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+The Project Gutenberg EBook of Peter Schlemihl's wundersame Geschichte, by
+Adelbert von Chamisso
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Peter Schlemihl's wundersame Geschichte
+
+Author: Adelbert von Chamisso
+
+Release Date: March 7, 2010 [EBook #31538]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net.
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+
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+
+
+ Peter Schlemihls
+
+ wundersame Geschichte.
+
+ Mitgeteilt
+
+ von
+
+ Adelbert von Chamisso.
+
+
+
+ Leipzig
+
+ Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+
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+ * * * * *
+
+
+An meinen alten Freund Peter Schlemihl.
+
+
+ Da fällt nun deine Schrift nach vielen Jahren
+ Mir wieder in die Hand, und -- wundersam! --
+ Der Zeit gedenk' ich, wo wir Freunde waren,
+ Als erst die Welt uns in die Schule nahm.
+ Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren,
+ Ich überwinde schon die falsche Scham,
+ Ich will mich deinen Freund wie eh'mals nennen
+ Und mich als solchen vor der Welt bekennen.
+
+ Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue
+ Mir nicht, wie dir, so übel mitgespielt;
+ Gestrebet hab' ich und gehofft ins Blaue,
+ Und gar am Ende wenig nur erzielt;
+ Doch schwerlich wird berühmen sich der Graue,
+ Daß er mich jemals fest am Schatten hielt;
+ Den Schatten hab' ich, der mir angeboren,
+ Ich habe meinen Schatten nie verloren.
+
+ Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind,
+ Der Hohn, den sie für deine Blöße hatten. --
+ Ob wir einander denn so ähnlich sind?! --
+ Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten?
+ Und zeigt' ich den, so stellten sie sich blind
+ Und konnten gar zu lachen nicht ermatten.
+ Was hilft es denn! man trägt es in Geduld,
+ Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld.
+
+ Und was ist denn der Schatten? möcht' ich fragen,
+ Wie man so oft mich selber schon gefragt,
+ So überschwenglich hoch es anzuschlagen,
+ Wie sich die arge Welt es nicht versagt?
+ Das gibt sich schon nach neunzehntausend Tagen,
+ Die, Weisheit bringend, über uns getagt;
+ Die wir dem Schatten _Wesen_ sonst verliehen,
+ Sehn Wesen jetzt als _Schatten_ sich verziehen.
+
+ Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl,
+ Wir schreiten zu und lassen es beim alten;
+ Wir kümmern uns um alle Welt nicht viel,
+ Es desto fester mit uns selbst zu halten;
+ Wir gleiten so schon näher unserm Ziel,
+ Ob jene lachten, ob die andern schalten,
+ Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen
+ Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen.
+
+ _Berlin_, August 1834.
+
+
+
+
+An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso.
+
+
+Du vergissest niemanden, du wirst dich noch eines gewissen _Peter
+Schlemihls_ erinnern, den du in früheren Jahren ein paarmal bei mir
+gesehen hast, ein langbeiniger Bursch', den man ungeschickt glaubte,
+weil er linkisch war, und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich
+hatte ihn lieb -- du kannst nicht vergessen haben, _Eduard_, wie er uns
+einmal in unsrer grünen Zeit durch die Sonette lief, ich brachte ihn mit
+auf einen der poetischen Tees, wo er mir noch während des Schreibens
+einschlief, ohne das Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines
+Witzes, den du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon, Gott weiß
+wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka gesehen, die er freilich
+damals noch immer trug, und sagtest: »Der ganze Kerl wäre glücklich zu
+schätzen, wenn seine Seele nur halb so unsterblich wäre, als seine
+Kurtka.« -- So wenig galt er bei euch. -- Ich hatte ihn lieb. -- Von
+diesem _Schlemihl_ nun, den ich seit langen Jahren aus dem Gesicht
+verloren hatte, rührt das Heft her, das ich dir mitteilen will. -- Dir
+nur, _Eduard_, meinem nächsten, innigsten Freunde, meinem beßren Ich, vor
+dem ich kein Geheimnis verwahren kann, teil' ich es mit, nur dir und, es
+versteht sich von selbst, unserm _Fouqué_, gleich dir in meiner Seele
+eingewurzelt -- aber in ihm teil' ich es bloß dem Freunde mit, nicht dem
+Dichter. -- Ihr werdet einsehen, wie unangenehm es mir sein würde, wenn
+etwa die Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine
+Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in einem
+Dichterwerke an den Pranger geheftet würde, oder nur wenn überhaupt
+unheilig verfahren würde, wie mit einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit
+einer Sache, die das nicht ist und sein darf. Freilich muß ich selbst
+gestehen, daß es um die Geschichte schad' ist, die unter des guten
+Mannes Feder nur albern geworden, daß sie nicht von einer geschickteren
+fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft dargestellt werden kann. --
+Was würde nicht _Jean Paul_ daraus gemacht haben! -- Übrigens, lieber
+Freund, mögen hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will
+beachtet sein. --
+
+Noch ein Wort über die Art, wie diese Blätter an mich gelangt sind.
+Gestern früh bei meinem Erwachen gab man sie mir ab -- ein wunderlicher
+Mann, der einen langen grauen Bart trug, eine ganz abgenützte schwarze
+Kurtka anhatte, eine botanische Kapsel darüber umgehangen, und bei dem
+feuchten, regnichten Wetter Pantoffeln über seine Stiefel, hatte sich
+nach mir erkundigt und dieses für mich hinterlassen; er hatte aus Berlin
+zu kommen vorgegeben. -- -- --
+
+ _Kunersdorf_, den 27. September 1813.
+
+ _Adelbert von Chamisso_.
+
+#P. S.# Ich lege dir eine Zeichnung bei, die der kunstreiche _Leopold_, der
+eben an seinem Fenster stand, von der auffallenden Erscheinung entworfen
+hat. Als er den Wert, den ich auf diese Skizze legte, gesehen hat, hat
+er sie mir gerne geschenkt.[1]
+
+
+
+
+An Ebendenselben von Fouqué.
+
+
+Bewahren, _lieber Eduard_, sollen wir die Geschichte des armen _Schlemihl_,
+dergestalt bewahren, daß sie vor Augen, die nicht hineinzusehen haben,
+beschirmt bleibe. Das ist eine schlimme Aufgabe. Es gibt solcher Augen
+eine ganze Menge, und welcher Sterbliche kann die Schicksale eines
+Manuskriptes bestimmen, eines Dinges, das beinah noch schlimmer zu hüten
+ist als ein gesprochenes Wort. Da mach' ich's denn wie ein
+Schwindelnder, der in der Angst lieber gleich in den Abgrund springt:
+ich lasse die ganze Geschichte drucken.
+
+Und doch, _Eduard_, es gibt ernstere und bessere Gründe für mein Benehmen.
+Es trügt mich alles oder in unserm lieben Deutschland schlagen der
+Herzen viel, die den armen _Schlemihl_ zu verstehen fähig sind und auch
+wert, und über manch eines echten Landsmannes Gesicht wird bei dem
+herben Scherz, den das Leben mit ihm, und bei dem arglosen, den er mit
+sich selbst treibt, ein gerührtes Lächeln ziehn. Und du, mein _Eduard_,
+wenn du das grundehrliche Buch ansiehst und dabei denkst, daß viele
+unbekannte Herzensverwandte es mit uns lieben lernen, fühlst auch
+vielleicht einen Balsamtropfen in die heiße Wunde fallen, die dir und
+allen, die dich lieben, der Tod geschlagen hat.
+
+Und endlich: es gibt -- ich habe mich durch mannigfache Erfahrung davon
+überzeugt -- es gibt für die gedruckten Bücher einen Genius, der sie in
+die rechten Hände bringt und, wenn nicht immer, doch sehr oft die
+unrechten davon abhält. Auf allen Fall hat er ein unsichtbares
+Vorhängschloß vor jedwedem echten Geistes- und Gemütswerke und weiß mit
+einer ganz untrüglichen Geschicklichkeit auf- und zuzuschließen.
+
+Diesem Genius, mein sehr lieber _Schlemihl_, vertraue ich dein Lächeln und
+deine Tränen an, und somit Gott befohlen!
+
+ _Nennhausen_, Ende Mai 1814.
+
+ _Fouqué_.
+
+
+
+
+An Fouqué von Hitzig.
+
+
+Da haben wir denn nun die Folgen deines verzweifelten Entschlusses, die
+Schlemihlshistorie, die wir als ein bloß _uns_ anvertrautes Geheimnis
+bewahren sollten, drucken zu lassen, daß sie nicht allein Franzosen und
+Engländer, Holländer und Spanier übersetzt, Amerikaner aber den
+Engländern nachgedruckt, wie ich dies alles in meinem gelehrten Berlin
+des breiteren gemeldet; sondern daß auch für unser liebes Deutschland
+eine neue Ausgabe, mit den Zeichnungen der englischen, die der berühmte
+_Cruikshank_ nach dem Leben entworfen, veranstaltet wird, wodurch die
+Sache unstreitig noch viel mehr herumkommt. Hielte ich dich nicht für
+dein eigenmächtiges Verfahren (denn mir hast du 1814 ja kein Wort von
+der Herausgabe des Manuskripts gesagt) hinlänglich dadurch bestraft, daß
+unser _Chamisso_ bei seiner Weltumsegelei, in den Jahren 1815 bis 1818,
+sich gewiß in Chili und Kamtschatka und wohl gar bei seinem Freunde, dem
+seligen _Tameiamaia_ auf O-Wahu, darüber beklagt haben wird, so fordere
+ich noch jetzt öffentlich Rechenschaft darüber von dir.
+
+Indes -- auch hievon abgesehn -- geschehn ist geschehn und recht hast du
+auch darin gehabt, daß viele, viele Befreundete in den dreizehn
+verhängnisvollen Jahren, seit es das Licht der Welt erblickte, das
+Büchlein mit uns liebgewonnen. Nie werde ich die Stunde vergessen, in
+der ich es _Hoffmann_ zuerst vorlas. Außer sich vor Vergnügen und
+Spannung, hing er an meinen Lippen, bis ich vollendet hatte; nicht
+erwarten konnte er, die persönliche Bekanntschaft des Dichters zu machen
+und, sonst jeder Nachahmung so abhold, widerstand er doch der Versuchung
+nicht, die Idee des verlornen Schattens in seiner Erzählung: Die
+Abenteuer der Silvesternacht,[2] durch das verlorne Spiegelbild des
+Erasmus Spikher, ziemlich unglücklich zu variieren. Ja -- unter die
+Kinder hat sich unsre wundersame Historie ihre Bahn zu brechen gewußt;
+denn als ich einst, an einem hellen Winterabend, mit ihrem Erzähler die
+Burgstraße hinaufging und er einen über ihn lachenden, auf der
+Glitschbahn beschäftigten Jungen unter seinen dir wohlbekannten
+Bärenmantel nahm und fortschleppte, hielt dieser ganz stille; da er aber
+wieder auf den Boden niedergesetzt war und in gehöriger Ferne von den,
+als ob nichts geschehen wäre, Weitergegangenen, rief er mit lauter
+Stimme seinem Räuber nach: »Warte nur, Peter Schlemihl!«
+
+So, denke ich, wird der ehrliche Kauz auch in seinem neuen, zierlichen
+Gewande viele erfreuen, die ihn in der einfachen Kurtka von 1814 nicht
+gesehen; diesen und jenen aber es außerdem noch überraschend sein, in
+dem botanisierenden, weltumschiffenden, ehemals wohlbestallten königlich
+preußischen Offizier, auch Historiographen des berühmten Peter
+Schlemihl, nebenher einen Lyriker kennen zu lernen,[3] der, er möge
+malaiische oder litauische Weisen anstimmen, überall dartut, daß er das
+poetische Herz auf der rechten Stelle hat.
+
+Darum, lieber Fouqué, sei dir am Ende denn doch noch herzlich gedankt
+für die Veranstaltung der ersten Ausgabe, und empfange mit unsern
+Freunden meinen Glückwunsch zu dieser zweiten.
+
+ _Berlin_, im Januar 1827.
+
+ _Eduard Hitzig_.
+
+
+ Fußnoten:
+
+ [1] Das hier erwähnte Bild befand sich bei den ersten Ausgaben des
+ Schlemihl.
+
+ [2] Phantasiestücke in Callots Manier, im letzten Teil. Vgl. auch:
+ Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß. Bd. #II#, S. 112.
+
+ [3] Die zweite Ausgabe des Peter Schlemihl hatte einen Anhang von
+ Liedern und Balladen des Dichters, worauf sich dies bezog.
+
+
+
+Peter Schlemihls wundersame Geschichte.
+
+1.
+
+
+Nach einer glücklichen, jedoch für mich sehr beschwerlichen Seefahrt
+erreichten wir endlich den Hafen. Sobald ich mit dem Boote ans Land kam,
+belud ich mich selbst mit meiner kleinen Habseligkeit, und durch das
+wimmelnde Volk mich drängend, ging ich in das nächste, geringste Haus
+hinein, vor welchem ich ein Schild hängen sah. Ich begehrte ein Zimmer,
+der Hausknecht maß mich mit einem Blick und führte mich unters Dach. Ich
+ließ mir frisches Wasser geben und genau beschreiben, wo ich den Herrn
+_Thomas John_ aufzusuchen habe: -- »Vor dem Nordertor, das erste Landhaus
+zur rechten Hand, ein großes, neues Haus, von rot und weißem Marmor mit
+vielen Säulen.« Gut. -- Es war noch früh an der Zeit, ich schnürte
+sogleich mein Bündel auf, nahm meinen neu gewandten schwarzen Rock
+heraus, zog mich reinlich an in meine besten Kleider, steckte das
+Empfehlungsschreiben zu mir, und setzte mich alsbald auf den Weg zu dem
+Manne, der mir bei meinen bescheidenen Hoffnungen förderlich sein
+sollte.
+
+Nachdem ich die lange Norderstraße hinaufgestiegen und das Tor erreicht,
+sah ich bald die Säulen durch das Grüne schimmern -- also hier, dacht'
+ich. Ich wischte den Staub von meinen Füßen mit meinem Schnupftuch ab,
+setzte mein Halstuch in Ordnung, und zog in Gottes Namen die Klingel.
+Die Tür sprang auf. Auf dem Flur hatt' ich ein Verhör zu bestehn, der
+Portier ließ mich aber anmelden, und ich hatte die Ehre, in den Park
+gerufen zu werden, wo Herr _John_ mit einer kleinen Gesellschaft sich
+erging. Ich erkannte gleich den Mann am Glanze seiner wohlbeleibten
+Selbstzufriedenheit. Er empfing mich sehr gut, wie ein Reicher einen
+armen Teufel, wandte sich sogar gegen mich, ohne sich jedoch von der
+übrigen Gesellschaft abzuwenden, und nahm mir den dargehaltenen Brief
+aus der Hand. -- »So, so! von meinem Bruder, ich habe lange nichts von
+ihm gehört. Er ist doch gesund? -- Dort,« fuhr er gegen die Gesellschaft
+fort, ohne die Antwort zu erwarten, und wies mit dem Brief auf einen
+Hügel, »dort lasse ich das neue Gebäude aufführen.« Er brach das Siegel
+auf und das Gespräch nicht ab, das sich auf den Reichtum lenkte. »Wer
+nicht Herr ist wenigstens einer Million,« warf er hinein, »der ist, man
+verzeihe mir das Wort, ein Schuft!« -- »O wie wahr!« rief ich aus mit
+vollem überströmenden Gefühl. Das mußte ihm gefallen, er lächelte mich
+an und sagte: »Bleiben Sie hier, lieber Freund, nachher hab' ich
+vielleicht Zeit, Ihnen zu sagen, was ich hiezu denke,« er deutete auf
+den Brief, den er sodann einsteckte, und wandte sich wieder zu der
+Gesellschaft. -- Er bot einer jungen Dame den Arm, andre Herren bemühten
+sich um andre Schönen, es fand sich, was sich paßte, und man wallte dem
+rosenumblühten Hügel zu.
+
+Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen, denn keine
+Seele bekümmerte sich weiter um mich. Die Gesellschaft war sehr
+aufgeräumt, es ward getändelt und gescherzt, man sprach zuweilen von
+leichtsinnigen Dingen wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig, und
+gemächlich erging besonders der Witz über abwesende Freunde und deren
+Verhältnisse. Ich war da zu fremd, um von alledem vieles zu verstehen,
+zu bekümmert und in mich gekehrt, um den Sinn auf solche Rätsel zu
+haben.
+
+Wir hatten den Rosenhain erreicht. Die schöne _Fanny_, wie es schien die
+Herrin des Tages, wollte aus Eigensinn einen blühenden Zweig selbst
+brechen, sie verletzte sich an einem Dorn, und wie von den dunklen
+Rosen, floß Purpur auf ihre zarte Hand. Dieses Ereignis brachte die
+ganze Gesellschaft in Bewegung. Es wurde englisch Pflaster gesucht. Ein
+stiller, dünner, hagerer, länglichter, ältlicher Mann, der neben
+mitging, und den ich noch nicht bemerkt hatte, steckte sogleich die Hand
+in die knapp anliegende Schoßtasche seines altfränkischen, grautaftenen
+Rockes, brachte eine kleine Brieftasche daraus hervor, öffnete sie und
+reichte der Dame mit devoter Verbeugung das Verlangte. Sie empfing es
+ohne Aufmerksamkeit für den Geber und ohne Dank, die Wunde ward
+verbunden, und man ging weiter den Hügel hinan, von dessen Rücken man
+die weite Aussicht über das grüne Labyrinth des Parkes nach dem
+unermeßlichen Ozean genießen wollte.
+
+Der Anblick war wirklich groß und herrlich. Ein lichter Punkt erschien
+am Horizont zwischen der dunklen Flut und der Bläue des Himmels. »Ein
+Fernrohr her!« rief _John_, und noch bevor das auf den Ruf erscheinende
+Dienervolk in Bewegung kam, hatte der graue Mann, bescheiden sich
+verneigend, die Hand schon in die Rocktasche gesteckt, daraus einen
+schönen Dollond hervorgezogen und es dem Herrn _John_ eingehändigt.
+Dieser, es sogleich an das Aug' bringend, benachrichtigte die
+Gesellschaft, es sei das Schiff, das gestern ausgelaufen, und das
+widrige Winde im Angesicht des Hafens zurückhielten. Das Fernrohr ging
+von Hand zu Hand, und nicht wieder in die des Eigentümers; ich aber sah
+verwundert den Mann an, und wußte nicht, wie die große Maschine aus der
+winzigen Tasche herausgekommen war; es schien aber niemandem aufgefallen
+zu sein, und man bekümmerte sich nicht mehr um den grauen Mann, als um
+mich selber.
+
+Erfrischungen wurden gereicht, das seltenste Obst aller Zonen in den
+kostbarsten Gefäßen. Herr _John_ machte die Honneurs mit leichtem Anstand
+und richtete da zum zweitenmal ein Wort an mich: »Essen Sie nur; das
+haben Sie auf der See nicht gehabt.« Ich verbeugte mich, aber er sah es
+nicht, er sprach schon mit jemand anderm.
+
+Man hätte sich gern auf den Rasen, am Abhange des Hügels, der
+ausgespannten Landschaft gegenüber gelagert, hätte man die Feuchtigkeit
+der Erde nicht gescheut. Es wäre göttlich, meinte wer aus der
+Gesellschaft, wenn man türkische Teppiche hätte, sie hier auszubreiten.
+Der Wunsch war nicht sobald ausgesprochen, als schon der Mann im grauen
+Rock die Hand in der Tasche hatte, und mit bescheidener, ja demütiger
+Gebärde einen reichen, golddurchwirkten türkischen Teppich daraus zu
+ziehen bemüht war. Bediente nahmen ihn in Empfang, als müsse es so sein,
+und entfalteten ihn am begehrten Orte. Die Gesellschaft nahm ohne
+Umstände Platz darauf; ich wiederum sah betroffen den Mann, die Tasche,
+den Teppich an, der über zwanzig Schritte in der Länge und zehn in der
+Breite maß, und rieb mir die Augen, nicht wissend, was ich dazu denken
+sollte, besonders da niemand etwas Merkwürdiges darin fand.
+
+Ich hätte gern Aufschluß über den Mann gehabt und gefragt, wer er sei,
+nur wußt' ich nicht, an wen ich mich richten sollte, denn ich fürchtete
+mich fast noch mehr vor den Herren Bedienten, als vor den bedienten
+Herren. Ich faßte endlich ein Herz, und trat an einen jungen Mann heran,
+der mir von minderem Ansehen schien, als die andern, und der öfter
+allein gestanden hatte. Ich bat ihn leise, mir zu sagen, wer der
+gefällige Mann sei dort im grauen Kleide. -- »Dieser, der wie ein Ende
+Zwirn aussieht, der einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist?« --
+»Ja, der allein steht.« -- »Den kenn' ich nicht,« gab er mir zur
+Antwort, und, wie es schien, eine längere Unterhaltung mit mir zu
+vermeiden, wandt' er sich weg und sprach von gleichgültigen Dingen mit
+einem andern.
+
+Die Sonne fing jetzt stärker zu scheinen an und ward den Damen
+beschwerlich; die schöne _Fanny_ richtete nachlässig an den grauen Mann,
+den, soviel ich weiß, noch niemand angeredet hatte, die leichtsinnige
+Frage: ob er nicht auch vielleicht ein Zelt bei sich habe? Er
+beantwortete sie durch eine so tiefe Verbeugung, als widerführe ihm eine
+unverdiente Ehre, und hatte schon die Hand in der Tasche, aus der ich
+Zeuge, Stangen, Schnüre, Eisenwerk, kurz alles, was zu dem
+prachtvollsten Lustzelt gehört, herauskommen sah. Die jungen Herren
+halfen es ausspannen, und es überhing die ganze Ausdehnung des Teppichs
+-- und keiner fand noch etwas Außerordentliches darin. --
+
+Mir war schon lange unheimlich, ja graulich zumute, wie ward mir
+vollends, als beim nächst ausgesprochenen Wunsch ich ihn noch aus seiner
+Tasche drei Reitpferde, ich sage dir, drei schöne, große Rappen mit
+Sattel und Zeug herausziehen sah! -- denke dir, um Gottes willen! drei
+gesattelte Pferde noch aus derselben Tasche, woraus schon eine
+Brieftasche, ein Fernrohr, ein gewirkter Teppich, zwanzig Schritte lang
+und zehn breit, ein Lustzelt von derselben Größe, und alle dazu
+gehörigen Stangen und Eisen herausgekommen waren! -- Wenn ich dir nicht
+beteuerte, es selbst mit eignen Augen angesehen zu haben, würdest du es
+gewiß nicht glauben. --
+
+So verlegen und demütig der Mann selbst zu sein schien, so wenig
+Aufmerksamkeit ihm auch die andern schenkten, so ward mir doch seine
+blasse Erscheinung, von der ich kein Auge abwenden konnte, so
+schauerlich, daß ich sie nicht länger ertragen konnte.
+
+Ich beschloß, mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was bei der
+unbedeutenden Rolle, die ich darinnen spielte, mir ein leichtes schien.
+Ich wollte nach der Stadt zurückkehren, am andern Morgen mein Glück beim
+Herrn John wieder versuchen und, wenn ich den Mut dazu fände, ihn über
+denselben grauen Mann befragen. -- Wäre es mir nur so zu entkommen
+geglückt!
+
+Ich hatte mich schon wirklich durch den Rosenhain, den Hügel hinab,
+glücklich geschlichen, und befand mich auf einem freien Rasenplatz, als
+ich aus Furcht, außer den Wegen durchs Gras gehend angetroffen zu
+werden, einen forschenden Blick um mich warf. -- Wie erschrak ich, als
+ich den Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zu kommen sah.
+Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und verneigte sich so tief, als
+noch niemand vor mir getan hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich
+anreden, und ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. Ich nahm
+den Hut auch ab, verneigte mich wieder, und stand da in der Sonne mit
+bloßem Haupt wie angewurzelt. Ich sah ihn voller Furcht stier an und war
+wie ein Vogel, den eine Schlange gebannt hat. Er selber schien sehr
+verlegen zu sein; er hob den Blick nicht auf, verbeugte sich zu
+verschiedenen Malen, trat näher und redete mich an mit leiser,
+unsicherer Stimme, ungefähr im Tone eines Bettelnden.
+
+»Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen, wenn ich es wage,
+ihn so unbekannterweise aufzusuchen, ich habe eine Bitte an ihn.
+Vergönnen Sie gnädigst --« -- »Aber um Gottes willen, mein Herr!« brach
+ich in meiner Angst aus, »was kann ich für einen Mann tun, der --« wir
+stutzten beide, und wurden, wie mir deucht, rot.
+
+Er nahm nach einem Augenblick des Schweigens wieder das Wort: »Während
+der kurzen Zeit, wo ich das Glück genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden,
+hab' ich, mein Herr, einigemal -- erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage --
+wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen, schönen Schatten
+betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer
+gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich
+werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen. Verzeihen Sie mir die
+freilich kühne Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden,
+mir diesen Ihren Schatten zu überlassen?«
+
+Er schwieg und mir ging's wie ein Mühlrad im Kopfe herum. Was sollt' ich
+aus dem seltsamen Antrag machen, mir meinen Schatten abzukaufen? er muß
+verrückt sein, dacht' ich, und mit verändertem Tone, der zu der Demut
+des seinigen besser paßte, erwiderte ich also:
+
+»Ei, ei! guter Freund, habt Ihr denn nicht an Eurem eignen Schatten
+genug? das heiß' ich mir einen Handel von einer ganz absonderlichen
+Sorte.« Er fiel sogleich wieder ein: »Ich hab' in meiner Tasche manches,
+was dem Herrn nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen
+unschätzbaren Schatten halt' ich den höchsten Preis zu gering.«
+
+Nun überfiel es mich wieder kalt, da ich an die Tasche erinnert ward,
+und ich wußte nicht, wie ich ihn hatte guter Freund nennen können. Ich
+nahm wieder das Wort und suchte es, wo möglich, mit unendlicher
+Höflichkeit wieder gut zu machen.
+
+»Aber, mein Herr, verzeihen Sie Ihrem untertänigsten Knecht. Ich
+verstehe wohl Ihre Meinung nicht ganz gut, wie könnt' ich nur meinen
+Schatten -- --« Er unterbrach mich: »Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis,
+hier auf der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu dürfen und zu mir
+zu stecken; wie ich das mache, sei meine Sorge. Dagegen als Beweis
+meiner Erkenntlichkeit gegen den Herrn, überlasse ich ihm die Wahl unter
+allen Kleinodien, die ich in der Tasche bei mir führe: die echte
+Springwurzel, die Alraunwurzel, Wechselpfennige, Raubtaler, das
+Tellertuch von Rolands Knappen, ein Galgenmännlein zu beliebigem Preis;
+doch, das wird wohl nichts für Sie sein: besser, Fortunati
+Wünschhütlein, neu und haltbar wieder restauriert: auch ein
+Glückssäckel, wie der seine gewesen.« -- »Fortunati Glücksseckel,« fiel
+ich ihm in die Rede, und wie groß meine Angst auch war, hatte er mit dem
+einen Wort meinen ganzen Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel und es
+flimmerte mir wie doppelte Dukaten vor den Augen. --
+
+»Belieben gnädigst der Herr diesen Säckel zu besichtigen und zu
+erproben.« Er steckte die Hand in die Tasche und zog einen mäßig großen,
+festgenähten Beutel, von starkem Korduanleder, an zwei tüchtigen
+ledernen Schnüren heraus und händigte mir selbigen ein. Ich griff hinein
+und zog zehn Goldstücke daraus, und wieder zehn, und wieder zehn, und
+wieder zehn; ich hielt ihm schnell die Hand hin: »Topp! der Handel gilt,
+für den Beutel haben Sie meinen Schatten.« Er schlug ein, kniete dann
+ungesäumt vor mir nieder, und mit einer bewundernswürdigen
+Geschicklichkeit sah ich ihn meinen Schatten, vom Kopf bis zu meinen
+Füßen, leise von dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten,
+und zuletzt einstecken. Er stand auf, verbeugte sich noch einmal vor
+mir, und zog sich nach dem Rosengebüsche zurück. Mich dünkt', ich hörte
+ihn da leise für sich lachen. Ich aber hielt den Beutel bei den Schnüren
+fest, rund um mich her war die Erde sonnenhell, und in mir war noch
+keine Besinnung.
+
+
+2.
+
+Ich kam endlich wieder zu Sinnen und eilte, diesen Ort zu verlassen, wo
+ich hoffentlich nichts mehr zu tun hatte. Ich füllte erst meine Taschen
+mit Gold, dann band ich mir die Schnüre des Beutels um den Hals fest und
+verbarg ihn selbst auf meiner Brust. Ich kam unbeachtet aus dem Park,
+erreichte die Landstraße und nahm meinen Weg nach der Stadt. Wie ich in
+Gedanken dem Tore zu ging, hört' ich hinter mir schreien: »Junger Herr!
+he! junger Herr! hören Sie doch!« -- Ich sah mich um, ein altes Weib
+rief mir nach: »Sehe sich der Herr doch vor, Sie haben Ihren Schatten
+verloren.« -- »Danke, Mütterchen!« -- ich warf ihr ein Goldstück für den
+wohlgemeinten Rat hin, und trat unter die Bäume.
+
+Am Tore mußt' ich gleich wieder von der Schildwacht hören: »Wo hat der
+Herr seinen Schatten gelassen?« und gleich wieder darauf von ein paar
+Frauen: »Jesus Maria! der arme Mensch hat keinen Schatten!« Das fing an
+mich zu verdrießen, und ich vermied sehr sorgfältig, in die Sonne zu
+treten. Das ging aber nicht überall an, zum Beispiel nicht über die
+Breitestraße, die ich zunächst durchkreuzen mußte, und zwar, zu meinem
+Unheil, in eben der Stunde, wo die Knaben aus der Schule gingen. Ein
+verdammter buckeliger Schlingel, ich seh' ihn noch, hatte es gleich weg,
+daß mir ein Schatten fehle. Er verriet mich mit großem Geschrei der
+sämtlichen literarischen Straßenjugend der Vorstadt, welche sofort mich
+zu rezensieren und mit Kot zu bewerfen anfing. »Ordentliche Leute
+pflegten ihren Schatten mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne
+gingen.« Um sie von mir abzuwehren, warf ich Gold zu vollen Händen unter
+sie und sprang in einen Mietswagen, zu dem mir mitleidige Seelen
+verhalfen.
+
+Sobald ich mich in der rollenden Kutsche allein fand, fing ich
+bitterlich an zu weinen. Es mußte schon die Ahnung in mir aufsteigen,
+daß, um so viel das Gold auf Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so
+viel der Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde; und wie ich
+früher den Reichtum meinem Gewissen aufgeopfert, hatte ich jetzt den
+Schatten für bloßes Gold hingegeben; was konnte, was sollte auf Erden
+aus mir werden!
+
+Ich war noch sehr verstört, als der Wagen vor meinem alten Wirtshause
+hielt; ich erschrak über die Vorstellung, nur noch jenes schlechte
+Dachzimmer zu betreten. Ich ließ mir meine Sachen herabholen, empfing
+den ärmlichen Bündel mit Verachtung, warf einige Goldstücke hin und
+befahl, vor das vornehmste Hotel vorzufahren. Das Haus war gegen Norden
+gelegen, ich hatte die Sonne nicht zu fürchten. Ich schickte den
+Kutscher mit Gold weg, ließ mir die besten Zimmer vornheraus anweisen
+und verschloß mich darin, sobald ich konnte.
+
+Was denkst du, daß ich nun anfing! -- O mein lieber _Chamisso_, selbst vor
+dir es zu gestehen, macht mich erröten. Ich zog den unglücklichen Säckel
+aus meiner Brust hervor, und mit einer Art Wut, die, wie eine flackernde
+Feuersbrunst, sich in mir durch sich selbst mehrte, zog ich Gold daraus,
+und Gold, und Gold, und immer mehr Gold, und streute es auf den Estrich,
+und schritt darüber hin, und ließ es klirren, und warf, mein armes Herz
+an dem Glanze, an dem Klange weidend, immer des Metalles mehr zu dem
+Metalle, bis ich ermüdet selbst auf das reiche Lager sank und schwelgend
+darin wühlte, mich darüber wälzte. So verging der Tag, der Abend, ich
+schloß meine Türe nicht auf, die Nacht fand mich liegend auf dem Golde,
+und darauf übermannte mich der Schlaf.
+
+Da träumt' es mir von dir, es ward mir, als stünde ich hinter der
+Glastür deines kleinen Zimmers und sähe dich von da an deinem
+Arbeitstische zwischen einem Skelett und einem Bunde getrockneter
+Pflanzen sitzen, vor dir waren Haller, Humboldt und Linné aufgeschlagen,
+auf deinem Sofa lagen ein Band Goethe und der Zauberring, ich
+betrachtete dich lange und jedes Ding in deiner Stube, und dann dich
+wieder, du rührtest dich aber nicht, du holtest auch nicht Atem, du
+warst tot.
+
+Ich erwachte. Es schien noch sehr früh zu sein. Meine Uhr stand. Ich war
+wie zerschlagen, durstig und hungrig auch noch; ich hatte seit dem
+vorigen Morgen nichts gegessen. Ich stieß von mir mit Unwillen und
+Überdruß dieses Gold, an dem ich kurz vorher mein törichtes Herz
+gesättigt; nun wußt' ich verdrießlich nicht, was ich damit anfangen
+sollte. Es durfte nicht so liegen bleiben -- ich versuchte, ob es der
+Beutel wieder verschlingen wollte -- nein. Keines meiner Fenster öffnete
+sich über die See. Ich mußte mich bequemen, es mühsam und mit sauerm
+Schweiß zu einem großen Schrank, der in einem Kabinett stand, zu
+schleppen, und es darin zu verpacken. Ich ließ nur einige Handvoll da
+liegen. Nachdem ich mit der Arbeit fertig geworden, legt' ich mich
+erschöpft in einen Lehnstuhl und erwartete, daß sich Leute im Hause zu
+regen anfingen. Ich ließ, sobald es möglich war, zu essen bringen und
+den Wirt zu mir kommen.
+
+Ich besprach mit diesem Manne die künftige Einrichtung meines Hauses. Er
+empfahl mir für den näheren Dienst um meine Person einen gewissen
+_Bendel_, dessen treue und verständige Physiognomie mich gleich gewann.
+Derselbe war's, dessen Anhänglichkeit mich seither tröstend durch das
+Elend des Lebens begleitete und mir mein düsteres Los ertragen half. Ich
+brachte den ganzen Tag auf meinen Zimmern mit herrenlosen Knechten,
+Schustern, Schneidern und Kaufleuten zu, ich richtete mich ein und
+kaufte besonders sehr viel Kostbarkeiten und Edelsteine, um nur etwas
+des vielen aufgespeicherten Goldes los zu werden; es schien aber gar
+nicht, als könne der Haufen sich vermindern.
+
+Ich schwebte indes über meinen Zustand in den ängstigendsten Zweifeln.
+Ich wagte keinen Schritt aus meiner Tür und ließ abends vierzig
+Wachskerzen in meinem Saal anzünden, bevor ich aus dem Dunkel herauskam.
+Ich gedachte mit Grauen des fürchterlichen Auftrittes mit den
+Schulknaben. Ich beschloß, soviel Mut ich auch dazu bedurfte, die
+öffentliche Meinung noch einmal zu prüfen. -- Die Nächte waren zu der
+Zeit mondhell. Abends spät warf ich einen weiten Mantel um, drückte mir
+den Hut tief in die Augen und schlich, zitternd wie ein Verbrecher, aus
+dem Hause. Erst auf einem entlegenen Platz trat ich aus dem Schatten der
+Häuser, in deren Schutz ich so weit gekommen war, an das Mondlicht
+hervor, gefaßt, mein Schicksal aus dem Munde der Vorübergehenden zu
+vernehmen.
+
+Erspare mir, lieber Freund, die schmerzliche Wiederholung alles dessen,
+was ich erdulden mußte. Die Frauen bezeigten oft das tiefste Mitleid,
+das ich ihnen einflößte; Äußerungen, die mir die Seele nicht minder
+durchbohrten, als der Hohn der Jugend und die hochmütige Verachtung der
+Männer, besonders solcher dicken, wohlbeleibten, die selbst einen
+breiten Schatten warfen. Ein schönes, holdes Mädchen, die, wie es
+schien, ihre Eltern begleitete, indem diese bedächtig nur vor ihre Füße
+sahen, wandte von ungefähr ihr leuchtendes Auge auf mich; sie erschrak
+sichtbarlich, da sie meine Schattenlosigkeit bemerkte, verhüllte ihr
+schönes Antlitz in ihren Schleier, ließ den Kopf sinken und ging lautlos
+vorüber.
+
+Ich ertrug es länger nicht. Salzige Ströme brachen aus meinen Augen, und
+mit durchschnittenem Herzen zog ich mich schwankend ins Dunkel zurück.
+Ich mußte mich an den Häusern halten, um meine Schritte zu sichern, und
+erreichte langsam und spät meine Wohnung.
+
+Ich brachte die Nacht schlaflos zu. Am andern Tage war meine erste
+Sorge, nach dem Manne im grauen Rocke überall suchen zu lassen.
+Vielleicht sollte es mir gelingen, ihn wieder zu finden, und wie
+glücklich! wenn ihn, wie mich, der törichte Handel gereuen sollte. Ich
+ließ _Bendel_ vor mich kommen, er schien Gewandtheit und Geschick zu
+besitzen -- ich schilderte ihm genau den Mann, in dessen Besitz ein
+Schatz sich befand, ohne den mir das Leben nur eine Qual sei. Ich sagte
+ihm die Zeit, den Ort, wo ich ihn gesehen; beschrieb ihm alle, die
+zugegen gewesen, und fügte dieses Zeichen noch hinzu: er solle sich nach
+einem Dollondschen Fernrohr, nach einem golddurchwirkten türkischen
+Teppich, nach einem Prachtlustzelt, und endlich nach den schwarzen
+Reithengsten genau erkundigen, deren Geschichte, ohne zu bestimmen wie,
+mit der des rätselhaften Mannes zusammenhinge, welcher allen unbedeutend
+geschienen, und dessen Erscheinung die Ruhe und das Glück meines Lebens
+zerstört hatte.
+
+Wie ich ausgeredet, holt' ich Gold her, eine Last, wie ich sie nur zu
+tragen vermochte, und legte Edelsteine und Juwelen noch hinzu für einen
+größern Wert. »_Bendel_,« sprach ich, »dieses ebnet viele Wege und macht
+vieles leicht, was unmöglich schien; sei nicht karg damit, wie ich es
+nicht bin, sondern geh, und erfreue deinen Herrn mit Nachrichten, auf
+denen seine alleinige Hoffnung beruht.«
+
+Er ging. Spät kam er und traurig zurück. Keiner von den Leuten des Herrn
+_John_, keiner von seinen Gästen, er hatte alle gesprochen, wußte sich nur
+entfernt an den Mann im grauen Rocke zu erinnern. Das neue Teleskop war
+da und keiner wußte, wo es hergekommen; der Teppich, das Zelt waren da
+und noch auf demselben Hügel ausgebreitet und aufgeschlagen, die Knechte
+rühmten den Reichtum ihres Herrn, und keiner wußte, von wannen diese
+neuen Kostbarkeiten ihm zugekommen. Er selbst hatte sein Wohlgefallen
+daran, und ihn kümmerte es nicht, daß er nicht wisse, woher er sie habe;
+die Pferde hatten die jungen Herren, die sie geritten, in ihren Ställen,
+und sie priesen die Freigebigkeit des Herrn _John_, der sie ihnen an jenem
+Tage geschenkt. Soviel erhellte aus der ausführlichen Erzählung _Bendels_,
+dessen rascher Eifer und verständige Führung, auch bei so fruchtlosem
+Erfolge, mein verdientes Lob erhielten. Ich winkte ihm düster, mich
+allein zu lassen.
+
+»Ich habe,« hub er wieder an, »meinem Herrn Bericht abgestattet über die
+Angelegenheit, die ihm am wichtigsten war. Mir bleibt noch ein Auftrag
+auszurichten, den mir heute früh jemand gegeben, welchem ich vor der Tür
+begegnete, da ich zu dem Geschäfte ausging, wo ich so unglücklich
+gewesen. Die eignen Worte des Mannes waren: >Sagen Sie dem Herrn _Peter
+Schlemihl_, er würde mich hier nicht mehr sehen, da ich übers Meer gehe,
+und ein günstiger Wind mich soeben nach dem Hafen ruft. Aber über Jahr
+und Tag werde ich die Ehre haben, ihn selber aufzusuchen und ein andres,
+ihm dann vielleicht annehmliches Geschäft vorzuschlagen. Empfehlen Sie
+mich ihm untertänigst und versichern ihn meines Dankes.< Ich frug ihn,
+wer er wäre, er sagte aber, Sie kennten ihn schon.«
+
+»Wie sah der Mann aus?« rief ich voller Ahnung. Und _Bendel_ beschrieb mir
+den Mann im grauen Rocke Zug für Zug, Wort für Wort, wie er getreu in
+seiner vorigen Erzählung des Mannes erwähnt, nach dem er sich erkundigt.
+
+»Unglücklicher!« schrie ich händeringend, »das war er ja selbst!« und
+ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. -- »Ja, er war es, war es
+wirklich!« rief er erschreckt aus, »und ich Verblendeter, Blödsinniger
+habe ihn nicht erkannt, ihn nicht erkannt und meinen Herrn verraten!«
+
+Er brach, heiß weinend, in die bittersten Vorwürfe gegen sich selber
+aus, und die Verzweiflung, in der er war, mußte mir selber Mitleiden
+einflößen. Ich sprach ihm Trost ein, versicherte ihm wiederholt, ich
+setze keinen Zweifel in seine Treue, und schickte ihn alsbald nach dem
+Hafen, um, wo möglich, die Spuren des seltsamen Mannes zu verfolgen.
+Aber an diesem selben Morgen waren sehr viele Schiffe, die widrige Winde
+im Hafen zurückgehalten, ausgelaufen, alle nach andern Weltstrichen,
+alle nach andern Küsten bestimmt, und der graue Mann war spurlos wie ein
+Schatten verschwunden.
+
+
+3.
+
+Was hülfen Flügel dem in eisernen Ketten fest Angeschmiedeten? Er müßte
+dennoch, und schrecklicher, verzweifeln. Ich lag, wie Fafner bei seinem
+Hort, fern von jedem menschlichen Zuspruch, bei meinem Golde darbend,
+aber ich hatte nicht das Herz nach ihm, sondern ich fluchte ihm, um
+dessentwillen ich mich von allem Leben abgeschnitten sah. Bei mir
+allein mein düstres Geheimnis hegend, fürchtete ich mich vor dem letzten
+meiner Knechte, den ich zugleich beneiden mußte; denn er hatte einen
+Schatten, er durfte sich sehen lassen in der Sonne. Ich vertrauerte
+einsam in meinen Zimmern die Tag' und Nächte und Gram zehrte an meinem
+Herzen.
+
+Noch einer härmte sich unter meinen Augen ab, mein treuer _Bendel_ hörte
+nicht auf, sich mit stillen Vorwürfen zu martern, daß er das Zutrauen
+seines gütigen Herrn betrogen und jenen nicht erkannt, nach dem er
+ausgeschickt war, und mit dem er mein trauriges Schicksal in enger
+Verflechtung denken mußte. Ich aber konnte ihm keine Schuld geben, ich
+erkannte in dem Ereignis die fabelhafte Natur des Unbekannten.
+
+Nichts unversucht zu lassen, schickt' ich einst _Bendel_ mit einem
+kostbaren brillantenen Ring zu dem berühmtesten Maler der Stadt, den
+ich, mich zu besuchen, einladen ließ. Er kam, ich entfernte meine Leute,
+verschloß die Tür, setzte mich zu dem Mann, und nachdem ich seine Kunst
+gepriesen, kam ich mit schwerem Herzen zur Sache, ich ließ ihn zuvor das
+strengste Geheimnis geloben.
+
+»Herr Professor,« fuhr ich fort, »könnten Sie wohl einem Menschen, der
+auf die unglücklichste Weise von der Welt um seinen Schatten gekommen
+ist, einen falschen Schatten malen?« -- »Sie meinen einen
+Schlagschatten?« -- »Den mein' ich allerdings.« -- »Aber,« frug er mich
+weiter, »durch welche Ungeschicklichkeit, durch welche Nachlässigkeit
+konnte er denn seinen Schlagschatten verlieren?« -- »Wie es kam,«
+erwiderte ich, »mag nun sehr gleichgültig sein, doch so viel,« log ich
+ihm unverschämt vor: »in Rußland, wo er im vorigen Winter eine Reise
+tat, fror ihm einmal, bei einer außerordentlichen Kälte, sein Schatten
+dergestalt am Boden fest, daß er ihn nicht wieder los bekommen konnte.«
+
+»Der falsche Schlagschatten, den ich ihm malen könnte,« erwiderte der
+Professor, »würde doch nur ein solcher sein, den er bei der leisesten
+Bewegung wieder verlieren müßte -- zumal, wer an dem eignen angebornen
+Schatten so wenig fest hing, als aus Ihrer Erzählung selbst sich
+abnehmen läßt; wer keinen Schatten hat, gehe nicht in die Sonne, das ist
+das Vernünftigste und Sicherste.« Er stand auf und entfernte sich, indem
+er auf mich einen durchbohrenden Blick warf, den der meine nicht
+ertragen konnte. Ich sank in meinen Sessel zurück und verhüllte mein
+Gesicht in meine Hände.
+
+So fand mich noch _Bendel_, als er hereintrat. Er sah den Schmerz seines
+Herrn und wollte sich still, ehrerbietig zurückziehen. -- Ich blickte
+auf -- ich erlag unter der Last meines Kummers, ich mußte ihn mitteilen.
+»_Bendel_,« rief ich ihm zu, »_Bendel_! du einziger, der du meine Leiden
+siehst und ehrst, sie nicht erforschen zu wollen, sondern still und
+fromm mitzufühlen scheinst, komm zu mir, _Bendel_, und sei der Nächste
+meinem Herzen. Die Schätze meines Goldes hab' ich vor dir nicht
+verschlossen, nicht verschließen will ich vor dir die Schätze meines
+Grames. -- _Bendel_, verlasse mich nicht. _Bendel_, du siehst mich reich,
+freigebig, gütig, du wähnst, es sollte die Welt mich verherrlichen, und
+du siehst mich die Welt fliehn und mich vor ihr verschließen. _Bendel_,
+sie hat gerichtet, die Welt, und mich verstoßen, und auch du vielleicht
+wirst dich von mir wenden, wenn du mein schreckliches Geheimnis
+erfährst: _Bendel_, ich bin reich, freigebig, gütig, aber -- o Gott! ich
+habe keinen Schatten!«
+
+»Keinen Schatten?« rief der gute Junge erschreckt aus und die hellen
+Tränen stürzten ihm aus den Augen. -- »Weh' mir, daß ich geboren ward,
+einem schattenlosen Herrn zu dienen!« Er schwieg und ich hielt mein
+Gesicht in meinen Händen.
+
+»_Bendel_,« setzt' ich spät und zitternd hinzu, »nun hast du mein
+Vertrauen, nun kannst du es verraten. Geh hin und zeuge wider mich.« --
+Er schien in schwerem Kampfe mit sich selber, endlich stürzte er vor mir
+nieder und ergriff meine Hand, die er mit seinen Tränen benetzte.
+»Nein,« rief er aus, »was die Welt auch meine, ich kann und werde um
+Schattens willen meinen gütigen Herrn nicht verlassen, ich werde recht
+und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen bleiben, Ihnen meinen
+Schatten borgen, Ihnen helfen, wo ich kann, und wo ich nicht kann, mit
+Ihnen weinen.« Ich fiel ihm um den Hals, ob solcher ungewohnten
+Gesinnung staunend; denn ich war von ihm überzeugt, daß er es nicht um
+Gold tat.
+
+Seitdem änderten sich in etwas mein Schicksal und meine Lebensweise. Es
+ist unbeschreiblich, wie vorsorglich _Bendel_ mein Gebrechen zu verhehlen
+wußte. Überall war er vor mir und mit mir, alles vorhersehend, Anstalten
+treffend, und wo Gefahr unversehens drohte, mich schnell mit seinem
+Schatten überdeckend, denn er war größer und stärker als ich. So wagt'
+ich mich wieder unter die Menschen und begann eine Rolle in der Welt zu
+spielen. Ich mußte freilich viele Eigenheiten und Launen scheinbar
+annehmen. Solche stehen aber dem Reichen gut, und solange die Wahrheit
+nur verborgen blieb, genoß ich aller der Ehre und Achtung, die meinem
+Golde zukam. Ich sah ruhiger dem über Jahr und Tag verheißenen Besuch
+des rätselhaften Unbekannten entgegen.
+
+Ich fühlte sehr wohl, daß ich mich nicht lange an einem Orte aufhalten
+durfte, wo man mich schon ohne Schatten gesehen und wo ich leicht
+verraten werden konnte; auch dacht' ich vielleicht nur allein noch
+daran, wie ich mich bei Herrn _John_ gezeigt, und es war mir eine
+drückende Erinnerung, demnach wollt' ich hier bloß Probe halten, um
+anderswo leichter und zuversichtlicher auftreten zu können -- doch fand
+sich, was mich eine Zeitlang an meiner Eitelkeit festhielt: das ist im
+Menschen, wo der Anker am zuverlässigsten Grund faßt.
+
+Eben die schöne _Fanny_, der ich am dritten Ort wieder begegnete, schenkte
+mir, ohne sich zu erinnern, mich jemals gesehen zu haben, einige
+Aufmerksamkeit, denn jetzt hatt' ich Witz und Verstand. -- Wann ich
+redete, hörte man zu, und ich wußte selber nicht, wie ich zu der Kunst
+gekommen war, das Gespräch so leicht zu führen und zu beherrschen. Der
+Eindruck, den ich auf die Schöne gemacht zu haben einsah, machte aus
+mir, was sie eben begehrte, einen Narren, und ich folgte ihr seither mit
+tausend Mühen durch Schatten und Dämmerung, wo ich nur konnte. Ich war
+nur eitel darauf, sie über mich eitel zu machen, und konnte mir, selbst
+mit dem besten Willen, nicht den Rausch aus dem Kopf ins Herz zwingen.
+
+Aber wozu die ganz gemeine Geschichte dir lang und breit wiederholen? --
+Du selber hast sie mir oft genug von andern Ehrenleuten erzählt. -- Zu
+dem alten, wohlbekannten Spiele, worin ich gutmütig eine abgedroschene
+Rolle übernommen, kam freilich eine ganz eigens gedichtete Katastrophe
+hinzu, mir und ihr und allen unerwartet.
+
+Da ich an einem schönen Abend nach meiner Gewohnheit eine Gesellschaft
+in einem erleuchteten Garten versammelt hatte, wandelte ich mit der
+Herrin Arm in Arm, in einiger Entfernung von den übrigen Gästen, und
+bemühte mich, ihr Redensarten vorzudrechseln. Sie sah sittig vor sich
+nieder und erwiderte leise den Druck meiner Hand; da trat unversehens
+hinter uns der Mond aus den Wolken hervor -- und sie sah nur _ihren_
+Schatten vor sich hinfallen. Sie fuhr zusammen und blickte bestürzt mich
+an, dann wieder auf die Erde, mit dem Auge meinen Schatten begehrend;
+und was in ihr vorging, malte sich so sonderbar in ihren Mienen, daß ich
+in ein lautes Gelächter hätte ausbrechen mögen, wenn es mir nicht selber
+eiskalt über den Rücken gelaufen wäre.
+
+Ich ließ sie aus meinem Arm in eine Ohnmacht sinken, schoß wie ein Pfeil
+durch die entsetzten Gäste, erreichte die Tür, warf mich in den ersten
+Wagen, den ich da haltend fand, und fuhr nach der Stadt zurück, wo ich
+diesmal zu meinem Unheil den vorsichtigen _Bendel_ gelassen hatte. Er
+erschrak, als er mich sah, ein Wort entdeckte ihm alles. Es wurden auf
+der Stelle Postpferde geholt. Ich nahm nur einen meiner Leute mit mir,
+einen abgefeimten Spitzbuben, Namens _Raskal_, der sich mir durch seine
+Gewandtheit notwendig zu machen gewußt, und der nichts vom heutigen
+Vorfall ahnen konnte. Ich legte in derselben Nacht noch dreißig Meilen
+zurück. _Bendel_ blieb hinter mir, mein Haus aufzulösen, Gold zu spenden
+und mir das Nötigste nachzubringen. Als er mich am andern Tage einholte,
+warf ich mich in seine Arme und schwur ihm, nicht etwa keine Torheit
+mehr zu begehen, sondern nur künftig vorsichtiger zu sein. Wir setzten
+unsre Reise ununterbrochen fort, über die Grenze und das Gebirg, und
+erst am andern Abhang, durch das hohe Bollwerk von jenem Unglücksboden
+getrennt, ließ ich mich bewegen, in einem nahgelegenen und wenig
+besuchten Badeort von den überstandenen Mühseligkeiten auszurasten.
+
+
+4.
+
+Ich werde in meiner Erzählung schnell über eine Zeit hineilen müssen,
+bei der ich wie gerne! verweilen würde, wenn ich ihren lebendigen Geist
+in der Erinnerung heraufzubeschwören vermöchte. Aber die Farbe, die sie
+belebte und nur wieder beleben kann, ist in mir verloschen, und wann ich
+in meiner Brust wieder finden will, was sie damals so mächtig erhob, die
+Schmerzen und das Glück, den frommen Wahn -- da schlag' ich vergebens an
+einen Felsen, der keinen lebendigen Quell mehr gewährt, und der Gott
+ist von mir gewichen. Wie verändert blickt sie mich jetzt an, diese
+vergangene Zeit! -- Ich sollte dort in dem Bade eine heroische Rolle
+tragieren, schlecht einstudiert, und ein Neuling auf der Bühne, vergaff'
+ich mich aus dem Stücke heraus in ein Paar blaue Augen. Die Eltern, vom
+Spiele getäuscht, bieten alles auf, den Handel nur schnell festzumachen,
+und die gemeine Posse beschließt eine Verhöhnung. Und das ist alles,
+alles! -- Das kommt mir albern und abgeschmackt vor und schrecklich
+wiederum, daß so mir vorkommen kann, was damals so reich, so groß die
+Brust mir schwellte. Mina, wie ich damals weinte, als ich dich verlor,
+so wein' ich jetzt, dich auch in mir verloren zu haben. Bin ich denn so
+alt worden? -- O traurige Vernunft! Nur noch ein Pulsschlag jener Zeit,
+ein Moment jenes Wahnes -- aber nein! einsam auf dem hohen, öden Meere
+deiner bittern Flut, und längst aus dem letzten Pokale der Champagner
+Elfe entsprüht!
+
+Ich hatte _Bendel_ mit einigen Goldsäcken vorausgeschickt, um mir im
+Städtchen eine Wohnung nach meinen Bedürfnissen einzurichten. Er hatte
+dort viel Geld ausgestreut und sich über den vornehmen Fremden, dem er
+diente, etwas unbestimmt ausgedrückt, denn ich wollte nicht genannt
+sein, das brachte die guten Leute auf sonderbare Gedanken. Sobald mein
+Haus zu meinem Empfang bereit war, kam _Bendel_ wieder zu mir und holte
+mich dahin ab. Wir machten uns auf die Reise.
+
+Ungefähr eine Stunde vom Orte, auf einem sonnigen Plan, ward uns der Weg
+durch eine festlich geschmückte Menge versperrt. Der Wagen hielt. Musik,
+Glockengeläute, Kanonenschüsse wurden gehört, ein lautes Vivat
+durchdrang die Luft -- vor dem Schlage des Wagens erschien in weißen
+Kleidern ein Chor Jungfrauen von ausnehmender Schönheit, die aber vor
+der einen, wie die Sterne der Nacht vor der Sonne, verschwanden. Sie
+trat aus der Mitte der Schwestern hervor, die hohe zarte Bildung kniete
+verschämt errötend vor mir nieder und hielt mir auf seidenem Kissen
+einen aus Lorbeer, Ölzweigen und Rosen geflochtenen Kranz entgegen,
+indem sie von Majestät, Ehrfurcht und Liebe einige Worte sprach, die ich
+nicht verstand, aber deren zauberischer Silberklang mein Ohr und Herz
+berauschte -- es war mir, als wäre schon einmal die himmlische
+Erscheinung an mir vorübergewallt. Der Chor fiel ein und sang das Lob
+eines guten Königs und das Glück seines Volkes.
+
+Und dieser Auftritt, lieber Freund, mitten in der Sonne! -- Sie kniete
+noch immer zwei Schritte von mir, und ich, ohne Schatten, konnte die
+Kluft nicht überspringen, nicht wieder vor dem Engel auf die Knie
+fallen. O, was hätt' ich nicht da für einen Schatten gegeben! Ich mußte
+meine Scham, meine Angst, meine Verzweiflung tief in den Grund meines
+Wagens verbergen. _Bendel_ besann sich endlich für mich, er sprang von der
+andern Seite aus dem Wagen heraus, ich rief ihn noch zurück und reichte
+ihm aus meinem Kästchen, das mir eben zur Hand lag, eine reiche
+diamantene Krone, die die schöne _Fanny_ hatte zieren sollen. Er trat vor
+und sprach im Namen seines Herrn, der solche Ehrenbezeigungen nicht
+annehmen könne noch wolle; es müsse hier ein Irrtum vorwalten; jedoch
+seien die guten Einwohner der Stadt für ihren guten Willen bedankt. Er
+nahm indes den dargehaltenen Kranz von seinem Ort und legte den
+brillantenen Reif an dessen Stelle; dann reichte er ehrerbietig der
+schönen Jungfrau die Hand zum Aufstehen, entfernte mit einem Wink
+Geistlichkeit, #Magistratus# und alle Deputationen. Niemand ward weiter
+vorgelassen. Er hieß den Haufen sich teilen und den Pferden Raum geben,
+schwang sich wieder in den Wagen und fort ging's weiter in gestrecktem
+Galopp, unter einer aus Laubwerk und Blumen erbauten Pforte hinweg, dem
+Städtchen zu. -- Die Kanonen wurden immer frischweg abgefeuert. -- Der
+Wagen hielt vor meinem Hause; ich sprang behend in die Tür, die Menge
+teilend, die die Begierde, mich zu sehen, herbeigerufen hatte. Der Pöbel
+schrie Vivat unter meinem Fenster und ich ließ doppelte Dukaten daraus
+regnen. Am Abend war die Stadt freiwillig erleuchtet. --
+
+Und ich wußte immer noch nicht, was das alles bedeuten sollte und für
+wen ich angesehen wurde. Ich schickte _Raskaln_ auf Kundschaft aus. Er
+ließ sich denn erzählen, wasmaßen man bereits sichere Nachrichten
+gehabt, der gute König von Preußen reise unter dem Namen eines Grafen
+durch das Land; wie mein Adjutant erkannt worden sei und wie er sich und
+mich verraten habe; wie groß endlich die Freude gewesen, da man die
+Gewißheit gehabt mich im Orte selbst zu besitzen. Nun sah man freilich
+ein, da ich offenbar das strengste Inkognito beobachten wolle, wie sehr
+man unrecht gehabt, den Schleier so zudringlich zu lüften. Ich hätte
+aber so huldreich, so gnadenvoll gezürnt -- ich würde gewiß dem guten
+Herzen verzeihen müssen.
+
+Meinem Schlingel kam die Sache so spaßhaft vor, daß er mit strafenden
+Reden sein möglichstes tat, die guten Leute einstweilen in ihrem Glauben
+zu bestärken. Er stattete mir einen sehr komischen Bericht ab, und da er
+mich dadurch erheitert sah, gab er mir selbst seine verübte Bosheit zum
+besten. -- Muß ich's bekennen? Es schmeichelte mir doch, sei es auch nur
+so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.
+
+Ich hieß zu dem morgenden Abend unter den Bäumen, die den Raum vor
+meinem Hause beschatteten, ein Fest bereiten und die ganze Stadt dazu
+einladen. Der geheimnisreichen Kraft meines Säckels, _Bendels_ Bemühungen
+und der behenden Erfindsamkeit _Raskals_ gelang es, selbst die Zeit zu
+besiegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie reich und schön sich alles in
+den wenigen Stunden anordnete. Die Pracht und der Überfluß, die da sich
+erzeugten, auch die sinnreiche Erleuchtung war so weise verteilt, daß
+ich mich ganz sicher fühlte. Es blieb mir nichts zu erinnern, ich mußte
+meine Diener loben.
+
+Es dunkelte der Abend. Die Gäste erschienen und wurden mir vorgestellt.
+Es ward die Majestät nicht mehr berührt; aber ich hieß in tiefer
+Ehrfurcht und Demut: Herr Graf. Was sollt' ich tun? Ich ließ mir den
+Grafen gefallen und blieb von Stund' an der Graf Peter. Mitten im
+festlichen Gewühle begehrte meine Seele nur nach der _einen_. Spät
+erschien sie, sie, die die Krone war und trug. Sie folgte sittsam ihren
+Eltern und schien nicht zu wissen, daß sie die Schönste sei. Es wurden
+mir der Herr Forstmeister, seine Frau und seine Tochter vorgestellt. Ich
+wußte den Alten viel Angenehmes und Verbindliches zu sagen; vor der
+Tochter stand ich wie ein ausgescholtener Knabe da und vermochte kein
+Wort hervor zu lallen. Ich bat sie endlich stammelnd, dies Fest zu
+würdigen, das Amt, dessen Zeichen sie schmückte, darin zu verwalten. Sie
+bat verschämt mit einem rührenden Blick um Schonung; aber verschämter
+vor ihr, als sie selbst, brachte ich ihr als erster Untertan meine
+Huldigung in tiefer Ehrfurcht, und der Wink des Grafen ward allen Gästen
+ein Gebot, dem nachzuleben sich jeder freudig beeiferte. Majestät,
+Unschuld und Grazie beherrschten, mit der Schönheit im Bunde, ein frohes
+Fest. Die glücklichen Eltern Minas glaubten ihnen nur zu Ehren ihr Kind
+erhöht; ich selber war in einem unbeschreiblichen Rausch. Ich ließ
+alles, was ich noch von den Juwelen hatte, die ich damals, um
+beschwerliches Gold los zu werden, gekauft, alle Perlen, alles
+Edelgestein in zwei verdeckte Schüsseln legen und bei Tische, unter dem
+Namen der Königin, ihren Gespielinnen und allen Damen herumreichen; Gold
+ward indessen ununterbrochen über die gezogenen Schranken unter das
+jubelnde Volk geworfen.
+
+_Bendel_ am andern Morgen eröffnete mir im Vertrauen, der Verdacht, den er
+längst gegen _Raskals_ Redlichkeit gehegt, sei nunmehr zur Gewißheit
+geworden. Er habe gestern ganze Säcke Goldes unterschlagen. »Laß uns,«
+erwidert' ich, »dem armen Schelmen die kleine Beute gönnen; ich spende
+gern allen, warum nicht auch ihm? Gestern hat er mir, haben mir alle
+neuen Leute, die du mir gegeben, redlich gedient, sie haben mir froh ein
+frohes Fest begehen helfen.«
+
+Es war nicht weiter die Rede davon. _Raskal_ blieb der erste meiner
+Dienerschaft, _Bendel_ war aber mein Freund und mein Vertrauter. Dieser
+war gewohnt worden, meinen Reichtum als unerschöpflich zu denken, und er
+spähte nicht nach dessen Quellen; er half mir vielmehr, in meinen Sinn
+eingehend, Gelegenheiten ersinnen, ihn darzutun und Gold zu vergeuden.
+Von jenem Unbekannten, dem blassen Schleicher, wußt' er nur soviel: Ich
+dürfe allein durch ihn von dem Fluche erlöst werden, der auf mir laste
+und fürchte ihn, auf dem meine einzige Hoffnung ruhe. Übrigens sei ich
+davon überzeugt, er könne mich überall auffinden, ich ihn nirgends,
+darum ich, den versprochenen Tag erwartend, jede vergebliche Nachsuchung
+eingestellt.
+
+Die Pracht meines Festes und mein Benehmen dabei erhielten anfangs die
+starkgläubigen Einwohner der Stadt bei ihrer vorgefaßten Meinung. Es
+ergab sich freilich sehr bald aus den Zeitungen, daß die ganze
+fabelhafte Reise des Königs von Preußen ein bloßes ungegründetes Gerücht
+gewesen. Ein König war ich aber nun einmal und mußte schlechterdings ein
+König bleiben, und zwar einer der reichsten und königlichsten, die es
+immer geben mag. Nur wußte man nicht recht, welcher. Die Welt hat nie
+Grund gehabt, über Mangel an Monarchen zu klagen, am wenigsten in unsern
+Tagen; die guten Leute, die noch keinen mit Augen gesehen, rieten mit
+gleichem Glück bald auf diesen, bald auf jenen -- _Graf Peter_ blieb
+immer, der er war.
+
+Einst erschien unter den Badegästen ein Handelsmann, der Bankrott
+gemacht hatte, um sich zu bereichern, der allgemeiner Achtung genoß und
+einen breiten, obgleich etwas blassen Schatten von sich warf. Er wollte
+hier das Vermögen, das er gesammelt, zum Prunk ausstellen, und es fiel
+sogar ihm ein, mit mir wetteifern zu wollen. Ich sprach meinem Säckel zu
+und hatte sehr bald den armen Teufel so weit, daß er, um sein Ansehen zu
+retten, abermals Bankrott machen mußte und über das Gebirge ziehen. So
+ward ich ihn los. -- Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse und
+Müßiggänger gemacht!
+
+Bei der königlichen Pracht und Verschwendung, womit ich mir alles
+unterwarf, lebt' ich in meinem Haus sehr einfach und eingezogen. Ich
+hatte mir die größte Vorsicht zur Regel gemacht, es durfte, unter keinem
+Vorwand kein andrer als _Bendel_ die Zimmer, die ich bewohnte, betreten.
+Solange die Sonne schien, hielt ich mich mit ihm darin verschlossen, und
+es hieß: der Graf arbeite in seinem Kabinett. Mit diesen Arbeiten
+standen die häufigen Kuriere in Verbindung, die ich um jede Kleinigkeit
+abschickte und erhielt. -- Ich nahm nur am Abend unter meinen Bäumen,
+oder in meinem nach _Bendels_ Angabe geschickt und reich erleuchteten
+Saale, Gesellschaft an. Wenn ich ausging, wobei mich stets _Bendel_ mit
+Argusaugen bewachen mußte, so war es nur nach dem Förstergarten und um
+der einen willen; denn meines Lebens innerlichstes Herz war meine Liebe.
+
+O mein guter _Chamisso_, ich will hoffen, du habest noch nicht vergessen,
+was Liebe sei! Ich lasse dir hier vieles zu ergänzen. _Mina_ war wirklich
+ein liebewertes, gutes, frommes Kind. Ich hatte ihre ganze Phantasie an
+mich gefesselt, sie wußte in ihrer Demut nicht, womit sie wert gewesen,
+daß ich nur nach ihr geblickt; und sie vergalt Liebe um Liebe, mit der
+vollen jugendlichen Kraft eines unschuldigen Herzens. Sie liebte wie ein
+Weib, ganz hin sich opfernd; selbstvergessen, hingegeben den nur
+meinend, der ihr Leben war, unbekümmert, solle sie selbst zugrunde
+gehen, das heißt, sie liebte wirklich.
+
+Ich aber -- o welche schreckliche Stunden -- schrecklich! und würdig
+dennoch, daß ich sie zurückwünsche -- hab' ich oft an _Bendels_ Brust
+verweint, als nach dem ersten bewußtlosen Rausch ich mich besonnen, mich
+selbst scharf angeschaut, der ich, ohne Schatten, mit tückischer
+Selbstsucht diesen Engel verderbend, die reine Seele an mich gelogen und
+gestohlen! Dann beschloß ich, mich ihr selber zu verraten; dann gelobt'
+ich mit teuren Eidschwüren, mich von ihr zu reißen und zu entfliehen;
+dann brach ich wieder in Tränen aus und verabredete mit _Bendeln_, wie ich
+sie auf den Abend im Förstergarten besuchen wolle.
+
+Zu andern Zeiten log ich mir selber vom nahe bevorstehenden Besuch des
+grauen Unbekannten große Hoffnungen vor, und weinte wieder, wenn ich
+daran zu glauben vergebens versucht hatte. Ich hatte den Tag
+ausgerechnet, wo ich den Furchtbaren wieder zu sehen erwartete; denn er
+hatte gesagt, in Jahr und Tag, und ich glaubte an sein Wort.
+
+Die Eltern waren gute, ehrbare, alte Leute, die ihr einziges Kind sehr
+liebten, das ganze Verhältnis überraschte sie, als es schon bestand, und
+sie wußten nicht, was sie dabei tun sollten. Sie hatten früher nicht
+geträumt, der _Graf Peter_ könne nur an ihr Kind denken, nun liebte er sie
+gar und ward wieder geliebt. -- Die Mutter war wohl eitel genug, an die
+Möglichkeit einer Verbindung zu denken und darauf hinzuarbeiten; der
+gesunde Menschenverstand des Alten gab solchen überspannten
+Vorstellungen nicht Raum. Beide waren überzeugt von der Reinheit meiner
+Liebe -- sie konnten nichts tun, als für ihr Kind beten.
+
+Es fällt mir ein Brief in die Hand, den ich noch aus dieser Zeit von
+_Mina_ habe. -- Ja, das sind ihre Züge! Ich will dir ihn abschreiben.
+
+»Bin ein schwaches, törichtes Mädchen, könnte mir einbilden, daß mein
+Geliebter, weil ich ihn innig, innig liebe, dem armen Mädchen nicht weh
+tun möchte. -- Ach, Du bist so gut, so unaussprechlich gut; aber
+mißdeute mich nicht. Du sollst mir nichts opfern, mir nichts opfern
+wollen; o Gott! ich könnte mich hassen, wenn Du das tätest. Nein -- Du
+hast mich unendlich glücklich gemacht, Du hast mich Dich lieben gelehrt.
+Zeuch hin! -- Weiß doch mein Schicksal, _Graf Peter_ gehört nicht mir,
+gehört der Welt an. Will stolz sein, wenn ich höre: das ist er gewesen,
+und das war er wieder, und das hat er vollbracht; da haben sie ihn
+angebetet, und da haben sie ihn vergöttert. Siehe, wenn ich das denke,
+zürne ich Dir, daß Du bei einem einfältigen Kinde deiner hohen
+Schicksale vergessen kannst. -- Zeuch hin, sonst macht der Gedanke mich
+noch unglücklich, die ich, ach! durch Dich so glücklich, so selig bin.
+-- Hab' ich nicht auch einen Ölzweig und eine Rosenknospe in Dein Leben
+geflochten, wie in den Kranz, den ich Dir überreichen durfte. Habe Dich
+im Herzen, mein Geliebter, fürchte nicht von mir zu gehen -- werde
+sterben, ach! so selig, so unaussprechlich selig durch Dich.« --
+
+Du kannst dir denken, wie mir die Worte durchs Herz schneiden mußten.
+Ich erklärte ihr, ich sei nicht das, wofür man mich anzusehen schien;
+ich sei nur ein reicher, aber unendlich elender Mann. Auf mir ruhe ein
+Fluch, der das einzige Geheimnis zwischen ihr und mir sein solle, weil
+ich noch nicht ohne Hoffnung sei, daß er gelöst werde. Dies sei das Gift
+meiner Tage: daß ich sie mit in den Abgrund hinreißen könne, sie, die
+das einzige Licht, das einzige Glück, das einzige Herz meines Lebens
+sei. Dann weinte sie wieder, daß ich unglücklich war. Ach, sie war so
+liebevoll, so gut! Um eine Träne nur mir zu erkaufen, hätte sie, mit
+welcher Seligkeit, sich selbst ganz hingeopfert.
+
+Sie war indes weit entfernt, meine Worte richtig zu deuten, sie ahnte
+nun in mir irgendeinen Fürsten, den ein schwerer Bann getroffen,
+irgendein hohes, geächtetes Haupt und ihre Einbildungskraft malte sich
+geschäftig unter heroischen Bildern den Geliebten herrlich aus.
+
+Einst sagte ich ihr: »_Mina_, der letzte Tag im künftigen Monat kann mein
+Schicksal ändern und entscheiden -- geschieht es nicht, so muß ich
+sterben, weil ich dich nicht unglücklich machen will.« -- Sie verbarg
+weinend ihr Haupt an meiner Brust. -- »Ändert sich dein Schicksal, laß
+mich nur dich glücklich wissen, ich habe keinen Anspruch an dich. --
+Bist du elend, binde mich an dein Elend, daß ich es dir tragen helfe.«
+
+»Mädchen, Mädchen, nimm es zurück, das rasche Wort, das törichte, das
+deinen Lippen entflohen -- und kennst du es, dieses Elend, kennst du
+ihn, diesen Fluch? Weißt du, wer dein Geliebter -- -- was er --? Siehst
+du mich nicht krampfhaft zusammenschaudern, und vor dir ein Geheimnis
+haben?« Sie fiel schluchzend mir zu Füßen und wiederholte mit Eidschwur
+ihre Bitte.
+
+Ich erklärte mich gegen den hereintretenden Forstmeister, meine Absicht
+sei, am ersten des nächstkünftigen Monats um die Hand seiner Tochter
+anzuhalten -- ich setze diese Zeit fest, weil sich bis dahin manches
+ereignen dürfte, was Einfluß auf mein Schicksal haben könnte.
+Unwandelbar sei nur meine Liebe zu seiner Tochter. --
+
+Der gute Mann erschrak ordentlich, als er solche Worte aus dem Munde des
+_Grafen Peter_ vernahm. Er fiel mir um den Hals und ward wieder ganz
+verschämt, sich vergessen zu haben. Nun fiel es ihm ein, zu zweifeln, zu
+erwägen und zu forschen; er sprach von Mitgift, von Sicherheit, von
+Zukunft für sein liebes Kind. Ich dankte ihm, mich daran zu mahnen. Ich
+sagte ihm, ich wünsche in dieser Gegend, wo ich geliebt zu sein schien,
+mich anzusiedeln und ein sorgenfreies Leben zu führen. Ich bat ihn, die
+schönsten Güter, die im Lande ausgeboten würden, unter dem Namen seiner
+Tochter zu kaufen und die Bezahlung auf mich anzuweisen. Es könne darin
+ein Vater dem Liebenden am besten dienen. -- Es gab ihm viel zu tun,
+denn überall war ihm ein Fremder zuvorgekommen; er kaufte auch nur für
+ungefähr eine Million.
+
+Daß ich ihn damit beschäftigte, war im Grunde eine unschuldige List, um
+ihn zu entfernen, und ich hatte schon ähnliche mit ihm gebraucht, denn
+ich muß gestehen, daß er etwas lästig war. Die gute Mutter war dagegen
+etwas taub, und nicht wie er, auf die Ehre eifersüchtig, den Herrn
+Grafen zu unterhalten.
+
+Die Mutter kam hinzu, die glücklichen Leute drangen in mich, den Abend
+länger unter ihnen zu bleiben; ich durfte keine Minute weilen: ich sah
+schon den aufgehenden Mond am Horizonte dämmern. -- Meine Zeit war
+um. --
+
+Am nächsten Abend ging ich wieder nach dem Förstergarten. Ich hatte den
+Mantel weit über die Schultern geworfen, den Hut tief in die Augen
+gedrückt, ich ging auf _Mina_ zu; wie sie aufsah und mich anblickte,
+machte sie eine unwillkürliche Bewegung; da stand mir wieder klar vor
+der Seele die Erscheinung jener schaurigen Nacht, wo ich mich im
+Mondschein ohne Schatten gezeigt. Sie war es wirklich. Hatte sie mich
+aber auch jetzt erkannt? Sie war still und gedankenvoll -- mir lag es
+zentnerschwer auf der Brust -- ich stand von meinem Sitz auf. Sie warf
+sich still weinend an meine Brust. Ich ging.
+
+Nun fand ich sie öfters in Tränen, mir ward's finster und finsterer um
+die Seele -- nur die Eltern schwammen in überschwenglicher
+Glückseligkeit; der verhängnisvolle Tag rückte heran, bang und dumpf wie
+eine Gewitterwolke. Der Vorabend war da -- ich konnte kaum mehr atmen.
+Ich hatte vorsorglich einige Kisten mit Gold angefüllt, ich wachte die
+zwölfte Stunde heran. -- Sie schlug. --
+
+Nun saß ich da, das Auge auf die Zeiger der Uhr gerichtet, die Sekunden,
+die Minuten zählend, wie Dolchstiche. Bei jedem Lärm, der sich regte,
+fuhr ich auf, der Tag brach an. Die bleiernen Stunden verdrängten
+einander, es ward Mittag, Abend, Nacht; es rückten die Zeiger, welkte
+die Hoffnung; es schlug elf und nichts erschien, die letzten Minuten der
+letzten Stunde fielen, und nichts erschien, es schlug der erste Schlag,
+der letzte Schlag der zwölften Stunde, und ich sank hoffnungslos in
+unendlichen Tränen auf mein Lager zurück. Morgen sollt' ich -- auf immer
+schattenlos, um die Hand der Geliebten anhalten; ein banger Schlaf
+drückte mir gegen den Morgen die Augen zu.
+
+
+5.
+
+Es war noch früh, als mich Stimmen weckten, die sich in meinem
+Vorzimmer, in heftigem Wortwechsel, erhoben. Ich horchte auf. -- _Bendel_
+verbot meine Tür; _Raskal_ schwor hoch und teuer, keine Befehle von
+seinesgleichen anzunehmen, und bestand darauf, in meine Zimmer
+einzudringen. Der gütige _Bendel_ verwies ihm, daß solche Worte, falls sie
+zu meinen Ohren kämen, ihn um einen vorteilhaften Dienst bringen würden.
+Raskal drohte Hand an ihn zu legen, wenn er ihm den Eingang noch länger
+vertreten wollte.
+
+Ich hatte mich halb angezogen, ich riß zornig die Tür auf und fuhr auf
+_Raskaln_ zu -- »Was willst du, Schurke -- --?« Er trat zwei Schritte
+zurück und antwortete ganz kalt: »Sie untertänigst bitten, Herr Graf,
+mir doch einmal Ihren Schatten sehen zu lassen -- die Sonne scheint eben
+so schön auf dem Hofe.« --
+
+Ich war wie vom Donner gerührt. Es dauerte lange, bis ich die Sprache
+wieder fand. -- »Wie kann ein Knecht gegen seinen Herrn --?« Er fiel mir
+ganz ruhig in die Rede: »Ein Knecht kann ein sehr ehrlicher Mann sein
+und einem Schattenlosen nicht dienen wollen, ich fordere meine
+Entlassung.« Ich mußte andre Saiten aufziehen. »Aber _Raskal_, lieber
+_Raskal_, wer hat dich auf die unglückliche Idee gebracht, wie kannst du
+denken -- --?« Er fuhr im selben Tone fort: »Es wollen Leute behaupten,
+Sie hätten keinen Schatten -- und kurz, Sie zeigen mir Ihren Schatten,
+oder geben mir meine Entlassung.«
+
+_Bendel_, bleich und zitternd, aber besonnener als ich, machte mir ein
+Zeichen, ich nahm zu dem alles beschwichtigenden Golde meine Zuflucht --
+auch das hatte seine Macht verloren -- er warf's mir vor die Füße: »Von
+einem Schattenlosen nehme ich nichts an.« Er kehrte mir den Rücken und
+ging, den Hut auf dem Kopf, ein Liedchen pfeifend, langsam aus dem
+Zimmer. Ich stand mit _Bendel_ da wie versteint, gedanken- und regungslos
+ihm nachsehend.
+
+Schwer aufseufzend und den Tod im Herzen, schickt' ich mich endlich an,
+mein Wort zu lösen, und, wie ein Verbrecher vor seinen Richtern, in dem
+Förstergarten zu erscheinen. Ich stieg in der dunklen Laube ab, welche
+nach mir benannt war, und wo sie mich auch diesmal erwarten mußten. Die
+Mutter kam mir sorgenfrei und freudig entgegen. _Mina_ saß da, bleich und
+schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen
+küßt, und gleich in bittres Wasser zerfließen wird. Der Forstmeister,
+ein geschriebenes Blatt in der Hand, ging heftig auf und ab, und schien
+vieles in sich zu unterdrücken, was, mit fliegender Röte und Blässe
+wechselnd, sich auf seinem sonst unbeweglichen Gesichte malte. Er kam
+auf mich zu, als ich hereintrat, und verlangte mit oft unterbrochenen
+Worten, mich allein zu sprechen. Der Gang, auf den er mich, ihm zu
+folgen, einlud, führte nach einem freien besonnten Teile des Gartens --
+ich ließ mich stumm auf einen Sitz nieder, und es erfolgte ein langes
+Schweigen, das selbst die gute Mutter nicht zu unterbrechen wagte.
+
+Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes die Laube auf
+und ab, er stand mit einem Male vor mir still, blickte ins Papier, das
+er hielt, und fragte mich mit prüfendem Blick: »Sollte Ihnen, Herr Graf,
+ein gewisser _Peter Schlemihl_ wirklich nicht unbekannt sein?« Ich schwieg
+-- »ein Mann von vorzüglichem Charakter und von besonderen Gaben --« Er
+erwartete eine Antwort. -- »Und wenn ich selber der Mann wäre?« --
+»Dem,« fügte er heftig hinzu, »sein Schatten abhanden gekommen ist!!« --
+»O meine Ahnung, meine Ahnung!« rief _Mina_ aus, »ja ich weiß es längst,
+er hat keinen Schatten!« und sie warf sich in die Arme der Mutter,
+welche erschreckt, sie krampfhaft an sich schließend, ihr Vorwürfe
+machte, daß sie zum Unheil solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie
+aber war, wie Arethusa, in einen Tränenquell gewandelt, der beim Klang
+meiner Stimme häufiger floß, und bei meinem Nahen stürmisch aufbrauste.
+
+»Und Sie haben,« hub der Forstmeister grimmig wieder an, »und Sie haben
+mit unerhörter Frechheit diese und mich zu betrügen keinen Anstand
+genommen; und Sie geben vor, sie zu lieben, die Sie so weit
+heruntergebracht haben? Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O
+schrecklich! schrecklich!«
+
+Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich, wie irre redend,
+anfing: es wäre doch am Ende ein Schatten, nichts als ein Schatten, man
+könne auch ohne das fertig werden, und es wäre nicht der Mühe wert,
+solchen Lärm davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von
+dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß er mich einer
+Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu: was man einmal verloren, könne
+man ein andermal wieder finden.
+
+Er fuhr mich zornig an. -- »Gestehen Sie mir's, mein Herr, gestehen Sie
+mir's, wie sind Sie um Ihren Schatten gekommen?« Ich mußte wieder lügen:
+»Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen
+Schatten, daß er ein großes Loch darein riß -- ich habe ihn nur zum
+Ausbessern gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon gestern
+wieder bekommen sollen.«
+
+»Wohl, mein Herr, ganz wohl!« erwiderte der Forstmeister, »Sie werben um
+meine Tochter, das tun auch andre, ich habe als ein Vater für sie zu
+sorgen, ich gebe Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach
+einem Schatten umtun mögen; erscheinen Sie binnen drei Tagen vor mir mit
+einem wohlangepaßten Schatten, so sollen Sie mir willkommen sein: am
+vierten Tage aber -- das sag' ich Ihnen -- ist meine Tochter die Frau
+eines andern.« -- Ich wollte noch versuchen, ein Wort an _Mina_ zu
+richten, aber sie schloß sich, heftiger schluchzend, fester an ihre
+Mutter, und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich
+schwankte hinweg, und mir war's, als schlösse sich hinter mir die Welt
+zu.
+
+Der liebevollen Aufsicht _Bendels_ entsprungen, durchschweifte ich in
+irrem Lauf Wälder und Fluren. Angstschweiß troff von meiner Stirne, ein
+dumpfes Stöhnen entrang sich meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn.
+
+Ich weiß nicht, wie lange es so gedauert haben mochte, als ich mich auf
+einer sonnigen Heide beim Ärmel anhalten fühlte. -- Ich stand still und
+sah mich um -- -- es war der Mann im grauen Rock, der sich nach mir
+außer Atem gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort: »Ich
+hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben die Zeit nicht
+erwarten können. Es steht aber alles noch gut, Sie nehmen Rat an,
+tauschen Ihren Schatten wieder ein, der Ihnen zu Gebote steht, und
+kehren sogleich wieder um. Sie sollen in dem Förstergarten willkommen
+sein, und alles ist nur ein Scherz gewesen; den _Raskal_, der Sie verraten
+hat und um Ihre Braut wirbt, nehm' ich auf mich, der Kerl ist reif.«
+
+Ich stand noch wie im Schlafe da. -- »Auf den heutigen Tag angemeldet
+--?« ich überdachte noch einmal die Zeit -- er hatte recht, ich hatte
+mich stets um einen Tag verrechnet. Ich suchte mit der rechten Hand nach
+dem Säckel auf meiner Brust -- er erriet meine Meinung und trat zwei
+Schritte zurück.
+
+»Nein, Herr Graf, der ist in zu guten Händen, den behalten Sie.« -- Ich
+sah ihn mit stieren Augen, verwundert fragend an, er fuhr fort: »Ich
+erbitte mir bloß eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut und
+unterschreiben mir den Zettel da.« -- Auf dem Pergamente standen die
+Worte:
+
+ »Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem Inhaber dieses
+ meine Seele nach ihrer natürlichen Trennung von meinem Leibe.«
+
+Ich sah mit stummem Staunen die Schrift und den grauen Unbekannten
+abwechselnd an. -- Er hatte unterdessen mit einer neu geschnittenen
+Feder einen Tropfen Bluts aufgefangen, der mir aus einem frischen
+Dornriß auf die Hand floß, und hielt sie mir hin.
+
+»Wer sind Sie denn?« frug ich ihn endlich. »Was tut's,« gab er mir zur
+Antwort, »und sieht man es mir nicht an? Ein armer Teufel, gleichsam so
+eine Art von Gelehrten und Physikus, der von seinen Freunden für
+vortreffliche Künste schlechten Dank erntet, und für sich selber auf
+Erden keinen andern Spaß hat, als sein bißchen Experimentieren -- aber
+unterschreiben Sie doch. Rechts, da unten: _Peter Schlemihl_.«
+
+Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr, das
+unterschreibe ich nicht.« -- »Nicht?« wiederholte er verwundert, »und
+warum nicht?«
+
+»Es scheint mir doch gewissermaßen bedenklich, meine Seele an meinen
+Schatten zu setzen.« -- -- »So, so!« wiederholte er, »bedenklich,« und
+er brach in ein lautes Gelächter gegen mich aus. »Und, wenn ich fragen
+darf, was ist denn das für ein Ding, Ihre Seele? haben Sie es je
+gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn Sie einst tot sind?
+Seien Sie doch froh, einen Liebhaber zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit
+noch den Nachlaß dieses #X#, dieser galvanischen Kraft oder
+polarisierenden Wirksamkeit, und was alles das närrische Ding sein soll,
+mit etwas Wirklichem bezahlen will, nämlich mit Ihrem leibhaftigen
+Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und zu der Erfüllung
+aller Ihrer Wünsche gelangen können. Wollen Sie lieber selbst das arme
+junge Blut dem niederträchtigen Schurken, dem _Raskal_, zustoßen und
+ausliefern? -- Nein, das müssen Sie doch mit eignen Augen ansehen;
+kommen Sie, ich leihe Ihnen die Tarnkappe hier« (er zog etwas aus der
+Tasche) »und wir wallfahren ungesehen nach dem Förstergarten.«
+
+Ich muß gestehen, daß ich mich überaus schämte, von diesem Manne
+ausgelacht zu werden. Er war mir von Herzensgrunde verhaßt, und ich
+glaube, daß mich dieser persönliche Widerwille mehr als Grundsätze oder
+Vorurteile abhielt, meinen Schatten, so notwendig er mir auch war, mit
+der begehrten Unterschrift zu erkaufen. Auch war mir der Gedanke
+unerträglich, den Gang, den er mir antrug, in seiner Gesellschaft zu
+unternehmen. Diesen häßlichen Schleicher, diesen hohnlächelnden Kobold,
+zwischen mich und meine Geliebte, zwei blutig zerrissene Herzen,
+spöttisch hintreten zu sehen, empörte mein innigstes Gefühl. Ich nahm,
+was geschehen war, als verhängt an, mein Elend als unabwendbar, und mich
+zu dem Manne kehrend, sagte ich ihm: »Mein Herr, ich habe Ihnen meinen
+Schatten für diesen an sich sehr vorzüglichen Säckel verkauft, und es
+hat mich genug gereut. Kann der Handel zurückgehen, in Gottes Namen!« Er
+schüttelte mit dem Kopf und zog ein sehr finsteres Gesicht. Ich fuhr
+fort: »So will ich Ihnen auch weiter nichts von meiner Habe verkaufen,
+sei es auch um den angebotenen Preis meines Schattens, und
+unterschreibe also nichts. Daraus läßt sich auch abnehmen, daß die
+Verkappung, zu der Sie mich einladen, ungleich belustigender für Sie als
+für mich ausfallen müßte; halten Sie mich also für entschuldigt, und da
+es einmal nicht anders ist -- laßt uns scheiden!« --
+
+»Es ist mir leid, Monsieur _Schlemihl_, daß Sie eigensinnig das Geschäft
+von der Hand weisen, das ich Ihnen freundschaftlich anbot. Indessen,
+vielleicht bin ich ein andermal glücklicher. Auf baldiges Wiedersehen!
+-- Apropos, erlauben Sie mir noch, Ihnen zu zeigen, daß ich die Sachen,
+die ich kaufe, keineswegs verschimmeln lasse, sondern in Ehren halte,
+und daß sie bei mir gut aufgehoben sind.« --
+
+Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und ihn mit einem
+geschickten Wurf auf der Heide entfaltend, breitete er ihn auf der
+Sonnenseite zu seinen Füßen aus, so, daß er zwischen den beiden ihm
+aufwartenden Schatten, dem meinen und dem seinen, daher ging, denn
+meiner mußte ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen
+sich richten und bequemen.
+
+Als ich nach so langer Zeit einmal meinen armen Schatten wieder sah, und
+ihn zu solchem schnöden Dienste herabgewürdigt fand, eben als ich um
+seinetwillen in so namenloser Not war, da brach mir das Herz, und ich
+fing bitterlich zu weinen an. Der Verhaßte stolzierte mit dem mir
+abgejagten Raub, und erneuerte unverschämt seinen Antrag: »Noch ist er
+für Sie zu haben, ein Federzug, und Sie retten damit die arme
+unglückliche _Mina_ aus des Schuftes Klauen in des hochgeehrten Herrn
+Grafen Arme -- wie gesagt, nur ein Federzug.« Meine Tränen brachen mir
+erneuter Kraft hervor, aber ich wandte mich weg, und winkte ihm, sich zu
+entfernen.
+
+_Bendel_, der voller Sorgen meine Spuren bis hierher verfolgt hatte, traf
+in diesem Augenblick ein. Als mich die treue, fromme Seele weinend
+fand, und meinen Schatten, denn er war nicht zu verkennen, in der Gewalt
+des wunderlichen grauen Unbekannten sah, beschloß er gleich, sei es auch
+mit Gewalt, mich in den Besitz meines Eigentums wiederherzustellen, und
+da er selbst mit dem zarten Dinge nicht umzugehen verstand, griff er
+gleich den Mann mit Worten an, und ohne vieles Fragen gebot er ihm
+stracks, mir das Meine unverzüglich verabfolgen zu lassen. Dieser, statt
+aller Antwort, kehrte dem unschuldigen Burschen den Rücken und ging.
+_Bendel_ aber erhob den Kreuzdornknüttel, den er trug, und, ihm auf den
+Fersen folgend, ließ er ihn schonungslos unter wiederholtem Befehl, den
+Schatten herzugeben, die volle Kraft seines nervichten Armes fühlen.
+Jener, als sei er solcher Behandlung gewohnt, bückte den Kopf, wölbte
+die Schultern, und zog stillschweigend ruhigen Schrittes seinen Weg über
+die Heide weiter, mir meinen Schatten zugleich und meinen treuen Diener
+entführend. Ich hörte lange noch den dumpfen Schall durch die Einöde
+dröhnen, bis er sich endlich in der Entfernung verlor. Einsam war ich
+wie vorher mit meinem Unglück.
+
+
+6.
+
+Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich unendlichen Tränen
+freien Lauf, mein armes Herz von namenloser banger Last erleichternd.
+Aber ich sah meinem überschwenglichen Elend keine Grenzen, keinen
+Ausgang, kein Ziel, und ich sog besonders mit grimmigem Durst an dem
+neuen Gifte, das der Unbekannte in meine Wunden gegossen. Als ich _Minas_
+Bild vor meine Seele rief und die geliebte, süße Gestalt bleich und in
+Tränen mir erschien, wie ich sie zuletzt in meiner Schmach gesehen, da
+trat frech und höhnend _Raskals_ Schemen zwischen sie und mich, ich
+verhüllte mein Gesicht und floh durch die Einöde, aber die scheußliche
+Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte mich im Laufe, bis
+ich atemlos an den Boden sank und die Erde mit erneuertem Tränenquell
+befeuchtete.
+
+Und alles um einen Schatten! Und diesen Schatten hätte mir ein Federzug
+wieder erworben. Ich überdachte den befremdenden Antrag und meine
+Weigerung. Es war wüst in mir, ich hatte weder Urteil noch
+Fassungsvermögen mehr.
+
+Der Tag verging, ich stillte meinen Hunger mit wilden Früchten, meinen
+Durst im nächsten Bergstrom; die Nacht brach ein, ich lagerte mich unter
+einem Baum. Der feuchte Morgen weckte mich aus einem schweren Schlaf, in
+dem ich mich selber wie im Tode röcheln hörte. _Bendel_ mußte meine Spur
+verloren haben und es freute mich, es zu denken. Ich wollte nicht unter
+die Menschen zurückkehren, vor welchen ich schreckhaft floh, wie das
+scheue Wild des Gebirges. So verlebte ich drei bange Tage.
+
+Ich befand mich am Morgen des vierten auf einer sandigen Ebene, welche
+die Sonne beschien, und saß auf Felsentrümmern in ihrem Strahl, denn ich
+liebte jetzt, ihren lang' entbehrten Anblick zu genießen. Ich nährte
+still mein Herz mit seiner Verzweiflung. Da schreckte mich ein leises
+Geräusch auf, ich warf, zur Flucht bereit, den Blick um mich her, ich
+sah niemand: aber es kam auf dem sonnigen Sande an mir vorbeigeglitten
+ein Menschenschatten, dem meinigen nicht unähnlich, welcher, allein
+daherwandelnd, von seinem Herrn abgekommen zu sein schien.
+
+Da erwachte in mir ein mächtiger Trieb: Schatten, dacht' ich, suchst du
+deinen Herrn? der will ich sein. Und ich sprang hinzu, mich seiner zu
+bemächtigen; ich dachte nämlich, daß, wenn es mir glückte, in seine Spur
+zu treten, so, daß er mir an die Füße käme, er wohl daran hängen bleiben
+würde und sich mit der Zeit an mich gewöhnen.
+
+Der Schatten, auf meine Bewegung, nahm vor mir die Flucht, und ich mußte
+auf den leichten Flüchtling eine angestrengte Jagd beginnen, zu der mich
+allein der Gedanke, mich aus der furchtbaren Lage, in der ich war, zu
+retten, mit hinreichenden Kräften ausrüsten konnte. Er floh einem
+freilich noch entfernten Walde zu, in dessen Schatten ich ihn notwendig
+hätte verlieren müssen, ich sah's, ein Schreck durchzuckte mir das Herz,
+fachte meine Begierde an, beflügelte meinen Lauf -- ich gewann
+sichtbarlich auf den Schatten, ich kam ihm nach und nach näher, ich
+mußte ihn erreichen. Nun hielt er plötzlich an und kehrte sich nach mir
+um. Wie der Löwe auf seine Beute, so schoß ich mit einem gewaltigen
+Sprunge hinzu, um ihn in Besitz zu nehmen -- und traf unerwartet und
+hart auf körperlichen Widerstand. Es wurden mir unsichtbar die
+unerhörtesten Rippenstöße erteilt, die wohl je ein Mensch gefühlt hat.
+
+Die Wirkung des Schreckens war in mir, die Arme krampfhaft zuzuschlagen
+und fest zu drücken, was ungesehen vor mir stand. Ich stürzte in der
+schnellen Handlung vorwärts gestreckt auf den Boden; rückwärts aber
+unter mir ein Mensch, den ich umfaßt hielt und der jetzt erst sichtbar
+erschien.
+
+Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich erklärbar. Der Mann
+mußte das unsichtbare Vogelnest, das den, der es hält, nicht aber seinen
+Schatten unsichtbar macht, erst getragen und jetzt weggeworfen haben.
+Ich spähte mit dem Blick umher, entdeckte gar bald den Schatten des
+unsichtbaren Nestes selbst, sprang auf und hinzu und verfehlte nicht den
+teuern Raub. Ich hielt unsichtbar, schattenlos das Nest in Händen.
+
+Der schnell sich aufrichtende Mann, sich sogleich nach seinem beglückten
+Bezwinger umsehend, erblickte auf der weiten sonnigen Ebene weder ihn
+noch dessen Schatten, nach dem er besonders ängstlich umherlauschte.
+Denn daß ich an und für mich schattenlos war, hatte er vorher nicht Muße
+gehabt zu bemerken und konnte es nicht vermuten. Als er sich überzeugt,
+daß jede Spur verschwunden, kehrte er in der höchsten Verzweiflung die
+Hand gegen sich selber und raufte sich das Haar aus. Mir aber gab der
+errungene Schatz die Möglichkeit und die Begierde zugleich, mich wieder
+unter die Menschen zu mischen. Es fehlte mir nicht an Vorwand gegen mich
+selber, meinen schnöden Raub zu beschönigen, oder vielmehr, ich bedurfte
+solches nicht, und jedem Gedanken der Art zu entweichen, eilte ich
+hinweg, nach dem Unglücklichen nicht zurückschauend, dessen ängstliche
+Stimme ich mir noch lange nachschallen hörte. So wenigstens kamen mir
+damals alle Umstände dieses Ereignisses vor.
+
+Ich brannte, nach dem Förstergarten zu gehen und durch mich selbst die
+Wahrheit dessen zu erkennen, was mir jener Verhaßte verkündigt hatte;
+ich wußte aber nicht, wo ich war, ich bestieg, um mich in der Gegend
+umzuschauen, den nächsten Hügel, ich sah von seinem Gipfel das nahe
+Städtchen und den Förstergarten zu meinen Füßen liegen. -- Heftig
+klopfte mir das Herz und Tränen einer andern Art, als die ich bis dahin
+vergossen, traten mir in die Augen: ich sollte sie wiedersehen. -- Bange
+Sehnsucht beschleunigte meine Schritte auf dem richtigsten Pfad hinab.
+Ich kam ungesehen an einigen Bauern vorbei, die aus der Stadt kamen. Sie
+sprachen von mir, _Raskal_ und dem Förster; ich wollte nichts anhören, ich
+eilte vorüber.
+
+Ich trat in den Garten, alle Schauer der Erwartung in der Brust -- mir
+schallte es wie ein Lachen entgegen, mich schauderte, ich warf einen
+schnellen Blick um mich her; ich konnte niemand entdecken. Ich schritt
+weiter vor, mir war's, als vernähme ich neben mir ein Geräusch wie von
+Menschentritten; es war aber nichts zu sehen: ich dachte mich von meinem
+Ohr getäuscht. Es war noch früh, niemand in _Graf Peters_ Laube, noch leer
+der Garten; ich durchschweifte die bekannten Gänge, ich drang bis nach
+dem Wohnhause vor. Dasselbe Geräusch verfolgte mich vernehmlicher. Ich
+setzte mich mit angstvollem Herzen auf eine Bank, die im sonnigen Raume
+der Haustür gegenüberstand. Es ward mir, als hörte ich den ungesehenen
+Kobold sich hohnlachend neben mich setzen. Der Schlüssel ward in der Tür
+gedreht, sie ging auf, der Forstmeister trat heraus, mit Papieren in der
+Hand. Ich fühlte mir wie Nebel über den Kopf ziehn, ich sah mich um und
+-- Entsetzen -- der Mann im grauen Rock saß neben mir, mit satanischem
+Lächeln auf mich blickend. -- Er hatte mir seine Tarnkappe mit über den
+Kopf gezogen, zu seinen Füßen lagen sein und mein Schatten friedlich
+nebeneinander; er spielte nachlässig mit dem bekannten Pergament, das er
+in der Hand hielt, und indem der Forstmeister mit den Papieren
+beschäftigt im Schatten der Laube auf und ab ging -- beugte er sich
+vertraulich zu meinem Ohr und flüsterte mir die Worte: »So hätten Sie
+denn doch meine Einladung angenommen und da säßen wir einmal zwei Köpfe
+unter einer Kappe! -- Schon recht, schon recht! Nun geben Sie mir aber
+auch mein Vogelnest zurück, Sie brauchen es nicht mehr und sind ein zu
+ehrlicher Mann, um es mir vorenthalten zu wollen -- doch keinen Dank
+dafür, ich versichere Sie, daß ich es Ihnen von Herzen gern geliehen
+habe.« -- Er nahm es unweigerlich aus meiner Hand, steckte es in die
+Tasche und lachte mich abermals aus, und zwar so laut, daß sich der
+Forstmeister nach dem Geräusch umsah. -- Ich saß wie versteinert da.
+
+»Sie müssen mir doch gestehen,« fuhr er fort, »daß so eine Kappe viel
+bequemer ist. Sie deckt doch nicht nur ihren Mann, sondern auch seinen
+Schatten mit, und noch so viele andre, als er mitzunehmen Lust hat.
+Sehen Sie, heute führ' ich wieder ihrer zwei.« -- Er lachte wieder.
+»Merken Sie sich's, _Schlemihl_, was man anfangs mit Gutem nicht will, das
+muß man am Ende doch gezwungen. Ich dächte noch, Sie kauften mir das
+Ding ab, nähmen die Braut zurück (denn noch ist es Zeit) und wir ließen
+den _Raskal_ am Galgen baumeln, das wird uns ein leichtes, solange es am
+Stricke nicht fehlt. -- Hören Sie, ich gebe Ihnen noch meine Mütze in
+den Kauf.«
+
+Die Mutter trat heraus und das Gespräch begann. -- »Was macht _Mina_?« --
+»Sie weint.« -- »Einfältiges Kind! es ist doch nicht zu ändern!« --
+»Freilich nicht; aber sie so früh einem andern zu geben -- -- O Mann, du
+bist grausam gegen dein eignes Kind.« -- »Nein, Mutter, das siehst du
+sehr falsch. Wenn sie, noch bevor sie ihre doch kindischen Tränen
+ausgeweint hat, sich als die Frau eines sehr reichen und geehrten Mannes
+findet, wird sie getröstet aus ihrem Schmerze wie aus einem Traum
+erwachen und Gott und uns danken, das wirst du sehen!« -- »Gott gebe
+es!« -- »Sie besitzt freilich jetzt sehr ansehnliche Güter; aber nach
+dem Aufsehen, das die unglückliche Geschichte mit dem Abenteurer gemacht
+hat, glaubst du, daß sich so bald eine andre für sie so passende Partie,
+als der Herr _Raskal_, finden möchte? Weißt du, was für ein Vermögen er
+besitzt, der Herr _Raskal_? Er hat für sechs Millionen Güter hier im
+Lande, frei von allen Schulden, bar bezahlt. Ich habe die Dokumente in
+den Händen gehabt! Er war's, der mir überall das Beste vorweg genommen
+hat; und außerdem im Portefeuille Papiere auf _Thomas John_ für zirka
+viertehalb Millionen.« -- »Er muß sehr viel gestohlen haben.« -- »Was
+sind das wieder für Reden! Er hat weislich gespart, wo verschwendet
+wurde.« -- »Ein Mann, der die Livree getragen hat.« -- »Dummes Zeug! er
+hat doch einen untadligen Schatten.« -- »Du hast recht, aber -- --«
+
+Der Mann im grauen Rock lachte und sah mich an. Die Türe ging auf und
+_Mina_ trat heraus. Sie stützte sich auf den Arm einer Kammerfrau, stille
+Tränen flossen auf ihre schönen blassen Wangen. Sie setzte sich in einen
+Sessel, der für sie unter den Linden bereitet war, und ihr Vater nahm
+einen Stuhl neben ihr. Er faßte zärtlich ihre Hand und redete sie, die
+heftig zu weinen anfing, mit zarten Worten an: »Du bist mein gutes,
+liebes Kind, du wirst auch vernünftig sein, wirst nicht deinen alten
+Vater betrüben wollen, der nur dein Glück will; ich begreife es wohl,
+liebes Herz, daß es dich sehr erschüttert hat, du bist wunderbar deinem
+Unglück entkommen! Bevor wir den schändlichen Betrug entdeckt, hast du
+diesen Unwürdigen sehr geliebt! Siehe, _Mina_, ich weiß es und mache dir
+keine Vorwürfe darüber. Ich selber, liebes Kind, habe ihn auch geliebt,
+solange ich ihn für einen großen Herrn angesehen habe. Nun siehst du
+selber ein, wie anders alles geworden. Was! ein jeder Pudel hat ja
+seinen Schatten, und mein liebes einziges Kind sollte einen Mann -- --
+Nein, du denkst auch gar nicht mehr an ihn. -- Höre, _Mina_, nun wirbt ein
+Mann um dich, der die Sonne nicht scheut, ein geehrter Mann, der
+freilich kein Fürst ist, aber zehn Millionen, zehnmal mehr als du, im
+Vermögen besitzt, ein Mann, der mein liebes Kind glücklich machen wird.
+Erwidere mir nichts, widersetze dich nicht, sei meine gute, gehorsame
+Tochter, laß deinen liebenden Vater für dich sorgen, deine Tränen
+trocknen. Versprich mir, dem Herrn _Raskal_ deine Hand zu geben. -- Sage,
+willst du mir dies versprechen?« --
+
+Sie antwortete mit erstorbener Stimme: »Ich habe keinen Willen, keinen
+Wunsch fürder auf Erden. Geschehe mit mir, was mein Vater will.«
+Zugleich ward Herr _Raskal_ angemeldet und trat frech in den Kreis. _Mina_
+lag in Ohnmacht. Mein verhaßter Gefährte blickte mich zornig an und
+flüsterte mir die schnellen Worte: »Und das könnten Sie erdulden! Was
+fließt Ihnen denn statt des Blutes in den Adern?« Er ritzte mir mit
+einer raschen Bewegung eine leichte Wunde in die Hand, es floß Blut, er
+fuhr fort: »Wahrhaftig! rotes Blut! -- So unterschreiben Sie!« Ich hatte
+das Pergament und die Feder in Händen.
+
+
+7.
+
+Ich werde mich deinem Urteile bloßstellen, lieber _Chamisso_, und es nicht
+zu bestechen suchen. Ich selbst habe lange strenges Gericht an mir
+selber vollzogen, denn ich habe den quälenden Wurm in meinem Herzen
+genährt. Es schwebte immerwährend dieser ernste Moment meines Lebens vor
+meiner Seele, und ich vermocht' es nur zweifelnden Blickes, mit Demut
+und Zerknirschung anzuschauen. -- Lieber Freund, wer leichtsinnig nur
+den Fuß aus der geraden Straße setzt, der wird unversehens in andre
+Pfade abgeführt, die abwärts und immer abwärts ihn ziehen; er sieht dann
+umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern, ihm bleibt keine Wahl, er
+muß unaufhaltsam den Abhang hinab, und sich selbst der Nemesis opfern.
+Nach dem übereilten Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen, hatt' ich
+durch Liebe frevelnd in eines andern Wesens Schicksal mich gedrängt; was
+blieb mir übrig, als, wo ich Verderben gesät, wo schnelle Rettung von
+mir geheischt ward, eben rettend blindlings hinzuzuspringen? denn die
+letzte Stunde schlug. -- Denke nicht so niedrig von mir, mein _Adelbert_,
+als zu meinen, es hätte mich irgendein geforderter Preis zu teuer
+gedünkt, ich hätte mit irgend etwas, was nur mein war, mehr als eben mit
+Gold gekargt. -- Nein, _Adelbert_; aber mit unüberwindlichem Hasse gegen
+diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen war meine Seele
+angefüllt. Ich mochte ihm unrecht tun, doch empörte mich jede
+Gemeinschaft mit ihm. -- Auch hier trat, wie so oft schon in mein Leben,
+und wie überhaupt so oft in die Weltgeschichte, ein Ereignis an die
+Stelle einer Tat. Später habe ich mich mit mir selber versöhnt. Ich habe
+erstlich die Notwendigkeit verehren lernen, und was ist mehr als die
+getane Tat, das geschehene Ereignis, ihr Eigentum! Dann hab' ich auch
+diese Notwendigkeit als eine weise Fügung verehren lernen, die durch das
+gesamte große Getrieb' weht, darin wir bloß als mitwirkende, getriebene
+treibende Räder eingreifen: was sein soll, muß geschehen, was sein
+sollte, geschah, und nicht ohne jene Fügung, die ich endlich noch in
+meinem Schicksale und dem Schicksale derer, die das meine mit angriff,
+verehren lernte.
+
+Ich weiß nicht, ob ich es der Spannung meiner Seele, unter dem Drange so
+mächtiger Empfindungen, zuschreiben soll, ob der Erschöpfung meiner
+physischen Kräfte, die während der letzten Tage ungewohntes Darben
+geschwächt, ob endlich dem zerstörenden Aufruhr, den die Nähe dieses
+grauen Unholdes in meiner ganzen Natur erregte; genug, es befiel mich,
+als es an das Unterschreiben ging, eine tiefe Ohnmacht, und ich lag eine
+lange Zeit wie in den Armen des Todes.
+
+Fußstampfen und Fluchen waren die ersten Töne, die mein Ohr trafen, als
+ich zum Bewußtsein zurückkehrte; ich öffnete die Augen, es war dunkel,
+mein verhaßter Begleiter war scheltend um mich bemüht. »Heißt das nicht
+wie ein altes Weib sich aufführen! -- Man raffe sich auf und vollziehe
+frisch, was man beschlossen, oder hat man sich anders besonnen und will
+lieber greinen?« -- Ich richtete mich mühsam auf von der Erde, wo ich
+lag, und schaute schweigend um mich. Es war später Abend, aus dem
+hellerleuchteten Försterhause erscholl festliche Musik, einzelne Gruppen
+von Menschen wallten durch die Gänge des Gartens. Ein paar traten im
+Gespräche näher und nahmen Platz auf der Bank, worauf ich früher
+gesessen hatte. Sie unterhielten sich von der an diesem Morgen
+vollzogenen Verbindung des reichen Herrn _Raskal_ mit der Tochter des
+Hauses. -- Es war also geschehen. --
+
+Ich streifte mit der Hand die Tarnkappe des sogleich mir verschwindenden
+Unbekannten von meinem Haupte weg, und eilte stillschweigend, in die
+tiefste Nacht des Gebüsches mich versenkend, den Weg über _Graf Peters_
+Laube einschlagend, dem Ausgange des Gartens zu. Unsichtbar aber
+geleitete mich mein Plagegeist, mich mit scharfen Worten verfolgend.
+»Das ist also der Dank für die Mühe, die man genommen hat, Monsieur, der
+schwache Nerven hat, den langen lieben Tag hindurch zu pflegen. Und man
+soll den Narren im Spiele abgeben. Gut, Herr Trotzkopf, fliehn Sie nur
+vor mir, wir sind doch unzertrennlich. Sie haben mein Gold und ich Ihren
+Schatten; das läßt uns beiden keine Ruhe. -- Hat man je gehört, daß ein
+Schatten von seinem Herrn gelassen hätte? Ihrer zieht mich Ihnen nach,
+bis Sie ihn wieder zu Gnaden annehmen und ich ihn los bin. Was Sie
+versäumt haben aus frischer Lust zu tun, werden Sie nur zu spät aus
+Überdruß und Langweile nachholen müssen; man entgeht seinem Schicksale
+nicht.« Er sprach aus demselben Tone fort und fort; ich floh umsonst, er
+ließ nicht nach, und immer gegenwärtig, redete er höhnend von Gold und
+Schatten. Ich konnte zu keinem eignen Gedanken kommen.
+
+Ich hatte durch menschenleere Straßen einen Weg nach meinem Hause
+eingeschlagen. Als ich davor stand und es ansah, konnte ich es kaum
+erkennen; hinter den eingeschlagenen Fenstern brannte kein Licht. Die
+Türen waren zu, kein Dienervolk regte sich mehr darin. Er lachte laut
+auf neben mir: »Ja, ja, so geht's! Aber Ihren _Bendel_ finden Sie wohl
+daheim, den hat man jüngst vorsorglich so müde nach Hause geschickt, daß
+er es wohl seitdem gehütet haben wird.« Er lachte wieder. »Der wird
+Geschichten zu erzählen haben! -- Wohlan denn! für heute gute Nacht, auf
+baldiges Wiedersehen!«
+
+Ich hatte wiederholt geklingelt, es erschien Licht; _Bendel_ frug von
+innen, wer geklingelt habe. Als der gute Mann meine Stimme erkannte,
+konnte er seine Freude kaum bändigen; die Tür flog auf, wir lagen
+weinend einander in den Armen. Ich fand ihn sehr verändert, schwach und
+krank; mir war aber das Haar ganz grau geworden.
+
+Er führte mich durch die verödeten Zimmer nach einem innern, verschont
+gebliebenen Gemach; er holte Speise und Trank herbei, wir setzten uns,
+er fing wieder an zu weinen. Er erzählte mir, daß er letzthin den grau
+gekleideten dürren Mann, den er mit meinem Schatten angetroffen hatte,
+so lange und so weit geschlagen habe, bis er selbst meine Spur verloren
+und vor Müdigkeit hingesunken sei; daß nachher, wie er mich nicht wieder
+finden gekonnt, er nach Hause zurückgekehrt, wo bald darauf der Pöbel,
+auf _Raskals_ Anstiften, herangestürmt, die Fenster eingeschlagen und
+seine Zerstörungslust gebüßt. So hatten sie an ihrem Wohltäter
+gehandelt. Meine Dienerschaft war auseinander geflohen. Die örtliche
+Polizei hatte mich als verdächtig aus der Stadt verwiesen, und mir eine
+Frist von vierundzwanzig Stunden festgesetzt, um deren Gebiet zu
+verlassen. Zu dem, was mir von _Raskals_ Reichtum und Vermählung bekannt
+war, wußte er noch vieles hinzuzufügen. Dieser Bösewicht, von dem alles
+ausgegangen, was hier gegen mich geschehen war, mußte von Anbeginn mein
+Geheimnis besessen haben, es schien, er habe, vom Golde angezogen, sich
+an mich zu drängen gewußt, und schon in der ersten Zeit einen Schlüssel
+zu jenem Goldschrank sich verschafft, wo er den Grund zu dem Vermögen
+gelegt, das noch zu vermehren er jetzt verschmähen konnte.
+
+Das alles erzählte mir _Bendel_ unter häufigen Tränen, und weinte dann
+wieder vor Freuden, daß er mich wieder sah, mich wieder hatte, und daß,
+nachdem er lang gezweifelt, wohin das Unglück mich gebracht haben
+möchte, er mich es ruhig und gefaßt ertragen sah. Denn solche Gestaltung
+hatte nun die Verzweiflung in mir genommen. Ich sah mein Elend
+riesengroß, unwandelbar vor mir, ich hatte ihm meine Tränen ausgeweint,
+es konnte kein Geschrei mehr aus meiner Brust pressen, ich trug ihm kalt
+und gleichgültig mein entblößtes Haupt entgegen.
+
+»_Bendel_,« hub ich an, »du weißt mein Los. Nicht ohne früheres
+Verschulden trifft mich schwere Strafe. Du sollst länger nicht,
+unschuldiger Mann, dein Schicksal an das meine binden, ich will es
+nicht. Ich reite die Nacht noch fort, sattle mir ein Pferd, ich reite
+allein; du bleibst, ich will's. Es müssen hier noch einige Kisten Goldes
+liegen, das behalte du. Ich werde allein unstet in der Welt wandern;
+wann mir aber je eine heitere Stunde wieder lacht und das Glück mich
+versöhnt anblickt, dann will ich deiner getreu gedenken, denn ich habe
+an deiner getreuen Brust in schweren, schmerzlichen Stunden geweint.«
+
+Mit gebrochenem Herzen mußte der Redliche diesem letzten Befehle seines
+Herrn, worüber er in der Seele erschrak, gehorchen; ich war seinen
+Bitten, seinen Vorstellungen taub, blind seinen Tränen; er führte mir
+das Pferd vor. Ich drückte noch einmal den Weinenden an meine Brust,
+schwang mich in den Sattel und entfernte mich unter dem Mantel der Nacht
+von dem Grabe meines Lebens, unbekümmert, welchen Weg mein Pferd mich
+führen werde; denn ich hatte weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch,
+keine Hoffnung.
+
+
+8.
+
+Es gesellte sich bald ein Fußgänger zu mir, welcher mich bat, nachdem er
+eine Weile neben meinem Pferde geschritten war, da wir doch denselben
+Weg hielten, einen Mantel, den er trug, hinten auf mein Pferd legen zu
+dürfen, ich ließ es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit
+leichtem Anstand für den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm daraus
+Gelegenheit, das Glück und die Macht der Reichen hoch zu preisen, und
+ließ sich, ich weiß nicht wie, in eine Art von Selbstgespräch ein, bei
+dem er mich bloß zum Zuhörer hatte.
+
+Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der Welt, und kam sehr
+bald auf die Metaphysik, an die die Forderung erging, das Wort
+aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei. Er setzte die Aufgabe mit
+vieler Klarheit auseinander und schritt fürder zu deren Beantwortung.
+
+Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe, seitdem ich den
+Philosophen durch die Schule gelaufen, daß ich zur philosophischen
+Spekulation keineswegs berufen bin, und daß ich mir dieses Feld völlig
+abgesprochen habe; ich habe seither vieles auf sich beruhen lassen,
+vieles zu wissen und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie du es
+mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der Stimme in mir,
+soviel es in meiner Macht gewesen, auf dem eignen Wege gefolgt. Nun
+schien mir dieser Redekünstler mit großem Talent ein fest gefügtes
+Gebäude aufzuführen, das in sich selbst begründet sich emportrug und wie
+durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt' ich ganz in ihm,
+was ich eben darin hätte suchen wollen, und so ward es mir zu einem
+bloßen Kunstwerk, dessen zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem
+Auge allein zur Ergötzung diente; aber ich hörte dem wohlberedeten Manne
+gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen Leiden auf sich selbst
+abgelenkt, und ich hätte mich willig ihm ergeben, wenn er meine Seele
+wie meinen Verstand in Anspruch genommen hätte.
+
+Mittlerweile war die Zeit hingegangen und unbemerkt hatte schon die
+Morgendämmerung den Himmel erhellt; ich erschrak, als ich mit einem Male
+aufblickte und im Osten die Pracht der Farben sich entfalten sah, die
+die nahe Sonne verkünden, und gegen sie war in dieser Stunde, wo die
+Schlagschatten mit ihrer ganzen Ausdehnung prunken, kein Schutz, kein
+Bollwerk in der offenen Gegend zu ersehen! und ich war nicht allein! Ich
+warf einen Blick auf meinen Begleiter und erschrak wieder. -- Es war
+kein andrer als der Mann im grauen Rock.
+
+Er lächelte über meine Bestürzung und fuhr fort, ohne mich zum Wort
+kommen zu lassen: »Laßt doch, wie es einmal in der Welt Sitte ist,
+unsern wechselseitigen Vorteil uns auf eine Weile verbinden, zu scheiden
+haben wir immer noch Zeit. Die Straße hier längs dem Gebirge, ob Sie
+gleich noch nicht daran gedacht haben, ist doch die einzige, die Sie
+vernünftigerweise einschlagen können; hinab in das Tal dürfen Sie nicht
+und über das Gebirg' werden Sie noch weniger zurückkehren wollen, von wo
+Sie hergekommen sind -- diese ist auch gerade meine Straße. -- Ich sehe
+Sie schon vor der aufgehenden Sonne erblassen. Ich will Ihnen Ihren
+Schatten auf die Zeit unsrer Gesellschaft leihen, und Sie dulden mich
+dafür in Ihrer Nähe; Sie haben so Ihren _Bendel_ nicht mehr bei sich; ich
+will Ihnen gute Dienste leisten. Sie lieben mich nicht, das ist mir
+leid. Sie können mich darum doch benutzen. Der Teufel ist nicht so
+schwarz, als man ihn malt. Gestern haben Sie mich geärgert, das ist
+wahr, heute will ich's Ihnen nicht nachtragen und ich habe Ihnen schon
+den Weg bis hierher verkürzt, das müssen Sie selbst gestehen. -- Nehmen
+Sie doch nur einmal Ihren Schatten auf Probe wieder an.«
+
+Die Sonne war aufgegangen, auf der Straße kamen uns Menschen entgegen;
+ich nahm, obgleich mit innerlichem Widerwillen, den Antrag an. Er ließ
+lächelnd meinen Schatten zur Erde gleiten, der alsbald seine Stelle auf
+des Pferdes Schatten einnahm und lustig neben mir her trabte. Mir war
+sehr seltsam zumute. Ich ritt an einem Trupp Landleute vorbei, die vor
+einem wohlhabenden Mann ehrerbietig mit entblößtem Haupte Platz machten.
+Ich ritt weiter und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens
+seitwärts vom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten, den ich
+jetzt von einem Fremden, ja von einem Feinde, erborgt hatte.
+
+Dieser ging unbekümmert nebenher und pfiff eben ein Liedchen. Er zu Fuß,
+ich zu Pferd', ein Schwindel ergriff mich, die Versuchung war zu groß,
+ich wandte plötzlich die Zügel, drückte beide Sporen an, und so in
+voller Karriere einen Seitenweg eingeschlagen; aber ich entführte den
+Schatten nicht, der bei der Wendung vom Pferde glitt und seinen
+gesetzmäßigen Eigentümer auf der Landstraße erwartete. Ich mußte
+beschämt umlenken; der Mann im grauen Rocke, als er ungestört sein
+Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich aus, setzte mir den Schatten
+wieder zurecht und belehrte mich, er würde erst an mir festhangen und
+bei mir bleiben wollen, wann ich ihn wiederum als rechtmäßiges Eigentum
+besitzen würde. »Ich halte Sie,« fuhr er fort, »am Schatten fest und Sie
+kommen mir nicht los. Ein reicher Mann, wie Sie, braucht einmal einen
+Schatten, das ist nicht anders, Sie sind nur darin zu tadeln, daß Sie es
+nicht früher eingesehen haben.«
+
+Ich setzte meine Reise auf derselben Straße fort; es fanden sich bei mir
+alle Bequemlichkeiten des Lebens und selbst ihre Pracht wieder ein; ich
+konnte mich frei und leicht bewegen, da ich einen, obgleich nur
+erborgten, Schatten besaß, und ich flößte überall die Ehrfurcht ein, die
+der Reichtum gebietet; aber ich hatte den Tod im Herzen. Mein
+wundersamer Begleiter, der sich selbst für den unwürdigen Diener des
+reichsten Mannes in der Welt ausgab, war von einer außerordentlichen
+Dienstfertigkeit, über die Maßen gewandt und geschickt, der wahre
+Inbegriff eines Kammerdieners für einen reichen Mann, aber er wich nicht
+von meiner Seite und führte unaufhörlich das Wort gegen mich, stets die
+größte Zuversicht an den Tag legend, daß ich endlich, sei es auch nur,
+um ihn los zu werden, den Handel mit dem Schatten abschließen würde. --
+Er war mir ebenso lästig als verhaßt. Ich konnte mich ordentlich vor ihm
+fürchten. Ich hatte mich von ihm abhängig gemacht. Er hielt mich,
+nachdem er mich in die Herrlichkeit der Welt, die ich floh,
+zurückgeführt hatte. Ich mußte seine Beredsamkeit über mich ergehen
+lassen und fühlte schier, er habe recht. Ein Reicher muß in der Welt
+einen Schatten haben, und sobald ich den Stand behaupten wollte, den er
+mich wieder geltend zu machen verleitet hatte, war nur ein Ausgang zu
+ersehen. Dieses aber stand bei mir fest, nachdem ich meine Liebe
+hingeopfert, nachdem mir das Leben verblaßt war, wollt' ich meine Seele
+nicht, sei es um alle Schatten der Welt, dieser Kreatur verschreiben.
+Ich wußte nicht, wie es enden sollte.
+
+Wir saßen einst vor einer Höhle, welche die Fremden, die das Gebirge
+bereisen, zu besuchen pflegen. Man hört dort das Gebrause unterirdischer
+Ströme aus ungemessener Tiefe heraufschallen, und kein Grund scheint den
+Stein, den man hineinwirft, in seinem hallenden Fall aufzuhalten. Er
+malte mir, wie er öfters tat, mit verschwenderischer Einbildungskraft
+und im schimmernden Reize der glänzendsten Farben, sorgfältig
+ausgeführte Bilder von dem, was ich in der Welt, kraft meines Säckels,
+ausführen würde, wenn ich erst meinen Schatten wieder in meiner Gewalt
+hätte. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, hielt ich mein Gesicht in
+meinen Händen verborgen und hörte dem Falschen zu, das Herz zwiefach
+geteilt zwischen der Verführung und dem strengen Willen in mir. Ich
+konnte bei solchem innerlichen Zwiespalt länger nicht ausdauern und
+begann den entscheidenden Kampf.
+
+»Sie scheinen, mein Herr, zu vergessen, daß ich Ihnen zwar erlaubt habe,
+unter gewissen Bedingungen in meiner Begleitung zu bleiben, daß ich mir
+aber meine völlige Freiheit vorbehalten habe.« -- »Wenn Sie befehlen, so
+pack' ich ein.« Die Drohung war ihm geläufig. Ich schwieg; er setzte
+sich gleich daran, meinen Schatten wieder zusammenzurollen. Ich
+erblaßte, aber ich ließ es stumm geschehen. Es erfolgte ein langes
+Stillschweigen. Er nahm zuerst das Wort: »Sie können mich nicht leiden,
+mein Herr, Sie hassen mich, ich weiß es; doch warum hassen Sie mich? Ist
+es etwa, weil Sie mich auf öffentlicher Straße angefallen und mir mein
+Vogelnest mit Gewalt zu rauben gemeint? oder ist es darum, daß Sie mein
+Gut, den Schatten, den Sie Ihrer bloßen Ehrlichkeit anvertraut glaubten,
+mir diebischerweise zu entwenden gesucht haben? Ich meinerseits hasse
+Sie darum nicht; ich finde ganz natürlich, daß Sie alle Ihre Vorteile,
+List und Gewalt geltend zu machen suchen; daß Sie übrigens die
+allerstrengsten Grundsätze haben und wie die Ehrlichkeit selbst denken,
+ist eine Liebhaberei, wogegen ich auch nichts habe. -- Ich denke in der
+Tat nicht so streng als Sie; ich handle bloß, wie Sie denken. Oder hab'
+ich Ihnen etwa irgendwann den Daumen auf die Gurgel gedrückt, um Ihre
+werteste Seele, zu der ich einmal Lust habe, an mich zu bringen? Hab'
+ich von wegen meines ausgetauschten Säckels einen Diener auf Sie
+losgelassen? hab' ich Ihnen damit durchzugehen versucht?« Ich hatte
+dagegen nichts zu erwidern; er fuhr fort: »Schon recht, mein Herr, schon
+recht! Sie können mich nicht leiden; auch das begreife ich wohl und
+verarge es Ihnen weiter nicht. Wir müssen scheiden, das ist klar, und
+auch Sie fangen an, mir sehr langweilig vorzukommen. Um sich also meiner
+ferneren beschämenden Gegenwart völlig zu entziehen, rate ich es Ihnen
+noch einmal: Kaufen Sie mir das Ding ab.« -- Ich hielt ihm den Säckel
+hin: »Um den Preis.« -- »Nein!« -- Ich seufzte schwer auf und nahm
+wieder das Wort: »Auch also. Ich dringe darauf, mein Herr, laßt uns
+scheiden, vertreten Sie mir länger nicht den Weg auf einer Welt, die
+hoffentlich geräumig genug ist für uns beide.« Er lächelte und
+erwiderte: »Ich gehe, mein Herr, zuvor aber will ich Sie unterrichten,
+wie Sie mir klingeln können, wenn Sie je Verlangen nach Ihrem
+untertänigsten Knecht tragen sollten: Sie brauchen nur Ihren Säckel zu
+schütteln, daß die ewigen Goldstücke darinnen rasseln, der Ton zieht
+mich augenblicklich an. Ein jeder denkt auf seinen Vorteil in dieser
+Welt: Sie sehen, daß ich auf Ihren zugleich bedacht bin, denn ich
+eröffne Ihnen offenbar eine neue Kraft! -- O dieser Säckel! -- Und
+hätten gleich die Motten Ihren Schatten schon aufgefressen, der würde
+noch ein starkes Band zwischen uns sein. Genug, Sie haben mich an meinem
+Gold, befehlen Sie auch in der Ferne über Ihren Knecht, Sie wissen, daß
+ich mich meinen Freunden dienstfertig genug erweisen kann, und daß die
+Reichen besonders gut mit mir stehen; Sie haben es selbst gesehen. --
+Nur Ihren Schatten, mein Herr -- das lassen Sie sich gesagt sein -- nie
+wieder, als unter einer einzigen Bedingung.«
+
+Gestalten der alten Zeit traten vor meine Seele. Ich frug ihn schnell:
+»Hatten Sie eine Unterschrift vom Herrn _John_?« -- Er lächelte. -- »Mit
+einem so guten Freund hab' ich es keineswegs nötig gehabt.« -- »Wo ist
+er? bei Gott, ich will es wissen!« Er steckte zögernd die Hand in die
+Tasche, und daraus bei den Haaren hervorgezogen erschien _Thomas Johns_
+bleiche, entstellte Gestalt, und die blauen Leichenlippen bewegten sich
+zu schweren Worten: #»Justo judicio Dei judicatus sum; justo judicio Dei
+condemnatus sum.«# Ich entsetzte mich, und schnell den klingenden Säckel
+in den Abgrund werfend, sprach ich zu ihm die letzten Worte: »So
+beschwör' ich dich im Namen Gottes, Entsetzlicher! hebe dich von dannen
+und lasse dich nie wieder vor meinen Augen blicken!« Er erhub sich
+finster und verschwand sogleich hinter den Felsenmassen, die den wild
+bewachsenen Ort begrenzten.
+
+
+9.
+
+Ich saß da ohne Schatten und ohne Geld; aber ein schweres Gewicht war
+von meiner Brust genommen, ich war heiter. Hätte ich nicht auch meine
+Liebe verloren, oder hätt' ich mich nur bei deren Verlust vorwurfsfrei
+gefühlt, ich glaube, ich hätte glücklich sein können -- ich wußte aber
+nicht, was ich anfangen sollte. Ich durchsuchte meine Taschen und fand
+noch einige Goldstücke darin; ich zählte sie und lachte. -- Ich hatte
+meine Pferde unten im Wirtshause, ich schämte mich, dahin
+zurückzukehren, ich mußte wenigstens den Untergang der Sonne erwarten;
+sie stand noch hoch am Himmel. Ich legte mich in den Schatten der
+nächsten Bäume und schlief ruhig ein.
+
+Anmutige Bilder verwoben sich mir im luftigen Tanze zu einem gefälligen
+Traum. _Mina_, einen Blumenkranz in den Haaren, schwebte an mir vorüber
+und lächelte mich freundlich an. Auch der ehrliche _Bendel_ war mit Blumen
+bekränzt und eilte mit freundlichem Gruße vorüber. Viele sah ich noch,
+und wie mich dünkt, auch dich, _Chamisso_, im fernen Gewühl; ein helles
+Licht schien, es hatte aber keiner einen Schatten, und was seltsamer
+ist, es sah nicht übel aus -- Blumen und Lieder, Liebe und Freude, unter
+Palmenhainen. -- -- Ich konnte die beweglichen, leicht verwehten,
+lieblichen Gestalten weder festhalten noch deuten; aber ich weiß, daß
+ich gerne solchen Traum träumte und mich vor dem Erwachen in acht nahm;
+ich wachte wirklich schon und hielt noch die Augen zu, um die weichenden
+Erscheinungen länger vor meiner Seele zu behalten.
+
+Ich öffnete endlich die Augen, die Sonne stand noch am Himmel, aber im
+Osten; ich hatte die Nacht verschlafen. Ich nahm es für ein Zeichen, daß
+ich nicht nach dem Wirtshause zurückkehren sollte. Ich gab leicht, was
+ich dort noch besaß, verloren und beschloß, eine Nebenstraße, die durch
+den waldbewachsenen Fuß des Gebirges führte, zu Fuß einzuschlagen, dem
+Schicksal es anheimstellend, was es mit mir vor hatte, zu erfüllen. Ich
+schaute nicht hinter mich zurück und dachte auch nicht daran, an _Bendel_,
+den ich reich zurückgelassen hatte, mich zu wenden, welches ich
+allerdings gekonnt hätte. Ich sah mich an auf den neuen Charakter, den
+ich in der Welt bekleiden sollte: mein Anzug war sehr bescheiden. Ich
+hatte eine alte schwarze Kurtka an, die ich schon in Berlin getragen,
+und die mir, ich weiß nicht wie, zu dieser Reise erst wieder in die Hand
+gekommen war. Ich hatte sonst eine Reisemütze auf dem Kopf und ein Paar
+alte Stiefel an den Füßen. Ich erhob mich, schnitt mir an selbiger
+Stelle einen Knotenstock zum Andenken und trat sogleich meine Wanderung
+an.
+
+Ich begegnete im Wald einem alten Bauer, der mich freundlich begrüßte,
+und mit dem ich mich in ein Gespräch einließ. Ich erkundigte mich, wie
+ein wißbegieriger Reisender, erst nach dem Wege, dann nach der Gegend
+und deren Bewohner, den Erzeugnissen des Gebirges und derlei mehr. Er
+antwortete verständig und redselig auf meine Fragen. Wir kamen an das
+Bette eines Bergstromes, der über einen weiten Strich des Waldes seine
+Verwüstung verbreitet hatte. Mich schauderte innerlich vor dem
+sonnenhellen Raum; ich ließ den Landmann vorangehen. Er hielt aber
+mitten im gefährlichen Orte still und wandte sich zu mir, um mir die
+Geschichte dieser Verwüstung zu erzählen. Er bemerkte bald, was mir
+fehlte und hielt mitten in seiner Rede ein: »Aber wie geht denn das zu,
+der Herr hat ja keinen Schatten!« -- »Leider! leider!« erwiderte ich
+seufzend. »Es sind mir während einer bösen langen Krankheit Haare, Nägel
+und Schatten ausgegangen. Seht, Vater, in meinem Alter die Haare, die
+ich wieder gekriegt habe, ganz weiß, die Nägel sehr kurz und der
+Schatten, der will noch nicht wieder wachsen.« -- »Ei! ei!« versetzte
+der alte Mann kopfschüttelnd, »keinen Schatten, das ist bös! das war
+eine böse Krankheit, die der Herr gehabt hat.« Aber er hub seine
+Erzählung nicht wieder an, und bei dem nächsten Querweg, der sich
+darbot, ging er, ohne ein Wort zu sagen, von mir ab. -- Bittere Tränen
+zitterten aufs neue auf meinen Wangen und meine Heiterkeit war hin.
+
+Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort und suchte ferner keines
+Menschen Gesellschaft. Ich hielt mich im dunkelsten Walde und mußte
+manchmal, um über einen Strich, wo die Sonne schien, zu kommen,
+stundenlang darauf warten, daß mir keines Menschen Auge den Durchgang
+verbot. Am Abend suchte ich Herberge in den Dörfern zu nehmen. Ich ging
+eigentlich nach einem Bergwerk im Gebirge, wo ich Arbeit unter der Erde
+zu finden gedachte; denn davon abgesehen, daß meine jetzige Lage mir
+gebot, für meinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, hatte ich dieses
+wohl erkannt, daß mich allein angestrengte Arbeit gegen meine
+zerstörenden Gedanken schützen könnte.
+
+Ein paar regnichte Tage förderten mich leicht auf den Weg, aber auf
+Kosten meiner Stiefel, deren Sohlen für den _Grafen Peter_ und nicht für
+den Fußknecht berechnet worden. Ich ging schon auf den bloßen Füßen. Ich
+mußte ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am nächsten Morgen besorgte ich
+dieses Geschäft mit vielem Ernst in einem Flecken, wo Kirmes war, und wo
+in einer Bude alte und neue Stiefel zu Kauf standen. Ich wählte und
+handelte lange. Ich mußte auf ein Paar neue, die ich gern gehabt hätte,
+Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich begnügte
+mich also mit alten, die noch gut und stark waren, und die mir der
+schöne blondlockige Knabe, der die Bude hielt, gegen gleich bare
+Bezahlung freundlich lächelnd einhändigte, indem er mir Glück auf den
+Weg wünschte. Ich zog sie gleich an und ging zum nördlich gelegenen Tor
+aus dem Ort.
+
+Ich war in meinen Gedanken sehr vertieft und sah kaum, wo ich den Fuß
+hinsetzte, denn ich dachte an das Bergwerk, wo ich auf den Abend noch
+anzulangen hoffte, und wo ich nicht recht wußte, wie ich mich
+ankündigen sollte. Ich war noch keine zweihundert Schritte gegangen, als
+ich bemerkte, daß ich aus dem Wege gekommen war; ich sah mich danach um,
+ich befand mich in einem wüsten, uralten Tannenwalde, woran die Axt nie
+gelegt worden zu sein schien. Ich drang noch einige Schritte vor, ich
+sah mich mitten unter öden Felsen, die nur mit Moos und Steinbrecharten
+bewachsen waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen. Die
+Luft war sehr kalt, ich sah mich um, der Wald war hinter mir
+verschwunden. Ich machte noch einige Schritte -- um mich herrschte die
+Stille des Todes, unabsehbar dehnte sich das Eis, worauf ich stand und
+worauf ein dichter Nebel schwer ruhte; die Sonne stand blutig am Rande
+des Horizontes. Die Kälte war unerträglich. Ich wußte nicht, wie mir
+geschehen war, der erstarrende Frost zwang mich, meine Schritte zu
+beschleunigen, ich vernahm nur das Gebrause ferner Gewässer, ein
+Schritt, und ich war am Eisufer eines Ozeans. Unzählbare Herden von
+Seehunden stürzten sich vor mir rauschend in die Flut. Ich folgte diesem
+Ufer, ich sah wieder nackte Felsen, Land, Birken- und Tannenwälder, ich
+lief noch ein paar Minuten gerade vor mir hin. Es war erstickend heiß,
+ich sah mich um, ich stand zwischen schön gebauten Reisfeldern unter
+Maulbeerbäumen. Ich setzte mich in deren Schatten, ich sah nach meiner
+Uhr, ich hatte vor nicht einer Viertelstunde den Marktflecken verlassen
+-- ich glaubte zu träumen, ich biß mich in die Zunge, um mich zu
+erwecken; aber ich wachte wirklich. -- Ich schloß die Augen zu, um meine
+Gedanken zusammenzufassen. -- Ich hörte vor mir seltsame Silben durch
+die Nase zählen; ich blickte auf: zwei Chinesen an der asiatischen
+Gesichtsbildung unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen
+Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landesüblichen Begrüßungen in
+ihrer Sprache an; ich stand auf und trat zwei Schritte zurück. Ich sah
+sie nicht mehr, die Landschaft war ganz verändert: Bäume, Wälder statt
+der Reisfelder. Ich betrachtete diese Bäume und die Kräuter, die um
+mich blühten; die ich kannte, waren südöstlich asiatische Gewächse; ich
+wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt -- und wiederum alles
+verändert. Ich trat nun an, wie ein Rekrut, der geübt wird, und schritt
+langsam, gesetzt einher. Wunderbare veränderliche Länder, Fluren, Auen,
+Gebirge, Steppen, Sandwüsten entrollen sich vor meinem staunenden Blick;
+es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an den Füßen.
+
+
+10.
+
+Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß Tränen des Dankes
+-- denn klar stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe
+Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum
+Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu
+einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines
+Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. Es war nicht ein Entschluß, den
+ich faßte. Ich habe nur seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor
+mein inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem
+Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat von dem
+Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild abgehangen.
+
+Ich raffte mich auf, um ohne Zögern mit flüchtigem Überblick Besitz von
+dem Felde zu nehmen, wo ich künftig ernten wollte. -- Ich stand auf den
+Höhen des Tibet, und die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen
+war, neigte sich hier schon am Abendhimmel, ich durchwanderte Asien von
+Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend, und trat in Afrika ein.
+Ich sah mich neugierig darin um, indem ich es wiederholt in allen
+Richtungen durchmaß. Wie ich durch Ägypten die alten Pyramiden und
+Tempel angaffte, erblickte ich in der Wüste, unfern des hunderttorigen
+Theben, die Höhlen, wo christliche Einsiedler sonst wohnten. Es stand
+plötzlich fest und klar in mir, hier ist dein Haus. -- Ich erkor eine
+der verborgensten, die zugleich geräumig, bequem und den Schakalen
+unzugänglich war, zu meinem künftigen Aufenthalte und setzte meinen Stab
+weiter.
+
+Ich trat bei den Herkulessäulen nach Europa über, und nachdem ich seine
+südlichen und nördlichen Provinzen in Augenschein genommen, trat ich von
+Nordasien über den Polargletscher nach Grönland und Amerika über,
+durchschweifte die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der
+schon im Süden herrschte, trieb mich schnell vom Kap Horn nordwärts
+zurück.
+
+Ich verweilte mich, bis es im östlichen Asien Tag wurde, und setzte erst
+nach einiger Ruh' meine Wanderung fort. Ich verfolgte durch beide
+Amerika die Bergkette, die die höchsten bekannten Unebenheiten unsrer
+Kugel in sich faßt. Ich schritt langsam und vorsichtig von Gipfel zu
+Gipfel, bald über flammende Vulkane, bald über beschneite Kuppeln, oft
+mit Mühe atmend, ich erreichte den Eliasberg und sprang über die
+Beringstraße nach Asien. -- Ich verfolgte dessen westliche Küste in
+ihren vielfachen Wendungen und untersuchte mit besonderer
+Aufmerksamkeit, welche der dort gelegenen Inseln mir zugänglich wären.
+Von der Halbinsel Malakka trugen mich meine Stiefel auf Sumatra, Java,
+Bali und Lamboc, ich versuchte, selbst oft mit Gefahr und dennoch immer
+vergebens, mir über die kleinern Inseln und Felsen, wovon dieses Meer
+starrt, einen Übergang nordwestlich nach Borneo und andern Inseln dieses
+Archipelagus zu bahnen. Ich mußte die Hoffnung aufgeben. Ich setzte mich
+endlich auf die äußerste Spitze von Lamboc nieder, und das Gesicht gegen
+Süden und Osten gewendet, weint' ich wie am festverschlossenen Gitter
+meines Kerkers, daß ich doch so bald meine Begrenzung gefunden. Das
+merkwürdige, zum Verständnis der Erde und ihres sonnengewirkten Kleides,
+der Pflanzen- und Tierwelt, so wesentlich notwendige Neuholland und die
+Südsee mit ihren Zoophyteninseln waren mir untersagt, und so war im
+Ursprunge schon alles, was ich sammeln und erbauen sollte, bloßes
+Fragment zu bleiben verdammt. -- O mein _Adelbert_, was ist es doch um die
+Bemühungen der Menschen!
+
+Oft habe ich im strengsten Winter der südlichen Halbkugel vom Kap Horn
+aus jene zweihundert Schritte, die mich etwa vom Land van Diemen und
+Neuholland trennten, selbst unbekümmert um die Rückkehr, und sollte sich
+dieses schlechte Land über mich, wie der Deckel meines Sarges,
+schließen, über den Polargletscher westwärts zurückzulegen versucht,
+habe über Treibeis mit törichter Wagnis verzweiflungsvolle Schritte
+getan, der Kälte und dem Meere Trotz geboten. Umsonst, noch bin ich auf
+Neuholland nicht gewesen -- ich kam dann jedesmal auf Lamboc zurück und
+setzte mich auf seine äußerste Spitze nieder, und weinte wieder, das
+Gesicht gen Süden und Osten gewendet, wie am festverschlossenen Gitter
+meines Kerkers.
+
+Ich riß mich endlich von dieser Stelle und trat mit traurigem Herzen
+wieder in das innere Asien, ich durchschweifte es fürder, die
+Morgendämmerung nach Westen verfolgend, und kam noch in der Nacht in die
+Thebais zu meinem vorbestimmten Hause, das ich in den gestrigen
+Nachmittagstunden berührt hatte.
+
+Sobald ich etwas ausgeruht und es Tag über Europa war, ließ ich meine
+erste Sorge sein, alles anzuschaffen, was ich bedurfte. -- Zuvörderst
+Hemmschuhe, denn ich hatte erfahren, wie unbequem es sei, seinen Schritt
+nicht anders verkürzen zu können, um nahe Gegenstände gemächlich zu
+untersuchen, als indem man die Stiefel auszieht. Ein Paar Pantoffeln,
+übergezogen, hatten völlig die Wirkung, die ich mir davon versprach, und
+späterhin trug ich sogar deren immer zwei Paar bei mir, weil ich öfters
+welche von den Füßen warf, ohne Zeit zu haben, sie aufzuheben, wenn
+Löwen, Menschen oder Hyänen mich beim Botanisieren aufschreckten. Meine
+sehr gute Uhr war auf die kurze Dauer meiner Gänge ein vortreffliches
+Chronometer. Ich brauchte noch außerdem einen Sextanten, einige
+physikalische Instrumente und Bücher.
+
+Ich machte, dieses alles herbeizuschaffen, etliche bange Gänge nach
+London und Paris, die ein mir günstiger Nebel eben beschattete. Als der
+Rest meines Zaubergoldes erschöpft war, bracht' ich leicht zu findendes
+afrikanisches Elfenbein als Bezahlung herbei, wobei ich freilich die
+kleinsten Zähne, die meine Kräfte nicht überstiegen, auswählen mußte.
+Ich ward bald mit allem versehen und ausgerüstet, und ich fing sogleich
+als privatisierender Gelehrter meine neue Lebensweise an.
+
+Ich streifte auf der Erde umher, bald ihre Höhen, bald die Temperatur
+ihrer Quellen und die der Luft messend, bald Tiere beobachtend, bald
+Gewächse untersuchend; ich eilte von dem Äquator nach dem Pole, von der
+einen Welt nach der andern, Erfahrungen mit Erfahrungen vergleichend.
+Die Eier der afrikanischen Strauße oder der nördlichen Seevögel und
+Früchte, besonders der Tropenpalmen und Bananen, waren meine
+gewöhnlichste Nahrung. Für mangelndes Glück hatt' ich als Surrogat die
+Nikotiana und für menschliche Teilnahme und Bande die Liebe eines treuen
+Pudels, der mir meine Höhle in der Thebais bewachte, und wenn ich mit
+neuen Schätzen beladen zu ihm zurückkehrte, freudig an mich sprang und
+es mich doch menschlich empfinden ließ, daß ich nicht allein auf der
+Erde sei. Noch sollte mich ein Abenteuer unter die Menschen
+zurückführen.
+
+
+11.
+
+Als ich einst auf Nordlands Küsten, meine Stiefel gehemmt, Flechten und
+Algen sammelte, trat mir unversehens um die Ecke eines Felsens ein
+Eisbär entgegen. Ich wollte, nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine
+gegenüberliegende Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen
+hervorragender nackter Felsen den Übergang bahnte. Ich trat mit dem
+einen Fuß auf den Felsen fest auf und stürzte auf der andern Seite in
+das Meer, weil mir unbemerkt der Pantoffel am andern Fuße haften
+geblieben war.
+
+Die große Kälte ergriff mich, ich rettete mit Mühe mein Leben aus dieser
+Gefahr; sobald ich Land hielt, lief ich, so schnell ich konnte, nach der
+Libyschen Wüste, um mich da an der Sonne zu trocknen. Wie ich ihr aber
+ausgesetzt war, brannte sie mir so heiß auf den Kopf, daß ich sehr krank
+wieder nach Norden taumelte. Ich suchte durch heftige Bewegung mir
+Erleichterung zu verschaffen und lief mit unsichern raschen Schritten
+von Westen nach Osten und von Osten nach Westen. Ich befand mich bald in
+dem Tag und bald in der Nacht, bald im Sommer und bald in der
+Winterkälte.
+
+Ich weiß nicht, wie lange ich so auf der Erde herumtaumelte. Ein
+brennendes Fieber glühte durch meine Adern, ich fühlte mit großer Angst
+die Besinnung mich verlassen. Noch wollte das Unglück, daß ich bei so
+unvorsichtigem Laufen jemanden auf den Fuß trat. Ich mochte ihm weh
+getan haben; ich erhielt einen starken Stoß und ich fiel hin. --
+
+Als ich zuerst zum Bewußtsein zurückkehrte, lag ich gemächlich in einem
+guten Bette, das unter vielen andern Betten in einem geräumigen und
+schönen Saale stand. Es saß mir jemand zu Häupten; es gingen Menschen
+durch den Saal von einem Bette zum andern. Sie kamen vor das meine und
+unterhielten sich von mir. Sie nannten mich aber _Numero Zwölf_, und an
+der Wand zu meinen Füßen stand doch ganz gewiß, es war keine Täuschung,
+ich konnte es deutlich lesen, auf schwarzer Marmortafel mit großen
+goldenen Buchstaben mein Name
+
+ PETER SCHLEMIHL
+
+ganz richtig geschrieben. Auf der Tafel standen noch unter meinem Namen
+zwei Reihen Buchstaben, ich war aber zu schwach, um sie zusammen zu
+bringen, ich machte die Augen wieder zu. --
+
+Ich hörte etwas, worin von _Peter Schlemihl_ die Rede war, laut und
+vernehmlich ablesen, ich konnte aber den Sinn nicht fassen; ich sah
+einen freundlichen Mann und eine sehr schöne Frau in schwarzer Kleidung
+vor meinem Bette erscheinen. Die Gestalten waren mir nicht fremd und ich
+konnte sie nicht erkennen.
+
+Es verging einige Zeit und ich kam wieder zu Kräften. Ich hieß _Numero
+Zwölf_, und _Numero Zwölf_ galt seines langen Bartes wegen für einen Juden,
+darum er aber nicht minder sorgfältig gepflegt wurde. Daß er keinen
+Schatten hatte, schien unbemerkt geblieben zu sein. Meine Stiefel
+befanden sich, wie man mich versicherte, nebst allem, was man bei mir
+gefunden, als ich hierher gebracht worden, in gutem und sicherm
+Gewahrsam, um mir nach meiner Genesung wieder zugestellt zu werden. Der
+Ort, worin ich krank lag, hieß das SCHLEMIHLIUM; was täglich von _Peter
+Schlemihl_ abgelesen wurde, war eine Ermahnung, für denselben, als den
+Urheber und Wohltäter dieser Stiftung, zu beten. Der freundliche Mann,
+den ich an meinem Bette gesehen hatte, war _Bendel_, die schöne Frau war
+_Mina_.
+
+Ich genas unerkannt im _Schlemihlio_ und erfuhr noch mehr, ich war in
+_Bendels_ Vaterstadt, wo er aus dem Überrest meines sonst nicht gesegneten
+Goldes dieses Hospitium, wo Unglückliche mich segneten, unter meinem
+Namen gestiftet hatte, und er führte über dasselbe die Aufsicht. _Mina_
+war Witwe, ein unglücklicher Kriminalprozeß hatte dem Herrn _Raskal_ das
+Leben und ihr selbst ihr mehrstes Vermögen gekostet. Ihre Eltern waren
+nicht mehr. Sie lebte hier als eine gottesfürchtige Witwe und übte Werke
+der Barmherzigkeit.
+
+Sie unterhielt sich einst am Bette Numero Zwölf mit dem Herrn Bendel:
+»Warum, edle Frau, wollen Sie sich so oft der bösen Luft, die hier
+herrscht, aussetzen? Sollte denn das Schicksal mit Ihnen so hart sein,
+daß Sie zu sterben begehrten?« -- »Nein, Herr _Bendel_, seit ich meinen
+langen Traum ausgeträumt habe und in mir selber erwacht bin, geht es mir
+wohl, seitdem wünsche ich nicht mehr und fürchte nicht mehr den Tod.
+Seitdem denke ich heiter an Vergangenheit und Zukunft. Ist es nicht auch
+mit stillem innerlichen Glück, daß Sie jetzt auf so gottselige Weise
+Ihrem Herren und Freunde dienen?« -- »Sei Gott gedankt, ja, edle Frau.
+Es ist uns doch wundersam ergangen, wir haben viel Wohl und bitteres Weh
+unbedachtsam aus dem vollen Becher geschlürft. Nun ist er leer; nun
+möchte einer meinen, das sei alles nur die Probe gewesen, und mit kluger
+Einsicht gerüstet, den wirklichen Anfang erwarten. Ein andrer ist nun
+der wirkliche Anfang und man wünscht das erste Gaukelspiel nicht zurück,
+und ist dennoch im ganzen froh, es, wie es war, gelebt zu haben. Auch
+find' ich in mir das Zutrauen, daß es nun unserm alten Freunde besser
+ergehen muß als damals.« -- »Auch in mir,« erwiderte die schöne Witwe,
+und sie gingen an mir vorüber.
+
+Dieses Gespräch hatte einen tiefen Eindruck in mir zurückgelassen; aber
+ich zweifelte im Geiste, ob ich mich zu erkennen geben oder unerkannt
+von dannen gehen sollte. -- Ich entschied mich. Ich ließ mir Papier und
+Bleistift geben und schrieb die Worte:
+
+ »Auch eurem alten Freunde ergeht es nun besser als damals, und büßet
+ er, so ist es Buße der Versöhnung.«
+
+Hierauf begehrte ich mich anzuziehen, da ich mich stärker befände. Man
+holte den Schlüssel zu dem kleinen Schrank, der neben meinem Bette
+stand, herbei. Ich fand alles, was mir gehörte, darin. Ich legte meine
+Kleider an, hing meine botanische Kapsel, worin ich mit Freuden meine
+nordischen Flechten wieder fand, über meine schwarze Kurtka um, zog
+meine Stiefel an, legte den geschriebenen Zettel auf mein Bett, und
+sowie die Tür aufging, war ich schon weit auf dem Wege nach der Thebais.
+
+Wie ich längs der syrischen Küste den Weg, auf dem ich mich zum
+letztenmal vom Hause entfernt harte, zurücklegte, sah ich mir meinen
+armen Figaro entgegenkommen. Dieser vortreffliche Pudel schien seinem
+Herrn, den er lange zu Hause erwartet haben mochte, auf der Spur
+nachgehen zu wollen. Ich stand still und rief ihm zu. Er sprang bellend
+an mich mit tausend rührenden Äußerungen seiner unschuldigen
+ausgelassenen Freude. Ich nahm ihn unter den Arm, denn freilich konnte
+er mir nicht folgen, und brachte ihn mit mir wieder nach Hause.
+
+Ich fand dort alles in der alten Ordnung und kehrte nach und nach, sowie
+ich wieder Kräfte bekam, zu meinen vormaligen Beschäftigungen und zu
+meiner alten Lebensweise zurück. Nur daß ich mich ein ganzes Jahr
+hindurch der mir ganz unzuträglichen Polarkälte enthielt.
+
+Und so, mein lieber _Chamisso_, leb' ich noch heute. Meine Stiefel nutzen
+sich nicht ab, wie das sehr gelehrte Werk des berühmten #_Tieckius_, de
+rebus gestis Pollicilli#, es mich anfangs befürchten lassen. Ihre Kraft
+bleibt ungebrochen; nur meine Kraft geht dahin, doch hab' ich den Trost,
+sie an einen Zweck in fortgesetzter Richtung und nicht fruchtlos
+verwendet zu haben. Ich habe, so weit meine Stiefel gereicht, die Erde,
+ihre Gestaltung, ihre Höhen, ihre Temperatur, ihre Atmosphäre in ihrem
+Wechsel, die Erscheinungen ihrer magnetischen Kraft, das Leben auf ihr,
+besonders im Pflanzenreiche, gründlicher kennen gelernt, als vor mir
+irgendein Mensch. Ich habe die Tatsachen mit möglichster Genauigkeit in
+klarer Ordnung aufgestellt in mehreren Werken, meine Folgerungen und
+Ansichten flüchtig in einigen Abhandlungen niedergelegt. -- Ich habe die
+Geographie vom Innern von Afrika und von den nördlichen Polarländern,
+vom Innern von Asien und von seinen östlichen Küsten festgesetzt. Meine
+#Historia stirpium plantarum utriusque orbis# steht da als ein großes
+Fragment der #Flora universalis terrae# und als ein Glied meines #Systema
+naturae#. Ich glaube darin nicht bloß die Zahl der bekannten Arten mäßig
+um mehr als ein Drittel vermehrt zu haben, sondern auch etwas für das
+natürliche System und für die Geographie der Pflanzen getan zu haben.
+Ich arbeite jetzt fleißig an meiner Fauna. Ich werde Sorge tragen, daß
+vor meinem Tode meine Manuskripte bei der Berliner Universität
+niedergelegt werden.
+
+Und dich, mein lieber _Chamisso_, hab' ich zum Bewahrer meiner wundersamen
+Geschichte erkoren, auf daß sie vielleicht, wenn ich von der Erde
+verschwunden bin, manchen ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen
+könne. Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben, so
+lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur
+dir und deinem bessern Selbst leben, o so brauchst du keinen Rat.
+
+ #Explicit.#
+
+
+
+
+ An Adelbert von Chamisso.
+
+
+ Trifft Frank' und Deutscher jetzt zusammen
+ Und jeder edlen Muts entbrannt,
+ So fährt ans tapfre Schwert die Hand
+ Und Kampf entsprüht in wilden Flammen.
+
+ Wir treffen uns auf höherm Feld,
+ Wir zwei verklärt in reinerm Feuer.
+ Heil dir, mein Frommer, mein Getreuer,
+ Und dem, was uns verbunden hält!
+
+ 1813. Fouqué.
+
+
+
+
+
+ Ende.
+
+
+
+
+Peter Schlemihls wundersame Geschichte.
+
+
+Inhalt.
+
+ Seite
+
+ An meinen alten Freund Peter Schlemihl 3
+
+ An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso 5
+
+ An Ebendenselben von Fouqué 6
+
+ An Fouqué von Hitzig 8
+
+ Peter Schlemihls wundersame Geschichte 11
+
+ An Adelbert von Chamisso 78
+
+
+ * * * * *
+
+
+Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig.
+
+ +Adelbert von Chamissos+
+
+ Sämtliche Werke
+
+ in vier Bänden.
+
+ Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte.
+
+ Herausgegeben und eingeleitet von Prof. #Dr.# Ludwig Geiger.
+
+ Mit zwei Bildnissen des Dichters.
+
++Inhalt:+
+
+ +1. Band.+ Biographische Einleitung.
+ -- Der Dichter. -- Lieder
+ und lyrisch-epische Gedichte.
+
+ +2. Band.+ Sonette und Terzinen.
+ -- Gelegenheitsgedichte. -- Erste
+ Nachlese zu den Gedichten. -- Zweite
+ Nachlese zu allen Abteilungen. --
+ In dramatischer Form. -- Übersetzungen.
+ -- Adelberts Fabel. --
+ Peter Schlemihls wundersame Geschichte.
+
+ +3. Band.+ Reise um die Welt.
+ 1. Teil: Tagebuch.
+
+ +4. Band.+ Reise um die Welt.
+ 2. Teil: Anhang. -- Bemerkungen
+ und Ansichten.
+
++Preis geheftet Mk. 2.--. In 2 modernen biegsamen Ganzleinenbänden Mk.
+2.50. In 2 biegsamen Lederbänden mit Goldschnitt Mk. 6.--.+
+
+
+ * * * * *
+
+
+Adelbert von Chamissos poetische und erzählende Werke.
+
+Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte. Herausgegeben und
+eingeleitet von Professor #Dr.# Ludwig Geiger. Mit Chamissos Bildnis. In 1
+modernen biegsamen Ganzleinenband Mk. 1.25.
+
+ * * * * *
+
++Gedichte von Adelbert von Chamisso.+
+
+Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 314-317. Geh. 80 Pf., geb. M.
+1.20.
+
+In Lederband mit Goldschnitt M. 2.--.
+
+ * * * * *
+
++Peter Schlemihls wundersame Geschichte.+
+
+Mitgeteilt von Adelbert von Chamisso.
+
+Univ.-Bibliothek Nr. 93. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf.
+
+ * * * * *
+
++Adelbert von Chamissos Biographie+
+
+von Ludwig Geiger.
+
+Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 4951. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler im Text
+wurden korrigiert.
+
+Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen gekennzeichnet:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiquatext#
+ Fett gedruckter Text: +fett gedruckter Text+
+
+Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+ Fußnote [3]: worauf sich dies bezog. --> Satzschlusszeichen (Punkt)
+ ergänzt.
+ Seite 21: Ich gedachte mit Grauen des fürcherlichen -->
+ fürchterlichen
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Peter Schlemihl's wundersame Geschichte, by
+Adelbert von Chamisso
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL ***
+
+***** This file should be named 31538-8.txt or 31538-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/1/5/3/31538/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net.
+
+
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
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+redistribution.
+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Peter Schlemihl's wundersame Geschichte, by
+Adelbert von Chamisso
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Peter Schlemihl's wundersame Geschichte
+
+Author: Adelbert von Chamisso
+
+Release Date: March 7, 2010 [EBook #31538]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net.
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+
+
+</pre>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong></p>
+<p>Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurden prinzipiell beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert.
+Eine Auflistung der Korrekturen befindet sich am Ende des Textes.</p>
+
+<p>Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in
+Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet: <em class="antiqua">Text in Antiqua</em></p>
+</div>
+
+
+<div class="titlepage">
+<hr class="hr50" />
+<h1>Peter Schlemihls</h1>
+
+<h2>wundersame Geschichte.</h2>
+
+<h3>Mitgeteilt</h3>
+
+<h4>von</h4>
+
+<h2>Adelbert von Chamisso.</h2>
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h5>Leipzig</h5>
+<h3>Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</h3>
+</div>
+
+<hr class="hr50" />
+<h3><a href="#Inhalt">Inhalt</a></h3>
+<hr class="hr50" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span></p>
+<h2><a name="An_meinen_alten_Freund_Peter_Schlemihl" id="An_meinen_alten_Freund_Peter_Schlemihl"></a>
+An meinen alten Freund Peter Schlemihl.</h2>
+
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza">
+<span class="i2">Da fällt nun deine Schrift nach vielen Jahren</span>
+<span class="i0">Mir wieder in die Hand, und &ndash; wundersam!&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Der Zeit gedenk&rsquo; ich, wo wir Freunde waren,</span>
+<span class="i0">Als erst die Welt uns in die Schule nahm.</span>
+<span class="i0">Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren,</span>
+<span class="i0">Ich überwinde schon die falsche Scham,</span>
+<span class="i0">Ich will mich deinen Freund wie eh&rsquo;mals nennen</span>
+<span class="i0">Und mich als solchen vor der Welt bekennen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue</span>
+<span class="i0">Mir nicht, wie dir, so übel mitgespielt;</span>
+<span class="i0">Gestrebet hab&rsquo; ich und gehofft ins Blaue,</span>
+<span class="i0">Und gar am Ende wenig nur erzielt;</span>
+<span class="i0">Doch schwerlich wird berühmen sich der Graue,</span>
+<span class="i0">Daß er mich jemals fest am Schatten hielt;</span>
+<span class="i0">Den Schatten hab&rsquo; ich, der mir angeboren,</span>
+<span class="i0">Ich habe meinen Schatten nie verloren.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind,</span>
+<span class="i0">Der Hohn, den sie für deine Blöße hatten.&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Ob wir einander denn so ähnlich sind?!&nbsp;&ndash;</span>
+<span class="i0">Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten?</span>
+<span class="i0">Und zeigt&rsquo; ich den, so stellten sie sich blind</span>
+<span class="i0">Und konnten gar zu lachen nicht ermatten.</span>
+<span class="i0">Was hilft es denn! man trägt es in Geduld,</span>
+<span class="i0">Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class='pagenum'>[4]</span>
+<span class="i2">Und was ist denn der Schatten? möcht&rsquo; ich fragen,</span>
+<span class="i0">Wie man so oft mich selber schon gefragt,</span>
+<span class="i0">So überschwenglich hoch es anzuschlagen,</span>
+<span class="i0">Wie sich die arge Welt es nicht versagt?</span>
+<span class="i0">Das gibt sich schon nach neunzehntausend Tagen,</span>
+<span class="i0">Die, Weisheit bringend, über uns getagt;</span>
+<span class="i0">Die wir dem Schatten <em class="gesperrt">Wesen</em> sonst verliehen,</span>
+<span class="i0">Sehn Wesen jetzt als <em class="gesperrt">Schatten</em> sich verziehen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i2">Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl,</span>
+<span class="i0">Wir schreiten zu und lassen es beim alten;</span>
+<span class="i0">Wir kümmern uns um alle Welt nicht viel,</span>
+<span class="i0">Es desto fester mit uns selbst zu halten;</span>
+<span class="i0">Wir gleiten so schon näher unserm Ziel,</span>
+<span class="i0">Ob jene lachten, ob die andern schalten,</span>
+<span class="i0">Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen</span>
+<span class="i0">Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen.</span>
+</div></div>
+
+<p class="ort"><em class="gesperrt">Berlin</em>, August 1834.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr33" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span></p>
+<h2><a name="An" id="An"></a>An<br />
+Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso.</h2>
+
+<div class="textbody">
+<p>Du vergissest niemanden, du wirst dich noch eines gewissen
+<em class="gesperrt">Peter Schlemihls</em> erinnern, den du in früheren
+Jahren ein paarmal bei mir gesehen hast, ein langbeiniger
+Bursch&rsquo;, den man ungeschickt glaubte, weil er linkisch war,
+und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich hatte
+ihn lieb &ndash; du kannst nicht vergessen haben, <em class="gesperrt">Eduard</em>, wie
+er uns einmal in unsrer grünen Zeit durch die Sonette
+lief, ich brachte ihn mit auf einen der poetischen Tees, wo
+er mir noch während des Schreibens einschlief, ohne das
+Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines Witzes,
+den du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon,
+Gott weiß wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka
+gesehen, die er freilich damals noch immer trug, und sagtest:
+&raquo;Der ganze Kerl wäre glücklich zu schätzen, wenn seine Seele
+nur halb so unsterblich wäre, als seine Kurtka.&laquo; &ndash; So wenig
+galt er bei euch. &ndash; Ich hatte ihn lieb. &ndash; Von diesem
+<em class="gesperrt">Schlemihl</em> nun, den ich seit langen Jahren aus dem
+Gesicht verloren hatte, rührt das Heft her, das ich dir mitteilen
+will. &ndash; Dir nur, <em class="gesperrt">Eduard</em>, meinem nächsten, innigsten
+Freunde, meinem beßren Ich, vor dem ich kein Geheimnis
+verwahren kann, teil&rsquo; ich es mit, nur dir und, es
+versteht sich von selbst, unserm <em class="gesperrt">Fouqu&eacute;</em>, gleich dir in
+meiner Seele eingewurzelt &ndash; aber in ihm teil&rsquo; ich es bloß
+dem Freunde mit, nicht dem Dichter. &ndash; Ihr werdet einsehen,
+wie unangenehm es mir sein würde, wenn etwa die
+Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine
+Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in
+einem Dichterwerke an den Pranger geheftet würde, oder
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+nur wenn überhaupt unheilig verfahren würde, wie mit
+einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit einer Sache, die das
+nicht ist und sein darf. Freilich muß ich selbst gestehen, daß
+es um die Geschichte schad&rsquo; ist, die unter des guten Mannes
+Feder nur albern geworden, daß sie nicht von einer geschickteren
+fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft
+dargestellt werden kann. &ndash; Was würde nicht <em class="gesperrt">Jean Paul</em>
+daraus gemacht haben! &ndash; Übrigens, lieber Freund, mögen
+hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will
+beachtet sein.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Noch ein Wort über die Art, wie diese Blätter an mich
+gelangt sind. Gestern früh bei meinem Erwachen gab man
+sie mir ab &ndash; ein wunderlicher Mann, der einen langen grauen
+Bart trug, eine ganz abgenützte schwarze Kurtka anhatte,
+eine botanische Kapsel darüber umgehangen, und bei dem
+feuchten, regnichten Wetter Pantoffeln über seine Stiefel,
+hatte sich nach mir erkundigt und dieses für mich hinterlassen;
+er hatte aus Berlin zu kommen vorgegeben.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+</div>
+
+<p class="ort"><em class="gesperrt">Kunersdorf</em>, den 27. September 1813.</p>
+
+<p class="sig"><em class="gesperrt">Adelbert von Chamisso</em></p>
+
+<div class="textbody">
+<p><em class="antiqua">P.&nbsp;S.</em> Ich lege dir eine Zeichnung bei, die der kunstreiche
+<em class="gesperrt">Leopold</em>, der eben an seinem Fenster stand, von der auffallenden
+Erscheinung entworfen hat. Als er den Wert,
+den ich auf diese Skizze legte, gesehen hat, hat er sie mir
+gerne geschenkt.<a name="FNanchor_1" id="FNanchor_1"></a>
+<a href="#Footnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
+</div>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<hr class="hr33" />
+<h2><a name="An_Ebendenselben_von_Fouque" id="An_Ebendenselben_von_Fouque"></a>
+An Ebendenselben von Fouqu&eacute;.</h2>
+
+<div class="textbody">
+<p>Bewahren, <em class="gesperrt">lieber Eduard</em>, sollen wir die Geschichte
+des armen <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, dergestalt bewahren, daß sie vor
+Augen, die nicht hineinzusehen haben, beschirmt bleibe. Das
+<span class='pagenum'>[7]</span>
+ist eine schlimme Aufgabe. Es gibt solcher Augen eine ganze
+Menge, und welcher Sterbliche kann die Schicksale eines
+Manuskriptes bestimmen, eines Dinges, das beinah noch
+schlimmer zu hüten ist als ein gesprochenes Wort. Da
+mach&rsquo; ich&rsquo;s denn wie ein Schwindelnder, der in der Angst
+lieber gleich in den Abgrund springt: ich lasse die ganze
+Geschichte drucken.</p>
+
+<p>Und doch, <em class="gesperrt">Eduard</em>, es gibt ernstere und bessere Gründe
+für mein Benehmen. Es trügt mich alles oder in unserm
+lieben Deutschland schlagen der Herzen viel, die den armen
+<em class="gesperrt">Schlemihl</em> zu verstehen fähig sind und auch wert, und
+über manch eines echten Landsmannes Gesicht wird bei dem
+herben Scherz, den das Leben mit ihm, und bei dem arglosen,
+den er mit sich selbst treibt, ein gerührtes Lächeln ziehn.
+Und du, mein <em class="gesperrt">Eduard</em>, wenn du das grundehrliche Buch
+ansiehst und dabei denkst, daß viele unbekannte Herzensverwandte
+es mit uns lieben lernen, fühlst auch vielleicht einen
+Balsamtropfen in die heiße Wunde fallen, die dir und allen,
+die dich lieben, der Tod geschlagen hat.</p>
+
+<p>Und endlich: es gibt &ndash; ich habe mich durch mannigfache
+Erfahrung davon überzeugt &ndash; es gibt für die gedruckten
+Bücher einen Genius, der sie in die rechten Hände bringt
+und, wenn nicht immer, doch sehr oft die unrechten davon
+abhält. Auf allen Fall hat er ein unsichtbares Vorhängschloß
+vor jedwedem echten Geistes- und Gemütswerke und
+weiß mit einer ganz untrüglichen Geschicklichkeit auf- und
+zuzuschließen.</p>
+
+<p>Diesem Genius, mein sehr lieber <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, vertraue
+ich dein Lächeln und deine Tränen an, und somit Gott
+befohlen!</p>
+</div>
+
+<p class="ort"><em class="gesperrt">Nennhausen</em>, Ende Mai 1814.</p>
+<p class="sig"><em class="gesperrt">Fouqu&eacute;</em>.</p>
+
+
+
+<hr class="hr33" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></p>
+<h2><a name="An_Fouque_von_Hitzig" id="An_Fouque_von_Hitzig"></a>An Fouqu&eacute; von Hitzig.</h2>
+
+<div class="textbody">
+<p>Da haben wir denn nun die Folgen deines verzweifelten
+Entschlusses, die Schlemihlshistorie, die wir als ein bloß <em class="gesperrt">uns</em>
+anvertrautes Geheimnis bewahren sollten, drucken zu lassen,
+daß sie nicht allein Franzosen und Engländer, Holländer
+und Spanier übersetzt, Amerikaner aber den Engländern
+nachgedruckt, wie ich dies alles in meinem gelehrten Berlin
+des breiteren gemeldet; sondern daß auch für unser liebes
+Deutschland eine neue Ausgabe, mit den Zeichnungen der
+englischen, die der berühmte <em class="gesperrt">Cruikshank</em> nach dem Leben
+entworfen, veranstaltet wird, wodurch die Sache unstreitig
+noch viel mehr herumkommt. Hielte ich dich nicht für dein
+eigenmächtiges Verfahren (denn mir hast du 1814 ja kein
+Wort von der Herausgabe des Manuskripts gesagt) hinlänglich
+dadurch bestraft, daß unser <em class="gesperrt">Chamisso</em> bei seiner Weltumsegelei,
+in den Jahren 1815 bis 1818, sich gewiß in Chili
+und Kamtschatka und wohl gar bei seinem Freunde, dem
+seligen <em class="gesperrt">Tameiamaia</em> auf O-Wahu, darüber beklagt haben
+wird, so fordere ich noch jetzt öffentlich Rechenschaft darüber
+von dir.</p>
+
+<p>Indes &ndash; auch hievon abgesehn &ndash; geschehn ist geschehn
+und recht hast du auch darin gehabt, daß viele, viele Befreundete
+in den dreizehn verhängnisvollen Jahren, seit es
+das Licht der Welt erblickte, das Büchlein mit uns liebgewonnen.
+Nie werde ich die Stunde vergessen, in der ich
+es <em class="gesperrt">Hoffmann</em> zuerst vorlas. Außer sich vor Vergnügen
+und Spannung, hing er an meinen Lippen, bis ich vollendet
+hatte; nicht erwarten konnte er, die persönliche Bekanntschaft
+des Dichters zu machen und, sonst jeder Nachahmung so
+abhold, widerstand er doch der Versuchung nicht, die Idee
+des verlornen Schattens in seiner Erzählung: Die Abenteuer
+der Silvesternacht,<a name="FNanchor_2" id="FNanchor_2"></a>
+<a href="#Footnote_2" class="fnanchor">[2]</a> durch das verlorne Spiegelbild des
+<span class='pagenum'>[9]</span>
+Erasmus Spikher, ziemlich unglücklich zu variieren. Ja &ndash;
+unter die Kinder hat sich unsre wundersame Historie ihre
+Bahn zu brechen gewußt; denn als ich einst, an einem hellen
+Winterabend, mit ihrem Erzähler die Burgstraße hinaufging
+und er einen über ihn lachenden, auf der Glitschbahn beschäftigten
+Jungen unter seinen dir wohlbekannten Bärenmantel
+nahm und fortschleppte, hielt dieser ganz stille; da
+er aber wieder auf den Boden niedergesetzt war und in
+gehöriger Ferne von den, als ob nichts geschehen wäre,
+Weitergegangenen, rief er mit lauter Stimme seinem Räuber
+nach: &raquo;Warte nur, Peter Schlemihl!&laquo;</p>
+
+<p>So, denke ich, wird der ehrliche Kauz auch in seinem
+neuen, zierlichen Gewande viele erfreuen, die ihn in der
+einfachen Kurtka von 1814 nicht gesehen; diesen und jenen
+aber es außerdem noch überraschend sein, in dem botanisierenden,
+weltumschiffenden, ehemals wohlbestallten königlich preußischen
+Offizier, auch Historiographen des berühmten Peter
+Schlemihl, nebenher einen Lyriker kennen zu lernen,<a name="FNanchor_3" id="FNanchor_3"></a>
+<a href="#Footnote_3" class="fnanchor">[3]</a> der, er
+möge malaiische oder litauische Weisen anstimmen, überall
+dartut, daß er das poetische Herz auf der rechten Stelle hat.</p>
+
+<p>Darum, lieber Fouqu&eacute;, sei dir am Ende denn doch noch
+herzlich gedankt für die Veranstaltung der ersten Ausgabe,
+und empfange mit unsern Freunden meinen Glückwunsch zu
+dieser zweiten.</p>
+</div>
+
+<p class="ort"><em class="gesperrt">Berlin</em>, im Januar 1827.</p>
+<p class="sig"><em class="gesperrt">Eduard Hitzig</em>.</p>
+
+<hr class="hr33" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span></p>
+<h2><a name="Peter_Schlemihls_wundersame_Geschichte" id="Peter_Schlemihls_wundersame_Geschichte"></a>
+Peter Schlemihls wundersame Geschichte.</h2>
+
+<h3>1.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Nach einer glücklichen, jedoch für mich sehr beschwerlichen
+Seefahrt erreichten wir endlich den Hafen. Sobald ich mit
+dem Boote ans Land kam, belud ich mich selbst mit meiner
+kleinen Habseligkeit, und durch das wimmelnde Volk mich
+drängend, ging ich in das nächste, geringste Haus hinein,
+vor welchem ich ein Schild hängen sah. Ich begehrte ein
+Zimmer, der Hausknecht maß mich mit einem Blick und
+führte mich unters Dach. Ich ließ mir frisches Wasser geben
+und genau beschreiben, wo ich den Herrn <em class="gesperrt">Thomas John</em>
+aufzusuchen habe: &ndash; &raquo;Vor dem Nordertor, das erste Landhaus
+zur rechten Hand, ein großes, neues Haus, von rot
+und weißem Marmor mit vielen Säulen.&laquo; Gut. &ndash; Es
+war noch früh an der Zeit, ich schnürte sogleich mein Bündel
+auf, nahm meinen neu gewandten schwarzen Rock heraus,
+zog mich reinlich an in meine besten Kleider, steckte das
+Empfehlungsschreiben zu mir, und setzte mich alsbald auf
+den Weg zu dem Manne, der mir bei meinen bescheidenen
+Hoffnungen förderlich sein sollte.</p>
+
+<p>Nachdem ich die lange Norderstraße hinaufgestiegen und
+das Tor erreicht, sah ich bald die Säulen durch das Grüne
+schimmern &ndash; also hier, dacht&rsquo; ich. Ich wischte den Staub
+von meinen Füßen mit meinem Schnupftuch ab, setzte mein
+Halstuch in Ordnung, und zog in Gottes Namen die
+Klingel. Die Tür sprang auf. Auf dem Flur hatt&rsquo; ich ein
+Verhör zu bestehn, der Portier ließ mich aber anmelden, und
+ich hatte die Ehre, in den Park gerufen zu werden, wo
+<span class='pagenum'>[12]</span>
+Herr <em class="gesperrt">John</em> mit einer kleinen Gesellschaft sich erging. Ich
+erkannte gleich den Mann am Glanze seiner wohlbeleibten
+Selbstzufriedenheit. Er empfing mich sehr gut, wie ein
+Reicher einen armen Teufel, wandte sich sogar gegen mich,
+ohne sich jedoch von der übrigen Gesellschaft abzuwenden,
+und nahm mir den dargehaltenen Brief aus der Hand. &ndash;
+&raquo;So, so! von meinem Bruder, ich habe lange nichts von
+ihm gehört. Er ist doch gesund? &ndash; Dort,&laquo; fuhr er gegen
+die Gesellschaft fort, ohne die Antwort zu erwarten, und
+wies mit dem Brief auf einen Hügel, &raquo;dort lasse ich das
+neue Gebäude aufführen.&laquo; Er brach das Siegel auf und
+das Gespräch nicht ab, das sich auf den Reichtum lenkte.
+&raquo;Wer nicht Herr ist wenigstens einer Million,&laquo; warf er
+hinein, &raquo;der ist, man verzeihe mir das Wort, ein Schuft!&laquo; &ndash;
+&raquo;O wie wahr!&laquo; rief ich aus mit vollem überströmenden
+Gefühl. Das mußte ihm gefallen, er lächelte mich an und
+sagte: &raquo;Bleiben Sie hier, lieber Freund, nachher hab&rsquo; ich
+vielleicht Zeit, Ihnen zu sagen, was ich hiezu denke,&laquo; er
+deutete auf den Brief, den er sodann einsteckte, und wandte
+sich wieder zu der Gesellschaft. &ndash; Er bot einer jungen Dame
+den Arm, andre Herren bemühten sich um andre Schönen,
+es fand sich, was sich paßte, und man wallte dem rosenumblühten
+Hügel zu.</p>
+
+<p>Ich schlich hinterher, ohne jemandem beschwerlich zu fallen,
+denn keine Seele bekümmerte sich weiter um mich. Die
+Gesellschaft war sehr aufgeräumt, es ward getändelt und
+gescherzt, man sprach zuweilen von leichtsinnigen Dingen
+wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig, und gemächlich
+erging besonders der Witz über abwesende Freunde und
+deren Verhältnisse. Ich war da zu fremd, um von alledem
+vieles zu verstehen, zu bekümmert und in mich gekehrt, um
+den Sinn auf solche Rätsel zu haben.</p>
+
+<p>Wir hatten den Rosenhain erreicht. Die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em>,
+wie es schien die Herrin des Tages, wollte aus Eigensinn
+einen blühenden Zweig selbst brechen, sie verletzte sich an
+<span class='pagenum'>[13]</span>
+einem Dorn, und wie von den dunklen Rosen, floß Purpur
+auf ihre zarte Hand. Dieses Ereignis brachte die ganze
+Gesellschaft in Bewegung. Es wurde englisch Pflaster gesucht.
+Ein stiller, dünner, hagerer, länglichter, ältlicher Mann, der
+neben mitging, und den ich noch nicht bemerkt hatte, steckte
+sogleich die Hand in die knapp anliegende Schoßtasche seines
+altfränkischen, grautaftenen Rockes, brachte eine kleine Brieftasche
+daraus hervor, öffnete sie und reichte der Dame mit
+devoter Verbeugung das Verlangte. Sie empfing es ohne
+Aufmerksamkeit für den Geber und ohne Dank, die Wunde
+ward verbunden, und man ging weiter den Hügel hinan,
+von dessen Rücken man die weite Aussicht über das grüne
+Labyrinth des Parkes nach dem unermeßlichen Ozean genießen
+wollte.</p>
+
+<p>Der Anblick war wirklich groß und herrlich. Ein lichter
+Punkt erschien am Horizont zwischen der dunklen Flut und
+der Bläue des Himmels. &raquo;Ein Fernrohr her!&laquo; rief <em class="gesperrt">John</em>,
+und noch bevor das auf den Ruf erscheinende Dienervolk
+in Bewegung kam, hatte der graue Mann, bescheiden sich
+verneigend, die Hand schon in die Rocktasche gesteckt, daraus
+einen schönen Dollond hervorgezogen und es dem Herrn
+<em class="gesperrt">John</em> eingehändigt. Dieser, es sogleich an das Aug&rsquo;
+bringend, benachrichtigte die Gesellschaft, es sei das Schiff,
+das gestern ausgelaufen, und das widrige Winde im Angesicht
+des Hafens zurückhielten. Das Fernrohr ging von
+Hand zu Hand, und nicht wieder in die des Eigentümers;
+ich aber sah verwundert den Mann an, und wußte nicht, wie
+die große Maschine aus der winzigen Tasche herausgekommen
+war; es schien aber niemandem aufgefallen zu sein, und man
+bekümmerte sich nicht mehr um den grauen Mann, als um
+mich selber.</p>
+
+<p>Erfrischungen wurden gereicht, das seltenste Obst aller
+Zonen in den kostbarsten Gefäßen. Herr <em class="gesperrt">John</em> machte die
+Honneurs mit leichtem Anstand und richtete da zum zweitenmal
+ein Wort an mich: &raquo;Essen Sie nur; das haben Sie
+<span class='pagenum'>[14]</span>
+auf der See nicht gehabt.&laquo; Ich verbeugte mich, aber er
+sah es nicht, er sprach schon mit jemand anderm.</p>
+
+<p>Man hätte sich gern auf den Rasen, am Abhange des
+Hügels, der ausgespannten Landschaft gegenüber gelagert,
+hätte man die Feuchtigkeit der Erde nicht gescheut. Es wäre
+göttlich, meinte wer aus der Gesellschaft, wenn man türkische
+Teppiche hätte, sie hier auszubreiten. Der Wunsch war
+nicht sobald ausgesprochen, als schon der Mann im grauen
+Rock die Hand in der Tasche hatte, und mit bescheidener, ja
+demütiger Gebärde einen reichen, golddurchwirkten türkischen
+Teppich daraus zu ziehen bemüht war. Bediente nahmen
+ihn in Empfang, als müsse es so sein, und entfalteten ihn
+am begehrten Orte. Die Gesellschaft nahm ohne Umstände
+Platz darauf; ich wiederum sah betroffen den Mann, die
+Tasche, den Teppich an, der über zwanzig Schritte in der
+Länge und zehn in der Breite maß, und rieb mir die Augen,
+nicht wissend, was ich dazu denken sollte, besonders da niemand
+etwas Merkwürdiges darin fand.</p>
+
+<p>Ich hätte gern Aufschluß über den Mann gehabt und
+gefragt, wer er sei, nur wußt&rsquo; ich nicht, an wen ich mich
+richten sollte, denn ich fürchtete mich fast noch mehr vor
+den Herren Bedienten, als vor den bedienten Herren. Ich
+faßte endlich ein Herz, und trat an einen jungen Mann
+heran, der mir von minderem Ansehen schien, als die andern,
+und der öfter allein gestanden hatte. Ich bat ihn leise,
+mir zu sagen, wer der gefällige Mann sei dort im grauen
+Kleide. &ndash; &raquo;Dieser, der wie ein Ende Zwirn aussieht, der
+einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist?&laquo; &ndash; &raquo;Ja, der
+allein steht.&laquo; &ndash; &raquo;Den kenn&rsquo; ich nicht,&laquo; gab er mir zur Antwort,
+und, wie es schien, eine längere Unterhaltung mit mir
+zu vermeiden, wandt&rsquo; er sich weg und sprach von gleichgültigen
+Dingen mit einem andern.</p>
+
+<p>Die Sonne fing jetzt stärker zu scheinen an und ward
+den Damen beschwerlich; die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em> richtete nachlässig
+<span class='pagenum'>[15]</span>
+an den grauen Mann, den, soviel ich weiß, noch niemand
+angeredet hatte, die leichtsinnige Frage: ob er nicht auch
+vielleicht ein Zelt bei sich habe? Er beantwortete sie durch
+eine so tiefe Verbeugung, als widerführe ihm eine unverdiente
+Ehre, und hatte schon die Hand in der Tasche, aus
+der ich Zeuge, Stangen, Schnüre, Eisenwerk, kurz alles, was
+zu dem prachtvollsten Lustzelt gehört, herauskommen sah.
+Die jungen Herren halfen es ausspannen, und es überhing
+die ganze Ausdehnung des Teppichs &ndash; und keiner fand noch
+etwas Außerordentliches darin.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mir war schon lange unheimlich, ja graulich zumute, wie
+ward mir vollends, als beim nächst ausgesprochenen Wunsch
+ich ihn noch aus seiner Tasche drei Reitpferde, ich sage dir,
+drei schöne, große Rappen mit Sattel und Zeug herausziehen
+sah! &ndash; denke dir, um Gottes willen! drei gesattelte
+Pferde noch aus derselben Tasche, woraus schon eine Brieftasche,
+ein Fernrohr, ein gewirkter Teppich, zwanzig Schritte
+lang und zehn breit, ein Lustzelt von derselben Größe, und
+alle dazu gehörigen Stangen und Eisen herausgekommen
+waren! &ndash; Wenn ich dir nicht beteuerte, es selbst mit eignen
+Augen angesehen zu haben, würdest du es gewiß nicht
+glauben.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So verlegen und demütig der Mann selbst zu sein schien,
+so wenig Aufmerksamkeit ihm auch die andern schenkten, so
+ward mir doch seine blasse Erscheinung, von der ich kein
+Auge abwenden konnte, so schauerlich, daß ich sie nicht länger
+ertragen konnte.</p>
+
+<p>Ich beschloß, mich aus der Gesellschaft zu stehlen, was
+bei der unbedeutenden Rolle, die ich darinnen spielte, mir
+ein leichtes schien. Ich wollte nach der Stadt zurückkehren,
+am andern Morgen mein Glück beim Herrn John wieder
+versuchen und, wenn ich den Mut dazu fände, ihn über denselben
+grauen Mann befragen. &ndash; Wäre es mir nur so zu
+entkommen geglückt!</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[16]</span>
+Ich hatte mich schon wirklich durch den Rosenhain, den
+Hügel hinab, glücklich geschlichen, und befand mich auf einem
+freien Rasenplatz, als ich aus Furcht, außer den Wegen
+durchs Gras gehend angetroffen zu werden, einen forschenden
+Blick um mich warf. &ndash; Wie erschrak ich, als ich den
+Mann im grauen Rock hinter mir her und auf mich zu
+kommen sah. Er nahm sogleich den Hut vor mir ab, und
+verneigte sich so tief, als noch niemand vor mir getan
+hatte. Es war kein Zweifel, er wollte mich anreden, und
+ich konnte, ohne grob zu sein, es nicht vermeiden. Ich
+nahm den Hut auch ab, verneigte mich wieder, und stand
+da in der Sonne mit bloßem Haupt wie angewurzelt.
+Ich sah ihn voller Furcht stier an und war wie ein
+Vogel, den eine Schlange gebannt hat. Er selber schien
+sehr verlegen zu sein; er hob den Blick nicht auf, verbeugte
+sich zu verschiedenen Malen, trat näher und redete mich
+an mit leiser, unsicherer Stimme, ungefähr im Tone eines
+Bettelnden.</p>
+
+<p>&raquo;Möge der Herr meine Zudringlichkeit entschuldigen,
+wenn ich es wage, ihn so unbekannterweise aufzusuchen, ich
+habe eine Bitte an ihn. Vergönnen Sie gnädigst &ndash;&laquo; &ndash;
+&raquo;Aber um Gottes willen, mein Herr!&laquo; brach ich in meiner
+Angst aus, &raquo;was kann ich für einen Mann tun, der &ndash;&laquo;
+wir stutzten beide, und wurden, wie mir deucht, rot.</p>
+
+<p>Er nahm nach einem Augenblick des Schweigens wieder
+das Wort: &raquo;Während der kurzen Zeit, wo ich das Glück
+genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, hab&rsquo; ich, mein Herr,
+einigemal &ndash; erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage &ndash; wirklich
+mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen, schönen
+Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und
+gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst
+darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten
+da zu Ihren Füßen. Verzeihen Sie mir die freilich kühne
+Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden,
+mir diesen Ihren Schatten zu überlassen?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[17]</span>
+Er schwieg und mir ging&rsquo;s wie ein Mühlrad im Kopfe
+herum. Was sollt&rsquo; ich aus dem seltsamen Antrag machen,
+mir meinen Schatten abzukaufen? er muß verrückt sein,
+dacht&rsquo; ich, und mit verändertem Tone, der zu der Demut
+des seinigen besser paßte, erwiderte ich also:</p>
+
+<p>&raquo;Ei, ei! guter Freund, habt Ihr denn nicht an Eurem
+eignen Schatten genug? das heiß&rsquo; ich mir einen Handel von
+einer ganz absonderlichen Sorte.&laquo; Er fiel sogleich wieder
+ein: &raquo;Ich hab&rsquo; in meiner Tasche manches, was dem Herrn
+nicht ganz unwert scheinen möchte; für diesen unschätzbaren
+Schatten halt&rsquo; ich den höchsten Preis zu gering.&laquo;</p>
+
+<p>Nun überfiel es mich wieder kalt, da ich an die Tasche
+erinnert ward, und ich wußte nicht, wie ich ihn hatte guter
+Freund nennen können. Ich nahm wieder das Wort und
+suchte es, wo möglich, mit unendlicher Höflichkeit wieder gut
+zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, mein Herr, verzeihen Sie Ihrem untertänigsten
+Knecht. Ich verstehe wohl Ihre Meinung nicht ganz gut,
+wie könnt&rsquo; ich nur meinen Schatten &ndash; &ndash;&laquo; Er unterbrach
+mich: &raquo;Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis, hier auf
+der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu dürfen und
+zu mir zu stecken; wie ich das mache, sei meine Sorge.
+Dagegen als Beweis meiner Erkenntlichkeit gegen den Herrn,
+überlasse ich ihm die Wahl unter allen Kleinodien, die ich
+in der Tasche bei mir führe: die echte Springwurzel, die
+Alraunwurzel, Wechselpfennige, Raubtaler, das Tellertuch
+von Rolands Knappen, ein Galgenmännlein zu beliebigem
+Preis; doch, das wird wohl nichts für Sie sein: besser,
+Fortunati Wünschhütlein, neu und haltbar wieder restauriert:
+auch ein Glückssäckel, wie der seine gewesen.&laquo; &ndash; &raquo;Fortunati
+Glücksseckel,&laquo; fiel ich ihm in die Rede, und wie groß meine
+Angst auch war, hatte er mit dem einen Wort meinen ganzen
+Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel und es flimmerte
+mir wie doppelte Dukaten vor den Augen.
+&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[18]</span>
+&raquo;Belieben gnädigst der Herr diesen Säckel zu besichtigen
+und zu erproben.&laquo; Er steckte die Hand in die Tasche und
+zog einen mäßig großen, festgenähten Beutel, von starkem
+Korduanleder, an zwei tüchtigen ledernen Schnüren heraus
+und händigte mir selbigen ein. Ich griff hinein und zog
+zehn Goldstücke daraus, und wieder zehn, und wieder zehn,
+und wieder zehn; ich hielt ihm schnell die Hand hin: &raquo;Topp!
+der Handel gilt, für den Beutel haben Sie meinen Schatten.&laquo;
+Er schlug ein, kniete dann ungesäumt vor mir nieder, und
+mit einer bewundernswürdigen Geschicklichkeit sah ich ihn
+meinen Schatten, vom Kopf bis zu meinen Füßen, leise von
+dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten, und
+zuletzt einstecken. Er stand auf, verbeugte sich noch einmal
+vor mir, und zog sich nach dem Rosengebüsche zurück. Mich
+dünkt&rsquo;, ich hörte ihn da leise für sich lachen. Ich aber hielt
+den Beutel bei den Schnüren fest, rund um mich her war
+die Erde sonnenhell, und in mir war noch keine Besinnung.</p>
+</div>
+
+<h3>2.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich kam endlich wieder zu Sinnen und eilte, diesen
+Ort zu verlassen, wo ich hoffentlich nichts mehr zu tun
+hatte. Ich füllte erst meine Taschen mit Gold, dann band
+ich mir die Schnüre des Beutels um den Hals fest und
+verbarg ihn selbst auf meiner Brust. Ich kam unbeachtet
+aus dem Park, erreichte die Landstraße und nahm meinen
+Weg nach der Stadt. Wie ich in Gedanken dem Tore zu
+ging, hört&rsquo; ich hinter mir schreien: &raquo;Junger Herr! he!
+junger Herr! hören Sie doch!&laquo; &ndash; Ich sah mich um, ein
+altes Weib rief mir nach: &raquo;Sehe sich der Herr doch vor,
+Sie haben Ihren Schatten verloren.&laquo; &ndash; &raquo;Danke, Mütterchen!&laquo;
+&ndash; ich warf ihr ein Goldstück für den wohlgemeinten
+Rat hin, und trat unter die Bäume.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[19]</span>
+Am Tore mußt&rsquo; ich gleich wieder von der Schildwacht
+hören: &raquo;Wo hat der Herr seinen Schatten gelassen?&laquo; und
+gleich wieder darauf von ein paar Frauen: &raquo;Jesus Maria!
+der arme Mensch hat keinen Schatten!&laquo; Das fing an mich
+zu verdrießen, und ich vermied sehr sorgfältig, in die Sonne
+zu treten. Das ging aber nicht überall an, zum Beispiel
+nicht über die Breitestraße, die ich zunächst durchkreuzen
+mußte, und zwar, zu meinem Unheil, in eben der Stunde,
+wo die Knaben aus der Schule gingen. Ein verdammter
+buckeliger Schlingel, ich seh&rsquo; ihn noch, hatte es gleich weg,
+daß mir ein Schatten fehle. Er verriet mich mit großem
+Geschrei der sämtlichen literarischen Straßenjugend der Vorstadt,
+welche sofort mich zu rezensieren und mit Kot zu bewerfen
+anfing. &raquo;Ordentliche Leute pflegten ihren Schatten
+mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne gingen.&laquo; Um
+sie von mir abzuwehren, warf ich Gold zu vollen Händen
+unter sie und sprang in einen Mietswagen, zu dem mir
+mitleidige Seelen verhalfen.</p>
+
+<p>Sobald ich mich in der rollenden Kutsche allein fand,
+fing ich bitterlich an zu weinen. Es mußte schon die
+Ahnung in mir aufsteigen, daß, um so viel das Gold auf
+Erden Verdienst und Tugend überwiegt, um so viel der
+Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde; und wie
+ich früher den Reichtum meinem Gewissen aufgeopfert, hatte
+ich jetzt den Schatten für bloßes Gold hingegeben; was
+konnte, was sollte auf Erden aus mir werden!</p>
+
+<p>Ich war noch sehr verstört, als der Wagen vor meinem
+alten Wirtshause hielt; ich erschrak über die Vorstellung,
+nur noch jenes schlechte Dachzimmer zu betreten. Ich ließ
+mir meine Sachen herabholen, empfing den ärmlichen Bündel
+mit Verachtung, warf einige Goldstücke hin und befahl,
+vor das vornehmste Hotel vorzufahren. Das Haus war
+gegen Norden gelegen, ich hatte die Sonne nicht zu fürchten.
+Ich schickte den Kutscher mit Gold weg, ließ mir die besten
+<span class='pagenum'>[20]</span>
+Zimmer vornheraus anweisen und verschloß mich darin,
+sobald ich konnte.</p>
+
+<p>Was denkst du, daß ich nun anfing! &ndash; O mein lieber
+<em class="gesperrt">Chamisso</em>, selbst vor dir es zu gestehen, macht mich erröten.
+Ich zog den unglücklichen Säckel aus meiner Brust
+hervor, und mit einer Art Wut, die, wie eine flackernde
+Feuersbrunst, sich in mir durch sich selbst mehrte, zog ich
+Gold daraus, und Gold, und Gold, und immer mehr
+Gold, und streute es auf den Estrich, und schritt darüber
+hin, und ließ es klirren, und warf, mein armes Herz an
+dem Glanze, an dem Klange weidend, immer des Metalles
+mehr zu dem Metalle, bis ich ermüdet selbst auf das reiche
+Lager sank und schwelgend darin wühlte, mich darüber
+wälzte. So verging der Tag, der Abend, ich schloß meine
+Türe nicht auf, die Nacht fand mich liegend auf dem Golde,
+und darauf übermannte mich der Schlaf.</p>
+
+<p>Da träumt&rsquo; es mir von dir, es ward mir, als stünde
+ich hinter der Glastür deines kleinen Zimmers und sähe dich
+von da an deinem Arbeitstische zwischen einem Skelett und
+einem Bunde getrockneter Pflanzen sitzen, vor dir waren
+Haller, Humboldt und Linn&eacute; aufgeschlagen, auf deinem Sofa
+lagen ein Band Goethe und der Zauberring, ich betrachtete
+dich lange und jedes Ding in deiner Stube, und dann dich
+wieder, du rührtest dich aber nicht, du holtest auch nicht
+Atem, du warst tot.</p>
+
+<p>Ich erwachte. Es schien noch sehr früh zu sein. Meine
+Uhr stand. Ich war wie zerschlagen, durstig und hungrig
+auch noch; ich hatte seit dem vorigen Morgen nichts gegessen.
+Ich stieß von mir mit Unwillen und Überdruß
+dieses Gold, an dem ich kurz vorher mein törichtes Herz
+gesättigt; nun wußt&rsquo; ich verdrießlich nicht, was ich damit
+anfangen sollte. Es durfte nicht so liegen bleiben &ndash; ich
+versuchte, ob es der Beutel wieder verschlingen wollte &ndash;
+nein. Keines meiner Fenster öffnete sich über die See. Ich
+<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+mußte mich bequemen, es mühsam und mit sauerm Schweiß
+zu einem großen Schrank, der in einem Kabinett stand, zu
+schleppen, und es darin zu verpacken. Ich ließ nur einige
+Handvoll da liegen. Nachdem ich mit der Arbeit fertig geworden,
+legt&rsquo; ich mich erschöpft in einen Lehnstuhl und
+erwartete, daß sich Leute im Hause zu regen anfingen. Ich
+ließ, sobald es möglich war, zu essen bringen und den Wirt
+zu mir kommen.</p>
+
+<p>Ich besprach mit diesem Manne die künftige Einrichtung
+meines Hauses. Er empfahl mir für den näheren
+Dienst um meine Person einen gewissen <em class="gesperrt">Bendel</em>, dessen
+treue und verständige Physiognomie mich gleich gewann.
+Derselbe war&rsquo;s, dessen Anhänglichkeit mich seither tröstend
+durch das Elend des Lebens begleitete und mir mein
+düsteres Los ertragen half. Ich brachte den ganzen Tag
+auf meinen Zimmern mit herrenlosen Knechten, Schustern,
+Schneidern und Kaufleuten zu, ich richtete mich ein und
+kaufte besonders sehr viel Kostbarkeiten und Edelsteine, um
+nur etwas des vielen aufgespeicherten Goldes los zu werden;
+es schien aber gar nicht, als könne der Haufen sich vermindern.</p>
+
+<p>Ich schwebte indes über meinen Zustand in den ängstigendsten
+Zweifeln. Ich wagte keinen Schritt aus meiner
+Tür und ließ abends vierzig Wachskerzen in meinem Saal
+anzünden, bevor ich aus dem Dunkel herauskam. Ich gedachte
+mit Grauen des <ins class="correction" title="Original: fürcherlichen">fürchterlichen</ins>
+Auftrittes mit den Schulknaben.
+Ich beschloß, soviel Mut ich auch dazu bedurfte,
+die öffentliche Meinung noch einmal zu prüfen. &ndash; Die Nächte
+waren zu der Zeit mondhell. Abends spät warf ich einen
+weiten Mantel um, drückte mir den Hut tief in die Augen
+und schlich, zitternd wie ein Verbrecher, aus dem Hause.
+Erst auf einem entlegenen Platz trat ich aus dem Schatten
+der Häuser, in deren Schutz ich so weit gekommen war, an
+das Mondlicht hervor, gefaßt, mein Schicksal aus dem Munde
+der Vorübergehenden zu vernehmen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[22]</span>
+Erspare mir, lieber Freund, die schmerzliche Wiederholung
+alles dessen, was ich erdulden mußte. Die Frauen
+bezeigten oft das tiefste Mitleid, das ich ihnen einflößte;
+Äußerungen, die mir die Seele nicht minder durchbohrten,
+als der Hohn der Jugend und die hochmütige Verachtung
+der Männer, besonders solcher dicken, wohlbeleibten, die
+selbst einen breiten Schatten warfen. Ein schönes, holdes
+Mädchen, die, wie es schien, ihre Eltern begleitete, indem
+diese bedächtig nur vor ihre Füße sahen, wandte von ungefähr
+ihr leuchtendes Auge auf mich; sie erschrak sichtbarlich,
+da sie meine Schattenlosigkeit bemerkte, verhüllte ihr
+schönes Antlitz in ihren Schleier, ließ den Kopf sinken und
+ging lautlos vorüber.</p>
+
+<p>Ich ertrug es länger nicht. Salzige Ströme brachen aus
+meinen Augen, und mit durchschnittenem Herzen zog ich mich
+schwankend ins Dunkel zurück. Ich mußte mich an den
+Häusern halten, um meine Schritte zu sichern, und erreichte
+langsam und spät meine Wohnung.</p>
+
+<p>Ich brachte die Nacht schlaflos zu. Am andern Tage
+war meine erste Sorge, nach dem Manne im grauen Rocke
+überall suchen zu lassen. Vielleicht sollte es mir gelingen,
+ihn wieder zu finden, und wie glücklich! wenn ihn, wie
+mich, der törichte Handel gereuen sollte. Ich ließ <em class="gesperrt">Bendel</em>
+vor mich kommen, er schien Gewandtheit und Geschick zu
+besitzen &ndash; ich schilderte ihm genau den Mann, in dessen
+Besitz ein Schatz sich befand, ohne den mir das Leben nur
+eine Qual sei. Ich sagte ihm die Zeit, den Ort, wo ich
+ihn gesehen; beschrieb ihm alle, die zugegen gewesen, und
+fügte dieses Zeichen noch hinzu: er solle sich nach einem
+Dollondschen Fernrohr, nach einem golddurchwirkten türkischen
+Teppich, nach einem Prachtlustzelt, und endlich nach
+den schwarzen Reithengsten genau erkundigen, deren Geschichte,
+ohne zu bestimmen wie, mit der des rätselhaften Mannes
+zusammenhinge, welcher allen unbedeutend geschienen, und
+<span class='pagenum'>[23]</span>
+dessen Erscheinung die Ruhe und das Glück meines Lebens
+zerstört hatte.</p>
+
+<p>Wie ich ausgeredet, holt&rsquo; ich Gold her, eine Last, wie ich
+sie nur zu tragen vermochte, und legte Edelsteine und Juwelen
+noch hinzu für einen größern Wert. &raquo;<em class="gesperrt">Bendel</em>,&laquo;
+sprach ich, &raquo;dieses ebnet viele Wege und macht vieles leicht, was unmöglich
+schien; sei nicht karg damit, wie ich es nicht bin,
+sondern geh, und erfreue deinen Herrn mit Nachrichten, auf
+denen seine alleinige Hoffnung beruht.&laquo;</p>
+
+<p>Er ging. Spät kam er und traurig zurück. Keiner von
+den Leuten des Herrn <em class="gesperrt">John</em>, keiner von seinen Gästen, er
+hatte alle gesprochen, wußte sich nur entfernt an den Mann
+im grauen Rocke zu erinnern. Das neue Teleskop war da
+und keiner wußte, wo es hergekommen; der Teppich, das
+Zelt waren da und noch auf demselben Hügel ausgebreitet
+und aufgeschlagen, die Knechte rühmten den Reichtum ihres
+Herrn, und keiner wußte, von wannen diese neuen Kostbarkeiten
+ihm zugekommen. Er selbst hatte sein Wohlgefallen
+daran, und ihn kümmerte es nicht, daß er nicht wisse, woher
+er sie habe; die Pferde hatten die jungen Herren, die sie
+geritten, in ihren Ställen, und sie priesen die Freigebigkeit
+des Herrn <em class="gesperrt">John</em>, der sie ihnen an jenem Tage geschenkt.
+Soviel erhellte aus der ausführlichen Erzählung <em class="gesperrt">Bendels</em>,
+dessen rascher Eifer und verständige Führung, auch bei so
+fruchtlosem Erfolge, mein verdientes Lob erhielten. Ich
+winkte ihm düster, mich allein zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe,&laquo; hub er wieder an, &raquo;meinem Herrn Bericht
+abgestattet über die Angelegenheit, die ihm am wichtigsten
+war. Mir bleibt noch ein Auftrag auszurichten, den mir
+heute früh jemand gegeben, welchem ich vor der Tür begegnete,
+da ich zu dem Geschäfte ausging, wo ich so unglücklich
+gewesen. Die eignen Worte des Mannes waren:
+&lsquo;Sagen Sie dem Herrn <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em>, er würde mich
+hier nicht mehr sehen, da ich übers Meer gehe, und ein
+günstiger Wind mich soeben nach dem Hafen ruft. Aber
+<span class='pagenum'>[24]</span>
+über Jahr und Tag werde ich die Ehre haben, ihn selber
+aufzusuchen und ein andres, ihm dann vielleicht annehmliches
+Geschäft vorzuschlagen. Empfehlen Sie mich ihm untertänigst
+und versichern ihn meines Dankes.&rsquo; Ich frug ihn,
+wer er wäre, er sagte aber, Sie kennten ihn schon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sah der Mann aus?&laquo; rief ich voller Ahnung. Und
+<em class="gesperrt">Bendel</em> beschrieb mir den Mann im grauen Rocke Zug
+für Zug, Wort für Wort, wie er getreu in seiner vorigen
+Erzählung des Mannes erwähnt, nach dem er sich erkundigt.</p>
+
+<p>&raquo;Unglücklicher!&laquo; schrie ich händeringend, &raquo;das war er ja
+selbst!&laquo; und ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. &ndash;
+&raquo;Ja, er war es, war es wirklich!&laquo; rief er erschreckt aus,
+&raquo;und ich Verblendeter, Blödsinniger habe ihn nicht erkannt,
+ihn nicht erkannt und meinen Herrn verraten!&laquo;</p>
+
+<p>Er brach, heiß weinend, in die bittersten Vorwürfe gegen
+sich selber aus, und die Verzweiflung, in der er war, mußte
+mir selber Mitleiden einflößen. Ich sprach ihm Trost ein,
+versicherte ihm wiederholt, ich setze keinen Zweifel in seine
+Treue, und schickte ihn alsbald nach dem Hafen, um, wo
+möglich, die Spuren des seltsamen Mannes zu verfolgen.
+Aber an diesem selben Morgen waren sehr viele Schiffe,
+die widrige Winde im Hafen zurückgehalten, ausgelaufen,
+alle nach andern Weltstrichen, alle nach andern Küsten bestimmt,
+und der graue Mann war spurlos wie ein Schatten
+verschwunden.</p>
+</div>
+
+
+<h3>3.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Was hülfen Flügel dem in eisernen Ketten fest Angeschmiedeten?
+Er müßte dennoch, und schrecklicher, verzweifeln.
+Ich lag, wie Fafner bei seinem Hort, fern von jedem
+menschlichen Zuspruch, bei meinem Golde darbend, aber ich
+hatte nicht das Herz nach ihm, sondern ich fluchte ihm, um
+dessentwillen ich mich von allem Leben abgeschnitten sah.
+<span class='pagenum'>[25]</span>
+Bei mir allein mein düstres Geheimnis hegend, fürchtete
+ich mich vor dem letzten meiner Knechte, den ich zugleich
+beneiden mußte; denn er hatte einen Schatten, er durfte
+sich sehen lassen in der Sonne. Ich vertrauerte einsam in
+meinen Zimmern die Tag&rsquo; und Nächte und Gram zehrte an
+meinem Herzen.</p>
+
+<p>Noch einer härmte sich unter meinen Augen ab, mein
+treuer <em class="gesperrt">Bendel</em> hörte nicht auf, sich mit stillen Vorwürfen
+zu martern, daß er das Zutrauen seines gütigen Herrn
+betrogen und jenen nicht erkannt, nach dem er ausgeschickt
+war, und mit dem er mein trauriges Schicksal in enger
+Verflechtung denken mußte. Ich aber konnte ihm keine
+Schuld geben, ich erkannte in dem Ereignis die fabelhafte
+Natur des Unbekannten.</p>
+
+<p>Nichts unversucht zu lassen, schickt&rsquo; ich einst <em class="gesperrt">Bendel</em> mit
+einem kostbaren brillantenen Ring zu dem berühmtesten
+Maler der Stadt, den ich, mich zu besuchen, einladen ließ.
+Er kam, ich entfernte meine Leute, verschloß die Tür, setzte
+mich zu dem Mann, und nachdem ich seine Kunst gepriesen,
+kam ich mit schwerem Herzen zur Sache, ich ließ ihn zuvor
+das strengste Geheimnis geloben.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Professor,&laquo; fuhr ich fort, &raquo;könnten Sie wohl
+einem Menschen, der auf die unglücklichste Weise von der
+Welt um seinen Schatten gekommen ist, einen falschen
+Schatten malen?&laquo; &ndash; &raquo;Sie meinen einen Schlagschatten?&laquo;
+&ndash; &raquo;Den mein&rsquo; ich allerdings.&laquo; &ndash; &raquo;Aber,&laquo; frug er mich
+weiter, &raquo;durch welche Ungeschicklichkeit, durch welche Nachlässigkeit
+konnte er denn seinen Schlagschatten verlieren?&laquo; &ndash;
+&raquo;Wie es kam,&laquo; erwiderte ich, &raquo;mag nun sehr gleichgültig
+sein, doch so viel,&laquo; log ich ihm unverschämt vor: &raquo;in Rußland,
+wo er im vorigen Winter eine Reise tat, fror ihm
+einmal, bei einer außerordentlichen Kälte, sein Schatten
+dergestalt am Boden fest, daß er ihn nicht wieder los
+bekommen konnte.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[26]</span>
+&raquo;Der falsche Schlagschatten, den ich ihm malen könnte,&laquo;
+erwiderte der Professor, &raquo;würde doch nur ein solcher sein,
+den er bei der leisesten Bewegung wieder verlieren müßte &ndash;
+zumal, wer an dem eignen angebornen Schatten so wenig
+fest hing, als aus Ihrer Erzählung selbst sich abnehmen läßt;
+wer keinen Schatten hat, gehe nicht in die Sonne, das ist
+das Vernünftigste und Sicherste.&laquo; Er stand auf und entfernte sich,
+indem er auf mich einen durchbohrenden Blick
+warf, den der meine nicht ertragen konnte. Ich sank in
+meinen Sessel zurück und verhüllte mein Gesicht in meine
+Hände.</p>
+
+<p>So fand mich noch <em class="gesperrt">Bendel</em>, als er hereintrat. Er sah
+den Schmerz seines Herrn und wollte sich still, ehrerbietig
+zurückziehen. &ndash; Ich blickte auf &ndash; ich erlag unter der Last
+meines Kummers, ich mußte ihn mitteilen. &raquo;<em class="gesperrt">Bendel</em>,&laquo;
+rief ich ihm zu, &raquo;<em class="gesperrt">Bendel</em>! du einziger, der du meine Leiden
+siehst und ehrst, sie nicht erforschen zu wollen, sondern
+still und fromm mitzufühlen scheinst, komm zu mir, <em class="gesperrt">Bendel</em>,
+und sei der Nächste meinem Herzen. Die Schätze meines
+Goldes hab&rsquo; ich vor dir nicht verschlossen, nicht verschließen
+will ich vor dir die Schätze meines Grames. &ndash; <em class="gesperrt">Bendel</em>,
+verlasse mich nicht. <em class="gesperrt">Bendel</em>, du siehst mich reich, freigebig,
+gütig, du wähnst, es sollte die Welt mich verherrlichen,
+und du siehst mich die Welt fliehn und mich vor ihr verschließen.
+<em class="gesperrt">Bendel</em>, sie hat gerichtet, die Welt, und mich
+verstoßen, und auch du vielleicht wirst dich von mir wenden,
+wenn du mein schreckliches Geheimnis erfährst: <em class="gesperrt">Bendel</em>,
+ich bin reich, freigebig, gütig, aber &ndash; o Gott! ich habe keinen
+Schatten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keinen Schatten?&laquo; rief der gute Junge erschreckt aus
+und die hellen Tränen stürzten ihm aus den Augen. &ndash;
+&raquo;Weh&rsquo; mir, daß ich geboren ward, einem schattenlosen Herrn
+zu dienen!&laquo; Er schwieg und ich hielt mein Gesicht in meinen
+Händen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[27]</span>
+&raquo;<em class="gesperrt">Bendel</em>,&laquo; setzt&rsquo; ich spät und
+zitternd hinzu, &raquo;nun hast du mein Vertrauen, nun kannst du es verraten. Geh hin
+und zeuge wider mich.&laquo; &ndash; Er schien in schwerem Kampfe
+mit sich selber, endlich stürzte er vor mir nieder und ergriff
+meine Hand, die er mit seinen Tränen benetzte. &raquo;Nein,&laquo;
+rief er aus, &raquo;was die Welt auch meine, ich kann und werde
+um Schattens willen meinen gütigen Herrn nicht verlassen,
+ich werde recht und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen
+bleiben, Ihnen meinen Schatten borgen, Ihnen helfen, wo
+ich kann, und wo ich nicht kann, mit Ihnen weinen.&laquo; Ich
+fiel ihm um den Hals, ob solcher ungewohnten Gesinnung
+staunend; denn ich war von ihm überzeugt, daß er es nicht
+um Gold tat.</p>
+
+<p>Seitdem änderten sich in etwas mein Schicksal und
+meine Lebensweise. Es ist unbeschreiblich, wie vorsorglich
+<em class="gesperrt">Bendel</em> mein Gebrechen zu verhehlen wußte. Überall war
+er vor mir und mit mir, alles vorhersehend, Anstalten
+treffend, und wo Gefahr unversehens drohte, mich schnell
+mit seinem Schatten überdeckend, denn er war größer und
+stärker als ich. So wagt&rsquo; ich mich wieder unter die Menschen
+und begann eine Rolle in der Welt zu spielen. Ich
+mußte freilich viele Eigenheiten und Launen scheinbar annehmen.
+Solche stehen aber dem Reichen gut, und solange
+die Wahrheit nur verborgen blieb, genoß ich aller der Ehre
+und Achtung, die meinem Golde zukam. Ich sah ruhiger
+dem über Jahr und Tag verheißenen Besuch des rätselhaften
+Unbekannten entgegen.</p>
+
+<p>Ich fühlte sehr wohl, daß ich mich nicht lange an einem
+Orte aufhalten durfte, wo man mich schon ohne Schatten
+gesehen und wo ich leicht verraten werden konnte; auch
+dacht&rsquo; ich vielleicht nur allein noch daran, wie ich mich bei
+Herrn <em class="gesperrt">John</em> gezeigt, und es war mir eine drückende Erinnerung,
+demnach wollt&rsquo; ich hier bloß Probe halten, um
+anderswo leichter und zuversichtlicher auftreten zu können &ndash;
+doch fand sich, was mich eine Zeitlang an meiner Eitelkeit
+<span class='pagenum'>[28]</span>
+festhielt: das ist im Menschen, wo der Anker am zuverlässigsten
+Grund faßt.</p>
+
+<p>Eben die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em>, der ich am dritten Ort wieder
+begegnete, schenkte mir, ohne sich zu erinnern, mich jemals
+gesehen zu haben, einige Aufmerksamkeit, denn jetzt hatt&rsquo; ich
+Witz und Verstand. &ndash; Wann ich redete, hörte man zu, und
+ich wußte selber nicht, wie ich zu der Kunst gekommen war,
+das Gespräch so leicht zu führen und zu beherrschen. Der
+Eindruck, den ich auf die Schöne gemacht zu haben einsah,
+machte aus mir, was sie eben begehrte, einen Narren, und
+ich folgte ihr seither mit tausend Mühen durch Schatten und
+Dämmerung, wo ich nur konnte. Ich war nur eitel darauf,
+sie über mich eitel zu machen, und konnte mir, selbst mit
+dem besten Willen, nicht den Rausch aus dem Kopf ins Herz
+zwingen.</p>
+
+<p>Aber wozu die ganz gemeine Geschichte dir lang und
+breit wiederholen? &ndash; Du selber hast sie mir oft genug von
+andern Ehrenleuten erzählt. &ndash; Zu dem alten, wohlbekannten
+Spiele, worin ich gutmütig eine abgedroschene Rolle übernommen,
+kam freilich eine ganz eigens gedichtete Katastrophe
+hinzu, mir und ihr und allen unerwartet.</p>
+
+<p>Da ich an einem schönen Abend nach meiner Gewohnheit
+eine Gesellschaft in einem erleuchteten Garten versammelt
+hatte, wandelte ich mit der Herrin Arm in Arm, in einiger
+Entfernung von den übrigen Gästen, und bemühte mich,
+ihr Redensarten vorzudrechseln. Sie sah sittig vor sich nieder
+und erwiderte leise den Druck meiner Hand; da trat
+unversehens hinter uns der Mond aus den Wolken hervor
+&ndash; und sie sah nur <em class="gesperrt">ihren</em> Schatten vor sich hinfallen. Sie
+fuhr zusammen und blickte bestürzt mich an, dann wieder
+auf die Erde, mit dem Auge meinen Schatten begehrend;
+und was in ihr vorging, malte sich so sonderbar in ihren
+Mienen, daß ich in ein lautes Gelächter hätte ausbrechen
+mögen, wenn es mir nicht selber eiskalt über den Rücken
+gelaufen wäre.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[29]</span>
+Ich ließ sie aus meinem Arm in eine Ohnmacht sinken,
+schoß wie ein Pfeil durch die entsetzten Gäste, erreichte die
+Tür, warf mich in den ersten Wagen, den ich da haltend
+fand, und fuhr nach der Stadt zurück, wo ich diesmal zu
+meinem Unheil den vorsichtigen <em class="gesperrt">Bendel</em> gelassen hatte. Er
+erschrak, als er mich sah, ein Wort entdeckte ihm alles.
+Es wurden auf der Stelle Postpferde geholt. Ich nahm
+nur einen meiner Leute mit mir, einen abgefeimten Spitzbuben,
+Namens <em class="gesperrt">Raskal</em>, der sich mir durch seine Gewandtheit
+notwendig zu machen gewußt, und der nichts
+vom heutigen Vorfall ahnen konnte. Ich legte in derselben
+Nacht noch dreißig Meilen zurück. <em class="gesperrt">Bendel</em> blieb hinter
+mir, mein Haus aufzulösen, Gold zu spenden und mir das
+Nötigste nachzubringen. Als er mich am andern Tage einholte,
+warf ich mich in seine Arme und schwur ihm, nicht
+etwa keine Torheit mehr zu begehen, sondern nur künftig
+vorsichtiger zu sein. Wir setzten unsre Reise ununterbrochen
+fort, über die Grenze und das Gebirg, und erst am andern
+Abhang, durch das hohe Bollwerk von jenem Unglücksboden
+getrennt, ließ ich mich bewegen, in einem nahgelegenen
+und wenig besuchten Badeort von den überstandenen Mühseligkeiten
+auszurasten.</p>
+</div>
+
+
+<h3>4.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich werde in meiner Erzählung schnell über eine Zeit
+hineilen müssen, bei der ich wie gerne! verweilen würde,
+wenn ich ihren lebendigen Geist in der Erinnerung heraufzubeschwören
+vermöchte. Aber die Farbe, die sie belebte
+und nur wieder beleben kann, ist in mir verloschen, und
+wann ich in meiner Brust wieder finden will, was sie damals
+so mächtig erhob, die Schmerzen und das Glück, den
+frommen Wahn &ndash; da schlag&rsquo; ich vergebens an einen Felsen,
+<span class='pagenum'>[30]</span>
+der keinen lebendigen Quell mehr gewährt, und der Gott
+ist von mir gewichen. Wie verändert blickt sie mich jetzt
+an, diese vergangene Zeit! &ndash; Ich sollte dort in dem Bade
+eine heroische Rolle tragieren, schlecht einstudiert, und ein
+Neuling auf der Bühne, vergaff&rsquo; ich mich aus dem Stücke
+heraus in ein Paar blaue Augen. Die Eltern, vom Spiele
+getäuscht, bieten alles auf, den Handel nur schnell festzumachen,
+und die gemeine Posse beschließt eine Verhöhnung. Und
+das ist alles, alles! &ndash; Das kommt mir albern und abgeschmackt
+vor und schrecklich wiederum, daß so mir vorkommen
+kann, was damals so reich, so groß die Brust mir schwellte.
+Mina, wie ich damals weinte, als ich dich verlor, so wein&rsquo;
+ich jetzt, dich auch in mir verloren zu haben. Bin ich denn
+so alt worden? &ndash; O traurige Vernunft! Nur noch ein
+Pulsschlag jener Zeit, ein Moment jenes Wahnes &ndash; aber
+nein! einsam auf dem hohen, öden Meere deiner bittern
+Flut, und längst aus dem letzten Pokale der Champagner
+Elfe entsprüht!</p>
+
+<p>Ich hatte <em class="gesperrt">Bendel</em> mit einigen Goldsäcken vorausgeschickt,
+um mir im Städtchen eine Wohnung nach meinen Bedürfnissen
+einzurichten. Er hatte dort viel Geld ausgestreut und
+sich über den vornehmen Fremden, dem er diente, etwas
+unbestimmt ausgedrückt, denn ich wollte nicht genannt sein,
+das brachte die guten Leute auf sonderbare Gedanken. Sobald
+mein Haus zu meinem Empfang bereit war, kam
+<em class="gesperrt">Bendel</em> wieder zu mir und holte mich dahin ab. Wir
+machten uns auf die Reise.</p>
+
+<p>Ungefähr eine Stunde vom Orte, auf einem sonnigen
+Plan, ward uns der Weg durch eine festlich geschmückte
+Menge versperrt. Der Wagen hielt. Musik, Glockengeläute,
+Kanonenschüsse wurden gehört, ein lautes Vivat durchdrang
+die Luft &ndash; vor dem Schlage des Wagens erschien in weißen
+Kleidern ein Chor Jungfrauen von ausnehmender Schönheit,
+die aber vor der einen, wie die Sterne der Nacht vor
+der Sonne, verschwanden. Sie trat aus der Mitte der
+<span class='pagenum'>[31]</span>
+Schwestern hervor, die hohe zarte Bildung kniete verschämt
+errötend vor mir nieder und hielt mir auf seidenem Kissen
+einen aus Lorbeer, Ölzweigen und Rosen geflochtenen Kranz
+entgegen, indem sie von Majestät, Ehrfurcht und Liebe
+einige Worte sprach, die ich nicht verstand, aber deren
+zauberischer Silberklang mein Ohr und Herz berauschte &ndash;
+es war mir, als wäre schon einmal die himmlische Erscheinung
+an mir vorübergewallt. Der Chor fiel ein und sang
+das Lob eines guten Königs und das Glück seines Volkes.</p>
+
+<p>Und dieser Auftritt, lieber Freund, mitten in der Sonne! &ndash;
+Sie kniete noch immer zwei Schritte von mir, und ich, ohne
+Schatten, konnte die Kluft nicht überspringen, nicht wieder
+vor dem Engel auf die Knie fallen. O, was hätt&rsquo; ich nicht
+da für einen Schatten gegeben! Ich mußte meine Scham,
+meine Angst, meine Verzweiflung tief in den Grund meines
+Wagens verbergen. <em class="gesperrt">Bendel</em> besann sich endlich für mich,
+er sprang von der andern Seite aus dem Wagen heraus,
+ich rief ihn noch zurück und reichte ihm aus meinem Kästchen,
+das mir eben zur Hand lag, eine reiche diamantene
+Krone, die die schöne <em class="gesperrt">Fanny</em> hatte zieren sollen. Er trat
+vor und sprach im Namen seines Herrn, der solche Ehrenbezeigungen
+nicht annehmen könne noch wolle; es müsse hier
+ein Irrtum vorwalten; jedoch seien die guten Einwohner der
+Stadt für ihren guten Willen bedankt. Er nahm indes
+den dargehaltenen Kranz von seinem Ort und legte den
+brillantenen Reif an dessen Stelle; dann reichte er ehrerbietig
+der schönen Jungfrau die Hand zum Aufstehen,
+entfernte mit einem Wink Geistlichkeit, <em class="antiqua">Magistratus</em> und
+alle Deputationen. Niemand ward weiter vorgelassen. Er
+hieß den Haufen sich teilen und den Pferden Raum geben,
+schwang sich wieder in den Wagen und fort ging&rsquo;s weiter in
+gestrecktem Galopp, unter einer aus Laubwerk und Blumen
+erbauten Pforte hinweg, dem Städtchen zu. &ndash; Die Kanonen
+wurden immer frischweg abgefeuert. &ndash; Der Wagen hielt vor
+meinem Hause; ich sprang behend in die Tür, die Menge
+<span class='pagenum'>[32]</span>
+teilend, die die Begierde, mich zu sehen, herbeigerufen hatte.
+Der Pöbel schrie Vivat unter meinem Fenster und ich ließ
+doppelte Dukaten daraus regnen. Am Abend war die Stadt
+freiwillig erleuchtet.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und ich wußte immer noch nicht, was das alles bedeuten
+sollte und für wen ich angesehen wurde. Ich schickte
+<em class="gesperrt">Raskaln</em> auf Kundschaft aus. Er ließ sich denn erzählen,
+wasmaßen man bereits sichere Nachrichten gehabt, der gute
+König von Preußen reise unter dem Namen eines Grafen
+durch das Land; wie mein Adjutant erkannt worden sei und
+wie er sich und mich verraten habe; wie groß endlich die
+Freude gewesen, da man die Gewißheit gehabt mich im Orte
+selbst zu besitzen. Nun sah man freilich ein, da ich offenbar
+das strengste Inkognito beobachten wolle, wie sehr man
+unrecht gehabt, den Schleier so zudringlich zu lüften. Ich
+hätte aber so huldreich, so gnadenvoll gezürnt &ndash; ich würde
+gewiß dem guten Herzen verzeihen müssen.</p>
+
+<p>Meinem Schlingel kam die Sache so spaßhaft vor, daß
+er mit strafenden Reden sein möglichstes tat, die guten
+Leute einstweilen in ihrem Glauben zu bestärken. Er stattete
+mir einen sehr komischen Bericht ab, und da er mich dadurch
+erheitert sah, gab er mir selbst seine verübte Bosheit
+zum besten. &ndash; Muß ich&rsquo;s bekennen? Es schmeichelte mir
+doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen
+worden zu sein.</p>
+
+<p>Ich hieß zu dem morgenden Abend unter den Bäumen,
+die den Raum vor meinem Hause beschatteten, ein Fest bereiten
+und die ganze Stadt dazu einladen. Der geheimnisreichen
+Kraft meines Säckels, <em class="gesperrt">Bendels</em> Bemühungen und
+der behenden Erfindsamkeit <em class="gesperrt">Raskals</em> gelang es, selbst die
+Zeit zu besiegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie reich und
+schön sich alles in den wenigen Stunden anordnete. Die
+Pracht und der Überfluß, die da sich erzeugten, auch die
+sinnreiche Erleuchtung war so weise verteilt, daß ich mich
+<span class='pagenum'>[33]</span>
+ganz sicher fühlte. Es blieb mir nichts zu erinnern, ich
+mußte meine Diener loben.</p>
+
+<p>Es dunkelte der Abend. Die Gäste erschienen und wurden
+mir vorgestellt. Es ward die Majestät nicht mehr berührt;
+aber ich hieß in tiefer Ehrfurcht und Demut: Herr
+Graf. Was sollt&rsquo; ich tun? Ich ließ mir den Grafen gefallen
+und blieb von Stund&rsquo; an der Graf Peter. Mitten
+im festlichen Gewühle begehrte meine Seele nur nach der
+<em class="gesperrt">einen</em>. Spät erschien sie, sie, die die Krone war und trug.
+Sie folgte sittsam ihren Eltern und schien nicht zu wissen,
+daß sie die Schönste sei. Es wurden mir der Herr Forstmeister,
+seine Frau und seine Tochter vorgestellt. Ich wußte
+den Alten viel Angenehmes und Verbindliches zu sagen;
+vor der Tochter stand ich wie ein ausgescholtener Knabe da
+und vermochte kein Wort hervor zu lallen. Ich bat sie endlich
+stammelnd, dies Fest zu würdigen, das Amt, dessen
+Zeichen sie schmückte, darin zu verwalten. Sie bat verschämt
+mit einem rührenden Blick um Schonung; aber verschämter
+vor ihr, als sie selbst, brachte ich ihr als erster Untertan
+meine Huldigung in tiefer Ehrfurcht, und der Wink des
+Grafen ward allen Gästen ein Gebot, dem nachzuleben sich
+jeder freudig beeiferte. Majestät, Unschuld und Grazie beherrschten,
+mit der Schönheit im Bunde, ein frohes Fest.
+Die glücklichen Eltern Minas glaubten ihnen nur zu Ehren
+ihr Kind erhöht; ich selber war in einem unbeschreiblichen
+Rausch. Ich ließ alles, was ich noch von den Juwelen
+hatte, die ich damals, um beschwerliches Gold los zu werden,
+gekauft, alle Perlen, alles Edelgestein in zwei verdeckte
+Schüsseln legen und bei Tische, unter dem Namen der Königin,
+ihren Gespielinnen und allen Damen herumreichen; Gold
+ward indessen ununterbrochen über die gezogenen Schranken
+unter das jubelnde Volk geworfen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Bendel</em> am andern Morgen eröffnete mir im Vertrauen,
+der Verdacht, den er längst gegen <em class="gesperrt">Raskals</em> Redlichkeit
+gehegt, sei nunmehr zur Gewißheit geworden. Er
+<span class='pagenum'>[34]</span>
+habe gestern ganze Säcke Goldes unterschlagen. &raquo;Laß uns,&laquo;
+erwidert&rsquo; ich, &raquo;dem armen Schelmen die kleine Beute gönnen;
+ich spende gern allen, warum nicht auch ihm? Gestern
+hat er mir, haben mir alle neuen Leute, die du mir gegeben,
+redlich gedient, sie haben mir froh ein frohes Fest begehen
+helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Es war nicht weiter die Rede davon. <em class="gesperrt">Raskal</em> blieb
+der erste meiner Dienerschaft, <em class="gesperrt">Bendel</em> war aber mein
+Freund und mein Vertrauter. Dieser war gewohnt worden,
+meinen Reichtum als unerschöpflich zu denken, und
+er spähte nicht nach dessen Quellen; er half mir vielmehr,
+in meinen Sinn eingehend, Gelegenheiten ersinnen, ihn
+darzutun und Gold zu vergeuden. Von jenem Unbekannten,
+dem blassen Schleicher, wußt&rsquo; er nur soviel: Ich dürfe allein
+durch ihn von dem Fluche erlöst werden, der auf mir laste
+und fürchte ihn, auf dem meine einzige Hoffnung ruhe.
+Übrigens sei ich davon überzeugt, er könne mich überall
+auffinden, ich ihn nirgends, darum ich, den versprochenen
+Tag erwartend, jede vergebliche Nachsuchung eingestellt.</p>
+
+<p>Die Pracht meines Festes und mein Benehmen dabei
+erhielten anfangs die starkgläubigen Einwohner der Stadt
+bei ihrer vorgefaßten Meinung. Es ergab sich freilich sehr
+bald aus den Zeitungen, daß die ganze fabelhafte Reise
+des Königs von Preußen ein bloßes ungegründetes Gerücht
+gewesen. Ein König war ich aber nun einmal und mußte
+schlechterdings ein König bleiben, und zwar einer der reichsten
+und königlichsten, die es immer geben mag. Nur wußte
+man nicht recht, welcher. Die Welt hat nie Grund gehabt,
+über Mangel an Monarchen zu klagen, am wenigsten in
+unsern Tagen; die guten Leute, die noch keinen mit Augen
+gesehen, rieten mit gleichem Glück bald auf diesen, bald auf
+jenen &ndash; <em class="gesperrt">Graf Peter</em> blieb immer, der er war.</p>
+
+<p>Einst erschien unter den Badegästen ein Handelsmann,
+der Bankrott gemacht hatte, um sich zu bereichern, der allgemeiner
+Achtung genoß und einen breiten, obgleich etwas
+<span class='pagenum'>[35]</span>
+blassen Schatten von sich warf. Er wollte hier das Vermögen,
+das er gesammelt, zum Prunk ausstellen, und es
+fiel sogar ihm ein, mit mir wetteifern zu wollen. Ich sprach
+meinem Säckel zu und hatte sehr bald den armen Teufel so
+weit, daß er, um sein Ansehen zu retten, abermals Bankrott
+machen mußte und über das Gebirge ziehen. So ward ich
+ihn los. &ndash; Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse
+und Müßiggänger gemacht!</p>
+
+<p>Bei der königlichen Pracht und Verschwendung, womit
+ich mir alles unterwarf, lebt&rsquo; ich in meinem Haus sehr
+einfach und eingezogen. Ich hatte mir die größte Vorsicht
+zur Regel gemacht, es durfte, unter keinem Vorwand kein
+andrer als <em class="gesperrt">Bendel</em> die Zimmer, die ich bewohnte, betreten.
+Solange die Sonne schien, hielt ich mich mit ihm darin
+verschlossen, und es hieß: der Graf arbeite in seinem Kabinett.
+Mit diesen Arbeiten standen die häufigen Kuriere in Verbindung,
+die ich um jede Kleinigkeit abschickte und erhielt. &ndash;
+Ich nahm nur am Abend unter meinen Bäumen, oder
+in meinem nach <em class="gesperrt">Bendels</em> Angabe geschickt und reich erleuchteten
+Saale, Gesellschaft an. Wenn ich ausging, wobei
+mich stets <em class="gesperrt">Bendel</em> mit Argusaugen bewachen mußte, so
+war es nur nach dem Förstergarten und um der einen
+willen; denn meines Lebens innerlichstes Herz war meine
+Liebe.</p>
+
+<p>O mein guter <em class="gesperrt">Chamisso</em>, ich will hoffen, du habest
+noch nicht vergessen, was Liebe sei! Ich lasse dir hier vieles
+zu ergänzen. <em class="gesperrt">Mina</em> war wirklich ein liebewertes, gutes,
+frommes Kind. Ich hatte ihre ganze Phantasie an mich
+gefesselt, sie wußte in ihrer Demut nicht, womit sie wert
+gewesen, daß ich nur nach ihr geblickt; und sie vergalt Liebe
+um Liebe, mit der vollen jugendlichen Kraft eines unschuldigen
+Herzens. Sie liebte wie ein Weib, ganz hin sich
+opfernd; selbstvergessen, hingegeben den nur meinend, der
+ihr Leben war, unbekümmert, solle sie selbst zugrunde gehen,
+das heißt, sie liebte wirklich.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[36]</span>
+Ich aber &ndash; o welche schreckliche Stunden &ndash; schrecklich!
+und würdig dennoch, daß ich sie zurückwünsche &ndash; hab&rsquo; ich
+oft an <em class="gesperrt">Bendels</em> Brust verweint, als nach dem ersten bewußtlosen
+Rausch ich mich besonnen, mich selbst scharf angeschaut,
+der ich, ohne Schatten, mit tückischer Selbstsucht
+diesen Engel verderbend, die reine Seele an mich gelogen
+und gestohlen! Dann beschloß ich, mich ihr selber zu verraten;
+dann gelobt&rsquo; ich mit teuren Eidschwüren, mich von
+ihr zu reißen und zu entfliehen; dann brach ich wieder in
+Tränen aus und verabredete mit <em class="gesperrt">Bendeln</em>, wie ich sie auf
+den Abend im Förstergarten besuchen wolle.</p>
+
+<p>Zu andern Zeiten log ich mir selber vom nahe bevorstehenden
+Besuch des grauen Unbekannten große Hoffnungen
+vor, und weinte wieder, wenn ich daran zu glauben vergebens
+versucht hatte. Ich hatte den Tag ausgerechnet, wo
+ich den Furchtbaren wieder zu sehen erwartete; denn er
+hatte gesagt, in Jahr und Tag, und ich glaubte an sein
+Wort.</p>
+
+<p>Die Eltern waren gute, ehrbare, alte Leute, die ihr
+einziges Kind sehr liebten, das ganze Verhältnis überraschte
+sie, als es schon bestand, und sie wußten nicht, was sie
+dabei tun sollten. Sie hatten früher nicht geträumt, der
+<em class="gesperrt">Graf Peter</em> könne nur an ihr Kind denken, nun liebte er
+sie gar und ward wieder geliebt. &ndash; Die Mutter war wohl
+eitel genug, an die Möglichkeit einer Verbindung zu denken
+und darauf hinzuarbeiten; der gesunde Menschenverstand des
+Alten gab solchen überspannten Vorstellungen nicht Raum.
+Beide waren überzeugt von der Reinheit meiner Liebe &ndash;
+sie konnten nichts tun, als für ihr Kind beten.</p>
+
+<p>Es fällt mir ein Brief in die Hand, den ich noch aus
+dieser Zeit von <em class="gesperrt">Mina</em> habe. &ndash; Ja, das sind ihre Züge!
+Ich will dir ihn abschreiben.</p>
+
+<p>&raquo;Bin ein schwaches, törichtes Mädchen, könnte mir einbilden,
+daß mein Geliebter, weil ich ihn innig, innig liebe,
+<span class='pagenum'>[37]</span>
+dem armen Mädchen nicht weh tun möchte. &ndash; Ach, Du
+bist so gut, so unaussprechlich gut; aber mißdeute mich nicht.
+Du sollst mir nichts opfern, mir nichts opfern wollen; o
+Gott! ich könnte mich hassen, wenn Du das tätest. Nein
+&ndash; Du hast mich unendlich glücklich gemacht, Du hast mich
+Dich lieben gelehrt. Zeuch hin! &ndash; Weiß doch mein Schicksal,
+<em class="gesperrt">Graf Peter</em> gehört nicht mir, gehört der Welt an.
+Will stolz sein, wenn ich höre: das ist er gewesen, und das
+war er wieder, und das hat er vollbracht; da haben sie ihn
+angebetet, und da haben sie ihn vergöttert. Siehe, wenn
+ich das denke, zürne ich Dir, daß Du bei einem einfältigen
+Kinde deiner hohen Schicksale vergessen kannst. &ndash; Zeuch
+hin, sonst macht der Gedanke mich noch unglücklich, die ich,
+ach! durch Dich so glücklich, so selig bin. &ndash; Hab&rsquo; ich nicht
+auch einen Ölzweig und eine Rosenknospe in Dein Leben
+geflochten, wie in den Kranz, den ich Dir überreichen durfte.
+Habe Dich im Herzen, mein Geliebter, fürchte nicht von mir
+zu gehen &ndash; werde sterben, ach! so selig, so unaussprechlich
+selig durch Dich.&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Du kannst dir denken, wie mir die Worte durchs Herz
+schneiden mußten. Ich erklärte ihr, ich sei nicht das, wofür
+man mich anzusehen schien; ich sei nur ein reicher,
+aber unendlich elender Mann. Auf mir ruhe ein Fluch,
+der das einzige Geheimnis zwischen ihr und mir sein solle,
+weil ich noch nicht ohne Hoffnung sei, daß er gelöst werde.
+Dies sei das Gift meiner Tage: daß ich sie mit in den
+Abgrund hinreißen könne, sie, die das einzige Licht, das
+einzige Glück, das einzige Herz meines Lebens sei. Dann
+weinte sie wieder, daß ich unglücklich war. Ach, sie war
+so liebevoll, so gut! Um eine Träne nur mir zu erkaufen,
+hätte sie, mit welcher Seligkeit, sich selbst ganz hingeopfert.</p>
+
+<p>Sie war indes weit entfernt, meine Worte richtig zu
+deuten, sie ahnte nun in mir irgendeinen Fürsten, den ein
+schwerer Bann getroffen, irgendein hohes, geächtetes Haupt
+<span class='pagenum'>[38]</span>
+und ihre Einbildungskraft malte sich geschäftig unter heroischen
+Bildern den Geliebten herrlich aus.</p>
+
+<p>Einst sagte ich ihr: &raquo;<em class="gesperrt">Mina</em>, der letzte Tag im künftigen
+Monat kann mein Schicksal ändern und entscheiden &ndash;
+geschieht es nicht, so muß ich sterben, weil ich dich nicht
+unglücklich machen will.&laquo; &ndash; Sie verbarg weinend ihr Haupt
+an meiner Brust. &ndash; &raquo;Ändert sich dein Schicksal, laß mich
+nur dich glücklich wissen, ich habe keinen Anspruch an dich. &ndash;
+Bist du elend, binde mich an dein Elend, daß ich es dir
+tragen helfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mädchen, Mädchen, nimm es zurück, das rasche Wort,
+das törichte, das deinen Lippen entflohen &ndash; und kennst du
+es, dieses Elend, kennst du ihn, diesen Fluch? Weißt du,
+wer dein Geliebter &ndash; &ndash; was er &ndash;? Siehst du mich nicht
+krampfhaft zusammenschaudern, und vor dir ein Geheimnis
+haben?&laquo; Sie fiel schluchzend mir zu Füßen und wiederholte
+mit Eidschwur ihre Bitte.</p>
+
+<p>Ich erklärte mich gegen den hereintretenden Forstmeister,
+meine Absicht sei, am ersten des nächstkünftigen Monats um
+die Hand seiner Tochter anzuhalten &ndash; ich setze diese Zeit
+fest, weil sich bis dahin manches ereignen dürfte, was Einfluß
+auf mein Schicksal haben könnte. Unwandelbar sei nur
+meine Liebe zu seiner Tochter.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der gute Mann erschrak ordentlich, als er solche Worte
+aus dem Munde des <em class="gesperrt">Grafen Peter</em> vernahm. Er fiel
+mir um den Hals und ward wieder ganz verschämt, sich
+vergessen zu haben. Nun fiel es ihm ein, zu zweifeln, zu
+erwägen und zu forschen; er sprach von Mitgift, von Sicherheit,
+von Zukunft für sein liebes Kind. Ich dankte ihm,
+mich daran zu mahnen. Ich sagte ihm, ich wünsche in dieser
+Gegend, wo ich geliebt zu sein schien, mich anzusiedeln und
+ein sorgenfreies Leben zu führen. Ich bat ihn, die schönsten
+Güter, die im Lande ausgeboten würden, unter dem Namen
+seiner Tochter zu kaufen und die Bezahlung auf mich anzuweisen.
+<span class='pagenum'>[39]</span>
+Es könne darin ein Vater dem Liebenden am
+besten dienen. &ndash; Es gab ihm viel zu tun, denn überall
+war ihm ein Fremder zuvorgekommen; er kaufte auch nur
+für ungefähr eine Million.</p>
+
+<p>Daß ich ihn damit beschäftigte, war im Grunde eine
+unschuldige List, um ihn zu entfernen, und ich hatte schon
+ähnliche mit ihm gebraucht, denn ich muß gestehen, daß er
+etwas lästig war. Die gute Mutter war dagegen etwas taub,
+und nicht wie er, auf die Ehre eifersüchtig, den Herrn Grafen
+zu unterhalten.</p>
+
+<p>Die Mutter kam hinzu, die glücklichen Leute drangen in
+mich, den Abend länger unter ihnen zu bleiben; ich durfte
+keine Minute weilen: ich sah schon den aufgehenden Mond
+am Horizonte dämmern. &ndash; Meine Zeit war um.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am nächsten Abend ging ich wieder nach dem Förstergarten.
+Ich hatte den Mantel weit über die Schultern geworfen,
+den Hut tief in die Augen gedrückt, ich ging auf
+<em class="gesperrt">Mina</em> zu; wie sie aufsah und mich anblickte, machte sie eine
+unwillkürliche Bewegung; da stand mir wieder klar vor der
+Seele die Erscheinung jener schaurigen Nacht, wo ich mich
+im Mondschein ohne Schatten gezeigt. Sie war es wirklich.
+Hatte sie mich aber auch jetzt erkannt? Sie war still und
+gedankenvoll &ndash; mir lag es zentnerschwer auf der Brust &ndash;
+ich stand von meinem Sitz auf. Sie warf sich still weinend
+an meine Brust. Ich ging.</p>
+
+<p>Nun fand ich sie öfters in Tränen, mir ward&rsquo;s finster
+und finsterer um die Seele &ndash; nur die Eltern schwammen
+in überschwenglicher Glückseligkeit; der verhängnisvolle Tag
+rückte heran, bang und dumpf wie eine Gewitterwolke. Der
+Vorabend war da &ndash; ich konnte kaum mehr atmen. Ich
+hatte vorsorglich einige Kisten mit Gold angefüllt, ich wachte
+die zwölfte Stunde heran. &ndash; Sie schlug.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Nun saß ich da, das Auge auf die Zeiger der Uhr gerichtet,
+die Sekunden, die Minuten zählend, wie Dolchstiche.
+<span class='pagenum'>[40]</span>
+Bei jedem Lärm, der sich regte, fuhr ich auf, der Tag brach
+an. Die bleiernen Stunden verdrängten einander, es ward
+Mittag, Abend, Nacht; es rückten die Zeiger, welkte die Hoffnung;
+es schlug elf und nichts erschien, die letzten Minuten
+der letzten Stunde fielen, und nichts erschien, es schlug der
+erste Schlag, der letzte Schlag der zwölften Stunde, und ich
+sank hoffnungslos in unendlichen Tränen auf mein Lager
+zurück. Morgen sollt&rsquo; ich &ndash; auf immer schattenlos, um die
+Hand der Geliebten anhalten; ein banger Schlaf drückte mir
+gegen den Morgen die Augen zu.</p>
+</div>
+
+<h3>5.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Es war noch früh, als mich Stimmen weckten, die sich
+in meinem Vorzimmer, in heftigem Wortwechsel, erhoben.
+Ich horchte auf. &ndash; <em class="gesperrt">Bendel</em> verbot meine Tür;
+<em class="gesperrt">Raskal</em>
+schwor hoch und teuer, keine Befehle von seinesgleichen
+anzunehmen, und bestand darauf, in meine Zimmer einzudringen.
+Der gütige <em class="gesperrt">Bendel</em> verwies ihm, daß solche
+Worte, falls sie zu meinen Ohren kämen, ihn um einen
+vorteilhaften Dienst bringen würden. Raskal drohte Hand
+an ihn zu legen, wenn er ihm den Eingang noch länger
+vertreten wollte.</p>
+
+<p>Ich hatte mich halb angezogen, ich riß zornig die Tür auf
+und fuhr auf <em class="gesperrt">Raskaln</em> zu &ndash; &raquo;Was willst
+du, Schurke&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?&laquo;
+Er trat zwei Schritte zurück und antwortete ganz kalt: &raquo;Sie
+untertänigst bitten, Herr Graf, mir doch einmal Ihren
+Schatten sehen zu lassen &ndash; die Sonne scheint eben so schön
+auf dem Hofe.&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich war wie vom Donner gerührt. Es dauerte lange,
+bis ich die Sprache wieder fand. &ndash; &raquo;Wie kann ein Knecht
+gegen seinen Herrn &ndash;?&laquo; Er fiel mir ganz ruhig in die
+<span class='pagenum'>[41]</span>
+Rede: &raquo;Ein Knecht kann ein sehr ehrlicher Mann sein und
+einem Schattenlosen nicht dienen wollen, ich fordere meine
+Entlassung.&laquo; Ich mußte andre Saiten aufziehen. &raquo;Aber
+<em class="gesperrt">Raskal</em>, lieber <em class="gesperrt">Raskal</em>,
+wer hat dich auf die unglückliche
+Idee gebracht, wie kannst du denken &ndash; &ndash;?&laquo; Er fuhr im
+selben Tone fort: &raquo;Es wollen Leute behaupten, Sie hätten
+keinen Schatten &ndash; und kurz, Sie zeigen mir Ihren Schatten,
+oder geben mir meine Entlassung.&laquo;</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Bendel</em>, bleich und zitternd, aber besonnener als ich,
+machte mir ein Zeichen, ich nahm zu dem alles beschwichtigenden
+Golde meine Zuflucht &ndash; auch das hatte seine Macht
+verloren &ndash; er warf&rsquo;s mir vor die Füße: &raquo;Von einem Schattenlosen
+nehme ich nichts an.&laquo; Er kehrte mir den Rücken und
+ging, den Hut auf dem Kopf, ein Liedchen pfeifend, langsam
+aus dem Zimmer. Ich stand mit <em class="gesperrt">Bendel</em> da wie versteint,
+gedanken- und regungslos ihm nachsehend.</p>
+
+<p>Schwer aufseufzend und den Tod im Herzen, schickt&rsquo; ich
+mich endlich an, mein Wort zu lösen, und, wie ein Verbrecher
+vor seinen Richtern, in dem Förstergarten zu erscheinen.
+Ich stieg in der dunklen Laube ab, welche nach
+mir benannt war, und wo sie mich auch diesmal erwarten
+mußten. Die Mutter kam mir sorgenfrei und freudig entgegen.
+<em class="gesperrt">Mina</em> saß da, bleich und schön, wie der erste Schnee,
+der manchmal im Herbste die letzten Blumen küßt, und gleich
+in bittres Wasser zerfließen wird. Der Forstmeister, ein
+geschriebenes Blatt in der Hand, ging heftig auf und ab,
+und schien vieles in sich zu unterdrücken, was, mit fliegender
+Röte und Blässe wechselnd, sich auf seinem sonst unbeweglichen
+Gesichte malte. Er kam auf mich zu, als ich hereintrat,
+und verlangte mit oft unterbrochenen Worten, mich allein
+zu sprechen. Der Gang, auf den er mich, ihm zu folgen,
+einlud, führte nach einem freien besonnten Teile des Gartens
+&ndash; ich ließ mich stumm auf einen Sitz nieder, und es
+erfolgte ein langes Schweigen, das selbst die gute Mutter
+nicht zu unterbrechen wagte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[42]</span>
+Der Forstmeister stürmte immer noch ungleichen Schrittes
+die Laube auf und ab, er stand mit einem Male vor mir
+still, blickte ins Papier, das er hielt, und fragte mich mit
+prüfendem Blick: &raquo;Sollte Ihnen, Herr Graf, ein gewisser
+<em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em> wirklich nicht unbekannt sein?&laquo; Ich
+schwieg &ndash; &raquo;ein Mann von vorzüglichem Charakter und von
+besonderen Gaben &ndash;&laquo; Er erwartete eine Antwort. &ndash; &raquo;Und
+wenn ich selber der Mann wäre?&laquo; &ndash; &raquo;Dem,&laquo; fügte er
+heftig hinzu, &raquo;sein Schatten abhanden gekommen ist!!&laquo; &ndash;
+&raquo;O meine Ahnung, meine Ahnung!&laquo; rief <em class="gesperrt">Mina</em> aus, &raquo;ja
+ich weiß es längst, er hat keinen Schatten!&laquo; und sie warf
+sich in die Arme der Mutter, welche erschreckt, sie krampfhaft
+an sich schließend, ihr Vorwürfe machte, daß sie zum Unheil
+solch ein Geheimnis in sich verschlossen. Sie aber war, wie
+Arethusa, in einen Tränenquell gewandelt, der beim Klang
+meiner Stimme häufiger floß, und bei meinem Nahen stürmisch
+aufbrauste.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie haben,&laquo; hub der Forstmeister grimmig wieder
+an, &raquo;und Sie haben mit unerhörter Frechheit diese und
+mich zu betrügen keinen Anstand genommen; und Sie geben
+vor, sie zu lieben, die Sie so weit heruntergebracht haben?
+Sehen Sie, wie sie da weint und ringt. O schrecklich!
+schrecklich!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich,
+wie irre redend, anfing: es wäre doch am Ende ein Schatten,
+nichts als ein Schatten, man könne auch ohne das fertig
+werden, und es wäre nicht der Mühe wert, solchen Lärm
+davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von
+dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß
+er mich einer Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu:
+was man einmal verloren, könne man ein andermal wieder
+finden.</p>
+
+<p>Er fuhr mich zornig an. &ndash; &raquo;Gestehen Sie mir&rsquo;s, mein
+Herr, gestehen Sie mir&rsquo;s, wie sind Sie um Ihren Schatten
+gekommen?&laquo; Ich mußte wieder lügen: &raquo;Es trat mir dereinst
+<span class='pagenum'>[43]</span>
+ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen Schatten, daß
+er ein großes Loch darein riß &ndash; ich habe ihn nur zum Ausbessern
+gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon
+gestern wieder bekommen sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl, mein Herr, ganz wohl!&laquo; erwiderte der Forstmeister,
+&raquo;Sie werben um meine Tochter, das tun auch
+andre, ich habe als ein Vater für sie zu sorgen, ich gebe
+Ihnen drei Tage Frist, binnen welcher Sie sich nach einem
+Schatten umtun mögen; erscheinen Sie binnen drei Tagen
+vor mir mit einem wohlangepaßten Schatten, so sollen Sie
+mir willkommen sein: am vierten Tage aber &ndash; das sag&rsquo;
+ich Ihnen &ndash; ist meine Tochter die Frau eines andern.&laquo; &ndash;
+Ich wollte noch versuchen, ein Wort an <em class="gesperrt">Mina</em> zu richten,
+aber sie schloß sich, heftiger schluchzend, fester an ihre Mutter,
+und diese winkte mir stillschweigend, mich zu entfernen. Ich
+schwankte hinweg, und mir war&rsquo;s, als schlösse sich hinter mir
+die Welt zu.</p>
+
+<p>Der liebevollen Aufsicht <em class="gesperrt">Bendels</em> entsprungen, durchschweifte
+ich in irrem Lauf Wälder und Fluren. Angstschweiß
+troff von meiner Stirne, ein dumpfes Stöhnen entrang sich
+meiner Brust, in mir tobte Wahnsinn.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, wie lange es so gedauert haben mochte,
+als ich mich auf einer sonnigen Heide beim Ärmel anhalten
+fühlte. &ndash; Ich stand still und sah mich um &ndash; &ndash; es war
+der Mann im grauen Rock, der sich nach mir außer Atem
+gelaufen zu haben schien. Er nahm sogleich das Wort: &raquo;Ich
+hatte mich auf den heutigen Tag angemeldet, Sie haben
+die Zeit nicht erwarten können. Es steht aber alles noch
+gut, Sie nehmen Rat an, tauschen Ihren Schatten wieder
+ein, der Ihnen zu Gebote steht, und kehren sogleich wieder
+um. Sie sollen in dem Förstergarten willkommen sein, und
+alles ist nur ein Scherz gewesen; den <em class="gesperrt">Raskal</em>, der Sie verraten
+hat und um Ihre Braut wirbt, nehm&rsquo; ich auf mich,
+der Kerl ist reif.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[44]</span>
+Ich stand noch wie im Schlafe da. &ndash; &raquo;Auf den heutigen
+Tag angemeldet &ndash;?&laquo; ich überdachte noch einmal die Zeit &ndash;
+er hatte recht, ich hatte mich stets um einen Tag verrechnet.
+Ich suchte mit der rechten Hand nach dem Säckel auf meiner
+Brust &ndash; er erriet meine Meinung und trat zwei Schritte
+zurück.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Herr Graf, der ist in zu guten Händen, den
+behalten Sie.&laquo; &ndash; Ich sah ihn mit stieren Augen, verwundert
+fragend an, er fuhr fort: &raquo;Ich erbitte mir bloß
+eine Kleinigkeit zum Andenken, Sie sind nur so gut und
+unterschreiben mir den Zettel da.&laquo; &ndash; Auf dem Pergamente
+standen die Worte:</p>
+
+<p class="blockquot">
+&raquo;Kraft dieser meiner Unterschrift vermache ich dem
+Inhaber dieses meine Seele nach ihrer natürlichen
+Trennung von meinem Leibe.&laquo;
+</p>
+
+<p>Ich sah mit stummem Staunen die Schrift und den grauen
+Unbekannten abwechselnd an. &ndash; Er hatte unterdessen mit einer
+neu geschnittenen Feder einen Tropfen Bluts aufgefangen, der
+mir aus einem frischen Dornriß auf die Hand floß, und
+hielt sie mir hin.</p>
+
+<p>&raquo;Wer sind Sie denn?&laquo; frug ich ihn endlich. &raquo;Was
+tut&rsquo;s,&laquo; gab er mir zur Antwort, &raquo;und sieht man es mir
+nicht an? Ein armer Teufel, gleichsam so eine Art von
+Gelehrten und Physikus, der von seinen Freunden für vortreffliche
+Künste schlechten Dank erntet, und für sich selber
+auf Erden keinen andern Spaß hat, als sein bißchen Experimentieren
+&ndash; aber unterschreiben Sie doch. Rechts, da
+unten: <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em>.&laquo;</p>
+
+<p>Ich schüttelte mit dem Kopf und sagte: &raquo;Verzeihen Sie,
+mein Herr, das unterschreibe ich nicht.&laquo; &ndash; &raquo;Nicht?&laquo; wiederholte
+er verwundert, &raquo;und warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint mir doch gewissermaßen bedenklich, meine
+Seele an meinen Schatten zu setzen.&laquo; &ndash; &ndash; &raquo;So, so!&laquo;
+wiederholte er, &raquo;bedenklich,&laquo; und er brach in ein lautes
+<span class='pagenum'>[45]</span>
+Gelächter gegen mich aus. &raquo;Und, wenn ich fragen darf,
+was ist denn das für ein Ding, Ihre Seele? haben Sie
+es je gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn
+Sie einst tot sind? Seien Sie doch froh, einen Liebhaber
+zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit noch den Nachlaß dieses
+<em class="antiqua">X</em>, dieser galvanischen Kraft oder polarisierenden Wirksamkeit,
+und was alles das närrische Ding sein soll, mit etwas
+Wirklichem bezahlen will, nämlich mit Ihrem leibhaftigen
+Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und
+zu der Erfüllung aller Ihrer Wünsche gelangen können.
+Wollen Sie lieber selbst das arme junge Blut dem niederträchtigen
+Schurken, dem <em class="gesperrt">Raskal</em>, zustoßen und ausliefern?
+&ndash; Nein, das müssen Sie doch mit eignen Augen ansehen;
+kommen Sie, ich leihe Ihnen die Tarnkappe hier&laquo; (er zog
+etwas aus der Tasche) &raquo;und wir wallfahren ungesehen nach
+dem Förstergarten.&laquo;</p>
+
+<p>Ich muß gestehen, daß ich mich überaus schämte, von
+diesem Manne ausgelacht zu werden. Er war mir von
+Herzensgrunde verhaßt, und ich glaube, daß mich dieser persönliche
+Widerwille mehr als Grundsätze oder Vorurteile
+abhielt, meinen Schatten, so notwendig er mir auch war,
+mit der begehrten Unterschrift zu erkaufen. Auch war mir
+der Gedanke unerträglich, den Gang, den er mir antrug,
+in seiner Gesellschaft zu unternehmen. Diesen häßlichen
+Schleicher, diesen hohnlächelnden Kobold, zwischen mich und
+meine Geliebte, zwei blutig zerrissene Herzen, spöttisch hintreten
+zu sehen, empörte mein innigstes Gefühl. Ich nahm,
+was geschehen war, als verhängt an, mein Elend als unabwendbar,
+und mich zu dem Manne kehrend, sagte ich ihm:
+&raquo;Mein Herr, ich habe Ihnen meinen Schatten für diesen
+an sich sehr vorzüglichen Säckel verkauft, und es hat mich
+genug gereut. Kann der Handel zurückgehen, in Gottes
+Namen!&laquo; Er schüttelte mit dem Kopf und zog ein sehr
+finsteres Gesicht. Ich fuhr fort: &raquo;So will ich Ihnen auch
+weiter nichts von meiner Habe verkaufen, sei es auch um
+<span class='pagenum'>[46]</span>
+den angebotenen Preis meines Schattens, und unterschreibe
+also nichts. Daraus läßt sich auch abnehmen, daß die Verkappung,
+zu der Sie mich einladen, ungleich belustigender
+für Sie als für mich ausfallen müßte; halten Sie mich
+also für entschuldigt, und da es einmal nicht anders ist &ndash;
+laßt uns scheiden!&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir leid, Monsieur <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, daß Sie eigensinnig
+das Geschäft von der Hand weisen, das ich Ihnen
+freundschaftlich anbot. Indessen, vielleicht bin ich ein andermal
+glücklicher. Auf baldiges Wiedersehen! &ndash; Apropos,
+erlauben Sie mir noch, Ihnen zu zeigen, daß ich die Sachen,
+die ich kaufe, keineswegs verschimmeln lasse, sondern in Ehren
+halte, und daß sie bei mir gut aufgehoben sind.&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er zog sogleich meinen Schatten aus seiner Tasche, und
+ihn mit einem geschickten Wurf auf der Heide entfaltend,
+breitete er ihn auf der Sonnenseite zu seinen Füßen aus,
+so, daß er zwischen den beiden ihm aufwartenden Schatten,
+dem meinen und dem seinen, daher ging, denn meiner mußte
+ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen
+sich richten und bequemen.</p>
+
+<p>Als ich nach so langer Zeit einmal meinen armen Schatten
+wieder sah, und ihn zu solchem schnöden Dienste herabgewürdigt
+fand, eben als ich um seinetwillen in so namenloser
+Not war, da brach mir das Herz, und ich fing bitterlich zu
+weinen an. Der Verhaßte stolzierte mit dem mir abgejagten
+Raub, und erneuerte unverschämt seinen Antrag: &raquo;Noch ist
+er für Sie zu haben, ein Federzug, und Sie retten damit
+die arme unglückliche <em class="gesperrt">Mina</em> aus des Schuftes Klauen in
+des hochgeehrten Herrn Grafen Arme &ndash; wie gesagt, nur
+ein Federzug.&laquo; Meine Tränen brachen mir erneuter Kraft
+hervor, aber ich wandte mich weg, und winkte ihm, sich zu
+entfernen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Bendel</em>, der voller Sorgen meine Spuren bis hierher
+verfolgt hatte, traf in diesem Augenblick ein. Als mich die
+<span class='pagenum'>[47]</span>
+treue, fromme Seele weinend fand, und meinen Schatten,
+denn er war nicht zu verkennen, in der Gewalt des wunderlichen
+grauen Unbekannten sah, beschloß er gleich, sei es auch
+mit Gewalt, mich in den Besitz meines Eigentums wiederherzustellen,
+und da er selbst mit dem zarten Dinge nicht
+umzugehen verstand, griff er gleich den Mann mit Worten
+an, und ohne vieles Fragen gebot er ihm stracks, mir das
+Meine unverzüglich verabfolgen zu lassen. Dieser, statt aller
+Antwort, kehrte dem unschuldigen Burschen den Rücken und
+ging. <em class="gesperrt">Bendel</em> aber erhob den Kreuzdornknüttel, den er
+trug, und, ihm auf den Fersen folgend, ließ er ihn schonungslos
+unter wiederholtem Befehl, den Schatten herzugeben, die
+volle Kraft seines nervichten Armes fühlen. Jener, als sei
+er solcher Behandlung gewohnt, bückte den Kopf, wölbte die
+Schultern, und zog stillschweigend ruhigen Schrittes seinen
+Weg über die Heide weiter, mir meinen Schatten zugleich
+und meinen treuen Diener entführend. Ich hörte lange
+noch den dumpfen Schall durch die Einöde dröhnen, bis er
+sich endlich in der Entfernung verlor. Einsam war ich wie
+vorher mit meinem Unglück.</p>
+</div>
+
+<h3>6.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich unendlichen
+Tränen freien Lauf, mein armes Herz von namenloser
+banger Last erleichternd. Aber ich sah meinem überschwenglichen
+Elend keine Grenzen, keinen Ausgang, kein
+Ziel, und ich sog besonders mit grimmigem Durst an dem
+neuen Gifte, das der Unbekannte in meine Wunden gegossen.
+Als ich <em class="gesperrt">Minas</em> Bild vor meine Seele rief und die
+geliebte, süße Gestalt bleich und in Tränen mir erschien,
+wie ich sie zuletzt in meiner Schmach gesehen, da trat frech
+und höhnend <em class="gesperrt">Raskals</em> Schemen zwischen sie und mich, ich
+<span class='pagenum'>[48]</span>
+verhüllte mein Gesicht und floh durch die Einöde, aber die
+scheußliche Erscheinung gab mich nicht frei, sondern verfolgte
+mich im Laufe, bis ich atemlos an den Boden sank und die
+Erde mit erneuertem Tränenquell befeuchtete.</p>
+
+<p>Und alles um einen Schatten! Und diesen Schatten
+hätte mir ein Federzug wieder erworben. Ich überdachte
+den befremdenden Antrag und meine Weigerung. Es war
+wüst in mir, ich hatte weder Urteil noch Fassungsvermögen
+mehr.</p>
+
+<p>Der Tag verging, ich stillte meinen Hunger mit wilden
+Früchten, meinen Durst im nächsten Bergstrom; die Nacht
+brach ein, ich lagerte mich unter einem Baum. Der feuchte
+Morgen weckte mich aus einem schweren Schlaf, in dem ich
+mich selber wie im Tode röcheln hörte. <em class="gesperrt">Bendel</em> mußte
+meine Spur verloren haben und es freute mich, es zu
+denken. Ich wollte nicht unter die Menschen zurückkehren,
+vor welchen ich schreckhaft floh, wie das scheue Wild des
+Gebirges. So verlebte ich drei bange Tage.</p>
+
+<p>Ich befand mich am Morgen des vierten auf einer sandigen
+Ebene, welche die Sonne beschien, und saß auf Felsentrümmern
+in ihrem Strahl, denn ich liebte jetzt, ihren lang&rsquo; entbehrten
+Anblick zu genießen. Ich nährte still mein Herz mit seiner
+Verzweiflung. Da schreckte mich ein leises Geräusch auf, ich
+warf, zur Flucht bereit, den Blick um mich her, ich sah
+niemand: aber es kam auf dem sonnigen Sande an mir
+vorbeigeglitten ein Menschenschatten, dem meinigen nicht
+unähnlich, welcher, allein daherwandelnd, von seinem Herrn
+abgekommen zu sein schien.</p>
+
+<p>Da erwachte in mir ein mächtiger Trieb: Schatten, dacht&rsquo;
+ich, suchst du deinen Herrn? der will ich sein. Und ich sprang
+hinzu, mich seiner zu bemächtigen; ich dachte nämlich, daß,
+wenn es mir glückte, in seine Spur zu treten, so, daß er
+mir an die Füße käme, er wohl daran hängen bleiben würde
+und sich mit der Zeit an mich gewöhnen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[49]</span>
+Der Schatten, auf meine Bewegung, nahm vor mir die
+Flucht, und ich mußte auf den leichten Flüchtling eine angestrengte
+Jagd beginnen, zu der mich allein der Gedanke,
+mich aus der furchtbaren Lage, in der ich war, zu retten, mit
+hinreichenden Kräften ausrüsten konnte. Er floh einem freilich
+noch entfernten Walde zu, in dessen Schatten ich ihn
+notwendig hätte verlieren müssen, ich sah&rsquo;s, ein Schreck durchzuckte
+mir das Herz, fachte meine Begierde an, beflügelte
+meinen Lauf &ndash; ich gewann sichtbarlich auf den Schatten,
+ich kam ihm nach und nach näher, ich mußte ihn erreichen.
+Nun hielt er plötzlich an und kehrte sich nach mir um. Wie
+der Löwe auf seine Beute, so schoß ich mit einem gewaltigen
+Sprunge hinzu, um ihn in Besitz zu nehmen &ndash; und traf
+unerwartet und hart auf körperlichen Widerstand. Es wurden
+mir unsichtbar die unerhörtesten Rippenstöße erteilt, die wohl
+je ein Mensch gefühlt hat.</p>
+
+<p>Die Wirkung des Schreckens war in mir, die Arme
+krampfhaft zuzuschlagen und fest zu drücken, was ungesehen
+vor mir stand. Ich stürzte in der schnellen Handlung vorwärts
+gestreckt auf den Boden; rückwärts aber unter mir
+ein Mensch, den ich umfaßt hielt und der jetzt erst sichtbar
+erschien.</p>
+
+<p>Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich
+erklärbar. Der Mann mußte das unsichtbare Vogelnest, das
+den, der es hält, nicht aber seinen Schatten unsichtbar macht,
+erst getragen und jetzt weggeworfen haben. Ich spähte mit
+dem Blick umher, entdeckte gar bald den Schatten des unsichtbaren
+Nestes selbst, sprang auf und hinzu und verfehlte
+nicht den teuern Raub. Ich hielt unsichtbar, schattenlos das
+Nest in Händen.</p>
+
+<p>Der schnell sich aufrichtende Mann, sich sogleich nach seinem
+beglückten Bezwinger umsehend, erblickte auf der weiten
+sonnigen Ebene weder ihn noch dessen Schatten, nach dem
+er besonders ängstlich umherlauschte. Denn daß ich an und
+für mich schattenlos war, hatte er vorher nicht Muße gehabt
+<span class='pagenum'>[50]</span>
+zu bemerken und konnte es nicht vermuten. Als er sich überzeugt,
+daß jede Spur verschwunden, kehrte er in der höchsten
+Verzweiflung die Hand gegen sich selber und raufte sich das
+Haar aus. Mir aber gab der errungene Schatz die Möglichkeit
+und die Begierde zugleich, mich wieder unter die
+Menschen zu mischen. Es fehlte mir nicht an Vorwand
+gegen mich selber, meinen schnöden Raub zu beschönigen,
+oder vielmehr, ich bedurfte solches nicht, und jedem Gedanken
+der Art zu entweichen, eilte ich hinweg, nach dem Unglücklichen
+nicht zurückschauend, dessen ängstliche Stimme ich mir
+noch lange nachschallen hörte. So wenigstens kamen mir
+damals alle Umstände dieses Ereignisses vor.</p>
+
+<p>Ich brannte, nach dem Förstergarten zu gehen und durch
+mich selbst die Wahrheit dessen zu erkennen, was mir jener
+Verhaßte verkündigt hatte; ich wußte aber nicht, wo ich
+war, ich bestieg, um mich in der Gegend umzuschauen, den
+nächsten Hügel, ich sah von seinem Gipfel das nahe Städtchen
+und den Förstergarten zu meinen Füßen liegen. &ndash;
+Heftig klopfte mir das Herz und Tränen einer andern Art,
+als die ich bis dahin vergossen, traten mir in die Augen:
+ich sollte sie wiedersehen. &ndash; Bange Sehnsucht beschleunigte
+meine Schritte auf dem richtigsten Pfad hinab. Ich kam
+ungesehen an einigen Bauern vorbei, die aus der Stadt kamen.
+Sie sprachen von mir, <em class="gesperrt">Raskal</em> und dem Förster; ich wollte
+nichts anhören, ich eilte vorüber.</p>
+
+<p>Ich trat in den Garten, alle Schauer der Erwartung
+in der Brust &ndash; mir schallte es wie ein Lachen entgegen,
+mich schauderte, ich warf einen schnellen Blick um mich her;
+ich konnte niemand entdecken. Ich schritt weiter vor, mir
+war&rsquo;s, als vernähme ich neben mir ein Geräusch wie von
+Menschentritten; es war aber nichts zu sehen: ich dachte
+mich von meinem Ohr getäuscht. Es war noch früh, niemand
+in <em class="gesperrt">Graf Peters</em> Laube, noch leer der Garten; ich
+durchschweifte die bekannten Gänge, ich drang bis nach dem
+Wohnhause vor. Dasselbe Geräusch verfolgte mich vernehmlicher.
+<span class='pagenum'>[51]</span>
+Ich setzte mich mit angstvollem Herzen auf eine Bank,
+die im sonnigen Raume der Haustür gegenüberstand. Es
+ward mir, als hörte ich den ungesehenen Kobold sich hohnlachend
+neben mich setzen. Der Schlüssel ward in der Tür
+gedreht, sie ging auf, der Forstmeister trat heraus, mit
+Papieren in der Hand. Ich fühlte mir wie Nebel über den
+Kopf ziehn, ich sah mich um und &ndash; Entsetzen &ndash; der Mann
+im grauen Rock saß neben mir, mit satanischem Lächeln auf
+mich blickend. &ndash; Er hatte mir seine Tarnkappe mit über
+den Kopf gezogen, zu seinen Füßen lagen sein und mein
+Schatten friedlich nebeneinander; er spielte nachlässig mit
+dem bekannten Pergament, das er in der Hand hielt, und
+indem der Forstmeister mit den Papieren beschäftigt im
+Schatten der Laube auf und ab ging &ndash; beugte er sich vertraulich
+zu meinem Ohr und flüsterte mir die Worte: &raquo;So
+hätten Sie denn doch meine Einladung angenommen und
+da säßen wir einmal zwei Köpfe unter einer Kappe! &ndash; Schon
+recht, schon recht! Nun geben Sie mir aber auch mein
+Vogelnest zurück, Sie brauchen es nicht mehr und sind ein
+zu ehrlicher Mann, um es mir vorenthalten zu wollen &ndash;
+doch keinen Dank dafür, ich versichere Sie, daß ich es Ihnen
+von Herzen gern geliehen habe.&laquo; &ndash; Er nahm es unweigerlich
+aus meiner Hand, steckte es in die Tasche und lachte mich
+abermals aus, und zwar so laut, daß sich der Forstmeister
+nach dem Geräusch umsah. &ndash; Ich saß wie versteinert da.</p>
+
+<p>&raquo;Sie müssen mir doch gestehen,&laquo; fuhr er fort, &raquo;daß so
+eine Kappe viel bequemer ist. Sie deckt doch nicht nur ihren
+Mann, sondern auch seinen Schatten mit, und noch so viele
+andre, als er mitzunehmen Lust hat. Sehen Sie, heute
+führ&rsquo; ich wieder ihrer zwei.&laquo; &ndash; Er lachte wieder. &raquo;Merken
+Sie sich&rsquo;s, <em class="gesperrt">Schlemihl</em>, was man anfangs mit Gutem
+nicht will, das muß man am Ende doch gezwungen. Ich
+dächte noch, Sie kauften mir das Ding ab, nähmen die Braut
+zurück (denn noch ist es Zeit) und wir ließen den <em class="gesperrt">Raskal</em>
+am Galgen baumeln, das wird uns ein leichtes, solange es
+<span class='pagenum'>[52]</span>
+am Stricke nicht fehlt. &ndash; Hören Sie, ich gebe Ihnen noch
+meine Mütze in den Kauf.&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter trat heraus und das Gespräch begann. &ndash;
+&raquo;Was macht <em class="gesperrt">Mina</em>?&laquo; &ndash; &raquo;
+Sie weint.&laquo; &ndash; &raquo;Einfältiges
+Kind! es ist doch nicht zu ändern!&laquo; &ndash; &raquo;Freilich nicht; aber
+sie so früh einem andern zu geben &ndash; &ndash; O Mann, du
+bist grausam gegen dein eignes Kind.&laquo; &ndash; &raquo;Nein, Mutter,
+das siehst du sehr falsch. Wenn sie, noch bevor sie ihre
+doch kindischen Tränen ausgeweint hat, sich als die Frau
+eines sehr reichen und geehrten Mannes findet, wird sie
+getröstet aus ihrem Schmerze wie aus einem Traum erwachen
+und Gott und uns danken, das wirst du sehen!&laquo; &ndash;
+&raquo;Gott gebe es!&laquo; &ndash; &raquo;Sie besitzt freilich jetzt sehr ansehnliche
+Güter; aber nach dem Aufsehen, das die unglückliche Geschichte
+mit dem Abenteurer gemacht hat, glaubst du, daß
+sich so bald eine andre für sie so passende Partie, als der
+Herr <em class="gesperrt">Raskal</em>, finden möchte? Weißt du, was für ein
+Vermögen er besitzt, der Herr <em class="gesperrt">Raskal</em>? Er hat für sechs
+Millionen Güter hier im Lande, frei von allen Schulden,
+bar bezahlt. Ich habe die Dokumente in den Händen gehabt!
+Er war&rsquo;s, der mir überall das Beste vorweg genommen
+hat; und außerdem im Portefeuille Papiere auf <em class="gesperrt">Thomas
+John</em> für zirka viertehalb Millionen.&laquo; &ndash; &raquo;Er muß sehr
+viel gestohlen haben.&laquo; &ndash; &raquo;Was sind das wieder für Reden!
+Er hat weislich gespart, wo verschwendet wurde.&laquo; &ndash; &raquo;Ein
+Mann, der die Livree getragen hat.&laquo; &ndash; &raquo;Dummes Zeug!
+er hat doch einen untadligen Schatten.&laquo; &ndash; &raquo;Du hast recht,
+aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann im grauen Rock lachte und sah mich an.
+Die Türe ging auf und <em class="gesperrt">Mina</em> trat heraus. Sie stützte
+sich auf den Arm einer Kammerfrau, stille Tränen flossen
+auf ihre schönen blassen Wangen. Sie setzte sich in einen
+Sessel, der für sie unter den Linden bereitet war, und ihr
+Vater nahm einen Stuhl neben ihr. Er faßte zärtlich ihre
+Hand und redete sie, die heftig zu weinen anfing, mit zarten
+<span class='pagenum'>[53]</span>
+Worten an: &raquo;Du bist mein gutes, liebes Kind, du wirst
+auch vernünftig sein, wirst nicht deinen alten Vater betrüben
+wollen, der nur dein Glück will; ich begreife es wohl, liebes
+Herz, daß es dich sehr erschüttert hat, du bist wunderbar
+deinem Unglück entkommen! Bevor wir den schändlichen
+Betrug entdeckt, hast du diesen Unwürdigen sehr geliebt!
+Siehe, <em class="gesperrt">Mina</em>, ich weiß es und mache dir keine Vorwürfe
+darüber. Ich selber, liebes Kind, habe ihn auch geliebt,
+solange ich ihn für einen großen Herrn angesehen habe.
+Nun siehst du selber ein, wie anders alles geworden. Was!
+ein jeder Pudel hat ja seinen Schatten, und mein liebes
+einziges Kind sollte einen Mann &ndash; &ndash; Nein, du denkst
+auch gar nicht mehr an ihn. &ndash; Höre, <em class="gesperrt">Mina</em>, nun wirbt
+ein Mann um dich, der die Sonne nicht scheut, ein geehrter
+Mann, der freilich kein Fürst ist, aber zehn Millionen, zehnmal
+mehr als du, im Vermögen besitzt, ein Mann, der
+mein liebes Kind glücklich machen wird. Erwidere mir
+nichts, widersetze dich nicht, sei meine gute, gehorsame
+Tochter, laß deinen liebenden Vater für dich sorgen, deine
+Tränen trocknen. Versprich mir, dem Herrn <em class="gesperrt">Raskal</em> deine
+Hand zu geben. &ndash; Sage, willst du mir dies versprechen?&laquo;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie antwortete mit erstorbener Stimme: &raquo;Ich habe keinen
+Willen, keinen Wunsch fürder auf Erden. Geschehe mit mir,
+was mein Vater will.&laquo; Zugleich ward Herr <em class="gesperrt">Raskal</em> angemeldet
+und trat frech in den Kreis. <em class="gesperrt">Mina</em> lag in Ohnmacht.
+Mein verhaßter Gefährte blickte mich zornig an und
+flüsterte mir die schnellen Worte: &raquo;Und das könnten Sie
+erdulden! Was fließt Ihnen denn statt des Blutes in den
+Adern?&laquo; Er ritzte mir mit einer raschen Bewegung eine
+leichte Wunde in die Hand, es floß Blut, er fuhr fort:
+&raquo;Wahrhaftig! rotes Blut! &ndash; So unterschreiben Sie!&laquo; Ich
+hatte das Pergament und die Feder in Händen.</p>
+<div>
+
+<p><span class='pagenum'>[54]</span></p>
+<h3>7.</h3>
+
+<p>Ich werde mich deinem Urteile bloßstellen, lieber <em class="gesperrt">Chamisso</em>,
+und es nicht zu bestechen suchen. Ich selbst habe
+lange strenges Gericht an mir selber vollzogen, denn ich habe
+den quälenden Wurm in meinem Herzen genährt. Es
+schwebte immerwährend dieser ernste Moment meines Lebens
+vor meiner Seele, und ich vermocht&rsquo; es nur zweifelnden
+Blickes, mit Demut und Zerknirschung anzuschauen. &ndash;
+Lieber Freund, wer leichtsinnig nur den Fuß aus der geraden
+Straße setzt, der wird unversehens in andre Pfade
+abgeführt, die abwärts und immer abwärts ihn ziehen; er
+sieht dann umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern,
+ihm bleibt keine Wahl, er muß unaufhaltsam den Abhang
+hinab, und sich selbst der Nemesis opfern. Nach dem übereilten
+Fehltritt, der den Fluch auf mich geladen, hatt&rsquo; ich
+durch Liebe frevelnd in eines andern Wesens Schicksal mich
+gedrängt; was blieb mir übrig, als, wo ich Verderben gesät,
+wo schnelle Rettung von mir geheischt ward, eben rettend
+blindlings hinzuzuspringen? denn die letzte Stunde schlug. &ndash;
+Denke nicht so niedrig von mir, mein <em class="gesperrt">Adelbert</em>, als zu
+meinen, es hätte mich irgendein geforderter Preis zu teuer
+gedünkt, ich hätte mit irgend etwas, was nur mein war,
+mehr als eben mit Gold gekargt. &ndash; Nein, <em class="gesperrt">Adelbert</em>;
+aber mit unüberwindlichem Hasse gegen diesen rätselhaften
+Schleicher auf krummen Wegen war meine Seele angefüllt.
+Ich mochte ihm unrecht tun, doch empörte mich jede Gemeinschaft
+mit ihm. &ndash; Auch hier trat, wie so oft schon in
+mein Leben, und wie überhaupt so oft in die Weltgeschichte,
+ein Ereignis an die Stelle einer Tat. Später habe ich mich
+mit mir selber versöhnt. Ich habe erstlich die Notwendigkeit
+verehren lernen, und was ist mehr als die getane Tat,
+das geschehene Ereignis, ihr Eigentum! Dann hab&rsquo; ich auch
+diese Notwendigkeit als eine weise Fügung verehren lernen,
+die durch das gesamte große Getrieb&rsquo; weht, darin wir bloß
+<span class='pagenum'>[55]</span>
+als mitwirkende, getriebene treibende Räder eingreifen: was
+sein soll, muß geschehen, was sein sollte, geschah, und nicht
+ohne jene Fügung, die ich endlich noch in meinem Schicksale
+und dem Schicksale derer, die das meine mit angriff,
+verehren lernte.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, ob ich es der Spannung meiner Seele,
+unter dem Drange so mächtiger Empfindungen, zuschreiben
+soll, ob der Erschöpfung meiner physischen Kräfte, die während
+der letzten Tage ungewohntes Darben geschwächt, ob endlich
+dem zerstörenden Aufruhr, den die Nähe dieses grauen Unholdes
+in meiner ganzen Natur erregte; genug, es befiel
+mich, als es an das Unterschreiben ging, eine tiefe Ohnmacht,
+und ich lag eine lange Zeit wie in den Armen des
+Todes.</p>
+
+<p>Fußstampfen und Fluchen waren die ersten Töne, die
+mein Ohr trafen, als ich zum Bewußtsein zurückkehrte; ich
+öffnete die Augen, es war dunkel, mein verhaßter Begleiter
+war scheltend um mich bemüht. &raquo;Heißt das nicht wie ein
+altes Weib sich aufführen! &ndash; Man raffe sich auf und vollziehe
+frisch, was man beschlossen, oder hat man sich anders
+besonnen und will lieber greinen?&laquo; &ndash; Ich richtete mich mühsam
+auf von der Erde, wo ich lag, und schaute schweigend
+um mich. Es war später Abend, aus dem hellerleuchteten
+Försterhause erscholl festliche Musik, einzelne Gruppen von
+Menschen wallten durch die Gänge des Gartens. Ein paar
+traten im Gespräche näher und nahmen Platz auf der Bank,
+worauf ich früher gesessen hatte. Sie unterhielten sich von
+der an diesem Morgen vollzogenen Verbindung des reichen
+Herrn <em class="gesperrt">Raskal</em> mit der Tochter des Hauses. &ndash; Es war
+also geschehen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich streifte mit der Hand die Tarnkappe des sogleich
+mir verschwindenden Unbekannten von meinem Haupte weg,
+und eilte stillschweigend, in die tiefste Nacht des Gebüsches
+mich versenkend, den Weg über <em class="gesperrt">Graf Peters</em> Laube einschlagend,
+<span class='pagenum'>[56]</span>
+dem Ausgange des Gartens zu. Unsichtbar aber
+geleitete mich mein Plagegeist, mich mit scharfen Worten verfolgend.
+&raquo;Das ist also der Dank für die Mühe, die man
+genommen hat, Monsieur, der schwache Nerven hat, den
+langen lieben Tag hindurch zu pflegen. Und man soll den
+Narren im Spiele abgeben. Gut, Herr Trotzkopf, fliehn
+Sie nur vor mir, wir sind doch unzertrennlich. Sie haben
+mein Gold und ich Ihren Schatten; das läßt uns beiden
+keine Ruhe. &ndash; Hat man je gehört, daß ein Schatten von
+seinem Herrn gelassen hätte? Ihrer zieht mich Ihnen nach,
+bis Sie ihn wieder zu Gnaden annehmen und ich ihn los
+bin. Was Sie versäumt haben aus frischer Lust zu tun,
+werden Sie nur zu spät aus Überdruß und Langweile nachholen
+müssen; man entgeht seinem Schicksale nicht.&laquo; Er
+sprach aus demselben Tone fort und fort; ich floh umsonst,
+er ließ nicht nach, und immer gegenwärtig, redete er höhnend
+von Gold und Schatten. Ich konnte zu keinem eignen Gedanken
+kommen.</p>
+
+<p>Ich hatte durch menschenleere Straßen einen Weg nach
+meinem Hause eingeschlagen. Als ich davor stand und es
+ansah, konnte ich es kaum erkennen; hinter den eingeschlagenen
+Fenstern brannte kein Licht. Die Türen waren zu, kein
+Dienervolk regte sich mehr darin. Er lachte laut auf neben
+mir: &raquo;Ja, ja, so geht&rsquo;s! Aber Ihren <em class="gesperrt">Bendel</em> finden Sie
+wohl daheim, den hat man jüngst vorsorglich so müde nach
+Hause geschickt, daß er es wohl seitdem gehütet haben
+wird.&laquo; Er lachte wieder. &raquo;Der wird Geschichten zu erzählen
+haben! &ndash; Wohlan denn! für heute gute Nacht, auf baldiges
+Wiedersehen!&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte wiederholt geklingelt, es erschien Licht; <em class="gesperrt">Bendel</em>
+frug von innen, wer geklingelt habe. Als der gute Mann
+meine Stimme erkannte, konnte er seine Freude kaum bändigen;
+die Tür flog auf, wir lagen weinend einander in den
+Armen. Ich fand ihn sehr verändert, schwach und krank;
+mir war aber das Haar ganz grau geworden.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[57]</span>
+Er führte mich durch die verödeten Zimmer nach einem
+innern, verschont gebliebenen Gemach; er holte Speise und
+Trank herbei, wir setzten uns, er fing wieder an zu weinen.
+Er erzählte mir, daß er letzthin den grau gekleideten
+dürren Mann, den er mit meinem Schatten angetroffen
+hatte, so lange und so weit geschlagen habe, bis er selbst
+meine Spur verloren und vor Müdigkeit hingesunken sei;
+daß nachher, wie er mich nicht wieder finden gekonnt, er
+nach Hause zurückgekehrt, wo bald darauf der Pöbel, auf
+<em class="gesperrt">Raskals</em> Anstiften, herangestürmt, die Fenster eingeschlagen
+und seine Zerstörungslust gebüßt. So hatten sie an ihrem
+Wohltäter gehandelt. Meine Dienerschaft war auseinander
+geflohen. Die örtliche Polizei hatte mich als verdächtig aus
+der Stadt verwiesen, und mir eine Frist von vierundzwanzig
+Stunden festgesetzt, um deren Gebiet zu verlassen.
+Zu dem, was mir von <em class="gesperrt">Raskals</em> Reichtum und Vermählung
+bekannt war, wußte er noch vieles hinzuzufügen.
+Dieser Bösewicht, von dem alles ausgegangen, was hier
+gegen mich geschehen war, mußte von Anbeginn mein Geheimnis
+besessen haben, es schien, er habe, vom Golde
+angezogen, sich an mich zu drängen gewußt, und schon in
+der ersten Zeit einen Schlüssel zu jenem Goldschrank sich
+verschafft, wo er den Grund zu dem Vermögen gelegt, das
+noch zu vermehren er jetzt verschmähen konnte.</p>
+
+<p>Das alles erzählte mir <em class="gesperrt">Bendel</em> unter häufigen Tränen,
+und weinte dann wieder vor Freuden, daß er mich wieder
+sah, mich wieder hatte, und daß, nachdem er lang gezweifelt,
+wohin das Unglück mich gebracht haben möchte, er mich es
+ruhig und gefaßt ertragen sah. Denn solche Gestaltung hatte
+nun die Verzweiflung in mir genommen. Ich sah mein
+Elend riesengroß, unwandelbar vor mir, ich hatte ihm meine
+Tränen ausgeweint, es konnte kein Geschrei mehr aus meiner
+Brust pressen, ich trug ihm kalt und gleichgültig mein
+entblößtes Haupt entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;<em class="gesperrt">Bendel</em>,&laquo; hub ich an, &raquo;du weißt mein Los. Nicht
+<span class='pagenum'>[58]</span>
+ohne früheres Verschulden trifft mich schwere Strafe. Du
+sollst länger nicht, unschuldiger Mann, dein Schicksal an
+das meine binden, ich will es nicht. Ich reite die Nacht
+noch fort, sattle mir ein Pferd, ich reite allein; du bleibst,
+ich will&rsquo;s. Es müssen hier noch einige Kisten Goldes liegen,
+das behalte du. Ich werde allein unstet in der Welt wandern;
+wann mir aber je eine heitere Stunde wieder lacht
+und das Glück mich versöhnt anblickt, dann will ich deiner
+getreu gedenken, denn ich habe an deiner getreuen Brust in
+schweren, schmerzlichen Stunden geweint.&laquo;</p>
+
+<p>Mit gebrochenem Herzen mußte der Redliche diesem letzten
+Befehle seines Herrn, worüber er in der Seele erschrak,
+gehorchen; ich war seinen Bitten, seinen Vorstellungen taub,
+blind seinen Tränen; er führte mir das Pferd vor. Ich
+drückte noch einmal den Weinenden an meine Brust, schwang
+mich in den Sattel und entfernte mich unter dem Mantel
+der Nacht von dem Grabe meines Lebens, unbekümmert,
+welchen Weg mein Pferd mich führen werde; denn ich hatte
+weiter auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, keine Hoffnung.</p>
+</div>
+
+<h3>8.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Es gesellte sich bald ein Fußgänger zu mir, welcher mich
+bat, nachdem er eine Weile neben meinem Pferde geschritten
+war, da wir doch denselben Weg hielten, einen Mantel, den
+er trug, hinten auf mein Pferd legen zu dürfen, ich ließ
+es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit leichtem
+Anstand für den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm
+daraus Gelegenheit, das Glück und die Macht der Reichen
+hoch zu preisen, und ließ sich, ich weiß nicht wie, in eine
+Art von Selbstgespräch ein, bei dem er mich bloß zum Zuhörer
+hatte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[59]</span>
+Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der
+Welt, und kam sehr bald auf die Metaphysik, an die die
+Forderung erging, das Wort aufzufinden, das aller Rätsel
+Lösung sei. Er setzte die Aufgabe mit vieler Klarheit auseinander
+und schritt fürder zu deren Beantwortung.</p>
+
+<p>Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe,
+seitdem ich den Philosophen durch die Schule gelaufen, daß
+ich zur philosophischen Spekulation keineswegs berufen bin,
+und daß ich mir dieses Feld völlig abgesprochen habe; ich
+habe seither vieles auf sich beruhen lassen, vieles zu wissen
+und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie du es
+mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der
+Stimme in mir, soviel es in meiner Macht gewesen, auf
+dem eignen Wege gefolgt. Nun schien mir dieser Redekünstler
+mit großem Talent ein fest gefügtes Gebäude aufzuführen,
+das in sich selbst begründet sich emportrug und
+wie durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt&rsquo;
+ich ganz in ihm, was ich eben darin hätte suchen wollen,
+und so ward es mir zu einem bloßen Kunstwerk, dessen
+zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem Auge allein
+zur Ergötzung diente; aber ich hörte dem wohlberedeten
+Manne gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen
+Leiden auf sich selbst abgelenkt, und ich hätte mich willig
+ihm ergeben, wenn er meine Seele wie meinen Verstand in
+Anspruch genommen hätte.</p>
+
+<p>Mittlerweile war die Zeit hingegangen und unbemerkt
+hatte schon die Morgendämmerung den Himmel erhellt; ich
+erschrak, als ich mit einem Male aufblickte und im Osten
+die Pracht der Farben sich entfalten sah, die die nahe Sonne
+verkünden, und gegen sie war in dieser Stunde, wo die
+Schlagschatten mit ihrer ganzen Ausdehnung prunken, kein
+Schutz, kein Bollwerk in der offenen Gegend zu ersehen! und
+ich war nicht allein! Ich warf einen Blick auf meinen Begleiter
+und erschrak wieder. &ndash; Es war kein andrer als der
+Mann im grauen Rock.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[60]</span>
+Er lächelte über meine Bestürzung und fuhr fort, ohne
+mich zum Wort kommen zu lassen: &raquo;Laßt doch, wie es einmal
+in der Welt Sitte ist, unsern wechselseitigen Vorteil uns
+auf eine Weile verbinden, zu scheiden haben wir immer
+noch Zeit. Die Straße hier längs dem Gebirge, ob Sie
+gleich noch nicht daran gedacht haben, ist doch die einzige,
+die Sie vernünftigerweise einschlagen können; hinab in das
+Tal dürfen Sie nicht und über das Gebirg&rsquo; werden Sie
+noch weniger zurückkehren wollen, von wo Sie hergekommen
+sind &ndash; diese ist auch gerade meine Straße. &ndash; Ich sehe
+Sie schon vor der aufgehenden Sonne erblassen. Ich will
+Ihnen Ihren Schatten auf die Zeit unsrer Gesellschaft leihen,
+und Sie dulden mich dafür in Ihrer Nähe; Sie haben so
+Ihren <em class="gesperrt">Bendel</em> nicht mehr bei sich; ich will Ihnen gute
+Dienste leisten. Sie lieben mich nicht, das ist mir leid.
+Sie können mich darum doch benutzen. Der Teufel ist nicht
+so schwarz, als man ihn malt. Gestern haben Sie mich
+geärgert, das ist wahr, heute will ich&rsquo;s Ihnen nicht nachtragen
+und ich habe Ihnen schon den Weg bis hierher verkürzt,
+das müssen Sie selbst gestehen. &ndash; Nehmen Sie doch
+nur einmal Ihren Schatten auf Probe wieder an.&laquo;</p>
+
+<p>Die Sonne war aufgegangen, auf der Straße kamen
+uns Menschen entgegen; ich nahm, obgleich mit innerlichem
+Widerwillen, den Antrag an. Er ließ lächelnd meinen
+Schatten zur Erde gleiten, der alsbald seine Stelle auf des
+Pferdes Schatten einnahm und lustig neben mir her trabte.
+Mir war sehr seltsam zumute. Ich ritt an einem Trupp
+Landleute vorbei, die vor einem wohlhabenden Mann ehrerbietig
+mit entblößtem Haupte Platz machten. Ich ritt
+weiter und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens
+seitwärts vom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten,
+den ich jetzt von einem Fremden, ja von einem Feinde,
+erborgt hatte.</p>
+
+<p>Dieser ging unbekümmert nebenher und pfiff eben ein
+Liedchen. Er zu Fuß, ich zu Pferd&rsquo;, ein Schwindel ergriff
+<span class='pagenum'>[61]</span>
+mich, die Versuchung war zu groß, ich wandte plötzlich die
+Zügel, drückte beide Sporen an, und so in voller Karriere
+einen Seitenweg eingeschlagen; aber ich entführte den Schatten
+nicht, der bei der Wendung vom Pferde glitt und seinen
+gesetzmäßigen Eigentümer auf der Landstraße erwartete. Ich
+mußte beschämt umlenken; der Mann im grauen Rocke, als
+er ungestört sein Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich
+aus, setzte mir den Schatten wieder zurecht und belehrte
+mich, er würde erst an mir festhangen und bei mir bleiben
+wollen, wann ich ihn wiederum als rechtmäßiges Eigentum
+besitzen würde. &raquo;Ich halte Sie,&laquo; fuhr er fort, &raquo;am Schatten
+fest und Sie kommen mir nicht los. Ein reicher Mann,
+wie Sie, braucht einmal einen Schatten, das ist nicht anders,
+Sie sind nur darin zu tadeln, daß Sie es nicht früher eingesehen
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Ich setzte meine Reise auf derselben Straße fort; es
+fanden sich bei mir alle Bequemlichkeiten des Lebens und
+selbst ihre Pracht wieder ein; ich konnte mich frei und leicht
+bewegen, da ich einen, obgleich nur erborgten, Schatten
+besaß, und ich flößte überall die Ehrfurcht ein, die der
+Reichtum gebietet; aber ich hatte den Tod im Herzen.
+Mein wundersamer Begleiter, der sich selbst für den unwürdigen
+Diener des reichsten Mannes in der Welt ausgab,
+war von einer außerordentlichen Dienstfertigkeit, über
+die Maßen gewandt und geschickt, der wahre Inbegriff eines
+Kammerdieners für einen reichen Mann, aber er wich nicht
+von meiner Seite und führte unaufhörlich das Wort gegen
+mich, stets die größte Zuversicht an den Tag legend, daß ich
+endlich, sei es auch nur, um ihn los zu werden, den Handel
+mit dem Schatten abschließen würde. &ndash; Er war mir ebenso
+lästig als verhaßt. Ich konnte mich ordentlich vor ihm
+fürchten. Ich hatte mich von ihm abhängig gemacht. Er
+hielt mich, nachdem er mich in die Herrlichkeit der Welt,
+die ich floh, zurückgeführt hatte. Ich mußte seine Beredsamkeit
+über mich ergehen lassen und fühlte schier, er habe recht.
+<span class='pagenum'>[62]</span>
+Ein Reicher muß in der Welt einen Schatten haben, und
+sobald ich den Stand behaupten wollte, den er mich wieder
+geltend zu machen verleitet hatte, war nur ein Ausgang zu
+ersehen. Dieses aber stand bei mir fest, nachdem ich meine
+Liebe hingeopfert, nachdem mir das Leben verblaßt war,
+wollt&rsquo; ich meine Seele nicht, sei es um alle Schatten der
+Welt, dieser Kreatur verschreiben. Ich wußte nicht, wie es
+enden sollte.</p>
+
+<p>Wir saßen einst vor einer Höhle, welche die Fremden,
+die das Gebirge bereisen, zu besuchen pflegen. Man hört
+dort das Gebrause unterirdischer Ströme aus ungemessener
+Tiefe heraufschallen, und kein Grund scheint den Stein, den
+man hineinwirft, in seinem hallenden Fall aufzuhalten. Er
+malte mir, wie er öfters tat, mit verschwenderischer Einbildungskraft
+und im schimmernden Reize der glänzendsten
+Farben, sorgfältig ausgeführte Bilder von dem, was ich in
+der Welt, kraft meines Säckels, ausführen würde, wenn ich
+erst meinen Schatten wieder in meiner Gewalt hätte. Die
+Ellbogen auf die Knie gestützt, hielt ich mein Gesicht in
+meinen Händen verborgen und hörte dem Falschen zu, das
+Herz zwiefach geteilt zwischen der Verführung und dem
+strengen Willen in mir. Ich konnte bei solchem innerlichen
+Zwiespalt länger nicht ausdauern und begann den entscheidenden
+Kampf.</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen, mein Herr, zu vergessen, daß ich Ihnen
+zwar erlaubt habe, unter gewissen Bedingungen in meiner
+Begleitung zu bleiben, daß ich mir aber meine völlige Freiheit
+vorbehalten habe.&laquo; &ndash; &raquo;Wenn Sie befehlen, so pack&rsquo;
+ich ein.&laquo; Die Drohung war ihm geläufig. Ich schwieg; er
+setzte sich gleich daran, meinen Schatten wieder zusammenzurollen.
+Ich erblaßte, aber ich ließ es stumm geschehen.
+Es erfolgte ein langes Stillschweigen. Er nahm zuerst das
+Wort: &raquo;Sie können mich nicht leiden, mein Herr, Sie
+hassen mich, ich weiß es; doch warum hassen Sie mich?
+Ist es etwa, weil Sie mich auf öffentlicher Straße angefallen
+<span class='pagenum'>[63]</span>
+und mir mein Vogelnest mit Gewalt zu rauben gemeint?
+oder ist es darum, daß Sie mein Gut, den Schatten, den
+Sie Ihrer bloßen Ehrlichkeit anvertraut glaubten, mir
+diebischerweise zu entwenden gesucht haben? Ich meinerseits
+hasse Sie darum nicht; ich finde ganz natürlich, daß
+Sie alle Ihre Vorteile, List und Gewalt geltend zu machen
+suchen; daß Sie übrigens die allerstrengsten Grundsätze
+haben und wie die Ehrlichkeit selbst denken, ist eine Liebhaberei,
+wogegen ich auch nichts habe. &ndash; Ich denke in der
+Tat nicht so streng als Sie; ich handle bloß, wie Sie
+denken. Oder hab&rsquo; ich Ihnen etwa irgendwann den Daumen
+auf die Gurgel gedrückt, um Ihre werteste Seele, zu der
+ich einmal Lust habe, an mich zu bringen? Hab&rsquo; ich von
+wegen meines ausgetauschten Säckels einen Diener auf Sie
+losgelassen? hab&rsquo; ich Ihnen damit durchzugehen versucht?&laquo;
+Ich hatte dagegen nichts zu erwidern; er fuhr fort: &raquo;Schon
+recht, mein Herr, schon recht! Sie können mich nicht leiden;
+auch das begreife ich wohl und verarge es Ihnen weiter
+nicht. Wir müssen scheiden, das ist klar, und auch Sie
+fangen an, mir sehr langweilig vorzukommen. Um sich
+also meiner ferneren beschämenden Gegenwart völlig zu entziehen,
+rate ich es Ihnen noch einmal: Kaufen Sie mir
+das Ding ab.&laquo; &ndash; Ich hielt ihm den Säckel hin: &raquo;Um den
+Preis.&laquo; &ndash; &raquo;Nein!&laquo; &ndash; Ich seufzte schwer auf und nahm
+wieder das Wort: &raquo;Auch also. Ich dringe darauf, mein
+Herr, laßt uns scheiden, vertreten Sie mir länger nicht
+den Weg auf einer Welt, die hoffentlich geräumig genug
+ist für uns beide.&laquo; Er lächelte und erwiderte: &raquo;Ich gehe,
+mein Herr, zuvor aber will ich Sie unterrichten, wie Sie
+mir klingeln können, wenn Sie je Verlangen nach Ihrem
+untertänigsten Knecht tragen sollten: Sie brauchen nur Ihren
+Säckel zu schütteln, daß die ewigen Goldstücke darinnen
+rasseln, der Ton zieht mich augenblicklich an. Ein jeder
+denkt auf seinen Vorteil in dieser Welt: Sie sehen, daß ich
+auf Ihren zugleich bedacht bin, denn ich eröffne Ihnen
+<span class='pagenum'>[64]</span>
+offenbar eine neue Kraft! &ndash; O dieser Säckel! &ndash; Und
+hätten gleich die Motten Ihren Schatten schon aufgefressen,
+der würde noch ein starkes Band zwischen uns sein. Genug,
+Sie haben mich an meinem Gold, befehlen Sie auch
+in der Ferne über Ihren Knecht, Sie wissen, daß ich mich
+meinen Freunden dienstfertig genug erweisen kann, und daß
+die Reichen besonders gut mit mir stehen; Sie haben es
+selbst gesehen. &ndash; Nur Ihren Schatten, mein Herr &ndash; das
+lassen Sie sich gesagt sein &ndash; nie wieder, als unter einer
+einzigen Bedingung.&laquo;</p>
+
+<p>Gestalten der alten Zeit traten vor meine Seele. Ich
+frug ihn schnell: &raquo;Hatten Sie eine Unterschrift vom Herrn
+<em class="gesperrt">John</em>?&laquo; &ndash; Er lächelte. &ndash; &raquo;
+Mit einem so guten Freund
+hab&rsquo; ich es keineswegs nötig gehabt.&laquo; &ndash; &raquo;Wo ist er? bei
+Gott, ich will es wissen!&laquo; Er steckte zögernd die Hand in
+die Tasche, und daraus bei den Haaren hervorgezogen erschien
+<em class="gesperrt">Thomas Johns</em> bleiche, entstellte Gestalt, und die
+blauen Leichenlippen bewegten sich zu schweren Worten:
+<em class="antiqua">&raquo;Justo judicio Dei judicatus sum; justo judicio Dei
+condemnatus sum.&laquo;</em> Ich entsetzte mich, und schnell den
+klingenden Säckel in den Abgrund werfend, sprach ich zu
+ihm die letzten Worte: &raquo;So beschwör&rsquo; ich dich im Namen
+Gottes, Entsetzlicher! hebe dich von dannen und lasse dich
+nie wieder vor meinen Augen blicken!&laquo; Er erhub sich finster
+und verschwand sogleich hinter den Felsenmassen, die den
+wild bewachsenen Ort begrenzten.</p>
+</div>
+
+
+<span class='pagenum'>[65]</span>
+<h3>9.</h3>
+
+<p>Ich saß da ohne Schatten und ohne Geld; aber ein
+schweres Gewicht war von meiner Brust genommen, ich war
+heiter. Hätte ich nicht auch meine Liebe verloren, oder hätt&rsquo;
+ich mich nur bei deren Verlust vorwurfsfrei gefühlt, ich
+glaube, ich hätte glücklich sein können &ndash; ich wußte aber nicht,
+was ich anfangen sollte. Ich durchsuchte meine Taschen
+und fand noch einige Goldstücke darin; ich zählte sie und
+lachte. &ndash; Ich hatte meine Pferde unten im Wirtshause,
+ich schämte mich, dahin zurückzukehren, ich mußte wenigstens
+den Untergang der Sonne erwarten; sie stand noch hoch am
+Himmel. Ich legte mich in den Schatten der nächsten Bäume
+und schlief ruhig ein.</p>
+
+<p>Anmutige Bilder verwoben sich mir im luftigen Tanze
+zu einem gefälligen Traum. <em class="gesperrt">Mina</em>, einen Blumenkranz
+in den Haaren, schwebte an mir vorüber und lächelte mich
+freundlich an. Auch der ehrliche <em class="gesperrt">Bendel</em> war mit Blumen
+bekränzt und eilte mit freundlichem Gruße vorüber. Viele
+sah ich noch, und wie mich dünkt, auch dich, <em class="gesperrt">Chamisso</em>, im
+fernen Gewühl; ein helles Licht schien, es hatte aber keiner
+einen Schatten, und was seltsamer ist, es sah nicht übel
+aus &ndash; Blumen und Lieder, Liebe und Freude, unter Palmenhainen.
+&ndash; &ndash; Ich konnte die beweglichen, leicht verwehten,
+lieblichen Gestalten weder festhalten noch deuten; aber ich
+weiß, daß ich gerne solchen Traum träumte und mich vor
+dem Erwachen in acht nahm; ich wachte wirklich schon und
+hielt noch die Augen zu, um die weichenden Erscheinungen
+länger vor meiner Seele zu behalten.</p>
+
+<p>Ich öffnete endlich die Augen, die Sonne stand noch
+am Himmel, aber im Osten; ich hatte die Nacht verschlafen.
+Ich nahm es für ein Zeichen, daß ich nicht nach dem Wirtshause
+zurückkehren sollte. Ich gab leicht, was ich dort noch
+besaß, verloren und beschloß, eine Nebenstraße, die durch
+den waldbewachsenen Fuß des Gebirges führte, zu Fuß
+<span class='pagenum'>[66]</span>
+einzuschlagen, dem Schicksal es anheimstellend, was es mit
+mir vor hatte, zu erfüllen. Ich schaute nicht hinter mich
+zurück und dachte auch nicht daran, an <em class="gesperrt">Bendel</em>, den ich
+reich zurückgelassen hatte, mich zu wenden, welches ich allerdings
+gekonnt hätte. Ich sah mich an auf den neuen Charakter,
+den ich in der Welt bekleiden sollte: mein Anzug war
+sehr bescheiden. Ich hatte eine alte schwarze Kurtka an, die
+ich schon in Berlin getragen, und die mir, ich weiß nicht
+wie, zu dieser Reise erst wieder in die Hand gekommen war.
+Ich hatte sonst eine Reisemütze auf dem Kopf und ein Paar
+alte Stiefel an den Füßen. Ich erhob mich, schnitt mir
+an selbiger Stelle einen Knotenstock zum Andenken und trat
+sogleich meine Wanderung an.</p>
+
+<p>Ich begegnete im Wald einem alten Bauer, der mich
+freundlich begrüßte, und mit dem ich mich in ein Gespräch
+einließ. Ich erkundigte mich, wie ein wißbegieriger Reisender,
+erst nach dem Wege, dann nach der Gegend und deren
+Bewohner, den Erzeugnissen des Gebirges und derlei mehr.
+Er antwortete verständig und redselig auf meine Fragen.
+Wir kamen an das Bette eines Bergstromes, der über
+einen weiten Strich des Waldes seine Verwüstung verbreitet
+hatte. Mich schauderte innerlich vor dem sonnenhellen Raum;
+ich ließ den Landmann vorangehen. Er hielt aber mitten
+im gefährlichen Orte still und wandte sich zu mir, um mir
+die Geschichte dieser Verwüstung zu erzählen. Er bemerkte
+bald, was mir fehlte und hielt mitten in seiner Rede ein:
+&raquo;Aber wie geht denn das zu, der Herr hat ja keinen
+Schatten!&laquo; &ndash; &raquo;Leider! leider!&laquo; erwiderte ich seufzend.
+&raquo;Es sind mir während einer bösen langen Krankheit Haare,
+Nägel und Schatten ausgegangen. Seht, Vater, in meinem
+Alter die Haare, die ich wieder gekriegt habe, ganz
+weiß, die Nägel sehr kurz und der Schatten, der will noch
+nicht wieder wachsen.&laquo; &ndash; &raquo;Ei! ei!&laquo; versetzte der alte Mann
+kopfschüttelnd, &raquo;keinen Schatten, das ist bös! das war eine
+böse Krankheit, die der Herr gehabt hat.&laquo; Aber er hub seine
+<span class='pagenum'>[67]</span>
+Erzählung nicht wieder an, und bei dem nächsten Querweg,
+der sich darbot, ging er, ohne ein Wort zu sagen, von mir
+ab. &ndash; Bittere Tränen zitterten aufs neue auf meinen
+Wangen und meine Heiterkeit war hin.</p>
+
+<p>Ich setzte traurigen Herzens meinen Weg fort und suchte
+ferner keines Menschen Gesellschaft. Ich hielt mich im
+dunkelsten Walde und mußte manchmal, um über einen
+Strich, wo die Sonne schien, zu kommen, stundenlang darauf
+warten, daß mir keines Menschen Auge den Durchgang verbot.
+Am Abend suchte ich Herberge in den Dörfern zu
+nehmen. Ich ging eigentlich nach einem Bergwerk im Gebirge,
+wo ich Arbeit unter der Erde zu finden gedachte;
+denn davon abgesehen, daß meine jetzige Lage mir gebot,
+für meinen Lebensunterhalt selbst zu sorgen, hatte ich dieses
+wohl erkannt, daß mich allein angestrengte Arbeit gegen
+meine zerstörenden Gedanken schützen könnte.</p>
+
+<p>Ein paar regnichte Tage förderten mich leicht auf den
+Weg, aber auf Kosten meiner Stiefel, deren Sohlen für den
+<em class="gesperrt">Grafen Peter</em> und nicht für den Fußknecht berechnet
+worden. Ich ging schon auf den bloßen Füßen. Ich mußte
+ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am nächsten Morgen
+besorgte ich dieses Geschäft mit vielem Ernst in einem Flecken,
+wo Kirmes war, und wo in einer Bude alte und neue
+Stiefel zu Kauf standen. Ich wählte und handelte lange.
+Ich mußte auf ein Paar neue, die ich gern gehabt hätte,
+Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich
+begnügte mich also mit alten, die noch gut und stark waren,
+und die mir der schöne blondlockige Knabe, der die Bude
+hielt, gegen gleich bare Bezahlung freundlich lächelnd einhändigte,
+indem er mir Glück auf den Weg wünschte. Ich
+zog sie gleich an und ging zum nördlich gelegenen Tor aus
+dem Ort.</p>
+
+<p>Ich war in meinen Gedanken sehr vertieft und sah kaum,
+wo ich den Fuß hinsetzte, denn ich dachte an das Bergwerk,
+wo ich auf den Abend noch anzulangen hoffte, und wo ich
+<span class='pagenum'>[68]</span>
+nicht recht wußte, wie ich mich ankündigen sollte. Ich war
+noch keine zweihundert Schritte gegangen, als ich bemerkte,
+daß ich aus dem Wege gekommen war; ich sah mich danach
+um, ich befand mich in einem wüsten, uralten Tannenwalde,
+woran die Axt nie gelegt worden zu sein schien. Ich drang
+noch einige Schritte vor, ich sah mich mitten unter öden
+Felsen, die nur mit Moos und Steinbrecharten bewachsen
+waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen.
+Die Luft war sehr kalt, ich sah mich um, der Wald war
+hinter mir verschwunden. Ich machte noch einige Schritte &ndash;
+um mich herrschte die Stille des Todes, unabsehbar dehnte
+sich das Eis, worauf ich stand und worauf ein dichter Nebel
+schwer ruhte; die Sonne stand blutig am Rande des Horizontes.
+Die Kälte war unerträglich. Ich wußte nicht, wie
+mir geschehen war, der erstarrende Frost zwang mich, meine
+Schritte zu beschleunigen, ich vernahm nur das Gebrause
+ferner Gewässer, ein Schritt, und ich war am Eisufer eines
+Ozeans. Unzählbare Herden von Seehunden stürzten sich
+vor mir rauschend in die Flut. Ich folgte diesem Ufer, ich
+sah wieder nackte Felsen, Land, Birken- und Tannenwälder,
+ich lief noch ein paar Minuten gerade vor mir hin. Es
+war erstickend heiß, ich sah mich um, ich stand zwischen
+schön gebauten Reisfeldern unter Maulbeerbäumen. Ich
+setzte mich in deren Schatten, ich sah nach meiner Uhr, ich
+hatte vor nicht einer Viertelstunde den Marktflecken verlassen
+&ndash; ich glaubte zu träumen, ich biß mich in die Zunge,
+um mich zu erwecken; aber ich wachte wirklich. &ndash; Ich schloß
+die Augen zu, um meine Gedanken zusammenzufassen. &ndash;
+Ich hörte vor mir seltsame Silben durch die Nase zählen;
+ich blickte auf: zwei Chinesen an der asiatischen Gesichtsbildung
+unverkennbar, wenn ich auch ihrer Kleidung keinen
+Glauben beimessen wollte, redeten mich mit landesüblichen
+Begrüßungen in ihrer Sprache an; ich stand auf und trat
+zwei Schritte zurück. Ich sah sie nicht mehr, die Landschaft
+war ganz verändert: Bäume, Wälder statt der Reisfelder.
+<span class='pagenum'>[69]</span>
+Ich betrachtete diese Bäume und die Kräuter, die um mich
+blühten; die ich kannte, waren südöstlich asiatische Gewächse;
+ich wollte auf den einen Baum zugehen, ein Schritt &ndash;
+und wiederum alles verändert. Ich trat nun an, wie ein
+Rekrut, der geübt wird, und schritt langsam, gesetzt einher.
+Wunderbare veränderliche Länder, Fluren, Auen, Gebirge,
+Steppen, Sandwüsten entrollen sich vor meinem staunenden
+Blick; es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an
+den Füßen.</p>
+</div>
+
+<h3>10.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß
+Tränen des Dankes &ndash; denn klar stand plötzlich meine
+Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der
+menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz
+an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir
+zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung
+und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft.
+Es war nicht ein Entschluß, den ich faßte. Ich habe nur
+seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor mein
+inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem
+Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat
+von dem Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild
+abgehangen.</p>
+
+<p>Ich raffte mich auf, um ohne Zögern mit flüchtigem
+Überblick Besitz von dem Felde zu nehmen, wo ich künftig
+ernten wollte. &ndash; Ich stand auf den Höhen des Tibet, und
+die Sonne, die mir vor wenigen Stunden aufgegangen war,
+neigte sich hier schon am Abendhimmel, ich durchwanderte
+Asien von Osten gegen Westen, sie in ihrem Lauf einholend,
+und trat in Afrika ein. Ich sah mich neugierig darin um,
+indem ich es wiederholt in allen Richtungen durchmaß.
+Wie ich durch Ägypten die alten Pyramiden und Tempel
+<span class='pagenum'>[70]</span>
+angaffte, erblickte ich in der Wüste, unfern des hunderttorigen
+Theben, die Höhlen, wo christliche Einsiedler sonst
+wohnten. Es stand plötzlich fest und klar in mir, hier ist
+dein Haus. &ndash; Ich erkor eine der verborgensten, die zugleich
+geräumig, bequem und den Schakalen unzugänglich
+war, zu meinem künftigen Aufenthalte und setzte meinen
+Stab weiter.</p>
+
+<p>Ich trat bei den Herkulessäulen nach Europa über, und
+nachdem ich seine südlichen und nördlichen Provinzen in
+Augenschein genommen, trat ich von Nordasien über den
+Polargletscher nach Grönland und Amerika über, durchschweifte
+die beiden Teile dieses Kontinents, und der Winter, der
+schon im Süden herrschte, trieb mich schnell vom Kap Horn
+nordwärts zurück.</p>
+
+<p>Ich verweilte mich, bis es im östlichen Asien Tag wurde,
+und setzte erst nach einiger Ruh&rsquo; meine Wanderung fort.
+Ich verfolgte durch beide Amerika die Bergkette, die die
+höchsten bekannten Unebenheiten unsrer Kugel in sich faßt.
+Ich schritt langsam und vorsichtig von Gipfel zu Gipfel,
+bald über flammende Vulkane, bald über beschneite Kuppeln,
+oft mit Mühe atmend, ich erreichte den Eliasberg
+und sprang über die Beringstraße nach Asien. &ndash; Ich verfolgte
+dessen westliche Küste in ihren vielfachen Wendungen
+und untersuchte mit besonderer Aufmerksamkeit, welche der
+dort gelegenen Inseln mir zugänglich wären. Von der
+Halbinsel Malakka trugen mich meine Stiefel auf Sumatra,
+Java, Bali und Lamboc, ich versuchte, selbst oft mit Gefahr
+und dennoch immer vergebens, mir über die kleinern
+Inseln und Felsen, wovon dieses Meer starrt, einen Übergang
+nordwestlich nach Borneo und andern Inseln dieses
+Archipelagus zu bahnen. Ich mußte die Hoffnung aufgeben.
+Ich setzte mich endlich auf die äußerste Spitze von
+Lamboc nieder, und das Gesicht gegen Süden und Osten
+gewendet, weint&rsquo; ich wie am festverschlossenen Gitter meines
+Kerkers, daß ich doch so bald meine Begrenzung gefunden.
+<span class='pagenum'>[71]</span>
+Das merkwürdige, zum Verständnis der Erde und
+ihres sonnengewirkten Kleides, der Pflanzen- und Tierwelt,
+so wesentlich notwendige Neuholland und die Südsee mit
+ihren Zoophyteninseln waren mir untersagt, und so war
+im Ursprunge schon alles, was ich sammeln und erbauen
+sollte, bloßes Fragment zu bleiben verdammt. &ndash; O mein
+<em class="gesperrt">Adelbert</em>, was ist es doch um die Bemühungen der
+Menschen!</p>
+
+<p>Oft habe ich im strengsten Winter der südlichen Halbkugel
+vom Kap Horn aus jene zweihundert Schritte, die
+mich etwa vom Land van Diemen und Neuholland trennten,
+selbst unbekümmert um die Rückkehr, und sollte sich dieses
+schlechte Land über mich, wie der Deckel meines Sarges,
+schließen, über den Polargletscher westwärts zurückzulegen
+versucht, habe über Treibeis mit törichter Wagnis verzweiflungsvolle
+Schritte getan, der Kälte und dem Meere
+Trotz geboten. Umsonst, noch bin ich auf Neuholland nicht
+gewesen &ndash; ich kam dann jedesmal auf Lamboc zurück und
+setzte mich auf seine äußerste Spitze nieder, und weinte
+wieder, das Gesicht gen Süden und Osten gewendet, wie am
+festverschlossenen Gitter meines Kerkers.</p>
+
+<p>Ich riß mich endlich von dieser Stelle und trat mit
+traurigem Herzen wieder in das innere Asien, ich durchschweifte
+es fürder, die Morgendämmerung nach Westen verfolgend,
+und kam noch in der Nacht in die Thebais zu meinem
+vorbestimmten Hause, das ich in den gestrigen Nachmittagstunden
+berührt hatte.</p>
+
+<p>Sobald ich etwas ausgeruht und es Tag über Europa
+war, ließ ich meine erste Sorge sein, alles anzuschaffen,
+was ich bedurfte. &ndash; Zuvörderst Hemmschuhe, denn ich hatte
+erfahren, wie unbequem es sei, seinen Schritt nicht anders
+verkürzen zu können, um nahe Gegenstände gemächlich zu
+untersuchen, als indem man die Stiefel auszieht. Ein
+Paar Pantoffeln, übergezogen, hatten völlig die Wirkung,
+die ich mir davon versprach, und späterhin trug ich sogar
+<span class='pagenum'>[72]</span>
+deren immer zwei Paar bei mir, weil ich öfters welche von
+den Füßen warf, ohne Zeit zu haben, sie aufzuheben, wenn
+Löwen, Menschen oder Hyänen mich beim Botanisieren aufschreckten.
+Meine sehr gute Uhr war auf die kurze Dauer
+meiner Gänge ein vortreffliches Chronometer. Ich brauchte
+noch außerdem einen Sextanten, einige physikalische Instrumente
+und Bücher.</p>
+
+<p>Ich machte, dieses alles herbeizuschaffen, etliche bange
+Gänge nach London und Paris, die ein mir günstiger Nebel
+eben beschattete. Als der Rest meines Zaubergoldes erschöpft
+war, bracht&rsquo; ich leicht zu findendes afrikanisches Elfenbein
+als Bezahlung herbei, wobei ich freilich die kleinsten Zähne,
+die meine Kräfte nicht überstiegen, auswählen mußte. Ich
+ward bald mit allem versehen und ausgerüstet, und ich fing
+sogleich als privatisierender Gelehrter meine neue Lebensweise
+an.</p>
+
+<p>Ich streifte auf der Erde umher, bald ihre Höhen, bald
+die Temperatur ihrer Quellen und die der Luft messend,
+bald Tiere beobachtend, bald Gewächse untersuchend; ich eilte
+von dem Äquator nach dem Pole, von der einen Welt nach
+der andern, Erfahrungen mit Erfahrungen vergleichend. Die
+Eier der afrikanischen Strauße oder der nördlichen Seevögel
+und Früchte, besonders der Tropenpalmen und Bananen,
+waren meine gewöhnlichste Nahrung. Für mangelndes Glück
+hatt&rsquo; ich als Surrogat die Nikotiana und für menschliche
+Teilnahme und Bande die Liebe eines treuen Pudels, der
+mir meine Höhle in der Thebais bewachte, und wenn ich
+mit neuen Schätzen beladen zu ihm zurückkehrte, freudig an
+mich sprang und es mich doch menschlich empfinden ließ,
+daß ich nicht allein auf der Erde sei. Noch sollte mich ein
+Abenteuer unter die Menschen zurückführen.</p>
+</div>
+
+<p><span class='pagenum'>[73]</span></p>
+<h3>11.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>Als ich einst auf Nordlands Küsten, meine Stiefel gehemmt,
+Flechten und Algen sammelte, trat mir unversehens
+um die Ecke eines Felsens ein Eisbär entgegen. Ich wollte,
+nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine gegenüberliegende
+Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen
+hervorragender nackter Felsen den Übergang bahnte. Ich
+trat mit dem einen Fuß auf den Felsen fest auf und stürzte
+auf der andern Seite in das Meer, weil mir unbemerkt der
+Pantoffel am andern Fuße haften geblieben war.</p>
+
+<p>Die große Kälte ergriff mich, ich rettete mit Mühe mein
+Leben aus dieser Gefahr; sobald ich Land hielt, lief ich, so
+schnell ich konnte, nach der Libyschen Wüste, um mich da
+an der Sonne zu trocknen. Wie ich ihr aber ausgesetzt
+war, brannte sie mir so heiß auf den Kopf, daß ich sehr
+krank wieder nach Norden taumelte. Ich suchte durch heftige
+Bewegung mir Erleichterung zu verschaffen und lief mit
+unsichern raschen Schritten von Westen nach Osten und von
+Osten nach Westen. Ich befand mich bald in dem Tag
+und bald in der Nacht, bald im Sommer und bald in der
+Winterkälte.</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, wie lange ich so auf der Erde herumtaumelte.
+Ein brennendes Fieber glühte durch meine
+Adern, ich fühlte mit großer Angst die Besinnung mich
+verlassen. Noch wollte das Unglück, daß ich bei so unvorsichtigem
+Laufen jemanden auf den Fuß trat. Ich mochte
+ihm weh getan haben; ich erhielt einen starken Stoß und
+ich fiel hin.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Als ich zuerst zum Bewußtsein zurückkehrte, lag ich gemächlich
+in einem guten Bette, das unter vielen andern
+Betten in einem geräumigen und schönen Saale stand. Es
+saß mir jemand zu Häupten; es gingen Menschen durch den
+Saal von einem Bette zum andern. Sie kamen vor das
+meine und unterhielten sich von mir. Sie nannten mich
+<span class='pagenum'>[74]</span>
+aber <em class="gesperrt">Numero Zwölf</em>, und an der Wand zu meinen
+Füßen stand doch ganz gewiß, es war keine Täuschung, ich
+konnte es deutlich lesen, auf schwarzer Marmortafel mit
+großen goldenen Buchstaben mein Name</p>
+</div>
+
+<p class="center">PETER SCHLEMIHL</p>
+
+<p>ganz richtig geschrieben. Auf der Tafel standen noch unter
+meinem Namen zwei Reihen Buchstaben, ich war aber zu
+schwach, um sie zusammen zu bringen, ich machte die Augen
+wieder zu.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<div class="textbody">
+<p>Ich hörte etwas, worin von <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em> die
+Rede war, laut und vernehmlich ablesen, ich konnte aber
+den Sinn nicht fassen; ich sah einen freundlichen Mann und
+eine sehr schöne Frau in schwarzer Kleidung vor meinem
+Bette erscheinen. Die Gestalten waren mir nicht fremd und
+ich konnte sie nicht erkennen.</p>
+
+<p>Es verging einige Zeit und ich kam wieder zu Kräften.
+Ich hieß <em class="gesperrt">Numero Zwölf</em>, und
+<em class="gesperrt">Numero Zwölf</em> galt
+seines langen Bartes wegen für einen Juden, darum er
+aber nicht minder sorgfältig gepflegt wurde. Daß er keinen
+Schatten hatte, schien unbemerkt geblieben zu sein. Meine
+Stiefel befanden sich, wie man mich versicherte, nebst allem,
+was man bei mir gefunden, als ich hierher gebracht worden,
+in gutem und sicherm Gewahrsam, um mir nach meiner
+Genesung wieder zugestellt zu werden. Der Ort, worin
+ich krank lag, hieß das SCHLEMIHLIUM; was täglich
+von <em class="gesperrt">Peter Schlemihl</em> abgelesen wurde, war eine Ermahnung,
+für denselben, als den Urheber und Wohltäter dieser
+Stiftung, zu beten. Der freundliche Mann, den ich an
+meinem Bette gesehen hatte, war <em class="gesperrt">Bendel</em>, die schöne Frau
+war <em class="gesperrt">Mina</em>.</p>
+
+<p>Ich genas unerkannt im <em class="gesperrt">Schlemihlio</em> und erfuhr noch
+mehr, ich war in <em class="gesperrt">Bendels</em> Vaterstadt, wo er aus dem
+Überrest meines sonst nicht gesegneten Goldes dieses Hospitium,
+<span class='pagenum'>[75]</span>
+wo Unglückliche mich segneten, unter meinem Namen gestiftet
+hatte, und er führte über dasselbe die Aufsicht.
+<em class="gesperrt">Mina</em> war Witwe, ein unglücklicher Kriminalprozeß hatte
+dem Herrn <em class="gesperrt">Raskal</em> das Leben und ihr selbst ihr mehrstes
+Vermögen gekostet. Ihre Eltern waren nicht mehr. Sie
+lebte hier als eine gottesfürchtige Witwe und übte Werke
+der Barmherzigkeit.</p>
+
+<p>Sie unterhielt sich einst am Bette Numero Zwölf mit
+dem Herrn Bendel: &raquo;Warum, edle Frau, wollen Sie sich
+so oft der bösen Luft, die hier herrscht, aussetzen? Sollte
+denn das Schicksal mit Ihnen so hart sein, daß Sie zu
+sterben begehrten?&laquo; &ndash; &raquo;Nein, Herr <em class="gesperrt">Bendel</em>, seit ich meinen
+langen Traum ausgeträumt habe und in mir selber
+erwacht bin, geht es mir wohl, seitdem wünsche ich nicht
+mehr und fürchte nicht mehr den Tod. Seitdem denke ich
+heiter an Vergangenheit und Zukunft. Ist es nicht auch
+mit stillem innerlichen Glück, daß Sie jetzt auf so gottselige
+Weise Ihrem Herren und Freunde dienen?&laquo; &ndash; &raquo;Sei
+Gott gedankt, ja, edle Frau. Es ist uns doch wundersam
+ergangen, wir haben viel Wohl und bitteres Weh unbedachtsam
+aus dem vollen Becher geschlürft. Nun ist er
+leer; nun möchte einer meinen, das sei alles nur die Probe
+gewesen, und mit kluger Einsicht gerüstet, den wirklichen
+Anfang erwarten. Ein andrer ist nun der wirkliche Anfang
+und man wünscht das erste Gaukelspiel nicht zurück, und
+ist dennoch im ganzen froh, es, wie es war, gelebt zu haben.
+Auch find&rsquo; ich in mir das Zutrauen, daß es nun unserm
+alten Freunde besser ergehen muß als damals.&laquo; &ndash; &raquo;Auch
+in mir,&laquo; erwiderte die schöne Witwe, und sie gingen an mir
+vorüber.</p>
+
+<p>Dieses Gespräch hatte einen tiefen Eindruck in mir zurückgelassen;
+aber ich zweifelte im Geiste, ob ich mich zu erkennen
+geben oder unerkannt von dannen gehen sollte. &ndash; Ich entschied
+mich. Ich ließ mir Papier und Bleistift geben und
+schrieb die Worte:</p>
+
+<p class="blockquot">
+<span class='pagenum'>[76]</span>
+&raquo;Auch eurem alten Freunde ergeht es nun besser als
+damals, und büßet er, so ist es Buße der Versöhnung.&laquo;
+</p>
+
+<p>Hierauf begehrte ich mich anzuziehen, da ich mich stärker
+befände. Man holte den Schlüssel zu dem kleinen Schrank,
+der neben meinem Bette stand, herbei. Ich fand alles, was
+mir gehörte, darin. Ich legte meine Kleider an, hing meine
+botanische Kapsel, worin ich mit Freuden meine nordischen
+Flechten wieder fand, über meine schwarze Kurtka um, zog
+meine Stiefel an, legte den geschriebenen Zettel auf mein
+Bett, und sowie die Tür aufging, war ich schon weit auf
+dem Wege nach der Thebais.</p>
+
+<p>Wie ich längs der syrischen Küste den Weg, auf dem ich
+mich zum letztenmal vom Hause entfernt harte, zurücklegte,
+sah ich mir meinen armen Figaro entgegenkommen. Dieser
+vortreffliche Pudel schien seinem Herrn, den er lange zu
+Hause erwartet haben mochte, auf der Spur nachgehen zu
+wollen. Ich stand still und rief ihm zu. Er sprang bellend
+an mich mit tausend rührenden Äußerungen seiner unschuldigen
+ausgelassenen Freude. Ich nahm ihn unter den Arm,
+denn freilich konnte er mir nicht folgen, und brachte ihn mit
+mir wieder nach Hause.</p>
+
+<p>Ich fand dort alles in der alten Ordnung und kehrte
+nach und nach, sowie ich wieder Kräfte bekam, zu meinen
+vormaligen Beschäftigungen und zu meiner alten Lebensweise
+zurück. Nur daß ich mich ein ganzes Jahr hindurch der mir
+ganz unzuträglichen Polarkälte enthielt.</p>
+
+<p>Und so, mein lieber <em class="gesperrt">Chamisso</em>, leb&rsquo; ich noch heute.
+Meine Stiefel nutzen sich nicht ab, wie das sehr gelehrte
+Werk des berühmten <em class="antiqua">Tieckius, de rebus gestis Pollicilli</em>,
+es mich anfangs befürchten lassen. Ihre Kraft bleibt ungebrochen;
+nur meine Kraft geht dahin, doch hab&rsquo; ich den
+Trost, sie an einen Zweck in fortgesetzter Richtung und nicht
+fruchtlos verwendet zu haben. Ich habe, so weit meine
+<span class='pagenum'>[77]</span>
+Stiefel gereicht, die Erde, ihre Gestaltung, ihre Höhen, ihre
+Temperatur, ihre Atmosphäre in ihrem Wechsel, die Erscheinungen
+ihrer magnetischen Kraft, das Leben auf ihr,
+besonders im Pflanzenreiche, gründlicher kennen gelernt, als
+vor mir irgendein Mensch. Ich habe die Tatsachen mit
+möglichster Genauigkeit in klarer Ordnung aufgestellt in
+mehreren Werken, meine Folgerungen und Ansichten flüchtig
+in einigen Abhandlungen niedergelegt. &ndash; Ich habe die
+Geographie vom Innern von Afrika und von den nördlichen
+Polarländern, vom Innern von Asien und von seinen
+östlichen Küsten festgesetzt. Meine <em class="antiqua">Historia stirpium plantarum
+utriusque orbis</em> steht da als ein großes Fragment
+der <em class="antiqua">Flora universalis terrae</em> und als ein Glied meines
+<em class="antiqua">Systema naturae</em>. Ich glaube darin nicht bloß die Zahl
+der bekannten Arten mäßig um mehr als ein Drittel vermehrt
+zu haben, sondern auch etwas für das natürliche
+System und für die Geographie der Pflanzen getan zu haben.
+Ich arbeite jetzt fleißig an meiner Fauna. Ich werde Sorge
+tragen, daß vor meinem Tode meine Manuskripte bei der
+Berliner Universität niedergelegt werden.</p>
+
+<p>Und dich, mein lieber <em class="gesperrt">Chamisso</em>, hab&rsquo; ich zum Bewahrer
+meiner wundersamen Geschichte erkoren, auf daß sie
+vielleicht, wenn ich von der Erde verschwunden bin, manchen
+ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen könne.
+Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben,
+so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld.
+Willst du nur dir und deinem bessern Selbst leben, o so
+brauchst du keinen Rat.</p>
+</div>
+
+<p class="center"><em class="antiqua">Explicit.</em></p>
+<hr class="hr33" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span></p>
+<h2><a name="An_Adelbert" id="An_Adelbert"></a>An Adelbert von Chamisso.</h2>
+
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Trifft Frank&rsquo; und Deutscher jetzt zusammen</span>
+<span class="i2">Und jeder edlen Muts entbrannt,</span>
+<span class="i2">So fährt ans tapfre Schwert die Hand</span>
+<span class="i0">Und Kampf entsprüht in wilden Flammen.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir treffen uns auf höherm Feld,</span>
+<span class="i2">Wir zwei verklärt in reinerm Feuer.</span>
+<span class="i2">Heil dir, mein Frommer, mein Getreuer,</span>
+<span class="i0">Und dem, was uns verbunden hält!</span>
+</div></div>
+
+<p><span class="left">1813.</span><span class="right">Fouqu&eacute;.</span></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><p>&nbsp;</p>
+<h3>Ende.</h3>
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2>Peter Schlemihls wundersame Geschichte.</h2>
+
+
+<p class="center"><a name="Inhalt" id="Inhalt"><em class="gesperrt"><strong>Inhalt.</strong></em></a></p>
+
+<table class="toc" summary="Inhalt">
+
+<tr><td><a href="#An_meinen_alten_Freund_Peter_Schlemihl">An meinen alten Freund Peter Schlemihl</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_3">3</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#An">An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#An_Ebendenselben_von_Fouque">An Ebendenselben von Fouqu&eacute;</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_6">6</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#An_Fouque_von_Hitzig">An Fouqu&eacute; von Hitzig</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_8">8</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#Peter_Schlemihls_wundersame_Geschichte">Peter Schlemihls wundersame Geschichte</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_11">11</a></td></tr>
+
+<tr><td><a href="#An_Adelbert">An Adelbert von Chamisso</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_78">78</a></td></tr>
+</table>
+
+
+<p class="ad1">Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig.</p>
+<p class="ad2">Adelbert von Chamissos</p>
+<p class="ad3">Sämtliche Werke</p>
+<p class="ad4">in vier Bänden.<br />
+<b>Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte.</b><br />
+Herausgegeben und eingeleitet von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Ludwig Geiger.<br />
+Mit zwei Bildnissen des Dichters.<br />
+</p>
+
+<p class="center"><b>Inhalt:</b></p>
+
+<div class="column">
+<span class="column1">
+<b>1. Band.</b> Biographische Einleitung.
+&ndash; Der Dichter. &ndash; Lieder
+und lyrisch-epische Gedichte.
+<br />
+<b>2. Band.</b> Sonette und Terzinen.
+&ndash; Gelegenheitsgedichte. &ndash; Erste
+Nachlese zu den Gedichten. &ndash; Zweite
+Nachlese zu allen Abteilungen.&nbsp;&ndash;
+In dramatischer Form. &ndash;
+</span>
+<span class="column2">
+Übersetzungen.
+&ndash; Adelberts Fabel.&nbsp;&ndash;
+Peter Schlemihls wundersame Geschichte.<br />
+<b>3. Band.</b> Reise um die Welt.
+1. Teil: Tagebuch.
+<br />
+<b>4. Band.</b> Reise um die Welt.
+2. Teil: Anhang. &ndash; Bemerkungen
+und Ansichten.</span>
+
+<p class="columnfoot"><b>Preis geheftet Mk. 2.&ndash;. In 2 modernen biegsamen Ganzleinenbänden
+Mk. 2.50. In 2 biegsamen Lederbänden mit Goldschnitt Mk. 6.&ndash;.</b></p>
+</div>
+
+<hr class="hr33" />
+
+
+<p class="ad3"><b>Adelbert von Chamissos</b><br />
+poetische und erzählende Werke.</p>
+
+<p class="ad4">Mit einer Anzahl bisher ungedruckter Gedichte.<br />
+Herausgegeben und eingeleitet von Professor <em class="antiqua">Dr.</em> Ludwig Geiger.<br />
+Mit Chamissos Bildnis.<br />
+In 1 modernen biegsamen Ganzleinenband Mk. 1.25.</p>
+
+<hr class="hr80" />
+
+<p class="center"><span class="ad3"><b>Gedichte</b></span> <b>von</b>
+<span class="ad3"><b>Adelbert von Chamisso.</b>
+</span></p>
+
+<p class="ad4">Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 314-317. Geh. 80 Pf., geb. M. 1.20.<br />
+In Lederband mit Goldschnitt M. 2.&ndash;.</p>
+
+<hr class="hr33" />
+
+<p class="ad3"><b>Peter Schlemihls wundersame Geschichte.</b></p>
+
+<p class="ad4">Mitgeteilt von Adelbert von Chamisso.<br />
+Univ.-Bibliothek Nr. 93. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf.</p>
+
+<hr class="hr33" />
+
+<p class="ad3"><b>Adelbert von Chamissos Biographie</b></p>
+
+<p class="ad4">von Ludwig Geiger.<br />
+Mit Chamissos Bildnis. Univ.-Bibl. Nr. 4951. Geh. 20 Pf., geb. 60 Pf.</p>
+
+
+
+<div class="footnotes">
+<p class="center"><b>Fußnoten:</b></p>
+
+<p class="footnote"><a name="Footnote_1" id="Footnote_1"></a>
+<a href="#FNanchor_1"><span class="label">[1]</span></a>
+Das hier erwähnte Bild befand sich bei den ersten Ausgaben
+des Schlemihl.</p>
+
+<p class="footnote"><a name="Footnote_2" id="Footnote_2"></a>
+<a href="#FNanchor_2"><span class="label">[2]</span></a>
+Phantasiestücke in Callots Manier, im letzten Teil. Vgl. auch:
+Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß. Bd. <em class="antiqua">II</em>, S. 112.</p>
+
+<p class="footnote"><a name="Footnote_3" id="Footnote_3"></a>
+<a href="#FNanchor_3"><span class="label">[3]</span></a>
+Die zweite Ausgabe des Peter Schlemihl hatte einen Anhang
+von Liedern und Balladen des Dichters, worauf sich dies
+<ins class="correction" title="Punkt ergänzt">bezog.</ins></p>
+</div>
+
+<div class="note">
+<p><b>Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</b></p>
+<ul>
+<li>Fußnote [3]: worauf sich dies bezog. --> Satzschlusszeichen (Punkt) ergänzt.</li>
+<li><a href="#Page_21">Seite 21:</a> Ich gedachte mit Grauen des fürcherlichen -->
+fürchterlichen</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Peter Schlemihl's wundersame Geschichte, by
+Adelbert von Chamisso
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER SCHLEMIHL ***
+
+***** This file should be named 31538-h.htm or 31538-h.zip *****
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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