. Doch er meinte, den Platz an der
+bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die
+durch das Geh&ouml;lz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge
+bildeten, wie der Seemann seinen Stand nach Leuchtt&uuml;rmen und
+hervorragenden Bergspitzen berechnet.</p>
+<p>Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!</p>
+<p>&Uuml;ber halbverfaulten Bambus und St&uuml;cke des
+niedergest&uuml;rzten Daches strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu
+dem Heiligtume, das er suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest
+der aufrechtstehenden Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden
+hatte, und es steckte gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem
+sie ihr Kleid aufh&auml;ngte, wenn sie sich schlafen legte ...</p>
+<p>Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingest&uuml;rzt und beinahe
+zu Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, dr&uuml;ckte ihn an
+seine ge&ouml;ffneten Lippen und atmete sehr tief ...</p>
+<p>Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der
+Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden h&auml;tte.
+Die Frau war erfreut, dass sie ihn reden h&ouml;rte, und lief im Dorfe
+herum, um den Block zu suchen. Als sie Sa&iuml;djah den neuen Eigner
+bezeichnen konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke
+angelangt, z&auml;hlte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...</p>
+<p>Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf
+eines B&uuml;ffels erforderlich waren, und verliess Badur. In
+Tjilangkahan kaufte er einen Fischerewer und erreichte damit nach
+einigen Tagen Segelns die Lampongsche K&uuml;ste, wo die
+Aufst&auml;ndischen sich gegen die Niederl&auml;ndische <span class="pagenum">[<a id="pb291" href="#pb291" name="pb291">291</a>]</span>Herrschaft emp&ouml;rten. Er schloss sich einem
+Trupp von Bantamern an, weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu
+suchen. Denn er war sanftm&uuml;tig von Art und eher Betr&uuml;btheit
+zug&auml;nglich als Bitterkeit.</p>
+<p>Eines Tages, als die Aufst&auml;ndischen aufs neue geschlagen waren,
+schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das
+Niederl&auml;ndische Heer erobert war und <span id="also">also</span>
+in Flammen stand. Sa&iuml;djah wusste, dass der Haufe, der dort
+vernichtet worden war, grossenteils aus Leuten von Bantam bestanden
+hatte. Wie ein Spuk irrte er unter den H&auml;usern umher, die noch
+nicht ganz verbrannt waren, und fand den Leichnam von Adindas Vater,
+mit einer Klewang-Bajonettwunde in der Brust. Neben ihm fand
+Sa&iuml;djah Adindas drei Br&uuml;der ermordet liegen, J&uuml;nglinge,
+beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam Adindas,
+nackt, abscheulich misshandelt ...</p>
+<p>Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende
+Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende
+gemacht zu haben schien ...</p>
+<p>Da st&uuml;rzte sich Sa&iuml;djah einigen Soldaten entgegen, die mit
+gef&auml;lltem Gewehr die noch lebenden Aufst&auml;ndischen in das
+Feuer der brennenden H&auml;user trieben. Er umfasste die breiten
+S&auml;belbajonette, schob sich mit Allgewalt vorw&auml;rts und
+dr&auml;ngte noch mit einem letzten grossen Kraftaufwand die Soldaten
+zur&uuml;ck, indem die S&auml;belkn&auml;ufe ihm bis gegen die Brust
+vordrangen ...</p>
+<p>Und um Geringes sp&auml;ter war da in Batavia gross Gejubel
+&uuml;ber den neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten
+Lorbeeren der Niederl&auml;ndisch-Indischen Armee gef&uuml;gt hatte.
+Und der Landvogt schrieb heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den
+Lampongs wiederhergestellt sei. Und der K&ouml;nig von Niederland,
+erleuchtet durch seine Staatsdiener, belohnte wiederum soviel Heldenmut
+mit vielen Ritterkreuzen.</p>
+<p>Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der
+Sonntagskirche oder in der Betstunde, <span class="pagenum">[<a id="pb292" href="#pb292" name="pb292">292</a>]</span>Dankgebete gen
+Himmel, als man vernahm, dass &raquo;der Herr der Heerscharen&laquo;
+wieder einmal mitgestritten hatte unter dem Banner der Niederlande
+...</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">&bdquo;Doch Gott, der alles Weh ersicht,</p>
+<p class="line">Erh&ouml;rte dieses Tages Opfer nicht.&ldquo;</p>
+</div>
+<hr class="tb">
+<p>Ich habe den Schluss der Geschichte von Sa&iuml;djah k&uuml;rzer
+gemacht, als ich h&auml;tte thun k&ouml;nnen, wenn ich Gefallen daran
+fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie
+ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als
+schreckte ich zur&uuml;ck vor der traurigen L&ouml;sung, und wie ich
+&uuml;ber sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht
+meine Absicht, als ich begann, &uuml;ber Sa&iuml;djah zu reden. Denn
+anf&auml;nglich f&uuml;rchtete ich, ich w&uuml;rde st&auml;rkere Farben
+n&ouml;tig haben, um bei dem Leser R&uuml;hrung zu erzielen mit der
+Schilderung so sonderlicher Zust&auml;nde. Im Laufe der Sache jedoch
+empfand ich, dass es eine Beleidigung f&uuml;r mein Publikum sein
+w&uuml;rde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu
+m&uuml;ssen.</p>
+<p>Doch h&auml;tte ich dies thun <span class="letterspaced">k&ouml;nnen</span>, denn ich habe hier Dokumente vor mir
+liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.</p>
+<p>Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Sa&iuml;djah Adinda
+lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den
+Lampongs ermordet wurde von Niederl&auml;ndischen Bajonetten. Ich weiss
+nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockpr&uuml;geln, die ihm gegeben
+wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob
+Adinda die Monde z&auml;hlte, indem sie Kerben in ihren Reisblock
+schnitt ...</p>
+<p>Dies alles weiss ich nicht!</p>
+<p>Doch ich weiss <span class="letterspaced">mehr</span> als dies
+alles. Ich weiss <span class="letterspaced">und kann beweisen</span>,
+dass es viele Adindas gab und viele Sa&iuml;djahs, und dass,
+<span class="letterspaced">was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird
+im allgemeinen</span>. Ich sagte bereits, dass ich die <span class="pagenum">[<a id="pb293" href="#pb293" name="pb293">293</a>]</span>Namen von Personen angeben kann, die, wie die
+Eltern von Sa&iuml;djah und von Adinda, durch Unterdr&uuml;ckung aus
+ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in
+diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen
+Gerichtshof geh&ouml;rten, der einen Spruch zu f&auml;llen h&auml;tte
+&uuml;ber die Art und Weise, in welcher die Niederl&auml;ndische
+Autorit&auml;t in Indien ausge&uuml;bt wird, Auseinandersetzungen, die
+nur f&uuml;r <span class="letterspaced">den</span> Beweiskraft haben
+w&uuml;rden, der die Geduld h&auml;tte, sie mit Aufmerksamkeit und
+Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem
+Publikum, das Zerstreuung in seiner Lekt&uuml;re sucht. Darum habe ich
+an Stelle d&uuml;rrer Namen von Personen und Pl&auml;tzen mit den Daten
+dabei, an Stelle einer Abschrift <span class="letterspaced">der Liste
+von Diebst&auml;hlen und Erpressungen, die vor mir liegt</span>, eine
+ungef&auml;hre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann
+in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum
+Unterhalt ihres Lebens n&ouml;tig ist, oder gar: ich habe dies nur den
+Leser ahnen lassen, in der Bef&uuml;rchtung, mich zu sehr t&auml;uschen
+zu k&ouml;nnen in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich
+selber nie erfahren.</p>
+<p>Aber was die <span class="letterspaced">Hauptsache</span> betrifft?
+O, dass ich aufgerufen w&uuml;rde, um zu beweisen, was ich schrieb! O,
+dass man sagte: &raquo;du hast diesen Sa&iuml;djah erdichtet ... er
+sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!&laquo; Nur
+w&uuml;nschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem
+Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben w&uuml;rde, dass
+aus mir nicht die L&auml;sterzunge spricht!</p>
+<p>Ist es l&uuml;genhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
+weil vielleicht niemals ein ausgepl&uuml;nderter Reisender in ein
+samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl l&uuml;genhaft,
+die Parabel vom S&auml;emann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen
+Felsen auswerfen wird? Oder&mdash;um auf die Ebene zu gelangen, in der
+mein Buch liegt&mdash;will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die
+die Hauptsache von &raquo;Onkel Toms H&uuml;tte&laquo; ausmacht, weil
+vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der
+Verfasserin <span class="pagenum">[<a id="pb294" href="#pb294" name="pb294">294</a>]</span>dieses unsterblichen
+Plaidoyers&mdash;unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des
+Talentes, sondern wegen der <span class="letterspaced">Tendenz</span>
+und wegen der <span class="letterspaced">Wirkung</span>&mdash;wird man
+zu ihr sagen: &raquo;Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht
+misshandelt, denn&mdash;es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein
+Roman!&laquo;? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufz&auml;hlung
+von d&uuml;rren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen
+einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung
+eindringen zu lassen bis in die Herzen? H&auml;tte man ihr Buch
+gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenst&uuml;ckes gegeben
+h&auml;tte? Ist es ihre Schuld&mdash;oder die meine&mdash;dass die
+Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der L&uuml;ge borgen
+muss?</p>
+<p>Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Sa&iuml;djah und seine
+Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen
+k&ouml;nnen? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europ&auml;er der
+M&uuml;he wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee-
+und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man &sbquo;Eingeborene&lsquo;
+nennt. Doch w&auml;re immerhin ihr Einwurf begr&uuml;ndet: wer
+<span class="letterspaced">solche</span> Bedenken als Beweis gegen die
+Haupttendenz meines Buches anf&uuml;hrt, verschafft mir einen grossen
+Triumph. Denn sie lauten &uuml;bersetzt: &raquo;Das &Uuml;bel, das du
+bek&auml;mpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse,
+<span class="letterspaced">weil</span> der Inl&auml;nder nicht ist wie
+dein Sa&iuml;djah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt
+kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen w&uuml;rde, wenn du deinen
+Sa&iuml;djah richtiger gezeichnet h&auml;ttest. Der Sundanese singt
+solche Lieder nicht, liebt nicht so, f&uuml;hlt nicht so, und also
+...</p>
+<p>Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im
+Ruhestande, nicht <span class="letterspaced">das</span> habt ihr zu
+beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bev&ouml;lkerung <span class="letterspaced">nicht misshandelt</span> wird, gleichg&uuml;ltig, ob es
+sentimentale Sa&iuml;djahs unter dieser Bev&ouml;lkerung giebt oder
+nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, B&uuml;ffeldiebstahl sei
+gestattet gegen&uuml;ber Leuten, die <span class="letterspaced">nicht</span> lieben, die <span class="letterspaced">keine</span> schwerm&uuml;tigen Lieder singen, die
+<span class="letterspaced">nicht</span> sentimental sind? <span class="pagenum">[<a id="pb295" href="#pb295" name="pb295">295</a>]</span></p>
+<p>Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet w&uuml;rde ich die
+Korrektheit der Zeichnung meines Sa&iuml;djah verteidigen, aber auf
+politischem Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen
+bez&uuml;glich dieser Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die
+grosse Frage auf ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir
+vollkommen gleichg&uuml;ltig, ob man mich f&uuml;r einen ungeschickten
+Zeichner h&auml;lt, wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des
+Eingeborenen eine &bdquo;<b>weitgehende</b>&ldquo; ist; so lautet doch
+das Wort in der Note des Vorg&auml;ngers von Havelaar, die von diesem
+dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet wurde: <span class="letterspaced">eine Note, die vor mir liegt!</span></p>
+<p>Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Gl&uuml;ck, denn auch
+Havelaars Vorg&auml;nger konnte sich geirrt haben.</p>
+<p>O Gott, wenn er sich irrte, wurde er f&uuml;r diesen Irrtum sehr
+hart gestraft. Er wurde ermordet. <span class="pagenum">[<a id="pb296"
+href="#pb296" name="pb296">296</a>]</span></p>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e5620" href="#xd20e5620src" name="xd20e5620">1</a></span>
+<span class="corr" id="xd20e5621" title="Quelle: badjing">Badjing</span> = das javanische
+Eichh&ouml;rnchen.</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch18" class="div1">
+<h2>Achtzehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und
+fand seine Tine in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw
+Slotering trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben
+zu wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies
+dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zur&uuml;ck, der
+ebenzuvor eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert
+hatte, dass er nach draussen zur&uuml;ckgegangen war, und kehrte darauf
+dem Rasen entlang nach Havelaars Haus zur&uuml;ck.</p>
+<p>&raquo;Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!&laquo;
+sagte Havelaar, und als die Begr&uuml;ssung vor&uuml;ber war, fragte er
+in scherzhaftem Tone, damit sie nicht meine, er missg&ouml;nne ihr das
+bisschen Autorit&auml;t auf einem Erbe, das fr&uuml;her das ihre
+war:</p>
+<p>&mdash;Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer
+die Leute, die das Erbe betreten, zur&uuml;ckschicken! Wenn der Mann da
+eben gerade einer war, der H&uuml;hner zu verkaufen hatte oder sonst
+irgendwas, was man in der K&uuml;che braucht?</p>
+<p>Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein
+schmerzlicher Zug, der Havelaars Blick nicht entging.</p>
+<p>&mdash;Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!</p>
+<p>&mdash;Gewiss, das giebt&rsquo;s &uuml;berall. Doch wenn man es den
+Menschen so schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun,
+Mevrouw, erz&auml;hlen Sie mir doch nun mal <span class="pagenum">[<a id="pb297" href="#pb297" name="pb297">297</a>]</span>ganz
+offen, warum Sie so streng Aufsicht &uuml;ben &uuml;ber das Erbe!</p>
+<p>Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in
+ihrem feuchten Auge. Er drang etwas st&auml;rker auf Erkl&auml;rung ...
+die Witwe brach in Thr&auml;nen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause
+des Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden w&auml;re.</p>
+<p>&mdash;Er wollte Gerechtigkeit &uuml;ben, M&rsquo;nheer Havelaar,
+fuhr die arme Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung,
+unter der die Bev&ouml;lkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die
+H&auml;upter, in Versammlungen und schriftlich ... Sie m&uuml;ssen doch
+wohl seine Briefe gefunden haben im Archiv?</p>
+<p>Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, <span class="letterspaced">von denen Abschriften vor mir liegen</span>.</p>
+<p>&mdash;Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die
+Witwe, doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass
+die Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten,
+den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so
+f&uuml;hrten alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur
+Misshandlung der Kl&auml;ger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass
+er, falls keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an
+den Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging kurz
+darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im Hause des
+Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in
+erbarmungsw&uuml;rdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den
+Magen deutend: &raquo;Feuer, Feuer!&laquo;, und wenige Stunden
+sp&auml;ter war er tot, er, der immer ein Muster von Gesundheit gewesen
+war.</p>
+<p>&mdash;Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte
+Havelaar.</p>
+<p>&mdash;Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil
+er bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor
+meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich w&uuml;rde
+wegen meines Zustandes diesen <span class="pagenum">[<a id="pb298"
+href="#pb298" name="pb298">298</a>]</span>Ort nicht schnell verlassen
+k&ouml;nnen, und auch Rache f&uuml;rchtete. Ich habe geh&ouml;rt, dass
+Sie ebenso wie mein Gatte den Missbr&auml;uchen entgegentreten, die
+hier herrschen, und darum habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte
+dies alles vor Ihnen verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht
+&auml;ngstlich zu machen, und beschr&auml;nkte mich also auf die
+&Uuml;berwachung von Garten und Erbe, damit keine Fremden Zutritt zur
+K&uuml;che erlangten.</p>
+<p>Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene
+Haushaltung weiter f&uuml;hrte und selbst keinen Gebrauch von der
+K&uuml;che machen wollte, &raquo;die doch so ger&auml;umig
+sei&laquo;.</p>
+<p>Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an den
+Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei Sloterings
+Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war nicht in dem
+Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war Slotering
+gestorben an einem &raquo;Abscess in der Leber&laquo;. Es ist nicht zu
+meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so pl&ouml;tzlich
+auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich
+glaube hier der Erkl&auml;rung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken
+zu m&uuml;ssen, dass ihr Ehegatte fr&uuml;her immer gesund gewesen war.
+Doch wenn man solcher Erkl&auml;rung keinen Wert beimisst, weil die
+Auffassung des Begriffes &sbquo;Gesundheit&lsquo; vor allem bei
+Nicht-Heilkundigen eine ziemlich grobsinnliche und auch
+unterschiedliche ist&mdash;so bleibt doch die gewichtige Frage
+bestehen, ob jemand, der heute stirbt an einem &raquo;Abscess in der
+Leber&laquo;, sich gestern noch zu Pferde setzen konnte mit der
+Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren, der in einzelnen
+Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der Slotering
+behandelte, kann ein t&uuml;chtiger Heilkundiger gewesen sein und
+nichtsdestoweniger sich get&auml;uscht haben in der <span class="corr"
+id="xd20e6040" title="Quelle: Beurteilumg">Beurteilung</span> der
+Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen
+zu vermuten.</p>
+<p>Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars <span class="pagenum">[<a id="pb299" href="#pb299" name="pb299">299</a>]</span>Vorg&auml;nger vergiftet wurde, da man Havelaar
+die Zeit nicht gelassen hat, diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl
+aber kann ich beweisen, <span class="letterspaced">dass seine Umgebung
+ihn f&uuml;r vergiftet hielt</span>, und dass diese Vermutung sich
+st&uuml;tzte auf des Vorg&auml;ngers Leidenschaft, Unrecht
+entgegenzutreten.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte
+kurzab:</p>
+<p>&mdash;Woran ist M&rsquo;nheer Slotering gestorben?</p>
+<p>&mdash;Das weiss ich nicht.</p>
+<p>&mdash;Ist er vergiftet?</p>
+<p>&mdash;Das weiss ich nicht, aber ...</p>
+<p>&mdash;Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!</p>
+<p>&mdash;Aber er suchte den Missbr&auml;uchen entgegenzutreten, wie
+Sie, M&rsquo;nheer Havelaar, und ... und ...</p>
+<p>&mdash;Nun? Weiter?</p>
+<p>&mdash;Ich bin &uuml;berzeugt, dass er ... vergiftet worden
+w&auml;re, wenn er noch l&auml;nger hier geblieben w&auml;re.</p>
+<p>&mdash;Schreiben Sie das auf!</p>
+<p>Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. <span class="letterspaced">Seine Erkl&auml;rung liegt vor mir!</span></p>
+<p>&mdash;Noch etwas. Ist es <span class="letterspaced">wahr</span>
+oder ist es <span class="letterspaced">nicht</span> wahr, dass
+gewuchert und erpresst wird in Lebak?</p>
+<p>Verbrugge antwortete nicht.</p>
+<p>&mdash;Antworten Sie, Verbrugge!</p>
+<p>&mdash;Ich wage es nicht.</p>
+<p>&mdash;Schreiben Sie auf, dass Sie&rsquo;s nicht wagen!</p>
+<p>Verbrugge hat es aufgeschrieben: <span class="letterspaced">es liegt
+vor mir!</span></p>
+<p>&mdash;Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte
+Frage, doch sagten Sie mir unl&auml;ngst, als die Rede von Vergiftung
+war, dass Sie die einzige St&uuml;tze Ihrer Schwestern zu Batavia
+seien, nicht wahr? Liegt <span class="letterspaced">darin</span>
+vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund dessen, was ich stets
+<span class="letterspaced">Halbheit</span> nannte?</p>
+<p>&mdash;Ja!</p>
+<p>&mdash;Schreiben Sie das auf. <span class="pagenum">[<a id="pb300"
+href="#pb300" name="pb300">300</a>]</span></p>
+<p>Verbrugge schrieb es auf: <span class="letterspaced">seine
+Erkl&auml;rung liegt vor mir!</span></p>
+<p>&mdash;Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.</p>
+<p>Und Verbrugge konnte gehen.<a class="noteref" id="xd20e6122src"
+href="#xd20e6122" name="xd20e6122src">1</a></p>
+<p>Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit
+besonderer Innigkeit k&uuml;sste. Als Mevrouw Slotering weggegangen
+war, schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.</p>
+<p>&mdash;Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich m&ouml;chte,
+dass du mit Max nach Batavia gingest: <span class="letterspaced">ich
+klage heute den Regenten an.</span></p>
+<p>Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und
+rief schluchzend:</p>
+<p>&mdash;Nein, Max! nein, Max! <span class="letterspaced">das thue ich
+nicht ... wir essen und trinken zusammen</span>!</p>
+<hr class="tb">
+<p>Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig
+recht zum Nasenschnauben h&auml;tte wie die Frauen zu Arles?</p>
+<hr class="tb">
+<p>Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift
+gebe. Nachdem ich einigermassen die Verh&auml;ltnisse geschildert,
+unter denen dies Schriftst&uuml;ck verfasst wurde, glaube ich nicht
+n&ouml;tig zu haben, auf die beherzte Pflichterf&uuml;llung
+hinzuweisen, die daraus hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle
+Milde, die Havelaar bewog, den Regenten vor allzu schwerer Strafe in
+Schutz zu nehmen. Doch nicht so &uuml;berfl&uuml;ssig wird es sein,
+dabei seine kluge Umsicht zu betonen, die ihn kein Wort verlieren liess
+&uuml;ber die soeben gemachte Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und
+Zuverl&auml;ssigkeit seiner Anklage nicht durch die Ungewissheit einer
+wohl bedeutungsvollen, doch noch unbewiesenen <span class="pagenum">[<a id="pb301" href="#pb301" name="pb301">301</a>]</span>Beschuldigung abschw&auml;che. Seine Absicht
+war, die Leiche seines Vorg&auml;ngers ausgraben und wissenschaftlich
+untersuchen zu lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang
+unsch&auml;dlich gemacht sein w&uuml;rde. Doch man hat ihm hierzu die
+Gelegenheit nicht gelassen.</p>
+<p>In den Abschriften von offiziellen
+Schriftst&uuml;cken&mdash;Abschriften, die &uuml;brigens
+buchst&auml;blich &uuml;bereinstimmen mit den Originalen&mdash;glaube
+ich die th&ouml;richten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen
+zu d&uuml;rfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass
+sie diese &Auml;nderung bereitwillig hinnehmen.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar"></p>
+<p>&raquo;No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.<br>
+<span class="letterspaced">Geheim. Eile.</span></p>
+<p class="xd20e199"><span class="letterspaced">An den Residenten von
+Bantam.</span></p>
+<p>Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich mir
+haupts&auml;chlich die Untersuchung angelegen sein lassen &uuml;ber die
+Art und Weise, wie die Inl&auml;ndischen H&auml;upter ihre
+Verpflichtungen gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung im Punkte des
+Herrendienstes, des &sbquo;Pundutan&lsquo; und dergleichen
+erf&uuml;llen.</p>
+<p>Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorit&auml;t
+und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess, die die
+gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits <span class="letterspaced">weit</span> &uuml;berschritt.</p>
+<p>Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren,
+und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder sp&auml;ter selbst durch
+Drohungen diesen Inl&auml;ndischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um
+mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen: dass
+dieser Missbrauch aufh&ouml;rte und dass gleichzeitig dieser alte
+Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt
+w&uuml;rde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die, wie
+ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in
+Ber&uuml;cksichtigung des besonderen Umstandes, <span class="pagenum">[<a id="pb302" href="#pb302" name="pb302">302</a>]</span>dass
+er Besuch erwartete von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und
+von Tjanjor, zum mindesten von dem letzteren&mdash;der, wie ich meine,
+schon mit grossem Gefolge unterwegs ist&mdash;und er also mehr als
+sonst der Versuchung ausgesetzt war&mdash;und angesichts des
+beschr&auml;nkten Status seiner Geldmittel sozusagen der <span class="letterspaced">Notwendigkeit</span>&mdash;durch ungesetzliche Mittel
+f&uuml;r die durch diesen Besuch n&ouml;tigen Vorbereitungen Vorsorge
+zu treffen.</p>
+<p>Dies alles stimmte mich zur Milde bez&uuml;glich dessen, was schon
+geschehen <span class="letterspaced">war</span>, doch keineswegs war
+ich geneigt zur Nachgiebigkeit gegen&uuml;ber weiteren F&auml;llen.</p>
+<p>Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder
+Ungesetzlichkeit.</p>
+<p>Von diesem vorl&auml;ufigen Versuch, den Regenten durch G&uuml;te
+auf den Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand
+Kenntnis verschafft.</p>
+<p>Ich habe jedoch erfahren m&uuml;ssen, dass er mit brutaler
+Unversch&auml;mtheit alles in den Wind schl&auml;gt, und ich f&uuml;hle
+mich kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar">dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti
+Karta Natta Negara, <span class="letterspaced">beschuldige</span> des
+Missbrauchs der Amtsgewalt durch ungesetzliches Verf&uuml;gen &uuml;ber
+die Arbeit der ihm Unterstellten, und <span class="letterspaced">verd&auml;chtig erkl&auml;re</span> der Erpressung durch
+die Forderung von Aufwendungen in natura ohne oder gegen
+willk&uuml;rlich festgestellte, unausreichende Bezahlung;</p>
+<p>dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang&mdash;seinen
+Schwiegersohn&mdash;verd&auml;chtig erkl&auml;re der Mitschuld an den
+genannten Thatsachen.</p>
+</div>
+<p>Um beide Sachen geh&ouml;rig einleiten zu k&ouml;nnen, nehme ich mir
+die Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:</p>
+<ul>
+<li>1. den obengenannten Regenten von Lebak mit gr&ouml;sster Eile nach
+Serang zu senden und daf&uuml;r Sorge zu tragen, dass er weder vor
+seiner Abreise noch unterwegs <span class="pagenum">[<a id="pb303"
+href="#pb303" name="pb303">303</a>]</span>die Gelegenheit habe, durch
+Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen, die ich
+werde einholen m&uuml;ssen;</li>
+<li>2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorl&auml;ufig in Arrest zu
+nehmen;</li>
+<li>3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren
+Ranges, die, zur Familie des Regenten geh&ouml;rend, Einfluss auf den
+geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung aus&uuml;ben
+k&ouml;nnten;</li>
+<li>4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von dem
+Ausfall ausf&uuml;hrlichen Bericht einzureichen.</li>
+</ul>
+<p>Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erw&auml;gung zu
+geben, den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.</p>
+<p>Zum Schlusse habe ich die Ehre&mdash;zum &Uuml;berfluss f&uuml;r
+Sie, der Sie die Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon
+m&ouml;glich ist&mdash;die Versicherung zu geben, dass aus einem
+<span class="letterspaced">politischen</span> Gesichtspunkt der streng
+gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste im Wege steht, und
+dass ich eher Gefahr besorgen m&ouml;chte, falls sie <span class="letterspaced">nicht</span> zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin
+informiert, dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte,
+&raquo;pussing&laquo; ist (also: ratlos und in Verwirrung gebracht)
+durch all die Plackerei und Bedr&uuml;ckung, schon lange nach Rettung
+ausschaut.</p>
+<p>Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit dem
+Schreiben dieses Briefes erf&uuml;lle, zum Teil gesch&ouml;pft aus der
+Hoffnung, dass es mir verg&ouml;nnt sein wird, zu seiner Zeit das eine
+und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit dessen
+Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht, ich
+gleichwohl tiefes Mitleid f&uuml;hle.</p>
+<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar</span>.&laquo;</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb304" href="#pb304" name="pb304">304</a>]</span></p>
+<p>Folgenden Tags antwortete ihm ... der <span class="letterspaced">Resident von Bantam</span>? O nein, der Herr Slymering,
+<span class="letterspaced">privatim</span>!</p>
+<p>Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag f&uuml;r die Kenntnis der
+Art und Weise, wie in Niederl&auml;ndisch-Indien die Verwaltung
+gehandhabt wird. Der Herr Slymering beklagte sich, &raquo;dass Havelaar
+ihm von der Sache, die vork&auml;me in dem Briefe No. 88, nicht erst
+m&uuml;ndlich Kenntnis gegeben h&auml;tte&laquo;. Nat&uuml;rlich weil
+dann mehr M&ouml;glichkeit gewesen w&auml;re, zu &raquo;<span class="letterspaced">schipperen</span>&laquo;. Und weiterhin: &raquo;dass
+Havelaar ihn <span class="letterspaced">in seinen dringenden
+Gesch&auml;ften st&ouml;re</span>&laquo;!</p>
+<p>Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht &uuml;ber &raquo;ruhige
+Ruhe&laquo; besch&auml;ftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und
+traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des
+Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle <span class="letterspaced">ihn</span> und den Residenten von Bantam, Havelaar und
+Slymering, nebeneinander . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+. . . . . .</p>
+<hr class="tb">
+<p>Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser, dass
+Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die Gicht
+hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen der
+Kapitalien der Firma&mdash;Last &amp; Co.&mdash;mache ... denn in
+Grunds&auml;tzen bin ich unersch&uuml;tterlich ... kam ich vorgestern
+auf den Gedanken, dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe,
+und da er so power aussieht und also f&uuml;r m&auml;ssigen Lohn wohl
+zu kriegen w&auml;re, dr&auml;ngte es sich mir auf, dass ich der Firma
+verpflichtet sei, auf die wohlfeilste Art f&uuml;r den Ersatz Bastians
+zu sorgen. Ich ging also nach der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau
+von dem Laden war vorn, schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen,
+obschon ich ihr unl&auml;ngst recht deutlich gesagt hatte, dass ich
+<span class="letterspaced">M&rsquo;nheer Droogstoppel</span> sei,
+<span class="letterspaced">Makler in Kaffee</span>, von der
+<span class="letterspaced">Lauriergracht</span>. Es ber&uuml;hrt immer
+beleidigend, wenn man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt
+weniger kalt ist und ich das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe
+ich es dem zu und ziehe es mir <span class="pagenum">[<a id="pb305"
+href="#pb305" name="pb305">305</a>]</span>nicht an ... die Beleidigung,
+meine ich. Ich sagte also noch einmal, dass ich <span class="letterspaced">M&rsquo;nheer Droogstoppel</span> sei, <span class="letterspaced">Makler in Kaffee</span>, von der <span class="letterspaced">Lauriergracht</span>, und ersuchte sie, doch
+nachzusehen, ob der Shawlmann zu Hause w&auml;re, weil ich nicht wieder
+wie unl&auml;ngst mit seiner Frau zu thun haben wollte, die stets
+unzufrieden ist. Doch das Tr&ouml;delweib weigerte sich, nach oben zu
+gehen. &raquo;Sie k&ouml;nnte nicht den ganzen Tag Treppen klettern
+f&uuml;r das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst
+nachsehen.&laquo; Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der
+Treppen und Flure, die bei mir durchaus nicht n&ouml;tig war, denn ich
+erkenne stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich
+&uuml;berall mein Auge habe. Das habe ich mir so bei den
+Gesch&auml;ften angew&ouml;hnt. Ich kletterte also die Treppen hinauf
+und klopfte an die bekannte Th&uuml;r, die von selbst wich. Ich trat
+ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah ich mich mal um. Nun,
+viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes H&ouml;schen mit
+gestickter Borde &uuml;ber einem Stuhl ... was brauchen solche Menschen
+gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr schwerer
+Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf dem
+Kaminsims lagen einige B&uuml;cher, die ich einsah. Eine wunderliche
+Sammlung! Ein paar B&auml;nde von Byron, Horaz, Bastiat,
+B&eacute;ranger, und ... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel,
+mit den apokryphen B&uuml;chern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann
+nicht erwartet. Und es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand
+viele Notizen auf losen St&uuml;cken Papier, die sich auf die SCHRIFT
+bezogen&mdash;er sagt, dass Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist
+verr&uuml;ckt&mdash;nun, alles war von derselben Hand wie die
+Manuskripte in dem verw&uuml;nschten Paket. Vor allem schien er das
+Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die Bl&auml;tter.
+Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu f&uuml;hlen beginnt, und darum
+durch Lekt&uuml;re in den Heiligen B&uuml;chern sich mit GOTT
+vers&ouml;hnen will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete,
+fiel mein Auge auf einen N&auml;hkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne
+Hintergedanken <span class="pagenum">[<a id="pb306" href="#pb306" name="pb306">306</a>]</span>besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige
+Kinderstr&uuml;mpfe darin und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein
+Brief an Shawlmanns Frau, wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war
+ge&ouml;ffnet und sah aus, als wenn man ihn in Erregung
+zusammengeknutscht h&auml;tte. Nun habe ich den festen Grundsatz,
+niemals etwas zu lesen, was nicht an mich gerichtet ist, weil ich es
+nicht anst&auml;ndig finde. Ich thue es denn auch nie, wenn ich kein
+Interesse daran habe. Aber nun wurde mir eine Eingebung, dass es meine
+Pflicht w&auml;re, mal Einsicht in diesen Brief zu nehmen, weil sein
+Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig gew&auml;hrte bei der
+menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann f&uuml;hrte. Ich
+dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah ist, da Er mir
+hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr &uuml;ber diesen Mann
+zu erfahren, und mich also vor der Gefahr beh&uuml;tete, einer
+unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht auf
+solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen im
+Gesch&auml;ft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass
+die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens war
+der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name
+angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entz&uuml;ckt
+von dem sch&ouml;nen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu
+sein, der eifrig f&uuml;r den HERRN arbeitet, denn er schrieb,
+&raquo;dass die Frau des Shawlmanns sich scheiden lassen m&uuml;sse von
+solch einem Elenden, der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht
+verdienen k&ouml;nne, der obendrein ein Schurke w&auml;re, denn er
+h&auml;tte Schulden ... dass der Schreiber des Briefes um ihren Zustand
+bek&uuml;mmert sei, wiewohl sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf
+den Hals geladen h&auml;tte, indem sie den HERRN verliess und Shawlmann
+anhing ... dass sie zum HERRN zur&uuml;ckkehren m&uuml;sse, und dass
+dann vielleicht die ganze Familie die H&auml;nde dazu verbinden
+w&uuml;rde, ihr N&auml;harbeit zu verschaffen. Doch vor diesem allen
+m&uuml;sse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre Schande
+f&uuml;r die Familie bedeute&laquo;. <span class="pagenum">[<a id="pb307" href="#pb307" name="pb307">307</a>]</span></p>
+<p>Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da
+in diesem Briefe stand.</p>
+<p>Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare Weise
+gewarnt war. Ohne diese Warnung w&auml;re ich sicher wieder das
+Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss also
+nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen
+Ersatzmann f&auml;nde, denn ich setze nicht gern jemanden auf die
+Strasse, und wir k&ouml;nnen im Augenblick auch keinen von den Leuten
+entbehren, weil unser Gesch&auml;ft so flott geht.</p>
+<p>Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es
+gemacht habe auf dem letzten Kr&auml;nzchen, und ob ich das Triolett
+gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kr&auml;nzchen gewesen. Es sind
+wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, mit
+meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der Sohn von
+dem ersten Last&mdash;als die Meyers noch drin waren, aber die sind nun
+lange raus&mdash;hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau und
+Marie mal sehen m&ouml;chte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und
+meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte,
+brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich sprach
+mit unserm Buchhalter dar&uuml;ber, der ein Mann von viel Erfahrung ist
+und mir nach gr&uuml;ndlicher Beratung in Erw&auml;gung gab, meinen
+Plan zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell
+in der Ausf&uuml;hrung meiner Beschl&uuml;sse. Bereits den folgenden
+Tag sah ich ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte
+mich auf den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun k&ouml;nnte,
+als den Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich
+reiflich alles erwogen&mdash;es sprach viel daf&uuml;r, aber auch viel
+dagegen&mdash;sind wir gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen
+zur&uuml;ckgekehrt. Ich w&uuml;rde das ja alles nicht so
+ausf&uuml;hrlich erz&auml;hlen, wenn es nicht in enger Beziehung zu
+meinem Buche st&auml;nde. Zum ersten liegt mir daran, dass ihr wisst,
+warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, die Stern letzten
+Sonntag <span class="pagenum">[<a id="pb308" href="#pb308" name="pb308">308</a>]</span>gewiss wieder ausgekramt hat.&mdash;Was ist das
+nur f&uuml;r eine Geschichte von einem Menschen, der noch was
+h&ouml;ren sollte, als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte
+es von den jungen Rosemeyers, die in Zucker machen.&mdash;Zum zweiten
+bin ich so ausf&uuml;hrlich, weil ich wiederum aufs neue die sichere
+&Uuml;berzeugung gewonnen habe, dass all diese Erz&auml;hlungen
+&uuml;ber Elend und Unruhe in Ostindien ganz offenbare L&uuml;gen sind.
+Da sieht man wieder, wie das Reisen einem Gelegenheit giebt, recht auf
+den Grund der Dinge zu kommen.</p>
+<p>Samstag Abend n&auml;mlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung
+bei einem Herrn angenommen, der fr&uuml;her in Ostindien Resident war
+und nun auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und
+wahrlich, ich kann den liebensw&uuml;rdigen Empfang nicht genug
+r&uuml;hmen. Er hatte sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und
+der Kutscher hatte eine rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu
+kalt, um den Landsitz zu besichtigen, der im Sommer pr&auml;chtig sein
+muss, aber im Hause selbst blieb einem nichts zu w&uuml;nschen
+&uuml;brig, denn es war von allem, was das Leben angenehm macht,
+vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, eine &uuml;berdeckte
+eiserne Glasgalerie als Gew&auml;chshaus, und der Kakadu sass auf einem
+St&auml;nder von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und ersah
+sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt wird. Der
+Mann hatte geh&ouml;rig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte wohl
+drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein noch ein
+Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getr&uuml;ffelt, und auch die
+Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, gerade wie der
+Kutscher.</p>
+<p>Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren&mdash;wegen des
+Kaffees&mdash;brachte ich das Gespr&auml;ch darauf, und sah sehr bald,
+woran ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass
+er&rsquo;s im Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein
+wahres Wort ist an all den Erz&auml;hlungen &uuml;ber die
+Unzufriedenheit in der Bev&ouml;lkerung. Ich brachte das Gespr&auml;ch
+auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von <span class="pagenum">[<a id="pb309" href="#pb309" name="pb309">309</a>]</span>einer sehr ung&uuml;nstigen Seite. Er
+versicherte mir, dass man sehr recht daran that, den Mann wegzujagen,
+denn er war eine sehr unzufriedene Person, die stets an allem was
+auszusetzen hatte, w&auml;hrend &uuml;berdies sehr &uuml;ber sein
+eigenes Betragen Klage zu f&uuml;hren war. Er entf&uuml;hrte
+n&auml;mlich oft M&auml;dchen und brachte sie dann zu seiner eigenen
+Frau, und er bezahlte seine Schulden nicht, was doch sehr
+unanst&auml;ndig ist. Da ich nun aus dem Brief, den ich gelesen hatte,
+so gut wusste, wie begr&uuml;ndet all diese Beschuldigungen waren, war
+es mir eine grosse Genugthuung, zu sehen, dass ich die Dinge so gut
+beurteilt hatte, und war ich sehr zufrieden mit mir selbst. Daf&uuml;r
+bin ich denn auch bekannt an meinem B&ouml;rsenpfeiler&mdash;dass ich
+stets so richtig urteile, meine ich.</p>
+<p>Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie
+erz&auml;hlten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss
+doch wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei
+Driebergen nicht halb so gross w&auml;re als ihr &raquo;Erbe&laquo;,
+wie sie es nannten, in den Binnenlanden von Java, und dass zur
+Unterhaltung desselben wohl an die hundert Menschen n&ouml;tig waren.
+Doch&mdash;und das ist wohl ein Beweis daf&uuml;r, wie beliebt sie
+waren&mdash;das thaten diese Leute ganz umsonst und rein aus Wohlwollen
+f&uuml;r sie. Auch erz&auml;hlten sie, dass bei ihrem Abzug von dort
+der Verkauf ihrer M&ouml;bel wohl zehnmal mehr aufgebracht h&auml;tte,
+als dieselben wert waren, weil die Inl&auml;ndischen H&auml;uptlinge so
+gern ein Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie
+gewesen ist. Ich sagte Stern sp&auml;ter davon, der behauptete, dass es
+durch Zwang geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen
+k&ouml;nnte. Doch ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein
+Verleumder ist, dass er M&auml;dchen entf&uuml;hrt hat&mdash;gerade wie
+der junge Deutsche bei Busselinck &amp; Waterman&mdash;und dass ich auf
+sein Urteil durchaus keinen Wert legte, denn ich h&auml;tte nun von
+einem Residenten selbst geh&ouml;rt, wie die Dinge st&auml;nden, und
+h&auml;tte also von M&rsquo;nheer Shawlmann nichts zu lernen.</p>
+<p>Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter <span class="pagenum">[<a id="pb310" href="#pb310" name="pb310">310</a>]</span>anderm ein Herr, der sehr reich war und noch
+immer viel Geld an Thee verdient, den die Javanen ihm f&uuml;r wenig
+Geld liefern m&uuml;ssen und den die Regierung ihm f&uuml;r einen hohen
+Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen anzuregen. Auch
+dieser Herr war sehr b&ouml;s auf all die unzufriedenen Menschen, die
+fortw&auml;hrend gegen die Regierung reden und schreiben. Er konnte die
+Verwaltung der Kolonien nicht genug r&uuml;hmen, denn er sagte, er sei
+&uuml;berzeugt, dass man viel Verlust h&auml;tte an dem Thee, den man
+von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, dass man
+dauernd einen so hohen Preis f&uuml;r einen Artikel bezahle, der
+eigentlich geringen Wert h&auml;tte und den er selbst denn auch nicht
+gern m&ouml;chte, denn er tr&auml;nke stets chinesischen Thee. Auch
+sagte er, dass der Generalgouverneur, der die sogenannten
+Theevertr&auml;ge verl&auml;ngert h&auml;tte, trotz seiner
+Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden Verlust bei diesem Artikel
+habe, so ein bef&auml;higter, braver Mensch sei, und vor allem denen
+ein so treuer Freund, die ihn fr&uuml;her schon gekannt h&auml;tten.
+Denn dieser Generalgouverneur h&auml;tte sich den Teufel um das Gerede
+gek&uuml;mmert, dass an dem Thee soviel Verlust w&auml;re, und er
+h&auml;tte ihm, als von Einziehung dieser Vertr&auml;ge&mdash;ich
+glaube im Jahre 1846&mdash;die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen,
+indem er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu
+kaufen. &raquo;Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle
+Menschen beschimpfen h&ouml;re! Wenn <span class="letterspaced">er</span> nicht gewesen w&auml;re, liefe ich nun zu Fuss
+mit Frau und Kindern.&laquo; Darauf liess er sein
+&raquo;barouchet<span class="corr" id="xd20e6313" title="Quelle: &raquo;">&laquo;</span> vorfahren, und das sah doch
+<span class="letterspaced">so</span> apart aus, und die Pferde waren so
+wohlgen&auml;hrt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man gl&uuml;ht
+vor Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele
+wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor
+allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren und
+Klagen von Gesch&ouml;pfen, wie dieser Shawlmann eins ist.</p>
+<p>Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls
+der Herr, f&uuml;r den die Javanen Thee bauen. <span class="pagenum">[<a id="pb311" href="#pb311" name="pb311">311</a>]</span>Es
+sind die allerbesten Menschen und doch von ganz besonderem Ansehen!
+Beide fragten sie gleichzeitig, mit welchem Zuge wir in Amsterdam
+anzukommen ged&auml;chten. Wir begriffen nicht, was dies auf sich
+hatte, doch sp&auml;ter wurde es uns klar, denn als wir am Montag
+Morgen dort ankamen, waren <span class="letterspaced">zwei</span>
+Bediente am Bahnhof, einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit
+einer gelben Weste, die beide aussagten, sie h&auml;tten per Depesche
+Auftrag erhalten, uns mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus
+dem H&auml;uschen, und ich dachte daran, was Busselinck &amp; Waterman
+wohl gesagt haben w&uuml;rden, wenn sie das gesehen h&auml;tten ...
+dass zwei Fuhrwerke zugleich f&uuml;r uns da waren, meine ich. Aber es
+war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, denn ich konnte mich nicht
+entschliessen, eine von den Parteien zu kr&auml;nken, indem ich eine so
+liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat war teuer. Aber ich habe mich
+aus dieser h&ouml;chst schwierigen Situation schon wieder gerettet. Ich
+habe meine Frau und Marie im <span class="letterspaced">roten</span>
+Fuhrwerk Platz nehmen lassen&mdash;in dem Wagen von der roten Weste
+meine ich&mdash;und ich habe mich ins <span class="letterspaced">gelbe</span> gesetzt&mdash;ins Fuhrwerk, meine ich.</p>
+<p>Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer so
+schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, als
+wenn&rsquo;s wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in
+geb&uuml;ckter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem
+&Auml;rmel seines sch&auml;bigen Rockes sein bleiches Gesicht von den
+Dreckspritzen zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen,
+und meine Frau fand es auch. <span class="pagenum">[<a id="pb312" href="#pb312" name="pb312">312</a>]</span></p>
+<div class="footnotes">
+<hr class="fnsep">
+<p class="footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd20e6122" href="#xd20e6122src" name="xd20e6122">1</a></span> Dem
+ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine Beilage in
+Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des
+&bdquo;Havelaar&ldquo; entsprechenden, von dem Assistent-Residenten
+Eduard Douwes Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die
+Antworten seines Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des
+<span class="corr" id="xd20e6124" title="Quelle: Orginal">Original</span>-Aktenst&uuml;ckes enth&auml;lt. W.
+Sp.</p>
+</div>
+</div>
+<div id="ch19" class="div1">
+<h2>Neunzehntes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering
+an Havelaar sandte, teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner
+&raquo;dringenden Gesch&auml;fte&laquo; am folgenden Tage nach
+Rangkas-Betung kommen werde, um zu erw&auml;gen, was gethan werden
+m&uuml;sste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche
+Erw&auml;gungen zu bedeuten hatten&mdash;sein Vorg&auml;nger hatte so
+oft mit dem Residenten von Bantam
+&raquo;abouchiert&laquo;!&mdash;schrieb den nachfolgenden Brief, den er
+dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben sollte,
+bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar zu diesem
+Schriftst&uuml;ck er&uuml;brigt sich.</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar
+1856,<br>
+Geheim. Eilig. abends 11 Uhr.</p>
+<p>Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive No. 88
+an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar">dass ich nach langer Untersuchung und nach
+vergeblichen Bem&uuml;hungen, den Betreffenden durch G&uuml;te von
+seinem unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides
+verpflichtet f&uuml;hlte, den Regenten von Lebak zu <span class="letterspaced">beschuldigen</span> des Gewaltmissbrauchs, und dass ich
+ihn <span class="letterspaced">verd&auml;chtig</span> hielte der
+Erpressung.</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb313" href="#pb313" name="pb313">313</a>]</span></p>
+<p>Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen
+Inl&auml;ndischen H&auml;uptling nach Serang zu berufen, mit dem
+<span class="letterspaced">Zwecke, nach seiner Abreise und nach
+Neutralisierung des verderblichen Einflusses seiner ausgebreiteten
+Familie</span> eine Untersuchung einzuleiten &uuml;ber die
+Begr&uuml;ndetheit meiner Beschuldigung und meiner Vermutung.</p>
+<p>Lange, oder richtiger gesagt: <span class="letterspaced">viel</span>
+hatte ich nachgedacht, ehe ich zu diesem Entschluss kam.</p>
+<p>Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich getrachtet
+habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten Regenten vor
+Ungl&uuml;ck und Schande zu bewahren, und mich selbst vor dem tiefen
+Schmerz, hiervon&mdash;sei es auch nur die unmittelbar
+voraufgehende&mdash;Ursache zu sein.</p>
+<p>Doch ich sah an der andern Seite die <span class="letterspaced">seit
+Jahren ausgesogene, tief niedergebeugte Bev&ouml;lkerung</span>, ich
+dachte an die Notwendigkeit eines Beispiels&mdash;denn <span class="letterspaced">viele andere Bedr&uuml;ckungen</span> werde ich Ihnen zu
+rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von mir angefasste
+Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende macht&mdash;und, ich
+wiederhole es, <span class="letterspaced">nach reiflicher
+&Uuml;berlegung</span> habe ich gethan, was ich f&uuml;r Pflicht
+hielt.</p>
+<p>In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes
+Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen
+hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese Sache
+lieber vorher privat und vertraulich h&auml;tte behandeln sollen.</p>
+<p>Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just darum
+nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden, um vor
+unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.</p>
+<p>Alles, was ich bez&uuml;glich der Handlungen des Regenten einer
+Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der Patteh
+wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar der Kontrolleur
+weiss jetzt nur <span class="pagenum">[<a id="pb314" href="#pb314"
+name="pb314">314</a>]</span>erst zum Teil den Ausfall meiner
+Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten Zweck. Erst,
+als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege abzubringen,
+beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg hatte, ihn nicht zu
+kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem Namen&mdash;es war am 12.
+dieses&mdash;ausdr&uuml;cklich f&uuml;r diese Diskretion Dank gesagt.
+Doch sp&auml;ter, als ich an dem Erfolg meiner Versuche zu verzweifeln
+begann, oder besser, als das Mass meiner Entr&uuml;stung <span class="letterspaced">durch einen eben geh&ouml;rten Vorfall</span>
+&uuml;berlief, als l&auml;ngeres Schweigen <span class="letterspaced">Mitverantwortlichkeit</span> bedeutet h&auml;tte, da war
+diese Geheimhaltung <span class="letterspaced">meinethalben</span>
+n&ouml;tig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen habe ich
+Pflichten zu erf&uuml;llen.</p>
+<p>Gewiss w&auml;re ich nach dem Schreiben der Missive von gestern
+unw&uuml;rdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin
+Ausgesprochene hinf&auml;llig, unbegr&uuml;ndet, aus der Luft gegriffen
+w&auml;re. Und w&uuml;rde oder wird es mir m&ouml;glich sein, zu
+beweisen, dass ich gethan habe, &raquo;was einem guten
+Assistent-Residenten zu thun obliegt&laquo;, wie es mein Amtseid
+vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter dem Niveau
+des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen, dass ich nicht
+unbedacht und leichtfertig siebenzehn m&uuml;hevolle Dienstjahre aufs
+Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau und Kind ... wird es
+mir m&ouml;glich sein, das alles zu beweisen, wenn nicht tiefe
+Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt und den Schuldigen
+hindert, sich, wie man es nennt, zu &sbquo;<span class="letterspaced">decken</span>&lsquo;?</p>
+<p>Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an seinen
+Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der Erhaltung des
+Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten immer, Geld, teilt es
+aus mit verschwenderischer Hand an jeden, den er in der letzten Zeit
+benachteiligt hat, und die Folge w&uuml;rde sein&mdash;ich hoffe, nicht
+sagen zu brauchen: <span class="letterspaced">wird</span>
+sein&mdash;dass <span class="letterspaced">ich</span> ein
+leichtfertiges Urteil gef&auml;llt habe und mit einem Wort <span class="pagenum">[<a id="pb315" href="#pb315" name="pb315">315</a>]</span>ein
+unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht &auml;rger
+auszudr&uuml;cken.</p>
+<p>Mich gegen diese Eventualit&auml;t zu sichern, dient dieses
+Schreiben. Ich habe die gr&ouml;sste Hochachtung vor Ihnen, aber ich
+kenne den Geist, den man &rsquo;den Geist der Ost-Indischen
+Beamten&rsquo; nennen k&ouml;nnte, und ich besitze diesen Geist
+<span class="letterspaced">nicht</span>!</p>
+<p>Ihr Wink, dass die Sache vorher besser &raquo;privat&laquo;
+w&auml;re behandelt worden, l&auml;sst mich Bef&uuml;rchtungen hegen
+vor einer m&uuml;ndlichen Besprechung. Was ich in meinem Briefe von
+gestern gesagt habe, ist <span class="letterspaced">wahr</span>. Doch
+vielleicht w&uuml;rde es unwahr <span class="letterspaced">scheinen</span>, wenn die Sache in einer Weise behandelt
+w&uuml;rde, die die Offenbarwerdung meiner Beschuldigung wie meines
+Vermutens veranlasste, <span class="letterspaced">bevor der Regent von
+hier entfernt ist</span>.</p>
+<p>Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen in
+Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten Express mich
+bef&uuml;rchten l&auml;sst, dass der Schuldige, der fr&uuml;her meine
+Ermahnungen in den Wind schlug, <span class="letterspaced">jetzt</span>
+vor der Zeit aufmerksam werden und versuchen wird, wenn m&ouml;glich
+die Beweise seiner Schuld, tant soit peu, zu verwischen.</p>
+<p>Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchst&auml;blich auf meine
+Missive von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit,
+dabei ausdr&uuml;cklich zu bemerken, dass diese Missive <span class="letterspaced">auch</span> den Vorschlag enthielt: <span class="letterspaced">vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und die
+von ihm Abh&auml;ngigen vorl&auml;ufig unsch&auml;dlich zu
+machen.</span> Ich vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein
+f&uuml;r das, was ich vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem
+Vorschlage betreffs der Art und Weise der Untersuchung&mdash;d. i.
+unparteiisch, &ouml;ffentlich, und vor allem <span class="letterspaced">frei</span>&mdash;zuzustimmen belieben.</p>
+<p>Diese Freiheit besteht <span class="letterspaced">nicht</span>, ehe
+nicht der Regent entfernt ist, und nach meiner bescheidenen Meinung
+liegt hierin nichts Gef&auml;hrliches. Ihm kann doch gesagt werden,
+<span class="pagenum">[<a id="pb316" href="#pb316" name="pb316">316</a>]</span>dass <span class="letterspaced">ich</span> ihn
+beschuldige und verd&auml;chtig erkl&auml;re, dass <span class="letterspaced">ich</span> Gefahr laufe und nicht <span class="letterspaced">er</span>, wenn er unschuldig ist. Denn ich selbst bin
+der Ansicht, dass ich aus dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn
+sich herausstellt, dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig
+gehandelt habe.</p>
+<p>Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!</p>
+<p>Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen k&ouml;nnte und
+leben und geniessen, solange die, &uuml;ber deren Wohlergehen zu wachen
+er berufen ist, sie, die im h&ouml;chsten Sinne seine
+&sbquo;N&auml;chsten&lsquo; sind, vergewaltigt werden und
+ausgesogen!</p>
+<p>Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass die
+Frage einmal sein wird: <span class="letterspaced">was</span> man
+gethan hat, ob man es <span class="letterspaced">gut</span> gethan hat,
+und nicht, ob man es in <span class="letterspaced">zu kurzer
+Zeit</span> gethan hat. F&uuml;r mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die
+gekennzeichnet ist durch Erpressung und Unterdr&uuml;ckung, und schwer
+wiegt mir die Sekunde, die durch <span class="letterspaced">meine</span> Nachl&auml;ssigkeit, durch <span class="letterspaced">meine</span> Pflichtvers&auml;umnis, durch <span class="letterspaced">meinen</span> &sbquo;Geist des
+&sbquo;Schipperns&lsquo;&lsquo; in Elend verbracht w&auml;re.</p>
+<p>Mich qu&auml;len die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen
+offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen dieses
+Vers&auml;umnisses.</p>
+<p>Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die
+Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und mich
+zu sichern vor dem Missgl&uuml;cken meiner Versuche, die Abteilung
+Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an ihrem
+Wohlergehen nagt.</p>
+<p>Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu
+ersuchen, meine Handlungen diesangehend&mdash;die ja wahrlich ganz nach
+Vorschrift der Instruktion allein bestehen in <span class="letterspaced">Untersuchung, Rapport und
+Vorschlag</span>&mdash;g&uuml;tigst gutheissen zu wollen, den Regenten
+von Lebak, ohne voraufgehende <span class="letterspaced">direkte</span>
+oder <span class="letterspaced">indirekte</span> Warnung, <span class="pagenum">[<a id="pb317" href="#pb317" name="pb317">317</a>]</span>von
+hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bez&uuml;glich dessen
+einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern, No. 88,
+mitteilte.</p>
+<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar</span>.&laquo;</p>
+</div>
+<p>Diese Bitte, <span class="letterspaced">die Schuldigen nicht in
+Schutz zu nehmen</span>, empfing der Resident unterwegs. Eine Stunde
+nach seiner Ankunft stattete er dem Regenten einen kurzen Besuch ab und
+fragte bei dieser Gelegenheit: <span class="letterspaced">was er gegen
+den Assistent-Residenten vorbringen k&ouml;nne?</span> und dann: ob
+<span class="letterspaced">er</span>, der Adhipatti, <span class="letterspaced">Geld n&ouml;tig habe</span>? Auf die erste Frage
+antwortete der Regent: &raquo;Nichts, das kann ich
+beschw&ouml;ren!&laquo; Auf die zweite antwortete er zustimmend, worauf
+der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die er&mdash;f&uuml;r den
+vorkommenden Fall mitgebracht!&mdash;aus seiner Westentasche zog. Man
+wird verstehen, dass dies g&auml;nzlich ohne Wissen Havelaars vor sich
+ging, und bald werden wir erfahren, wie diese sch&auml;ndliche
+Handlungsweise ihm bekannt wurde.</p>
+<p>Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als
+gew&ouml;hnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es
+war denn auch keine geringe Sache f&uuml;r jemanden, der sich
+<span class="letterspaced">so</span> auszeichnete durch
+&rsquo;Schippern&rsquo; und j&auml;hrliche Ruheberichte, so
+pl&ouml;tzlich Briefe zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom
+gebr&auml;uchlichen offiziellen Optimismus, noch von k&uuml;nstlicher
+Verdrehung der Sache, noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit
+der Regierung &uuml;ber die &raquo;Bel&auml;stigung&laquo; mit
+ung&uuml;nstigen Berichten. Der Resident von Bantam war erschrocken,
+und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit willen verzeihen
+will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu vergleichen, der
+sich &uuml;ber Verletzung urgrossv&auml;terlicher Gewohnheiten beklagt,
+weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende Schimpfworte
+geschlagen hat.</p>
+<p>Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er <span class="pagenum">[<a id="pb318" href="#pb318" name="pb318">318</a>]</span>nicht versucht habe, Havelaar von seiner Anklage
+zur&uuml;ckzuhalten. Der arme Verbrugge, dem die ganze Anklage
+unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen Glauben. Der Herr
+Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand ganz allein, auf
+eigene Verantwortung und ohne in die L&auml;nge gezogene
+Erw&auml;gungen oder &sbquo;R&uuml;cksprachen&lsquo; zu so
+unerh&ouml;rter Pflichterf&uuml;llung hatte &uuml;bergehen k&ouml;nnen.
+Da gleichwohl Verbrugge&mdash;vollkommen
+wahrheitsgem&auml;ss&mdash;dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von
+den Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der
+Resident nach vielen Ausrufen voll ungl&auml;ubiger Verwunderung
+endlich sich darein finden, und er ging&mdash;ich weiss nicht,
+warum&mdash;dazu &uuml;ber, diese Briefe zu verlesen.</p>
+<p>Was Verbrugge beim Anh&ouml;ren derselben litt, ist schwer zu
+beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und w&uuml;rde sicher nicht
+gelogen haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen h&auml;tte, um die
+Wahrheit des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von
+dieser Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht
+immer vermeiden k&ouml;nnen, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder
+da, wo sie gef&auml;hrlich war. Was w&uuml;rde es geben, wenn Havelaar
+davon Gebrauch machte?</p>
+<p>Nach dem Verlesen der Briefe erkl&auml;rte der Resident, es
+w&uuml;rde ihm angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftst&uuml;cke
+zur&uuml;ckn&auml;hme, um sie als nicht geschrieben betrachten zu
+k&ouml;nnen, was dieser mit h&ouml;flicher Bestimmtheit von sich wies.
+Nachdem er vergebens versucht hatte, ihn hierzu zu bewegen, sagte der
+Resident, dass ihm dann nichts anderes &uuml;brig bliebe, als eine
+Untersuchung &uuml;ber die Begr&uuml;ndetheit der erhobenen Klagen
+anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen m&uuml;sste, die Zeugen
+aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen Halt geben
+k&ouml;nnten.</p>
+<p>Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den
+Dornstr&auml;uchen in dem Ravijn, wie angstvoll w&uuml;rden eure Herzen
+geklopft haben, wenn ihr von diesem Verlangen h&auml;ttet h&ouml;ren
+k&ouml;nnen! <span class="pagenum">[<a id="pb319" href="#pb319" name="pb319">319</a>]</span></p>
+<p>Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio,
+Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt
+<span class="letterspaced">hattest</span> durch <span class="letterspaced">schriftlichen</span> Bericht! Durch schriftlichen
+Bericht, der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...</p>
+<p>Havelaar antwortete:</p>
+<p>&raquo;Resident, <span class="letterspaced">ich</span> bin
+Assistent-Resident von Lebak, <span class="letterspaced">ich</span>
+habe gelobt, die Bev&ouml;lkerung zu schirmen gegen Erpressung und
+Gewaltthat, <span class="letterspaced">ich</span> klage den Regenten an
+und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang, <span class="letterspaced">ich</span> werde die Begr&uuml;ndetheit meiner Anklage
+beweisen, sobald mir dazu die Gelegenheit gegeben wird, die ich in
+meinen Briefen erbat, <span class="letterspaced">ich</span> bin
+schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch
+ist!&laquo;</p>
+<p>Wie Verbrugge aufatmete!</p>
+<p>Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!</p>
+<p>Die Unterhaltung dauerte lange. Mit H&ouml;flichkeit&mdash;denn
+h&ouml;flich und wohlerzogen war der Herr Slymering&mdash;suchte er
+Havelaar zu bewegen, von so verkehrten Grunds&auml;tzen abzulassen.
+Doch mit ebenso grosser H&ouml;flichkeit blieb dieser
+unersch&uuml;tterlich. Das Ende war, dass der Resident sich darin
+f&uuml;gen musste, und als Bedrohung sagte, was f&uuml;r Havelaar ein
+Triumph war: <span class="letterspaced">dass er sich dann gen&ouml;tigt
+s&auml;he, die fraglichen Briefe der Regierung zu
+unterbreiten.</span></p>
+<p>Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den
+Adhipatti&mdash;wir sahen schon, was er da zu verrichten
+hatte!&mdash;und nahm darauf das Mittagmahl an dem d&uuml;rftigen
+Tische der Havelaars ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang
+zur&uuml;ck, mit grosser Eile: Weil. Er. So. Besonders. Dr&auml;ngend.
+Zu thun. Habe.</p>
+<p>Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen
+Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier
+abschreibe: <span class="pagenum">[<a id="pb320" href="#pb320" name="pb320">320</a>]</span></p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar"></p>
+<p>&raquo;No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856.<br>
+<span class="letterspaced">Geheim.</span></p>
+<p>Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses,
+L<sup>a</sup> O, geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung
+enthaltend:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar">dass Sie Gr&uuml;nde h&auml;tten, nicht den
+Vorschl&auml;gen Gew&auml;hr zu geben, die ich in meinen Amtsschreiben
+vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, machte;</p>
+<p>dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gew&uuml;nscht
+h&auml;tten;</p>
+<p>dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen umschrieben
+sind, nicht billigten;</p>
+<p>und zum Schluss einige Befehle.</p>
+</div>
+<p>Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz
+m&uuml;ndlich geschah, nochmals und zum &Uuml;berfluss zu
+versichern:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar">dass ich vollkommen die Legitimit&auml;t Ihrer
+Autorit&auml;t respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen
+Vorschl&auml;gen Gew&auml;hr zu geben oder nicht;</p>
+<p>dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und n&ouml;tigenfalls
+mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als w&auml;ren Sie
+zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer: bei allem, was
+ich nicht thue und nicht sage.</p>
+</div>
+<p>Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalit&auml;t bez&uuml;glich dessen
+vertrauen.</p>
+<p>Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu
+protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung
+bez&uuml;glich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines
+einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet, gesprochen
+oder geschrieben.</p>
+<p>Ich habe die &Uuml;berzeugung, dass ich meine <span class="letterspaced">Pflicht</span> gethan habe, sowohl was die Absicht, als
+auch was die Art der Ausf&uuml;hrung angeht, <span class="letterspaced">vollkommen meine Pflicht, nichts als meine
+Pflicht</span> ohne die mindeste Abweichung. <span class="pagenum">[<a id="pb321" href="#pb321" name="pb321">321</a>]</span></p>
+<p>Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte&mdash;das heisst:
+bevor ich &raquo;<span class="letterspaced">untersuchte</span>,
+<span class="letterspaced">rapportierte</span> und <span class="letterspaced">Vorschl&auml;ge machte</span>&laquo;&mdash;und wenn ich
+in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte ... aus
+&Uuml;bereilung fehlte ich nicht.</p>
+<p>In gleichen Umst&auml;nden w&uuml;rde ich wiederum ... etwas
+schneller jedoch ... ganz, buchst&auml;blich ganz dasselbe thun und
+lassen.</p>
+<p>Und w&auml;re es selbst, dass eine h&ouml;here Macht denn die Ihre
+etwas missbilligte von dem, was ich that&mdash;ausgenommen vielleicht
+die Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht, ein
+Gebrechen, f&uuml;r das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein
+Stotterer f&uuml;r das seine&mdash;w&auml;re es das immerhin ... doch
+nein, dies <span class="letterspaced">kann</span> es nicht sein, aber
+w&auml;re es auch so: <span class="letterspaced">ich habe meine
+<b>Pflicht</b> gethan!</span></p>
+<p>Gewiss thut es mir&mdash;gleichwohl ohne befremdet zu
+sein&mdash;leid, dass Sie hier&uuml;ber anders urteilen&mdash;und was
+mich selbst angeht, ich w&uuml;rde mich sogleich dabei beruhigen, dass
+eine Verkennung meiner Person stattfand&mdash;doch es ist ein
+<span class="letterspaced">Prinzip</span> in Frage, und ich habe
+Gewissensgr&uuml;nde, die es fordern, dass festgestellt werde, welche
+Meinung richtig ist, die <span class="letterspaced">Ihre</span> oder
+die <span class="letterspaced">meine</span>.</p>
+<p>Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. W&uuml;nscht
+also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss ich als
+ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass man mich verabschiede.
+Dann muss ich in einem Alter von sechsunddreissig Jahren danach
+streben, aufs neue eine Laufbahn mir zu erk&auml;mpfen. Dann muss
+ich&mdash;nach siebenzehn Jahren, nach siebenzehn <span class="letterspaced">schweren</span>, <span class="letterspaced">m&uuml;hevollen</span> Dienstjahren, nachdem ich meine
+besten Lebenskr&auml;fte dem zum Opfer gebracht habe, was ich f&uuml;r
+meine Pflicht hielt&mdash;aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir
+Brot geben will f&uuml;r Frau und Kind, Brot in Tausch f&uuml;r meine
+Gedanken, Brot vielleicht in Tausch f&uuml;r Arbeit mit Schubkarren
+oder Spaten, wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als
+der Kraft meiner Seele. <span class="pagenum">[<a id="pb322" href="#pb322" name="pb322">322</a>]</span></p>
+<p>Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von Seiner
+Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich bin also
+verpflichtet, ehe ich &uuml;bergehe zu dem Bittersten und
+&Auml;ussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb,
+Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar"><span class="letterspaced">es m&ouml;ge dem
+Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch die Handlungen des
+Assistent-Residenten, wie sie in dessen Missives vom 24. und 25.
+dieses, No. 88 und 91, umschrieben sind, gutheisse.</span></p>
+</div>
+<p>Oder aber:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar"><span class="letterspaced">es m&ouml;ge genannten
+Assistent-Residenten zur Verantwortung aufrufen gegen die vom
+Residenten von Bantam zu formulierenden Punkte der
+Missbilligung.</span></p>
+</div>
+<p>Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung zu
+geben, dass, wenn <span class="letterspaced">etwas</span> mich
+abbringen k&ouml;nnte von meinen lang durchdachten und ruhig, doch
+ebenso mit Leidenschaft verfolgten Prinzipien in dieser Frage ...
+wahrlich, es w&uuml;rde dies nur der r&uuml;cksichtsvollen,
+einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie in der Konferenz von
+ehegestern diese Prinzipien bek&auml;mpft haben.</p>
+<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar</span>.</p>
+</div>
+<hr class="tb">
+<p>Ohne ein Urteil auszusprechen &uuml;ber den guten Grund des Argwohns
+der Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen
+machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass
+n&auml;mlich in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen
+Pflichterf&uuml;llung und Gift&mdash;<span class="pagenum">[<a id="pb323" href="#pb323" name="pb323">323</a>]</span>mochte auch immer
+diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung bestehen&mdash;so wird
+doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle Tage nach des
+Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube, ich habe nicht
+n&ouml;tig, die Angst einer Mutter zu schildern, die, wenn sie ihrem
+Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen muss, ob sie
+vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch ein
+&raquo;abgebetetes Kind&laquo;, der kleine Max, der sieben Jahre nach
+der Verehelichung ausgeblieben war, als h&auml;tte der Schalk gewusst,
+dass es keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu
+kommen!</p>
+<hr class="tb">
+<p>Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der
+Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch
+nicht.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur
+Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute,
+die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm
+ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit M&uuml;he
+sprechen.</p>
+<p>&mdash;Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ...
+doch verraten Sie mich nicht.</p>
+<p>&mdash;Was? Was soll ich nicht verraten?</p>
+<p>&mdash;Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von
+dem, was ich Ihnen jetzt sagen werde?</p>
+<p>&mdash;Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein
+Wort.</p>
+<p>Und darauf erz&auml;hlte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt
+ist, dass n&auml;mlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt
+hatte, ob er gegen Havelaar etwas vorzubringen w&uuml;sste, und dass er
+ihm gleichzeitig ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben
+hatte. Verbrugge wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte,
+welche Gr&uuml;nde den Residenten hierzu veranlasst haben k&ouml;nnten.
+Havelaar war entr&uuml;stet, allein ... er hatte sein Wort gegeben.</p>
+<p>Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, <span class="pagenum">[<a id="pb324" href="#pb324" name="pb324">324</a>]</span>dass
+Duclari ihm vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen
+Gegnern zu k&auml;mpfen h&auml;tte, so ganz allein zu lassen, worauf er
+nun komme, ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.</p>
+<p>&mdash;Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!</p>
+<p>Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erkl&auml;rung liegt vor
+mir.</p>
+<p>Der Leser hat gewiss schon l&auml;ngst eingesehen, warum ich so
+leicht allen Anspr&uuml;chen auf <span class="letterspaced">juridische</span> Echtheit der Geschichte Sa&iuml;djahs
+entsagen konnte.</p>
+<p>Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge&mdash;vor
+Duclaris Mahnung&mdash;auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch
+in einer Sache, die zum Wortbruch so stark n&ouml;tigte!</p>
+<p>Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich
+erz&auml;hle, Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer
+gelitten, er hat seine Familie leiden sehen&mdash;die
+Schriftst&uuml;cke, die vor mir liegen, zeugen davon!&mdash;und es
+scheint, dass er auf etwas <span class="letterspaced">wartete</span>
+... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende
+Aufzeichnung mit:</p>
+<p>&raquo;<span class="letterspaced">Ich habe in den Zeitungen gelesen,
+dass der Herr Slymering zum Ritter des Niederl&auml;ndischen L&ouml;wen
+ernannt ist. Er scheint jetzt Resident von Djokjakarta zu sein. Ich
+w&uuml;rde also nun ohne Gefahr f&uuml;r Verbrugge auf die Lebakschen
+Angelegenheiten zur&uuml;ckkommen k&ouml;nnen.</span>&laquo;
+<span class="pagenum">[<a id="pb325" href="#pb325" name="pb325">325</a>]</span></p>
+</div>
+<div id="ch20" class="div1">
+<h2>Zwanzigstes Kapitel.</h2>
+<p class="firstpar">Es war Abend. Tine sass lesend in der
+Binnengalerie, und Havelaar zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max
+zauberte ein &sbquo;Legebild&lsquo; ineinander und wurde ganz erregt,
+dass er &raquo;den roten Leib von der Frau&laquo; nicht finden
+konnte.</p>
+<p>&mdash;Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich
+habe die Palme etwas gr&ouml;sser gemacht ... es ist nun die
+leibhaftige &sbquo;<span lang="en">line of beauty</span>&lsquo; von
+Hogarth, nicht wahr?</p>
+<p>&mdash;Ja, Max! Aber die Schn&uuml;rl&ouml;cher stehen zu dicht
+aneinander.</p>
+<p>&mdash;So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich
+deine Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch,
+wo du das gestickt hast, Tine!</p>
+<p>&mdash;Ich nicht. Wo denn?</p>
+<p>&mdash;Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt
+waren, weil der Doktor sagte, dass er einen so ungew&ouml;hnlich
+geformten Kopf h&auml;tte, und dass sehr viel Sorgfalt n&ouml;tig
+w&auml;re, um Andrang nach dem Gehirn zu verh&uuml;ten. Gerade in den
+Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.</p>
+<p>Tine stand auf und k&uuml;sste den Kleinen.</p>
+<p>&mdash;Ich <span class="letterspaced">hab</span>&rsquo; ihren Bauch,
+ich <span class="letterspaced">hab</span>&rsquo; ihren Bauch! rief das
+Kind fr&ouml;hlich, und die rote Frau war komplett.</p>
+<p>&mdash;Wer h&ouml;rt da einen Tontong schlagen? fragte die
+Mutter.</p>
+<p>&mdash;Ich, sagte der kleine Max.</p>
+<p>&mdash;Und was bedeutet das? <span class="pagenum">[<a id="pb326"
+href="#pb326" name="pb326">326</a>]</span></p>
+<p>&mdash;Schlafengehen! Aber ... ich hab&rsquo; noch nicht
+gegessen.</p>
+<p>&mdash;Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.</p>
+<p>Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem
+gut verschlossenen Beh&auml;lter in ihrem Zimmer geholt zu haben
+schien, denn man hatte das Schnappen von vielen Schl&ouml;ssern
+geh&ouml;rt.</p>
+<p>&mdash;Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.</p>
+<p>&mdash;O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von
+Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.</p>
+<p>Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie
+abgebrochen waren.</p>
+<p>&mdash;Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung
+noch nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!</p>
+<p>&mdash;Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles
+abthun k&ouml;nnen! &Uuml;berdies, du wirst gewiss bald Resident
+werden, und dann ist alles binnen kurzer Zeit geregelt.</p>
+<p>&mdash;Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte
+Havelaar. Ich w&uuml;rde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will
+ich dir erkl&auml;ren. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit
+noch mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak
+lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen Jahren
+leidet. Der Gedanke an Bef&ouml;rderung l&auml;sst mich erschrecken:
+man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, wenn
+ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...</p>
+<p>&mdash;Alles wird schon gut gehen, Max! M&uuml;sstest du jetzt auch
+fort von hier, dann kannst du Lebak sp&auml;ter helfen, wenn du
+Generalgouverneur bist.</p>
+<p>Da kamen w&uuml;ste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn
+in dieser Blume, die Schn&uuml;rl&ouml;cher wurden eckig, scharf, sie
+bissen einander ... <span class="pagenum">[<a id="pb327" href="#pb327"
+name="pb327">327</a>]</span></p>
+<p>Tine begriff, dass sie etwas Ungeh&ouml;riges gesagt hatte.</p>
+<p>&mdash;Lieber Max ... begann sie freundlich.</p>
+<p>&mdash;Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern
+lassen? Kannst du leben von <span class="letterspaced">Sand</span>?</p>
+<p>&mdash;Lieber Max!</p>
+<p>Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er
+ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er
+in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben
+w&uuml;rde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:</p>
+<p>&mdash;Verflucht, diese Lauheit, diese sch&auml;ndliche Lauheit! Da
+sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen
+muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu
+rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...</p>
+<p>Er ging in sein Bureau und kam zur&uuml;ck mit einem Brief in der
+Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!</p>
+<p>&mdash;Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit
+Vorschl&auml;gen zu kommen &uuml;ber die <span class="letterspaced">Art</span> von Arbeit, die er verrichten lassen will von
+den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die
+Unversch&auml;mtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was f&uuml;r
+Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit
+S&auml;uglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem
+Hauptplatze getrieben sind, um f&uuml;r <span class="letterspaced">ihn</span> zu arbeiten! M&auml;nner sind nicht mehr da!
+Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen
+Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich
+Generalgouverneur bin? Verflucht!</p>
+<p>Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich b&ouml;se war, wenn er
+so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.</p>
+<p>&mdash;Und, fuhr Havelaar fort, das f&auml;llt alles <span class="letterspaced">meiner</span> Verantwortung zur Last! Wenn in diesem
+Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn
+sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: &raquo;da
+wohnt der Elende, der uns besch&uuml;tzen sollte, da <span class="pagenum">[<a id="pb328" href="#pb328" name="pb328">328</a>]</span>sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet
+Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu
+verhungern mit Frau und Kindern!&laquo; Ja, ich h&ouml;r&rsquo; es
+wohl, ich h&ouml;r&rsquo; es wohl das Rufen nach Rache &uuml;ber mein
+Haupt! Komm her, Max, komm her!</p>
+<p>Und er k&uuml;sste sein Kind mit einer Wildheit, die es
+erschreckte.</p>
+<p>&mdash;Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei,
+der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele
+M&uuml;tter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen
+wird, dass das Z&ouml;gern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl
+... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!</p>
+<p>Und er brach in Thr&auml;nen aus, die Tine abk&uuml;sste. Sie
+brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen&mdash;eine
+Strohmatte&mdash;und als sie zur&uuml;ckkam, fand sie Havelaar im
+Gespr&auml;ch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren.
+Das Gespr&auml;ch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der
+Regierung.</p>
+<p>&mdash;Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer
+schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement
+nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann
+w&uuml;rde <span class="letterspaced">zu viel</span> an den Tag kommen.
+Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch
+als Sie selbst, M&rsquo;nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier
+in dieser Gegend, und dann erf&auml;hrt man von Dingen, die der
+Inl&auml;nder nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun
+nach einer &ouml;ffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt,
+wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und
+von ihm Erkl&auml;rung dar&uuml;ber fordern, wie es kommt, dass er in
+zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss
+also nat&uuml;rlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen
+...</p>
+<p>&mdash;Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam
+geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti <span class="pagenum">[<a id="pb329" href="#pb329" name="pb329">329</a>]</span>zu
+bewegen, etwas gegen mich geltend zu machen&mdash;was ein Zeichen
+scheint, dass er versuchen m&ouml;chte, die Frage zu verdrehen, indem
+er z. B. <span class="letterspaced">mich</span> beschuldigt des ... was
+weiss ich, welchen Vergehens&mdash;ich habe mich also hiergegen
+gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die
+Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, man
+m&ouml;ge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben
+werden m&ouml;chte, dass ich in etwas mich vergangen h&auml;tte. Wenn
+nun der Resident mich antastet, kann darauf nach herk&ouml;mmlicher
+Billigkeit kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor h&ouml;rt.
+Das ist man selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts
+verbrochen habe ...</p>
+<p>&mdash;Da kommt die Post! rief Verbrugge.</p>
+<p>Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte,
+einen Brief des Generalgouverneurs von Niederl&auml;ndisch-Indien an
+den <span class="letterspaced">gewesenen</span> Assistent-Residenten
+von Lebak, Havelaar:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;<span class="letterspaced">Kabinett.</span>
+Buitenzorg, den 23. M&auml;rz 1856.</p>
+<p>No. 54.</p>
+<p>Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung
+von &uuml;blen Praktiken der H&auml;upter in der Abteilung von Lebak zu
+Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegen&uuml;ber Ihrem
+Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine
+Unzufriedenheit erregt.</p>
+<p>In Ihren diesbez&uuml;glichen Handlungen werden ebensosehr massvolle
+&Uuml;berlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr
+erforderlich sind bei einem mit Aus&uuml;bung der Autorit&auml;t in den
+Binnenlanden bekleideten (<span class="letterspaced">sic</span>)
+Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren
+unmittelbaren Vorgesetzten.</p>
+<p>Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne
+voraufgehende Beratschlagung des (<span class="letterspaced">sic</span>) <span class="pagenum">[<a id="pb330" href="#pb330" name="pb330">330</a>]</span>Residenten das Haupt der
+Inl&auml;ndischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm
+beschwerlicher Untersuchungen zu machen.</p>
+<p>In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen
+gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu
+st&uuml;tzen, Veranlassung gefunden, Vorschl&auml;ge einzubringen, die
+darauf hinzielten, einen Inl&auml;ndischen Beamten von der Bedeutung
+eines Regenten von Lebak, einen sechzigj&auml;hrigen, doch noch
+eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen
+Regentengeschlechtern verschw&auml;gert ist und &uuml;ber den stets
+g&uuml;nstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch
+v&ouml;llig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.</p>
+<p>Dar&uuml;ber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt
+zeigte, Ihren Vorschl&auml;gen sogleich Folge zu geben, sich geweigert,
+dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene
+Erkl&auml;rungen bez&uuml;glich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug
+auf die Handlungen der Inl&auml;ndischen Verwaltung bekannt war.</p>
+<p>Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr
+leicht auf Untauglichkeit f&uuml;r die Bekleidung eines Amtes bei der
+Binnenl&auml;ndischen Verwaltung schliessen.</p>
+<p>Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erf&uuml;llung
+des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.</p>
+<p>Gleichwohl habe ich in Ansehung fr&uuml;her empfangener
+g&uuml;nstiger Rapporte &uuml;ber Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund
+finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der
+Binnenl&auml;ndischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher
+vorl&auml;ufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines <span class="letterspaced">Assistent-Residenten von Ngawi</span> betraut.</p>
+<p>Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte
+abh&auml;ngen, ob Sie bei der Binnenl&auml;ndischen Verwaltung werden
+angestellt bleiben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+</div>
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb331" href="#pb331" name="pb331">331</a>]</span></p>
+<p>Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen &raquo;Eifer,
+T&uuml;chtigkeit und gute Treue&laquo; der K&ouml;nig sich verlassen zu
+k&ouml;nnen vorgab, als er desselben Ernennung zum Generalgouverneur
+von Niederl&auml;ndisch-Indien unterzeichnete.</p>
+<hr class="tb">
+<p>&mdash;Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen,
+und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftst&uuml;ck
+mit Duclari las.</p>
+<p>Verbrugge hatte Thr&auml;nen in den Augen, sprach aber nicht.
+Duclari, ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch
+aus:</p>
+<p>&mdash;Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und
+Diebe gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt
+<span class="letterspaced">Ihnen</span> solch einen Brief!</p>
+<p>&mdash;Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist
+ein ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch
+vor diesem Betruge h&auml;tte sichern k&ouml;nnen, indem er mich erst
+h&ouml;rte. Er ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen
+Amtswirtschaft. Wir kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm
+zeigen, wie hier die Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin
+ich &uuml;berzeugt!</p>
+<p>&mdash;Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...</p>
+<p>&mdash;Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem
+Djokjaschen Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang
+in den Baglen, was in der N&auml;he ist. Ich w&uuml;rde in Ngawi
+dasselbe thun m&uuml;ssen, was ich hier gethan habe: das w&uuml;rde
+unn&uuml;tzes Hin- und Wiederreisen sein. &Uuml;berdies, es ist mir
+unm&ouml;glich, Dienst auf Probe zu thun, als ob ich mich schlecht
+betragen h&auml;tte! Und endlich, ich sehe ein, dass ich, um all der
+J&auml;mmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter sein darf. Als
+Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel Personen, die ein
+Interesse daran haben, das Elend der Bev&ouml;lkerung zu leugnen. Es
+sind noch mehr Gr&uuml;nde, die mich hindern, nach Ngawi zu gehen.
+<span class="pagenum">[<a id="pb332" href="#pb332" name="pb332">332</a>]</span>Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal
+her, er ist f&uuml;r mich freigemacht!</p>
+<p>Und er zeigte in der &raquo;Javasche Courant&laquo;, die mit
+derselben Post angekommen war, dass in der That mit demselben
+Beschluss, durch den ihm die Verwaltung von Ngawi &uuml;bertragen
+wurde, der Assistent-Resident dieser Provinz nach einer anderen
+Abteilung versetzt wurde, die vakant war.</p>
+<p>&mdash;Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach
+dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von
+Madi&#363;n, wozu Ngawi geh&ouml;rt, ist der <span class="letterspaced">Schwager des vorigen Residenten von Bantam</span>. Ich
+habe gesagt, dass der Regent fr&uuml;her solche schlechten Vorbilder
+gehabt h&auml;tte ...</p>
+<p>&mdash;Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten,
+warum Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu
+dienen, ob er sich vielleicht bessern w&uuml;rde!</p>
+<p>&mdash;Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen,
+sagte er. Der gegenw&auml;rtige Generalgouverneur wird in
+allern&auml;chster Zeit abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und
+ich weiss, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig
+etwas f&uuml;r das arme Volk zu erreichen, muss ich den
+gegenw&auml;rtigen Generalgouverneur noch vor seinem Verzuge sprechen,
+und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge, so w&uuml;rde das unm&ouml;glich
+sein. Tine, h&ouml;re mal!</p>
+<p>&mdash;Lieber Max?</p>
+<p>&mdash;Du hast Mut, nicht wahr?</p>
+<p>&mdash;Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir
+bin!</p>
+<p>&mdash;Also!</p>
+<p>Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens
+ein Muster von Wohlberedtheit:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;Rangkas-Betung, den 29. M&auml;rz 1856.</p>
+<p>An den Generalgouverneur von Niederl&auml;ndisch-Indien.</p>
+<p>Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive vom 23. ds.,
+No. 54, zu empfangen. <span class="pagenum">[<a id="pb333" href="#pb333" name="pb333">333</a>]</span></p>
+<p>Ich sehe mich gen&ouml;tigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer
+Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des Landes
+Diensten zu verleihen.</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar.</span>&laquo;</p>
+</div>
+<p>Es war zu Buitenzorg f&uuml;r die Gew&auml;hrung des geforderten
+Abschieds nicht so lange Zeit n&ouml;tig, als sie sich erforderlich
+erwies f&uuml;r die Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden
+konnte. Dieses hatte doch einen Monat erfordert, und der verlangte
+Abschied kam binnen weniger Tage in Lebak an.</p>
+<p>&mdash;Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief
+Tine.</p>
+<p>Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung
+vorl&auml;ufig Verbrugge zu &uuml;bergeben, und meinte also, seinen
+Nachfolger abwarten zu m&uuml;ssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus
+einem ganz anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei
+Wochen Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der
+jedoch noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an
+den Kontrolleur Verbrugge:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar">&raquo;No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April
+1856.</p>
+<p>An den Kontrolleur von Lebak.</p>
+<p>Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom 4.
+dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten
+verabschiedet bin.</p>
+<p>Vielleicht w&auml;re ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang
+dieser Bestimmung meine Gesch&auml;fte als Assistent-Resident sofort
+niedergelegt h&auml;tte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion zu
+erf&uuml;llen, ohne Beamter zu sein.</p>
+<p>Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Gesch&auml;fte zu
+&uuml;bergeben, und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen
+Posten nicht zu verlassen, ohne geh&ouml;rig abgel&ouml;st zu sein, zum
+Teil aus Ursachen untergeordneter <span class="pagenum">[<a id="pb334"
+href="#pb334" name="pb334">334</a>]</span>Bedeutung wartete ich die
+Ankunft meines Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte
+bald&mdash;wenigstens diesen Monat noch&mdash;eintreffen
+w&uuml;rde.</p>
+<p>Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht so
+bald erwartet werden kann&mdash;Sie haben, meine ich, hiervon in Serang
+Kenntnis erhalten&mdash;und zugleich, dass es den Residenten
+verwundere, dass ich bei der sehr ungew&ouml;hnlichen Position, in der
+ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung Ihnen
+&uuml;bertragen zu d&uuml;rfen.</p>
+<p>Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich
+brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erkl&auml;rt habe,
+nicht anders dienen zu k&ouml;nnen, als ich es hier that&mdash;ich, der
+ich f&uuml;r diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit
+einer f&uuml;r mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit
+dem Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit
+vertrauten&mdash;mit der Wahl also zwischen Unehre und
+Brotmangel!&mdash;dass ich nach dem allen mit M&uuml;he und Sorge jeden
+vorkommenden Fall an meiner Pflicht zu pr&uuml;fen hatte, und dass die
+einfachste Sache <span class="letterspaced">mir</span> schwer fiel, der
+ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen und die Prinzipien des
+Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin, solange ich nicht meines
+Amtes enthoben bin.</p>
+<p>Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich <span class="letterspaced">Kl&auml;gern</span> Antwort zu geben hatte.</p>
+<p>Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune
+seiner H&auml;upter &uuml;berliefern w&uuml;rde! Einmal hatte
+ich&mdash;unvorsichtig genug!&mdash;mein Wort verpf&auml;ndet f&uuml;r
+die Gerechtigkeit des Gouvernements.</p>
+<p>Die arme Bev&ouml;lkerung konnte nicht wissen, dass dieses
+Versprechen und diese B&uuml;rgschaft desavouiert waren, und dass ich
+arm und ohnm&auml;chtig allein stand mit meiner heissen Liebe f&uuml;r
+Recht und Menschlichkeit.</p>
+<p>Und man fuhr mit Klagen fort!</p>
+<p>Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive
+<span class="pagenum">[<a id="pb335" href="#pb335" name="pb335">335</a>]</span>dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als
+machtloser Besch&uuml;tzer.</p>
+<p>Es war herzzerreissend, die Klagen &uuml;ber Misshandlung,
+Aussaugung, Armut, Hunger anzuh&ouml;ren ... derweil ich selbst nun mit
+Frau und Kind Hunger und Armut entgegengehe.</p>
+<p>Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte
+nicht sagen zu den armen Leuten: &raquo;gehet hin und leidet, denn die
+Verwaltung <span class="letterspaced">will</span>, dass ihr geschunden
+werdet!&laquo; Ich durfte meine Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da
+sie eins war mit der Schande und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber
+des Generalgouverneurs.</p>
+<p>H&ouml;ren Sie, was ich den Leuten antwortete:</p>
+<div class="q xd20e6193">
+<p class="firstpar">&raquo;Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch
+ich werde nach Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen
+&uuml;ber euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet
+vorl&auml;ufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht noch
+nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke, ich ... hoffe, dass
+Recht geschehen wird!&laquo;</p>
+</div>
+<p><span class="letterspaced">So</span> meinte ich, besch&auml;mt
+dar&uuml;ber, dass meine H&uuml;lfezusage zunichte gemacht wurde, meine
+Pflichtbegriffe in &Uuml;bereinstimmung zu bringen mit meiner Pflicht
+gegen&uuml;ber der Verwaltung, <span class="letterspaced">die mich noch
+diesen Monat bezahlt</span>, und ich w&uuml;rde also bis zur Ankunft
+meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer Vorfall
+mich heute in die Notwendigkeit gebracht h&auml;tte, diesem
+doppelsinnigen Verh&auml;ltnis ein Ende zu machen.</p>
+<p>Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende Antwort.
+Sie kehrten an ihren Wohnort zur&uuml;ck. Unterwegs begegnet ihnen der
+H&auml;uptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben, ihren
+Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen&mdash;wie man mir
+rapportiert&mdash;ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu
+bleiben. Einer von ihnen entkommt, verf&uuml;gt sich <span class="letterspaced">wieder</span> zu mir <span class="pagenum">[<a id="pb336" href="#pb336" name="pb336">336</a>]</span>und erkl&auml;rt:
+<span class="letterspaced">dass er nicht wieder nach seinem Dorfe
+zur&uuml;ckzukehren wage</span>.</p>
+<p>Was ich nun <span class="letterspaced">diesem</span> Mann antworten
+soll, weiss ich nicht!</p>
+<p>Ich <span class="letterspaced">kann</span> ihm keinen Schutz mehr
+geben ... ich <span class="letterspaced">darf</span> ihm meine Ohnmacht
+nicht gestehen ... ich <span class="letterspaced">will</span> den
+angeklagten Dorfh&auml;uptling nicht verfolgen, da das den Schein
+aufkommen lassen w&uuml;rde, als wenn diese Sache durch mich pour le
+besoin de ma cause aufgegriffen w&auml;re: ich weiss nicht mehr, was
+thun ...</p>
+<p>Ich belege Sie, in Erwartung n&auml;herer Zustimmung des Residenten
+von Bantam, von morgen fr&uuml;h ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung
+der Abteilung Lebak.</p>
+<p class="xd20e3049">Der Assistent-Resident von Lebak,</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar</span>.&laquo;</p>
+</div>
+<p>Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies
+alles Geleit zur&uuml;ck. Duclari und Verbrugge waren tief ger&uuml;hrt
+beim Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des
+ersten Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus
+Rangkas-Betung fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu
+begr&uuml;ssen.</p>
+<p>In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit
+der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.</p>
+<p>Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll,
+wie es erlaubt war, man sei gekommen, <span class="letterspaced">um
+Havelaar zu begr&uuml;ssen</span>, und Max empfing manchen beredten
+H&auml;ndedruck ...</p>
+<p>Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen
+...</p>
+<p>Dort angekommen, liess er um Geh&ouml;r ersuchen. Dieses wurde ihm
+verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschw&uuml;r am Fusse
+h&auml;tte.</p>
+<p>Havelaar wartete, bis das Geschw&uuml;r geheilt war. Dann liess er
+ein anderes Mal darum ersuchen, geh&ouml;rt zu werden. <span class="pagenum">[<a id="pb337" href="#pb337" name="pb337">337</a>]</span></p>
+<p>Seine Excellenz <span class="letterspaced">&raquo;sei so mit Arbeit
+&uuml;berh&auml;uft, dass sie selbst dem Generaldirektor der Finanzen
+eine Audienz h&auml;tte abschlagen m&uuml;ssen&laquo;, und k&ouml;nne
+also auch Havelaar nicht empfangen</span>.</p>
+<p>Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese
+&Uuml;berh&auml;ufung hindurchgearbeitet haben w&uuml;rde. Inzwischen
+f&uuml;hlte er etwas wie Neid auf die Personen, die Seiner Excellenz in
+der Arbeit beigegeben waren. Denn er arbeitete gern schnell und viel,
+und gew&ouml;hnlich schmolzen solche
+&sbquo;&Uuml;berh&auml;ufungen&lsquo; ihm unter den Fingern weg. Aber
+hiervon war nun nat&uuml;rlich keine Rede. Havelaars Arbeit war
+schwerer als Arbeit: er <span class="letterspaced">wartete</span>!</p>
+<p>Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, geh&ouml;rt zu
+werden. Man gab ihm zur Antwort, &raquo;<span class="letterspaced">dass
+Seine Excellenz ihn nicht empfangen k&ouml;nne, weil sie daran
+gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden Verzuge in
+Zusammenhang stehende Arbeits&uuml;berh&auml;ufung</span>&laquo;.</p>
+<p>Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm <span class="letterspaced">eine</span> halbe Stunde Geh&ouml;r zu schenken, sobald
+ein kleiner Zwischenraum sein sollte zwischen zwei
+&sbquo;&Uuml;berh&auml;ufungen&lsquo;.</p>
+<p>Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen
+werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft an
+dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann und
+... betrogen sei. Eine Viertelstunde w&auml;re gen&uuml;gend gewesen,
+um die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde
+schien man ihm nicht geben zu wollen.</p>
+<p>Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den er
+an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen Verzug
+ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht mit
+Bleistift angezeichnet: &raquo;<span class="letterspaced">nicht
+genau</span>&laquo;, woraus ich entnehme, dass einzelne S&auml;tze beim
+Abschreiben ver&auml;ndert sind. Ich bemerke dies, um nicht aus dem
+Mangel <span class="letterspaced">buchst&auml;blicher</span>
+&Uuml;bereinstimmung bei <span class="letterspaced">diesem</span>
+Schriftst&uuml;ck Zweifel entstehen zu lassen <span class="pagenum">[<a id="pb338" href="#pb338" name="pb338">338</a>]</span>an
+der Echtheit der anderen <span class="letterspaced">offiziellen</span>
+Schriftst&uuml;cke, die ich mitteilte, und die alle durch eine fremde
+Hand als &raquo;<span class="letterspaced">gleichlautende
+Abschrift</span>&laquo; gezeichnet sind. Vielleicht hat der Mann, an
+den dieser Brief gerichtet war, Lust, den <span class="letterspaced">vollkommen</span> genauen Text zu ver&ouml;ffentlichen.
+Man w&uuml;rde durch Vergleichung sehen k&ouml;nnen, wie weit Havelaar
+von seinem Entwurf abgewichen ist. <span class="letterspaced">Sachlich</span> korrekt war der Inhalt also:</p>
+<div class="blockquote">
+<p class="firstpar xd20e3046">&raquo;Batavia, 23. Mai 1856.</p>
+<p>Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen
+gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen geh&ouml;rt zu
+werden, ist ohne Erfolg geblieben.</p>
+<p>Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten
+Ersuchen um Audienz Folge zu geben.</p>
+<p>Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen &raquo;Dienste
+g&uuml;nstig bei dem Gouvernement aufgenommen sind&laquo;&mdash;das
+sind Eurer Excellenz eigene Worte!&mdash;jemanden, der siebenzehn Jahre
+dem Lande in diesen Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts
+verbrach, sondern gar mit ungew&ouml;hnlicher Selbstverleugnung das
+Gute verfolgte und f&uuml;r Ehre und Pflicht alles feil hatte ...
+<span class="letterspaced">so</span> jemanden haben Euer Excellenz noch
+unter den Verbrecher gestellt. Denn <span class="letterspaced">den
+h&ouml;rt</span> man zum mindesten.</p>
+<p>Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregef&uuml;hrt hat,
+begreife ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen
+haben, dieser Irref&uuml;hrung zu entgehen, begreife ich nicht.</p>
+<p>Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht
+verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, <span class="letterspaced">dass ich meine <b>Pflicht</b> gethan habe, <b>ganz und
+gar meine Pflicht</b>, mit Einsicht, mit Bescheidenheit, mit
+Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut</span>.</p>
+<p>Die Gr&uuml;nde, die die Missbilligung in Eurer Excellenz
+Kabinettsmissive vom 23. M&auml;rz zur Basis hat, sind <span class="letterspaced">durchweg erdichtet und l&uuml;genhaft</span>.
+<span class="pagenum">[<a id="pb339" href="#pb339" name="pb339">339</a>]</span></p>
+<p>Ich kann dieses <span class="letterspaced">beweisen</span>, und es
+w&auml;re bereits geschehen, wenn Euer Excellenz mir <span class="letterspaced">eine</span> halbe Stunde Geh&ouml;r h&auml;tten schenken
+wollen. Wenn Euer Excellenz <span class="letterspaced">eine</span>
+halbe Stunde Zeit h&auml;tten finden k&ouml;nnen, um <span class="letterspaced">recht zu thun</span>!</p>
+<p>Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch an
+den Bettelstab gebracht ...</p>
+<p>Gleichwohl, hier&uuml;ber klage ich nicht.</p>
+<p>Doch Euer Excellenz haben <span class="letterspaced">sanktioniert</span>: <b>Das System von Gewaltmissbrauch,
+von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht</b> ... und
+<span class="letterspaced">dar&uuml;ber</span> klage ich.</p>
+<p>Das schreit zum Himmel!</p>
+<p>Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres <span class="letterspaced">also</span> empfangenen indischen Soldes, Excellenz!</p>
+<p>Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Geh&ouml;r, sei es diese
+Nacht, sei es morgen fr&uuml;h! Und wiederum fordere ich dieses nicht
+f&uuml;r mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache
+der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache
+wohlerfasster Politik ist.</p>
+<p>So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren k&ouml;nnen, von
+hier zu verziehen, ohne mich zu h&ouml;ren: das meinige wird beruhigt
+sein bei der &Uuml;berzeugung, alle M&ouml;glichkeiten angewendet zu
+haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen, die
+alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde, in der die
+Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in der
+Bev&ouml;lkerung umgeht.</p>
+<p class="xd20e3046"><span class="letterspaced">Max
+Havelaar.</span>&laquo;</p>
+</div>
+<p>Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.</p>
+<p>Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn &uuml;ber den Ton seines
+Briefes bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu
+erreichen trachtete. Seine Hoffnung <span class="pagenum">[<a id="pb340" href="#pb340" name="pb340">340</a>]</span>war eitel! Der
+Generalgouverneur ging fort, ohne Havelaar geh&ouml;rt zu haben. Es
+hatte sich wieder eine Excellenz zur Ruhe begeben ins Mutterland!</p>
+<hr class="tb">
+<p>Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...</p>
+<p><span class="letterspaced">Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli,
+nehme die Feder auf.</span> Du bist nicht gerufen, Havelaars
+Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich ins Leben gerufen ... ich
+liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte dich leidlich gut
+Holl&auml;ndisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich liess dich Luise
+Rosemeyer k&uuml;ssen, die in Zucker macht ... es ist genug, Stern, du
+kannst gehen.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Der Shawlmann und seine Frau ...</p>
+<p>Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und
+gottesl&auml;sterlicher Fr&ouml;mmelei! Ich habe dich geschaffen ... du
+bist angewachsen zum Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel
+vor meinem eigenen Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!</p>
+<hr class="tb">
+<p><span class="letterspaced">Ja, ich, Multatuli, &raquo;der ich viel
+getragen habe&laquo;, ich nehme die Feder auf.</span> Ich winsele nicht
+um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese Form schien mir
+geeignet zur Erreichung meines Zieles.</p>
+<p>Dieses Ziel ist zweiteilig:</p>
+<p>Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als
+heiliges Erbst&uuml;ck bewahrt werden k&ouml;nne von dem kleinen Max
+und seinem Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen
+sein.</p>
+<p>Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.</p>
+<p>Und an zweiter Stelle: <span class="letterspaced">ich will gelesen
+werden!</span> <span class="pagenum">[<a id="pb341" href="#pb341" name="pb341">341</a>]</span></p>
+<p>Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von
+Staatsm&auml;nnern, die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen
+der Zeit ... von Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch
+nehmen m&uuml;ssen, von dem man soviel B&ouml;ses spricht ... von
+M&auml;nnern des Handels, die an den Kaffeeauktionen interessiert sind
+... von Kammerzofen, die mich f&uuml;r wenige Cents leihen ... von
+Generalgouverneurs im Ruhestande ... von Ministern in Dienst ... von
+den Lakaien dieser Excellenzen ... von frommen Pastoren, die more
+majorum sagen werden, dass ich den Allm&auml;chtigen Gott antaste, wo
+ich mich nur widersetze gegen das G&ouml;ttlein, das <span class="letterspaced">sie</span> machten nach <span class="letterspaced">ihrem</span> Bilde ... von Tausenden und Zehntausenden
+von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die&mdash;indem sie ihr
+Gesch&auml;ftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren&mdash;am
+lautesten mitschreien werden &uuml;ber die Sch&ouml;nheit meines
+Geschreibs ... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen
+m&uuml;ssen, was da umgeht in dem grossen Reiche &uuml;ber See, das zum
+Reiche von Niederland geh&ouml;rt ...</p>
+<p>Ja, ich <span class="letterspaced">werde</span> gelesen werden!</p>
+<p>Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir
+nicht darum zu thun, dass ich <span class="letterspaced">gut</span>
+schriebe ... ich wollte <span class="letterspaced">so</span> schreiben,
+dass es geh&ouml;rt w&uuml;rde. Und geradeso, wie einer, der ruft
+&raquo;Halt&rsquo; den Dieb!&laquo;, sich wenig um den Stil seines
+improvisierten Zurufs an das Publikum k&uuml;mmert, ebenso
+gleichg&uuml;ltig ist es auch mir, wie man die Art und Weise beurteilen
+wird, wie ich <span class="letterspaced">mein</span> &raquo;Halt&rsquo;
+den Dieb!&laquo; hinausschrie.</p>
+<p>&raquo;Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd
+nach Effekt ... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ...
+kein Talent ... keine Methode ...</p>
+<p>Gut, gut, alles gut! Aber: <span class="letterspaced">Der Javane
+wird misshandelt!</span></p>
+<p>Denn: <span class="letterspaced">Widerlegung des Hauptmomentes in
+meinem Werke ist unm&ouml;glich!</span></p>
+<p>Je lauter &uuml;brigens die Missbilligung meines Buches,
+<span class="pagenum">[<a id="pb342" href="#pb342" name="pb342">342</a>]</span>desto lieber wird sie mir sein, denn desto
+gr&ouml;sser wird die Aussicht, <span class="letterspaced">dass ich
+geh&ouml;rt werde</span>. Und das <span class="letterspaced">will</span> ich!</p>
+<p>Doch ihr, die ich euch st&ouml;re in euren
+&sbquo;Arbeits&uuml;berh&auml;ufungen&lsquo; oder in eurem
+&sbquo;Ruhestande&lsquo;, ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet
+nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie
+k&ouml;nnte sich &uuml;ben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu
+einer F&auml;higkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom
+Volke geglaubt w&uuml;rde! Dann w&uuml;rde ich vom Volke einen Platz
+verlangen im Repr&auml;sentantenhause, w&auml;re es auch nur, um zu
+protestieren gegen die Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich
+Indische Spezialit&auml;ten vice versa aush&auml;ndigen, vielleicht, um
+auf die sonderbare Idee zu bringen, dass man selbst Wert lege auf diese
+Beschaffenheit ...</p>
+<p>... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und
+Heldenthaten gegen arme, elende Gesch&ouml;pfe, die man vorher durch
+Misshandlung zum Aufstande zwang.</p>
+<p>... um zu protestieren gegen die sch&auml;ndliche Niedertracht,
+indem man durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die
+<span class="letterspaced">&ouml;ffentliche Mildth&auml;tigkeit
+f&uuml;r die Schlachtopfer chronischen Seeraubes</span> anruft.</p>
+<p>Es ist wahr, diese Aufst&auml;ndischen waren ausgehungerte Skelette,
+und diese Seer&auml;uber sind wehrhafte M&auml;nner!</p>
+<p>Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir
+fort und fort <span class="letterspaced">nicht</span> glaubte ...</p>
+<p>Dann will ich mein Buch &uuml;bersetzen in die wenigen Sprachen, die
+ich kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von
+<span class="letterspaced">Europa</span> zu fordern, was ich fruchtlos
+in Niederland gesucht.</p>
+<p>Und in allen Hauptst&auml;dten wird das Volk Lieder singen mit dem
+Refrain:</p>
+<div class="lgouter">
+<p class="line">Es liegt ein Raubstaat an der See,</p>
+<p class="line">Zwischen Ostfriesland und der Schelde!</p>
+</div>
+<p class="firstpar">Und wenn auch das nichts fruchtete?</p>
+<p>Dann werde ich mein Buch &uuml;bersetzen ins Malayische, Javanische,
+Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ... <span class="pagenum">[<a id="pb343" href="#pb343" name="pb343">343</a>]</span></p>
+<p>Und ich werde klewang-wetzende Kriegsges&auml;nge schleudern in die
+Gem&uuml;ter der armen Dulder, denen ich H&uuml;lfe gelobt habe, ich,
+Multatuli!</p>
+<p>Rettung und H&uuml;lfe&mdash;auf gesetzlichem Wege, wenn es sein
+<span class="letterspaced">kann</span> ... auf dem <span class="letterspaced">rechtm&auml;ssigen</span> Wege der Gewalt, wenn es sein
+muss.</p>
+<p>Und das <span class="letterspaced">w&uuml;rde sehr nachteilig wirken
+auf die Kaffeeauktionen der Niederl&auml;ndischen
+Handelsgesellschaft</span>!</p>
+<p>Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftm&uuml;tiger
+Tr&auml;umer wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem
+Mut eines L&ouml;wen und Hunger leidet mit der Geduld eines
+Murmeltieres im Winter.</p>
+<p>Dieses Buch ist eine Einleitung ...</p>
+<p>Ich werde wachsen an Kraft und Sch&auml;rfe meiner Waffen, je
+nachdem es n&ouml;tig sein wird ...</p>
+<p>Gott gebe, dass es nicht n&ouml;tig sein werde!</p>
+<p>Nein, es <span class="letterspaced">wird</span> nicht n&ouml;tig
+sein! Denn Dir widme ich mein Buch, Wilhelm der Dritte, K&ouml;nig,
+Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz, Grossherzog und K&ouml;nig:
+Kaiser des pr&auml;chtigen Reiches INSULINDE, das sich da schlingt um
+den Aequator wie ein G&uuml;rtel von Smaragd ...</p>
+<p>Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher Wille
+ist:</p>
+<p>Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und
+Droogstoppels?</p>
+<p>Und dass da dr&uuml;ben Deine mehr als dreissig Millionen
+Unterthanen <span class="letterspaced">misshandelt und ausgesogen
+werden in</span> <b>Deinem</b> <span class="letterspaced">Namen</span>?</p>
+</div>
+</div>
+<div class="back">
+<p><span class="pagenum">[<a id="pb344" href="#pb344" name="pb344">344</a>]</span></p>
+<div id="gloss" class="div1">
+<h2>Erl&auml;uterungen zu Indiismen.</h2>
+<div class="div2" id="xd20e7383">
+<h3>V. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar">Seite</p>
+<p><a href="#pb49" class="pageref">49</a> <i>Radhen Adhipatti Karta
+Natta Negara</i>: die drei letzten Worte bilden den Namen, die beiden
+ersten dr&uuml;cken den Titel aus. Nach den vielerlei Titeln von mehr
+oder minder scheinbar-unabh&auml;ngigen F&uuml;rsten ist der eines
+<i>Pang&eacute;rang</i> der h&ouml;chste. Er k&ouml;nnte etwa
+&bdquo;Prinz&ldquo; bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit
+einem der regierenden H&auml;user von Solo (Surakarta) und Djokja
+(Djokjakarta) entlehnt ist. Der n&auml;chstfolgende Titel ist der eines
+<i>Adhipatti</i>, oder vollst&auml;ndig: <i>Radhen Adhipatti</i>.
+<i>Radhen</i> allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der jedoch
+noch ziemlich hoch &uuml;ber dem Gemeinen steht. Etwas niedriger als
+die Adhipattis stehen die <i>Tommongongs</i>. Der Adel spielt in dem
+Niederl&auml;ndisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle.</p>
+<p><a href="#pb58" class="pageref">58</a> <i>sawahs</i>, <i>gagahs</i>,
+<i>tipars</i>: Reisfelder, unterschieden nach der Lage und nach der Art
+der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die M&ouml;glichkeit oder
+Nichtm&ouml;glichkeit der Bew&auml;sserung.</p>
+<p><a href="#pb58" class="pageref">58</a> <i>padie</i>: Reis in der
+H&uuml;lse.</p>
+<p><a href="#pb58" class="pageref">58</a> <i>dessah</i>: Dorf.
+Anderswo: <i>negrie</i>. Auch: <i>kampong</i>. Der inl&auml;ndische
+Ursprung der beiden letzteren W&ouml;rter steht nicht ausser allem
+Zweifel.</p>
+<p><a href="#pb61" class="pageref">61</a> <i>al&#363;n-al&#363;n</i>:
+ein grosser Platz vor der Gruppe von Geb&auml;uden, die die Wohnung
+eines Regenten bilden. Gew&ouml;hnlich stehen auf solchem Platz zwei
+stattliche <i>waringi</i>-B&auml;ume, aus deren Alter sich erweist,
+dass nicht sie auf den <i>al&#363;n-al&#363;n</i> gepflanzt sind,
+sondern dass die Regentenwohnung in ihrer N&auml;he, und wahrscheinlich
+gerade wegen ihrer N&auml;he an dieser Stelle errichtet worden ist.</p>
+<p><a href="#pb62" class="pageref">62</a> <i>mantrie</i>: ein
+inl&auml;ndischer Beamter, dessen Stellung ungef&auml;hr als die eines
+&bdquo;Aufsehers&ldquo; bezeichnet werden kann. <span class="pagenum">[<a id="pb345" href="#pb345" name="pb345">345</a>]</span></p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7465">
+<h3>VI. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb66" class="pageref">66</a>
+<i>sarong</i>: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres
+&uuml;ber die Indische Kleidung unter <i>sarong</i> in den
+Erl&auml;uterungen zu Kap. XVII.</p>
+<p><a href="#pb66" class="pageref">66</a> <i>sirie</i>, <i>pinang</i>,
+<i>gambier</i>: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und Kalk den
+f&uuml;r den Javanen unentbehrlichen <i>Betel</i>-Kautabak bilden. Auch
+die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der braune
+Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gef&auml;rbt durch die
+<i>gambier</i>, f&auml;rbt aller Lippen und Z&auml;hne. Sch&ouml;n
+steht dies gerade nicht, doch f&uuml;r sehr munds&auml;ubernd wird das
+Betelkauen gehalten. Der Genuss von <i>sirie</i> mit seinen Zuthaten
+ist so verbreitet, dass der europ&auml;ische Begriff
+&bdquo;Trinkgeld&ldquo; durch das Wort <i>wang sirih</i>, d. h.
+Siriegeld, ausgedr&uuml;ckt wird.&mdash;Die <i>sirie</i> ist das Blatt
+eines Rankengew&auml;chses, das nicht viel st&auml;rker ist als unsere
+Erbse und dem Pfefferbaum so &auml;hnlich ist, dass der Uneingeweihte
+diese beiden Gew&auml;chse schwer unterscheidet. Es ist verwunderlich,
+dass man die <i>sirie</i> so wenig in der Zahnheilkunde anwendet, da
+sie doch eine s&auml;ubernde, zusammenziehende Wirkung &uuml;bt und der
+Geschmack nicht unangenehm ist. Die <i>gambier</i> hat, wie es scheint,
+eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der
+<i>pinang</i> oder <i>areka</i> weiss ich nichts Sicheres
+hieraufbez&uuml;glich anzugeben. Die <i>pinang</i> oder <i>areka</i>
+ist eine Nuss, &auml;hnlich einer Muskatnuss. Doch der Baum, auf dem
+sie w&auml;chst, ist eine Palmenart.</p>
+<p><a href="#pb66" class="pageref">66</a> <i>slamat</i>: Gruss, und in
+diesem Fall das sehr eigenartige
+Kompliment&mdash;Zusammenfaltung&mdash;das in dem Text beschrieben
+wird. Frage: besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen
+<i>slamat</i>, <i>selamat</i> und dem W&ouml;rtchen <i>Sela</i>, das so
+oft in den Psalmen vorkommt? Man weiss, dass nach den Riten des Orients
+gottesdienstliche &Uuml;bungen bestehen aus Gebeten und Ges&auml;ngen,
+mehrfach unterbrochen durch vielerlei Geberden und Komplimente im
+urspr&uuml;nglichen Sinne des thats&auml;chlichen Zusammenklappens, des
+Sich-Zusammenfaltens. So etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen
+der Psalmen, und diese Vermutung wird verst&auml;rkt durch die
+Beachtung der vermutlich n&auml;heren Bedeutung des Wortes
+<i>slamat</i> oder <i>selamat</i>. In Zusammenhang gebracht mit
+<i>Slam</i> oder <i>Islam</i>&mdash;durch Buchstabenversetzung verwandt
+mit <i>mosl</i>, <i>muzl</i> = Muselmann&mdash;w&uuml;rde vielleicht
+als urspr&uuml;nglicher Sinn sich herausstellen: der <span class="letterspaced">feierliche</span>, <span class="letterspaced">ceremonielle</span> oder <span class="letterspaced">rituelle</span> Gruss, und das w&uuml;rde vollkommen der
+Bedeutung entsprechen, die das Wort <i>Sela</i> in den Psalmen
+f&uuml;glich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen Belehrung
+gern zug&auml;nglich sein. <span class="pagenum">[<a id="pb346" href="#pb346" name="pb346">346</a>]</span></p>
+<p><a href="#pb68" class="pageref">68</a> <i>kidang</i>: eine Art
+Hirsch mittlerer Gr&ouml;sse. Viel kleiner, nicht gr&ouml;sser wie ein
+mittelm&auml;ssiger Hund, sind die <i>kandjiels</i>, Hirschchen, die
+sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit
+auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft
+nicht am Leben erhalten werden k&ouml;nnen. Der <i>kidang</i> jedoch
+scheint, ebenso wie die meisten Arten <span class="letterspaced">unserer</span> Hirsche, sich leicht anzupassen.</p>
+<p><a href="#pb71" class="pageref">71</a> <i>tudung</i>: die in Form
+einer grossen, runden Sch&uuml;ssel geflochtene Kopfbedeckung der
+Javanen; der Tudung sch&uuml;tzt sowohl vor Sonne wie vor Regen, vor
+dem der Inl&auml;nder eine l&auml;cherliche Furcht hat. Man hat in
+Europa schon Gartenh&uuml;te gehabt, die den Tudungs &auml;hnlich
+sind.</p>
+<p><a href="#pb76" class="pageref">76</a> <i>Melattiblume</i>: die
+<i>melatti</i> ist ein kleines weisses Bl&uuml;mchen mit starkem
+Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse Rolle in
+Balladen, Sagen und Legenden.</p>
+<p><a href="#pb76" class="pageref">76</a> <i>kondeh</i>: das auf dem
+Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das jedoch niemals durch
+ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern stets durch eine
+Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der Kondeh ist auch
+niemals &sbquo;chignon&lsquo;, sondern stets echtes Haar.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7615">
+<h3>VII. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb84" class="pageref">84</a>
+<i>pajong</i>: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des
+Sonnenschirms deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell
+festgelegten Bestimmungen, den Rang des H&auml;uptlings an, dem ein
+solcher Pajong nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den
+h&ouml;chsten Rang an.</p>
+<p><a href="#pb85" class="pageref">85</a> <i>tandu</i>: Tragstuhl. In
+anderen Provinzen auch <i>jolek</i>, <i>djuli</i> und &auml;hnlich.</p>
+<p><a href="#pb90" class="pageref">90</a> <i>Patteh</i>, <i>Kliwon</i>,
+<i>Djaksa</i>: Inl&auml;ndische H&auml;uptlinge. Der <i>Patteh</i>
+steht dem Regenten zur Seite als Sekret&auml;r, Botschafter, Faktotum.
+Der <i>Kliwon</i> ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den
+Dorfh&auml;uptern; gew&ouml;hnlich hat er die Aufsicht &uuml;ber die
+&Ouml;ffentlichen Arbeiten der Gemeinde, Verteilung der
+Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes u. s. w. Der
+<i>Djaksa</i> ist Polizei- und Justizoffizier.</p>
+<p><a href="#pb90" class="pageref">90</a> <i>mantrie</i>:
+Inl&auml;ndischer Beamter, etwa: Aufseher.</p>
+<p><a href="#pb91" class="pageref">91</a> <i>gong</i> und
+<i>gamlang</i>: Musikinstrumente. Der <i>gong</i> ist ein schweres
+metallenes Becken, das an einem Strang h&auml;ngt. Man spielt den
+gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz- und
+Stroh-Instrument. Es h&auml;tte an dieser Stelle wohl gleichfalls von
+<i>anklung</i> gesprochen werden d&uuml;rfen, einem Gestell nach Art
+eines Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es
+<span class="pagenum">[<a id="pb347" href="#pb347" name="pb347">347</a>]</span>sei darauf hingewiesen, dass die Benennungen von
+all diesen Instrumenten Onomatop&ouml;en sind, die den Klang geschickt
+nachbilden. Der <i>gong</i> klingt stark, gewaltig und kriegerisch.
+<i>Anklung</i> und <i>gamlang</i> (<i>gamelan</i>) dagegen sanft und
+lieblich, doch sehr melancholisch.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7699">
+<h3>VIII. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb106" class="pageref">106</a>
+<i>Dhemang</i>: Distriktsh&auml;uptling. Im zentralen und
+&ouml;stlichen Java heisst dieser Beamte <i>Wedhono</i>.</p>
+<p><a href="#pb107" class="pageref">107</a> <i>padie</i>: Reis.</p>
+<p><a href="#pb108" class="pageref">108</a> <i>Bandung</i>: Abteilung
+(Regentschaft, Assistent-Residentschaft) in den
+Preanger-Regentschaften.</p>
+<p><a href="#pb108" class="pageref">108</a> <i>patjol</i>: Hacke,
+Karst, meisselartiger Spaten.</p>
+<p><a href="#pb108" class="pageref">108</a> <i>banjir</i>: Sturmflut,
+Sturzflut. &Uuml;ber diese Naturerscheinung hat Multatuli ergreifend
+berichtet in einem Schriftchen: &bdquo;Zeige mir den Platz, wo ich
+ges&auml;et habe!&ldquo;, dessen Titel dieser Stelle des
+&bdquo;Havelaar&ldquo; entlehnt ist. N&auml;heres &uuml;ber die Schrift
+in meinem Biographie- und Auswahlbande, und zwar in der <span class="letterspaced">Ersten</span> Auflage auf S. 82 u. 83; bei der
+ver&auml;nderten und in Neudruck befindlichen <span class="letterspaced">Zweiten</span> Auflage d&uuml;rfte die Stelle sich etwas
+verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in einem sp&auml;teren
+Bande noch ver&ouml;ffentlicht.</p>
+<p><a href="#pb109" class="pageref">109</a> <i>dessah</i>: Dorf.</p>
+<p><a href="#pb109" class="pageref">109</a> <i>kris</i> und
+<i>klewang</i>: Waffen. &Uuml;ber <i>kris</i> siehe unter Kap.
+XVII.</p>
+<p><a href="#pb112" class="pageref">112</a> <i>maniessan</i>:
+S&uuml;ssigkeit, Konfituren<span class="corr" id="xd20e7773" title="Nicht in der Quelle">.</span> Der Genuss desselben beim Thee ist
+chinesischen Ursprungs.</p>
+<p><a href="#pb112" class="pageref">112</a> <i>Radhen Wiera Kusuma,
+Distriktshaupt von Parang-Kudjang</i>: der im &bdquo;Havelaar&ldquo;
+oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des Regenten. In seinem
+Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete
+Vergiftungsaffaire.</p>
+<p><a href="#pb120" class="pageref">120</a> <i>djimats</i>: Briefe oder
+andere Gegenst&auml;nde, die aus dem Himmel fielen und Schw&auml;rmern
+und Bauernf&auml;ngern zum Kredit verhalfen. Tout comme chez nous!</p>
+<p><a href="#pb121" class="pageref">121</a> <i>garem glap</i>:
+Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz ist in Indien
+Regie. Es wurde in der That an der S&uuml;dk&uuml;ste von Lebak viel
+Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht &uuml;bel zu nehmen,
+wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten, um
+einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen Preis
+bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung als
+unbillig und vor allem grausam gegen&uuml;ber Strandbewohnern, denen
+das Seesalz ins Haus sp&uuml;lt. <span class="pagenum">[<a id="pb348"
+href="#pb348" name="pb348">348</a>]</span></p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7799">
+<h3>XI. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb157" class="pageref">157</a>
+<i>datu</i>: Inl&auml;ndischer H&auml;uptling.</p>
+<p><a href="#pb159" class="pageref">159</a> <i>Ophir</i><span class="corr" id="xd20e7815" title="Quelle: .">:</span> Wir finden diesen
+Namen auf den meisten Landkarten, und&mdash;wahrscheinlich weil der
+Berg, der so bezeichnet ist, weit von der See her zu sehen
+ist&mdash;auf allen Seekarten. Doch das Wort <i>Ophir</i> ist bei den
+Inl&auml;ndern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungef&auml;hr in der
+Mitte der Breite des Landes, eben n&ouml;rdlich der Linie liegt:
+<i>Gunung Passaman</i>. Wie also die Kartographen, die offenbar
+einander nachgeschrieben haben, die Benennung <i>Ophir</i> verantworten
+k&ouml;nnen, weiss ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg
+mit der Gegend in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische
+K&ouml;nig Hiram f&uuml;r Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und
+Edelsteine holen liess (I. K&ouml;nige, IX, 28; X, 11). Es ist sehr
+gewagt, dies auf Grund eines einzigen Wortes zu thun. Und
+&uuml;berdies, woher stammt das Wort <i>Ophir</i>? Wer hat den
+<i>Gunung Passaman</i> zuerst so genannt? Der f-Klang l&auml;sst an
+Araber denken. In den &bdquo;Arabischen Erz&auml;hlungen&ldquo; wird
+Sumatra von Sindbad dem Seefahrer besucht.</p>
+<p><a href="#pb165" class="pageref">165</a> <i>baleh-baleh</i>:
+Ruhebank aus Bambus, Pritsche.</p>
+<p><a href="#pb165" class="pageref">165</a> <i>klambu</i>: Gardine.</p>
+<p><a href="#pb165" class="pageref">165</a> <i>pajong</i>:
+Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal f&uuml;r den Rang.</p>
+<p><a href="#pb166" class="pageref">166</a> <i>banjir</i>:
+Sturmflut.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7862">
+<h3>XII. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb169" class="pageref">169</a>
+<i>tra&#363;ssa</i>: ist nicht n&ouml;tig!</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7872">
+<h3>XIII. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb196" class="pageref">196</a>
+<i>sambal-sambal</i>: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit
+sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den <i>sambals</i>, die
+dort genossen werden, w&uuml;rde B&auml;nde f&uuml;llen. In
+wohlhabenden Familien erfordert diese Unterabteilung des t&auml;glichen
+Men&uuml;s die ausschliessliche Hingebung eines Bedienten, und bei
+Reichen ist hierf&uuml;r <span class="letterspaced">eine</span> Person
+nicht einmal hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so
+viel als m&ouml;glich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das
+Uneingeweihten <span class="letterspaced">nicht</span> essbar vorkommt,
+z. B. unreife Fr&uuml;chte und verdorbener Fischlaich. Die Bereitung
+all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert ein wahres
+Studium. Auch ist f&uuml;r <i>baren</i> (Neulinge) bisweilen einige
+&Uuml;bung n&ouml;tig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte
+geben der indischen K&uuml;che den Vorzug vor den vielerlei Arten
+europ&auml;ischer K&uuml;che. <span class="pagenum">[<a id="pb349"
+href="#pb349" name="pb349">349</a>]</span></p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e7896">
+<h3>XIV. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb199" class="pageref">199</a> <i>Jang
+(njang) di Pertuan</i>: &bdquo;Er, der herrscht&ldquo;. Wenn ich mich
+nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur <span class="letterspaced">ein</span> H&auml;uptling, der diesen Titel tr&auml;gt.
+<i>Tuankus</i> (<i>myn-heer</i>, <i>mon-seigneur</i>) giebt es viele.
+Beide Benennungen sind malayisch&mdash;die letzte Silbe des Wortes
+<i>Tuanku</i> kommt mir gar javanisch vor&mdash;und da der <i>Jang di
+Pertuan</i> ganz speziell der vornehmste H&auml;uptling in den
+Battahlanden ist, so scheint diese W&uuml;rde urspr&uuml;nglich durch
+malayische Unterjocher eingef&uuml;hrt zu sein. Die Wurzel der
+Benennungen von autochthonen W&uuml;rden und Titeln m&uuml;ssen stets
+in der &auml;ltesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur
+von verh&auml;ltnism&auml;ssig j&uuml;ngerem Ursprung als die
+unwillk&uuml;rlichen Laute, die durch &auml;ussere Ursachen Lunge und
+Kehle entfahren, als die vielerlei Benennungen f&uuml;r
+&bdquo;Wasser&ldquo;, als die Andeutung von Terrainbesonderheiten oder
+Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung.</p>
+<p><a href="#pb201" class="pageref">201</a> <i>Padries</i>: wir nannten
+so die Atjinesen, die damals kurz vorher die Battahlande zum Islam
+bekehrt hatten. Das Wort muss wohl <i>Pedirees</i> bedeuten, nach
+Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das Wort
+&sbquo;Atjin&lsquo; ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene
+Entartung. Aus &sbquo;Atjeh&lsquo; machten wir &sbquo;Atjehnese&lsquo;
+oder &sbquo;Atjinese&lsquo;, wodurch das Grundwort selbst in
+&sbquo;Atjin&lsquo; sich ver&auml;nderte. Litterarischer Purismus ist
+hier nicht angebracht.</p>
+<p>Die Beweise f&uuml;r den im Text ber&uuml;hrten Fanatismus laufen
+&uuml;brigens ins Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die
+Einf&uuml;hrung des Islam&mdash;der zugleich Vermehrung des
+Salzgebrauchs zur Folge hatte&mdash;dem Menschenfressen grossen Abbruch
+gethan hat. Dass diese Gewohnheit in der Gegend von
+Penjabungan&mdash;dem Zentrum unserer Herrschaft in den
+Battahlanden&mdash;noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer
+diese Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich f&uuml;r eine
+L&uuml;ge. Sie kn&uuml;pft an das Erlebnis, das sie in dieser Sache
+gehabt zu haben behauptet, eine Anekdote, die den Stempel der
+Unwahrheit an der Stirn tr&auml;gt. Man habe <span class="letterspaced">sie</span> geschont, erz&auml;hlt sie, wegen der
+Spasshaftigkeit ihrer Bemerkung: sie sei &bdquo;eine bejahrte Frau und
+deshalb zu z&auml;h&ldquo;. Als sie, einige Jahre nach mir, mit
+Battahleuten in Ber&uuml;hrung kam, war die Anthropophagie in diesen
+Gegenden ausgerottet, und zwar durch den Einfluss derselben
+V&ouml;lker, die wir jetzt im Namen der Civilisation bekriegen. Wann
+und wo hat Niederland je mit <span class="letterspaced">seiner</span>
+Religion und mit <span class="letterspaced">seinen</span> Waffen wie in
+diesem Fall sozusagen im Umsehen einen <span class="pagenum">[<a id="pb350" href="#pb350" name="pb350">350</a>]</span>ganzen Volksstamm von
+Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht?</p>
+<p><a href="#pb204" class="pageref">204</a> <i>sewah</i>: die Waffe der
+Bewohner Sumatras, wie auf Java der <i>kris</i>. Der <i>sewah</i> ist
+ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an der
+Binnenseite der Kr&uuml;mmung. Die urspr&uuml;ngliche Absicht bei
+dieser Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in
+der Hand verborgen werden kann, w&auml;hrend der sehr stumpfe
+R&uuml;cken gegen den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm
+verdeckt wird. Der Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner
+bewaffnet ist, als bis dieser&mdash;nach einer eigenartigen, behenden
+Bewegung von Puls und Arm in drei Tempis&mdash;ihn trifft. Ganz
+abgesehen von dieser Geeignetheit als Mordwerkzeug ist der <i>sewah</i>
+das symbolische Merkmal der Freiheit und M&auml;nnlichkeit. Wer ein
+malayisches Haupt gefangen nimmt&mdash;wie es unter den auf S. 205
+beschriebenen Umst&auml;nden meine verdriessliche Aufgabe
+war&mdash;fordert ihm seinen <i>sewah</i> ab.</p>
+<p>Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist,
+heisst <i>krambi&egrave;h</i> und dient ausschliesslich als Mordwaffe.
+Sie ist kleiner und noch viel krummer als der <i>sewah</i>. Der Griff
+besteht aus nicht viel mehr als einer ringf&ouml;rmigen &Ouml;ffnung,
+in die der M&ouml;rder seinen Daumen steckt, w&auml;hrend die Klinge
+ganz in oder hinter der Hand verborgen bleibt.</p>
+<p><a href="#pb226" class="pageref">226</a> <i>tikar</i>: kleine Matte.
+Die Benutzung von fein geflochtenen Matten auf den Bettmatratzen ist in
+Indien ziemlich allgemein, und wird, weil sie k&uuml;hl bleiben,
+f&uuml;r gesund gehalten. Die Herstellung dieser Matten und anderen
+Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie, in der sich vor
+allem die Makassaren auszeichnen.</p>
+<p><a href="#pb227" class="pageref">227</a> <i>klapper</i>: Kokosnuss.
+Auch <i>klappa</i>, <i>kelappa</i>.</p>
+<p><a href="#pb227" class="pageref">227</a> <i>pukul ampat</i>:
+&bdquo;vier Uhr&ldquo;. Dies ist der Name eines Bl&uuml;mchens, das des
+Nachmittags um diese Stunde sich &ouml;ffnet und gegen die Morgenstunde
+sich wieder schliesst; <i>ampat</i> heisst: vier, <i>pukul</i>:
+schlagen, Schlag, Glockenschlag.</p>
+<p><a href="#pb227" class="pageref">227</a> <i>Saudien</i> oder
+<i>Sudien</i> f&uuml;r <i>Si-Udien</i>: ein sehr h&auml;ufig
+vorkommender malayischer Name. <i>Udien</i>, <i>Udin</i> (das arabische
+<i>Eddin</i>) ist wahrscheinlich verwandt mit gleichartigen nordischen
+Namen in Europa. &Uuml;ber das sehr gebr&auml;uchliche Praefix
+<i>si</i> w&auml;re viel zu sagen, mehr als mir jetzt der Raum
+zul&auml;sst.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e8034">
+<h3>XV. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb233" class="pageref">233</a>
+<i>Patteh</i>: H&auml;uptlingstitel, des Regenten Sekret&auml;r,
+Botschafter, Faktotum. <span class="pagenum">[<a id="pb351" href="#pb351" name="pb351">351</a>]</span></p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e8045">
+<h3>XVI. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb250" class="pageref">250</a>
+<i>dessah</i>: Dorf.</p>
+<p><a href="#pb250" class="pageref">250</a> <i>Sa&iuml;djah</i>: dieser
+Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung der &bdquo;Liste von
+gestohlenen B&uuml;ffeln&ldquo; in den &bdquo;Liebesbriefen&ldquo;
+entlehnt (deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch
+die Namen der D&ouml;rfer <i>Badur</i> und <i>Tjipurut</i>.</p>
+<p><a href="#pb252" class="pageref">252</a> <i>Orang Gunung</i>:
+Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der Bewohner der Berge in
+der Westecke.</p>
+<p><a href="#pb253" class="pageref">253</a> <i>Alfur</i>: das Wort
+<i>aliforu</i>, <i>alifuru</i>, <i>hari furu</i> hat in der Nordecke
+von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch
+eine Bedeutung wie <i>Orang Gunung</i>: Bergbewohner, oder mindestens
+die von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks-
+oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird&mdash;ebenso wie das
+Wort: Niederl&auml;nder&mdash;h&auml;ufig als solcher gebraucht.</p>
+<p><a href="#pb258" class="pageref">258</a> <i>kendang</i>:
+Umfriedigung von rohem Pfahlwerk.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e8102">
+<h3>XVII. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb268" class="pageref">268</a>
+<i>sawah</i>: durch k&uuml;nstliche Bew&auml;sserung unterhaltenes
+Reisfeld, in Gegensatz zu <i>gagahs</i> und <i>tipars</i>, die, was die
+Befeuchtung angeht, ganz vom Regen abh&auml;ngen.</p>
+<p><a href="#pb268" class="pageref">268</a> <i>lombong</i>: Bergeraum
+f&uuml;r Reis, enth&uuml;lsten wie unenth&uuml;lsten. Meistens ist der
+<i>lombong</i> ausserhalb des Hauses gegen eine der W&auml;nde
+angebaut.</p>
+<p><a href="#pb268" class="pageref">268</a> <i>kris</i>: die
+volkst&uuml;mliche Waffe des Javanen, die als solche zu seiner
+vollst&auml;ndigen Kleidung geh&ouml;rt, wie bei uns in fr&uuml;herer
+Zeit der Degen. Der <i>kris</i> ist ein schlangenf&ouml;rmiger, platter
+Dolch mit sehr kleinem Heft. Gew&ouml;hnlich sind die Krisse aus
+Streifen weichen Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit H&uuml;lfe
+von B&uuml;ffelhufen gest&auml;hlt. Sie werden vor Rost bewahrt durch
+Einreibung mit <i>djerook</i> (einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt
+ist, welches dem Eisen einen eigent&uuml;mlichen matten Schein
+verleiht. Der Aberglaube behauptet, dass man, wenn man einen Kris
+besehen will, diesen vollst&auml;ndig aus der Scheide ziehen
+m&uuml;sse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei macht, stellt
+sich grossem Ungl&uuml;ck bloss. &Uuml;ber bezauberte Krisse sind
+zahllose Erz&auml;hlungen in Umlauf.</p>
+<p><a href="#pb268" class="pageref">268</a> <i>pusaka</i>:
+Erbst&uuml;ck, hier&mdash;wie &ouml;fter&mdash;im piet&auml;tvollen
+Sinne: heiliges Erbst&uuml;ck.</p>
+<p><a href="#pb269" class="pageref">269</a> <i>Klambu-Haken</i>:
+<i>klambu</i> ist: Gardine. In den platten, sehr breiten Haken, womit
+die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus <span class="pagenum">[<a id="pb352" href="#pb352" name="pb352">352</a>]</span>entwickelt. Auch bei den ung&uuml;nstigst
+Gestellten sind sie doch gew&ouml;hnlich von Messing.</p>
+<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>patjol</i>: die Hacke,
+das Werkzeug, das der Javane f&uuml;r den Spaten gebraucht. Das Blatt
+sitzt lotrecht auf dem h&ouml;lzernen Stiel. Es wird also damit
+<span class="letterspaced">gehauen</span>, nicht gegraben, was
+vielleicht dem Umstande zuzuschreiben ist, dass der Inl&auml;nder
+barfuss geht.</p>
+<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>user-useran</i>: das
+Wort wird in dem Text erkl&auml;rt. Vermeintliche Besonderheiten in der
+Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie sich auf dem Scheitel
+eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei Weissagungen (siehe z.
+B. S. 113, 117, 118.).</p>
+<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>penghulu</i>:
+Priester.</p>
+<p><a href="#pb270" class="pageref">270</a> <i>ontong</i>: Gl&uuml;ck,
+Vorteil.</p>
+<p><a href="#pb271" class="pageref">271</a> <i>galangans</i>: kleine,
+schmale Deiche, die das Wasser auf den <i>sawahs</i> halten.</p>
+<p><a href="#pb271" class="pageref">271</a> <i>Alanggras</i>
+(<i>allang-allang</i>): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es ist oft
+so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen kann. Auf
+Sumatra nennt man es auch <i>riembu</i>, was dort auch Wildnis im
+allgemeinen bedeutet.</p>
+<p><a href="#pb272" class="pageref">272</a> <i>sarong</i>;
+<i>batik</i>; <i>kapala</i><span class="corr" id="xd20e8227" title="Quelle: .">:</span> Der <i>sarong</i> ist das eigenartige
+Kleidungsst&uuml;ck der Javanen, der M&auml;nner wie der Frauen. Es ist
+ein aus <i>kapok</i> gewobenes St&uuml;ck Zeug, dessen Enden
+aneinandergen&auml;ht werden. Die Anwendung von Seide ist Ausnahme.
+Eines dieser Enden heisst <i>kapala</i>, d. h. Kopf, und ist mit einem
+breiten Rand bemalt, gew&ouml;hnlich bestehend aus ineinander
+verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst <i>batik</i> und
+geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in einen
+Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen Werkzeuge
+von Blech, das&mdash;sehr verkleinert&mdash;die Form eines Theetopfes
+hat oder eines antiken L&auml;mpchens. <i>Sarongs</i> ohne
+<i>kapala</i>, und deren Enden nicht aneinander gen&auml;ht sind,
+heissen <i>slendangs</i>. Man tr&auml;gt diese Kleidungsst&uuml;cke um
+die H&uuml;ften, und die M&auml;nner sch&uuml;rzen sie mehr oder
+weniger auf, bisweilen auch vollst&auml;ndig. Auch wird der
+<i>slendang</i> h&auml;ufig ganz zum G&uuml;rtel zusammengerollt, in
+welchem Fall die M&auml;nner eine Hose tragen, sehr gegen die
+eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr und mehr die Oberhand
+gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europ&auml;ern in Ber&uuml;hrung
+kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass die Anwendung
+von Hosen unter den <i>sarongs</i> bei Frauen allein in dem Nordwinkel
+von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur dort
+angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese
+Kleidungsst&uuml;cke <i>serawak atjeh</i> heissen: atjinesische Hose.
+<span class="pagenum">[<a id="pb353" href="#pb353" name="pb353">353</a>]</span></p>
+<p>Was &uuml;brigens die <i>sarongs</i> und <i>slendangs</i> angeht,
+seit etwa dreissig Jahren (1881 von M. geschrieben. D. &Uuml;bers.)
+haben sich europ&auml;ische Fabrikanten darauf gelegt, das javanische
+<i>batik</i> nachzumachen, und es wurden denn auch j&auml;hrlich in
+diesem Artikel Fabrikate im Werte von Millionen umgesetzt. Doch wird
+das Tragen eines <i>gedruckten Kain</i> (<i>kahin</i>: Kleid, der
+generelle Name f&uuml;r all solche Kleidungsst&uuml;cke) stets f&uuml;r
+ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes
+gehalten.</p>
+<p><a href="#pb273" class="pageref">273</a> <i>matah-glap</i>,
+<i>amokh</i>. Das Wort (<i>matah-glap</i> = verdunkelten Auges) deutet
+den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet,
+niederschl&auml;gt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es
+irgendwo &bdquo;Selbstmord in Gesellschaft&ldquo; und weiss auch jetzt
+noch keinen besseren Namen daf&uuml;r. Der Ungl&uuml;ckliche, der von
+dieser Wut gepackt wird, kennt weder Freund noch Feind. Ursache ist
+gew&ouml;hnlich Eifersucht oder zu lang verhaltener Groll &uuml;ber
+Misshandlung. Der Javane ist, wie die meisten anderen Inl&auml;nder,
+sanftm&uuml;tig und nachgiebig von Art. Doch allzu tief verwundet oder
+zu andauernd gekr&auml;nkt, bricht seine Wut in <i>amokh</i> aus. Dass
+gleichwohl auch der <i>amfi&#363;n</i> (Opium) hierbei eine Rolle
+spielt&mdash;sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein
+Mittel, das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben
+veranlasst&mdash;versteht sich von selbst.</p>
+<p><a href="#pb273" class="pageref">273</a> <i>atap</i>: eine Art
+Wasserpalme, deren Bl&auml;tter zum Decken geringer H&auml;user
+verwandt werden.</p>
+<p><a href="#pb273" class="pageref">273</a> <i>bendie</i>: Chaise,
+Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett.</p>
+<p><a href="#pb274" class="pageref">274</a> <i>djati</i>,
+<i>ketapan</i>: zwei Arten von grossen B&auml;umen. Der erstere Baum
+liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen
+Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise
+mit unserer Eiche &uuml;bereinkommt.</p>
+<p><a href="#pb274" class="pageref">274</a> <i>melatti</i>: unter Kap.
+VI erkl&auml;rt.</p>
+<p><a href="#pb274" class="pageref">274</a> <i>Reisblock</i>: schwerer,
+h&ouml;lzerner Trog, worin der <i>padie</i> durch Stampfen von der
+H&uuml;lse befreit wird. Dieses Stampfen heisst&mdash;Klangnachbildung
+wieder!&mdash;<i>tumbokh</i>.</p>
+<p><a href="#pb275" class="pageref">275</a> <i>tudung</i>: siehe unter
+Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit nach dem Schatten, den sein
+<i>tudung</i> auf seinem Antlitz zeichnete, folgte Sa&iuml;djah einem
+allgemeinen indischen Brauch.</p>
+<p><a href="#pb276" class="pageref">276</a> <i>lalayang</i>: ein
+Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java erg&ouml;tzen sich nicht
+ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und beschreibt
+allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen und
+Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der Hand
+h&auml;lt, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem
+Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft zu
+begegnen und sie zu durchschneiden. <span class="pagenum">[<a id="pb354" href="#pb354" name="pb354">354</a>]</span>Aus den vielerlei
+lebhaften Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr
+erg&ouml;tzlich anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme
+zwingt. Die von Sa&iuml;djah hingestellte M&ouml;glichkeit,
+demgem&auml;ss &bdquo;der kleine Djamien&ldquo; die Niederlage durch
+geschilderten betr&uuml;gerischen Eingriff herbeigef&uuml;hrt haben
+sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im Werfen
+angeht, ein Indiismus.</p>
+<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> &bdquo;<i>er hat einen
+grossen Mund gehabt</i>&ldquo;: spezifischer Malayismus.</p>
+<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> &bdquo;<i>Salzmachen an der
+S&uuml;dk&uuml;ste</i>&ldquo;: siehe unter Kap. VIII: <i>garem
+glap</i>: Schmuggelsalz.</p>
+<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> <i>matah-glap</i>: rasend.
+N&auml;heres weiter oben erkl&auml;rt.</p>
+<p><a href="#pb277" class="pageref">277</a> &bdquo;<i>den Brand, das
+Feuer t&ouml;ten</i>&ldquo;: spezifischer Malayismus.</p>
+<p><a href="#pb278" class="pageref">278</a> <i>klappa</i>: Kokosnuss.
+Klappabaum also: Kokospalme.</p>
+<p><a href="#pb278" class="pageref">278</a> <i>Klagefrauen</i>: beim
+Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul gemacht,
+nicht&mdash;wie fr&uuml;her bei uns&mdash;durch bezahlte
+&bdquo;<span lang="nl-1900">huilebalgen</span>&ldquo;, sondern von
+Verwandten, Bekannten und Nachbarn.</p>
+<p><a href="#pb279" class="pageref">279</a> <i>kamuning</i>: feines,
+gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel des so benannten kleinen
+B&auml;umchens gewonnen wird, und das also nie gross im St&uuml;ck sein
+kann. Es ist sehr teuer.</p>
+<p><a href="#pb279" class="pageref">279</a> <i>kahin</i>: der zum
+G&uuml;rtel gerollte <i>slendang</i>.</p>
+<p><a href="#pb280" class="pageref">280</a> <i>&sbquo;Grossvater&lsquo;
+des Susukunan von Solo</i>: der Sus. v. Solo ist der Kaiser von
+Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen dem
+Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines
+&sbquo;Grossvaters&lsquo;.</p>
+<p><a href="#pb280" class="pageref">280</a> <i>kondeh ... im eigenen
+Strick gefangen</i>: siehe unter Kap. VI.</p>
+<p><a href="#pb281" class="pageref">281</a> <i>kabaai</i>: ein
+leichtes, nachl&auml;ssiges Gewand, das indische Hauskleid, auch
+Schlafgewand; ein N&eacute;glig&eacute;.</p>
+<p><a href="#pb281" class="pageref">281</a> <i>pontianak</i>: Spuk, der
+sich in B&auml;umen aufh&auml;lt und auf Frauen sehr ergrimmt ist,
+besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein Zusammenhang zu
+suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und dem Namen der
+Niederl&auml;ndischen Befestigung an der Westk&uuml;ste von Borneo.</p>
+<p><a href="#pb283" class="pageref">283</a> <i>pelitah</i>:
+L&auml;mpchen.</p>
+<p><a href="#pb284" class="pageref">284</a> <i>rottan</i> oder
+<i>rotan</i>: spanisch Rohr.</p>
+<p><a href="#pb285" class="pageref">285</a> <i>badjing</i>: javanisches
+Eichh&ouml;rnchen. Dies Tierchen kam mir immer kleiner vor als sein
+europ&auml;ischer Artgenosse. Es l&auml;sst sich leicht
+z&auml;hmen.</p>
+<p><a href="#pb285" class="pageref">285</a> <i>Bauch</i> f&uuml;r
+&sbquo;Magen&lsquo;: Malayismus.</p>
+<p><a href="#pb289" class="pageref">289</a> <i>boaja</i>: Kaiman, eine
+Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man abends
+Bambusk&ouml;rbchen oder N&auml;pfchen voll Reis und anderer Speise,
+mit einem kleinen Licht versehen, stromabw&auml;rts treiben l&auml;sst.
+Wenn gerade viel auf den Fl&uuml;ssen geopfert wird, bieten die ruhig
+dahintreibenden Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick. <span class="pagenum">[<a id="pb355" href="#pb355" name="pb355">355</a>]</span></p>
+<p><a href="#pb290" class="pageref">290</a> <i>baleh-baleh</i>:
+Pritsche, Ruhebank aus Bambus.</p>
+<p><a href="#pb291" class="pageref">291</a> &bdquo;<i>... und also in
+Flammen stand</i>&ldquo;: dieses blutige &bdquo;<span class="letterspaced">also</span>&ldquo; (im Holl&auml;nd.: &bdquo;dus&ldquo;)
+hat nach Erscheinen des &bdquo;Havelaar&ldquo; erregte Kontroversen zum
+Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e8513">
+<h3>XVIII. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb301" class="pageref">301</a>
+<i>pundutan</i>: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung
+erhoben werden.</p>
+<p><a href="#pb301" class="pageref">301</a> <i>pantjens</i> und
+<i>kemits</i>: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e8533">
+<h3>XIX. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb313" class="pageref">313</a>
+<i>Patteh</i>: der Inl&auml;ndische H&auml;uptling, der die
+Vertrauensstellung eines Sekret&auml;rs, Botschafters beim Regenten
+einnimmt.</p>
+</div>
+<div class="div2" id="xd20e8543">
+<h3>XX. Kapitel.</h3>
+<p class="firstpar"><a href="#pb325" class="pageref">325</a>
+<i>tongtong</i> (<i>tomtom</i>, <i>tamtam</i>): ein grosser,
+h&auml;ngender, ausgeh&ouml;hlter Block von Holz, auf dem man die
+Stunden anschl&auml;gt. Der Name ist wieder eine Onomatop&ouml;e.</p>
+<p><a href="#pb335" class="pageref">335</a> <i>kampong</i>: Dorf.
+<span class="pagenum">[<a id="pb356" href="#pb356" name="pb356">356</a>]</span></p>
+</div>
+</div>
+<div class="div1">
+<p class="firstpar">In gleicher Ausstattung erschienen in unserem
+Verlage:</p>
+<p>MULTATULI.</p>
+<p><b>Auswahl aus seinen Werken in &Uuml;bersetzung aus dem
+Holl&auml;ndischen,</b> eingeleitet durch eine <b>Charakteristik seines
+Lebens, seiner Pers&ouml;nlichkeit und seines Schaffens</b>. Von
+<b>WILHELM SPOHR</b>. Mit Bildnissen und handschriftlicher Beilage.
+Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark 5,50.</p>
+<p>MULTATULI.</p>
+<p>LIEBESBRIEFE.</p>
+<p>&Uuml;bertragen aus dem Holl&auml;ndischen von <b>WILHELM SPOHR</b>.
+Preis: brosch. Mark 3,&mdash;, geb. Mark 3,75.</p>
+<p>MULTATULI.</p>
+<p>MILLIONEN-STUDIEN.</p>
+<p>&Uuml;bertragen aus dem Holl&auml;ndischen von <b>WILHELM SPOHR</b>.
+Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark 5,50.</p>
+<p>MULTATULI.</p>
+<p>F&Uuml;RSTENSCHULE.</p>
+<p>Schauspiel in 5 Aufz&uuml;gen. &Uuml;bertragen aus dem
+Holl&auml;ndischen von <b>WILHELM SPOHR</b>. Preis: brosch. Mark 2,25,
+geb. Mark 3,&mdash;.</p>
+<p>MULTATULI.</p>
+<p>DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER.</p>
+<p>&Uuml;bertragen aus dem Holl&auml;ndischen von <b>WILHELM SPOHR</b>.
+Zwei starke B&auml;nde. Preis: brosch. Mark 10,&mdash;, geb. Mark
+12,&mdash;.</p>
+<hr class="tb">
+<p>Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die B&auml;nde</p>
+<p>IDEEN.</p>
+<p>BRIEFE <span class="corr" id="xd20e8627" title="Quelle: UNO">UND</span> DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI.</p>
+<p>J. C. C. Bruns&rsquo; Verlag,</p>
+<p>Minden i. Westf.</p>
+<div class="div1">
+<h2 class="normal">Inhalt</h2>
+<ul>
+<li><a href="#pre">Vorwort des Herausgebers.</a></li>
+<li><a href="#ch1">Erstes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch2">Zweites Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch3">Drittes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch4">Viertes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch5">F&uuml;nftes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch6">Sechstes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch7">Siebentes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch8">Achtes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch9">Neuntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch10">Zehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch11">Elftes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch12">Zw&ouml;lftes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch13">Dreizehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch14">Vierzehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch15">F&uuml;nfzehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch16">Sechzehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch17">Siebzehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch18">Achtzehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch19">Neunzehntes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#ch20">Zwanzigstes Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#gloss">Erl&auml;uterungen zu Indiismen.</a>
+<ul>
+<li><a href="#xd20e7383">V. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7465">VI. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7615">VII. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7699">VIII. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7799">XI. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7862">XII. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7872">XIII. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e7896">XIV. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e8034">XV. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e8045">XVI. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e8102">XVII. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e8513">XVIII. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e8533">XIX. Kapitel.</a></li>
+<li><a href="#xd20e8543">XX. Kapitel.</a></li>
+</ul>
+</li>
+</ul>
+</div>
+<div class="transcribernote">
+<h2>Kolophon</h2>
+<h3>Korrekturen</h3>
+<p>Die folgenden Korrekturen sind am Text angewendet worden:</p>
+<table width="75%" summary="&Uuml;bersicht der Korrekturen im Text">
+<tr>
+<th>Seite</th>
+<th>Quelle</th>
+<th>Korrektur</th>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e132">V</a></td>
+<td class="width40">Anderungen</td>
+<td class="width40">&Auml;nderungen</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e426">11</a></td>
+<td class="width40">Kaffekehricht</td>
+<td class="width40">Kaffeekehricht</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e472">14</a></td>
+<td class="width40">Plait-il</td>
+<td class="width40">Pla&icirc;t-il</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e623">22</a></td>
+<td class="width40">Kaffe</td>
+<td class="width40">Kaffee</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1239">46</a></td>
+<td class="width40">wen</td>
+<td class="width40">wenn</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1560">64</a></td>
+<td class="width40">hilfbereit</td>
+<td class="width40">hilfsbereit</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1630">69</a></td>
+<td class="width40">Kaffebl&auml;ttern</td>
+<td class="width40">Kaffeebl&auml;ttern</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1760">79</a></td>
+<td class="width40">h&ouml;cht</td>
+<td class="width40">h&ouml;chst</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1915">89</a></td>
+<td class="width40">Est</td>
+<td class="width40">Es</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1939">89</a></td>
+<td class="width40">Mevrouv</td>
+<td class="width40">Mevrouw</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1965">91</a></td>
+<td class="width40">wahr</td>
+<td class="width40">war</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e1979">92</a></td>
+<td class="width40">Daurauf</td>
+<td class="width40">Darauf</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e2293">112</a></td>
+<td class="width40">Erbe</td>
+<td class="width40">Hof</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e2498">121</a></td>
+<td class="width40">dsss</td>
+<td class="width40">dass</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e2938">142</a></td>
+<td class="width40">gewis</td>
+<td class="width40">gewiss</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e3305">156</a></td>
+<td class="width40">aufstelten</td>
+<td class="width40">aufstellten</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e3470">161</a></td>
+<td class="width40">Aquator</td>
+<td class="width40">&Auml;quator</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e3782">174</a></td>
+<td class="width40">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
+<td class="width40">&laquo;</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4120">199</a></td>
+<td class="width40">Assisent-Residenten</td>
+<td class="width40">Assistent-Residenten</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4179">204</a></td>
+<td class="width40">die</td>
+<td class="width40">di</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4306">213</a></td>
+<td class="width40">Ausserlichkeiten</td>
+<td class="width40">&Auml;usserlichkeiten</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4464">224</a></td>
+<td class="width40">geaichte</td>
+<td class="width40">geeichte</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4654">228</a></td>
+<td class="width40">Hirch</td>
+<td class="width40">Hirsch</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e4933">238</a></td>
+<td class="width40">unbilig</td>
+<td class="width40">unbillig</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e5134">249</a></td>
+<td class="width40">Havelars</td>
+<td class="width40">Havelaars</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e5214">253</a></td>
+<td class="width40">hinreiche</td>
+<td class="width40">hinreichen</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e5621">285</a></td>
+<td class="width40">badjing</td>
+<td class="width40">Badjing</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e6040">298</a></td>
+<td class="width40">Beurteilumg</td>
+<td class="width40">Beurteilung</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e6124">300</a></td>
+<td class="width40">Orginal</td>
+<td class="width40">Original</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e6313">310</a></td>
+<td class="width40">&raquo;</td>
+<td class="width40">&laquo;</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e7773">347</a></td>
+<td class="width40">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
+<td class="width40">.</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e7815">348</a></td>
+<td class="width40">.</td>
+<td class="width40">:</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e8227">352</a></td>
+<td class="width40">.</td>
+<td class="width40">:</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd20e8627">356</a></td>
+<td class="width40">UNO</td>
+<td class="width40">UND</td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+</div>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***
+
+***** This file should be named 31527-h.htm or 31527-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/1/5/2/31527/
+
+Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
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+
+
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+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
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+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
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+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+that
+
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
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index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
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+The Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Max Havelaar
+
+Author: Multatuli
+
+Translator: Wilhelm Spohr
+
+Release Date: March 6, 2010 [EBook #31527]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***
+
+
+
+
+Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
+
+
+
+
+
+
+
+
+ Multatuli
+
+ MAX HAVELAAR
+
+ Übertragen aus dem Holländischen
+
+ Von
+
+ Wilhelm Spohr
+
+ Titelzeichnung von Fidus.
+
+
+ Zweite Auflage.
+
+ Minden in Westf.
+ J. C. C. Bruns' Verlag.
+ 1901.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
+
+
+
+
+
+
+VORWORT DES HERAUSGEBERS.
+
+
+Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bücher
+abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bände des Unternehmens
+vornehmen kann. Meine Übersetzung des holländischen »Max Havelaar«
+liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige
+Änderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung
+zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen
+erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:
+
+Ich nenne das Buch schlichtweg »Max Havelaar«, da mir, dem
+deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene
+Titel »Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederländischen
+Handelsgesellschaft« (»Max Havelaar of de koffiveilingen der
+Nederlandsche Handelmaatschappy«, geschrieben 1859, erschienen zu
+Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umständen weniger passend
+erscheint. Der Leser möge sich bei einigen wenigen Anspielungen im
+Text des ursprünglichen Titels erinnern.
+
+Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in so eminentem
+Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt hätte. »Es ging
+ein Schaudern durch das Land«, erklärte nach seinem Erscheinen ein
+Abgeordneter von der Tribüne des Parlaments. Sogar Einzelheiten
+haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass
+das kleine holländische Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner
+Übersetzung das »also« auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen
+Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich
+davon absehen möchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich
+weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will
+ich noch dem Leser, der sich nicht über dieses Buch hinaus in den
+reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von
+vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist,
+bürgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung
+eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem
+1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen
+Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche
+»Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im
+gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer Einkleidung bietet
+es aktenmässige Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten
+Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und
+als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr von
+der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen Buches,
+mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel
+getragen hat', dem ist die Möglichkeit geboten, sich in dem von mir
+herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren
+zu unterrichten. [1]
+
+Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem
+ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu
+verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige
+Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn
+durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung
+mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem
+er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk,
+1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein
+Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben
+wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel
+zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem
+Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des
+Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden,
+dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?«
+Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem
+Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt
+allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein
+gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich
+voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er
+war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell
+sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz
+gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in
+einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen
+Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen
+Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den
+köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum,
+das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch
+auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch
+einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«.
+
+Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen
+schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie
+angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form
+wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen
+Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss,
+d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum
+der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem
+ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde
+bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei
+diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind
+in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von
+allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte
+Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse,
+die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint.
+
+Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die
+Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe
+ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und
+nach Gefallen zu benutzende »Erläuterungen zu Indiismen« angefügt.
+
+Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit
+den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer
+sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden
+und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher
+eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein
+Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone,
+dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht.
+
+
+ Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.
+
+ Wilhelm Spohr.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ERSTES KAPITEL.
+
+
+Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht
+meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und
+es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries
+Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber
+Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst,
+ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein,
+dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein,
+ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich
+ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die
+Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die
+Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas
+weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht
+geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und
+wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand,
+der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil
+von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen
+die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck &
+Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse
+braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich
+keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe
+denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so
+was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig
+Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also
+sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich
+habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den
+Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten
+Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.
+
+Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe
+ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler
+fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten
+Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn
+bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen,
+die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard,
+der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch
+Lieb' bewogen die Vers'chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind:
+»Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht
+die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen
+vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann
+bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er
+war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein
+bester Freund wäre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns
+in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar
+wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.
+
+Alles Lügen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue
+Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen
+Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren
+froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte
+eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der
+Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich,
+dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express, um Niederland Schutz
+zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere
+Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben
+hatten. Das ist die Sache.
+
+Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein
+Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe
+ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand
+ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch
+eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner
+Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand
+kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«,
+unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch
+von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten
+Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen
+uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine
+kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon
+ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die
+Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!
+
+Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die Ehe der
+Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten
+oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger
+geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn
+Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, dass ich sie heiraten
+wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere,
+denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als
+Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit
+Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem
+Satz Billardbällen!
+
+Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied
+rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist
+vorbei, und die Uhr ist drei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklich
+der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier
+ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der
+Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher
+ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es
+muss genau drei Uhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genau
+zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun
+ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder
+das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist
+dann gelogen.
+
+Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh
+mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann
+gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt
+von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er
+ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf
+der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen
+Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas
+mehr hätte geben müssen, wenn er mich selbst herausgeholt hätte,
+aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand,
+dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht,
+um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen
+auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sich so an all die Unwahrheiten,
+dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust,
+so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es
+mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe,
+mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person
+keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden
+ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben,
+weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.
+
+Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist
+so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von
+ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder,
+meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen
+haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist
+ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott
+macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt
+sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal
+die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie
+seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die
+Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein
+Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe
+hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine
+Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend,
+die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt
+dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten
+für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!
+
+Dann kommt ihr erster Liebhaber--der früher am Kopierbuch sass, nun
+aber steinreich--auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder
+Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten
+Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht
+als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den
+Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel
+hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem
+man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bühne, was in der
+Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche
+Übergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf
+dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn,
+und es wurde was umgesetzt!
+
+Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen
+Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum
+geht dann die Doppelthür im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und
+weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was
+der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn
+der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man
+schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass
+sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert
+der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore
+geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle,
+bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde,
+wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge,
+wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was
+sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn
+das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu
+entblössen? Alles Lügen!
+
+Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren
+Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei
+mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf,
+wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist
+es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen
+wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so
+ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu
+also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?
+
+Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem
+Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last &
+Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wäre dann doch wohl
+ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig
+zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater
+in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und
+alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel,
+und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine
+Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun
+bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen
+Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein
+Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen
+schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es
+auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk nötig,
+weil es bei uns sehr flott geht--aber könnte ich auch, wo bliebe sein
+Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben
+führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden
+und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine
+besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber
+auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!
+
+Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine
+Geschäfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine
+Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem
+Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite
+legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht,
+so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in
+Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber
+das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs
+Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.
+
+Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für
+die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben,
+meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt
+wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich
+dieses Buch schreibe.
+
+Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe
+beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin
+nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner
+unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt
+ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch
+erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick
+Abschied von euch nehme--ich muss auf die Börse--lade ich euch gleich
+auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!
+
+Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist
+nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab
+ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus
+sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.
+
+
+
+ +---------------------------+
+ | LAST & Co. |
+ | |
+ | MAKLER IN KAFFEE. |
+ | |
+ | Lauriergracht No. 37. |
+ +---------------------------+
+
+
+
+
+
+
+ZWEITES KAPITEL.
+
+
+Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird's wohl
+wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei
+Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare
+Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die
+Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck
+& Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht
+weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben
+sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg,
+das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam
+ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine
+ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen--hinterlistige
+Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen,
+was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle
+hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung
+der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe
+ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an
+Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre,
+als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer
+weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein,
+Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen,
+liess mir Feder und Papier geben und schrieb:
+
+
+ Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten
+ Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres
+ aus Norddeutschland ...
+
+
+Es ist die reine Wahrheit!
+
+
+ ... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals
+ notwendig mache.
+
+
+Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem
+Kontor, um seine Brille zu suchen.
+
+
+ Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen,
+ wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die
+ Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in
+ Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass
+ aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...
+
+
+Es ist die blanke Wahrheit!
+
+
+ ... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter
+ der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger,
+ und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens
+ in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der
+ Ausführung der gegebenen Ordres ...
+
+
+Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!
+
+
+ ... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee,
+ Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein könne bei dem
+ Engagement von Leuten.
+
+
+Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der
+junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt
+ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch
+schon dreizehn im September.
+
+
+ ... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu
+ vernehmen--Saffeler reist für Stern--dass der geehrte Chef der
+ Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst
+ Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse
+ einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass
+ ich mit Rücksicht darauf ...
+
+
+Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte
+die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um
+jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun
+ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden,
+dass sie's wissen, dünkt mich.
+
+
+ ... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den
+ Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses
+ betraut zu sehen ...
+
+
+Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder
+Salair. Aber ich fügte noch hinzu:
+
+
+ Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in
+ unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich
+ bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass
+ seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.
+
+
+Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und
+zum Schluss:
+
+
+ Dass bei uns dem Herrn gedient werde.
+
+
+Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und
+ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte
+Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der
+junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf
+die Antwort.
+
+Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch
+die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der
+beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«,
+»schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was
+mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir
+auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung
+stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen,
+denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass
+ich zu sehr in des Krämers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich
+zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig
+gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf
+einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines
+Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien
+mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem
+Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und
+Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen
+Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter,
+als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und
+gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht
+No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen,
+aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen
+alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der
+Name nicht.«
+
+--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer höflich--ich bin M'nheer
+Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler
+in Kaffee, Lauriergr....
+
+--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal
+ordentlich an.
+
+Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn
+öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich,
+wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser,
+alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen
+Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und
+Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!
+
+--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat?
+
+--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen?
+
+Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass
+so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm
+ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten
+Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders,
+weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde
+nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach
+gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre
+ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je
+länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich
+auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen
+gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte
+etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun,
+das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.
+
+Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit
+hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen
+bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe
+euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau
+nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und
+Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise,
+die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu
+thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem
+Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um
+Dinge, die ihn nichts angingen.
+
+Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im
+September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern
+vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später
+habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss,
+um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf
+der Lateinschule--nun sagen sie »Gymnasium«--und da war Jahrmarkt
+... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und
+wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter,
+wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die
+schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete,
+das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche,
+oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften
+allerlei Parfumerien.
+
+Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne
+den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen
+haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von
+sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen
+wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das
+Mädchen zu sehen.
+
+Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei,
+obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch
+zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus
+unserer Klasse--denn tüchtig war er, das muss ich sagen--und spielen,
+balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil
+wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der
+Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es
+anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen,
+Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da
+war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das
+Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es
+wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen,
+dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und
+Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren,
+was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die
+Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr
+und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich
+noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da
+bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand,
+die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich
+mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste
+schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male
+stand ich vor der Bude.
+
+Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün
+und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich
+weiss nicht welchem Zeitwort ...
+
+--Plaît-il? sagte sie.
+
+Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:
+
+--»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.
+
+Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen
+vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner
+Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit mir einen so harten
+Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den
+Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des
+Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen
+zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und
+bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude
+des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein
+»gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun
+war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es
+mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich
+in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest
+und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden
+um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt,
+der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen
+hatten sie das so sehr schön gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben,
+um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ...
+
+So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch
+die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark
+und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und
+tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen
+sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich
+war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig
+geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe,
+mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich
+sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.
+
+Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und
+weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn
+auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem
+Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.
+
+Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich
+dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser
+Welt miteinander verknüpft sind. Wenn die Augen dieses Mädchens
+weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte,
+oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte,
+so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es
+so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es
+ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine
+Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss
+fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.
+
+Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das
+Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich,
+dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als
+ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge,
+auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse
+besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus
+purzeln sehen.
+
+Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich
+links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem
+Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn,
+dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich,
+dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war--was ein sehr
+schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung
+etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen
+war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts
+dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim
+Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das
+für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal
+wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete,
+bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut
+herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich
+sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen,
+wie man später jemanden nötig hat:
+
+--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r
+... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.
+
+Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich
+auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...
+
+--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.
+
+Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät
+es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich,
+dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend
+war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und
+jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...
+
+Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich--denn höflich bin
+ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil
+es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe,
+dass es niemand gesehen hat.
+
+
+
+
+
+DRITTES KAPITEL.
+
+
+Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand
+da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach
+war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die
+Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der
+Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig,
+dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird,
+der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss,
+wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt
+zu gehen, wenn Buden dort stehen.
+
+Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich
+werde euch den Brief lesen lassen:
+
+
+ Werter Droogstoppel!
+
+
+Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr
+Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.
+
+
+ Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu
+ ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...
+
+
+Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.
+
+
+ ... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache
+ zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.
+
+
+Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die
+Frühjahrsversteigerung handelt?
+
+
+ Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick
+ einigermassen um Geld verlegen.
+
+
+Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'!
+
+
+ Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um
+ das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder
+ ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.
+
+
+Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass
+er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein
+Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun,
+er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing,
+wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und
+jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in
+seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er
+arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und
+es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem
+lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber
+diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:
+
+
+ Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen
+ zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das,
+ wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...
+
+
+Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber
+denken.
+
+
+ ... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine
+ Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich
+ nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem
+ allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür
+ einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum
+ kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr
+ nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.
+
+
+Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na
+gewiss! Wie sonst wohl?
+
+
+ Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne
+ Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach
+ der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von
+ Druckkosten u. s. w. im voraus ...
+
+
+Darin haben sie sehr recht.
+
+
+ ... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich
+ gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken
+ würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich,
+ ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...
+
+
+Das nennt er ermutigen!
+
+
+ ... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich
+ bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten
+ einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich
+ überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem
+ Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und
+ daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht
+ habe ...
+
+
+Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.
+
+
+ ... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht
+ ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken
+ schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.
+
+ In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter
+ Schulkamerad ...
+
+
+Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich
+nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.
+
+Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man
+mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss,
+dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der
+Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen
+an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich
+nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.
+
+Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen
+wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich
+wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich
+dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.
+
+Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker
+machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre,
+und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst
+läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten
+Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit
+etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten
+beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja,
+ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat
+Luise zum Weinen gebracht.«
+
+Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit
+sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder
+sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran,
+ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:
+
+--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es
+noch einmal thäte!
+
+Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da
+habt ihr's.
+
+Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine
+kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache
+voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen,
+weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw
+Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch
+uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete
+wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen,
+was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire
+auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten
+Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit
+des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von
+einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein
+konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr,
+so'n Mädchen weint ja bald.
+
+»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und
+Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier
+raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich
+sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten,
+und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine
+Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten
+ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch
+auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit
+gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man
+mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf
+seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in
+Kaffee, Lauriergracht No. 37.
+
+Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn
+zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb
+an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen
+sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that,
+finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner
+Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr,
+dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe
+ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich
+hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung
+erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten,
+dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der
+Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding
+in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und
+ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen
+war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war,
+und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht
+gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding,
+das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang
+geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine
+ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge
+von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch
+in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft
+damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.
+
+
+
+
+
+
+VIERTES KAPITEL.
+
+
+Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern
+gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und
+tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist
+dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans
+Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich
+bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie
+soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern,
+mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein
+anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!
+
+Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker
+machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu
+bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr
+ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor,
+gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem
+Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das
+nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram,
+aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir
+genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun
+habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von
+Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand
+sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da
+gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das
+geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen
+ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein'
+ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars
+wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den
+Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim
+Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten
+ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz,
+der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt,
+versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht,
+bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen
+Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht,
+mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war,
+das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles
+lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht
+verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht
+über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.
+
+Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee
+bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also
+dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in
+Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an,
+und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber
+wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen,
+Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu
+erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit
+bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der
+Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem
+dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann,
+da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen
+können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen
+einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme
+niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das
+ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an
+Ludwig Stern ersehen.
+
+
+
+Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des
+Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es
+wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile
+einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr,
+viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste
+staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich
+gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in
+Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu
+beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der
+Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem
+Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend
+einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in
+der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor
+auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles
+sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«
+
+
+
+Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und
+von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag,
+in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich
+längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir
+gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen
+schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen
+an den Tag legte.
+
+
+
+Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:
+
+
+
+Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.
+
+Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.
+
+Über den Ursprung des Adels.
+
+Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit.
+
+Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
+
+Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren
+Verse.)
+
+Über Protëine in der atmosphärischen Luft.
+
+Über die Politik Russlands.
+
+Über die Vokale.
+
+Über Zellengefängnisse.
+
+Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.
+
+Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die
+die Beleidigung betreffen.
+
+Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,
+nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer
+Freiheit.
+
+Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel
+von wurzellosen Zahlen.
+
+Über die Schwere des Lichts.
+
+Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des
+Christentums. (Nanu?)
+
+Über die isländische Mythologie.
+
+Über den »Emile« von Rousseau.
+
+Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.
+
+Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.
+
+Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos,
+ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)
+
+Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)
+
+Über weisse Ameisen.
+
+Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.
+
+Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)
+
+Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.
+
+Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.
+
+Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.
+
+Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen,
+weil er auf Wahrheit dringt.)
+
+Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar
+nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe
+es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt,
+das ich für mein Buch gebrauchen kann.)
+
+Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.
+
+Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)
+
+Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz
+einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie
+gedacht hatte.)
+
+Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen,
+eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit
+und Armut ... er kann es wissen.)
+
+Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und
+der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine
+Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich
+erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)
+
+Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.
+
+Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.
+
+Über die Rechenkunst bei den Römern.
+
+Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.
+
+Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.
+
+Über epidemische Krankheiten.
+
+Über den Maurischen Baustil.
+
+Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch
+Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste
+kurios ist?)
+
+Über die deutsche Einheit.
+
+Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso
+lang sein wird wie an Land.)
+
+Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.
+
+Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.
+
+Über Prosodie.
+
+Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer
+Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.
+
+Über Landbauverträge auf Java.
+
+Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.
+
+Über Legitimität von Dynastien.
+
+Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.
+
+Über die neue Art des Segelreffens.
+
+Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück
+datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)
+
+Über den Ehrbegriff.
+
+Über die apokryphen Bücher.
+
+Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.
+
+Über die elterliche Gewalt.
+
+Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.
+
+Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife
+ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)
+
+Über Schrauben-Wassermühlen.
+
+Über das souveräne Recht der Begnadigung.
+
+Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.
+
+Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.
+
+Über die Opiumpacht auf Java.
+
+Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.
+
+Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.
+
+Über die Entrichtung von Landrenten in natura.
+
+Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)
+
+Über die Auflösung des Römischen Reichs.
+
+Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.
+
+Über die skandinavische Edda.
+
+Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein
+Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch
+geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)
+
+Über das Essigmachen.
+
+Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.
+
+Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.
+
+Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in
+Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)
+
+Über ministerielle Verantwortlichkeit.
+
+Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.
+
+Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer
+zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)
+
+Über das doppelte A und das griechische ETA.
+
+Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der
+Menschen. (Eine infame Lüge!)
+
+Über den Stil.
+
+Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von
+diesem Reich gehört.)
+
+Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.
+
+Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis
+geschrieben ist.) [2]
+
+Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.
+
+Über Stimmen des Waldes.
+
+Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser«
+und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)
+
+Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der
+Nähe von Banda zu sein.)
+
+Über Seher und Propheten.
+
+Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.
+
+Über Ebbe und Flut der Kultur.
+
+Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.
+
+Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und
+jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)
+
+Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.
+
+Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.
+
+Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)
+
+Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der
+sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter
+sein solle. Wo kämen wir da hin!)
+
+Über Galanterie.
+
+Über den Versbau der Hebräer.
+
+Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.
+
+Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es
+muss da billig leben sein.)
+
+Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei
+der Alfuren.
+
+Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er
+will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser)
+abschaffen. Ich bin dagegen.)
+
+Über »das Recht« und »die Rechte«.
+
+Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.)
+
+Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.
+
+Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.
+
+Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen
+über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)
+
+Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn
+sah, roch ich Rosenöl.)
+
+Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch
+auf die Seite gelegt.)
+
+Über Gefühl, Mitgefühl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w.
+
+Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.
+
+Über den Palmwein auf den Molukken.
+
+Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich
+das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt,
+dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden,
+und ich lebe für mein Fach.)
+
+Über Genesis. (Ein infames Stück!)
+
+Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.
+
+Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein
+neugebornes Kind zeichnen kann!)
+
+Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)
+
+Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.
+
+Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.
+
+Über die Wajangs der Chinesen.
+
+Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)
+
+Über ein europäisches Münzsystem.
+
+Über Berieselung von Gemeindefeldern.
+
+Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.
+
+Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich
+habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)
+
+Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet,
+dass Jesus einen Turban trug.)
+
+Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung
+mit den Unterhaltsmitteln.
+
+Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.
+
+Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange
+eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.
+
+Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.
+
+Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf
+Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)
+
+Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.
+
+Über die Kraft des Irrtums.
+
+Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen
+Naturgesetzen.
+
+Über das Salzmonopol auf Java.
+
+Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er
+... bbä!)
+
+Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantuns
+der Javanen.
+
+Über das 'jus primi occupantis'.
+
+Über die Armut der Malkunst.
+
+Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)
+
+Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.
+
+Über die Waffen der schwächeren Tierarten.
+
+Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem
+Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste
+erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)
+
+
+
+
+Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht
+zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von
+Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache,
+Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe
+fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige
+waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften,
+doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es
+war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem
+Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen
+und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose.
+
+Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt,
+weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe
+ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit
+war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht,
+wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen,
+dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan
+haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte
+es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts
+zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke,
+die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern
+davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige
+Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man
+Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt
+vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen,
+niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.
+
+Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir
+stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing
+es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg
+eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg
+verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von
+seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und
+wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt
+hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann
+den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern
+zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest
+verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun
+kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er
+sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte,
+würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer
+mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware
+gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann,
+der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.
+
+Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie
+empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der
+Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber,
+der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig
+Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn
+er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als
+ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die
+Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine
+Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid
+oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein
+Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein
+Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden
+auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass
+der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last &
+Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von
+beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann
+von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den
+kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er
+also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns
+Stück über die Multiplikation.
+
+Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er
+sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's,
+dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem
+Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber
+er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht,
+dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre
+vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert
+Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu
+siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit
+dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals
+vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre
+als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht
+in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin
+überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber
+ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte
+einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.
+
+Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im
+»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich
+verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld
+hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch
+sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei
+dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den
+Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator
+zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein
+Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte,
+weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was
+ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste
+Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den
+Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus
+der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass
+er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe,
+fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte
+der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich
+denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein
+Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden
+im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man
+so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun
+hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der
+Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem
+Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.
+
+--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft
+und kränklich.
+
+Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit
+unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz
+bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge,
+doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz
+gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten,
+was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger,
+wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb
+sie auf.
+
+Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit
+sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da
+anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in
+Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die
+Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um
+diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder
+Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen
+Ballen ist.
+
+Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den
+Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch
+fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die
+Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem
+Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last &
+Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so
+wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen,
+ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die
+Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft,
+kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz
+bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze
+Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch
+die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es
+ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind
+und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«,
+aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die
+machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm
+und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder,
+der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der
+Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in
+Indigo dabei nötig sein werden.
+
+Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst
+die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die
+Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch,
+und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister,
+und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen,
+und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler,
+und die Hauswärter, und die Gärtner.
+
+Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben
+aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren,
+und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten,
+und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld
+leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber,
+und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und
+die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und
+eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.
+
+Und den König auch ... ja, den König vor allem!
+
+Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch
+meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst
+ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind
+sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt,
+als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft,
+introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.
+
+So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem
+Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm
+selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde,
+jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist
+ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein
+tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache
+mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische
+übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in
+meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben,
+und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an
+seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber,
+dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn
+ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit
+ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern,
+die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine
+schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen
+alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger
+Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht
+mit Sitte und Anstand verträgt!
+
+Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden
+ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen
+Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in
+Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht
+sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von
+Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark
+widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl
+für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne,
+die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und
+dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden
+Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun
+wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und
+der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:
+
+
+ 1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern
+ solle.
+
+ 2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.
+
+ 3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.
+
+ 4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem
+ Buch einen soliden Anstrich zu geben.
+
+ 5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der
+ Niederländischen Handelsgesellschaft.«
+
+ 6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass
+ man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.
+
+ 7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen
+ vorgelesen werden sollten.
+
+ 8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.
+
+ 9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich
+ bin Makler.
+
+ 10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische
+ Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so
+ behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden
+ würden als bei uns.
+
+ 11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries
+ Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.
+
+
+Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile
+mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel
+fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es
+kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein
+Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.
+
+Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf
+Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das
+Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch
+fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht
+verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch
+oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die
+schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig
+hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde,
+dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch
+Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom
+letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an
+alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht,
+doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen
+angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner
+Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts
+von Menschen, die ewig unzufrieden sind.
+
+Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach
+hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen
+Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren,
+Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass
+ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer
+mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass
+auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer
+Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.
+
+--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n
+ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch
+'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst
+hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was
+kann sie sagen, wer da ist, M'nheer?
+
+Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von
+der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen
+würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf
+dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein
+süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet,
+oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen
+soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit
+und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter
+sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine
+Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite
+mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder
+Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter
+Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften
+und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender
+Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh,
+dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr
+unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt
+durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich
+ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht
+aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen
+sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch,
+rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu
+thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.
+
+Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten
+auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später
+habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist,
+die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch
+sehr hässlich.
+
+--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.
+
+--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton,
+der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine
+Frage hätte legen dürfen.
+
+Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden
+ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um
+meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer
+dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz,
+dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht
+37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn
+da viel Umstände machen!
+
+Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den
+Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich
+hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis
+unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel
+von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites
+Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine
+waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde
+ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und
+mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu
+wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil
+ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden
+wollte, antwortete ich:
+
+--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl
+bald kommen, denkst du?
+
+--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen
+Tuschkasten zu kaufen.
+
+--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern
+oder mit der chinesischen Spieldose.
+
+--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.
+
+Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als
+feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der
+alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien
+auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als
+sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie,
+spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.
+
+--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?
+
+--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.
+
+Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er
+»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:
+
+--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?
+
+--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen?
+
+--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft
+Schüsseln und Brummkreisel.
+
+Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir
+sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle,
+der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau
+ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das
+ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr
+bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram
+weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.
+
+Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte,
+um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und
+sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da
+für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte
+bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an
+der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor
+einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier
+eine Stellung erhalten sollte ...
+
+--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.
+
+Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon
+wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen
+und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.
+
+Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und
+vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von
+ihm gestellte Ersuchen zu holen.
+
+Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht
+klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er
+einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen
+gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm
+meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir
+da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein
+Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich
+anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch
+sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie
+wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben,
+und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt
+und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und
+ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach
+Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen;
+denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.
+
+Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich,
+dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich
+an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich
+glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er
+einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.
+
+Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und
+ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern
+nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch
+die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich
+hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir,
+Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht
+No. 37.
+
+
+
+
+
+
+FÜNFTES KAPITEL.
+
+
+Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf
+dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit
+Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem
+breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines
+bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen
+Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam,
+verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem
+neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein,
+nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb
+man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden
+schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe
+der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen--waren sie auch
+nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen
+Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die
+zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte
+es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf
+festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche,
+die Läufer--in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen,
+oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen
+Läufern entsprechen würde--die unvergleichlichen Läufer also mit ihren
+kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her,
+stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd
+unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der
+verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen
+in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man
+wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter.
+
+Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste
+ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen
+Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber
+das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die
+je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden,
+wo sie sein wollten.
+
+Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen
+Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im
+Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren
+vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel
+Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit,
+und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der,
+ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im
+Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der
+Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande
+zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient.
+
+Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa--selbst
+nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java
+gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei,
+die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in
+einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt,
+Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt
+die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo
+und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss,
+um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an
+jener Ecke ...
+
+--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit
+der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!
+
+Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen
+Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen
+schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die
+Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick
+früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.
+
+Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf
+den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt:
+die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es
+gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und
+wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa,
+dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist,
+lacht über diese Angst.
+
+Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner
+Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen,
+Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge,
+die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich
+fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung
+bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines
+vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich
+sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen
+Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in
+der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des
+Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint,
+um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung
+mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese
+Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener
+Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von
+einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder
+jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem
+Zustande ...
+
+Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein
+Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es
+giebt halbe Türme, und ... Türmchen.
+
+Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude,
+die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen,
+dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze,
+die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein
+paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne
+Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen,
+auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.
+
+Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass
+selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange
+genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich
+rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war,
+um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe
+sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen
+Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard
+von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn
+in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der
+Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als
+sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen
+... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es
+einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand.
+
+Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren
+Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist,
+diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber
+wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man
+wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von
+Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl
+aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann
+den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der
+die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch
+ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah,
+eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung
+in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches,
+ewiges Gebet.--
+
+Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens
+eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten
+den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war für diesen
+Fleck--liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die
+Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen,
+alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich
+gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss,
+war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn
+auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
+Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz
+seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt,
+die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung
+Pandeglang lagen.
+
+Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch,
+der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will,
+dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist,
+bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war
+hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten
+nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range
+die Verwaltung wahrgenommen hatte.
+
+Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt
+geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches
+Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin
+gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo
+erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs.
+
+Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen
+Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung
+»Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den Boden gerammt,
+die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander
+verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blättern
+der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden 'atap' heisst,
+und ihr werdet euch die sogenannte 'pendoppo' vorstellen können. Sie
+ist, wie ihr seht, so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier
+denn auch nur dienen als 'pied à terre' für die europäischen und
+inländischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm
+an den Grenzen entgegenbringen wollten.
+
+Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den
+Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine
+Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen
+ist hier für das rechte Verständnis dessen, was folgen wird, notwendig.
+
+Das sogenannte »Niederländisch-Indien«--das Adjektiv »niederländisch«
+kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell
+angenommen--ist, was das Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung
+angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil
+besteht aus Stämmen, deren Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft
+Niederlands als »suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer
+die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen
+der eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu
+dem--mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme--ganz
+Java gehört, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut
+oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der
+Javane ist Niederländischer Unterthan. Der König von Niederland ist
+sein König. Die Nachkommen seiner früheren Fürsten und Herren sind
+Niederländische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom
+Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher wird
+abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben,
+die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland.
+
+Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in der
+That einen Teil des Königreichs der Niederlande ausmacht, wird in
+diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein.
+
+Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der jedoch auf seine
+Beschlüsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die
+unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« zugeteilt, an deren
+Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen
+der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den
+Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte politischer Bedeutung wenden
+sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.
+
+Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst
+mittelbar als Lehnsherr die Bevölkerung beherrschte und sich an den
+Höfen der noch regierenden Fürsten durch »Residenten« repräsentieren
+liess. Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als
+Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von Landschaften
+geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der Name ist geblieben.
+
+Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische Autorität
+gegenüber der javanischen Bevölkerung darstellen. Das Volk kennt
+weder den Generalgouverneur, noch die »Räte von Indien«, noch die
+Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten,
+die unter ihm über das Volk walten.
+
+Eine solche Residentschaft--es giebt welche, die beinahe eine Million
+Seelen fassen--ist geteilt in drei, vier oder fünf Abteilungen oder
+Regentschaften, an deren Haupt »Assistent-Residenten« gestellt
+sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure
+ausgeübt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die
+nötig sind für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des
+Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die Staatswasserwerke,
+für die Polizei und das Rechtswesen.
+
+In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen Ranges mit
+dem Titel eines »Regenten« dem Assistent-Residenten zur Seite. So
+ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur Verwaltung und sein
+Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel
+des Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in der
+Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. Sehr
+diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss--der in
+Asien überall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als
+ein Religionsmoment zu erkennen ist--Gebrauch gemacht, sintemal durch
+die Ernennung dieser Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen
+wird, an deren Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch
+den Generalgouverneur ausgeübt wird.
+
+Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-,
+Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser
+angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne weiteres
+Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache
+liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil
+und drüben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen
+hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu
+sind Beamte nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter
+dem System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür die
+»Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen,
+die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Ländergebiete
+blieben dann auch »Provinzen«, d. h. erobertes Gebiet. Doch als
+später die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedürfnis fühlte,
+ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in
+Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehörig betrachtet
+wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch
+materielles Übergewicht--erwies es sich als notwendig, jemanden
+mit der Leitung der Geschäfte zu betrauen, der nicht allein in dem
+betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand über seine
+Mitbürger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die
+Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung
+zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung dieser Befehle
+betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise
+die Ausgaben für ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen
+Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last
+fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden
+die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewählt, und genau
+genommen ist also das Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die
+Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube
+denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche
+Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und
+Herzöge, d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was
+ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig
+zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu
+dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt
+war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein
+Baron betrachtete sich als Baron »durch die Gnade Gottes«. Die Grafen
+vertraten den Kaiser und führten als solche dessen Panier, d. h. die
+Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner
+eigenen Fahne, als Bannerherr.
+
+Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den Baronen
+entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes
+neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale
+legten, und hieraus scheint später, vor allem als die Erblichkeit
+dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu
+sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage
+würde manche freiherrliche Familie--ohne kaiserliches oder königliches
+Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen
+des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel
+war--autochthon--eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd
+abweisen. Man hat Beispiele dafür.
+
+Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt
+waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre
+Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen
+in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewöhnlich,
+obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge
+organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den
+Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau
+oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es
+war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine
+Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.
+
+Ungefähr in der gleichen Art--was die Wahl der Personen angeht, da hier
+von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in
+dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins Auge fällt--steht an
+der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den
+ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss
+verbindet, um dem europäischen Beamten, der die Niederländische
+Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist
+die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer
+Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens
+diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer
+und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in
+seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es müssen schon sehr gewichtige
+Gründe vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird,
+und wo dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den
+Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.
+
+Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und derartigen
+hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der
+Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er
+hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies
+hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt,
+durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle Einkünfte
+und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit über ihn erhoben
+steht. Obendrein ist der Regent, als Repräsentant des javanischen
+Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder
+mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevölkern,
+auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grösserer
+Wichtigkeit als der simple europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit
+nicht gefürchtet werden braucht, da man für ihn viele andere an die
+Stelle bekommen kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten
+vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte.
+
+Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben,
+dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der
+Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies
+und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft
+ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident,
+den Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis
+schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar bei
+äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch,
+wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube,
+dass der Ton, der in diesem Verhältnis herrschen muss, sehr treffend
+in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der
+europäische Beamte habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite
+steht, zu behandeln wie seinen »jüngeren Bruder«.
+
+Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere Bruder« bei den
+Eltern sehr beliebt ist--oder gefürchtet--und dass bei vorkommenden
+Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als
+Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass
+er seinen »jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt
+behandelte.
+
+Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen--selbst der geringe
+Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse--macht
+gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es
+sonst sein würde.
+
+Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit
+freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent
+seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde
+beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert,
+wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand,
+Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den
+Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und
+schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist
+zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.
+
+Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor
+dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer
+ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an
+Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich
+ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet
+und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte
+sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen
+das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: 'Tommongong', 'Adhipatti',
+ja, sogar 'Pangerang', d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für
+ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es
+von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer
+ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein 'Kratoon', mit
+vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat,
+mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen
+mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt
+von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise
+zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent
+begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen
+des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt
+bürgerlich, der Regent lebt--oder man erwartet von ihm, dass er so
+lebt--wie ein Fürst.
+
+Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung,
+die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies,
+und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu
+einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen
+würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben
+hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen
+Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten,
+die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen
+haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die
+sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte
+verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen,
+ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig
+von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird.
+
+Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile
+teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste
+Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die
+Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung
+in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft
+erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und
+schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über
+das Eigentum ihrer Unterthanen.
+
+Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der
+Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er
+geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu
+Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung
+seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er
+wächst auf inmitten seiner 'sawah's' und 'gagah's' und 'tipar's',
+begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld,
+wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen
+und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine
+Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde
+stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm
+'padie', d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau
+unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange
+den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von
+ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das
+ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das,
+was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist.
+
+Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes
+machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit
+des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner
+Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen,
+die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den
+geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache
+Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also
+nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des
+Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen.
+
+Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in
+Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so
+kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik
+war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand
+fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende
+Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort
+geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen,
+was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte
+irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den
+Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach
+Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind
+hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren
+obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze
+Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt
+werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er
+nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft
+der Nation vermindern würde.
+
+Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die
+sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet.
+
+Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache
+Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl
+ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich
+flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu
+Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord
+der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande
+reich machen.
+
+Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java
+Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte
+ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre Kinder als Speise
+zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen ...
+
+Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In den
+Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber unzufrieden gewesen,
+und der damalige Landvogt hat Befehl geben müssen, dass man es in
+der Verbreitung der sogenannten »europäischen Marktprodukte« fortan
+nicht wieder treiben dürfe bis zur Hungersnot ...
+
+Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von jemandem,
+der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit?
+
+Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste Art der
+Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu sprechen: die Macht der
+willkürlichen Verfügung über Personen und über das Eigentum ihrer
+Unterthanen.
+
+Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehört der
+Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Dies ist auch auf
+Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten
+nutzen gern die Unkenntnis der Bevölkerung aus, die nicht recht
+begreift, dass ihr 'Tommongong' oder 'Adhipatti' oder 'Pangerang'
+jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte
+für ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich
+belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der
+Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von den
+Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltäglicher, als
+dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden,
+ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts
+ist alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum
+Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein gefälliges
+Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau
+des geringen Mannes, würde man es unerhört finden, wenn dieser die
+bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte.
+
+Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen Verfügung
+einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann
+fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus nötig ist. Andere
+gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit
+nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmöglich, diesen Missbrauch
+ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der
+Bevölkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig,
+vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an
+seinen Häuptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter
+gehorchten. Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung,
+die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen »Kratoon«
+ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal
+von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich
+schliessen würde, und oft ist demgemäss diese Gewohnheit eher der
+Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater
+durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu äussern sucht,
+als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkür auffassen dürfte.
+
+Allein ... also wird durch einen »lieben Brauch« die Beseitigung von
+Missbrauch gehindert.
+
+Wenn der Alun-alun vor der Wohnung des Regenten in verwildertem
+Zustande läge, würde die umwohnende Bevölkerung sich dessen schämen,
+und es wäre viel Macht nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut
+zu säubern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range
+des Regenten übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben,
+würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der
+Nähe dieses Alun-alun oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges
+warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin führe, manchmal aus
+meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft,
+dass sie seine Felder bearbeite oder wässere, die Bevölkerung ganzer
+Dörfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen
+... der Missbrauch ist da.
+
+Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die »Staatsblätter« liest,
+worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen für die Beamten
+enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen
+derselben den Vorsitz geführt zu haben scheint. Überall wird dem
+Europäer, der mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet
+ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der
+Bevölkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und
+die Habsucht der Häuptlinge. Und, als wäre es nicht genug, dass man
+diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den
+Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein
+»besonderer Eid« gefordert, dass sie diese väterliche Fürsorge für
+die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten würden.
+
+Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu
+lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen
+zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen
+zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe,
+das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass
+man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen
+Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner
+Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die
+erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung,
+die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird
+keinen weiteren Sold begehren.
+
+Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig
+zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz
+zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und
+Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran
+mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus
+Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht
+der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische
+Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann,
+und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele
+Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen
+Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent
+sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald
+in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches
+durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür--o,
+sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn
+Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür
+Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies
+geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben,
+ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung,
+dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und
+also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?
+
+Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her,
+die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben,
+den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne
+sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer
+Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in
+seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung,
+die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn
+verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte
+Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt
+oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?
+
+Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon
+daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge,
+die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer
+Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend
+anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen,
+dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen,
+und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen
+Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.
+
+Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu
+bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen
+Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«.
+
+
+
+
+
+
+SECHSTES KAPITEL.
+
+
+Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn
+dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen-
+und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer,
+in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern
+in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr
+unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es
+nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass
+entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt,
+aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich
+gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam,
+hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit
+... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig,
+ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen
+zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt,
+überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den
+Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er
+denn auch nicht begehrte.
+
+Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit
+Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von
+Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den
+Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts
+im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine
+Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo,
+steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht
+zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.
+
+Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine
+hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder
+dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem
+Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen,
+die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener
+von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder
+umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti
+Karta Natta Negara sass ihm gegenüber.
+
+Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde,
+eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger
+sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der
+über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte
+ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer,
+die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er
+von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem
+Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner
+Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht--so recht eine
+Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man
+mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe
+anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte,
+um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den
+Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen,
+doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss
+geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in
+brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben
+werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem
+guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten
+Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden,
+und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie
+durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen
+wird, das er lieber nicht beträte.
+
+Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen
+übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache
+Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug
+verdient.
+
+Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das
+Wetter und den Regen.
+
+--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson.
+
+Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den
+Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder
+einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren
+Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo
+niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet
+in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt,
+der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem
+Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen
+so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des
+Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk,
+die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat,
+indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn,
+und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar.
+
+--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent,
+wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich
+dabei ein Betelblatt mit Kalk.
+
+--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete
+Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema
+berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er
+hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege
+von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als
+die lebakschen.
+
+Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der
+kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer
+kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo,
+wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon
+seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot
+gefärbt, und er sagte dann endlich:
+
+--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.
+
+Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem
+der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich
+herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine
+Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer
+benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche
+zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die
+bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin
+hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor
+allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass
+also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte
+leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten
+von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte.
+
+--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ...
+
+Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste,
+dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde
+für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es
+schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den
+Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte
+wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe.
+
+--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de
+kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde
+... das ist der Tuwan kommendaan.
+
+--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist
+der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen
+schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!
+
+--Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet
+hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd.
+
+--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn
+Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen
+sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm
+herein!
+
+Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer
+Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es
+war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison
+von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre
+Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in
+Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen
+hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit
+und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?«
+
+--Willst du Thee, Duclari?
+
+--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist
+erfrischender.
+
+--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich
+Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh
+mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten
+sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder
+von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...
+
+--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals
+gesehen.
+
+--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's.
+
+--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und
+auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der
+neue Assistent-Resident auch, nicht wahr?
+
+Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der
+Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin
+zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss,
+oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal
+fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort:
+
+--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen
+Assistent-Residenten kennt?
+
+--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn
+niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe
+dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles!
+
+--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht
+zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierüber?
+
+Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es
+verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem
+Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei,
+jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne.
+
+--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer
+Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der
+Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein
+von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr
+sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches
+Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt!
+
+--Das habe ich nicht gesagt, Duclari!
+
+--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem,
+was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser
+springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt.
+
+--Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ...
+
+--Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das
+war keine Sache!
+
+--Es war witzig ...
+
+--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber
+einem General.
+
+--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war
+vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.
+
+--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?
+
+--Das that er, um den General zu ärgern.
+
+--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der
+obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht
+find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren!
+
+--Er that's gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für
+den Schwächeren.
+
+--Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun
+durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo
+es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in
+bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf
+zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser
+Beziehung geändert hat.
+
+--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter,
+dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies,
+ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes
+Gefühl hat für Recht.
+
+--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas
+passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?
+
+--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann
+denkt er, dass wir darüber sprechen.
+
+Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor,
+und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er
+Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen
+sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu
+erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze.
+
+--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich
+wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen,
+um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der
+gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine
+Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit
+zu schaffen hat, das befremdet mich!
+
+--Und was hast du geantwortet, Duclari?
+
+--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste,
+oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung
+angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.
+
+--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief
+auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit
+seinem Tudung schwenkt.
+
+Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der
+Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen
+zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über
+ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war,
+stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon.
+
+Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo,
+und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern,
+der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude
+stillhielt.
+
+Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten
+mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl
+Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen
+und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten
+mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte,
+mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als
+die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun,
+Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles
+so sorgfältig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf
+Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem
+Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt
+ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist,
+sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt,
+die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil
+des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der
+Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden,
+die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu
+lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren,
+was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss
+schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört
+und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd,
+dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den
+man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt.
+
+Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem
+denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des
+Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft
+gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes
+haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten,
+daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft
+in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so
+weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb
+mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt
+hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam,
+dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der
+mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen
+des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links
+wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh,
+das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und
+Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von
+Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man
+kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine
+Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen
+neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den
+Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und
+gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.
+
+Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich
+etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht,
+doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein
+kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man
+vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr
+Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung
+und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte,
+von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden,
+will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht
+ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben
+werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk
+in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an
+den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in
+den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und
+Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich,
+was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger
+Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des
+Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas,
+das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung
+im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich
+doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere
+Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging.
+
+Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen
+behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im
+Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden
+Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf
+folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde
+es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag
+wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das
+Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten
+sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten
+am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter.
+
+Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem
+Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung
+annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass
+sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es
+war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak
+eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt,
+eine Assistent-Residentschaft ist.
+
+Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die
+geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert
+und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas
+schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier
+nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe
+durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf
+geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache
+nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen
+das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns
+nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die
+ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich
+habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin
+jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken
+solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen,
+ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet.
+
+Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit
+zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie
+möglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich
+fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs,
+euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich
+versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren
+der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so
+sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe,
+ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der
+Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach
+nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände,
+oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen
+seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille,
+die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das,
+wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz
+zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war
+gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte
+hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem
+dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt
+haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das
+Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn
+gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung,
+dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden
+dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden
+Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen
+empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm
+ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten
+der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig
+macht--nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht
+sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft
+von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.
+
+Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden
+Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin,
+der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und
+vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung
+und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener
+Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben
+bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war,
+dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie
+in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen
+liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der
+Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche
+des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen,
+sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing
+denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere
+Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein
+Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer
+Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein
+Morgenkleid nennen würde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie
+eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die
+man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust
+verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen
+von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.
+
+Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern,
+dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden
+werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu
+zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr
+angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte,
+der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist
+gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man
+noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das
+nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun,
+sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht
+auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.
+
+Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und
+behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen
+Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in
+ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten,
+wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung
+nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an
+den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige,
+die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass
+sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den
+Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf
+wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer
+am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und
+er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen,
+erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der
+Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle
+Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste
+Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für
+Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten,
+nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das
+höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere
+Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und
+mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit
+manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz,
+der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben
+als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste
+Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im
+höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem
+Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich
+Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er
+gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen
+über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen
+Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft
+war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem
+Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er,
+vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel
+keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass
+seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich
+und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil
+Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist
+etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung
+von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn
+seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu
+lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies
+er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war,
+lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er
+war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte
+Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende
+weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er
+fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und
+zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell
+bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für
+Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach
+in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der
+Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend
+denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch
+ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen
+dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit,
+doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde
+seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für
+geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht
+bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer
+ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte
+auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der
+eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo
+dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren
+und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken!
+
+Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen
+schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer
+Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem
+Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre
+Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss
+lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte
+Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich
+an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu
+hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar
+zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir
+vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich
+durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich
+werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich
+mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das
+ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe
+der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe,
+als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die
+ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste,
+welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst
+dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend
+in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das
+in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik,
+die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that.
+
+Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so
+wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der
+Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute,
+die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie
+zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu
+erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse
+verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine
+Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen
+Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche
+auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu
+dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch
+diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann
+mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen,
+ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder
+keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht
+zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu
+verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all
+den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig
+Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen,
+die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten
+aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen
+dieses Drama mitgespielt hatten.
+
+Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen
+berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu
+geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos
+Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an
+den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben
+hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in
+ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der,
+ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein
+feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man
+stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede
+Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und
+glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den
+vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener
+schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus
+das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss,
+dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder
+von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht,
+da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des
+Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände
+veranlasst wird--wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss,
+dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der
+Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte.
+
+Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem
+hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«.
+
+Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--löst
+sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein,
+viel gelitten, da ist Erfahrung!
+
+Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und
+sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das
+den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten,
+mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg,
+Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben«
+in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang
+gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen,
+Religionen und Gesichtsfarbe.
+
+Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und
+dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben
+gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im
+Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und
+die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.
+
+Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten
+konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig
+auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie
+Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes
+Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein,
+denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr.
+
+Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein
+Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine
+Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse
+Max', hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er 'Bockspringen',
+und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der
+Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte
+seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl
+etwas Besseres thun könnten als dies 'maschinelle Stichezählen'. Bei
+jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern
+sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin
+mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher,
+als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm
+nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert
+sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund,
+und worunter natürlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'.
+
+Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in
+Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal
+kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und
+wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen
+Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu
+thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für
+ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab,
+that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die
+es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache.
+
+
+
+
+
+
+SIEBENTES KAPITEL.
+
+
+Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem
+neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte
+höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef
+hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche
+Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art
+Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem
+Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person,
+die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer
+Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen
+Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch
+einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte,
+was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der
+Etikette nicht hätte thun brauchen.
+
+--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr
+Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst
+in Rangkas-Betung zu begegnen.
+
+--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie
+möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der
+Adhipatti.
+
+--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern
+einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und
+dazu noch zu Pferde!
+
+--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin
+ich noch immer stark und gut auf den Beinen.
+
+--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?
+
+--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.
+
+--Gut, aber es giebt da eine Grenze.
+
+--Eifrig, schleppte der Resident hinterher.
+
+--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal
+sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder
+zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir
+Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr
+von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max
+auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.
+
+--Es. Ist. Mir.
+
+--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht
+ein ...
+
+--Recht! sagte der Resident.
+
+--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch
+den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir
+können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr,
+Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal,
+Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge
+... unser Max!
+
+Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz
+genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel
+mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der
+Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte
+Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:
+
+--Ist der Regent immer so diensteifrig?
+
+--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar,
+und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie
+machen möchte.
+
+--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er
+besitzt Bildung, nicht wahr?
+
+--O ja ...
+
+--Und er hat eine grosse Familie, wie?
+
+Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang
+nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte,
+schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen
+häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn
+dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging,
+so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche
+Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei
+solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf
+den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?
+
+So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren,
+und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:
+
+--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.
+
+--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar
+fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten
+selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen
+diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten.
+
+Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet
+werde.
+
+--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun
+einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?
+
+--Ja, das könnte wohl besser sein ...
+
+--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar,
+als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der
+Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge
+sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die
+Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in
+einem Atem also fort:
+
+--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige
+hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur
+sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend
+gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja,
+Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und
+auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren
+früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar
+ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das
+ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch,
+wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen
+mal hingehen, Max!
+
+Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig
+zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem
+Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch
+nicht begehrt hatte.
+
+--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den
+Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut
+darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte
+Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent
+ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch,
+ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem
+halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent,
+meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben
+und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.
+
+Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den
+Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw
+Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten
+früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant
+meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der
+die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex,
+wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden
+kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen
+den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig,
+dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten
+hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch
+immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich
+ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später
+allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein,
+wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.
+
+Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete,
+indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis
+Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt
+seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr
+davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der
+kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter,
+die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben,
+dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren
+Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in
+einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen
+Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.
+
+--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.
+
+--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich
+möchte einer Dame ...
+
+--Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe
+hinterher.
+
+--Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus
+verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?
+
+Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.
+
+--Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist
+Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.
+
+--Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...
+
+--Ich. Wagte. Es. Ihr.
+
+--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel!
+
+--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.
+
+--Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.
+
+--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.
+
+--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!
+
+Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde,
+setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau
+Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein
+erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte
+in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den
+Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst
+zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen
+konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:
+
+--Eine. Eingeborne. Frau.
+
+--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu
+machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt
+sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.
+
+Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der
+zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die
+Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das
+Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen,
+die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das
+Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies
+jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald
+wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener
+Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug
+gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung
+selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das
+früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen
+baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.
+
+Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei
+dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung
+des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen
+Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine
+Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag,
+denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.
+
+Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine
+»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später
+wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der
+Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung,
+wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel
+endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.
+
+Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen
+Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu
+erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:
+
+--Weil. Er.
+
+Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...
+
+--So. Drängend. Zu thun. Habe.
+
+... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe
+Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder
+zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon
+mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon,
+dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich
+allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten,
+Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.
+
+Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar
+besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem
+weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max,
+der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre
+Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt,
+der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm
+erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen,
+die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder
+zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und
+Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an,
+dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der
+Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.
+
+Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der
+Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein
+wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach
+der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs
+empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes
+Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge
+geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte
+auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein
+Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident,
+der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee
+mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.
+
+Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des
+Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten
+von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den
+Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur
+Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein
+vorgeschrieben ist und der besagt:
+
+
+ »... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert
+ zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe,
+ versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu
+ sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam
+ den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass
+ man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und
+ Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass
+ man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier:
+ Assistent-Residenten) gezieme.«
+
+
+Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott
+der Allmächtige!«
+
+Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in
+diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis:
+»der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung
+und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden
+Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf
+die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen,
+dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch
+der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten
+nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem
+Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung
+bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen
+ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum
+Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung
+schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.
+
+Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben,
+auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des
+Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich
+zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren
+Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht
+in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen
+und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf
+die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe
+dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie
+gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte,
+was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber
+doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst,
+der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der
+Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar
+hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach,
+in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien:
+»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige«
+würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr
+Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare
+Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.
+
+Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann,
+der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von
+Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde
+durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte,
+sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?
+
+Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er
+sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott
+dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.
+
+Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge,
+worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der
+Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren
+Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr
+waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei
+Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation«
+war vor sich gegangen.
+
+Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der
+Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben
+bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder
+angelangt sein wollte:
+
+--Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
+
+... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung
+wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen
+Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies
+nicht an dem Grossen Wege gelegen war.
+
+Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen
+angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr
+eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge
+erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise
+nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie
+Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei
+ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte
+er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde,
+höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder
+wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.
+
+Max und 'seine Tine' waren erst unlängst von einer Reise nach Europa
+zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst
+sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich
+also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen
+Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach
+Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er
+mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses
+Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte,
+und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten
+Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist
+des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die
+geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger
+über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen
+Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...
+
+Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand
+schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde;
+er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen
+Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit
+dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!
+
+Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag,
+doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten
+derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu
+unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach
+Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung
+Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in
+der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein
+Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne
+Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war,
+schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum
+Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm
+jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig
+an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer
+Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst
+freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war
+keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder
+grösseren Gewinn.
+
+Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf
+seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in
+früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und
+er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine
+Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak
+nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit
+einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen
+sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.
+
+Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst
+betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken,
+ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen
+bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben
+eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst,
+begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie
+unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr
+Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht
+noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so
+lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten
+... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit,
+als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen
+... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser
+oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu
+gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet
+der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum
+Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max
+besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein
+Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen
+Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten,
+der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.
+
+Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak
+angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von
+dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem
+eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die
+alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich
+gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine
+Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des
+Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets
+eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und:
+»dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen,
+wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von
+dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte,
+die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste
+diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn
+zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet
+ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«
+
+Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner
+Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer
+Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn
+man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck
+zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem
+Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden
+haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu
+empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich
+zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.
+
+Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine
+Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie
+in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten
+der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer
+Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte,
+von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch,
+ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde
+alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...
+
+--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak
+verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam
+sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen,
+auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben,
+recht lange!
+
+Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich
+nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie
+war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht
+als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn
+Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine
+zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn überhaupt
+ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte,
+dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.
+
+Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus
+der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals
+»aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter
+dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der
+Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen
+hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften
+Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug
+überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung
+der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück
+wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe
+gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für
+ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das
+Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen
+hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu
+wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor
+er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr
+schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die
+Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es
+ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren
+müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu
+Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf
+den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich,
+dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den
+Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde
+wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina
+die Schiffbrüchigen der 'whalers', der Walfischfänger, in sein Haus
+rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete,
+als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung
+vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe
+jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten,
+und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.
+
+War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es
+nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an
+die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere
+gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine
+Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,
+ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht
+alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne
+Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien
+Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über
+das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar,
+dass er nicht schon König war?
+
+Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die
+Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je,
+dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel
+geliebt!
+
+Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen
+Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es
+doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte,
+und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären
+in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus
+dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art
+entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.
+
+Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen
+von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie
+ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch
+Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen
+losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten
+Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie
+mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl
+deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren
+gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte,
+wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein
+liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten
+einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron
+van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des
+Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen
+Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben,
+was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen
+Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel
+er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es,
+die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn
+Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen
+Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später
+im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr
+sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem
+Leichnam seines Vaters gesucht hatte.
+
+Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich,
+dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und
+aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des
+Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in
+einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig
+die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein
+grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich
+unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite
+Glied übergegangen.
+
+Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach
+seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine
+Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie
+mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen,
+dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht
+von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie
+uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände
+die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man
+mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige
+Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches
+Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen
+Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht,
+gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man
+einen »Millionentraum« nennen könnte.
+
+Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und
+scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben
+sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von
+Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er
+hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick
+verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er
+schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen
+Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem
+anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit
+dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören,
+worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube,
+dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des
+Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante
+Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas
+Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen:
+»Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«
+
+Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln,
+und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei
+der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte,
+dass er zu viel Geld ausgab.
+
+Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten
+hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt
+hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers,
+war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um
+die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben
+meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung
+... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu
+führen ist.
+
+Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es
+irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen
+über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein
+wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von
+problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine
+Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und
+derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze
+Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so
+gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm,
+als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit
+erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles
+wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus
+Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen
+ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen
+Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe,
+die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar
+so oftmals hatten sagen lassen:
+
+--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht
+entziehen kann?
+
+Und worauf sie stets geantwortet hatte:
+
+--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!
+
+Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak
+Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens
+zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen
+in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im
+Besitz ihres Kindes ...
+
+--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch
+Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen
+Lilien ...
+
+Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an
+ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei
+Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen
+sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.
+
+Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über
+bis zum folgenden Morgen.
+
+
+
+
+
+
+ACHTES KAPITEL.
+
+
+Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in
+Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis
+zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die
+er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im
+Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas
+weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist
+sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder
+sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten
+Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte
+den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.
+
+Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber
+dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude,
+das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt,
+wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer
+ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet
+war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den
+folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat
+ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen
+Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und
+legte sie zu näherer Prüfung beiseite.
+
+Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident
+am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher,
+dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch
+man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben,
+um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich
+begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen
+eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie
+sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften
+überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen,
+als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten,
+und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde,
+als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«
+
+Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach
+wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er
+gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr
+die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch
+Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der
+Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern
+können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm
+wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch
+logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache
+an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache
+gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart,
+als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine
+Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit
+verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das
+süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen
+Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl
+seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen
+bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr
+verschieden sind von den unseren.
+
+Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:
+
+--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr,
+Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser
+Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt,
+und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze,
+und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der
+Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!
+
+Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier
+Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.
+
+Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch
+Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine
+Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross,
+wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb,
+doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die
+Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen
+... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und
+ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre
+Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.
+
+Ich grüsse Euch alle sehr.
+
+Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich
+Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr
+erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul
+betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure
+Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in
+Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es
+sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben
+und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von
+andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!
+
+Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern
+Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.
+
+Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war
+ich froh im Innersten meiner Seele.
+
+Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum
+giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein
+Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.
+
+Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in
+den Blumenkelch, der Durst hat?
+
+Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten
+suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege,
+da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des
+Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen
+dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die
+Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es
+sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und
+Danksagung aus Weinen?
+
+Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!
+
+Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück
+grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf
+das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht
+alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor
+der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude:
+die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die
+Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit,
+die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind
+gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn
+bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit
+Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden
+sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus,
+und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen
+Vater gekannt.«
+
+Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!
+
+Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft
+zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele
+Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder
+gering?
+
+Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung,
+das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind
+die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den
+Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das
+Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«
+
+Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und
+die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder
+die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?
+
+Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt
+ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben
+hat, hier zu arbeiten.
+
+Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner
+wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die
+Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und
+nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an
+vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach
+dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es
+ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün
+ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch
+sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide
+reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs,
+deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern
+lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!«
+
+Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den
+Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen
+lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die
+Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände
+erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da,
+Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will
+es so!«
+
+Doch nicht also in Bantan-Kidul!
+
+Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer
+Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen
+Tiger sähet auf seinem Wege?
+
+Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser
+Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.
+
+Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend
+von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die
+unser Land verlassen haben.
+
+Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern
+begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung
+empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst,
+vor dem Schatten unserer Haine?
+
+Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder
+sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in
+fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie
+kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die
+Aufständischen erschlägt.
+
+Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele,
+die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum
+fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an
+seinem Fusse?
+
+
+
+Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den
+Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn
+hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in
+seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das
+zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das
+Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz
+darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu
+den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser
+Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an,
+der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz
+geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne
+Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier
+nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte
+den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich
+waren für solche Sprache.
+
+Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte,
+waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was
+er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel,
+die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit
+dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir
+sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck:
+»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete,
+zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft
+hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders
+sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem
+oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin
+ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke
+des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie
+diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas,
+dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.
+
+Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt,
+dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären,
+die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass
+er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen
+liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass
+dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in
+Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern
+von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und
+glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung
+so deutlich verstanden hatte.
+
+Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die
+Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar
+sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments
+erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe,
+wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher
+hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf
+Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden
+Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend
+wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn
+zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir,
+dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals
+die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden
+wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren,
+Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem
+der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger
+Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit
+seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das
+Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:
+
+
+ Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...
+ Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ...
+ Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:
+ Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!
+ Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören,
+ Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,
+ Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...
+ Und rollend ruft sein Donner: Majestät!
+ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+
+
+... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte
+schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können
+glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall,
+an den erbebenden Bergwänden zurief?
+
+Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«,
+sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem,
+was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein
+Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder
+in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem
+er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und
+ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch
+bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte
+Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich
+so beengt darin fühlte.
+
+Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten
+Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink
+befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit
+Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach
+den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt
+eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge
+denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen,
+mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien
+in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die
+hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter
+den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt
+haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt
+er? Wem gelten seine Fragen?«
+
+Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das
+Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die
+Augen zur Erde.
+
+»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend,
+das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den
+Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang
+fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte
+die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer
+Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit
+erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien
+dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen,
+der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber
+zu neigen schien.
+
+--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.
+
+Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.
+
+Hierauf fuhr Havelaar also fort:
+
+--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von
+Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere
+Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend
+Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen
+zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von
+seinem Willen.
+
+Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder
+seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend
+über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den
+Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und
+über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen,
+wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.
+
+Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo
+fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in
+seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften,
+die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner
+Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht,
+weil er Strafe fürchtet.
+
+Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass
+jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande
+laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.
+
+Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm,
+dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde
+thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter
+Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine
+Pflicht ist.
+
+Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!
+
+So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber
+verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel
+dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger
+haben ... wer wird sie strafen?
+
+Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent
+würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und
+auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr,
+noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...
+
+Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?
+
+Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird
+gethan werden.
+
+Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden
+bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird
+sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in
+den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben
+ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann,
+der gestorben ist?« Und man wird sagen:
+
+»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger
+nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab
+wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch
+den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er
+suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause
+der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo
+man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die
+Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete
+sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er
+sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«
+
+Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn
+zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch
+gestorben.«
+
+Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause
+und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang
+der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«
+
+Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem
+Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die
+Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:
+
+»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er
+verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker
+mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker
+der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte
+sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut
+der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge,
+doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste
+den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie
+ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger,
+der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine
+Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«
+
+Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir
+fluchen niemandem!«
+
+Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!
+
+Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und
+was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?
+
+Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme
+spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den
+Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte
+aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen
+sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen
+gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner
+Frau?«
+
+Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im
+einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen,
+das Eindruck machen musste, fort:
+
+--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und
+darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer
+geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite
+versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht
+streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen
+oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit
+werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer
+Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas
+wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti?
+
+--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen
+in Lebak.
+
+--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns
+eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so
+arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält,
+werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist
+fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss
+seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass
+binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl
+wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in
+Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen,
+der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt,
+Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung
+sehr anempfohlen.
+
+Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht,
+Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.
+
+Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren,
+ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«----
+
+
+
+Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete
+ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie
+erwartete.
+
+
+
+--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie
+... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa,
+höret einmal!
+
+So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich
+anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war
+im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.
+
+--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst
+hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?
+
+--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer
+de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer
+gesprochen hatte.
+
+--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon
+nicht mehr, was ich gesagt habe.
+
+--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...
+
+Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max
+gesprochen.
+
+--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind
+wäre.
+
+Das that Tine wohl: sie fand es auch!
+
+Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah
+auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben
+auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.
+
+Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz
+anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war
+einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst«
+in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit
+dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent,
+ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht
+ausbezahlt werden könnten.
+
+--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies
+nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.
+
+Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht
+abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges
+Antwort ihm wider den Strich ging.
+
+--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen,
+sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen
+das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut
+befunden werden.
+
+Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge,
+der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:
+
+--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs
+Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn
+nun ein Manco sich herausstellt?
+
+--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.
+
+Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem
+Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben
+war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar
+zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle
+
+--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent
+hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem
+... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld
+nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete
+lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann
+von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen
+sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch
+getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's?
+
+Verbrugge schwieg. Er wusste es.
+
+--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer
+Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat
+der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne
+Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's?
+
+Dieses wusste Verbrugge nicht.
+
+--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es,
+fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den
+Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der
+Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin
+sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum
+Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?
+
+--Ich habe sie noch nicht gesehen ...
+
+--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die
+Angaben vom vorigen Monat richtig?
+
+Verbrugge schwieg.
+
+--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr
+Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen
+bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in
+den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?
+
+Verbrugge schwieg.
+
+--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr
+Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und
+Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der
+von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist
+Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee
+ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht,
+in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in
+Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu
+Pferde steigen. Ist das wahr?
+
+--Ja, so ist es.
+
+--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur
+Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat,
+als er ... wissen Sie's?
+
+--Ja, ich weiss es.
+
+--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig
+war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's?
+
+--Ja, ich weiss es.
+
+--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu
+Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich
+wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?
+
+--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.
+
+--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in
+seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?
+
+--Ja, es ist so.
+
+--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der
+in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht,
+sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel
+Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei
+Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es
+nicht so?
+
+--Ja, das ist wahr.
+
+--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang
+ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range
+nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht
+allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut
+von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen
+Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs
+des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern
+anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen
+Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?
+
+--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen
+begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.
+
+--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte,
+als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden
+anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine
+Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!
+
+Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes,
+als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.
+
+--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich
+will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von
+heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich
+Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge,
+dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch,
+dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte
+hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute
+'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das
+scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch
+das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so
+vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender
+Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange
+als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?
+
+--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie
+Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.
+
+--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere
+Menschen, doch was thut das zur Sache?
+
+--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und
+Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.
+
+--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen
+Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe
+seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein,
+Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts
+zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah
+etwas Neues erzählt?
+
+--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...
+
+--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist:
+ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie
+so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.
+
+--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer
+Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.
+
+--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder
+Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie
+wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie
+wollen doch wohl Ihre Pflicht thun?
+
+--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng
+fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht
+in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.
+
+--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben,
+dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich
+zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in
+Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten
+brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger
+und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es
+und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!
+
+Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie
+Verbrugge hinhaltend, sagte er:
+
+--Wessen Hand ist dies?
+
+--Das ist die Hand M'nheer Sloterings.
+
+--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas,
+offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen
+wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die
+Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten
+u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer
+Slotering damit sagen?
+
+--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge.
+
+--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht
+werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann
+etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und
+nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:
+
+
+ »12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren
+ Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten
+ verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)«
+
+
+Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war,
+der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also
+ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:
+
+
+ »15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der
+ inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren,
+ die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass
+ die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich
+ beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz
+ von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen,
+ die Anteil haben an der Kultur.«
+
+
+Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal,
+auch darin steht etwas sehr Deutliches:
+
+
+ »Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein
+ zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung
+ ausgesetzt ist.«
+
+
+Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin,
+wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun,
+dass auch andere dies thaten?
+
+--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese
+Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.
+
+--Und was folgte darauf?
+
+--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ...
+
+--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter?
+
+--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen
+... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer
+Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!
+
+Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie
+Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig
+sich erwiesen.
+
+--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort,
+er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...
+
+--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.
+
+--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung
+einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an
+den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen
+selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.
+
+--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein
+Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er
+das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam
+Unrecht und Willkür gutheissen wird?
+
+--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung
+einen Häuptling an.
+
+--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein
+muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen
+ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den
+Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen
+Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt
+um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen
+Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen
+zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl,
+weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen,
+nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie
+möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege
+entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun,
+was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es
+sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich,
+doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die
+Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich,
+bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben
+holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach,
+denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen
+in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max
+... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!
+
+Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein
+in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete,
+der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari,
+der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach
+Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt,
+und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient
+ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile,
+was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.
+
+
+
+
+
+
+NEUNTES KAPITEL.
+
+
+Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich
+wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei
+der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand
+legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen
+ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte,
+würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als
+Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es
+wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus
+hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches--du lieber Himmel,
+die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!--ist niemals aus
+einem Fenster gesprungen.
+
+Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer
+Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer
+Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass
+ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung«
+Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich
+Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er
+habe einen amsterdamschen Accent--was ein Amsterdamer niemals zugeben
+wird--vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals
+nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache
+von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das
+vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest
+und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.
+
+Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das
+Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und
+gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach
+nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich
+nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass
+du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just
+das Essentielle nicht gelesen. So würde ich--denn ich bin Mann und
+Autor--jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem
+Leserleichtsinn überschlagen.
+
+Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was
+»dran«? Und du sagst zum Beispiel--horribile auditu für mich--mit
+dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:
+
+--Hm ... so ... ich weiss noch nicht.
+
+Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der
+Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke
+der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem
+Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...
+
+Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und,
+ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...
+
+Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein,
+dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts
+und niemanden umarmt ...
+
+Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen,
+und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig,
+ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne!
+
+Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und
+du sagst--eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande--gähnend:
+
+--So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben soviel
+im Augenblick!
+
+Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, Europäer, Leser, dass du
+da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern auf meinem Geiste wie auf
+einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem
+Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele, meine Seele,
+die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es
+war mein Herz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn
+in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt,
+und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut
+wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir
+dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!«
+
+Der Leser begreift, dass ich hier nicht von meinem Buch rede.
+
+»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu
+reden ...
+
+
+
+--Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und
+Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war,
+denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend
+wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich
+Makler in Kaffee bin--Lauriergracht Nr. 37--und dass ich für mein
+Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich
+zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft,
+und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, was!
+
+Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten,
+und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie
+wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich
+auf Luise. Ihre Zustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller
+Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...«
+u. s. w.--Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber,
+siehe sie nicht.--Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das
+Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz
+ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen,
+denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen
+Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug,
+dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das
+Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin,
+nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen
+handeln muss--ganz Niederland wartet darauf--und da geht mir nun der
+Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie
+sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von
+der Einleitung ab«--ist das alles noch Einleitung?--»ich verspreche
+Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee,
+Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort,
+hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee
+mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und
+Milch in Ihre Tasse thun?«
+
+Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil
+ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu
+tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger
+falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige
+Pfuscher sind.
+
+Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen
+von Sterns Geschreibsel--hast du's wirklich gelesen?--deinen Zorn
+nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt--denn ich frage
+dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man 'Menschenfresser'
+geschimpft wird?--so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist
+von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma
+meines Buches drängen, nun die Sachen einmal so weit gediehen sind,
+dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt--die Jungens
+scheinen ihr aufzulauern--fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen
+werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!
+
+Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im
+Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt,
+so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und
+darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht
+in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran
+als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel
+überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und
+dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir,
+einem honetten Manne und Makler in Kaffee.
+
+Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen--und aus
+Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei--dass
+in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr
+verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten,
+wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam
+gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen,
+dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet
+ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und
+ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig
+macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im
+besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen
+Boden verändert--der Javane hat doch nichts anderes zu thun--oder, wenn
+man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht
+nach anderen Gebieten schickt, wo der Boden wohl gut ist für Kaffee.
+
+Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf
+behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen
+Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor allem seit ich die Predigt
+von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der
+Heiden hörte.
+
+Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten
+als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung
+meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit
+in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt--es
+kommt alles von dem verwünschten Paket!--so habe ich ihn einmal gut
+unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:
+
+»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das
+Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist
+dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy
+Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller
+Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht
+so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben,
+Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er
+hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer
+kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und
+schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance«
+geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.--So geht es, wenn
+man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal,
+wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose
+an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein
+Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt--das ist die
+Wahrheit!--Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du
+zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten
+Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die
+nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit
+Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich
+nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer
+genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden
+will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass
+alles Böse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann
+an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so'n Schauspieler. Gieb
+doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank,
+als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon
+denken? Die Kirche ist Sein Heiligtum, weisst du wohl? Und laure
+nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze
+Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim
+Essen aus der Schrift lese. Das passt sich nicht in einem achtbaren
+Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er
+wieder mal nicht da war--weil er manchmal die Gicht hat--das hält die
+Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort,
+dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hat auch
+allerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind
+auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist
+er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer
+soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater
+ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter
+Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen
+abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so
+gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter
+Florseide. Frage ihn--weisst du, so nebenbei!--ob er glaubt, dass
+sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das
+niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten
+schuldig--so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,--und ... all
+das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam,
+Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs
+Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es,
+und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss
+bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen,
+dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine
+Vermahnungen, Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen
+Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!«
+
+So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck
+auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner
+Rede gewählt hatte: die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn
+gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel:
+I. Sam. XV, Vers 23 b.
+
+Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für
+ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher
+Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter
+viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel
+durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so
+etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von
+Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft--denn ich kenne Wawelaar
+und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt--nein, durch
+die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher
+zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann
+behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über
+Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine
+Heiden sind, doch ich nenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat,
+einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten,
+und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun.
+
+Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe
+bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur
+zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich
+als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält
+für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt
+mitteilen, die ganz besonders treffend waren.
+
+Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und
+war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen, worauf es hier eigentlich
+ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all
+das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte:
+
+»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel--er meinte
+das Ausrotten der Bewohner von Kanaan--und so ist der Beruf von
+Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das
+uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass
+wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet
+das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen
+und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes--und des zu Recht
+verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen
+sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit,
+da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von
+eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung
+eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des
+Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es
+nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche
+sind da, die einen andern Gott, was sage ich, die Götter anbeten,
+Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nach ihrem
+Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja,
+Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch
+tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter
+ihnen, die keinen Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen,
+dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen
+Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über
+den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das
+Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte,
+meine Geliebten--wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt
+werden mag!--da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei,
+Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen,
+was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu
+können zum Schlafe! Schaudert euch nicht bei diesem Bilde? Krampft
+euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein
+wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die
+die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr
+nicht--ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes
+habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein
+Gott der gerechten Rache--ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und
+das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und
+Zähneklappern! Da, da brennen sie und vergehen nicht, denn ewig ist
+die Strafe! Da leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den
+heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht,
+der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten,
+auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des
+Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde
+abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter
+Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«
+
+Da fiel eine Frau in Ohnmacht.
+
+»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der
+Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er
+selig werde mit der Gnade, in Christo, durch den Glauben! Und darum ist
+Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten
+ist! Dazu hat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande,
+klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes,
+Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das
+heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den
+Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen
+Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten
+Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich
+allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen
+Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln
+des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die
+Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich dessen auf uns ruhen,
+wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.«
+
+Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir
+in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt:
+
+
+ 1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die
+ Missionsvereinigung.
+
+ 2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck,
+ diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.
+
+ 3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen
+ des kolonialen Werbedepôts.
+
+ 4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen,
+ geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen
+ und vorgesungen zu werden.
+
+ 5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren
+ Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen:
+
+ a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen,
+ von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen
+ im wahren Glauben.
+
+ b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch
+ die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe
+ besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit
+ niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für
+ das Reich Gottes.
+
+ c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in
+ Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden.
+
+ d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung
+ aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat
+ von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der
+ vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts,
+ und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen,
+ wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt.
+
+ e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht
+ werde.
+
+ 6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die
+ Missionsgenossenschaften.
+
+
+
+Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1
+genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint
+mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.
+
+Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser
+Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die
+vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun
+nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere,
+dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr
+aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte
+der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche
+Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich
+und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken
+muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes,
+dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits
+aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee
+gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste
+Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet
+gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen
+anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend
+empfänglich zu machen für die Seligkeit.
+
+Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass
+alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die
+rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen
+Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und
+demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit--der Mann hat niemals
+einen Fuss in die Börse gesetzt--aber durch die Gnade des Evangeliums,
+die ihm vorleuchtet und eine Lampe ist auf seinem Pfad, mir, Makler
+in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland
+nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen
+wird, wenn Fritz gut aufpasst--er hat leidlich still gesessen in der
+Kirche--vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja,
+Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen,
+das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig.
+
+Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die
+Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu
+machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist--ich selbst
+habe zwanzig Jahre die Börse besucht!--dürfen wir dann dem Javanen
+Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist,
+um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche
+Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese
+armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft,
+die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in
+Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht
+hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen
+sind so!
+
+Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen
+bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das
+Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der
+Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und
+wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der
+Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können,
+dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?
+
+Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse
+ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen
+suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind,
+obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren
+Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein
+katholisches Mädchen.
+
+Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst
+gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In
+meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde ich sorgen. Und
+dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie
+weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir
+geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das
+ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr
+gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.
+
+
+
+
+
+
+ZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone,
+so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern
+Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass
+mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel:
+Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem
+Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder
+anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich
+es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch
+den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.
+
+Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber
+ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe,
+wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit
+Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!«
+und fragte, was er darunter verstände.
+
+--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen,
+was ich sage.
+
+--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt,
+dass Sie immer die Wahrheit sagen?
+
+--Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir
+erglüht ...
+
+Der Leser weiss den Rest.
+
+--Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als
+ob ich es glaubte.
+
+Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte
+mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten
+Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch
+einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen,
+wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt--macht
+sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte--und einem Makler, der zwanzig
+Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er
+allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: »auswendig«--und
+da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr
+schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht
+lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben
+nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was
+erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich
+ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben
+hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der
+Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern,
+meine ich--die folgenden
+
+
+ Betrachtungen
+
+
+bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von
+Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.
+
+
+ Auf Flügeln des Gesanges,
+ Herzliebchen, trag' ich dich fort ...
+
+
+»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon
+und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu
+sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam
+werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da
+man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren
+Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren
+Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber
+hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch
+nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch
+das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das
+Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!
+
+
+ Fort nach den Fluren des Ganges,
+ Dort weiss ich den schönsten Ort.
+
+
+Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber
+nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt
+helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben
+Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut
+leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das
+sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all
+dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste
+Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte,
+so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig
+oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene
+Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf
+ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn
+Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich
+rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da
+vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um
+Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:
+
+
+ Dort liegt ein rotblühender Garten
+ Im stillen Mondenschein;
+ Die Lotosblumen erwarten
+ Ihr trautes Schwesterlein.
+ Die Veilchen kichern und kosen,
+ Und schaun nach den Sternen empor;
+ Heimlich erzählen die Rosen
+ Sich duftende Märchen ins Ohr.
+
+
+Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie
+anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung,
+ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie
+Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas
+zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es
+niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben,
+wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in
+dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass
+niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste,
+um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen,
+sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch
+mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in
+dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen
+auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen,
+die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr
+sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe,
+dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben,
+faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie
+doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und
+sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass
+diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der
+Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na,
+noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen
+ausgeht ... da haben Sie's!
+
+
+ Es hüpfen herbei und lauschen
+ Die frommen, klugen Gazell'n;
+ Und in der Ferne rauschen
+ Des heiligen Stromes Well'n.
+ Dort wollen wir niedersinken
+ Unter dem Palmenbaum,
+ Und Lieb' und Ruhe trinken
+ Und träumen seligen Traum.
+
+
+Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie
+haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen
+Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus
+fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges
+sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind,
+wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie
+diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie
+machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst
+das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck,
+der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und
+dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen,
+die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der
+Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser
+giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den
+Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion,
+Christentum und Anstand?
+
+Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr
+achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass
+ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte
+macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir
+heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich
+meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage,
+schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden
+Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen
+Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu
+Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse
+aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es
+niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater,
+denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden
+die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen
+Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun,
+weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in
+einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und
+sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind,
+und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck
+& Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und
+schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen
+unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht
+ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen
+durch günstigere Bedingungen.
+
+Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns
+Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen
+gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen
+Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie,
+dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören
+kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die
+Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun,
+nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen
+haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben
+Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe
+Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich,
+nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last &
+Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass
+ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser
+aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als
+wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet
+und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie
+doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles
+Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.
+
+Ich bin Ihr väterlicher Freund
+
+
+ Batavus Droogstoppel.
+ (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,
+ Lauriergracht No. 37.)
+
+
+
+
+
+
+ELFTES KAPITEL.
+
+
+»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu
+reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir
+darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er
+scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.
+
+--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an
+Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz,
+alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch
+... es steht was darüber im 'Liebig' ...
+
+--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir
+hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.
+
+Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier
+angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte
+herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in
+Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen
+im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen,
+das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran
+erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff
+dies wohl: sie begriff ihn stets!
+
+--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von
+Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen?
+
+--Wer ist das? fragte Verbrugge.
+
+--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben
+hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie
+verstehen doch?
+
+--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.
+
+--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf
+auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise
+erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er
+wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das
+ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese
+Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher
+Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns
+zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.
+
+Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht
+viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe,
+Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith,
+Shakespeare, Byron ...
+
+Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.
+
+--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie
+denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für
+Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben
+Sie Miss Mata-api gekannt?
+
+--Nein, ich kenne den Namen nicht.
+
+--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.:
+»Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie
+wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals
+habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal
+hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen
+Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die
+Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren,
+des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir,
+gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...
+
+Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein
+lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von
+der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden
+von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf
+dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena
+von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis
+er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:
+
+--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas
+bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen
+gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel
+erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von
+denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe
+wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen,
+am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei
+das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall«
+und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu
+haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!«
+sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens
+nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen
+mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders,
+wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine
+Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und
+lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind
+sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal
+auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung
+für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne
+Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken,
+aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von
+Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den
+Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet
+vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss
+hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch
+gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt,
+dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten
+muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder
+als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse!
+
+--Die Vandalen?
+
+--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer
+im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder
+schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem
+einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der
+Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung
+entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger
+als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen
+beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch
+für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum,
+Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne
+Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie
+einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell
+Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst
+auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt
+man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der
+Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick
+auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer
+sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach
+der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar
+beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich,
+dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit
+ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten
+kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich
+spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine
+Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht,
+wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und
+dem Publikum zugrinst.
+
+--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich.
+
+--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als
+Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen
+sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux
+armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das
+Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O,
+schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr
+oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung
+gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu
+ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn
+man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl
+schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor
+Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich
+sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung
+aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben
+Sie mir: Stillstand ist der Tod!
+
+--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen
+als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!
+
+--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht
+von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch
+minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie
+rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie
+mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu,
+wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.
+
+--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch
+nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so
+durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle,
+aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.
+
+--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen,
+meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der
+18. Februar ...
+
+--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...
+
+--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im
+Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...
+
+--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.
+
+--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer
+ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können,
+und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen
+Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen
+auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander
+stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und
+Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas
+unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen
+Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen
+Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?
+
+--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte
+Verbrugge belehrend.
+
+--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie
+gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf
+diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch
+dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem
+Boden gestanden.
+
+--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut
+in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es
+wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig
+nicht, warum!
+
+--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz
+gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss
+wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und
+ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch,
+und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den
+Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen
+diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit
+und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das
+alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei
+Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay
+befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es
+den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu
+gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch
+träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken
+Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte,
+weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?
+
+--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht
+sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer
+geguckt habe.
+
+--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde,
+das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an,
+dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem
+Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss,
+was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen
+nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der
+Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind,
+die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde
+in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz
+genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er
+wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den
+Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie
+rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!«
+Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung
+des Gemäldes betrifft ...
+
+--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend,
+als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?
+
+--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl
+mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier
+Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor
+dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen«
+nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie,
+welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?
+
+--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als
+ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass
+das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben
+Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.
+
+--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten
+Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück
+Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.
+
+--Mitgefühl für den Henker?
+
+--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit
+der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich
+in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer
+Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll,
+sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird,
+und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es
+schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der
+Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes
+Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das
+Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der
+erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und
+liegt sie da noch?«
+
+--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in
+Arles? fragte Verbrugge.
+
+--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren
+Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den
+Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen
+... da brennt die Stadt ...
+
+--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz
+verloren hast, neckte Tine.
+
+--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet
+es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib
+gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und
+es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede
+folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich
+dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt
+man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein
+Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf,
+dass die Frauen zu Arles ...
+
+--Nur ein Haupt hätten alle miteinander?
+
+--Ja ...
+
+--Um es abzuschlagen?
+
+--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen,
+aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen,
+und davon zu träumen, und um ... gut zu sein!
+
+Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder
+besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht
+und fuhr fort:
+
+--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte,
+nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das
+wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein
+Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich,
+ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.
+
+--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber
+ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.
+
+--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so
+ein Mädchen sich profanieren?
+
+--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?
+
+--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!
+
+--Ja, aber ...
+
+Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen
+... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!
+
+--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit
+verhaltenem Lachen.
+
+Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich
+ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar
+klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr
+erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles,
+hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.
+
+Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man
+es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung
+bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach
+dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen
+Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt,
+und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er
+nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern
+seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten:
+
+
+ 1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist
+ verrückt.
+
+ 2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase
+ nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf
+ Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der
+ Kartoffel nähert.
+
+ Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die
+ zweite!
+
+
+--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so
+höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich
+Ihnen erklären. Tine ist ...
+
+--Bester Max! sagte sie flehend.
+
+Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner
+Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«
+
+Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:
+
+--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich
+manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf
+stoffliche Unvollkommenheit?
+
+Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.
+
+--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die
+Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese
+Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser
+fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich,
+ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.
+
+--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?
+
+--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll
+ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich
+war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?
+
+--Ja.
+
+--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben
+wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal
+an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von
+Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr
+davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren,
+ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...
+
+--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?
+
+--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den
+Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht
+gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine
+Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie
+zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen
+Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo,
+eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum
+dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so
+zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen
+zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen
+und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war
+wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das
+kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem
+Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter
+anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu
+lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte
+angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer
+Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit
+diesem dummen Datu und seinem Kind.
+
+Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl
+leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar
+vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja,
+ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit
+mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das
+lasse ich nun auf sich beruhen.
+
+Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas
+weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich
+sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht
+hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte
+mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat
+meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich
+selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit
+recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in
+jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig
+oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé,
+und das ist manchmal eine recht interessante Sache.
+
+Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine
+Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei
+rote, eine schwarze: es war schön!
+
+Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines
+Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat
+immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen
+Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach
+meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.
+
+Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden
+eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner
+und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über
+der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt
+und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen
+in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie
+suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?
+
+--Was für ein Ding? Die Sonne?
+
+--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören
+Sie einmal an:
+
+
+ Du fragst, warum der Ocean,
+ Der Natals Strand bespült,
+ An andern Küsten lieb und hold,
+ So ungestüm hier braust und grollt
+ Und ewig kocht und wühlt?
+
+ Du fragst--und kaum erhört im Kahn
+ Der Fischerknabe dich,
+ So blitzt sein dunkler Augenstern
+ Hinüber unermesslich fern,
+ Und westwärts weist er dich.
+
+ Und westwärts bohrt er seinen Blick
+ Ins Unermessene hinein,
+ Und zeigt dir, bis ans Firmament,
+ Nur Wasser, Wasser ohne End'
+ Und See und See allein!
+
+ Und darum peitscht der Ocean
+ So wild den Ufersand:
+ Nur See erblickst du weit umher
+ Und Wasser, Wasser immermehr,
+ Bis Madagaskars Strand!
+
+ Und manches Opfer heischte schon
+ Der Ocean empört,
+ Und manchen Schrei, erstickt im Meer,
+ Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,
+ Nur Gott hat ihn erhört!
+
+ Und manche Hand, in letzter Angst,
+ Erhob sich aus dem Grab,
+ Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End',
+ Und suchte, dass sie Stütze fänd',
+ Und sank zuletzt hinab.
+
+ Und ...
+
+
+Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr.
+
+--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk
+zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.
+
+--Wie kommt der daran? fragte Max.
+
+--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das
+Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde,
+die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von
+Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?
+
+--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine
+Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte
+Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So
+begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele,
+Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche,
+nichtsnutzige Eva ...
+
+--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen
+Korallen? fragte Tine.
+
+--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter
+dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich
+über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin
+... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator
+war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der
+Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger
+nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens
+»nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder
+... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«,
+dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was
+für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein
+Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur
+reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen,
+wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar
+Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will,
+und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder
+er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen
+seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär
+sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er
+da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht,
+dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde,
+der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja«
+oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz,
+des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran
+hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat
+man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und
+dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden:
+sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem
+ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe,
+um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der
+Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von
+dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten
+liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ...
+
+--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.
+
+--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends
+»gemütlicher« ist.
+
+Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde
+ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung
+möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:
+
+»Es wird nun kühler werden.«
+
+»Ja, Tuwan!« antwortete sie.
+
+Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder
+und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser,
+als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte
+... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein
+eingebildeter Kerl sein.
+
+»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?«
+fragte ich.
+
+»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«
+
+»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!«
+
+»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.
+
+Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl,
+ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich
+genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel
+Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen
+daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die
+nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den
+ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war,
+etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten
+von Si Upi Keteh.
+
+Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich
+selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun
+wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das
+zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch
+wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt
+verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte
+ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische
+Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben
+irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben
+Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden
+nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine
+Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in
+Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie
+wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf,
+vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im
+Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche
+an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz,
+und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich
+hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine
+Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der
+Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung
+Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See
+verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten
+keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu
+Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen
+wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er
+behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie
+wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt,
+von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung
+gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip
+dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass
+man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass
+force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu
+lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische
+Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den
+unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir
+stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die
+Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das
+Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken,
+oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich,
+so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen
+lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit
+meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem
+Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne
+einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte
+mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn,
+und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut,
+um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen
+für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank
+einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind
+schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls
+als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:
+
+
+
+»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine
+Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war
+gering, und zufrieden war er nicht.
+
+Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass
+ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von
+roter Seide.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu
+war von roter Seide.
+
+Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und
+auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong
+über das Haupt des Königs.
+
+Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener
+Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.
+
+Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und
+auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt
+man den goldenen Pajong.
+
+Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich,
+sodass der Graswuchs verdorrte.
+
+Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht
+hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.
+
+Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und
+hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und
+überall umher.
+
+Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht
+der Fürsten, die auf Erden waren.
+
+Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen
+der Sonne prallten von ihr zurück.
+
+Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und
+er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war
+er nicht.
+
+Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde
+und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.
+
+Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess
+die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.
+
+Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.
+
+Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in
+grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.
+
+Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke
+seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.
+
+Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte,
+ich wäre dieser Fels.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er wurde Fels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und
+nicht, so es regnete.
+
+Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit
+schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.
+
+Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über
+mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.
+
+Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre
+dieser Mann.
+
+Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
+gesagt hast.
+
+Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit
+schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er
+war zufrieden ...
+
+
+
+--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis
+schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.
+
+--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe
+nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine
+Erzählung zu Ende war, fragte ich:
+
+»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel
+käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«
+
+»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach
+dem Himmel.«
+
+
+
+--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht
+ganz verrückt fanden ...
+
+
+
+Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.
+
+
+
+
+
+
+ZWÖLFTES KAPITEL.
+
+
+--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so dürftig. Möchtest du
+nicht ... du weisst ja ...
+
+--Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum Teufel, ich bin
+heiser. Verbrugge ist jetzt dran.
+
+--Ja, M'nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar.
+
+Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal
+ein Mann, der einen Truthahn stahl ...
+
+--O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es
+weiter?
+
+--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?
+
+--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch
+jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war?
+
+--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte
+Verbrugge.
+
+--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war
+zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in meinen
+geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich
+viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig vor! Die
+Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme
+von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig,
+dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass
+er Geld zählte oder Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte,
+wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl
+von einem Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter
+nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie
+wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt,
+auf Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig in den
+Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch
+häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner
+Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgänger
+ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat
+etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt
+ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen für
+Bureauarbeit oder für die peinliche Genauigkeit, die für eine gute
+Verwaltung von Geldsachen nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei
+Tollheiten im Kopf ...
+
+--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.
+
+--Was ist nicht nötig?
+
+--Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas hergerichtet werden
+sollte ... eine Omelette oder sonstwas.
+
+--Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen Tollheiten
+anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist es recht, aber
+die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für was entscheiden
+Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder für die Historie?
+
+--Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen Menschen, sagte
+Verbrugge.
+
+--Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, fügte Duclari
+hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und
+Mevrouw, und: »entre l'écorce et le bois, il ne faut pas mettre le
+doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und Angel.
+
+--Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ...
+
+--Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette wird doch
+wohl soviel wert sein wie ...
+
+--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wäre! Doch es hat
+damit einen Haken ...
+
+--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach,
+lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!
+
+--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's
+nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, hätte das nichts zu sagen,
+aber ...
+
+--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?
+
+--Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen,
+sie ist ...
+
+--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?
+
+--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein
+müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!
+
+--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer
+Verzweiflung.
+
+--Aber Kaffee haben wir, rief Tine.
+
+--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering
+mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, worauf die kleine
+Gesellschaft sich nach draussen verfügte.
+
+--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht
+gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.
+
+--Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar,
+und das hat sie abgeschreckt.
+
+--O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein
+Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren
+eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich recht gut. Weisst
+du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast?
+
+--E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«.
+
+--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas
+menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, die das
+Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...
+
+--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari.
+
+--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir
+haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und darum verlange ich
+die Geschichte von dem Truthahn.
+
+--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das
+Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit
+noch jemandem.
+
+--Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft.
+
+--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen wissen, warum
+Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.
+
+--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld,
+der mich suspendiert hatte.
+
+--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nächstes
+Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge.
+
+--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte
+sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an
+meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne,
+der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich,
+Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«.
+
+--Und dann das Epigramm?
+
+--Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt?
+
+--Ja.
+
+--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding,
+weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss
+sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren
+Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel
+weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert,
+und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer
+war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl
+erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau
+weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und
+was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des
+Generals--wahr gewesen sein kann.
+
+Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu
+gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends
+aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss
+einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito
+so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel
+zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit
+davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss
+einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der
+Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch
+willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen
+auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch
+man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer
+Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer
+oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert
+war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb
+Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert,
+dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung
+zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine
+ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf
+sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte,
+an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung
+nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen
+haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit
+kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für
+den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch
+das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden,
+dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu
+schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem
+Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind
+betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt
+zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich
+wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach
+den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte,
+kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn
+nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken
+war--als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm
+nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr,
+und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre,
+dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich
+bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er
+hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer
+einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung,
+etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen
+mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der
+Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder
+beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies,
+dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und
+niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man
+einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle
+Tage betrunken ...
+
+--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war.
+
+--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so
+weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das
+wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas
+Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins
+Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen
+arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und
+ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver,
+achtbarer Kerl!«
+
+--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal.
+
+--Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal,
+wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen
+würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie
+er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den
+Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute
+Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird
+wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich
+mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und
+gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der
+gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald
+niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss
+also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn
+Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat,
+er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen,
+ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus
+ist er nicht ...«
+
+Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?
+
+--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen.
+
+--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm.
+
+--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm.
+
+--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie,
+Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben
+Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen über jemanden, der
+recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten
+so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert
+Grad für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir
+schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien
+über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich,
+dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an
+guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist.
+
+--Auf wieviel Grad stehe ich, Max?
+
+--Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, Tine.
+
+--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre
+Nullnähe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird
+vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: »la pièce!«
+
+--Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause ist! Nein,
+Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, ehe ich nicht noch ein
+bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten
+bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art
+Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken
+würde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft über die Massen
+heraus, um die üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich
+nur gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der
+Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass
+ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber er ist
+ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie darüber so bös sein! Ich
+habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mädchen ist!«
+Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm
+seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen,
+und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei,
+denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus.
+
+--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen
+stark aufgetragen!
+
+--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas
+kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb«
+einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses
+bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften
+zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität
+verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften
+etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder
+gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt
+beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen
+wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht
+hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung,
+dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald
+wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre
+eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht
+länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig
+angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur
+drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch
+meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit,
+haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn
+bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel
+unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit
+für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so
+wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung--wie ein Jäger,
+welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt--auch die
+Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen
+werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier,
+sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war
+unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht,
+jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren.
+
+Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken
+gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten,
+wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das
+stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich
+überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht
+gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre,
+wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen
+Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess.
+
+Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse:
+Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah
+auch gewöhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die
+Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch
+etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von
+Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals
+im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen,
+als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet.
+
+Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht
+ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur,
+dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit
+erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach
+noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte
+sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas
+zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach
+welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit
+in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus
+Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen
+sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe.
+
+Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht
+gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die
+geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus
+zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache
+zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte
+Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was
+aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts
+untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später
+gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension
+war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch
+des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und
+vorher bei mir in Dienst stand.
+
+
+ Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert,
+Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten,
+ Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ...
+Wenn's nicht schon längst entlassen wär' in alle Ewigkeiten!
+
+
+--Nehmen Sie mir's nicht übel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so
+etwas nicht am Platze war, sagte Duclari.
+
+--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor,
+dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete,
+Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte
+wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte
+dem General geschrieben, dass er verantwortlich wäre, wenn ich in
+Elend umkäme, und dass ich von niemandem Hülfe annehmen würde. In
+den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hörten, wie es mit mir
+bestellt war, mich zu ihnen zu kommen nötigten, doch der General
+verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte
+ich auch nicht verziehen. Überall anderswo hätte ich mich retten
+können und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem
+mächtigen General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern
+zu lassen. Das hat neun Monate gedauert!
+
+--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der
+General viel Truthühner?
+
+--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal,
+nicht wahr? Was ich während dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte
+Verse, schrieb Komödien ... und dergleichen mehr.
+
+--Und war dafür Reis zu haben auf Padang?
+
+--Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich sage lieber
+nicht, wie ich gelebt habe.
+
+Tine drückte ihm die Hand: sie wusste es.
+
+--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben
+haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rückseite einer
+Quittung.
+
+--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es
+bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De Kopiist«, auf die ich
+eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der
+Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden
+die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir
+eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich
+des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt
+blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia
+zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf
+der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren:
+
+
+ Vingt florins ... quel trésor! Adieu, littérature,
+ Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin:
+ Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin,
+ Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture!
+ Si j'avais vingt florins, je serais mieux chaussé,
+ Mieux nourri, mieux logé, j'en ferais bonne chère ...
+ Il faut vivre avant tout, soit vie de misère:
+ Le crime fait la honte, et non la pauvreté!
+
+
+Doch als ich später in Batavia der Redaktion des »Kopiist« meine
+zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint,
+dass der General selbst das Geld für mich bezahlt hat, um nicht
+gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia
+zurückzusenden.
+
+--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es
+war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm?
+
+--Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte vor Gericht stehen
+lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von
+Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen
+als »Versuch zur Unterminierung der Holländischen Autorität und
+Aufreizung zum Aufstand« hätte ausgelegt werden können, oder als
+schuldig des »Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er gezeigt
+haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte
+mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hüten
+hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu wählen. Und
+mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er sagte nichts, und er
+that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht den
+mindesten Märtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie
+sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglücklich werden durch meine
+ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um
+ein für alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So
+wenig Ermutigung löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten
+Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan!
+
+
+
+
+
+
+DREIZEHNTES KAPITEL.
+
+
+--Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert
+waren? fragte Duclari.
+
+--O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe,
+als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann,
+so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte,
+als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang
+umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem
+sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in
+den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen.
+
+Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und
+Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf
+eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit
+Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang--der nun just
+mein besonderer Freund nicht war--behauptete, dass ein Fehlbetrag von
+Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange
+ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich
+unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden
+zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den
+Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird
+als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich
+nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte--gleich
+werden Sie hören, warum und wie--und weil während seines Aufenthalts
+zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei
+deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt
+hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung
+auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem
+französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer
+geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser«
+hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich
+in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht
+den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht
+empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen
+Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass
+ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in
+einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste,
+ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige
+Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich--oder vielmehr
+ich merkte es ihnen an--dass der General sehr erbost auf mich war. Ich
+sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie
+Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als
+der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden
+hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen,
+aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte,
+ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen,
+und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende
+Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien,
+wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt,
+in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem
+anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden
+vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo
+aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang
+bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens
+nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner
+Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte,
+die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass
+Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete
+mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert
+haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der
+persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem
+Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden
+Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar
+wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte,
+den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben
+konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen
+Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von
+'force majeure'.
+
+Und, mochte man immer diese 'force majeure' leugnen, wollte man
+mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in
+Augenblicken, da ich--in Lebensgefahr oftmals!--fern von der Kasse
+und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen
+musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere
+nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer
+Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein
+hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche
+Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die
+Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im
+Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger
+zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden
+Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon
+sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue«
+aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel
+geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten
+zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten
+auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er
+achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er
+selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse.
+
+Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein,
+wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und
+Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder
+Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war,
+so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese
+Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande
+zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen
+zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die
+Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld
+verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos,
+und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die
+Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen
+gerettet hatte.
+
+Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn
+indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und
+Thor öffnen.
+
+Nach tagelangem Warten--Sie können sich denken, in welcher
+Stimmung!--erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief,
+worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine,
+mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner
+Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen
+konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich
+die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es
+für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund
+zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen
+Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine
+Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die
+Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum
+Beispiel--Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus
+der Natalschen Kasse bezahlt werden--oder sonst etwas derartiges,
+das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich
+meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte
+vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der
+General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung
+liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich
+eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war
+ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht
+der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung
+erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt
+hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem
+Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste
+Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit
+und im Widerspruch mit aller Billigkeit?
+
+Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder
+persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr
+ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu
+Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu,
+»sehr verkehrt von mir gewesen wäre«.
+
+Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in
+der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich hatte ihm
+widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten
+lassen, dass er mir deshalb zürne! Dumm genug, hatte ich in der
+günstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein
+»Widersprechen« schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig
+ich ihn damals kannte.
+
+Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer
+so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war ich mit mir
+selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, so gut ich konnte,
+und schloss meinen Brief--ich besitze noch den Entwurf--mit den Worten:
+
+
+ »Ich habe die an meine Administration geknüpften Bemängelungen,
+ so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung möglich war,
+ beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen
+ wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin
+ unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe,
+ denen mich zu widersetzen meine Grundsätze mich nötigen, doch ich
+ bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit,
+ stolz auf meine Ehre.«
+
+
+Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer Verwaltung«. Der
+Offizier der Gerichtsbarkeit--wir sagten damals noch »Fiscal«--erhielt
+den Befehl, betreffs meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen.
+
+Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt,
+und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! Man
+riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen--ich war
+noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen--doch das
+wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten,
+und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als
+dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus
+dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt
+sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenüber
+meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig können Sie
+wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegründet die Beschuldigung war,
+die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen
+Verbrechens, schreibt anders!
+
+Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen müssen,
+wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich
+aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne
+Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhält und
+ernährt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit
+doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich
+hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben,
+dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte
+kein Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft
+werden mit Hungerleiden.
+
+Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete,
+den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu erklären, weil
+Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermächtigung
+der Regierung zu Batavia statthaben dürften, hielt mich der General,
+wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich
+von höherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen.
+
+Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte--gute Tine, du hattest es
+mir gegeben!--zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen
+Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte
+mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von
+Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte ich an Ihrer Stelle
+nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben
+haben.« Ainsi va le monde!
+
+
+
+Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine Gäste von
+ihm erwarteten und die Aufklärung darüber geben sollte, in welcher
+Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit
+»so widersprochen« hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der
+Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei
+Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief
+darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls
+in der Absicht, sich nach der Küche zu begeben, die hinterm Hause
+gelegen war. Unsere Gesellschaft würde hierauf wahrscheinlich nicht
+weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt hätte,
+dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu üben
+scheine über jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch
+den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn
+in ein Verhör nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens
+wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurück.
+
+--Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht
+einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. Ich habe noch nichts
+im Hause.
+
+--Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete
+Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre Autorität
+zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste Person hier, und
+wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner
+Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist noch nicht gewohnt an
+die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergnügen nicht
+rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest.
+
+Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autorität gelegen.
+
+Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal
+abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt einem
+Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den
+beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit
+wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den Leser auf
+unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen
+Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der
+Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das Vermeiden der beiden
+Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig für jemanden,
+der Indien zum Schauplatz seiner Erzählung gewählt hat. Denn während
+ein Schriftsteller, der europäische Zustände schildert, viele Dinge als
+bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen
+lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische Leser diese
+oder jene Umstände richtig auffassen wird. Wenn der europäische Leser
+sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars »logierend« denkt, so
+wie dies in Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich
+vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die
+in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt,
+dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere
+Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That
+nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe
+bekannt mache.
+
+Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den
+»Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er manchmal die Geduld
+seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von Örtlichkeiten
+zu viel Platz einräume, scheint mir nicht recht begründet, und ich
+glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen
+Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung
+nötig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei
+dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht übel aus,
+dass er von dir die Mühe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich
+die Mühe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor,
+bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund
+Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mühe des Lesens
+wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende
+nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darüber,
+ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist,
+weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder
+nicht erforderlich ist für die geordnete Darlegung der Zustände. Und
+wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt--von Büchern,
+die man nur einmal liest, rede ich nicht--und selbst dann noch meint,
+dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck
+hätte entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage,
+ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht
+der Schriftsteller in mehr oder minder künstlicher Weise ihn dazu
+gebracht haben würde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem
+oberflächlich urteilenden Leser überflüssig erscheinen.
+
+Meinet ihr, dass Amy Robsart's Tod euch so packen würde, wenn
+ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und
+meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände--Verbindung in
+der Antithese--zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der
+unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fühlt
+ihr nicht, dass Leicester--dies weiss jeder, der den Mann auch aus
+anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman--dass er unendlich
+tiefer stand, als er im »Kenilworth« geschildert wird? Aber der
+grosse Romancier, der lieber durch künstliche Verteilung der Farben
+fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Würde,
+den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem
+unwürdigen Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen
+dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es,
+solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er
+in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das
+daneben Gegebene als überflüssig verwerfen zu können glaubt, verliert
+gänzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen,
+zu der Schule übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich
+floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die
+Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten
+Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich
+selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule--ich hoffe
+und glaube, dass sie ausgeblüht hat--hielt es für gemäss, mit voller
+Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon
+auf das Gemälde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung
+sehen möge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen,
+diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Züge
+zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum wählte
+denn auch diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten,
+am liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. Sieh,
+die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul
+... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden
+auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von
+Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn
+du dich nicht bewegen lässest von dem stummen Schrecken einer Leiche,
+die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz für ein Schlachtopfer,
+das noch ächzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die
+vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter,
+die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod
+dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem
+ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du
+verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in
+einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ...
+
+Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: »rechts und links
+... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes
+auf ... marsch!«
+
+Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was ich so
+im Vorübergehen beweisen wollte.
+
+Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen
+Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf seine
+Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben.
+
+Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. Du
+verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so
+ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu müssen,
+aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfällt, wenn er
+sündigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel
+Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch stärker, und mit
+Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich.
+
+Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege
+und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in
+die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor,
+in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen
+weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist,
+das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit
+eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann
+verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür.
+
+Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und
+mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten
+werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein
+kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten
+schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn
+wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie
+unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist,
+dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben,
+die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel
+wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses
+Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und
+Verstehen ist Genuss.
+
+Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege
+gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen
+ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen
+würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den
+Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube,
+dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben,
+den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst,
+dir etwas über Havelaars Haus zu sagen.
+
+Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine
+Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine
+Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen,
+vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das
+unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern
+dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien
+kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor,
+denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man
+hierfür laufen lässt--alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die
+indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind
+sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus
+erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen,
+hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste
+gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch
+mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden
+aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt,
+und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster
+der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest
+gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes,
+wie ich wohl glaube.
+
+In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch
+Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht
+haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte
+nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten
+... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von
+allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein längliches
+Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben
+tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke
+und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2,
+und in dieser Weise weiter.
+
+Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an
+drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen
+ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie,
+die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7,
+9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch
+Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten
+Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist
+eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich
+bin recht stolz auf diese Beschreibung.
+
+Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die
+Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe«
+knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald,
+sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von
+dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser
+nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck
+»Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine
+oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen
+Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere
+sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses
+Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher
+Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen
+Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge
+weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert,
+weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden.
+
+Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an
+einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn«
+stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an
+die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung
+mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer
+bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte,
+und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von
+Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite
+zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an
+Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte.
+
+Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im
+Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon
+überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den
+jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem
+Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer
+Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte,
+nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem
+Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes,
+selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und
+dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame
+des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich
+abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und
+Lesen unmöglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel
+Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen
+und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn«
+beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause
+gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor
+dem Hause.
+
+Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie
+mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das
+Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo
+Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter
+breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum
+Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte
+Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw
+Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe
+nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des
+Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der
+das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen
+Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder
+an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom
+Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude
+erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem
+deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.
+
+Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen,
+dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor,
+am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen
+und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame
+ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache
+redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass
+sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern
+willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung
+zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in
+Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering
+nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände,
+in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden
+sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht
+»stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie,
+dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört«
+wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten
+Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering
+sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders
+gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach,
+in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger
+Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut
+wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen
+haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken--ohne Liebig,
+lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und
+man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch
+Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt
+war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam
+blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte,
+an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst
+keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche
+von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine,
+wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug.
+
+
+
+
+
+
+VIERZEHNTES KAPITEL.
+
+
+--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an
+der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke
+grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein
+geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern
+uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu
+überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon'
+gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also
+in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an
+das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich
+anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren
+Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der
+dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität
+gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet,
+solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben
+zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter
+sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme,
+dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein
+Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im
+Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür
+bestanden als Recht und Billigkeit.
+
+Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden,
+sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der
+Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich
+zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von
+atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine
+Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen
+selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur
+nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus,
+und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen
+gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie
+wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden.
+
+Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung
+zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie
+in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom
+Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General
+Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das
+Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert
+aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass
+er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung
+gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und
+was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich
+im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und
+Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den
+Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.
+
+Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar
+auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang
+di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.
+
+Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete,
+der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher
+Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel
+von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben
+waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben
+schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar
+erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen
+angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den
+Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie
+dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für
+die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters,
+und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim
+sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den
+battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde
+zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge
+ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses;
+Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war,
+und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling
+in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.
+
+Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein
+Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte
+und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes
+zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung
+hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den
+anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet
+wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor
+einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen
+bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen
+überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der
+betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.
+
+Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den
+Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich
+verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe
+ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre
+1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet,
+wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich
+bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen
+und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher
+diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer
+Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.
+
+So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie
+bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter
+erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von
+Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die
+battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen
+haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft
+der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von
+selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie
+wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.
+
+Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat,
+kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der
+Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben
+nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der
+Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande
+gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung
+erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und
+Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.
+
+Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war,
+dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling
+gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier
+schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess
+ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach
+Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur
+all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse
+niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln
+rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein
+Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An
+Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich
+auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies
+thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch
+zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als
+ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert
+haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er
+frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei
+Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde,
+ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss
+ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht
+worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von
+seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier
+kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige
+Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit
+der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling
+zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern
+mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung
+seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese
+Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene
+Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine
+Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem
+diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem
+falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine
+Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen
+Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet,
+und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke
+nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.
+
+Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die
+Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir
+natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und
+gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser
+Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten,
+dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte
+Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den
+unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des
+Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die
+Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag
+ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die
+Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte,
+ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen
+Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen
+der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur
+geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte
+Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende
+Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste
+widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement
+abberufen haben würde.
+
+»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all
+den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere
+Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen
+Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die
+Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang,
+wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so
+können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«
+
+Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen
+Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si
+Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich
+meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku
+von Natal.
+
+»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein
+Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht
+geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats
+anklagt!«
+
+Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem
+»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den
+Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden
+Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen,
+nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf
+der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah,
+die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht,
+seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde,
+der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten,
+sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen,
+hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen
+können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und
+Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann
+einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.
+
+»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage
+und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten
+Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen
+worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan
+von Mandhéling'.«
+
+»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil
+ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und
+Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet
+sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java
+überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten
+dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann
+ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses
+Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«
+
+Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger
+zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General
+mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen
+werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte
+augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann,
+den man so schrecklich misshandelt hätte«.
+
+»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte
+er hinzu.
+
+Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen
+Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also
+in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit
+Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt
+haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein
+gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan
+Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku
+sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort
+hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen,
+was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen
+Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war
+in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich
+zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser
+Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte,
+was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die
+im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten,
+das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand,
+wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe
+bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für
+seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den
+Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon
+gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.
+
+Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde
+nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten,
+andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«,
+den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine
+Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger
+der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl
+Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der
+General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das
+Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig
+Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von
+Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der
+Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus
+den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs
+deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan
+gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder
+Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte;
+dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser
+nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass
+das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der
+Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes
+Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas
+ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von
+Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben
+und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.
+
+Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die
+Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes
+Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen,
+oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er
+sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.
+
+Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen
+Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist
+mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine
+Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld
+beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei
+obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser
+... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich
+einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben
+Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen«
+hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen
+ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche
+Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte,
+mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.
+
+--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren,
+sagte Duclari.
+
+--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme
+so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser
+Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen
+wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen,
+dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der
+General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen
+Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn
+ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr,
+dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten
+Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der
+General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte
+Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den
+Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung
+und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl,
+mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht
+so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass
+es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte,
+sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre
+und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten,
+die der Politik des Generals im Wege standen.
+
+--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.
+
+--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General
+nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung
+zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst
+geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat
+executio' verliehen hatte, wurde ...
+
+--Suspendiert?
+
+--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als
+ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend
+uns regierte.
+
+--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?
+
+--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind
+in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr
+angesehene Posten bekleidet.
+
+--Und Sutan Salim?
+
+--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde
+er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor
+in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe
+ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor
+anstellte, Tine?
+
+--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.
+
+--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!
+
+--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind:
+darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig
+duellierten?
+
+--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon
+gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten
+der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die
+meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft
+ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht
+erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes,
+der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine
+Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche
+Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles,
+begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere,
+wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und
+vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht
+also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich
+wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt
+hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung,
+und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein
+hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem
+im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht,
+warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun
+nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen
+Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm
+her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier
+ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das
+war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und
+will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht
+Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch,
+ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?
+
+So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das
+Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die
+»loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur
+Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!
+
+Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen,
+weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden
+Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue
+Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der
+Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden
+Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von
+dort zurückgekehrt war.
+
+
+
+Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass,
+um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten
+Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade,
+als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der
+Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen
+die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften
+Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan,
+die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch
+weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich
+das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das
+hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu
+rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten
+gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme
+von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu
+Rangkas-Betung warteten.
+
+Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus
+und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen
+ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste,
+und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine
+Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien
+den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars
+Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem
+Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte
+für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars
+liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen
+am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen
+bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen
+gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit
+Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.
+
+Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die
+Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt,
+und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht
+mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die
+Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die
+zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.
+
+Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male
+in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach
+wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer
+oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr,
+das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und
+achtete bald nicht mehr darauf.
+
+Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine
+verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die
+auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich
+sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man
+hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten
+waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel
+zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu
+lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm
+ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der
+Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen
+billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich
+Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten
+ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht
+Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine
+andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen
+Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen
+dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf
+dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen
+Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen
+anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem
+Max zusammen sein konnte?
+
+Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete:
+der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so
+viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei
+Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für
+jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage
+bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin
+einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also
+ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald
+über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass
+der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass
+er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie
+begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich
+und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser
+kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.
+
+Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall,
+doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt
+wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden
+wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen
+können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu
+lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer
+noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge,
+wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit
+und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass,
+wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur
+unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen
+haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und
+ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf
+die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen
+Besitzungen herrschend sind.
+
+Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der
+den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann
+in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses
+Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn
+das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder
+zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das
+Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten
+zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen
+kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder
+niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal
+gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks,
+der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden
+hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen
+gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige
+Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht
+die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert
+legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde,
+so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An
+den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige
+Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art
+Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden
+Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen,
+wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor
+allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht,
+selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre,
+um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel
+gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von
+Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine
+solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg
+zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden
+Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird,
+ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und
+also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.
+
+Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten
+in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach
+europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst
+würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar
+finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die
+Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten
+Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können,
+die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal
+die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer,
+einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige
+Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht,
+sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel
+warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die
+Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung
+eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht
+hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil,
+wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich
+sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin
+oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese
+Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach
+Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die
+Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen,
+dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche
+warnenden Lehren gegeben werden.
+
+Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich
+zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen
+Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut
+und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine
+völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel,
+dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der
+Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger
+in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine
+abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht
+hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am
+öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu
+stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm
+hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall
+die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder
+in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von
+diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte
+ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen,
+und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung
+Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten
+in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und
+zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande
+oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der
+Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne,
+dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,
+wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden
+Einkerkerung den Vorzug geben.
+
+Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen
+durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt
+war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt
+hatte.
+
+Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten
+keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel
+Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern,
+und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben,
+wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise
+zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn
+zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die
+Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht
+entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus
+den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der
+wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen,
+was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können
+also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner
+Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der
+Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage,
+als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung
+beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht
+fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles
+bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus
+dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen
+Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem
+höchst traurigen Zustande befand.
+
+Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm,
+dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit
+den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung,
+und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich
+gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde,
+wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.
+
+Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet,
+sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der
+Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von
+Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch
+nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht
+annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei
+ergreifen werde.
+
+Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen
+in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob
+dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen
+zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr
+ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir
+haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über
+die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es
+Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also
+nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter
+Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der
+Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste,
+dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes
+Lauf aufzuhalten.
+
+Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte,
+hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei
+zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse
+überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer
+wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht
+geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die
+Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn
+man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch,
+dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von
+höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf
+ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung
+Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«.
+
+Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen
+direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die
+Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt,
+im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu
+lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber
+nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig
+die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu
+thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen,
+die Ursachen hiervon darzulegen.
+
+Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht
+eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem
+ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben
+bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten
+mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein
+würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes
+zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr
+läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun
+einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern
+zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu
+werden, den man pflichtgemäss offenbart.
+
+Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre
+Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten
+melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die
+selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen,
+senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an
+die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen
+Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch
+nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen
+dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich
+behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit
+ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele
+von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer
+Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo
+die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden,
+wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre,
+Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät,
+mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht
+erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige
+Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen
+lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich
+um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die
+mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der
+Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der
+ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen
+werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel
+spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren,
+will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen,
+der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass
+ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein,
+sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner
+Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn
+... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass
+niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«
+
+Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten:
+»Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen
+zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die
+Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten
+erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt«
+mit unangenehmen Berichten!
+
+Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den
+Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht
+steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch
+niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu
+entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter
+abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung
+auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger
+weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien,
+da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die
+Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von
+Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.
+
+Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des
+Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch«
+zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und
+sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von
+Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv
+nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in
+einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.
+
+Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement,
+und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im
+Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr.
+
+Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte
+sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen
+zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung
+meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel
+und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man
+zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der
+Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne
+schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote
+zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre
+rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl
+notwendig geworden war.
+
+Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen
+könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot
+herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und
+dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben
+wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in
+meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich
+gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben,
+dass sie vorhanden sind.
+
+Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges
+Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher
+Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder
+nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden
+werden kann.
+
+Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein,
+der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin
+versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen
+aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich
+weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche
+nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java
+nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge
+viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben
+Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java
+eingeführt ist.
+
+Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem
+Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert,
+und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam
+machen.
+
+Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten
+für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat
+den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen
+Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der
+Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe
+bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind,
+dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu
+den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von
+mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die
+Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels
+haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,
+Einfuhr: entsprechenden Mangel.
+
+Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt
+sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass
+alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen
+Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier
+keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer
+Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die
+widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort
+ist. Das ist doch Wohlstand!
+
+Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als
+nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen
+würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie
+ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von
+vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten
+alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer
+Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam,
+seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten
+einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein
+anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung
+des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die
+gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange
+unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren
+könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung,
+in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?
+
+Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander
+folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas
+Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als
+die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein,
+die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit
+ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes
+entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen
+und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden
+sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur
+Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das
+Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?
+
+Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht
+die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit
+unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger
+Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der
+Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene
+Häuptlinge handelt.
+
+Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen
+Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten
+müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die
+Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese
+Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen,
+als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse,
+das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum
+und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung
+geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die
+nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub
+schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der
+Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen
+Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in
+Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber
+zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten
+politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind
+gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse
+hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch
+darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann,
+wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber
+diesen Häuptlingen fallen sollte.
+
+Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche
+Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den
+Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den
+Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide
+ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick
+will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der
+sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine
+Pflicht gebunden erachtete.
+
+Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen
+andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu
+seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen
+kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen
+vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu
+kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl
+und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem
+eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden
+sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele
+anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part
+eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari
+und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell
+mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht
+dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und
+seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester
+pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der
+auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach,
+ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil
+er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten
+die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich
+wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie
+wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und
+Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden
+von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich
+Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten
+war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf
+über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«,
+die solche Tiere schuf.
+
+Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal
+herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder
+nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber
+... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig,
+doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist
+gutherzig ... doch er kokettiert damit!«
+
+Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber
+sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich
+allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung
+der Koketterie?
+
+Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar,
+die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig
+haben würde!
+
+War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho
+hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete,
+dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den
+Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein
+derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an
+die Gutherzigkeit selbst.
+
+Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn
+ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die
+geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits
+unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von
+seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem
+rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht,
+wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher
+geringen Höhe auch immer.
+
+Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen
+Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht
+überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und
+Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in
+Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne
+indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte
+er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige
+Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig
+die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:
+
+
+ --Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!
+ Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,
+ Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!
+ Du hast den ganzen Tag so wild gespielt
+ Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.
+
+ --Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick!
+ Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,
+ Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich,
+ Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier
+ Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,
+ Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,
+ Was war das?
+ --Es war ein Klapper, der da fiel.
+ --Thut das dem Klapper weh?
+ --Ich glaube nicht.
+ Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.
+
+ --Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?
+ --Nein.
+ Man sagt, sie fühle nicht.
+ --Warum denn, Mutter,
+ Als gestern ich die Pukul ampat brach,
+ Hast du gesagt: es thut der Blume weh!
+
+ --Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,
+ Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,
+ Das that mir für die arme Blume leid.
+ Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,
+ Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war.
+
+ --Doch, Mutter, bist du auch schön?
+ --Nein, mein Kind,
+ Ich glaube nicht.
+ --Allein du hast Gefühl?
+
+ --Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich.
+
+ --Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh,
+ Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?
+
+ --Nein, das thut mir nicht weh!
+ --Und, Mutter, ich ...
+ Hab' ich Gefühl?
+ --Gewiss, erinn're dich,
+ Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein
+ Dein Händchen hast verwundet und geweint.
+ Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,
+ Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief
+ In eine Schlucht hinunterfiel und starb.
+ Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.
+
+ Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?
+ --Ja, oft!
+ Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,
+ Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift
+ Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt,
+ Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.
+
+ --Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,
+ Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?
+
+ --Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht,
+ Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.
+
+ --Doch, Mutter ... höre, was war das?
+ --Ein Hirsch,
+ Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt
+ Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht
+ Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.
+ --Mutter,
+ Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich?
+ Und eine Mutter auch?
+ --Ich weiss nicht, Kind.
+
+ --Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre!
+ Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?
+ Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?
+
+ --'s ist eine Feuerfliege.
+ --Darf ich's fangen?
+
+ --Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,
+ Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald
+ Du's mit den Fingern allzu roh berührst,
+ Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.
+
+ --Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht!
+ Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...
+ Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort
+ Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe.
+ Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das,
+ Sind das auch Feuerfliegen dort?
+ --Das sind
+ Die Sterne.
+ --Ein, und zehn, und tausend!
+ Wieviel sind denn wohl da?
+ --Ich weiss es nicht,
+ Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.
+
+ --Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht?
+
+ Nein, liebes Kind, auch Er nicht.
+ --Ist das weit
+ Dort oben, wo die Sterne sind?
+ --Sehr weit
+
+ --Doch haben diese Sterne auch Gefühl?
+ Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand
+ Berührte, gleich erkranken und den Glanz
+ Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!--
+ Sag', würd' es auch den Sternen weh thun?
+ --Nein,
+ Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit
+ Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.
+
+ --Kann Er die Sterne fangen mit der Hand?
+
+ --Auch Er nicht: das kann niemand!
+ --Das ist schade!
+ Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin,
+ Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann.
+
+ Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,
+ Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...
+ Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte
+ Auch sie und dacht' an den, der fern war ...
+
+
+Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen
+Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen,
+die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner
+Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe,
+wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.
+
+
+
+
+
+
+FÜNFZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe
+Ungnade der Regierung einigermassen gefürchtet zu haben schien--der
+Mann hatte viele Kinder, und kein Vermögen--hatte also lieber mit dem
+Residenten »gesprochen« über das, was er »weitgehende« Missbräuche
+nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus
+beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen
+schriftlichen Rapport empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt
+und später als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder
+jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche
+Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr
+nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten gewöhnlich
+eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natürlich alles
+leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen,
+die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti
+zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. »Nein, der Büffel sei
+ihnen nicht abgenommen worden für nichts, sie glaubten ja, dass ein
+doppelter Preis dafür werde bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht
+von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs
+des Regenten zu arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti
+sie später reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre Anklage
+erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... sie seien
+wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen möge für so
+weitgetriebene Unehrerbietigkeit.«
+
+Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage
+zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine
+schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu stützen, und
+ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit
+einem ungünstigen Bericht zu »belästigen«. Die ruchlosen Ankläger
+wurden mit Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert,
+und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen
+Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« zu haben.
+
+Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage
+sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder--und das geschah
+häufig--wenn dieselben Kläger zurückkehrten und ihre Einziehung
+einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen,
+um wieder darüber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe
+Komödie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen
+Menschen gehalten zu werden, der--dumm und bösartig vielleicht--so oft
+Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen werden
+mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen
+Verhältnis zwischen dem vornehmsten Inländischen Häuptling und dem
+ersten Europäischen Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen
+gegen diesen Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde
+aus den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt waren, wo
+sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings unterstanden,
+den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür angeklagt hatten?
+
+Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, flüchtete. Darum
+schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum
+waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufständischen in den
+Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an
+die Häuptlinge gefragt: »Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen
+in den Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche
+anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidul vor?«
+
+Doch nicht jeder konnte flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens
+den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd,
+ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte ... er
+war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten,
+dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen
+Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rückkehr
+in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprügel erspart,
+die die Strafe sind für jeden, der einen Augenblick meinen mochte,
+dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die
+Strafe für den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte,
+dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen
+und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ...
+
+War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am
+andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte--wie dieser ihm
+abends sagen liess--und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung
+zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung hinunterführen würde,
+gewohnt, Überbringer zu sein der brüderlichen Grussgeschenke der Haie
+im Binnenlande an die Haie in der See?
+
+Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem
+Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen
+und hierin einer höheren Macht verantwortlich sei als der Macht
+einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb,
+doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man,
+wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darüber,
+nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte?
+
+Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als
+»älterer Bruder«, und wer meinen möchte, dass ich in Eingenommenheit
+für den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach,
+übermässig herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher
+Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er
+ihm für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange
+darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur Verbrugge--als
+Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als
+also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu fürchten war--wie
+dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief:
+»Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!«
+
+Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er
+hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel
+drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit
+sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt
+und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in
+benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel
+Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der
+Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen
+zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit
+dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von
+Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger
+erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen
+waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte
+die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig
+zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig.
+
+So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und
+noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde.
+
+Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die
+Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten
+fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein
+Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich
+sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf
+das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen
+unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde
+ersparen können.
+
+Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit
+der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden
+werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur
+auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie
+dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier
+vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich
+mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten,
+mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte
+und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.«
+
+Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er
+zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf
+unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er
+gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör
+ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in
+der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen
+Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch
+wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und
+Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder
+zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie
+richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge
+aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag,
+den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar
+nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass
+sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden
+war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen
+verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches
+Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch
+das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr
+Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede
+von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung
+auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand
+sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den
+eigenen Kopf geschlagen hatte.
+
+Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie
+da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen
+... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau,
+wann sie ihn allein lassen musste.
+
+In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur
+bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.
+
+--Das ist eine schwierige Sache, M'nheer Havelaar, sagte er
+eintretend. Sehr schwierig!
+
+Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung
+enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von
+Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser
+finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas
+schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere
+ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage
+gefunden haben würden.
+
+Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut
+worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den
+Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten,
+die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür
+auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und
+des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den
+ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch
+unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen
+Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten
+werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung
+selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit,
+die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es
+wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so
+menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.
+
+Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude
+errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der
+Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den örtlichen
+Preisen der Materialien und von der Höhe der Arbeitslöhne am
+Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer
+genauen Untersuchung diesbezüglich beauftragt und ihm anbefohlen,
+die Preise der Wahrheit gemäss anzugeben, ohne Rücksicht darauf,
+was früher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden
+war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht übereinstimmten
+mit den Angaben, die einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun
+nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für
+Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was
+hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass
+er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen
+würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstücken
+eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu
+sein scheint.
+
+Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz
+über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts
+angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier
+eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der
+amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile,
+nicht allein mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von
+dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist,
+mit denen jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und
+ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte.
+
+
+ »Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. März 1856.
+
+ An den Kontrolleur von Lebak.
+
+
+ Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom
+ 16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie
+ ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem
+ Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen,
+ was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.
+
+ Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich dessen,
+ was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der
+ Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung
+ und im Auftrag derselben zu liefern sind.
+
+ Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem--und wie
+ ich glaube, nach Ihrem besten Wissen--Folge gegeben, so dass
+ ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten,
+ diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten
+ unterbreitet habe.
+
+ Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses,
+ No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird bezüglich
+ der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen
+ und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines
+ Gefängnisses gezahlt wurden.
+
+ Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen
+ mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was
+ Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die
+ Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben
+ vom 5. dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich
+ besprachen.
+
+ Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.
+
+ Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des
+ Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der
+ Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich
+ gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen
+ zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit
+ lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas,
+ das ich in Kürze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach
+ freundschaftlich warnte.
+
+ Halbheit führt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr
+ ist unwahr.
+
+ Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen,
+ vollständigen Eide thue man seine volle Pflicht.
+
+ Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze ihn.
+
+ Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu
+ ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich
+ selbst, die eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist,
+ gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und
+ überall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu
+ »schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf
+ dem rechten Wege antreffen wird.
+
+ Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim
+ Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von
+ Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend
+ sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit
+ darauf angespielt.
+
+ Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen von Mangel
+ und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir eingegangen war,
+ und ich darauf schrieb: »Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es
+ ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptsächlichste Wahrheit. Die
+ Hauptursache sitzt tiefer«, stimmten Sie dem in vollem Umfange
+ zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern,
+ dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten.
+
+ Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und
+ unter anderm den, dass ich es für unbillig hielt, auf einmal
+ von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle
+ ebensowenig sich reissen würden, Sie zu zwingen, so auf einmal
+ dem gewohnten Laufe der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet
+ zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist,
+ als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich
+ erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher
+ es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb.
+
+ Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter
+ meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt
+ die Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die--es sei denn,
+ dass ich irre--zuguterletzt triumphieren werden--jetzt wünschte ich
+ doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die
+ wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene Kraft erwürben,
+ die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus
+ sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar
+ jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur
+ darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen.
+
+ Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollständige Angabe
+ dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint
+ zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854.
+
+ Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses
+ Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu
+ kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt
+ haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage,
+ als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss
+ die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger
+ Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten
+ erzogen wurden.
+
+ Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn
+ Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement
+ unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu
+ folgen, gegen den ich mich auflehne.
+
+ Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen«
+ begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie
+ unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit«
+ anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser
+ langweilenden, sinnstörenden Titulatur.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von
+Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte,
+als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe
+aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten.
+
+Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt,
+um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von
+dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere
+Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten,
+der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste,
+dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise
+von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also,
+dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte,
+die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch
+mit der Furchtsamkeit derjenigen, die--wie sehr auch sie selbst diese
+unreellen Handlungen missbilligten--sich nicht berufen oder geeignet
+erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten.
+
+Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen
+zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit
+des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene
+Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig
+zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht
+vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder
+der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners,
+der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner
+angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese
+armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen
+zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten?
+
+Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine
+Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis
+grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem
+Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am
+liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er,
+der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den
+schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der
+Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite
+ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein
+Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde
+verraten können.
+
+War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine
+mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn
+aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt,
+dasitzen sah?
+
+Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit
+derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen
+Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen hatten. Nein,
+zur Not würde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hülfe von
+andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer,
+die dieses Rechtes bedürftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss
+auf das Volk er hatte, und wie--wenn einmal die armen Unterdrückten
+aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie
+ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten--er wusste,
+wie er die Macht hatte, auf ihre Gemüter zu wirken, und wie die
+Kraft seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache
+von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass seine
+Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, hielt ihn
+also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten
+anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte
+er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung,
+abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.
+
+Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn
+wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen
+Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt,
+den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen
+Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu
+glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der
+vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend
+machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl
+seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr
+für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon
+gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie
+ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier
+das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass
+er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht
+überzugehen--des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen
+müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere.
+
+Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der
+Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde,
+und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese
+Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger,
+als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen
+es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er
+das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon,
+als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war
+bei all seinem Scharfsinn?
+
+Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.
+
+
+
+Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung
+bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen
+muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es
+denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung
+neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren
+Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten
+des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu
+lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf
+die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher
+Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem
+noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über
+sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine
+Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis,
+der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich
+nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt
+den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor
+sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem
+Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen
+Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen,
+mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein.
+
+Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens
+die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines
+Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann
+wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an
+vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an,
+dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen
+unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu,
+dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt
+sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und
+tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor
+allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist,
+hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner
+hohen Berufung zu genügen.
+
+Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum
+erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt,
+in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues
+Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des
+Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen
+sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen
+Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde,
+was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er
+ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können,
+was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar
+selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen.
+
+Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich
+übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es
+schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen,
+die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des
+Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich
+lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen
+würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der
+Generalgouverneurs meine ich angeben zu können:
+
+Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn.
+Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der
+durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten.
+
+Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf
+und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit
+vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz.
+
+Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang--vielleicht gar als
+Ursache dieses Übergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden.
+
+Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für
+diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als
+sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der
+ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später--nach der
+Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um
+deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht
+in der Absicht sich zu bereichern«--z. B. einen Büschel Bananen im
+Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden
+in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld
+hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend
+welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können,
+wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn
+der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen,
+was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr,
+ad libitum.
+
+Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem
+Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung
+vorzubeugen ...
+
+
+
+Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden
+müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne,
+um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt
+die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die
+Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung
+frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel
+zu suchen?
+
+Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil,
+der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die
+Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil
+dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in
+Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit
+der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor
+der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?
+
+Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er.
+
+Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es
+ihm geholfen?
+
+Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er.
+
+Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit,
+Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des
+Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen
+von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen
+Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie
+verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife!
+
+Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu
+ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten«
+und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der
+kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb,
+durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken
+trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines
+blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken
+schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man
+geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser
+des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es
+ihm geholfen?
+
+Wenn ich also gehört werden will--und verstanden vor allem!--muss
+ich anders schreiben als er. Aber wie dann?
+
+Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat
+mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff
+deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben,
+wie du es wünschest.
+
+
+
+Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen,
+an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog
+Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der
+ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte
+an dieser Krankheit gelitten!--schon so häufig hatte er das alles
+wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut
+bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur
+beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten
+andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch
+der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde.
+
+Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein,
+wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner
+von Lebak würde auftreten müssen.
+
+
+
+
+
+
+SECHZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm
+mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch
+darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er
+wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen
+grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong
+solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen
+würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden
+mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann
+vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den
+Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich
+tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige
+Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu
+besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste
+er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben,
+unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.
+
+Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck
+auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht
+der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch
+ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund
+gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht
+thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt,
+vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern
+derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin
+auch nur zaghaft und verstohlenerweise.
+
+Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend,
+wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie
+gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die
+mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn
+sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums
+Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und
+er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem
+Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war,
+und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom
+Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis,
+dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten
+raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars
+Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen,
+dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der
+Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies
+hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar
+zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass
+sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen
+würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten,
+wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an
+dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen
+und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch
+der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte
+er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von
+Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der
+Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er
+bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und
+zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung
+zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung
+der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge
+den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen,
+und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden,
+dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die
+Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde.
+
+Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte,
+erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung
+eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner
+Bemühungen.
+
+Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen
+Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah
+in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und
+den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin
+Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen
+Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte,
+so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von
+zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben,
+denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind
+für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt:
+dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem
+Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben,
+und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist.
+
+Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ...
+
+Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel
+minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten,
+von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich
+dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die
+Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde
+ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum
+Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines
+gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des
+Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis
+sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich
+abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu
+die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals
+das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe
+sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los
+gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich
+die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der
+Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen
+Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder
+verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den
+Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.
+
+Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar
+Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in
+Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres
+Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise
+zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum
+wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die
+Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von
+dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und
+wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen,
+ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den
+diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm
+dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also
+nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-,
+ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche,
+leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt
+wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich
+bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr
+ausgesetzt sind?
+
+Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen
+Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt,
+die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd
+sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich
+bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen,
+die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen
+Personen so besonders schwierig machen.
+
+Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies
+dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie
+ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java
+Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia,
+Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande
+genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet,
+und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen
+Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung
+eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten
+Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als
+mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den
+eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer
+gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu
+Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird
+wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in
+zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen
+Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus
+berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss,
+wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden
+sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist,
+der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen,
+dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak,
+dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa
+verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den
+Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich,
+die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich,
+ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre
+Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg
+erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum
+Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen
+Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung
+Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft,
+die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und
+oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis
+von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals
+Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen
+Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis
+auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der
+rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit
+ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten,
+der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der
+Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu
+verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie
+unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.
+
+Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der
+Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen
+doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur
+von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in
+Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt
+sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien
+selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich
+stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze
+Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu
+verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht,
+als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner
+Rede behandelt.
+
+Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft
+wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft,
+indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz
+abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine
+Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt
+machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage
+nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt,
+sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes
+beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person
+ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in
+Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus,
+dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer
+trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar
+scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner
+Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird,
+wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung,
+wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs,
+der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines
+Ministeriums für die Kolonien zu setzen.
+
+Es ist eine eigentümliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer
+Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht
+man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis
+zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein
+kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht
+darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die
+Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man
+sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie
+Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine
+Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man
+annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn
+nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher
+Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer
+fallen würde--sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem
+Gegner günstig erwiesen.
+
+Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in
+Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach
+der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen,
+was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen
+soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so
+mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen,
+doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend
+einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in
+Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates
+gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in
+Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder
+mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist
+betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil
+aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel
+gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur
+zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören.
+
+Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten
+Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein
+Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies
+anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass
+man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht
+noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium
+für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für
+den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.
+
+Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer
+Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen
+erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem
+die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des
+Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien
+und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt,
+zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für
+sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den
+Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang,
+und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren
+ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass
+Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des
+Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu,
+»dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete
+seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!
+
+Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak,
+Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen
+eintöniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt übergehe.
+
+Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der
+Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den
+Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur
+Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht,
+um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss
+fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den
+Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund,
+der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht
+ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat,
+ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper,
+auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich
+auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss
+das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last
+zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in
+steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der
+Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt,
+sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb
+entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe
+weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht:
+der Baum schnellt zurück--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach,
+die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen
+Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in
+dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres
+Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel
+Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift
+sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch
+einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen.
+
+So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will
+ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der
+Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von
+Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings,
+wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird
+sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie
+schwarz--und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug,
+ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie
+darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung.
+
+Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig
+sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser
+dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit
+verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis,
+Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere
+Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren
+haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand
+Seelenvortrefflichkeit.
+
+Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so
+weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel
+aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der
+Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde
+her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn
+ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause,
+sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da
+verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln
+und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich,
+o Niederländer!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen
+lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man
+seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über
+so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der
+Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich,
+dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den
+König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich,
+in deinem schönen Reiche Insulinde!«
+
+Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der
+Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl
+überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven
+in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen
+Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den
+weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit
+B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als
+... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf
+der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt
+mit Sinken?
+
+»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!«
+habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn
+ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz
+bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern
+geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen
+und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn
+der Kaffee steht sehr gut.
+
+Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel
+wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel
+gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht
+recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit
+seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz
+macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die
+in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind
+das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz
+äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen
+gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen
+in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz
+bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das für
+nützlich in Geschäften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal
+grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den
+Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann
+kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser
+Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei
+ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss
+man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo
+es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die
+Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe
+noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt
+Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit
+betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht
+gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für
+die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.
+
+O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch
+schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler
+in Kaffee--und für andere--dann hätte ich's lieber selbst gethan. Doch
+hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und
+das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin
+aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem
+Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal
+mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat,
+dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen
+toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken
+lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie
+gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur
+deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker
+macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei
+ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich,
+als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht
+der Fall, denn sie machen in Zucker.
+
+Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib
+kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun
+schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch
+hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht--steht es ihm wohl gut,
+dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine
+Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur
+werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine
+ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte
+geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O,
+damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein
+General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des
+Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er
+hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich
+ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre
+und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck &
+Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die
+haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss,
+weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman
+wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind.
+
+Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der
+Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte
+von Lot--hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine
+Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte
+zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen
+nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste
+ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb
+mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was
+immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit
+ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte
+lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie
+mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe,
+dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche
+Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das
+sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser
+Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in
+der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten
+angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen,
+auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter
+anderm ein französisches Lied singen hören--von Béranger, glaube
+ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend
+an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne
+Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anständig ist.
+
+Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen
+hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein
+Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein
+Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer
+im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt,
+denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die
+Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter,
+die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette
+Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom
+Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel
+auf Sittlichkeit.
+
+Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz
+sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er,
+da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies,
+denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar
+klagt über seine Anmassendheit--über Fritzens, meine ich--in der
+Katechismusstunde, und der Junge scheint--natürlich wieder aus dem
+Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben,
+die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist
+rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei
+Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal
+neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines
+Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von
+Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige
+Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach
+dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit
+Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot
+des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu
+fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist
+für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein
+junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie
+und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen
+Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind
+für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter
+den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick
+zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...«
+
+»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.--Leser,
+was soll ich mit dem Jungen anfangen?
+
+Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist
+ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O,
+junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie
+vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie
+bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt
+werden zu den Böcken auf der linken Seite ...«
+
+Da brach der Taugenichts in Gelächter aus--Fritz, meine ich--und auch
+Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem
+Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe
+gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt,
+die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.
+
+Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem
+Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und
+Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was
+gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn
+ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen
+Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger
+Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott
+alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet
+nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom
+Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das
+kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen
+arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang
+pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut
+da drüben. Das ist Gottes Wille so!«
+
+Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn
+es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine
+Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während
+die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas
+geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die
+Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten,
+haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen,
+der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der
+Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich
+gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch
+den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin
+ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die
+vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so,
+als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung
+eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes,
+der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist
+das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da
+drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren
+Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten
+sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen,
+das kein Vaterunser kennt?
+
+O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie
+leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in
+den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach
+Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft,
+die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit
+seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist
+bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen
+sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als
+ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint
+zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von
+Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu
+beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von
+schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline
+keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und
+am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um
+und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art
+trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas,
+die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn
+er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der
+Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich
+so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist,
+und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags
+gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So
+ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen
+hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte
+an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock
+laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul,
+dünkelhaft und kränklich wäre.
+
+Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um
+Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern
+Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem
+kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah
+entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich
+bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der
+Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden,
+kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer
+von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher,
+dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem
+Solitärspiel finde.
+
+Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und
+hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held
+der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher
+gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann
+später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das
+Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr
+wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und
+wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles
+aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im
+Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin
+dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich
+habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen
+Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und
+nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit
+mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich
+und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen
+suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte,
+habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden
+meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich
+aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat
+der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der
+Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise
+habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre
+1848 von all dem Murren zu denken hatte.
+
+Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko«
+offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so
+schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas
+davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit
+den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil,
+sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er
+Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen
+Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht
+hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer
+über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass
+für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu
+verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul,
+dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm
+nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der
+Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten
+sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam,
+wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen
+sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich,
+aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf
+Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es
+muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm,
+das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.
+
+
+
+
+
+
+SIEBZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als
+nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm
+abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein
+Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten,
+dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des
+Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten
+und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.
+
+Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen,
+die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches
+Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.
+
+Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine
+Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war,
+und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.
+
+Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen,
+wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde,
+denn darauf steht Gesetzesstrafe.
+
+Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater
+war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder
+um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit
+Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der
+am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden,
+für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.
+
+Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen
+Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich:
+Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der
+javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt,
+anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts,
+links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt,
+das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.
+
+Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast
+sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme
+schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu
+geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen,
+scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das
+Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite
+Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten
+lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.
+
+Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes,
+das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen
+an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war
+mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um
+die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube,
+dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser
+zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl
+für ein gutes Wort.
+
+Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser
+Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang
+abgenommen wurde.
+
+Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne
+Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--für achtzehn
+Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.
+
+Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern
+Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden
+war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen
+habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage
+hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er,
+dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das
+Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.
+
+Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem
+er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen,
+lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.
+
+Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.
+
+Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des
+Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell
+eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so
+leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem
+auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl
+war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war
+willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich
+Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen
+die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch,
+dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn
+die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen
+undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern
+mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte
+ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt,
+dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.
+
+Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig
+am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so
+grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich
+nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder,
+der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht
+versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben
+Ausdrucks erspare.
+
+Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil
+er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre
+Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen,
+denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er
+schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn
+den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte
+... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen,
+sodass das Zahnfleisch bloss lag ...
+
+»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah,
+fliehe! da ist ein Tiger!«
+
+Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich
+auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über
+Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes
+Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und
+schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.
+
+Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel
+bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein
+unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und
+ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...
+
+Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss
+um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod
+wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine
+Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft
+überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende
+Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine
+ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über
+das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang
+... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihn mit seinen
+Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger
+ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem
+Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem
+User-useran dieses Büffels!
+
+Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...
+
+ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!
+
+... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre,
+und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie
+hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen,
+und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah
+sehr traurig gesehen.
+
+Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter
+am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres
+geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während
+sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass
+es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft
+mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit
+in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib
+ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische
+Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und
+sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier
+doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später,
+dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er
+auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet
+zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter
+war, die ihn schlachten liess.
+
+Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er
+hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht
+bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel
+zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und
+ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten
+dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt
+er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten
+Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten,
+und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen
+Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es,
+dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak
+und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er
+wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen
+hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde
+er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was
+nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde,
+in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten
+begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.
+
+Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich
+nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit
+leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit
+Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck,
+wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.
+
+Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg
+verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren
+Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren
+seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle
+als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt,
+der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last
+hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es
+wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück
+Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf
+diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel
+zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem
+Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der
+Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.
+
+--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug
+sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!
+
+--Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du
+wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und
+batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.
+
+--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?
+
+--Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen
+werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.
+
+--Und du selbst?
+
+--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!
+
+--Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...
+
+--Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?
+
+--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei
+dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume
+gegeben hast.
+
+--Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich
+bei dem Ketapan zu erwarten?
+
+Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:
+
+--Zähl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser
+Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei
+jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben
+eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem
+Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?
+
+--Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein,
+wenn du zurückkommst.
+
+
+
+Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das
+sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen Leinwand Adinda,
+damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.
+
+
+
+Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das
+derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung,
+wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er
+Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später
+kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines
+so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt
+mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb
+dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht
+marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch
+bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den
+grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.
+
+In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er
+ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies,
+wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla
+kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte,
+hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia
+etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es
+kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es
+ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das
+Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm
+unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden,
+weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und
+auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war,
+da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war,
+dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch
+selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten
+sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass
+sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten. Er
+hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen
+Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum
+verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das
+Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von
+Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte,
+als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von
+diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er
+nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun
+dort unter dem Baume Adinda seiner harren.
+
+Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde,
+wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse
+Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das
+ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen
+Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel,
+so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte
+daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer
+Beherztheit sagen?
+
+Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten
+Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal
+gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff
+nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so
+nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn
+nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie
+da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er
+nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal
+ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz
+zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang,
+den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war,
+weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine
+Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war's möglich«,
+dachte er, »deswegen bös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch
+einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklich hierdurch
+die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch
+die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den
+kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--hätte
+ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen
+benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um
+Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als
+wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten
+bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem
+Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb,
+denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«
+
+So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen
+Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie
+sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im
+Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem
+ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst,
+etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es
+schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem
+ Vater, Salz zu machen.
+Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins
+ tiefe Wasser, werden Haie kommen.
+Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird
+den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte,
+ weil er matah-glap war.
+Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke
+ Holz auf meinen Leichnam niederfallen.
+Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein,
+die Wasser werfen, um den Brand zu töten.
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als
+ er einen Klappa pflückte für seine Mutter.
+Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen
+ an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.
+Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre
+werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb,
+ denn seine Haare waren weiss.
+Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen
+ um meine Leiche stehn.
+Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche,
+und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.
+ Ich werd's nicht hören.
+
+
+
+ Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
+Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete
+ sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.
+Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah
+ ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,
+Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird
+ leise über das Gras schleifen ...
+ Ich werd' es hören.
+
+
+
+Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in
+Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah
+nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch
+kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die
+andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung
+stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf,
+denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und
+an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in
+Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher
+nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe
+begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er
+gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn
+und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders
+zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue
+gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den
+Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen
+des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler
+Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.
+
+Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem
+Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass
+er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern,
+und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.
+
+Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber
+dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas
+ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die
+Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen
+Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er
+an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges
+gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube
+es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also,
+um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war
+noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene
+Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher
+aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit
+einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In
+den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von
+silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel
+war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!
+
+Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug
+er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.
+
+War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt
+als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen
+Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen
+sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss
+in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand,
+da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie
+er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident
+vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu
+Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War
+es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die
+ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul
+sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die
+Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen
+sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf
+öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines
+Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach
+Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen
+sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte
+auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger
+Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass
+man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?
+
+Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte
+den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen
+zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die
+Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte
+sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den
+schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen
+auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem
+Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz
+aufzog als Kind, wenn er--wie war's möglich!--sie plagte, und den
+Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah
+ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie
+der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss
+und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am
+Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...
+
+Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz
+andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen,
+Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim
+Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt
+von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des
+neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«
+
+Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und
+die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem
+Wege erzählte.
+
+Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck,
+der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald
+sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte,
+am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und
+betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit
+an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt,
+den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak
+zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete,
+das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der
+Ketapan, den er suchte.
+
+Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte
+als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert
+hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit
+allen Kindern--Knaben und Mädchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie
+ihm die Melatti gegeben.
+
+Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den
+Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen
+Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob
+Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde
+in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen,
+wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte
+... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt
+haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters
+Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine
+Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte,
+was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder
+treu gewesen wäre.
+
+Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem
+Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher
+jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er
+selbst dem Wiedersehen mit Adinda.
+
+Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern
+des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht
+schon am Tage vorher gekommen?
+
+Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen
+Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem
+Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner
+Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn
+zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er
+auf sie warten müsste.
+
+Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne
+aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die
+Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe,
+beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde
+... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge,
+die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren
+Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im
+Osten ein glühender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und
+wieder über den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder
+und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen,
+der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.
+
+Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute
+schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen
+Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief
+Adinda!
+
+Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen
+können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte
+die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre
+Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch
+fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein
+Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem
+sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.
+
+Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock
+sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich
+sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt
+waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass
+sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt
+fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen
+Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde
+vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.
+
+Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit
+fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken,
+dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb
+... wegblieb ...
+
+Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken
+klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu
+blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum,
+doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen
+Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen
+mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und
+vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem
+Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und
+Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott,
+das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!
+
+Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch
+unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank,
+als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in
+menschliche Sprache zu fassen.
+
+Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst
+schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald
+sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge
+über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn
+willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und
+ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern
+an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während
+der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich
+an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines
+kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch
+umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad,
+der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne
+wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so
+gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten
+sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn
+es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!--und sie
+hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater
+war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!
+
+Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über
+den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum
+gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil
+Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minder
+betrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er,
+das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...
+
+Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum
+leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.
+
+Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin
+und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein
+Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt
+und Bewegung--kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es
+und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken
+Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange
+der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald
+äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner
+Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen
+zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:
+
+
+ Sieh, wie der Badjing Atzung sucht
+ Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,
+ Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:
+ Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.
+
+ Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch' dir Heil!
+ Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...
+ Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
+ Wartend auf Atzung für mein Herz.
+
+ Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...
+ Lang' schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...
+ Doch immerdar noch ist meine Seele
+ Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!
+
+
+Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum
+leitete.
+
+Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien,
+weil es warm zu werden begann:
+
+
+ Sieh, wie der Falter dort rundflattert.
+ Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.
+ Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:
+ Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.
+
+ Viel Glück, mein Falter, ich wünsch' dir Heil!
+ Sicher wirst du finden, was du suchst ...
+ Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
+ Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.
+
+ Lang' schon hat der Falter geküsst
+ Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...
+ Doch immerdar noch ist meine Seele
+ Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!
+
+
+Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum
+leitete.
+
+Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in
+der Luft.
+
+
+ Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,
+ Hoch über dem Waringi-Hügel.
+ Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,
+ Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.
+
+ Viel Glück, o Sonne, ich wünsch' dir Heil!
+ Was du suchst, wirst sicher du finden ...
+ Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
+ Wartend auf Ruh für mein Herz.
+
+ Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein
+ Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...
+ Und immerdar noch wird meine Seele
+ Und mein Herz bitter betrübt sein ... Adinda!
+
+
+Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan
+leitete.
+
+
+ Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,
+ Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,
+ Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,
+ Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,
+ Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...
+ Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,
+ Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...
+ Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist,
+ Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln
+ Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.
+ Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...
+ Meine Seele ist bitter betrübt ... Adinda!
+
+
+Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
+Baum leitete.
+
+
+ Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.
+ Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:
+
+ "Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen,
+ Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.
+ Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,
+ Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.
+ Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,
+ Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!"
+
+ Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich öffnen,
+ Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...
+ Noch einmal will ich die Melatti küssen,
+ Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda!
+
+
+Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
+Ketapan führte.
+
+O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von
+all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher
+hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!
+
+Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht
+scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?
+
+Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der
+Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen über Adinda,
+nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein,
+sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!
+
+Er sollte warten, warten ...
+
+Aber wenn sie krank wäre oder ... tot?
+
+Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der
+von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts
+und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es
+standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen:
+»Saïdjah, Saïdjah!«
+
+Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte,
+Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das
+Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich
+vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu
+sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein
+Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog
+er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an
+seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte,
+und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«
+
+Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit
+Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen,
+dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht
+im Dorfe Badur sei.
+
+Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den
+Büffel weggenommen hatte ...
+
+ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!
+
+... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes
+Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es
+säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er
+seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...
+
+weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!
+
+... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda
+mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs
+Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er
+Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder
+nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch
+in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen,
+dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in
+den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha,
+Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die
+durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden
+waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht
+bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers
+gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und
+liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie
+sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die
+europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an
+der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den
+hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der
+Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über
+offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.
+
+Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm
+sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht
+völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem
+Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise
+durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter
+der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach
+nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um
+ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.
+
+Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den
+armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach
+er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme
+aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben
+soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den
+Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die Genesung Saïdjahs zu
+bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.
+
+Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom
+Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle,
+wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil
+so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der
+bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die
+durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten,
+wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden
+Bergspitzen berechnet.
+
+Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!
+
+Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches
+strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er
+suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden
+Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte
+gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte,
+wenn sie sich schlafen legte ...
+
+Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu
+Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine
+geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...
+
+Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der
+Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die
+Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum,
+um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen
+konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt,
+zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...
+
+Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines
+Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte
+er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die
+Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die Niederländische
+Herrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an,
+weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war
+sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.
+
+Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren,
+schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das
+Niederländische Heer erobert war und also in Flammen stand. Saïdjah
+wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils
+aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter
+den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den
+Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der
+Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen,
+Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam
+Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...
+
+Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende
+Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende
+gemacht zu haben schien ...
+
+Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem
+Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden
+Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich
+mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen
+Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen
+die Brust vordrangen ...
+
+Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den
+neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der
+Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb
+heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt
+sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener,
+belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.
+
+Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der
+Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man
+vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten
+hatte unter dem Banner der Niederlande ...
+
+
+ "Doch Gott, der alles Weh ersicht,
+ Erhörte dieses Tages Opfer nicht."
+
+
+
+
+
+Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht,
+als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges
+zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der
+Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte
+ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu
+hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich
+begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde
+stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit
+der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch
+empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde,
+wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.
+
+Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor
+mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.
+
+Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb
+hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs
+ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht,
+ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden,
+weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda
+die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...
+
+Dies alles weiss ich nicht!
+
+Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass
+es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung
+im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits,
+dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern
+von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat
+vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem
+Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof
+gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise,
+in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird,
+Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der
+die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen,
+wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung
+in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von
+Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift
+der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine
+ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in
+den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt
+ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen
+lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der
+Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.
+
+Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu
+beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah
+erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda
+in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und
+mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde,
+dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!
+
+Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
+weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein
+samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft,
+die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen
+Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der
+mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die
+die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht
+niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin
+dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst
+oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der
+Wirkung--wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden
+nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein
+Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren
+Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete,
+um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu
+lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm
+die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld--oder
+die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid
+der Lüge borgen muss?
+
+Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine
+Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen
+können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe
+wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und
+Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wäre
+immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen
+die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen
+Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst,
+besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer
+nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der
+Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde,
+wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese
+singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...
+
+Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im
+Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen,
+dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es
+sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder
+solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber
+Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen,
+die nicht sentimental sind?
+
+Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit
+der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem
+Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser
+Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf
+ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen
+gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält,
+wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine
+"weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers
+von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet
+wurde: eine Note, die vor mir liegt!
+
+Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch
+Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.
+
+O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart
+gestraft. Er wurde ermordet.
+
+
+
+
+
+
+ACHTZEHNTES KAPITEL.
+
+
+Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine
+in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering
+trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu
+wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies
+dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor
+eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte,
+dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen
+entlang nach Havelaars Haus zurück.
+
+»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar,
+und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone,
+damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf
+einem Erbe, das früher das ihre war:
+
+--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die
+Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben
+gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas,
+was man in der Küche braucht?
+
+Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher
+Zug, der Havelaars Blick nicht entging.
+
+--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!
+
+--Gewiss, das giebt's überall. Doch wenn man es den Menschen so
+schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw,
+erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht
+üben über das Erbe!
+
+Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in
+ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die
+Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des
+Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre.
+
+--Er wollte Gerechtigkeit üben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme
+Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der
+die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in
+Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe
+gefunden haben im Archiv?
+
+Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften
+vor mir liegen.
+
+--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe,
+doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die
+Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten,
+den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten
+alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung
+der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls
+keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den
+Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging
+kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im
+Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in
+erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen
+deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er,
+der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war.
+
+--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar.
+
+--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er
+bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor
+meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde
+wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können,
+und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein
+Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum
+habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen
+verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen,
+und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe,
+damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten.
+
+Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene
+Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche
+machen wollte, »die doch so geräumig sei«.
+
+Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an
+den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei
+Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war
+nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war
+Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu
+meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich
+auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich
+glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken
+zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch
+wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung
+des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine
+ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt
+doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an
+einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen
+konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren,
+der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der
+Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein
+und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der
+Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen
+zu vermuten.
+
+Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger
+vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat,
+diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen,
+dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung
+sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten.
+
+
+
+Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab:
+
+--Woran ist M'nheer Slotering gestorben?
+
+--Das weiss ich nicht.
+
+--Ist er vergiftet?
+
+--Das weiss ich nicht, aber ...
+
+--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!
+
+--Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer
+Havelaar, und ... und ...
+
+--Nun? Weiter?
+
+--Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch
+länger hier geblieben wäre.
+
+--Schreiben Sie das auf!
+
+Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt
+vor mir!
+
+--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und
+erpresst wird in Lebak?
+
+Verbrugge antwortete nicht.
+
+--Antworten Sie, Verbrugge!
+
+--Ich wage es nicht.
+
+--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen!
+
+Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir!
+
+--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage,
+doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass
+Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht
+wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund
+dessen, was ich stets Halbheit nannte?
+
+--Ja!
+
+--Schreiben Sie das auf.
+
+Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir!
+
+--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.
+
+Und Verbrugge konnte gehen. [6]
+
+Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit
+besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war,
+schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.
+
+--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit
+Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.
+
+Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und
+rief schluchzend:
+
+--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken
+zusammen!
+
+
+
+Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht
+zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?
+
+
+
+Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift
+gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter
+denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu
+haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus
+hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog,
+den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch
+nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu
+betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte
+Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner
+Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen,
+doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die
+Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu
+lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht
+sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.
+
+In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften,
+die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube
+ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu
+dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie
+diese Änderung bereitwillig hinnehmen.
+
+
+
+ »No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.
+ Geheim. Eile.
+
+ An den Residenten von Bantam.
+
+
+ Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich
+ mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die
+ Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen
+ gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des
+ 'Pundutan' und dergleichen erfüllen.
+
+ Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität
+ und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess,
+ die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits
+ weit überschritt.
+
+ Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren,
+ und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch
+ Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um
+ mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen:
+ dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte
+ Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt
+ würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die,
+ wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in
+ Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete
+ von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor,
+ zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit
+ grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der
+ Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status
+ seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche
+ Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge
+ zu treffen.
+
+ Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon
+ geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit
+ gegenüber weiteren Fällen.
+
+ Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder
+ Ungesetzlichkeit.
+
+ Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den
+ Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand
+ Kenntnis verschafft.
+
+ Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler
+ Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich
+ kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:
+
+
+ dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
+ Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch
+ ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten,
+ und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung
+ von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich
+ festgestellte, unausreichende Bezahlung;
+
+ dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen
+ Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den
+ genannten Thatsachen.
+
+
+ Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die
+ Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:
+
+
+ 1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile
+ nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder
+ vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch
+ Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen,
+ die ich werde einholen müssen;
+
+ 2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu
+ nehmen;
+
+ 3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren
+ Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss
+ auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung
+ ausüben könnten;
+
+ 4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von
+ dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.
+
+
+ Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben,
+ den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.
+
+ Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die
+ Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die
+ Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt
+ der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste
+ im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls
+ sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert,
+ dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist
+ (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei
+ und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut.
+
+ Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit
+ dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus
+ der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das
+ eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit
+ dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht,
+ ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein,
+der Herr Slymering, privatim!
+
+Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art
+und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt
+wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der
+Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis
+gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu
+»schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden
+Geschäften störe«!
+
+Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige
+Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und
+traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des
+Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den
+Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander
+. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+
+Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser,
+dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die
+Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen
+der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen
+bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken,
+dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er
+so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre,
+drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die
+wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach
+der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn,
+schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst
+recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler
+in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn
+man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich
+das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe
+es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch
+einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der
+Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann
+zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau
+zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib
+weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag
+Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst
+nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen
+und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne
+stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge
+habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte
+also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von
+selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah
+ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes
+Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche
+Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr
+schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf
+dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche
+Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und
+... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen
+Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und
+es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf
+losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass
+Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von
+derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem
+schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die
+Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und
+darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen
+will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein
+Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken
+besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin
+und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau,
+wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus,
+als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe
+ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich
+gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn
+auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir
+eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen
+Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig
+gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann
+führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah
+ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über
+diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer
+unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht
+auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen
+im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass
+die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens
+war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name
+angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt
+von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein,
+der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau
+des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden,
+der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne,
+der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass
+der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl
+sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte,
+indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum
+HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie
+die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch
+vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre
+Schande für die Familie bedeute«.
+
+Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da
+in diesem Briefe stand.
+
+Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare
+Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder
+das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss
+also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen
+Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse,
+und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren,
+weil unser Geschäft so flott geht.
+
+Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es
+gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett
+gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind
+wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen,
+mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der
+Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die
+sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau
+und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und
+meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte,
+brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich
+sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung
+ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan
+zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in
+der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich
+ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf
+den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den
+Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich
+alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir
+gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich
+würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in
+enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran,
+dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten,
+die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das
+nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte,
+als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen
+Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich,
+weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe,
+dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz
+offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem
+Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.
+
+Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei
+einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun
+auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich,
+ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte
+sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine
+rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu
+besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst
+blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das
+Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal,
+eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu
+sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und
+ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt
+wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte
+wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein
+noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und
+auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an,
+gerade wie der Kutscher.
+
+Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des
+Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran
+ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im
+Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an
+all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich
+brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer
+sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran
+that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person,
+die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über
+sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft
+Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte
+seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus
+dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all
+diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu
+sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr
+zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem
+Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich.
+
+Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie
+erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch
+wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen
+nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den
+Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an
+die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis
+dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und
+rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug
+von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte,
+als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein
+Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen
+ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang
+geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch
+ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er
+Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck &
+Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte,
+denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge
+ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen.
+
+Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr,
+der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die
+Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm
+für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen
+anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen
+Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er
+konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er
+sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee,
+den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei,
+dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der
+eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern
+möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass
+der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert
+hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden
+Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch
+sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon
+gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel
+um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre,
+und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube
+im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem
+er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu
+kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle
+Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich
+nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet«
+vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so
+wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor
+Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele
+wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor
+allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren
+und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.
+
+Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der
+Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen
+und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig,
+mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen
+nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn
+als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof,
+einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste,
+die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns
+mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und
+ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden,
+wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns
+da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen,
+denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu
+kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat
+war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation
+schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk
+Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und
+ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich.
+
+Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer
+so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und,
+als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in
+gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel
+seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen
+zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine
+Frau fand es auch.
+
+
+
+
+
+
+NEUNZEHNTES KAPITEL.
+
+
+In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte,
+teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner »dringenden Geschäfte«
+am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was
+gethan werden müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche
+Erwägungen zu bedeuten hatten--sein Vorgänger hatte so oft mit dem
+Residenten von Bantam »abouchiert«!--schrieb den nachfolgenden Brief,
+den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben
+sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar
+zu diesem Schriftstück erübrigt sich.
+
+
+ »No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856,
+ Geheim. Eilig. abends 11 Uhr.
+
+
+ Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive
+ No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:
+
+
+ dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen
+ Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von seinem
+ unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides
+ verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen
+ des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdächtig hielte
+ der Erpressung.
+
+
+ Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen
+ Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke,
+ nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen
+ Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung
+ einzuleiten über die Begründetheit meiner Beschuldigung und
+ meiner Vermutung.
+
+ Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe
+ ich zu diesem Entschluss kam.
+
+ Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich
+ getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten
+ Regenten vor Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst
+ vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar
+ voraufgehende--Ursache zu sein.
+
+ Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene,
+ tief niedergebeugte Bevölkerung, ich dachte an die Notwendigkeit
+ eines Beispiels--denn viele andere Bedrückungen werde ich
+ Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von
+ mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende
+ macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher Überlegung habe
+ ich gethan, was ich für Pflicht hielt.
+
+ In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes
+ Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen
+ hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese
+ Sache lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen.
+
+ Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just
+ darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden,
+ um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.
+
+ Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer
+ Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der
+ Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar
+ der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall
+ meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten
+ Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege
+ abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg
+ hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem
+ Namen--es war am 12. dieses--ausdrücklich für diese Diskretion
+ Dank gesagt. Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche
+ zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung
+ durch einen eben gehörten Vorfall überlief, als längeres Schweigen
+ Mitverantwortlichkeit bedeutet hätte, da war diese Geheimhaltung
+ meinethalben nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen
+ habe ich Pflichten zu erfüllen.
+
+ Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern
+ unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene
+ hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen wäre. Und würde
+ oder wird es mir möglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe,
+ »was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein
+ Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter
+ dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen,
+ dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle
+ Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau
+ und Kind ... wird es mir möglich sein, das alles zu beweisen,
+ wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt
+ und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'?
+
+ Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an
+ seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der
+ Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten
+ immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden,
+ den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge würde
+ sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich
+ ein leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort ein
+ unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger auszudrücken.
+
+ Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses
+ Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich
+ kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten'
+ nennen könnte, und ich besitze diesen Geist nicht!
+
+ Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« wäre behandelt
+ worden, lässt mich Befürchtungen hegen vor einer mündlichen
+ Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe,
+ ist wahr. Doch vielleicht würde es unwahr scheinen, wenn die
+ Sache in einer Weise behandelt würde, die die Offenbarwerdung
+ meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der
+ Regent von hier entfernt ist.
+
+ Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen
+ in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten
+ Express mich befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher
+ meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam
+ werden und versuchen wird, wenn möglich die Beweise seiner Schuld,
+ tant soit peu, zu verwischen.
+
+ Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine Missive
+ von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei
+ ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag
+ enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und
+ die von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu machen. Ich
+ vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein für das, was ich
+ vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der
+ Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, öffentlich,
+ und vor allem frei--zuzustimmen belieben.
+
+ Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt
+ ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts
+ Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige
+ und verdächtig erkläre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn
+ er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus
+ dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt,
+ dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe.
+
+ Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!
+
+ Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben
+ und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er
+ berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine 'Nächsten' sind,
+ vergewaltigt werden und ausgesogen!
+
+ Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass
+ die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut
+ gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für
+ mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch
+ Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde,
+ die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis,
+ durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wäre.
+
+ Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen
+ offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen
+ dieses Versäumnisses.
+
+ Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die
+ Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und
+ mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung
+ Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an
+ ihrem Wohlergehen nagt.
+
+ Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu
+ ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz
+ nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung,
+ Rapport und Vorschlag--gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten
+ von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung,
+ von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich
+ dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern,
+ No. 88, mitteilte.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der
+Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem
+Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit:
+was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob
+er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der
+Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete
+er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die
+er--für den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche
+zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars
+vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche
+Handlungsweise ihm bekannt wurde.
+
+Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als
+gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war
+denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete
+durch 'Schippern' und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe
+zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen
+offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache,
+noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die
+»Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war
+erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit
+willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu
+vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten
+beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende
+Schimpfworte geschlagen hat.
+
+Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht
+habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge,
+dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen
+Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand
+ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene
+Erwägungen oder 'Rücksprachen' zu so unerhörter Pflichterfüllung
+hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen
+wahrheitsgemäss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den
+Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der
+Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich
+sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu über,
+diese Briefe zu verlesen.
+
+Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu
+beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht gelogen
+haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die Wahrheit
+des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser
+Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer
+vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da,
+wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar davon
+Gebrauch machte?
+
+Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es würde ihm
+angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke zurücknähme, um sie
+als nicht geschrieben betrachten zu können, was dieser mit höflicher
+Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte,
+ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts
+anderes übrig bliebe, als eine Untersuchung über die Begründetheit
+der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen
+müsste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen
+Halt geben könnten.
+
+Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornsträuchen
+in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen geklopft haben,
+wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören können!
+
+Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio,
+Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt
+hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht,
+der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...
+
+Havelaar antwortete:
+
+»Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt,
+die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich
+klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang,
+ich werde die Begründetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu
+die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich
+bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!«
+
+Wie Verbrugge aufatmete!
+
+Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!
+
+Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit--denn höflich und
+wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen,
+von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser
+Höflichkeit blieb dieser unerschütterlich. Das Ende war, dass
+der Resident sich darin fügen musste, und als Bedrohung sagte,
+was für Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann genötigt sähe,
+die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten.
+
+Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den
+Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und
+nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen Tische der Havelaars
+ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurück, mit grosser Eile:
+Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
+
+Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen
+Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier
+abschreibe:
+
+
+ »No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856.
+ Geheim.
+
+
+ Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O,
+ geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend:
+
+
+ dass Sie Gründe hätten, nicht den Vorschlägen Gewähr zu geben,
+ die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses,
+ No. 88 und 91, machte;
+
+ dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht hätten;
+
+ dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen
+ umschrieben sind, nicht billigten;
+
+ und zum Schluss einige Befehle.
+
+
+ Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz
+ mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu versichern:
+
+
+ dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer Autorität
+ respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlägen
+ Gewähr zu geben oder nicht;
+
+ dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls
+ mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären
+ Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer:
+ bei allem, was ich nicht thue und nicht sage.
+
+
+ Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen vertrauen.
+
+ Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu
+ protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung
+ bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines
+ einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet,
+ gesprochen oder geschrieben.
+
+ Ich habe die Überzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe,
+ sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausführung
+ angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne
+ die mindeste Abweichung.
+
+ Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst:
+ bevor ich »untersuchte, rapportierte und Vorschläge machte«--und
+ wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte
+ ... aus Übereilung fehlte ich nicht.
+
+ In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas schneller
+ jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und lassen.
+
+ Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre etwas
+ missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die
+ Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht,
+ ein Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein
+ Stotterer für das seine--wäre es das immerhin ... doch nein,
+ dies kann es nicht sein, aber wäre es auch so: ich habe meine
+ Pflicht gethan!
+
+ Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid,
+ dass Sie hierüber anders urteilen--und was mich selbst angeht,
+ ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung
+ meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und
+ ich habe Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde,
+ welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine.
+
+ Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht
+ also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss
+ ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass
+ man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von
+ sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn
+ mir zu erkämpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach
+ siebenzehn schweren, mühevollen Dienstjahren, nachdem ich meine
+ besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für meine
+ Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot
+ geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine Gedanken,
+ Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren oder Spaten,
+ wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft
+ meiner Seele.
+
+ Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von
+ Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich
+ bin also verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und
+ Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb,
+ Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:
+
+
+ es möge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch
+ die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen
+ Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben
+ sind, gutheisse.
+
+
+ Oder aber:
+
+
+ es möge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung
+ aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden
+ Punkte der Missbilligung.
+
+
+ Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung
+ zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen könnte von meinen lang
+ durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten
+ Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es würde dies nur der
+ rücksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie
+ in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.
+
+
+
+
+Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns der
+Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen
+machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nämlich
+in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfüllung und
+Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung
+bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle
+Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube,
+ich habe nicht nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die,
+wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen
+muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch
+ein »abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach der
+Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, dass es
+keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen!
+
+
+
+Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der
+Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht.
+
+
+
+Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur
+Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute,
+die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm
+ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe sprechen.
+
+--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch
+verraten Sie mich nicht.
+
+--Was? Was soll ich nicht verraten?
+
+--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem,
+was ich Ihnen jetzt sagen werde?
+
+--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort.
+
+Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass
+nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er
+gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er ihm gleichzeitig
+ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge
+wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Gründe den
+Residenten hierzu veranlasst haben könnten. Havelaar war entrüstet,
+allein ... er hatte sein Wort gegeben.
+
+Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm
+vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern
+zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme,
+ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.
+
+--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!
+
+Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor mir.
+
+Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so leicht
+allen Ansprüchen auf juridische Echtheit der Geschichte Saïdjahs
+entsagen konnte.
+
+Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris
+Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer
+Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte!
+
+Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzähle,
+Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten,
+er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstücke, die vor mir
+liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete
+... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende
+Aufzeichnung mit:
+
+»Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter
+des Niederländischen Löwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident
+von Djokjakarta zu sein. Ich würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge
+auf die Lebakschen Angelegenheiten zurückkommen können.«
+
+
+
+
+
+
+ZWANZIGSTES KAPITEL.
+
+
+Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar
+zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild'
+ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau«
+nicht finden konnte.
+
+--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die
+Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of
+beauty' von Hogarth, nicht wahr?
+
+--Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.
+
+--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine
+Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch,
+wo du das gestickt hast, Tine!
+
+--Ich nicht. Wo denn?
+
+--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil
+der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte,
+und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn
+zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.
+
+Tine stand auf und küsste den Kleinen.
+
+--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind fröhlich,
+und die rote Frau war komplett.
+
+--Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.
+
+--Ich, sagte der kleine Max.
+
+--Und was bedeutet das?
+
+--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen.
+
+--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.
+
+Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem
+gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien,
+denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.
+
+--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.
+
+--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von
+Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.
+
+Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie
+abgebrochen waren.
+
+--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch
+nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!
+
+--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun
+können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist
+alles binnen kurzer Zeit geregelt.
+
+--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte
+Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich
+dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch
+mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak
+lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen
+Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken:
+man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits,
+wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...
+
+--Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von
+hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur
+bist.
+
+Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser
+Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...
+
+Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.
+
+--Lieber Max ... begann sie freundlich.
+
+--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst
+du leben von Sand?
+
+--Lieber Max!
+
+Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging
+zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in
+einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde,
+doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:
+
+--Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich
+nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das
+arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen,
+dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...
+
+Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand,
+einem Brief, der vor mir liegt, Leser!
+
+--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu
+kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von
+den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die
+Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das
+sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere
+Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind,
+um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts
+zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand
+essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!
+
+Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so
+sprach mit ihr, die er so lieb hatte.
+
+--Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur
+Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen
+Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so
+werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte,
+da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und
+wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit
+Frau und Kindern!« Ja, ich hör' es wohl, ich hör' es wohl das Rufen
+nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!
+
+Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.
+
+--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei,
+der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter
+gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass
+das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max,
+o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!
+
+Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf
+den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie
+zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari,
+die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete
+Entscheidung von der Regierung.
+
+--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen
+Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht
+empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel
+an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel
+hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon
+als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen,
+die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn
+nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt,
+wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen
+und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei
+Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss
+also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...
+
+--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam
+geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen
+mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen
+möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des
+... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen
+gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die
+Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten,
+man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben
+werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der
+Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit
+kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man
+selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...
+
+--Da kommt die Post! rief Verbrugge.
+
+Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte,
+einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an den
+gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar:
+
+
+ »Kabinett. Buitenzorg, den 23. März 1856.
+
+ No. 54.
+
+
+ Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung
+ von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke
+ gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef,
+ dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine
+ Unzufriedenheit erregt.
+
+ In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle
+ Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr
+ erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den
+ Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte
+ Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.
+
+ Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt,
+ ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das
+ Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm
+ beschwerlicher Untersuchungen zu machen.
+
+ In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre
+ Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger
+ noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge
+ einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten
+ von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen,
+ doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen
+ Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets
+ günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig
+ vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.
+
+ Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt
+ zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert,
+ dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene
+ Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf
+ die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.
+
+ Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr
+ leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der
+ Binnenländischen Verwaltung schliessen.
+
+ Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung
+ des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.
+
+ Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger
+ Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden
+ wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der
+ Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher
+ vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten
+ von Ngawi betraut.
+
+ Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen,
+ ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt
+ bleiben können.«
+
+
+Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit
+und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er
+desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien
+unterzeichnete.
+
+
+
+--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen,
+und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück
+mit Duclari las.
+
+Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari,
+ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:
+
+--Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe
+gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt
+Ihnen solch einen Brief!
+
+--Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein
+ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch
+vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er
+ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir
+kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die
+Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt!
+
+--Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...
+
+--Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen
+Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den
+Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen,
+was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen
+sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun,
+als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein,
+dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter
+sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel
+Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung
+zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi
+zu gehen. Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her,
+er ist für mich freigemacht!
+
+Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post
+angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den
+ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident
+dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die
+vakant war.
+
+--Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach
+dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von
+Madiun, wozu Ngawi gehört, ist der Schwager des vorigen Residenten
+von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten
+Vorbilder gehabt hätte ...
+
+--Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum
+Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen,
+ob er sich vielleicht bessern würde!
+
+--Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte
+er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit
+abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von
+ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme
+Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch
+vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge,
+so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal!
+
+--Lieber Max?
+
+--Du hast Mut, nicht wahr?
+
+--Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!
+
+--Also!
+
+Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens
+ein Muster von Wohlberedtheit:
+
+
+ »Rangkas-Betung, den 29. März 1856.
+
+ An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.
+
+
+ Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive
+ vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.
+
+ Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer
+ Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des
+ Landes Diensten zu verleihen.
+
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds
+nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die
+Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte
+doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen
+weniger Tage in Lebak an.
+
+--Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.
+
+Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung
+vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger
+abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz
+anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen
+Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch
+noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den
+Kontrolleur Verbrugge:
+
+
+ »No. 153. Rangkas-Betung, den 15. April 1856.
+
+ An den Kontrolleur von Lebak.
+
+
+ Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom
+ 4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten
+ verabschiedet bin.
+
+ Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang
+ dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort
+ niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion
+ zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.
+
+ Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben,
+ und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten
+ nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus
+ Ursachen untergeordneter Bedeutung wartete ich die Ankunft meines
+ Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald--wenigstens
+ diesen Monat noch--eintreffen würde.
+
+ Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht
+ so bald erwartet werden kann--Sie haben, meine ich, hiervon in
+ Serang Kenntnis erhalten--und zugleich, dass es den Residenten
+ verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der
+ ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung
+ Ihnen übertragen zu dürfen.
+
+ Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich
+ brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe,
+ nicht anders dienen zu können, als ich es hier that--ich, der ich
+ für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer
+ für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem
+ Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit
+ vertrauten--mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!--dass
+ ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an
+ meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sache mir
+ schwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen
+ und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin,
+ solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.
+
+ Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich Klägern
+ Antwort zu geben hatte.
+
+ Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune
+ seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich--unvorsichtig
+ genug!--mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des
+ Gouvernements.
+
+ Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen
+ und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und
+ ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und
+ Menschlichkeit.
+
+ Und man fuhr mit Klagen fort!
+
+ Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive
+ dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.
+
+ Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung,
+ Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und
+ Kind Hunger und Armut entgegengehe.
+
+ Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte
+ nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die
+ Verwaltung will, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine
+ Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande
+ und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.
+
+ Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:
+
+
+ »Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach
+ Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über
+ euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet
+ vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht
+ noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke,
+ ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«
+
+
+ So meinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte
+ gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu
+ bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung, die mich
+ noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft
+ meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer
+ Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem
+ doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.
+
+ Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende
+ Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet
+ ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben,
+ ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen--wie man mir
+ rapportiert--ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu
+ bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sich wieder zu mir und
+ erklärt: dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren
+ wage.
+
+ Was ich nun diesem Mann antworten soll, weiss ich nicht!
+
+ Ich kann ihm keinen Schutz mehr geben ... ich darf ihm meine
+ Ohnmacht nicht gestehen ... ich will den angeklagten Dorfhäuptling
+ nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als
+ wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen
+ wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...
+
+ Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten
+ von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung
+ der Abteilung Lebak.
+
+
+ Der Assistent-Resident von Lebak,
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies
+alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim
+Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten
+Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung
+fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.
+
+In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit
+der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.
+
+Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll,
+wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrüssen,
+und Max empfing manchen beredten Händedruck ...
+
+Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...
+
+Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm
+verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.
+
+Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein
+anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.
+
+Seine Excellenz »sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem
+Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«,
+und könne also auch Havelaar nicht empfangen.
+
+Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung
+hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf
+die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn
+er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche
+'Überhäufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun
+natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit:
+er wartete!
+
+Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man
+gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne,
+weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden
+Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.
+
+Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe
+Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte
+zwischen zwei 'Überhäufungen'.
+
+Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen
+werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft
+an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann
+und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um
+die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde
+schien man ihm nicht geben zu wollen.
+
+Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den
+er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen
+Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht
+mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass
+einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies,
+um nicht aus dem Mangel buchstäblicher Übereinstimmung bei diesem
+Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen
+offiziellen Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine
+fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht
+hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen
+genauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen
+können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich
+korrekt war der Inhalt also:
+
+
+
+ »Batavia, 23. Mai 1856.
+
+
+ Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen
+ gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu
+ werden, ist ohne Erfolg geblieben.
+
+ Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten
+ Ersuchen um Audienz Folge zu geben.
+
+ Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig
+ bei dem Gouvernement aufgenommen sind«--das sind Eurer Excellenz
+ eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen
+ Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern
+ gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und
+ für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer
+ Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hört man
+ zum mindesten.
+
+ Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife
+ ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen
+ haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.
+
+ Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht
+ verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine
+ Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht,
+ mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.
+
+ Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz
+ Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind durchweg
+ erdichtet und lügenhaft.
+
+ Ich kann dieses beweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer
+ Excellenz mir eine halbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn
+ Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit hätten finden können,
+ um recht zu thun!
+
+ Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch
+ an den Bettelstab gebracht ...
+
+ Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.
+
+ Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von
+ Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane
+ gebeugt geht ... und darüber klage ich.
+
+ Das schreit zum Himmel!
+
+ Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen
+ indischen Soldes, Excellenz!
+
+ Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese
+ Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht
+ für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache
+ der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache
+ wohlerfasster Politik ist.
+
+ So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können,
+ von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird
+ beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet
+ zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen,
+ die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde,
+ in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in
+ der Bevölkerung umgeht.
+
+ Max Havelaar.«
+
+
+Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.
+
+Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes
+bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen
+trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort,
+ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz
+zur Ruhe begeben ins Mutterland!
+
+
+
+Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...
+
+Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist
+nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich
+ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte
+dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich
+liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist
+genug, Stern, du kannst gehen.
+
+
+
+Der Shawlmann und seine Frau ...
+
+Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher
+Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum
+Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen
+Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!
+
+
+
+Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder
+auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese
+Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.
+
+Dieses Ziel ist zweiteilig:
+
+Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als
+heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem
+Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.
+
+Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.
+
+Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden!
+
+Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern,
+die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von
+Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen,
+von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an
+den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich
+für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande
+... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen
+... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich
+den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das
+Göttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und
+Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem
+sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am
+lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs
+... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen,
+was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von
+Niederland gehört ...
+
+Ja, ich werde gelesen werden!
+
+Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir
+nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben,
+dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt' den
+Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das
+Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art
+und Weise beurteilen wird, wie ich mein »Halt' den Dieb!« hinausschrie.
+
+»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt
+... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein
+Talent ... keine Methode ...
+
+Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt!
+
+Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!
+
+Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird
+sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht, dass ich gehört
+werde. Und das will ich!
+
+Doch ihr, die ich euch störe in euren 'Arbeitsüberhäufungen' oder
+in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet
+nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie
+könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer
+Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke
+geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im
+Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die
+Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten
+vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu
+bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...
+
+... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten
+gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum
+Aufstande zwang.
+
+... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man
+durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die öffentliche
+Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft.
+
+Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette,
+und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!
+
+Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir
+fort und fort nicht glaubte ...
+
+Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich
+kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa
+zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.
+
+Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:
+
+
+ Es liegt ein Raubstaat an der See,
+ Zwischen Ostfriesland und der Schelde!
+
+
+Und wenn auch das nichts fruchtete?
+
+Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische,
+Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...
+
+Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter
+der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!
+
+Rettung und Hülfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf
+dem rechtmässigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss.
+
+Und das würde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der
+Niederländischen Handelsgesellschaft!
+
+Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer
+wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines
+Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.
+
+Dieses Buch ist eine Einleitung ...
+
+Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es
+nötig sein wird ...
+
+Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!
+
+Nein, es wird nicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch,
+Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz,
+Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE,
+das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...
+
+Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher
+Wille ist:
+
+Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und
+Droogstoppels?
+
+Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen
+misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen?
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ERLÄUTERUNGEN ZU INDIISMEN.
+
+
+V. KAPITEL.
+
+
+Seite
+
+49 Radhen Adhipatti Karta Natta Negara: die drei letzten Worte
+bilden den Namen, die beiden ersten drücken den Titel aus. Nach
+den vielerlei Titeln von mehr oder minder scheinbar-unabhängigen
+Fürsten ist der eines Pangérang der höchste. Er könnte etwa "Prinz"
+bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit einem der regierenden
+Häuser von Solo (Surakarta) und Djokja (Djokjakarta) entlehnt ist. Der
+nächstfolgende Titel ist der eines Adhipatti, oder vollständig: Radhen
+Adhipatti. Radhen allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der
+jedoch noch ziemlich hoch über dem Gemeinen steht. Etwas niedriger
+als die Adhipattis stehen die Tommongongs. Der Adel spielt in dem
+Niederländisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle.
+
+58 sawahs, gagahs, tipars: Reisfelder, unterschieden nach der Lage
+und nach der Art der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die
+Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit der Bewässerung.
+
+58 padie: Reis in der Hülse.
+
+58 dessah: Dorf. Anderswo: negrie. Auch: kampong. Der inländische
+Ursprung der beiden letzteren Wörter steht nicht ausser allem Zweifel.
+
+61 alun-alun: ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebäuden, die
+die Wohnung eines Regenten bilden. Gewöhnlich stehen auf solchem
+Platz zwei stattliche waringi-Bäume, aus deren Alter sich erweist,
+dass nicht sie auf den alun-alun gepflanzt sind, sondern dass die
+Regentenwohnung in ihrer Nähe, und wahrscheinlich gerade wegen ihrer
+Nähe an dieser Stelle errichtet worden ist.
+
+62 mantrie: ein inländischer Beamter, dessen Stellung ungefähr als
+die eines "Aufsehers" bezeichnet werden kann.
+
+
+
+
+VI. KAPITEL.
+
+66 sarong: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres
+über die Indische Kleidung unter sarong in den Erläuterungen zu
+Kap. XVII.
+
+66 sirie, pinang, gambier: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und
+Kalk den für den Javanen unentbehrlichen Betel-Kautabak bilden. Auch
+die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der
+braune Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefärbt durch die gambier,
+färbt aller Lippen und Zähne. Schön steht dies gerade nicht, doch für
+sehr mundsäubernd wird das Betelkauen gehalten. Der Genuss von sirie
+mit seinen Zuthaten ist so verbreitet, dass der europäische Begriff
+"Trinkgeld" durch das Wort wang sirih, d. h. Siriegeld, ausgedrückt
+wird.--Die sirie ist das Blatt eines Rankengewächses, das nicht viel
+stärker ist als unsere Erbse und dem Pfefferbaum so ähnlich ist,
+dass der Uneingeweihte diese beiden Gewächse schwer unterscheidet. Es
+ist verwunderlich, dass man die sirie so wenig in der Zahnheilkunde
+anwendet, da sie doch eine säubernde, zusammenziehende Wirkung übt und
+der Geschmack nicht unangenehm ist. Die gambier hat, wie es scheint,
+eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der pinang
+oder areka weiss ich nichts Sicheres hieraufbezüglich anzugeben. Die
+pinang oder areka ist eine Nuss, ähnlich einer Muskatnuss. Doch der
+Baum, auf dem sie wächst, ist eine Palmenart.
+
+66 slamat: Gruss, und in diesem Fall das sehr eigenartige
+Kompliment--Zusammenfaltung--das in dem Text beschrieben wird. Frage:
+besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen slamat, selamat
+und dem Wörtchen Sela, das so oft in den Psalmen vorkommt? Man
+weiss, dass nach den Riten des Orients gottesdienstliche Übungen
+bestehen aus Gebeten und Gesängen, mehrfach unterbrochen durch
+vielerlei Geberden und Komplimente im ursprünglichen Sinne des
+thatsächlichen Zusammenklappens, des Sich-Zusammenfaltens. So
+etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen der Psalmen, und diese
+Vermutung wird verstärkt durch die Beachtung der vermutlich näheren
+Bedeutung des Wortes slamat oder selamat. In Zusammenhang gebracht
+mit Slam oder Islam--durch Buchstabenversetzung verwandt mit mosl,
+muzl = Muselmann--würde vielleicht als ursprünglicher Sinn sich
+herausstellen: der feierliche, ceremonielle oder rituelle Gruss, und
+das würde vollkommen der Bedeutung entsprechen, die das Wort Sela in
+den Psalmen füglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen
+Belehrung gern zugänglich sein.
+
+68 kidang: eine Art Hirsch mittlerer Grösse. Viel kleiner, nicht
+grösser wie ein mittelmässiger Hund, sind die kandjiels, Hirschchen,
+die sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit
+auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft
+nicht am Leben erhalten werden können. Der kidang jedoch scheint,
+ebenso wie die meisten Arten unserer Hirsche, sich leicht anzupassen.
+
+71 tudung: die in Form einer grossen, runden Schüssel geflochtene
+Kopfbedeckung der Javanen; der Tudung schützt sowohl vor Sonne wie
+vor Regen, vor dem der Inländer eine lächerliche Furcht hat. Man hat
+in Europa schon Gartenhüte gehabt, die den Tudungs ähnlich sind.
+
+76 Melattiblume: die melatti ist ein kleines weisses Blümchen mit
+starkem Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse
+Rolle in Balladen, Sagen und Legenden.
+
+76 kondeh: das auf dem Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das
+jedoch niemals durch ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern
+stets durch eine Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der
+Kondeh ist auch niemals 'chignon', sondern stets echtes Haar.
+
+
+
+VII. KAPITEL.
+
+84 pajong: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des Sonnenschirms
+deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell festgelegten
+Bestimmungen, den Rang des Häuptlings an, dem ein solcher Pajong
+nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den höchsten Rang an.
+
+85 tandu: Tragstuhl. In anderen Provinzen auch jolek, djuli und
+ähnlich.
+
+90 Patteh, Kliwon, Djaksa: Inländische Häuptlinge. Der Patteh steht
+dem Regenten zur Seite als Sekretär, Botschafter, Faktotum. Der Kliwon
+ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den Dorfhäuptern;
+gewöhnlich hat er die Aufsicht über die Öffentlichen Arbeiten der
+Gemeinde, Verteilung der Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes
+u. s. w. Der Djaksa ist Polizei- und Justizoffizier.
+
+90 mantrie: Inländischer Beamter, etwa: Aufseher.
+
+91 gong und gamlang: Musikinstrumente. Der gong ist ein schweres
+metallenes Becken, das an einem Strang hängt. Man spielt den
+gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz-
+und Stroh-Instrument. Es hätte an dieser Stelle wohl gleichfalls
+von anklung gesprochen werden dürfen, einem Gestell nach Art eines
+Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es sei darauf
+hingewiesen, dass die Benennungen von all diesen Instrumenten
+Onomatopöen sind, die den Klang geschickt nachbilden. Der gong
+klingt stark, gewaltig und kriegerisch. Anklung und gamlang (gamelan)
+dagegen sanft und lieblich, doch sehr melancholisch.
+
+
+
+VIII. KAPITEL.
+
+106 Dhemang: Distriktshäuptling. Im zentralen und östlichen Java
+heisst dieser Beamte Wedhono.
+
+107 padie: Reis.
+
+108 Bandung: Abteilung (Regentschaft, Assistent-Residentschaft)
+in den Preanger-Regentschaften.
+
+108 patjol: Hacke, Karst, meisselartiger Spaten.
+
+108 banjir: Sturmflut, Sturzflut. Über diese Naturerscheinung hat
+Multatuli ergreifend berichtet in einem Schriftchen: "Zeige mir den
+Platz, wo ich gesäet habe!", dessen Titel dieser Stelle des "Havelaar"
+entlehnt ist. Näheres über die Schrift in meinem Biographie- und
+Auswahlbande, und zwar in der Ersten Auflage auf S. 82 u. 83; bei
+der veränderten und in Neudruck befindlichen Zweiten Auflage dürfte
+die Stelle sich etwas verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in
+einem späteren Bande noch veröffentlicht.
+
+109 dessah: Dorf.
+
+109 kris und klewang: Waffen. Über kris siehe unter Kap. XVII.
+
+112 maniessan: Süssigkeit, Konfituren. Der Genuss desselben beim Thee
+ist chinesischen Ursprungs.
+
+112 Radhen Wiera Kusuma, Distriktshaupt von Parang-Kudjang: der
+im "Havelaar" oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des
+Regenten. In seinem Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete
+Vergiftungsaffaire.
+
+120 djimats: Briefe oder andere Gegenstände, die aus dem Himmel
+fielen und Schwärmern und Bauernfängern zum Kredit verhalfen. Tout
+comme chez nous!
+
+121 garem glap: Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz
+ist in Indien Regie. Es wurde in der That an der Südküste von Lebak
+viel Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht übel zu nehmen,
+wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten,
+um einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen
+Preis bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung
+als unbillig und vor allem grausam gegenüber Strandbewohnern, denen
+das Seesalz ins Haus spült.
+
+
+
+XI. KAPITEL.
+
+157 datu: Inländischer Häuptling.
+
+159 Ophir: Wir finden diesen Namen auf den meisten Landkarten,
+und--wahrscheinlich weil der Berg, der so bezeichnet ist, weit von
+der See her zu sehen ist--auf allen Seekarten. Doch das Wort Ophir
+ist bei den Inländern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefähr
+in der Mitte der Breite des Landes, eben nördlich der Linie liegt:
+Gunung Passaman. Wie also die Kartographen, die offenbar einander
+nachgeschrieben haben, die Benennung Ophir verantworten können, weiss
+ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg mit der Gegend
+in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische König Hiram für
+Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und Edelsteine holen liess (I. Könige,
+IX, 28; X, 11). Es ist sehr gewagt, dies auf Grund eines einzigen
+Wortes zu thun. Und überdies, woher stammt das Wort Ophir? Wer hat
+den Gunung Passaman zuerst so genannt? Der f-Klang lässt an Araber
+denken. In den "Arabischen Erzählungen" wird Sumatra von Sindbad dem
+Seefahrer besucht.
+
+165 baleh-baleh: Ruhebank aus Bambus, Pritsche.
+
+165 klambu: Gardine.
+
+165 pajong: Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal für den Rang.
+
+166 banjir: Sturmflut.
+
+
+
+XII. KAPITEL.
+
+169 traussa: ist nicht nötig!
+
+
+
+XIII. KAPITEL.
+
+196 sambal-sambal: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit
+sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den sambals, die dort
+genossen werden, würde Bände füllen. In wohlhabenden Familien erfordert
+diese Unterabteilung des täglichen Menüs die ausschliessliche Hingebung
+eines Bedienten, und bei Reichen ist hierfür eine Person nicht einmal
+hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so viel als
+möglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das Uneingeweihten nicht
+essbar vorkommt, z. B. unreife Früchte und verdorbener Fischlaich. Die
+Bereitung all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert
+ein wahres Studium. Auch ist für baren (Neulinge) bisweilen einige
+Übung nötig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte geben der
+indischen Küche den Vorzug vor den vielerlei Arten europäischer Küche.
+
+
+
+XIV. KAPITEL.
+
+199 Jang (njang) di Pertuan: "Er, der herrscht". Wenn ich mich
+nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur ein Häuptling, der diesen
+Titel trägt. Tuankus (myn-heer, mon-seigneur) giebt es viele. Beide
+Benennungen sind malayisch--die letzte Silbe des Wortes Tuanku kommt
+mir gar javanisch vor--und da der Jang di Pertuan ganz speziell der
+vornehmste Häuptling in den Battahlanden ist, so scheint diese Würde
+ursprünglich durch malayische Unterjocher eingeführt zu sein. Die
+Wurzel der Benennungen von autochthonen Würden und Titeln müssen stets
+in der ältesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur von
+verhältnismässig jüngerem Ursprung als die unwillkürlichen Laute, die
+durch äussere Ursachen Lunge und Kehle entfahren, als die vielerlei
+Benennungen für "Wasser", als die Andeutung von Terrainbesonderheiten
+oder Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung.
+
+201 Padries: wir nannten so die Atjinesen, die damals kurz vorher
+die Battahlande zum Islam bekehrt hatten. Das Wort muss wohl Pedirees
+bedeuten, nach Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das
+Wort 'Atjin' ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene
+Entartung. Aus 'Atjeh' machten wir 'Atjehnese' oder 'Atjinese',
+wodurch das Grundwort selbst in 'Atjin' sich veränderte. Litterarischer
+Purismus ist hier nicht angebracht.
+
+Die Beweise für den im Text berührten Fanatismus laufen übrigens ins
+Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die Einführung des
+Islam--der zugleich Vermehrung des Salzgebrauchs zur Folge hatte--dem
+Menschenfressen grossen Abbruch gethan hat. Dass diese Gewohnheit
+in der Gegend von Penjabungan--dem Zentrum unserer Herrschaft in den
+Battahlanden--noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer diese
+Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich für eine Lüge. Sie knüpft
+an das Erlebnis, das sie in dieser Sache gehabt zu haben behauptet,
+eine Anekdote, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn trägt. Man
+habe sie geschont, erzählt sie, wegen der Spasshaftigkeit ihrer
+Bemerkung: sie sei "eine bejahrte Frau und deshalb zu zäh". Als sie,
+einige Jahre nach mir, mit Battahleuten in Berührung kam, war die
+Anthropophagie in diesen Gegenden ausgerottet, und zwar durch den
+Einfluss derselben Völker, die wir jetzt im Namen der Civilisation
+bekriegen. Wann und wo hat Niederland je mit seiner Religion und mit
+seinen Waffen wie in diesem Fall sozusagen im Umsehen einen ganzen
+Volksstamm von Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht?
+
+204 sewah: die Waffe der Bewohner Sumatras, wie auf Java der kris. Der
+sewah ist ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an
+der Binnenseite der Krümmung. Die ursprüngliche Absicht bei dieser
+Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in der
+Hand verborgen werden kann, während der sehr stumpfe Rücken gegen
+den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm verdeckt wird. Der
+Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner bewaffnet ist,
+als bis dieser--nach einer eigenartigen, behenden Bewegung von Puls und
+Arm in drei Tempis--ihn trifft. Ganz abgesehen von dieser Geeignetheit
+als Mordwerkzeug ist der sewah das symbolische Merkmal der Freiheit
+und Männlichkeit. Wer ein malayisches Haupt gefangen nimmt--wie es
+unter den auf S. 205 beschriebenen Umständen meine verdriessliche
+Aufgabe war--fordert ihm seinen sewah ab.
+
+Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist,
+heisst krambièh und dient ausschliesslich als Mordwaffe. Sie ist
+kleiner und noch viel krummer als der sewah. Der Griff besteht aus
+nicht viel mehr als einer ringförmigen Öffnung, in die der Mörder
+seinen Daumen steckt, während die Klinge ganz in oder hinter der Hand
+verborgen bleibt.
+
+226 tikar: kleine Matte. Die Benutzung von fein geflochtenen Matten
+auf den Bettmatratzen ist in Indien ziemlich allgemein, und wird,
+weil sie kühl bleiben, für gesund gehalten. Die Herstellung dieser
+Matten und anderen Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie,
+in der sich vor allem die Makassaren auszeichnen.
+
+227 klapper: Kokosnuss. Auch klappa, kelappa.
+
+227 pukul ampat: "vier Uhr". Dies ist der Name eines Blümchens, das
+des Nachmittags um diese Stunde sich öffnet und gegen die Morgenstunde
+sich wieder schliesst; ampat heisst: vier, pukul: schlagen, Schlag,
+Glockenschlag.
+
+227 Saudien oder Sudien für Si-Udien: ein sehr häufig vorkommender
+malayischer Name. Udien, Udin (das arabische Eddin) ist wahrscheinlich
+verwandt mit gleichartigen nordischen Namen in Europa. Über das sehr
+gebräuchliche Praefix si wäre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der
+Raum zulässt.
+
+
+
+XV. KAPITEL.
+
+233 Patteh: Häuptlingstitel, des Regenten Sekretär, Botschafter,
+Faktotum.
+
+
+
+XVI. KAPITEL.
+
+250 dessah: Dorf.
+
+250 Saïdjah: dieser Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung
+der "Liste von gestohlenen Büffeln" in den "Liebesbriefen" entlehnt
+(deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch die
+Namen der Dörfer Badur und Tjipurut.
+
+252 Orang Gunung: Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der
+Bewohner der Berge in der Westecke.
+
+253 Alfur: das Wort aliforu, alifuru, hari furu hat in der Nordecke
+von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch
+eine Bedeutung wie Orang Gunung: Bergbewohner, oder mindestens die
+von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks-
+oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird--ebenso wie das Wort:
+Niederländer--häufig als solcher gebraucht.
+
+258 kendang: Umfriedigung von rohem Pfahlwerk.
+
+
+
+XVII. KAPITEL.
+
+268 sawah: durch künstliche Bewässerung unterhaltenes Reisfeld,
+in Gegensatz zu gagahs und tipars, die, was die Befeuchtung angeht,
+ganz vom Regen abhängen.
+
+268 lombong: Bergeraum für Reis, enthülsten wie unenthülsten. Meistens
+ist der lombong ausserhalb des Hauses gegen eine der Wände angebaut.
+
+268 kris: die volkstümliche Waffe des Javanen, die als solche zu
+seiner vollständigen Kleidung gehört, wie bei uns in früherer Zeit
+der Degen. Der kris ist ein schlangenförmiger, platter Dolch mit
+sehr kleinem Heft. Gewöhnlich sind die Krisse aus Streifen weichen
+Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hülfe von Büffelhufen
+gestählt. Sie werden vor Rost bewahrt durch Einreibung mit djerook
+(einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt ist, welches dem Eisen einen
+eigentümlichen matten Schein verleiht. Der Aberglaube behauptet,
+dass man, wenn man einen Kris besehen will, diesen vollständig aus
+der Scheide ziehen müsse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei
+macht, stellt sich grossem Unglück bloss. Über bezauberte Krisse sind
+zahllose Erzählungen in Umlauf.
+
+268 pusaka: Erbstück, hier--wie öfter--im pietätvollen Sinne:
+heiliges Erbstück.
+
+269 Klambu-Haken: klambu ist: Gardine. In den platten, sehr breiten
+Haken, womit die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus
+entwickelt. Auch bei den ungünstigst Gestellten sind sie doch
+gewöhnlich von Messing.
+
+270 patjol: die Hacke, das Werkzeug, das der Javane für den Spaten
+gebraucht. Das Blatt sitzt lotrecht auf dem hölzernen Stiel. Es
+wird also damit gehauen, nicht gegraben, was vielleicht dem Umstande
+zuzuschreiben ist, dass der Inländer barfuss geht.
+
+270 user-useran: das Wort wird in dem Text erklärt. Vermeintliche
+Besonderheiten in der Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie
+sich auf dem Scheitel eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei
+Weissagungen (siehe z. B. S. 113, 117, 118.).
+
+270 penghulu: Priester.
+
+270 ontong: Glück, Vorteil.
+
+271 galangans: kleine, schmale Deiche, die das Wasser auf den sawahs
+halten.
+
+271 Alanggras (allang-allang): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es
+ist oft so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen
+kann. Auf Sumatra nennt man es auch riembu, was dort auch Wildnis im
+allgemeinen bedeutet.
+
+272 sarong; batik; kapala: Der sarong ist das eigenartige
+Kleidungsstück der Javanen, der Männer wie der Frauen. Es ist ein aus
+kapok gewobenes Stück Zeug, dessen Enden aneinandergenäht werden. Die
+Anwendung von Seide ist Ausnahme. Eines dieser Enden heisst kapala,
+d. h. Kopf, und ist mit einem breiten Rand bemalt, gewöhnlich bestehend
+aus ineinander verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst batik
+und geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in
+einen Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen
+Werkzeuge von Blech, das--sehr verkleinert--die Form eines Theetopfes
+hat oder eines antiken Lämpchens. Sarongs ohne kapala, und deren
+Enden nicht aneinander genäht sind, heissen slendangs. Man trägt diese
+Kleidungsstücke um die Hüften, und die Männer schürzen sie mehr oder
+weniger auf, bisweilen auch vollständig. Auch wird der slendang häufig
+ganz zum Gürtel zusammengerollt, in welchem Fall die Männer eine Hose
+tragen, sehr gegen die eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr
+und mehr die Oberhand gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europäern
+in Berührung kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass
+die Anwendung von Hosen unter den sarongs bei Frauen allein in dem
+Nordwinkel von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur
+dort angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese
+Kleidungsstücke serawak atjeh heissen: atjinesische Hose.
+
+Was übrigens die sarongs und slendangs angeht, seit etwa dreissig
+Jahren (1881 von M. geschrieben. D. Übers.) haben sich europäische
+Fabrikanten darauf gelegt, das javanische batik nachzumachen, und es
+wurden denn auch jährlich in diesem Artikel Fabrikate im Werte von
+Millionen umgesetzt. Doch wird das Tragen eines gedruckten Kain (kahin:
+Kleid, der generelle Name für all solche Kleidungsstücke) stets für
+ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes gehalten.
+
+273 matah-glap, amokh. Das Wort (matah-glap = verdunkelten Auges)
+deutet den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet,
+niederschlägt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es irgendwo
+"Selbstmord in Gesellschaft" und weiss auch jetzt noch keinen besseren
+Namen dafür. Der Unglückliche, der von dieser Wut gepackt wird, kennt
+weder Freund noch Feind. Ursache ist gewöhnlich Eifersucht oder zu
+lang verhaltener Groll über Misshandlung. Der Javane ist, wie die
+meisten anderen Inländer, sanftmütig und nachgiebig von Art. Doch
+allzu tief verwundet oder zu andauernd gekränkt, bricht seine Wut in
+amokh aus. Dass gleichwohl auch der amfiun (Opium) hierbei eine Rolle
+spielt--sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein Mittel,
+das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben veranlasst--versteht sich
+von selbst.
+
+273 atap: eine Art Wasserpalme, deren Blätter zum Decken geringer
+Häuser verwandt werden.
+
+273 bendie: Chaise, Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett.
+
+274 djati, ketapan: zwei Arten von grossen Bäumen. Der erstere Baum
+liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen
+Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise
+mit unserer Eiche übereinkommt.
+
+274 melatti: unter Kap. VI erklärt.
+
+274 Reisblock: schwerer, hölzerner Trog, worin der padie durch Stampfen
+von der Hülse befreit wird. Dieses Stampfen heisst--Klangnachbildung
+wieder!--tumbokh.
+
+275 tudung: siehe unter Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit
+nach dem Schatten, den sein tudung auf seinem Antlitz zeichnete,
+folgte Saïdjah einem allgemeinen indischen Brauch.
+
+276 lalayang: ein Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergötzen
+sich nicht ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und
+beschreibt allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen
+und Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der
+Hand hält, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem
+Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft
+zu begegnen und sie zu durchschneiden. Aus den vielerlei lebhaften
+Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr ergötzlich
+anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme zwingt. Die von
+Saïdjah hingestellte Möglichkeit, demgemäss "der kleine Djamien" die
+Niederlage durch geschilderten betrügerischen Eingriff herbeigeführt
+haben sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im
+Werfen angeht, ein Indiismus.
+
+277 "er hat einen grossen Mund gehabt": spezifischer Malayismus.
+
+277 "Salzmachen an der Südküste": siehe unter Kap. VIII: garem glap:
+Schmuggelsalz.
+
+277 matah-glap: rasend. Näheres weiter oben erklärt.
+
+277 "den Brand, das Feuer töten": spezifischer Malayismus.
+
+278 klappa: Kokosnuss. Klappabaum also: Kokospalme.
+
+278 Klagefrauen: beim Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul
+gemacht, nicht--wie früher bei uns--durch bezahlte "huilebalgen",
+sondern von Verwandten, Bekannten und Nachbarn.
+
+279 kamuning: feines, gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel
+des so benannten kleinen Bäumchens gewonnen wird, und das also nie
+gross im Stück sein kann. Es ist sehr teuer.
+
+279 kahin: der zum Gürtel gerollte slendang.
+
+280 'Grossvater' des Susukunan von Solo: der Sus. v. Solo ist der
+Kaiser von Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen
+dem Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines 'Grossvaters'.
+
+280 kondeh ... im eigenen Strick gefangen: siehe unter Kap. VI.
+
+281 kabaai: ein leichtes, nachlässiges Gewand, das indische Hauskleid,
+auch Schlafgewand; ein Négligé.
+
+281 pontianak: Spuk, der sich in Bäumen aufhält und auf Frauen sehr
+ergrimmt ist, besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein
+Zusammenhang zu suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und
+dem Namen der Niederländischen Befestigung an der Westküste von Borneo.
+
+283 pelitah: Lämpchen.
+
+284 rottan oder rotan: spanisch Rohr.
+
+285 badjing: javanisches Eichhörnchen. Dies Tierchen kam mir immer
+kleiner vor als sein europäischer Artgenosse. Es lässt sich leicht
+zähmen.
+
+285 Bauch für 'Magen': Malayismus.
+
+289 boaja: Kaiman, eine Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man
+abends Bambuskörbchen oder Näpfchen voll Reis und anderer Speise, mit
+einem kleinen Licht versehen, stromabwärts treiben lässt. Wenn gerade
+viel auf den Flüssen geopfert wird, bieten die ruhig dahintreibenden
+Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick.
+
+290 baleh-baleh: Pritsche, Ruhebank aus Bambus.
+
+291 "... und also in Flammen stand": dieses blutige "also"
+(im Holländ.: "dus") hat nach Erscheinen des "Havelaar" erregte
+Kontroversen zum Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt.
+
+
+
+XVIII. KAPITEL.
+
+301 pundutan: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung
+erhoben werden.
+
+301 pantjens und kemits: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk.
+
+
+
+XIX. KAPITEL.
+
+313 Patteh: der Inländische Häuptling, der die Vertrauensstellung
+eines Sekretärs, Botschafters beim Regenten einnimmt.
+
+
+
+XX. KAPITEL.
+
+325 tongtong (tomtom, tamtam): ein grosser, hängender, ausgehöhlter
+Block von Holz, auf dem man die Stunden anschlägt. Der Name ist wieder
+eine Onomatopöe.
+
+335 kampong: Dorf.
+
+
+
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN
+
+
+[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem
+Holländischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens,
+seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit
+Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns'
+Verlag.
+
+[2] Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres
+Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch
+holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit,
+Eingebildetheit, Anmassung.
+
+[3] Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess:
+Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.
+
+[4] Note des Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.
+
+[5] Badjing = das javanische Eichhörnchen.
+
+[6] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine
+Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des
+"Havelaar" entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes
+Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines
+Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes
+enthält. W. Sp.
+
+
+
+
+
+
+
+In gleicher Ausstattung erschienen in unserem Verlage:
+
+MULTATULI.
+
+Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem Holländischen,
+eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner
+Persönlichkeit und seines Schaffens. Von WILHELM SPOHR. Mit Bildnissen
+und handschriftlicher Beilage. Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark
+5,50.
+
+MULTATULI.
+
+LIEBESBRIEFE.
+
+Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
+3,--, geb. Mark 3,75.
+
+MULTATULI.
+
+MILLIONEN-STUDIEN.
+
+Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
+4,50, geb. Mark 5,50.
+
+MULTATULI.
+
+FÜRSTENSCHULE.
+
+Schauspiel in 5 Aufzügen. Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM
+SPOHR. Preis: brosch. Mark 2,25, geb. Mark 3,--.
+
+MULTATULI.
+
+DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER.
+
+Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Zwei starke
+Bände. Preis: brosch. Mark 10,--, geb. Mark 12,--.
+
+
+
+Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bände
+
+IDEEN.
+
+BRIEFE UND DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI.
+
+J. C. C. Bruns' Verlag,
+
+Minden i. Westf.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Max Havelaar, by Multatuli
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAX HAVELAAR ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
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+1.F.
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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