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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:55:57 -0700 |
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Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. + + + + + + + + Peter Schlemihls + + wundersame Geschichte. + + Mitgeteilt + + von + + Adelbert von Chamisso. + + + + Leipzig + + Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. + + + + * * * * * + + +An meinen alten Freund Peter Schlemihl. + + + Da fällt nun deine Schrift nach vielen Jahren + Mir wieder in die Hand, und -- wundersam! -- + Der Zeit gedenk' ich, wo wir Freunde waren, + Als erst die Welt uns in die Schule nahm. + Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren, + Ich überwinde schon die falsche Scham, + Ich will mich deinen Freund wie eh'mals nennen + Und mich als solchen vor der Welt bekennen. + + Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue + Mir nicht, wie dir, so übel mitgespielt; + Gestrebet hab' ich und gehofft ins Blaue, + Und gar am Ende wenig nur erzielt; + Doch schwerlich wird berühmen sich der Graue, + Daß er mich jemals fest am Schatten hielt; + Den Schatten hab' ich, der mir angeboren, + Ich habe meinen Schatten nie verloren. + + Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind, + Der Hohn, den sie für deine Blöße hatten. -- + Ob wir einander denn so ähnlich sind?! -- + Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten? + Und zeigt' ich den, so stellten sie sich blind + Und konnten gar zu lachen nicht ermatten. + Was hilft es denn! man trägt es in Geduld, + Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld. + + Und was ist denn der Schatten? möcht' ich fragen, + Wie man so oft mich selber schon gefragt, + So überschwenglich hoch es anzuschlagen, + Wie sich die arge Welt es nicht versagt? + Das gibt sich schon nach neunzehntausend Tagen, + Die, Weisheit bringend, über uns getagt; + Die wir dem Schatten _Wesen_ sonst verliehen, + Sehn Wesen jetzt als _Schatten_ sich verziehen. + + Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl, + Wir schreiten zu und lassen es beim alten; + Wir kümmern uns um alle Welt nicht viel, + Es desto fester mit uns selbst zu halten; + Wir gleiten so schon näher unserm Ziel, + Ob jene lachten, ob die andern schalten, + Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen + Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen. + + _Berlin_, August 1834. + + + + +An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso. + + +Du vergissest niemanden, du wirst dich noch eines gewissen _Peter +Schlemihls_ erinnern, den du in früheren Jahren ein paarmal bei mir +gesehen hast, ein langbeiniger Bursch', den man ungeschickt glaubte, +weil er linkisch war, und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich +hatte ihn lieb -- du kannst nicht vergessen haben, _Eduard_, wie er uns +einmal in unsrer grünen Zeit durch die Sonette lief, ich brachte ihn mit +auf einen der poetischen Tees, wo er mir noch während des Schreibens +einschlief, ohne das Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines +Witzes, den du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon, Gott weiß +wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka gesehen, die er freilich +damals noch immer trug, und sagtest: »Der ganze Kerl wäre glücklich zu +schätzen, wenn seine Seele nur halb so unsterblich wäre, als seine +Kurtka.« -- So wenig galt er bei euch. -- Ich hatte ihn lieb. -- Von +diesem _Schlemihl_ nun, den ich seit langen Jahren aus dem Gesicht +verloren hatte, rührt das Heft her, das ich dir mitteilen will. -- Dir +nur, _Eduard_, meinem nächsten, innigsten Freunde, meinem beßren Ich, vor +dem ich kein Geheimnis verwahren kann, teil' ich es mit, nur dir und, es +versteht sich von selbst, unserm _Fouqué_, gleich dir in meiner Seele +eingewurzelt -- aber in ihm teil' ich es bloß dem Freunde mit, nicht dem +Dichter. -- Ihr werdet einsehen, wie unangenehm es mir sein würde, wenn +etwa die Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine +Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in einem +Dichterwerke an den Pranger geheftet würde, oder nur wenn überhaupt +unheilig verfahren würde, wie mit einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit +einer Sache, die das nicht ist und sein darf. Freilich muß ich selbst +gestehen, daß es um die Geschichte schad' ist, die unter des guten +Mannes Feder nur albern geworden, daß sie nicht von einer geschickteren +fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft dargestellt werden kann. -- +Was würde nicht _Jean Paul_ daraus gemacht haben! -- Übrigens, lieber +Freund, mögen hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will +beachtet sein. -- + +Noch ein Wort über die Art, wie diese Blätter an mich gelangt sind. +Gestern früh bei meinem Erwachen gab man sie mir ab -- ein wunderlicher +Mann, der einen langen grauen Bart trug, eine ganz abgenützte schwarze +Kurtka anhatte, eine botanische Kapsel darüber umgehangen, und bei dem +feuchten, regnichten Wetter Pantoffeln über seine Stiefel, hatte sich +nach mir erkundigt und dieses für mich hinterlassen; er hatte aus Berlin +zu kommen vorgegeben. -- -- -- + + _Kunersdorf_, den 27. September 1813. + + _Adelbert von Chamisso_. + +#P. S.# Ich lege dir eine Zeichnung bei, die der kunstreiche _Leopold_, der +eben an seinem Fenster stand, von der auffallenden Erscheinung entworfen +hat. Als er den Wert, den ich auf diese Skizze legte, gesehen hat, hat +er sie mir gerne geschenkt.[1] + + + + +An Ebendenselben von Fouqué. + + +Bewahren, _lieber Eduard_, sollen wir die Geschichte des armen _Schlemihl_, +dergestalt bewahren, daß sie vor Augen, die nicht hineinzusehen haben, +beschirmt bleibe. Das ist eine schlimme Aufgabe. Es gibt solcher Augen +eine ganze Menge, und welcher Sterbliche kann die Schicksale eines +Manuskriptes bestimmen, eines Dinges, das beinah noch schlimmer zu hüten +ist als ein gesprochenes Wort. Da mach' ich's denn wie ein +Schwindelnder, der in der Angst lieber gleich in den Abgrund springt: +ich lasse die ganze Geschichte drucken. + +Und doch, _Eduard_, es gibt ernstere und bessere Gründe für mein Benehmen. +Es trügt mich alles oder in unserm lieben Deutschland schlagen der +Herzen viel, die den armen _Schlemihl_ zu verstehen fähig sind und auch +wert, und über manch eines echten Landsmannes Gesicht wird bei dem +herben Scherz, den das Leben mit ihm, und bei dem arglosen, den er mit +sich selbst treibt, ein gerührtes Lächeln ziehn. Und du, mein _Eduard_, +wenn du das grundehrliche Buch ansiehst und dabei denkst, daß viele +unbekannte Herzensverwandte es mit uns lieben lernen, fühlst auch +vielleicht einen Balsamtropfen in die heiße Wunde fallen, die dir und +allen, die dich lieben, der Tod geschlagen hat. + +Und endlich: es gibt -- ich habe mich durch mannigfache Erfahrung davon +überzeugt -- es gibt für die gedruckten Bücher einen Genius, der sie in +die rechten Hände bringt und, wenn nicht immer, doch sehr oft die +unrechten davon abhält. Auf allen Fall hat er ein unsichtbares +Vorhängschloß vor jedwedem echten Geistes- und Gemütswerke und weiß mit +einer ganz untrüglichen Geschicklichkeit auf- und zuzuschließen. + +Diesem Genius, mein sehr lieber _Schlemihl_, vertraue ich dein Lächeln und +deine Tränen an, und somit Gott befohlen! + + _Nennhausen_, Ende Mai 1814. + + _Fouqué_. + + + + +An Fouqué von Hitzig. + + +Da haben wir denn nun die Folgen deines verzweifelten Entschlusses, die +Schlemihlshistorie, die wir als ein bloß _uns_ anvertrautes Geheimnis +bewahren sollten, drucken zu lassen, daß sie nicht allein Franzosen und +Engländer, Holländer und Spanier übersetzt, Amerikaner aber den +Engländern nachgedruckt, wie ich dies alles in meinem gelehrten Berlin +des breiteren gemeldet; sondern daß auch für unser liebes Deutschland +eine neue Ausgabe, mit den Zeichnungen der englischen, die der berühmte +_Cruikshank_ nach dem Leben entworfen, veranstaltet wird, wodurch die +Sache unstreitig noch viel mehr herumkommt. Hielte ich dich nicht für +dein eigenmächtiges Verfahren (denn mir hast du 1814 ja kein Wort von +der Herausgabe des Manuskripts gesagt) hinlänglich dadurch bestraft, daß +unser _Chamisso_ bei seiner Weltumsegelei, in den Jahren 1815 bis 1818, +sich gewiß in Chili und Kamtschatka und wohl gar bei seinem Freunde, dem +seligen _Tameiamaia_ auf O-Wahu, darüber beklagt haben wird, so fordere +ich noch jetzt öffentlich Rechenschaft darüber von dir. + +Indes -- auch hievon abgesehn -- geschehn ist geschehn und recht hast du +auch darin gehabt, daß viele, viele Befreundete in den dreizehn +verhängnisvollen Jahren, seit es das Licht der Welt erblickte, das +Büchlein mit uns liebgewonnen. Nie werde ich die Stunde vergessen, in +der ich es _Hoffmann_ zuerst vorlas. Außer sich vor Vergnügen und +Spannung, hing er an meinen Lippen, bis ich vollendet hatte; nicht +erwarten konnte er, die persönliche Bekanntschaft des Dichters zu machen +und, sonst jeder Nachahmung so abhold, widerstand er doch der Versuchung +nicht, die Idee des verlornen Schattens in seiner Erzählung: Die +Abenteuer der Silvesternacht,[2] durch das verlorne Spiegelbild des +Erasmus Spikher, ziemlich unglücklich zu variieren. Ja -- unter die +Kinder hat sich unsre wundersame Historie ihre Bahn zu brechen gewußt; +denn als ich einst, an einem hellen Winterabend, mit ihrem Erzähler die +Burgstraße hinaufging und er einen über ihn lachenden, auf der +Glitschbahn beschäftigten Jungen unter seinen dir wohlbekannten +Bärenmantel nahm und fortschleppte, hielt dieser ganz stille; da er aber +wieder auf den Boden niedergesetzt war und in gehöriger Ferne von den, +als ob nichts geschehen wäre, Weitergegangenen, rief er mit lauter +Stimme seinem Räuber nach: »Warte nur, Peter Schlemihl!« + +So, denke ich, wird der ehrliche Kauz auch in seinem neuen, zierlichen +Gewande viele erfreuen, die ihn in der einfachen Kurtka von 1814 nicht +gesehen; diesen und jenen aber es außerdem noch überraschend sein, in +dem botanisierenden, weltumschiffenden, ehemals wohlbestallten königlich +preußischen Offizier, auch Historiographen des berühmten Peter +Schlemihl, nebenher einen Lyriker kennen zu lernen,[3] der, er möge +malaiische oder litauische Weisen anstimmen, überall dartut, daß er das +poetische Herz auf der rechten Stelle hat. + +Darum, lieber Fouqué, sei dir am Ende denn doch noch herzlich gedankt +für die Veranstaltung der ersten Ausgabe, und empfange mit unsern +Freunden meinen Glückwunsch zu dieser zweiten. + + _Berlin_, im Januar 1827. + + _Eduard Hitzig_. + + + Fußnoten: + + [1] Das hier erwähnte Bild befand sich bei den ersten Ausgaben des + Schlemihl. + + [2] Phantasiestücke in Callots Manier, im letzten Teil. Vgl. auch: + Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß. Bd. #II#, S. 112. + + [3] Die zweite Ausgabe des Peter Schlemihl hatte einen Anhang von + Liedern und Balladen des Dichters, worauf sich dies bezog. + + + +Peter Schlemihls wundersame Geschichte. + +1. + + +Nach einer glücklichen, jedoch für mich sehr beschwerlichen Seefahrt +erreichten wir endlich den Hafen. Sobald ich mit dem Boote ans Land kam, +belud ich mich selbst mit meiner kleinen Habseligkeit, und durch das +wimmelnde Volk mich drängend, ging ich in das nächste, geringste Haus +hinein, vor welchem ich ein Schild hängen sah. Ich begehrte ein Zimmer, +der Hausknecht maß mich mit einem Blick und führte mich unters Dach. Ich +ließ mir frisches Wasser geben und genau beschreiben, wo ich den Herrn +_Thomas John_ aufzusuchen habe: -- »Vor dem Nordertor, das erste Landhaus +zur rechten Hand, ein großes, neues Haus, von rot und weißem Marmor mit +vielen Säulen.« Gut. -- Es war noch früh an der Zeit, ich schnürte +sogleich mein Bündel auf, nahm meinen neu gewandten schwarzen Rock +heraus, zog mich reinlich an in meine besten Kleider, steckte das +Empfehlungsschreiben zu mir, und setzte mich alsbald auf den Weg zu dem +Manne, der mir bei meinen bescheidenen Hoffnungen förderlich sein +sollte. + +Nachdem ich die lange Norderstraße hinaufgestiegen und das Tor erreicht, +sah ich bald die Säulen durch das Grüne schimmern -- also hier, dacht' +ich. Ich wischte den Staub von meinen Füßen mit meinem Schnupftuch ab, +setzte mein Halstuch in Ordnung, und zog in Gottes Namen die Klingel. +Die Tür sprang auf. Auf dem Flur hatt' ich ein Verhör zu bestehn, der +Portier ließ mich aber anmelden, und ich hatte die Ehre, in den Park +gerufen zu werden, wo Herr _John_ mit einer kleinen Gesellschaft sich +erging. Ich erkannte gleich den Mann am Glanze seiner wohlbeleibten +Selbstzufriedenheit. Er empfing mich sehr gut, wie ein Reicher einen +armen Teufel, wandte sich sogar gegen mich, ohne sich jedoch von der +übrigen Gesellschaft abzuwenden, und nahm mir den dargehaltenen Brief +aus der Hand. -- »So, so! von meinem Bruder, ich habe lange nichts von +ihm gehört. Er ist doch gesund? -- Dort,« fuhr er gegen die Gesellschaft +fort, ohne die Antwort zu erwarten, und wies mit dem Brief auf einen +Hügel, »dort lasse ich das neue Gebäude aufführen.« Er brach das Siegel +auf und das Gespräch nicht ab, das sich auf den Reichtum lenkte. »Wer +nicht Herr ist wenigstens einer Million,« warf er hinein, »der ist, man +verzeihe mir das Wort, ein Schuft!« -- »O wie wahr!« rief ich aus mit +vollem überströmenden Gefühl. Das mußte ihm gefallen, er lächelte mich +an und sagte: »Bleiben Sie hier, lieber Freund, nachher hab' ich +vielleicht Zeit, Ihnen zu sagen, was ich hiezu denke,« er deutete auf +den Brief, den er sodann einsteckte, und wandte sich wieder zu der +Gesellschaft. -- Er bot einer jungen Dame den Arm, andre Herren bemühten +sich um andre Schönen, es fand sich, was sich paßte, und man wallte dem +rosenumblühten Hügel zu. + +Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen, denn keine +Seele bekümmerte sich weiter um mich. Die Gesellschaft war sehr +aufgeräumt, es ward getändelt und gescherzt, man sprach zuweilen von +leichtsinnigen Dingen wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig, und +gemächlich erging besonders der Witz über abwesende Freunde und deren +Verhältnisse. Ich war da zu fremd, um von alledem vieles zu verstehen, +zu bekümmert und in mich gekehrt, um den Sinn auf solche Rätsel zu +haben. + +Wir hatten den Rosenhain erreicht. Die schöne _Fanny_, wie es schien die +Herrin des Tages, wollte aus Eigensinn einen blühenden Zweig selbst +brechen, sie verletzte sich an einem Dorn, und wie von den dunklen +Rosen, floß Purpur auf ihre zarte Hand. Dieses Ereignis brachte die +ganze Gesellschaft in Bewegung. Es wurde englisch Pflaster gesucht. Ein +stiller, dünner, hagerer, länglichter, ältlicher Mann, der neben +mitging, und den ich noch nicht bemerkt hatte, steckte sogleich die Hand +in die knapp anliegende Schoßtasche seines altfränkischen, grautaftenen +Rockes, brachte eine kleine Brieftasche daraus hervor, öffnete sie und +reichte der Dame mit devoter Verbeugung das Verlangte. Sie empfing es +ohne Aufmerksamkeit für den Geber und ohne Dank, die Wunde ward +verbunden, und man ging weiter den Hügel hinan, von dessen Rücken man +die weite Aussicht über das grüne Labyrinth des Parkes nach dem +unermeßlichen Ozean genießen wollte. + +Der Anblick war wirklich groß und herrlich. Ein lichter Punkt erschien +am Horizont zwischen der dunklen Flut und der Bläue des Himmels. »Ein +Fernrohr her!« rief _John_, und noch bevor das auf den Ruf erscheinende +Dienervolk in Bewegung kam, hatte der graue Mann, bescheiden sich +verneigend, die Hand schon in die Rocktasche gesteckt, daraus einen +schönen Dollond hervorgezogen und es dem Herrn _John_ eingehändigt. +Dieser, es sogleich an das Aug' bringend, benachrichtigte die +Gesellschaft, es sei das Schiff, das gestern ausgelaufen, und das +widrige Winde im Angesicht des Hafens zurückhielten. Das Fernrohr ging +von Hand zu Hand, und nicht wieder in die des Eigentümers; ich aber sah +verwundert den Mann an, und wußte nicht, wie die große Maschine aus der +winzigen Tasche herausgekommen war; es schien aber niemandem aufgefallen +zu sein, und man bekümmerte sich nicht mehr um den grauen Mann, als um +mich selber. + +Erfrischungen wurden gereicht, das seltenste Obst aller Zonen in den +kostbarsten Gefäßen. Herr _John_ machte die Honneurs mit leichtem Anstand +und richtete da zum zweitenmal ein Wort an mich: »Essen Sie nur; das +haben Sie auf der See nicht gehabt.« Ich verbeugte mich, aber er sah es +nicht, er sprach schon mit jemand anderm. + +Man hätte sich gern auf den Rasen, am Abhange des Hügels, der +ausgespannten Landschaft gegenüber gelagert, hätte man die Feuchtigkeit +der Erde nicht gescheut. Es wäre göttlich, meinte wer aus der +Gesellschaft, wenn man türkische Teppiche hätte, sie hier auszubreiten. +Der Wunsch war nicht sobald ausgesprochen, als schon der Mann im grauen +Rock die Hand in der Tasche hatte, und mit bescheidener, ja demütiger +Gebärde einen reichen, golddurchwirkten türkischen Teppich daraus zu +ziehen bemüht war. Bediente nahmen ihn in Empfang, als müsse es so sein, +und entfalteten ihn am begehrten Orte. Die Gesellschaft nahm ohne +Umstände Platz darauf; ich wiederum sah betroffen den Mann, die Tasche, +den Teppich an, der über zwanzig Schritte in der Länge und zehn in der +Breite maß, und rieb mir die Augen, nicht wissend, was ich dazu denken +sollte, besonders da niemand etwas Merkwürdiges darin fand. + +Ich hätte gern Aufschluß über den Mann gehabt und gefragt, wer er sei, +nur wußt' ich nicht, an wen ich mich richten sollte, denn ich fürchtete +mich fast noch mehr vor den Herren Bedienten, als vor den bedienten +Herren. Ich faßte endlich ein Herz, und trat an einen jungen Mann heran, +der mir von minderem Ansehen schien, als die andern, und der öfter +allein gestanden hatte. Ich bat ihn leise, mir zu sagen, wer der +gefällige Mann sei dort im grauen Kleide. -- »Dieser, der wie ein Ende +Zwirn aussieht, der einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist?« -- +»Ja, der allein steht.« -- »Den kenn' ich nicht,« gab er mir zur +Antwort, und, wie es schien, eine längere Unterhaltung mit mir zu +vermeiden, wandt' er sich weg und sprach von gleichgültigen Dingen mit +einem andern. + +Die Sonne fing jetzt stärker zu scheinen an und ward den Damen +beschwerlich; die schöne _Fanny_ richtete nachlässig an den grauen Mann, +den, soviel ich weiß, noch niemand angeredet hatte, die leichtsinnige +Frage: ob er nicht auch vielleicht ein Zelt bei sich habe? Er +beantwortete sie durch eine so tiefe Verbeugung, als widerführe ihm eine +unverdiente Ehre, und hatte schon die Hand in der Tasche, aus der ich +Zeuge, Stangen, Schnüre, Eisenwerk, kurz alles, was zu dem +prachtvollsten Lustzelt gehört, herauskommen sah. Die jungen Herren +halfen es ausspannen, und es überhing die ganze Ausdehnung des Teppichs +-- und keiner fand noch etwas Außerordentliches darin. -- + +Mir war schon lange unheimlich, ja graulich zumute, wie ward mir +vollends, als beim nächst ausgesprochenen Wunsch ich ihn noch aus seiner +Tasche drei Reitpferde, ich sage dir, drei schöne, große Rappen mit +Sattel und Zeug herausziehen sah! -- denke dir, um Gottes willen! drei +gesattelte Pferde noch aus derselben Tasche, woraus schon eine +Brieftasche, ein Fernrohr, ein gewirkter Teppich, zwanzig Schritte lang +und zehn breit, ein Lustzelt von derselben Größe, und alle dazu +gehörigen Stangen und Eisen herausgekommen waren! -- Wenn ich dir nicht +beteuerte, es selbst mit eignen Augen angesehen zu haben, würdest du es +gewiß nicht glauben. -- + +So verlegen und demütig der Mann selbst zu sein schien, so wenig +Aufmerksamkeit ihm auch die andern schenkten, so ward mir doch seine +blasse Erscheinung, von der ich kein Auge abwenden konnte, so +schauerlich, daß ich sie nicht länger ertragen konnte. + +Ich beschloß, mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was bei der +unbedeutenden Rolle, die ich darinnen spielte, mir ein leichtes schien. +Ich wollte nach der Stadt zurückkehren, am andern Morgen mein Glück beim +Herrn John wieder versuchen und, wenn ich den Mut dazu fände, ihn über +denselben grauen Mann befragen. -- Wäre es mir nur so zu entkommen +geglückt! + +Ich hatte mich schon wirklich durch den Rosenhain, den Hügel hinab, +glücklich geschlichen, und befand mich auf einem freien Rasenplatz, als +ich aus Furcht, außer den Wegen durchs Gras gehend angetroffen zu +werden, einen forschenden Blick um mich warf. -- Wie erschrak ich, als +ich den Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zu kommen sah. +Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und verneigte sich so tief, als +noch niemand vor mir getan hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich +anreden, und ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. Ich nahm +den Hut auch ab, verneigte mich wieder, und stand da in der Sonne mit +bloßem Haupt wie angewurzelt. Ich sah ihn voller Furcht stier an und war +wie ein Vogel, den eine Schlange gebannt hat. Er selber schien sehr +verlegen zu sein; er hob den Blick nicht auf, verbeugte sich zu +verschiedenen Malen, trat näher und redete mich an mit leiser, +unsicherer Stimme, ungefähr im Tone eines Bettelnden. + +»Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, wenn ich es wage, +ihn so unbekannterweise aufzusuchen, ich habe eine Bitte an ihn. +Vergönnen Sie gnädigst --« -- »Aber um Gottes willen, mein Herr!« brach +ich in meiner Angst aus, »was kann ich für einen Mann tun, der --« wir +stutzten beide, und wurden, wie mir deucht, rot. + +Er nahm nach einem Augenblick des Schweigens wieder das Wort: »Während +der kurzen Zeit, wo ich das Glück genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, +hab' ich, mein Herr, einigemal -- erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage -- +wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen, schönen Schatten +betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer +gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich +werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen. Verzeihen Sie mir die +freilich kühne Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, +mir diesen Ihren Schatten zu überlassen?« + +Er schwieg und mir ging's wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Was sollt' ich +aus dem seltsamen Antrag machen, mir meinen Schatten abzukaufen? er muß +verrückt sein, dacht' ich, und mit verändertem Tone, der zu der Demut +des seinigen besser paßte, erwiderte ich also: + +»Ei, ei! guter Freund, habt Ihr denn nicht an Eurem eignen Schatten +genug? das heiß' ich mir einen Handel von einer ganz absonderlichen +Sorte.« Er fiel sogleich wieder ein: »Ich hab' in meiner Tasche manches, +was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen +unschätzbaren Schatten halt' ich den höchsten Preis zu gering.« + +Nun überfiel es mich wieder kalt, da ich an die Tasche erinnert ward, +und ich wußte nicht, wie ich ihn hatte guter Freund nennen können. Ich +nahm wieder das Wort und suchte es, wo möglich, mit unendlicher +Höflichkeit wieder gut zu machen. + +»Aber, mein Herr, verzeihen Sie Ihrem untertänigsten Knecht. Ich +verstehe wohl Ihre Meinung nicht ganz gut, wie könnt' ich nur meinen +Schatten -- --« Er unterbrach mich: »Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis, +hier auf der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu dürfen und zu mir +zu stecken; wie ich das mache, sei meine Sorge. Dagegen als Beweis +meiner Erkenntlichkeit gegen den Herrn, überlasse ich ihm die Wahl unter +allen Kleinodien, die ich in der Tasche bei mir führe: die echte +Springwurzel, die Alraunwurzel, Wechselpfennige, Raubtaler, das +Tellertuch von Rolands Knappen, ein Galgenmännlein zu beliebigem Preis; +doch, das wird wohl nichts für Sie sein: besser, Fortunati +Wünschhütlein, neu und haltbar wieder restauriert: auch ein +Glückssäckel, wie der seine gewesen.« -- »Fortunati Glücksseckel,« fiel +ich ihm in die Rede, und wie groß meine Angst auch war, hatte er mit dem +einen Wort meinen ganzen Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel und es +flimmerte mir wie doppelte Dukaten vor den Augen. -- + +»Belieben gnädigst der Herr diesen Säckel zu besichtigen und zu +erproben.« Er steckte die Hand in die Tasche und zog einen mäßig großen, +festgenähten Beutel, von starkem Korduanleder, an zwei tüchtigen +ledernen Schnüren heraus und händigte mir selbigen ein. Ich griff hinein +und zog zehn Goldstücke daraus, und wieder zehn, und wieder zehn, und +wieder zehn; ich hielt ihm schnell die Hand hin: »Topp! der Handel gilt, +für den Beutel haben Sie meinen Schatten.« Er schlug ein, kniete dann +ungesäumt vor mir nieder, und mit einer bewundernswürdigen +Geschicklichkeit sah ich ihn meinen Schatten, vom Kopf bis zu meinen +Füßen, leise von dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten, +und zuletzt einstecken. Er stand auf, verbeugte sich noch einmal vor +mir, und zog sich nach dem Rosengebüsche zurück. Mich dünkt', ich hörte +ihn da leise für sich lachen. Ich aber hielt den Beutel bei den Schnüren +fest, rund um mich her war die Erde sonnenhell, und in mir war noch +keine Besinnung. + + +2. + +Ich kam endlich wieder zu Sinnen und eilte, diesen Ort zu verlassen, wo +ich hoffentlich nichts mehr zu tun hatte. Ich füllte erst meine Taschen +mit Gold, dann band ich mir die Schnüre des Beutels um den Hals fest und +verbarg ihn selbst auf meiner Brust. Ich kam unbeachtet aus dem Park, +erreichte die Landstraße und nahm meinen Weg nach der Stadt. Wie ich in +Gedanken dem Tore zu ging, hört' ich hinter mir schreien: »Junger Herr! +he! junger Herr! hören Sie doch!« -- Ich sah mich um, ein altes Weib +rief mir nach: »Sehe sich der Herr doch vor, Sie haben Ihren Schatten +verloren.« -- »Danke, Mütterchen!« -- ich warf ihr ein Goldstück für den +wohlgemeinten Rat hin, und trat unter die Bäume. + +Am Tore mußt' ich gleich wieder von der Schildwacht hören: »Wo hat der +Herr seinen Schatten gelassen?« und gleich wieder darauf von ein paar +Frauen: »Jesus Maria! der arme Mensch hat keinen Schatten!« Das fing an +mich zu verdrießen, und ich vermied sehr sorgfältig, in die Sonne zu +treten. Das ging aber nicht überall an, zum Beispiel nicht über die +Breitestraße, die ich zunächst durchkreuzen mußte, und zwar, zu meinem +Unheil, in eben der Stunde, wo die Knaben aus der Schule gingen. Ein +verdammter buckeliger Schlingel, ich seh' ihn noch, hatte es gleich weg, +daß mir ein Schatten fehle. Er verriet mich mit großem Geschrei der +sämtlichen literarischen Straßenjugend der Vorstadt, welche sofort mich +zu rezensieren und mit Kot zu bewerfen anfing. »Ordentliche Leute +pflegten ihren Schatten mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne +gingen.« Um sie von mir abzuwehren, warf ich Gold zu vollen Händen unter +sie und sprang in einen Mietswagen, zu dem mir mitleidige Seelen +verhalfen. + +Sobald ich mich in der rollenden Kutsche allein fand, fing ich +bitterlich an zu weinen. Es mußte schon die Ahnung in mir aufsteigen, +daß, um so viel das Gold auf Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so +viel der Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde; und wie ich +früher den Reichtum meinem Gewissen aufgeopfert, hatte ich jetzt den +Schatten für bloßes Gold hingegeben; was konnte, was sollte auf Erden +aus mir werden! + +Ich war noch sehr verstört, als der Wagen vor meinem alten Wirtshause +hielt; ich erschrak über die Vorstellung, nur noch jenes schlechte +Dachzimmer zu betreten. Ich ließ mir meine Sachen herabholen, empfing +den ärmlichen Bündel mit Verachtung, warf einige Goldstücke hin und +befahl, vor das vornehmste Hotel vorzufahren. Das Haus war gegen Norden +gelegen, ich hatte die Sonne nicht zu fürchten. Ich schickte den +Kutscher mit Gold weg, ließ mir die besten Zimmer vornheraus anweisen +und verschloß mich darin, sobald ich konnte. + +Was denkst du, daß ich nun anfing! -- O mein lieber _Chamisso_, selbst vor +dir es zu gestehen, macht mich erröten. Ich zog den unglücklichen Säckel +aus meiner Brust hervor, und mit einer Art Wut, die, wie eine flackernde +Feuersbrunst, sich in mir durch sich selbst mehrte, zog ich Gold daraus, +und Gold, und Gold, und immer mehr Gold, und streute es auf den Estrich, +und schritt darüber hin, und ließ es klirren, und warf, mein armes Herz +an dem Glanze, an dem Klange weidend, immer des Metalles mehr zu dem +Metalle, bis ich ermüdet selbst auf das reiche Lager sank und schwelgend +darin wühlte, mich darüber wälzte. So verging der Tag, der Abend, ich +schloß meine Türe nicht auf, die Nacht fand mich liegend auf dem Golde, +und darauf übermannte mich der Schlaf. + +Da träumt' es mir von dir, es ward mir, als stünde ich hinter der +Glastür deines kleinen Zimmers und sähe dich von da an deinem +Arbeitstische zwischen einem Skelett und einem Bunde getrockneter +Pflanzen sitzen, vor dir waren Haller, Humboldt und Linné aufgeschlagen, +auf deinem Sofa lagen ein Band Goethe und der Zauberring, ich +betrachtete dich lange und jedes Ding in deiner Stube, und dann dich +wieder, du rührtest dich aber nicht, du holtest auch nicht Atem, du +warst tot. + +Ich erwachte. Es schien noch sehr früh zu sein. Meine Uhr stand. Ich war +wie zerschlagen, durstig und hungrig auch noch; ich hatte seit dem +vorigen Morgen nichts gegessen. Ich stieß von mir mit Unwillen und +Überdruß dieses Gold, an dem ich kurz vorher mein törichtes Herz +gesättigt; nun wußt' ich verdrießlich nicht, was ich damit anfangen +sollte. Es durfte nicht so liegen bleiben -- ich versuchte, ob es der +Beutel wieder verschlingen wollte -- nein. Keines meiner Fenster öffnete +sich über die See. Ich mußte mich bequemen, es mühsam und mit sauerm +Schweiß zu einem großen Schrank, der in einem Kabinett stand, zu +schleppen, und es darin zu verpacken. Ich ließ nur einige Handvoll da +liegen. Nachdem ich mit der Arbeit fertig geworden, legt' ich mich +erschöpft in einen Lehnstuhl und erwartete, daß sich Leute im Hause zu +regen anfingen. Ich ließ, sobald es möglich war, zu essen bringen und +den Wirt zu mir kommen. + +Ich besprach mit diesem Manne die künftige Einrichtung meines Hauses. Er +empfahl mir für den näheren Dienst um meine Person einen gewissen +_Bendel_, dessen treue und verständige Physiognomie mich gleich gewann. +Derselbe war's, dessen Anhänglichkeit mich seither tröstend durch das +Elend des Lebens begleitete und mir mein düsteres Los ertragen half. Ich +brachte den ganzen Tag auf meinen Zimmern mit herrenlosen Knechten, +Schustern, Schneidern und Kaufleuten zu, ich richtete mich ein und +kaufte besonders sehr viel Kostbarkeiten und Edelsteine, um nur etwas +des vielen aufgespeicherten Goldes los zu werden; es schien aber gar +nicht, als könne der Haufen sich vermindern. + +Ich schwebte indes über meinen Zustand in den ängstigendsten Zweifeln. +Ich wagte keinen Schritt aus meiner Tür und ließ abends vierzig +Wachskerzen in meinem Saal anzünden, bevor ich aus dem Dunkel herauskam. +Ich gedachte mit Grauen des fürchterlichen Auftrittes mit den +Schulknaben. Ich beschloß, soviel Mut ich auch dazu bedurfte, die +öffentliche Meinung noch einmal zu prüfen. -- Die Nächte waren zu der +Zeit mondhell. Abends spät warf ich einen weiten Mantel um, drückte mir +den Hut tief in die Augen und schlich, zitternd wie ein Verbrecher, aus +dem Hause. Erst auf einem entlegenen Platz trat ich aus dem Schatten der +Häuser, in deren Schutz ich so weit gekommen war, an das Mondlicht +hervor, gefaßt, mein Schicksal aus dem Munde der Vorübergehenden zu +vernehmen. + +Erspare mir, lieber Freund, die schmerzliche Wiederholung alles dessen, +was ich erdulden mußte. Die Frauen bezeigten oft das tiefste Mitleid, +das ich ihnen einflößte; Äußerungen, die mir die Seele nicht minder +durchbohrten, als der Hohn der Jugend und die hochmütige Verachtung der +Männer, besonders solcher dicken, wohlbeleibten, die selbst einen +breiten Schatten warfen. Ein schönes, holdes Mädchen, die, wie es +schien, ihre Eltern begleitete, indem diese bedächtig nur vor ihre Füße +sahen, wandte von ungefähr ihr leuchtendes Auge auf mich; sie erschrak +sichtbarlich, da sie meine Schattenlosigkeit bemerkte, verhüllte ihr +schönes Antlitz in ihren Schleier, ließ den Kopf sinken und ging lautlos +vorüber. + +Ich ertrug es länger nicht. Salzige Ströme brachen aus meinen Augen, und +mit durchschnittenem Herzen zog ich mich schwankend ins Dunkel zurück. +Ich mußte mich an den Häusern halten, um meine Schritte zu sichern, und +erreichte langsam und spät meine Wohnung. + +Ich brachte die Nacht schlaflos zu. Am andern Tage war meine erste +Sorge, nach dem Manne im grauen Rocke überall suchen zu lassen. +Vielleicht sollte es mir gelingen, ihn wieder zu finden, und wie +glücklich! wenn ihn, wie mich, der törichte Handel gereuen sollte. Ich +ließ _Bendel_ vor mich kommen, er schien Gewandtheit und Geschick zu +besitzen -- ich schilderte ihm genau den Mann, in dessen Besitz ein +Schatz sich befand, ohne den mir das Leben nur eine Qual sei. Ich sagte +ihm die Zeit, den Ort, wo ich ihn gesehen; beschrieb ihm alle, die +zugegen gewesen, und fügte dieses Zeichen noch hinzu: er solle sich nach +einem Dollondschen Fernrohr, nach einem golddurchwirkten türkischen +Teppich, nach einem Prachtlustzelt, und endlich nach den schwarzen +Reithengsten genau erkundigen, deren Geschichte, ohne zu bestimmen wie, +mit der des rätselhaften Mannes zusammenhinge, welcher allen unbedeutend +geschienen, und dessen Erscheinung die Ruhe und das Glück meines Lebens +zerstört hatte. + +Wie ich ausgeredet, holt' ich Gold her, eine Last, wie ich sie nur zu +tragen vermochte, und legte Edelsteine und Juwelen noch hinzu für einen +größern Wert. »_Bendel_,« sprach ich, »dieses ebnet viele Wege und macht +vieles leicht, was unmöglich schien; sei nicht karg damit, wie ich es +nicht bin, sondern geh, und erfreue deinen Herrn mit Nachrichten, auf +denen seine alleinige Hoffnung beruht.« + +Er ging. Spät kam er und traurig zurück. Keiner von den Leuten des Herrn +_John_, keiner von seinen Gästen, er hatte alle gesprochen, wußte sich nur +entfernt an den Mann im grauen Rocke zu erinnern. Das neue Teleskop war +da und keiner wußte, wo es hergekommen; der Teppich, das Zelt waren da +und noch auf demselben Hügel ausgebreitet und aufgeschlagen, die Knechte +rühmten den Reichtum ihres Herrn, und keiner wußte, von wannen diese +neuen Kostbarkeiten ihm zugekommen. Er selbst hatte sein Wohlgefallen +daran, und ihn kümmerte es nicht, daß er nicht wisse, woher er sie habe; +die Pferde hatten die jungen Herren, die sie geritten, in ihren Ställen, +und sie priesen die Freigebigkeit des Herrn _John_, der sie ihnen an jenem +Tage geschenkt. Soviel erhellte aus der ausführlichen Erzählung _Bendels_, +dessen rascher Eifer und verständige Führung, auch bei so fruchtlosem +Erfolge, mein verdientes Lob erhielten. Ich winkte ihm düster, mich +allein zu lassen. + +»Ich habe,« hub er wieder an, »meinem Herrn Bericht abgestattet über die +Angelegenheit, die ihm am wichtigsten war. Mir bleibt noch ein Auftrag +auszurichten, den mir heute früh jemand gegeben, welchem ich vor der Tür +begegnete, da ich zu dem Geschäfte ausging, wo ich so unglücklich +gewesen. Die eignen Worte des Mannes waren: >Sagen Sie dem Herrn _Peter +Schlemihl_, er würde mich hier nicht mehr sehen, da ich übers Meer gehe, +und ein günstiger Wind mich soeben nach dem Hafen ruft. Aber über Jahr +und Tag werde ich die Ehre haben, ihn selber aufzusuchen und ein andres, +ihm dann vielleicht annehmliches Geschäft vorzuschlagen. Empfehlen Sie +mich ihm untertänigst und versichern ihn meines Dankes.< Ich frug ihn, +wer er wäre, er sagte aber, Sie kennten ihn schon.« + +»Wie sah der Mann aus?« rief ich voller Ahnung. Und _Bendel_ beschrieb mir +den Mann im grauen Rocke Zug für Zug, Wort für Wort, wie er getreu in +seiner vorigen Erzählung des Mannes erwähnt, nach dem er sich erkundigt. + +»Unglücklicher!« schrie ich händeringend, »das war er ja selbst!« und +ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. -- »Ja, er war es, war es +wirklich!« rief er erschreckt aus, »und ich Verblendeter, Blödsinniger +habe ihn nicht erkannt, ihn nicht erkannt und meinen Herrn verraten!« + +Er brach, heiß weinend, in die bittersten Vorwürfe gegen sich selber +aus, und die Verzweiflung, in der er war, mußte mir selber Mitleiden +einflößen. Ich sprach ihm Trost ein, versicherte ihm wiederholt, ich +setze keinen Zweifel in seine Treue, und schickte ihn alsbald nach dem +Hafen, um, wo möglich, die Spuren des seltsamen Mannes zu verfolgen. +Aber an diesem selben Morgen waren sehr viele Schiffe, die widrige Winde +im Hafen zurückgehalten, ausgelaufen, alle nach andern Weltstrichen, +alle nach andern Küsten bestimmt, und der graue Mann war spurlos wie ein +Schatten verschwunden. + + +3. + +Was hülfen Flügel dem in eisernen Ketten fest Angeschmiedeten? Er müßte +dennoch, und schrecklicher, verzweifeln. Ich lag, wie Fafner bei seinem +Hort, fern von jedem menschlichen Zuspruch, bei meinem Golde darbend, +aber ich hatte nicht das Herz nach ihm, sondern ich fluchte ihm, um +dessentwillen ich mich von allem Leben abgeschnitten sah. Bei mir +allein mein düstres Geheimnis hegend, fürchtete ich mich vor dem letzten +meiner Knechte, den ich zugleich beneiden mußte; denn er hatte einen +Schatten, er durfte sich sehen lassen in der Sonne. Ich vertrauerte +einsam in meinen Zimmern die Tag' und Nächte und Gram zehrte an meinem +Herzen. + +Noch einer härmte sich unter meinen Augen ab, mein treuer _Bendel_ hörte +nicht auf, sich mit stillen Vorwürfen zu martern, daß er das Zutrauen +seines gütigen Herrn betrogen und jenen nicht erkannt, nach dem er +ausgeschickt war, und mit dem er mein trauriges Schicksal in enger +Verflechtung denken mußte. Ich aber konnte ihm keine Schuld geben, ich +erkannte in dem Ereignis die fabelhafte Natur des Unbekannten. + +Nichts unversucht zu lassen, schickt' ich einst _Bendel_ mit einem +kostbaren brillantenen Ring zu dem berühmtesten Maler der Stadt, den +ich, mich zu besuchen, einladen ließ. Er kam, ich entfernte meine Leute, +verschloß die Tür, setzte mich zu dem Mann, und nachdem ich seine Kunst +gepriesen, kam ich mit schwerem Herzen zur Sache, ich ließ ihn zuvor das +strengste Geheimnis geloben. + +»Herr Professor,« fuhr ich fort, »könnten Sie wohl einem Menschen, der +auf die unglücklichste Weise von der Welt um seinen Schatten gekommen +ist, einen falschen Schatten malen?« -- »Sie meinen einen +Schlagschatten?« -- »Den mein' ich allerdings.« -- »Aber,« frug er mich +weiter, »durch welche Ungeschicklichkeit, durch welche Nachlässigkeit +konnte er denn seinen Schlagschatten verlieren?« -- »Wie es kam,« +erwiderte ich, »mag nun sehr gleichgültig sein, doch so viel,« log ich +ihm unverschämt vor: »in Rußland, wo er im vorigen Winter eine Reise +tat, fror ihm einmal, bei einer außerordentlichen Kälte, sein Schatten +dergestalt am Boden fest, daß er ihn nicht wieder los bekommen konnte.« + +»Der falsche Schlagschatten, den ich ihm malen könnte,« erwiderte der +Professor, »würde doch nur ein solcher sein, den er bei der leisesten +Bewegung wieder verlieren müßte -- zumal, wer an dem eignen angebornen +Schatten so wenig fest hing, als aus Ihrer Erzählung selbst sich +abnehmen läßt; wer keinen Schatten hat, gehe nicht in die Sonne, das ist +das Vernünftigste und Sicherste.« Er stand auf und entfernte sich, indem +er auf mich einen durchbohrenden Blick warf, den der meine nicht +ertragen konnte. Ich sank in meinen Sessel zurück und verhüllte mein +Gesicht in meine Hände. + +So fand mich noch _Bendel_, als er hereintrat. Er sah den Schmerz seines +Herrn und wollte sich still, ehrerbietig zurückziehen. -- Ich blickte +auf -- ich erlag unter der Last meines Kummers, ich mußte ihn mitteilen. +»_Bendel_,« rief ich ihm zu, »_Bendel_! du einziger, der du meine Leiden +siehst und ehrst, sie nicht erforschen zu wollen, sondern still und +fromm mitzufühlen scheinst, komm zu mir, _Bendel_, und sei der Nächste +meinem Herzen. Die Schätze meines Goldes hab' ich vor dir nicht +verschlossen, nicht verschließen will ich vor dir die Schätze meines +Grames. -- _Bendel_, verlasse mich nicht. _Bendel_, du siehst mich reich, +freigebig, gütig, du wähnst, es sollte die Welt mich verherrlichen, und +du siehst mich die Welt fliehn und mich vor ihr verschließen. _Bendel_, +sie hat gerichtet, die Welt, und mich verstoßen, und auch du vielleicht +wirst dich von mir wenden, wenn du mein schreckliches Geheimnis +erfährst: _Bendel_, ich bin reich, freigebig, gütig, aber -- o Gott! ich +habe keinen Schatten!« + +»Keinen Schatten?« rief der gute Junge erschreckt aus und die hellen +Tränen stürzten ihm aus den Augen. -- »Weh' mir, daß ich geboren ward, +einem schattenlosen Herrn zu dienen!« Er schwieg und ich hielt mein +Gesicht in meinen Händen. + +»_Bendel_,« setzt' ich spät und zitternd hinzu, »nun hast du mein +Vertrauen, nun kannst du es verraten. Geh hin und zeuge wider mich.« -- +Er schien in schwerem Kampfe mit sich selber, endlich stürzte er vor mir +nieder und ergriff meine Hand, die er mit seinen Tränen benetzte. +»Nein,« rief er aus, »was die Welt auch meine, ich kann und werde um +Schattens willen meinen gütigen Herrn nicht verlassen, ich werde recht +und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen bleiben, Ihnen meinen +Schatten borgen, Ihnen helfen, wo ich kann, und wo ich nicht kann, mit +Ihnen weinen.« Ich fiel ihm um den Hals, ob solcher ungewohnten +Gesinnung staunend; denn ich war von ihm überzeugt, daß er es nicht um +Gold tat. + +Seitdem änderten sich in etwas mein Schicksal und meine Lebensweise. Es +ist unbeschreiblich, wie vorsorglich _Bendel_ mein Gebrechen zu verhehlen +wußte. Überall war er vor mir und mit mir, alles vorhersehend, Anstalten +treffend, und wo Gefahr unversehens drohte, mich schnell mit seinem +Schatten überdeckend, denn er war größer und stärker als ich. So wagt' +ich mich wieder unter die Menschen und begann eine Rolle in der Welt zu +spielen. Ich mußte freilich viele Eigenheiten und Launen scheinbar +annehmen. Solche stehen aber dem Reichen gut, und solange die Wahrheit +nur verborgen blieb, genoß ich aller der Ehre und Achtung, die meinem +Golde zukam. Ich sah ruhiger dem über Jahr und Tag verheißenen Besuch +des rätselhaften Unbekannten entgegen. + +Ich fühlte sehr wohl, daß ich mich nicht lange an einem Orte aufhalten +durfte, wo man mich schon ohne Schatten gesehen und wo ich leicht +verraten werden konnte; auch dacht' ich vielleicht nur allein noch +daran, wie ich mich bei Herrn _John_ gezeigt, und es war mir eine +drückende Erinnerung, demnach wollt' ich hier bloß Probe halten, um +anderswo leichter und zuversichtlicher auftreten zu können -- doch fand +sich, was mich eine Zeitlang an meiner Eitelkeit festhielt: das ist im +Menschen, wo der Anker am zuverlässigsten Grund faßt. + +Eben die schöne _Fanny_, der ich am dritten Ort wieder begegnete, schenkte +mir, ohne sich zu erinnern, mich jemals gesehen zu haben, einige +Aufmerksamkeit, denn jetzt hatt' ich Witz und Verstand. -- Wann ich +redete, hörte man zu, und ich wußte selber nicht, wie ich zu der Kunst +gekommen war, das Gespräch so leicht zu führen und zu beherrschen. Der +Eindruck, den ich auf die Schöne gemacht zu haben einsah, machte aus +mir, was sie eben begehrte, einen Narren, und ich folgte ihr seither mit +tausend Mühen durch Schatten und Dämmerung, wo ich nur konnte. Ich war +nur eitel darauf, sie über mich eitel zu machen, und konnte mir, selbst +mit dem besten Willen, nicht den Rausch aus dem Kopf ins Herz zwingen. + +Aber wozu die ganz gemeine Geschichte dir lang und breit wiederholen? -- +Du selber hast sie mir oft genug von andern Ehrenleuten erzählt. -- Zu +dem alten, wohlbekannten Spiele, worin ich gutmütig eine abgedroschene +Rolle übernommen, kam freilich eine ganz eigens gedichtete Katastrophe +hinzu, mir und ihr und allen unerwartet. + +Da ich an einem schönen Abend nach meiner Gewohnheit eine Gesellschaft +in einem erleuchteten Garten versammelt hatte, wandelte ich mit der +Herrin Arm in Arm, in einiger Entfernung von den übrigen Gästen, und +bemühte mich, ihr Redensarten vorzudrechseln. Sie sah sittig vor sich +nieder und erwiderte leise den Druck meiner Hand; da trat unversehens +hinter uns der Mond aus den Wolken hervor -- und sie sah nur _ihren_ +Schatten vor sich hinfallen. Sie fuhr zusammen und blickte bestürzt mich +an, dann wieder auf die Erde, mit dem Auge meinen Schatten begehrend; +und was in ihr vorging, malte sich so sonderbar in ihren Mienen, daß ich +in ein lautes Gelächter hätte ausbrechen mögen, wenn es mir nicht selber +eiskalt über den Rücken gelaufen wäre. + +Ich ließ sie aus meinem Arm in eine Ohnmacht sinken, schoß wie ein Pfeil +durch die entsetzten Gäste, erreichte die Tür, warf mich in den ersten +Wagen, den ich da haltend fand, und fuhr nach der Stadt zurück, wo ich +diesmal zu meinem Unheil den vorsichtigen _Bendel_ gelassen hatte. Er +erschrak, als er mich sah, ein Wort entdeckte ihm alles. Es wurden auf +der Stelle Postpferde geholt. Ich nahm nur einen meiner Leute mit mir, +einen abgefeimten Spitzbuben, Namens _Raskal_, der sich mir durch seine +Gewandtheit notwendig zu machen gewußt, und der nichts vom heutigen +Vorfall ahnen konnte. Ich legte in derselben Nacht noch dreißig Meilen +zurück. _Bendel_ blieb hinter mir, mein Haus aufzulösen, Gold zu spenden +und mir das Nötigste nachzubringen. Als er mich am andern Tage einholte, +warf ich mich in seine Arme und schwur ihm, nicht etwa keine Torheit +mehr zu begehen, sondern nur künftig vorsichtiger zu sein. Wir setzten +unsre Reise ununterbrochen fort, über die Grenze und das Gebirg, und +erst am andern Abhang, durch das hohe Bollwerk von jenem Unglücksboden +getrennt, ließ ich mich bewegen, in einem nahgelegenen und wenig +besuchten Badeort von den überstandenen Mühseligkeiten auszurasten. + + +4. + +Ich werde in meiner Erzählung schnell über eine Zeit hineilen müssen, +bei der ich wie gerne! verweilen würde, wenn ich ihren lebendigen Geist +in der Erinnerung heraufzubeschwören vermöchte. Aber die Farbe, die sie +belebte und nur wieder beleben kann, ist in mir verloschen, und wann ich +in meiner Brust wieder finden will, was sie damals so mächtig erhob, die +Schmerzen und das Glück, den frommen Wahn -- da schlag' ich vergebens an +einen Felsen, der keinen lebendigen Quell mehr gewährt, und der Gott +ist von mir gewichen. Wie verändert blickt sie mich jetzt an, diese +vergangene Zeit! -- Ich sollte dort in dem Bade eine heroische Rolle +tragieren, schlecht einstudiert, und ein Neuling auf der Bühne, vergaff' +ich mich aus dem Stücke heraus in ein Paar blaue Augen. Die Eltern, vom +Spiele getäuscht, bieten alles auf, den Handel nur schnell festzumachen, +und die gemeine Posse beschließt eine Verhöhnung. Und das ist alles, +alles! -- Das kommt mir albern und abgeschmackt vor und schrecklich +wiederum, daß so mir vorkommen kann, was damals so reich, so groß die +Brust mir schwellte. Mina, wie ich damals weinte, als ich dich verlor, +so wein' ich jetzt, dich auch in mir verloren zu haben. Bin ich denn so +alt worden? -- O traurige Vernunft! Nur noch ein Pulsschlag jener Zeit, +ein Moment jenes Wahnes -- aber nein! einsam auf dem hohen, öden Meere +deiner bittern Flut, und längst aus dem letzten Pokale der Champagner +Elfe entsprüht! + +Ich hatte _Bendel_ mit einigen Goldsäcken vorausgeschickt, um mir im +Städtchen eine Wohnung nach meinen Bedürfnissen einzurichten. Er hatte +dort viel Geld ausgestreut und sich über den vornehmen Fremden, dem er +diente, etwas unbestimmt ausgedrückt, denn ich wollte nicht genannt +sein, das brachte die guten Leute auf sonderbare Gedanken. Sobald mein +Haus zu meinem Empfang bereit war, kam _Bendel_ wieder zu mir und holte +mich dahin ab. Wir machten uns auf die Reise. + +Ungefähr eine Stunde vom Orte, auf einem sonnigen Plan, ward uns der Weg +durch eine festlich geschmückte Menge versperrt. Der Wagen hielt. Musik, +Glockengeläute, Kanonenschüsse wurden gehört, ein lautes Vivat +durchdrang die Luft -- vor dem Schlage des Wagens erschien in weißen +Kleidern ein Chor Jungfrauen von ausnehmender Schönheit, die aber vor +der einen, wie die Sterne der Nacht vor der Sonne, verschwanden. Sie +trat aus der Mitte der Schwestern hervor, die hohe zarte Bildung kniete +verschämt errötend vor mir nieder und hielt mir auf seidenem Kissen +einen aus Lorbeer, Ölzweigen und Rosen geflochtenen Kranz entgegen, +indem sie von Majestät, Ehrfurcht und Liebe einige Worte sprach, die ich +nicht verstand, aber deren zauberischer Silberklang mein Ohr und Herz +berauschte -- es war mir, als wäre schon einmal die himmlische +Erscheinung an mir vorübergewallt. Der Chor fiel ein und sang das Lob +eines guten Königs und das Glück seines Volkes. + +Und dieser Auftritt, lieber Freund, mitten in der Sonne! -- Sie kniete +noch immer zwei Schritte von mir, und ich, ohne Schatten, konnte die +Kluft nicht überspringen, nicht wieder vor dem Engel auf die Knie +fallen. O, was hätt' ich nicht da für einen Schatten gegeben! Ich mußte +meine Scham, meine Angst, meine Verzweiflung tief in den Grund meines +Wagens verbergen. _Bendel_ besann sich endlich für mich, er sprang von der +andern Seite aus dem Wagen heraus, ich rief ihn noch zurück und reichte +ihm aus meinem Kästchen, das mir eben zur Hand lag, eine reiche +diamantene Krone, die die schöne _Fanny_ hatte zieren sollen. Er trat vor +und sprach im Namen seines Herrn, der solche Ehrenbezeigungen nicht +annehmen könne noch wolle; es müsse hier ein Irrtum vorwalten; jedoch +seien die guten Einwohner der Stadt für ihren guten Willen bedankt. Er +nahm indes den dargehaltenen Kranz von seinem Ort und legte den +brillantenen Reif an dessen Stelle; dann reichte er ehrerbietig der +schönen Jungfrau die Hand zum Aufstehen, entfernte mit einem Wink +Geistlichkeit, #Magistratus# und alle Deputationen. Niemand ward weiter +vorgelassen. Er hieß den Haufen sich teilen und den Pferden Raum geben, +schwang sich wieder in den Wagen und fort ging's weiter in gestrecktem +Galopp, unter einer aus Laubwerk und Blumen erbauten Pforte hinweg, dem +Städtchen zu. -- Die Kanonen wurden immer frischweg abgefeuert. -- Der +Wagen hielt vor meinem Hause; ich sprang behend in die Tür, die Menge +teilend, die die Begierde, mich zu sehen, herbeigerufen hatte. Der Pöbel +schrie Vivat unter meinem Fenster und ich ließ doppelte Dukaten daraus +regnen. Am Abend war die Stadt freiwillig erleuchtet. -- + +Und ich wußte immer noch nicht, was das alles bedeuten sollte und für +wen ich angesehen wurde. Ich schickte _Raskaln_ auf Kundschaft aus. Er +ließ sich denn erzählen, wasmaßen man bereits sichere Nachrichten +gehabt, der gute König von Preußen reise unter dem Namen eines Grafen +durch das Land; wie mein Adjutant erkannt worden sei und wie er sich und +mich verraten habe; wie groß endlich die Freude gewesen, da man die +Gewißheit gehabt mich im Orte selbst zu besitzen. Nun sah man freilich +ein, da ich offenbar das strengste Inkognito beobachten wolle, wie sehr +man unrecht gehabt, den Schleier so zudringlich zu lüften. Ich hätte +aber so huldreich, so gnadenvoll gezürnt -- ich würde gewiß dem guten +Herzen verzeihen müssen. + +Meinem Schlingel kam die Sache so spaßhaft vor, daß er mit strafenden +Reden sein möglichstes tat, die guten Leute einstweilen in ihrem Glauben +zu bestärken. Er stattete mir einen sehr komischen Bericht ab, und da er +mich dadurch erheitert sah, gab er mir selbst seine verübte Bosheit zum +besten. -- Muß ich's bekennen? Es schmeichelte mir doch, sei es auch nur +so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein. + +Ich hieß zu dem morgenden Abend unter den Bäumen, die den Raum vor +meinem Hause beschatteten, ein Fest bereiten und die ganze Stadt dazu +einladen. Der geheimnisreichen Kraft meines Säckels, _Bendels_ Bemühungen +und der behenden Erfindsamkeit _Raskals_ gelang es, selbst die Zeit zu +besiegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie reich und schön sich alles in +den wenigen Stunden anordnete. Die Pracht und der Überfluß, die da sich +erzeugten, auch die sinnreiche Erleuchtung war so weise verteilt, daß +ich mich ganz sicher fühlte. Es blieb mir nichts zu erinnern, ich mußte +meine Diener loben. + +Es dunkelte der Abend. Die Gäste erschienen und wurden mir vorgestellt. +Es ward die Majestät nicht mehr berührt; aber ich hieß in tiefer +Ehrfurcht und Demut: Herr Graf. Was sollt' ich tun? Ich ließ mir den +Grafen gefallen und blieb von Stund' an der Graf Peter. Mitten im +festlichen Gewühle begehrte meine Seele nur nach der _einen_. Spät +erschien sie, sie, die die Krone war und trug. Sie folgte sittsam ihren +Eltern und schien nicht zu wissen, daß sie die Schönste sei. Es wurden +mir der Herr Forstmeister, seine Frau und seine Tochter vorgestellt. Ich +wußte den Alten viel Angenehmes und Verbindliches zu sagen; vor der +Tochter stand ich wie ein ausgescholtener Knabe da und vermochte kein +Wort hervor zu lallen. Ich bat sie endlich stammelnd, dies Fest zu +würdigen, das Amt, dessen Zeichen sie schmückte, darin zu verwalten. Sie +bat verschämt mit einem rührenden Blick um Schonung; aber verschämter +vor ihr, als sie selbst, brachte ich ihr als erster Untertan meine +Huldigung in tiefer Ehrfurcht, und der Wink des Grafen ward allen Gästen +ein Gebot, dem nachzuleben sich jeder freudig beeiferte. Majestät, +Unschuld und Grazie beherrschten, mit der Schönheit im Bunde, ein frohes +Fest. Die glücklichen Eltern Minas glaubten ihnen nur zu Ehren ihr Kind +erhöht; ich selber war in einem unbeschreiblichen Rausch. Ich ließ +alles, was ich noch von den Juwelen hatte, die ich damals, um +beschwerliches Gold los zu werden, gekauft, alle Perlen, alles +Edelgestein in zwei verdeckte Schüsseln legen und bei Tische, unter dem +Namen der Königin, ihren Gespielinnen und allen Damen herumreichen; Gold +ward indessen ununterbrochen über die gezogenen Schranken unter das +jubelnde Volk geworfen. + +_Bendel_ am andern Morgen eröffnete mir im Vertrauen, der Verdacht, den er +längst gegen _Raskals_ Redlichkeit gehegt, sei nunmehr zur Gewißheit +geworden. Er habe gestern ganze Säcke Goldes unterschlagen. »Laß uns,« +erwidert' ich, »dem armen Schelmen die kleine Beute gönnen; ich spende +gern allen, warum nicht auch ihm? Gestern hat er mir, haben mir alle +neuen Leute, die du mir gegeben, redlich gedient, sie haben mir froh ein +frohes Fest begehen helfen.« + +Es war nicht weiter die Rede davon. _Raskal_ blieb der erste meiner +Dienerschaft, _Bendel_ war aber mein Freund und mein Vertrauter. Dieser +war gewohnt worden, meinen Reichtum als unerschöpflich zu denken, und er +spähte nicht nach dessen Quellen; er half mir vielmehr, in meinen Sinn +eingehend, Gelegenheiten ersinnen, ihn darzutun und Gold zu vergeuden. +Von jenem Unbekannten, dem blassen Schleicher, wußt' er nur soviel: Ich +dürfe allein durch ihn von dem Fluche erlöst werden, der auf mir laste +und fürchte ihn, auf dem meine einzige Hoffnung ruhe. Übrigens sei ich +davon überzeugt, er könne mich überall auffinden, ich ihn nirgends, +darum ich, den versprochenen Tag erwartend, jede vergebliche Nachsuchung +eingestellt. + +Die Pracht meines Festes und mein Benehmen dabei erhielten anfangs die +starkgläubigen Einwohner der Stadt bei ihrer vorgefaßten Meinung. Es +ergab sich freilich sehr bald aus den Zeitungen, daß die ganze +fabelhafte Reise des Königs von Preußen ein bloßes ungegründetes Gerücht +gewesen. Ein König war ich aber nun einmal und mußte schlechterdings ein +König bleiben, und zwar einer der reichsten und königlichsten, die es +immer geben mag. Nur wußte man nicht recht, welcher. Die Welt hat nie +Grund gehabt, über Mangel an Monarchen zu klagen, am wenigsten in unsern +Tagen; die guten Leute, die noch keinen mit Augen gesehen, rieten mit +gleichem Glück bald auf diesen, bald auf jenen -- _Graf Peter_ blieb +immer, der er war. + +Einst erschien unter den Badegästen ein Handelsmann, der Bankrott +gemacht hatte, um sich zu bereichern, der allgemeiner Achtung genoß und +einen breiten, obgleich etwas blassen Schatten von sich warf. Er wollte +hier das Vermögen, das er gesammelt, zum Prunk ausstellen, und es fiel +sogar ihm ein, mit mir wetteifern zu wollen. Ich sprach meinem Säckel zu +und hatte sehr bald den armen Teufel so weit, daß er, um sein Ansehen zu +retten, abermals Bankrott machen mußte und über das Gebirge ziehen. So +ward ich ihn los. -- Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse und +Müßiggänger gemacht! + +Bei der königlichen Pracht und Verschwendung, womit ich mir alles +unterwarf, lebt' ich in meinem Haus sehr einfach und eingezogen. Ich +hatte mir die größte Vorsicht zur Regel gemacht, es durfte, unter keinem +Vorwand kein andrer als _Bendel_ die Zimmer, die ich bewohnte, betreten. +Solange die Sonne schien, hielt ich mich mit ihm darin verschlossen, und +es hieß: der Graf arbeite in seinem Kabinett. Mit diesen Arbeiten +standen die häufigen Kuriere in Verbindung, die ich um jede Kleinigkeit +abschickte und erhielt. -- Ich nahm nur am Abend unter meinen Bäumen, +oder in meinem nach _Bendels_ Angabe geschickt und reich erleuchteten +Saale, Gesellschaft an. Wenn ich ausging, wobei mich stets _Bendel_ mit +Argusaugen bewachen mußte, so war es nur nach dem Förstergarten und um +der einen willen; denn meines Lebens innerlichstes Herz war meine Liebe. + +O mein guter _Chamisso_, ich will hoffen, du habest noch nicht vergessen, +was Liebe sei! Ich lasse dir hier vieles zu ergänzen. _Mina_ war wirklich +ein liebewertes, gutes, frommes Kind. Ich hatte ihre ganze Phantasie an +mich gefesselt, sie wußte in ihrer Demut nicht, womit sie wert gewesen, +daß ich nur nach ihr geblickt; und sie vergalt Liebe um Liebe, mit der +vollen jugendlichen Kraft eines unschuldigen Herzens. Sie liebte wie ein +Weib, ganz hin sich opfernd; selbstvergessen, hingegeben den nur +meinend, der ihr Leben war, unbekümmert, solle sie selbst zugrunde +gehen, das heißt, sie liebte wirklich. + +Ich aber -- o welche schreckliche Stunden -- schrecklich! und würdig +dennoch, daß ich sie zurückwünsche -- hab' ich oft an _Bendels_ Brust +verweint, als nach dem ersten bewußtlosen Rausch ich mich besonnen, mich +selbst scharf angeschaut, der ich, ohne Schatten, mit tückischer +Selbstsucht diesen Engel verderbend, die reine Seele an mich gelogen und +gestohlen! Dann beschloß ich, mich ihr selber zu verraten; dann gelobt' +ich mit teuren Eidschwüren, mich von ihr zu reißen und zu entfliehen; +dann brach ich wieder in Tränen aus und verabredete mit _Bendeln_, wie ich +sie auf den Abend im Förstergarten besuchen wolle. + +Zu andern Zeiten log ich mir selber vom nahe bevorstehenden Besuch des +grauen Unbekannten große Hoffnungen vor, und weinte wieder, wenn ich +daran zu glauben vergebens versucht hatte. Ich hatte den Tag +ausgerechnet, wo ich den Furchtbaren wieder zu sehen erwartete; denn er +hatte gesagt, in Jahr und Tag, und ich glaubte an sein Wort. + +Die Eltern waren gute, ehrbare, alte Leute, die ihr einziges Kind sehr +liebten, das ganze Verhältnis überraschte sie, als es schon bestand, und +sie wußten nicht, was sie dabei tun sollten. Sie hatten früher nicht +geträumt, der _Graf Peter_ könne nur an ihr Kind denken, nun liebte er sie +gar und ward wieder geliebt. -- Die Mutter war wohl eitel genug, an die +Möglichkeit einer Verbindung zu denken und darauf hinzuarbeiten; der +gesunde Menschenverstand des Alten gab solchen überspannten +Vorstellungen nicht Raum. Beide waren überzeugt von der Reinheit meiner +Liebe -- sie konnten nichts tun, als für ihr Kind beten. + +Es fällt mir ein Brief in die Hand, den ich noch aus dieser Zeit von +_Mina_ habe. -- Ja, das sind ihre Züge! Ich will dir ihn abschreiben. + +»Bin ein schwaches, törichtes Mädchen, könnte mir einbilden, daß mein +Geliebter, weil ich ihn innig, innig liebe, dem armen Mädchen nicht weh +tun möchte. -- Ach, Du bist so gut, so unaussprechlich gut; aber +mißdeute mich nicht. Du sollst mir nichts opfern, mir nichts opfern +wollen; o Gott! ich könnte mich hassen, wenn Du das tätest. Nein -- Du +hast mich unendlich glücklich gemacht, Du hast mich Dich lieben gelehrt. +Zeuch hin! -- Weiß doch mein Schicksal, _Graf Peter_ gehört nicht mir, +gehört der Welt an. Will stolz sein, wenn ich höre: das ist er gewesen, +und das war er wieder, und das hat er vollbracht; da haben sie ihn +angebetet, und da haben sie ihn vergöttert. Siehe, wenn ich das denke, +zürne ich Dir, daß Du bei einem einfältigen Kinde deiner hohen +Schicksale vergessen kannst. -- Zeuch hin, sonst macht der Gedanke mich +noch unglücklich, die ich, ach! durch Dich so glücklich, so selig bin. +-- Hab' ich nicht auch einen Ölzweig und eine Rosenknospe in Dein Leben +geflochten, wie in den Kranz, den ich Dir überreichen durfte. Habe Dich +im Herzen, mein Geliebter, fürchte nicht von mir zu gehen -- werde +sterben, ach! so selig, so unaussprechlich selig durch Dich.« -- + +Du kannst dir denken, wie mir die Worte durchs Herz schneiden mußten. +Ich erklärte ihr, ich sei nicht das, wofür man mich anzusehen schien; +ich sei nur ein reicher, aber unendlich elender Mann. Auf mir ruhe ein +Fluch, der das einzige Geheimnis zwischen ihr und mir sein solle, weil +ich noch nicht ohne Hoffnung sei, daß er gelöst werde. Dies sei das Gift +meiner Tage: daß ich sie mit in den Abgrund hinreißen könne, sie, die +das einzige Licht, das einzige Glück, das einzige Herz meines Lebens +sei. Dann weinte sie wieder, daß ich unglücklich war. Ach, sie war so +liebevoll, so gut! Um eine Träne nur mir zu erkaufen, hätte sie, mit +welcher Seligkeit, sich selbst ganz hingeopfert. + +Sie war indes weit entfernt, meine Worte richtig zu deuten, sie ahnte +nun in mir irgendeinen Fürsten, den ein schwerer Bann getroffen, +irgendein hohes, geächtetes Haupt und ihre Einbildungskraft malte sich +geschäftig unter heroischen Bildern den Geliebten herrlich aus. + +Einst sagte ich ihr: »_Mina_, der letzte Tag im künftigen Monat kann mein +Schicksal ändern und entscheiden -- geschieht es nicht, so muß ich +sterben, weil ich dich nicht unglücklich machen will.« -- Sie verbarg +weinend ihr Haupt an meiner Brust. -- »Ändert sich dein Schicksal, laß +mich nur dich glücklich wissen, ich habe keinen Anspruch an dich. -- +Bist du elend, binde mich an dein Elend, daß ich es dir tragen helfe.« + +»Mädchen, Mädchen, nimm es zurück, das rasche Wort, das törichte, das +deinen Lippen entflohen -- und kennst du es, dieses Elend, kennst du +ihn, diesen Fluch? Weißt du, wer dein Geliebter -- -- was er --? Siehst +du mich nicht krampfhaft zusammenschaudern, und vor dir ein Geheimnis +haben?« Sie fiel schluchzend mir zu Füßen und wiederholte mit Eidschwur +ihre Bitte. + +Ich erklärte mich gegen den hereintretenden Forstmeister, meine Absicht +sei, am ersten des nächstkünftigen Monats um die Hand seiner Tochter +anzuhalten -- ich setze diese Zeit fest, weil sich bis dahin manches +ereignen dürfte, was Einfluß auf mein Schicksal haben könnte. +Unwandelbar sei nur meine Liebe zu seiner Tochter. -- + +Der gute Mann erschrak ordentlich, als er solche Worte aus dem Munde des +_Grafen Peter_ vernahm. Er fiel mir um den Hals und ward wieder ganz +verschämt, sich vergessen zu haben. Nun fiel es ihm ein, zu zweifeln, zu +erwägen und zu forschen; er sprach von Mitgift, von Sicherheit, von +Zukunft für sein liebes Kind. Ich dankte ihm, mich daran zu mahnen. Ich +sagte ihm, ich wünsche in dieser Gegend, wo ich geliebt zu sein schien, +mich anzusiedeln und ein sorgenfreies Leben zu führen. Ich bat ihn, die +schönsten Güter, die im Lande ausgeboten würden, unter dem Namen seiner +Tochter zu kaufen und die Bezahlung auf mich anzuweisen. Es könne darin +ein Vater dem Liebenden am besten dienen. -- Es gab ihm viel zu tun, +denn überall war ihm ein Fremder zuvorgekommen; er kaufte auch nur für +ungefähr eine Million. + +Daß ich ihn damit beschäftigte, war im Grunde eine unschuldige List, um +ihn zu entfernen, und ich hatte schon ähnliche mit ihm gebraucht, denn +ich muß gestehen, daß er etwas lästig war. Die gute Mutter war dagegen +etwas taub, und nicht wie er, auf die Ehre eifersüchtig, den Herrn +Grafen zu unterhalten. + +Die Mutter kam hinzu, die glücklichen Leute drangen in mich, den Abend +länger unter ihnen zu bleiben; ich durfte keine Minute weilen: ich sah +schon den aufgehenden Mond am Horizonte dämmern. -- Meine Zeit war +um. -- + +Am nächsten Abend ging ich wieder nach dem Förstergarten. Ich hatte den +Mantel weit über die Schultern geworfen, den Hut tief in die Augen +gedrückt, ich ging auf _Mina_ zu; wie sie aufsah und mich anblickte, +machte sie eine unwillkürliche Bewegung; da stand mir wieder klar vor +der Seele die Erscheinung jener schaurigen Nacht, wo ich mich im +Mondschein ohne Schatten gezeigt. Sie war es wirklich. Hatte sie mich +aber auch jetzt erkannt? Sie war still und gedankenvoll -- mir lag es +zentnerschwer auf der Brust -- ich stand von meinem Sitz auf. Sie warf +sich still weinend an meine Brust. Ich ging. + +Nun fand ich sie öfters in Tränen, mir ward's finster und finsterer um +die Seele -- nur die Eltern schwammen in überschwenglicher +Glückseligkeit; der verhängnisvolle Tag rückte heran, bang und dumpf wie +eine Gewitterwolke. Der Vorabend war da -- ich konnte kaum mehr atmen. +Ich hatte vorsorglich einige Kisten mit Gold angefüllt, ich wachte die +zwölfte Stunde heran. -- Sie schlug. -- + +Nun saß ich da, das Auge auf die Zeiger der Uhr gerichtet, die Sekunden, +die Minuten zählend, wie Dolchstiche. Bei jedem Lärm, der sich regte, +fuhr ich auf, der Tag brach an. Die bleiernen Stunden verdrängten +einander, es ward Mittag, Abend, Nacht; es rückten die Zeiger, welkte +die Hoffnung; es schlug elf und nichts erschien, die letzten Minuten der +letzten Stunde fielen, und nichts erschien, es schlug der erste Schlag, +der letzte Schlag der zwölften Stunde, und ich sank hoffnungslos in +unendlichen Tränen auf mein Lager zurück. Morgen sollt' ich -- auf immer +schattenlos, um die Hand der Geliebten anhalten; ein banger Schlaf +drückte mir gegen den Morgen die Augen zu. + + +5. + +Es war noch früh, als mich Stimmen weckten, die sich in meinem +Vorzimmer, in heftigem Wortwechsel, erhoben. Ich horchte auf. -- _Bendel_ +verbot meine Tür; _Raskal_ schwor hoch und teuer, keine Befehle von +seinesgleichen anzunehmen, und bestand darauf, in meine Zimmer +einzudringen. Der gütige _Bendel_ verwies ihm, daß solche Worte, falls sie +zu meinen Ohren kämen, ihn um einen vorteilhaften Dienst bringen würden. +Raskal drohte Hand an ihn zu legen, wenn er ihm den Eingang noch länger +vertreten wollte. + +Ich hatte mich halb angezogen, ich riß zornig die Tür auf und fuhr auf +_Raskaln_ zu -- »Was willst du, Schurke -- --?« Er trat zwei Schritte +zurück und antwortete ganz kalt: »Sie untertänigst bitten, Herr Graf, +mir doch einmal Ihren Schatten sehen zu lassen -- die Sonne scheint eben +so schön auf dem Hofe.« -- + +Ich war wie vom Donner gerührt. Es dauerte lange, bis ich die Sprache +wieder fand. -- »Wie kann ein Knecht gegen seinen Herrn --?« Er fiel mir +ganz ruhig in die Rede: »Ein Knecht kann ein sehr ehrlicher Mann sein +und einem Schattenlosen nicht dienen wollen, ich fordere meine +Entlassung.« Ich mußte andre Saiten aufziehen. »Aber _Raskal_, lieber +_Raskal_, wer hat dich auf die unglückliche Idee gebracht, wie kannst du +denken -- --?« Er fuhr im selben Tone fort: »Es wollen Leute behaupten, +Sie hätten keinen Schatten -- und kurz, Sie zeigen mir Ihren Schatten, +oder geben mir meine Entlassung.« + +_Bendel_, bleich und zitternd, aber besonnener als ich, machte mir ein +Zeichen, ich nahm zu dem alles beschwichtigenden Golde meine Zuflucht -- +auch das hatte seine Macht verloren -- er warf's mir vor die Füße: »Von +einem Schattenlosen nehme ich nichts an.« Er kehrte mir den Rücken und +ging, den Hut auf dem Kopf, ein Liedchen pfeifend, langsam aus dem +Zimmer. Ich stand mit _Bendel_ da wie versteint, gedanken- und regungslos +ihm nachsehend. + +Schwer aufseufzend und den Tod im Herzen, schickt' ich mich endlich an, +mein Wort zu lösen, und, wie ein Verbrecher vor seinen Richtern, in dem +Förstergarten zu erscheinen. Ich stieg in der dunklen Laube ab, welche +nach mir benannt war, und wo sie mich auch diesmal erwarten mußten. Die +Mutter kam mir sorgenfrei und freudig entgegen. _Mina_ saß da, bleich und +schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen +küßt, und gleich in bittres Wasser zerfließen wird. Der Forstmeister, +ein geschriebenes Blatt in der Hand, ging heftig auf und ab, und schien +vieles in sich zu unterdrücken, was, mit fliegender Röte und Blässe +wechselnd, sich auf seinem sonst unbeweglichen Gesichte malte. Er kam +auf mich zu, als ich hereintrat, und verlangte mit oft unterbrochenen +Worten, mich allein zu sprechen. Der Gang, auf den er mich, ihm zu +folgen, einlud, führte nach einem freien besonnten Teile des Gartens -- +ich ließ mich stumm auf einen Sitz nieder, und es erfolgte ein langes +Schweigen, das selbst die gute Mutter nicht zu unterbrechen wagte. + +Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes die Laube auf +und ab, er stand mit einem Male vor mir still, blickte ins Papier, das +er hielt, und fragte mich mit prüfendem Blick: »Sollte Ihnen, Herr Graf, +ein gewisser _Peter Schlemihl_ wirklich nicht unbekannt sein?« Ich schwieg +-- »ein Mann von vorzüglichem Charakter und von besonderen Gaben --« Er +erwartete eine Antwort. -- »Und wenn ich selber der Mann wäre?« -- +»Dem,« fügte er heftig hinzu, »sein Schatten abhanden gekommen ist!!« -- +»O meine Ahnung, meine Ahnung!« rief _Mina_ aus, »ja ich weiß es längst, +er hat keinen Schatten!« und sie warf sich in die Arme der Mutter, +welche erschreckt, sie krampfhaft an sich schließend, ihr Vorwürfe +machte, daß sie zum Unheil solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie +aber war, wie Arethusa, in einen Tränenquell gewandelt, der beim Klang +meiner Stimme häufiger floß, und bei meinem Nahen stürmisch aufbrauste. + +»Und Sie haben,« hub der Forstmeister grimmig wieder an, »und Sie haben +mit unerhörter Frechheit diese und mich zu betrügen keinen Anstand +genommen; und Sie geben vor, sie zu lieben, die Sie so weit +heruntergebracht haben? Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O +schrecklich! schrecklich!« + +Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich, wie irre redend, +anfing: es wäre doch am Ende ein Schatten, nichts als ein Schatten, man +könne auch ohne das fertig werden, und es wäre nicht der Mühe wert, +solchen Lärm davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von +dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß er mich einer +Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu: was man einmal verloren, könne +man ein andermal wieder finden. + +Er fuhr mich zornig an. -- »Gestehen Sie mir's, mein Herr, gestehen Sie +mir's, wie sind Sie um Ihren Schatten gekommen?« Ich mußte wieder lügen: +»Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen +Schatten, daß er ein großes Loch darein riß -- ich habe ihn nur zum +Ausbessern gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon gestern +wieder bekommen sollen.« + +»Wohl, mein Herr, ganz wohl!« erwiderte der Forstmeister, »Sie werben um +meine Tochter, das tun auch andre, ich habe als ein Vater für sie zu +sorgen, ich gebe Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach +einem Schatten umtun mögen; erscheinen Sie binnen drei Tagen vor mir mit +einem wohlangepaßten Schatten, so sollen Sie mir willkommen sein: am +vierten Tage aber -- das sag' ich Ihnen -- ist meine Tochter die Frau +eines andern.« -- Ich wollte noch versuchen, ein Wort an _Mina_ zu +richten, aber sie schloß sich, heftiger schluchzend, fester an ihre +Mutter, und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich +schwankte hinweg, und mir war's, als schlösse sich hinter mir die Welt +zu. + +Der liebevollen Aufsicht _Bendels_ entsprungen, durchschweifte ich in +irrem Lauf Wälder und Fluren. Angstschweiß troff von meiner Stirne, ein +dumpfes Stöhnen entrang sich meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn. + +Ich weiß nicht, wie lange es so gedauert haben mochte, als ich mich auf +einer sonnigen Heide beim Ärmel anhalten fühlte. -- Ich stand still und +sah mich um -- -- es war der Mann im grauen Rock, der sich nach mir +außer Atem gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort: »Ich +hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben die Zeit nicht +erwarten können. Es steht aber alles noch gut, Sie nehmen Rat an, +tauschen Ihren Schatten wieder ein, der Ihnen zu Gebote steht, und +kehren sogleich wieder um. Sie sollen in dem Förstergarten willkommen +sein, und alles ist nur ein Scherz gewesen; den _Raskal_, der Sie verraten +hat und um Ihre Braut wirbt, nehm' ich auf mich, der Kerl ist reif.« + +Ich stand noch wie im Schlafe da. -- »Auf den heutigen Tag angemeldet +--?« ich überdachte noch einmal die Zeit -- er hatte recht, ich hatte +mich stets um einen Tag verrechnet. Ich suchte mit der rechten Hand nach +dem Säckel auf meiner Brust -- er erriet meine Meinung und trat zwei +Schritte zurück. + +»Nein, Herr Graf, der ist in zu guten Händen, den behalten Sie.« -- Ich +sah ihn mit stieren Augen, verwundert fragend an, er fuhr fort: »Ich +erbitte mir bloß eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut und +unterschreiben mir den Zettel da.« -- Auf dem Pergamente standen die +Worte: + + »Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem Inhaber dieses + meine Seele nach ihrer natürlichen Trennung von meinem Leibe.« + +Ich sah mit stummem Staunen die Schrift und den grauen Unbekannten +abwechselnd an. -- Er hatte unterdessen mit einer neu geschnittenen +Feder einen Tropfen Bluts aufgefangen, der mir aus einem frischen +Dornriß auf die Hand floß, und hielt sie mir hin. + +»Wer sind Sie denn?« frug ich ihn endlich. »Was tut's,« gab er mir zur +Antwort, »und sieht man es mir nicht an? Ein armer Teufel, gleichsam so +eine Art von Gelehrten und Physikus, der von seinen Freunden für +vortreffliche Künste schlechten Dank erntet, und für sich selber auf +Erden keinen andern Spaß hat, als sein bißchen Experimentieren -- aber +unterschreiben Sie doch. Rechts, da unten: _Peter Schlemihl_.« + +Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr, das +unterschreibe ich nicht.« -- »Nicht?« wiederholte er verwundert, »und +warum nicht?« + +»Es scheint mir doch gewissermaßen bedenklich, meine Seele an meinen +Schatten zu setzen.« -- -- »So, so!« wiederholte er, »bedenklich,« und +er brach in ein lautes Gelächter gegen mich aus. »Und, wenn ich fragen +darf, was ist denn das für ein Ding, Ihre Seele? haben Sie es je +gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn Sie einst tot sind? +Seien Sie doch froh, einen Liebhaber zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit +noch den Nachlaß dieses #X#, dieser galvanischen Kraft oder +polarisierenden Wirksamkeit, und was alles das närrische Ding sein soll, +mit etwas Wirklichem bezahlen will, nämlich mit Ihrem leibhaftigen +Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und zu der Erfüllung +aller Ihrer Wünsche gelangen können. Wollen Sie lieber selbst das arme +junge Blut dem niederträchtigen Schurken, dem _Raskal_, zustoßen und +ausliefern? -- Nein, das müssen Sie doch mit eignen Augen ansehen; +kommen Sie, ich leihe Ihnen die Tarnkappe hier« (er zog etwas aus der +Tasche) »und wir wallfahren ungesehen nach dem Förstergarten.« + +Ich muß gestehen, daß ich mich überaus schämte, von diesem Manne +ausgelacht zu werden. Er war mir von Herzensgrunde verhaßt, und ich +glaube, daß mich dieser persönliche Widerwille mehr als Grundsätze oder +Vorurteile abhielt, meinen Schatten, so notwendig er mir auch war, mit +der begehrten Unterschrift zu erkaufen. Auch war mir der Gedanke +unerträglich, den Gang, den er mir antrug, in seiner Gesellschaft zu +unternehmen. Diesen häßlichen Schleicher, diesen hohnlächelnden Kobold, +zwischen mich und meine Geliebte, zwei blutig zerrissene Herzen, +spöttisch hintreten zu sehen, empörte mein innigstes Gefühl. Ich nahm, +was geschehen war, als verhängt an, mein Elend als unabwendbar, und mich +zu dem Manne kehrend, sagte ich ihm: »Mein Herr, ich habe Ihnen meinen +Schatten für diesen an sich sehr vorzüglichen Säckel verkauft, und es +hat mich genug gereut. Kann der Handel zurückgehen, in Gottes Namen!« Er +schüttelte mit dem Kopf und zog ein sehr finsteres Gesicht. Ich fuhr +fort: »So will ich Ihnen auch weiter nichts von meiner Habe verkaufen, +sei es auch um den angebotenen Preis meines Schattens, und +unterschreibe also nichts. Daraus läßt sich auch abnehmen, daß die +Verkappung, zu der Sie mich einladen, ungleich belustigender für Sie als +für mich ausfallen müßte; halten Sie mich also für entschuldigt, und da +es einmal nicht anders ist -- laßt uns scheiden!« -- + +»Es ist mir leid, Monsieur _Schlemihl_, daß Sie eigensinnig das Geschäft +von der Hand weisen, das ich Ihnen freundschaftlich anbot. Indessen, +vielleicht bin ich ein andermal glücklicher. Auf baldiges Wiedersehen! +-- Apropos, erlauben Sie mir noch, Ihnen zu zeigen, daß ich die Sachen, +die ich kaufe, keineswegs verschimmeln lasse, sondern in Ehren halte, +und daß sie bei mir gut aufgehoben sind.« -- + +Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und ihn mit einem +geschickten Wurf auf der Heide entfaltend, breitete er ihn auf der +Sonnenseite zu seinen Füßen aus, so, daß er zwischen den beiden ihm +aufwartenden Schatten, dem meinen und dem seinen, daher ging, denn +meiner mußte ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen +sich richten und bequemen. + +Als ich nach so langer Zeit einmal meinen armen Schatten wieder sah, und +ihn zu solchem schnöden Dienste herabgewürdigt fand, eben als ich um +seinetwillen in so namenloser Not war, da brach mir das Herz, und ich +fing bitterlich zu weinen an. Der Verhaßte stolzierte mit dem mir +abgejagten Raub, und erneuerte unverschämt seinen Antrag: »Noch ist er +für Sie zu haben, ein Federzug, und Sie retten damit die arme +unglückliche _Mina_ aus des Schuftes Klauen in des hochgeehrten Herrn +Grafen Arme -- wie gesagt, nur ein Federzug.« Meine Tränen brachen mir +erneuter Kraft hervor, aber ich wandte mich weg, und winkte ihm, sich zu +entfernen. + +_Bendel_, der voller Sorgen meine Spuren bis hierher verfolgt hatte, traf +in diesem Augenblick ein. Als mich die treue, fromme Seele weinend +fand, und meinen Schatten, denn er war nicht zu verkennen, in der Gewalt +des wunderlichen grauen Unbekannten sah, beschloß er gleich, sei es auch +mit Gewalt, mich in den Besitz meines Eigentums wiederherzustellen, und +da er selbst mit dem zarten Dinge nicht umzugehen verstand, griff er +gleich den Mann mit Worten an, und ohne vieles Fragen gebot er ihm +stracks, mir das Meine unverzüglich verabfolgen zu lassen. Dieser, statt +aller Antwort, kehrte dem unschuldigen Burschen den Rücken und ging. +_Bendel_ aber erhob den Kreuzdornknüttel, den er trug, und, ihm auf den +Fersen folgend, ließ er ihn schonungslos unter wiederholtem Befehl, den +Schatten herzugeben, die volle Kraft seines nervichten Armes fühlen. +Jener, als sei er solcher Behandlung gewohnt, bückte den Kopf, wölbte +die Schultern, und zog stillschweigend ruhigen Schrittes seinen Weg über +die Heide weiter, mir meinen Schatten zugleich und meinen treuen Diener +entführend. Ich hörte lange noch den dumpfen Schall durch die Einöde +dröhnen, bis er sich endlich in der Entfernung verlor. Einsam war ich +wie vorher mit meinem Unglück. + + +6. + +Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich unendlichen Tränen +freien Lauf, mein armes Herz von namenloser banger Last erleichternd. +Aber ich sah meinem überschwenglichen Elend keine Grenzen, keinen +Ausgang, kein Ziel, und ich sog besonders mit grimmigem Durst an dem +neuen Gifte, das der Unbekannte in meine Wunden gegossen. Als ich _Minas_ +Bild vor meine Seele rief und die geliebte, süße Gestalt bleich und in +Tränen mir erschien, wie ich sie zuletzt in meiner Schmach gesehen, da +trat frech und höhnend _Raskals_ Schemen zwischen sie und mich, ich +verhüllte mein Gesicht und floh durch die Einöde, aber die scheußliche +Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte mich im Laufe, bis +ich atemlos an den Boden sank und die Erde mit erneuertem Tränenquell +befeuchtete. + +Und alles um einen Schatten! Und diesen Schatten hätte mir ein Federzug +wieder erworben. Ich überdachte den befremdenden Antrag und meine +Weigerung. Es war wüst in mir, ich hatte weder Urteil noch +Fassungsvermögen mehr. + +Der Tag verging, ich stillte meinen Hunger mit wilden Früchten, meinen +Durst im nächsten Bergstrom; die Nacht brach ein, ich lagerte mich unter +einem Baum. Der feuchte Morgen weckte mich aus einem schweren Schlaf, in +dem ich mich selber wie im Tode röcheln hörte. _Bendel_ mußte meine Spur +verloren haben und es freute mich, es zu denken. Ich wollte nicht unter +die Menschen zurückkehren, vor welchen ich schreckhaft floh, wie das +scheue Wild des Gebirges. So verlebte ich drei bange Tage. + +Ich befand mich am Morgen des vierten auf einer sandigen Ebene, welche +die Sonne beschien, und saß auf Felsentrümmern in ihrem Strahl, denn ich +liebte jetzt, ihren lang' entbehrten Anblick zu genießen. Ich nährte +still mein Herz mit seiner Verzweiflung. Da schreckte mich ein leises +Geräusch auf, ich warf, zur Flucht bereit, den Blick um mich her, ich +sah niemand: aber es kam auf dem sonnigen Sande an mir vorbeigeglitten +ein Menschenschatten, dem meinigen nicht unähnlich, welcher, allein +daherwandelnd, von seinem Herrn abgekommen zu sein schien. + +Da erwachte in mir ein mächtiger Trieb: Schatten, dacht' ich, suchst du +deinen Herrn? der will ich sein. Und ich sprang hinzu, mich seiner zu +bemächtigen; ich dachte nämlich, daß, wenn es mir glückte, in seine Spur +zu treten, so, daß er mir an die Füße käme, er wohl daran hängen bleiben +würde und sich mit der Zeit an mich gewöhnen. + +Der Schatten, auf meine Bewegung, nahm vor mir die Flucht, und ich mußte +auf den leichten Flüchtling eine angestrengte Jagd beginnen, zu der mich +allein der Gedanke, mich aus der furchtbaren Lage, in der ich war, zu +retten, mit hinreichenden Kräften ausrüsten konnte. Er floh einem +freilich noch entfernten Walde zu, in dessen Schatten ich ihn notwendig +hätte verlieren müssen, ich sah's, ein Schreck durchzuckte mir das Herz, +fachte meine Begierde an, beflügelte meinen Lauf -- ich gewann +sichtbarlich auf den Schatten, ich kam ihm nach und nach näher, ich +mußte ihn erreichen. Nun hielt er plötzlich an und kehrte sich nach mir +um. Wie der Löwe auf seine Beute, so schoß ich mit einem gewaltigen +Sprunge hinzu, um ihn in Besitz zu nehmen -- und traf unerwartet und +hart auf körperlichen Widerstand. Es wurden mir unsichtbar die +unerhörtesten Rippenstöße erteilt, die wohl je ein Mensch gefühlt hat. + +Die Wirkung des Schreckens war in mir, die Arme krampfhaft zuzuschlagen +und fest zu drücken, was ungesehen vor mir stand. Ich stürzte in der +schnellen Handlung vorwärts gestreckt auf den Boden; rückwärts aber +unter mir ein Mensch, den ich umfaßt hielt und der jetzt erst sichtbar +erschien. + +Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich erklärbar. Der Mann +mußte das unsichtbare Vogelnest, das den, der es hält, nicht aber seinen +Schatten unsichtbar macht, erst getragen und jetzt weggeworfen haben. +Ich spähte mit dem Blick umher, entdeckte gar bald den Schatten des +unsichtbaren Nestes selbst, sprang auf und hinzu und verfehlte nicht den +teuern Raub. Ich hielt unsichtbar, schattenlos das Nest in Händen. + +Der schnell sich aufrichtende Mann, sich sogleich nach seinem beglückten +Bezwinger umsehend, erblickte auf der weiten sonnigen Ebene weder ihn +noch dessen Schatten, nach dem er besonders ängstlich umherlauschte. +Denn daß ich an und für mich schattenlos war, hatte er vorher nicht Muße +gehabt zu bemerken und konnte es nicht vermuten. Als er sich überzeugt, +daß jede Spur verschwunden, kehrte er in der höchsten Verzweiflung die +Hand gegen sich selber und raufte sich das Haar aus. Mir aber gab der +errungene Schatz die Möglichkeit und die Begierde zugleich, mich wieder +unter die Menschen zu mischen. Es fehlte mir nicht an Vorwand gegen mich +selber, meinen schnöden Raub zu beschönigen, oder vielmehr, ich bedurfte +solches nicht, und jedem Gedanken der Art zu entweichen, eilte ich +hinweg, nach dem Unglücklichen nicht zurückschauend, dessen ängstliche +Stimme ich mir noch lange nachschallen hörte. So wenigstens kamen mir +damals alle Umstände dieses Ereignisses vor. + +Ich brannte, nach dem Förstergarten zu gehen und durch mich selbst die +Wahrheit dessen zu erkennen, was mir jener Verhaßte verkündigt hatte; +ich wußte aber nicht, wo ich war, ich bestieg, um mich in der Gegend +umzuschauen, den nächsten Hügel, ich sah von seinem Gipfel das nahe +Städtchen und den Förstergarten zu meinen Füßen liegen. -- Heftig +klopfte mir das Herz und Tränen einer andern Art, als die ich bis dahin +vergossen, traten mir in die Augen: ich sollte sie wiedersehen. -- Bange +Sehnsucht beschleunigte meine Schritte auf dem richtigsten Pfad hinab. +Ich kam ungesehen an einigen Bauern vorbei, die aus der Stadt kamen. Sie +sprachen von mir, _Raskal_ und dem Förster; ich wollte nichts anhören, ich +eilte vorüber. + +Ich trat in den Garten, alle Schauer der Erwartung in der Brust -- mir +schallte es wie ein Lachen entgegen, mich schauderte, ich warf einen +schnellen Blick um mich her; ich konnte niemand entdecken. Ich schritt +weiter vor, mir war's, als vernähme ich neben mir ein Geräusch wie von +Menschentritten; es war aber nichts zu sehen: ich dachte mich von meinem +Ohr getäuscht. Es war noch früh, niemand in _Graf Peters_ Laube, noch leer +der Garten; ich durchschweifte die bekannten Gänge, ich drang bis nach +dem Wohnhause vor. Dasselbe Geräusch verfolgte mich vernehmlicher. Ich +setzte mich mit angstvollem Herzen auf eine Bank, die im sonnigen Raume +der Haustür gegenüberstand. Es ward mir, als hörte ich den ungesehenen +Kobold sich hohnlachend neben mich setzen. Der Schlüssel ward in der Tür +gedreht, sie ging auf, der Forstmeister trat heraus, mit Papieren in der +Hand. Ich fühlte mir wie Nebel über den Kopf ziehn, ich sah mich um und +-- Entsetzen -- der Mann im grauen Rock saß neben mir, mit satanischem +Lächeln auf mich blickend. -- Er hatte mir seine Tarnkappe mit über den +Kopf gezogen, zu seinen Füßen lagen sein und mein Schatten friedlich +nebeneinander; er spielte nachlässig mit dem bekannten Pergament, das er +in der Hand hielt, und indem der Forstmeister mit den Papieren +beschäftigt im Schatten der Laube auf und ab ging -- beugte er sich +vertraulich zu meinem Ohr und flüsterte mir die Worte: »So hätten Sie +denn doch meine Einladung angenommen und da säßen wir einmal zwei Köpfe +unter einer Kappe! -- Schon recht, schon recht! Nun geben Sie mir aber +auch mein Vogelnest zurück, Sie brauchen es nicht mehr und sind ein zu +ehrlicher Mann, um es mir vorenthalten zu wollen -- doch keinen Dank +dafür, ich versichere Sie, daß ich es Ihnen von Herzen gern geliehen +habe.« -- Er nahm es unweigerlich aus meiner Hand, steckte es in die +Tasche und lachte mich abermals aus, und zwar so laut, daß sich der +Forstmeister nach dem Geräusch umsah. -- Ich saß wie versteinert da. + +»Sie müssen mir doch gestehen,« fuhr er fort, »daß so eine Kappe viel +bequemer ist. Sie deckt doch nicht nur ihren Mann, sondern auch seinen +Schatten mit, und noch so viele andre, als er mitzunehmen Lust hat. +Sehen Sie, heute führ' ich wieder ihrer zwei.« -- Er lachte wieder. +»Merken Sie sich's, _Schlemihl_, was man anfangs mit Gutem nicht will, das +muß man am Ende doch gezwungen. Ich dächte noch, Sie kauften mir das +Ding ab, nähmen die Braut zurück (denn noch ist es Zeit) und wir ließen +den _Raskal_ am Galgen baumeln, das wird uns ein leichtes, solange es am +Stricke nicht fehlt. -- Hören Sie, ich gebe Ihnen noch meine Mütze in +den Kauf.« + +Die Mutter trat heraus und das Gespräch begann. -- »Was macht _Mina_?« -- +»Sie weint.« -- »Einfältiges Kind! es ist doch nicht zu ändern!« -- +»Freilich nicht; aber sie so früh einem andern zu geben -- -- O Mann, du +bist grausam gegen dein eignes Kind.« -- »Nein, Mutter, das siehst du +sehr falsch. Wenn sie, noch bevor sie ihre doch kindischen Tränen +ausgeweint hat, sich als die Frau eines sehr reichen und geehrten Mannes +findet, wird sie getröstet aus ihrem Schmerze wie aus einem Traum +erwachen und Gott und uns danken, das wirst du sehen!« -- »Gott gebe +es!« -- »Sie besitzt freilich jetzt sehr ansehnliche Güter; aber nach +dem Aufsehen, das die unglückliche Geschichte mit dem Abenteurer gemacht +hat, glaubst du, daß sich so bald eine andre für sie so passende Partie, +als der Herr _Raskal_, finden möchte? Weißt du, was für ein Vermögen er +besitzt, der Herr _Raskal_? Er hat für sechs Millionen Güter hier im +Lande, frei von allen Schulden, bar bezahlt. Ich habe die Dokumente in +den Händen gehabt! Er war's, der mir überall das Beste vorweg genommen +hat; und außerdem im Portefeuille Papiere auf _Thomas John_ für zirka +viertehalb Millionen.« -- »Er muß sehr viel gestohlen haben.« -- »Was +sind das wieder für Reden! Er hat weislich gespart, wo verschwendet +wurde.« -- »Ein Mann, der die Livree getragen hat.« -- »Dummes Zeug! er +hat doch einen untadligen Schatten.« -- »Du hast recht, aber -- --« + +Der Mann im grauen Rock lachte und sah mich an. Die Türe ging auf und +_Mina_ trat heraus. Sie stützte sich auf den Arm einer Kammerfrau, stille +Tränen flossen auf ihre schönen blassen Wangen. Sie setzte sich in einen +Sessel, der für sie unter den Linden bereitet war, und ihr Vater nahm +einen Stuhl neben ihr. Er faßte zärtlich ihre Hand und redete sie, die +heftig zu weinen anfing, mit zarten Worten an: »Du bist mein gutes, +liebes Kind, du wirst auch vernünftig sein, wirst nicht deinen alten +Vater betrüben wollen, der nur dein Glück will; ich begreife es wohl, +liebes Herz, daß es dich sehr erschüttert hat, du bist wunderbar deinem +Unglück entkommen! Bevor wir den schändlichen Betrug entdeckt, hast du +diesen Unwürdigen sehr geliebt! Siehe, _Mina_, ich weiß es und mache dir +keine Vorwürfe darüber. Ich selber, liebes Kind, habe ihn auch geliebt, +solange ich ihn für einen großen Herrn angesehen habe. Nun siehst du +selber ein, wie anders alles geworden. Was! ein jeder Pudel hat ja +seinen Schatten, und mein liebes einziges Kind sollte einen Mann -- -- +Nein, du denkst auch gar nicht mehr an ihn. -- Höre, _Mina_, nun wirbt ein +Mann um dich, der die Sonne nicht scheut, ein geehrter Mann, der +freilich kein Fürst ist, aber zehn Millionen, zehnmal mehr als du, im +Vermögen besitzt, ein Mann, der mein liebes Kind glücklich machen wird. +Erwidere mir nichts, widersetze dich nicht, sei meine gute, gehorsame +Tochter, laß deinen liebenden Vater für dich sorgen, deine Tränen +trocknen. Versprich mir, dem Herrn _Raskal_ deine Hand zu geben. -- Sage, +willst du mir dies versprechen?« -- + +Sie antwortete mit erstorbener Stimme: »Ich habe keinen Willen, keinen +Wunsch fürder auf Erden. Geschehe mit mir, was mein Vater will.« +Zugleich ward Herr _Raskal_ angemeldet und trat frech in den Kreis. _Mina_ +lag in Ohnmacht. Mein verhaßter Gefährte blickte mich zornig an und +flüsterte mir die schnellen Worte: »Und das könnten Sie erdulden! Was +fließt Ihnen denn statt des Blutes in den Adern?« Er ritzte mir mit +einer raschen Bewegung eine leichte Wunde in die Hand, es floß Blut, er +fuhr fort: »Wahrhaftig! rotes Blut! -- So unterschreiben Sie!« Ich hatte +das Pergament und die Feder in Händen. + + +7. + +Ich werde mich deinem Urteile bloßstellen, lieber _Chamisso_, und es nicht +zu bestechen suchen. Ich selbst habe lange strenges Gericht an mir +selber vollzogen, denn ich habe den quälenden Wurm in meinem Herzen +genährt. Es schwebte immerwährend dieser ernste Moment meines Lebens vor +meiner Seele, und ich vermocht' es nur zweifelnden Blickes, mit Demut +und Zerknirschung anzuschauen. -- Lieber Freund, wer leichtsinnig nur +den Fuß aus der geraden Straße setzt, der wird unversehens in andre +Pfade abgeführt, die abwärts und immer abwärts ihn ziehen; er sieht dann +umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern, ihm bleibt keine Wahl, er +muß unaufhaltsam den Abhang hinab, und sich selbst der Nemesis opfern. +Nach dem übereilten Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen, hatt' ich +durch Liebe frevelnd in eines andern Wesens Schicksal mich gedrängt; was +blieb mir übrig, als, wo ich Verderben gesät, wo schnelle Rettung von +mir geheischt ward, eben rettend blindlings hinzuzuspringen? denn die +letzte Stunde schlug. -- Denke nicht so niedrig von mir, mein _Adelbert_, +als zu meinen, es hätte mich irgendein geforderter Preis zu teuer +gedünkt, ich hätte mit irgend etwas, was nur mein war, mehr als eben mit +Gold gekargt. -- Nein, _Adelbert_; aber mit unüberwindlichem Hasse gegen +diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen war meine Seele +angefüllt. Ich mochte ihm unrecht tun, doch empörte mich jede +Gemeinschaft mit ihm. -- Auch hier trat, wie so oft schon in mein Leben, +und wie überhaupt so oft in die Weltgeschichte, ein Ereignis an die +Stelle einer Tat. Später habe ich mich mit mir selber versöhnt. Ich habe +erstlich die Notwendigkeit verehren lernen, und was ist mehr als die +getane Tat, das geschehene Ereignis, ihr Eigentum! Dann hab' ich auch +diese Notwendigkeit als eine weise Fügung verehren lernen, die durch das +gesamte große Getrieb' weht, darin wir bloß als mitwirkende, getriebene +treibende Räder eingreifen: was sein soll, muß geschehen, was sein +sollte, geschah, und nicht ohne jene Fügung, die ich endlich noch in +meinem Schicksale und dem Schicksale derer, die das meine mit angriff, +verehren lernte. + +Ich weiß nicht, ob ich es der Spannung meiner Seele, unter dem Drange so +mächtiger Empfindungen, zuschreiben soll, ob der Erschöpfung meiner +physischen Kräfte, die während der letzten Tage ungewohntes Darben +geschwächt, ob endlich dem zerstörenden Aufruhr, den die Nähe dieses +grauen Unholdes in meiner ganzen Natur erregte; genug, es befiel mich, +als es an das Unterschreiben ging, eine tiefe Ohnmacht, und ich lag eine +lange Zeit wie in den Armen des Todes. + +Fußstampfen und Fluchen waren die ersten Töne, die mein Ohr trafen, als +ich zum Bewußtsein zurückkehrte; ich öffnete die Augen, es war dunkel, +mein verhaßter Begleiter war scheltend um mich bemüht. »Heißt das nicht +wie ein altes Weib sich aufführen! -- Man raffe sich auf und vollziehe +frisch, was man beschlossen, oder hat man sich anders besonnen und will +lieber greinen?« -- Ich richtete mich mühsam auf von der Erde, wo ich +lag, und schaute schweigend um mich. Es war später Abend, aus dem +hellerleuchteten Försterhause erscholl festliche Musik, einzelne Gruppen +von Menschen wallten durch die Gänge des Gartens. Ein paar traten im +Gespräche näher und nahmen Platz auf der Bank, worauf ich früher +gesessen hatte. Sie unterhielten sich von der an diesem Morgen +vollzogenen Verbindung des reichen Herrn _Raskal_ mit der Tochter des +Hauses. -- Es war also geschehen. -- + +Ich streifte mit der Hand die Tarnkappe des sogleich mir verschwindenden +Unbekannten von meinem Haupte weg, und eilte stillschweigend, in die +tiefste Nacht des Gebüsches mich versenkend, den Weg über _Graf Peters_ +Laube einschlagend, dem Ausgange des Gartens zu. Unsichtbar aber +geleitete mich mein Plagegeist, mich mit scharfen Worten verfolgend. +»Das ist also der Dank für die Mühe, die man genommen hat, Monsieur, der +schwache Nerven hat, den langen lieben Tag hindurch zu pflegen. Und man +soll den Narren im Spiele abgeben. Gut, Herr Trotzkopf, fliehn Sie nur +vor mir, wir sind doch unzertrennlich. Sie haben mein Gold und ich Ihren +Schatten; das läßt uns beiden keine Ruhe. -- Hat man je gehört, daß ein +Schatten von seinem Herrn gelassen hätte? Ihrer zieht mich Ihnen nach, +bis Sie ihn wieder zu Gnaden annehmen und ich ihn los bin. Was Sie +versäumt haben aus frischer Lust zu tun, werden Sie nur zu spät aus +Überdruß und Langweile nachholen müssen; man entgeht seinem Schicksale +nicht.« Er sprach aus demselben Tone fort und fort; ich floh umsonst, er +ließ nicht nach, und immer gegenwärtig, redete er höhnend von Gold und +Schatten. Ich konnte zu keinem eignen Gedanken kommen. + +Ich hatte durch menschenleere Straßen einen Weg nach meinem Hause +eingeschlagen. Als ich davor stand und es ansah, konnte ich es kaum +erkennen; hinter den eingeschlagenen Fenstern brannte kein Licht. Die +Türen waren zu, kein Dienervolk regte sich mehr darin. Er lachte laut +auf neben mir: »Ja, ja, so geht's! Aber Ihren _Bendel_ finden Sie wohl +daheim, den hat man jüngst vorsorglich so müde nach Hause geschickt, daß +er es wohl seitdem gehütet haben wird.« Er lachte wieder. »Der wird +Geschichten zu erzählen haben! -- Wohlan denn! für heute gute Nacht, auf +baldiges Wiedersehen!« + +Ich hatte wiederholt geklingelt, es erschien Licht; _Bendel_ frug von +innen, wer geklingelt habe. Als der gute Mann meine Stimme erkannte, +konnte er seine Freude kaum bändigen; die Tür flog auf, wir lagen +weinend einander in den Armen. Ich fand ihn sehr verändert, schwach und +krank; mir war aber das Haar ganz grau geworden. + +Er führte mich durch die verödeten Zimmer nach einem innern, verschont +gebliebenen Gemach; er holte Speise und Trank herbei, wir setzten uns, +er fing wieder an zu weinen. Er erzählte mir, daß er letzthin den grau +gekleideten dürren Mann, den er mit meinem Schatten angetroffen hatte, +so lange und so weit geschlagen habe, bis er selbst meine Spur verloren +und vor Müdigkeit hingesunken sei; daß nachher, wie er mich nicht wieder +finden gekonnt, er nach Hause zurückgekehrt, wo bald darauf der Pöbel, +auf _Raskals_ Anstiften, herangestürmt, die Fenster eingeschlagen und +seine Zerstörungslust gebüßt. So hatten sie an ihrem Wohltäter +gehandelt. Meine Dienerschaft war auseinander geflohen. Die örtliche +Polizei hatte mich als verdächtig aus der Stadt verwiesen, und mir eine +Frist von vierundzwanzig Stunden festgesetzt, um deren Gebiet zu +verlassen. Zu dem, was mir von _Raskals_ Reichtum und Vermählung bekannt +war, wußte er noch vieles hinzuzufügen. Dieser Bösewicht, von dem alles +ausgegangen, was hier gegen mich geschehen war, mußte von Anbeginn mein +Geheimnis besessen haben, es schien, er habe, vom Golde angezogen, sich +an mich zu drängen gewußt, und schon in der ersten Zeit einen Schlüssel +zu jenem Goldschrank sich verschafft, wo er den Grund zu dem Vermögen +gelegt, das noch zu vermehren er jetzt verschmähen konnte. + +Das alles erzählte mir _Bendel_ unter häufigen Tränen, und weinte dann +wieder vor Freuden, daß er mich wieder sah, mich wieder hatte, und daß, +nachdem er lang gezweifelt, wohin das Unglück mich gebracht haben +möchte, er mich es ruhig und gefaßt ertragen sah. Denn solche Gestaltung +hatte nun die Verzweiflung in mir genommen. Ich sah mein Elend +riesengroß, unwandelbar vor mir, ich hatte ihm meine Tränen ausgeweint, +es konnte kein Geschrei mehr aus meiner Brust pressen, ich trug ihm kalt +und gleichgültig mein entblößtes Haupt entgegen. + +»_Bendel_,« hub ich an, »du weißt mein Los. Nicht ohne früheres +Verschulden trifft mich schwere Strafe. Du sollst länger nicht, +unschuldiger Mann, dein Schicksal an das meine binden, ich will es +nicht. Ich reite die Nacht noch fort, sattle mir ein Pferd, ich reite +allein; du bleibst, ich will's. Es müssen hier noch einige Kisten Goldes +liegen, das behalte du. Ich werde allein unstet in der Welt wandern; +wann mir aber je eine heitere Stunde wieder lacht und das Glück mich +versöhnt anblickt, dann will ich deiner getreu gedenken, denn ich habe +an deiner getreuen Brust in schweren, schmerzlichen Stunden geweint.« + +Mit gebrochenem Herzen mußte der Redliche diesem letzten Befehle seines +Herrn, worüber er in der Seele erschrak, gehorchen; ich war seinen +Bitten, seinen Vorstellungen taub, blind seinen Tränen; er führte mir +das Pferd vor. Ich drückte noch einmal den Weinenden an meine Brust, +schwang mich in den Sattel und entfernte mich unter dem Mantel der Nacht +von dem Grabe meines Lebens, unbekümmert, welchen Weg mein Pferd mich +führen werde; denn ich hatte weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, +keine Hoffnung. + + +8. + +Es gesellte sich bald ein Fußgänger zu mir, welcher mich bat, nachdem er +eine Weile neben meinem Pferde geschritten war, da wir doch denselben +Weg hielten, einen Mantel, den er trug, hinten auf mein Pferd legen zu +dürfen, ich ließ es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit +leichtem Anstand für den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm daraus +Gelegenheit, das Glück und die Macht der Reichen hoch zu preisen, und +ließ sich, ich weiß nicht wie, in eine Art von Selbstgespräch ein, bei +dem er mich bloß zum Zuhörer hatte. + +Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der Welt, und kam sehr +bald auf die Metaphysik, an die die Forderung erging, das Wort +aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei. Er setzte die Aufgabe mit +vieler Klarheit auseinander und schritt fürder zu deren Beantwortung. + +Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe, seitdem ich den +Philosophen durch die Schule gelaufen, daß ich zur philosophischen +Spekulation keineswegs berufen bin, und daß ich mir dieses Feld völlig +abgesprochen habe; ich habe seither vieles auf sich beruhen lassen, +vieles zu wissen und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie du es +mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der Stimme in mir, +soviel es in meiner Macht gewesen, auf dem eignen Wege gefolgt. Nun +schien mir dieser Redekünstler mit großem Talent ein fest gefügtes +Gebäude aufzuführen, das in sich selbst begründet sich emportrug und wie +durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt' ich ganz in ihm, +was ich eben darin hätte suchen wollen, und so ward es mir zu einem +bloßen Kunstwerk, dessen zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem +Auge allein zur Ergötzung diente; aber ich hörte dem wohlberedeten Manne +gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen Leiden auf sich selbst +abgelenkt, und ich hätte mich willig ihm ergeben, wenn er meine Seele +wie meinen Verstand in Anspruch genommen hätte. + +Mittlerweile war die Zeit hingegangen und unbemerkt hatte schon die +Morgendämmerung den Himmel erhellt; ich erschrak, als ich mit einem Male +aufblickte und im Osten die Pracht der Farben sich entfalten sah, die +die nahe Sonne verkünden, und gegen sie war in dieser Stunde, wo die +Schlagschatten mit ihrer ganzen Ausdehnung prunken, kein Schutz, kein +Bollwerk in der offenen Gegend zu ersehen! und ich war nicht allein! Ich +warf einen Blick auf meinen Begleiter und erschrak wieder. -- Es war +kein andrer als der Mann im grauen Rock. + +Er lächelte über meine Bestürzung und fuhr fort, ohne mich zum Wort +kommen zu lassen: »Laßt doch, wie es einmal in der Welt Sitte ist, +unsern wechselseitigen Vorteil uns auf eine Weile verbinden, zu scheiden +haben wir immer noch Zeit. Die Straße hier längs dem Gebirge, ob Sie +gleich noch nicht daran gedacht haben, ist doch die einzige, die Sie +vernünftigerweise einschlagen können; hinab in das Tal dürfen Sie nicht +und über das Gebirg' werden Sie noch weniger zurückkehren wollen, von wo +Sie hergekommen sind -- diese ist auch gerade meine Straße. -- Ich sehe +Sie schon vor der aufgehenden Sonne erblassen. Ich will Ihnen Ihren +Schatten auf die Zeit unsrer Gesellschaft leihen, und Sie dulden mich +dafür in Ihrer Nähe; Sie haben so Ihren _Bendel_ nicht mehr bei sich; ich +will Ihnen gute Dienste leisten. Sie lieben mich nicht, das ist mir +leid. Sie können mich darum doch benutzen. Der Teufel ist nicht so +schwarz, als man ihn malt. Gestern haben Sie mich geärgert, das ist +wahr, heute will ich's Ihnen nicht nachtragen und ich habe Ihnen schon +den Weg bis hierher verkürzt, das müssen Sie selbst gestehen. -- Nehmen +Sie doch nur einmal Ihren Schatten auf Probe wieder an.« + +Die Sonne war aufgegangen, auf der Straße kamen uns Menschen entgegen; +ich nahm, obgleich mit innerlichem Widerwillen, den Antrag an. Er ließ +lächelnd meinen Schatten zur Erde gleiten, der alsbald seine Stelle auf +des Pferdes Schatten einnahm und lustig neben mir her trabte. Mir war +sehr seltsam zumute. Ich ritt an einem Trupp Landleute vorbei, die vor +einem wohlhabenden Mann ehrerbietig mit entblößtem Haupte Platz machten. +Ich ritt weiter und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens +seitwärts vom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten, den ich +jetzt von einem Fremden, ja von einem Feinde, erborgt hatte. + +Dieser ging unbekümmert nebenher und pfiff eben ein Liedchen. Er zu Fuß, +ich zu Pferd', ein Schwindel ergriff mich, die Versuchung war zu groß, +ich wandte plötzlich die Zügel, drückte beide Sporen an, und so in +voller Karriere einen Seitenweg eingeschlagen; aber ich entführte den +Schatten nicht, der bei der Wendung vom Pferde glitt und seinen +gesetzmäßigen Eigentümer auf der Landstraße erwartete. Ich mußte +beschämt umlenken; der Mann im grauen Rocke, als er ungestört sein +Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich aus, setzte mir den Schatten +wieder zurecht und belehrte mich, er würde erst an mir festhangen und +bei mir bleiben wollen, wann ich ihn wiederum als rechtmäßiges Eigentum +besitzen würde. »Ich halte Sie,« fuhr er fort, »am Schatten fest und Sie +kommen mir nicht los. Ein reicher Mann, wie Sie, braucht einmal einen +Schatten, das ist nicht anders, Sie sind nur darin zu tadeln, daß Sie es +nicht früher eingesehen haben.« + +Ich setzte meine Reise auf derselben Straße fort; es fanden sich bei mir +alle Bequemlichkeiten des Lebens und selbst ihre Pracht wieder ein; ich +konnte mich frei und leicht bewegen, da ich einen, obgleich nur +erborgten, Schatten besaß, und ich flößte überall die Ehrfurcht ein, die +der Reichtum gebietet; aber ich hatte den Tod im Herzen. Mein +wundersamer Begleiter, der sich selbst für den unwürdigen Diener des +reichsten Mannes in der Welt ausgab, war von einer außerordentlichen +Dienstfertigkeit, über die Maßen gewandt und geschickt, der wahre +Inbegriff eines Kammerdieners für einen reichen Mann, aber er wich nicht +von meiner Seite und führte unaufhörlich das Wort gegen mich, stets die +größte Zuversicht an den Tag legend, daß ich endlich, sei es auch nur, +um ihn los zu werden, den Handel mit dem Schatten abschließen würde. -- +Er war mir ebenso lästig als verhaßt. Ich konnte mich ordentlich vor ihm +fürchten. Ich hatte mich von ihm abhängig gemacht. Er hielt mich, +nachdem er mich in die Herrlichkeit der Welt, die ich floh, +zurückgeführt hatte. Ich mußte seine Beredsamkeit über mich ergehen +lassen und fühlte schier, er habe recht. Ein Reicher muß in der Welt +einen Schatten haben, und sobald ich den Stand behaupten wollte, den er +mich wieder geltend zu machen verleitet hatte, war nur ein Ausgang zu +ersehen. Dieses aber stand bei mir fest, nachdem ich meine Liebe +hingeopfert, nachdem mir das Leben verblaßt war, wollt' ich meine Seele +nicht, sei es um alle Schatten der Welt, dieser Kreatur verschreiben. +Ich wußte nicht, wie es enden sollte. + +Wir saßen einst vor einer Höhle, welche die Fremden, die das Gebirge +bereisen, zu besuchen pflegen. Man hört dort das Gebrause unterirdischer +Ströme aus ungemessener Tiefe heraufschallen, und kein Grund scheint den +Stein, den man hineinwirft, in seinem hallenden Fall aufzuhalten. Er +malte mir, wie er öfters tat, mit verschwenderischer Einbildungskraft +und im schimmernden Reize der glänzendsten Farben, sorgfältig +ausgeführte Bilder von dem, was ich in der Welt, kraft meines Säckels, +ausführen würde, wenn ich erst meinen Schatten wieder in meiner Gewalt +hätte. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, hielt ich mein Gesicht in +meinen Händen verborgen und hörte dem Falschen zu, das Herz zwiefach +geteilt zwischen der Verführung und dem strengen Willen in mir. Ich +konnte bei solchem innerlichen Zwiespalt länger nicht ausdauern und +begann den entscheidenden Kampf. + +»Sie scheinen, mein Herr, zu vergessen, daß ich Ihnen zwar erlaubt habe, +unter gewissen Bedingungen in meiner Begleitung zu bleiben, daß ich mir +aber meine völlige Freiheit vorbehalten habe.« -- »Wenn Sie befehlen, so +pack' ich ein.« Die Drohung war ihm geläufig. Ich schwieg; er setzte +sich gleich daran, meinen Schatten wieder zusammenzurollen. Ich +erblaßte, aber ich ließ es stumm geschehen. Es erfolgte ein langes +Stillschweigen. Er nahm zuerst das Wort: »Sie können mich nicht leiden, +mein Herr, Sie hassen mich, ich weiß es; doch warum hassen Sie mich? Ist +es etwa, weil Sie mich auf öffentlicher Straße angefallen und mir mein +Vogelnest mit Gewalt zu rauben gemeint? oder ist es darum, daß Sie mein +Gut, den Schatten, den Sie Ihrer bloßen Ehrlichkeit anvertraut glaubten, +mir diebischerweise zu entwenden gesucht haben? Ich meinerseits hasse +Sie darum nicht; ich finde ganz natürlich, daß Sie alle Ihre Vorteile, +List und Gewalt geltend zu machen suchen; daß Sie übrigens die +allerstrengsten Grundsätze haben und wie die Ehrlichkeit selbst denken, +ist eine Liebhaberei, wogegen ich auch nichts habe. -- Ich denke in der +Tat nicht so streng als Sie; ich handle bloß, wie Sie denken. Oder hab' +ich Ihnen etwa irgendwann den Daumen auf die Gurgel gedrückt, um Ihre +werteste Seele, zu der ich einmal Lust habe, an mich zu bringen? Hab' +ich von wegen meines ausgetauschten Säckels einen Diener auf Sie +losgelassen? hab' ich Ihnen damit durchzugehen versucht?« Ich hatte +dagegen nichts zu erwidern; er fuhr fort: »Schon recht, mein Herr, schon +recht! Sie können mich nicht leiden; auch das begreife ich wohl und +verarge es Ihnen weiter nicht. Wir müssen scheiden, das ist klar, und +auch Sie fangen an, mir sehr langweilig vorzukommen. Um sich also meiner +ferneren beschämenden Gegenwart völlig zu entziehen, rate ich es Ihnen +noch einmal: Kaufen Sie mir das Ding ab.« -- Ich hielt ihm den Säckel +hin: »Um den Preis.« -- »Nein!« -- Ich seufzte schwer auf und nahm +wieder das Wort: »Auch also. Ich dringe darauf, mein Herr, laßt uns +scheiden, vertreten Sie mir länger nicht den Weg auf einer Welt, die +hoffentlich geräumig genug ist für uns beide.« Er lächelte und +erwiderte: »Ich gehe, mein Herr, zuvor aber will ich Sie unterrichten, +wie Sie mir klingeln können, wenn Sie je Verlangen nach Ihrem +untertänigsten Knecht tragen sollten: Sie brauchen nur Ihren Säckel zu +schütteln, daß die ewigen Goldstücke darinnen rasseln, der Ton zieht +mich augenblicklich an. Ein jeder denkt auf seinen Vorteil in dieser +Welt: Sie sehen, daß ich auf Ihren zugleich bedacht bin, denn ich +eröffne Ihnen offenbar eine neue Kraft! -- O dieser Säckel! -- Und +hätten gleich die Motten Ihren Schatten schon aufgefressen, der würde +noch ein starkes Band zwischen uns sein. Genug, Sie haben mich an meinem +Gold, befehlen Sie auch in der Ferne über Ihren Knecht, Sie wissen, daß +ich mich meinen Freunden dienstfertig genug erweisen kann, und daß die +Reichen besonders gut mit mir stehen; Sie haben es selbst gesehen. -- +Nur Ihren Schatten, mein Herr -- das lassen Sie sich gesagt sein -- nie +wieder, als unter einer einzigen Bedingung.« + +Gestalten der alten Zeit traten vor meine Seele. Ich frug ihn schnell: +»Hatten Sie eine Unterschrift vom Herrn _John_?« -- Er lächelte. -- »Mit +einem so guten Freund hab' ich es keineswegs nötig gehabt.« -- »Wo ist +er? bei Gott, ich will es wissen!« Er steckte zögernd die Hand in die +Tasche, und daraus bei den Haaren hervorgezogen erschien _Thomas Johns_ +bleiche, entstellte Gestalt, und die blauen Leichenlippen bewegten sich +zu schweren Worten: #»Justo judicio Dei judicatus sum; justo judicio Dei +condemnatus sum.«# Ich entsetzte mich, und schnell den klingenden Säckel +in den Abgrund werfend, sprach ich zu ihm die letzten Worte: »So +beschwör' ich dich im Namen Gottes, Entsetzlicher! hebe dich von dannen +und lasse dich nie wieder vor meinen Augen blicken!« Er erhub sich +finster und verschwand sogleich hinter den Felsenmassen, die den wild +bewachsenen Ort begrenzten. + + +9. + +Ich saß da ohne Schatten und ohne Geld; aber ein schweres Gewicht war +von meiner Brust genommen, ich war heiter. Hätte ich nicht auch meine +Liebe verloren, oder hätt' ich mich nur bei deren Verlust vorwurfsfrei +gefühlt, ich glaube, ich hätte glücklich sein können -- ich wußte aber +nicht, was ich anfangen sollte. Ich durchsuchte meine Taschen und fand +noch einige Goldstücke darin; ich zählte sie und lachte. -- Ich hatte +meine Pferde unten im Wirtshause, ich schämte mich, dahin +zurückzukehren, ich mußte wenigstens den Untergang der Sonne erwarten; +sie stand noch hoch am Himmel. Ich legte mich in den Schatten der +nächsten Bäume und schlief ruhig ein. + +Anmutige Bilder verwoben sich mir im luftigen Tanze zu einem gefälligen +Traum. _Mina_, einen Blumenkranz in den Haaren, schwebte an mir vorüber +und lächelte mich freundlich an. Auch der ehrliche _Bendel_ war mit Blumen +bekränzt und eilte mit freundlichem Gruße vorüber. Viele sah ich noch, +und wie mich dünkt, auch dich, _Chamisso_, im fernen Gewühl; ein helles +Licht schien, es hatte aber keiner einen Schatten, und was seltsamer +ist, es sah nicht übel aus -- Blumen und Lieder, Liebe und Freude, unter +Palmenhainen. -- -- Ich konnte die beweglichen, leicht verwehten, +lieblichen Gestalten weder festhalten noch deuten; aber ich weiß, daß +ich gerne solchen Traum träumte und mich vor dem Erwachen in acht nahm; +ich wachte wirklich schon und hielt noch die Augen zu, um die weichenden +Erscheinungen länger vor meiner Seele zu behalten. + +Ich öffnete endlich die Augen, die Sonne stand noch am Himmel, aber im +Osten; ich hatte die Nacht verschlafen. Ich nahm es für ein Zeichen, daß +ich nicht nach dem Wirtshause zurückkehren sollte. Ich gab leicht, was +ich dort noch besaß, verloren und beschloß, eine Nebenstraße, die durch +den waldbewachsenen Fuß des Gebirges führte, zu Fuß einzuschlagen, dem +Schicksal es anheimstellend, was es mit mir vor hatte, zu erfüllen. Ich +schaute nicht hinter mich zurück und dachte auch nicht daran, an _Bendel_, +den ich reich zurückgelassen hatte, mich zu wenden, welches ich +allerdings gekonnt hätte. Ich sah mich an auf den neuen Charakter, den +ich in der Welt bekleiden sollte: mein Anzug war sehr bescheiden. Ich +hatte eine alte schwarze Kurtka an, die ich schon in Berlin getragen, +und die mir, ich weiß nicht wie, zu dieser Reise erst wieder in die Hand +gekommen war. Ich hatte sonst eine Reisemütze auf dem Kopf und ein Paar +alte Stiefel an den Füßen. Ich erhob mich, schnitt mir an selbiger +Stelle einen Knotenstock zum Andenken und trat sogleich meine Wanderung +an. + +Ich begegnete im Wald einem alten Bauer, der mich freundlich begrüßte, +und mit dem ich mich in ein Gespräch einließ. Ich erkundigte mich, wie +ein wißbegieriger Reisender, erst nach dem Wege, dann nach der Gegend +und deren Bewohner, den Erzeugnissen des Gebirges und derlei mehr. Er +antwortete verständig und redselig auf meine Fragen. Wir kamen an das +Bette eines Bergstromes, der über einen weiten Strich des Waldes seine +Verwüstung verbreitet hatte. Mich schauderte innerlich vor dem +sonnenhellen Raum; ich ließ den Landmann vorangehen. Er hielt aber +mitten im gefährlichen Orte still und wandte sich zu mir, um mir die +Geschichte dieser Verwüstung zu erzählen. Er bemerkte bald, was mir +fehlte und hielt mitten in seiner Rede ein: »Aber wie geht denn das zu, +der Herr hat ja keinen Schatten!« -- »Leider! leider!« erwiderte ich +seufzend. »Es sind mir während einer bösen langen Krankheit Haare, Nägel +und Schatten ausgegangen. Seht, Vater, in meinem Alter die Haare, die +ich wieder gekriegt habe, ganz weiß, die Nägel sehr kurz und der +Schatten, der will noch nicht wieder wachsen.« -- »Ei! ei!« versetzte +der alte Mann kopfschüttelnd, »keinen Schatten, das ist bös! das war +eine böse Krankheit, die der Herr gehabt hat.« Aber er hub seine +Erzählung nicht wieder an, und bei dem nächsten Querweg, der sich +darbot, ging er, ohne ein Wort zu sagen, von mir ab. -- Bittere Tränen +zitterten aufs neue auf meinen Wangen und meine Heiterkeit war hin. + +Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort und suchte ferner keines +Menschen Gesellschaft. Ich hielt mich im dunkelsten Walde und mußte +manchmal, um über einen Strich, wo die Sonne schien, zu kommen, +stundenlang darauf warten, daß mir keines Menschen Auge den Durchgang +verbot. Am Abend suchte ich Herberge in den Dörfern zu nehmen. Ich ging +eigentlich nach einem Bergwerk im Gebirge, wo ich Arbeit unter der Erde +zu finden gedachte; denn davon abgesehen, daß meine jetzige Lage mir +gebot, für meinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, hatte ich dieses +wohl erkannt, daß mich allein angestrengte Arbeit gegen meine +zerstörenden Gedanken schützen könnte. + +Ein paar regnichte Tage förderten mich leicht auf den Weg, aber auf +Kosten meiner Stiefel, deren Sohlen für den _Grafen Peter_ und nicht für +den Fußknecht berechnet worden. Ich ging schon auf den bloßen Füßen. Ich +mußte ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am nächsten Morgen besorgte ich +dieses Geschäft mit vielem Ernst in einem Flecken, wo Kirmes war, und wo +in einer Bude alte und neue Stiefel zu Kauf standen. Ich wählte und +handelte lange. Ich mußte auf ein Paar neue, die ich gern gehabt hätte, +Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich begnügte +mich also mit alten, die noch gut und stark waren, und die mir der +schöne blondlockige Knabe, der die Bude hielt, gegen gleich bare +Bezahlung freundlich lächelnd einhändigte, indem er mir Glück auf den +Weg wünschte. Ich zog sie gleich an und ging zum nördlich gelegenen Tor +aus dem Ort. + +Ich war in meinen Gedanken sehr vertieft und sah kaum, wo ich den Fuß +hinsetzte, denn ich dachte an das Bergwerk, wo ich auf den Abend noch +anzulangen hoffte, und wo ich nicht recht wußte, wie ich mich +ankündigen sollte. Ich war noch keine zweihundert Schritte gegangen, als +ich bemerkte, daß ich aus dem Wege gekommen war; ich sah mich danach um, +ich befand mich in einem wüsten, uralten Tannenwalde, woran die Axt nie +gelegt worden zu sein schien. Ich drang noch einige Schritte vor, ich +sah mich mitten unter öden Felsen, die nur mit Moos und Steinbrecharten +bewachsen waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen. Die +Luft war sehr kalt, ich sah mich um, der Wald war hinter mir +verschwunden. Ich machte noch einige Schritte -- um mich herrschte die +Stille des Todes, unabsehbar dehnte sich das Eis, worauf ich stand und +worauf ein dichter Nebel schwer ruhte; die Sonne stand blutig am Rande +des Horizontes. Die Kälte war unerträglich. Ich wußte nicht, wie mir +geschehen war, der erstarrende Frost zwang mich, meine Schritte zu +beschleunigen, ich vernahm nur das Gebrause ferner Gewässer, ein +Schritt, und ich war am Eisufer eines Ozeans. Unzählbare Herden von +Seehunden stürzten sich vor mir rauschend in die Flut. Ich folgte diesem +Ufer, ich sah wieder nackte Felsen, Land, Birken- und Tannenwälder, ich +lief noch ein paar Minuten gerade vor mir hin. Es war erstickend heiß, +ich sah mich um, ich stand zwischen schön gebauten Reisfeldern unter +Maulbeerbäumen. Ich setzte mich in deren Schatten, ich sah nach meiner +Uhr, ich hatte vor nicht einer Viertelstunde den Marktflecken verlassen +-- ich glaubte zu träumen, ich biß mich in die Zunge, um mich zu +erwecken; aber ich wachte wirklich. -- Ich schloß die Augen zu, um meine +Gedanken zusammenzufassen. -- Ich hörte vor mir seltsame Silben durch +die Nase zählen; ich blickte auf: zwei Chinesen an der asiatischen +Gesichtsbildung unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen +Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landesüblichen Begrüßungen in +ihrer Sprache an; ich stand auf und trat zwei Schritte zurück. Ich sah +sie nicht mehr, die Landschaft war ganz verändert: Bäume, Wälder statt +der Reisfelder. Ich betrachtete diese Bäume und die Kräuter, die um +mich blühten; die ich kannte, waren südöstlich asiatische Gewächse; ich +wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt -- und wiederum alles +verändert. Ich trat nun an, wie ein Rekrut, der geübt wird, und schritt +langsam, gesetzt einher. Wunderbare veränderliche Länder, Fluren, Auen, +Gebirge, Steppen, Sandwüsten entrollen sich vor meinem staunenden Blick; +es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an den Füßen. + + +10. + +Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß Tränen des Dankes +-- denn klar stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe +Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum +Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu +einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines +Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. Es war nicht ein Entschluß, den +ich faßte. Ich habe nur seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor +mein inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem +Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat von dem +Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild abgehangen. + +Ich raffte mich auf, um ohne Zögern mit flüchtigem Überblick Besitz von +dem Felde zu nehmen, wo ich künftig ernten wollte. -- Ich stand auf den +Höhen des Tibet, und die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen +war, neigte sich hier schon am Abendhimmel, ich durchwanderte Asien von +Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend, und trat in Afrika ein. +Ich sah mich neugierig darin um, indem ich es wiederholt in allen +Richtungen durchmaß. Wie ich durch Ägypten die alten Pyramiden und +Tempel angaffte, erblickte ich in der Wüste, unfern des hunderttorigen +Theben, die Höhlen, wo christliche Einsiedler sonst wohnten. Es stand +plötzlich fest und klar in mir, hier ist dein Haus. -- Ich erkor eine +der verborgensten, die zugleich geräumig, bequem und den Schakalen +unzugänglich war, zu meinem künftigen Aufenthalte und setzte meinen Stab +weiter. + +Ich trat bei den Herkulessäulen nach Europa über, und nachdem ich seine +südlichen und nördlichen Provinzen in Augenschein genommen, trat ich von +Nordasien über den Polargletscher nach Grönland und Amerika über, +durchschweifte die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der +schon im Süden herrschte, trieb mich schnell vom Kap Horn nordwärts +zurück. + +Ich verweilte mich, bis es im östlichen Asien Tag wurde, und setzte erst +nach einiger Ruh' meine Wanderung fort. Ich verfolgte durch beide +Amerika die Bergkette, die die höchsten bekannten Unebenheiten unsrer +Kugel in sich faßt. Ich schritt langsam und vorsichtig von Gipfel zu +Gipfel, bald über flammende Vulkane, bald über beschneite Kuppeln, oft +mit Mühe atmend, ich erreichte den Eliasberg und sprang über die +Beringstraße nach Asien. -- Ich verfolgte dessen westliche Küste in +ihren vielfachen Wendungen und untersuchte mit besonderer +Aufmerksamkeit, welche der dort gelegenen Inseln mir zugänglich wären. +Von der Halbinsel Malakka trugen mich meine Stiefel auf Sumatra, Java, +Bali und Lamboc, ich versuchte, selbst oft mit Gefahr und dennoch immer +vergebens, mir über die kleinern Inseln und Felsen, wovon dieses Meer +starrt, einen Übergang nordwestlich nach Borneo und andern Inseln dieses +Archipelagus zu bahnen. Ich mußte die Hoffnung aufgeben. Ich setzte mich +endlich auf die äußerste Spitze von Lamboc nieder, und das Gesicht gegen +Süden und Osten gewendet, weint' ich wie am festverschlossenen Gitter +meines Kerkers, daß ich doch so bald meine Begrenzung gefunden. Das +merkwürdige, zum Verständnis der Erde und ihres sonnengewirkten Kleides, +der Pflanzen- und Tierwelt, so wesentlich notwendige Neuholland und die +Südsee mit ihren Zoophyteninseln waren mir untersagt, und so war im +Ursprunge schon alles, was ich sammeln und erbauen sollte, bloßes +Fragment zu bleiben verdammt. -- O mein _Adelbert_, was ist es doch um die +Bemühungen der Menschen! + +Oft habe ich im strengsten Winter der südlichen Halbkugel vom Kap Horn +aus jene zweihundert Schritte, die mich etwa vom Land van Diemen und +Neuholland trennten, selbst unbekümmert um die Rückkehr, und sollte sich +dieses schlechte Land über mich, wie der Deckel meines Sarges, +schließen, über den Polargletscher westwärts zurückzulegen versucht, +habe über Treibeis mit törichter Wagnis verzweiflungsvolle Schritte +getan, der Kälte und dem Meere Trotz geboten. Umsonst, noch bin ich auf +Neuholland nicht gewesen -- ich kam dann jedesmal auf Lamboc zurück und +setzte mich auf seine äußerste Spitze nieder, und weinte wieder, das +Gesicht gen Süden und Osten gewendet, wie am festverschlossenen Gitter +meines Kerkers. + +Ich riß mich endlich von dieser Stelle und trat mit traurigem Herzen +wieder in das innere Asien, ich durchschweifte es fürder, die +Morgendämmerung nach Westen verfolgend, und kam noch in der Nacht in die +Thebais zu meinem vorbestimmten Hause, das ich in den gestrigen +Nachmittagstunden berührt hatte. + +Sobald ich etwas ausgeruht und es Tag über Europa war, ließ ich meine +erste Sorge sein, alles anzuschaffen, was ich bedurfte. -- Zuvörderst +Hemmschuhe, denn ich hatte erfahren, wie unbequem es sei, seinen Schritt +nicht anders verkürzen zu können, um nahe Gegenstände gemächlich zu +untersuchen, als indem man die Stiefel auszieht. Ein Paar Pantoffeln, +übergezogen, hatten völlig die Wirkung, die ich mir davon versprach, und +späterhin trug ich sogar deren immer zwei Paar bei mir, weil ich öfters +welche von den Füßen warf, ohne Zeit zu haben, sie aufzuheben, wenn +Löwen, Menschen oder Hyänen mich beim Botanisieren aufschreckten. Meine +sehr gute Uhr war auf die kurze Dauer meiner Gänge ein vortreffliches +Chronometer. Ich brauchte noch außerdem einen Sextanten, einige +physikalische Instrumente und Bücher. + +Ich machte, dieses alles herbeizuschaffen, etliche bange Gänge nach +London und Paris, die ein mir günstiger Nebel eben beschattete. Als der +Rest meines Zaubergoldes erschöpft war, bracht' ich leicht zu findendes +afrikanisches Elfenbein als Bezahlung herbei, wobei ich freilich die +kleinsten Zähne, die meine Kräfte nicht überstiegen, auswählen mußte. +Ich ward bald mit allem versehen und ausgerüstet, und ich fing sogleich +als privatisierender Gelehrter meine neue Lebensweise an. + +Ich streifte auf der Erde umher, bald ihre Höhen, bald die Temperatur +ihrer Quellen und die der Luft messend, bald Tiere beobachtend, bald +Gewächse untersuchend; ich eilte von dem Äquator nach dem Pole, von der +einen Welt nach der andern, Erfahrungen mit Erfahrungen vergleichend. +Die Eier der afrikanischen Strauße oder der nördlichen Seevögel und +Früchte, besonders der Tropenpalmen und Bananen, waren meine +gewöhnlichste Nahrung. Für mangelndes Glück hatt' ich als Surrogat die +Nikotiana und für menschliche Teilnahme und Bande die Liebe eines treuen +Pudels, der mir meine Höhle in der Thebais bewachte, und wenn ich mit +neuen Schätzen beladen zu ihm zurückkehrte, freudig an mich sprang und +es mich doch menschlich empfinden ließ, daß ich nicht allein auf der +Erde sei. Noch sollte mich ein Abenteuer unter die Menschen +zurückführen. + + +11. + +Als ich einst auf Nordlands Küsten, meine Stiefel gehemmt, Flechten und +Algen sammelte, trat mir unversehens um die Ecke eines Felsens ein +Eisbär entgegen. Ich wollte, nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine +gegenüberliegende Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen +hervorragender nackter Felsen den Übergang bahnte. Ich trat mit dem +einen Fuß auf den Felsen fest auf und stürzte auf der andern Seite in +das Meer, weil mir unbemerkt der Pantoffel am andern Fuße haften +geblieben war. + +Die große Kälte ergriff mich, ich rettete mit Mühe mein Leben aus dieser +Gefahr; sobald ich Land hielt, lief ich, so schnell ich konnte, nach der +Libyschen Wüste, um mich da an der Sonne zu trocknen. Wie ich ihr aber +ausgesetzt war, brannte sie mir so heiß auf den Kopf, daß ich sehr krank +wieder nach Norden taumelte. Ich suchte durch heftige Bewegung mir +Erleichterung zu verschaffen und lief mit unsichern raschen Schritten +von Westen nach Osten und von Osten nach Westen. Ich befand mich bald in +dem Tag und bald in der Nacht, bald im Sommer und bald in der +Winterkälte. + +Ich weiß nicht, wie lange ich so auf der Erde herumtaumelte. Ein +brennendes Fieber glühte durch meine Adern, ich fühlte mit großer Angst +die Besinnung mich verlassen. Noch wollte das Unglück, daß ich bei so +unvorsichtigem Laufen jemanden auf den Fuß trat. Ich mochte ihm weh +getan haben; ich erhielt einen starken Stoß und ich fiel hin. -- + +Als ich zuerst zum Bewußtsein zurückkehrte, lag ich gemächlich in einem +guten Bette, das unter vielen andern Betten in einem geräumigen und +schönen Saale stand. Es saß mir jemand zu Häupten; es gingen Menschen +durch den Saal von einem Bette zum andern. Sie kamen vor das meine und +unterhielten sich von mir. Sie nannten mich aber _Numero Zwölf_, und an +der Wand zu meinen Füßen stand doch ganz gewiß, es war keine Täuschung, +ich konnte es deutlich lesen, auf schwarzer Marmortafel mit großen +goldenen Buchstaben mein Name + + PETER SCHLEMIHL + +ganz richtig geschrieben. Auf der Tafel standen noch unter meinem Namen +zwei Reihen Buchstaben, ich war aber zu schwach, um sie zusammen zu +bringen, ich machte die Augen wieder zu. -- + +Ich hörte etwas, worin von _Peter Schlemihl_ die Rede war, laut und +vernehmlich ablesen, ich konnte aber den Sinn nicht fassen; ich sah +einen freundlichen Mann und eine sehr schöne Frau in schwarzer Kleidung +vor meinem Bette erscheinen. Die Gestalten waren mir nicht fremd und ich +konnte sie nicht erkennen. + +Es verging einige Zeit und ich kam wieder zu Kräften. Ich hieß _Numero +Zwölf_, und _Numero Zwölf_ galt seines langen Bartes wegen für einen Juden, +darum er aber nicht minder sorgfältig gepflegt wurde. Daß er keinen +Schatten hatte, schien unbemerkt geblieben zu sein. Meine Stiefel +befanden sich, wie man mich versicherte, nebst allem, was man bei mir +gefunden, als ich hierher gebracht worden, in gutem und sicherm +Gewahrsam, um mir nach meiner Genesung wieder zugestellt zu werden. Der +Ort, worin ich krank lag, hieß das SCHLEMIHLIUM; was täglich von _Peter +Schlemihl_ abgelesen wurde, war eine Ermahnung, für denselben, als den +Urheber und Wohltäter dieser Stiftung, zu beten. Der freundliche Mann, +den ich an meinem Bette gesehen hatte, war _Bendel_, die schöne Frau war +_Mina_. + +Ich genas unerkannt im _Schlemihlio_ und erfuhr noch mehr, ich war in +_Bendels_ Vaterstadt, wo er aus dem Überrest meines sonst nicht gesegneten +Goldes dieses Hospitium, wo Unglückliche mich segneten, unter meinem +Namen gestiftet hatte, und er führte über dasselbe die Aufsicht. _Mina_ +war Witwe, ein unglücklicher Kriminalprozeß hatte dem Herrn _Raskal_ das +Leben und ihr selbst ihr mehrstes Vermögen gekostet. Ihre Eltern waren +nicht mehr. Sie lebte hier als eine gottesfürchtige Witwe und übte Werke +der Barmherzigkeit. + +Sie unterhielt sich einst am Bette Numero Zwölf mit dem Herrn Bendel: +»Warum, edle Frau, wollen Sie sich so oft der bösen Luft, die hier +herrscht, aussetzen? Sollte denn das Schicksal mit Ihnen so hart sein, +daß Sie zu sterben begehrten?« -- »Nein, Herr _Bendel_, seit ich meinen +langen Traum ausgeträumt habe und in mir selber erwacht bin, geht es mir +wohl, seitdem wünsche ich nicht mehr und fürchte nicht mehr den Tod. +Seitdem denke ich heiter an Vergangenheit und Zukunft. Ist es nicht auch +mit stillem innerlichen Glück, daß Sie jetzt auf so gottselige Weise +Ihrem Herren und Freunde dienen?« -- »Sei Gott gedankt, ja, edle Frau. +Es ist uns doch wundersam ergangen, wir haben viel Wohl und bitteres Weh +unbedachtsam aus dem vollen Becher geschlürft. Nun ist er leer; nun +möchte einer meinen, das sei alles nur die Probe gewesen, und mit kluger +Einsicht gerüstet, den wirklichen Anfang erwarten. Ein andrer ist nun +der wirkliche Anfang und man wünscht das erste Gaukelspiel nicht zurück, +und ist dennoch im ganzen froh, es, wie es war, gelebt zu haben. Auch +find' ich in mir das Zutrauen, daß es nun unserm alten Freunde besser +ergehen muß als damals.« -- »Auch in mir,« erwiderte die schöne Witwe, +und sie gingen an mir vorüber. + +Dieses Gespräch hatte einen tiefen Eindruck in mir zurückgelassen; aber +ich zweifelte im Geiste, ob ich mich zu erkennen geben oder unerkannt +von dannen gehen sollte. -- Ich entschied mich. Ich ließ mir Papier und +Bleistift geben und schrieb die Worte: + + »Auch eurem alten Freunde ergeht es nun besser als damals, und büßet + er, so ist es Buße der Versöhnung.« + +Hierauf begehrte ich mich anzuziehen, da ich mich stärker befände. Man +holte den Schlüssel zu dem kleinen Schrank, der neben meinem Bette +stand, herbei. Ich fand alles, was mir gehörte, darin. Ich legte meine +Kleider an, hing meine botanische Kapsel, worin ich mit Freuden meine +nordischen Flechten wieder fand, über meine schwarze Kurtka um, zog +meine Stiefel an, legte den geschriebenen Zettel auf mein Bett, und +sowie die Tür aufging, war ich schon weit auf dem Wege nach der Thebais. + +Wie ich längs der syrischen Küste den Weg, auf dem ich mich zum +letztenmal vom Hause entfernt harte, zurücklegte, sah ich mir meinen +armen Figaro entgegenkommen. Dieser vortreffliche Pudel schien seinem +Herrn, den er lange zu Hause erwartet haben mochte, auf der Spur +nachgehen zu wollen. Ich stand still und rief ihm zu. Er sprang bellend +an mich mit tausend rührenden Äußerungen seiner unschuldigen +ausgelassenen Freude. Ich nahm ihn unter den Arm, denn freilich konnte +er mir nicht folgen, und brachte ihn mit mir wieder nach Hause. + +Ich fand dort alles in der alten Ordnung und kehrte nach und nach, sowie +ich wieder Kräfte bekam, zu meinen vormaligen Beschäftigungen und zu +meiner alten Lebensweise zurück. Nur daß ich mich ein ganzes Jahr +hindurch der mir ganz unzuträglichen Polarkälte enthielt. + +Und so, mein lieber _Chamisso_, leb' ich noch heute. Meine Stiefel nutzen +sich nicht ab, wie das sehr gelehrte Werk des berühmten #_Tieckius_, de +rebus gestis Pollicilli#, es mich anfangs befürchten lassen. Ihre Kraft +bleibt ungebrochen; nur meine Kraft geht dahin, doch hab' ich den Trost, +sie an einen Zweck in fortgesetzter Richtung und nicht fruchtlos +verwendet zu haben. Ich habe, so weit meine Stiefel gereicht, die Erde, +ihre Gestaltung, ihre Höhen, ihre Temperatur, ihre Atmosphäre in ihrem +Wechsel, die Erscheinungen ihrer magnetischen Kraft, das Leben auf ihr, +besonders im Pflanzenreiche, gründlicher kennen gelernt, als vor mir +irgendein Mensch. Ich habe die Tatsachen mit möglichster Genauigkeit in +klarer Ordnung aufgestellt in mehreren Werken, meine Folgerungen und +Ansichten flüchtig in einigen Abhandlungen niedergelegt. -- Ich habe die +Geographie vom Innern von Afrika und von den nördlichen Polarländern, +vom Innern von Asien und von seinen östlichen Küsten festgesetzt. Meine +#Historia stirpium plantarum utriusque orbis# steht da als ein großes +Fragment der #Flora universalis terrae# und als ein Glied meines #Systema +naturae#. Ich glaube darin nicht bloß die Zahl der bekannten Arten mäßig +um mehr als ein Drittel vermehrt zu haben, sondern auch etwas für das +natürliche System und für die Geographie der Pflanzen getan zu haben. +Ich arbeite jetzt fleißig an meiner Fauna. Ich werde Sorge tragen, daß +vor meinem Tode meine Manuskripte bei der Berliner Universität +niedergelegt werden. + +Und dich, mein lieber _Chamisso_, hab' ich zum Bewahrer meiner wundersamen +Geschichte erkoren, auf daß sie vielleicht, wenn ich von der Erde +verschwunden bin, manchen ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen +könne. Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben, so +lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur +dir und deinem bessern Selbst leben, o so brauchst du keinen Rat. + + #Explicit.# + + + + + An Adelbert von Chamisso. + + + Trifft Frank' und Deutscher jetzt zusammen + Und jeder edlen Muts entbrannt, + So fährt ans tapfre Schwert die Hand + Und Kampf entsprüht in wilden Flammen. + + Wir treffen uns auf höherm Feld, + Wir zwei verklärt in reinerm Feuer. + Heil dir, mein Frommer, mein Getreuer, + Und dem, was uns verbunden hält! + + 1813. Fouqué. + + + + + + Ende. + + + + +Peter Schlemihls wundersame Geschichte. + + +Inhalt. + + Seite + + An meinen alten Freund Peter Schlemihl 3 + + An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso 5 + + An Ebendenselben von Fouqué 6 + + An Fouqué von Hitzig 8 + + Peter Schlemihls wundersame Geschichte 11 + + An Adelbert von Chamisso 78 + + + * * * * * + + +Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig. + + +Adelbert von Chamissos+ + + Sämtliche Werke + + in vier Bänden. + + Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte. + + Herausgegeben und eingeleitet von Prof. #Dr.# Ludwig Geiger. + + Mit zwei Bildnissen des Dichters. + ++Inhalt:+ + + +1. Band.+ Biographische Einleitung. + -- Der Dichter. -- Lieder + und lyrisch-epische Gedichte. + + +2. Band.+ Sonette und Terzinen. + -- Gelegenheitsgedichte. -- Erste + Nachlese zu den Gedichten. -- Zweite + Nachlese zu allen Abteilungen. -- + In dramatischer Form. -- Übersetzungen. + -- Adelberts Fabel. -- + Peter Schlemihls wundersame Geschichte. + + +3. Band.+ Reise um die Welt. + 1. Teil: Tagebuch. + + +4. Band.+ Reise um die Welt. + 2. Teil: Anhang. -- Bemerkungen + und Ansichten. + ++Preis geheftet Mk. 2.--. In 2 modernen biegsamen Ganzleinenbänden Mk. +2.50. In 2 biegsamen Lederbänden mit Goldschnitt Mk. 6.--.+ + + + * * * * * + + +Adelbert von Chamissos poetische und erzählende Werke. + +Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte. Herausgegeben und +eingeleitet von Professor #Dr.# Ludwig Geiger. Mit Chamissos Bildnis. In 1 +modernen biegsamen Ganzleinenband Mk. 1.25. + + * * * * * + ++Gedichte von Adelbert von Chamisso.+ + +Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 314-317. Geh. 80 Pf., geb. M. +1.20. + +In Lederband mit Goldschnitt M. 2.--. + + * * * * * + ++Peter Schlemihls wundersame Geschichte.+ + +Mitgeteilt von Adelbert von Chamisso. + +Univ.-Bibliothek Nr. 93. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf. + + * * * * * + ++Adelbert von Chamissos Biographie+ + +von Ludwig Geiger. + +Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 4951. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurden prinzipiell beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler im Text +wurden korrigiert. + +Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textauszeichnungen wurden +folgendermaßen gekennzeichnet: + + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiquatext# + Fett gedruckter Text: +fett gedruckter Text+ + +Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + Fußnote [3]: worauf sich dies bezog. --> Satzschlusszeichen (Punkt) + ergänzt. + Seite 21: Ich gedachte mit Grauen des fürcherlichen --> + fürchterlichen + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Peter Schlemihl's wundersame Geschichte, by +Adelbert von Chamisso + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL *** + +***** This file should be named 31538-8.txt or 31538-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/5/3/31538/ + +Produced by Norbert H. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/31538-8.zip b/31538-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..979a190 --- /dev/null +++ b/31538-8.zip diff --git a/31538-h.zip b/31538-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6a7055e --- /dev/null +++ b/31538-h.zip diff --git a/31538-h/31538-h.htm b/31538-h/31538-h.htm new file mode 100644 index 0000000..05e1c2b --- /dev/null +++ b/31538-h/31538-h.htm @@ -0,0 +1,3592 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Peter Schlemihls wundersame Geschichte., by Adelbert von Chamisso. + </title> + <style type="text/css"> + + + + + p { margin-top: .75em; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Peter Schlemihl's wundersame Geschichte + +Author: Adelbert von Chamisso + +Release Date: March 7, 2010 [EBook #31538] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. + + + + + + +</pre> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p> +<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung +wurden prinzipiell beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert. +Eine Auflistung der Korrekturen befindet sich am Ende des Textes.</p> + +<p>Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in +Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet: <em class="antiqua">Text in Antiqua</em></p> +</div> + + +<div class="titlepage"> +<hr class="hr50" /> +<h1>Peter Schlemihls</h1> + +<h2>wundersame Geschichte.</h2> + +<h3>Mitgeteilt</h3> + +<h4>von</h4> + +<h2>Adelbert von Chamisso.</h2> +<p> </p><p> </p><p> </p> +<h5>Leipzig</h5> +<h3>Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</h3> +</div> + +<hr class="hr50" /> +<h3><a href="#Inhalt">Inhalt</a></h3> +<hr class="hr50" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p> +<h2><a name="An_meinen_alten_Freund_Peter_Schlemihl" id="An_meinen_alten_Freund_Peter_Schlemihl"></a> +An meinen alten Freund Peter Schlemihl.</h2> + + +<div class="poem"> +<div class="stanza"> +<span class="i2">Da fällt nun deine Schrift nach vielen Jahren</span> +<span class="i0">Mir wieder in die Hand, und – wundersam! –</span> +<span class="i0">Der Zeit gedenk’ ich, wo wir Freunde waren,</span> +<span class="i0">Als erst die Welt uns in die Schule nahm.</span> +<span class="i0">Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren,</span> +<span class="i0">Ich überwinde schon die falsche Scham,</span> +<span class="i0">Ich will mich deinen Freund wie eh’mals nennen</span> +<span class="i0">Und mich als solchen vor der Welt bekennen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i2">Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue</span> +<span class="i0">Mir nicht, wie dir, so übel mitgespielt;</span> +<span class="i0">Gestrebet hab’ ich und gehofft ins Blaue,</span> +<span class="i0">Und gar am Ende wenig nur erzielt;</span> +<span class="i0">Doch schwerlich wird berühmen sich der Graue,</span> +<span class="i0">Daß er mich jemals fest am Schatten hielt;</span> +<span class="i0">Den Schatten hab’ ich, der mir angeboren,</span> +<span class="i0">Ich habe meinen Schatten nie verloren.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i2">Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind,</span> +<span class="i0">Der Hohn, den sie für deine Blöße hatten. –</span> +<span class="i0">Ob wir einander denn so ähnlich sind?! –</span> +<span class="i0">Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten?</span> +<span class="i0">Und zeigt’ ich den, so stellten sie sich blind</span> +<span class="i0">Und konnten gar zu lachen nicht ermatten.</span> +<span class="i0">Was hilft es denn! man trägt es in Geduld,</span> +<span class="i0">Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class='pagenum'>[4]</span> +<span class="i2">Und was ist denn der Schatten? möcht’ ich fragen,</span> +<span class="i0">Wie man so oft mich selber schon gefragt,</span> +<span class="i0">So überschwenglich hoch es anzuschlagen,</span> +<span class="i0">Wie sich die arge Welt es nicht versagt?</span> +<span class="i0">Das gibt sich schon nach neunzehntausend Tagen,</span> +<span class="i0">Die, Weisheit bringend, über uns getagt;</span> +<span class="i0">Die wir dem Schatten <em class="gesperrt">Wesen</em> sonst verliehen,</span> +<span class="i0">Sehn Wesen jetzt als <em class="gesperrt">Schatten</em> sich verziehen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i2">Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl,</span> +<span class="i0">Wir schreiten zu und lassen es beim alten;</span> +<span class="i0">Wir kümmern uns um alle Welt nicht viel,</span> +<span class="i0">Es desto fester mit uns selbst zu halten;</span> +<span class="i0">Wir gleiten so schon näher unserm Ziel,</span> +<span class="i0">Ob jene lachten, ob die andern schalten,</span> +<span class="i0">Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen</span> +<span class="i0">Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen.</span> +</div></div> + +<p class="ort"><em class="gesperrt">Berlin</em>, August 1834.</p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<hr class="hr33" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p> +<h2><a name="An" id="An"></a>An<br /> +Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso.</h2> + +<div class="textbody"> +<p>Du vergissest niemanden, du wirst dich noch eines gewissen +<em class="gesperrt">Peter Schlemihls</em> erinnern, den du in früheren +Jahren ein paarmal bei mir gesehen hast, ein langbeiniger +Bursch’, den man ungeschickt glaubte, weil er linkisch war, +und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich hatte +ihn lieb – du kannst nicht vergessen haben, <em class="gesperrt">Eduard</em>, wie +er uns einmal in unsrer grünen Zeit durch die Sonette +lief, ich brachte ihn mit auf einen der poetischen Tees, wo +er mir noch während des Schreibens einschlief, ohne das +Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines Witzes, +den du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon, +Gott weiß wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka +gesehen, die er freilich damals noch immer trug, und sagtest: +»Der ganze Kerl wäre glücklich zu schätzen, wenn seine Seele +nur halb so unsterblich wäre, als seine Kurtka.« – So wenig +galt er bei euch. – Ich hatte ihn lieb. – Von diesem +<em class="gesperrt">Schlemihl</em> nun, den ich seit langen Jahren aus dem +Gesicht verloren hatte, rührt das Heft her, das ich dir mitteilen +will. – Dir nur, <em class="gesperrt">Eduard</em>, meinem nächsten, innigsten +Freunde, meinem beßren Ich, vor dem ich kein Geheimnis +verwahren kann, teil’ ich es mit, nur dir und, es +versteht sich von selbst, unserm <em class="gesperrt">Fouqué</em>, gleich dir in +meiner Seele eingewurzelt – aber in ihm teil’ ich es bloß +dem Freunde mit, nicht dem Dichter. – Ihr werdet einsehen, +wie unangenehm es mir sein würde, wenn etwa die +Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine +Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in +einem Dichterwerke an den Pranger geheftet würde, oder +<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +nur wenn überhaupt unheilig verfahren würde, wie mit +einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit einer Sache, die das +nicht ist und sein darf. Freilich muß ich selbst gestehen, daß +es um die Geschichte schad’ ist, die unter des guten Mannes +Feder nur albern geworden, daß sie nicht von einer geschickteren +fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft +dargestellt werden kann. – Was würde nicht <em class="gesperrt">Jean Paul</em> +daraus gemacht haben! – Übrigens, lieber Freund, mögen +hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will +beachtet sein. –</p> + +<p>Noch ein Wort über die Art, wie diese Blätter an mich +gelangt sind. Gestern früh bei meinem Erwachen gab man +sie mir ab – ein wunderlicher Mann, der einen langen grauen +Bart trug, eine ganz abgenützte schwarze Kurtka anhatte, +eine botanische Kapsel darüber umgehangen, und bei dem +feuchten, regnichten Wetter Pantoffeln über seine Stiefel, +hatte sich nach mir erkundigt und dieses für mich hinterlassen; +er hatte aus Berlin zu kommen vorgegeben. – – –</p> +</div> + +<p class="ort"><em class="gesperrt">Kunersdorf</em>, den 27. September 1813.</p> + +<p class="sig"><em class="gesperrt">Adelbert von Chamisso</em></p> + +<div class="textbody"> +<p><em class="antiqua">P. S.</em> Ich lege dir eine Zeichnung bei, die der kunstreiche +<em class="gesperrt">Leopold</em>, der eben an seinem Fenster stand, von der auffallenden +Erscheinung entworfen hat. Als er den Wert, +den ich auf diese Skizze legte, gesehen hat, hat er sie mir +gerne geschenkt.<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a> +<a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> +</div> + + +<p> </p><p> </p> +<hr class="hr33" /> +<h2><a name="An_Ebendenselben_von_Fouque" id="An_Ebendenselben_von_Fouque"></a> +An Ebendenselben von Fouqué.</h2> + +<div class="textbody"> +<p>Bewahren, <em class="gesperrt">lieber Eduard</em>, sollen wir die Geschichte +des armen <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, dergestalt bewahren, daß sie vor +Augen, die nicht hineinzusehen haben, beschirmt bleibe. Das +<span class='pagenum'>[7]</span> +ist eine schlimme Aufgabe. Es gibt solcher Augen eine ganze +Menge, und welcher Sterbliche kann die Schicksale eines +Manuskriptes bestimmen, eines Dinges, das beinah noch +schlimmer zu hüten ist als ein gesprochenes Wort. Da +mach’ ich’s denn wie ein Schwindelnder, der in der Angst +lieber gleich in den Abgrund springt: ich lasse die ganze +Geschichte drucken.</p> + +<p>Und doch, <em class="gesperrt">Eduard</em>, es gibt ernstere und bessere Gründe +für mein Benehmen. Es trügt mich alles oder in unserm +lieben Deutschland schlagen der Herzen viel, die den armen +<em class="gesperrt">Schlemihl</em> zu verstehen fähig sind und auch wert, und +über manch eines echten Landsmannes Gesicht wird bei dem +herben Scherz, den das Leben mit ihm, und bei dem arglosen, +den er mit sich selbst treibt, ein gerührtes Lächeln ziehn. +Und du, mein <em class="gesperrt">Eduard</em>, wenn du das grundehrliche Buch +ansiehst und dabei denkst, daß viele unbekannte Herzensverwandte +es mit uns lieben lernen, fühlst auch vielleicht einen +Balsamtropfen in die heiße Wunde fallen, die dir und allen, +die dich lieben, der Tod geschlagen hat.</p> + +<p>Und endlich: es gibt – ich habe mich durch mannigfache +Erfahrung davon überzeugt – es gibt für die gedruckten +Bücher einen Genius, der sie in die rechten Hände bringt +und, wenn nicht immer, doch sehr oft die unrechten davon +abhält. Auf allen Fall hat er ein unsichtbares Vorhängschloß +vor jedwedem echten Geistes- und Gemütswerke und +weiß mit einer ganz untrüglichen Geschicklichkeit auf- und +zuzuschließen.</p> + +<p>Diesem Genius, mein sehr lieber <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, vertraue +ich dein Lächeln und deine Tränen an, und somit Gott +befohlen!</p> +</div> + +<p class="ort"><em class="gesperrt">Nennhausen</em>, Ende Mai 1814.</p> +<p class="sig"><em class="gesperrt">Fouqué</em>.</p> + + + +<hr class="hr33" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></p> +<h2><a name="An_Fouque_von_Hitzig" id="An_Fouque_von_Hitzig"></a>An Fouqué von Hitzig.</h2> + +<div class="textbody"> +<p>Da haben wir denn nun die Folgen deines verzweifelten +Entschlusses, die Schlemihlshistorie, die wir als ein bloß <em class="gesperrt">uns</em> +anvertrautes Geheimnis bewahren sollten, drucken zu lassen, +daß sie nicht allein Franzosen und Engländer, Holländer +und Spanier übersetzt, Amerikaner aber den Engländern +nachgedruckt, wie ich dies alles in meinem gelehrten Berlin +des breiteren gemeldet; sondern daß auch für unser liebes +Deutschland eine neue Ausgabe, mit den Zeichnungen der +englischen, die der berühmte <em class="gesperrt">Cruikshank</em> nach dem Leben +entworfen, veranstaltet wird, wodurch die Sache unstreitig +noch viel mehr herumkommt. Hielte ich dich nicht für dein +eigenmächtiges Verfahren (denn mir hast du 1814 ja kein +Wort von der Herausgabe des Manuskripts gesagt) hinlänglich +dadurch bestraft, daß unser <em class="gesperrt">Chamisso</em> bei seiner Weltumsegelei, +in den Jahren 1815 bis 1818, sich gewiß in Chili +und Kamtschatka und wohl gar bei seinem Freunde, dem +seligen <em class="gesperrt">Tameiamaia</em> auf O-Wahu, darüber beklagt haben +wird, so fordere ich noch jetzt öffentlich Rechenschaft darüber +von dir.</p> + +<p>Indes – auch hievon abgesehn – geschehn ist geschehn +und recht hast du auch darin gehabt, daß viele, viele Befreundete +in den dreizehn verhängnisvollen Jahren, seit es +das Licht der Welt erblickte, das Büchlein mit uns liebgewonnen. +Nie werde ich die Stunde vergessen, in der ich +es <em class="gesperrt">Hoffmann</em> zuerst vorlas. Außer sich vor Vergnügen +und Spannung, hing er an meinen Lippen, bis ich vollendet +hatte; nicht erwarten konnte er, die persönliche Bekanntschaft +des Dichters zu machen und, sonst jeder Nachahmung so +abhold, widerstand er doch der Versuchung nicht, die Idee +des verlornen Schattens in seiner Erzählung: Die Abenteuer +der Silvesternacht,<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a> +<a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a> durch das verlorne Spiegelbild des +<span class='pagenum'>[9]</span> +Erasmus Spikher, ziemlich unglücklich zu variieren. Ja – +unter die Kinder hat sich unsre wundersame Historie ihre +Bahn zu brechen gewußt; denn als ich einst, an einem hellen +Winterabend, mit ihrem Erzähler die Burgstraße hinaufging +und er einen über ihn lachenden, auf der Glitschbahn beschäftigten +Jungen unter seinen dir wohlbekannten Bärenmantel +nahm und fortschleppte, hielt dieser ganz stille; da +er aber wieder auf den Boden niedergesetzt war und in +gehöriger Ferne von den, als ob nichts geschehen wäre, +Weitergegangenen, rief er mit lauter Stimme seinem Räuber +nach: »Warte nur, Peter Schlemihl!«</p> + +<p>So, denke ich, wird der ehrliche Kauz auch in seinem +neuen, zierlichen Gewande viele erfreuen, die ihn in der +einfachen Kurtka von 1814 nicht gesehen; diesen und jenen +aber es außerdem noch überraschend sein, in dem botanisierenden, +weltumschiffenden, ehemals wohlbestallten königlich preußischen +Offizier, auch Historiographen des berühmten Peter +Schlemihl, nebenher einen Lyriker kennen zu lernen,<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a> +<a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> der, er +möge malaiische oder litauische Weisen anstimmen, überall +dartut, daß er das poetische Herz auf der rechten Stelle hat.</p> + +<p>Darum, lieber Fouqué, sei dir am Ende denn doch noch +herzlich gedankt für die Veranstaltung der ersten Ausgabe, +und empfange mit unsern Freunden meinen Glückwunsch zu +dieser zweiten.</p> +</div> + +<p class="ort"><em class="gesperrt">Berlin</em>, im Januar 1827.</p> +<p class="sig"><em class="gesperrt">Eduard Hitzig</em>.</p> + +<hr class="hr33" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span></p> +<h2><a name="Peter_Schlemihls_wundersame_Geschichte" id="Peter_Schlemihls_wundersame_Geschichte"></a> +Peter Schlemihls wundersame Geschichte.</h2> + +<h3>1.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Nach einer glücklichen, jedoch für mich sehr beschwerlichen +Seefahrt erreichten wir endlich den Hafen. Sobald ich mit +dem Boote ans Land kam, belud ich mich selbst mit meiner +kleinen Habseligkeit, und durch das wimmelnde Volk mich +drängend, ging ich in das nächste, geringste Haus hinein, +vor welchem ich ein Schild hängen sah. Ich begehrte ein +Zimmer, der Hausknecht maß mich mit einem Blick und +führte mich unters Dach. Ich ließ mir frisches Wasser geben +und genau beschreiben, wo ich den Herrn <em class="gesperrt">Thomas John</em> +aufzusuchen habe: – »Vor dem Nordertor, das erste Landhaus +zur rechten Hand, ein großes, neues Haus, von rot +und weißem Marmor mit vielen Säulen.« Gut. – Es +war noch früh an der Zeit, ich schnürte sogleich mein Bündel +auf, nahm meinen neu gewandten schwarzen Rock heraus, +zog mich reinlich an in meine besten Kleider, steckte das +Empfehlungsschreiben zu mir, und setzte mich alsbald auf +den Weg zu dem Manne, der mir bei meinen bescheidenen +Hoffnungen förderlich sein sollte.</p> + +<p>Nachdem ich die lange Norderstraße hinaufgestiegen und +das Tor erreicht, sah ich bald die Säulen durch das Grüne +schimmern – also hier, dacht’ ich. Ich wischte den Staub +von meinen Füßen mit meinem Schnupftuch ab, setzte mein +Halstuch in Ordnung, und zog in Gottes Namen die +Klingel. Die Tür sprang auf. Auf dem Flur hatt’ ich ein +Verhör zu bestehn, der Portier ließ mich aber anmelden, und +ich hatte die Ehre, in den Park gerufen zu werden, wo +<span class='pagenum'>[12]</span> +Herr <em class="gesperrt">John</em> mit einer kleinen Gesellschaft sich erging. Ich +erkannte gleich den Mann am Glanze seiner wohlbeleibten +Selbstzufriedenheit. Er empfing mich sehr gut, wie ein +Reicher einen armen Teufel, wandte sich sogar gegen mich, +ohne sich jedoch von der übrigen Gesellschaft abzuwenden, +und nahm mir den dargehaltenen Brief aus der Hand. – +»So, so! von meinem Bruder, ich habe lange nichts von +ihm gehört. Er ist doch gesund? – Dort,« fuhr er gegen +die Gesellschaft fort, ohne die Antwort zu erwarten, und +wies mit dem Brief auf einen Hügel, »dort lasse ich das +neue Gebäude aufführen.« Er brach das Siegel auf und +das Gespräch nicht ab, das sich auf den Reichtum lenkte. +»Wer nicht Herr ist wenigstens einer Million,« warf er +hinein, »der ist, man verzeihe mir das Wort, ein Schuft!« – +»O wie wahr!« rief ich aus mit vollem überströmenden +Gefühl. Das mußte ihm gefallen, er lächelte mich an und +sagte: »Bleiben Sie hier, lieber Freund, nachher hab’ ich +vielleicht Zeit, Ihnen zu sagen, was ich hiezu denke,« er +deutete auf den Brief, den er sodann einsteckte, und wandte +sich wieder zu der Gesellschaft. – Er bot einer jungen Dame +den Arm, andre Herren bemühten sich um andre Schönen, +es fand sich, was sich paßte, und man wallte dem rosenumblühten +Hügel zu.</p> + +<p>Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen, +denn keine Seele bekümmerte sich weiter um mich. Die +Gesellschaft war sehr aufgeräumt, es ward getändelt und +gescherzt, man sprach zuweilen von leichtsinnigen Dingen +wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig, und gemächlich +erging besonders der Witz über abwesende Freunde und +deren Verhältnisse. Ich war da zu fremd, um von alledem +vieles zu verstehen, zu bekümmert und in mich gekehrt, um +den Sinn auf solche Rätsel zu haben.</p> + +<p>Wir hatten den Rosenhain erreicht. Die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em>, +wie es schien die Herrin des Tages, wollte aus Eigensinn +einen blühenden Zweig selbst brechen, sie verletzte sich an +<span class='pagenum'>[13]</span> +einem Dorn, und wie von den dunklen Rosen, floß Purpur +auf ihre zarte Hand. Dieses Ereignis brachte die ganze +Gesellschaft in Bewegung. Es wurde englisch Pflaster gesucht. +Ein stiller, dünner, hagerer, länglichter, ältlicher Mann, der +neben mitging, und den ich noch nicht bemerkt hatte, steckte +sogleich die Hand in die knapp anliegende Schoßtasche seines +altfränkischen, grautaftenen Rockes, brachte eine kleine Brieftasche +daraus hervor, öffnete sie und reichte der Dame mit +devoter Verbeugung das Verlangte. Sie empfing es ohne +Aufmerksamkeit für den Geber und ohne Dank, die Wunde +ward verbunden, und man ging weiter den Hügel hinan, +von dessen Rücken man die weite Aussicht über das grüne +Labyrinth des Parkes nach dem unermeßlichen Ozean genießen +wollte.</p> + +<p>Der Anblick war wirklich groß und herrlich. Ein lichter +Punkt erschien am Horizont zwischen der dunklen Flut und +der Bläue des Himmels. »Ein Fernrohr her!« rief <em class="gesperrt">John</em>, +und noch bevor das auf den Ruf erscheinende Dienervolk +in Bewegung kam, hatte der graue Mann, bescheiden sich +verneigend, die Hand schon in die Rocktasche gesteckt, daraus +einen schönen Dollond hervorgezogen und es dem Herrn +<em class="gesperrt">John</em> eingehändigt. Dieser, es sogleich an das Aug’ +bringend, benachrichtigte die Gesellschaft, es sei das Schiff, +das gestern ausgelaufen, und das widrige Winde im Angesicht +des Hafens zurückhielten. Das Fernrohr ging von +Hand zu Hand, und nicht wieder in die des Eigentümers; +ich aber sah verwundert den Mann an, und wußte nicht, wie +die große Maschine aus der winzigen Tasche herausgekommen +war; es schien aber niemandem aufgefallen zu sein, und man +bekümmerte sich nicht mehr um den grauen Mann, als um +mich selber.</p> + +<p>Erfrischungen wurden gereicht, das seltenste Obst aller +Zonen in den kostbarsten Gefäßen. Herr <em class="gesperrt">John</em> machte die +Honneurs mit leichtem Anstand und richtete da zum zweitenmal +ein Wort an mich: »Essen Sie nur; das haben Sie +<span class='pagenum'>[14]</span> +auf der See nicht gehabt.« Ich verbeugte mich, aber er +sah es nicht, er sprach schon mit jemand anderm.</p> + +<p>Man hätte sich gern auf den Rasen, am Abhange des +Hügels, der ausgespannten Landschaft gegenüber gelagert, +hätte man die Feuchtigkeit der Erde nicht gescheut. Es wäre +göttlich, meinte wer aus der Gesellschaft, wenn man türkische +Teppiche hätte, sie hier auszubreiten. Der Wunsch war +nicht sobald ausgesprochen, als schon der Mann im grauen +Rock die Hand in der Tasche hatte, und mit bescheidener, ja +demütiger Gebärde einen reichen, golddurchwirkten türkischen +Teppich daraus zu ziehen bemüht war. Bediente nahmen +ihn in Empfang, als müsse es so sein, und entfalteten ihn +am begehrten Orte. Die Gesellschaft nahm ohne Umstände +Platz darauf; ich wiederum sah betroffen den Mann, die +Tasche, den Teppich an, der über zwanzig Schritte in der +Länge und zehn in der Breite maß, und rieb mir die Augen, +nicht wissend, was ich dazu denken sollte, besonders da niemand +etwas Merkwürdiges darin fand.</p> + +<p>Ich hätte gern Aufschluß über den Mann gehabt und +gefragt, wer er sei, nur wußt’ ich nicht, an wen ich mich +richten sollte, denn ich fürchtete mich fast noch mehr vor +den Herren Bedienten, als vor den bedienten Herren. Ich +faßte endlich ein Herz, und trat an einen jungen Mann +heran, der mir von minderem Ansehen schien, als die andern, +und der öfter allein gestanden hatte. Ich bat ihn leise, +mir zu sagen, wer der gefällige Mann sei dort im grauen +Kleide. – »Dieser, der wie ein Ende Zwirn aussieht, der +einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist?« – »Ja, der +allein steht.« – »Den kenn’ ich nicht,« gab er mir zur Antwort, +und, wie es schien, eine längere Unterhaltung mit mir +zu vermeiden, wandt’ er sich weg und sprach von gleichgültigen +Dingen mit einem andern.</p> + +<p>Die Sonne fing jetzt stärker zu scheinen an und ward +den Damen beschwerlich; die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em> richtete nachlässig +<span class='pagenum'>[15]</span> +an den grauen Mann, den, soviel ich weiß, noch niemand +angeredet hatte, die leichtsinnige Frage: ob er nicht auch +vielleicht ein Zelt bei sich habe? Er beantwortete sie durch +eine so tiefe Verbeugung, als widerführe ihm eine unverdiente +Ehre, und hatte schon die Hand in der Tasche, aus +der ich Zeuge, Stangen, Schnüre, Eisenwerk, kurz alles, was +zu dem prachtvollsten Lustzelt gehört, herauskommen sah. +Die jungen Herren halfen es ausspannen, und es überhing +die ganze Ausdehnung des Teppichs – und keiner fand noch +etwas Außerordentliches darin. –</p> + +<p>Mir war schon lange unheimlich, ja graulich zumute, wie +ward mir vollends, als beim nächst ausgesprochenen Wunsch +ich ihn noch aus seiner Tasche drei Reitpferde, ich sage dir, +drei schöne, große Rappen mit Sattel und Zeug herausziehen +sah! – denke dir, um Gottes willen! drei gesattelte +Pferde noch aus derselben Tasche, woraus schon eine Brieftasche, +ein Fernrohr, ein gewirkter Teppich, zwanzig Schritte +lang und zehn breit, ein Lustzelt von derselben Größe, und +alle dazu gehörigen Stangen und Eisen herausgekommen +waren! – Wenn ich dir nicht beteuerte, es selbst mit eignen +Augen angesehen zu haben, würdest du es gewiß nicht +glauben. –</p> + +<p>So verlegen und demütig der Mann selbst zu sein schien, +so wenig Aufmerksamkeit ihm auch die andern schenkten, so +ward mir doch seine blasse Erscheinung, von der ich kein +Auge abwenden konnte, so schauerlich, daß ich sie nicht länger +ertragen konnte.</p> + +<p>Ich beschloß, mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was +bei der unbedeutenden Rolle, die ich darinnen spielte, mir +ein leichtes schien. Ich wollte nach der Stadt zurückkehren, +am andern Morgen mein Glück beim Herrn John wieder +versuchen und, wenn ich den Mut dazu fände, ihn über denselben +grauen Mann befragen. – Wäre es mir nur so zu +entkommen geglückt!</p> + +<p><span class='pagenum'>[16]</span> +Ich hatte mich schon wirklich durch den Rosenhain, den +Hügel hinab, glücklich geschlichen, und befand mich auf einem +freien Rasenplatz, als ich aus Furcht, außer den Wegen +durchs Gras gehend angetroffen zu werden, einen forschenden +Blick um mich warf. – Wie erschrak ich, als ich den +Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zu +kommen sah. Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und +verneigte sich so tief, als noch niemand vor mir getan +hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich anreden, und +ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. Ich +nahm den Hut auch ab, verneigte mich wieder, und stand +da in der Sonne mit bloßem Haupt wie angewurzelt. +Ich sah ihn voller Furcht stier an und war wie ein +Vogel, den eine Schlange gebannt hat. Er selber schien +sehr verlegen zu sein; er hob den Blick nicht auf, verbeugte +sich zu verschiedenen Malen, trat näher und redete mich +an mit leiser, unsicherer Stimme, ungefähr im Tone eines +Bettelnden.</p> + +<p>»Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, +wenn ich es wage, ihn so unbekannterweise aufzusuchen, ich +habe eine Bitte an ihn. Vergönnen Sie gnädigst –« – +»Aber um Gottes willen, mein Herr!« brach ich in meiner +Angst aus, »was kann ich für einen Mann tun, der –« +wir stutzten beide, und wurden, wie mir deucht, rot.</p> + +<p>Er nahm nach einem Augenblick des Schweigens wieder +das Wort: »Während der kurzen Zeit, wo ich das Glück +genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, hab’ ich, mein Herr, +einigemal – erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage – wirklich +mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen, schönen +Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und +gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst +darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten +da zu Ihren Füßen. Verzeihen Sie mir die freilich kühne +Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, +mir diesen Ihren Schatten zu überlassen?«</p> + +<p><span class='pagenum'>[17]</span> +Er schwieg und mir ging’s wie ein Mühlrad im Kopfe +herum. Was sollt’ ich aus dem seltsamen Antrag machen, +mir meinen Schatten abzukaufen? er muß verrückt sein, +dacht’ ich, und mit verändertem Tone, der zu der Demut +des seinigen besser paßte, erwiderte ich also:</p> + +<p>»Ei, ei! guter Freund, habt Ihr denn nicht an Eurem +eignen Schatten genug? das heiß’ ich mir einen Handel von +einer ganz absonderlichen Sorte.« Er fiel sogleich wieder +ein: »Ich hab’ in meiner Tasche manches, was dem Herrn +nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen unschätzbaren +Schatten halt’ ich den höchsten Preis zu gering.«</p> + +<p>Nun überfiel es mich wieder kalt, da ich an die Tasche +erinnert ward, und ich wußte nicht, wie ich ihn hatte guter +Freund nennen können. Ich nahm wieder das Wort und +suchte es, wo möglich, mit unendlicher Höflichkeit wieder gut +zu machen.</p> + +<p>»Aber, mein Herr, verzeihen Sie Ihrem untertänigsten +Knecht. Ich verstehe wohl Ihre Meinung nicht ganz gut, +wie könnt’ ich nur meinen Schatten – –« Er unterbrach +mich: »Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis, hier auf +der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu dürfen und +zu mir zu stecken; wie ich das mache, sei meine Sorge. +Dagegen als Beweis meiner Erkenntlichkeit gegen den Herrn, +überlasse ich ihm die Wahl unter allen Kleinodien, die ich +in der Tasche bei mir führe: die echte Springwurzel, die +Alraunwurzel, Wechselpfennige, Raubtaler, das Tellertuch +von Rolands Knappen, ein Galgenmännlein zu beliebigem +Preis; doch, das wird wohl nichts für Sie sein: besser, +Fortunati Wünschhütlein, neu und haltbar wieder restauriert: +auch ein Glückssäckel, wie der seine gewesen.« – »Fortunati +Glücksseckel,« fiel ich ihm in die Rede, und wie groß meine +Angst auch war, hatte er mit dem einen Wort meinen ganzen +Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel und es flimmerte +mir wie doppelte Dukaten vor den Augen. + –</p> + +<p><span class='pagenum'>[18]</span> +»Belieben gnädigst der Herr diesen Säckel zu besichtigen +und zu erproben.« Er steckte die Hand in die Tasche und +zog einen mäßig großen, festgenähten Beutel, von starkem +Korduanleder, an zwei tüchtigen ledernen Schnüren heraus +und händigte mir selbigen ein. Ich griff hinein und zog +zehn Goldstücke daraus, und wieder zehn, und wieder zehn, +und wieder zehn; ich hielt ihm schnell die Hand hin: »Topp! +der Handel gilt, für den Beutel haben Sie meinen Schatten.« +Er schlug ein, kniete dann ungesäumt vor mir nieder, und +mit einer bewundernswürdigen Geschicklichkeit sah ich ihn +meinen Schatten, vom Kopf bis zu meinen Füßen, leise von +dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten, und +zuletzt einstecken. Er stand auf, verbeugte sich noch einmal +vor mir, und zog sich nach dem Rosengebüsche zurück. Mich +dünkt’, ich hörte ihn da leise für sich lachen. Ich aber hielt +den Beutel bei den Schnüren fest, rund um mich her war +die Erde sonnenhell, und in mir war noch keine Besinnung.</p> +</div> + +<h3>2.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Ich kam endlich wieder zu Sinnen und eilte, diesen +Ort zu verlassen, wo ich hoffentlich nichts mehr zu tun +hatte. Ich füllte erst meine Taschen mit Gold, dann band +ich mir die Schnüre des Beutels um den Hals fest und +verbarg ihn selbst auf meiner Brust. Ich kam unbeachtet +aus dem Park, erreichte die Landstraße und nahm meinen +Weg nach der Stadt. Wie ich in Gedanken dem Tore zu +ging, hört’ ich hinter mir schreien: »Junger Herr! he! +junger Herr! hören Sie doch!« – Ich sah mich um, ein +altes Weib rief mir nach: »Sehe sich der Herr doch vor, +Sie haben Ihren Schatten verloren.« – »Danke, Mütterchen!« +– ich warf ihr ein Goldstück für den wohlgemeinten +Rat hin, und trat unter die Bäume.</p> + +<p><span class='pagenum'>[19]</span> +Am Tore mußt’ ich gleich wieder von der Schildwacht +hören: »Wo hat der Herr seinen Schatten gelassen?« und +gleich wieder darauf von ein paar Frauen: »Jesus Maria! +der arme Mensch hat keinen Schatten!« Das fing an mich +zu verdrießen, und ich vermied sehr sorgfältig, in die Sonne +zu treten. Das ging aber nicht überall an, zum Beispiel +nicht über die Breitestraße, die ich zunächst durchkreuzen +mußte, und zwar, zu meinem Unheil, in eben der Stunde, +wo die Knaben aus der Schule gingen. Ein verdammter +buckeliger Schlingel, ich seh’ ihn noch, hatte es gleich weg, +daß mir ein Schatten fehle. Er verriet mich mit großem +Geschrei der sämtlichen literarischen Straßenjugend der Vorstadt, +welche sofort mich zu rezensieren und mit Kot zu bewerfen +anfing. »Ordentliche Leute pflegten ihren Schatten +mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne gingen.« Um +sie von mir abzuwehren, warf ich Gold zu vollen Händen +unter sie und sprang in einen Mietswagen, zu dem mir +mitleidige Seelen verhalfen.</p> + +<p>Sobald ich mich in der rollenden Kutsche allein fand, +fing ich bitterlich an zu weinen. Es mußte schon die +Ahnung in mir aufsteigen, daß, um so viel das Gold auf +Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so viel der +Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde; und wie +ich früher den Reichtum meinem Gewissen aufgeopfert, hatte +ich jetzt den Schatten für bloßes Gold hingegeben; was +konnte, was sollte auf Erden aus mir werden!</p> + +<p>Ich war noch sehr verstört, als der Wagen vor meinem +alten Wirtshause hielt; ich erschrak über die Vorstellung, +nur noch jenes schlechte Dachzimmer zu betreten. Ich ließ +mir meine Sachen herabholen, empfing den ärmlichen Bündel +mit Verachtung, warf einige Goldstücke hin und befahl, +vor das vornehmste Hotel vorzufahren. Das Haus war +gegen Norden gelegen, ich hatte die Sonne nicht zu fürchten. +Ich schickte den Kutscher mit Gold weg, ließ mir die besten +<span class='pagenum'>[20]</span> +Zimmer vornheraus anweisen und verschloß mich darin, +sobald ich konnte.</p> + +<p>Was denkst du, daß ich nun anfing! – O mein lieber +<em class="gesperrt">Chamisso</em>, selbst vor dir es zu gestehen, macht mich erröten. +Ich zog den unglücklichen Säckel aus meiner Brust +hervor, und mit einer Art Wut, die, wie eine flackernde +Feuersbrunst, sich in mir durch sich selbst mehrte, zog ich +Gold daraus, und Gold, und Gold, und immer mehr +Gold, und streute es auf den Estrich, und schritt darüber +hin, und ließ es klirren, und warf, mein armes Herz an +dem Glanze, an dem Klange weidend, immer des Metalles +mehr zu dem Metalle, bis ich ermüdet selbst auf das reiche +Lager sank und schwelgend darin wühlte, mich darüber +wälzte. So verging der Tag, der Abend, ich schloß meine +Türe nicht auf, die Nacht fand mich liegend auf dem Golde, +und darauf übermannte mich der Schlaf.</p> + +<p>Da träumt’ es mir von dir, es ward mir, als stünde +ich hinter der Glastür deines kleinen Zimmers und sähe dich +von da an deinem Arbeitstische zwischen einem Skelett und +einem Bunde getrockneter Pflanzen sitzen, vor dir waren +Haller, Humboldt und Linné aufgeschlagen, auf deinem Sofa +lagen ein Band Goethe und der Zauberring, ich betrachtete +dich lange und jedes Ding in deiner Stube, und dann dich +wieder, du rührtest dich aber nicht, du holtest auch nicht +Atem, du warst tot.</p> + +<p>Ich erwachte. Es schien noch sehr früh zu sein. Meine +Uhr stand. Ich war wie zerschlagen, durstig und hungrig +auch noch; ich hatte seit dem vorigen Morgen nichts gegessen. +Ich stieß von mir mit Unwillen und Überdruß +dieses Gold, an dem ich kurz vorher mein törichtes Herz +gesättigt; nun wußt’ ich verdrießlich nicht, was ich damit +anfangen sollte. Es durfte nicht so liegen bleiben – ich +versuchte, ob es der Beutel wieder verschlingen wollte – +nein. Keines meiner Fenster öffnete sich über die See. Ich +<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +mußte mich bequemen, es mühsam und mit sauerm Schweiß +zu einem großen Schrank, der in einem Kabinett stand, zu +schleppen, und es darin zu verpacken. Ich ließ nur einige +Handvoll da liegen. Nachdem ich mit der Arbeit fertig geworden, +legt’ ich mich erschöpft in einen Lehnstuhl und +erwartete, daß sich Leute im Hause zu regen anfingen. Ich +ließ, sobald es möglich war, zu essen bringen und den Wirt +zu mir kommen.</p> + +<p>Ich besprach mit diesem Manne die künftige Einrichtung +meines Hauses. Er empfahl mir für den näheren +Dienst um meine Person einen gewissen <em class="gesperrt">Bendel</em>, dessen +treue und verständige Physiognomie mich gleich gewann. +Derselbe war’s, dessen Anhänglichkeit mich seither tröstend +durch das Elend des Lebens begleitete und mir mein +düsteres Los ertragen half. Ich brachte den ganzen Tag +auf meinen Zimmern mit herrenlosen Knechten, Schustern, +Schneidern und Kaufleuten zu, ich richtete mich ein und +kaufte besonders sehr viel Kostbarkeiten und Edelsteine, um +nur etwas des vielen aufgespeicherten Goldes los zu werden; +es schien aber gar nicht, als könne der Haufen sich vermindern.</p> + +<p>Ich schwebte indes über meinen Zustand in den ängstigendsten +Zweifeln. Ich wagte keinen Schritt aus meiner +Tür und ließ abends vierzig Wachskerzen in meinem Saal +anzünden, bevor ich aus dem Dunkel herauskam. Ich gedachte +mit Grauen des <ins class="correction" title="Original: fürcherlichen">fürchterlichen</ins> +Auftrittes mit den Schulknaben. +Ich beschloß, soviel Mut ich auch dazu bedurfte, +die öffentliche Meinung noch einmal zu prüfen. – Die Nächte +waren zu der Zeit mondhell. Abends spät warf ich einen +weiten Mantel um, drückte mir den Hut tief in die Augen +und schlich, zitternd wie ein Verbrecher, aus dem Hause. +Erst auf einem entlegenen Platz trat ich aus dem Schatten +der Häuser, in deren Schutz ich so weit gekommen war, an +das Mondlicht hervor, gefaßt, mein Schicksal aus dem Munde +der Vorübergehenden zu vernehmen.</p> + +<p><span class='pagenum'>[22]</span> +Erspare mir, lieber Freund, die schmerzliche Wiederholung +alles dessen, was ich erdulden mußte. Die Frauen +bezeigten oft das tiefste Mitleid, das ich ihnen einflößte; +Äußerungen, die mir die Seele nicht minder durchbohrten, +als der Hohn der Jugend und die hochmütige Verachtung +der Männer, besonders solcher dicken, wohlbeleibten, die +selbst einen breiten Schatten warfen. Ein schönes, holdes +Mädchen, die, wie es schien, ihre Eltern begleitete, indem +diese bedächtig nur vor ihre Füße sahen, wandte von ungefähr +ihr leuchtendes Auge auf mich; sie erschrak sichtbarlich, +da sie meine Schattenlosigkeit bemerkte, verhüllte ihr +schönes Antlitz in ihren Schleier, ließ den Kopf sinken und +ging lautlos vorüber.</p> + +<p>Ich ertrug es länger nicht. Salzige Ströme brachen aus +meinen Augen, und mit durchschnittenem Herzen zog ich mich +schwankend ins Dunkel zurück. Ich mußte mich an den +Häusern halten, um meine Schritte zu sichern, und erreichte +langsam und spät meine Wohnung.</p> + +<p>Ich brachte die Nacht schlaflos zu. Am andern Tage +war meine erste Sorge, nach dem Manne im grauen Rocke +überall suchen zu lassen. Vielleicht sollte es mir gelingen, +ihn wieder zu finden, und wie glücklich! wenn ihn, wie +mich, der törichte Handel gereuen sollte. Ich ließ <em class="gesperrt">Bendel</em> +vor mich kommen, er schien Gewandtheit und Geschick zu +besitzen – ich schilderte ihm genau den Mann, in dessen +Besitz ein Schatz sich befand, ohne den mir das Leben nur +eine Qual sei. Ich sagte ihm die Zeit, den Ort, wo ich +ihn gesehen; beschrieb ihm alle, die zugegen gewesen, und +fügte dieses Zeichen noch hinzu: er solle sich nach einem +Dollondschen Fernrohr, nach einem golddurchwirkten türkischen +Teppich, nach einem Prachtlustzelt, und endlich nach +den schwarzen Reithengsten genau erkundigen, deren Geschichte, +ohne zu bestimmen wie, mit der des rätselhaften Mannes +zusammenhinge, welcher allen unbedeutend geschienen, und +<span class='pagenum'>[23]</span> +dessen Erscheinung die Ruhe und das Glück meines Lebens +zerstört hatte.</p> + +<p>Wie ich ausgeredet, holt’ ich Gold her, eine Last, wie ich +sie nur zu tragen vermochte, und legte Edelsteine und Juwelen +noch hinzu für einen größern Wert. »<em class="gesperrt">Bendel</em>,« +sprach ich, »dieses ebnet viele Wege und macht vieles leicht, was unmöglich +schien; sei nicht karg damit, wie ich es nicht bin, +sondern geh, und erfreue deinen Herrn mit Nachrichten, auf +denen seine alleinige Hoffnung beruht.«</p> + +<p>Er ging. Spät kam er und traurig zurück. Keiner von +den Leuten des Herrn <em class="gesperrt">John</em>, keiner von seinen Gästen, er +hatte alle gesprochen, wußte sich nur entfernt an den Mann +im grauen Rocke zu erinnern. Das neue Teleskop war da +und keiner wußte, wo es hergekommen; der Teppich, das +Zelt waren da und noch auf demselben Hügel ausgebreitet +und aufgeschlagen, die Knechte rühmten den Reichtum ihres +Herrn, und keiner wußte, von wannen diese neuen Kostbarkeiten +ihm zugekommen. Er selbst hatte sein Wohlgefallen +daran, und ihn kümmerte es nicht, daß er nicht wisse, woher +er sie habe; die Pferde hatten die jungen Herren, die sie +geritten, in ihren Ställen, und sie priesen die Freigebigkeit +des Herrn <em class="gesperrt">John</em>, der sie ihnen an jenem Tage geschenkt. +Soviel erhellte aus der ausführlichen Erzählung <em class="gesperrt">Bendels</em>, +dessen rascher Eifer und verständige Führung, auch bei so +fruchtlosem Erfolge, mein verdientes Lob erhielten. Ich +winkte ihm düster, mich allein zu lassen.</p> + +<p>»Ich habe,« hub er wieder an, »meinem Herrn Bericht +abgestattet über die Angelegenheit, die ihm am wichtigsten +war. Mir bleibt noch ein Auftrag auszurichten, den mir +heute früh jemand gegeben, welchem ich vor der Tür begegnete, +da ich zu dem Geschäfte ausging, wo ich so unglücklich +gewesen. Die eignen Worte des Mannes waren: +‘Sagen Sie dem Herrn <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em>, er würde mich +hier nicht mehr sehen, da ich übers Meer gehe, und ein +günstiger Wind mich soeben nach dem Hafen ruft. Aber +<span class='pagenum'>[24]</span> +über Jahr und Tag werde ich die Ehre haben, ihn selber +aufzusuchen und ein andres, ihm dann vielleicht annehmliches +Geschäft vorzuschlagen. Empfehlen Sie mich ihm untertänigst +und versichern ihn meines Dankes.’ Ich frug ihn, +wer er wäre, er sagte aber, Sie kennten ihn schon.«</p> + +<p>»Wie sah der Mann aus?« rief ich voller Ahnung. Und +<em class="gesperrt">Bendel</em> beschrieb mir den Mann im grauen Rocke Zug +für Zug, Wort für Wort, wie er getreu in seiner vorigen +Erzählung des Mannes erwähnt, nach dem er sich erkundigt.</p> + +<p>»Unglücklicher!« schrie ich händeringend, »das war er ja +selbst!« und ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. – +»Ja, er war es, war es wirklich!« rief er erschreckt aus, +»und ich Verblendeter, Blödsinniger habe ihn nicht erkannt, +ihn nicht erkannt und meinen Herrn verraten!«</p> + +<p>Er brach, heiß weinend, in die bittersten Vorwürfe gegen +sich selber aus, und die Verzweiflung, in der er war, mußte +mir selber Mitleiden einflößen. Ich sprach ihm Trost ein, +versicherte ihm wiederholt, ich setze keinen Zweifel in seine +Treue, und schickte ihn alsbald nach dem Hafen, um, wo +möglich, die Spuren des seltsamen Mannes zu verfolgen. +Aber an diesem selben Morgen waren sehr viele Schiffe, +die widrige Winde im Hafen zurückgehalten, ausgelaufen, +alle nach andern Weltstrichen, alle nach andern Küsten bestimmt, +und der graue Mann war spurlos wie ein Schatten +verschwunden.</p> +</div> + + +<h3>3.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Was hülfen Flügel dem in eisernen Ketten fest Angeschmiedeten? +Er müßte dennoch, und schrecklicher, verzweifeln. +Ich lag, wie Fafner bei seinem Hort, fern von jedem +menschlichen Zuspruch, bei meinem Golde darbend, aber ich +hatte nicht das Herz nach ihm, sondern ich fluchte ihm, um +dessentwillen ich mich von allem Leben abgeschnitten sah. +<span class='pagenum'>[25]</span> +Bei mir allein mein düstres Geheimnis hegend, fürchtete +ich mich vor dem letzten meiner Knechte, den ich zugleich +beneiden mußte; denn er hatte einen Schatten, er durfte +sich sehen lassen in der Sonne. Ich vertrauerte einsam in +meinen Zimmern die Tag’ und Nächte und Gram zehrte an +meinem Herzen.</p> + +<p>Noch einer härmte sich unter meinen Augen ab, mein +treuer <em class="gesperrt">Bendel</em> hörte nicht auf, sich mit stillen Vorwürfen +zu martern, daß er das Zutrauen seines gütigen Herrn +betrogen und jenen nicht erkannt, nach dem er ausgeschickt +war, und mit dem er mein trauriges Schicksal in enger +Verflechtung denken mußte. Ich aber konnte ihm keine +Schuld geben, ich erkannte in dem Ereignis die fabelhafte +Natur des Unbekannten.</p> + +<p>Nichts unversucht zu lassen, schickt’ ich einst <em class="gesperrt">Bendel</em> mit +einem kostbaren brillantenen Ring zu dem berühmtesten +Maler der Stadt, den ich, mich zu besuchen, einladen ließ. +Er kam, ich entfernte meine Leute, verschloß die Tür, setzte +mich zu dem Mann, und nachdem ich seine Kunst gepriesen, +kam ich mit schwerem Herzen zur Sache, ich ließ ihn zuvor +das strengste Geheimnis geloben.</p> + +<p>»Herr Professor,« fuhr ich fort, »könnten Sie wohl +einem Menschen, der auf die unglücklichste Weise von der +Welt um seinen Schatten gekommen ist, einen falschen +Schatten malen?« – »Sie meinen einen Schlagschatten?« +– »Den mein’ ich allerdings.« – »Aber,« frug er mich +weiter, »durch welche Ungeschicklichkeit, durch welche Nachlässigkeit +konnte er denn seinen Schlagschatten verlieren?« – +»Wie es kam,« erwiderte ich, »mag nun sehr gleichgültig +sein, doch so viel,« log ich ihm unverschämt vor: »in Rußland, +wo er im vorigen Winter eine Reise tat, fror ihm +einmal, bei einer außerordentlichen Kälte, sein Schatten +dergestalt am Boden fest, daß er ihn nicht wieder los +bekommen konnte.«</p> + +<p><span class='pagenum'>[26]</span> +»Der falsche Schlagschatten, den ich ihm malen könnte,« +erwiderte der Professor, »würde doch nur ein solcher sein, +den er bei der leisesten Bewegung wieder verlieren müßte – +zumal, wer an dem eignen angebornen Schatten so wenig +fest hing, als aus Ihrer Erzählung selbst sich abnehmen läßt; +wer keinen Schatten hat, gehe nicht in die Sonne, das ist +das Vernünftigste und Sicherste.« Er stand auf und entfernte sich, +indem er auf mich einen durchbohrenden Blick +warf, den der meine nicht ertragen konnte. Ich sank in +meinen Sessel zurück und verhüllte mein Gesicht in meine +Hände.</p> + +<p>So fand mich noch <em class="gesperrt">Bendel</em>, als er hereintrat. Er sah +den Schmerz seines Herrn und wollte sich still, ehrerbietig +zurückziehen. – Ich blickte auf – ich erlag unter der Last +meines Kummers, ich mußte ihn mitteilen. »<em class="gesperrt">Bendel</em>,« +rief ich ihm zu, »<em class="gesperrt">Bendel</em>! du einziger, der du meine Leiden +siehst und ehrst, sie nicht erforschen zu wollen, sondern +still und fromm mitzufühlen scheinst, komm zu mir, <em class="gesperrt">Bendel</em>, +und sei der Nächste meinem Herzen. Die Schätze meines +Goldes hab’ ich vor dir nicht verschlossen, nicht verschließen +will ich vor dir die Schätze meines Grames. – <em class="gesperrt">Bendel</em>, +verlasse mich nicht. <em class="gesperrt">Bendel</em>, du siehst mich reich, freigebig, +gütig, du wähnst, es sollte die Welt mich verherrlichen, +und du siehst mich die Welt fliehn und mich vor ihr verschließen. +<em class="gesperrt">Bendel</em>, sie hat gerichtet, die Welt, und mich +verstoßen, und auch du vielleicht wirst dich von mir wenden, +wenn du mein schreckliches Geheimnis erfährst: <em class="gesperrt">Bendel</em>, +ich bin reich, freigebig, gütig, aber – o Gott! ich habe keinen +Schatten!«</p> + +<p>»Keinen Schatten?« rief der gute Junge erschreckt aus +und die hellen Tränen stürzten ihm aus den Augen. – +»Weh’ mir, daß ich geboren ward, einem schattenlosen Herrn +zu dienen!« Er schwieg und ich hielt mein Gesicht in meinen +Händen.</p> + +<p><span class='pagenum'>[27]</span> +»<em class="gesperrt">Bendel</em>,« setzt’ ich spät und +zitternd hinzu, »nun hast du mein Vertrauen, nun kannst du es verraten. Geh hin +und zeuge wider mich.« – Er schien in schwerem Kampfe +mit sich selber, endlich stürzte er vor mir nieder und ergriff +meine Hand, die er mit seinen Tränen benetzte. »Nein,« +rief er aus, »was die Welt auch meine, ich kann und werde +um Schattens willen meinen gütigen Herrn nicht verlassen, +ich werde recht und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen +bleiben, Ihnen meinen Schatten borgen, Ihnen helfen, wo +ich kann, und wo ich nicht kann, mit Ihnen weinen.« Ich +fiel ihm um den Hals, ob solcher ungewohnten Gesinnung +staunend; denn ich war von ihm überzeugt, daß er es nicht +um Gold tat.</p> + +<p>Seitdem änderten sich in etwas mein Schicksal und +meine Lebensweise. Es ist unbeschreiblich, wie vorsorglich +<em class="gesperrt">Bendel</em> mein Gebrechen zu verhehlen wußte. Überall war +er vor mir und mit mir, alles vorhersehend, Anstalten +treffend, und wo Gefahr unversehens drohte, mich schnell +mit seinem Schatten überdeckend, denn er war größer und +stärker als ich. So wagt’ ich mich wieder unter die Menschen +und begann eine Rolle in der Welt zu spielen. Ich +mußte freilich viele Eigenheiten und Launen scheinbar annehmen. +Solche stehen aber dem Reichen gut, und solange +die Wahrheit nur verborgen blieb, genoß ich aller der Ehre +und Achtung, die meinem Golde zukam. Ich sah ruhiger +dem über Jahr und Tag verheißenen Besuch des rätselhaften +Unbekannten entgegen.</p> + +<p>Ich fühlte sehr wohl, daß ich mich nicht lange an einem +Orte aufhalten durfte, wo man mich schon ohne Schatten +gesehen und wo ich leicht verraten werden konnte; auch +dacht’ ich vielleicht nur allein noch daran, wie ich mich bei +Herrn <em class="gesperrt">John</em> gezeigt, und es war mir eine drückende Erinnerung, +demnach wollt’ ich hier bloß Probe halten, um +anderswo leichter und zuversichtlicher auftreten zu können – +doch fand sich, was mich eine Zeitlang an meiner Eitelkeit +<span class='pagenum'>[28]</span> +festhielt: das ist im Menschen, wo der Anker am zuverlässigsten +Grund faßt.</p> + +<p>Eben die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em>, der ich am dritten Ort wieder +begegnete, schenkte mir, ohne sich zu erinnern, mich jemals +gesehen zu haben, einige Aufmerksamkeit, denn jetzt hatt’ ich +Witz und Verstand. – Wann ich redete, hörte man zu, und +ich wußte selber nicht, wie ich zu der Kunst gekommen war, +das Gespräch so leicht zu führen und zu beherrschen. Der +Eindruck, den ich auf die Schöne gemacht zu haben einsah, +machte aus mir, was sie eben begehrte, einen Narren, und +ich folgte ihr seither mit tausend Mühen durch Schatten und +Dämmerung, wo ich nur konnte. Ich war nur eitel darauf, +sie über mich eitel zu machen, und konnte mir, selbst mit +dem besten Willen, nicht den Rausch aus dem Kopf ins Herz +zwingen.</p> + +<p>Aber wozu die ganz gemeine Geschichte dir lang und +breit wiederholen? – Du selber hast sie mir oft genug von +andern Ehrenleuten erzählt. – Zu dem alten, wohlbekannten +Spiele, worin ich gutmütig eine abgedroschene Rolle übernommen, +kam freilich eine ganz eigens gedichtete Katastrophe +hinzu, mir und ihr und allen unerwartet.</p> + +<p>Da ich an einem schönen Abend nach meiner Gewohnheit +eine Gesellschaft in einem erleuchteten Garten versammelt +hatte, wandelte ich mit der Herrin Arm in Arm, in einiger +Entfernung von den übrigen Gästen, und bemühte mich, +ihr Redensarten vorzudrechseln. Sie sah sittig vor sich nieder +und erwiderte leise den Druck meiner Hand; da trat +unversehens hinter uns der Mond aus den Wolken hervor +– und sie sah nur <em class="gesperrt">ihren</em> Schatten vor sich hinfallen. Sie +fuhr zusammen und blickte bestürzt mich an, dann wieder +auf die Erde, mit dem Auge meinen Schatten begehrend; +und was in ihr vorging, malte sich so sonderbar in ihren +Mienen, daß ich in ein lautes Gelächter hätte ausbrechen +mögen, wenn es mir nicht selber eiskalt über den Rücken +gelaufen wäre.</p> + +<p><span class='pagenum'>[29]</span> +Ich ließ sie aus meinem Arm in eine Ohnmacht sinken, +schoß wie ein Pfeil durch die entsetzten Gäste, erreichte die +Tür, warf mich in den ersten Wagen, den ich da haltend +fand, und fuhr nach der Stadt zurück, wo ich diesmal zu +meinem Unheil den vorsichtigen <em class="gesperrt">Bendel</em> gelassen hatte. Er +erschrak, als er mich sah, ein Wort entdeckte ihm alles. +Es wurden auf der Stelle Postpferde geholt. Ich nahm +nur einen meiner Leute mit mir, einen abgefeimten Spitzbuben, +Namens <em class="gesperrt">Raskal</em>, der sich mir durch seine Gewandtheit +notwendig zu machen gewußt, und der nichts +vom heutigen Vorfall ahnen konnte. Ich legte in derselben +Nacht noch dreißig Meilen zurück. <em class="gesperrt">Bendel</em> blieb hinter +mir, mein Haus aufzulösen, Gold zu spenden und mir das +Nötigste nachzubringen. Als er mich am andern Tage einholte, +warf ich mich in seine Arme und schwur ihm, nicht +etwa keine Torheit mehr zu begehen, sondern nur künftig +vorsichtiger zu sein. Wir setzten unsre Reise ununterbrochen +fort, über die Grenze und das Gebirg, und erst am andern +Abhang, durch das hohe Bollwerk von jenem Unglücksboden +getrennt, ließ ich mich bewegen, in einem nahgelegenen +und wenig besuchten Badeort von den überstandenen Mühseligkeiten +auszurasten.</p> +</div> + + +<h3>4.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Ich werde in meiner Erzählung schnell über eine Zeit +hineilen müssen, bei der ich wie gerne! verweilen würde, +wenn ich ihren lebendigen Geist in der Erinnerung heraufzubeschwören +vermöchte. Aber die Farbe, die sie belebte +und nur wieder beleben kann, ist in mir verloschen, und +wann ich in meiner Brust wieder finden will, was sie damals +so mächtig erhob, die Schmerzen und das Glück, den +frommen Wahn – da schlag’ ich vergebens an einen Felsen, +<span class='pagenum'>[30]</span> +der keinen lebendigen Quell mehr gewährt, und der Gott +ist von mir gewichen. Wie verändert blickt sie mich jetzt +an, diese vergangene Zeit! – Ich sollte dort in dem Bade +eine heroische Rolle tragieren, schlecht einstudiert, und ein +Neuling auf der Bühne, vergaff’ ich mich aus dem Stücke +heraus in ein Paar blaue Augen. Die Eltern, vom Spiele +getäuscht, bieten alles auf, den Handel nur schnell festzumachen, +und die gemeine Posse beschließt eine Verhöhnung. Und +das ist alles, alles! – Das kommt mir albern und abgeschmackt +vor und schrecklich wiederum, daß so mir vorkommen +kann, was damals so reich, so groß die Brust mir schwellte. +Mina, wie ich damals weinte, als ich dich verlor, so wein’ +ich jetzt, dich auch in mir verloren zu haben. Bin ich denn +so alt worden? – O traurige Vernunft! Nur noch ein +Pulsschlag jener Zeit, ein Moment jenes Wahnes – aber +nein! einsam auf dem hohen, öden Meere deiner bittern +Flut, und längst aus dem letzten Pokale der Champagner +Elfe entsprüht!</p> + +<p>Ich hatte <em class="gesperrt">Bendel</em> mit einigen Goldsäcken vorausgeschickt, +um mir im Städtchen eine Wohnung nach meinen Bedürfnissen +einzurichten. Er hatte dort viel Geld ausgestreut und +sich über den vornehmen Fremden, dem er diente, etwas +unbestimmt ausgedrückt, denn ich wollte nicht genannt sein, +das brachte die guten Leute auf sonderbare Gedanken. Sobald +mein Haus zu meinem Empfang bereit war, kam +<em class="gesperrt">Bendel</em> wieder zu mir und holte mich dahin ab. Wir +machten uns auf die Reise.</p> + +<p>Ungefähr eine Stunde vom Orte, auf einem sonnigen +Plan, ward uns der Weg durch eine festlich geschmückte +Menge versperrt. Der Wagen hielt. Musik, Glockengeläute, +Kanonenschüsse wurden gehört, ein lautes Vivat durchdrang +die Luft – vor dem Schlage des Wagens erschien in weißen +Kleidern ein Chor Jungfrauen von ausnehmender Schönheit, +die aber vor der einen, wie die Sterne der Nacht vor +der Sonne, verschwanden. Sie trat aus der Mitte der +<span class='pagenum'>[31]</span> +Schwestern hervor, die hohe zarte Bildung kniete verschämt +errötend vor mir nieder und hielt mir auf seidenem Kissen +einen aus Lorbeer, Ölzweigen und Rosen geflochtenen Kranz +entgegen, indem sie von Majestät, Ehrfurcht und Liebe +einige Worte sprach, die ich nicht verstand, aber deren +zauberischer Silberklang mein Ohr und Herz berauschte – +es war mir, als wäre schon einmal die himmlische Erscheinung +an mir vorübergewallt. Der Chor fiel ein und sang +das Lob eines guten Königs und das Glück seines Volkes.</p> + +<p>Und dieser Auftritt, lieber Freund, mitten in der Sonne! – +Sie kniete noch immer zwei Schritte von mir, und ich, ohne +Schatten, konnte die Kluft nicht überspringen, nicht wieder +vor dem Engel auf die Knie fallen. O, was hätt’ ich nicht +da für einen Schatten gegeben! Ich mußte meine Scham, +meine Angst, meine Verzweiflung tief in den Grund meines +Wagens verbergen. <em class="gesperrt">Bendel</em> besann sich endlich für mich, +er sprang von der andern Seite aus dem Wagen heraus, +ich rief ihn noch zurück und reichte ihm aus meinem Kästchen, +das mir eben zur Hand lag, eine reiche diamantene +Krone, die die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em> hatte zieren sollen. Er trat +vor und sprach im Namen seines Herrn, der solche Ehrenbezeigungen +nicht annehmen könne noch wolle; es müsse hier +ein Irrtum vorwalten; jedoch seien die guten Einwohner der +Stadt für ihren guten Willen bedankt. Er nahm indes +den dargehaltenen Kranz von seinem Ort und legte den +brillantenen Reif an dessen Stelle; dann reichte er ehrerbietig +der schönen Jungfrau die Hand zum Aufstehen, +entfernte mit einem Wink Geistlichkeit, <em class="antiqua">Magistratus</em> und +alle Deputationen. Niemand ward weiter vorgelassen. Er +hieß den Haufen sich teilen und den Pferden Raum geben, +schwang sich wieder in den Wagen und fort ging’s weiter in +gestrecktem Galopp, unter einer aus Laubwerk und Blumen +erbauten Pforte hinweg, dem Städtchen zu. – Die Kanonen +wurden immer frischweg abgefeuert. – Der Wagen hielt vor +meinem Hause; ich sprang behend in die Tür, die Menge +<span class='pagenum'>[32]</span> +teilend, die die Begierde, mich zu sehen, herbeigerufen hatte. +Der Pöbel schrie Vivat unter meinem Fenster und ich ließ +doppelte Dukaten daraus regnen. Am Abend war die Stadt +freiwillig erleuchtet. –</p> + +<p>Und ich wußte immer noch nicht, was das alles bedeuten +sollte und für wen ich angesehen wurde. Ich schickte +<em class="gesperrt">Raskaln</em> auf Kundschaft aus. Er ließ sich denn erzählen, +wasmaßen man bereits sichere Nachrichten gehabt, der gute +König von Preußen reise unter dem Namen eines Grafen +durch das Land; wie mein Adjutant erkannt worden sei und +wie er sich und mich verraten habe; wie groß endlich die +Freude gewesen, da man die Gewißheit gehabt mich im Orte +selbst zu besitzen. Nun sah man freilich ein, da ich offenbar +das strengste Inkognito beobachten wolle, wie sehr man +unrecht gehabt, den Schleier so zudringlich zu lüften. Ich +hätte aber so huldreich, so gnadenvoll gezürnt – ich würde +gewiß dem guten Herzen verzeihen müssen.</p> + +<p>Meinem Schlingel kam die Sache so spaßhaft vor, daß +er mit strafenden Reden sein möglichstes tat, die guten +Leute einstweilen in ihrem Glauben zu bestärken. Er stattete +mir einen sehr komischen Bericht ab, und da er mich dadurch +erheitert sah, gab er mir selbst seine verübte Bosheit +zum besten. – Muß ich’s bekennen? Es schmeichelte mir +doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen +worden zu sein.</p> + +<p>Ich hieß zu dem morgenden Abend unter den Bäumen, +die den Raum vor meinem Hause beschatteten, ein Fest bereiten +und die ganze Stadt dazu einladen. Der geheimnisreichen +Kraft meines Säckels, <em class="gesperrt">Bendels</em> Bemühungen und +der behenden Erfindsamkeit <em class="gesperrt">Raskals</em> gelang es, selbst die +Zeit zu besiegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie reich und +schön sich alles in den wenigen Stunden anordnete. Die +Pracht und der Überfluß, die da sich erzeugten, auch die +sinnreiche Erleuchtung war so weise verteilt, daß ich mich +<span class='pagenum'>[33]</span> +ganz sicher fühlte. Es blieb mir nichts zu erinnern, ich +mußte meine Diener loben.</p> + +<p>Es dunkelte der Abend. Die Gäste erschienen und wurden +mir vorgestellt. Es ward die Majestät nicht mehr berührt; +aber ich hieß in tiefer Ehrfurcht und Demut: Herr +Graf. Was sollt’ ich tun? Ich ließ mir den Grafen gefallen +und blieb von Stund’ an der Graf Peter. Mitten +im festlichen Gewühle begehrte meine Seele nur nach der +<em class="gesperrt">einen</em>. Spät erschien sie, sie, die die Krone war und trug. +Sie folgte sittsam ihren Eltern und schien nicht zu wissen, +daß sie die Schönste sei. Es wurden mir der Herr Forstmeister, +seine Frau und seine Tochter vorgestellt. Ich wußte +den Alten viel Angenehmes und Verbindliches zu sagen; +vor der Tochter stand ich wie ein ausgescholtener Knabe da +und vermochte kein Wort hervor zu lallen. Ich bat sie endlich +stammelnd, dies Fest zu würdigen, das Amt, dessen +Zeichen sie schmückte, darin zu verwalten. Sie bat verschämt +mit einem rührenden Blick um Schonung; aber verschämter +vor ihr, als sie selbst, brachte ich ihr als erster Untertan +meine Huldigung in tiefer Ehrfurcht, und der Wink des +Grafen ward allen Gästen ein Gebot, dem nachzuleben sich +jeder freudig beeiferte. Majestät, Unschuld und Grazie beherrschten, +mit der Schönheit im Bunde, ein frohes Fest. +Die glücklichen Eltern Minas glaubten ihnen nur zu Ehren +ihr Kind erhöht; ich selber war in einem unbeschreiblichen +Rausch. Ich ließ alles, was ich noch von den Juwelen +hatte, die ich damals, um beschwerliches Gold los zu werden, +gekauft, alle Perlen, alles Edelgestein in zwei verdeckte +Schüsseln legen und bei Tische, unter dem Namen der Königin, +ihren Gespielinnen und allen Damen herumreichen; Gold +ward indessen ununterbrochen über die gezogenen Schranken +unter das jubelnde Volk geworfen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Bendel</em> am andern Morgen eröffnete mir im Vertrauen, +der Verdacht, den er längst gegen <em class="gesperrt">Raskals</em> Redlichkeit +gehegt, sei nunmehr zur Gewißheit geworden. Er +<span class='pagenum'>[34]</span> +habe gestern ganze Säcke Goldes unterschlagen. »Laß uns,« +erwidert’ ich, »dem armen Schelmen die kleine Beute gönnen; +ich spende gern allen, warum nicht auch ihm? Gestern +hat er mir, haben mir alle neuen Leute, die du mir gegeben, +redlich gedient, sie haben mir froh ein frohes Fest begehen +helfen.«</p> + +<p>Es war nicht weiter die Rede davon. <em class="gesperrt">Raskal</em> blieb +der erste meiner Dienerschaft, <em class="gesperrt">Bendel</em> war aber mein +Freund und mein Vertrauter. Dieser war gewohnt worden, +meinen Reichtum als unerschöpflich zu denken, und +er spähte nicht nach dessen Quellen; er half mir vielmehr, +in meinen Sinn eingehend, Gelegenheiten ersinnen, ihn +darzutun und Gold zu vergeuden. Von jenem Unbekannten, +dem blassen Schleicher, wußt’ er nur soviel: Ich dürfe allein +durch ihn von dem Fluche erlöst werden, der auf mir laste +und fürchte ihn, auf dem meine einzige Hoffnung ruhe. +Übrigens sei ich davon überzeugt, er könne mich überall +auffinden, ich ihn nirgends, darum ich, den versprochenen +Tag erwartend, jede vergebliche Nachsuchung eingestellt.</p> + +<p>Die Pracht meines Festes und mein Benehmen dabei +erhielten anfangs die starkgläubigen Einwohner der Stadt +bei ihrer vorgefaßten Meinung. Es ergab sich freilich sehr +bald aus den Zeitungen, daß die ganze fabelhafte Reise +des Königs von Preußen ein bloßes ungegründetes Gerücht +gewesen. Ein König war ich aber nun einmal und mußte +schlechterdings ein König bleiben, und zwar einer der reichsten +und königlichsten, die es immer geben mag. Nur wußte +man nicht recht, welcher. Die Welt hat nie Grund gehabt, +über Mangel an Monarchen zu klagen, am wenigsten in +unsern Tagen; die guten Leute, die noch keinen mit Augen +gesehen, rieten mit gleichem Glück bald auf diesen, bald auf +jenen – <em class="gesperrt">Graf Peter</em> blieb immer, der er war.</p> + +<p>Einst erschien unter den Badegästen ein Handelsmann, +der Bankrott gemacht hatte, um sich zu bereichern, der allgemeiner +Achtung genoß und einen breiten, obgleich etwas +<span class='pagenum'>[35]</span> +blassen Schatten von sich warf. Er wollte hier das Vermögen, +das er gesammelt, zum Prunk ausstellen, und es +fiel sogar ihm ein, mit mir wetteifern zu wollen. Ich sprach +meinem Säckel zu und hatte sehr bald den armen Teufel so +weit, daß er, um sein Ansehen zu retten, abermals Bankrott +machen mußte und über das Gebirge ziehen. So ward ich +ihn los. – Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse +und Müßiggänger gemacht!</p> + +<p>Bei der königlichen Pracht und Verschwendung, womit +ich mir alles unterwarf, lebt’ ich in meinem Haus sehr +einfach und eingezogen. Ich hatte mir die größte Vorsicht +zur Regel gemacht, es durfte, unter keinem Vorwand kein +andrer als <em class="gesperrt">Bendel</em> die Zimmer, die ich bewohnte, betreten. +Solange die Sonne schien, hielt ich mich mit ihm darin +verschlossen, und es hieß: der Graf arbeite in seinem Kabinett. +Mit diesen Arbeiten standen die häufigen Kuriere in Verbindung, +die ich um jede Kleinigkeit abschickte und erhielt. – +Ich nahm nur am Abend unter meinen Bäumen, oder +in meinem nach <em class="gesperrt">Bendels</em> Angabe geschickt und reich erleuchteten +Saale, Gesellschaft an. Wenn ich ausging, wobei +mich stets <em class="gesperrt">Bendel</em> mit Argusaugen bewachen mußte, so +war es nur nach dem Förstergarten und um der einen +willen; denn meines Lebens innerlichstes Herz war meine +Liebe.</p> + +<p>O mein guter <em class="gesperrt">Chamisso</em>, ich will hoffen, du habest +noch nicht vergessen, was Liebe sei! Ich lasse dir hier vieles +zu ergänzen. <em class="gesperrt">Mina</em> war wirklich ein liebewertes, gutes, +frommes Kind. Ich hatte ihre ganze Phantasie an mich +gefesselt, sie wußte in ihrer Demut nicht, womit sie wert +gewesen, daß ich nur nach ihr geblickt; und sie vergalt Liebe +um Liebe, mit der vollen jugendlichen Kraft eines unschuldigen +Herzens. Sie liebte wie ein Weib, ganz hin sich +opfernd; selbstvergessen, hingegeben den nur meinend, der +ihr Leben war, unbekümmert, solle sie selbst zugrunde gehen, +das heißt, sie liebte wirklich.</p> + +<p><span class='pagenum'>[36]</span> +Ich aber – o welche schreckliche Stunden – schrecklich! +und würdig dennoch, daß ich sie zurückwünsche – hab’ ich +oft an <em class="gesperrt">Bendels</em> Brust verweint, als nach dem ersten bewußtlosen +Rausch ich mich besonnen, mich selbst scharf angeschaut, +der ich, ohne Schatten, mit tückischer Selbstsucht +diesen Engel verderbend, die reine Seele an mich gelogen +und gestohlen! Dann beschloß ich, mich ihr selber zu verraten; +dann gelobt’ ich mit teuren Eidschwüren, mich von +ihr zu reißen und zu entfliehen; dann brach ich wieder in +Tränen aus und verabredete mit <em class="gesperrt">Bendeln</em>, wie ich sie auf +den Abend im Förstergarten besuchen wolle.</p> + +<p>Zu andern Zeiten log ich mir selber vom nahe bevorstehenden +Besuch des grauen Unbekannten große Hoffnungen +vor, und weinte wieder, wenn ich daran zu glauben vergebens +versucht hatte. Ich hatte den Tag ausgerechnet, wo +ich den Furchtbaren wieder zu sehen erwartete; denn er +hatte gesagt, in Jahr und Tag, und ich glaubte an sein +Wort.</p> + +<p>Die Eltern waren gute, ehrbare, alte Leute, die ihr +einziges Kind sehr liebten, das ganze Verhältnis überraschte +sie, als es schon bestand, und sie wußten nicht, was sie +dabei tun sollten. Sie hatten früher nicht geträumt, der +<em class="gesperrt">Graf Peter</em> könne nur an ihr Kind denken, nun liebte er +sie gar und ward wieder geliebt. – Die Mutter war wohl +eitel genug, an die Möglichkeit einer Verbindung zu denken +und darauf hinzuarbeiten; der gesunde Menschenverstand des +Alten gab solchen überspannten Vorstellungen nicht Raum. +Beide waren überzeugt von der Reinheit meiner Liebe – +sie konnten nichts tun, als für ihr Kind beten.</p> + +<p>Es fällt mir ein Brief in die Hand, den ich noch aus +dieser Zeit von <em class="gesperrt">Mina</em> habe. – Ja, das sind ihre Züge! +Ich will dir ihn abschreiben.</p> + +<p>»Bin ein schwaches, törichtes Mädchen, könnte mir einbilden, +daß mein Geliebter, weil ich ihn innig, innig liebe, +<span class='pagenum'>[37]</span> +dem armen Mädchen nicht weh tun möchte. – Ach, Du +bist so gut, so unaussprechlich gut; aber mißdeute mich nicht. +Du sollst mir nichts opfern, mir nichts opfern wollen; o +Gott! ich könnte mich hassen, wenn Du das tätest. Nein +– Du hast mich unendlich glücklich gemacht, Du hast mich +Dich lieben gelehrt. Zeuch hin! – Weiß doch mein Schicksal, +<em class="gesperrt">Graf Peter</em> gehört nicht mir, gehört der Welt an. +Will stolz sein, wenn ich höre: das ist er gewesen, und das +war er wieder, und das hat er vollbracht; da haben sie ihn +angebetet, und da haben sie ihn vergöttert. Siehe, wenn +ich das denke, zürne ich Dir, daß Du bei einem einfältigen +Kinde deiner hohen Schicksale vergessen kannst. – Zeuch +hin, sonst macht der Gedanke mich noch unglücklich, die ich, +ach! durch Dich so glücklich, so selig bin. – Hab’ ich nicht +auch einen Ölzweig und eine Rosenknospe in Dein Leben +geflochten, wie in den Kranz, den ich Dir überreichen durfte. +Habe Dich im Herzen, mein Geliebter, fürchte nicht von mir +zu gehen – werde sterben, ach! so selig, so unaussprechlich +selig durch Dich.« –</p> + +<p>Du kannst dir denken, wie mir die Worte durchs Herz +schneiden mußten. Ich erklärte ihr, ich sei nicht das, wofür +man mich anzusehen schien; ich sei nur ein reicher, +aber unendlich elender Mann. Auf mir ruhe ein Fluch, +der das einzige Geheimnis zwischen ihr und mir sein solle, +weil ich noch nicht ohne Hoffnung sei, daß er gelöst werde. +Dies sei das Gift meiner Tage: daß ich sie mit in den +Abgrund hinreißen könne, sie, die das einzige Licht, das +einzige Glück, das einzige Herz meines Lebens sei. Dann +weinte sie wieder, daß ich unglücklich war. Ach, sie war +so liebevoll, so gut! Um eine Träne nur mir zu erkaufen, +hätte sie, mit welcher Seligkeit, sich selbst ganz hingeopfert.</p> + +<p>Sie war indes weit entfernt, meine Worte richtig zu +deuten, sie ahnte nun in mir irgendeinen Fürsten, den ein +schwerer Bann getroffen, irgendein hohes, geächtetes Haupt +<span class='pagenum'>[38]</span> +und ihre Einbildungskraft malte sich geschäftig unter heroischen +Bildern den Geliebten herrlich aus.</p> + +<p>Einst sagte ich ihr: »<em class="gesperrt">Mina</em>, der letzte Tag im künftigen +Monat kann mein Schicksal ändern und entscheiden – +geschieht es nicht, so muß ich sterben, weil ich dich nicht +unglücklich machen will.« – Sie verbarg weinend ihr Haupt +an meiner Brust. – »Ändert sich dein Schicksal, laß mich +nur dich glücklich wissen, ich habe keinen Anspruch an dich. – +Bist du elend, binde mich an dein Elend, daß ich es dir +tragen helfe.«</p> + +<p>»Mädchen, Mädchen, nimm es zurück, das rasche Wort, +das törichte, das deinen Lippen entflohen – und kennst du +es, dieses Elend, kennst du ihn, diesen Fluch? Weißt du, +wer dein Geliebter – – was er –? Siehst du mich nicht +krampfhaft zusammenschaudern, und vor dir ein Geheimnis +haben?« Sie fiel schluchzend mir zu Füßen und wiederholte +mit Eidschwur ihre Bitte.</p> + +<p>Ich erklärte mich gegen den hereintretenden Forstmeister, +meine Absicht sei, am ersten des nächstkünftigen Monats um +die Hand seiner Tochter anzuhalten – ich setze diese Zeit +fest, weil sich bis dahin manches ereignen dürfte, was Einfluß +auf mein Schicksal haben könnte. Unwandelbar sei nur +meine Liebe zu seiner Tochter. –</p> + +<p>Der gute Mann erschrak ordentlich, als er solche Worte +aus dem Munde des <em class="gesperrt">Grafen Peter</em> vernahm. Er fiel +mir um den Hals und ward wieder ganz verschämt, sich +vergessen zu haben. Nun fiel es ihm ein, zu zweifeln, zu +erwägen und zu forschen; er sprach von Mitgift, von Sicherheit, +von Zukunft für sein liebes Kind. Ich dankte ihm, +mich daran zu mahnen. Ich sagte ihm, ich wünsche in dieser +Gegend, wo ich geliebt zu sein schien, mich anzusiedeln und +ein sorgenfreies Leben zu führen. Ich bat ihn, die schönsten +Güter, die im Lande ausgeboten würden, unter dem Namen +seiner Tochter zu kaufen und die Bezahlung auf mich anzuweisen. +<span class='pagenum'>[39]</span> +Es könne darin ein Vater dem Liebenden am +besten dienen. – Es gab ihm viel zu tun, denn überall +war ihm ein Fremder zuvorgekommen; er kaufte auch nur +für ungefähr eine Million.</p> + +<p>Daß ich ihn damit beschäftigte, war im Grunde eine +unschuldige List, um ihn zu entfernen, und ich hatte schon +ähnliche mit ihm gebraucht, denn ich muß gestehen, daß er +etwas lästig war. Die gute Mutter war dagegen etwas taub, +und nicht wie er, auf die Ehre eifersüchtig, den Herrn Grafen +zu unterhalten.</p> + +<p>Die Mutter kam hinzu, die glücklichen Leute drangen in +mich, den Abend länger unter ihnen zu bleiben; ich durfte +keine Minute weilen: ich sah schon den aufgehenden Mond +am Horizonte dämmern. – Meine Zeit war um. –</p> + +<p>Am nächsten Abend ging ich wieder nach dem Förstergarten. +Ich hatte den Mantel weit über die Schultern geworfen, +den Hut tief in die Augen gedrückt, ich ging auf +<em class="gesperrt">Mina</em> zu; wie sie aufsah und mich anblickte, machte sie eine +unwillkürliche Bewegung; da stand mir wieder klar vor der +Seele die Erscheinung jener schaurigen Nacht, wo ich mich +im Mondschein ohne Schatten gezeigt. Sie war es wirklich. +Hatte sie mich aber auch jetzt erkannt? Sie war still und +gedankenvoll – mir lag es zentnerschwer auf der Brust – +ich stand von meinem Sitz auf. Sie warf sich still weinend +an meine Brust. Ich ging.</p> + +<p>Nun fand ich sie öfters in Tränen, mir ward’s finster +und finsterer um die Seele – nur die Eltern schwammen +in überschwenglicher Glückseligkeit; der verhängnisvolle Tag +rückte heran, bang und dumpf wie eine Gewitterwolke. Der +Vorabend war da – ich konnte kaum mehr atmen. Ich +hatte vorsorglich einige Kisten mit Gold angefüllt, ich wachte +die zwölfte Stunde heran. – Sie schlug. –</p> + +<p>Nun saß ich da, das Auge auf die Zeiger der Uhr gerichtet, +die Sekunden, die Minuten zählend, wie Dolchstiche. +<span class='pagenum'>[40]</span> +Bei jedem Lärm, der sich regte, fuhr ich auf, der Tag brach +an. Die bleiernen Stunden verdrängten einander, es ward +Mittag, Abend, Nacht; es rückten die Zeiger, welkte die Hoffnung; +es schlug elf und nichts erschien, die letzten Minuten +der letzten Stunde fielen, und nichts erschien, es schlug der +erste Schlag, der letzte Schlag der zwölften Stunde, und ich +sank hoffnungslos in unendlichen Tränen auf mein Lager +zurück. Morgen sollt’ ich – auf immer schattenlos, um die +Hand der Geliebten anhalten; ein banger Schlaf drückte mir +gegen den Morgen die Augen zu.</p> +</div> + +<h3>5.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Es war noch früh, als mich Stimmen weckten, die sich +in meinem Vorzimmer, in heftigem Wortwechsel, erhoben. +Ich horchte auf. – <em class="gesperrt">Bendel</em> verbot meine Tür; +<em class="gesperrt">Raskal</em> +schwor hoch und teuer, keine Befehle von seinesgleichen +anzunehmen, und bestand darauf, in meine Zimmer einzudringen. +Der gütige <em class="gesperrt">Bendel</em> verwies ihm, daß solche +Worte, falls sie zu meinen Ohren kämen, ihn um einen +vorteilhaften Dienst bringen würden. Raskal drohte Hand +an ihn zu legen, wenn er ihm den Eingang noch länger +vertreten wollte.</p> + +<p>Ich hatte mich halb angezogen, ich riß zornig die Tür auf +und fuhr auf <em class="gesperrt">Raskaln</em> zu – »Was willst +du, Schurke – –?« +Er trat zwei Schritte zurück und antwortete ganz kalt: »Sie +untertänigst bitten, Herr Graf, mir doch einmal Ihren +Schatten sehen zu lassen – die Sonne scheint eben so schön +auf dem Hofe.« –</p> + +<p>Ich war wie vom Donner gerührt. Es dauerte lange, +bis ich die Sprache wieder fand. – »Wie kann ein Knecht +gegen seinen Herrn –?« Er fiel mir ganz ruhig in die +<span class='pagenum'>[41]</span> +Rede: »Ein Knecht kann ein sehr ehrlicher Mann sein und +einem Schattenlosen nicht dienen wollen, ich fordere meine +Entlassung.« Ich mußte andre Saiten aufziehen. »Aber +<em class="gesperrt">Raskal</em>, lieber <em class="gesperrt">Raskal</em>, +wer hat dich auf die unglückliche +Idee gebracht, wie kannst du denken – –?« Er fuhr im +selben Tone fort: »Es wollen Leute behaupten, Sie hätten +keinen Schatten – und kurz, Sie zeigen mir Ihren Schatten, +oder geben mir meine Entlassung.«</p> + +<p><em class="gesperrt">Bendel</em>, bleich und zitternd, aber besonnener als ich, +machte mir ein Zeichen, ich nahm zu dem alles beschwichtigenden +Golde meine Zuflucht – auch das hatte seine Macht +verloren – er warf’s mir vor die Füße: »Von einem Schattenlosen +nehme ich nichts an.« Er kehrte mir den Rücken und +ging, den Hut auf dem Kopf, ein Liedchen pfeifend, langsam +aus dem Zimmer. Ich stand mit <em class="gesperrt">Bendel</em> da wie versteint, +gedanken- und regungslos ihm nachsehend.</p> + +<p>Schwer aufseufzend und den Tod im Herzen, schickt’ ich +mich endlich an, mein Wort zu lösen, und, wie ein Verbrecher +vor seinen Richtern, in dem Förstergarten zu erscheinen. +Ich stieg in der dunklen Laube ab, welche nach +mir benannt war, und wo sie mich auch diesmal erwarten +mußten. Die Mutter kam mir sorgenfrei und freudig entgegen. +<em class="gesperrt">Mina</em> saß da, bleich und schön, wie der erste Schnee, +der manchmal im Herbste die letzten Blumen küßt, und gleich +in bittres Wasser zerfließen wird. Der Forstmeister, ein +geschriebenes Blatt in der Hand, ging heftig auf und ab, +und schien vieles in sich zu unterdrücken, was, mit fliegender +Röte und Blässe wechselnd, sich auf seinem sonst unbeweglichen +Gesichte malte. Er kam auf mich zu, als ich hereintrat, +und verlangte mit oft unterbrochenen Worten, mich allein +zu sprechen. Der Gang, auf den er mich, ihm zu folgen, +einlud, führte nach einem freien besonnten Teile des Gartens +– ich ließ mich stumm auf einen Sitz nieder, und es +erfolgte ein langes Schweigen, das selbst die gute Mutter +nicht zu unterbrechen wagte.</p> + +<p><span class='pagenum'>[42]</span> +Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes +die Laube auf und ab, er stand mit einem Male vor mir +still, blickte ins Papier, das er hielt, und fragte mich mit +prüfendem Blick: »Sollte Ihnen, Herr Graf, ein gewisser +<em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em> wirklich nicht unbekannt sein?« Ich +schwieg – »ein Mann von vorzüglichem Charakter und von +besonderen Gaben –« Er erwartete eine Antwort. – »Und +wenn ich selber der Mann wäre?« – »Dem,« fügte er +heftig hinzu, »sein Schatten abhanden gekommen ist!!« – +»O meine Ahnung, meine Ahnung!« rief <em class="gesperrt">Mina</em> aus, »ja +ich weiß es längst, er hat keinen Schatten!« und sie warf +sich in die Arme der Mutter, welche erschreckt, sie krampfhaft +an sich schließend, ihr Vorwürfe machte, daß sie zum Unheil +solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie aber war, wie +Arethusa, in einen Tränenquell gewandelt, der beim Klang +meiner Stimme häufiger floß, und bei meinem Nahen stürmisch +aufbrauste.</p> + +<p>»Und Sie haben,« hub der Forstmeister grimmig wieder +an, »und Sie haben mit unerhörter Frechheit diese und +mich zu betrügen keinen Anstand genommen; und Sie geben +vor, sie zu lieben, die Sie so weit heruntergebracht haben? +Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O schrecklich! +schrecklich!«</p> + +<p>Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich, +wie irre redend, anfing: es wäre doch am Ende ein Schatten, +nichts als ein Schatten, man könne auch ohne das fertig +werden, und es wäre nicht der Mühe wert, solchen Lärm +davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von +dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß +er mich einer Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu: +was man einmal verloren, könne man ein andermal wieder +finden.</p> + +<p>Er fuhr mich zornig an. – »Gestehen Sie mir’s, mein +Herr, gestehen Sie mir’s, wie sind Sie um Ihren Schatten +gekommen?« Ich mußte wieder lügen: »Es trat mir dereinst +<span class='pagenum'>[43]</span> +ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen Schatten, daß +er ein großes Loch darein riß – ich habe ihn nur zum Ausbessern +gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon +gestern wieder bekommen sollen.«</p> + +<p>»Wohl, mein Herr, ganz wohl!« erwiderte der Forstmeister, +»Sie werben um meine Tochter, das tun auch +andre, ich habe als ein Vater für sie zu sorgen, ich gebe +Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach einem +Schatten umtun mögen; erscheinen Sie binnen drei Tagen +vor mir mit einem wohlangepaßten Schatten, so sollen Sie +mir willkommen sein: am vierten Tage aber – das sag’ +ich Ihnen – ist meine Tochter die Frau eines andern.« – +Ich wollte noch versuchen, ein Wort an <em class="gesperrt">Mina</em> zu richten, +aber sie schloß sich, heftiger schluchzend, fester an ihre Mutter, +und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich +schwankte hinweg, und mir war’s, als schlösse sich hinter mir +die Welt zu.</p> + +<p>Der liebevollen Aufsicht <em class="gesperrt">Bendels</em> entsprungen, durchschweifte +ich in irrem Lauf Wälder und Fluren. Angstschweiß +troff von meiner Stirne, ein dumpfes Stöhnen entrang sich +meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie lange es so gedauert haben mochte, +als ich mich auf einer sonnigen Heide beim Ärmel anhalten +fühlte. – Ich stand still und sah mich um – – es war +der Mann im grauen Rock, der sich nach mir außer Atem +gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort: »Ich +hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben +die Zeit nicht erwarten können. Es steht aber alles noch +gut, Sie nehmen Rat an, tauschen Ihren Schatten wieder +ein, der Ihnen zu Gebote steht, und kehren sogleich wieder +um. Sie sollen in dem Förstergarten willkommen sein, und +alles ist nur ein Scherz gewesen; den <em class="gesperrt">Raskal</em>, der Sie verraten +hat und um Ihre Braut wirbt, nehm’ ich auf mich, +der Kerl ist reif.«</p> + +<p><span class='pagenum'>[44]</span> +Ich stand noch wie im Schlafe da. – »Auf den heutigen +Tag angemeldet –?« ich überdachte noch einmal die Zeit – +er hatte recht, ich hatte mich stets um einen Tag verrechnet. +Ich suchte mit der rechten Hand nach dem Säckel auf meiner +Brust – er erriet meine Meinung und trat zwei Schritte +zurück.</p> + +<p>»Nein, Herr Graf, der ist in zu guten Händen, den +behalten Sie.« – Ich sah ihn mit stieren Augen, verwundert +fragend an, er fuhr fort: »Ich erbitte mir bloß +eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut und +unterschreiben mir den Zettel da.« – Auf dem Pergamente +standen die Worte:</p> + +<p class="blockquot"> +»Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem +Inhaber dieses meine Seele nach ihrer natürlichen +Trennung von meinem Leibe.« +</p> + +<p>Ich sah mit stummem Staunen die Schrift und den grauen +Unbekannten abwechselnd an. – Er hatte unterdessen mit einer +neu geschnittenen Feder einen Tropfen Bluts aufgefangen, der +mir aus einem frischen Dornriß auf die Hand floß, und +hielt sie mir hin.</p> + +<p>»Wer sind Sie denn?« frug ich ihn endlich. »Was +tut’s,« gab er mir zur Antwort, »und sieht man es mir +nicht an? Ein armer Teufel, gleichsam so eine Art von +Gelehrten und Physikus, der von seinen Freunden für vortreffliche +Künste schlechten Dank erntet, und für sich selber +auf Erden keinen andern Spaß hat, als sein bißchen Experimentieren +– aber unterschreiben Sie doch. Rechts, da +unten: <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em>.«</p> + +<p>Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Verzeihen Sie, +mein Herr, das unterschreibe ich nicht.« – »Nicht?« wiederholte +er verwundert, »und warum nicht?«</p> + +<p>»Es scheint mir doch gewissermaßen bedenklich, meine +Seele an meinen Schatten zu setzen.« – – »So, so!« +wiederholte er, »bedenklich,« und er brach in ein lautes +<span class='pagenum'>[45]</span> +Gelächter gegen mich aus. »Und, wenn ich fragen darf, +was ist denn das für ein Ding, Ihre Seele? haben Sie +es je gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn +Sie einst tot sind? Seien Sie doch froh, einen Liebhaber +zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit noch den Nachlaß dieses +<em class="antiqua">X</em>, dieser galvanischen Kraft oder polarisierenden Wirksamkeit, +und was alles das närrische Ding sein soll, mit etwas +Wirklichem bezahlen will, nämlich mit Ihrem leibhaftigen +Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und +zu der Erfüllung aller Ihrer Wünsche gelangen können. +Wollen Sie lieber selbst das arme junge Blut dem niederträchtigen +Schurken, dem <em class="gesperrt">Raskal</em>, zustoßen und ausliefern? +– Nein, das müssen Sie doch mit eignen Augen ansehen; +kommen Sie, ich leihe Ihnen die Tarnkappe hier« (er zog +etwas aus der Tasche) »und wir wallfahren ungesehen nach +dem Förstergarten.«</p> + +<p>Ich muß gestehen, daß ich mich überaus schämte, von +diesem Manne ausgelacht zu werden. Er war mir von +Herzensgrunde verhaßt, und ich glaube, daß mich dieser persönliche +Widerwille mehr als Grundsätze oder Vorurteile +abhielt, meinen Schatten, so notwendig er mir auch war, +mit der begehrten Unterschrift zu erkaufen. Auch war mir +der Gedanke unerträglich, den Gang, den er mir antrug, +in seiner Gesellschaft zu unternehmen. Diesen häßlichen +Schleicher, diesen hohnlächelnden Kobold, zwischen mich und +meine Geliebte, zwei blutig zerrissene Herzen, spöttisch hintreten +zu sehen, empörte mein innigstes Gefühl. Ich nahm, +was geschehen war, als verhängt an, mein Elend als unabwendbar, +und mich zu dem Manne kehrend, sagte ich ihm: +»Mein Herr, ich habe Ihnen meinen Schatten für diesen +an sich sehr vorzüglichen Säckel verkauft, und es hat mich +genug gereut. Kann der Handel zurückgehen, in Gottes +Namen!« Er schüttelte mit dem Kopf und zog ein sehr +finsteres Gesicht. Ich fuhr fort: »So will ich Ihnen auch +weiter nichts von meiner Habe verkaufen, sei es auch um +<span class='pagenum'>[46]</span> +den angebotenen Preis meines Schattens, und unterschreibe +also nichts. Daraus läßt sich auch abnehmen, daß die Verkappung, +zu der Sie mich einladen, ungleich belustigender +für Sie als für mich ausfallen müßte; halten Sie mich +also für entschuldigt, und da es einmal nicht anders ist – +laßt uns scheiden!« –</p> + +<p>»Es ist mir leid, Monsieur <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, daß Sie eigensinnig +das Geschäft von der Hand weisen, das ich Ihnen +freundschaftlich anbot. Indessen, vielleicht bin ich ein andermal +glücklicher. Auf baldiges Wiedersehen! – Apropos, +erlauben Sie mir noch, Ihnen zu zeigen, daß ich die Sachen, +die ich kaufe, keineswegs verschimmeln lasse, sondern in Ehren +halte, und daß sie bei mir gut aufgehoben sind.« –</p> + +<p>Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und +ihn mit einem geschickten Wurf auf der Heide entfaltend, +breitete er ihn auf der Sonnenseite zu seinen Füßen aus, +so, daß er zwischen den beiden ihm aufwartenden Schatten, +dem meinen und dem seinen, daher ging, denn meiner mußte +ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen +sich richten und bequemen.</p> + +<p>Als ich nach so langer Zeit einmal meinen armen Schatten +wieder sah, und ihn zu solchem schnöden Dienste herabgewürdigt +fand, eben als ich um seinetwillen in so namenloser +Not war, da brach mir das Herz, und ich fing bitterlich zu +weinen an. Der Verhaßte stolzierte mit dem mir abgejagten +Raub, und erneuerte unverschämt seinen Antrag: »Noch ist +er für Sie zu haben, ein Federzug, und Sie retten damit +die arme unglückliche <em class="gesperrt">Mina</em> aus des Schuftes Klauen in +des hochgeehrten Herrn Grafen Arme – wie gesagt, nur +ein Federzug.« Meine Tränen brachen mir erneuter Kraft +hervor, aber ich wandte mich weg, und winkte ihm, sich zu +entfernen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Bendel</em>, der voller Sorgen meine Spuren bis hierher +verfolgt hatte, traf in diesem Augenblick ein. Als mich die +<span class='pagenum'>[47]</span> +treue, fromme Seele weinend fand, und meinen Schatten, +denn er war nicht zu verkennen, in der Gewalt des wunderlichen +grauen Unbekannten sah, beschloß er gleich, sei es auch +mit Gewalt, mich in den Besitz meines Eigentums wiederherzustellen, +und da er selbst mit dem zarten Dinge nicht +umzugehen verstand, griff er gleich den Mann mit Worten +an, und ohne vieles Fragen gebot er ihm stracks, mir das +Meine unverzüglich verabfolgen zu lassen. Dieser, statt aller +Antwort, kehrte dem unschuldigen Burschen den Rücken und +ging. <em class="gesperrt">Bendel</em> aber erhob den Kreuzdornknüttel, den er +trug, und, ihm auf den Fersen folgend, ließ er ihn schonungslos +unter wiederholtem Befehl, den Schatten herzugeben, die +volle Kraft seines nervichten Armes fühlen. Jener, als sei +er solcher Behandlung gewohnt, bückte den Kopf, wölbte die +Schultern, und zog stillschweigend ruhigen Schrittes seinen +Weg über die Heide weiter, mir meinen Schatten zugleich +und meinen treuen Diener entführend. Ich hörte lange +noch den dumpfen Schall durch die Einöde dröhnen, bis er +sich endlich in der Entfernung verlor. Einsam war ich wie +vorher mit meinem Unglück.</p> +</div> + +<h3>6.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich unendlichen +Tränen freien Lauf, mein armes Herz von namenloser +banger Last erleichternd. Aber ich sah meinem überschwenglichen +Elend keine Grenzen, keinen Ausgang, kein +Ziel, und ich sog besonders mit grimmigem Durst an dem +neuen Gifte, das der Unbekannte in meine Wunden gegossen. +Als ich <em class="gesperrt">Minas</em> Bild vor meine Seele rief und die +geliebte, süße Gestalt bleich und in Tränen mir erschien, +wie ich sie zuletzt in meiner Schmach gesehen, da trat frech +und höhnend <em class="gesperrt">Raskals</em> Schemen zwischen sie und mich, ich +<span class='pagenum'>[48]</span> +verhüllte mein Gesicht und floh durch die Einöde, aber die +scheußliche Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte +mich im Laufe, bis ich atemlos an den Boden sank und die +Erde mit erneuertem Tränenquell befeuchtete.</p> + +<p>Und alles um einen Schatten! Und diesen Schatten +hätte mir ein Federzug wieder erworben. Ich überdachte +den befremdenden Antrag und meine Weigerung. Es war +wüst in mir, ich hatte weder Urteil noch Fassungsvermögen +mehr.</p> + +<p>Der Tag verging, ich stillte meinen Hunger mit wilden +Früchten, meinen Durst im nächsten Bergstrom; die Nacht +brach ein, ich lagerte mich unter einem Baum. Der feuchte +Morgen weckte mich aus einem schweren Schlaf, in dem ich +mich selber wie im Tode röcheln hörte. <em class="gesperrt">Bendel</em> mußte +meine Spur verloren haben und es freute mich, es zu +denken. Ich wollte nicht unter die Menschen zurückkehren, +vor welchen ich schreckhaft floh, wie das scheue Wild des +Gebirges. So verlebte ich drei bange Tage.</p> + +<p>Ich befand mich am Morgen des vierten auf einer sandigen +Ebene, welche die Sonne beschien, und saß auf Felsentrümmern +in ihrem Strahl, denn ich liebte jetzt, ihren lang’ entbehrten +Anblick zu genießen. Ich nährte still mein Herz mit seiner +Verzweiflung. Da schreckte mich ein leises Geräusch auf, ich +warf, zur Flucht bereit, den Blick um mich her, ich sah +niemand: aber es kam auf dem sonnigen Sande an mir +vorbeigeglitten ein Menschenschatten, dem meinigen nicht +unähnlich, welcher, allein daherwandelnd, von seinem Herrn +abgekommen zu sein schien.</p> + +<p>Da erwachte in mir ein mächtiger Trieb: Schatten, dacht’ +ich, suchst du deinen Herrn? der will ich sein. Und ich sprang +hinzu, mich seiner zu bemächtigen; ich dachte nämlich, daß, +wenn es mir glückte, in seine Spur zu treten, so, daß er +mir an die Füße käme, er wohl daran hängen bleiben würde +und sich mit der Zeit an mich gewöhnen.</p> + +<p><span class='pagenum'>[49]</span> +Der Schatten, auf meine Bewegung, nahm vor mir die +Flucht, und ich mußte auf den leichten Flüchtling eine angestrengte +Jagd beginnen, zu der mich allein der Gedanke, +mich aus der furchtbaren Lage, in der ich war, zu retten, mit +hinreichenden Kräften ausrüsten konnte. Er floh einem freilich +noch entfernten Walde zu, in dessen Schatten ich ihn +notwendig hätte verlieren müssen, ich sah’s, ein Schreck durchzuckte +mir das Herz, fachte meine Begierde an, beflügelte +meinen Lauf – ich gewann sichtbarlich auf den Schatten, +ich kam ihm nach und nach näher, ich mußte ihn erreichen. +Nun hielt er plötzlich an und kehrte sich nach mir um. Wie +der Löwe auf seine Beute, so schoß ich mit einem gewaltigen +Sprunge hinzu, um ihn in Besitz zu nehmen – und traf +unerwartet und hart auf körperlichen Widerstand. Es wurden +mir unsichtbar die unerhörtesten Rippenstöße erteilt, die wohl +je ein Mensch gefühlt hat.</p> + +<p>Die Wirkung des Schreckens war in mir, die Arme +krampfhaft zuzuschlagen und fest zu drücken, was ungesehen +vor mir stand. Ich stürzte in der schnellen Handlung vorwärts +gestreckt auf den Boden; rückwärts aber unter mir +ein Mensch, den ich umfaßt hielt und der jetzt erst sichtbar +erschien.</p> + +<p>Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich +erklärbar. Der Mann mußte das unsichtbare Vogelnest, das +den, der es hält, nicht aber seinen Schatten unsichtbar macht, +erst getragen und jetzt weggeworfen haben. Ich spähte mit +dem Blick umher, entdeckte gar bald den Schatten des unsichtbaren +Nestes selbst, sprang auf und hinzu und verfehlte +nicht den teuern Raub. Ich hielt unsichtbar, schattenlos das +Nest in Händen.</p> + +<p>Der schnell sich aufrichtende Mann, sich sogleich nach seinem +beglückten Bezwinger umsehend, erblickte auf der weiten +sonnigen Ebene weder ihn noch dessen Schatten, nach dem +er besonders ängstlich umherlauschte. Denn daß ich an und +für mich schattenlos war, hatte er vorher nicht Muße gehabt +<span class='pagenum'>[50]</span> +zu bemerken und konnte es nicht vermuten. Als er sich überzeugt, +daß jede Spur verschwunden, kehrte er in der höchsten +Verzweiflung die Hand gegen sich selber und raufte sich das +Haar aus. Mir aber gab der errungene Schatz die Möglichkeit +und die Begierde zugleich, mich wieder unter die +Menschen zu mischen. Es fehlte mir nicht an Vorwand +gegen mich selber, meinen schnöden Raub zu beschönigen, +oder vielmehr, ich bedurfte solches nicht, und jedem Gedanken +der Art zu entweichen, eilte ich hinweg, nach dem Unglücklichen +nicht zurückschauend, dessen ängstliche Stimme ich mir +noch lange nachschallen hörte. So wenigstens kamen mir +damals alle Umstände dieses Ereignisses vor.</p> + +<p>Ich brannte, nach dem Förstergarten zu gehen und durch +mich selbst die Wahrheit dessen zu erkennen, was mir jener +Verhaßte verkündigt hatte; ich wußte aber nicht, wo ich +war, ich bestieg, um mich in der Gegend umzuschauen, den +nächsten Hügel, ich sah von seinem Gipfel das nahe Städtchen +und den Förstergarten zu meinen Füßen liegen. – +Heftig klopfte mir das Herz und Tränen einer andern Art, +als die ich bis dahin vergossen, traten mir in die Augen: +ich sollte sie wiedersehen. – Bange Sehnsucht beschleunigte +meine Schritte auf dem richtigsten Pfad hinab. Ich kam +ungesehen an einigen Bauern vorbei, die aus der Stadt kamen. +Sie sprachen von mir, <em class="gesperrt">Raskal</em> und dem Förster; ich wollte +nichts anhören, ich eilte vorüber.</p> + +<p>Ich trat in den Garten, alle Schauer der Erwartung +in der Brust – mir schallte es wie ein Lachen entgegen, +mich schauderte, ich warf einen schnellen Blick um mich her; +ich konnte niemand entdecken. Ich schritt weiter vor, mir +war’s, als vernähme ich neben mir ein Geräusch wie von +Menschentritten; es war aber nichts zu sehen: ich dachte +mich von meinem Ohr getäuscht. Es war noch früh, niemand +in <em class="gesperrt">Graf Peters</em> Laube, noch leer der Garten; ich +durchschweifte die bekannten Gänge, ich drang bis nach dem +Wohnhause vor. Dasselbe Geräusch verfolgte mich vernehmlicher. +<span class='pagenum'>[51]</span> +Ich setzte mich mit angstvollem Herzen auf eine Bank, +die im sonnigen Raume der Haustür gegenüberstand. Es +ward mir, als hörte ich den ungesehenen Kobold sich hohnlachend +neben mich setzen. Der Schlüssel ward in der Tür +gedreht, sie ging auf, der Forstmeister trat heraus, mit +Papieren in der Hand. Ich fühlte mir wie Nebel über den +Kopf ziehn, ich sah mich um und – Entsetzen – der Mann +im grauen Rock saß neben mir, mit satanischem Lächeln auf +mich blickend. – Er hatte mir seine Tarnkappe mit über +den Kopf gezogen, zu seinen Füßen lagen sein und mein +Schatten friedlich nebeneinander; er spielte nachlässig mit +dem bekannten Pergament, das er in der Hand hielt, und +indem der Forstmeister mit den Papieren beschäftigt im +Schatten der Laube auf und ab ging – beugte er sich vertraulich +zu meinem Ohr und flüsterte mir die Worte: »So +hätten Sie denn doch meine Einladung angenommen und +da säßen wir einmal zwei Köpfe unter einer Kappe! – Schon +recht, schon recht! Nun geben Sie mir aber auch mein +Vogelnest zurück, Sie brauchen es nicht mehr und sind ein +zu ehrlicher Mann, um es mir vorenthalten zu wollen – +doch keinen Dank dafür, ich versichere Sie, daß ich es Ihnen +von Herzen gern geliehen habe.« – Er nahm es unweigerlich +aus meiner Hand, steckte es in die Tasche und lachte mich +abermals aus, und zwar so laut, daß sich der Forstmeister +nach dem Geräusch umsah. – Ich saß wie versteinert da.</p> + +<p>»Sie müssen mir doch gestehen,« fuhr er fort, »daß so +eine Kappe viel bequemer ist. Sie deckt doch nicht nur ihren +Mann, sondern auch seinen Schatten mit, und noch so viele +andre, als er mitzunehmen Lust hat. Sehen Sie, heute +führ’ ich wieder ihrer zwei.« – Er lachte wieder. »Merken +Sie sich’s, <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, was man anfangs mit Gutem +nicht will, das muß man am Ende doch gezwungen. Ich +dächte noch, Sie kauften mir das Ding ab, nähmen die Braut +zurück (denn noch ist es Zeit) und wir ließen den <em class="gesperrt">Raskal</em> +am Galgen baumeln, das wird uns ein leichtes, solange es +<span class='pagenum'>[52]</span> +am Stricke nicht fehlt. – Hören Sie, ich gebe Ihnen noch +meine Mütze in den Kauf.«</p> + +<p>Die Mutter trat heraus und das Gespräch begann. – +»Was macht <em class="gesperrt">Mina</em>?« – » +Sie weint.« – »Einfältiges +Kind! es ist doch nicht zu ändern!« – »Freilich nicht; aber +sie so früh einem andern zu geben – – O Mann, du +bist grausam gegen dein eignes Kind.« – »Nein, Mutter, +das siehst du sehr falsch. Wenn sie, noch bevor sie ihre +doch kindischen Tränen ausgeweint hat, sich als die Frau +eines sehr reichen und geehrten Mannes findet, wird sie +getröstet aus ihrem Schmerze wie aus einem Traum erwachen +und Gott und uns danken, das wirst du sehen!« – +»Gott gebe es!« – »Sie besitzt freilich jetzt sehr ansehnliche +Güter; aber nach dem Aufsehen, das die unglückliche Geschichte +mit dem Abenteurer gemacht hat, glaubst du, daß +sich so bald eine andre für sie so passende Partie, als der +Herr <em class="gesperrt">Raskal</em>, finden möchte? Weißt du, was für ein +Vermögen er besitzt, der Herr <em class="gesperrt">Raskal</em>? Er hat für sechs +Millionen Güter hier im Lande, frei von allen Schulden, +bar bezahlt. Ich habe die Dokumente in den Händen gehabt! +Er war’s, der mir überall das Beste vorweg genommen +hat; und außerdem im Portefeuille Papiere auf <em class="gesperrt">Thomas +John</em> für zirka viertehalb Millionen.« – »Er muß sehr +viel gestohlen haben.« – »Was sind das wieder für Reden! +Er hat weislich gespart, wo verschwendet wurde.« – »Ein +Mann, der die Livree getragen hat.« – »Dummes Zeug! +er hat doch einen untadligen Schatten.« – »Du hast recht, +aber – –«</p> + +<p>Der Mann im grauen Rock lachte und sah mich an. +Die Türe ging auf und <em class="gesperrt">Mina</em> trat heraus. Sie stützte +sich auf den Arm einer Kammerfrau, stille Tränen flossen +auf ihre schönen blassen Wangen. Sie setzte sich in einen +Sessel, der für sie unter den Linden bereitet war, und ihr +Vater nahm einen Stuhl neben ihr. Er faßte zärtlich ihre +Hand und redete sie, die heftig zu weinen anfing, mit zarten +<span class='pagenum'>[53]</span> +Worten an: »Du bist mein gutes, liebes Kind, du wirst +auch vernünftig sein, wirst nicht deinen alten Vater betrüben +wollen, der nur dein Glück will; ich begreife es wohl, liebes +Herz, daß es dich sehr erschüttert hat, du bist wunderbar +deinem Unglück entkommen! Bevor wir den schändlichen +Betrug entdeckt, hast du diesen Unwürdigen sehr geliebt! +Siehe, <em class="gesperrt">Mina</em>, ich weiß es und mache dir keine Vorwürfe +darüber. Ich selber, liebes Kind, habe ihn auch geliebt, +solange ich ihn für einen großen Herrn angesehen habe. +Nun siehst du selber ein, wie anders alles geworden. Was! +ein jeder Pudel hat ja seinen Schatten, und mein liebes +einziges Kind sollte einen Mann – – Nein, du denkst +auch gar nicht mehr an ihn. – Höre, <em class="gesperrt">Mina</em>, nun wirbt +ein Mann um dich, der die Sonne nicht scheut, ein geehrter +Mann, der freilich kein Fürst ist, aber zehn Millionen, zehnmal +mehr als du, im Vermögen besitzt, ein Mann, der +mein liebes Kind glücklich machen wird. Erwidere mir +nichts, widersetze dich nicht, sei meine gute, gehorsame +Tochter, laß deinen liebenden Vater für dich sorgen, deine +Tränen trocknen. Versprich mir, dem Herrn <em class="gesperrt">Raskal</em> deine +Hand zu geben. – Sage, willst du mir dies versprechen?« –</p> + +<p>Sie antwortete mit erstorbener Stimme: »Ich habe keinen +Willen, keinen Wunsch fürder auf Erden. Geschehe mit mir, +was mein Vater will.« Zugleich ward Herr <em class="gesperrt">Raskal</em> angemeldet +und trat frech in den Kreis. <em class="gesperrt">Mina</em> lag in Ohnmacht. +Mein verhaßter Gefährte blickte mich zornig an und +flüsterte mir die schnellen Worte: »Und das könnten Sie +erdulden! Was fließt Ihnen denn statt des Blutes in den +Adern?« Er ritzte mir mit einer raschen Bewegung eine +leichte Wunde in die Hand, es floß Blut, er fuhr fort: +»Wahrhaftig! rotes Blut! – So unterschreiben Sie!« Ich +hatte das Pergament und die Feder in Händen.</p> +<div> + +<p><span class='pagenum'>[54]</span></p> +<h3>7.</h3> + +<p>Ich werde mich deinem Urteile bloßstellen, lieber <em class="gesperrt">Chamisso</em>, +und es nicht zu bestechen suchen. Ich selbst habe +lange strenges Gericht an mir selber vollzogen, denn ich habe +den quälenden Wurm in meinem Herzen genährt. Es +schwebte immerwährend dieser ernste Moment meines Lebens +vor meiner Seele, und ich vermocht’ es nur zweifelnden +Blickes, mit Demut und Zerknirschung anzuschauen. – +Lieber Freund, wer leichtsinnig nur den Fuß aus der geraden +Straße setzt, der wird unversehens in andre Pfade +abgeführt, die abwärts und immer abwärts ihn ziehen; er +sieht dann umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern, +ihm bleibt keine Wahl, er muß unaufhaltsam den Abhang +hinab, und sich selbst der Nemesis opfern. Nach dem übereilten +Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen, hatt’ ich +durch Liebe frevelnd in eines andern Wesens Schicksal mich +gedrängt; was blieb mir übrig, als, wo ich Verderben gesät, +wo schnelle Rettung von mir geheischt ward, eben rettend +blindlings hinzuzuspringen? denn die letzte Stunde schlug. – +Denke nicht so niedrig von mir, mein <em class="gesperrt">Adelbert</em>, als zu +meinen, es hätte mich irgendein geforderter Preis zu teuer +gedünkt, ich hätte mit irgend etwas, was nur mein war, +mehr als eben mit Gold gekargt. – Nein, <em class="gesperrt">Adelbert</em>; +aber mit unüberwindlichem Hasse gegen diesen rätselhaften +Schleicher auf krummen Wegen war meine Seele angefüllt. +Ich mochte ihm unrecht tun, doch empörte mich jede Gemeinschaft +mit ihm. – Auch hier trat, wie so oft schon in +mein Leben, und wie überhaupt so oft in die Weltgeschichte, +ein Ereignis an die Stelle einer Tat. Später habe ich mich +mit mir selber versöhnt. Ich habe erstlich die Notwendigkeit +verehren lernen, und was ist mehr als die getane Tat, +das geschehene Ereignis, ihr Eigentum! Dann hab’ ich auch +diese Notwendigkeit als eine weise Fügung verehren lernen, +die durch das gesamte große Getrieb’ weht, darin wir bloß +<span class='pagenum'>[55]</span> +als mitwirkende, getriebene treibende Räder eingreifen: was +sein soll, muß geschehen, was sein sollte, geschah, und nicht +ohne jene Fügung, die ich endlich noch in meinem Schicksale +und dem Schicksale derer, die das meine mit angriff, +verehren lernte.</p> + +<p>Ich weiß nicht, ob ich es der Spannung meiner Seele, +unter dem Drange so mächtiger Empfindungen, zuschreiben +soll, ob der Erschöpfung meiner physischen Kräfte, die während +der letzten Tage ungewohntes Darben geschwächt, ob endlich +dem zerstörenden Aufruhr, den die Nähe dieses grauen Unholdes +in meiner ganzen Natur erregte; genug, es befiel +mich, als es an das Unterschreiben ging, eine tiefe Ohnmacht, +und ich lag eine lange Zeit wie in den Armen des +Todes.</p> + +<p>Fußstampfen und Fluchen waren die ersten Töne, die +mein Ohr trafen, als ich zum Bewußtsein zurückkehrte; ich +öffnete die Augen, es war dunkel, mein verhaßter Begleiter +war scheltend um mich bemüht. »Heißt das nicht wie ein +altes Weib sich aufführen! – Man raffe sich auf und vollziehe +frisch, was man beschlossen, oder hat man sich anders +besonnen und will lieber greinen?« – Ich richtete mich mühsam +auf von der Erde, wo ich lag, und schaute schweigend +um mich. Es war später Abend, aus dem hellerleuchteten +Försterhause erscholl festliche Musik, einzelne Gruppen von +Menschen wallten durch die Gänge des Gartens. Ein paar +traten im Gespräche näher und nahmen Platz auf der Bank, +worauf ich früher gesessen hatte. Sie unterhielten sich von +der an diesem Morgen vollzogenen Verbindung des reichen +Herrn <em class="gesperrt">Raskal</em> mit der Tochter des Hauses. – Es war +also geschehen. –</p> + +<p>Ich streifte mit der Hand die Tarnkappe des sogleich +mir verschwindenden Unbekannten von meinem Haupte weg, +und eilte stillschweigend, in die tiefste Nacht des Gebüsches +mich versenkend, den Weg über <em class="gesperrt">Graf Peters</em> Laube einschlagend, +<span class='pagenum'>[56]</span> +dem Ausgange des Gartens zu. Unsichtbar aber +geleitete mich mein Plagegeist, mich mit scharfen Worten verfolgend. +»Das ist also der Dank für die Mühe, die man +genommen hat, Monsieur, der schwache Nerven hat, den +langen lieben Tag hindurch zu pflegen. Und man soll den +Narren im Spiele abgeben. Gut, Herr Trotzkopf, fliehn +Sie nur vor mir, wir sind doch unzertrennlich. Sie haben +mein Gold und ich Ihren Schatten; das läßt uns beiden +keine Ruhe. – Hat man je gehört, daß ein Schatten von +seinem Herrn gelassen hätte? Ihrer zieht mich Ihnen nach, +bis Sie ihn wieder zu Gnaden annehmen und ich ihn los +bin. Was Sie versäumt haben aus frischer Lust zu tun, +werden Sie nur zu spät aus Überdruß und Langweile nachholen +müssen; man entgeht seinem Schicksale nicht.« Er +sprach aus demselben Tone fort und fort; ich floh umsonst, +er ließ nicht nach, und immer gegenwärtig, redete er höhnend +von Gold und Schatten. Ich konnte zu keinem eignen Gedanken +kommen.</p> + +<p>Ich hatte durch menschenleere Straßen einen Weg nach +meinem Hause eingeschlagen. Als ich davor stand und es +ansah, konnte ich es kaum erkennen; hinter den eingeschlagenen +Fenstern brannte kein Licht. Die Türen waren zu, kein +Dienervolk regte sich mehr darin. Er lachte laut auf neben +mir: »Ja, ja, so geht’s! Aber Ihren <em class="gesperrt">Bendel</em> finden Sie +wohl daheim, den hat man jüngst vorsorglich so müde nach +Hause geschickt, daß er es wohl seitdem gehütet haben +wird.« Er lachte wieder. »Der wird Geschichten zu erzählen +haben! – Wohlan denn! für heute gute Nacht, auf baldiges +Wiedersehen!«</p> + +<p>Ich hatte wiederholt geklingelt, es erschien Licht; <em class="gesperrt">Bendel</em> +frug von innen, wer geklingelt habe. Als der gute Mann +meine Stimme erkannte, konnte er seine Freude kaum bändigen; +die Tür flog auf, wir lagen weinend einander in den +Armen. Ich fand ihn sehr verändert, schwach und krank; +mir war aber das Haar ganz grau geworden.</p> + +<p><span class='pagenum'>[57]</span> +Er führte mich durch die verödeten Zimmer nach einem +innern, verschont gebliebenen Gemach; er holte Speise und +Trank herbei, wir setzten uns, er fing wieder an zu weinen. +Er erzählte mir, daß er letzthin den grau gekleideten +dürren Mann, den er mit meinem Schatten angetroffen +hatte, so lange und so weit geschlagen habe, bis er selbst +meine Spur verloren und vor Müdigkeit hingesunken sei; +daß nachher, wie er mich nicht wieder finden gekonnt, er +nach Hause zurückgekehrt, wo bald darauf der Pöbel, auf +<em class="gesperrt">Raskals</em> Anstiften, herangestürmt, die Fenster eingeschlagen +und seine Zerstörungslust gebüßt. So hatten sie an ihrem +Wohltäter gehandelt. Meine Dienerschaft war auseinander +geflohen. Die örtliche Polizei hatte mich als verdächtig aus +der Stadt verwiesen, und mir eine Frist von vierundzwanzig +Stunden festgesetzt, um deren Gebiet zu verlassen. +Zu dem, was mir von <em class="gesperrt">Raskals</em> Reichtum und Vermählung +bekannt war, wußte er noch vieles hinzuzufügen. +Dieser Bösewicht, von dem alles ausgegangen, was hier +gegen mich geschehen war, mußte von Anbeginn mein Geheimnis +besessen haben, es schien, er habe, vom Golde +angezogen, sich an mich zu drängen gewußt, und schon in +der ersten Zeit einen Schlüssel zu jenem Goldschrank sich +verschafft, wo er den Grund zu dem Vermögen gelegt, das +noch zu vermehren er jetzt verschmähen konnte.</p> + +<p>Das alles erzählte mir <em class="gesperrt">Bendel</em> unter häufigen Tränen, +und weinte dann wieder vor Freuden, daß er mich wieder +sah, mich wieder hatte, und daß, nachdem er lang gezweifelt, +wohin das Unglück mich gebracht haben möchte, er mich es +ruhig und gefaßt ertragen sah. Denn solche Gestaltung hatte +nun die Verzweiflung in mir genommen. Ich sah mein +Elend riesengroß, unwandelbar vor mir, ich hatte ihm meine +Tränen ausgeweint, es konnte kein Geschrei mehr aus meiner +Brust pressen, ich trug ihm kalt und gleichgültig mein +entblößtes Haupt entgegen.</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Bendel</em>,« hub ich an, »du weißt mein Los. Nicht +<span class='pagenum'>[58]</span> +ohne früheres Verschulden trifft mich schwere Strafe. Du +sollst länger nicht, unschuldiger Mann, dein Schicksal an +das meine binden, ich will es nicht. Ich reite die Nacht +noch fort, sattle mir ein Pferd, ich reite allein; du bleibst, +ich will’s. Es müssen hier noch einige Kisten Goldes liegen, +das behalte du. Ich werde allein unstet in der Welt wandern; +wann mir aber je eine heitere Stunde wieder lacht +und das Glück mich versöhnt anblickt, dann will ich deiner +getreu gedenken, denn ich habe an deiner getreuen Brust in +schweren, schmerzlichen Stunden geweint.«</p> + +<p>Mit gebrochenem Herzen mußte der Redliche diesem letzten +Befehle seines Herrn, worüber er in der Seele erschrak, +gehorchen; ich war seinen Bitten, seinen Vorstellungen taub, +blind seinen Tränen; er führte mir das Pferd vor. Ich +drückte noch einmal den Weinenden an meine Brust, schwang +mich in den Sattel und entfernte mich unter dem Mantel +der Nacht von dem Grabe meines Lebens, unbekümmert, +welchen Weg mein Pferd mich führen werde; denn ich hatte +weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, keine Hoffnung.</p> +</div> + +<h3>8.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Es gesellte sich bald ein Fußgänger zu mir, welcher mich +bat, nachdem er eine Weile neben meinem Pferde geschritten +war, da wir doch denselben Weg hielten, einen Mantel, den +er trug, hinten auf mein Pferd legen zu dürfen, ich ließ +es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit leichtem +Anstand für den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm +daraus Gelegenheit, das Glück und die Macht der Reichen +hoch zu preisen, und ließ sich, ich weiß nicht wie, in eine +Art von Selbstgespräch ein, bei dem er mich bloß zum Zuhörer +hatte.</p> + +<p><span class='pagenum'>[59]</span> +Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der +Welt, und kam sehr bald auf die Metaphysik, an die die +Forderung erging, das Wort aufzufinden, das aller Rätsel +Lösung sei. Er setzte die Aufgabe mit vieler Klarheit auseinander +und schritt fürder zu deren Beantwortung.</p> + +<p>Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe, +seitdem ich den Philosophen durch die Schule gelaufen, daß +ich zur philosophischen Spekulation keineswegs berufen bin, +und daß ich mir dieses Feld völlig abgesprochen habe; ich +habe seither vieles auf sich beruhen lassen, vieles zu wissen +und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie du es +mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der +Stimme in mir, soviel es in meiner Macht gewesen, auf +dem eignen Wege gefolgt. Nun schien mir dieser Redekünstler +mit großem Talent ein fest gefügtes Gebäude aufzuführen, +das in sich selbst begründet sich emportrug und +wie durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt’ +ich ganz in ihm, was ich eben darin hätte suchen wollen, +und so ward es mir zu einem bloßen Kunstwerk, dessen +zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem Auge allein +zur Ergötzung diente; aber ich hörte dem wohlberedeten +Manne gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen +Leiden auf sich selbst abgelenkt, und ich hätte mich willig +ihm ergeben, wenn er meine Seele wie meinen Verstand in +Anspruch genommen hätte.</p> + +<p>Mittlerweile war die Zeit hingegangen und unbemerkt +hatte schon die Morgendämmerung den Himmel erhellt; ich +erschrak, als ich mit einem Male aufblickte und im Osten +die Pracht der Farben sich entfalten sah, die die nahe Sonne +verkünden, und gegen sie war in dieser Stunde, wo die +Schlagschatten mit ihrer ganzen Ausdehnung prunken, kein +Schutz, kein Bollwerk in der offenen Gegend zu ersehen! und +ich war nicht allein! Ich warf einen Blick auf meinen Begleiter +und erschrak wieder. – Es war kein andrer als der +Mann im grauen Rock.</p> + +<p><span class='pagenum'>[60]</span> +Er lächelte über meine Bestürzung und fuhr fort, ohne +mich zum Wort kommen zu lassen: »Laßt doch, wie es einmal +in der Welt Sitte ist, unsern wechselseitigen Vorteil uns +auf eine Weile verbinden, zu scheiden haben wir immer +noch Zeit. Die Straße hier längs dem Gebirge, ob Sie +gleich noch nicht daran gedacht haben, ist doch die einzige, +die Sie vernünftigerweise einschlagen können; hinab in das +Tal dürfen Sie nicht und über das Gebirg’ werden Sie +noch weniger zurückkehren wollen, von wo Sie hergekommen +sind – diese ist auch gerade meine Straße. – Ich sehe +Sie schon vor der aufgehenden Sonne erblassen. Ich will +Ihnen Ihren Schatten auf die Zeit unsrer Gesellschaft leihen, +und Sie dulden mich dafür in Ihrer Nähe; Sie haben so +Ihren <em class="gesperrt">Bendel</em> nicht mehr bei sich; ich will Ihnen gute +Dienste leisten. Sie lieben mich nicht, das ist mir leid. +Sie können mich darum doch benutzen. Der Teufel ist nicht +so schwarz, als man ihn malt. Gestern haben Sie mich +geärgert, das ist wahr, heute will ich’s Ihnen nicht nachtragen +und ich habe Ihnen schon den Weg bis hierher verkürzt, +das müssen Sie selbst gestehen. – Nehmen Sie doch +nur einmal Ihren Schatten auf Probe wieder an.«</p> + +<p>Die Sonne war aufgegangen, auf der Straße kamen +uns Menschen entgegen; ich nahm, obgleich mit innerlichem +Widerwillen, den Antrag an. Er ließ lächelnd meinen +Schatten zur Erde gleiten, der alsbald seine Stelle auf des +Pferdes Schatten einnahm und lustig neben mir her trabte. +Mir war sehr seltsam zumute. Ich ritt an einem Trupp +Landleute vorbei, die vor einem wohlhabenden Mann ehrerbietig +mit entblößtem Haupte Platz machten. Ich ritt +weiter und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens +seitwärts vom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten, +den ich jetzt von einem Fremden, ja von einem Feinde, +erborgt hatte.</p> + +<p>Dieser ging unbekümmert nebenher und pfiff eben ein +Liedchen. Er zu Fuß, ich zu Pferd’, ein Schwindel ergriff +<span class='pagenum'>[61]</span> +mich, die Versuchung war zu groß, ich wandte plötzlich die +Zügel, drückte beide Sporen an, und so in voller Karriere +einen Seitenweg eingeschlagen; aber ich entführte den Schatten +nicht, der bei der Wendung vom Pferde glitt und seinen +gesetzmäßigen Eigentümer auf der Landstraße erwartete. Ich +mußte beschämt umlenken; der Mann im grauen Rocke, als +er ungestört sein Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich +aus, setzte mir den Schatten wieder zurecht und belehrte +mich, er würde erst an mir festhangen und bei mir bleiben +wollen, wann ich ihn wiederum als rechtmäßiges Eigentum +besitzen würde. »Ich halte Sie,« fuhr er fort, »am Schatten +fest und Sie kommen mir nicht los. Ein reicher Mann, +wie Sie, braucht einmal einen Schatten, das ist nicht anders, +Sie sind nur darin zu tadeln, daß Sie es nicht früher eingesehen +haben.«</p> + +<p>Ich setzte meine Reise auf derselben Straße fort; es +fanden sich bei mir alle Bequemlichkeiten des Lebens und +selbst ihre Pracht wieder ein; ich konnte mich frei und leicht +bewegen, da ich einen, obgleich nur erborgten, Schatten +besaß, und ich flößte überall die Ehrfurcht ein, die der +Reichtum gebietet; aber ich hatte den Tod im Herzen. +Mein wundersamer Begleiter, der sich selbst für den unwürdigen +Diener des reichsten Mannes in der Welt ausgab, +war von einer außerordentlichen Dienstfertigkeit, über +die Maßen gewandt und geschickt, der wahre Inbegriff eines +Kammerdieners für einen reichen Mann, aber er wich nicht +von meiner Seite und führte unaufhörlich das Wort gegen +mich, stets die größte Zuversicht an den Tag legend, daß ich +endlich, sei es auch nur, um ihn los zu werden, den Handel +mit dem Schatten abschließen würde. – Er war mir ebenso +lästig als verhaßt. Ich konnte mich ordentlich vor ihm +fürchten. Ich hatte mich von ihm abhängig gemacht. Er +hielt mich, nachdem er mich in die Herrlichkeit der Welt, +die ich floh, zurückgeführt hatte. Ich mußte seine Beredsamkeit +über mich ergehen lassen und fühlte schier, er habe recht. +<span class='pagenum'>[62]</span> +Ein Reicher muß in der Welt einen Schatten haben, und +sobald ich den Stand behaupten wollte, den er mich wieder +geltend zu machen verleitet hatte, war nur ein Ausgang zu +ersehen. Dieses aber stand bei mir fest, nachdem ich meine +Liebe hingeopfert, nachdem mir das Leben verblaßt war, +wollt’ ich meine Seele nicht, sei es um alle Schatten der +Welt, dieser Kreatur verschreiben. Ich wußte nicht, wie es +enden sollte.</p> + +<p>Wir saßen einst vor einer Höhle, welche die Fremden, +die das Gebirge bereisen, zu besuchen pflegen. Man hört +dort das Gebrause unterirdischer Ströme aus ungemessener +Tiefe heraufschallen, und kein Grund scheint den Stein, den +man hineinwirft, in seinem hallenden Fall aufzuhalten. Er +malte mir, wie er öfters tat, mit verschwenderischer Einbildungskraft +und im schimmernden Reize der glänzendsten +Farben, sorgfältig ausgeführte Bilder von dem, was ich in +der Welt, kraft meines Säckels, ausführen würde, wenn ich +erst meinen Schatten wieder in meiner Gewalt hätte. Die +Ellbogen auf die Knie gestützt, hielt ich mein Gesicht in +meinen Händen verborgen und hörte dem Falschen zu, das +Herz zwiefach geteilt zwischen der Verführung und dem +strengen Willen in mir. Ich konnte bei solchem innerlichen +Zwiespalt länger nicht ausdauern und begann den entscheidenden +Kampf.</p> + +<p>»Sie scheinen, mein Herr, zu vergessen, daß ich Ihnen +zwar erlaubt habe, unter gewissen Bedingungen in meiner +Begleitung zu bleiben, daß ich mir aber meine völlige Freiheit +vorbehalten habe.« – »Wenn Sie befehlen, so pack’ +ich ein.« Die Drohung war ihm geläufig. Ich schwieg; er +setzte sich gleich daran, meinen Schatten wieder zusammenzurollen. +Ich erblaßte, aber ich ließ es stumm geschehen. +Es erfolgte ein langes Stillschweigen. Er nahm zuerst das +Wort: »Sie können mich nicht leiden, mein Herr, Sie +hassen mich, ich weiß es; doch warum hassen Sie mich? +Ist es etwa, weil Sie mich auf öffentlicher Straße angefallen +<span class='pagenum'>[63]</span> +und mir mein Vogelnest mit Gewalt zu rauben gemeint? +oder ist es darum, daß Sie mein Gut, den Schatten, den +Sie Ihrer bloßen Ehrlichkeit anvertraut glaubten, mir +diebischerweise zu entwenden gesucht haben? Ich meinerseits +hasse Sie darum nicht; ich finde ganz natürlich, daß +Sie alle Ihre Vorteile, List und Gewalt geltend zu machen +suchen; daß Sie übrigens die allerstrengsten Grundsätze +haben und wie die Ehrlichkeit selbst denken, ist eine Liebhaberei, +wogegen ich auch nichts habe. – Ich denke in der +Tat nicht so streng als Sie; ich handle bloß, wie Sie +denken. Oder hab’ ich Ihnen etwa irgendwann den Daumen +auf die Gurgel gedrückt, um Ihre werteste Seele, zu der +ich einmal Lust habe, an mich zu bringen? Hab’ ich von +wegen meines ausgetauschten Säckels einen Diener auf Sie +losgelassen? hab’ ich Ihnen damit durchzugehen versucht?« +Ich hatte dagegen nichts zu erwidern; er fuhr fort: »Schon +recht, mein Herr, schon recht! Sie können mich nicht leiden; +auch das begreife ich wohl und verarge es Ihnen weiter +nicht. Wir müssen scheiden, das ist klar, und auch Sie +fangen an, mir sehr langweilig vorzukommen. Um sich +also meiner ferneren beschämenden Gegenwart völlig zu entziehen, +rate ich es Ihnen noch einmal: Kaufen Sie mir +das Ding ab.« – Ich hielt ihm den Säckel hin: »Um den +Preis.« – »Nein!« – Ich seufzte schwer auf und nahm +wieder das Wort: »Auch also. Ich dringe darauf, mein +Herr, laßt uns scheiden, vertreten Sie mir länger nicht +den Weg auf einer Welt, die hoffentlich geräumig genug +ist für uns beide.« Er lächelte und erwiderte: »Ich gehe, +mein Herr, zuvor aber will ich Sie unterrichten, wie Sie +mir klingeln können, wenn Sie je Verlangen nach Ihrem +untertänigsten Knecht tragen sollten: Sie brauchen nur Ihren +Säckel zu schütteln, daß die ewigen Goldstücke darinnen +rasseln, der Ton zieht mich augenblicklich an. Ein jeder +denkt auf seinen Vorteil in dieser Welt: Sie sehen, daß ich +auf Ihren zugleich bedacht bin, denn ich eröffne Ihnen +<span class='pagenum'>[64]</span> +offenbar eine neue Kraft! – O dieser Säckel! – Und +hätten gleich die Motten Ihren Schatten schon aufgefressen, +der würde noch ein starkes Band zwischen uns sein. Genug, +Sie haben mich an meinem Gold, befehlen Sie auch +in der Ferne über Ihren Knecht, Sie wissen, daß ich mich +meinen Freunden dienstfertig genug erweisen kann, und daß +die Reichen besonders gut mit mir stehen; Sie haben es +selbst gesehen. – Nur Ihren Schatten, mein Herr – das +lassen Sie sich gesagt sein – nie wieder, als unter einer +einzigen Bedingung.«</p> + +<p>Gestalten der alten Zeit traten vor meine Seele. Ich +frug ihn schnell: »Hatten Sie eine Unterschrift vom Herrn +<em class="gesperrt">John</em>?« – Er lächelte. – » +Mit einem so guten Freund +hab’ ich es keineswegs nötig gehabt.« – »Wo ist er? bei +Gott, ich will es wissen!« Er steckte zögernd die Hand in +die Tasche, und daraus bei den Haaren hervorgezogen erschien +<em class="gesperrt">Thomas Johns</em> bleiche, entstellte Gestalt, und die +blauen Leichenlippen bewegten sich zu schweren Worten: +<em class="antiqua">»Justo judicio Dei judicatus sum; justo judicio Dei +condemnatus sum.«</em> Ich entsetzte mich, und schnell den +klingenden Säckel in den Abgrund werfend, sprach ich zu +ihm die letzten Worte: »So beschwör’ ich dich im Namen +Gottes, Entsetzlicher! hebe dich von dannen und lasse dich +nie wieder vor meinen Augen blicken!« Er erhub sich finster +und verschwand sogleich hinter den Felsenmassen, die den +wild bewachsenen Ort begrenzten.</p> +</div> + + +<span class='pagenum'>[65]</span> +<h3>9.</h3> + +<p>Ich saß da ohne Schatten und ohne Geld; aber ein +schweres Gewicht war von meiner Brust genommen, ich war +heiter. Hätte ich nicht auch meine Liebe verloren, oder hätt’ +ich mich nur bei deren Verlust vorwurfsfrei gefühlt, ich +glaube, ich hätte glücklich sein können – ich wußte aber nicht, +was ich anfangen sollte. Ich durchsuchte meine Taschen +und fand noch einige Goldstücke darin; ich zählte sie und +lachte. – Ich hatte meine Pferde unten im Wirtshause, +ich schämte mich, dahin zurückzukehren, ich mußte wenigstens +den Untergang der Sonne erwarten; sie stand noch hoch am +Himmel. Ich legte mich in den Schatten der nächsten Bäume +und schlief ruhig ein.</p> + +<p>Anmutige Bilder verwoben sich mir im luftigen Tanze +zu einem gefälligen Traum. <em class="gesperrt">Mina</em>, einen Blumenkranz +in den Haaren, schwebte an mir vorüber und lächelte mich +freundlich an. Auch der ehrliche <em class="gesperrt">Bendel</em> war mit Blumen +bekränzt und eilte mit freundlichem Gruße vorüber. Viele +sah ich noch, und wie mich dünkt, auch dich, <em class="gesperrt">Chamisso</em>, im +fernen Gewühl; ein helles Licht schien, es hatte aber keiner +einen Schatten, und was seltsamer ist, es sah nicht übel +aus – Blumen und Lieder, Liebe und Freude, unter Palmenhainen. +– – Ich konnte die beweglichen, leicht verwehten, +lieblichen Gestalten weder festhalten noch deuten; aber ich +weiß, daß ich gerne solchen Traum träumte und mich vor +dem Erwachen in acht nahm; ich wachte wirklich schon und +hielt noch die Augen zu, um die weichenden Erscheinungen +länger vor meiner Seele zu behalten.</p> + +<p>Ich öffnete endlich die Augen, die Sonne stand noch +am Himmel, aber im Osten; ich hatte die Nacht verschlafen. +Ich nahm es für ein Zeichen, daß ich nicht nach dem Wirtshause +zurückkehren sollte. Ich gab leicht, was ich dort noch +besaß, verloren und beschloß, eine Nebenstraße, die durch +den waldbewachsenen Fuß des Gebirges führte, zu Fuß +<span class='pagenum'>[66]</span> +einzuschlagen, dem Schicksal es anheimstellend, was es mit +mir vor hatte, zu erfüllen. Ich schaute nicht hinter mich +zurück und dachte auch nicht daran, an <em class="gesperrt">Bendel</em>, den ich +reich zurückgelassen hatte, mich zu wenden, welches ich allerdings +gekonnt hätte. Ich sah mich an auf den neuen Charakter, +den ich in der Welt bekleiden sollte: mein Anzug war +sehr bescheiden. Ich hatte eine alte schwarze Kurtka an, die +ich schon in Berlin getragen, und die mir, ich weiß nicht +wie, zu dieser Reise erst wieder in die Hand gekommen war. +Ich hatte sonst eine Reisemütze auf dem Kopf und ein Paar +alte Stiefel an den Füßen. Ich erhob mich, schnitt mir +an selbiger Stelle einen Knotenstock zum Andenken und trat +sogleich meine Wanderung an.</p> + +<p>Ich begegnete im Wald einem alten Bauer, der mich +freundlich begrüßte, und mit dem ich mich in ein Gespräch +einließ. Ich erkundigte mich, wie ein wißbegieriger Reisender, +erst nach dem Wege, dann nach der Gegend und deren +Bewohner, den Erzeugnissen des Gebirges und derlei mehr. +Er antwortete verständig und redselig auf meine Fragen. +Wir kamen an das Bette eines Bergstromes, der über +einen weiten Strich des Waldes seine Verwüstung verbreitet +hatte. Mich schauderte innerlich vor dem sonnenhellen Raum; +ich ließ den Landmann vorangehen. Er hielt aber mitten +im gefährlichen Orte still und wandte sich zu mir, um mir +die Geschichte dieser Verwüstung zu erzählen. Er bemerkte +bald, was mir fehlte und hielt mitten in seiner Rede ein: +»Aber wie geht denn das zu, der Herr hat ja keinen +Schatten!« – »Leider! leider!« erwiderte ich seufzend. +»Es sind mir während einer bösen langen Krankheit Haare, +Nägel und Schatten ausgegangen. Seht, Vater, in meinem +Alter die Haare, die ich wieder gekriegt habe, ganz +weiß, die Nägel sehr kurz und der Schatten, der will noch +nicht wieder wachsen.« – »Ei! ei!« versetzte der alte Mann +kopfschüttelnd, »keinen Schatten, das ist bös! das war eine +böse Krankheit, die der Herr gehabt hat.« Aber er hub seine +<span class='pagenum'>[67]</span> +Erzählung nicht wieder an, und bei dem nächsten Querweg, +der sich darbot, ging er, ohne ein Wort zu sagen, von mir +ab. – Bittere Tränen zitterten aufs neue auf meinen +Wangen und meine Heiterkeit war hin.</p> + +<p>Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort und suchte +ferner keines Menschen Gesellschaft. Ich hielt mich im +dunkelsten Walde und mußte manchmal, um über einen +Strich, wo die Sonne schien, zu kommen, stundenlang darauf +warten, daß mir keines Menschen Auge den Durchgang verbot. +Am Abend suchte ich Herberge in den Dörfern zu +nehmen. Ich ging eigentlich nach einem Bergwerk im Gebirge, +wo ich Arbeit unter der Erde zu finden gedachte; +denn davon abgesehen, daß meine jetzige Lage mir gebot, +für meinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, hatte ich dieses +wohl erkannt, daß mich allein angestrengte Arbeit gegen +meine zerstörenden Gedanken schützen könnte.</p> + +<p>Ein paar regnichte Tage förderten mich leicht auf den +Weg, aber auf Kosten meiner Stiefel, deren Sohlen für den +<em class="gesperrt">Grafen Peter</em> und nicht für den Fußknecht berechnet +worden. Ich ging schon auf den bloßen Füßen. Ich mußte +ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am nächsten Morgen +besorgte ich dieses Geschäft mit vielem Ernst in einem Flecken, +wo Kirmes war, und wo in einer Bude alte und neue +Stiefel zu Kauf standen. Ich wählte und handelte lange. +Ich mußte auf ein Paar neue, die ich gern gehabt hätte, +Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich +begnügte mich also mit alten, die noch gut und stark waren, +und die mir der schöne blondlockige Knabe, der die Bude +hielt, gegen gleich bare Bezahlung freundlich lächelnd einhändigte, +indem er mir Glück auf den Weg wünschte. Ich +zog sie gleich an und ging zum nördlich gelegenen Tor aus +dem Ort.</p> + +<p>Ich war in meinen Gedanken sehr vertieft und sah kaum, +wo ich den Fuß hinsetzte, denn ich dachte an das Bergwerk, +wo ich auf den Abend noch anzulangen hoffte, und wo ich +<span class='pagenum'>[68]</span> +nicht recht wußte, wie ich mich ankündigen sollte. Ich war +noch keine zweihundert Schritte gegangen, als ich bemerkte, +daß ich aus dem Wege gekommen war; ich sah mich danach +um, ich befand mich in einem wüsten, uralten Tannenwalde, +woran die Axt nie gelegt worden zu sein schien. Ich drang +noch einige Schritte vor, ich sah mich mitten unter öden +Felsen, die nur mit Moos und Steinbrecharten bewachsen +waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen. +Die Luft war sehr kalt, ich sah mich um, der Wald war +hinter mir verschwunden. Ich machte noch einige Schritte – +um mich herrschte die Stille des Todes, unabsehbar dehnte +sich das Eis, worauf ich stand und worauf ein dichter Nebel +schwer ruhte; die Sonne stand blutig am Rande des Horizontes. +Die Kälte war unerträglich. Ich wußte nicht, wie +mir geschehen war, der erstarrende Frost zwang mich, meine +Schritte zu beschleunigen, ich vernahm nur das Gebrause +ferner Gewässer, ein Schritt, und ich war am Eisufer eines +Ozeans. Unzählbare Herden von Seehunden stürzten sich +vor mir rauschend in die Flut. Ich folgte diesem Ufer, ich +sah wieder nackte Felsen, Land, Birken- und Tannenwälder, +ich lief noch ein paar Minuten gerade vor mir hin. Es +war erstickend heiß, ich sah mich um, ich stand zwischen +schön gebauten Reisfeldern unter Maulbeerbäumen. Ich +setzte mich in deren Schatten, ich sah nach meiner Uhr, ich +hatte vor nicht einer Viertelstunde den Marktflecken verlassen +– ich glaubte zu träumen, ich biß mich in die Zunge, +um mich zu erwecken; aber ich wachte wirklich. – Ich schloß +die Augen zu, um meine Gedanken zusammenzufassen. – +Ich hörte vor mir seltsame Silben durch die Nase zählen; +ich blickte auf: zwei Chinesen an der asiatischen Gesichtsbildung +unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen +Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landesüblichen +Begrüßungen in ihrer Sprache an; ich stand auf und trat +zwei Schritte zurück. Ich sah sie nicht mehr, die Landschaft +war ganz verändert: Bäume, Wälder statt der Reisfelder. +<span class='pagenum'>[69]</span> +Ich betrachtete diese Bäume und die Kräuter, die um mich +blühten; die ich kannte, waren südöstlich asiatische Gewächse; +ich wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt – +und wiederum alles verändert. Ich trat nun an, wie ein +Rekrut, der geübt wird, und schritt langsam, gesetzt einher. +Wunderbare veränderliche Länder, Fluren, Auen, Gebirge, +Steppen, Sandwüsten entrollen sich vor meinem staunenden +Blick; es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an +den Füßen.</p> +</div> + +<h3>10.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß +Tränen des Dankes – denn klar stand plötzlich meine +Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der +menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz +an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir +zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung +und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. +Es war nicht ein Entschluß, den ich faßte. Ich habe nur +seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor mein +inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem +Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat +von dem Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild +abgehangen.</p> + +<p>Ich raffte mich auf, um ohne Zögern mit flüchtigem +Überblick Besitz von dem Felde zu nehmen, wo ich künftig +ernten wollte. – Ich stand auf den Höhen des Tibet, und +die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen war, +neigte sich hier schon am Abendhimmel, ich durchwanderte +Asien von Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend, +und trat in Afrika ein. Ich sah mich neugierig darin um, +indem ich es wiederholt in allen Richtungen durchmaß. +Wie ich durch Ägypten die alten Pyramiden und Tempel +<span class='pagenum'>[70]</span> +angaffte, erblickte ich in der Wüste, unfern des hunderttorigen +Theben, die Höhlen, wo christliche Einsiedler sonst +wohnten. Es stand plötzlich fest und klar in mir, hier ist +dein Haus. – Ich erkor eine der verborgensten, die zugleich +geräumig, bequem und den Schakalen unzugänglich +war, zu meinem künftigen Aufenthalte und setzte meinen +Stab weiter.</p> + +<p>Ich trat bei den Herkulessäulen nach Europa über, und +nachdem ich seine südlichen und nördlichen Provinzen in +Augenschein genommen, trat ich von Nordasien über den +Polargletscher nach Grönland und Amerika über, durchschweifte +die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der +schon im Süden herrschte, trieb mich schnell vom Kap Horn +nordwärts zurück.</p> + +<p>Ich verweilte mich, bis es im östlichen Asien Tag wurde, +und setzte erst nach einiger Ruh’ meine Wanderung fort. +Ich verfolgte durch beide Amerika die Bergkette, die die +höchsten bekannten Unebenheiten unsrer Kugel in sich faßt. +Ich schritt langsam und vorsichtig von Gipfel zu Gipfel, +bald über flammende Vulkane, bald über beschneite Kuppeln, +oft mit Mühe atmend, ich erreichte den Eliasberg +und sprang über die Beringstraße nach Asien. – Ich verfolgte +dessen westliche Küste in ihren vielfachen Wendungen +und untersuchte mit besonderer Aufmerksamkeit, welche der +dort gelegenen Inseln mir zugänglich wären. Von der +Halbinsel Malakka trugen mich meine Stiefel auf Sumatra, +Java, Bali und Lamboc, ich versuchte, selbst oft mit Gefahr +und dennoch immer vergebens, mir über die kleinern +Inseln und Felsen, wovon dieses Meer starrt, einen Übergang +nordwestlich nach Borneo und andern Inseln dieses +Archipelagus zu bahnen. Ich mußte die Hoffnung aufgeben. +Ich setzte mich endlich auf die äußerste Spitze von +Lamboc nieder, und das Gesicht gegen Süden und Osten +gewendet, weint’ ich wie am festverschlossenen Gitter meines +Kerkers, daß ich doch so bald meine Begrenzung gefunden. +<span class='pagenum'>[71]</span> +Das merkwürdige, zum Verständnis der Erde und +ihres sonnengewirkten Kleides, der Pflanzen- und Tierwelt, +so wesentlich notwendige Neuholland und die Südsee mit +ihren Zoophyteninseln waren mir untersagt, und so war +im Ursprunge schon alles, was ich sammeln und erbauen +sollte, bloßes Fragment zu bleiben verdammt. – O mein +<em class="gesperrt">Adelbert</em>, was ist es doch um die Bemühungen der +Menschen!</p> + +<p>Oft habe ich im strengsten Winter der südlichen Halbkugel +vom Kap Horn aus jene zweihundert Schritte, die +mich etwa vom Land van Diemen und Neuholland trennten, +selbst unbekümmert um die Rückkehr, und sollte sich dieses +schlechte Land über mich, wie der Deckel meines Sarges, +schließen, über den Polargletscher westwärts zurückzulegen +versucht, habe über Treibeis mit törichter Wagnis verzweiflungsvolle +Schritte getan, der Kälte und dem Meere +Trotz geboten. Umsonst, noch bin ich auf Neuholland nicht +gewesen – ich kam dann jedesmal auf Lamboc zurück und +setzte mich auf seine äußerste Spitze nieder, und weinte +wieder, das Gesicht gen Süden und Osten gewendet, wie am +festverschlossenen Gitter meines Kerkers.</p> + +<p>Ich riß mich endlich von dieser Stelle und trat mit +traurigem Herzen wieder in das innere Asien, ich durchschweifte +es fürder, die Morgendämmerung nach Westen verfolgend, +und kam noch in der Nacht in die Thebais zu meinem +vorbestimmten Hause, das ich in den gestrigen Nachmittagstunden +berührt hatte.</p> + +<p>Sobald ich etwas ausgeruht und es Tag über Europa +war, ließ ich meine erste Sorge sein, alles anzuschaffen, +was ich bedurfte. – Zuvörderst Hemmschuhe, denn ich hatte +erfahren, wie unbequem es sei, seinen Schritt nicht anders +verkürzen zu können, um nahe Gegenstände gemächlich zu +untersuchen, als indem man die Stiefel auszieht. Ein +Paar Pantoffeln, übergezogen, hatten völlig die Wirkung, +die ich mir davon versprach, und späterhin trug ich sogar +<span class='pagenum'>[72]</span> +deren immer zwei Paar bei mir, weil ich öfters welche von +den Füßen warf, ohne Zeit zu haben, sie aufzuheben, wenn +Löwen, Menschen oder Hyänen mich beim Botanisieren aufschreckten. +Meine sehr gute Uhr war auf die kurze Dauer +meiner Gänge ein vortreffliches Chronometer. Ich brauchte +noch außerdem einen Sextanten, einige physikalische Instrumente +und Bücher.</p> + +<p>Ich machte, dieses alles herbeizuschaffen, etliche bange +Gänge nach London und Paris, die ein mir günstiger Nebel +eben beschattete. Als der Rest meines Zaubergoldes erschöpft +war, bracht’ ich leicht zu findendes afrikanisches Elfenbein +als Bezahlung herbei, wobei ich freilich die kleinsten Zähne, +die meine Kräfte nicht überstiegen, auswählen mußte. Ich +ward bald mit allem versehen und ausgerüstet, und ich fing +sogleich als privatisierender Gelehrter meine neue Lebensweise +an.</p> + +<p>Ich streifte auf der Erde umher, bald ihre Höhen, bald +die Temperatur ihrer Quellen und die der Luft messend, +bald Tiere beobachtend, bald Gewächse untersuchend; ich eilte +von dem Äquator nach dem Pole, von der einen Welt nach +der andern, Erfahrungen mit Erfahrungen vergleichend. Die +Eier der afrikanischen Strauße oder der nördlichen Seevögel +und Früchte, besonders der Tropenpalmen und Bananen, +waren meine gewöhnlichste Nahrung. Für mangelndes Glück +hatt’ ich als Surrogat die Nikotiana und für menschliche +Teilnahme und Bande die Liebe eines treuen Pudels, der +mir meine Höhle in der Thebais bewachte, und wenn ich +mit neuen Schätzen beladen zu ihm zurückkehrte, freudig an +mich sprang und es mich doch menschlich empfinden ließ, +daß ich nicht allein auf der Erde sei. Noch sollte mich ein +Abenteuer unter die Menschen zurückführen.</p> +</div> + +<p><span class='pagenum'>[73]</span></p> +<h3>11.</h3> + +<div class="textbody"> +<p>Als ich einst auf Nordlands Küsten, meine Stiefel gehemmt, +Flechten und Algen sammelte, trat mir unversehens +um die Ecke eines Felsens ein Eisbär entgegen. Ich wollte, +nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine gegenüberliegende +Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen +hervorragender nackter Felsen den Übergang bahnte. Ich +trat mit dem einen Fuß auf den Felsen fest auf und stürzte +auf der andern Seite in das Meer, weil mir unbemerkt der +Pantoffel am andern Fuße haften geblieben war.</p> + +<p>Die große Kälte ergriff mich, ich rettete mit Mühe mein +Leben aus dieser Gefahr; sobald ich Land hielt, lief ich, so +schnell ich konnte, nach der Libyschen Wüste, um mich da +an der Sonne zu trocknen. Wie ich ihr aber ausgesetzt +war, brannte sie mir so heiß auf den Kopf, daß ich sehr +krank wieder nach Norden taumelte. Ich suchte durch heftige +Bewegung mir Erleichterung zu verschaffen und lief mit +unsichern raschen Schritten von Westen nach Osten und von +Osten nach Westen. Ich befand mich bald in dem Tag +und bald in der Nacht, bald im Sommer und bald in der +Winterkälte.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wie lange ich so auf der Erde herumtaumelte. +Ein brennendes Fieber glühte durch meine +Adern, ich fühlte mit großer Angst die Besinnung mich +verlassen. Noch wollte das Unglück, daß ich bei so unvorsichtigem +Laufen jemanden auf den Fuß trat. Ich mochte +ihm weh getan haben; ich erhielt einen starken Stoß und +ich fiel hin. –</p> + +<p>Als ich zuerst zum Bewußtsein zurückkehrte, lag ich gemächlich +in einem guten Bette, das unter vielen andern +Betten in einem geräumigen und schönen Saale stand. Es +saß mir jemand zu Häupten; es gingen Menschen durch den +Saal von einem Bette zum andern. Sie kamen vor das +meine und unterhielten sich von mir. Sie nannten mich +<span class='pagenum'>[74]</span> +aber <em class="gesperrt">Numero Zwölf</em>, und an der Wand zu meinen +Füßen stand doch ganz gewiß, es war keine Täuschung, ich +konnte es deutlich lesen, auf schwarzer Marmortafel mit +großen goldenen Buchstaben mein Name</p> +</div> + +<p class="center">PETER SCHLEMIHL</p> + +<p>ganz richtig geschrieben. Auf der Tafel standen noch unter +meinem Namen zwei Reihen Buchstaben, ich war aber zu +schwach, um sie zusammen zu bringen, ich machte die Augen +wieder zu. –</p> + +<div class="textbody"> +<p>Ich hörte etwas, worin von <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em> die +Rede war, laut und vernehmlich ablesen, ich konnte aber +den Sinn nicht fassen; ich sah einen freundlichen Mann und +eine sehr schöne Frau in schwarzer Kleidung vor meinem +Bette erscheinen. Die Gestalten waren mir nicht fremd und +ich konnte sie nicht erkennen.</p> + +<p>Es verging einige Zeit und ich kam wieder zu Kräften. +Ich hieß <em class="gesperrt">Numero Zwölf</em>, und +<em class="gesperrt">Numero Zwölf</em> galt +seines langen Bartes wegen für einen Juden, darum er +aber nicht minder sorgfältig gepflegt wurde. Daß er keinen +Schatten hatte, schien unbemerkt geblieben zu sein. Meine +Stiefel befanden sich, wie man mich versicherte, nebst allem, +was man bei mir gefunden, als ich hierher gebracht worden, +in gutem und sicherm Gewahrsam, um mir nach meiner +Genesung wieder zugestellt zu werden. Der Ort, worin +ich krank lag, hieß das SCHLEMIHLIUM; was täglich +von <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em> abgelesen wurde, war eine Ermahnung, +für denselben, als den Urheber und Wohltäter dieser +Stiftung, zu beten. Der freundliche Mann, den ich an +meinem Bette gesehen hatte, war <em class="gesperrt">Bendel</em>, die schöne Frau +war <em class="gesperrt">Mina</em>.</p> + +<p>Ich genas unerkannt im <em class="gesperrt">Schlemihlio</em> und erfuhr noch +mehr, ich war in <em class="gesperrt">Bendels</em> Vaterstadt, wo er aus dem +Überrest meines sonst nicht gesegneten Goldes dieses Hospitium, +<span class='pagenum'>[75]</span> +wo Unglückliche mich segneten, unter meinem Namen gestiftet +hatte, und er führte über dasselbe die Aufsicht. +<em class="gesperrt">Mina</em> war Witwe, ein unglücklicher Kriminalprozeß hatte +dem Herrn <em class="gesperrt">Raskal</em> das Leben und ihr selbst ihr mehrstes +Vermögen gekostet. Ihre Eltern waren nicht mehr. Sie +lebte hier als eine gottesfürchtige Witwe und übte Werke +der Barmherzigkeit.</p> + +<p>Sie unterhielt sich einst am Bette Numero Zwölf mit +dem Herrn Bendel: »Warum, edle Frau, wollen Sie sich +so oft der bösen Luft, die hier herrscht, aussetzen? Sollte +denn das Schicksal mit Ihnen so hart sein, daß Sie zu +sterben begehrten?« – »Nein, Herr <em class="gesperrt">Bendel</em>, seit ich meinen +langen Traum ausgeträumt habe und in mir selber +erwacht bin, geht es mir wohl, seitdem wünsche ich nicht +mehr und fürchte nicht mehr den Tod. Seitdem denke ich +heiter an Vergangenheit und Zukunft. Ist es nicht auch +mit stillem innerlichen Glück, daß Sie jetzt auf so gottselige +Weise Ihrem Herren und Freunde dienen?« – »Sei +Gott gedankt, ja, edle Frau. Es ist uns doch wundersam +ergangen, wir haben viel Wohl und bitteres Weh unbedachtsam +aus dem vollen Becher geschlürft. Nun ist er +leer; nun möchte einer meinen, das sei alles nur die Probe +gewesen, und mit kluger Einsicht gerüstet, den wirklichen +Anfang erwarten. Ein andrer ist nun der wirkliche Anfang +und man wünscht das erste Gaukelspiel nicht zurück, und +ist dennoch im ganzen froh, es, wie es war, gelebt zu haben. +Auch find’ ich in mir das Zutrauen, daß es nun unserm +alten Freunde besser ergehen muß als damals.« – »Auch +in mir,« erwiderte die schöne Witwe, und sie gingen an mir +vorüber.</p> + +<p>Dieses Gespräch hatte einen tiefen Eindruck in mir zurückgelassen; +aber ich zweifelte im Geiste, ob ich mich zu erkennen +geben oder unerkannt von dannen gehen sollte. – Ich entschied +mich. Ich ließ mir Papier und Bleistift geben und +schrieb die Worte:</p> + +<p class="blockquot"> +<span class='pagenum'>[76]</span> +»Auch eurem alten Freunde ergeht es nun besser als +damals, und büßet er, so ist es Buße der Versöhnung.« +</p> + +<p>Hierauf begehrte ich mich anzuziehen, da ich mich stärker +befände. Man holte den Schlüssel zu dem kleinen Schrank, +der neben meinem Bette stand, herbei. Ich fand alles, was +mir gehörte, darin. Ich legte meine Kleider an, hing meine +botanische Kapsel, worin ich mit Freuden meine nordischen +Flechten wieder fand, über meine schwarze Kurtka um, zog +meine Stiefel an, legte den geschriebenen Zettel auf mein +Bett, und sowie die Tür aufging, war ich schon weit auf +dem Wege nach der Thebais.</p> + +<p>Wie ich längs der syrischen Küste den Weg, auf dem ich +mich zum letztenmal vom Hause entfernt harte, zurücklegte, +sah ich mir meinen armen Figaro entgegenkommen. Dieser +vortreffliche Pudel schien seinem Herrn, den er lange zu +Hause erwartet haben mochte, auf der Spur nachgehen zu +wollen. Ich stand still und rief ihm zu. Er sprang bellend +an mich mit tausend rührenden Äußerungen seiner unschuldigen +ausgelassenen Freude. Ich nahm ihn unter den Arm, +denn freilich konnte er mir nicht folgen, und brachte ihn mit +mir wieder nach Hause.</p> + +<p>Ich fand dort alles in der alten Ordnung und kehrte +nach und nach, sowie ich wieder Kräfte bekam, zu meinen +vormaligen Beschäftigungen und zu meiner alten Lebensweise +zurück. Nur daß ich mich ein ganzes Jahr hindurch der mir +ganz unzuträglichen Polarkälte enthielt.</p> + +<p>Und so, mein lieber <em class="gesperrt">Chamisso</em>, leb’ ich noch heute. +Meine Stiefel nutzen sich nicht ab, wie das sehr gelehrte +Werk des berühmten <em class="antiqua">Tieckius, de rebus gestis Pollicilli</em>, +es mich anfangs befürchten lassen. Ihre Kraft bleibt ungebrochen; +nur meine Kraft geht dahin, doch hab’ ich den +Trost, sie an einen Zweck in fortgesetzter Richtung und nicht +fruchtlos verwendet zu haben. Ich habe, so weit meine +<span class='pagenum'>[77]</span> +Stiefel gereicht, die Erde, ihre Gestaltung, ihre Höhen, ihre +Temperatur, ihre Atmosphäre in ihrem Wechsel, die Erscheinungen +ihrer magnetischen Kraft, das Leben auf ihr, +besonders im Pflanzenreiche, gründlicher kennen gelernt, als +vor mir irgendein Mensch. Ich habe die Tatsachen mit +möglichster Genauigkeit in klarer Ordnung aufgestellt in +mehreren Werken, meine Folgerungen und Ansichten flüchtig +in einigen Abhandlungen niedergelegt. – Ich habe die +Geographie vom Innern von Afrika und von den nördlichen +Polarländern, vom Innern von Asien und von seinen +östlichen Küsten festgesetzt. Meine <em class="antiqua">Historia stirpium plantarum +utriusque orbis</em> steht da als ein großes Fragment +der <em class="antiqua">Flora universalis terrae</em> und als ein Glied meines +<em class="antiqua">Systema naturae</em>. Ich glaube darin nicht bloß die Zahl +der bekannten Arten mäßig um mehr als ein Drittel vermehrt +zu haben, sondern auch etwas für das natürliche +System und für die Geographie der Pflanzen getan zu haben. +Ich arbeite jetzt fleißig an meiner Fauna. Ich werde Sorge +tragen, daß vor meinem Tode meine Manuskripte bei der +Berliner Universität niedergelegt werden.</p> + +<p>Und dich, mein lieber <em class="gesperrt">Chamisso</em>, hab’ ich zum Bewahrer +meiner wundersamen Geschichte erkoren, auf daß sie +vielleicht, wenn ich von der Erde verschwunden bin, manchen +ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen könne. +Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben, +so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. +Willst du nur dir und deinem bessern Selbst leben, o so +brauchst du keinen Rat.</p> +</div> + +<p class="center"><em class="antiqua">Explicit.</em></p> +<hr class="hr33" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span></p> +<h2><a name="An_Adelbert" id="An_Adelbert"></a>An Adelbert von Chamisso.</h2> + + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Trifft Frank’ und Deutscher jetzt zusammen</span> +<span class="i2">Und jeder edlen Muts entbrannt,</span> +<span class="i2">So fährt ans tapfre Schwert die Hand</span> +<span class="i0">Und Kampf entsprüht in wilden Flammen.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wir treffen uns auf höherm Feld,</span> +<span class="i2">Wir zwei verklärt in reinerm Feuer.</span> +<span class="i2">Heil dir, mein Frommer, mein Getreuer,</span> +<span class="i0">Und dem, was uns verbunden hält!</span> +</div></div> + +<p><span class="left">1813.</span><span class="right">Fouqué.</span></p> + + +<p> </p><p> </p><p> </p> +<h3>Ende.</h3> + + +<hr class="hr65" /> +<h2>Peter Schlemihls wundersame Geschichte.</h2> + + +<p class="center"><a name="Inhalt" id="Inhalt"><em class="gesperrt"><strong>Inhalt.</strong></em></a></p> + +<table class="toc" summary="Inhalt"> + +<tr><td><a href="#An_meinen_alten_Freund_Peter_Schlemihl">An meinen alten Freund Peter Schlemihl</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_3">3</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#An">An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#An_Ebendenselben_von_Fouque">An Ebendenselben von Fouqué</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_6">6</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#An_Fouque_von_Hitzig">An Fouqué von Hitzig</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_8">8</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#Peter_Schlemihls_wundersame_Geschichte">Peter Schlemihls wundersame Geschichte</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_11">11</a></td></tr> + +<tr><td><a href="#An_Adelbert">An Adelbert von Chamisso</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_78">78</a></td></tr> +</table> + + +<p class="ad1">Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig.</p> +<p class="ad2">Adelbert von Chamissos</p> +<p class="ad3">Sämtliche Werke</p> +<p class="ad4">in vier Bänden.<br /> +<b>Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte.</b><br /> +Herausgegeben und eingeleitet von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Ludwig Geiger.<br /> +Mit zwei Bildnissen des Dichters.<br /> +</p> + +<p class="center"><b>Inhalt:</b></p> + +<div class="column"> +<span class="column1"> +<b>1. Band.</b> Biographische Einleitung. +– Der Dichter. – Lieder +und lyrisch-epische Gedichte. +<br /> +<b>2. Band.</b> Sonette und Terzinen. +– Gelegenheitsgedichte. – Erste +Nachlese zu den Gedichten. – Zweite +Nachlese zu allen Abteilungen. – +In dramatischer Form. – +</span> +<span class="column2"> +Übersetzungen. +– Adelberts Fabel. – +Peter Schlemihls wundersame Geschichte.<br /> +<b>3. Band.</b> Reise um die Welt. +1. Teil: Tagebuch. +<br /> +<b>4. Band.</b> Reise um die Welt. +2. Teil: Anhang. – Bemerkungen +und Ansichten.</span> + +<p class="columnfoot"><b>Preis geheftet Mk. 2.–. In 2 modernen biegsamen Ganzleinenbänden +Mk. 2.50. In 2 biegsamen Lederbänden mit Goldschnitt Mk. 6.–.</b></p> +</div> + +<hr class="hr33" /> + + +<p class="ad3"><b>Adelbert von Chamissos</b><br /> +poetische und erzählende Werke.</p> + +<p class="ad4">Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte.<br /> +Herausgegeben und eingeleitet von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Ludwig Geiger.<br /> +Mit Chamissos Bildnis.<br /> +In 1 modernen biegsamen Ganzleinenband Mk. 1.25.</p> + +<hr class="hr80" /> + +<p class="center"><span class="ad3"><b>Gedichte</b></span> <b>von</b> +<span class="ad3"><b>Adelbert von Chamisso.</b> +</span></p> + +<p class="ad4">Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 314-317. Geh. 80 Pf., geb. M. 1.20.<br /> +In Lederband mit Goldschnitt M. 2.–.</p> + +<hr class="hr33" /> + +<p class="ad3"><b>Peter Schlemihls wundersame Geschichte.</b></p> + +<p class="ad4">Mitgeteilt von Adelbert von Chamisso.<br /> +Univ.-Bibliothek Nr. 93. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf.</p> + +<hr class="hr33" /> + +<p class="ad3"><b>Adelbert von Chamissos Biographie</b></p> + +<p class="ad4">von Ludwig Geiger.<br /> +Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 4951. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf.</p> + + + +<div class="footnotes"> +<p class="center"><b>Fußnoten:</b></p> + +<p class="footnote"><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a> +<a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a> +Das hier erwähnte Bild befand sich bei den ersten Ausgaben +des Schlemihl.</p> + +<p class="footnote"><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a> +<a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a> +Phantasiestücke in Callots Manier, im letzten Teil. Vgl. auch: +Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß. Bd. <em class="antiqua">II</em>, S. 112.</p> + +<p class="footnote"><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a> +<a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a> +Die zweite Ausgabe des Peter Schlemihl hatte einen Anhang +von Liedern und Balladen des Dichters, worauf sich dies +<ins class="correction" title="Punkt ergänzt">bezog.</ins></p> +</div> + +<div class="note"> +<p><b>Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</b></p> +<ul> +<li>Fußnote [3]: worauf sich dies bezog. --> Satzschlusszeichen (Punkt) ergänzt.</li> +<li><a href="#Page_21">Seite 21:</a> Ich gedachte mit Grauen des fürcherlichen --> +fürchterlichen</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Peter Schlemihl's wundersame Geschichte, by +Adelbert von Chamisso + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL *** + +***** This file should be named 31538-h.htm or 31538-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/5/3/31538/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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