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+The Project Gutenberg eBook, Luthers Glaube, by Ricarda Octavia Huch
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Luthers Glaube
+ Briefe an einen Freund
+
+
+Author: Ricarda Octavia Huch
+
+
+
+Release Date: April 12, 2012 [eBook #39430]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***
+
+
+E-text prepared by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges, and the Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustration.
+ See 39430-h.htm or 39430-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/39430/39430-h/39430-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/39430/39430-h.zip)
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind
+ hier _so_ gekennzeichnet; Passagen, die im Originaltext nicht
+ in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt waren, sind hier #so#
+ gekennzeichnet; Passagen in griechischer Schrift sind hier
+ +so+ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende
+ des Textes.
+
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+
+
+
+LUTHERS GLAUBE
+
+Briefe an einen Freund
+
+von
+
+RICARDA HUCH
+
+#Visibilia et Invisibilia#
+
+
+
+
+
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+1920
+
+16.-19. Tausend
+
+
+
+
+I
+
+
+In seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen seiner
+Begeisterung für Luther Luft:
+
+»Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich
+Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen
+Interessen des Geistes warf, allem schönen Schein, aller sanften,
+menschlich schönen Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende
+Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der
+Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen
+Völkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach
+dem Abschluß des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich zu
+fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je
+eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben hätte,
+wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden
+schönen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so
+eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische Krisis, für
+welche nie und nimmer die ästhetische Bildung ein Surrogat sein kann,
+welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die
+neuere es ist, vorausgehen mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt
+gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte sich
+ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären waren, daß der schöne
+Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden
+konnte; wohl uns, daß sie nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe
+Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.«
+
+So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über Luther, dessen
+Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekämpfen, der Poesie sprach,
+wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede
+Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in
+den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um
+seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das
+Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder
+Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers
+Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was für ein
+Zorn, ja was für eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn
+trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen wollte oder
+meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur
+engherzige oder verstockte Persönlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der
+ohne Luther nicht zu denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing,
+Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und
+verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß davon mangelhafte Kenntnis die
+Ursache war.
+
+Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines
+Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprägt sich
+auszusprechen als Luther ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich,
+noch gründlicher mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen
+Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu
+werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Haß und
+Mißverständnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er
+mußte, und deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst wider
+Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um
+seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte
+des Marquis Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden
+verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war Luther, daß man
+auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er würde aus Vischerschen
+und anderen Mißverständnissen jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen,
+daß man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel weniger die,
+daß man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern daß seine
+Ideen wiederholt und verständlicher gemacht werden müßten.
+
+Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so ist das, weil ich
+nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, wie wenn es dir gehörte. Nehmen
+wir an, du seiest der König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich
+deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn und
+Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich,
+daß du deiner Scheherazade ebensogern zuhörst, wie sie dir erzählt, und
+beschränke meine Vorrede auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn
+ich etwas sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen
+und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu
+hören.
+
+Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemühte sich
+im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mönchslebens die Seligkeit,
+den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen
+Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen,
+Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke der Selbstüberwindung;
+Luther fand aber, daß er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausführung war,
+desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger
+er am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter und leerer
+fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nähern,
+das Ergebnis war, daß er ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der
+Hölle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich
+in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; daß
+zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare Kluft besteht, solange die
+Handlungen aus dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang zwischen
+Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewußten Herzen,
+eben aus dem Sein entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute
+kommen, die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das nicht mit
+Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern das der bewußte Wille macht,
+rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur
+Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er
+wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht aus dem Sein
+fließend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur
+die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral
+vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß sie in einem
+feindlichen Gegensatz zu Gott steht.
+
+Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, als Wachen,
+Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, die Seligkeit nicht geben können,
+leuchtet den meisten Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob
+moralische Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat schon in
+den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten;
+aber Augustinus stellte fest, daß Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien,
+sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu
+den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen.
+
+Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des
+Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit
+selbstlos, böse gleichbedeutend mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der
+Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes
+anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder
+also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nächsten
+anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die
+Pharisäer wieder auf, den Christus gekämpft hat.
+
+Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer in Menge gab, die
+sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. Es entspann sich der berühmte
+Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich
+stützend, behauptete, daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, und
+aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden könne. Es
+ist höchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und
+drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil
+bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des
+Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten würde. Denn man mußte
+zugeben, daß Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend,
+allumfassend sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen
+müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung
+des Menschen festhalten zu müssen, wenn man es auch nur so ausdrückte, daß
+der Mensch der göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, ohne
+daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflüchte in Worten
+waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschütterliche
+Überzeugung hatte. Seine Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im
+tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott
+wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß alles von Gott, dem
+einzig wahrhaft Seienden, abhängt, und daß, soweit der Mensch eine
+Selbsttätigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein muß und nur von
+Gott wieder zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die
+dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine selbständige Person, die von
+zwei mächtigeren selbständigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die
+nur von einer mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde;
+denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt würde vielleicht
+mancher sagen, daß das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd,
+verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewußtseinsgraden
+durchläuft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte.
+Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen Symbolen und
+mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, wie er von den
+Scholastikern wußte. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den
+Ideen, die sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer
+Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich
+bei Luthers Worten denken können und sollen.
+
+Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß der natürliche Mensch
+nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und daß, wenn sein Handeln
+andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur
+auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet
+ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen
+Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder
+ob er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, das eigene
+Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind,
+einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck,
+daß wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht nach oben
+frei sind.
+
+Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des Willens nicht überhaupt
+leugne, und vermutlich, daß diese seine Ansicht dadurch erst recht
+unbegreiflich würde. Nun also, daß alles, was geschieht, notwendig
+geschieht, ist selbstverständlich, da ja alles geprägte Form ist, die sich
+entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der
+Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, daß er wollend
+stets nur alles auf sein Selbst beziehen könne, das Gute wolle er nur durch
+Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm
+gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther öfters anführt,
+heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan können ihn lenken.
+Vielleicht klingt es dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage,
+der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels.
+Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch auch selbst wollen könne, und er
+grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch,
+obwohl es sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. »Da ja dies das
+höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und
+Werken des Gesetzes sich zu üben, durch die seine eigene Blindheit und
+Ohnmacht befördert wird.« Zunächst scheint es allerdings weit
+verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß;
+ja, wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus
+und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu
+haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist
+verdammt, heißt es in der Bibel. »Du sollst nicht tun, was dir recht
+dünkt.« Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer
+aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes
+getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man
+nicht bedenkt, daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Daß
+Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet Luther nicht; nur daß
+sie »einen gnädigen Gott machen«.
+
+Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos
+bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgefälliges,
+Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine
+Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe
+von anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr am Herzen
+lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also,
+welche ihre natürlichen Triebe mit großer Anstrengung überwinden, wird Gott
+nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. »Und Matth. 21, 31 spricht es
+auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die
+Pharisäer und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute
+waren.« Aus dieser Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur
+schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern »fromme,
+ehrliche, keusche« Leute, deren Schuld nur darin bestand, daß sie
+absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den Zöllnern und Sündern ist, wie du
+weißt, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum.
+Besser sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man muß; denn das
+heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht
+verschwindet. »Sei Sünder und sündige kräftig«, schreibt Luther an den
+werkheiligen Melanchthon, »aber noch kräftiger vertraue auf Christus und
+freue dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes und der
+Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.« Das bewundere ich
+besonders an Luther, daß er begriff, daß der Teufel und die Sünde zwar
+nicht sein sollen, aber sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf
+die Idee des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen aus der
+Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein.
+
+[1] mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten,
+erwerben).
+
+Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, wenn du kein
+Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um
+mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um
+von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei ist
+doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist,
+wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht,
+aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als
+sich selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein wollen und
+sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie Luzifer, der schönste unter
+den Engeln, der durch seine Schönheit zum obersten Teufel wurde. »Gleichwie
+vom Anbeginn aller Kreaturen«, sagt Luther, »das größte Übel ist allezeit
+gekommen von den Besten.« Dein Unglück, du Liebster und Schönster unter den
+Menschenkindern, scheint mir zu sein, daß dir nichts und niemand schön
+genug scheint, um dich zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst
+an und verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die
+Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest du auch mich
+dazu verführt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben,
+ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten,
+und du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den
+Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lächelt.
+
+
+
+
+II
+
+
+Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles
+glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da
+ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde
+ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu
+müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder
+er mir ein geneigteres Ohr schenkt.
+
+Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte
+trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn
+einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren,
+wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein
+Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen
+hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie
+käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an
+das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
+
+Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm
+benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind
+Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen
+erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der
+gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an
+den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist
+überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile
+Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja
+gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch
+sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein
+Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren
+und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer
+Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert
+werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging
+eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von
+Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr
+können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie
+liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen
+kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß
+du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die
+Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde
+ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.
+
+Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem
+sie sich ausprägt. #Res sociae verbis et verbis rebus#: die Substanz ist
+dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten,
+die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die
+Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von
+Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff
+der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von
+Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab
+und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen
+anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann.
+Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern
+er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner
+Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen
+zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen
+die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich
+offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht -- nimm auch das Wort Sucht
+bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit -- zu
+bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das
+Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die
+angewandte Erbsünde.
+
+Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe
+durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das
+Gesetz, um die Sünde zu mehren, »damit die Sünde überhandnehme«, wie Paulus
+sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also
+handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft
+uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und
+luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke,
+in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu
+sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist;
+ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare,
+die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder
+ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir
+Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt,
+sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das
+Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: »Auswendig hats eine gute Gestalt,
+inwendig wirds voll Gift«; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute
+Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft,
+wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten
+soll.
+
+Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im
+entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber
+jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß
+auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den
+Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von
+den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt
+anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. »So jemand spricht: Ich
+liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.« Dies
+ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er
+Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn
+gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische
+Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich,
+von ihnen abgewendet. »Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von
+nichts Unreinem berührt sein willst«, schrieb Luther einem seiner Freunde.
+Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte
+Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere
+Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei
+fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag
+an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter
+schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede
+menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn
+er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung
+kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche,
+naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der
+Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das
+ist die Sünde, die Gott verdammt.
+
+Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen -- denn ich
+sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon
+hatte -- drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen
+dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und
+durch den Geist. »Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut,
+Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes
+Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.« Die erste betrifft wesentlich
+die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen
+lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die
+höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur
+Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der
+Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in
+Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren
+Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des
+inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die
+Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst
+zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren.
+Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.
+
+Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung
+auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der
+Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das
+wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil
+ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde
+von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast.
+Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich
+stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die
+Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst
+dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur
+noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen
+nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht
+irrezugehen.
+
+Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich
+wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt
+keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so
+wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen
+habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser
+Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder
+zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht
+einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu
+sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber
+du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du
+schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest!
+Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und
+sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen,
+ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst
+nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die
+abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken
+und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar
+kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.
+
+
+
+
+III
+
+
+Der Kanzler hält heute seinen Vortrag mit dem frohen Bewußtsein, daß ihm
+ein gnädiger König zuhört. Du willst wissen, und darin sehe ich das
+Gnädige, was du eigentlich bei dem Sündigen gewinnst; denn nur um zu
+beweisen, daß du ein Herz habest, ließest du dich auf eine so heikle und
+dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich müsse doch zugeben, daß
+Sünde an sich häßlich sei, beflecke, entstelle; wenn nun ein Mensch aus
+Stolz, um eines großen Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum
+das Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifersüchtig
+vorstellen müßtest, daß er allen Ruhm für sich allein und den Menschen
+nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft göttlich zu werden? und ob es,
+von Gott ganz abgesehen, nicht groß und schön sei, aus eigener Kraft etwas
+Vollendetes in sich darzustellen?
+
+Ja, eifersüchtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel das eifersüchtig
+nennst, daß der Mensch den Anspruch erhebt, die Organe seines Körpers
+selbst zu regieren. Du mußt doch immer daran denken, daß wir Teile Gottes
+oder in Gott sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so dürftest du immerhin
+aus eigener Kraft göttlich oder vollendet werden, wenn du es könntest. Die
+Frage ist eben, ob du es kannst, und damit komme ich wieder auf deine erste
+Frage, was du gewinnst, wenn du sündigst, die zugleich einschließt, was du
+verlierst, wenn du nicht sündigst.
+
+Durch Sündigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames Nichtsündigen
+entkräftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, wie überhaupt die Religion
+eine Kraft- und Lebensangelegenheit ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht.
+Und Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der Menschen; denn
+wer Kraft hat, hat alles. Die Alten drückten die Wahrheit, daß man durch
+Sündigen Kraft gewinnt, in der Sage vom Riesen Antäus aus, der unbesiegbar
+war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde geworfen wurde, denn aus
+seiner Mutter Erde strömte stets neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft
+gehalten konnte er erwürgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in einem
+naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts ist. Nun sind wir
+zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, die Sünde in unserem Sinn noch
+gar nicht kannten, für die Gott und Natur noch eins waren und die ihre
+Kraft unmittelbar aus der Natur beziehen konnten; wir können es im
+allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen wir also zuerst den
+Begriff des Glaubens.
+
+Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewöhnlich unter Glauben
+versteht, nämlich ein Fürwahrhalten. »Glauben ist nicht der menschliche
+Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten ... Das macht, wenn sie das
+Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften
+einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für
+einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke
+ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt: also tut er auch nichts und
+folgt keine Besserung hernach.« Und an anderer Stelle sagt Luther: »Sie
+heißen das Glauben, das sie von Christo gehört haben, und halten, es sei
+dem wohl; wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm
+dadurch.«
+
+Das Fürwahrhalten ist eine Tätigkeit des selbstbewußten Geistes, deren der
+Glaube nicht, die höchstens umgekehrt des Glaubens bedarf.
+
+Man kann häufig Glauben und Wissen gegenübergestellt lesen, wie wenn das
+eine das andere ausschlösse, und oft auch wie wenn das Glauben die Sache
+der Kinder und Träumer, das Wissen die Sache vernünftiger Männer wäre. In
+Wirklichkeit ist Glauben die Bestätigung und Besiegelung des Wissens, nicht
+umgekehrt. Was wir wissen, wird uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir
+wissen zum Beispiel, daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn
+du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. Im Traume kommt
+es dir oft so vor, als stände da ein Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du
+nicht glaubst, was du weißt, bleibt dein Wissen unsicher. Gewiß, fest,
+unerschütterlich, ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. Mit
+anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, der Glaube auf
+das Sein.
+
+Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten des Paulus aus dem
+11. Kapitel des Briefes an die Ebräer zu erklären: Es ist aber der Glaube
+eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das
+man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, daß das Unsichtbare für dich
+nicht gelte, daß das Hirngespinste wären, daß du nur deinen Sinnen traust.
+Das ist ja, wie schon gesagt, Selbsttäuschung. Du traust deinen Sinnen,
+weil sie sich auf Übersinnliches beziehen. Was heißt es zum Beispiel, wenn
+du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest damit offenbar auf
+etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung dir nicht von ihm mitteilen können,
+denn sonst würdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, daß du im Wesen
+dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du dich alles Guten und
+Großen versiehst. Da ja nun alle Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es
+auch erscheint, Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf
+Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.
+
+Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann also nur durch die
+Sinne wahrgenommen werden, von dem naiven Menschen namentlich durch den
+Gesichtssinn in der Schöpfung. Der Glaube aber, heißt es bei Paulus, kommt
+durch das Gehör, das heißt, das Gehör muß das Wort, das Gott von sich
+redet, aufnehmen. Um nun Schall hören, wie um Licht sehen zu können, muß
+etwas in uns sein, was der tönenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine
+Hörkraft und Sehkraft. Wär nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, die
+Sonne könnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner Mensch, statt Glauben
+auch Vernunft setzen, die geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist,
+also Gott wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.
+
+Die Hörkraft und Sehkraft verhält sich zu Schall und Licht wie das Passive
+zum Aktiven, so daß wir zunächst nicht von einer Kraft, sondern von
+Schall- und Lichtempfänglichkeit reden sollten. Wie der Schoß der Frau den
+Samen des Mannes empfängt, so empfangen Auge und Ohr Licht und Schall und
+bringen durch sie Gesichts- und Gehörsbilder hervor. Die Empfänglichkeit
+beruht wieder auf der Empfindlichkeit für die betreffende Kraft, sei es
+Schall, Licht oder die göttliche Kraft selbst. Handelt es sich um diese,
+müssen wir sagen, daß wir gottempfindlich sein müssen, um Gottes Wort
+empfangen zu können, und in diesem Sinne läßt sich der Ausdruck Glauben mit
+Gottempfindlichkeit, Gottempfänglichkeit, Gottverwandtschaft übersetzen.
+»Gott und Glaube gehören zu Haufe«, sagt Luther. Sie gehören zusammen wie
+Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkürlich, um das Verhältnis
+zwischen Gott und der gläubigen Seele zu bezeichnen, das Bild von Bräutigam
+und Braut eingestellt.
+
+Befragen wir die Sprache, so finden wir, daß Glauben mit Geloben, Hören mit
+Gehören und Gehorchen zusammenhängt. Darin vollendet sich der Glaube, daß
+man Gott, der uns durch sein Wort ruft, hört und ihm gehorcht: Glaube ist
+Hingebung und Gehorsam. Der Gläubige hört Gottes Stimme, wie das Schaf die
+Stimme seines Hirten, wie der Liebende die Stimme der Geliebten hört. Alle
+Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind Gedicht, ja
+Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht Liebesgedicht ist, handle
+es sich nun um Liebe zu Gott oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und
+Liebe ist der Unterschied, daß sich der Glaube auf das Unsichtbare, die
+Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins ohne das andere.
+An Gott glauben wir nicht nur, sondern wir lieben ihn in der Erscheinung,
+und an alle Menschen, die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d. h. wir
+lieben ihre Idee oder Gott in ihnen.
+
+Die meisten Menschen sind so geartet, daß sie Gott selbst, ohne
+Vermittlung, nicht gehorchen können, und Gott hat deshalb eine Vertretung
+in der Welt eingesetzt: im Staate die Obrigkeit, in der Familie Eltern und
+Ehemann. Wenn die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Männern, die Männer
+ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, vorausgesetzt daß die
+Vorgesetzten Gott gehorchen. Der Gläubige, der Gottes Stimme hört und Gott
+selbst gehorcht, ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit von Gut
+und Böse; aber er gehorcht auch den Menschen freiwillig, um sich nicht
+abzusondern. Eine glaubenslose Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger
+gesagt eine Zeit, in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.
+
+Während der Gehorsam der Welt erzwungen werden kann und muß, kann der
+Glaube, dessen Quelle das Herz ist, nur freiwillig sein. Daß Gott
+erzwungene Dienste nicht gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du
+kennst vielleicht die berühmte und wundervolle Stelle aus Luthers Schrift
+von der Freiheit eines Christenmenschen, wo er vom Glauben als vom
+Brautring der Liebenden spricht; ich führe sie deshalb hier nicht an. Im
+Sermon von den guten Werken heißt es so: »Wenn ein Mann oder Weib sich zum
+anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe fest glaubt, wer lehrt
+sie, wie sie sich stellen, was sie tun, lassen, sagen, schweigen, denken
+sollen? Allein die Zuversicht lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da
+ist ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Große, Lange, Viele so
+gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit fröhlichem, friedlichem
+Herzen und sind ganz freie Gesellen. Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht
+jedes, welches am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der
+Werke auszumalen, womit es Huld erwerben möge, und geht dennoch mit
+schwerem Herzen und großer Unlust hinzu, ist gleich befangen, mehr denn
+halb verzweifelt, und wird oft zum Narren darüber.« Dann geht es nach dem
+Spruche Salomonis: »Wir sind müde geworden in dem unrechten Wege und sind
+schwere, saure Wege gewandelt, aber Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und
+die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.« Im Gegensatz zu den
+schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther von dem königlichen Weg des
+Glaubens.
+
+Sobald der Glaube schwer und sauer fällt, ist es gar kein Glaube; Glaube
+ist nur, was frei aus dem Herzen kommt. Etwas im Glauben tun heißt etwas
+tun, weil man nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen
+Sinn die Worte des Paulus haben, daß, was nicht im Glauben geschieht, Sünde
+ist. Allerdings der, dem nichts von Herzen kommt, der Ungläubige, der kein
+Herz hat, dem ist es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.
+
+Um dem Begriff des Glaubens noch näher zu kommen, laß uns auch seinen
+Gegensatz, den Unglauben, ins Auge fassen. Luther sagt gelegentlich: der
+Ungläubige, der nur sich selbst anbetet; und das scheint mir das
+deutlichste Licht auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: »Gott ist
+den Sündern nicht feind, nur den Ungläubigen, das sind solche, die ihre
+Sünde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dafür bei Gott suchen, sondern
+durch ihre eigene Vermessenheit sich selbst reinigen wollen.« Und: »Das muß
+wohl folgen aus dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst
+versorgen.«
+
+Der Ungläubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil er sich an Gottes
+Stelle setzt, sich selbst lenkt, für sich selbst sorgt, selbst Gesetze
+gibt, denen seine passive, sinnliche Hälfte gehorchen soll. Natürlich muß
+diese auch alle Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hälfte, beziehen, die
+aber beschränkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus Gott ersetzt,
+sich bald erschöpft. Beständiges Selbstwollen muß zu vollständiger
+Entkräftung führen, wenn es sich nicht im Zustande des Nichtwollens erholen
+kann. Glauben ist Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen
+lassen. Die Überspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer Zeit in
+der großen Anzahl von Menschen mit überspanntem Nervensystem; sie gehen an
+ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer Unfähigkeit, durch vorübergehende
+Selbstaufgabe Kraft zu schöpfen, zugrunde. Es wäre ja gegen den schönen
+Luzifer nichts einzuwenden, wenn er glücklich wäre; aber sein Selbst ist
+ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, sondern ein
+Marterpfahl, an den er gebunden ist. Die Frucht des Glaubens ist der
+Friede, heißt es im Evangelium des Johannes; daraus folgt, daß die Frucht
+des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. Die
+Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich
+auch so fassen: Was verschafft mir inneren Frieden und damit Kraft? Die
+Antwort lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. Nicht nur
+selbstbewußt, sondern zugleich gottbewußt oder unbewußt leben.
+
+Was der Mensch durch vollständige Aufgabe des Selbstbewußtseins vermag, das
+hat die Hypnose gezeigt. In dem seines Selbstwollens beraubten Menschen
+wirkt der Hypnotiseur Wunder: er verfügt über seinen Körper nach Belieben,
+über das Vermögen des Selbstwollenden hinaus. Fast erschrak man über diese
+Entdeckung, weil man meinte, sie könne von bösen Menschen zu gräßlichen
+Verbrechen benutzt werden. Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel
+Nervöse, und die Nervösen können ihr Selbst nicht hingeben und darum auch
+nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig Teufelsgläubige,
+also im Bösen kraftvolle Menschen, wie Gottgläubige. In früheren Zeiten
+wurde die Hypnose von Bösen und Guten als schwarze und weiße Magie
+ausgeübt.
+
+Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote stehende Kraft war der
+Christ für Luther wesentlich der starke, freudige, trotzige Held. »Ein
+solcher Mann muß der Christ sein, der da könne verachten alles, was die
+Welt beides, Gutes und Böses, hat, und alles, damit der Teufel reizen und
+locken oder schrecken und drohen kann, und sich allein setzen gegen alle
+ihre Gewalt, und ein solcher Ritter und Held werden, der da wider alles
+siege und überwinde.« Es ist der Ritter, den Dürer gemalt hat, der
+gelassen, des Sieges gewiß, an Tod und Teufel vorüberreitet. Luther
+übersetzte das Wort »Israel« mit Herr Gottes: »Das ist gar ein hoher,
+heiliger Name und begreift in sich das große Wunder, daß ein Mensch durch
+die göttliche Gnade gleich Gottes mächtig wurde, also daß Gott tut, was
+der Mensch will ... Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum Gott,
+was der Mensch will; also daß Israel ein gottförmiger und gottmächtiger
+Mensch ist, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge
+zu tun und vermögen.«
+
+Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge würde versetzen
+können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn er nicht zu schwach im Glauben
+wäre. Über Schwäche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten,
+wo sein Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich
+selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen
+Gottes mächtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins
+Leben zurückrief. Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott
+und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon
+starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurückzieht;
+wie er dann das Wort des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt,
+dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich überströmen
+läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele
+mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte
+zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht
+Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.
+
+Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber Übermaß von
+Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht daran schuld sein, denn das
+habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; daß es auf die
+Dauer ohne Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein,
+daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für den fehlenden
+oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen für
+dich glauben, an dich und für dich.
+
+
+
+
+IV
+
+
+Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest,
+indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses
+tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen
+könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll
+undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel
+und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl
+in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen
+etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte
+damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich
+sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes,
+zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du
+wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle
+auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen
+Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen
+Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf
+einen erschöpfenden.
+
+Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde
+zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist
+auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner
+Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich,
+der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken,
+daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am
+Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.
+
+Die Völker haben nicht damit angefangen, an _einen_ Gott zu glauben; denn
+der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in
+Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie,
+auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott
+verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht
+nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge,
+Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen
+Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab,
+wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und
+sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche
+erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut
+Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften.
+
+Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von
+Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich
+verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den
+Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die
+Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich
+zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede
+Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder
+Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende
+Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen
+erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in
+den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung
+darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem
+Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild,
+und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich
+persönliche Götter.
+
+Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft,
+wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an
+sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum
+Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen
+Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die
+persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem _einen_
+Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes
+aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt,
+daß aber nur _ein_ Geist ist, der da wirket alles in allem.
+
+Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich
+immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der _einen_ unendlichen Welt
+und des _einen_ unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur
+Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit
+erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn
+ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich
+verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.
+
+Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich
+eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom
+Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht
+seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich
+möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und
+der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte:
+Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit
+selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles,
+was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner
+Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt.
+
+Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der
+Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte,
+die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben
+und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. »Das Gemüt ist dem
+Menschen sein Dämon«, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte,
+die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als
+göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das
+Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte
+man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht
+von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig
+in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser
+Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt
+in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles
+das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern
+was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt
+man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn
+haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt,
+daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann.
+Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig
+als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck
+leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von
+Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem
+Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen,
+soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich
+sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem;
+unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und
+die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.
+
+Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich
+davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd
+und denkend äußert.
+
+ Herz Kopf
+ Gott Mensch
+ Müssen Wollen
+ Bilden oder wachsen lassen Machen
+ Taten tun Überlegt handeln
+ Ideen haben Denken
+
+Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische
+setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden
+dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel
+verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch:
+Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß
+bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir
+bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn
+gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben;
+diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun
+lassen.
+
+Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm
+nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen
+Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und
+keine Kraft.
+
+Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue,
+so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch
+schaffen.
+
+Wie befremdet zunächst das Wort: »Was Gott nicht geboten hat, das ist
+verdammt.« Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer
+Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser
+werden, der ist selig. #Quo dii vocant eundum# ist eine alte Devise, die
+ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so
+logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.
+
+»Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den
+Mammon, sondern auf Gott!« Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine
+weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen,
+die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme
+in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. »Alle Pflanzen, die mein himmlischer
+Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet«, Matth. 15, das heißt: Nicht
+das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die
+moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.
+
+Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die
+der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der
+nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und
+dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil
+hinausläuft?
+
+Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach
+seiner Drohung bei Jeremias: »Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf
+Erden.« Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende
+Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame
+Hang die Menschen ergriff, das #Perpetuum mobile# zu erfinden. Die
+heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den
+Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des
+Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst
+verwachsen war.
+
+
+
+
+V
+
+
+Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen
+auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig
+gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom
+antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen
+über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die _eine_ Kraft,
+von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen
+natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein.
+Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und
+christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du
+ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu
+untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz
+des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike
+war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den
+Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören.
+
+Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger
+Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß
+Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele
+wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte.
+Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir
+können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze,
+und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören
+einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das
+Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn
+nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein
+Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder
+die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige
+Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.
+
+Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist;
+denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als
+Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine
+Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das
+sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser
+Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu
+denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann
+einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt,
+daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von
+welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt,
+wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es
+geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies
+Geheimnis nicht wäre.
+
+Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist
+jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der
+göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen
+zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die
+gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind
+gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein
+als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben,
+worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu
+werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich
+nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie
+unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich
+nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen,
+obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei
+will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf
+uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen
+geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es
+durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott
+uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.
+
+Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich
+ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen
+war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie
+sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer
+mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu
+machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte,
+um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte
+aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar,
+Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung
+oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch
+etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer
+Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja
+sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst
+wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte
+nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist
+oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott;
+denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein.
+Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen
+Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen
+sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom
+unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder
+reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott,
+göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und
+dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.
+
+Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu
+beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit
+und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt
+zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der
+Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß
+sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit
+Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott
+hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei
+entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne
+das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein
+ist.
+
+Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bösen mythisch auch so
+erklären: die pure Aktivität müßte notwendigerweise die pure Passivität
+zerstören; die Aktivität muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand
+setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt
+wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einbläst, ihm
+einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbständig für sich
+benutzen nicht nur darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine
+zerstörende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den
+merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein muß,
+damit Gott kein Teufel ist.
+
+Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, der Mensch,
+oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wären ein und dasselbe.
+Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum
+des Menschen, seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die
+Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewußtsein
+der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch dies Bewußtsein, daß alle
+erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen der göttlichen Kraft sind, nicht hat,
+sondern seine Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel
+verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein
+Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch
+erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der
+Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Körper ist.
+
+Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf
+ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen Art nach muß jedes Wesen überall und
+immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei der
+Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander wohnen die
+Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, heißt es bei Schiller.
+Durch die Undurchdringlichkeit der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht
+nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff und nicht nur
+Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem
+gegensätzlichen Verhältnis, indem der Schatten wächst, wenn das Licht
+abnimmt, und umgekehrt. Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann
+aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt sich vom Teufel
+sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Körper, ist
+aber von der körperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel
+häufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch denkt
+und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der
+selbstbewußt gewordene Mensch das mit Absicht ausführt, was der instinktive
+Mensch unbewußt tut.
+
+Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist
+der Mann. Es würde, da es unzählig viele Ichs gibt, ein beständiger Krieg
+aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine
+passive Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist das
+Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, ist schon daraus
+ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung ihres bewußten Willens,
+Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der
+Schöpfungsgeschichte weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte;
+denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, wenn Gott gestürzt werden
+sollte, und ihre Schwäche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut,
+selbstlos, deshalb aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich
+dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst
+möglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Güte, sondern den
+Selbstsüchtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann.
+Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres
+Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die
+Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu
+verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage
+und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu großen
+Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken vertritt. Oft
+allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine
+teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die
+Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, weil
+keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz
+weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und
+Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den
+reinen Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu stark,
+der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will.
+
+Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, wie ihrerseits die
+Frau auch eine aktive Seite hat. Der bloß aktive Mann wäre ein Teufel,
+etwas nicht Existierendes, die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es
+ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist
+auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede
+Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne
+aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, teuflisch, wie
+die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, unselbständig, Gott
+angehörig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott näher, als
+er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das
+Verdammungsurteil der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache immer Liebe
+zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu
+erklären, daß alte Theologen der Frau die Fähigkeit absprachen, in den
+Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch:
+»Wenn aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber predigen.«
+Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung
+durchzumachen, in der Weise, daß der Mann seine passive, die Frau ihre
+aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da
+sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität fließen, immer
+wieder in dieselbe zurücksinkt.
+
+Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische in sich und außer
+sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die Notwendigkeit, ich möchte
+sagen die Würde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, daß er ohne
+den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen
+wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott lieb wären, wenn sie
+zur wahren Erkenntnis führten. Es ist der Fehler vieler sogenannten
+Frommen, daß sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem
+Himmel träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie
+Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder
+naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang
+unerträglich langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel ein
+Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern
+gegenüber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, daß Gott auch
+in der Hölle gegenwärtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des
+Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer
+Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen
+Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen zu müssen, über seinen
+Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein
+Engel im landläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer Mann
+gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein
+Kind, womöglich ein Negerkind, wäre ein größeres Genie als zum Beispiel
+Beethoven -- Leute, die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott
+vermittelnden Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man niemand hindern,
+bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der
+Mehrzahl der Menschen schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich
+die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: auch maßloses
+Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste
+Rebell, war der schönste unter den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche
+Geschöpfe, obwohl sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man kann
+als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen desto größer ist, je
+größere Gegensätze es umfaßt. Das gerade ist die unsägliche Herrlichkeit
+Gottes, daß er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive
+und negative Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen
+entgegengesetzten Kräften entstehenden Spannung Leben zu schaffen.
+
+Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne des Mannes feiere? Ach,
+die modernen Männer haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine
+Zeit ist um. Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt gerade
+noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit zu entzünden, die
+Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich weiß nicht, wie weit das auf
+dich paßt; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen
+eingemauert. Wäre nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen?
+
+Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, haben Gott gern
+das Böse zum Vorwurf gemacht, haben gemeint, sie, als Gott, würden eine
+Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das
+Aussterben des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn der
+Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, denen er sich
+in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, daß die
+Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr,
+bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht
+machen.
+
+Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie
+Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso
+berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch
+Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele
+junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu
+erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es
+gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht
+Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber
+du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für dich allein
+Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich auf dich
+verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine
+Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht
+bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhörst, beendet.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Geliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, du sagst, ich hätte
+anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr
+freue ich mich darüber. Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel
+hat die Wurzel #dev#, was im englischen Worte #devil# noch deutlich zu
+erkennen ist, und #dev# bezeichnet das Göttliche. Ich will nun aber zum
+Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, wo ich sagte, daß Gott in
+seiner Majestät unzugänglich sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre
+den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend. #Non
+est opertum quod non reveletur#: es ist nichts verborgen, das nicht
+offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach.
+
+Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft oder Natur.
+
+Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe.
+
+Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist.
+
+Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander,
+sondern auch nebeneinander, so daß er immer und überall zugleich in der
+Natur und in der Menschheit da ist.
+
+Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft offenbart, ist der
+Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, »der da
+wachsen läßt«, eine Idee, die in der Sprachwurzel +phy+ ausgedrückt war,
+von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen
+stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater alles hat wachsen lassen,
+was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen,
+die gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmächtigen
+Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller
+Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschließt. Er ist das
+Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was
+unablässig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen uns zu
+Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Künstler, der nach dem
+schönen Ausdrucke Dürers voller Figur ist.
+
+In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß der Mensch nicht
+eine einzige lebendige Rose selbst machen könne. Man hätte darauf antworten
+können, daß sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der
+unseren Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von
+innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst machen, nur daß wir es
+nicht mit bewußten Willenskräften tun, sondern mit jener instinktiven
+Kraft, die nicht von unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott.
+»Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt«, heißt es bei Schiller.
+»Es ist der Geist, der sich den Körper baut.« Es ist deshalb, nebenbei
+bemerkt, nicht anders möglich, als daß das Äußere das Innere offenbart.
+
+Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch
+mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Höhlen und Nester durch Tiere und
+Kunstwerke durch die Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände
+wählt er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen der
+Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, Menschen der
+ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche
+Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der
+Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche
+Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen Tiere; neue Arten
+sind nachher nicht mehr erschienen.
+
+Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im
+Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen
+menschlichen Kraft, man kann der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum
+Teufel. Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe
+des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb
+der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulösen, drückt Goethe
+mit den Worten aus: »Die Natur hängt immer zum Verwildern hin«, den aktiven
+Schiller: »Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.« Der
+Widerstand, den Chaos und Elemente fortwährend dem göttlichen Bilden
+entgegensetzen, läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine
+göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist
+nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich
+ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht
+durch die Ablenkung, die die reine göttliche Linie durch den Widerstand des
+chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser die Linie der Natur
+nennen. In der Kunst ist sie für die instinktive, volkstümliche Kunst im
+Gegensatz zur idealen, persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff
+des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem
+Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Maße, wie es sich auswirkt,
+als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind
+deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre
+Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Städten, Domen,
+Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie
+können sich nur unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer
+entwickeln.
+
+Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt
+sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die
+geformte Persönlichkeit entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen
+ist ein solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und
+weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch
+nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem
+Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes,
+nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann das Chaos
+ersetzen.
+
+Jede antikisierende Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit beruht auf
+erschlaffter Persönlichkeit und Ideenmangel. Mit antikisierender Richtung
+meine ich aber nicht die italienische Renaissance; denn diese war ein
+natürliches Wiederaufleben antiker Formen im selben oder nahverwandten
+Volke.
+
+Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, daß Luther zwar
+nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber klar erkannte, dass Gott sich in
+der Natur offenbart. Luther war ein leidenschaftlicher Gegner des
+Klosterlebens, darin mit den meisten seiner Zeitgenossen übereinstimmend.
+Es ist charakteristisch für ihn, daß er es nicht wie diese in erster Linie
+auf die Mängel in der Lebensführung der Mönche hin bekämpfte: er hätte
+wahrhaft aszetische Mönche mehr getadelt als unsittliche; sondern er ruhte
+nicht, bis er den Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens bloßgelegt hatte,
+daß nämlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, sondern von
+Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der Welt Wert haben könne, während
+es doch gerade vor Gott Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen
+nach, daß Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes sind, und
+daß die Mönche sie als besondere Gebote nur deshalb errichtet haben, um die
+göttlichen zu umgehen; denn sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich
+dem allgemeinen Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, um
+als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Körper zu besitzen, sie
+geloben Keuschheit, um sich entweder ihren Begierden ungezügelt im
+Verborgenen hinzugeben, oder um natürliche Begierden gewaltsam zu
+unterdrücken. Er wies nach, daß Paulus zwar den angeborenen Trieb zur
+Keuschheit als eine göttliche, das heißt geistige Gabe gerühmt hat, daß die
+Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit aufzwingen will,
+nur Keuschheit innerhalb der Ehe.
+
+Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch erwarte, Luther
+werde den Beweis, daß Gott die Ehelosigkeit nicht geboten habe, aus der
+Natur führen, er habe aber, als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan,
+sondern sich nur auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so,
+vielmehr sagt er: »Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, daß sie zusammen
+sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen anderen Stand«, außer wenn, wie
+schon gesagt, die natürliche Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur
+»wider eingesetzte Natur« soll man nicht Jungfrau sein wollen. »Also sage
+ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, daß wir tun wie unsere Eltern,
+Kinder zeugen und nähren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und
+eingepflanzt. Das beweisen die Gliedmaßen des Leibes und tägliches Fühlen
+und aller Welt Exempel.«
+
+Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, indem er als gut
+und beglückend nur das will gelten lassen, was unser Herz, also die
+Vertretung des Göttlichen in uns, fordert. »Gott hat auch seine Richtschnur
+und Kanones«, sagt er in den Tischreden, »die heißen die zehen Gebote, die
+stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon das, was du
+willst dir getan haben, das tue du einem andern auch.« Man solle überhaupt
+die zehn Gebote nicht deshalb halten, führt er an anderer Stelle aus, weil
+Moses sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, sondern
+weil das natürliche Gesetz nirgends so fein und ordentlich verfaßt sei wie
+bei Moses. Einen Gott haben, sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch
+natürliches Gesetz, wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wüßten, daß ein
+Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot der Liebe, in welchem
+alle Gebote des Moses aufgingen: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst.«
+»Sonst, wo es nicht natürlich im Herzen geschrieben stände, müßte man lange
+Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen annähme; es muß es auch
+bei sich selbst also finden und fühlen, es würde sonst niemand kein
+Gewissen machen. Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt,
+daß sie solch Gesetz nicht allzeit fühlen.« Das natürliche Gesetz sei allen
+gemeinsam; daneben könnten die Völker ihre eigenen Ordnungen haben, wie die
+Sachsen den Sachsenspiegel, die aber nur dem betreffenden Volke, nicht
+allen Menschen verbindlich wären.
+
+Daß man den Sabbat oder Sonntag feiere, müsse man nicht tun, weil es Moses
+geboten habe, sondern weil die Natur lehre, daß Mensch und Vieh sich
+jezuweilen einen Tag erquicken müssen. In Krankheitsfällen rät er, entweder
+natürliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu Gott zu beten;
+wieder das Natürliche dem Göttlichen gleichsetzend. Das Recht betreffend
+sagt er, ein gutes Urteil könne nicht aus Büchern gesprochen werden,
+sondern aus freiem Sinn daher, als wäre kein Buch. »Aber solch freies
+Urteil gibt die Liebe und natürliches Recht, des alle Vernunft voll ist.«
+Es sei eine Schande, sagt er, als er zur Gründung von Schulen ermahnt, daß
+man sich reizen lassen müsse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch
+die Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther häufig auf
+die Natur, als in der Gott sich offenbare, die aber vom Teufel verderbt
+sei. Dieser Umstand, daß die Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn
+das ist ja Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, wird
+von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil Luther so umfassend
+blickte, wurde und wird er mißverstanden. Es gibt viele, für die alles
+Natürliche schon göttlich und vorbildlich ist; andere, die das Natürliche
+dem Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu können
+glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott zugehörig geschont
+wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, sagte er, keine neue Kraft,
+sondern werde in ihrer alten bestätigt; da demnach eine und dieselbe Kraft
+im Menschen ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstört
+wäre? Die »selbsterwählte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit über den
+eigenen Leib« ist ihm verhaßt, »daß wir uns selbst also ums Leben bringen,
+so doch Gott geboten hat, man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht
+töten«. Kasteiung dürfe nur getrieben werden zur »Dämpfung der
+Unkeuschheit«, nicht bis zur »Verderbung der Natur«. »Wo aber dies Ziel
+übergangen wird, und die Fasten usw. höher getrieben sind, denn das Fleisch
+leiden kann oder zur Tötung der Lust not ist und damit die Natur verdorben,
+der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, daß er gute Werke getan
+habe ... Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost,
+und so viel an ihm ist, ist er sein eigener Mörder geworden. Denn der Leib
+ist nicht darum gegeben, ihm sein natürliches Leben oder Werk zu töten,
+sondern allein seinen Mutwillen zu töten.« Aus diesem Satze, daß
+Gerechtigkeit zwar geschehen müsse, aber nur soweit die Natur dabei
+erhalten bleiben könne, leitet Luther unter anderem ab, daß Aneignen
+fremden Gutes, um den Hunger zu stillen, nicht als Diebstahl betrachtet
+werden dürfe, wie in den Sprüchen Salomonis steht: »Wir sollen den Dieb
+nicht verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, wenn ihn gehungert
+hat«, was auch nach unserem heutigen Gesetze Geltung hat. »Gott hat seine
+Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkommen,
+sondern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind
+sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergissest, daß Gott
+den Leib geschaffen habe, die Seele und den Geist, und daß er will, du
+sollst dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, du
+nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.« Welche Kühnheit in
+diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen einschließen! Luther deutet sie
+selbst an in den Worten: »In der Not sind alle Güter gemeinsam.« Du weißt,
+mit welcher Härte er den aufrührerischen Bauern entgegentrat, und wie er
+überhaupt jede gewaltsame Auflehnung gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch
+so ungerecht, verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, werde
+Gott einschreiten. Es können Fälle eintreten, wo Gottes Gebote nicht mehr
+Gebote sind, wo Krieg oder Revolution notwendig werden; aber kein einzelner
+darf das machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen könnte, würde es
+rechtfertigen, sondern die Not muß es bringen, die Natur, durch die Gott
+seinen allmächtigen, unwidersprechlichen Willen verkündigt, wenn der Mensch
+entartet, vom göttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt
+geschichtliche Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen
+eintreten, weil die menschliche Willkür so überhandgenommen hat, daß die
+Natur unter Menschenwerk ersticken würde, wenn sie es nicht verschlänge.
+Solche geschichtlichen Naturereignisse nennen religiöse Menschen mit Recht
+Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber infolge menschlicher
+Verirrung notwendig, von Gott gewollt, um die Natur vor gänzlicher
+Verderbung zu retten. Schiller vergleicht die Empörung der Natur mit dem
+angeketteten Löwen, der »des numidischen Walds plötzlich und schrecklich
+gedenkt«. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgeführt und insbesondere in
+die bekannten Worte gefaßt: »Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht« und »Gott
+hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen«. Es ist durchaus
+lutherisch gedacht, daß die Revolution nicht von Tell, sondern vom Volke
+ausgeht, dessen Gesamtwillen er nur in einer Tat vollzieht, die ihm die
+Notwendigkeit im Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.
+
+Niemals erscheint Luther als grämlicher Gegner der Lebenslust, sondern er
+ermuntert zur Freude. Er erinnert daran, daß Christus selbst auf der
+Hochzeit erschien und Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die
+schönen Worte des Predigers: »Gehe hin fröhlich, iß und trink und wisse,
+daß dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit laß dein Kleid weiß sein und das
+Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. Genieße dein Leben mit dem Weibe, das du
+lieb hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.«
+Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, daß das Werk Gott wohlgefalle:
+wer ohne inneren Frieden genießt, dem ist es Unrecht.
+
+Was für Beschimpfungen und Verdächtigungen hat Luther während seines Lebens
+und nach seinem Tode über sich ergehen lassen müssen, weil er die Natur
+heilig hielt. Es ist eigentümlich, daß den Menschen eine Art Wut innewohnt
+gegen alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder am
+begreiflichsten, wenn man sagt, daß es der Teufel ist, der die Natur Gott
+entreißen und für sich haben will. Sollte einer, den Lorbeer krönt, auch
+Rosen tragen dürfen? Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen
+zu Christus Füßen liegen? Weil Luthers Lebenswandel keine Angriffspunkte im
+Sinne der Welt bot, warf man ihm vor, daß er seine Frau aus Liebe
+geheiratet habe; andere wieder finden, es sei nicht friedlich und
+salbungsvoll genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man ärgert sich so
+darüber, daß er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer sich
+ärgerten, daß der Leib des Herrn im Brot und Wein sein sollte.
+
+
+
+
+VII
+
+
+Ich erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand als dies: Du mußt
+nicht immer alles auf einmal sagen wollen. Aus deiner Handschrift schließe
+ich wohl nicht mit Unrecht auf dich als Urheber und antworte dir, daß das
+schwer zu vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die immer nur
+von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich weiß, wie das ganze Mammut
+aussehen muß; wenn es mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert,
+so hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du freilich recht,
+daß es uns nicht eilt: die herbstlichen Nächte sind lang, und meinen König
+schläfert nicht.
+
+An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden taten es; aber
+das wollten sie nicht glauben, daß Gott sich um die Menschen bekümmere. Da
+der Denkende auf eine letzte Ursache aller Erscheinungen stößt, so ist er
+an Gott zu glauben sogar gezwungen, wie es in der Bibel heißt: Die Toren
+sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher Epikureer bist du
+vermutlich auch, wie Luther diejenigen nannte, die den fleischgewordenen
+Gott ablehnten. Daß Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem,
+als daß das Sein überhaupt wird; und so müßte der, welcher glaubt, daß
+Gott sich in der unbewußten Natur offenbart, auch glauben können, daß er
+Mensch wird. Wie dem aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist
+uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, es müsse heißen
+#verbum caro facta est#, nicht #factum est#, da das Werden sich nur auf das
+Fleisch, nicht auf das Wort beziehen könne.
+
+Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende Geist der Griechen
+allmählich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Maße, wie er
+das tat, erlosch der Glaube an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh
+taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten
+sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man
+setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle
+Götter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in
+Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem
+geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. »Nun verkündige ich euch
+denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut«, sagte er zu den Griechen.
+Es erscheint zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu
+erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, daß aber dieser
+Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht erschien, sondern der Unbekannte
+blieb. Es hatten sich einst unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen
+Göttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder
+Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte
+Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies
+nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, sondern persönliche Götter waren,
+und das Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person
+aufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, um die Olympier vom
+Throne zu stoßen. Jehova hätte das nicht sein können, der nur ein
+persönlicher Gott mehr in der Götterrepublik war, und dasselbe war mit
+jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die
+Idee des _einen_, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer
+gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlösbare wurde
+gelöst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im
+menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In
+dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen.
+
+Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche Geist war zu der
+Erkenntnis gereift, daß das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes
+ist; daß die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch
+Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist
+lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den
+letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen.
+Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die
+Verkündiger selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch
+geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich gerade diese Lehre
+so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe, die
+Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe
+der Selbst-Sucht sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, so
+wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man hätte streben können; aber
+Christus bekehrte die Sünder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das
+sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch,
+wenigstens jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sich selbst als Gott
+zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, daß ein Mensch schon Gott ist,
+und daß er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem
+Gottmenschen eins macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott
+anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins
+zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fühlen sich viele Männer instinktiv
+im Widerspruch zu Christus.
+
+Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in
+Einzelbildern auf, die sich allmählich zu persönlichen Göttern verdichten.
+Diese Götter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen
+Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla,
+Himmel bezeichnen. Daß Götter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel
+sind, hat sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; die
+meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß dieser Himmel ihr
+eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren,
+außerirdischen und sogar außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den
+Sternen und über den Sternen; daß »der geheimnisvolle Weg nach innen
+führt«, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber können es fassen,
+daß der Weg auch nach außen geht, daß die im Himmel Heimischen im Fleisch
+auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare
+mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist.
+Daß Ideen Marmor werden, begreift jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt
+man täglich um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren
+werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß Adam aus einem
+Erdenkloß erschaffen sei.
+
+Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe, möchte ich dir meinen
+Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete
+Werk von Usener, das ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine
+Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte.
+Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern kindlicher
+Völker, die dadurch entstehen, daß der Mensch die einzelnen Eindrücke, die
+das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon
+erfaßt und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint,
+bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gäbe
+Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit oder Überfluß hießen: es ist
+einleuchtend, daß sie uns niemals persönliche Götter werden könnten. Erst
+wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es
+durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung nicht
+mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding für
+sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich für Beispiele aus
+der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten
+Usener. Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, die man
+gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe für Namen
+fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen
+Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, Erwünschte,
+Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die
+bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw.
+vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang
+für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name macht zur Person,
+vielmehr indem ein Ding einen Namen für sich bekommt, ist es auch ein Ding
+für sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art
+Namen, denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich
+aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der
+Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person
+zurück; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee.
+Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder
+Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persönliche
+Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben,
+deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.
+
+Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau
+ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit: #nobis res sociae verbis et verba
+rebus#, d. h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen.
+Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz,
+nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten,
+es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend
+schwingt, es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung der
+Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht mehr der
+allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge für sich, Sterne mit
+Namen. Auch den Prozeß der Bildung der persönlichen Götter nennt Usener
+einen Erstarrungsprozeß. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in
+der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz.
+Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber muß allmählich
+versiegen, woraus folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die
+Absonderung, also die Sünde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie
+zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persönliches Leben
+in sich hat. Wie erschütternd klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der
+Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, daß es
+Person werden und als solche sterben muß.
+
+Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung einer Idee ein
+Augenblick kommen muß, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das
+selbstbewußte Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden
+hat, daß Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist
+offenbar der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht
+ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann die Substanz nicht mehr
+binden, sie wird frei, und der Rückfall der Person an das All fängt an.
+Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Höhepunkt der
+Menschheit; könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht
+kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und sterben kann, so
+wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt
+unendlich ist, ist auch ihr Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus
+dann wieder folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch ist.
+Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung so aus, daß er
+erzählt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil göttliche
+Kraft, das der Mensch für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu
+werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem
+Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Gepräge,
+seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat
+die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will
+sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige
+Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern
+sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters
+gesagt, ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott
+gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man kann diesen Widerstreit gut
+verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet.
+Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus
+ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer
+ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, und in einzelnen Fällen
+ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein
+Ich von möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen
+Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, umfaßt, daß
+möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine
+solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich
+viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches
+Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. »Ein guter Maler«, sagt
+Dürer, »ist inwendig voller Figur, und obs möglich wäre, daß er ewiglich
+lebte, so hätte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk
+auszugießen.« Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie dadurch zu
+seinem Werk.
+
+Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft und Substanz durch
+eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch
+in den Tieren ist göttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an
+sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier
+hindurch.
+
+Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner Kinder eine Handvoll
+Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wünschten ihr Teil von
+dem der andern zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf,
+woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erst wäre das Geschenk
+ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen.
+Wendest du das auf das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die
+der Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die Kraft im
+Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und die Kraft müssen zuvor sich
+voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenüberstehen, wenn das
+Ich die Kraft soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren
+Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet.
+
+Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann wie ein Christ,
+»denn es hat die Meinung mit uns, daß uns der Teufel viel feinder ist und
+härter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht
+daran genügen, daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch,
+untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die Heiden. Gottes
+Wort mag wohl wehren und davor behüten, aber wenn ein Christ anhebt zu
+geizen, so wird er zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. Wo
+kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem
+Christen zehn Teufel machen könnte, so tät ers.«
+
+An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott
+sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein
+Herr, einer für sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt,
+beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden.
+
+»Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach,
+
+Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner
+Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm
+verrenkt.
+
+Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.
+
+Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
+
+Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob.
+
+Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast
+mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.«
+
+Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses,
+nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. Es ist
+natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott
+verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmächtiges Selbst, das sich
+Gott vergeblich widersetzt, ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst
+ist die Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein.
+»Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch
+sonst auf Erden denn er allein, und daß aller Trost und Zusagung Gottes hin
+und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.«
+
+Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind seinem Wachs
+aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die allmählich das Wachs aufzehre.
+Es muß dahin kommen, daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz
+überwiegt; während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske,
+die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine
+Zeitlang: der Augenblick muß kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist
+und damit auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der Mensch
+stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; das Selbstsein
+bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch
+in sich. Luther hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren noch
+ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit entsteht und
+wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes.
+
+Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder eine Blütezeit, jede
+Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen,
+daß jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk
+seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß jede Spitze
+immer nur in bezug auf andere hoch ist, und daß der Höhepunkt eines
+Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann.
+Je mehr er sich dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man
+berechtigt, von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein Genie,
+sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner Familie untersuchen.
+
+Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, der Höhepunkt seiner
+Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da,
+damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem
+Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit
+und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim
+gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der
+Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven schon in ihren
+Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, die wir kennen und verehren,
+würde uns näher und näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen
+Nebel auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild
+sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt
+es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und
+nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede
+höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt, so daß durch
+die höchste alle früheren gebunden sind und zu ihr gehören; das vollendete
+Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner
+Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor
+der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns sein, die Geschichte
+seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher
+werden, je näher sie ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß
+wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wäre.
+Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von der übrigen Menschheit
+unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, so hat er das Göttliche, das,
+was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir können auch
+sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder
+die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen mit seinem
+leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber
+wenigstens vorübergehend kann es sie binden, daß sie mit ihm eins werden.
+Das Genie ist androgyn, männlich und weiblich zugleich, wenn auch im
+allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende
+Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist.
+
+Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die
+vergangenen, sondern auch die zukünftigen Stufen seines Lebens gegenwärtig
+geworden, das heißt: nach dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts
+Neues mehr kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach dem
+Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten Bindung und
+Verdichtung muß die Auflösung kommen. Es ist bekannt, daß der geniale
+Mensch sich körperlich nicht fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht
+fortpflanzungsfähig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft
+sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunkt die göttliche
+Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre auch widersinnig, wenn sie noch
+fortlebte, nachdem sie durch ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr
+letztes Wort gesagt ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien
+aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit ihrer
+Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der
+Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher
+Kruste oder den »Erlenmädchen hinten hohl« des Andersenschen Märchens.
+Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die
+Stelle der kraftvollen Persönlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz.
+
+So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte
+Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der
+Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit
+hinzugehört als der Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der
+Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr
+Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine
+persönlich-göttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet,
+unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, daß er
+Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst
+bindet das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen Genie ist
+doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das größte menschliche
+Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus
+vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus
+umfaßt zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; wer
+eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen
+Mittelpunkt gebundene menschliche und göttliche Kraft.
+
+Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit nicht deshalb Gott
+ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen
+nämlich die Menschen gern. Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der
+Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit
+hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen
+sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier,
+sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden,
+wie Christus durch seine Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der
+Menschheit. Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze
+nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist überflüssig, es weiter zu
+verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und
+Luther Christus als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit
+auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen.
+
+Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick
+öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der Übermensch schon da war,
+Übermensch außer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen,
+das heißt eigentlich schon wahnsinnig sind?
+
+Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher
+Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es gäbe nur noch Rückblick.
+
+In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das das jüdische Volk,
+in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der
+Dekadenz +kat exochên+, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit
+denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus
+nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist;
+nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder
+gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel
+müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben,
+in andern Völkern aufzugehen.
+
+Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß Menschen und Völker
+so gern aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft schließen. Es
+ist sogar verdächtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu
+reden. »Denn das sollt ihr wissen«, sagt Luther, »Gottes Wort und Gnade ist
+ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist.
+Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts.
+Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Türken.
+Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun
+den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben
+werdet.«
+
+Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der
+Produktivität und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand
+nennen, wo die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es möge
+jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein,
+jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft.
+
+In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das
+heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als
+der Spitze der Menschheit erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder
+das Ende der Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen
+seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz
+wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen muß man sich doch Christus
+nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es
+gibt dann allerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber
+gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben.
+
+Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und
+nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, daß Christus sich
+noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn
+wir sie aber durch den Glauben zurückgewinnen, können wir sie prägen.
+
+Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es für
+sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fühlen uns als Bürger der
+sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden
+Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst
+stärker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr
+Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein
+grenzenloses Wollen und sind dadurch entkräftet und ziellos, wenn wir nicht
+durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann
+auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der
+Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des
+Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik
+sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken
+Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und der Antike auf
+Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend hemmend auf ihn
+gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft
+fühlte. Luthers und Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel
+organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer
+Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung,
+sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein mit
+der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltsein vom Gotte
+ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein »im
+süßen Wahnsinn rollendes Auge« verhüllen, so erhalten wir nicht den
+Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.
+
+Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die
+Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurück: das Auseinandertreten
+der beiden Pole, des Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und
+des Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die
+Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. Das persönliche Genie
+gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm
+dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.
+
+Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, daß zu
+Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nämlich in den römischen Kaisern.
+Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts
+Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich
+verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er zu der Zeit am mächtigsten
+sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am größten Gegensatz entzündet sich das
+reichste Leben. Diese Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in
+Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf
+beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten.
+Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange;
+aber er besteht nicht etwa darin, daß Luther und Deutschland überhaupt
+durch die Unsittlichkeit des römischen Lebens zur Einsicht in die
+Notwendigkeit einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer
+Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen
+solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen für beide
+Völker, wenn dies Band zerrisse.
+
+
+
+
+VIII
+
+
+Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht
+eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst,
+damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische
+Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph
+nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.
+
+Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt
+von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er
+den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive
+Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur
+weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz
+haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde
+entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die
+damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt
+deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind
+verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen
+das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger
+Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter
+mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein
+mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt.
+
+Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste
+vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor,
+damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein
+Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft;
+die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen Geist selbst,
+welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. »Das
+Ewig-Weibliche zieht uns hinan.« Der Vater gibt das Fürsichsein, die
+Persönlichkeit, die Mutter das Allsein.
+
+Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater
+aller Menschen. »Denn wer da bekennt«, heißt es bei Luther, »daß eine
+Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten,
+daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob
+sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß
+keine Frau eines Kindes Mutter wäre.« Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht
+zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von
+Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede
+Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und
+menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst?
+»Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten«, sagt Luther an anderer
+Stelle ironisch, »auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine
+Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas,
+hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein
+behandeln!« Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir
+anführen: »Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war
+Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen.
+Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das
+Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und
+gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.«
+
+Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung
+des Sündenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen
+Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme
+Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt.
+Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen
+hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den
+Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das
+bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater
+empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur
+Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel
+versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf
+dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht
+fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes
+heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade
+weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie
+ihm keine dauernde Kraftquelle sein.
+
+Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der
+Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden
+wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden
+Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß
+hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf
+kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die
+Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort
+wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist
+Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher
+Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte;
+Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig durch die
+Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich
+allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was
+unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie
+Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie
+geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und
+hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des
+Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter
+schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus
+dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht
+sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den
+Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte,
+hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist
+Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.
+
+Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich
+leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe
+führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen
+möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne
+seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er
+sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie
+ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott
+betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.
+
+»Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt«, sagt Goethe. Diejenigen Söhne,
+deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt
+nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann
+verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht
+gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am
+wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als
+den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat,
+vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so
+waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine
+besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität
+eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade
+immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie
+aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern -- und
+das sind jetzt alle -- Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und
+sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den
+nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht
+Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr
+heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit,
+ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm
+ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade
+diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem
+Schutze Gottes.
+
+Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der
+wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria,
+der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie
+der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich
+Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden,
+Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll
+freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von
+Goethe:
+
+ Volk und Knecht und Überwinder,
+ Sie gestehn zu jeder Zeit:
+ Höchstes Glück der Erdenkinder
+ Sei nur die Persönlichkeit.
+
+Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies
+höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel
+dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er
+Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte
+es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes
+erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern
+auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in
+dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen
+Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte:
+Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in
+die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung
+der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte
+sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes
+ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich,
+weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein.
+Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren
+aufzugehen, ist in der Hölle.
+
+Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle,
+liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter,
+mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch
+gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus,
+unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des
+Menschen zu Gott gehört zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments.
+Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr
+seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst
+im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind,
+zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine
+Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis
+Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer.
+In bezug darauf schreibt Luther: »Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist
+Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch
+nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott
+Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott
+Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie
+sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden,
+daß Gott Mensch sei.« Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen
+Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie
+bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte
+wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich
+klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran
+auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt
+Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im
+Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat.
+
+So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt
+bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du
+so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind
+auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie
+der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.
+
+In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der
+Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von
+Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder,
+und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar
+machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der
+Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der
+Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus
+ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen;
+aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke
+durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig
+machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort
+schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es
+sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus
+machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er
+lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen
+Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß
+er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er
+selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war.
+
+Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre
+Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und
+Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person
+offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das
+selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare
+und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden
+durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein
+verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen,
+es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich
+betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es
+selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß
+erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche
+Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch
+ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein
+Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein
+Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der
+nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus
+dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich
+gemußtes und gewolltes Handeln.
+
+Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem
+Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus
+sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen
+möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die
+Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder
+Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie
+Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um
+Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere
+stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt
+Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus
+anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen
+könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er
+fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen,
+sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht
+gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das
+alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns.
+
+Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus
+dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich
+blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel
+Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder
+Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das
+selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann.
+Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es
+ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht
+unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus
+siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern
+beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.
+
+ Und solang du das nicht hast,
+ Dieses: Stirb und werde!
+ Bist du nur ein trüber Gast
+ Auf der dunklen Erde.
+
+Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum
+von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die
+Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern
+daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen
+vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet
+sich doch jeder in ihm wieder.
+
+Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir
+nicht fragen; denn er soll für uns weniger der historische Mensch sein als
+der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben
+das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es
+tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige
+Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und
+diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt
+haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in
+Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen
+der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie
+idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer
+schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige
+Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man
+darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die
+Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.
+
+Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön
+darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken.
+Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die
+Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden,
+weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt
+sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als
+Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas
+Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie
+auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß.
+Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher,
+weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er
+sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das
+maßlos Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich
+ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen
+Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus
+das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er
+muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden.
+Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön
+malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen
+oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet.
+Die Erscheinung strömt in das Sein über.
+
+
+
+
+IX
+
+
+Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für
+sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. »Wenn der Tröster kommt,
+welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom
+Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.« Es ist der Heilige Geist, der zu
+Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die
+Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.
+
+Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der
+Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die
+Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben,
+gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen
+Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte
+Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und
+gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich
+sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt
+überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm
+vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung
+des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die
+Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist
+oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr
+losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör
+kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen
+spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort
+und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt
+des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht
+betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die
+Religion, welches Wort von #ligare#, binden, kommt; da Gott nicht mehr
+unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie
+an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das
+selbstbewußte Ich.
+
+»Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort«, sagt
+Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und
+zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein,
+da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das
+Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und
+Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus
+war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein
+vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit
+Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die
+Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu
+erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte
+sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und
+doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott
+außer sich zu suchen.
+
+Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann
+als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn
+Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: #res
+sociae verbis et verba rebus#, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt:
+»Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.« Im
+Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war
+bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und
+Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die
+Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen
+Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere
+dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig
+wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten
+die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in
+einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet
+verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.
+
+Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch
+seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt
+hat: »Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.« Dagegen steht
+Luthers Ausspruch: »Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist,
+denn Reden.« Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen
+Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör
+ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde
+ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er
+war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet,
+daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die
+stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das
+eigentliche Genie, das Genie +kat exochên+, weil er die vorangegangenen
+Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der
+Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf
+seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche
+ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat.
+Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man
+auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im
+Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter
+ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt
+es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu
+sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw.,
+und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.
+
+Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters
+ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie
+wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte;
+das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen
+ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich
+hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch
+die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die
+Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der
+letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den
+Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die
+Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder
+große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich
+finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten
+Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen
+Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf
+reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher
+bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe
+dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.
+
+Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und
+Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder
+auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit
+Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber;
+du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ
+bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes
+ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft
+ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit
+oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und
+Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten,
+daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein
+gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut
+und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im
+Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter
+mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge
+scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem
+verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er
+fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran
+man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus,
+die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott
+geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu
+ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott
+sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er
+eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit,
+daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen
+Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da
+der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient
+wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie
+überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort
+ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem
+Göttlichen, zeigt.
+
+#Verbum Dei manet in aeternum#, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter
+diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst
+von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel
+mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken
+und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel
+waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an
+welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht
+jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an
+einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er,
+daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß
+Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun
+werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große
+Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen
+Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der
+Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse.
+Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen
+Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in
+der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem
+Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner
+Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen
+Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man
+Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von
+Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande
+ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder
+nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt
+er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die
+aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von
+Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität
+ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das
+Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei
+Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.
+
+Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie
+man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl
+er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich
+ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: »Und wenn auch solche reiche gute
+Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen
+Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn
+da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel
+besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt
+in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.«
+Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse »frei aus dem Herzen gehn ohne
+alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen,
+darnach das Herz brennt«. In den Psalmen heißt es: #Audiam quid loquatur in
+me Deus#; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere
+Vorschrift für einen Dichter.
+
+Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: »Das erste, was aus dem Herzen
+bricht und sich ergießt, ist das Wort.« Aus dem Herzen strömt Geist, und in
+dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des
+Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung
+haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie
+verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.
+
+Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus
+Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort
+sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und
+Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen.
+Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. »Er schafft ja nicht als
+durch sein Wort«, sagt Luther, und Paulus: »Gott ruft oder nennt das da
+nicht ist, daß es sei.« Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des
+göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden,
+daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel
+sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist
+sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt
+sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht
+erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde
+Licht! die Welt da war.
+
+Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der
+Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. #Abundantia cordis
+os loquitur#, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte
+bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist
+bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen
+Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da
+sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen
+kann: »Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott
+erbitten sollten.«
+
+Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde,
+sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich
+aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder
+auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem
+jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die
+wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die
+Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der
+Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das
+Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also
+auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem
+Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied
+zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.
+
+Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen
+Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck,
+die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen
+Fremdling widersetzen.
+
+Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der
+Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen
+keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift
+übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des
+heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht
+der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht
+umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden,
+schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er
+ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie »aus ihrem
+Eigenen« reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, »die nicht
+können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch
+selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet -- #o furor et amentia his
+saeculis digna!#«
+
+Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der
+Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das
+Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der
+Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im
+Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich
+selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der
+freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende
+Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel
+überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen,
+habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit
+versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor
+Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu
+werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit
+Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer
+sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken
+muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der
+Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
+Gottes geht.
+
+Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich
+sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher
+aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit
+sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies
+einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden
+erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf
+besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die
+das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des
+Morgens aus dem Schlafe. #Spirat ubi vult#, der Geist weht, wo er will. Die
+Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man
+nicht eins machen: »Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich
+müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie
+Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: >Wie der Himmel von der Erde erhöht
+ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.<«
+
+Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der
+Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort
+gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen
+Menschen-und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das
+heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken,
+womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich
+nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: »Wenn die
+Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und
+urteilen die Heilige Schrift ... Also dient die Vernunft dem Glauben auch,
+daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.« Die Wahrheit
+bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das
+Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an
+einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese
+Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich
+nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann
+niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart
+er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll.
+Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu
+sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm
+aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der
+Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang.
+Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und
+das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der
+Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des
+Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können,
+sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. »Gott gibt niemandem seine
+Gnade oder seinen Geist«, sagt er, »ohne durch oder mit dem vorgehenden
+äußerlichen Wort.« Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen
+Selbstdenken zugänglich.
+
+Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die
+Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen.
+Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht
+zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner
+Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen.
+Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit
+Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen
+Begriffsvermögen anpassen. »Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich
+will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen
+singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.« Wir würden etwa
+sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit
+ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen
+überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er
+gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern
+menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser
+Zutun gibt.
+
+Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen,
+sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das
+ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr
+Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur
+dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat
+er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort
+verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft
+und den eigenen Wert. »Der Teufel«, sagte Luther, »achtet meinen Geist
+nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist
+nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache
+machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.«
+
+Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in
+der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die
+Offenbarung vernimmt.
+
+Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene
+Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen,
+die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden;
+aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der
+fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort
+hineinfallen.
+
+Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß
+an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und
+zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es
+als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich
+liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht.
+Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der
+unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen
+Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die
+Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.
+
+
+
+
+X
+
+
+Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein;
+doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was
+nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf
+gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich
+mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und
+Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen --
+denn ich kenne längst nicht alle -- Lutherbiographien gönnerhafte Klagen
+darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen,
+gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen
+man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder
+große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther
+habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den
+Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht,
+und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten
+ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an
+dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine
+Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie
+wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die
+nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an
+Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als
+einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im
+tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten,
+würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den
+Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse.
+Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich
+Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist,
+und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn
+oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer
+berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: »Ein wissenschaftlicher Streit
+war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen
+Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der
+Vernunft und den Segen der Logik.« Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner
+als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um
+die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch
+nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens
+waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers
+Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen
+könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik
+bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und
+unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt,
+wenn es im eigenen Ich gewußt wird.
+
+Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich
+ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der
+Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das
+gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur,
+was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das
+Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott
+glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so
+viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß
+Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht
+abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig
+machen konnte?
+
+Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft
+auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann,
+göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.
+
+»Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was
+sie machen, wenn sie Glauben daran haben!« Nicht glauben tat Luther, daß
+Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz
+nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm »lauter
+Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber«. Es
+möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung
+wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im
+Bette lägen. »Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen,
+närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit
+sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva
+angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.«
+
+Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die
+Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf
+Stoffliches. »Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages
+so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte;
+tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen,
+daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die
+blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.«
+
+Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das
+nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß
+er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in
+einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste
+stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der
+Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der
+Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch
+wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit
+einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer
+Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet
+sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort
+verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur
+von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden
+Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen;
+es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige
+Erscheinen Christi weissagten.
+
+Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte
+Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben
+frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann;
+der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere
+hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt,
+was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.
+
+Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung
+unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in
+der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht,
+Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich
+die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst
+vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen
+den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer,
+unterscheiden.
+
+Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und
+der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus
+hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst
+der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich,
+daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck
+Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient.
+Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er
+wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der
+Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack
+steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst
+Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf
+gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er
+nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die
+sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche,
+mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die
+Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das
+Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich,
+zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut
+hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in
+Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an
+Melanchthon: »Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre
+urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann
+unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer
+Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die
+Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich
+verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?« Wie
+sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner
+nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!
+
+Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja
+sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des
+Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und
+Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den
+eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer
+Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn
+kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben
+Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen
+anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem
+Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und
+diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse
+nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst
+keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist
+dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame,
+tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen
+werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt.
+Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz,
+weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden
+oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein
+bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.
+
+Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will
+vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er
+sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern
+verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert
+nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist
+nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine
+Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt,
+sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des
+Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte,
+sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche
+Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen,
+vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit
+des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der
+heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz
+verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus
+einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott
+abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann
+ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen,
+deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker
+und Zeiten sind unproduktiv.
+
+Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt
+Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die
+Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an
+Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an
+Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind
+phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral
+zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der
+Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben
+eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast
+erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen
+vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte
+Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen
+Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe
+sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was
+Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie,
+Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der
+die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er
+doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen
+beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht.
+Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder
+genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich
+starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von
+Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden,
+daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die
+schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern
+ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch
+war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in
+ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur
+stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte
+nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben
+wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen.
+Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den
+Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den
+Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders
+ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden
+und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar
+reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja
+auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen
+geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.
+
+Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich,
+es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es
+das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es
+liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also
+Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt,
+hat er alles verloren.
+
+Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen
+und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen.
+Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß
+die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene
+Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und
+Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung
+durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten
+Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch
+Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich
+reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine
+Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr
+wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem
+Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft;
+sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur »des Ahnherrn große Züge«,
+nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die
+sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und
+hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und
+gewahr würde, daß er »innen hohl« und unendlich viel schwächer ist als
+jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.
+
+Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk
+erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk
+leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die
+Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer
+Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat
+etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit
+verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an
+Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der
+Selbstanbetung und Absonderung.
+
+Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel
+des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied
+zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich
+selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein
+Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben
+ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten;
+ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der
+aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf
+mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des
+Todes geweiht ist.
+
+Luther sagte einmal: »Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große
+Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin
+zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch
+danken kann.« Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott
+verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran
+nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die
+Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das
+Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß
+sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch
+gehört.
+
+
+
+
+XI
+
+
+Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott
+ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch
+und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die
+göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und
+Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der
+Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die
+ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber
+unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz
+zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem
+menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren
+Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als
+unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich
+hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft
+sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die
+Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von
+Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir
+glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose
+Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist
+geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im
+Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm
+die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.
+
+Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt
+Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch
+die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei
+das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt
+Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende
+Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der
+ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß
+euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die
+Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.
+
+Den Geist beschreibt Luther als den »höchsten, tiefsten, edelsten Teil des
+Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge
+zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort
+innewohnt«. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem
+anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn
+wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der
+Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die
+Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und
+die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die
+Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu.
+Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein
+Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen
+Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht
+sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen
+Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem
+Körper.
+
+Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei
+ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das
+Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist
+und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos
+auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt
+ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das
+Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die
+Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der
+zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts
+hervortreten.
+
+Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll,
+und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in
+der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen
+Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das
+eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen
+seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter
+verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen
+dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das
+geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige
+Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel
+auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das
+Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von
+Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu
+Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir
+viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist
+der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein
+vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich
+habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre
+des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu
+stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die
+Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele
+das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt,
+früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr
+Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.
+
+Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht,
+und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der
+Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß
+er an Wallenstein die »allzeit wachen Gedanken«, das emsige, unruhige Gemüt
+als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns
+als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem
+stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das
+Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im
+Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und
+Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen
+hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen
+Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos
+aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden
+kann.
+
+Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden
+wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist
+das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen
+am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes
+Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem
+Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es
+vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein
+klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen
+und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich
+sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht
+hineinkommen.« Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich
+weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich
+das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des
+Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.
+
+Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich
+gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor
+allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht
+sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem
+seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast
+übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies
+Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in
+Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das
+gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.
+
+Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die
+Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die
+Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die
+Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der
+freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner
+Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit
+ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der
+Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man
+zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die
+»Heimlichkeit des Herzens« zu erforschen; denn über das Herz hat kein
+Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich
+vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. »Die
+Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden,
+wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde
+Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und
+Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.« Auch
+vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im
+Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber
+auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine
+gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott
+gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn
+Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen
+ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich
+Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den
+Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und
+Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus,
+daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. »Es sind
+Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie
+werden fortan nichts mehr schaffen.«
+
+Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den
+Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens
+sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für
+das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die
+meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich
+sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen
+lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch
+Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott
+gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die
+Psalmen das wahre +gnôthi sauton+.
+
+Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der
+den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit
+Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat
+begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt,
+geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich
+Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein
+schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen
+sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem
+Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur
+künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den
+Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten
+Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle
+wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich
+dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter
+nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen;
+aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu
+sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann »vor der
+Welt« nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es
+studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem
+Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört
+nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es
+für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der
+Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem
+göttlichen Dunkel reißt.
+
+Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch
+die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum
+Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten,
+lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur
+immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade;
+Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl
+auf diese hoffen.
+
+
+
+
+XII
+
+
+Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als
+körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet;
+indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines
+Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein
+leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als
+ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach
+dem Kopfe hin. »Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene
+Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es
+aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt;
+zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige
+innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch
+verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse
+bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie
+seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung
+überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben
+daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil
+auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb
+sind die großen Geister selten von großem Körper.«
+
+Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine
+Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat,
+dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre
+der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du
+Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott
+für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb
+Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht,
+in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem
+bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter
+wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt.
+Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom
+Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen
+Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des
+einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.
+
+Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem
+Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei
+aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen
+bildlichen Ausdruck. »Die Liebe Gottes«, heißt es in den Römerbriefen, »ist
+ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben
+ist.« Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz
+und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung
+mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern,
+als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb,
+weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen
+Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches,
+Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und
+Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu
+tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ,
+das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste
+Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber
+voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch
+welche die Wahrheit hindurchstrahlte. »Des Heiligen Geistes Amt ist nicht
+Bücher schreiben noch Gesetze machen«, heißt es bei Luther, »sondern daß er
+ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen
+Mut.«
+
+Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. »Der Kopf faßt
+kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende
+muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen
+will.« Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig,
+andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die
+Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht
+abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man
+kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die
+Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so
+entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er
+wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: »Große Gedanken und ein reines Herz,
+das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten«, so meint er sicherlich
+eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder,
+göttliche, nicht Menschengedanken.
+
+Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die
+Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und
+empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich
+gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das
+Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es
+sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in
+eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und
+gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem
+Meere, das es speist, ist es passiv.
+
+Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die
+einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen
+organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe,
+bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher
+ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die
+Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des
+tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die
+Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf
+ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen
+und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das
+eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier
+im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze
+Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl
+entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls
+lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und
+Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit
+wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind
+Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir
+denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind.
+Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt,
+sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem
+Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es
+seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn
+bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar,
+sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die
+Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das
+Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte
+der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als
+die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.
+
+Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und
+allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend,
+auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall
+mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt;
+es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die
+Heimat Gottes.
+
+Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus
+illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur
+theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die
+Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält,
+indem es von ihm erhalten wird.
+
+Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als
+das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers
+und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande
+entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft
+erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die
+Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches
+Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer
+als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem
+Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber
+andererseits nicht so genial.
+
+Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:
+
+ Gehirn
+
+ a[Symbol] [Symbol]p
+ \ /
+ \ /
+ [Symbol] Herz
+ / \
+ / \
+ a[Symbol] [Symbol]p
+
+ Geschlecht
+
+Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit
+Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du,
+daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig
+durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß
+deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr
+werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so
+wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung,
+das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern.
+Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als
+der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten,
+indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch
+Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper
+verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand
+gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche
+Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden
+kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die
+innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein,
+nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und
+äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele
+des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände
+überwindet, ohne sie zu töten. »Seid getrost«, spricht der Herr, »ich habe
+diese Welt überwunden.« Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt
+töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte;
+das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges.
+Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als
+ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der
+sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so
+stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört
+war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches
+Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als
+Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu
+glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer
+persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung
+nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür
+moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf
+zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn
+usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also
+leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich
+unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich
+einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der
+entfremdeten Welt versöhnen können.
+
+Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und
+Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es
+in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso
+viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur
+Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf
+mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden;
+das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück,
+das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins
+Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane
+vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem
+Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich
+hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste
+Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die
+zweite, sie über die anderer zu vergessen.
+
+Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht
+mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig
+zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen
+lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen
+Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie
+sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie
+ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.
+
+Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf
+lateinisch #caritas# oder #dilectio#, an die Mutterliebe geknüpft; die
+Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte,
+führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist
+die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches
+abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen
+öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es,
+daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das
+Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.
+
+In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine
+Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das
+Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn
+würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos
+bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.
+
+Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende
+Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und
+vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der
+durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen
+macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus,
+da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt
+und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es
+getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er
+befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht
+Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine
+Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst
+draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben.
+Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist
+eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.
+
+Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern
+auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern
+verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in
+der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht
+imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur
+darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste
+Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur
+die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an
+Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein
+eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber
+eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den
+von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene
+Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in
+der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint,
+dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er
+beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und
+den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich
+gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.
+
+Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und
+dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen,
+auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn
+man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des
+Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das
+Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn
+durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse
+beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen
+spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck
+Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche
+Gehirn zu beziehen.
+
+Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn
+ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden
+Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und
+beschleunigenden. Der #nervus vagus# und der #nervus depressor# sind
+hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name #depressor# auf die
+Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie
+aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn
+befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine
+Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels
+ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der
+Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt,
+anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen
+Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.
+
+Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die
+dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike
+Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande,
+der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig
+scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das
+trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke
+gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner
+Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen
+entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das
+Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit,
+nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen
+Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und
+Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: »In deiner Brust sind
+deines Schicksals Sterne«, »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme«,
+besonders aber die Worte Wallensteins: »Recht stets behält das Schicksal;
+denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.« Nun siegt nicht
+mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den
+Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die
+Entzweiten gewaltig zusammen.
+
+Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt,
+daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe,
+unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann
+ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge.
+Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein,
+wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber
+dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden
+werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation
+oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues
+Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen
+Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die
+Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte #a priori#
+vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen,
+dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und
+das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies
+bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches
+Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem
+Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem
+50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch
+die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung
+derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen,
+geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder
+sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher
+Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.
+
+Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir
+leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus
+Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das
+Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt.
+Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die
+Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche
+nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die
+durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu
+ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein
+starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei
+jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens.
+Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine
+schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die
+erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei,
+geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe
+Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm,
+um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu
+machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar
+überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür
+und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz,
+dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten
+Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt
+herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die
+einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.
+
+Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu
+werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der
+abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das
+enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird
+zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere,
+die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist
+Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das
+Leben.
+
+Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände,
+Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder
+Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich
+seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er
+im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung
+steigt.
+
+Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann
+eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren;
+ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu
+langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von
+Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und
+Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so
+lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome
+beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes
+Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es
+von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte
+zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl
+Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland
+förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen
+Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist
+immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa
+befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt
+leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal
+alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag
+gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.
+
+Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit
+des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht
+an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst,
+sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was
+natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt.
+Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem
+Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen
+zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich
+bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische,
+christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog
+sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war
+durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit
+Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges
+angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre
+Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren,
+wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu
+lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern
+kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem
+tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.
+
+Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der
+Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich
+diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt
+sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir
+unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise
+wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was
+hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz
+vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt
+zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie
+Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel
+setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden
+und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das
+Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des
+Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt
+Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für
+ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu
+hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.
+
+Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz
+beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn
+sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der
+Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen.
+Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles
+Herz ist die Voraussetzung dazu.
+
+Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör
+vermittelst der Predigt des Wortes. »Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.«
+Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer
+musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In
+göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der
+Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz
+mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das
+Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des
+Meeres. »Ich glaube, darum rede ich«, heißt es in der Bibel. Das Gehör
+nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich
+den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind,
+werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens
+am unmittelbarsten verraten.
+
+Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches
+Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus
+der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides
+vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche
+Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das
+heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum
+außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in
+die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu
+vernehmen.
+
+Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene
+Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal,
+den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe
+tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte
+nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund,
+der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und
+zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter,
+während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie
+ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte,
+mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen
+hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber
+weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig,
+Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der
+Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und
+Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein
+Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem
+Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.
+
+Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des
+Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem
+Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der
+nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht
+ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und
+kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so
+entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser
+mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die
+Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des
+Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht
+worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit
+gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine
+biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das
+Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen
+Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch
+hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung
+ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich
+über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen
+beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit,
+nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind
+auserwählt.
+
+
+
+
+XIII
+
+
+In den Tischreden sagt Luther: »Menschen sind dreierlei Art. Die ersten
+sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine
+verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde,
+fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz
+erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen
+mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und
+Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren
+und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die
+Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus
+willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und
+glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie
+ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott
+befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.«
+
+Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche
+Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein
+anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die
+Möglichkeit hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch
+Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt,
+das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen
+übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm
++gen+ bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten,
+Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen
+Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.
+
+Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die
+Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind
+diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres
+Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken.
+Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so,
+daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat.
+
+Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch
+das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem
+demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört,
+daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so
+wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der
+naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie
+er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein
+Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er
+sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern
+der Christen allezeit am wenigsten sind. »Und kehre dich nicht an die Menge
+und gemeinen Brauch«, sagte er dann, »denn es sind wenig Christen auf
+Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn
+gemeiner Brauch.« Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht
+gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während
+ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner
+der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange
+bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte
+er nun: »Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und
+Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.« So kam er zu derselben
+Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: »Ach, da ich irrte, hatt ich
+viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.« Unter die
+»Frevelartikel«, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß
+jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß
+jegliche Seele das ewige Leben haben werde.
+
+Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von
+einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob
+es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art
+abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen,
+und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man
+indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank
+bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist,
+Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.
+
+Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die
+am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch
+ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein
+entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den
+erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie
+nichts anderes, als was für ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich
+ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. »Sie haben ihren Lohn dahin«, sagt
+Christus, und Luther: »Sie gehen dahin.« Anders ausgedrückt: Sie stellen
+eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt,
+mitgenommen und vertreten wird.
+
+Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht
+mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art
+sind. Ihr Selbst-und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie
+eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fühlen. Sie
+haben nun zwei Seelen in sich, eine göttliche und eine tierische, in der
+Bibel gewöhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der
+Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen
+Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn
+eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine nächstliegenden
+Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu überbrücken
+oder zu maskieren. Der Welt, dem großen Haufen gegenüber ist er der
+Schwächere geworden und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn,
+weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Möglichkeiten
+überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des
+Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist
+reicher um die Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung
+in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um
+sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten,
+um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu
+überwinden. Nicht die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt
+haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche das
+Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, nach Erlösung von der
+Welt durch den Geist. Daß Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul
+nennt, den königlichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung
+klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich von »zwischen
+Sein«, zwischen dem unbewußten und bewußten Sein, die im Übergang
+Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten.
+Selbstverständlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein
+Übergewicht nach unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch
+nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine
+Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen,
+sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort
+kommt von #ligare#, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen,
+möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt zurückgeworfene Band
+unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare
+ist der Glaube; handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von dem
+gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die
+Kraft selbst geändert, aber doch ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je
+nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist,
+oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich überpersönlich
+oder gottbewußt, geistig, überwindet er die Welt als Künstler durch
+Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und
+Weiser durch die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches
+Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen Geistes auf
+verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ
+umfaßt sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann
+und Greis zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den
+Sprung in das »schöne Wunderland« nicht: Genies sind selten. Es gibt ja
+kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden wäre, Gottbewußtsein und
+Weltbewußtsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehört eine
+außerordentlich starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein
+Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. Die meisten
+zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer
+sich für den Göttertisch entscheidet, kann Ambrosia genießen und zugleich
+am Tische der Welt Gast sein. »Der Christenmensch«, sagt Luther, »ist ein
+allmächtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle
+Sünde.« Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war
+die Welt der Töne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer
+bezweifelt, daß er in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als
+irgendein Sterblicher mit gesundem Gehör?
+
+Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments
+vielfach ausführen. »Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte
+zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht
+mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.« Dieser ewige Himmel ist in
+unserem Herzen, der Geist; wir können aber nicht Geistmensch werden, bevor
+nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch
+gebrochen, irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, den
+glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten
+gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln
+so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich
+schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch und
+endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmähliches Verwandeln, bei
+dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwährend in einer
+höheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich
+gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen muß.
+Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Güter dieser Welt
+nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar
+besäßen, aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener zum
+Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch geistig arm oder arm im
+Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht
+froh werden ließe, oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder
+daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn
+befriedigte. Das Entscheidende ist, daß einem die Welt entzogen wird, und
+daß dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und
+Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und will die Welt doch
+nicht loslassen, weil man die Organe für das Reich des Geistes noch nicht
+in der Gewalt hat.
+
+Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt
+ausführlich von der Art der Berufenen, daß sie vor der Welt schwach und
+niedrig sind. »Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die
+Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.
+Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen?
+Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?... Denen aber,
+die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum,
+göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist
+weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker,
+denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel
+Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind
+berufen.« Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur
+schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und Frauen Auserwählte.
+Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von
+ihm erhalten ist, auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so
+packen können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, die
+Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit oder der
+weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenüber. Daß die genialen
+Menschen aller Völker und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen,
+sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen
+sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben;
+ebensowenig wie reich und mächtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer
+Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte,
+die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid
+und Verachtung ausrief: #Lengua d'un can!#
+
+Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und
+christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal:
+#Orandum est ut sit mens sana in corpore sano# den des heiligen Augustinus
+gegenüberstellt: Wenn wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse
+Begierde.
+
+Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität unseres Ich; um an
+das heranzugelangen, muß Gott zuerst eine Bresche in den Körper schlagen,
+in den Vorhof, der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen
+Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines geräumigen
+Schädels gegeben ist, in welchem ein großes Gehirn Raum hat; woraus
+natürlich nicht folgt, daß jeder große Schädel und jedes große Gehirn
+Bürgschaft für geistige Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als
+Magnet auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten ab,
+so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig wie sonst ernährt wird. Auch
+eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen
+vorliegen, nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie mehr
+dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder
+Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich
+Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der
+männlichere Schiller litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch
+überwand; sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes mehr auf
+natürlicher Harmonie.
+
+Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das
+Gleichgewicht im Organismus gestört, der Übertätigkeit auf der einen Seite
+steht Untätigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenüber. Man kann den
+Körper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt
+verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper morsch wird, ist das Herz
+feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu stärkerer Tätigkeit
+gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne
+natürlich, daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie es ist; er
+ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, daß die
+Auflösung bereits eingetreten wäre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr;
+der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens
+und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste.
+
+Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem
+photographischen Bilde bleiben darf, möchte ich sagen, daß bei sehr
+scharfem Licht die Platte des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird,
+daß diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein
+lebendiges Ganzes werden können. Manche Menschen scheinen allwissend zur
+Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn;
+sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr,
+als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der
+Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto
+frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft,
+sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich
+selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo
+Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, muß das Ende kommen, denn die Zeit
+ist mit ihm erfüllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem
+Spiegelbilde sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran
+gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode
+ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder
+anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles
+vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder
+Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz,
+das die Antwort gab. Von der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen
+hängt seine Entscheidung ab.
+
+Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt,
+daß geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus
+gesund sein können. Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten
+Lebens zeigen. »Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.« Eines der
+schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der
+seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden Efeu zu ernähren, schließt
+mit den Worten: »Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten
+genießen! Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?«
+
+Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde das menschliche
+Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, daß der große
+Haufe sich von der Selbstsucht leiten läßt.
+
+Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und
+Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie
+eigentlich weltfähig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Göttern
+machte, kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe
+verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing
+er früh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein
+Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. Er
+hat »sein volles Herz gewahrt«, geschont, und es ist dieser Umstand, der
+gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich
+herzschwachen Männer macht. Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz
+erlahmte verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend
+wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last
+fallen werde. Während seines ganzen Lebens hatten Perioden gänzlicher
+Erschöpfung, wo er sich lebend tot fühlte, mit den Perioden
+übermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit
+Versagen des Herzens.
+
+Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht
+gekannt oder gar verabscheut hätten, ist übrigens ganz falsch, wenigstens
+was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die
+christliche einmündete. Eine Stelle bei Äschylus lautet:
+
+ Weise macht den Erdensohn
+ Gottes Führung und Gebot:
+ Leiden soll dir Lehre sein.
+ Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual
+ Alter Schuld
+ Ihm aufs Herz:
+ Ungewollt
+ Kommt die Weisheit über ihn.
+ Strenge Wege geht mit uns die Gnade,
+ Die am Weltensteuer sitzt.
+
+Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der Gnade, die wir im
+Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus
+scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im
+Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, nicht
+geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden muß. Das arbeitvolle
+Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklärung hat man längst mit
+dem Leben Christus' verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein
+geniale Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, als es in
+Christus den unbekannten Gott erkannte.
+
+Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen und leiden
+wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch
+Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen,
+aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen
+mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen,
+die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt
+hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das
+Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das
+Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein
+Schicksal selbst.
+
+Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind,
+sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder
+unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie
+werden in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes
+zurückwagen, zertreten. Gott ist #consumens et abbrevians#, aufzehrend und
+abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das
+Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die
+Schaffenskraft. Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies oder
+die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist
+Schaffen. Luthers quälende Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt
+sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird
+das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so
+siegelt der Überwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu
+verstehen, als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise selig
+werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, und ist arbeitend
+selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt,
+erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat
+oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte
+Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das
+einfache Leben, das im Wirken besteht.
+
+Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Römer Festus
+begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du
+rasest; deine große Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares
+Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinn rollt. Auffallend finde
+ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche Sympathie und Hochachtung
+gerade einzelne Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem
+ähnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den ausländischen
+Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im
+Reiche des Geistes, das es ihnen gönnt. Die häufigen Schilderungen von der
+Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch die
+Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Gläubigen durch die
+des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen
+Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. »Das kein Auge
+gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen
+ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben«; diese überschwengliche
+Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Bürger, einem katholischen oder
+protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr »die
+Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die
+Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten und doch nicht ertötet;
+die Traurigen, aber allezeit fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich
+machen; die nichts innehaben und doch alles haben«. Die »ewige und über
+alle Maßen wichtige Herrlichkeit« gehört denen, »die nicht sehen auf das
+Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare«, nämlich auf den Geist.
+»Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit
+beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe«, das verschafft
+wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.
+
+Wenn man nicht das Wort »geistlich« beibehalten hätte, das Luther für
+geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der mit etwas Selbstgefälligkeit,
+Salbung und Tugendseligkeit so schädlich verquickte Begriff des
+»Geistlichen« gar nicht herausgebildet haben. Wenn Luther »geistlich«
+sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir
+bei dem Worte »geistig« denken und empfinden. Diejenigen, die den
+geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natürlichen,
+verweslichen tragen, die können wie Paulus in das Paradies entrückt werden
+und unaussprechliche Worte hören, die kein Mensch sagen kann.
+
+Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies gibt. Sowohl
+die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die
+sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder
+abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen
+und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, als wäre es
+etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, weil sie an die Möglichkeit
+einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und
+Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie
+ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große Berufung
+anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, daß die der
+göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen können.
+
+Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke zum Fenster, so sehe
+ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine
+Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem
+äußersten Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen Ringen
+tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brücke der
+Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.
+
+
+
+
+XIV
+
+
+Solltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der Menschheit zu
+zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere Luthers Streit mit Zwingli über
+das Abendmahl und tröste dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach
+seinem Tode begeisterte Anhänger gefunden; aber wo er am glühendsten
+fühlte, am tiefsten dachte, am größten handelte, da hat ihn niemand
+verstanden. Man begriff, daß Zeremonien ohne Glauben keinen Wert vor Gott
+haben; aber daß Handeln, auch das edelste, ohne Glauben auch ungöttlich
+ist, das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare Kirche, aber
+einen Kult wollte man nicht, außer einem solchen, der mit dem Verstande zu
+begreifen wäre, mit Gott also gar nichts zu tun hätte. Luther wollte jeden
+Kult abschaffen, den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte er
+Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte ihn heftig;
+denjenigen wollte er heilig bewahrt wissen, den Gott geboten hat, oder, was
+dasselbe ist, der mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fließt. Die Richtung
+des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des Selbstbewußtseins, des
+Verstandes, der äußeren Welt; man wollte durchaus keinen Gott haben, der,
+in der äußeren Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei Seiten
+her gefordert hätte. Als Luther denjenigen Kult einführen wollte, den Gott
+geboten hat und der aus dem Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt,
+bewunderten sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen Ärgernis
+daran, daß er, wie sie es nur auffassen konnten, sich plötzlich als
+Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und Sinnen lebende Mensch wird stets
+von denen verkannt und gehaßt werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.
+
+Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was unsere Augen aber
+nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden unter dem Unsichtbaren das, was
+nicht ist, wovon aber unklare Mystiker träumen. Sie verbannten das
+Unsichtbare in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heißt eigentlich
+nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl Christus
+unmißverständlich gelehrt hat, daß der Himmel in unserem Inneren, daß er
+menschlicher Geist ist. Indem Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte
+Luther, machte er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des
+Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. Dieser monistischen
+Weltanschauung war die Zeit Luthers nicht zugänglich, die, nachdem in einem
+genialen Augenblick Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren,
+übermächtig zum Materialismus hindrängte. Der Standpunkt Zwinglis, daß man,
+wie er sich ausdrückte, die beiden Naturen, nämlich Geist und Stoff, nicht
+vermischen dürfe, wurde auch von den Katholiken geteilt, nur daß sie sich
+nicht, wie die Reformation, auf den bloßen Geist, sondern auf den bloßen
+Stoff stützten. Sie waren Heiden ohne die kindliche Blindheit der
+vorchristlichen Heiden. Auch die heutigen lutherischen Theologen sprechen
+von Luthers Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer
+liebenswürdigen Schwäche, die man einem übrigens vernünftigen Menschen
+hingehen läßt. Daß Gott der Geist wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit
+dem Sichtbaren, scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und
+Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.
+
+Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, bezeichnet Luther die
+Taufe und das Abendmahl. Die Taufe bedeutet das Sterben des Naturmenschen
+und Auferstehen des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des
+Menschen, die sein Leben lang währen und mit seinem Tode vollendet sein
+soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur eine bildliche Handlung sein,
+sondern sie soll diesen Werdegang der Wiedergeburt im Geiste tatsächlich
+einleiten, indem in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn des
+göttlichen Wortes fällt. Das Wort ist, wie du weißt, die höchste
+Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen Menschen an das
+Unverwesliche, oder es heiligt ihn; mit den Worten der Taufe nimmt die
+Heiligung ihren Anfang. Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe
+#flaminis et sanguinis#, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines
+begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die Wiedertäufer, daß
+die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen werden, da das neugeborene Kind
+das Wort noch nicht vernehmen könne; ein Irrtum, den Luther selbst
+durchgekämpft hat. Er wandte dagegen anfangs ein, daß der Glaube der
+erwachsenen Paten für den noch unentwickelten Glauben des Kindes eintreten
+könne; später erst ging ihm die großartige Erkenntnis des unbewußten
+Glaubens auf, wie er es nannte. Er begriff, daß der Glaube ein Nichtwollen,
+ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenüber ist, und daß gerade das
+unbewußte Kind geeignet sein muß, von Gott ergriffen zu werden.
+
+Neuerdings hat man Beobachtungen darüber angestellt, daß Worte, die in
+Gegenwart von fest schlafenden Kindern gesprochen werden, obwohl nicht mit
+Bewußtsein, doch von ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken können;
+gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, der ihn
+hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewußtsein hört. Ich habe an mir
+selbst erfahren, daß in der Kindheit vernommene Worte, die ich nicht
+verstand, die mich nur durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir
+festsetzten und in mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele
+dafür in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewußt gesät und
+unbewußt empfangen wird; sie schlummern im Stoffe, aus dem das Herz sie
+hervorglühen kann, damit sie Frucht tragen. Auf der Annahme, daß Kraft
+auch da wirken kann, wo sie unbewußt empfangen wird, beruht der Segen, den
+Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden Kindern erteilen; Worte sind die
+stärkste Kraft, die es gibt.
+
+Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der Taufe zugute
+gekommen, daß es mit unbewußten Kindern umgehe, deshalb lasse man es so
+ziemlich undisputiert. In der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, daß
+die Taufe anders könnte aufgefaßt werden als eine symbolische Handlung, sah
+deshalb keinen Grund ein, sie abzuändern, und bewirkte, daß die
+Wiedertäufer in Zürich mit dem Tode bestraft wurden. Luther, der Irrende
+nur durch das Wort bekämpft wissen wollte, begnügte sich damit, sie
+auszuweisen.
+
+Ganz anders verhält es sich mit dem Abendmahl, das im Mittelpunkte des
+Kults steht und den Erwachsenen dargeboten wird. Daß im Stoff Geist, daß
+der Stoff geistvoll sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes
+gelehrt, indem sie sagten, Gott erfülle Himmel und Erde; Christus setzte
+hinzu, daß der Himmel das Herz des Menschen sei. Anders ausgedrückt: die
+Propheten lehrten, daß Gott das Herz der Welt sei, Christus, daß das Herz
+der Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der Welt im
+Selbstbewußtsein des Menschen. Der Name Testament schon deutet an, daß es
+sich um eine Vergabung handelt: der Gottmensch, dessen Seele sterben wird,
+teilt sein Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm
+geöffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte der Einsetzung
+sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist mein
+Blut, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
+Vorbereitet hatte Christus selbst das Testament durch seine Erklärung im
+6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß er das Brot des Lebens sei,
+welches er ausdrücklich als Himmelsbrot, also eine geistige Speise, der
+vergänglichen Speise gegenüberstellte.
+
+Hieronymus hat das Abendmahl #invisibilis gratiae visibilis forma# genannt,
+die sichtbare Form der unsichtbaren Gnade, das ist also der im Stoff
+erscheinende Geist. Der heilige Augustinus erklärte es mit den Worten:
+#Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum#, Das Wort zum Element oder
+Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. Wenn ich Wunder übersetze, so
+ist es nötig zu betonen, daß statt Sakrament im Griechischen +mystêrion+,
+Geheimnis steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse.
+Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, daß in der Seele, im Ich, der
+Stoff zugleich Geist ist, und weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht
+machen können, scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode wird
+unser Körper wieder eins mit der ewigen Substanz, unser Geist, sei es in
+Form, Tat oder Wort oder im Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein
+sind Stoff: wenn der Blitz des Wortes sie entzündet, erglühen sie zu Geist.
+Daß Christus das Brot wählte, geschah, weil das Samenkorn die stärkste
+Verdichtung des Stoffes ist wie das Wort die stärkste Verdichtung des
+Geistes; Brot ist die natürliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das
+Getränk, das am stärksten ins Blut geht, wie man volkstümlich sagt; das
+Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das gegebene Bild für das
+Feuerwasser, das aus dem Herzen des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und
+Blut lebte nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gären und glühen
+machte; das Erlöschen der Seele ist der Tod. Wer sich dessen bewußt ist,
+dem kann jede Speise eine Geistesspeise sein; davon aber unterscheidet
+sich das Abendmahl dadurch, daß es von der gläubigen Gemeinde genommen
+wird. Luther beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob
+einer sich das Abendmahl unter Umständen allein dürfe reichen lassen,
+abschlägig; Gott ist ja Person nur im Menschen, und die Verbindung mit Gott
+muß durch die Verbindung mit der Menschheit geschehen. Absonderung von den
+Menschen wäre zugleich Absonderung von Gott, also wäre das Abendmahl von
+einem Einzelnen genommen ein Widerspruch in sich selbst und eigentlich
+ungöttlich. Dem Wissenden für sich allein ist ja selbstverständlich das
+Abendmahl nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, so tritt
+das Wort des Augustinus in Kraft: #crede et manducasti#, glaube, so hast du
+gegessen; als gemeinsames Mahl macht es die durch den Körper Gesonderten im
+Geiste eins.
+
+Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: er dachte, Christus,
+ein edler, vorbildlicher Mensch, habe seine Jünger ermahnt, seiner nach
+seinem Tode zu gedenken, und ebenso sollten es künftig die Gläubigen
+halten, wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. Die
+katholische Kirche wollte im Sakrament den Opfertod Christi wiederholen und
+sich durch den richtigen Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso
+wie Zwingli, machte ein Werk, eine Selbsttätigkeit des Menschen daraus.
+Luther verstand die Sakramentshandlungen als Austeilungen göttlicher Kraft,
+bei denen die Menschen die Empfangenden sind.
+
+Eines der hauptsächlichen Argumente Zwinglis gegen Luthers Auffassung,
+Christi Fleisch und Blut sei im Brot und Wein, war, daß Christus zur
+rechten Hand Gottes sitze, also nicht im Brot und Wein sein könne. Man
+sollte meinen, eine so grobe Unfähigkeit, das Göttliche zu erfassen,
+springe jedem in die Augen. Sie veranlaßte Luther zu einer hinreißenden
+Schrift über die Allgegenwärtigkeit Gottes, die, von göttlichem Geist
+durchdrungen, dem milden Tadel der lutherischen Theologen nie entgeht. Die
+meisten wünschen, er möchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl sie
+recht hübsche Bilder enthalte. Wer, außer etwa Shakespeare oder Dante, hat
+solche Bilder schaffen können? Luther sagt selbst einmal, man hasse ihn,
+weil er nicht nur die Wahrheit sagte, sondern auch sagte, daß er sie sagte.
+Hätte er sich Dichter genannt, so hätte man ihn vergöttert.
+
+Begreiflicherweise mußte Luther über Zwinglis »Gaukelhimmel« lachen, »darin
+ein goldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze in einer
+Chorkappe und goldenen Krone, gleichwie es die Maler malen«. Daneben aber
+bemühte er sich ernstlich zu erklären, daß die allmächtige Gewalt Gottes
+zugleich nirgends und an allen Orten sein müsse; daß alles, was an einem
+Orte sei, an diesem Orte beschlossen sein müsse, welcher örtlichen
+Gebundenheit Gott doch nicht unterliegen könne, der vielmehr über Raum und
+Zeit sein müsse. Doch muß er »an allen Orten wesentlich und gegenwärtig
+sein, auch in dem geringsten Baumblatt«. »Darum muß er ja in einer
+jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, Auswendigsten, um und um, durch
+und durch, unten und oben, vorn und hinten selbst da sein, daß nichts
+Gegenwärtigeres noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott
+selbst mit seiner Gewalt.« Er führt die majestätischen Bibelworte an: »Bin
+ich nicht ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist?
+Erfülle ich nicht Himmel und Erde?« Er macht klar, daß Gott unbeweglich und
+unveränderlich ist, daß er nicht hin und her fahre wie die Kreatur, daß er
+deshalb an allen Orten bereits da ist, also auch im Brot und Wein, und daß
+es sich nur ums Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben.
+»Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwärtigkeit und deinem Greifen, er
+ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und muß nicht da stehen
+als ein Bube am Pranger.« Um die #penetratio corporum# verständlich zu
+machen, daß ein Leib in einem anderen sein könne, gebraucht Luther das
+schöne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglüht wird; so durchglüht Gott
+Brot und Wein, wenn wir es glaubend empfangen.
+
+Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten
+Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man
+glaube, er werde mit den Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie
+blickten hochmütig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist
+und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, daß Christi
+Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. »Wird
+Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein
+geistliches Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und
+gibt den Geist dem, der es ißt.« Für Luther, der wußte, daß Gott lauter
+Aktivität und Produktivität ist, war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen
+könnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe von
+naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er fragte, was Christi Leib
+im Abendmahl, falls er darin sein könnte, nütze sei? Es war nicht allzu
+große Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte
+Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er sich auf einen
+aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, die das Problem nicht einmal
+richtig stellen konnten, um das gestritten wurde.
+
+Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologie bleiben, wonach
+die beiden Naturen -- nämlich die göttliche und menschliche in Christus --
+nicht vermischt werden dürfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß
+Christus Gottmensch war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein
+Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an einen Gott
+glaubte, aber an einen Gott außerhalb der Menschheit.
+
+Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein
+soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch
+ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem
+Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen Wollen und Können, und
+weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein
+Band, da sein. Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem
+Kalender:
+
+ Immer wieder, wenn wir sinnen,
+ Stürzt die Welt in wilde Stücke,
+ Immer wieder, still von innen,
+ Fügen wir die schöne Brücke.
+
+Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, und so war
+auch noch kein Anlaß gewesen, die schöne Brücke des Glaubens über die Kluft
+zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller
+Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die einzig mögliche,
+wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske
+der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der
+Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther für einen
+halben, und auf beide sah er von der Höhe seines gänzlichen Nichtverstehens
+herab. Für ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot
+ist, sondern nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen
+abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes
+erklären wollte, erinnerte er sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt
+habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen;
+Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott
+noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten
+tragischen Schritte auf dem großen Wege noch getan. Er wird als ein
+frischer, freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; so
+faßte auch Luther ihn auf; »aber doch so gar verdüstert und traurig danach
+geworden«. Da die Ereignisse ihm zeigten, daß er nicht alles konnte, was er
+wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm
+wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: »Herr,
+nun heb den Wagen selbst«, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist
+der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat,
+ohne göttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt,
+daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch großdeutsch, wenn
+ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen darf; sein Können war schon
+schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen
+vorgedeutet: daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen
+ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Fürsichsein,
+in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem von einem größeren Ganzen
+abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der
+eindrucksvollen, selbstbewußten Persönlichkeit, der Sittlichkeit und
+Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an
+Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. Die großen
+schweizerischen Künstler haben deshalb ihre Kraft in einem Vaterlande
+ihrer Wahl betätigt; die Schweiz ist für die besten ihrer Söhne da, um,
+wenn die schöpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.
+
+Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit zu erklären;
+aber da Luther von göttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte
+Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren
+Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Übrigens hat
+Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht im Verein mit seiner
+Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine
+Gedächtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend,
+nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei
+genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die Anhänger des
+verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur für den Gläubigen, nicht für
+den Ungläubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin
+naheliegende Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom
+Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt Gott den
+Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf
+eine beiden Teilen genügende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl
+erkannte, daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein
+Wesentliches stritten.
+
+Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke in der Geschichte
+der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem
+Tisch saß, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist;
+allein mit Gott gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer
+seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile
+hingemalt. O Himmel! Seine schöne kindliche Sinnlichkeit hatte das
+Bedürfnis, das Wort, das ihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte,
+wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das
+Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht auf den hessischen
+Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in
+zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung
+mit Zwingli, sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und
+Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der
+Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das
+unüberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es
+sich um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, die sich
+Führer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums
+ausmacht, und dabei auf ihn, den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig
+herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich
+schwer zu ertragen gewesen sein.
+
+Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Riß, welcher
+durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich
+und die Welt noch einmal ganz machen wollte!
+
+
+
+
+XV
+
+
+»In allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein
+die heilige göttliche Dreifaltigkeit.« Jedes Kunstwerk muß wie jeder
+lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das
+gilt wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott
+glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft
+unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das für die bildende Kunst sowohl
+wie für die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist,
+und das kann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie hat
+Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; die Persönlichkeit
+prägt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie
+sie persönlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß
+es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. Mit unbefangener
+Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines seiner Worte zu verkennen sei,
+daß man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es
+auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der
+Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen
+Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natürlich vorhanden sein muß, sondern
+ebensosehr auf die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt.
+Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich aber
+möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es
+ist die merkwürdigste Sache von der Welt, daß die heutigen Künstler sich
+plagen, nicht um sich möglichst vielen verständlich, sondern um sich
+möglichst vielen unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein
+Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung bestimmt
+sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewünscht werde. Gut, aber
+warum behält er es dann nicht ganz für sich oder liest es vielleicht
+einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die
+sich für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, für
+wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persönlichkeit
+zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heißt: die Natur
+verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf
+Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den Wunsch hat,
+Millionen zu umschlingen, kommt auch kein millionenfaches Echo;
+allerdings, wäre Kraft vorhanden, würde auch der Wunsch nicht fehlen.
+
+Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung
+und was weiß ich sonst für Vorzüge; predigen aber, setzte er hinzu, könne
+er, Luther, doch besser. Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß
+dies selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es
+vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nämlich deshalb
+besser, weil er verständlich für das Volk spreche. Mehrmals hat er betont,
+daß er bei öffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und
+Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an die Ungelehrten und
+Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte er die Einfachheit und
+Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit muß man selbst sorgen, Tiefe und
+Eigenart verleiht die Natur durch die Persönlichkeit.
+
+Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers angemessen; Künstler,
+die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind
+verdächtig; sie werden früh ganz weltlich oder welk und hohl werden.
+Künstler, die auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken
+unwillkürlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie
+aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen können, sind sie
+eigentlich überflüssig.
+
+Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß er niemals
+absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schönheit an.
+Zwar sind seine Werke überreich an Schönheit, aber nur an zufälliger; er
+schüttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, aber
+ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich
+insofern, als er Dichter, nicht Künstler, daß er Genie war; so wie
+umgekehrt manche Künstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine
+Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten Sinn
+gibt es deshalb nach Christus überhaupt keine Kunst mehr; denn in allem,
+was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schüler der
+Alten, und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der
+Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes Ziel und das, was wir an
+Luther bewundern. Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die
+Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.
+Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, primitiv genannt hat; wir
+kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter
+Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig
+ausgesogenen Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben,
+das ist eben das Geheimnis des Genies.
+
+»Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller
+Wirkung der Rhythmus.« Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir
+an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst und
+Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als
+Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein,
+um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.
+
+Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr
+natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte
+Herz, hat einen allzu regelmäßigen, langweiligen, eintönigen Rhythmus; es
+muß überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit
+wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persönlich, kurz:
+lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen
+Menschen.
+
+Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller »Die Teilung der Erde« und den
+Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll
+dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen:
+»Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch
+von Anfang bereitet sind.« Wie matt, von der Blässe des Gedankens
+angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch
+klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung
+aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen
+ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der
+Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken
+vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt.
+
+Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens
+als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen
+auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen
+seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten
+auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo
+der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum
+Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist,
+nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und
+ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein
+weiter als Gedanke.
+
+Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes
+oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck
+infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von
+Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein
+gesteigertes Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke
+in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich
+selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die
+Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird.
+
+Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es
+zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das
+Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die
+Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu
+schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche
+Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist.
+Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es
+Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit
+zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen
+Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die
+#Penetratio corporum#, die Durchdringung des Verweslichen und
+Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im
+Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als
+die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das
+Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen
+heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist
+die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden.
+Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist
+für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist
+nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und
+Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und
+schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des
+Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen
+Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das
+bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein,
+ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit
+führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine
+Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines
+Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides,
+Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche
+Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte,
+kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der
+Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und
+Beseelung.
+
+Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane
+und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst
+aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das
+Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das
+Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist.
+Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß
+an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte
+ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen
+Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die
+aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es
+lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das
+Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird
+durch keine Geschmacklosigkeit gestört, aber auch von keiner tödlichen
+Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das
+Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane,
+seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in
+Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten
+gestalten und beseelen können.
+
+Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst
+vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß
+auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im
+Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen
+Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße
+zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag
+nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack
+argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört
+die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit
+dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die
+Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der
+Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz
+empfänglich sind.
+
+Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es
+wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von
+Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott
+glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles
+ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles
+gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der
+Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers
+aus der Bibel. »Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein
+Heil.« Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn
+das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht
+kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle
+Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu
+allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der
+kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.
+
+»Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein
+menschlich und teuflisch Ding«, heißt es in den Tischreden, »darum ist es
+stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort,
+führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des
+Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die
+halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen
+auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch
+regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche
+Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch
+gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.«
+
+»Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn
+daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach.
+Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt
+von Anfang gewesen.«
+
+Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und
+insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die
+Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt
+und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in
+der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das
+Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des
+Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen
+läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke
+Luthers ruft: dies ist der Luther.
+
+
+
+
+XVI
+
+
+Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das
+Wesen des Wahnsinns.
+
+»Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird
+faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken,
+welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen,
+wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu
+genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen
+unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme
+Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn
+verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang
+nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die
+Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher
+der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall
+nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich
+auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle
+erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag.
+Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese
+Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam
+und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal
+richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht
+hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des
+Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation
+nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle
+oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht
+ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die
+dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da ...
+Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns
+ansehen als ein gewaltsames >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< irgendeiner Sache,
+welches jedoch nur möglich ist mittelst des >Sich-in-den-Kopf-setzen<
+irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das
+>Sich-in-den-Kopf-setzen< das erste und das >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen<
+das zweite ist.« Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel
+der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn;
+das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch
+sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn
+in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen
+Entgiftung nicht gewachsen.
+
+Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die
+einem Brief an Link entnommen ist: Ȇber die Wahnsinnigen ist meine Meinung
+die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von
+Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist,
+sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen
+schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange
+Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen
+zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß,
+weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus
+nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich >von Satanas gebunden<.
+Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus
+gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch
+denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden
+verdanken ... Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr
+schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht
+auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei,
+Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch
+denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst
+Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.« Diese
+und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß
+er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit
+unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom
+Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie
+man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche
+auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften #diabolus ex
+machina# geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher,
+den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen
+seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht
+oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten,
+elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in
+körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als
+Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist
+Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und
+Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und
+obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst
+gegenüberstehen muß.
+
+Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen der Hemmungen
+der unwillkürlichen Kräfte des Menschen durch die willkürlichen, so
+bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in
+willkürlicher Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der Wahrheit.
+Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen
+Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so daß der
+betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die
+vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken
+kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und
+endlich ganz verschwinden muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte
+Sünder.
+
+Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den Heiligen Geist
+nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden
+kann. Nun heißt ja Sündenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren
+Friedens, innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum kann dadurch
+aufgehoben werden, daß der Sünder und der Irrende sein Unrecht und die
+Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so
+befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der
+Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine Sünde gibt, die nicht
+vergeben werden kann, heißt eigentlich, daß es unheilbaren Wahnsinn gibt.
+Die Sage erzählt, daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne
+sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er ihre Augen
+dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht ertragen, so tötet er sie.
+Der blendende Strahl der göttlichen Wahrheit erleuchtet den götterhaften
+Menschen; dem gottlosen geht er tödlich durchs Herz.
+
+Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch
+verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug
+an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie
+und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam
+im Zeitalter Luthers häufig vor, so daß man sie für seine und die
+nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde
+aufgefaßt als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem
+Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel,
+einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit
+Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmörders als eines von Gott
+abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen
+Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor sich geht, nannte
+Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand
+des weitesten Auseinandertretens der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung
+der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, den man
+lebendigen Tod nennen kann.
+
+ Zum Beginnen, zum Vollenden
+ Zirkel, Blei und Winkelwage;
+ Alles stockt und starrt in Händen,
+ Leuchtet nicht der Stern dem Tage.
+
+Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwächliche
+Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkürliche
+Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ängstliche Harren der
+Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen
+zum rhythmischen Umschwung geben soll.
+
+Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß sie vom Teufel
+geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem
+Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde;
+auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen der
+negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, daß die Kinder und Frauen,
+die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht
+oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die
+Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den
+Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Kräften
+sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. Die
+Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Stärke oder
+Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft
+genug, um die Hemmungen zu überwinden.
+
+Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes gewaltiger
+Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, gegen ein immer wieder
+siegendes, götterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der
+Teufel müsse vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden
+haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf
+gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dämonen zu kämpfen und
+häufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.
+
+Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner
+Eltern gegeben war: er besaß sowohl das leidenschaftliche, jähzornige,
+herrschsüchtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter,
+die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, wo sie
+hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter der Mutter, trieb
+durch sein Wort die Teufel aus, die das väterliche Herz besessen hatten,
+bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand.
+
+Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von Sanftmut, liebevoller
+Hingebung, weitgehender Schüchternheit berichtet. Allmählich jedoch tauchte
+die männliche Wesenshälfte in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige,
+die den Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. »Wohlan, ich kann es nicht
+leugnen«, sagt er einmal von sich, »die alte Schlange, der Teufel, hat mich
+übel gebissen und greulich vergiftet.« Wie er oft und oft erzählt, hat er
+die höchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an
+sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott
+gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und
+zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenhaß, hat
+er alle Regungen des menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in
+allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen konnten.
+Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn
+persönlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem
+Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das
+wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der Melancholie mit dem
+Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fühlen, daß
+er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der Lage
+eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden epileptischen
+Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die
+Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten gewährte: Kasteiungen, Beichte,
+vorschriftsmäßiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker.
+Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher Trost in der
+Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im
+Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis,
+Geduld ausströmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der
+umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die stärkste Kraftquelle
+fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt sich klammernd, vermochte er
+den selbstbejahenden und gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu
+widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß Gottes Wesen
+die Liebe sei, und der Umstand, daß diese Liebe nun auch zugleich
+sinnenfällig in Staupitz vertreten wurde, riß ihn von seinem Selbst los und
+bereitete die Richtungsänderung, die +metanoia+, in ihm vor. Bedenke bitte
+immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, daß es
+also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und daß dem Gottes- oder
+Menschenhasser jeder Mensch zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß
+und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es
+gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der
+Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht
+genügenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie
+sich diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, daß einer
+sich für Gott oder für Christus oder für irgendeine berühmte, angesehene
+Persönlichkeit hält, ob in Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der
+Einsamkeit oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr Wesen ist
+Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. Zuweilen geschah es,
+wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen
+überschritt, was sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte
+überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit.
+Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben
+Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung
+aufrechthalten; aber es kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der
+Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die
+wohltätige Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. Nach
+der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen stützte,
+wurde Musik als Heilmittel für Epileptische angewandt, und zwar sanfte,
+leise, nicht lärmende Musik.
+
+Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher,
+daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend
+wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen,
+willkürlichen Kräfte lähmend.
+
+Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe
+und der Musik: nur die göttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam,
+die irdische wirkt tödlich auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich
+die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor
+und Prediger wurde und im Wirken auf andere und für andere sich selbst
+vergaß. In der Sprache der Aufklärung würde man sagen, er habe seine
+ungeheure persönliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und
+sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem Vater
+Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich
+erklärte, daß Gottes Gewalt noch über seine Gewalt gehe; der befreite Geist
+der Mutter stellte gleichsam fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn
+zurückgekehrt sei.
+
+Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte Luther doch nicht auf,
+schwere Anfälle von Melancholie zu erleiden; er hätte ja sonst aufgehört,
+Werke und Taten zu schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht
+nur die göttliche Kraft, sondern auch »der Widersprecher«, wie Luther es
+ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel
+Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder außer ihm der Menge des
+Produktiven stets die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel
+ärgere sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle
+sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden,
+daß sich ihr größtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum
+Trotze erhebt, gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper oder vom
+Geiste aus.
+
+In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein;
+vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom
+Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung
+gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. »Ich war
+mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so daß ich noch jetzt am
+ganzen Körper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast
+ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der
+Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte der Heiligen
+bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele
+aus der untersten Hölle gehoben.« Einige Zeit später: »Satan selbst wütet
+gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen
+Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwäche
+des Geistes; aber durch die Fürbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen
+Händen gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur
+schwer heilen werden.« Er werde zwischen den beiden fürstlichen Gegnern hin
+und her geworfen, schreibt er. Mit Christus sei er durch einen schwachen
+Faden verbunden, Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an ihm und ziehe
+ihn zur Tiefe. »Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete
+und kämpft wenigstens tapfer.« Diese Schilderungen malen anschaulich, wie
+das erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem
+verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der
+Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen körperliche Vorgänge als
+Ursache seiner seelischen Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und
+gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles Geistige zugleich
+ein Körperliches ist.
+
+»Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last werde«,
+schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens
+voraus, wo die göttliche Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft
+sein, nicht wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings büßten
+damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die
+zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er doch lieber ertragen hätte, als die
+dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von
+einem überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als auserwähltes
+Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner
+begrenzten menschlichen Willkür, sprach er zuweilen mit träumerischer
+Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl
+so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor
+Kaiser und Reich erinnerte.
+
+Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; aber, wie er
+selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfüllung der Pflicht
+nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht
+mehr, die einen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so häßlich,
+daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine
+Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so
+ab, daß er einmal die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz sei
+gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. Auch von
+Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mängelvolle, dürftige
+Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung
+der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer grauen
+Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglüht
+war. Wie grausam von Gott, könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten
+sich überleben ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. Die
+Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden
+die Verteilung auch ist, kann man doch gewiß sein, daß, könnte man
+schließlich Leben und Tod jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf
+beiden Seiten gleich sein würde.
+
+Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und überwunden
+hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat
+beizustehen. Überhaupt war er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft
+zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er
+stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu
+benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte
+sich zunächst nach den Verordnungen des Arztes; während er ihnen dann Trost
+zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive
+Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkräfteten möchte
+überströmen lassen. Öfters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor
+Ansteckung, vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert
+hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die
+Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch
+uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf
+dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits
+Hemmungen aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des
+Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen.
+
+Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden.
+Einsamkeit nennt er ein Gift für die Menschen; in der Wüste habe der Teufel
+Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle
+sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen Gedanken
+einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst würde vom
+Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte.
+Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen
+Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. Er erzählt von
+sich, daß manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm
+rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller
+Freunde hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem
+Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte Gift sollte in der Beichte,
+überhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde
+empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. »Darum wollte ich Ew.
+Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer fröhlich zu
+sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleißigen«, so
+schrieb er dem schwermütigen Prinzen Joachim von Anhalt, »die sich göttlich
+und ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können ... So hat auch Gott
+geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer
+haben ... Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen
+Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen ... Denn ich denke
+fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, fröhlich sich zu halten,
+als wäre es Sünde ... Wahr ists, Freude in Sünden ist der Teufel, aber
+Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich
+ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. Fürstl. Gnaden
+seien nur immer fröhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig
+in seinen Gaben und Gütern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum
+uns seine Güter, sie zu gebrauchen.«
+
+Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen
+Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe
+zeigen: »Mein liebster Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine
+Versuchung vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält wirst,
+weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die ärgsten
+Feinde des Evangeliums läßt, Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel
+zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt:
+Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich
+dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen
+gnädigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen
+kannst, und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in
+Verzweiflung und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen Kniff des
+Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen
+kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er
+fällt und gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung
+kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit dem Teufel einzulassen und
+diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. Das ist nämlich nichts anderes, als
+an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die vom
+Teufel gesandten Gedanken zu verachten ... Fliehe durchaus die Einsamkeit,
+denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und
+Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit.
+Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du
+die teuflischen Anfechtungen betrügst, und sei gutes Mutes, mein
+Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich
+will dir erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in deinem
+Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrübt und
+traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden.
+Deswegen besprach ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem ich gern
+spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken ich hätte. Darauf
+sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese
+Anfechtung ist. Es ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du
+wirst sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es
+gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor geworden (das darf ich mit Recht
+von mir sagen), was ich nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich
+unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du
+wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, daß du inzwischen guten und
+tapferen Mut hast, und glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an
+große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind.
+Ich erinnere mich, daß einmal ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind
+verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großer
+Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir
+gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes
+Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich
+mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas
+reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man muß zuweilen
+etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Haß und zur Verachtung des
+Teufels sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus
+leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, daß wir uns
+allzusehr quälen, damit wir nicht sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du
+sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir
+verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das
+Gegenteil von dem, was der Teufel will ... Könnte ich nur eine ordentliche
+Sünde begehen, nur um den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich
+keine Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir müssen dann die
+ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom
+Teufel gequält werden. Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und
+uns des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir antworten:
+Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin, und was
+weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich
+weiß, daß _einer_ für mich gelitten und genug getan hat, der heißt Jesus
+Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.«
+
+Das heißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst alles hassen, was
+nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschränken will.
+Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches
+werden, sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in
+Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Kühnheit aber, dies zu sagen,
+und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich
+selbst befreit und entlastet wird.
+
+Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als
+wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn elend machen und die er doch
+nicht loswerden kann, begreift, daß sie von einer teuflischen Macht
+ausgehen, die sich seiner bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren
+Standpunkt, sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst
+befindlichen Feind gegenüber weiß.
+
+Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis,
+daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen äußeren
+Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht
+erwiesen, ob Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber gewiß
+ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen durchaus entsprochen
+hätte. »Sei der du bist!« pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die
+Macht des Bösen spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk
+bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten
+Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wüten über sich ergehen
+lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz
+nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, dessen
+Übermaß der Krankheit Ursache ist.
+
+Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, seine vorbeugenden
+Warnungen, die eigene Kraft nicht zu überspannen; lieber zeitweise untätig
+zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.
+
+Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der Behandlung von
+Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte übereinstimmt. Auch sie lassen
+den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß
+Neigung zur Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen wird,
+das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für ablenkende Tätigkeit,
+und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber
+gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied.
+
+Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche oder Krankheit des
+Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die
+negativen, teuflischen Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und
+Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und
+Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine
+allgemeine Erschöpfung. Es handelt sich also um eine Kräftigung des
+Herzens. Ein leicht erklärlicher Irrtum hat zu der Annahme verführt, man
+könne dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu Hilfe kommen.
+Indessen während ein starkes Herz diese Bändigung mit Nutzen selbst
+vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht
+stärker, daß seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt
+werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.
+
+Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des
+Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein
+großes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben.
+Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche Liebe die
+teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe auf Überfluß und Glauben
+beruht, sondern auf Mangel und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung
+und Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehren ist.
+Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken
+lieben läßt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet
+sich auf Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll
+göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, für Kranke
+gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt unwillkürlich das, was
+überwunden werden sollte. Neben der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß
+die bewußte durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein
+starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken haben. Nur
+das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den
+Kranken selbständig machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen
+können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem Kranken die Ursache
+seiner Leiden zum Bewußtsein zu bringen schadet nur, außer wenn man zur
+letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer
+Verdrängung der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen
+Einzelkräfte bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr von
+Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie nicht in der
+Berührung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgäbe. Die von den
+Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft
+erregt, so daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst
+erhält. Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit
+offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen
+der Wiedergeburt ist.
+
+Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit noch
+zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich über die Physiologie des
+Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrückt habe.
+
+Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität, das ist Geist
+oder Kraft, welche über das Maß von Aktivität hinausgeht, das durch
+entsprechende Passivität, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr
+von Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben
+sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das
+Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer,
+Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät,
+verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nämlich Wasser,
+Erde und Luft sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos gebundene Feuer, der
+geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der
+Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizität verwandte Kraft. Das
+Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich
+Stoff und Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen des
+Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Göttlichen das Teuflische
+wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. »Laßt dicke Menschen um mich sein
+und die gut schlafen«; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig
+als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, allerdings auch
+das Grab des göttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im
+Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber
+schließlich löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die
+Kraft den Stoff.
+
+Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt also alles an; bei
+allen Kranken muß dafür gesorgt werden, daß das Blut dem ganzen Organismus
+zugute kommt. Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß nur
+die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur
+richtigen Wirksamkeit bringt, so daß er unseren ganzen Körper vergeistigt.
+Das Übermaß von Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder
+andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die
+richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes
+insbesondere.
+
+
+
+
+XVII
+
+
+Als einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, daß Christus ein Jude
+war, und du verargst es Gott ein wenig, daß er gerade die Juden
+auserwählte, um unter ihnen Fleisch zu werden. Gott wußte indessen wohl,
+was er tat, was du glauben wirst, wenn du überhaupt an Gott glaubst: die
+Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern es die stärksten
+Gegensätze umfaßte. Sie umfaßten in sich das Göttliche und das Teuflische,
+die höchste Liebesfähigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende
+Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und Unglauben.
+Ihrer Habsucht und Geldgier stand großartigste Uneigennützigkeit gegenüber,
+glühender Sinnlichkeit engelgleiche Reinheit. Diese Gegensätze wurden
+zusammengefaßt durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung
+und Bindekraft, die die ungeheure Idee des _einen_ Weltgottes erst fassen
+konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des
+Rebellen, neben Gott und weissagte den Hölle und Tod überwindenden Erlöser.
+
+Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von Selbstbewußtsein und
+Gottbewußtsein mußte der bewußten Zusammenfassung dieser Gegensätze
+vorangehen; jeder Monismus ist auf einen Dualismus gegründet, der das
+natürliche Gefühl abstößt, sowie die zusammenfassende Kraft fehlt. Bei
+keinem Volke der Erde war die Spaltung so tief gegangen; darum konnte aus
+den Herzen, die sie überwanden, zuerst das Wort von Gott fließen, so stark
+und rein, daß es seitdem alle leidenden Herzen überzeugt, erhoben,
+getröstet und begeistert hat. Dies erst, daß das menschliche Selbst sagte:
+Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen und zu sagen: Ich bin der
+Herr, dein Gott. Daß die Juden das erste monotheistische Volk waren, daß
+alle Völker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbüchern
+zu lesen. Daß Christus Jude war, gesteht man schon weniger gern zu. Luther
+nahm es als Tatsache an, und es war Grund für ihn, mit den Juden zu
+sympathisieren, obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber
+welches Volk hätte das tun können außer dem, in dem er erschienen war? Aus
+dem Volke der größten Gegensätze sind die Mutter und die Mörder des
+Erlösers hervorgegangen. Übrigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit
+denen er sich anfangs gern in Dispute einließ, ihn mehr und mehr gegen sie
+erkältet und schließlich erbittert.
+
+Denn das sah er ja ein, daß den Juden nichts anderes übrigbliebe, als an
+Christus zu glauben und in anderen Völkern aufzugehen. Sie sind in der Lage
+der Nachkommen eines großen Mannes: sie können nur in ihm und durch ihn
+etwas sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, so müssen
+sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung mußte sie betreffen, und
+sie werden sich ihm nicht durch Begründung eines eigenen Vaterlandes
+entziehen können, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst
+fehlt. Sich zu überpersönlichen, das heißt zu sterben, in anderen, noch
+lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung der Völker
+wie der einzelnen.
+
+Was eine jüdische Partei vor Jahrhunderten veranlaßte, Christus zu
+kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, ihre Eitelkeit und
+Ungläubigkeit, der Teufel in allen drei Gestalten. Sie wollten einen
+Messias, der ihnen weltliche Herrschaft und weltliche Genüsse verschaffte;
+sie wollten weder die Überlegenheit seiner Person noch die Wahrheit seiner
+Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind es jetzt noch, die uns die
+Juden entfremden: Sinnlichkeit und Geist, die nicht mehr durch starke
+Persönlichkeiten zusammengefaßt werden. Was wir als jüdisch empfinden, ohne
+daß alle Juden es haben müssen, ist etwas Immerwaches, Neugieriges,
+Lüsternes, kurz ein Selbstbewußtsein, mit dem uns nur eine starke positive
+Kraft versöhnen würde, die nun aber erschöpft ist. Wir nennen jüdisch
+ferner das korrekte Pharisäertum, das aus eigener Kraft vollkommen sein zu
+können glaubt, und durch das Gebundensein, nicht an das lebendige Gesetz
+des Herzens, sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und
+Unschuld entbehrt.
+
+Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der Wille Gottes, das heißt
+notwendig, und zwar wird es deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen
+ihres Blutes den anderen Völkern der Erde mitteilen. Es ist eben dennoch
+Götterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte zugleich tödlich und heilsam,
+auflösend und ganzmachend. Man hat längst beobachtet, daß die Vermischung
+mit jüdischem Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, gleichsam
+farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, Gegensätze hervorrufend
+oder verschärfend und insofern zur Reife bringend; die Farbigkeit ist die
+des Herbstes, der zugleich Früchte bringt und dem Winter annähert.
+
+Die aus dem Herzen kommende göttliche Liebe findet sich bei den Deutschen
+unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist sie häufig auf jüdisches Blut
+zurückzuführen. Auch der kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien,
+wo er noch nicht entwickelt war; anderen müßte der Zuschuß verderblich
+werden. Mit Giften muß man eben sehr vorsichtig sein, und sie dürfen nur in
+kleinsten Dosen gegeben werden. Die Völker werden im allgemeinen wohl den
+richtigen Instinkt haben, wieviel Beimischung jüdischen Blutes sie bedürfen
+und ertragen können.
+
+Zunächst würde man denken, primitive Völker oder Schichten müßten Neigung
+zur Vermischung mit Juden haben; aber dies ist nicht der Fall; Bauern
+lehnen das Jüdische ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke
+mir aber, daß eine zu große Gegensätzlichkeit ungünstig ist, und daß erst
+bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Völkern und Individuen
+fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt Juden, viel eher der Adel,
+was nicht durch die äußeren Gründe allein zu erklären ist. Und nun denke an
+die merkwürdige Tatsache, die beobachtet worden ist, daß altadlige Familien
+oft den jüdischen Typus bekommen; nicht solche, in denen jüdisches Blut
+fließt, sondern gerade die mit reinem Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir
+anzuzeigen, daß das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den
+auch Völker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen können. So
+betrachtet wäre das Judentum das Stadium der Selbstanbetung, in das ein
+Volk eintritt, wenn es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und
+erreichten Höhe bewußt geworden ist und sich infolgedessen von allen
+anderen absondert.
+
+Es fällt mir dabei ein, daß mir jemand erzählte, er wußte selbst nicht, ob
+es Wahrheit oder Anekdote war, eine von den alten Baseler Familien sei
+jüdischen Ursprungs, und durch diese sei ganz Basel mit jüdischem Blute
+durchsetzt. Es liegt darin jedenfalls ausgedrückt, daß ein lange von
+fremdem Zufluß abgesondertes, auf sich selbst beschränktes Gemeinwesen
+jüdisch wird, Ähnlichkeit mit dem Volke der Selbstanbetung und Dekadenz
++kat exochên+ bekommt. Es hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu
+höchster Schönheit verdichtet und enthält sich, um ihn rein zu bewahren,
+jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst verlieren muß.
+Man kann diesem tragischen Typus, der auch im Christustypus anklingt, immer
+begegnen, wo eine Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwärts
+neigt. Es wird oft beklagt, daß Menschen und Völker sich überleben, daß
+Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Höhepunkte zerstört; aber man hat
+unrecht, denn nicht Gott tut das. Er ist der schaffende Künstler, der den
+Stoff, sowie er ihn ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgültig
+gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das Schöne, das Vollendete
+ist dem Tode geweiht, Gott wirkt nicht mehr darin und überläßt es sich
+selbst. Nicht Gott, sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der
+das eben abgelieferte Geschmeide dem Käufer hinterrücks entreißt, um es
+heimlich im Winkel, mit bösem Gewissen, blitzen zu lassen.
+
+Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen den
+vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde versuchen, dir zu
+erklären, wie ich das meine.
+
+Ich unterschied, wie du weißt, zwischen göttlicher und menschlicher Kraft,
+und schlug vor, jene die geniale, unwillkürliche, schaffende, diese die
+selbstbewußte, willkürliche, ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann
+man auch zwischen göttlichen und menschlichen oder gottbewußten und
+selbstbewußten oder genialen, schaffenden und ordnenden Völkern
+unterscheiden. Die genialen herrschen im Reiche Gottes, die selbstbewußten
+in der Welt. Sie haben auch ihre Genialität, das ist die Kraft des
+Organisierens, vermittelst welcher sie die göttlichen Ideen verweltlichen,
+in die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen Völkern
+abhängen, weil sie selbst keine göttlichen Ideen hervorbringen, so
+herrschen sie doch in der Welt, welche das Reich der selbstbewußten Kraft
+ist. Wie das einzelne Genie, so wird auch das geniale Volk »gekreuzigt und
+verbrannt«; es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es könnte nicht
+genial sein, das heißt nicht Gott empfangen, wenn es nicht passiv sein
+könnte.
+
+Die genialen Völker des Altertums waren die Juden und die Griechen, das
+herrschende, das politische Volk des Altertums waren die Römer; ihnen
+entsprechen in der nachchristlichen Zeit einerseits die Deutschen und
+Italiener, andererseits die Engländer. Die Juden, Griechen, Italiener und
+Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, daß sie von den weltlichen,
+politischen Völkern teils gehaßt, teils verachtet wurden; verachtet,
+solange sie in der Welt schlechtweg die Unterliegenden waren, gehaßt, wenn
+sie auch in der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Völker
+spüren in den genialen Völkern eine Überlegenheit, die sie doch in der Welt
+nicht zur Geltung bringen können, und die deshalb in ihnen, den
+politischen, keine Furcht erregt.
+
+Was wäre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke der Griechen?
+Und wir dürfen wohl hinzusetzen, was wäre sie ohne die Kunst, Dichtung,
+Musik und Religion der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Völker
+beziehen ihr geistiges Leben zum großen Teil von den genialen; aber da sie
+sie nicht zu fürchten brauchen, gestehen sie es nicht zu und sind nicht
+dankbar dafür, sondern verleugnen sie und beschimpfen sie noch dazu. Die
+genialen Völker haben im Kampfe mit politischen Völkern nur Gott; verlassen
+sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu stützen, so geraten sie in die
+größte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete den politischen Völkern doch nicht
+gewachsen sind. In der Bibel hören wir nur von Gottvertrauen, niemals ein
+Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott rauscht wie
+Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit diesem Gottvertrauen waren die
+Juden unbesiegbar; nachdem sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie
+zertreten.
+
+Man sollte nun denken, daß zwischen den genialen Völkern Einigkeit
+herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, der sie ebenso
+voneinander trennt, wie sie von den politischen Völkern getrennt sind,
+nämlich der Unterschied von Natur und Geist.
+
+Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander auf drei
+Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend in der Natur, als Taten
+schaffend im Leben oder in der Geschichte, als Ideen schaffend im
+menschlichen Geiste; diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch
+vorzugsweise Künstler, Dichter, Held oder Weiser.
+
+Danach sind unter den genialen Völkern die gestaltenden und die dichtenden
+zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung aus, die etwas Begrenztes
+und Vielfaches ist, diese vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich
+ist. Der dichterische Genius, der im Nacheinander eine höhere Stufe
+bezeichnet, versteht und liebt die zurückliegende Stufe; der bildende, der
+die höhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht ihr mißtrauisch gegenüber.
+Im Altertum waren die Griechen das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst,
+gestaltende Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind.
+Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, daß sie auch
+Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; aber als geniales
+Geistesvolk haben sie auch als bildende Künstler immer eine dichterische
+Phantasie, wodurch ihre Kunst sich wesentlich von der der Griechen und
+Italiener unterscheidet. In ihren höchsten Spitzen berührt sich zwar die
+griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber für jene
+bedeutet Überreife und Beginn der Abwärtsentwickelung, was die Blüte, das
+Natürliche der deutschen Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst
+hat vorzugsweise die göttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, die
+deutsche das körperlich erscheinende Unendliche. Aus diesem Grunde kann die
+italienische Kunst leer werden, aber niemals so abstrus wie die deutsche.
+
+Ich weiß nun deinen Einwand schon, daß doch nicht jedes Phänomen in diese
+Einteilung hineinpaßt; aber das ist ja selbstverständlich, und das ganz
+gemeine Sprichwort sagt schon, daß keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich
+aber auch, daß die Ausnahme die Regel bestätigt. Die Einteilungen macht ja
+der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich vielmehr, sie zu durchbrechen;
+aber uns dienen sie doch zur Übersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur
+ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott selbst
+zugleich Künstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel die Kraft gibt,
+so sind auch im Menschen alle diese Einzelkräfte zugleich tätig; nur pflegt
+ihm, da er nicht Gott ist, eine wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich
+Gott nähert, desto stärker umfaßt er alle Kräfte. Auch die politischen
+Völker bringen große Dichter und Künstler hervor; aber das ist nicht ihr
+Wesentliches, und sie werden den genialen Völkern bedeutungsvoller als
+ihnen selbst. Religionsstifter, also die allerumfassendsten Dichter, haben
+nur die Juden und die Deutschen hervorgebracht -- ich spreche von den
+europäischen Völkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zählen sind.
+
+Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie es Griechen mehr
+gibt: was an ihnen lebendig war, ist in anderen Völkern aufgegangen.
+
+Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwächt werden kann, so ist
+das Herz des jüdischen Volkes erschöpft, als Christus daraus hervorgegangen
+war.
+
+Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher Kultur sein, wenn man
+Kultur ein Ausgeglichensein der Gegensätze nennt. Jedes geniale Volk wird
+namentlich den Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven,
+unselbständigen Masse und einer herrschsüchtigen, hochmütigen Oberklasse
+aufweisen; eine göttlich-teuflische Kraft und einen formlosen Stoff, in dem
+sie sich offenbart. Diese formlose, gläubige Masse, diese chaotische, die
+immer zum Verwildern neigt, läßt die Deutschen als ein im ganzen unschönes,
+unkultiviertes, knechtisches, unklar gärendes Volk erscheinen, aus dem sich
+im schroffen und geschmacklosen Gegensatz eine hochmütig beschränkte,
+herrschende Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen
+flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhältnismäßig sehr große
+Anzahl genialer Persönlichkeiten pflegte im Deutschen Reiche zwischen den
+Herren und den Sklaven zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das
+das Ziel despotischer Herren gegenüber einer sklavischen Menge zu sein
+pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten Menschentums,
+Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. Einheit in der Mannigfaltigkeit
+ist das schöne, farbige, verschwenderische Gesetz des göttlichen Lebens,
+das aus dem Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkür
+schafft, ertötet Leben und Schaffenskraft. Deutschland und Italien umfassen
+die Mannigfaltigkeit sehr verschieden gearteter Einzelstaaten und den
+großen Dualismus eines geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Südens,
+die in einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoßen.
+Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine Menge nie ganz vereinbarter
+Stämme.
+
+Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das starke Einzelleben im
+Deutschen Reiche noch außerordentlich groß. Luther selbst spricht von den
+Deutschen stets als von einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei
+jedermann die deutsche Bestie heißen müsse, mit Recht. In allen Ständen
+fand er zügellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und Übermut. Er liebte und
+haßte dieses Volk zugleich, ein kochendes Chaos, aus dem göttliche
+Gestalten, Taten und Worte stiegen.
+
+Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben sich seit Luthers
+Zeit sehr verändert. Die musterhafte Organisation Englands und Frankreichs
+wurde ihr Ideal, dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten:
+sie wollen aus genialen politische Völker werden. Der Krieg wird vermutlich
+darüber entscheiden, ob das möglich ist. Die Unzerstörbarkeit des
+persönlichen Charakters, dessen Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen
+zu sprechen; andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene
+Entwickelungsstadien hindurch und löst sich schließlich auf, wenn auch
+nicht so, daß es eine Leiche gibt, sondern indem sie sich mit anderen
+Nationen mischt und dadurch verändert. Seit Jahrhunderten sind in
+Deutschland die mehr weltlichen als genialen Preußen aufgekommen und mehr
+und mehr tonangebend geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland,
+das lange schaffenskräftig gewesen war, zu erschlaffen begann. Wird das
+alte Deutschland ganz in Preußen aufgehen, oder wird das alte, das geniale
+Deutschland auferstehen? Rußland ist jetzt das am meisten passive und
+gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk, also das am
+meisten jüdische Volk; aber an Erscheinungen wie Tolstoi und Dostojewski
+sieht man auch die zunehmende Kraft des Herzens und des Wortes, die die
+Gegensätze bindet. Wer will weissagen, ob Rußland jemals oder gar schon
+bald die Rolle des alten Deutschlands übernehmen wird? Gott hat lange
+zürnend geschwiegen: er wird sich das Herz irgendeines Volkes erwählen, um
+durch dasselbe wieder zur Menschheit zu reden. Das ist aber gewiß, daß
+dieses Volk nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird
+leiden und entbehren müssen; dafür wird es in die Wohnungen des himmlischen
+Vaters einziehen, die ihm von Anfang bereitet sind. Aber, so würde Luther
+warnen, man muß auch das Göttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen:
+jedes Volk muß kämpfen, um zu siegen, und schließlich Sieg oder Niederlage
+aus Gottes Hand hinnehmen.
+
+
+
+
+XVIII
+
+
+»Nun ist auch irrig, daß die Zeremonialwerke nach dem Tode Christi
+todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht vor Gott.« Diese Worte
+Luthers führe ich dir deswegen an, weil du mir neulich schriebest, das
+einseitige Betonen des Unwillkürlichen, Unbewußten oder Gottbewußten sei
+dir zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich wesentlich
+Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewußt,
+selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, komme das Göttliche an die
+Reihe. Ob du diese Einseitigkeit deshalb so stark empfindest, weil du
+gerade mehr göttlich als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch
+dem Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde weltlich bist? Was
+Luther betrifft, so war er sehr stark selbstbewußt -- die alte Schlange
+hatte ihn greulich vergiftet, wie er sagt -- und seine Zeitgenossen waren
+es überwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das Göttliche gelegt,
+da das andere sich von selbst verstand. Die angeführten Worte beziehen sich
+zunächst nur auf kirchliche Gebräuche, deren der Christ nicht bedarf; die
+er aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur darüber klar ist,
+daß Zeremonien uns nicht den inneren Frieden, die Übereinstimmung mit uns
+selbst und Schaffenskraft geben können.
+
+Ähnlich sprach sich Luther auch über die guten Werke, also über die
+bürgerliche Moral aus, daß sie nicht an sich zu verdammen sei, nur vor Gott
+nicht rechtfertige. »Nun ist wahr«, sagt er, »wie ich immerdar gelehrt
+habe, daß Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein äußerlichen Leben
+und Wandel vor der Welt, heilig und unsträflich; aber es soll und kann vor
+Gott keinen Christen machen, das ist das ewige Leben schaffen noch bringen.
+Zu diesen Ehren lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen,
+sondern es soll hoch und weit über alle Werke und schönes, herrliches Leben
+schweben. Unsere Werke und Leben laß hienieden in diesem Regiment bleiben
+und eine irdische Frömmigkeit heißen, welche Gott auch von uns fordert und
+läßt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, hier und dort,
+belohnen will: dies aber, wovon wir hier reden, ist eine himmlische und
+göttliche Frömmigkeit, die ein ewiges Leben schafft.«
+
+Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied zwischen der Moral zu
+zeigen, die von menschlicher Willkür abhängt, und von dem Glauben, der aus
+göttlicher Gnade, aus dem Herzen fließt, und zu erklären, was vom einen und
+was vom anderen zu erwarten ist.
+
+Leute, die die Reformation mit Jubel begrüßten, haben sich später angeekelt
+von ihr abgewandt, wie zum Beispiel der Nürnberger Patrizier Pirkheimer,
+weil sie wahrzunehmen glaubten, daß auf evangelischer Seite die
+Sittenverschlechterung mit einem großen Nachdruck und Übermut einreiße.
+Luther selbst erschrak über diese unvorhergesehene Folge seines Werkes und
+sagte: sie nehmens fleischlich auf. Daß dies geschehen konnte, liegt auf
+der Hand: Luther predigte gegen die Moral und gegen das Streben nach
+Vollkommenheit, vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sündigen.
+»Wir sehen im Evangelium«, schreibt er, »den Zöllner Christo näher sein als
+den Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt
+sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer
+erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos
+dazustehen. Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. Wir überlassen
+Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.«
+
+Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstüberspannung auf der
+einen Seite; aber auch in die Gefahren, die dessen warten, der sich dem
+Herzen und seiner elementarischen Unberechenbarkeit überläßt. Seine Lehre
+bedurfte deswegen einer Ergänzung, die er ihr auch gab, nämlich indem er
+das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz stärkte.
+
+Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes die noch nicht zum
+Geist hinübergeführte Menschheit, anders ausgedrückt: die Gesamtheit aller
+von den Menschen willkürlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen
+und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. Die genialen Menschen
+und die Sünder und Verbrecher haben das Gemeinsame, daß sie außerhalb
+dieses Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, daß die Auserwählten,
+die wahren Christen, sich ihm freiwillig fügen oder ihn ignorieren oder, je
+nachdem, ihn durch Worte bekämpfen, während diese, die Sünder und
+Verbrecher, ihn hinterrücks oder offen gewaltsam zu zerstören suchen. Vor
+allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur Welt beim Christen und beim
+Verbrecher ein anderer: der Verbrecher fühlt seine Selbstsucht durch die
+Welt gehemmt, der Christ seine Göttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie
+Göttlichkeit aus derselben Quelle fließen, nämlich aus dem Herzen, so ist
+zwischen beiden ein Verständnis möglich. Man kann sagen, daß Gott und Tier
+sich unmittelbar leichter verstehen als Gott und Mensch: sie beide leben
+aus dem Herzen, der Mensch aus dem Kopfe.
+
+Luther hatte vom natürlichen Menschen die Meinung, daß er dem Teufel und
+der Sünde verknechtet sei, daß er also nur sich selbst wollen könne;
+infolgedessen herrsche unter den natürlichen Menschen das Recht des
+Stärkeren, wer den anderen übermöge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der
+Stärkere den Schwächeren nicht erdrücken könne, müsse das Gesetz sein, das
+die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu machen. Luther hat bewußt für die
+Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gesorgt, die in der Tat eine
+notwendige Ergänzung seiner Lehre ist: nur dann können sich die Menschen
+ihrem Herzen überlassen, wenn die Übergriffe der selbstischen, bösen, noch
+tierischen Herzen durch das Gesetz gehemmt werden. Das Gesetz überhebt den
+Menschen, diese Hemmung selbst durch die Moral auszuüben, was er nicht tun
+kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lähmen. Es ist Verleumdung, wenn man
+Luther nachsagt, er habe den Fürsten geschmeichelt, sei es auch nur, damit
+sie seine Ideen stützten. Die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt
+gehörte vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem Kurfürsten
+Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich dem Adel zugute kam.
+Die in der Welt herrschende und auch in den Gesetzen sich ausprägende
+Gesinnung, nicht den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des
+Schwachen zu schützen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst
+furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schäden der Gesetzgebung in
+dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er die Herrschaft selbst
+ungerechter Gesetze für besser als Gesetzlosigkeit. Was er anstrebte, war
+strenges Gesetz, dessen Handhabung durch großherzige Menschen besorgt
+würde. Dies Verhältnis bestand bis zu einem ungewöhnlich hohen Grade in
+Sachsen, solange Luther lebte; tatsächlich regierten sein reines Herz und
+seine großen Gedanken, nur selten wurden die Fürsten, die sich
+vertrauensvoll von ihrem Propheten leiten ließen, durch die Selbstsucht
+ihres Adels abgelenkt. Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt hinaus,
+wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war das Stück Welt, das er
+dadurch beherrscht hatte, wieder sich selbst überlassen.
+
+Die Erkenntnis, daß, wenn das Gesetz in der Hand von Persönlichkeiten ruht,
+mit dem Ausscheiden derselben plötzlich Schwankungen und Störungen
+eintreten können, hat die Menschen veranlaßt, die Gesetze von der
+Handhabung durch einzelne unabhängig zu machen, da der geschriebene
+Buchstabe verläßlicher zu sein scheint als der veränderliche Mensch. Sowie
+aber der menschliche Verstand denkt, irrt er auch; es ist nämlich wohl
+richtig, daß geschriebene Gesetze nicht sterben, aber sie tun es deswegen
+nicht, weil sie nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich
+nicht mit den Erscheinungen des Lebens und können das Leben nicht
+regulieren, ohne es zu schädigen. Soviel ich weiß, ist man jetzt zu dem
+Grundsatz zurückgekehrt, die Gesetze so großzügig anzulegen, daß Raum für
+persönliche Auslegung und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die
+herzhaften Menschen, die salomonische Urteile fällen können. Alle die
+Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den vielen ihm zur
+Entscheidung vorgelegten Sachen fällte, würde sehr verdienstlich sein und
+einen überraschenden Einblick in seine gründliche Kenntnis weltlicher
+Angelegenheiten und in die Weisheit seines Herzens gewähren. Hätte das Volk
+immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen haben können, wären
+sicherlich keine Geschworenengerichte entstanden. Wenn in den rückläufigen
+Zeiten die Kraft abnimmt, versucht man durch Summierung von Menschen die
+Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, daß Millionen
+schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. Nach dem Gesetz, daß
+Organe, die sich nicht üben, immer schwächer werden, mußten die
+Einrichtungen, die zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die
+Herzen immer mehr entkräften.
+
+Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort
+abgelöst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen
+die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes
+Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da
+aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen und
+liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaßen ein
+Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern heilsam.
+
+Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des
+zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint
+mir die Moral für dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des
+großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, um sich dem
+eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich einstweilen mit der Moral
+rüsten. Diese Rüstung -- wer wollte das verkennen -- kann sehr blank und
+ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn
+fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden,
+daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb muß sie abgetan
+werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme
+zu werden.
+
+Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das Genie,
+charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei
+Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natürlichen Menschen zum
+geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber
+es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden
+Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den
+verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer,
+General bis zu den Fürsten, von denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich
+die ärgsten Buben oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie;
+sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er ein frommer
+Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, daß auch ihre allergrößte
+Macht nicht imstande sei, ihnen die überschwengliche Herrlichkeit der
+Auserwählten zu verschaffen. Ich erwähnte schon, daß die Römer, im
+Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden.
+»Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie beide wohnen auf der
+Menschheit Höhen.« Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter
+Richtung nach oben führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als
+Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind.
+
+Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen und Übergehen. So
+senkte sich die Linie der Kurfürsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen
+in der Welt abwärts, um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben
+alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes
+verglich Luther einem Platzregen und betonte, daß er nicht erblich sei.
+Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann
+seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein.
+
+Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die
+genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Böse in der
+Welt und haben Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es
+auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die
+Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie göttlicher Natur ist,
+Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der
+Welt und Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen
+fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. Sowie die
+Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre höhere
+Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen
+sich nicht in jenes Reich verklären lassen, zu welchem man nur durch das
+Tor der Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl sie sich
+anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel.
+
+Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle auf den
+Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt zum Abschied. Von Sternen zu
+Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds
+verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine
+Begegnung. Ein zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und
+vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, den Fuß schon im
+Eimer, der aufwärts an die Küste des Tages führt. Lebewohl für eine
+Tageslänge; er wächst schon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die
+uns vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich auch nichts
+mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, und wenn die kürzeste Nacht
+kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl.
+
+
+
+
+XIX
+
+
+Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu
+Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten ein sehr ordentliches und
+ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner
+Richtung aus und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns
+Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, überhaupt im
+Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, wenn er nach jahrelanger
+Abwesenheit heimkäme, würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des
+Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem Händedruck
+begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt.
+
+Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen Eindruck gemacht, den
+ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, daß die
+einwandfreien Japaner eher künstlichen Affen als Menschen glichen, von
+schönen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor,
+daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten,
+obwohl gar nichts zu beherrschen da war, höchstens daß irgendein Rädchen
+hätte kaputt gehen können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein.
+
+Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn sie verwundet waren,
+die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich
+wie Straßenjungen beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther,
+den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter
+seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene,
+klügelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der
+fleißigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz erfuhr,
+wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurück und
+betete, das heißt, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott,
+hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte
+dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist
+bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen
+recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine
+Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich
+allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorsätzen, die er
+selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu seinem Genie. »Die Stoiker, die
+Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es
+geschehe, was da wolle«, verurteilte er; denn es sei im Grunde »eine
+gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm
+auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen,
+daß er Stein oder Holz sein sollte.«
+
+Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine
+Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum
+Beispiel Dürer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten
+sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch.
+Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht
+Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische
+und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen
+Ordnung bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und
+gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und
+Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in
+der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem
+Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit das ungezähmte
+Element nie losbrechen können.
+
+Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum
+Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil
+das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den
+Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu
+tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf
+die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da,
+was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint,
+nämlich das System.
+
+Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem heutigen, so springt
+jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert,
+eine lächerliche Umständlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei
+eine unübersehbare Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, zugleich
+Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir
+daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres
+Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über
+alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man
+vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen Kriege; aber in
+Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche
+Ähnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein
+russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes töten zu
+lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen
+zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber plötzlich das Herz
+dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung
+alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreißigjährigen
+Kriege.
+
+Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig,
+von Gott heißt es #spirat ubi vult#. Luther sagte einmal, als eine Stadt
+mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese
+Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn dadurch
+würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun könne, die
+persönliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mußt nicht denken, ich wolle die
+Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne
+sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und
+17. Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptsächlich um Beute zu tun
+war; aber das ist nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr
+systematisiert und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger
+von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß jeder einzelne an
+seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder
+Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein
+kleines Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel
+Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen die größten Feldherren
+immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag
+alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der
+Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, daß die Welt
+dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren.
+
+Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. Früher fanden die
+von den Stärkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe
+einzelner, auch konnte der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen
+Großmütigen verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft und
+darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige Betrieb ersetzt nicht
+nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den
+Bettler von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges
+Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung des einzelnen
+übernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren
+beizufügen, für richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger
+soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, sondern soll sie so
+anwenden, daß die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die
+Privatpersonen nach Maß ihres Besitzes zur Erhaltung der
+Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe
+nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle
+wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen wie beim
+Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe für die Leidenden bewogen
+werden, ist selbstverständlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem
+Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies
+wurde natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge
+wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. Einmal las ich, es sollte
+in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert
+werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so
+dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben.
+
+Das System ist das, was am Preußentum gehaßt und gefürchtet wird. Die
+Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und läßt sich nicht
+dadurch widerlegen, daß das System es gut meint, korrekt und löblich ist
+und sehr viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je
+lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen des Systems: die
+schnurgerade Linie, die Starrheit und Übersehbarkeit; denn alles Lebendige,
+wie überzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar
+seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe
+gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus,
+nirgends aber so wie in Deutschland. Daß das gerade in diesem kindlichen,
+phantasievollen Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir
+folgendermaßen.
+
+Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens für das Genie
+der politischen oder weltlichen Völker. Sie organisieren die Gesellschaft,
+wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen
+pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm
+getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein Werk stürzt;
+ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser
+Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen selbstbewußtes Volk einen
+Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem
+Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven,
+zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken
+Persönlichkeiten, die früher zwischen dem Volke und den Herrschenden
+standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden
+Willen, den unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk in
+seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzückt
+durch die Fülle seiner üppig wachsenden Formen, während wir an England die
+logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge
+der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine,
+Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schönheit; dort ist Leben,
+Geist, Genie, Liebe bei äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als
+chaotische Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren möchte ich als
+eine natürliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Völker
+hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer
+nicht organisieren kann, verfällt auf das Mechanisieren.
+
+Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen sei, aber das
+ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um
+organisieren zu können; aber er war zugleich ein Genie und haßte alles
+Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen
+Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, damit nicht aus dem
+Organismus ein Mechanismus würde.
+
+Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein höchstes
+Glück findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reißen, für
+alle handeln, wie die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie
+organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht den
+entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ leben. Während Zwingli und
+Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte
+Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch tragisch
+zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung
+vorzubeugen.
+
+Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete
+ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch
+genial; er entschied immer nach dem einzelnen Fall, immer unter
+Miteinrechnung der jeweiligen Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit
+und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei
+der Einführung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte
+sie beweglich und vermied jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das
+heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fügte er
+nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und nicht immer ebenso
+gehalten werden müsse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des
+Gottesdienstes sagt er: »Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu
+gebrauchen, daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man sie flugs abtue und
+eine andere mache; gleichwie der König Ezechias die eherne Schlange, die
+doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß
+die Kinder Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur
+Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des
+Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und
+gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des
+Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als wenn die neuen
+Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und
+andere gekauft werden. Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut
+sie will, so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine
+Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr
+selbst etwas, wie bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind;
+sondern aller Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch;
+sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.«
+
+Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer
+Kuppel, entsprechend den drei Haufen, in welche die Menschheit, ein Abbild
+der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschließen einen
+Bau für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden
+muß; einen anderen Bau für die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes
+Schwankenden, denen die Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit
+sie um der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das Geistesland
+wagen; den dritten Bau für diese, die wahren Christen, die freiwillig mit
+den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist.
+Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des
+Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des
+genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche
+münden, diese wären das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut
+versorgt und vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, die
+mich mehr erschütterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er
+seine Jünger auf dem Ölberge schlafend fand.
+
+Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen die Einrichtungen
+machen, und zwar für sich; tatsächlich verschwinden aber bei uns die
+Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben übergeht. »Es kann in
+der Welt nur gut werden durch die Guten«, das ist, glaube ich, ein Wort der
+Königin Luise. Luther sagte: »Darum ist dem Staate mehr dafür zu sorgen,
+daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze
+gegeben werden.« Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, Organisationen
+zu machen und Maschinen zu mästen, werden wir auch wieder mehr
+Persönlichkeiten haben, deren gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein
+unpersönliches Volk sind.
+
+Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan:
+der moderne Staat ist das System, das keine Persönlichkeit duldet; denn er
+ist ja die Maschine, die schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum
+Ersatz für ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an
+Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die Übung sie auch wieder
+kräftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der
+persönlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich
+schließlich zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher
+Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft werden. Handeln
+ist die unmittelbare persönliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur
+handelnd bildet sich das selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann.
+
+Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom für das Aufhören des
+unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in
+Büchern und Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen
+Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei seinen
+taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten öffentlichen
+Disputationen Ähnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das
+Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe
+fühlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.
+
+So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit
+werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch
+fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte
+sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch
+Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und
+begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes,
+im Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die
+Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden,
+fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne
+Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre
+Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die
+Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum
+lebendigen Ganzen verschmelzen.
+
+Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben
+hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine
+religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von
+selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden,
+weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht
+selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit,
+wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat.
+Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas
+Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne
+reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen
+Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es
+wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er
+nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war -- denn Zeit und
+Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer
+-- zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche
+fiel.
+
+Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr
+belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel
+bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen,
+Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen
+entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten
+in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten
+Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem
+Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie
+sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich,
+hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie
+der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre
+herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste
+Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? »Jetzt gib
+mir einen Menschen, gute Vorsicht!« läßt Schiller seinen König Philipp
+flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der
+Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere
+naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen
+fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas
+bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man
+kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon
+beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu
+können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu
+regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner
+Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich
+Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich
+lichtbringendes Wort und Chaos sind.
+
+Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht
+erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle
+Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in
+seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die
+Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend
+zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um
+den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es
+Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch
+waren.
+
+
+
+
+XX
+
+
+Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden
+wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren
+Christen nicht fand, die ihre Spitze hätten bilden sollen, hätte er den
+Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt
+werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche,
+sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche
+in dem Gegensatz stehen müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er
+hätte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen
+müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur
+schütze.
+
+Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur
+entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine
+solche Kirche gründen, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt,
+die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan
+hat, soweit es damals möglich war.
+
+In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott.
+Nur er konnte mit Gott verkehren, er hütete die heiligen Örter, vollzog die
+Opfer und betete für alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete
+Handlung war ein #opus operatum#, das heißt ein Werk, das durch seinen
+richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk
+vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Möglichkeit des
+Zaubers, das heißt die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die
+Wirksamkeit bestimmter Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben
+nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben
+an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke.
+Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun
+Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob,
+wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist.
+
+Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber dem alten darin,
+daß Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen
+schreiben will, und daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des
+Herrn lehren soll: »Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten
+an bis zu den Größesten.« Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert
+werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit für ewige
+Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit
+die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie
+voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr
+wisse; Christus offenbarte, daß die Gottheit in uns selbst ist, und daß wir
+infolgedessen selbst mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder
+selbst glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten Sinne
+brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wußten oder nicht
+an ihn glaubten.
+
+Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die
+Heilige Schrift erklären und das Sakrament austeilen. Sie haben kein Werk
+zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben
+die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt,
+Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine
+Mündigkeitserklärung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu
+ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und
+Unsichtbares, Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es
+durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; der Zustand der
+katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, daß der Zeremonien- und
+Werkdienst Aberglauben geworden war.
+
+Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche für diejenigen
+überflüssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die
+Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu
+Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen
+Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur
+nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt
+noch eine vorchristliche Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da
+sein. Diejenigen, welche nicht glauben können, muß, wie einst, der
+Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten.
+
+Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatsächlich alle nicht
+mehr an den Priester und das #opus operatum#; über diese Stufe waren sie
+hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die
+Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig
+seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien
+empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte
+er, wenn man mit dem bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den
+Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, daß jeder
+Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott geweihter Mensch, und daß man
+Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn
+man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der
+nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr
+ein, und Luther bemerkte bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die
+gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen ersetzt
+wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es »im Glauben«, das
+heißt sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe
+um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung
+wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um für mildtätig
+gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, daß unter den
+zu verdammenden »guten Werken« durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern
+ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weißt ja,
+daß dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfüllte,
+ohne Ergebnis und ohne Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie
+in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, wie so viele
+andere getan hätten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und
+Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien
+besser, weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, die der
+Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflöte.
+Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast
+kindlich, den der Teufel in seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste
+versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand
+vollkommen zu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen
+dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur.
+Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, daß Gott durchaus
+nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der
+Werkheiligkeit war.
+
+Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben können, weil sie auf
+einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche
+auch diejenigen auf, die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert
+sind, die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft des
+Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers »zweiter Haufen«, soweit er sein
+Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die
+den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden,
+sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu überwinden, retten sich
+in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als
+wären sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor
+einer Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens
+fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen Stellvertreter Gottes, der,
+mit äußerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafür gibt, die aber in
+der Welt als göttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen
+Haufen zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis dafür
+zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, die den
+Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein fürstlicher Hof, der
+unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Häufig ist das Katholischwerden für die
+Interessanten der höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen
+Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen Kirche alle
+Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren Mittlerschaft bedürfen,
+um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch
+Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für
+das ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern allmählich
+»von einer Klarheit zur anderen« führen lassen wollen. Wenn diese
+Stärkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht förmlich einverleibt
+sind, so wie Luther sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der
+Aufsicht über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist fortwährend den
+unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen
+Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel,
+sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins
+werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren Kirche formten,
+wären sie die Auserwählten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will,
+und läßt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte
+Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des
+öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und ähnliche
+Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele geführt, während
+Goethe und Schiller, und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem
+Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt
+haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung
+der wesentlichen Ideen Luthers.
+
+Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf gegen die
+Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war,
+daß der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil
+seiner Anhänger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der
+Kirche wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen könne, wenn er
+das Evangelium freiließe und darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes auf
+Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte,
+selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht haßt,
+muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber irgendwie wird er doch
+fühlen, daß das Gehaßte dennoch zu seinem Leben gehört, ja, er würde es
+sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des
+von ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß ihm die
+Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt geworden sein. Eine ähnliche
+dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller
+Gustav Adolfs brachte.
+
+Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod
+bringen; und wirklich hat die Kirche allmählich ihren mittelalterlichen
+Charakter abgetan, aufgehört Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu
+selbstsüchtig, um zu wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das
+glaube ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der
+religiösen Gegensätze mit sich bringen würde.
+
+Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das Unmögliche wirklich
+würde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu
+wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns
+nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche
+gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert
+betonten die Evangelischen, daß sie die eigentlichen Katholiken wären, die
+Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des
+Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und
+beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche.
+
+
+
+
+XXI
+
+
+Luther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie nicht von dem
+Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte,
+sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde.
+Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige
+Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend gegen die hohe Berufung,
+wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort
+wehrten. Denn es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten
+Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben,
+weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod haßt. Luthers persönliche
+Sehnsucht ging in den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht der
+Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Süßigkeit dieser
+Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe
+gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist
+dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin
+vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulösen
+und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen
+sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar
+der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er das Zeichen zum
+Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit
+geäußert; daraus folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. »Das
+Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft.« Gott sollen
+wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch öffentlich bekennen.
+Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist
+keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält, ist
+menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die Welt hinaus wirkt.
+
+Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu
+Luthers Zeit als das Verhältnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der
+Glaube der Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von beiden
+größer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekämpfen, war es
+natürlich, daß er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen
+Gesinnung, betonte, die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend,
+hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach,
+selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets hinzu, daß aus dem
+Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte
+einmal, daß Glaube und Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß
+man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die
+Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe
+gesagt: »Und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte,
+und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Luther mißbilligte das
+insofern, als es keinen Glauben, das heißt natürlich keinen Glauben an
+Gott, ohne Betätigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die
+Menschen, weil sie »seines Geschlechts« sind; Liebe ist das Bewußtsein der
+Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt
+hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den
+alle münden. #Plenitudo legis est dilectio#, die Liebe ist des Gesetzes
+Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es
+auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht
+liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes
+und Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte. »Und wenn ich alle meine Habe
+den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so
+wäre mirs nichts nütze.« Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit
+die Liebe des Göttlichen in der Menschheit fließt, so der Haß des
+Ungöttlichen in Form, Tat und Wort.
+
+Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so
+sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden
+Christus als den zürnenden begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß
+des Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern verhehlen.
+Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kämpfenden
+und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefühl seiner Liebe, im
+Bewußtsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und
+seines Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige
+Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. »Christus ist zu einem
+Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll«, sagt Luther einmal, »und
+viele werden sich an ihm stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und
+Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii,
+das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten.« Daß
+Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen,
+sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt
+Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: »Denn wo der Mann kommt und
+sich sehen läßt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an.« Widerspruch
+erregt und überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er
+vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in der Welt
+herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein hinein verkündet er das Recht
+der Liebe; der Lüge und Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende,
+Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, Gott
+ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom
+angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott im Ganzen ist, während der
+einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als daß die wahren
+Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. »Kein Volk auf Erden
+muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel und die
+schädlichsten Leute auf Erden heißen.« Ja, man erkennt die Auserwählten
+daran, daß sie von der Welt gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die
+der Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer uns, sowie den
+Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten
+verhältnismäßig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht
+zu erklären, die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der
+Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen Werken der Moral
+verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat
+und sie mit Notwendigkeit betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers
+Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges Sichopfern
+für die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der
+Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie
+man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen
+macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und genießt sie, der Buddhist
+oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint
+sie zugleich, das heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte
+seines köstlichen Lebens damit zugebracht, »Mansfeldische Säuhändel« zu
+schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von allen, nach dessen
+Beilegung er starb. Er war der Beschützer aller Schwachen und Unterdrückten
+ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man aus
+Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor
+allem an seine kursächsischen Oberherren. Es ist, als höre man Gott selbst
+sprechen: gütig, langmütig, wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen
+streng und blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen
+Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es bleibe kein Stück von ihnen
+übrig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel
+unerschöpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure
+Arbeit, die ihm durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde,
+bewältigte; in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht.
+Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es
+einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, daß das, was sie
+Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer
+gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, hassend
+gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. Der schwerste Kampf ist
+eigentlich gar nicht der gegen das Böse; sondern der gegen die menschliche
+Trägheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde
+das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. »Wenn du
+über das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr,
+Skandal, Unruhe geführt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus
+dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg,
+ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und wie ein Bär auf der Straße und
+ein Löwe im Walde.« So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan
+des Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicher Art
+umgehen wollte. »Hüte dich zu glauben«, schrieb er demselben, »du könntest
+Christus in der Welt fördern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem
+Blute gekämpft hat wie nach ihm alle Märtyrer.« Die Welt zieht deshalb den
+stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit
+verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt,
+würde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur
+hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das
+Größte ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es mit
+seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber »es gehört dazu ein
+trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu
+sagen«. Die meisten Kämpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie
+nicht aus Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und
+persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen
+von göttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden
+waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem er
+das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie nach und wollten
+die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun,
+andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und
+es war nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, denen es
+immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war;
+aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer
+gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn
+wandte, und wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige Liebe
+bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im Abendmahlstreit: »Welchem
+Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich für den
+Mann leid ist.« Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht
+fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern,
+wie bedeutend er auch sein möge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch
+keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat.
+
+Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend,
+weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er
+nannte sie Enthusiasten, Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott
+nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie
+betätigen müßten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie
+deshalb nur zu schwärmen und zu flattern brauchen. »Ich hasse die
+Flattergeister und liebe dein Gesetz«, sagte Luther mit David, das
+göttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der
+unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles
+Frommtun im Winkel, das Pochen auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel,
+die Heiligkeit und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung
+vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern
+und ähnlichen Sekten fand, flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch
+wenn es zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen,
+wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in
+Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. Aber auch die Mystik feiner,
+gutgesinnter Menschen bekämpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl
+von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin je
+nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und
+Eintreten für seinen Glauben.
+
+ Selig, wer sich vor der Welt
+ Ohne Haß verschließt.
+
+Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt
+weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen
+das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr
+zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung
+an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu
+nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der
+Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die
+Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des
+Sichabsondernden und seine Strafe.
+
+Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh
+hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an
+einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die
+nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich
+geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte
+das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es
+ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere
+Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen
+Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in
+Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas
+Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von
+ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: »Und wenn ich mit
+Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre
+ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.« Sie wären wohl auch
+niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten,
+und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen
+Klima nicht aussetzen.
+
+An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu
+persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den »Heuchlern und
+Gleisnern« die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist,
+und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran
+durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und
+witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die
+Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit
+oder Angst vor dem Kampfe.
+
+Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der
+Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende
+dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber
+solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten,
+der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert,
+um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen
+Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte:
+»Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider
+was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen
+(1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen,
+daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig
+ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht
+furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch
+nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen
+und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem
+Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und
+wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.«
+
+Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav
+Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. »Ein Christenleben soll ein
+Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen,
+das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen,
+gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten
+Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.«
+
+Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in
+Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein
+zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz
+ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind
+sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an
+die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes
+vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die
+Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben,
+unter anderem Defoe: »Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf
+der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen
+beiden Händen auf die Knie herabgeneigt«; und er erkannte es als die
+embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt
+versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt
+herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie
+zwischen den Händen hin und her rollte: »Sie scheint zu denken, daß dies zu
+etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt,
+als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig
+da.« Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das
+Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu
+klatschen. »Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art
+Ergreifenderes gesehen«, erzählt Dickens, »als da man sie neulich in die
+Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im
+Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und
+hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller,
+ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen,
+als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft
+erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr
+verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.« Ich mußte an das Bild
+denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit
+daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das
+schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des
+ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das
+eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden
+ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit
+Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und
+furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann
+auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen
+Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so
+erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch
+in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von
+den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu
+reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte
+nach das Leben Luthers.
+
+Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen
+Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen in die christliche
+Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die
+christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja,
+Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung
+der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das
+Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht.
+Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem
+vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut
+vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie
+Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der
+Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß
+reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich
+es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl
+ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein
+Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den
+ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.
+
+Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich.
+Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das
+Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in
+Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein
+großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht
+rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren.
+Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn
+erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht
+für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren
+Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns
+getrieben fühlen, uns anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don
+Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die
+modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen,
+zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther
+lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht
+mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir
+nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen.
+
+
+
+
+XXII
+
+
+Einer von den neuen Bibelübersetzern hat herausgefunden, daß Luther den
+Spruch, es werde eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein
+Reicher in das Reich Gottes eingehen werde, falsch übersetzt habe, indem
+das betreffende Wort nicht Nadelöhr, sondern eine besondere Tür, ich glaube
+eine niedrige Stalltür heiße, durch welche ein Kamel allenfalls, wenn auch
+mit Mühe, sich zwängen könne. Dies erzählte jemand in einer Gesellschaft
+nicht ohne Genugtuung und mit einer gewissen Schadenfreude, daß
+seinesgleichen durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn er etwa
+hinein wolle. Ich finde, man könnte immerhin beim Nadelöhr bleiben, das am
+anschaulichsten ausdrückt, was die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers
+war, daß es nicht unmöglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten sei,
+wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man muß nur bedenken, daß das
+Reich Gottes das Reich des Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche
+der Welt, dem äußeren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie Äußeres und
+Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die Welt verdichtet,
+insofern man für Geld die äußeren Güter haben kann, und Geld ist also schon
+ein Ausdruck dafür, daß jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein
+Ergebnis, ein Aushängeschild der Welt, das beweist und nicht erst noch
+bewiesen zu werden braucht. Es beweist, daß, wenn nicht der Reiche selbst,
+so doch seine Eltern oder entferntere Vorfahren Weltmenschen waren, und daß
+seine eigene Neigung zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, daß
+seine weltliche Erbschaft dadurch beeinträchtigt würde. Letzteres ist auch
+aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum wird auf einem Höhepunkte der
+Kraft erworben, die bei den Erben schon nachzulassen anfängt; es kann
+demnach in der Regel nur ein geringes Maß von Kraft auf die Erwerbung der
+geistigen Güter verwendet werden. Auch vererbt sich die weltliche Begabung,
+welche den Vorfahren zu Erfolgen in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem
+negativen Sinne, daß die Flügel, deren der Geistesmensch bedarf, durch
+langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.
+
+»Niemand wickelt sich in weltliche Geschäfte, der göttlicher Ritterschaft
+warten will«, sagte Paulus. Es ist unmöglich, daß jemand, der stark im
+Geiste lebt, im Kampfe um äußere Güter siegreich sein, überhaupt sich in
+ihn ernstlich einlassen wird. Und »wo Christus ist, da ist auch Armut«,
+sagt Luther. Verdient ein Auserwählter etwa auch Geld, so wird er es doch
+nicht festhalten können, da er zum Geben, Mitteilen und Verschwenden
+überhaupt geneigt sein wird. »Wer liebt, verschwendet allezeit.« Es wird
+aber auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt bezahlt nur,
+was ihr nützt, die Wahrheit nützt ihr aber durchaus nicht, steht eher im
+Gegensatz zu ihr oder geht sie nichts an. Erst wenn das Göttliche
+verweltlicht ist, wenn die Idee irgendwie für weltliche Zwecke ausgebeutet
+werden kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr zu
+leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus jetzt ohne
+Ausweis, der seine Identität feststellte, so würde er wieder gekreuzigt in
+irgendeiner Form, obwohl die Welt sich nach seinem Namen nennt.
+
+Luther sagte nun allerdings, es könne wohl auch ein Reicher ins Himmelreich
+kommen, wenn er nämlich geistig arm sei, das soll heißen, wenn er seinen
+Reichtum so habe, als habe er ihn nicht, als könne er ihn jeden Augenblick
+verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeinträchtigt zu werden. In den
+Händen solle das Gut sein, nicht im Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist
+es aber nicht im Herzen, so wird es auch leicht aus den Händen fließen. Und
+wie sollte jemand, der die Möglichkeit hat, die Welt zu genießen, nicht
+dazu verlockt werden, es zu tun? Das würde auf einen Mangel an Kraft und
+Genußfähigkeit oder an ein Überwiegen der Moral, also auch wieder auf eine
+geistige Hemmung deuten. Genießt einer aber die Welt, so wird er dadurch
+allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. Ganz besonders wird einem
+göttlichen Herzen durch die Hilfsbedürftigkeit derer, die kein Geld haben,
+überflüssige Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.
+
+Es empört mich, wenn man mit einer gewissen hochmütigen Nachsicht über die
+Unordnung urteilt, die in den Finanzen des alternden Rembrandt herrschte.
+Es geht gegen die göttliche Logik, daß ein Genie ein guter Haushalter ist;
+ist es doch einer, so gehört das zu den Freiheiten, die Gott sich seinen
+Gesetzen gegenüber herausnimmt. Goethe wird deswegen von allen Weltmenschen
+auf den Schild gehoben, weil er zu beweisen scheint, daß man Weltmann und
+Genie zugleich sein könne; und es ist gewiß, daß er einer von den
+»hochgeistlichen« Menschen war, wie Luther es ausdrückte, die sich tief in
+die Welt verwickeln können, ohne ihren göttlichen Geist dabei einzubüßen.
+Andererseits beruht dies Phänomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer
+Selbstbeschränkung, auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermöglichte die
+Erscheinung eines vollständig abgerollten, auf allen seinen Stufen
+mustergültigen Lebens, das bewundernswert ist, aber nicht bewundernswerter
+als ein kürzer zusammengedrängtes und schneller verschwendetes wie das von
+Shakespeare, Beethoven oder Luther. Es ist wahr, daß man auch in weltlichen
+Dingen, ich meine in weltlich fördernden Dingen, von Goethe lernen kann;
+aber braucht man ein Genie dazu? Wenn nur das Göttliche mit ihm erscheint,
+das niemand lernen kann, das aber überspringt und zündet wie der Funke von
+der Flamme.
+
+Luther hätte sehr reich werden können, mir scheint, einer der reichsten
+Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt doch keinen Schriftsteller, der
+so gelesen worden wäre. Er hielt aber daran fest, kein Geld für seine
+Bücher zu nehmen, und lebte von einem dürftigen Professorengehalte. Einmal
+hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen bekennen, Schulden. Er
+nahm alle Zufluchtsuchenden bei sich auf, beschenkte alle Armen und
+Bettler, wenn er sonst nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die
+ihm zuweilen verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein Bauer gewesen
+und habe keine Bedürfnisse gehabt. Jeder geniale Mensch hat eine starke
+Sinnlichkeit, sieht gern Schönes, liebt Wohllaut, süße Gerüche und
+Wohlschmeckendes. Die Frömmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen
+wollten, machten es Luther zum Vorwurf, daß er die Laute spiele, Hemden mit
+bunten Bändern trage, Bilder in seinem Zimmer hängen habe und gern guten
+Wein trinke. Er hatte sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrauß
+mitgenommen und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er für seine Person
+anspruchslos und konnte mit dem Apostel Paulus sagen: »Ich kann niedrig
+sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt,
+beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden.«
+
+Mir scheint, es wäre nicht so durchaus zu beklagen, wenn der Krieg zu einer
+Verarmung Europas führte; vielmehr ist vielleicht gerade das mit der Zweck
+des Krieges, aber nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite
+eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands durch den
+Dreißigjährigen, den verheerendsten aller Kriege, gesprochen; in
+Wirklichkeit hat er nur die Armen ganz arm, die Reichen hat er reicher
+gemacht. Auf dem Lande namentlich und auch in den Städten war Dürftigkeit,
+an den Höfen war Überfluß sondergleichen; Reichtum und Armut waren also
+sehr scharf voneinander geschieden und bildeten einen starken Gegensatz.
+Auf der einen Seite war äußerste Selbstsucht und Genußfähigkeit, auf der
+anderen Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen Herzen der Gequälten
+wuchs die Musik Bachs, ein Baum des Lebens, tropfend in allen Zweigen von
+Unsterblichkeit. Gott ist #consumens et abbrevians#: es wird unendlich viel
+Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schönheit und Wahrheit, in
+die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses hatten die Armen den Glauben.
+Wie mochte jenen evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde
+zu schützen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und niedergestochen
+wurden und mitten im Sterben beteten: Ich werde nicht sterben, sondern
+leben! Die Ungläubigen verlachten das, da sie von dem Leben, das jene
+empfanden, nichts wußten. Armut ist nur unerträglich für Gottlose und in
+gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen Zeiten die
+Wohltätigkeitsbestrebungen der Heuchler und Gleisner, die die Armen nicht
+wahrhaft beglücken können, was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist;
+sondern der ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Genüsse
+dadurch von jeder Einschränkung zu befreien. Die wohleingerichteten
+Arbeiterheime und dergleichen muten an wie Friedhöfe, wo das Lebendige
+vermodert; ausgepumpte, luftleere Räume, wo die Menschen zu Mumien werden.
+Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, als daß der
+Krieg es wieder zum Chaos stampft.
+
+Ich brauche, denke ich, nicht zu erwähnen, daß Luther weit entfernt war,
+den Müßiggang zu loben. Seine eigene Tätigkeit schildert er in einem Briefe
+einmal so: »Ich brauche beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast
+nichts den Tag über als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich bin
+Prediger bei Tisch, man begehrt mich täglich zum Predigen in der
+Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, ich bin Ordensvikar, das
+ist soviel wie ein elffacher Prior, ich bin gesetzt über den Leitzkauer
+Fischteich, ich bin Sachwalter der Herzberger Mönche zu Torgau, ich lese
+über Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu kommt das
+Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine Gebetsstunden ordentlich zu
+feiern, neben den mir eigenen Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel;
+sieh, was ich für ein müßiger Mensch bin.«
+
+Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des ärgsten Unglaubens
+bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, allerdings ein Beweis des
+Mißtrauens in Gottes Kraft oder Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine
+Form, in der die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im Sparen
+und Geizen äußert sich mehr die Sucht nach Ruhe, die Angst vor Widerständen
+und dem Kampfe dagegen. Überwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt
+zum Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gänzlich dem Kampf
+entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche Fälle pflegte Luther mit den
+Worten abzutun: lasset die Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine äußere
+Hemmung, die nicht weggenommen werden kann, ohne daß innere, viel
+gefährlichere Hemmungen eintreten, deren letzte der Tod ist.
+
+Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, daß der Mensch im
+Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Mit Hinblick auf dies
+Gebot bekämpfte Luther unter anderem das Mönchsleben, wo der einzelne zwar
+Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu entziehen. In den
+Tischreden sagt er: »Am sichersten ists, daß einer in einem gemeinen Stande
+sei und lebe, wie auch Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer
+gemeiner Mann, gelebt und kein sonderliches Leben geführt hat. Nicht in
+Winkeln und Kammern.« Das wiederholt er an anderer Stelle und gebraucht
+dabei den Ausdruck, Christus habe nicht wie ein Unhold gelebt.
+
+Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für Auserwählte halten,
+vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit zurückgezogen. Sie heiraten
+nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des
+Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen zu werden,
+sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille von Schlössern und
+Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und schwach sein, das solche
+Schädlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt
+wird.
+
+Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im Mangel eine äußere
+Hemmung gesetzt ist, die leichter zu überwinden ist als diejenige, die der
+Überfluß ins Innere treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten,
+wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäre aber nicht
+eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe stellte, die Welt
+ganz zu erleben und dennoch zu bändigen.
+
+Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Völkern: sie haben
+ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie
+auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur muß man nicht glauben, daß man
+beides zugleich sein könne.
+
+Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, es sei gewiß wahr,
+daß das Leben nicht im Denken oder Träumen, sondern im Wirken sei, und es
+sei sonderbar, daß die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten,
+unter der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn
+sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß sie dadurch des Kampfes
+ums Dasein überhoben wären.
+
+Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich
+der Menschen bemächtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die
+Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe
+abgelöst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie
+Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit
+dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst
+wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die
+Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung des kraftvollen,
+arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflösung mehr und
+mehr befördert, hat die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter.
+Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er führt nur die
+materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft #ad absurdum#; ein
+verjüngtes Leben, dessen Wesen schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf
+Naturalwirtschaft begründet sein.
+
+Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie
+tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen
+haben, werden wir wieder fliegen können.
+
+
+
+
+XXIII
+
+
+Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war,
+erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet hat, wie es die
+unwillkürlichen Vorgänge im Menschen stört, wenn man die Aufmerksamkeit
+darauf lenkt. Das geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu
+gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie das Sprichwort wohl
+weiß: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Nietzsche
+bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst
+erfahren, daß eine gewisse »feurige Pressiertheit« dem Erfolge im Wege
+stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich besonders nachdrücklich auf
+die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer
+zutiefst weiß, daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein
+anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann.
+Wie dem auch sei, man muß Gott »Raum lassen«, man muß überhaupt die
+selbsttätigen Kräfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht
+auffressen. Man muß in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im
+Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen
+von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie eines Tages ganz
+abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, daß nur wer gehorchen
+gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird
+keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen,
+die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen ist; nicht die
+Ruhe der Erschöpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das
+köstlichste und unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der
+Schlaf: tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht täglich
+neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenüber göttlich, und
+so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenüber: er ist der tiefste Brunnen
+der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und
+jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel
+tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird
+tiefer auflösen, tiefer verwandeln.
+
+Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung von der
+Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen
+Substanz, gemacht? Diese Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können
+das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind
+auch keine Personen, sie sind und haben nichts für sich. Wenn eine Amöbe
+sich teilt, so ist es unmöglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die
+Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz
+selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die
+Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine
+Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und
+schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind.
+Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals
+zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott: #Qui solus habet
+immortalitatem# -- Der allein Unsterblichkeit hat.
+
+Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl
+bekannt; er drückte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht
+sterben. Ebenso hat die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft
+gepredigt, daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft
+ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist die große Tragödie des
+Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen
+Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht.
+
+Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, und daß nur die
+göttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der
+Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich
+dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann doch
+die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger ausdrücken, als
+diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die
+Schönheit des verhältnismäßig unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir
+heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus
+konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen Todes Erlebnis werden.
+
+Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, daß er nicht
+einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde
+bist du genommen und sollst wieder Erde werden. »Ach, wenn Adams Fall nicht
+alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur Gottes wäre doch
+der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich
+hätte er gelebt ohne alle Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne
+alles Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche Leben
+abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wäre eine
+feine, lustige Veränderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in
+diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten
+entworfen und abgemalet hat.«
+
+Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir nicht sterben; aber
+gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es
+uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu
+wissen, ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel und
+der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels herauslesen, in welchem
+sie persönlich weiterleben dürfen.
+
+Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche Zustände. Schon in
+den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Sätze
+auf: »Ist ein Sterbender von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine
+Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise große Furcht, und
+zwar um so größere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind
+an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie
+dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, unterscheiden
+sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln
+und des Heils gewiß sein. Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer
+Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.«
+
+Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den
+sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: »Denn wenn der Mensch sein
+[inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die
+Hölle in sich selbst.« Dementsprechend über den Himmel: »Alle diese Güter
+sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat
+viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in
+sich den Glauben an Christum ... Denn wenn ein Christenmensch dasselbige
+Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich,
+wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die
+Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den
+Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große
+Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor
+überschwenglicher Gnadenfülle.«
+
+Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches Gottes, daß es nicht in
+äußerlichen Gebärden stehe, daß es inwendig in uns sei, sind bekannt; und
+wie er den Juden vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche
+Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut.
+Dies ist so klar und oft betont, daß die Menschen, die sich ein Studium aus
+Gott und den göttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise
+eingesehen haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres
+Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den
+Sinnen Ergreifbares, teils außer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat
+man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines
+umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern des
+Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther nicht tat. Und doch
+hat gerade Luther immer hervorgehoben, daß die Alten in weltlichen Dingen,
+die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit überlegen waren, in allem,
+was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, was Kultur
+betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er ihnen unbedingt ein; was er
+ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren
+Persönlichkeitsbewußtsein, den inneren Spaltungen und der überwindenden
+Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine
+verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich große Männer und edle Frauen
+im Gespräch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte
+vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon
+abgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus,
+welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, während Luther
+einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die
+Seligkeit des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der zwar auch
+unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem
+bewußten Selbst schafft? Kann das Gefühl des naiven Menschen so innig sein,
+wie das dessen, der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens
+hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hölle
+abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von außen sieht, nicht
+auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen
+auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu
+brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit
+wie der christliche Märtyrer, der, während sein Körper brannte, über sich
+den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren
+Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen,
+des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen
+Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, wenn er sie ganz erfaßte, ahnte
+Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was für Probleme
+Luther stellte.
+
+Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren
+des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner öfters gesagt
+wird, daß Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich,
+daß doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der
+Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, daß die Menschen
+geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas
+der Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlich zumeist
+wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache der großen Dichter, denen
+wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der
+Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitel
+#verba allegorica# wären. Das geht auf das Blasen der Posaune und das
+Hinaufgerücktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas
+anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die
+natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man
+würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von der Auferstehung des Leibes
+und nicht von der Auferstehung des Fleisches spräche; woraus hervorgeht,
+daß es sich für ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen
+handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum
+Beispiel an der Stelle im Evangelium, daß Christus, obwohl er voll
+göttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er
+war, heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die
+vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte
+Luther einmal über Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der
+christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprüngliche
+Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begründen, aus
+Instinkt vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. Doch
+spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero,
+und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: »Daß er aus dem, daß die
+lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm ähnlich
+und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein Gott sei.« Gott ist
+die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. »Ich bin, der sich
+nicht verändert.«
+
+Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und gar im Stoffe,
+ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät außer der Erscheinung, das
+Ding an sich, ist ein bloßer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit
+wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen,
+sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar
+und schön auseinandersetzt, in einer anderen Körperlichkeit, als die
+unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte
+Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine
+Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon während seines
+persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich und unwandelbar ist,
+soweit bleibt er auch in jener ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur
+wir nichts aussagen können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich
+nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme
+persönlicher Fortdauer, während der Christ glaubt, daß nur die Substanz
+unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an
+die Möglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts
+als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, auch
+wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung oder Selbsttäuschung.
+
+Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee eines Bildes hat,
+seines Ebenbildes; denn welcher Künstler schüfe im Grunde jemals etwas
+anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen
+Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte
+Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz und gar;
+trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer
+gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist
+mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper,
+wie sie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt war, Gott
+zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus;
+soweit wir Christus anziehen, das heißt sein Gottesbewußtsein teilen
+können, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus
+zahllosen Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist
+und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen Farbentupfen
+lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung näherte,
+desto mehr sich des ganzen Bildes bewußt werden, vollständig aber erst
+könnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee
+des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben,
+wenn sie sich mit ihm identifizierten. »Es fährt niemand gen Himmel, denn
+der herabgefahren ist, Jesus Christus.« Die Idee allein ist ewig, wir
+können nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum
+wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir das ewige Leben
+haben wollen, und daß das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen muß.
+Nicht daß wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste,
+wenigstens nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen werden,
+denn dadurch werden wir »Mitgenossen der göttlichen Natur«. Diese
+Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, daß
+Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie
+an ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der Menschheit
+Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi Auferstehung täglich sich
+vollende, wenn wir hernach kämen. »Denn Christi Auferstehung und unsere muß
+man zusammenbinden und aneinanderhängen als für eine, weil er unser Haupt
+ist.« Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen:
+die Menschheit ist in ihm verewigt.
+
+»Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf
+und nieder«, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem
+Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall
+gegenwärtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches
+ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß er aber nie
+aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des Auffahrens nach oben sich
+unwillkürlich einstellt, kommt daher, daß der Mensch das Maß aller Dinge
+ist, und daß das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich
+offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem
+Körper oben liegt.
+
+Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige Unsterblichkeit, und ich
+gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts über den Verlust des
+Persönlichen trösten. Luther selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod
+für die größte Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit
+seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern
+und verachten, dann wieder mit wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie
+man Schlangen tut mit Musik.
+
+Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivität, hätte die Welt vernichten
+müssen, wenn sie nur leidend gewesen wäre; er habe deswegen eine Aktivität
+in sie gesetzt, die seine eigene hemmte, und habe sich dadurch ermöglicht,
+trotz beständigen Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem
+ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. »Ich sage
+euch ein Geheimnis«, sagt Paulus, »wir werden nicht ganz entschlafen,
+sondern wir werden verwandelt werden.« Dies Geheimnis eröffnet eine
+fabelhafte Aussicht.
+
+Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Künstler zu denken, der
+inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, ewig etwas Neues
+ausgießt aus den Ideen durch das Werk. Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja
+Schaffen, und im selben Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet
+hat, beginnt er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch
+persönlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. »Ich bin bei
+euch bis an das Ende der Tage.« Insofern hatte Nietzsche recht mit der
+Mahnung, wir sollten den Alp von uns werfen, als wären wir Epigonen. Die
+Menschheit ist immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie
+Christus immer zugleich künftig und vergangen. Zwar gibt es immer irgendwo
+Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorläufer. Daß Christus wiederkommen
+werde, ist in der Heiligen Schrift ausdrücklich gesagt; nur hebt das den
+Christus, den wir aus der Schrift kennen, nicht auf.
+
+Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe wie die
+christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. Es ist sehr wohl
+möglich, daß Nietzsche darin nicht von Luther beeinflußt war, denn Ideen
+offenbaren sich nicht nur einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben
+seine schönen darauf bezüglichen Phantasien dem Wesen nach große
+Ähnlichkeit mit denen Luthers in den Tischreden. »Dieser Finger, daran
+dieser Ring steckt, muß mein wieder werden«, sagt er da. Und die Erde werde
+nicht leer, wüste und einödig sein, sondern alles werde da sein, was dazu
+gehört, »Schafe, Ochsen, Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder
+Luft nicht sein kann«. Indessen nahm Luther bei der Restitution der Dinge
+doch eine Veränderung an, wie er denn sagt, auf dieser neuen Erde werde
+Gott Hündlein schaffen, deren Haut werde golden sein und ihre Haare oder
+Locken von Edelstein. Das Wesen der Veränderung soll aber nach seiner
+Auffassung offenbar im Menschen liegen. »Denn ein Herz, das voll Freuden
+ist, was es siehet, das ist ihm alles fröhlich; aber ein traurig Herz, dem
+ist alles traurig, was es siehet. Änderung des Herzens ist eine große
+Änderung.« Er pflegte oft zu klagen, daß er schwach im Glauben sei und
+darum so wenig vermöchte, während der wahre Christ in Gott allmächtig sein
+sollte. In einer Vermehrung der Kraft sollte wesentlich die Seligkeit
+bestehen. »Wenn ich werde zum Ziegelstein sagen, daß er ein Smaragd werde,
+so wirds von Stund an geschehen.« Luther hatte viele Augenblicke im Leben,
+wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, so wie die Griechen aus ihrem
+schäbigen Purpur die Götterfarbe machten. »Änderung des Herzens ist eine
+große Änderung.« In einer Kräftigung des Herzens liegt jede Vergöttlichung,
+und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen Himmel und eine neue Erde
+schaffen, viel weiter und breiter als heute, so wird er das auch nur durch
+Erneuerung des Herzens tun.
+
+Ich erwähnte vorhin, daß Luther den Heiden die Seligkeit absprach. Doch
+äußert er sich gelegentlich auch anders, so in den Tischreden über Cicero:
+»Cicero, ein weiser und fleißiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich
+hoffe, unser Herrgott werde ihm und seinesgleichen gnädig sein. Wiewohl uns
+nicht gebührt, das gewiß zu sagen noch zu definieren und schließen, sondern
+sollen bei dem Wort, das uns offenbart ist, bleiben: >Wer glaubet und
+getauft wird, der wird selig<; daß aber Gott nicht könnte dispensieren und
+einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Völkern; da gebühret uns
+nicht zu wissen Zeit und Maße. Denn es wird ein neuer Himmel und eine neue
+Erde werden, viel weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl
+einem jeglichen geben nach seinem Gefallen.«
+
+Das sind Phantasien über die Einheit des Menschengeschlechtes, wie Luther
+auch gern über die Zugehörigkeit des Tierreichs zu den Menschen, ja, über
+die Einheit der ganzen Schöpfung phantasierte.
+
+Gewiß ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im Feuer. »Der Herr unser
+Gott ist ein verzehrendes Feuer.« Das Feuer, Gott in seiner Majestät, wird
+am Jüngsten Tage alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er
+wird sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, der zugleich
+Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er alles wiederbringen so wie es
+war? Gibt es ewige Höllenstrafen? ewige Vernichtung dessen, was einmal war?
+Das sind Fragen, über denen Luther wohl einmal träumte, um sich schließlich
+doch gläubig der allmächtigen Gotteshand anzuvertrauen. Er hatte ein
+bewundernswert feines Gefühl für die Grenze des Allerheiligsten, jenseit
+welcher das heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten ihn
+dort zurück, und er verbot eindringlich, darüber zu grübeln, was Gott mit
+den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich sagte er hingegen, was er
+nicht glaubte, nämlich eine Fortdauer der Person; ist doch Erweiterung, das
+ist Überwindung des Persönlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem
+sagt, daß dieser selbe Finger ihm wieder werden müsse, so ist das wohl
+nicht so aufzufassen, als werde er wissen, daß dies der Finger Martin
+Luthers sei; sondern es bedeutet, daß alles, was erschienen ist, stets
+wieder erscheinen müsse, als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im
+Werdenden. Jedenfalls gibt es kein gröberes Mißverständnis, als wenn jemand
+sich einbildete, er wäre der wiedererschienene Martin Luther oder der
+wiedererschienene Christus. Für uns kann es keinen anderen Martin Luther
+geben als den historischen und keinen anderen Christus als den
+historischen; fühlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, daß
+die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig sich verändernden
+Körpers, daß es aber doch unzertrennlich mit ihm verbunden ist.
+
+Der Schauder der Frühe überläuft die Erde schon; doch bitte ich dich, mir
+noch ein Weilchen zuzuhören: es ist süß, den Abschied hinauszuschieben,
+indem man vom Abschied plaudert.
+
+Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich zum Stoffe und im
+Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine Strahlen zurückwerfen kann,
+damit Gott seiner bewußt wird, sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern
+muß sich vom Ganzen absondern, sonst wäre er ja Gott selbst und könnte Gott
+sich nicht in ihm spiegeln: er hüllt sich in eine Kruste oder Haut, die ihn
+vom Nicht-Ich abschließt, zugleich aber mit dem Nicht-Ich verbindet. Die
+Haut ist reizbar, empfindlich; als ein Teil der Einheit, die in der
+Vielheit erscheint, ist das Einzelwesen berührbar durch die Kraft, die in
+zahllosen anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch
+welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt sich
+allmählich auf verschiedene Zonen: der Mensch empfindet die Außenwelt nicht
+nur mehr als Ganzes, sondern er sieht, er hört sie, er schmeckt, riecht und
+fühlt sie. Mit der Zeit aber, im Maße, wie das göttliche Feuer, welches das
+Einzelwesen für sich von der feurigen Gottheit zugeteilt bekam, verbraucht
+und verwandelt wird, erstarrt die Kruste und wird mürbe; die Haut wird
+runzlig, der Körper zerfällt. Wenn das Gehäuse, durch welches wir von Gott,
+dem Ganzen, dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden Welt
+verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung mit der erscheinenden
+Welt abgerissen, wir sind wieder eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind
+wie Prinzen, die aus ihrem Königreich verbannt wurden. Damit man nicht
+erkennt, welchen Geblüts sie sind, tragen sie eine schützende Maske, bald
+diese, bald jene, und es kann vorkommen, daß sie in einem Kostüm heimisch
+werden und die Krone und den Purpur, der ihnen gebührte, fast vergessen.
+Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen dürfen, um ihre
+königliche Herrlichkeit anzulegen, um die bunte Maske traurig sein, die sie
+in der Verbannung vermummte? Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so
+schön sind, daß der Gedanke an ihre Vergänglichkeit mir das Herz zerreißt.
+Aber kommt das vielleicht daher, daß ich diese durchsichtigen Verkleidungen
+liebe, durch welche der Stern, der die göttliche Abkunft verrät,
+verhängnisvoll hindurchscheint? Schon erfaßt sein strenges Feuer das
+farbenselige Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; das, was
+unerreichbar über allem Irdischen steht, wird gegenwärtig. Das Vollendete
+macht glücklich und traurig zugleich; trotz der morgendlichen Helle kann
+ich dich nicht sehen vor Tränen.
+
+
+
+
+XXIV
+
+
+Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube
+auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das
+Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug
+entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es
+entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe
+häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere
+dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl
+nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an
+der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem
+Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun --, denken wollen, was wir
+glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich
+etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht;
+da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und
+Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum
+endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung
+weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube
+beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung
+durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein
+Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe
+herbeigekommen! Wie schön ist dieses »denn«! Wäre das Himmelreich nicht
+nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße.
+
+Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den
+alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt,
+was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten.
+Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf
+einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des
+Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine
+Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das
+Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht
+ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er
+konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte
+auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht
+konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte
+die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten.
+
+Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der
+Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit
+der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen
+Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die »mehr als tartarische
+Verwirrung« zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz
+verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der
+Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch
+eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und
+tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug
+auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich
+zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen
+dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott
+sprächen wie der Schuster vom Leder.
+
+Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus »rohen
+Bauern und einfältiger Jugend« und Männern, die überwiegend mit Verstand
+begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im
+Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit
+und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom
+Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch
+halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu
+können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er
+ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und
+beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: »Das weiß Gott, ich schreibe
+solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue
+kommen.«
+
+Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am
+dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten
+versteht und deswegen am meisten haßt?
+
+Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung
+verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen,
+Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf
+die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an
+den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es
+buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren
+Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen
+Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal
+derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen
+Fingern zu berühren.
+
+Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte
+sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die
+Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte über die
+göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht
+spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und
+mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen.
+Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß
+das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein
+Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er
+immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion
+Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das
+Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein
+Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin,
+losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld
+war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten
+hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und
+damit Gott aus der Welt schafften.
+
+Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem
+Wort und Werk suchen. »Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich.
+Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht
+ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht
+finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem
+Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel
+dafür, der will auch Gott sein.«
+
+Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen:
+sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.
+
+Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der
+Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen
+oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener,
+willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit
+der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus
+folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines
+adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden
+könne.
+
+»Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da
+sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo
+hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten
+will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur
+Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen
+Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott
+geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist,
+daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben
+erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und
+soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi
+üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen
+nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a
+gloria.# Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit
+verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden
+sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und
+versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn
+solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist
+er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon
+gericht.«
+
+Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht
+Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes
+erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte
+Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung
+das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen
+Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes,
+womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist
+Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem.
+Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen,
+höchstens zu seinem Schaden; aber »der Geist erforschet alle Dinge, auch
+die Tiefen der Gottheit«, wie es in den Korintherbriefen heißt. »Der
+natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit
+und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der
+geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.«
+
+Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren über die Absichten
+Gottes in der Führung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge,
+warum einem Bösen gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse,
+warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der
+Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen
+Luthers davon waren, was Gott überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im
+Grunde doch alle einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat,
+für ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu
+sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermögen zu
+hinterlassen. Er war der Gott des großen Haufens, der für Erhaltung jedes
+einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, zu sehen,
+wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll
+Besorgnis, sie könnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war
+ihm lächerlich, daß die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den
+allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, daß
+ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig sein könnten; aber er
+unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, daß er das alles wohl auch noch
+überflüssig dazu gebe. Er erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide,
+gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten,
+sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, daß es einem gut und
+dienlich sei; aber er wußte, daß die »verkehrte Art« Wunder und Zeichen
+verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß
+der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott müsse
+doch den Weltlauf ändern können, wenn er allmächtig sei. Er erklärte, wenn
+geschrieben stehe, daß Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu
+verstehen, als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf ihre
+Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie
+innerlich und im Geiste über die Hohen der Welt erhoben würden. Er suchte
+stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue;
+aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige
+gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer
+persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder
+von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei
+anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder
+in Staunen und Schrecken setzte. »Darum«, sagte er, »wenn wir der Gottheit
+gedenken, so müssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott
+und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und Raum.« Immer wieder
+stieß er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich
+vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflösten.
+
+Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann,
+in dessen kraftvollem Ich das göttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in
+kraftvollen Zeiten, wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich und
+das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: der Mann
+erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit
+der Phantasie. Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft
+sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß Gott in jedem Menschen sei,
+so erregte das grobe Mißverständnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie
+man sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die Verbindung des
+einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu
+sprechen ist gefährlich.
+
+Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte Weltbewußtsein
+wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders
+Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte:
+»Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. -- Und
+warum keine? Aus Religion.« Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch
+war auch seine Überzeugung: »Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich
+glaub ihn? Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd
+Himmelsglut.« Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot
+überkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, daß
+Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther
+mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und
+nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das
+Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder
+Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden
+Kunst muß die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort,
+in der Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen jeder Tag und
+jede Erscheinung göttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den
+Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit
+diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und überall
+anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun,
+und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde.
+
+Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Späteren doch am
+nächsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In
+seinem Märchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und
+der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen
+Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. »Ach! warum steht der Tempel
+nicht am Flusse!« Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an
+das Licht des Tages auftauchen.
+
+Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, das Innere am
+Äußeren zu demonstrieren; das war nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu
+seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben
+aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen übergehen
+könnte. Die Idee, Gott in seiner Majestät, wird immer im heiligen Dunkel
+bleiben; aber die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr
+mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und je besser man das
+erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trägt. Da die Form, in der
+eine Idee sich ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so
+muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu
+betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nähert man sich
+Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch
+das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die
+Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg
+bereitet.
+
+Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug
+auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen großes Herz Geist und
+Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein,
+weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der mittelbare
+Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit mußte die Möglichkeit dieses
+mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben
+wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen
+Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom
+umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder
+ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal
+geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter über den göttlichen
+Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher,
+sondern ein Geistmensch.
+
+Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in
+dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis die Götterbilder, und die
+altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der
+romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn
+sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einließ, die ihre
+Mauern auflösten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des
+Barock und Rokoko ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste
+in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit fehlte, wie in der
+reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose
+Nüchternheit des bloßen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum
+Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, das
+ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das Dunkel heiliger
+Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides zusammenfallen kann, daß
+»die wahren Göttersöhne« unter den Sternen anbeten, daß die sichtbare
+Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen
+zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen
+Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den
+er vor allen liebte. »Obwohl mein Name verhaßt ist, so daß ich fürchten
+muß, daß dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher
+von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur
+Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt sehe, diese
+Furcht überwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief
+nicht Gefahr bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, wenn
+einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe ich doch auch deine
+bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir gar nicht gnädig sind, und verehre
+sie vor andern, weil sie die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein
+Zweifel, daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die Musik
+lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen und Steinen für
+ähnlich.« So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo
+er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und
+Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt
+nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie
+oder was für eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast
+sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin
+es will.
+
+Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? Mir scheint, nur
+das, daß die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mächtig auf die Erde
+gründen, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre
+Diener, Christus ihr Haupt.
+
+Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Götterbild, das sie
+verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der
+Schöpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es
+bleibt noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu
+antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die
+Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen:
+
+ Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
+ So bist du alles, bist unüberwindlich.
+
+Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein häßliches
+Gegenteil um, wenn man es bewußt sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit,
+Naivität. Ich müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles
+geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine Masse vermehren.
+Das wäre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als
+Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die
+Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß du ihrer bedarfst;
+ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel
+sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst
+jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu
+betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der sicherste zum Ziel ist.
+
+In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein
+Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden
+Scheherazade verzeiht. Darüber mußte ich immer lachen, denn es schien mir,
+als hätte er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie
+ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und so bittet denn
+auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr
+den redseligen Mund endgültig schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist
+die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die
+summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du!
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Seite 12: »Math. 21, 31« wurde geändert in »Matth. 21, 31«
+ Seite 48: »Jede antikisiernde Kunstrichtung« wurde geändert in
+ »Jede antikisierende Kunstrichtung«
+ Seite 51: »Diesen Umstand, daß die Natur« wurde geändert in
+ »Dieser Umstand, daß die Natur«
+ Seite 141: »nie ein lebendiges Ganze werden können« wurde geändert in
+ »nie ein lebendiges Ganzes werden können«
+ Seite 144: »consumans et abbrevians« wurde geändert in
+ »consumens et abbrevians«
+ Seite 160: »um nur an die Ungegelehrten« wurde geändert in
+ »um nur an die Ungelehrten«
+ Seite 182: »Daß heißt« wurde geändert in »Das heißt«
+ Seite 186: »sowohl im Makrokosmus wie im Mikrokosmus« wurde geändert in
+ »sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos«
+ Seite 214: »das keine Persönlichket duldet« wurde geändert in
+ »das keine Persönlichkeit duldet«
+ Seite 240: »consummans et abbrevians« wurde geändert in
+ »consumens et abbrevians«
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***
+
+
+******* This file should be named 39430-8.txt or 39430-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/4/3/39430
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
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+1.F.
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+<p>Title: Luthers Glaube</p>
+<p> Briefe an einen Freund</p>
+<p>Author: Ricarda Octavia Huch</p>
+<p>Release Date: April 12, 2012 [eBook #39430]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges,<br />
+ and the Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="ppnote">
+<p>Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<ul>
+<li>Passagen, die im Originaltext in Antiqua statt in Fraktur gesetzt waren, sind hier <i>kursiv</i> dargestellt.</li>
+<li>Passagen in griechischer Schrift sind mit einer <span class="greek" title="so wie hier">grau gestrichelten Linie</span> unterlegt, die beim &Uuml;berstreichen mit der Maus eine Transkription anzeigt.</li>
+<li>&Auml;nderungen im Text sind mit einer <span class="ins" title="so wie hier">blau gestrichelten Linie</span> markiert; beim &Uuml;berstreichen mit der Maus wird die Originalschreibweise angezeigt.</li>
+<li>Das Inhaltsverzeichnis wurde nachtr&auml;glich eingef&uuml;gt.</li>
+</ul>
+</div>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1><span class="spaced">Luthers Glaube</span><br />
+<span class="small">Briefe an einen Freund</span></h1>
+
+<p class="title">von<br />
+<span class="big spaced">Ricarda Huch</span></p>
+
+<p style="text-align: right; margin-right: 33%; margin-top: 4em; margin-bottom: 6em; font-weight: bold"><span class="antiqua">Visibilia et Invisibilia</span></p>
+
+<hr style="width: 33%; margin-bottom: 0em" />
+
+<p class="title spaced" style="margin-top: 0em">Im Insel-Verlag zu Leipzig<br />
+1920</p>
+
+<p class="title small"><span class="spaced">16</span>.<span class="spaced"> &ndash; 19</span>.<span class="spaced"> Tausend</span></p>
+
+
+<p class="title big" style="margin-top: 4em; margin-bottom: 1em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p>
+
+<table border="1" width="60%" cellpadding="4" style="font-weight: bold" summary="Inhalt">
+<colgroup width="25%" span="4"></colgroup>
+<tr><td align='left'><a href="#brief1">I</a></td><td align='left'><a href="#brief2">II</a></td><td align='left'><a href="#brief3">III</a></td><td align='left'><a href="#brief4">IV</a></td></tr>
+<tr><td align='left'><a href="#brief5">V</a></td><td align='left'><a href="#brief6">VI</a></td><td align='left'><a href="#brief7">VII</a></td><td align='left'><a href="#brief8">VIII</a></td></tr>
+<tr><td align='left'><a href="#brief9">IX</a></td><td align='left'><a href="#brief10">X</a></td><td align='left'><a href="#brief11">XI</a></td><td align='left'><a href="#brief12">XII</a></td></tr>
+<tr><td align='left'><a href="#brief13">XIII</a></td><td align='left'><a href="#brief14">XIV</a></td><td align='left'><a href="#brief15">XV</a></td><td align='left'><a href="#brief16">XVI</a></td></tr>
+<tr><td align='left'><a href="#brief17">XVII</a></td><td align='left'><a href="#brief18">XVIII</a></td><td align='left'><a href="#brief19">XIX</a></td><td align='left'><a href="#brief20">XX</a></td></tr>
+<tr><td align='left'><a href="#brief21">XXI</a></td><td align='left'><a href="#brief22">XXII</a></td><td align='left'><a href="#brief23">XXIII</a></td><td align='left'><a href="#brief24">XXIV</a></td></tr>
+</table>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span></p>
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+<h2><a name="brief1" id="brief1"></a><a href="#inhalt">I</a></h2>
+
+
+<p><span style="font-size: 250%">I</span>n seinen Kritischen G&auml;ngen macht F.&nbsp;Th. Vischer folgenderma&szlig;en
+seiner Begeisterung f&uuml;r Luther Luft:</p>
+
+<p>&bdquo;Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit,
+womit sich Luther selbst und mit ihm seine Nation
+rein auf die inneren inhaltsvollen Interessen des Geistes
+warf, allem sch&ouml;nen Schein, aller sanften, menschlich sch&ouml;nen
+Bildung zun&auml;chst den R&uuml;cken kehrte, so da&szlig; die bildende
+Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im
+Lauf der Jahrhunderte eine &auml;sthetische Bildung eintrat,
+welche bei den romanischen V&ouml;lkern in ununterbrochener
+Fortentwickelung mit oder nicht allzu sp&auml;t nach dem Abschlu&szlig;
+des Mittelalters ihre Bl&uuml;te feierte. Und er vergi&szlig;t sich
+zu fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie,
+ja, ob er je eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner
+Werke geschrieben h&auml;tte, wenn nicht jene unsere derben
+Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden sch&ouml;nen Scheins
+mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so
+eine Krisis der Zeiten herbeigef&uuml;hrt h&auml;tten, eine ethische
+Krisis, f&uuml;r welche nie und nimmer die &auml;sthetische Bildung
+ein Surrogat sein kann, welche vielmehr einer echten, tiefen,
+wahren Kunst und Poesie, wie die neuere es ist, vorausgehen
+mu&szlig;te. Wohl uns, da&szlig; unsere Vorfahren &uuml;berhaupt gar
+die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch &Uuml;berlebte
+sich &auml;sthetisch zu verblenden; da&szlig; sie solche Tendenzb&auml;ren
+waren, da&szlig; der sch&ouml;ne Schein sie nicht bestechen, der Glanz
+der Belladonna sie nicht blenden konnte; wohl uns, da&szlig; sie
+nicht mit der Phantasie umfa&szlig;ten, was der grobe Verstand,
+die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.&ldquo;</p>
+
+<p>So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller &uuml;ber
+Luther, dessen Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral
+zu bek&auml;mpfen, der Poesie sprach, wenn er den Mund auftat.
+<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span>Er nennt Luther einen Tendenzb&auml;ren, ihn, der jede
+Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt
+hat, ohne darum in den Irrtum zu verfallen, als sei die
+Kunst oder sonst irgend etwas um seiner selbst willen da,
+da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das Weltganze um
+seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral
+oder Werkheiligkeit n&auml;mlich war der Ausgangspunkt und
+Mittelpunkt von Luthers Lehre. Als ich diese Vischersche
+Predigt las, begriff ich, was f&uuml;r ein Zorn, ja was f&uuml;r
+eine Raserei Luther manchmal ergreifen mu&szlig;te, wenn ihn
+trotz seiner klaren und gl&uuml;henden Worte niemand verstehen
+wollte oder meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und
+ihm grinste immer nur engherzige oder verstockte Pers&ouml;nlichkeit
+entgegen. Auch Goethe also, der ohne Luther nicht zu
+denken w&auml;re, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing,
+Schiller und &uuml;berhaupt jeder gro&szlig;e Deutsche nach ihm, hat
+ihn verkannt und verleugnet; wiewohl ich glauben will, da&szlig;
+davon mangelhafte Kenntnis die Ursache war.</p>
+
+<p>Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen
+Meinungen seines Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller,
+packender, reiner ausgepr&auml;gt sich auszusprechen als Luther
+ist nicht m&ouml;glich, und es ist doch nicht m&ouml;glich, noch gr&uuml;ndlicher
+mi&szlig;verstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen
+Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt
+und verbrannt zu werden. Aber Luther streute den Samen
+seines Wortes trotz Ha&szlig; und Mi&szlig;verst&auml;ndnis aus, denn er
+tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er mu&szlig;te, und
+deshalb ging der Samen auch auf und n&auml;hrte alle, selbst
+wider Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen
+Dichter, dem es weniger um seinen Namen zu tun war, als
+Luther. Erinnerst du dich der sch&ouml;nen Worte des Marquis
+Posa: ihn, den K&uuml;nstler, wird man nicht gewahr; bescheiden
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">7</a></span>verh&uuml;llt er sich in ewige Gesetze. Was f&uuml;r ein Mensch war
+Luther, da&szlig; man auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt
+ist. Er w&uuml;rde aus Vischerschen und anderen Mi&szlig;verst&auml;ndnissen
+jedenfalls nicht die Schlu&szlig;folgerung ziehen, da&szlig;
+man sich schweigend in sich zur&uuml;ckziehen, und noch viel
+weniger die, da&szlig; man seine Person ins hellere Licht ziehen
+sollte, sondern da&szlig; seine Ideen wiederholt und verst&auml;ndlicher
+gemacht werden m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Wenn ich sie gerade dir verst&auml;ndlich zu machen suche, so
+ist das, weil ich nun einmal so gern dir sage, was ich wei&szlig;,
+wie wenn es dir geh&ouml;rte. Nehmen wir an, du seiest der
+K&ouml;nig, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich deshalb meine
+Lieder, oder was es sonst ist, widmen mu&szlig;. Ob das Sinn
+und Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen
+hoffe ich, da&szlig; du deiner Scheherazade ebensogern
+zuh&ouml;rst, wie sie dir erz&auml;hlt, und beschr&auml;nke meine Vorrede
+auf die Bitte, da&szlig; du nicht ungeduldig wirst, wenn ich etwas
+sage, was du schon wei&szlig;t. Es ist ein Unterschied, etwas zu
+wissen und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen
+Zusammenhange, zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen.
+Luther bem&uuml;hte sich im Kloster, vermittelst der Vorschriften
+des M&ouml;nchslebens die Seligkeit, den inneren Frieden, zu erlangen,
+oder, wie er es oft nennt, einen gn&auml;digen Gott zu
+bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen,
+Kasteiungen, kurz in allerlei &Uuml;bungen zum Zwecke
+der Selbst&uuml;berwindung; Luther fand aber, da&szlig; er sich, je
+ernstlicher er in ihrer Ausf&uuml;hrung war, desto weiter von
+dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger er
+am Ma&szlig;e der Werke gemessen wurde, desto dunkler, k&auml;lter
+und leerer f&uuml;hlte er sein Inneres. Was er auch tat, um
+sich gewaltsam Gott zu n&auml;hern, das Ergebnis war, da&szlig; er
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">8</a></span>ihm immer ferner r&uuml;ckte, bis an den Rand der H&ouml;lle. Unter
+Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, da&szlig; man zugleich
+in seinen Handlungen gut und in seinem Innern
+unselig sein kann; da&szlig; zwischen Handeln und Sein eine un&uuml;berbr&uuml;ckbare
+Kluft besteht, solange die Handlungen aus
+dem bewu&szlig;ten Willen flie&szlig;en, da&szlig; ein Zusammenhang
+zwischen Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen
+aus dem unbewu&szlig;ten Herzen, eben aus dem Sein
+entspringen, kurz, da&szlig; nur die Taten der Seele zugute kommen,
+die man tut, weil man mu&szlig;. Alles Guthandeln, das
+nicht mit Notwendigkeit aus dem Innern flie&szlig;t, sondern
+das der bewu&szlig;te Wille macht, rechnete Luther unter die
+Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur Schein ist,
+weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat.
+Er wies alle derartige Handlungen als ung&ouml;ttlich, d.&nbsp;h. nicht
+aus dem Sein flie&szlig;end, aus dem Gebiet der Religion in
+das Gebiet der Moral, womit nur die Welt, aber nicht
+Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral vom
+Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, da&szlig;
+sie in einem feindlichen Gegensatz zu Gott steht.</p>
+
+<p>Da&szlig; sogenannte Zeremonien, n&auml;mlich kirchliche Vorschriften,
+als Wachen, Fasten, Beten, Kasteien und &auml;hnliches,
+die Seligkeit nicht geben k&ouml;nnen, leuchtet den meisten
+Menschen ein; man k&ouml;nnte indes bezweifeln, ob moralische
+Handlungen unter denselben Begriff geh&ouml;ren. Auch hat
+schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher
+Denker es bestritten; aber Augustinus stellte fest, da&szlig; Paulus
+durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern auch die moralischen
+Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu den
+Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht
+machen.</p>
+
+<p>Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln,
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span>welches das Wohl des N&auml;chsten, nicht das eigene Wohl bezweckt;
+gut ist gleichbedeutend mit selbstlos, b&ouml;se gleichbedeutend
+mit selbsts&uuml;chtig. Luther sagt nun, der Wille des
+Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes anzustreben
+als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im
+Menschen; jeder also, der seine Handlungen so einrichte, als
+ob er das Wohl des N&auml;chsten anstrebe, sei ein Heuchler und
+Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die Pharis&auml;er
+wieder auf, den Christus gek&auml;mpft hat.</p>
+
+<p>Es versteht sich, da&szlig; es auch zu Luthers Zeit Pharis&auml;er
+in Menge gab, die sich &uuml;ber seine Lehre moralisch entr&uuml;steten.
+Es entspann sich der ber&uuml;hmte Streit um den freien Willen,
+von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich st&uuml;tzend, behauptete,
+da&szlig; er der S&uuml;nde oder dem Teufel verknechtet sei,
+und aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit
+werden k&ouml;nne. Es ist h&ouml;chst interessant nachzulesen,
+wie sich Luthers Gegner wanden und drehten, um ihn in
+diesem Punkte zu bek&auml;mpfen. Auf dem Tridentiner Konzil
+bem&uuml;hte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche
+der freie Wille des Menschen gerettet und doch Gott nicht
+zunahe getreten w&uuml;rde. Denn man mu&szlig;te zugeben, da&szlig;
+Gott, wenn &uuml;berhaupt Gott sei, allm&auml;chtig, allwissend, allumfassend
+sein, da&szlig; folglich jede menschliche Kraft von ihm
+ausgehen m&uuml;sse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der
+freien Selbstbestimmung des Menschen festhalten zu m&uuml;ssen,
+wenn man es auch nur so ausdr&uuml;ckte, da&szlig; der Mensch der
+g&ouml;ttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen k&ouml;nne,
+ohne da&szlig; ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche
+Ausfl&uuml;chte in Worten waren Luthers Sache nicht, da er
+eine klare und unersch&uuml;tterliche &Uuml;berzeugung hatte. Seine
+Meinung war, da&szlig; Gott, Teufel und Mensch im tiefsten
+Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span>in Gott wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, da&szlig;
+alles von Gott, dem einzig wahrhaft Seienden, abh&auml;ngt,
+und da&szlig;, soweit der Mensch eine Selbstt&auml;tigkeit hat, auch
+diese von Gott verliehen sein mu&szlig; und nur von Gott wieder
+zur&uuml;ckgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen
+hatten die dunkle Vorstellung, als w&auml;re der Mensch eine
+selbst&auml;ndige Person, die von zwei m&auml;chtigeren selbst&auml;ndigen
+Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die nur von einer
+m&auml;chtigeren Person, Gott, beeinflu&szlig;t oder beherrscht w&uuml;rde;
+denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt
+w&uuml;rde vielleicht mancher sagen, da&szlig; das Sein des Menschen,
+im allgemeinen Sein wurzelnd, verschiedene Entwickelungsphasen
+mit verschiedenen Bewu&szlig;tseinsgraden durchl&auml;uft; aber
+diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte.
+&Uuml;brigens blieb er auch absichtlich bei den alten, gel&auml;ufigen
+Symbolen und mied die Begriffe, die sich so leicht verfl&uuml;chtigen,
+wie er von den Scholastikern wu&szlig;te. Andererseits
+trennen sich die Symbole leicht von den Ideen, die
+sie decken, und sinken zu H&uuml;lsen herab; darum ist es in unserer
+Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns
+eigentlich bei Luthers Worten denken k&ouml;nnen und sollen.</p>
+
+<p>Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, da&szlig;
+der nat&uuml;rliche Mensch nur sich selbst und sein Wohl wollen
+kann, und da&szlig;, wenn sein Handeln andern zugute kommt,
+etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur auf
+den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer
+Strafe gerichtet ist. Ob er den Lohn und die Strafe von
+Gott in einem vermuteten jenseitigen Leben erwartet, oder
+ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder ob
+er die eigene Billigung und Mi&szlig;billigung sucht und f&uuml;rchtet,
+das eigene Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen,
+solange wir wollend sind, einem inneren Gesetz der
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span>Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck, da&szlig;
+wir fallen, wie auch, da&szlig; wir wohl nach unten, aber nicht
+nach oben frei sind.</p>
+
+<p>Du wirst sagen, da&szlig; Luther demnach die Freiheit des
+Willens nicht &uuml;berhaupt leugne, und vermutlich, da&szlig; diese
+seine Ansicht dadurch erst recht unbegreiflich w&uuml;rde. Nun
+also, da&szlig; alles, was geschieht, notwendig geschieht, ist selbstverst&auml;ndlich,
+da ja alles gepr&auml;gte Form ist, die sich entwickelt;
+aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt
+sich, ob der Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet
+Luther, da&szlig; er wollend stets nur alles auf sein Selbst
+beziehen k&ouml;nne, das Gute wolle er nur durch Gnade, mit
+anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde
+in ihm gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den
+Luther &ouml;fters anf&uuml;hrt, hei&szlig;t: Der Mensch ist wie ein Tier,
+Gott und Satan k&ouml;nnen ihn lenken. Vielleicht klingt es
+dir verst&auml;ndlicher oder sympathischer, wenn ich sage, der
+Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand
+des Teufels. Nun gibt Luther zwar zu, da&szlig; der Mensch
+auch selbst wollen k&ouml;nne, und er grenzt dies Gebiet ab als
+das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch, obwohl es
+sich dem Teufel gewisserma&szlig;en entgegensetzt. &bdquo;Da ja dies
+das h&ouml;chste Streben des freien Willens ist, in moralischer
+Gerechtigkeit und Werken des Gesetzes sich zu &uuml;ben, durch
+die seine eigene Blindheit und Ohnmacht bef&ouml;rdert wird.&ldquo;
+Zun&auml;chst scheint es allerdings weit verdienstlicher zu sein,
+das Gute zu tun, weil man will, als weil man mu&szlig;; ja,
+wenn man mu&szlig;, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll
+es nach Paulus und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste,
+eigenen Willen vor Gott zu haben ist nach ihnen
+teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt,
+hei&szlig;t es in der Bibel. &bdquo;Du sollst nicht tun, was dir recht
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span>d&uuml;nkt.&ldquo; Luther f&uuml;hrt eine Geschichte aus dem Alten Testament
+an, wo einer aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft
+wird, als weil er etwas Gutes getan hatte, was nicht von
+Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man nicht bedenkt,
+da&szlig; es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt.
+Da&szlig; Werke und Verdienste vor der Welt n&uuml;tzen, bestreitet
+Luther nicht; nur da&szlig; sie &bdquo;einen gn&auml;digen Gott machen&ldquo;.</p>
+
+<p>Es hat etwas &Uuml;berraschendes, wenn Luther sagt, eine
+Jungfrau, die ehelos bleibe in der Meinung, dadurch etwas
+Verdienstliches, Gottgef&auml;lliges, Heiliges zu tun, sei teuflisch;
+wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine Neigung zur Ehe
+habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe von
+anderen Dingen abgehalten zu werden f&uuml;rchte, die ihr mehr
+am Herzen l&auml;gen, so handle sie wie eine rechte, christliche
+Jungfrau. Die also, welche ihre nat&uuml;rlichen Triebe mit
+gro&szlig;er Anstrengung &uuml;berwinden, wird Gott nicht nur nicht
+belohnen, sondern strafen. &bdquo;Und <span class="ins" title="Math.">Matth.</span>&nbsp;21, 31 spricht es
+auch, da&szlig; Huren und Buben werden eher ins Himmelreich
+kommen, denn die Pharis&auml;er und Schriftgelehrten, welche
+doch fromme, keusche, ehrliche Leute waren.&ldquo; Aus dieser
+Stelle siehst du, da&szlig; Luther unter Pharis&auml;ern nicht nur
+schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern
+&bdquo;fromme, ehrliche, keusche&ldquo; Leute, deren Schuld nur darin
+bestand, da&szlig; sie absichtlich nicht s&uuml;ndigen wollten. Zu den
+Z&ouml;llnern und S&uuml;ndern ist, wie du wei&szlig;t, Christus gekommen,
+sie nennt er sein teuer erarntes<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Eigentum. Besser
+s&uuml;ndigen als gut handeln weil man will, nicht weil man
+mu&szlig;; denn das hei&szlig;t eine Maske vorbinden, hinter welcher
+das lebendige Gesicht verschwindet. &bdquo;Sei S&uuml;nder und
+s&uuml;ndige kr&auml;ftig&ldquo;, schreibt Luther an den werkheiligen Melanchthon,
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span>&bdquo;aber noch kr&auml;ftiger vertraue auf Christus und freue
+dich seiner, der ein &Uuml;berwinder der S&uuml;nde ist, des Todes
+und der Welt: wir m&uuml;ssen s&uuml;ndigen, solange wir hier sind.&ldquo;
+Das bewundere ich besonders an Luther, da&szlig; er begriff,
+da&szlig; der Teufel und die S&uuml;nde zwar nicht sein sollen, aber
+sein m&uuml;ssen, w&auml;hrend die meisten Menschen nicht auf die Idee
+des Guten kommen k&ouml;nnen, ohne da&szlig; sie die Idee des B&ouml;sen
+aus der Welt schaffen m&ouml;chten. Es mu&szlig; aber beides sein.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> mittelhochdeutscher Ausdruck f&uuml;r erworbenes (erarnen = einernten,
+erwerben).</p></div>
+
+<p>Denke nicht, geliebter Freund, du w&auml;rest kein Werkheiliger,
+wenn du kein Pharis&auml;er, wenn du nicht tugendstolz
+bist. Du hast zu viel Geschmack, um mit Tugenden zu prahlen,
+die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um von einem
+andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu k&ouml;nnen. Dabei
+ist doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint
+nicht alles, was du bist, wenn auch nichts erscheint, was du
+nicht bist. Du verstellst dich nicht, aber du verbirgst dich.
+Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als sich
+selbst zu gen&uuml;gen, sind, gerade weil sie gott&auml;hnlich sein
+wollen und sind, am allermeisten ung&ouml;ttlich; sie sind wie
+Luzifer, der sch&ouml;nste unter den Engeln, der durch seine Sch&ouml;nheit
+zum obersten Teufel wurde. &bdquo;Gleichwie vom Anbeginn
+aller Kreaturen&ldquo;, sagt Luther, &bdquo;das gr&ouml;&szlig;te &Uuml;bel ist allezeit
+gekommen von den Besten.&ldquo; Dein Ungl&uuml;ck, du Liebster und
+Sch&ouml;nster unter den Menschenkindern, scheint mir zu sein,
+da&szlig; dir nichts und niemand sch&ouml;n genug scheint, um dich
+zur S&uuml;nde zu verf&uuml;hren; darum betest du dich selbst an und
+verf&uuml;hrst, du, der selbst nicht s&uuml;ndigen will, andere dazu, die
+S&uuml;nde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast h&auml;ttest
+du auch mich dazu verf&uuml;hrt; aber ich bin nun einmal in
+der Gnade und kann dich lieben, ohne Schaden an der
+Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten, und
+du mu&szlig;t mir zuh&ouml;ren. Runzle nicht die Stirn und hebe
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span>nicht warnend den Finger: ohnehin bricht der Morgenstern
+durch die erste Nacht und l&auml;chelt.</p>
+
+
+
+<h2><a name="brief2" id="brief2"></a><a href="#inhalt">II</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>arauf war ich vorbereitet, da&szlig; du mit einer ablehnenden
+Geb&auml;rde, die alles glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt
+habe, antworten w&uuml;rdest. Da ich nun einmal deine
+Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein K&ouml;nig, finde ich
+mich hinein, zuweilen auch einem ungn&auml;digen Herrn Vortrag
+halten zu m&uuml;ssen, und hoffe, da&szlig; diesmal entweder ich mich
+deutlicher ausdr&uuml;cke oder er mir ein geneigteres Ohr schenkt.</p>
+
+<p>Du schreibst mir, das wissest du wohl, da&szlig; ein guter Baum
+gute Fr&uuml;chte trage und ein schlechter Baum schlechte, und da&szlig;
+es am sch&ouml;nsten sei, wenn einer das Gute tue, weil er m&uuml;sse;
+es h&auml;tte dich interessiert zu erfahren, wie aus einem schlechten
+Baum ein guter werden k&ouml;nne, und solange du kein Mittel
+daf&uuml;r w&uuml;&szlig;test, z&ouml;gest du gute Fr&uuml;chte, wenn auch durch Eigenwillen
+hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten,
+die vielleicht nie k&auml;me, sei im Grunde eine Schlamperei, und
+du hieltest dich einstweilen an das Wort Goethes: Wer immer
+strebend sich bem&uuml;ht, den k&ouml;nnen wir erl&ouml;sen.</p>
+
+<p>Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe
+wie einen Wandschirm ben&uuml;tzt, um sich dahinter zu verstecken;
+denn nicht alle Worte Goethes sind Worte Gottes und an
+sich beweiskr&auml;ftig. Mit diesem Ausspruch indessen erkl&auml;re ich
+mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust,
+der gl&auml;ubig war. Erinnere dich, da&szlig; er Mephisto stets zur
+Seite hat, und wer an den Teufel glaubt, der glaubt auch
+an Gott. Die ganze Faustdichtung ist &uuml;berhaupt auf Luthersche
+Lehre gegr&uuml;ndet, wenn auch im zweiten Teile Absicht
+und Wollen zuweilen st&ouml;rend hervortritt. Gerade Faust s&uuml;ndigt
+ja gr&uuml;ndlich; aber er k&ouml;nnte mit den Worten der Bibel
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span>sagen: Wenn wir auch s&uuml;ndigen, so sind wir doch die Deinen
+und wissen, da&szlig; du gro&szlig; bist. Sein Streben nach dem
+Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren
+und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht sch&ouml;n, anstatt
+ihm mit einer Maske auszuhelfen. Faust mu&szlig;te zwar auch
+erst zum S&uuml;ndigen aufgefordert werden; aber es gl&uuml;ckte doch
+ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging eigentlich von ihm
+selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von Melanchthons, die
+erst nicht s&uuml;ndigen wollen und es schlie&szlig;lich nicht mehr k&ouml;nnen.
+Die meisten k&ouml;nnen es schon von Geburt an nicht mehr,
+sie lieb&auml;ugeln nur mit der S&uuml;nde; denke aber nicht, da&szlig; ich
+dich zu diesen kalten Koketten z&auml;hle. Immerhin bist du des
+S&uuml;ndigens wohl so entw&ouml;hnt, da&szlig; du es nicht ohne weiteres
+richtig anpacken w&uuml;rdest, und da du au&szlig;erdem die Ordnung
+liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst,
+so werde ich mit einer Untersuchung der S&uuml;nde anfangen.</p>
+
+<p>Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort
+betrachten, in dem sie sich auspr&auml;gt. <span class="antiqua">Res sociae verbis et
+verbis rebus</span>: die Substanz ist dem Wort gesellt und das Wort
+der Substanz. Mir scheint es hier am besten, die Dinge mit
+Substanz zu &uuml;bersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die
+Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt
+das Wort S&uuml;nde von Sondern, und im Begriff des Sonderns,
+der Absonderung, ist auch der Begriff der S&uuml;nde
+gegeben. Die erste S&uuml;nde des Menschen ist die Absonderung
+von Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte
+er sich von Gott ab und wollte selbst Gott sein; es ist die
+Erbs&uuml;nde, die jedem Menschen anhaftet und seinen Willen
+knechtet, so da&szlig; er nur sich selbst wollen kann. Der selbstische
+Mensch erkennt nicht, da&szlig; er Teil eines Ganzen ist, sondern
+er h&auml;lt sich selbst f&uuml;r ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt
+seiner Umwelt, die er f&uuml;r sich ausn&uuml;tzt, anstatt dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span>All-Mittelpunkt, dem Ganzen zu dienen. Die Erbs&uuml;nde ist
+also zugleich eine S&uuml;nde gegen Gott und gegen die Menschen,
+was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich
+offenbart. Um die Erbs&uuml;nde oder die Selbstsucht &ndash; nimm
+auch das Wort Sucht bitte in seiner eigentlichen Bedeutung,
+n&auml;mlich Seuche, Krankheit &ndash; zu bek&auml;mpfen, richtete Gott das
+Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das Gesetz nennen
+wir im engeren Sinn S&uuml;nde, sie sind gewisserma&szlig;en die
+angewandte Erbs&uuml;nde.</p>
+
+<p>Indessen habe ich mich unrichtig ausgedr&uuml;ckt, indem ich
+sagte, Gott habe durch das Gesetz die S&uuml;nde bek&auml;mpfen wollen;
+zun&auml;chst wenigstens gab er das Gesetz, um die S&uuml;nde
+zu mehren, &bdquo;damit die S&uuml;nde &uuml;berhandnehme&ldquo;, wie Paulus
+sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was f&uuml;r
+S&uuml;nder sie sind, also handeln sie der Absicht Gottes entgegen,
+wenn sie nicht s&uuml;ndigen. Gott ruft uns im Gesetz zu: Zeige
+dich, wie du bist; aber der moralische und luziferische Mensch
+verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke, in der
+Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt
+zu s&uuml;ndigen, so will er, da&szlig; er sich so selbsts&uuml;chtig zeige,
+wie er ist; ordentliche, kr&auml;ftige S&uuml;nden, auf die kommt es
+an, offene und offenbare, die der Welt und einem selbst
+unwiderleglich zeigen, da&szlig; man ein S&uuml;nder ist. Ich denke,
+hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und
+mir Beifall und sagen: ja, die S&uuml;nde mu&szlig; ge&auml;u&szlig;ert, nicht
+nach innen verdr&auml;ngt, sie mu&szlig; begangen und bekannt werden,
+sonst vergiftet und zerfri&szlig;t sie das Innere. Es geht
+sonst wie Luther sagt: &bdquo;Auswendig hats eine gute Gestalt,
+inwendig wirds voll Gift&ldquo;; und zuletzt hat es auch auswendig
+keine gute Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken,
+da&szlig; auch das S&uuml;ndigen nicht hilft, wenn es gewollt wird;
+es mu&szlig;, wie das Gute, gemu&szlig;t werden, wenn es fruchten soll.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span></p><p>Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch
+eine im entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab
+zu Gott zur&uuml;ck. Wie aber jene erste Absonderung zugleich
+eine S&uuml;nde gegen die Menschen war, so mu&szlig; auch die Wiedervereinigung
+mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den
+Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem
+er sich von den Menschen absondert, befindet sich auf
+einem Irrwege und versinkt anstatt in Gott nur immer tiefer
+in sein Selbst. &bdquo;So jemand spricht: Ich liebe Gott! und
+hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.&ldquo; Dies
+ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten
+eingeht, da&szlig; er Gott nicht nur, aber doch vorz&uuml;glich in den
+Menschen lieben mu&szlig;; denn gerade Absonderung von den
+Menschen verlangt seine luziferische Vorz&uuml;glichkeit, weil es
+ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich, von ihnen
+abgewendet. &bdquo;H&uuml;te dich, da&szlig; du nicht so rein seiest, da&szlig;
+du von nichts Unreinem ber&uuml;hrt sein willst&ldquo;, schrieb Luther
+einem seiner Freunde. Die schon erw&auml;hnten Psychiater
+k&ouml;nnen dir best&auml;tigen, da&szlig; es eine bekannte Zwangsvorstellung
+Geisteskranker ist, &uuml;berall Staub oder andere Unreinlichkeit zu
+wittern, die ihnen Angst und Abscheu einfl&ouml;&szlig;t.
+Dabei f&auml;llt mir ein, da&szlig; ich einen Menschen kenne, der
+am liebsten den ganzen Tag an sich herumwaschen w&uuml;rde,
+der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter schlechten
+Ger&uuml;chen und Schmutz besonders leidet; aber er w&uuml;rde jede
+menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen
+anr&uuml;hren, wenn er den damit Behafteten helfen k&ouml;nnte, und
+zwar ohne da&szlig; es ihn &Uuml;berwindung kostete. Das ist aber
+auch ein S&uuml;nder und Liebling Gottes. Der nat&uuml;rliche,
+naiv egoistische Mensch s&uuml;ndigt gegen das Gesetz, und das
+ist leidlich; der Werkheilige, sei er Pharis&auml;er oder Luzifer,
+s&uuml;ndigt gegen die Liebe; das ist die S&uuml;nde, die Gott verdammt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span></p><p>Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des
+Menschen &ndash; denn ich sagte dir ja schon, da&szlig; er der Sache
+nach die Idee der Entwickelung schon hatte &ndash; drei Stufen der
+S&uuml;nde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen dreifach,
+wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die
+Welt und durch den Geist. &bdquo;Das Fleisch sucht Lust und Ruhe,
+die Welt sucht Gut, Gunst, Gewalt und Ehre, der b&ouml;se
+Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes Wohlgefallen und anderer
+Leute Verachtung.&ldquo; Die erste betrifft wesentlich die Jugend,
+die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den
+Menschen lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die
+alternden, die reifen, die h&ouml;chstentwickelten Menschen, es ist
+die Versuchung des Luzifer zur Selbstverg&ouml;tterung. Wie die
+Entwickelung der einzelnen ist die der Familien, der V&ouml;lker
+und der Menschheit: die S&uuml;nde des Luzifer tritt in Zeiten
+des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Sch&ouml;nheit,
+deren Wirkung sich niemand entzieht; aber allm&auml;hlich
+zeigen sich die Folgen des inneren Giftes. Dann kommen
+die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die Menschen das
+bi&szlig;chen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst zur&uuml;ckziehen,
+um m&uuml;hsam eine edle Haltung und sch&ouml;ne Geb&auml;rden
+zu tragieren. Es ist eine Verengung, die auf eine starke
+Erweiterung folgt.</p>
+
+<p>Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung
+auf dich; vielleicht sagst du auch, du h&auml;ttest
+s&auml;mtliche Stufen der Versuchung durchgemacht und machtest
+sie noch durch, und ich m&uuml;&szlig;te das wissen; warum ich dir
+denn den Vorwurf machte, du s&uuml;ndigtest nicht? Weil ich,
+geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare
+S&uuml;nde von dir gesehen habe und auch bestreite, da&szlig; du eine
+begangen hast. Nat&uuml;rlich bist du unendlich selbsts&uuml;chtig,
+unendlich ehrgeizig, unendlich stolz, unendlich begehrend.
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span>Du geh&ouml;rst nicht zu den Guten, von denen die Bibel sagt,
+da&szlig; sie von sich selber ges&auml;ttigt werden, sondern du zehrst
+dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene
+Beute nur noch hungriger. Aber du verschlingst
+nur im Geiste, alle deine S&uuml;nden gehen nicht in Taten
+noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht irrezugehen.</p>
+
+<p>Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so
+sollte es dich wenigstens zu b&ouml;sen treiben, oder man m&uuml;&szlig;te
+schlie&szlig;en, da&szlig; du &uuml;berhaupt keins hast. Herrgott, eben &uuml;berl&auml;uft
+es mich ordentlich. Wenn es nun so w&auml;re, und du
+h&auml;ttest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen
+habe, deinen Willen zu s&uuml;ndigen unterdr&uuml;ckt h&auml;ttest,
+sondern wenn dieser Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung
+w&auml;re, weil dein Herz zu eng oder zu schwach ist,
+um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht
+einmal zu Worten? Ich wei&szlig;, du w&auml;rest zu stolz, um etwas
+zu tun oder zu sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt.
+Du machst nie Redensarten; aber du schweigst auch. Du
+bist kein L&uuml;gner; aber ehrlich bist du auch nicht: du schweigst.
+Es ist doch nicht m&ouml;glich, da&szlig; du gar nichts zu sagen h&auml;ttest!
+Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie
+das andere tun und sagen k&ouml;nnte? Ich gebe zu, bei vielen
+Dingen, namentlich weltlichen Dingen, ist das nat&uuml;rlich.
+Aber irgend etwas mu&szlig; dir doch wichtig sein, wenn sonst
+nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir spr&auml;chest,
+die abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten
+Gedanken und W&uuml;nsche ausspr&auml;chest, das w&auml;re
+hunderttausendmal besser, als wenn gar kein Ich da w&auml;re,
+oder nur so ein fades, schleichendes, tr&ouml;pfelndes.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span></p>
+
+<h2><a name="brief3" id="brief3"></a><a href="#inhalt">III</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>er Kanzler h&auml;lt heute seinen Vortrag mit dem frohen
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; ihm ein gn&auml;diger K&ouml;nig zuh&ouml;rt. Du willst
+wissen, und darin sehe ich das Gn&auml;dige, was du eigentlich
+bei dem S&uuml;ndigen gewinnst; denn nur um zu beweisen, da&szlig;
+du ein Herz habest, lie&szlig;est du dich auf eine so heikle und
+dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich m&uuml;sse
+doch zugeben, da&szlig; S&uuml;nde an sich h&auml;&szlig;lich sei, beflecke, entstelle;
+wenn nun ein Mensch aus Stolz, um eines gro&szlig;en
+Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum das
+Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifers&uuml;chtig
+vorstellen m&uuml;&szlig;test, da&szlig; er allen Ruhm f&uuml;r sich allein
+und den Menschen nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft
+g&ouml;ttlich zu werden? und ob es, von Gott ganz abgesehen,
+nicht gro&szlig; und sch&ouml;n sei, aus eigener Kraft etwas Vollendetes
+in sich darzustellen?</p>
+
+<p>Ja, eifers&uuml;chtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel
+das eifers&uuml;chtig nennst, da&szlig; der Mensch den Anspruch erhebt,
+die Organe seines K&ouml;rpers selbst zu regieren. Du mu&szlig;t
+doch immer daran denken, da&szlig; wir Teile Gottes oder in Gott
+sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so d&uuml;rftest du
+immerhin aus eigener Kraft g&ouml;ttlich oder vollendet werden,
+wenn du es k&ouml;nntest. Die Frage ist eben, ob du es kannst,
+und damit komme ich wieder auf deine erste Frage, was du
+gewinnst, wenn du s&uuml;ndigst, die zugleich einschlie&szlig;t, was du
+verlierst, wenn du nicht s&uuml;ndigst.</p>
+
+<p>Durch S&uuml;ndigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames
+Nichts&uuml;ndigen entkr&auml;ftest du dich. Es ist eine Kraftfrage,
+wie &uuml;berhaupt die Religion eine Kraft- und Lebensangelegenheit
+ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht. Und
+Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der
+Menschen; denn wer Kraft hat, hat alles. Die Alten
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span>dr&uuml;ckten die Wahrheit, da&szlig; man durch S&uuml;ndigen Kraft gewinnt,
+in der Sage vom Riesen Ant&auml;us aus, der unbesiegbar
+war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde
+geworfen wurde, denn aus seiner Mutter Erde str&ouml;mte stets
+neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft gehalten konnte er
+erw&uuml;rgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in
+einem naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts
+ist. Nun sind wir zwar nicht mehr in der Lage der Griechen,
+die S&uuml;nde in unserem Sinn noch gar nicht kannten, f&uuml;r die
+Gott und Natur noch eins waren und die ihre Kraft unmittelbar
+aus der Natur beziehen konnten; wir k&ouml;nnen es
+im allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen
+wir also zuerst den Begriff des Glaubens.</p>
+
+<p>Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gew&ouml;hnlich
+unter Glauben versteht, n&auml;mlich ein F&uuml;rwahrhalten.
+&bdquo;Glauben ist nicht der menschliche Wahn und
+Traum, den etliche f&uuml;r Glauben halten &hellip; Das macht, wenn
+sie das Evangelium h&ouml;ren, so fallen sie daher und machen
+sich aus eigenen Kr&auml;ften einen Gedanken im Herzen, der
+spricht: Ich glaube. Das halten sie dann f&uuml;r einen rechten
+Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke
+ist, den des Herzens Grund nimmer erf&auml;hrt: also tut
+er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.&ldquo; Und an
+anderer Stelle sagt Luther: &bdquo;Sie hei&szlig;en das Glauben, das
+sie von Christo geh&ouml;rt haben, und halten, es sei dem wohl;
+wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch
+nicht fromm dadurch.&ldquo;</p>
+
+<p>Das F&uuml;rwahrhalten ist eine T&auml;tigkeit des selbstbewu&szlig;ten
+Geistes, deren der Glaube nicht, die h&ouml;chstens umgekehrt
+des Glaubens bedarf.</p>
+
+<p>Man kann h&auml;ufig Glauben und Wissen gegen&uuml;bergestellt
+lesen, wie wenn das eine das andere ausschl&ouml;sse, und oft
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span>auch wie wenn das Glauben die Sache der Kinder und
+Tr&auml;umer, das Wissen die Sache vern&uuml;nftiger M&auml;nner w&auml;re.
+In Wirklichkeit ist Glauben die Best&auml;tigung und Besiegelung
+des Wissens, nicht umgekehrt. Was wir wissen, wird
+uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir wissen zum Beispiel,
+da&szlig; dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn
+du es nicht glaubst? Deine Sinne k&ouml;nnen dich ja betr&uuml;gen.
+Im Traume kommt es dir oft so vor, als st&auml;nde da ein
+Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du nicht glaubst, was du
+wei&szlig;t, bleibt dein Wissen unsicher. Gewi&szlig;, fest, unersch&uuml;tterlich,
+ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst.
+Mit anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung,
+der Glaube auf das Sein.</p>
+
+<p>Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten
+des Paulus aus dem 11. Kapitel des Briefes an die Ebr&auml;er
+zu erkl&auml;ren: Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht
+des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das
+man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, da&szlig; das Unsichtbare
+f&uuml;r dich nicht gelte, da&szlig; das Hirngespinste w&auml;ren,
+da&szlig; du nur deinen Sinnen traust. Das ist ja, wie schon
+gesagt, Selbstt&auml;uschung. Du traust deinen Sinnen, weil sie
+sich auf &Uuml;bersinnliches beziehen. Was hei&szlig;t es zum Beispiel,
+wenn du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest
+damit offenbar auf etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung
+dir nicht von ihm mitteilen k&ouml;nnen, denn sonst
+w&uuml;rdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, da&szlig; du im
+Wesen dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du
+dich alles Guten und Gro&szlig;en versiehst. Da ja nun alle
+Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es auch erscheint,
+Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf
+Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.</p>
+
+<p>Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span>also nur durch die Sinne wahrgenommen werden, von dem
+naiven Menschen namentlich durch den Gesichtssinn in der
+Sch&ouml;pfung. Der Glaube aber, hei&szlig;t es bei Paulus, kommt
+durch das Geh&ouml;r, das hei&szlig;t, das Geh&ouml;r mu&szlig; das Wort, das
+Gott von sich redet, aufnehmen. Um nun Schall h&ouml;ren,
+wie um Licht sehen zu k&ouml;nnen, mu&szlig; etwas in uns sein, was
+der t&ouml;nenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine H&ouml;rkraft
+und Sehkraft. W&auml;r nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe,
+die Sonne k&ouml;nnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner
+Mensch, statt Glauben auch Vernunft setzen, die
+geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist, also Gott
+wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.</p>
+
+<p>Die H&ouml;rkraft und Sehkraft verh&auml;lt sich zu Schall und
+Licht wie das Passive zum Aktiven, so da&szlig; wir zun&auml;chst
+nicht von einer Kraft, sondern von Schall- und Lichtempf&auml;nglichkeit
+reden sollten. Wie der Scho&szlig; der Frau den
+Samen des Mannes empf&auml;ngt, so empfangen Auge und
+Ohr Licht und Schall und bringen durch sie Gesichts- und
+Geh&ouml;rsbilder hervor. Die Empf&auml;nglichkeit beruht wieder
+auf der Empfindlichkeit f&uuml;r die betreffende Kraft, sei es
+Schall, Licht oder die g&ouml;ttliche Kraft selbst. Handelt es sich
+um diese, m&uuml;ssen wir sagen, da&szlig; wir gottempfindlich sein
+m&uuml;ssen, um Gottes Wort empfangen zu k&ouml;nnen, und in diesem
+Sinne l&auml;&szlig;t sich der Ausdruck Glauben mit Gottempfindlichkeit,
+Gottempf&auml;nglichkeit, Gottverwandtschaft &uuml;bersetzen. &bdquo;Gott
+und Glaube geh&ouml;ren zu Haufe&ldquo;, sagt Luther. Sie geh&ouml;ren
+zusammen wie Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillk&uuml;rlich,
+um das Verh&auml;ltnis zwischen Gott und der gl&auml;ubigen
+Seele zu bezeichnen, das Bild von Br&auml;utigam und
+Braut eingestellt.</p>
+
+<p>Befragen wir die Sprache, so finden wir, da&szlig; Glauben
+mit Geloben, H&ouml;ren mit Geh&ouml;ren und Gehorchen zusammenh&auml;ngt.
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span>Darin vollendet sich der Glaube, da&szlig; man Gott,
+der uns durch sein Wort ruft, h&ouml;rt und ihm gehorcht:
+Glaube ist Hingebung und Gehorsam. Der Gl&auml;ubige h&ouml;rt
+Gottes Stimme, wie das Schaf die Stimme seines Hirten,
+wie der Liebende die Stimme der Geliebten h&ouml;rt. Alle
+Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind
+Gedicht, ja Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht
+Liebesgedicht ist, handle es sich nun um Liebe zu Gott
+oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und Liebe ist
+der Unterschied, da&szlig; sich der Glaube auf das Unsichtbare,
+die Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins
+ohne das andere. An Gott glauben wir nicht nur, sondern
+wir lieben ihn in der Erscheinung, und an alle Menschen,
+die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d.&nbsp;h. wir lieben
+ihre Idee oder Gott in ihnen.</p>
+
+<p>Die meisten Menschen sind so geartet, da&szlig; sie Gott selbst,
+ohne Vermittlung, nicht gehorchen k&ouml;nnen, und Gott hat
+deshalb eine Vertretung in der Welt eingesetzt: im Staate
+die Obrigkeit, in der Familie Eltern und Ehemann. Wenn
+die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren M&auml;nnern, die
+M&auml;nner ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott,
+vorausgesetzt da&szlig; die Vorgesetzten Gott gehorchen. Der
+Gl&auml;ubige, der Gottes Stimme h&ouml;rt und Gott selbst gehorcht,
+ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit
+von Gut und B&ouml;se; aber er gehorcht auch den Menschen
+freiwillig, um sich nicht abzusondern. Eine glaubenslose
+Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger gesagt eine Zeit,
+in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Gehorsam der Welt erzwungen werden
+kann und mu&szlig;, kann der Glaube, dessen Quelle das Herz
+ist, nur freiwillig sein. Da&szlig; Gott erzwungene Dienste nicht
+gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du kennst vielleicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span>die ber&uuml;hmte und wundervolle Stelle aus Luthers
+Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, wo
+er vom Glauben als vom Brautring der Liebenden spricht;
+ich f&uuml;hre sie deshalb hier nicht an. Im Sermon von den
+guten Werken hei&szlig;t es so: &bdquo;Wenn ein Mann oder Weib
+sich zum anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe
+fest glaubt, wer lehrt sie, wie sie sich stellen, was sie tun,
+lassen, sagen, schweigen, denken sollen? Allein die Zuversicht
+lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da ist
+ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Gro&szlig;e, Lange,
+Viele so gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit
+fr&ouml;hlichem, friedlichem Herzen und sind ganz freie Gesellen.
+Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht jedes, welches
+am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der
+Werke auszumalen, womit es Huld erwerben m&ouml;ge, und
+geht dennoch mit schwerem Herzen und gro&szlig;er Unlust hinzu,
+ist gleich befangen, mehr denn halb verzweifelt, und
+wird oft zum Narren dar&uuml;ber.&ldquo; Dann geht es nach dem
+Spruche Salomonis: &bdquo;Wir sind m&uuml;de geworden in dem unrechten
+Wege und sind schwere, saure Wege gewandelt, aber
+Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und die Sonne der
+Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.&ldquo; Im Gegensatz
+zu den schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther
+von dem k&ouml;niglichen Weg des Glaubens.</p>
+
+<p>Sobald der Glaube schwer und sauer f&auml;llt, ist es gar
+kein Glaube; Glaube ist nur, was frei aus dem Herzen
+kommt. Etwas im Glauben tun hei&szlig;t etwas tun, weil man
+nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen
+Sinn die Worte des Paulus haben, da&szlig;, was nicht im Glauben
+geschieht, S&uuml;nde ist. Allerdings der, dem nichts von
+Herzen kommt, der Ungl&auml;ubige, der kein Herz hat, dem ist
+es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span></p><p>Um dem Begriff des Glaubens noch n&auml;her zu kommen,
+la&szlig; uns auch seinen Gegensatz, den Unglauben, ins Auge
+fassen. Luther sagt gelegentlich: der Ungl&auml;ubige, der nur
+sich selbst anbetet; und das scheint mir das deutlichste Licht
+auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: &bdquo;Gott
+ist den S&uuml;ndern nicht feind, nur den Ungl&auml;ubigen, das
+sind solche, die ihre S&uuml;nde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe
+daf&uuml;r bei Gott suchen, sondern durch ihre eigene Vermessenheit
+sich selbst reinigen wollen.&ldquo; Und: &bdquo;Das mu&szlig; wohl folgen aus
+dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst
+versorgen.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Ungl&auml;ubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil
+er sich an Gottes Stelle setzt, sich selbst lenkt, f&uuml;r sich selbst
+sorgt, selbst Gesetze gibt, denen seine passive, sinnliche
+H&auml;lfte gehorchen soll. Nat&uuml;rlich mu&szlig; diese auch alle
+Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven H&auml;lfte, beziehen, die
+aber beschr&auml;nkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus
+Gott ersetzt, sich bald ersch&ouml;pft. Best&auml;ndiges Selbstwollen
+mu&szlig; zu vollst&auml;ndiger Entkr&auml;ftung f&uuml;hren, wenn es sich nicht
+im Zustande des Nichtwollens erholen kann. Glauben ist
+Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen lassen.
+Die &Uuml;berspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer
+Zeit in der gro&szlig;en Anzahl von Menschen mit &uuml;berspanntem
+Nervensystem; sie gehen an ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer
+Unf&auml;higkeit, durch vor&uuml;bergehende Selbstaufgabe Kraft zu
+sch&ouml;pfen, zugrunde. Es w&auml;re ja gegen den sch&ouml;nen Luzifer
+nichts einzuwenden, wenn er gl&uuml;cklich w&auml;re; aber sein
+Selbst ist ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron,
+sondern ein Marterpfahl, an den er gebunden
+ist. Die Frucht des Glaubens ist der Friede, hei&szlig;t es im
+Evangelium des Johannes; daraus folgt, da&szlig; die Frucht
+des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit.
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span>Die Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme
+ich einen gn&auml;digen Gott? l&auml;&szlig;t sich auch so fassen: Was verschafft
+mir inneren Frieden und damit Kraft? Die Antwort
+lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott.
+Nicht nur selbstbewu&szlig;t, sondern zugleich gottbewu&szlig;t oder
+unbewu&szlig;t leben.</p>
+
+<p>Was der Mensch durch vollst&auml;ndige Aufgabe des Selbstbewu&szlig;tseins
+vermag, das hat die Hypnose gezeigt. In dem
+seines Selbstwollens beraubten Menschen wirkt der Hypnotiseur
+Wunder: er verf&uuml;gt &uuml;ber seinen K&ouml;rper nach Belieben,
+&uuml;ber das Verm&ouml;gen des Selbstwollenden hinaus. Fast
+erschrak man &uuml;ber diese Entdeckung, weil man meinte, sie k&ouml;nne
+von b&ouml;sen Menschen zu gr&auml;&szlig;lichen Verbrechen benutzt werden.
+Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel Nerv&ouml;se, und
+die Nerv&ouml;sen k&ouml;nnen ihr Selbst nicht hingeben und darum
+auch nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig
+Teufelsgl&auml;ubige, also im B&ouml;sen kraftvolle Menschen, wie
+Gottgl&auml;ubige. In fr&uuml;heren Zeiten wurde die Hypnose von
+B&ouml;sen und Guten als schwarze und wei&szlig;e Magie ausge&uuml;bt.</p>
+
+<p>Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote
+stehende Kraft war der Christ f&uuml;r Luther wesentlich der
+starke, freudige, trotzige Held. &bdquo;Ein solcher Mann mu&szlig; der
+Christ sein, der da k&ouml;nne verachten alles, was die Welt
+beides, Gutes und B&ouml;ses, hat, und alles, damit der Teufel
+reizen und locken oder schrecken und drohen kann, und sich
+allein setzen gegen alle ihre Gewalt, und ein solcher Ritter
+und Held werden, der da wider alles siege und &uuml;berwinde.&ldquo;
+Es ist der Ritter, den D&uuml;rer gemalt hat, der gelassen, des
+Sieges gewi&szlig;, an Tod und Teufel vor&uuml;berreitet. Luther
+&uuml;bersetzte das Wort &bdquo;Israel&ldquo; mit Herr Gottes: &bdquo;Das ist
+gar ein hoher, heiliger Name und begreift in sich das gro&szlig;e
+Wunder, da&szlig; ein Mensch durch die g&ouml;ttliche Gnade gleich
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span>Gottes m&auml;chtig wurde, also da&szlig; Gott tut, was der Mensch
+will &hellip; Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum
+Gott, was der Mensch will; also da&szlig; Israel ein gottf&ouml;rmiger
+und gottm&auml;chtiger Mensch ist, der in Gott, mit Gott
+und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge zu tun und verm&ouml;gen.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war Luthers feste &Uuml;berzeugung, da&szlig; der Mensch Berge
+w&uuml;rde versetzen k&ouml;nnen, da&szlig; ihm nichts unm&ouml;glich w&auml;re, wenn
+er nicht zu schwach im Glauben w&auml;re. &Uuml;ber Schw&auml;che des
+Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten, wo sein
+Selbst sich daf&uuml;r r&auml;chte, da&szlig; er meistens so gar nicht zu sich
+selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er
+aber zuweilen Gottes m&auml;chtig war, konnte er zeigen,
+als er den sterbenden Melanchthon ins Leben zur&uuml;ckrief.
+Der ungl&auml;ubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott
+und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte
+Melanchthon starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom
+Spiel in einen Winkel zur&uuml;ckzieht; wie er dann das Wort
+des m&auml;chtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt, dann
+doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich
+&uuml;berstr&ouml;men l&auml;&szlig;t, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs
+der menschlichen Seele mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern
+die Sache selbst: denn Luther hatte zuvor durch sein
+Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht
+Luthers bewu&szlig;tes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig;, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber
+&Uuml;berma&szlig; von Selbstwollen und Selbstvertrauen k&ouml;nne nicht
+daran schuld sein, denn das habest du erst recht nicht. Dann
+hatten es deine Vorfahren; da&szlig; es auf die Dauer ohne
+Glauben schwinden m&uuml;sse, sagte ich ja. Es f&auml;llt mir aber ein,
+da&szlig; Luther &uuml;berzeugt war, man k&ouml;nne mit seinem Glauben f&uuml;r
+den fehlenden oder schwachen Glauben anderer eintreten, und
+so werde ich einstweilen f&uuml;r dich glauben, an dich und f&uuml;r dich.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span></p>
+
+<h2><a name="brief4" id="brief4"></a><a href="#inhalt">IV</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>u willst mir augenscheinlich dartun, da&szlig; du wirklich
+kein Herz habest, indem du mit vernichtender &Uuml;bergehung
+meines gef&uuml;hlsbetonten Briefschlusses tadelst, ich schriebe
+chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen k&ouml;nnest. Vollst&auml;ndige
+Dunkelheit sei weniger sch&auml;dlich als Zwielicht voll
+undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du,
+Gott, Teufel und &auml;hnliche Ph&auml;nomene als selbstverst&auml;ndliche
+Voraussetzung; das sei wohl in relig&ouml;sen Zeiten unter
+religi&ouml;sen Menschen erlaubt, welchen diese Namen etwas
+Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich
+hantierte damit herum wie jene listigen Betr&uuml;ger mit des
+Kaisers neuen Kleidern. Ich sollte dir einmal schreiben,
+wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes, zwar sehr
+gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind w&auml;rest. Du
+wissest, da&szlig; Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel,
+ich solle auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem
+Freund, dem Geheimen Kommerzienrat Soundso, spreche;
+aber auf einen klaren, verst&auml;ndlichen Ausdruck m&uuml;sse etwas
+Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf einen
+ersch&ouml;pfenden.</p>
+
+<p>Ich werde gehorsam versuchen, den K&ouml;nig mit dem gescheiten
+Botokudenkinde zu verschmelzen und meinen Vortrag
+danach einzurichten. Die Verbindung ist auch gar nicht
+so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner
+Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp&nbsp;III. befahl Spinola:
+Nimm Breda! Ich, der K&ouml;nig. Du schreibst: Erkl&auml;re mir
+Gott! Es soll mich nicht abschrecken, da&szlig; Spinola, wenn
+eine dunkle historische Erinnerung mich nicht tr&uuml;gt, am
+Gram &uuml;ber die Ungnade seines K&ouml;nigs gestorben ist.</p>
+
+<p>Die V&ouml;lker haben nicht damit angefangen, an <em>einen</em> Gott
+zu glauben; denn der kindliche Geist nimmt die Welt nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span>als Ganzes, sondern in Einzeleindr&uuml;cken auf. Man wei&szlig;
+von einer ganzen Reihe von V&ouml;lkern, da&szlig; sie, auf den ersten
+Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott verehrten,
+was ihnen vorkam, was sie als au&szlig;er sich seiend auffa&szlig;ten:
+nicht nur B&auml;ume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse,
+Vorg&auml;nge, Erw&uuml;nschtes, Gef&uuml;rchtetes. Alles, was
+sie von sich selbst und anderen Menschen unterschieden, war
+ihnen Gott, so da&szlig; es ihnen so viel G&ouml;tter gab, wie sie
+Eindr&uuml;cke empfingen. Sie nannten diese G&ouml;tter zun&auml;chst
+D&auml;monen, und sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch
+in der christlichen Kirche erhalten geblieben. In der Wissenschaft
+hat man sie sehr gut Augenblicksg&ouml;tter genannt;
+es sind also Eindr&uuml;cke von Einzelkr&auml;ften.</p>
+
+<p>Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, da&szlig; er die Eindr&uuml;cke
+von Einzelkr&auml;ften fortw&auml;hrend verdichtet, genau so, wie
+die Kr&auml;fte selbst sich verdichten. Wie der rotierende Urnebel
+sich zu festen Kernen, den Gestirnen, verdichtet, so verdichten
+sich im menschlichen Geiste die Augenblicksg&ouml;tter allm&auml;hlich
+zu sogenannten Sonderg&ouml;ttern, diese allm&auml;hlich zu pers&ouml;nlichen
+G&ouml;ttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen
+jede Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Gl&uuml;ckbringendes
+oder Verderbendrohendes; erst sp&auml;ter erfand er
+etwa die die Saat hervorlockende Fr&uuml;hlingssonne als eine
+besondere Gottheit, und viele Ver&auml;nderungen m&uuml;ssen erst
+in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne
+&uuml;berhaupt in den pers&ouml;nlichen Gott Apollo verwandelt.
+Willst du ausf&uuml;hrlichere Belehrung dar&uuml;ber haben, so
+empfehle ich dir ein vorz&uuml;gliches Werk von Usener mit dem
+Titel: G&ouml;tternamen. Aus unz&auml;hligen Augenblicksbildern
+entsteht ein Bild, und aus Myriaden von Augenblicksg&ouml;ttern
+entstehen Sonderg&ouml;tter und endlich pers&ouml;nliche G&ouml;tter.</p>
+
+<p>Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie
+<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span>gibt dar&uuml;ber Auskunft, wie die uns bekannten griechischen
+G&ouml;tter die alten Augenblicksg&ouml;tter an sich gezogen, sich untergeordnet
+und verschlungen haben, obwohl sie zum Teil, auf
+dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen
+Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten.
+Ihrerseits werden die pers&ouml;nlichen G&ouml;tter nach und nach
+wiederum verschlungen von dem <em>einen</em> Gott; der menschliche
+Geist wird allm&auml;hlich f&auml;hig, die Welt als Ganzes aufzufassen,
+er erhebt sich zu der Einsicht, da&szlig; es vielerlei Kr&auml;fte
+gibt, da&szlig; aber nur <em>ein</em> Geist ist, der da wirket alles in allem.</p>
+
+<p>Der menschliche Geist erfa&szlig;t also zuerst lauter Einzeleindr&uuml;cke,
+die sich immer mehr verdichten, bis er zuletzt die
+Idee der <em>einen</em> unendlichen Welt und des <em>einen</em> unendlichen
+Gottes erfa&szlig;t; er geht von der Vielheit zur Einheit,
+und zwar im selben Ma&szlig;e, wie er sich selbst immer mehr
+als Einheit erfa&szlig;t. Solange sein eigenes Ich eine Reihe
+von Einzelempfindungen f&uuml;r ihn ist, ist ihm die Welt eine
+Reihe von Einzeleindr&uuml;cken; wie sein Selbst sich verdichtet,
+verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.</p>
+
+<p>Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewu&szlig;t
+ist, ist sich eines Nicht-Ich bewu&szlig;t; denn er erf&auml;hrt sein Ich
+ja erst, indem er es vom Nicht-Ich unterscheidet, und dies
+Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht seinesgleichen ist und
+soweit er sich davon abh&auml;ngig f&uuml;hlt, Gott. Ich m&ouml;chte den
+Satz aufstellen: Es gibt nichts au&szlig;er der g&ouml;ttlichen Kraft
+und der durch das Ich zugleich beschr&auml;nkten und gepr&auml;gten
+Kraft. Luther sagte: Denn au&szlig;er der Kreatur gibt es
+nichts, denn die einige, einf&auml;ltige Gottheit selbst. Als zu
+sich, zu seinem Selbst geh&ouml;rig empfindet der Mensch alles,
+was von ihm abh&auml;ngt, als zu Gott geh&ouml;rig alles, was
+nicht von seiner Willk&uuml;r abh&auml;ngt, wovon im Gegenteil er
+abh&auml;ngt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span></p><p>Es ist nat&uuml;rlich, da&szlig; gerade der noch unkultivierte Mensch
+sich in der Gewalt von Naturkr&auml;ften f&uuml;hlt; aber auch im
+Menschen selbst wirken Kr&auml;fte, die nicht von seinem Willen
+abh&auml;ngen: sein Leben und Sterben, sein Lieben und Hassen,
+seine Schaffenskraft und sein Unverm&ouml;gen. &bdquo;Das Gem&uuml;t
+ist dem Menschen sein D&auml;mon&ldquo;, hat schon Heraklit gesagt.
+Alle menschlichen Kr&auml;fte, die nicht von seinem Willen abh&auml;ngen,
+empfand der Mensch ebensogut als g&ouml;ttlich wie
+die au&szlig;er ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl
+das Unbewu&szlig;te genannt oder darunter mitbegriffen; das,
+was ich meine, sollte man richtiger das Unwillk&uuml;rliche
+nennen, das, was in uns wirkend doch nicht von unserem
+Willen abh&auml;ngt. Allerdings entsteht das, was von uns unabh&auml;ngig
+in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch
+das D&auml;monische, ohne unser Wissen; erst das vollendete
+Ergebnis, sei es Idee, Gef&uuml;hl, Gestalt, tritt in unser
+Bewu&szlig;tsein, und insofern kann man vom Unbewu&szlig;ten
+sprechen. Alles das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis
+ins Bewu&szlig;tsein tritt, sondern was wir selbst machen, geh&ouml;rt
+in das Gebiet des Selbstbewu&szlig;tseins. Stellt man
+Selbstbewu&szlig;tes und Unbewu&szlig;tes einander gegen&uuml;ber, so
+sollte man im Sinn haben, da&szlig; im Unbewu&szlig;ten das Bewu&szlig;tsein
+des Nicht-Ich f&uuml;r das Ich eintritt, da&szlig; man also
+ebensogut von Allbewu&szlig;tsein oder Gottbewu&szlig;tsein sprechen
+kann. Volkst&uuml;mlich ist der Unterschied stets empfunden
+worden und ganz richtig als Unterschied von Kopf und Herz
+bezeichnet; nur f&uuml;hrt dieser Ausdruck leicht zu dem Mi&szlig;verst&auml;ndnis,
+als handle es sich um einen Unterschied von Gef&uuml;hl
+und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken
+aus dem Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einf&auml;lle.
+Wir sind Menschen, soweit wir Kopf, wir sind Gott
+und Teufel, soweit wir Herz sind. Gew&ouml;hnlich sind wir
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span>nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von
+beidem; unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das hei&szlig;t, die gesamte
+g&ouml;ttliche und die gesamte menschliche Kraft in einer
+Person harmonisch zusammenzufassen.</p>
+
+<p>Der bequemeren &Uuml;bersicht halber setze ich dir ein Schema
+her, wobei ich davon ausgehe, da&szlig; die g&ouml;ttlich-menschliche
+Kraft sich bildend, handelnd und denkend &auml;u&szlig;ert.</p>
+
+<table border="0" width="50%" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Schema">
+<tr><td align="left">Herz</td><td align="left">Kopf</td></tr>
+<tr><td align="left">Gott</td><td align="left">Mensch</td></tr>
+<tr><td align="left">Müssen</td><td align="left">Wollen</td></tr>
+<tr><td align="left">Bilden oder wachsen lassen</td><td align="left">Machen</td></tr>
+<tr><td align="left">Taten tun</td><td align="left">Überlegt handeln</td></tr>
+<tr><td align="left">Ideen haben</td><td align="left">Denken</td></tr>
+</table>
+
+<p>Wenn du einmal f&uuml;r den im Menschen sich offenbarenden
+Gott das D&auml;monische setzest, welchen Wortes Bedeutung
+dir ja wohl ohnehin klar war, so werden dir viele Ausspr&uuml;che
+aus der Bibel und von Luther sofort viel verst&auml;ndlicher
+sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch:
+Wenn wir auch s&uuml;ndigen, so sind wir doch die Deinen und
+wissen, da&szlig; du gro&szlig; bist. Das hei&szlig;t: Wir s&uuml;ndigen, unsere
+Leidenschaft rei&szlig;t uns hin, wir bereuen es, aber unsere
+Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn gerade
+da&szlig; wir taten, was wir mu&szlig;ten, beweist uns, da&szlig; wir Kraft
+haben; diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns
+gro&szlig;e oder gute Taten tun lassen.</p>
+
+<p>Wenn Luther sagt: Der Anfang aller S&uuml;nde ist, von Gott
+weichen und ihm nicht trauen, so hei&szlig;t das: wer sich nicht
+auf sein Herz, nur auf seinen Kopf verlassen kann, der hat
+keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und keine Kraft.</p>
+
+<p>Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die S&uuml;nde sofort
+auch ohne Reue, so hei&szlig;t das wie oben: d&auml;monische
+Menschen werden s&uuml;ndigen, aber auch schaffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span></p><p>Wie befremdet zun&auml;chst das Wort: &bdquo;Was Gott nicht geboten
+hat, das ist verdammt.&ldquo; Und es hei&szlig;t doch nur, was
+jedem unmittelbar einleuchtet: Wer Ideen und Gef&uuml;hle hat,
+so stark, da&szlig; sie ihm zum F&uuml;hrer und Wegweiser werden,
+der ist selig. <span class="antiqua">Quo dii vocant eundum</span> ist eine alte Devise,
+die ich als Kind einmal las und mir zum Motto w&auml;hlte,
+ohne ihren Sinn so logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen,
+noch auf den Mammon, sondern auf Gott!&ldquo; Das hei&szlig;t:
+Wir sollen uns nicht auf irgendeine weltliche Macht, noch
+auf die Gedanken, &Uuml;berlegungen, Absichten verlassen, die von
+uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die g&ouml;ttliche
+Stimme in uns, auf unser Gef&uuml;hl und Gewissen. &bdquo;Alle
+Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat,
+werden ausgereutet&ldquo;, Matth.&nbsp;15, das hei&szlig;t: Nicht das Machwerk,
+sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene,
+nicht die moralische Handlung, sondern die Tat aus dem
+Herzen lebt und zeugt Leben.</p>
+
+<p>Ist es nicht eigent&uuml;mlich, da&szlig; es wahrscheinlich viele
+Menschen gibt, die der Meinung sind, der Spruch bedeute,
+da&szlig; jeder Mensch verworfen sei, der nicht jeden Sonntag
+zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und dergleichen;
+und da&szlig; sein wahrer Sinn ungef&auml;hr auf das Gegenteil
+hinausl&auml;uft?</p>
+
+<p>Am schrecklichsten z&uuml;rnt Gott, sagt Luther einmal, wenn
+er schweigt, nach seiner Drohung bei Jeremias: &bdquo;Mein
+Geist wird nicht mehr Richter sein auf Erden.&ldquo; Dann tritt
+an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende Mechanik.
+Es ist merkw&uuml;rdig, da&szlig; ein Jahrhundert nach Luther der
+seltsame Hang die Menschen ergriff, das <span class="antiqua">Perpetuum mobile</span>
+zu erfinden. Die heimliche Lust am Automatischen und zugleich
+das Grauen davor gibt den Werken E.&nbsp;T.&nbsp;A. Hoffmanns
+<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span>ihren grotesken Charakter, die Ahnung des Verh&auml;ngnisses
+seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung
+selbst verwachsen war.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief5" id="brief5"></a><a href="#inhalt">V</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">E</span>in gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen,
+fasse ich als Zeichen auf, da&szlig; ich wie jene dir hoffentlich
+bekannte B&auml;renbraut dich richtig gekraut und gekrabbelt
+habe. Sogleich werde ich &uuml;berm&uuml;tig und gehe vom antiken
+Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen
+&uuml;ber. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein
+kann als die <em>eine</em> Kraft, von der alle Kr&auml;fte ausgehen
+und in die alle Kr&auml;fte m&uuml;nden, stimmen nat&uuml;rlich die Gottesbegriffe
+aller reifen V&ouml;lker im wesentlichen &uuml;berein. Doch
+gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker
+und christlicher Gottesauffassung, der dir um so st&ouml;render
+sein wird, als du ihn vermutlich nur sp&uuml;rst und nie Lust
+gehabt hast, ihn genau zu untersuchen. Wenn ich dir nun
+zum voraus schw&ouml;re, da&szlig; das Christentum trotz des Unterschiedes
+doch die Erf&uuml;llung der Sehnsucht der ausgehenden
+Antike war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte
+und nicht bei den Juden, so wirst du mir von vornherein
+geneigter zuh&ouml;ren.</p>
+
+<p>Der christliche Gott ist, wie du wei&szlig;t, ein offenbarter und
+ein dreieiniger Gott, das hei&szlig;t: er offenbart sich dreifach.
+Schon die Alten wu&szlig;ten, da&szlig; Gott in seiner Majest&auml;t von
+den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele wurde
+von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner G&ouml;ttlichkeit schauen
+wollte. Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen
+nicht zug&auml;nglich. Wir k&ouml;nnen auch nichts dar&uuml;ber aussagen,
+denn es ist jenseit aller Gegens&auml;tze, und Eigenschaften sind
+erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften geh&ouml;ren
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span>einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes,
+sondern das Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist,
+ist er zugleich das Nichts, denn nichts hei&szlig;t nicht etwas;
+das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein Gegensatz
+zu Gott w&auml;re demnach doch vorhanden, n&auml;mlich das Einzelsein
+oder die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein
+enthalten, wie die Heilige Schrift sagt: in ihm leben, weben
+und sind wir.</p>
+
+<p>Das indessen k&ouml;nnen wir doch vom Wesen Gottes aussagen,
+da&szlig; er Geist ist; denn Gott an sich ist unsichtbar.
+Ferner kann er nichts anderes sein als Kraft; denn Gott
+kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine Kraft,
+ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives,
+auf das sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die
+Welt sind nur f&uuml;r unser Begriffsverm&ouml;gen zu trennen,
+wir sind gezwungen, zeitlich und r&auml;umlich zu denken und
+sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann
+einmal ohne Stoff gewesen w&auml;re. Da&szlig; das Sein
+wird, richtiger ausgedr&uuml;ckt, da&szlig; mit der werdenden Erscheinung
+ein unsichtbares Sein verbunden ist, von welchem
+sie abh&auml;ngt, ist ein Geheimnis, auf das man immer
+wieder st&ouml;&szlig;t, wenn man sich mit den letzten Dingen besch&auml;ftigt,
+und vor welchem es geboten ist innezuhalten. Die
+Welt w&auml;re ein &ouml;der Mechanismus, wenn dies Geheimnis
+nicht w&auml;re.</p>
+
+<p>Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das
+hei&szlig;t: er ist jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier
+aber an der Grenze der g&ouml;ttlichen Majest&auml;t stehen, glaube
+ich den mythischen Ausdruck gebrauchen zu d&uuml;rfen: Gott
+schuf die Kreatur. Luther sagte gew&ouml;hnlich Kreatur, um
+die gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen;
+wir sind gewohnt, von Stoff, Sch&ouml;pfung, Welt zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span>sprechen. Nehmen wir das Bewu&szlig;tsein als Standpunkt,
+so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben,
+worauf er wirken k&ouml;nne, sondern um sich zu erkennen, um
+seiner bewu&szlig;t zu werden. Auch dies ist wieder mythisch
+ausgedr&uuml;ckt, da ja Gott nat&uuml;rlich nichts fehlt, und wir ihn
+uns als von jeher so gut selbstbewu&szlig;t wie unbewu&szlig;t vorstellen
+m&uuml;ssen. Wir k&ouml;nnen aber die Tatsache, da&szlig; man
+zugleich nichtbewu&szlig;t und selbstbewu&szlig;t sein kann, mit dem
+Verstande nicht fassen, obwohl wir sie f&uuml;hlen k&ouml;nnen, da
+wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei will ich gleich
+bemerken, da&szlig; wir immer von uns auf Gott und von Gott
+auf uns schlie&szlig;en k&ouml;nnen, was mir, als ich zuerst darauf
+kam, einen geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck
+machte. Doch ist es durchaus nicht merkw&uuml;rdig, sondern
+folgt mit Notwendigkeit daraus, da&szlig; Gott uns zu seinem
+Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.</p>
+
+<p>Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm
+zum Ebenbilde, sich ganz gleich, Christus, den Erstling seiner
+Kreatur. Aber als er erschaffen war, schlief er; er war
+ganz Stoff, ganz Passivit&auml;t, ganz unbewu&szlig;t. Wie sollte
+sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der
+Schl&auml;fer mu&szlig;te die Augen &ouml;ffnen, damit Gott hineinsehen
+k&ouml;nne. Um ihn sehend zu machen, nahm Gott mit ihm dasselbe
+vor, was er mit sich vorgenommen hatte, um selbst bewu&szlig;t
+zu werden: er spaltete ihn in zwei, das hei&szlig;t: er machte
+aus dem ganzen Menschen, der Christus h&auml;tte sein sollen,
+das Menschenpaar, Adam und Eva, den aktiven Mann und
+das passive Weib. Mit dieser Teilung oder Polarisierung,
+die durch die gesamte Sch&ouml;pfung geht, entstand noch etwas,
+n&auml;mlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich
+nur in einer Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die
+Kraft oder Aktivit&auml;t ist ja sein Wesen; diese Kraft mu&szlig;te
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span>aber von ihm unterschieden sein, denn sonst w&auml;re sie ja
+mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens k&ouml;nnte
+nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die
+nicht Gott ist oder sein darf, mu&szlig; Gott entgegengesetzt sein,
+sozusagen ein Gegengott; denn er ist ja aus Gott, hat aber
+die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein. Ich finde, man
+stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen
+Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und
+spiegelt, gegen sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne,
+deren unendliche Strahlen vom unendlichen Stoffe zur&uuml;ckgeworfen
+werden. Dieser abgeleitete oder reflektierte Strahl
+ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott, g&ouml;ttliche
+Kraft ist, Teufel insofern er sich f&uuml;r Gott selbst h&auml;lt und
+dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.</p>
+
+<p>Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht,
+alles auf sich zu beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur
+Mittelpunkt einer Einzelheit und Trabant des All-Mittelpunktes
+ist, f&uuml;r einen selbst&auml;ndigen Mittelpunkt zu halten,
+diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther
+der Teufel oder das B&ouml;se genannt wird. Das B&ouml;se soll
+nicht sein, aber es mu&szlig; sein, damit Gott sich selbst erkennen,
+oder, wenn du lieber willst, damit Leben sein kann. Gott
+ist ein Gott des Lebens, hei&szlig;t es in der Bibel, Gott hat
+Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen
+zwei entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein
+Leben denkbar: ohne das menschliche Ich w&auml;re nur Allsein,
+das gleichbedeutend mit Nichtsein ist.</p>
+
+<p>Du k&ouml;nntest die Notwendigkeit des Teufels oder des
+B&ouml;sen mythisch auch so erkl&auml;ren: die pure Aktivit&auml;t m&uuml;&szlig;te
+notwendigerweise die pure Passivit&auml;t zerst&ouml;ren; die Aktivit&auml;t
+mu&szlig; sich also eine Hemmung, einen Widerstand setzen, damit
+der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span>wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem
+Stoff Odem einbl&auml;st, ihm einen Teil seines Wesens, seiner
+Kraft gibt, die er selbst&auml;ndig f&uuml;r sich benutzen nicht nur
+darf, sondern sogar mu&szlig;, damit Gott nicht nur eine zerst&ouml;rende,
+sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir
+haben also den merkw&uuml;rdigen Fall, da&szlig; der Teufel, die
+menschliche Ichsucht, da sein mu&szlig;, damit Gott kein Teufel ist.</p>
+
+<p>Mi&szlig;verstehe mich aber bitte nicht so, als h&auml;tte ich gesagt,
+der Mensch, oder die aktive Kraft des Menschen, und der
+Teufel w&auml;ren ein und dasselbe. Die Kraft ist ja ihrem
+Wesen nach g&ouml;ttlich; teuflisch ist nur der Irrtum des Menschen,
+seine Einzelkraft f&uuml;r Gott selbst zu halten. Gott liebt die
+Welt, weil er wei&szlig;, da&szlig; sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist
+Bewu&szlig;tsein der Zusammengeh&ouml;rigkeit. Solange der Mensch
+dies Bewu&szlig;tsein, da&szlig; alle erscheinenden Kr&auml;fte Ausstrahlungen
+der g&ouml;ttlichen Kraft sind, nicht hat, sondern seine
+Kraft f&uuml;r den Mittelpunkt h&auml;lt, ist er dem Teufel verknechtet.
+Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein
+Irrtum, ein Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht
+selbst als Person im Fleisch erscheinen. Er ist nur bei der
+Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der Schatten eine
+Begleiterscheinung von Licht und K&ouml;rper ist.</p>
+
+<p>Mit der K&ouml;rperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum
+erscheint, ist der Kampf ums Dasein gegeben. Seiner g&ouml;ttlichen
+Art nach mu&szlig; jedes Wesen &uuml;berall und immer sein
+wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Au&szlig;enwelt bei
+der Undurchdringlichkeit der K&ouml;rper sein kann. Leicht beieinander
+wohnen die Gedanken, doch hart im Raume sto&szlig;en
+sich die Sachen, hei&szlig;t es bei Schiller. Durch die Undurchdringlichkeit
+der K&ouml;rperwelt, dadurch, da&szlig; sie das Licht
+nicht durchl&auml;&szlig;t, das hei&szlig;t eben dadurch, da&szlig; sie auch Stoff
+und nicht nur Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span>steht zum Lichte in einem gegens&auml;tzlichen Verh&auml;ltnis, indem
+der Schatten w&auml;chst, wenn das Licht abnimmt, und umgekehrt.
+W&auml;re kein Schatten, w&auml;re lauter Licht, es w&auml;re dann
+aber auch nichts Einzelnes, das hei&szlig;t nichts. Dasselbe l&auml;&szlig;t
+sich vom Teufel sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend,
+er hat keinen K&ouml;rper, ist aber von der k&ouml;rperlichen
+Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel h&auml;ufig den
+Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewu&szlig;te Mensch
+denkt und tut, eine Nachahmung g&ouml;ttlichen Denkens und
+Tuns ist, oder insofern der selbstbewu&szlig;t gewordene Mensch
+das mit Absicht ausf&uuml;hrt, was der instinktive Mensch unbewu&szlig;t
+tut.</p>
+
+<p>Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende
+Mensch ist der Mann. Es w&uuml;rde, da es unz&auml;hlig viele
+Ichs gibt, ein best&auml;ndiger Krieg aller gegen alle herrschen,
+wenn der Mann nicht in sich und au&szlig;er sich eine passive
+H&auml;lfte h&auml;tte; die passive H&auml;lfte, die er au&szlig;er sich hat, ist
+das Weib. Da&szlig; das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugeh&ouml;rt,
+ist schon daraus ersichtlich, da&szlig; er durch sie, ohne Mitbet&auml;tigung
+ihres bewu&szlig;ten Willens, Menschen schafft; das
+Weib gestaltet unwillk&uuml;rlich im Stoffe. Aus der Sch&ouml;pfungsgeschichte
+wei&szlig;t du, da&szlig; die Schlange Eva, nicht Adam verf&uuml;hrte;
+denn sie, die mit Gott Verbundene, mu&szlig;te fallen,
+wenn Gott gest&uuml;rzt werden sollte, und ihre Schw&auml;che bot
+auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut, selbstlos, deshalb
+aber auch unendlich verf&uuml;hrbar, gab sich Eva wirklich dem
+Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung,
+das Leben erst m&ouml;glich machte. Das Weib liebt nicht
+Gott, die G&uuml;te, sondern den Selbsts&uuml;chtigen, der sie leiden
+macht, weil er nur sich selbst lieben kann. Durch das Leiden
+kommt sie, weil Leiden bewu&szlig;t macht, zur Erkenntnis ihres
+Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span>wieder her. Die Bestimmung der Frau ist, die selbstische,
+verteufelte Welt mit Gott zu verbinden, der Genius und
+Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage und Geschichte
+die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu
+gro&szlig;en Taten anregt, ihm gegen&uuml;ber die g&ouml;ttlichen Gedanken
+vertritt. Oft allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient,
+vertritt sie auch seine teuflischen Gedanken, wovon Lady
+Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die Frau nicht mehr
+der Genius des Mannes, weder im Guten noch im B&ouml;sen,
+weil keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der
+heutige Mann, ganz weltlich, will nur ebensolche Frauen,
+oder, schwankend zwischen Welt und Gott, will er sie entweder
+moralisch oder was man erotisch nennt; den reinen
+Atem der g&ouml;ttlichen Natur f&uuml;hlt er nicht oder er ist ihm zu
+stark, der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten
+werden will.</p>
+
+<p>Nun aber hat der Mann auch eine passive H&auml;lfte in sich,
+wie ihrerseits die Frau auch eine aktive Seite hat. Der
+blo&szlig; aktive Mann w&auml;re ein Teufel, etwas nicht Existierendes,
+die blo&szlig; passive Frau w&auml;re purer Stoff, was es ebensowenig
+gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts.
+Jeder Mann ist auch durch sich selbst mit Gott verbunden,
+in sehr wechselnden Graden, jede Frau ebenso durch sich
+selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne
+aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, pers&ouml;nlich, selbstisch,
+teuflisch, wie die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpers&ouml;nlich,
+unselbst&auml;ndig, Gott angeh&ouml;rig. Insofern jedoch steht der
+Mann seinem Wesen nach Gott n&auml;her, als er Kraft ist.
+Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das Verdammungsurteil
+der Frau, da&szlig;, wenn sie b&ouml;se ist, die Ursache
+immer Liebe zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche
+Natur an. Daraus ist zu erkl&auml;ren, da&szlig; alte Theologen
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span>der Frau die F&auml;higkeit absprachen, in den Himmel zu kommen.
+Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch: &bdquo;Wenn
+aber kein Mann predigt, so w&auml;re vonn&ouml;ten, da&szlig; die Weiber
+predigen.&ldquo; Er f&uuml;hlte, da&szlig; Mann und Frau bestimmt sind,
+alle Stufen der Entwickelung durchzumachen, in der Weise,
+da&szlig; der Mann seine passive, die Frau ihre aktive Seite
+auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer,
+da sie trotz der uns&auml;glichen Leiden, die aus ihrer Passivit&auml;t
+flie&szlig;en, immer wieder in dieselbe zur&uuml;cksinkt.</p>
+
+<p>Ich bewundere das an Luther, da&szlig; er, der das Teuflische
+in sich und au&szlig;er sich so leidenschaftlich bek&auml;mpfte, doch die
+Notwendigkeit, ich m&ouml;chte sagen die W&uuml;rde des Teufels erkannte.
+Er sagt von sich selbst, da&szlig; er ohne den inneren
+Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen
+w&auml;re, und gelegentlich auch, da&szlig; die Anfechtungen Gott
+lieb w&auml;ren, wenn sie zur wahren Erkenntnis f&uuml;hrten. Es
+ist der Fehler vieler sogenannten Frommen, da&szlig; sie den
+Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem Himmel
+tr&auml;umen, wo lauter G&uuml;te und Frieden sein soll. Dadurch
+verleiden sie Christentum, Religion und Fr&ouml;mmigkeit; denn
+jeder Mensch, wenigstens jeder naive Mensch, hat den Instinkt,
+den ewigen Sonntag und Engelsgesang unertr&auml;glich
+langweilig zu finden. Luther verga&szlig; nie, da&szlig; der Teufel
+ein F&uuml;rst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist;
+seinen Gegnern gegen&uuml;ber betont er und belegt mit biblischen
+Beweisstellen, da&szlig; Gott auch in der H&ouml;lle gegenw&auml;rtig
+zu denken ist. An diese Notwendigkeit des Gegensatzes
+denken diejenigen von Luthers Anh&auml;ngern nicht, die ihrer
+Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns &uuml;ber die vermeintlichen
+Schattenseiten seines Charakters glauben hinzuf&uuml;gen
+zu m&uuml;ssen, &uuml;ber seinen Stolz, seine Heftigkeit, seine
+Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, w&auml;re er ein Engel im
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span>landl&auml;ufigen Verstande gewesen, so w&auml;re er kein gro&szlig;er
+Mann gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine
+ganz einfache Frau oder ein Kind, wom&ouml;glich ein Negerkind,
+w&auml;re ein gr&ouml;&szlig;eres Genie als zum Beispiel Beethoven &ndash; Leute,
+die an Entkr&auml;ftung leiden und sich darum nach der Gott vermittelnden
+Passivit&auml;t zur&uuml;cksehnen. Nat&uuml;rlich kann man
+niemand hindern, blo&szlig;en Instinkt Genie zu nennen, nur
+wird sich der Betreffende dann mit der Mehrzahl der Menschen
+schwerlich verst&auml;ndigen, die unter Genie wesentlich die
+schaffende Kraft verstehen. Und dazu geh&ouml;rt eben beides:
+auch ma&szlig;loses Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der
+Teufel. Luzifer, der erste Rebell, war der sch&ouml;nste unter
+den Engeln; Adler und L&ouml;wen sind g&ouml;ttliche Gesch&ouml;pfe, obwohl
+sie L&auml;mmer zerrei&szlig;en, wei&szlig;e, unschuldige Tiere. Man
+kann als psychologisches Axiom aufstellen, da&szlig; ein Wesen
+desto gr&ouml;&szlig;er ist, je gr&ouml;&szlig;ere Gegens&auml;tze es umfa&szlig;t. Das
+gerade ist die uns&auml;gliche Herrlichkeit Gottes, da&szlig; er den Teufel
+in sich begreift. Er spaltete sich in positive und negative
+Kraft, um in der &Uuml;berwindung der zwischen diesen entgegengesetzten
+Kr&auml;ften entstehenden Spannung Leben zu
+schaffen.</p>
+
+<p>Macht es dir als Mann Vergn&uuml;gen, da&szlig; ich die Dom&auml;ne
+des Mannes feiere? Ach, die modernen M&auml;nner haben
+wenig Ursache, sich des Teufels zu r&uuml;hmen: seine Zeit ist um.
+Das Fl&auml;mmchen, das unter seinen F&uuml;&szlig;en knistert, langt
+gerade noch, um ein M&auml;dchenherz oder eine Zigarre damit
+zu entz&uuml;nden, die Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken.
+Ich wei&szlig; nicht, wie weit das auf dich pa&szlig;t; aber ich bilde
+mir ein, du habest auch lechzende Zungen eingemauert. W&auml;re
+nicht eine verheerende Feuersbrunst sch&ouml;ner gewesen?</p>
+
+<p>Die Leute haben sich stets am &Uuml;bel in der Welt gesto&szlig;en,
+haben Gott gern das B&ouml;se zum Vorwurf gemacht, haben
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span>gemeint, sie, als Gott, w&uuml;rden eine Welt ohne Teufel schaffen;
+nun werden ihnen alle diese R&auml;tsel durch das Aussterben
+des Teufels erkl&auml;rt. Es wird ihnen klar werden, da&szlig;, wenn
+der Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, f&uuml;r uns wenigstens,
+denen er sich in der Welt offenbarte. Das Verschwinden
+der Schatten zeigt an, da&szlig; die Sonne untergegangen
+ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr,
+bei uns ist Nacht. Nun w&uuml;rden wir sie auch mit den Fackeln
+des Nero licht machen.</p>
+
+<p>Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und
+eine Erscheinung wie Nietzsche sind der Schrei der Menschheit
+nach dem Teufel, der ebenso berechtigt ist wie der Schrei
+nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch Teufel sich
+willk&uuml;rlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie
+viele junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein
+von H&ouml;lle zu erzielen, so &uuml;berl&auml;uft mich ein Grauen vor
+m&ouml;glichen Mi&szlig;verst&auml;ndnissen. Es geb&auml;rdeten sich ja zu
+Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht Tierheit
+genug zu einem einf&auml;ltigen Meerschweinchen in sich hatten.
+Aber du, Geliebter, wirst keinen Verein f&uuml;r S&uuml;nder gr&uuml;nden,
+noch f&uuml;r dich allein Musters&uuml;nden im Treibhaus z&uuml;chten,
+insofern kann ich mich auf dich verlassen. Luzifer verachtet
+ja den dummen und den b&ouml;sen Teufel, seine Vorl&auml;ufer; ich
+z&uuml;rne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht
+bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir
+zuh&ouml;rst, beendet.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief6" id="brief6"></a><a href="#inhalt">VI</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">G</span>eliebter Freund und gef&uuml;rchteter vern&uuml;nftiger Tadler,
+du sagst, ich h&auml;tte anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen,
+und ich leugne das nicht, vielmehr freue ich mich dar&uuml;ber.
+Es kam zuf&auml;llig und war tiefsinnig: das Wort Teufel hat
+<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span>die Wurzel <span class="antiqua">dev</span>, was im englischen Worte <span class="antiqua">devil</span> noch deutlich
+zu erkennen ist, und <span class="antiqua">dev</span> bezeichnet das G&ouml;ttliche. Ich
+will nun aber zum Anfang meines vorigen Briefes zur&uuml;ckkehren,
+wo ich sagte, da&szlig; Gott in seiner Majest&auml;t unzug&auml;nglich
+sei, da&szlig; er sich aber nach christlicher Lehre den Menschen
+offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zur&uuml;ckbehaltend.
+<span class="antiqua">Non est opertum quod non reveletur</span>: es ist nichts verborgen,
+das nicht offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott
+dreifach.</p>
+
+<p>Unpers&ouml;nlich in der ganzen Sch&ouml;pfung als bildende Kraft
+oder Natur.</p>
+
+<p>Pers&ouml;nlich in der Menschheit als t&auml;tige Kraft oder Liebe.</p>
+
+<p>&Uuml;berpers&ouml;nlich in der Menschheit als erkennende Kraft
+oder Geist.</p>
+
+<p>Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur
+nacheinander, sondern auch nebeneinander, so da&szlig; er immer
+und &uuml;berall zugleich in der Natur und in der Menschheit
+da ist.</p>
+
+<p>Der Gott, der sich in der Sch&ouml;pfung als bildende Kraft
+offenbart, ist der Gottvater unseres Katechismus. Er war
+in der Antike der Gott, &bdquo;der da wachsen l&auml;&szlig;t&ldquo;, eine Idee,
+die in der Sprachwurzel <span class="greek" title="phy" lang="el">&#966;&#965;</span> ausgedr&uuml;ckt war, von welcher
+das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen
+stammen. Zun&auml;chst k&ouml;nnen wir sagen, da&szlig; Gottvater
+alles hat wachsen lassen, was des Menschen Hand
+nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen, die
+gesamte Sch&ouml;pfung oder Natur. Diesen Gottvater, den
+allm&auml;chtigen Sch&ouml;pfer Himmels und der Erden, preist Luther
+in wundervoller Bildersprache, die sich an die des Alten
+Testamentes anschlie&szlig;t. Er ist das Allerinwendigste und
+Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was unabl&auml;ssig
+wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">46</a></span>uns zu H&auml;upten. Er ist der im Innern der Welt verborgene
+K&uuml;nstler, der nach dem sch&ouml;nen Ausdrucke D&uuml;rers
+voller Figur ist.</p>
+
+<p>In den Tischgespr&auml;chen tr&auml;umt Luther einmal davon, da&szlig;
+der Mensch nicht eine einzige lebendige Rose selbst machen
+k&ouml;nne. Man h&auml;tte darauf antworten k&ouml;nnen, da&szlig; sie sich
+selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der unseren
+K&ouml;rper von au&szlig;en machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen
+von innen. Insofern k&ouml;nnen wir sagen, da&szlig; wir uns selbst
+machen, nur da&szlig; wir es nicht mit bewu&szlig;ten Willenskr&auml;ften
+tun, sondern mit jener instinktiven Kraft, die nicht von
+unserem Willen abh&auml;ngt; diese nennen wir eben Gott.
+&bdquo;Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt&ldquo;, hei&szlig;t
+es bei Schiller. &bdquo;Es ist der Geist, der sich den K&ouml;rper baut.&ldquo;
+Es ist deshalb, nebenbei bemerkt, nicht anders m&ouml;glich, als
+da&szlig; das &Auml;u&szlig;ere das Innere offenbart.</p>
+
+<p>Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in
+uns, sondern auch mittelbar durch die Kreatur. Er bildet
+H&ouml;hlen und Nester durch Tiere und Kunstwerke durch die
+Hand des K&uuml;nstlers. Nicht alle menschlichen H&auml;nde w&auml;hlt
+er sich, es sind besondere, eben K&uuml;nstlerh&auml;nde. Die Menschen
+der Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewu&szlig;t,
+Menschen der ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche
+Menschheit. Die vorchristliche Menschheit war wesentlich
+voll Figur, plastisch, sie hat die F&uuml;lle der Formen geschaffen,
+mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche
+Menschheit erinnert an die sogenannten vors&uuml;ndflutlichen
+Tiere; neue Arten sind nachher nicht mehr erschienen.</p>
+
+<p>Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende
+Gott, aber im Gegensatz zu der an sich positiven, aber
+in bezug auf ihn negativen menschlichen Kraft, man kann
+der K&uuml;rze halber auch sagen: im Gegensatz zum Teufel.
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span>Zun&auml;chst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste
+Stufe des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt.
+Den passiven Trieb der Natur, sich der Form zu widersetzen,
+die Form aufzul&ouml;sen, dr&uuml;ckt Goethe mit den Worten
+aus: &bdquo;Die Natur h&auml;ngt immer zum Verwildern hin&ldquo;, den
+aktiven Schiller: &bdquo;Die Elemente hassen das Gebild der
+Menschenhand.&ldquo; Der Widerstand, den Chaos und Elemente
+fortw&auml;hrend dem g&ouml;ttlichen Bilden entgegensetzen,
+l&auml;&szlig;t die nat&uuml;rliche Form in der Kunst entstehen; die reine
+g&ouml;ttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der
+Natur, sie ist nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich
+oder Geist an sich wirklich ist. Man hat die krumme Linie
+die Linie des Lebens genannt; sie entsteht durch die Ablenkung,
+die die reine g&ouml;ttliche Linie durch den Widerstand
+des chaotischen Triebes erf&auml;hrt, und man k&ouml;nnte sie besser
+die Linie der Natur nennen. In der Kunst ist sie f&uuml;r die
+instinktive, volkst&uuml;mliche Kunst im Gegensatz zur idealen,
+pers&ouml;nlichen charakteristisch. Man kann den Begriff des
+instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem
+dem Bewu&szlig;tsein kein Bild vorschwebt, sondern das im
+Ma&szlig;e, wie es sich auswirkt, als werdendes Bild erscheint.
+Die instinktiv geschaffenen Werke sind deshalb auch als
+Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre
+Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen,
+in St&auml;dten, Domen, Epen zum Beispiel; wohl haften
+legendarische Namen an ihnen, aber sie k&ouml;nnen sich nur
+unter Mitwirkung vieler und in l&auml;ngerer Zeitdauer entwickeln.</p>
+
+<p>Je mehr das Selbstbewu&szlig;tsein des Menschen sich entwickelt,
+desto mehr nimmt sein chaotischer Trieb ab; es setzt
+sich nun dem bildenden Gott die geformte Pers&ouml;nlichkeit
+entgegen. Das selbstbewu&szlig;te k&uuml;nstlerische Schaffen ist ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span>solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt,
+und weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein
+Ganzes ist, kann es auch nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung
+genossen werden. Das aus dem Geiste einer Person
+geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes, nicht
+fragmentarisches. Nur die geistvolle Pers&ouml;nlichkeit kann
+das Chaos ersetzen.</p>
+
+<p>Jede <span class="ins" title="antikisiernde">antikisierende</span> Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit
+beruht auf erschlaffter Pers&ouml;nlichkeit und Ideenmangel. Mit
+antikisierender Richtung meine ich aber nicht die italienische
+Renaissance; denn diese war ein nat&uuml;rliches Wiederaufleben
+antiker Formen im selben oder nahverwandten Volke.</p>
+
+<p>Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte,
+da&szlig; Luther zwar nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber
+klar erkannte, dass Gott sich in der Natur offenbart. Luther
+war ein leidenschaftlicher Gegner des Klosterlebens, darin
+mit den meisten seiner Zeitgenossen &uuml;bereinstimmend. Es
+ist charakteristisch f&uuml;r ihn, da&szlig; er es nicht wie diese in erster
+Linie auf die M&auml;ngel in der Lebensf&uuml;hrung der M&ouml;nche
+hin bek&auml;mpfte: er h&auml;tte wahrhaft aszetische M&ouml;nche mehr
+getadelt als unsittliche; sondern er ruhte nicht, bis er den
+Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens blo&szlig;gelegt hatte,
+da&szlig; n&auml;mlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt,
+sondern von Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der
+Welt Wert haben k&ouml;nne, w&auml;hrend es doch gerade vor Gott
+Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen nach,
+da&szlig; Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes
+sind, und da&szlig; die M&ouml;nche sie als besondere Gebote nur deshalb
+errichtet haben, um die g&ouml;ttlichen zu umgehen; denn
+sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich dem allgemeinen
+Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz,
+um als ein von der Allgemeinheit abgesonderter K&ouml;rper
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span>zu besitzen, sie geloben Keuschheit, um sich entweder ihren
+Begierden ungez&uuml;gelt im Verborgenen hinzugeben, oder um
+nat&uuml;rliche Begierden gewaltsam zu unterdr&uuml;cken. Er wies
+nach, da&szlig; Paulus zwar den angeborenen Trieb zur Keuschheit
+als eine g&ouml;ttliche, das hei&szlig;t geistige Gabe ger&uuml;hmt hat,
+da&szlig; die Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit
+aufzwingen will, nur Keuschheit innerhalb der
+Ehe.</p>
+
+<p>Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch
+erwarte, Luther werde den Beweis, da&szlig; Gott die Ehelosigkeit
+nicht geboten habe, aus der Natur f&uuml;hren, er habe aber,
+als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan, sondern sich nur
+auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so, vielmehr
+sagt er: &bdquo;Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen,
+da&szlig; sie zusammen sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen
+anderen Stand&ldquo;, au&szlig;er wenn, wie schon gesagt, die nat&uuml;rliche
+Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur
+&bdquo;wider eingesetzte Natur&ldquo; soll man nicht Jungfrau sein
+wollen. &bdquo;Also sage ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen,
+da&szlig; wir tun wie unsere Eltern, Kinder zeugen und
+n&auml;hren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und eingepflanzt.
+Das beweisen die Gliedma&szlig;en des Leibes und
+t&auml;gliches F&uuml;hlen und aller Welt Exempel.&ldquo;</p>
+
+<p>Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur,
+indem er als gut und begl&uuml;ckend nur das will gelten lassen,
+was unser Herz, also die Vertretung des G&ouml;ttlichen in uns,
+fordert. &bdquo;Gott hat auch seine Richtschnur und Kanones&ldquo;,
+sagt er in den Tischreden, &bdquo;die hei&szlig;en die zehen Gebote, die
+stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon
+das, was du willst dir getan haben, das tue du einem andern
+auch.&ldquo; Man solle &uuml;berhaupt die zehn Gebote nicht
+deshalb halten, f&uuml;hrt er an anderer Stelle aus, weil Moses
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span>sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum,
+sondern weil das nat&uuml;rliche Gesetz nirgends so fein und
+ordentlich verfa&szlig;t sei wie bei Moses. Einen Gott haben,
+sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch nat&uuml;rliches Gesetz,
+wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden w&uuml;&szlig;ten, da&szlig;
+ein Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot
+der Liebe, in welchem alle Gebote des Moses aufgingen:
+&bdquo;Liebe deinen N&auml;chsten als dich selbst.&ldquo; &bdquo;Sonst, wo
+es nicht nat&uuml;rlich im Herzen geschrieben st&auml;nde, m&uuml;&szlig;te
+man lange Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen
+ann&auml;hme; es mu&szlig; es auch bei sich selbst also finden
+und f&uuml;hlen, es w&uuml;rde sonst niemand kein Gewissen machen.
+Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt,
+da&szlig; sie solch Gesetz nicht allzeit f&uuml;hlen.&ldquo; Das nat&uuml;rliche
+Gesetz sei allen gemeinsam; daneben k&ouml;nnten die V&ouml;lker ihre
+eigenen Ordnungen haben, wie die Sachsen den Sachsenspiegel,
+die aber nur dem betreffenden Volke, nicht allen
+Menschen verbindlich w&auml;ren.</p>
+
+<p>Da&szlig; man den Sabbat oder Sonntag feiere, m&uuml;sse man
+nicht tun, weil es Moses geboten habe, sondern weil die
+Natur lehre, da&szlig; Mensch und Vieh sich jezuweilen einen
+Tag erquicken m&uuml;ssen. In Krankheitsf&auml;llen r&auml;t er, entweder
+nat&uuml;rliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu
+Gott zu beten; wieder das Nat&uuml;rliche dem G&ouml;ttlichen gleichsetzend.
+Das Recht betreffend sagt er, ein gutes Urteil
+k&ouml;nne nicht aus B&uuml;chern gesprochen werden, sondern aus
+freiem Sinn daher, als w&auml;re kein Buch. &bdquo;Aber solch freies
+Urteil gibt die Liebe und nat&uuml;rliches Recht, des alle Vernunft
+voll ist.&ldquo; Es sei eine Schande, sagt er, als er zur
+Gr&uuml;ndung von Schulen ermahnt, da&szlig; man sich reizen lassen
+m&uuml;sse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch die
+Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther
+<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span>h&auml;ufig auf die Natur, als in der Gott sich offenbare, die
+aber vom Teufel verderbt sei. <span class="ins" title="Diesen">Dieser</span> Umstand, da&szlig; die
+Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn das ist ja
+Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist,
+wird von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil
+Luther so umfassend blickte, wurde und wird er mi&szlig;verstanden.
+Es gibt viele, f&uuml;r die alles Nat&uuml;rliche schon g&ouml;ttlich
+und vorbildlich ist; andere, die das Nat&uuml;rliche dem
+Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu
+k&ouml;nnen glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott
+zugeh&ouml;rig geschont wissen. Durch das Wort erhalte die Natur,
+sagte er, keine neue Kraft, sondern werde in ihrer alten
+best&auml;tigt; da demnach eine und dieselbe Kraft im Menschen
+ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerst&ouml;rt
+w&auml;re? Die &bdquo;selbsterw&auml;hlte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit
+&uuml;ber den eigenen Leib&ldquo; ist ihm verha&szlig;t, &bdquo;da&szlig; wir uns
+selbst also ums Leben bringen, so doch Gott geboten hat,
+man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht t&ouml;ten&ldquo;. Kasteiung
+d&uuml;rfe nur getrieben werden zur &bdquo;D&auml;mpfung der Unkeuschheit&ldquo;,
+nicht bis zur &bdquo;Verderbung der Natur&ldquo;. &bdquo;Wo
+aber dies Ziel &uuml;bergangen wird, und die Fasten usw. h&ouml;her
+getrieben sind, denn das Fleisch leiden kann oder zur T&ouml;tung
+der Lust not ist und damit die Natur verdorben, der Kopf
+zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, da&szlig; er gute
+Werke getan habe &hellip; Er wird geachtet werden als einer,
+der sich selbst verwahrlost, und so viel an ihm ist, ist er sein
+eigener M&ouml;rder geworden. Denn der Leib ist nicht darum
+gegeben, ihm sein nat&uuml;rliches Leben oder Werk zu t&ouml;ten,
+sondern allein seinen Mutwillen zu t&ouml;ten.&ldquo; Aus diesem Satze,
+da&szlig; Gerechtigkeit zwar geschehen m&uuml;sse, aber nur soweit die
+Natur dabei erhalten bleiben k&ouml;nne, leitet Luther unter anderem
+ab, da&szlig; Aneignen fremden Gutes, um den Hunger zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span>stillen, nicht als Diebstahl betrachtet werden d&uuml;rfe, wie in
+den Spr&uuml;chen Salomonis steht: &bdquo;Wir sollen den Dieb nicht
+verachten, wenn er stiehlt, auf da&szlig; er satt werde, wenn ihn
+gehungert hat&ldquo;, was auch nach unserem heutigen Gesetze
+Geltung hat. &bdquo;Gott hat seine Gebote nicht gegeben, da&szlig;
+der Leib, die Habe oder die Seele umkommen, sondern
+da&szlig; dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde.
+Darum sind sie immer so zu verstehen, da&szlig; du gleichzeitig
+nicht vergissest, da&szlig; Gott den Leib geschaffen habe, die
+Seele und den Geist, und da&szlig; er will, du sollst dich darum
+bek&uuml;mmern, auf da&szlig;, wenn eines davon in Gefahr kommt,
+du nun wissest, da&szlig; seine Gebote nicht mehr Gebote sind.&ldquo;
+Welche K&uuml;hnheit in diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen
+einschlie&szlig;en! Luther deutet sie selbst an in den
+Worten: &bdquo;In der Not sind alle G&uuml;ter gemeinsam.&ldquo; Du
+wei&szlig;t, mit welcher H&auml;rte er den aufr&uuml;hrerischen Bauern
+entgegentrat, und wie er &uuml;berhaupt jede gewaltsame Auflehnung
+gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch so ungerecht,
+verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg,
+werde Gott einschreiten. Es k&ouml;nnen F&auml;lle eintreten, wo
+Gottes Gebote nicht mehr Gebote sind, wo Krieg oder Revolution
+notwendig werden; aber kein einzelner darf das
+machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen k&ouml;nnte,
+w&uuml;rde es rechtfertigen, sondern die Not mu&szlig; es bringen,
+die Natur, durch die Gott seinen allm&auml;chtigen, unwidersprechlichen
+Willen verk&uuml;ndigt, wenn der Mensch entartet,
+vom g&ouml;ttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt geschichtliche
+Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen
+eintreten, weil die menschliche Willk&uuml;r so &uuml;berhandgenommen
+hat, da&szlig; die Natur unter Menschenwerk
+ersticken w&uuml;rde, wenn sie es nicht verschl&auml;nge. Solche geschichtlichen
+Naturereignisse nennen religi&ouml;se Menschen mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span>Recht Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber
+infolge menschlicher Verirrung notwendig, von Gott gewollt,
+um die Natur vor g&auml;nzlicher Verderbung zu retten.
+Schiller vergleicht die Emp&ouml;rung der Natur mit dem angeketteten
+L&ouml;wen, der &bdquo;des numidischen Walds pl&ouml;tzlich und
+schrecklich gedenkt&ldquo;. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgef&uuml;hrt
+und insbesondere in die bekannten Worte gefa&szlig;t:
+&bdquo;Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht&ldquo; und &bdquo;Gott hilft
+nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen&ldquo;. Es ist
+durchaus lutherisch gedacht, da&szlig; die Revolution nicht von
+Tell, sondern vom Volke ausgeht, dessen Gesamtwillen er
+nur in einer Tat vollzieht, die ihm die Notwendigkeit im
+Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.</p>
+
+<p>Niemals erscheint Luther als gr&auml;mlicher Gegner der
+Lebenslust, sondern er ermuntert zur Freude. Er erinnert
+daran, da&szlig; Christus selbst auf der Hochzeit erschien und
+Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die sch&ouml;nen
+Worte des Predigers: &bdquo;Gehe hin fr&ouml;hlich, i&szlig; und trink und
+wisse, da&szlig; dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit la&szlig; dein
+Kleid wei&szlig; sein und das &Ouml;l deinem Haupte nimmer gebrechen.
+Genie&szlig;e dein Leben mit dem Weibe, das du lieb
+hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben
+sind.&ldquo; Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, da&szlig; das
+Werk Gott wohlgefalle: wer ohne inneren Frieden genie&szlig;t,
+dem ist es Unrecht.</p>
+
+<p>Was f&uuml;r Beschimpfungen und Verd&auml;chtigungen hat Luther
+w&auml;hrend seines Lebens und nach seinem Tode &uuml;ber sich ergehen
+lassen m&uuml;ssen, weil er die Natur heilig hielt. Es ist eigent&uuml;mlich,
+da&szlig; den Menschen eine Art Wut innewohnt gegen
+alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder
+am begreiflichsten, wenn man sagt, da&szlig; es der Teufel ist,
+der die Natur Gott entrei&szlig;en und f&uuml;r sich haben will.
+<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span>Sollte einer, den Lorbeer kr&ouml;nt, auch Rosen tragen d&uuml;rfen?
+Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen
+zu Christus F&uuml;&szlig;en liegen? Weil Luthers Lebenswandel
+keine Angriffspunkte im Sinne der Welt bot, warf man
+ihm vor, da&szlig; er seine Frau aus Liebe geheiratet habe; andere
+wieder finden, es sei nicht friedlich und salbungsvoll
+genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man &auml;rgert sich so
+dar&uuml;ber, da&szlig; er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer
+sich &auml;rgerten, da&szlig; der Leib des Herrn im Brot und
+Wein sein sollte.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief7" id="brief7"></a><a href="#inhalt">VII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">I</span>ch erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand
+als dies: Du mu&szlig;t nicht immer alles auf einmal sagen wollen.
+Aus deiner Handschrift schlie&szlig;e ich wohl nicht mit Unrecht
+auf dich als Urheber und antworte dir, da&szlig; das schwer zu
+vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die
+immer nur von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich
+wei&szlig;, wie das ganze Mammut aussehen mu&szlig;; wenn es
+mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert, so
+hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du
+freilich recht, da&szlig; es uns nicht eilt: die herbstlichen N&auml;chte
+sind lang, und meinen K&ouml;nig schl&auml;fert nicht.</p>
+
+<p>An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden
+taten es; aber das wollten sie nicht glauben, da&szlig; Gott sich um
+die Menschen bek&uuml;mmere. Da der Denkende auf eine letzte
+Ursache aller Erscheinungen st&ouml;&szlig;t, so ist er an Gott zu glauben
+sogar gezwungen, wie es in der Bibel hei&szlig;t: Die Toren
+sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher
+Epikureer bist du vermutlich auch, wie Luther diejenigen
+nannte, die den fleischgewordenen Gott ablehnten. Da&szlig;
+Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem,
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span>als da&szlig; das Sein &uuml;berhaupt wird; und so m&uuml;&szlig;te der, welcher
+glaubt, da&szlig; Gott sich in der unbewu&szlig;ten Natur offenbart,
+auch glauben k&ouml;nnen, da&szlig; er Mensch wird. Wie dem
+aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist
+uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten,
+es m&uuml;sse hei&szlig;en <span class="antiqua">verbum caro facta est</span>, nicht <span class="antiqua">factum est</span>,
+da das Werden sich nur auf das Fleisch, nicht auf das Wort
+beziehen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Ich habe dir k&uuml;rzlich davon erz&auml;hlt, da&szlig; der reifende
+Geist der Griechen allm&auml;hlich anfing, die Welt als Einheit
+zu erfassen, und im Ma&szlig;e, wie er das tat, erlosch der Glaube
+an die pers&ouml;nlichen G&ouml;tter. Schon ziemlich fr&uuml;h taucht die
+Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei
+Gebeten s&auml;mtliche G&ouml;tter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen;
+oder man setzte mehreren Hauptg&ouml;ttern einen gemeinsamen
+Altar, ja man schmolz alle G&ouml;tter schon in den
+einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in
+Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar,
+auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte.
+&bdquo;Nun verk&uuml;ndige ich euch denselbigen, dem ihr unwissend
+Gottesdienst tut&ldquo;, sagte er zu den Griechen. Es erscheint
+zuerst sonderbar, da&szlig; der griechische Geist so weit kam, zu
+erkennen, da&szlig; Ein Gott sei, der da wirke alles in allem,
+da&szlig; aber dieser Eine Gott trotz aller Beschw&ouml;rungen nicht
+erschien, sondern der Unbekannte blieb. Es hatten sich einst
+unz&auml;hlige Augenblicksg&ouml;tter zu pers&ouml;nlichen G&ouml;ttern verdichtet;
+man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder
+Apollo, h&auml;tte nun seinerseits alle andern besiegen und als
+der gesuchte Eine Gott hervortreten k&ouml;nnen. Das ging indessen
+deshalb nicht, weil dies nicht Augenblicksg&ouml;tter, Begriffsg&ouml;tter,
+sondern pers&ouml;nliche G&ouml;tter waren, und das
+Pers&ouml;nliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person
+<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span>aufgehen. Es mu&szlig;te ein anderer, M&auml;chtigerer kommen,
+um die Olympier vom Throne zu sto&szlig;en. Jehova h&auml;tte das
+nicht sein k&ouml;nnen, der nur ein pers&ouml;nlicher Gott mehr in der
+G&ouml;tterrepublik war, und dasselbe war mit jedem andern
+Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen,
+die Idee des <em>einen</em>, unendlichen, allumfassenden Gottes sei
+zu ungeheuer gewesen, um im menschlichen Geiste Person
+zu werden. Das Unl&ouml;sbare wurde gel&ouml;st durch ein Wunder:
+die Idee personifizierte sich nicht im menschlichen Geiste,
+sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In
+dem Gottmenschen konnten alle G&ouml;ttervorstellungen aufgehen.</p>
+
+<p>Was geschah, kann man auch so ausdr&uuml;cken: Der menschliche
+Geist war zu der Erkenntnis gereift, da&szlig; das Herz
+der Menschheit zugleich das Herz Gottes ist; da&szlig; die Menschheit,
+die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch Christus
+vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche
+Geist lange Zeit G&ouml;tter hervorgebracht hatte, tat er
+nun den ungeheuren, den letzten Schritt in seiner Entwickelung,
+sich selbst als Gott zu erkennen. Diese Wahrheit wurde
+als frohe Botschaft verk&uuml;ndet und erf&uuml;llte die Verk&uuml;ndiger
+selbst mit &uuml;berirdischer Seligkeit. Dies, da&szlig; Gott Mensch
+geworden, da&szlig; ein Mensch Gott war. Da&szlig; aber tats&auml;chlich
+gerade diese Lehre so viel Widerstreben findet, hat meiner
+Ansicht nach folgende Gr&uuml;nde, die Luther ohne weiteres und
+ganz richtig teuflisch nennen w&uuml;rde, da es Gr&uuml;nde der Selbst-Sucht
+sind. W&auml;re Gott irgendein weltlicher F&uuml;rst gewesen,
+so w&auml;re das eine G&ouml;ttlichkeit gewesen, nach der man
+h&auml;tte streben k&ouml;nnen; aber Christus bekehrte die S&uuml;nder und
+heilte Kranke und erweckte die Toten; das sind Gaben, die
+nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch, wenigstens
+jeder Mann, hat und mu&szlig; die Neigung haben, sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span>selbst als Gott zu setzen; es ist ihm deshalb unertr&auml;glich,
+da&szlig; ein Mensch schon Gott ist, und da&szlig; er selbst Gott nur
+sein kann, soweit er sich mit diesem Gottmenschen eins
+macht. Das blo&szlig;e Dasein Christi, falls man ihn als Gott
+anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf
+des Gottseins zur L&uuml;ge, zum Irrtum; aus diesem Grunde
+f&uuml;hlen sich viele M&auml;nner instinktiv im Widerspruch zu
+Christus.</p>
+
+<p>Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt
+die Welt anfangs in Einzelbildern auf, die sich allm&auml;hlich
+zu pers&ouml;nlichen G&ouml;ttern verdichten. Diese G&ouml;tter wohnen
+nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen
+Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst
+als Olymp, Walhalla, Himmel bezeichnen. Da&szlig; G&ouml;tter
+nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel sind, hat
+sich dem menschlichen Bewu&szlig;tsein als Tatsache eingepr&auml;gt;
+die meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewu&szlig;t, da&szlig;
+dieser Himmel ihr eigener Geist ist, sondern verlegen ihn
+an irgendeinen unauffindbaren, au&szlig;erirdischen und sogar
+au&szlig;erweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den Sternen
+und &uuml;ber den Sternen; da&szlig; &bdquo;der geheimnisvolle Weg nach
+innen f&uuml;hrt&ldquo;, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere
+aber k&ouml;nnen es fassen, da&szlig; der Weg auch nach au&szlig;en geht,
+da&szlig; die im Himmel Heimischen im Fleisch auf Erden wandeln
+sollen. Der Mensch begreift nicht, da&szlig; das Unsichtbare
+mitten im Sichtbaren, da&szlig; das Sichtbare ein Ausdruck
+des Unsichtbaren ist. Da&szlig; Ideen Marmor werden, begreift
+jeder; da&szlig; Ideen Fleisch werden, erlebt man t&auml;glich
+um sich her und glaubt es doch nicht. Da&szlig; Kinder geboren
+werden, sagt Luther, sei ein gr&ouml;&szlig;eres Wunder, als da&szlig;
+Adam aus einem Erdenklo&szlig; erschaffen sei.</p>
+
+<p>Bevor ich auf das Pers&ouml;nlichwerden Gottes eingehe,
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span>m&ouml;chte ich dir meinen Begriff der Person auseinandersetzen.
+Dabei kommt mir das ausgezeichnete Werk von Usener, das
+ich schon anf&uuml;hrte, sehr zustatten; es best&auml;tigt meine Auffassung
+durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser w&uuml;nschen
+konnte. Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksg&ouml;ttern
+kindlicher V&ouml;lker, die dadurch entstehen, da&szlig;
+der Mensch die einzelnen Eindr&uuml;cke, die das im Sichtbaren
+wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als D&auml;mon erfa&szlig;t
+und benennt. Solange durch diese Namen die Idee
+noch durchscheint, bleiben sie unpers&ouml;nliche Idee. Denke dir
+zum Beispiel, es g&auml;be Augenblicksg&ouml;tter, die Arbeitsamkeit
+oder &Uuml;berflu&szlig; hie&szlig;en: es ist einleuchtend, da&szlig; sie uns niemals
+pers&ouml;nliche G&ouml;tter werden k&ouml;nnten. Erst wenn im Laufe der
+Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es durchgemacht
+hat, unkenntlich geworden ist, so da&szlig; seine Bedeutung
+nicht mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den
+ein einzelnes Ding f&uuml;r sich hat: dies Ding ist dann eine
+Person. Wenn du dich f&uuml;r Beispiele aus der Mythologie
+interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten Usener.
+&Uuml;brigens erinnere ich dich an die unwillk&uuml;rliche Abneigung,
+die man gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten,
+und an die Vorliebe f&uuml;r Namen fremder Sprache, bei denen
+die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen Benvenuto,
+Desiderata, Reine haben Reiz f&uuml;r uns: Willkommen,
+Erw&uuml;nschte, K&ouml;nigin w&auml;ren unm&ouml;glich. Auch bei Geschlechtsnamen
+ziehen wir die bedeutungslosen den durchsichtigen
+wie Hinkefu&szlig;, Butterfa&szlig;, Rosenzweig usw. vor, wenn auch
+sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang
+f&uuml;r sich bekommen, der die Bedeutung &uuml;bert&ouml;nt. Der Name
+macht zur Person, vielmehr indem ein Ding einen Namen
+f&uuml;r sich bekommt, ist es auch ein Ding f&uuml;r sich, eine Person.
+Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art Namen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span>denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns pers&ouml;nlich
+aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz
+tritt, wenn der Eigenname oder die Person geworden
+ist, hinter dem Namen und der Person zur&uuml;ck; man kann
+auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee.
+Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns
+zuerst Blumen oder Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes,
+so stehen bestimmte pers&ouml;nliche Gestalten vor uns, die
+Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben, deren
+Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.</p>
+
+<p>Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste
+entsprechen genau ebensolche Vorg&auml;nge in der Wirklichkeit:
+<span class="antiqua">nobis res sociae verbis et verba rebus</span>, d.&nbsp;h. die Dinge sind
+den Worten gesellt und die Worte den Dingen. Denke
+bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die
+Substanz, nenne sie nun &Auml;ther oder Urweltsnebel, verdichtet
+sich an einigen Punkten, es bilden sich Kerne, Mittelpunkte,
+um die herum die Substanz sich drehend schwingt,
+es entstehen runde K&ouml;rper, um die herum durch Erstarrung
+der Substanz eine Kruste sich bildet; sie geh&ouml;ren nun nicht
+mehr der allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen,
+Dinge f&uuml;r sich, Sterne mit Namen. Auch den Proze&szlig; der
+Bildung der pers&ouml;nlichen G&ouml;tter nennt Usener einen Erstarrungsproze&szlig;.
+Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste
+oder in der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung
+lebendiger Substanz. Die von der All-Substanz abgesonderte
+Substanz aber mu&szlig; allm&auml;hlich versiegen, woraus
+folgt, da&szlig; jede Person vergehen, sterben mu&szlig;. Die Absonderung,
+also die S&uuml;nde, die der Person das Leben gibt,
+verurteilt sie zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in
+sich, wie man pers&ouml;nliches Leben in sich hat. Wie ersch&uuml;tternd
+<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span>klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der Name der
+Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verk&uuml;ndet,
+da&szlig; es Person werden und als solche sterben mu&szlig;.</p>
+
+<p>Es ist nun selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; im Laufe der Entwickelung
+einer Idee ein Augenblick kommen mu&szlig;, wo der Kern,
+die verdichtete Kraft, das selbstbewu&szlig;te Ich des Menschen, gerade
+so viel lebendige Substanz gebunden hat, da&szlig; Selbst und
+Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist offenbar
+der H&ouml;hepunkt der Person; im selben Augenblick, wo
+er erreicht ist, beginnt der Kern sich aufzul&ouml;sen, er kann
+die Substanz nicht mehr binden, sie wird frei, und der R&uuml;ckfall
+der Person an das All f&auml;ngt an. Nimmst du die Menschheit
+als Person, so ist Christus der H&ouml;hepunkt der Menschheit;
+k&ouml;nntest du die Welt als Person nehmen, was du aber
+nicht kannst, da sie unendlich ist, das hei&szlig;t nie erstarren und
+sterben kann, so w&auml;re die Menschheit ihr H&ouml;hepunkt. Vielleicht
+darf man sagen, da die Welt unendlich ist, ist auch ihr
+H&ouml;hepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus dann wieder
+folgte, da&szlig; auch Christus unendlich w&auml;re, was er ja auch
+ist. Der Mythus dr&uuml;ckte den Vorgang der Pers&ouml;nlichkeitsbildung
+so aus, da&szlig; er erz&auml;hlt, Gott habe Adam seinen Odem
+eingeblasen; es ist das Teil g&ouml;ttliche Kraft, das der Mensch
+f&uuml;r sich bekommt, um damit auf seine Art g&ouml;ttlich zu werden.
+Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder
+soll, mit dem Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen
+Entwurf mit seinem Gepr&auml;ge, seine Welt, vorlegen. Dabei
+aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat die Neigung,
+Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das
+Ich will sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine
+Aufgabe. Die Heilige Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch,
+und sie ist es ja auch, insofern sie eine Absonderung
+und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon &ouml;fters gesagt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span>ist diese S&uuml;nde zugleich die Ursache des Lebens und
+von Gott gewollt, also in gewissem Sinne g&ouml;ttlich. Man
+kann diesen Widerstreit gut verfolgen, wenn man die Christusbilder
+in der Malerei betrachtet. Heutzutage gibt es Maler,
+die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus ausgeben.
+Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen
+da immer ein Ringen der g&ouml;ttlichen und pers&ouml;nlichen Idee,
+und in einzelnen F&auml;llen ist eine Verschmelzung gelungen,
+die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein Ich von
+m&ouml;glichst starker Eigenart, d.&nbsp;h. das sich von m&ouml;glichst vielen
+Menschen unterscheidet, so viel g&ouml;ttliche Substanz bindet,
+umfa&szlig;t, da&szlig; m&ouml;glichst viele Menschen sich darin wiedererkennen,
+so nennen wir eine solche Person ein Genie. Ein
+Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich viel will und
+unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches
+Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches K&ouml;nnen. &bdquo;Ein
+guter Maler&ldquo;, sagt D&uuml;rer, &bdquo;ist inwendig voller Figur,
+und obs m&ouml;glich w&auml;re, da&szlig; er ewiglich lebte, so h&auml;tte er aus
+den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk auszugie&szlig;en.&ldquo;
+Sein Ich bindet Ideen, pr&auml;gt sie und macht sie
+dadurch zu seinem Werk.</p>
+
+<p>Eine Person entsteht also dadurch, da&szlig; g&ouml;ttliche Kraft
+und Substanz durch eine selbstbewu&szlig;te Einzelkraft gebunden
+und ihr zu eigen gemacht wird. Auch in den Tieren ist g&ouml;ttliche
+Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an sich
+binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch
+das Tier hindurch.</p>
+
+<p>Man kann sich vorstellen, ein Vater g&auml;be jedem seiner
+Kinder eine Handvoll Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige
+von den Kindern w&uuml;nschten ihr Teil von dem der andern
+zu unterscheiden und dr&uuml;ckten ihm deshalb ein Zeichen auf,
+woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepr&auml;ge erst
+<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span>w&auml;re das Geschenk ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit
+ihnen zu einer Einheit verschmolzen. Wendest du das auf
+das menschliche Selbst und die g&ouml;ttliche Kraft an, die der
+Mensch in seinem Innern hat, so mu&szlig;te vorhergehen, da&szlig; er die
+Kraft im Gegensatz zu seinem Selbst f&uuml;hlte. Das Ich und
+die Kraft m&uuml;ssen zuvor sich voneinander entfernt haben und
+einander als zwei gegen&uuml;berstehen, wenn das Ich die Kraft
+soll pr&auml;gen und binden k&ouml;nnen. Dieser Vorgang der inneren
+Trennung und Wiedergewinnung war in Christus
+vollendet.</p>
+
+<p>Insofern sagt Luther, da&szlig; kein Heide so b&ouml;se sein kann
+wie ein Christ, &bdquo;denn es hat die Meinung mit uns, da&szlig;
+uns der Teufel viel feinder ist und h&auml;rter zusetzt denn sonst
+Unchristen und Heiden. Darum l&auml;&szlig;t er sich nicht daran gen&uuml;gen,
+da&szlig; wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch,
+untreu, sondern er will uns viel kr&auml;ftiger machen denn die
+Heiden. Gottes Wort mag wohl wehren und davor beh&uuml;ten,
+aber wenn ein Christ anhebt zu geizen, so wird er
+zehnmal geiziger und &auml;rger denn ein T&uuml;rke oder Heide.
+Wo kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert:
+wenn er aus einem Christen zehn Teufel machen
+k&ouml;nnte, so t&auml;t ers.&ldquo;</p>
+
+<p>An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das
+sein eigener Gott sein will, ist der Christ zu erkennen.
+Erst der Christ ist wirklich ein Herr, einer f&uuml;r sich; wenn
+er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt, beugt, kann er
+selbst zum Herrn der Welt werden.</p>
+
+<p>&bdquo;Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die
+Morgenr&ouml;te anbrach,</p>
+
+<p>Und da er sahe, da&szlig; er ihn nicht &uuml;bermochte, r&uuml;hrete er
+das Gelenk seiner H&uuml;fte an, und das Gelenk seiner H&uuml;fte
+ward &uuml;ber dem Ringen mit ihm verrenkt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span></p><p>Und er sprach: La&szlig; mich gehen, denn die Morgenr&ouml;te
+bricht an.</p>
+
+<p>Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich
+denn.</p>
+
+<p>Er sprach: Wie hei&szlig;est du? Er antwortete: Jakob.</p>
+
+<p>Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob hei&szlig;en, sondern
+Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gek&auml;mpft
+und bist obgelegen.&ldquo;</p>
+
+<p>Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses,
+nicht selbst denkendes und selbst wollendes Gesch&ouml;pf vorzustellen.
+Es ist nat&uuml;rlich keine S&uuml;nde, ein schwaches Selbst
+zu haben, das von Gott verschlungen wird; ein eigenwilliges
+aber ohnm&auml;chtiges Selbst, das sich Gott vergeblich widersetzt,
+ist j&auml;mmerlich; nur bei einem starken Selbst ist die
+M&ouml;glichkeit, Gott ebenb&uuml;rtig, wenn auch nie Gott selbst zu
+sein. &bdquo;Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein,
+als sei kein Mensch sonst auf Erden denn er allein, und
+da&szlig; aller Trost und Zusagung Gottes hin und wieder in
+der Heiligen Schrift ihn allein angehe.&ldquo;</p>
+
+<p>Stell dir nun bitte vor, das Gepr&auml;ge, welches das Kind
+seinem Wachs aufdr&uuml;ckte, enthalte eine &auml;tzende S&auml;ure, die
+allm&auml;hlich das Wachs aufzehre. Es mu&szlig; dahin kommen,
+da&szlig; das Gepr&auml;ge, also die Pers&ouml;nlichkeit, die Substanz &uuml;berwiegt;
+w&auml;hrend sie anfangs eine Auszeichnung war, wird
+sie zur Maske, die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen
+kann sie das nur eine Zeitlang: der Augenblick mu&szlig;
+kommen, wo das Wachs vollst&auml;ndig verzehrt ist und damit
+auch das Gepr&auml;ge, dessen Tr&auml;ger es war, sich aufl&ouml;st: der
+Mensch stirbt. Es ist das &auml;tzende Gepr&auml;ge, das die Kraft zerst&ouml;rte;
+das Selbstsein bedingt den Tod, ja, je mehr Pers&ouml;nlichkeit,
+desto mehr Tod hat der Mensch in sich. Luther
+hebt einmal hervor, da&szlig; ein Kind von sieben Jahren noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span>ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Pers&ouml;nlichkeit
+entsteht und w&auml;chst das Bewu&szlig;tsein und der Ha&szlig; des Todes.</p>
+
+<p>Jeder Mensch hat in seinem Leben einen H&ouml;hepunkt oder
+eine Bl&uuml;tezeit, jede Familie hat die ihrige, jedes Volk die
+seinige; man kann ebensogut sagen, da&szlig; jeder Mensch seine
+geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk seine genialen
+Menschen hat. Es versteht sich von selbst, da&szlig;
+jede Spitze immer nur in bezug auf andere hoch ist, und
+da&szlig; der H&ouml;hepunkt eines Menschen oder einer Familie an
+sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann. Je mehr er sich
+dem g&ouml;ttlichen Richtepunkte n&auml;hert, desto mehr ist man berechtigt,
+von Genialit&auml;t zu sprechen. La&szlig; uns bitte irgendein
+Genie, sagen wir Beethoven, im Verh&auml;ltnis zu seiner
+Familie untersuchen.</p>
+
+<p>F&uuml;r uns ist es kein Zweifel, da&szlig; Beethoven die Spitze,
+der H&ouml;hepunkt seiner Familie war; er war nicht das Ergebnis
+seiner Familie, sondern sie war da, damit er sich in
+ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem
+Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das
+Urbild in Zeit und Raum. Nehmen wir an, da&szlig; die Idee
+Beethoven in einem winzigsten Keim gefangen, in das
+irdische Leben gesenkt wurde. W&auml;re uns die Geschichte der
+Familie genau bekannt, so w&uuml;rden wir die Idee Beethoven
+schon in ihren Anf&auml;ngen auftauchen sehen; die gro&szlig;e Gestalt,
+die wir kennen und verehren, w&uuml;rde uns n&auml;her und
+n&auml;her r&uuml;cken, so wie der Wanderer, der durch einen Nebel
+auf uns zukommt, immer gr&ouml;&szlig;er und kenntlicher wird. Wie
+nun das Bild sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in
+die Gegenwart schreitet, rollt es das auf, was vor ihm war,
+was es hervorgebracht zu haben scheint, und nimmt es mit
+sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, da&szlig; jede
+h&ouml;here Entwickelungsstufe die fr&uuml;here, einfachere mitnimmt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span>so da&szlig; durch die h&ouml;chste alle fr&uuml;heren gebunden sind und
+zu ihr geh&ouml;ren; das vollendete Urbild verdichtet alle Stufen,
+durch die es hindurchgegangen ist, in seiner Person. Die
+Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie
+vor der Welt und vor Gott; es mag interessant f&uuml;r uns
+sein, die Geschichte seiner Vorfahren kennen zu lernen und
+zu sehen, wie sie ihm desto &auml;hnlicher werden, je n&auml;her sie
+ihm zeitlich sind; aber wir k&ouml;nnen sicher sein, da&szlig; wir nichts
+in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden
+w&auml;re. Verdankt er das Pers&ouml;nliche, das, was ihn von
+der &uuml;brigen Menschheit unterscheidet, seinen m&auml;nnlichen Vorfahren,
+so hat er das G&ouml;ttliche, das, was ihn mit der Menschheit
+verbindet, von seiner Mutter; wir k&ouml;nnen auch sagen, er
+hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott
+oder die Idee sich mitteilt. Seine g&ouml;ttlichen Ideen stehen
+mit seinem leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten
+Kampfe; aber wenigstens vor&uuml;bergehend kann es sie binden,
+da&szlig; sie mit ihm eins werden. Das Genie ist androgyn,
+m&auml;nnlich und weiblich zugleich, wenn auch im allgemeinen
+als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die
+bindende Kraft des Selbstbewu&szlig;tseins eigen ist.</p>
+
+<p>Im H&ouml;hepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind
+nicht nur die vergangenen, sondern auch die zuk&uuml;nftigen
+Stufen seines Lebens gegenw&auml;rtig geworden, das hei&szlig;t: nach
+dem H&ouml;hepunkte kann nichts H&ouml;heres und nichts Neues mehr
+kommen, sonst w&auml;re es nicht der H&ouml;hepunkt gewesen. Nach
+dem H&ouml;hepunkt mu&szlig; die Abw&auml;rtsbewegung, nach der st&auml;rksten
+Bindung und Verdichtung mu&szlig; die Aufl&ouml;sung kommen.
+Es ist bekannt, da&szlig; der geniale Mensch sich k&ouml;rperlich nicht
+fortpflanzt, oder da&szlig; seine Nachkommen nicht fortpflanzungsf&auml;hig
+sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft
+sich in ihm ersch&ouml;pft hat, weil ihr pers&ouml;nlicher Mittelpunkt
+<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span>die g&ouml;ttliche Substanz nicht mehr binden kann. Es w&auml;re
+auch widersinnig, wenn sie noch fortlebte, nachdem sie durch
+ihn endg&uuml;ltig vertreten ist, nachdem ihr letztes Wort gesagt
+ist. Etwaige T&ouml;chter k&ouml;nnen in anderen Familien aufgehen,
+bringen aber nicht mehr die lebendige Pers&ouml;nlichkeit
+ihrer Vorfahren, sondern h&ouml;chstens ihre Maske mit. Alles,
+was nach dem Genie der Familie kommt, gleicht von innen
+erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher Kruste oder den
+&bdquo;Erlenm&auml;dchen hinten hohl&ldquo; des Andersenschen M&auml;rchens.
+Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz
+entweicht und an die Stelle der kraftvollen Pers&ouml;nlichkeit
+die Maske tritt, nennt man Dekadenz.</p>
+
+<p>So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so
+entwickelte Christus sich in der Menschheit. Christus ist das
+Genie, die Spitze der Menschheit; Luther nennt ihn deutlich
+das Haupt, zu welchem die Menschheit hinzugeh&ouml;rt als der
+K&ouml;rper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der Bibel:
+des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen
+als ihr Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie
+Beethoven sich durch seine pers&ouml;nlich-g&ouml;ttliche Seite von seinen
+Vorfahren unterscheidet, unterscheidet sich Christus von der
+gesamten Menschheit dadurch, da&szlig; er Mensch und Gott ist:
+sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst bindet
+das All, die Idee der Ideen. In dem gr&ouml;&szlig;ten menschlichen
+Genie ist doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten,
+das gr&ouml;&szlig;te menschliche Genie ist doch nur auf Augenblicke und
+teilweise mit Gott eins; Christus vertrat die ganze Menschheit
+und war ganz und gar mit Gott eins. Christus umfa&szlig;t
+zugleich alles menschliche Wollen und alles g&ouml;ttliche Verm&ouml;gen;
+wer eine Formulierung w&uuml;nscht, kann sagen: Christus
+ist die ganze durch einen Mittelpunkt gebundene menschliche
+und g&ouml;ttliche Kraft.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span></p><p>Mir scheint es wichtig, zu betonen, da&szlig; die Menschheit
+nicht deshalb Gott ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat;
+in diesen Irrtum verfallen n&auml;mlich die Menschen gern.
+Christus verh&auml;lt sich so zur Menschheit, wie der Mensch zur
+Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit
+hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin,
+im Menschen sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber
+er ist doch kein Tier, sondern durch sein Menschsein wesentlich
+von der Tierheit unterschieden, wie Christus durch seine
+&Uuml;bermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der Menschheit.
+Den Menschen kann man ein &Uuml;bertier, das Tier eine &Uuml;berpflanze
+nennen; aber ich erw&auml;hne das nur nebenbei, es ist
+&uuml;berfl&uuml;ssig, es weiter zu verfolgen. Mir kommt es darauf
+an, zu zeigen, da&szlig; die Heilige Schrift und Luther Christus
+als die Spitze, den H&ouml;hepunkt, das Genie der Menschheit
+auffassen, den &Uuml;bermenschen oder den Gottmenschen.</p>
+
+<p>Findest du nicht, da&szlig; sich auf diesem Punkte ein unendlicher
+Ausblick &ouml;ffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem
+der &Uuml;bermensch schon da war, &Uuml;bermensch au&szlig;er ihm sein
+wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen m&uuml;ssen, das
+hei&szlig;t eigentlich schon wahnsinnig sind?</p>
+
+<p>Vielleicht sagst du, es &ouml;ffne sich auf diesem Punkte kein
+unendlicher Ausblick, vielmehr schlie&szlig;e sich alles zu, und es
+g&auml;be nur noch R&uuml;ckblick.</p>
+
+<p>In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zun&auml;chst betrifft das
+das j&uuml;dische Volk, in welchem Christus sich entwickelt hat.
+Die Juden sind das Volk der Dekadenz <span class="greek" title="kat exoch&ecirc;n" lang="el">&#954;&#945;&#964; &#8050;&#958;&#959;&#967;&#951;&#957;</span>, und
+sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit denen sie sich
+verbinden. Bedenke aber bitte, da&szlig; unter Dekadenz durchaus
+nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges
+zu verstehen ist; nur m&uuml;ssen die Dekadenten nicht etwas f&uuml;r
+sich, etwas neben dem Genie oder gegen das Genie sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span>wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel
+m&uuml;ssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung
+zu leben, in andern V&ouml;lkern aufzugehen.</p>
+
+<p>Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, da&szlig;
+Menschen und V&ouml;lker so gern aus einer gro&szlig;en Vergangenheit
+auf eine gro&szlig;e Zukunft schlie&szlig;en. Es ist sogar verd&auml;chtig,
+wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit
+zu reden. &bdquo;Denn das sollt ihr wissen&ldquo;, sagt Luther, &bdquo;Gottes
+Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht
+wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den
+Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts.
+Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben
+sie den T&uuml;rken. Rom und lateinisch Land haben ihn auch
+gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr
+Deutschen d&uuml;rft nicht denken, da&szlig; ihr ihn ewig haben
+werdet.&ldquo;</p>
+
+<p>Man bemerkt das Altern der V&ouml;lker, wie der Einzelnen,
+an einem Abnehmen der Produktivit&auml;t und an der Zunahme
+der Kultur. Kultur kann man den Zustand nennen, wo
+die innere Kraft als sch&ouml;ne Maske nach au&szlig;en tritt. Es
+m&ouml;ge jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit
+stolz sein, jedes barbarische auf seine Kraft und
+seine Zukunft.</p>
+
+<p>In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus
+dekadent, das hei&szlig;t zeitlich nach dem H&ouml;hepunkt kommend.
+Aus der Auffassung Christi als der Spitze der Menschheit
+erkl&auml;rt sich, da&szlig; Luther den J&uuml;ngsten Tag oder das Ende der
+Welt f&uuml;r bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen
+seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene
+Geschichte ganz wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen
+mu&szlig; man sich doch Christus nicht als Endpunkt einer
+Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es gibt dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span>allerdings ein fortw&auml;hrendes Von-ihm-Zur&uuml;cksinken, aber
+gleichzeitig ein fortw&auml;hrendes Zu-ihm-Hinstreben.</p>
+
+<p>Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen
+und nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch,
+da&szlig; Christus sich noch in ihr entwickelte, die g&ouml;ttliche Kraft;
+wir haben sie verloren, wenn wir sie aber durch den Glauben
+zur&uuml;ckgewinnen, k&ouml;nnen wir sie pr&auml;gen.</p>
+
+<p>Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer,
+da es f&uuml;r sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir
+f&uuml;hlen uns als B&uuml;rger der sichtbaren und der unsichtbaren
+Welt; gelingt es uns aber, diese beiden Welten zusammenzufassen,
+so ist unsere Welt reicher und unser Selbst st&auml;rker
+und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch
+auf ihr Ziel zu, im K&ouml;nnen unbegrenzt, da Gott in ihr
+wirkte; wir haben ein grenzenloses Wollen und sind dadurch
+entkr&auml;ftet und ziellos, wenn wir nicht durch den Glauben das
+Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann auch
+sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft
+der Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und
+die Bindekraft des Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn
+der nachchristliche Mensch antik sein will; nur der Christ
+kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken Menschen
+gleichkommen. Man hat viel vom Einflu&szlig; Italiens und
+der Antike auf Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben &uuml;berwiegend
+hemmend auf ihn gewirkt, weil er sich nicht sicher
+genug in seiner christlichen Kraft f&uuml;hlte. Luthers und
+D&uuml;rers Verh&auml;ltnis zur Antike und zu Italien war viel organischer
+und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz
+sich ihrer Eigenart desto mehr bewu&szlig;t wurden; ihr
+eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung, sondern eine Erweiterung.
+Nur die Kraft der Pers&ouml;nlichkeit im Verein
+mit der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erf&uuml;lltsein
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span>vom Gotte ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein
+leidenschaftliches Herz, ein &bdquo;im s&uuml;&szlig;en Wahnsinn rollendes
+Auge&ldquo; verh&uuml;llen, so erhalten wir nicht den Eindruck strenger
+Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.</p>
+
+<p>Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus
+hatte, durch die Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter
+uns zur&uuml;ck: das Auseinandertreten der beiden Pole, des
+Menschlichen und G&ouml;ttlichen, des Selbstbewu&szlig;tseins und des
+Gottbewu&szlig;tseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht
+erst die &Uuml;berwindung der Spannung durch das Genie m&ouml;glich.
+Das pers&ouml;nliche Genie gibt es erst seit Christus, dem
+Genie der Menschheit, und es wird immer ihm dem Wesen
+nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.</p>
+
+<p>Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverst&auml;ndlich,
+da&szlig; zu Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde,
+n&auml;mlich in den r&ouml;mischen Kaisern. Wohlverstanden kann
+Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts
+Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen
+Menschen sich verk&ouml;rpern. In der Vielheit jedoch mu&szlig;te er
+zu der Zeit am m&auml;chtigsten sein, wo Gott Fleisch wurde; denn
+am gr&ouml;&szlig;ten Gegensatz entz&uuml;ndet sich das reichste Leben. Diese
+Bl&uuml;tezeit der Menschheit wiederholte sich, als in Italien das
+Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf
+beiden Seiten waren gewaltige, satanische und g&ouml;ttliche Pers&ouml;nlichkeiten.
+Renaissance und Reformation stehen in einem
+unzertrennlichen Zusammenhange; aber er besteht nicht etwa
+darin, da&szlig; Luther und Deutschland &uuml;berhaupt durch die Unsittlichkeit
+des r&ouml;mischen Lebens zur Einsicht in die Notwendigkeit
+einer Reform gebracht w&auml;ren. Es ist ein unterirdischer
+Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens
+gab es einen solchen, und es w&auml;re meiner Ansicht nach ein
+schlechtes Zeichen f&uuml;r beide V&ouml;lker, wenn dies Band zerrisse.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span></p>
+
+<h2><a name="brief8" id="brief8"></a><a href="#inhalt">VIII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>u bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten
+Briefes nicht eingegangen, sondern w&uuml;nschest ihn zun&auml;chst
+vervollst&auml;ndigt. Du sagst, damit Christus ganz fest auf der
+Erde stehe, m&uuml;sse seine physiologische Seite erst er&ouml;rtert
+werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph nach
+Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.</p>
+
+<p>Das Kind entwickelt sich aus dem im Scho&szlig;e der Mutter
+gehegten Ei, gen&auml;hrt von ihrem Fleisch und Blut. Der
+Anteil des Vaters besteht nur darin, da&szlig; er den Entwickelungsproze&szlig;
+einleitet; die Natur, in welcher Gott, die
+positive Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen.
+Die ganze Natur weist darauf hin, da&szlig; das Kind
+der Mutter geh&ouml;rt, und Gebrauch und Gesetz haben grausame
+Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters
+am Kinde entsteht erst durch Vertrag; viele V&auml;ter verzichten
+auf ihr Recht, um die damit zusammenh&auml;ngende Pflicht
+loszuwerden, und sie werden von der Welt deswegen weder
+bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind
+verl&auml;&szlig;t, wird allgemein verurteilt; man f&uuml;hlt, da&szlig; sie gegen
+Gott, gegen das Naturgesetz s&uuml;ndigt. Deshalb ist die
+Mutter mit dem Kinde ein ewiger Gegenstand der Kunst,
+nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter mit
+dem Sohne, weil der Sohn sie erg&auml;nzt, ganz macht, ihr
+Gottesbewu&szlig;tsein mit seinem Selbstbewu&szlig;tsein vor der Welt
+vertritt.</p>
+
+<p>Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, da&szlig; ich
+das Beste vergessen habe: der Mann h&auml;lt sozusagen dem
+Weibe seine Pers&ouml;nlichkeit vor, damit sie sie dem Kinde
+einpr&auml;ge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein Selbst,
+also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der g&ouml;ttlichen
+Kraft; die Mutter gibt ihm die g&ouml;ttliche Kraft, den g&ouml;ttlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span>Geist selbst, welchen sie durch den Glauben zu empfangen
+imstande ist. &bdquo;Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.&ldquo;
+Der Vater gibt das F&uuml;rsichsein, die Pers&ouml;nlichkeit, die Mutter
+das Allsein.</p>
+
+<p>Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt,
+ist Gott der Vater aller Menschen. &bdquo;Denn wer da bekennt&ldquo;,
+hei&szlig;t es bei Luther, &bdquo;da&szlig; eine Mutter ein Kind gebiert,
+das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten, da&szlig; die
+Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte
+Mutter ist, ob sie gleich der Seele Mutter nicht w&auml;re;
+sonst w&uuml;rde daraus folgen, da&szlig; keine Frau eines Kindes
+Mutter w&auml;re.&ldquo; Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht zwei
+S&ouml;hne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die
+Seele von Gott allein. Kann man deutlicher sagen, da&szlig;
+nach Luthers Ansicht jede Mutter den Heiligen Geist empf&auml;ngt,
+und da&szlig; jeder Mensch g&ouml;ttlich und menschlich ist wie Christus,
+wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst? &bdquo;La&szlig;t uns Redefiguren
+mit den Manich&auml;ern erdichten&ldquo;, sagt Luther an
+anderer Stelle ironisch, &bdquo;auf da&szlig; Christus nicht wahrer
+Mensch sei, sondern eine Scheingestalt, die durch die Jungfrau,
+wie der Sonnenstrahl durch das Glas, hindurchgegangen
+und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften
+fein behandeln!&ldquo; Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther
+m&ouml;chte ich dir anf&uuml;hren: &bdquo;Da Maria, die Jungfrau, Christus
+empfing und gebar, da war Christus ein leiblicher Mensch
+und nicht allein ein geistliches Wesen. Dennoch empfing
+und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das
+Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des
+Engels Wort empfing und gebar sie im Herzen Christus
+geistlich zugleich.&ldquo;</p>
+
+<p>Was die Jungfr&auml;ulichkeit der Maria bedeutet, wird klar
+durch die Bedeutung des S&uuml;ndenfalls der Eva. Eva wurde
+<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span>Gott untreu, indem sie den selbstischen Mann liebte und ihm
+gehorchte. Sie h&ouml;rte nicht mehr vornehmlich die Stimme
+Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz
+von Gott erf&uuml;llt. Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott
+ihn ihr gegeben und es ihr befohlen hat, sie liebt ihn in Gott
+oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den Malern als
+&auml;lterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten ger&uuml;ckt;
+das bedeutet, da&szlig; wir die Pers&ouml;nlichkeit des Herrn, die er
+vom leiblichen Vater empfing, als solche nicht kennen lernen
+sollen, sondern nur die zur Gottheit erweiterte Pers&ouml;nlichkeit.
+Wir erfahren, da&szlig; Christus vom Teufel versucht wurde und
+ihn &uuml;berwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf dieser
+K&auml;mpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, da&szlig; Joseph von
+ihr nicht fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern da&szlig; sie
+ihm als Werkzeug Gottes heilig ist. Eva gibt dem Manne
+nur vor&uuml;bergehend Befriedigung; denn gerade weil sie sich
+bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann
+sie ihm keine dauernde Kraftquelle sein.</p>
+
+<p>Es ist l&auml;ngst aufgefallen, da&szlig; der geniale Mann seine
+Begabung von der Mutter, nicht vom Vater ererbt, was
+vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden wird. Man hat
+sich in manchen F&auml;llen gewundert, da&szlig; bei der betreffenden
+Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen;
+aber gewi&szlig; hat man wenigstens das von ihnen gesagt,
+da&szlig; sie fromm waren, und darauf kommt es ja einzig
+an. Mit Fr&ouml;mmigkeit bezeichnet man den Glauben, die
+F&auml;higkeit also, des Engels Stimme zu h&ouml;ren; man kann
+auch ein anderes Wort w&auml;hlen, das manchem vielleicht mehr
+sagt, n&auml;mlich Phantasie. Glaube ist Phantasie, die F&auml;higkeit,
+sich das Unsichtbare einzubilden, daher Einbildungskraft.
+Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte;
+Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles &uuml;berfl&uuml;ssig
+<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span>durch die Phantasie. Manche Menschen verstehen
+unter Phantasie eine F&auml;higkeit, sich allerlei auszudenken;
+aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was unsichtbar,
+aber gerade darum allgegenw&auml;rtig ist, aufzunehmen.
+Weil sie Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das
+G&ouml;ttliche einzubilden, weil sie geistvoll ist, gibt sie ihm Geist;
+durch sie ist er aus Gott geboren und h&ouml;rt wie sie Gottes
+Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie
+des K&uuml;nstlers, so kann man von ihren Kindern auf die
+Phantasie der Mutter schlie&szlig;en. Auch Menschen kann man,
+wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus dem Vollen gesch&ouml;pft
+oder d&uuml;rftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht sinnlos,
+da&szlig; man schwangeren Frauen r&auml;t, sch&ouml;ne Bilder anzusehen
+und den Anblick des H&auml;&szlig;lichen zu vermeiden; allein die
+Frau, wie sie sein sollte, hat derartige Nachhilfe nicht n&ouml;tig,
+denn sie sieht Sch&ouml;nes, das ist G&ouml;ttliches, &uuml;berall, weil sie
+im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.</p>
+
+<p>Von den Eltern der Genies wird man nie h&ouml;ren, weder
+da&szlig; sie sich leidenschaftlich liebten, noch da&szlig; sie eine geradezu
+ungl&uuml;ckliche Ehe f&uuml;hrten, sondern sie lebten in einer Ehe,
+die ich Sakramentsehe nennen m&ouml;chte, insofern sie auf g&ouml;ttlichem
+Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne seine
+&Uuml;berlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, verm&ouml;ge
+welcher er sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen
+Angelegenheiten gehorcht sie ihm; der Mann verehrt das
+G&ouml;ttliche in ihr und l&auml;&szlig;t sie in allem, was Gott betrifft,
+schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Wohl dem, der seiner V&auml;ter gern gedenkt&ldquo;, sagt Goethe.
+Diejenigen S&ouml;hne, deren V&auml;ter so weltlich waren, da&szlig; sie das
+G&ouml;ttliche in der Frau &uuml;berhaupt nicht erkannten oder es unterdr&uuml;ckten,
+oder deren M&uuml;tter Gott an den Mann verrieten,
+sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span>gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil
+betrog. Am wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter,
+wenn sie einen anderen Mann als den Vater liebt. Die
+gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat, vorzugsweise
+ihnen lebt, ohne noch von M&auml;nnerliebe ber&uuml;hrt zu
+werden; so waren die Frauen und M&uuml;tter bei den Griechen,
+die f&uuml;r die Liebe eine besondere Klasse von Frauen hielten.
+Diese Einteilung, die der Genialit&auml;t eines Volkes so sehr
+zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade immer
+wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht;
+da sie aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen
+V&ouml;lkern &ndash; und das sind jetzt alle &ndash; Formen an, die ihr
+Gutes und Sch&ouml;nes aufheben und sie ins Widerw&auml;rtige
+verzerren. So wie diese Einrichtung bei den nachchristlichen
+V&ouml;lkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht Gott
+zugute. Das Schlimme ist, da&szlig; der heutige Mann keine
+Marienfrau mehr heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen,
+ihre strahlende Heiterkeit, ihre reine Sch&ouml;nheit reizen
+ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm ein Gef&uuml;hl von
+Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernh&auml;lt. So stehen denn gerade
+diese Frauen, ohne Organe f&uuml;r die Welt, verlassen in
+ihr; aber unter dem Schutze Gottes.</p>
+
+<p>Die verh&auml;ngnisvolle Verwechselung der Religion mit der
+Moral, an der wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat
+gemacht, da&szlig; man sich unter Maria, der Kindlichen, Phantasievollen,
+Strahlenden, und unter Christus, dem Genie
+der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther
+dachte sich Maria als ein feines, tapferes M&auml;dchen, die
+Holdselige voller Gnaden, Christus als den Helden, den
+Mann der Liebe und des Hasses, voll freundlichen Ernstes
+und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von
+Goethe:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span><span class="i0">Volk und Knecht und &Uuml;berwinder,<br /></span>
+<span class="i0">Sie gestehn zu jeder Zeit:<br /></span>
+<span class="i0">H&ouml;chstes Gl&uuml;ck der Erdenkinder<br /></span>
+<span class="i0">Sei nur die Pers&ouml;nlichkeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Es ist selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; wir uns den Gottmenschen nicht
+ohne dies h&ouml;chste Gl&uuml;ck des F&uuml;rsichseins vorstellen d&uuml;rfen.
+Daraus, da&szlig; er vom Teufel dreifach versucht wurde, geht
+allein schon deutlich hervor, da&szlig; er Selbstbewu&szlig;tsein hatte,
+und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie h&auml;tte es
+der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild
+Gottes erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll
+Selbstbewu&szlig;tsein, sondern auch ganz voll Gottbewu&szlig;tsein.
+Der h&ouml;chste Grad des Selbstgenusses ist in dem Augenblick
+erreicht, wo das Selbst in einem h&ouml;heren aufgeht; diesen
+Augenblick der h&ouml;chsten Qual und Seligkeit erlebte Christus,
+als er sagte: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine
+Selbstform ging damit in die g&ouml;ttliche Form &uuml;ber; es war
+nicht Entpers&ouml;nlichung, sondern Erweiterung der Einzelpers&ouml;nlichkeit
+zur Allpers&ouml;nlichkeit. Seine Pers&ouml;nlichkeit
+deckte sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich
+die Idee Gottes ist. Dieser Augenblick h&ouml;chster Seligkeit
+ist dem Teufel nicht zug&auml;nglich, weil er vom Anderssein
+als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein. Man
+kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht f&auml;hig ist, in einem
+H&ouml;heren aufzugehen, ist in der H&ouml;lle.</p>
+
+<p>Aus der Tatsache, da&szlig; Christus Mensch war, nat&uuml;rlicher
+Mensch wie wir alle, liegt zu folgern nahe, da&szlig; wir auch
+G&ouml;tter, wenigstens werdende G&ouml;tter, m&ouml;gliche G&ouml;tter oder
+Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch gezogen
+der Heiligen Schrift gem&auml;&szlig;, die klar sagt, da&szlig; Gott
+durch Christus, unseren Bruder, unser Vater geworden ist;
+diese ver&auml;nderte Stellung des Menschen zu Gott geh&ouml;rt zum
+<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span>wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments. Luther erinnert
+unter anderm an den 82.&nbsp;Psalm, in welchem es hei&szlig;t: Ihr
+seid G&ouml;tter und allesamt Kinder des Allerh&ouml;chsten, und da&szlig;
+Christus selbst im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt,
+da&szlig; diejenigen G&ouml;tter sind, zu denen das Wort Gottes
+geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine Meinungs&auml;u&szlig;erung
+Luthers &uuml;ber einen gewissen Hans Mohr, der
+Zwinglis Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache
+aus der Kreatur den Sch&ouml;pfer. In bezug darauf schreibt
+Luther: &bdquo;Und wenn man gleich spr&auml;che, Kreatur ist Sch&ouml;pfer
+worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so w&auml;re es
+dennoch nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und
+sagen alle, da&szlig; Gott Mensch und Mensch Gott sei in Christo,
+so da&szlig; Mensch Kreatur und Gott Sch&ouml;pfer ist. Darnach
+solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie sie l&auml;stern,
+und damit hinaus wollen, da&szlig; zuletzt auch falsch soll werden,
+da&szlig; Gott Mensch sei.&ldquo; Man sieht, in welches Gestr&uuml;pp von
+Mi&szlig;verst&auml;ndnissen Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er
+wolle bei der alten Theologie bleiben, wonach die beiden
+Naturen nicht vermischt werden d&uuml;rften. Er ahnte wohl selbst
+nicht, was er der Menschheit damit antat. H&auml;tte er sich klargemacht,
+da&szlig; Gott der Geist ist, so w&uuml;rde er wohl nichts
+daran auszusetzen gefunden haben, da&szlig; der Mensch Gott-Mensch,
+das hei&szlig;t Geist-Mensch werden kann. An Christus
+glauben hei&szlig;t, an das G&ouml;ttliche im Menschen glauben,
+glauben, da&szlig; der Mensch Geist hat.</p>
+
+<p>So wie ich dich kenne, denke ich mir, da&szlig; du noch nicht
+ganz befriedigt bist, sondern noch etwas &uuml;ber Christus' Leistungen
+h&ouml;ren willst, worauf du so viel zu geben pflegst, nat&uuml;rlich
+mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind auch Leistungen. Vielleicht
+findest du, da&szlig; man, wenn Christus das Genie der Menschheit
+ist, k&uuml;nstlerische Leistungen von ihm erwarten d&uuml;rfte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span></p><p>In der Tat &uuml;bte Christus eine Kunst aus, n&auml;mlich die
+Heilkunst; er war der Heiland der Welt, das hei&szlig;t, da heil
+ganz bedeutet, der Ganzmacher der von Gott abgesonderten
+Menschen. Luther nennt ihn deshalb den K&ouml;nig der S&uuml;nder,
+und die Bibel sagt h&auml;ufig, da&szlig; er zu den S&uuml;ndern gekommen
+sei. Und zwar machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe,
+die das Band der Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte
+im Bewu&szlig;tsein der Zusammengeh&ouml;rigkeit bindet.
+Viele haben die Vorstellung, als sei Christus ein humaner
+Wohlt&auml;ter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen
+gewesen; aber wo steht das? Er bekehrte S&uuml;nder, tr&ouml;stete
+Traurige, heilte Kranke durch Wort und Ber&uuml;hrung und
+erweckte Tote. Was das hei&szlig;t, Tote lebendig machen, wird
+klar, wenn man daran denkt, da&szlig; Gott die Welt durch sein
+Wort schuf, da&szlig; er den Dingen Namen gibt und das, was
+nicht ist, ruft, da&szlig; es sei. Die Dinge sind dadurch, da&szlig; sie
+dem Geiste bewu&szlig;t werden: Christus machte der Menschheit
+ihr F&uuml;hlen und Ahnen bewu&szlig;t durch sein Wort. Er lehrte
+die Wahrheit, Ideen str&ouml;mten unersch&ouml;pflich in Bildern von
+seinen Lippen, insofern war er der gr&ouml;&szlig;te Dichter der
+Menschheit. Es ist wahr, da&szlig; er seine Ideen nicht gestaltete;
+aber er brauchte das nicht, weil er selbst, wie es hei&szlig;t, voll
+g&ouml;ttlicher Gestalt war.</p>
+
+<p>Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel
+sie in ihre Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares
+und Sichtbares, Sein und Erscheinen. Er zerri&szlig; sie, aber
+er, der Heiland, Gott, der sich als Person offenbart, machte
+sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das selbstbewu&szlig;te,
+verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das
+Sichtbare und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die
+Person, kann sich nur bilden durch die Tat, wie umgekehrt
+eine Tat auch nur getan werden kann durch ein verantwortliches
+<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span>Ich. Das Ich und die Tat h&auml;ngen unzertrennlich
+zusammen, es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat
+ohne Person. Solange das Ich betrachtend zwischen dem
+Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es selbst vereinzelt
+und die Welt ihm St&uuml;ckwerk. Der Mensch, der sich
+blo&szlig; erkennend verh&auml;lt, kommt nie zur Einheit, weil es nur
+unendliche M&ouml;glichkeiten f&uuml;r ihn gibt; erst handelnd begrenzt
+er sich und wird dadurch ein einheitliches Selbst. Im Inneren
+des blo&szlig; erkennenden Menschen ist ein Abgrund, der ihn
+verschlingt, handelnd schlie&szlig;t er den Ri&szlig;, der durch sein
+Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ
+ist der Mensch, der nach vorausgegangener Spaltung wieder
+einheitlich geworden ist durch aus dem Herzen entspringendes
+und im Selbstbewu&szlig;tsein best&auml;tigtes, zugleich gemu&szlig;tes und
+gewolltes Handeln.</p>
+
+<p>Luther hat nachdr&uuml;cklich betont, wenn er zwischen Christi
+Leben und seinem Wort zu w&auml;hlen h&auml;tte, w&uuml;rde er ohne
+Z&ouml;gern sein Wort w&auml;hlen; denn Christus sei in seinem Wort.
+Das erkl&auml;rt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen m&ouml;chten
+w&auml;hnen, sie w&uuml;rden dadurch Christen, da&szlig; sie nach M&ouml;glichkeit
+die Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann
+eine Ver&auml;u&szlig;erlichung oder Moralisierung die Folge w&auml;re.
+Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie Christus gew&ouml;hnlich
+gelehrt und gepredigt werde. Man erz&auml;hle von
+ihm, um Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Ha&szlig;
+auf seine M&ouml;rder, andere stellten ihn als Beispiel auf und
+predigten die Nachfolge. Dagegen sagt Luther, es stehe geschrieben,
+da&szlig; man Christus anziehen solle, und Christus
+anziehen hei&szlig;e nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man
+ihm nachfolgen k&ouml;nne, m&uuml;sse man ihn angezogen haben.
+Einem Freunde erkl&auml;rte er einmal, er fasse den Glauben
+oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span>sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus
+habe nicht gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und
+das Leben, sondern er sei das alles, er wolle in uns sein,
+nicht au&szlig;er uns.</p>
+
+<p>Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen
+sein, und zwar Taten aus dem Herzen tun. Man kann
+beobachten, da&szlig; die Menschen im allgemeinen sich blindlings,
+mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel
+Napoleon&nbsp;I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es
+einem Edlen oder Weisen nicht tun w&uuml;rden. Sie sp&uuml;ren
+die starke Pers&ouml;nlichkeit, das selbstbewu&szlig;te Ich, den mystischen
+Punkt, in dem Gott Person werden kann. Das
+teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln,
+ja es ist Christus auf der Stufe der Versuchung
+durch den Teufel. Vielleicht unterliegt er; aber er kann
+siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus siegte. Sowie
+das Ich seinen Eigenwillen dem g&ouml;ttlichen Willen aufzuopfern
+beginnt, f&auml;ngt die Wiedergeburt, der Lebenslauf
+des Christen an.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Und solang du das nicht hast,<br /></span>
+<span class="i0">Dieses: Stirb und werde!<br /></span>
+<span class="i0">Bist du nur ein tr&uuml;ber Gast<br /></span>
+<span class="i0">Auf der dunklen Erde.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Da&szlig; aber dem Sterben das Werden folgen mu&szlig;, unterscheidet
+das Christentum von jeder das Leben verneinenden
+Weltanschauung. Wir sollen die Pers&ouml;nlichkeit nicht dadurch
+&uuml;berwinden, da&szlig; wir sie unterdr&uuml;cken, sondern da&szlig; wir sie
+erweitern und in unserem Ich m&ouml;glichst viele Menschen vertreten.
+Obwohl Christus unerreichbar &uuml;ber allen Menschen
+ist, findet sich doch jeder in ihm wieder.</p>
+
+<p>Was Christus vor seinem &ouml;ffentlichen Auftreten getan hat,
+danach sollen wir nicht fragen; denn er soll f&uuml;r uns weniger
+<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span>der historische Mensch sein als der Mensch, der Idealmensch,
+der Gottmensch. Die genialen Menschen haben das auch
+stets gef&uuml;hlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es
+tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung
+einige Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen
+Christus darzustellen, und diese m&ouml;gen bei der Entstehung
+des Christustypus ein wenig mitgewirkt haben;
+im allgemeinen aber haben alle gro&szlig;en Maler und Bildhauer
+in Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht,
+die Romanen mit &Uuml;berwiegen der g&ouml;ttlichen Form, die Germanen
+mit &Uuml;berwiegen der pers&ouml;nlichen. Sie idealisierten in
+Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer
+schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings
+einige Maler unreligi&ouml;s und unk&uuml;nstlerisch genug
+waren zu tun, so kann man darunter schreiben: Wenn er
+l&uuml;gt, so redet er aus seinem Eigenen. Die Verschmelzung
+der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.</p>
+
+<p>Mir scheint, da&szlig; die gro&szlig;en Maler recht hatten, die
+Christus sch&ouml;n darstellten, und da&szlig; es ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+ist, ihn h&auml;&szlig;lich zu denken. H&auml;&szlig;lich kommt von Ha&szlig; und bedeutet
+Ha&szlig; der g&ouml;ttlichen Form. Die Sklavenv&ouml;lker und
+Barbarenv&ouml;lker sind deshalb immer h&auml;&szlig;lich gemalt worden,
+weil sie Ha&szlig; gegen das Geformtwerden &uuml;berhaupt haben,
+und ebenso dr&uuml;ckt sich der Ha&szlig; der teuflischen Pers&ouml;nlichkeit
+gegen die g&ouml;ttliche Idee als H&auml;&szlig;lichkeit aus. Nun ist es ja
+wahr, da&szlig; jedes Genie Chaos, etwas Ungeformtes, in sich
+haben mu&szlig;; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie
+auch besonders, da&szlig; jedes menschliche Genie stark pers&ouml;nlich
+sein mu&szlig;. Darum sind die Frauen das sch&ouml;ne Geschlecht,
+weil sie unpers&ouml;nlicher, weniger teuflisch sind als der Mann.
+Luther hatte sicherlich recht, wenn er sich Paulus nicht als
+schlechtweg sch&ouml;n vorstellte: irgendwie mu&szlig; sich das ma&szlig;los
+<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span>Leidenschaftliche, das Gegens&auml;tzliche in seiner Natur &auml;u&szlig;erlich
+ausgepr&auml;gt haben, wie das auch bei Luther der Fall
+war; aber zwischen allen Menschen und dem einen Christus
+besteht doch der Unterschied, da&szlig; Christus das Pers&ouml;nliche
+hatte und doch zugleich nicht hatte, &uuml;berwunden hatte. Er
+mu&szlig; deshalb ebenso pers&ouml;nlich sch&ouml;n wie g&ouml;ttlich sch&ouml;n gedacht
+werden. Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu
+sein, der Christus auch unsch&ouml;n malen durfte; denn bei
+Rembrandts Christus sieht man nicht, da&szlig; er diesen oder
+jenen Umri&szlig;, diese oder jene Form hat, sondern nur, da&szlig;
+er leuchtet. Die Erscheinung str&ouml;mt in das Sein &uuml;ber.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief9" id="brief9"></a><a href="#inhalt">IX</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">I</span>ch erw&auml;hnte schon, Geliebter, da&szlig; Christus der Menschheit
+zum Ersatz f&uuml;r sein Scheiden einen Tr&ouml;ster versprochen
+habe. &bdquo;Wenn der Tr&ouml;ster kommt, welchen ich euch senden
+werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater
+ausgeht, der wird zeugen von mir.&ldquo; Es ist der Heilige Geist,
+der zu Pfingsten &uuml;ber die J&uuml;nger ausgegossen wurde, die
+Gabe, das Wort Gottes, die Wahrheit, da&szlig; Christus Gott
+ist, zu verk&uuml;nden.</p>
+
+<p>Ich setze voraus, da&szlig; du meine Annahme, die Bildung
+und Aufl&ouml;sung der Person gehe in Wirklichkeit so vor sich,
+wie wir an Hand der Sprache die Bildung und Aufl&ouml;sung
+der pers&ouml;nlichen G&ouml;tter im Geiste verfolgt haben, gelten
+l&auml;&szlig;t. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem
+Erscheinen Christi hat sie ihren H&ouml;hepunkt erreicht, in seiner
+Person war der gesamte Geist gebunden; denn du wei&szlig;t ja,
+da&szlig; Gottvater sich in Christus ganz und gar ergossen und
+nichts zur&uuml;ckbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich sieht,
+sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der
+H&ouml;hepunkt &uuml;berschritten, und der gesamte, durch die vor ihm
+<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span>dagewesene und in ihm vertretene Menschheit gebundene
+Geist wird frei. Dies ist die Ausgie&szlig;ung des Heiligen
+Geistes, wie du siehst, ganz w&ouml;rtlich zu verstehen. Die
+Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erf&uuml;llt war, hat
+nun den Geist oder wenigstens sie kann ihn haben, da er
+im Wort verdichtet von ihr losgel&ouml;st ist. Sie kann ihn
+haben durch den Glauben, der durch das Geh&ouml;r kommt.
+Ich bitte dich, zu beachten, da&szlig; Luther niemals vom &Uuml;bersinnlichen
+spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber
+h&ouml;rbar ist. Durch das Wort und das Geh&ouml;r gesellt sich der
+sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt des Geistes oder
+das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht
+betasten kann, nur h&ouml;ren, mu&szlig; ich ihm glauben, ihn haben
+durch die Religion, welches Wort von <span class="antiqua">ligare</span>, binden, kommt;
+da Gott nicht mehr unbewu&szlig;t in der Menschheit ist, mu&szlig; er
+durch Religion, Glauben, Phantasie an sie gebunden werden.
+Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das selbstbewu&szlig;te
+Ich.</p>
+
+<p>&bdquo;Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergie&szlig;t,
+ist das Wort&ldquo;, sagt Luther. Damit, da&szlig; der Mensch spricht,
+beginnt sein Selbstbewu&szlig;tsein und zugleich sein Gottbewu&szlig;tsein;
+es kann ja eins ohne das andere nicht sein, da das
+Ich nur am Nicht-Ich zum Bewu&szlig;tsein seiner selbst kommen
+kann. Das Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es
+hat wohl Selbstgef&uuml;hl und Menschengef&uuml;hl, aber nicht
+Selbstbewu&szlig;tsein und Gottbewu&szlig;tsein. In Christus war das
+Selbstbewu&szlig;tsein der Menschheit und zugleich das Gottbewu&szlig;tsein
+vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott
+erkannte und damit Selbst- und Gottbewu&szlig;tsein zusammenflo&szlig;.
+Mythisch sagten wir, da&szlig; Gott die Welt erschaffen
+habe, um sich seiner selbst bewu&szlig;t zu werden, um sich zu
+erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist,
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span>erkannte sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon
+&uuml;berw&auml;ltigt; und doch sieht man best&auml;ndig, wie stark der
+Trieb der Menschheit ist, Gott au&szlig;er sich zu suchen.</p>
+
+<p>Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn
+dann Kraft; dann als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe;
+dann als Wort, und wir nennen ihn Geist. Der Geist ist im
+Wort; ich f&uuml;hrte schon den Ausspruch an: <span class="antiqua">res sociae verbis
+et verba rebus</span>, was Luther ungleich bildkr&auml;ftiger ausdr&uuml;ckt:
+&bdquo;Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes
+steckt.&ldquo; Im Evangelium des Johannes hei&szlig;t es: Im Anfang
+war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott
+war das Wort. Anders ausgedr&uuml;ckt: Gott ist Geist, und
+Geist ist im Selbstbewu&szlig;tsein, und mit dem Selbstbewu&szlig;tsein
+erscheint die Sprache. Nat&uuml;rlich hatte es Wort schon vor
+der Ausgie&szlig;ung des Heiligen Geistes gegeben; aber es war
+dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere dich bitte,
+da&szlig; der pers&ouml;nliche Gott, indem er sich aufl&ouml;st, durchsichtig
+wird; die Idee schimmert durch den d&uuml;nn gewordenen Eigennamen.
+Das bedeuten die wundervollen Worte des Paulus:
+Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort,
+dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet
+verh&uuml;llte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit
+nackt.</p>
+
+<p>Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen
+und redend durch seinen Mund: durch den K&uuml;nstler und den
+Dichter. Du wei&szlig;t, da&szlig; D&uuml;rer gesagt hat: &bdquo;Denn der
+alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.&ldquo; Dagegen steht
+Luthers Ausspruch: &bdquo;Und kein kr&auml;ftigeres noch edleres Werk
+am Menschen ist, denn Reden.&ldquo; Der eine geht von der
+Erscheinung, vom &Auml;u&szlig;eren aus, dessen Sinn das Auge ist, der
+andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Geh&ouml;r ist.
+Ich bin aber &uuml;berzeugt, D&uuml;rer, der Luther so sehr verehrte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span>w&uuml;rde ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht
+gegeben haben; denn er war ja ein Genie, welches sich vom
+blo&szlig;en K&uuml;nstler dadurch unterscheidet, da&szlig; es nicht nur Gestalt,
+sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die st&auml;rkste
+Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das
+eigentliche Genie, das Genie <span class="greek" title="kat exoch&ecirc;n" lang="el">&#954;&#945;&#964; &#8050;&#958;&#959;&#967;&#951;&#957;</span>, weil er die vorangegangenen
+Stufen umfa&szlig;t. Der Geist denkt in Bildern,
+wie das der Traum zeigt; der Dichter ist dadurch Maler,
+und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf seine eindrucksvolle
+Bildersprache einen gro&szlig;en Maler. Nat&uuml;rlich
+spreche ich nicht vom blo&szlig;en Wortk&uuml;nstler, sondern vom
+Dichter, der Phantasie hat. Die Phantasie, die Einbildungskraft,
+ersetzt die Gestaltungskraft, die man auch plastische,
+gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im
+Geiste. Genie nennen wir denjenigen K&uuml;nstler, der auch
+Denker und Dichter ist, wie D&uuml;rer und alle gro&szlig;en K&uuml;nstler
+der Vergangenheit waren. Jetzt gibt es keine Genies mehr,
+ja, die K&uuml;nstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu sein;
+die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortk&uuml;nstler
+usw., und in erster Linie wollen alle Weltmenschen
+sein; was sie auch sind.</p>
+
+<p>Homer, der Dichter, war blind, so erz&auml;hlt die Sage. Das
+Auge des Dichters ist von dem des Malers ganz verschieden:
+das des Malers liegt tief, wie wenn das Organ, welches
+die Erscheinung aufnimmt, gesch&uuml;tzt sein sollte; das des
+Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat
+es einen ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung
+in sich hineinzieht; das des Dichters geht &uuml;ber
+die Erscheinung hinweg oder durch die Erscheinung hindurch
+in das unsichtbare Innere. Der K&uuml;nstler erfa&szlig;t die
+Welt vom &Auml;u&szlig;eren aus, der Dichter vom Innern aus, und
+insofern ist der letztere wirklich blind. Man hat von sch&ouml;nen
+<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span>Bildern Homers nie den Eindruck, da&szlig; er blind ist, sondern
+da&szlig; er nach innen schaut und dort die Welt sch&ouml;ner wiederfindet.
+Nun ist es ja selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; jeder gro&szlig;e
+Dichter und K&uuml;nstler beides, das &Auml;u&szlig;ere und Innere, haben
+mu&szlig;. Ich finde es sehr interessant, da&szlig; das hervortretende
+Auge zu den sogenannten Degenerationsmerkmalen geh&ouml;rt,
+das hei&szlig;t, es erscheint auf einer hohen Entwickelungsstufe,
+woraus nat&uuml;rlich nicht folgt, da&szlig; daraus immer auf reiches
+Geistesleben geschlossen werden k&ouml;nne. Ohnehin h&auml;tte ich
+eher bedenken sollen, da&szlig; ich nicht zu viel auf einmal sagen
+soll; aber ich sehe dich so gern den Finger heben: Gefahren
+machen das Leben reizend.</p>
+
+<p>La&szlig; mich bitte darauf zur&uuml;ckkommen, da&szlig; in Christus
+Gottbewu&szlig;tsein und Selbstbewu&szlig;tsein eins wurde, zugleich
+aber mit seinem Sterben wieder auseinanderfiel; es wieder
+zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit Christus steht
+sich Gottbewu&szlig;tsein und Selbstbewu&szlig;tsein getrennt gegen&uuml;ber;
+du hast wohl nichts dagegen, da&szlig; ich jenes als positiv,
+dies als negativ bezeichne. Da&szlig; das Selbst, die Person,
+die Verneinung oder Hemmung Gottes ist, dar&uuml;ber waren
+wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden
+Kraft ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der
+Tatkraft die Unt&auml;tigkeit oder die Missetat, die Hemmung der
+Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und L&uuml;ge; sowohl das
+Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten,
+da&szlig; es eine Wahrheit, wie da&szlig; es eine Sch&ouml;nheit,
+wie da&szlig; es ein Gutsein gibt; sie behaupten, f&uuml;r den einen
+sei dies, f&uuml;r den andern jenes wahr, gut und sch&ouml;n. Der
+Christ ist anderer Meinung, weil er an das G&ouml;ttliche im
+Menschen glaubt; f&uuml;r ihn ist Gott der ewige Richtpunkt,
+der Weltenrichter mit dem Schwerte, das Gut und B&ouml;se,
+Sch&ouml;n und H&auml;&szlig;lich, Wahrheit und L&uuml;ge scheidet. Es ist ein tiefsinniger
+<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span>Zug im Evangelium, da&szlig; Pilatus zu dem verklagten
+Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und
+er f&uuml;hlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere
+Frage ist, woran man die Wahrheit erkennen kann. Die aus
+der Wahrheit sind, sagt Christus, die h&ouml;ren meine Stimme,
+und an anderer Stelle hei&szlig;t es: die aus Gott geboren sind,
+h&ouml;ren Gottes Stimme; man mu&szlig; g&ouml;tterhaft sein, um Gott
+zu ergreifen. Einer von den Schw&auml;rmern zu Luthers Zeit
+sagte einmal, wenn Gott sich den Menschen durch die Schrift
+h&auml;tte offenbaren wollen, so h&auml;tte er eine Bibel vom Himmel
+fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit, da&szlig; das
+Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre
+eigenen Worte haben; wie soll man Worte Gottes von
+Menschenworten unterscheiden, da der selbstbewu&szlig;te Mensch
+als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient wie Gott?
+Soviel ist sicher, da&szlig; unsere Zeit es nicht kann, da sie &uuml;berhaupt
+an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das
+Menschenwort ausdr&uuml;cklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie,
+Angst vor dem G&ouml;ttlichen, zeigt.</p>
+
+<p><span class="antiqua">Verbum Dei manet in aeternum</span>, das Wort Gottes bleibt
+in Ewigkeit. Unter diesem stolzen und dem&uuml;tigen Spruch,
+dessen Anfangsbuchstaben der Kurf&uuml;rst von Sachsen seiner
+Dienerschaft auf die &Auml;rmel sticken lie&szlig;, und das so viel mi&szlig;verstanden
+ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in
+die Schranken und hatte nat&uuml;rlich alle gegen sich, die auf
+ihre eigenen Worte eitel waren. Luther hat bekanntlich die
+Bibel f&uuml;r die Richtschnur erkl&auml;rt, an welcher alle Menschenmeinung
+m&uuml;&szlig;te gemessen werden; aber er hielt nicht jedes
+Wort, das in der Bibel steht, f&uuml;r Wahrheit. Bekanntlich
+hat er an einige B&uuml;cher der Bibel scharfe Kritik angelegt.
+Noch weniger glaubte er, da&szlig; nur die Bibel Wahrheit enthalte,
+vielmehr sagt er ausdr&uuml;cklich, da&szlig; Gott sich jederzeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span>den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun werde.
+Nur davon war er &uuml;berzeugt, da&szlig; das Wesen Gottes durch
+gro&szlig;e Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der
+Bibel in ewig g&uuml;ltigen Bildern ersch&ouml;pfend offenbart sei,
+so da&szlig; jede andere Offenbarung der Wahrheit notwendig
+mit der in der Bibel verk&uuml;ndeten &uuml;bereinstimmen m&uuml;sse.
+Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche,
+alle gro&szlig;en Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so
+wirst du finden, da&szlig; sie in der Wahrheit &uuml;bereinstimmen;
+was sie l&uuml;gen, das reden sie aus ihrem Eigenen. Was den
+Menschen zum L&uuml;gner macht, ist die Beziehung aller seiner
+Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht
+der &Auml;u&szlig;erungen Vischers &uuml;ber Luther, die unseren
+Briefwechsel veranla&szlig;ten; sofern man Wechselgespr&auml;ch
+nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von
+Zeit zu Zeit mi&szlig;f&auml;llig oder beif&auml;llig brummt. Je mehr der
+Mensch imstande ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge
+so aufzufassen, nicht oder nicht nur wie sie ihm erscheinen,
+sondern wie sie sind, desto weniger l&uuml;gt er: es ist die vielger&uuml;hmte
+Objektivit&auml;t des K&uuml;nstlers und Dichters, die aber
+durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vor&uuml;bergehende Vereinigung
+von Selbstbewu&szlig;tsein und Gottbewu&szlig;tsein, also
+Subjektivit&auml;t in der Objektivit&auml;t ist. Das Selbstbewu&szlig;tsein
+und somit das Menschenwort verdr&auml;ngt das Gottbewu&szlig;tsein
+und das Gotteswort; sie stehen in einem Verh&auml;ltnis wie
+zwei Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt
+und umgekehrt.</p>
+
+<p>Luther erz&auml;hlte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um
+Belehrung bat, wie man beten solle, da&szlig; er selbst sich nicht
+an bestimmte Worte binde, wiewohl er mit dem Vaterunser
+anzufangen pflege. Dar&uuml;ber komme er oft, wie er sich ausdr&uuml;ckt,
+in reiche Gedanken spazieren: &bdquo;Und wenn auch solche
+<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span>reiche gute Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete
+fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und
+mit Stille zuh&ouml;ren und beileibe nicht hindern: denn da
+predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein
+Wort ist viel besser denn unserer Gebete tausend. Und ich
+habe auch also oft mehr gelernt in einem Gebet, als ich
+aus viel Lesen und Dichten h&auml;tte kriegen k&ouml;nnen.&ldquo; Anderswo
+sagt er &uuml;ber das Gebet, es m&uuml;sse &bdquo;frei aus dem Herzen
+gehn ohne alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und
+mu&szlig; selbst Worte machen, darnach das Herz brennt&ldquo;. In
+den Psalmen hei&szlig;t es: <span class="antiqua">Audiam quid loquatur in me Deus</span>;
+ich werde h&ouml;ren, was Gott in mir redet. Es gibt keine
+bessere Vorschrift f&uuml;r einen Dichter.</p>
+
+<p>Vorhin erw&auml;hnte ich den Ausspruch Luthers: &bdquo;Das
+erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergie&szlig;t, ist das
+Wort.&ldquo; Aus dem Herzen str&ouml;mt Geist, und in dem Augenblick,
+wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle
+des Bewu&szlig;tseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das
+Herz zum Ursprung haben, die Quell- oder Urworte, sind
+deshalb Zauberworte, weil sie verdichteter Gott, also verdichtete
+Kraft sind.</p>
+
+<p>Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber
+geh&ouml;rt, das wirst du aus M&auml;rchen und Sagen wissen; aber
+es mu&szlig; das rechte Wort, das Herzenswort sein, und die
+meisten Menschen vergessen es. Nur reine J&uuml;nglinge und
+Jungfrauen, das hei&szlig;t Gottangeh&ouml;rige, wissen es und k&ouml;nnen
+damit erl&ouml;sen. Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen.
+&bdquo;Er schafft ja nicht als durch sein Wort&ldquo;, sagt
+Luther, und Paulus: &bdquo;Gott ruft oder nennt das da nicht
+ist, da&szlig; es sei.&ldquo; Indem die Idee der Welt auf die Schwelle
+des g&ouml;ttlichen Bewu&szlig;tseins tritt, ist die Welt da. Man
+m&ouml;chte rasend werden, da&szlig; Menschen dar&uuml;ber nachgr&uuml;beln,
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span>ob die Sch&ouml;pfung der Welt, wie die Bibel sie erz&auml;hlt, mit
+den Ergebnissen der Wissenschaft &uuml;bereinstimmt. Uns ist
+sie da, wenn sie uns ins Bewu&szlig;tsein tritt; aus dem Chaos
+des Herzens steigt sie jeden Morgen, perlend neu, wenn
+wir sie sehen und nennen. Wer das nicht erlebt, der wird
+nie begreifen, da&szlig; mit dem Zauberworte Gottes: Es werde
+Licht! die Welt da war.</p>
+
+<p>Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt
+ist unser Mund der Brunnenrand des Herzens oder
+sollte es wenigstens sein. <span class="antiqua">Abundantia cordis os loquitur</span>, aus
+der F&uuml;lle des Herzens spricht der Mund. Luther &uuml;bersetzte
+bekanntlich: Wes das Herz voll ist, flie&szlig;t der Mund &uuml;ber;
+es ist bildkr&auml;ftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund
+als einen Becher, dessen Rand der Mund ist, vor Augen
+stellt. Ein geistvolles Herz mu&szlig; zuerst da sein, damit der
+Mund g&ouml;ttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen
+kann: &bdquo;Gro&szlig;e Gedanken und ein reines Herz, das ist's,
+was wir uns von Gott erbitten sollten.&ldquo;</p>
+
+<p>Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem
+das Herz gespeist werde, sei das Ged&auml;chtnis der Menschheit.
+So wie der einzelne Mensch etwas in sich aufnehme und
+es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewu&szlig;ten wieder
+auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtged&auml;chtnis,
+an dem jeder einzelne teilhabe, und aus diesem
+Brunnen stiegen die Ideen, die wahren und ewigen Worte.
+So l&auml;&szlig;t die griechische Mythe Mnemosyne, die Erinnerung,
+die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter
+der Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt
+hat, mu&szlig; das Ged&auml;chtnis der Menschheit wohl die Ideen
+Gottes enthalten; es kommt also auf dasselbe heraus,
+ob du von Gott oder dem Unbewu&szlig;ten oder dem Gesamtged&auml;chtnis
+der Menschheit sprichst. Wenn du nur den
+<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span>Unterschied zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.</p>
+
+<p>Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf
+des g&ouml;ttlichen Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte.
+Gewohnheit, Nutzen und Zweck, die in der Welt
+herrschen, m&uuml;ssen sich ihrer Art nach dem himmlischen Fremdling
+widersetzen.</p>
+
+<p>Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte
+sich darum, da&szlig; der Papst &uuml;ber der Heiligen Schrift stehen,
+Luther dagegen in Glaubenssachen keine Menschenmeinung
+anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift &uuml;bereinstimmte.
+Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch
+des heiligen Augustinus, er w&uuml;rde dem Evangelium
+nicht glauben, wenn er nicht der Kirche glaubte; Luther
+sagte, das Wort mache die Kirche, nicht umgekehrt. Nur
+das Verm&ouml;gen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden,
+schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das
+sch&ouml;pferische sprach er ihr wie allen Menschen ab, das hei&szlig;t
+den Menschen, wenn sie &bdquo;aus ihrem Eigenen&ldquo; reden. Aber
+auch er mu&szlig;te klagen &uuml;ber die Blinden, &bdquo;die nicht k&ouml;nnen so
+viel Unterschieds haben, da&szlig; ein ander Ding ist, wenn der
+Mensch selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet &ndash;
+<span class="antiqua">o furor et amentia his saeculis digna!</span>&ldquo;</p>
+
+<p>Es ist in der Tat ein Zeichen &auml;u&szlig;erster Entfernung von
+Gott, wenn der Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das
+hei&szlig;t Echtes vom Unechten, das Gewordene vom Gemachten
+unterscheiden kann. Nat&uuml;rlich kann es der Ungl&auml;ubige nicht,
+f&uuml;r den es &uuml;berhaupt nur Menschliches gibt; und da im
+Gleichartigen kein Unterschied ist, fri&szlig;t der ungl&auml;ubige
+Kritiker sich selbst auf. Luther spricht einmal davon, da&szlig;
+die Kirche, weil aus der freien Forschung in der Schrift
+verschiedene miteinander streitende Auffassungen und Irrlehren
+<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span>entstanden seien, das Studium der Bibel &uuml;berhaupt
+verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen,
+habe sie, eine h&ouml;chst merkw&uuml;rdige Verirrung, den
+Quell der Wahrheit versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn
+die Wissenschaft, aus Angst vor Hirngespinsten und um nicht
+aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu werden, alle
+Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begn&uuml;gt sie sich mit Einzelbeobachtungen
+und Experimenten und schlie&szlig;t sich in die
+Mauer sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel
+das Leben ersticken mu&szlig;. Nicht nur Kunst und Wissenschaft,
+die ganze Welt lebt von Ideen; der Mensch, sagt Christus,
+lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
+Gottes geht.</p>
+
+<p>Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewu&szlig;ten
+und bewu&szlig;ten, ich sage lieber dem gottbewu&szlig;ten
+und selbstbewu&szlig;ten Wort ist von jeher aufgefallen. Man
+bemerkte, da&szlig; Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit
+sagen, man bet&auml;ubte die delphischen Priesterinnen, zu
+denen man ohnedies einfache Bauernm&auml;dchen, nicht Gelehrte
+w&auml;hlte. Viele Menschen werden erfahren haben, da&szlig; ihnen
+etwas nicht einf&auml;llt, wenn sie sich darauf besinnen, sondern
+erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die
+das wache Selbstdenken nicht l&ouml;sen kann, taucht oft die
+fertige Antwort des Morgens aus dem Schlafe. <span class="antiqua">Spirat
+ubi vult</span>, der Geist weht, wo er will. Die Zwietracht unter
+der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, k&ouml;nne man
+nicht eins machen: &bdquo;Sintemal sie nicht m&ouml;gen eins werden
+und nat&uuml;rlich m&uuml;ssen untereinander sein, wie Wasser und
+Feuer, wie Himmel und Erde, wie Jesaias davon redet,
+Kap. 55.&nbsp;8,&nbsp;9: &sbquo;Wie der Himmel von der Erde erh&ouml;ht ist,
+so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.&lsquo;&ldquo;</p>
+
+<p>Mir scheint das wiederum das Gr&ouml;&szlig;te an Luther, da&szlig; er
+<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span>sich trotz der Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte,
+nur das Gotteswort gelten lassen zu wollen. Viele,
+die das genannte Wechselverh&auml;ltnis zwischen Menschen-
+und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial,
+das hei&szlig;t schaffend, zu machen, da&szlig; sie den Verstand ganz
+unterdr&uuml;cken, wom&ouml;glich nichts lernen und &uuml;ber nichts nachdenken;
+was aber tats&auml;chlich nicht dem Geist, sondern dem
+Fleisch zugute kommt. Luther sagte: &bdquo;Wenn die Vernunft
+vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und
+urteilen die Heilige Schrift &hellip; Also dient die Vernunft dem
+Glauben auch, da&szlig; sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet
+ist.&ldquo; Die Wahrheit bew&auml;hrt sich zwar, aber sie kann
+sich nicht beweisen, beweisen mu&szlig; das Menschenwort durch
+die Logik; darum sagt Luther, da&szlig; das Gotteswort an einem
+d&uuml;nnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette
+h&auml;nge. Diese Kette mu&szlig; das Wort Gottes binden, um es
+uns zu erhalten; aber es l&auml;&szlig;t sich nur binden, wenn es geglaubt
+wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann niemals
+bewiesen, er mu&szlig; geglaubt werden; glaubt man ihn
+aber, so offenbart er sich in Werk und Wort, das sich beweisen
+l&auml;&szlig;t und bewiesen werden soll. Weit entfernt, der
+Bet&auml;tigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu sein,
+tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es
+war ihm aufgefallen, da&szlig; der Erneuerung des Evangeliums
+das Wiederaufbl&uuml;hen der Sprachen in Italien vorausgegangen
+war, und er begriff den Zusammenhang. Wenn er
+sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht,
+und das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom
+mangelnden Verst&auml;ndnis der Sprache, so hei&szlig;t das, da&szlig; die
+Sprache der unmittelbare Ausdruck des Geistes ist, und da&szlig;
+man den Geist in den Sprachen m&uuml;sse ergr&uuml;nden k&ouml;nnen,
+sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. &bdquo;Gott gibt
+<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span>niemandem seine Gnade oder seinen Geist&ldquo;, sagt er, &bdquo;ohne
+durch oder mit dem vorgehenden &auml;u&szlig;erlichen Wort.&ldquo; Das
+&auml;u&szlig;erliche Wort aber ist dem menschlichen Selbstdenken zug&auml;nglich.</p>
+
+<p>Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels
+Paulus an die Korinther &uuml;ber den Unterschied zwischen
+Reden mit Zungen und Weissagen. Unter dem Zungenreden
+verstand er Worte, die sich nur an das Gef&uuml;hl, nicht
+zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach
+seiner Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht
+den Menschen. Hingegen soll man auch den anderen Menschen
+verst&auml;ndlich sein und das mit Zungen Geredete auslegen,
+das hei&szlig;t das Gotteswort dem menschlichen Begriffsverm&ouml;gen
+anpassen. &bdquo;Wie soll es aber denn sein? N&auml;mlich
+also: ich will beten mit dem Geist und will beten auch mit
+dem Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch
+Psalmen beten mit dem Sinn.&ldquo; Wir w&uuml;rden etwa sagen:
+Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit
+ordnen. Luther f&uuml;hrt als Beispiel den Knaben
+David an, der den Riesen &uuml;berwand: er vertraut auf Gott,
+da&szlig; er ihm den Sieg geben wird, aber er gebraucht nichtsdestoweniger
+seine Waffen. So sollen wir unsern menschlichen
+Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns
+ohne unser Zutun gibt.</p>
+
+<p>Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das
+Menschenwort dienen, sondern ohne die pers&ouml;nliche Wahrheit
+w&auml;re die g&ouml;ttliche gar nicht da. Das ist ja gerade der
+Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr
+Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm &uuml;bertr&auml;gt,
+binden kann. Nur dem Widersprecher offenbart das g&ouml;ttliche
+Wort sich ganz; andererseits hat er nur als Widersprecher
+Wert. Sowie das Menschenwort das g&ouml;ttliche Wort verdr&auml;ngt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span>sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene
+Kraft und den eigenen Wert. &bdquo;Der Teufel&ldquo;, sagte Luther,
+&bdquo;achtet meinen Geist nicht so sehr als meine Sprache und
+Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn
+mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache machen
+ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.&ldquo;</p>
+
+<p>Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine
+Sprache und Feder in der Schrift, die g&ouml;ttliche Offenbarung,
+und der pers&ouml;nliche Geist, der die Offenbarung vernimmt.</p>
+
+<p>Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort
+ist die gewordene Kraft, die Christus der Menschheit gab,
+um ihr die werdende zu ersetzen, die sie mit seinem Erscheinen
+verloren hatte. Sie ist wissend geworden; aber wenn auch
+die Krone im Lichte steht, mu&szlig; doch die Wurzel in der fruchtbaren
+Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der
+Frucht dort hineinfallen.</p>
+
+<p>Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem
+Wort einen &Uuml;berflu&szlig; an Worten gewidmet hat. Ich liebe
+das Wort, wenn es glitzernd und zwitschernd &uuml;ber bewegliche
+Lippen pl&auml;tschert, und ich liebe es, wenn es als ein
+sch&ouml;ner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt.
+Ich liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert
+und wie das Licht. Ein Lichtbringer ist es, wie der sch&ouml;nste
+und unseligste der Engel, wie der unbarmherzig-gn&auml;dige
+Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen Hahn
+nicht b&ouml;se, der uns auseinanderkr&auml;ht und mich verhindert,
+&uuml;ber die Doppelz&uuml;ngigkeit des erleuchtenden Wortes noch
+mehr Worte zu verschwenden.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief10" id="brief10"></a><a href="#inhalt">X</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">L</span>a&szlig; diese dunkelwolkige Nacht dem sch&ouml;nen Feinde Luzifer
+gewidmet sein; doch mu&szlig; ich, meiner Gr&uuml;ndlichkeit gem&auml;&szlig;,
+<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span>mit dem Teufel beginnen, was nicht ganz dasselbe
+ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf
+gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen
+so schrecklich mi&szlig;verstehen und dadurch sein Bild in den
+Dreck der Dummheit und L&auml;cherlichkeit gezogen haben. Du
+kannst in allen, wenigstens in vielen &ndash; denn ich kenne l&auml;ngst
+nicht alle &ndash; Lutherbiographien g&ouml;nnerhafte Klagen dar&uuml;ber
+h&ouml;ren, da&szlig; er so abergl&auml;ubisch und mystisch, wie sie es nennen,
+gewesen sei, da&szlig; er an den Teufel und an Zauberei geglaubt
+habe, weswegen man ihm jedoch nicht z&uuml;rnen solle, denn
+es sei ja nun einmal so, da&szlig; jeder gro&szlig;e Mann seine Schw&auml;chen
+haben m&uuml;sse. Sie denken allen Ernstes, Luther habe
+an einen gefleckten Mann mit H&ouml;rnern und Schwanz geglaubt,
+der in den Stra&szlig;en herumhinke mit einem Blasebalg,
+wie man es auf alten Bildern sieht, und den Leuten
+teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten
+ihn f&uuml;r pueril, wie &Ouml;kolampad tat, als Luther die Allgegenwart
+Gottes an dem Bilde der menschlichen Seele
+klarzumachen versuchte, die, obwohl eine Einheit, doch in
+jedem kleinsten Teile des K&ouml;rpers gegenw&auml;rtig sei. Sie
+wissen nicht, da&szlig;, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist,
+und da&szlig;, die nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich
+bezeugen, da&szlig; sie auch an Gott nicht glauben. Sie stellen sich,
+was sie auch sagen m&ouml;gen, Gott als einen alten Mann mit
+wei&szlig;em Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im tiefsten
+Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht
+t&auml;ten, w&uuml;rden sie nicht als selbstverst&auml;ndlich voraussetzen,
+da&szlig; f&uuml;r den Teufelsgl&auml;ubigen der Teufel ein Mann mit
+Bocksfu&szlig; und H&ouml;rnern sein m&uuml;sse. Luther wu&szlig;te, da&szlig; Gott
+Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich Gott
+widersetzende Kraft ist; da&szlig; er also, soweit er ist, Gott
+selbst ist, und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens
+<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span>liegt, weshalb er ihn oft mit einem gewissen Hohn
+blo&szlig;en Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer ber&uuml;hmten
+Lutherbiographie kannst du lesen: &bdquo;Ein wissenschaftlicher
+Streit war mit Luther nicht zu f&uuml;hren, da er jeden
+Widerspruch gegen seinen Glauben vom Teufel herleitete;
+Zwingli dagegen glaubte an das Recht der Vernunft und
+den Segen der Logik.&ldquo; Wenn Luther seine zwinglianischen
+Gegner als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen,
+es sei ihnen nicht um die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen
+eigener Gedanken zu tun oder auch nur, in bezug auf
+Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. &Uuml;brigens
+waren die Gr&uuml;nde, die Zwingli, &Ouml;kolampad und Karlstadt
+gegen Luthers Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch,
+da&szlig; ein Kind sie widerlegen k&ouml;nnte, Luther dagegen hat
+nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik bewiesen hatte,
+was &uuml;berhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und
+unteilbare Sein, l&auml;&szlig;t sich nat&uuml;rlich nicht beweisen, sondern
+wird geglaubt, wenn es im eigenen Ich gewu&szlig;t wird.</p>
+
+<p>Luther hat sich &uuml;ber Aberglauben, Zauberei und dergleichen
+so deutlich ausgesprochen, da&szlig; die Menschen ihn nicht mi&szlig;verstehen
+k&ouml;nnten, wenn der Teufel sie nicht verblendete, das
+hei&szlig;t, wenn sie nicht alles durch das gef&auml;rbte Glas ihrer
+eigenen Pers&ouml;nlichkeit s&auml;hen. Man liest gew&ouml;hnlich nur,
+was man schon vorher wu&szlig;te. Er war der Ansicht, da&szlig; der,
+welcher an das B&ouml;se glaubt, geradeso gut Berge versetzen
+kann wie der, welcher an Gott glaubt; denn Glaube ist
+Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so viel,
+wie man glaubt. Warum sollte es abergl&auml;ubisch sein, zu
+glauben, da&szlig; Hexen und Zauberer den Menschen B&ouml;ses
+anw&uuml;nschen k&ouml;nnen, und nicht abergl&auml;ubisch, zu glauben,
+da&szlig; Christus Kranke heilen und Tote lebendig machen konnte?</p>
+
+<p>Luther glaubte nichts anderes, als da&szlig; Kraft Kraft anzieht,
+<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span>und da&szlig; Kraft auf Stoff wirkt, und da&szlig; der Mensch
+Kraft aus seinem Herzen sch&ouml;pfen kann, g&ouml;ttliche aus einem
+reinen, teuflische aus einem b&ouml;sen Herzen.</p>
+
+<p>&bdquo;Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis
+und geschieht, was sie machen, wenn sie Glauben daran
+haben!&ldquo; Nicht glauben tat Luther, da&szlig; Hexen auf einem Besen
+reiten, da&szlig; sie sich in Katzen verwandeln, kurz nichts, was
+gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm &bdquo;lauter Teufelsgespenster
+und Verblendungen und ist nicht die Sache selber&ldquo;.
+Es m&ouml;ge wohl sein, schreibt er, da&szlig; Hexen im Schlafe oder
+in der Verz&uuml;ckung w&auml;hnten, sie liefen oder t&auml;ten dies und
+das, w&auml;hrend sie tats&auml;chlich im Bette l&auml;gen. &bdquo;Und wer mag
+doch alle leichtfertigen, l&auml;cherlichen, falschen, n&auml;rrischen,
+abergl&auml;ubischen Dinge erz&auml;hlen, so die Weiber treiben, damit
+sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von
+ihrer Mutter Eva angeboren, da&szlig; sie sich also &auml;ffen und
+betr&uuml;gen lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Ebenso nachdr&uuml;cklich, wie er vor Verblendung warnt,
+betont er aber die M&ouml;glichkeit vom Einflusse b&ouml;sen Wollens
+auf andere Willenskraft oder auf Stoffliches. &bdquo;Aber ach,
+da&szlig; Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages so
+gar sicher allzumal, beide, gro&szlig; und klein, Gelehrte und Ungelehrte;
+tun, als ob der Teufel gestorben w&auml;re, und ist nun
+dahin mit uns gekommen, da&szlig; wir auch, unser Ding zu
+erhalten, des wir uns n&auml;rrisch eingebildet, die blutigsten
+Kriege f&uuml;hren und hadern ohne Aufh&ouml;ren.&ldquo;</p>
+
+<p>Wenn Luther das Tintenfa&szlig; nach dem Teufel geworfen
+hat, so beweist das nicht, da&szlig; er den Teufel leibhaftig vor
+sich zu sehen glaubte, sondern da&szlig; er sich aus einer Selbstt&auml;uschung
+herausrei&szlig;en wollte. Einmal entstand in einer
+Kirche, w&auml;hrend er predigte, Aufregung, weil man glaubte,
+die Ger&uuml;ste st&uuml;rzten ein; er schnitt die entstehende Panik
+<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span>damit ab, da&szlig; er zu der Gemeinde sagte, sie sollten ruhig
+bleiben, es sei nichts, das tue der Teufel. Das hei&szlig;t: eure
+Furchtsamkeit verblendet euch und l&auml;&szlig;t euch wahrnehmen,
+was nicht ist. Gott, sagte er, best&auml;tigt wohl sein Wort mit
+einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals
+umgekehrt, und wer Zeichen zu sehen glaube, ohne da&szlig; das
+Wort vorausgegangen ist, befindet sich in einer Selbstt&auml;uschung.
+Zeichen, die durch vorausgehendes Wort verk&uuml;ndet
+werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen,
+vielleicht nur von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete
+Europ&auml;er kann den Wilden Sonnenfinsternisse voraussagen
+und sich dadurch als Wundert&auml;ter darstellen; es ist wesentlich
+nichts anderes, wenn die Propheten das k&uuml;nftige Erscheinen
+Christi weissagten.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der ungl&auml;ubige Melanchthon sich in die Astrologie
+versenkte, sagte Luther: Wir sind Herren der Sterne.
+Er war so vollst&auml;ndig von Aberglauben frei, wie nur der
+Gottgl&auml;ubige oder der durchaus Weltgl&auml;ubige sein kann;
+der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie,
+der andere hat gar keine. Der Ungl&auml;ubige hat eine
+l&uuml;gnerische, die ihm vorspiegelt, was er hofft oder f&uuml;rchtet,
+was aber nicht ist.</p>
+
+<p>Ich sagte, glaube ich, schon einmal, da&szlig; Luther drei
+Stufen der Versuchung unterschied: die erste durch Tr&auml;gheit
+und Sinnlichkeit, die den Menschen in der Jugend
+bef&auml;llt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach
+Macht, Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung
+des Mannesalters; schlie&szlig;lich die dritte und letzte, wo der
+Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst verg&ouml;ttert, sich
+an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen
+den dummen Teufel, den b&ouml;sen Teufel und den stolzen
+Teufel, Luzifer, unterscheiden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span></p><p>Den Teufel lie&szlig; Luther, wie du wei&szlig;t, gelten, er glaubte
+an ihn. Gott und der Teufel sind ihm zwei F&uuml;rsten, die sich
+gegenseitig bek&auml;mpfen. Christus hat zum Teufel gesprochen:
+Regiere du die Welt; also ist er legitimer F&uuml;rst der Welt,
+wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverst&auml;ndlich,
+da&szlig; Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach
+einem Ausdruck Luthers an die linke Hand getraut und
+l&auml;&szlig;t zu, da&szlig; sie dem Teufel dient. Luther, der die Welt
+durch und durch kannte, ha&szlig;te sie dementsprechend. Er
+wu&szlig;te, da&szlig; das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr
+herrscht; da&szlig; in der Welt, so dr&uuml;ckte er es aus, der St&auml;rkere
+den Schw&auml;cheren in den Sack steckt. Es war f&uuml;r ihn
+das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst Menschen
+machen mu&szlig;. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher
+Kampf gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie
+an sich zu verneinen. Er nannte den Teufel den Affen
+Gottes, und in diesem Sinne mu&szlig;ten ihm die sichtbare
+Kirche, Akademien, Universit&auml;ten Affen der unsichtbaren
+Kirche, mu&szlig;te ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem
+hat er weder die Kirche, noch die Universit&auml;ten, noch die
+Ehe abschaffen wollen. Das Christentum ist durchaus paradox,
+indem es etwas als durchaus verwerflich, zugleich aber
+als notwendig, und insofern k&ouml;nnte man sagen, als gut
+hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle
+Widerspr&uuml;che in Luthers Lehre in einem Buche zusammen.
+In bezug darauf schrieb Luther an Melanchthon: &bdquo;Wie
+k&ouml;nnen diese Esel &uuml;ber Widerspr&uuml;che in unserer Lehre urteilen,
+die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen?
+Was kann unsere Lehre in den Augen der Ungl&auml;ubigen
+anders sein als blo&szlig;er Widerspruch, da sie die
+Werke zugleich fordert und verurteilt, die Gebr&auml;uche zugleich
+aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich
+<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span>verehrt und anschuldigt, die S&uuml;nde zugleich behauptet und
+leugnet?&ldquo; Wie sehr versteht man, da&szlig; Luther sich oft Gewalt
+antun mu&szlig;te, um seine Gegner nicht schweigend zu
+verachten, sondern zu bek&auml;mpfen!</p>
+
+<p>W&auml;hrend Luther den Teufel als einen Feind ha&szlig;te, den
+man doch anerkennt, ja sogar bewundern kann, ha&szlig;te er
+Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des Luzifer, der er
+selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und
+Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten,
+den eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in
+Gestalt anderer Menschen einen angreift, und er beneidete
+seine Freunde, die nur ihn kannten, nicht den Teufel in
+seiner Majest&auml;t, den Teufel im Geiste, eben Luzifer. Dieser
+n&auml;mlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen
+anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der b&ouml;se Teufel
+kommt aus dem Herzen, wie es in der Bibel hei&szlig;t: Aus
+dem Herzen kommen b&ouml;se Gedanken; und diese gemeinsame
+Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. K&auml;me das B&ouml;se
+nicht aus dem Herzen, so k&ouml;nnte es keine schwarze Magie
+geben, da es sonst keine Kraft h&auml;tte. Selbstliebe ist so gut
+Kraft wie g&ouml;ttliche Liebe, es ist dieselbe Kraft, nur auf
+verschiedene Punkte bezogen; der b&ouml;se, grausame, tyrannische
+Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch
+g&uuml;tigen werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst
+auf Gott umspringt. Scheinbar kann man sich besser auf
+den Kopf verlassen als auf das Herz, weil man da auf
+festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden
+oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz,
+obwohl es ein bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes
+Meer ist.</p>
+
+<p>Luzifer hat keinen Sinn f&uuml;r die wilde, zuf&auml;llige Sch&ouml;nheit;
+er will vollkommen und Gott gleich sein, n&auml;mlich dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span>abstrahierten Gott, den er sich ausgedacht hat. Er l&auml;&szlig;t
+H&ouml;rner und Pferdefu&szlig; nicht mehr sehen, sondern verstellt
+sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert
+nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt
+er. Da ist nun der Punkt, weswegen er so gef&auml;hrlich
+ist: er ist nicht wie der gemeine Teufel eine Hemmung der
+Kraft, die die Kraft erst hervortreten l&auml;&szlig;t, sondern er ist
+eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel
+des Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis
+mit einem Mittelpunkte, sondern die Ellipse. So wie der
+moralische Mensch seine nat&uuml;rliche Selbstsucht erstickt, um
+eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen, vertreibt er auch
+das G&ouml;ttliche: er kann, mit anderen Worten, die T&auml;tigkeit
+des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu l&auml;hmen.
+An die Stelle der hei&szlig;en H&ouml;lle tritt die kalte oder das
+Nichts. Sobald der Kopf das Herz verdr&auml;ngen und ersetzen
+will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem
+lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die
+aus Gott abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft
+ihrem Wesen nach der Mann ist, kann man die luziferische
+Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen, deren Folge
+Unproduktivit&auml;t ist. &Uuml;berwiegend moralische Menschen,
+V&ouml;lker und Zeiten sind unproduktiv.</p>
+
+<p>Das best&auml;ndige Wirken der eigenen Kraft, der Selbstt&auml;tigkeit,
+verdr&auml;ngt Gott, die nicht von unserer Willk&uuml;r abh&auml;ngende
+Kraft, das ist die Liebeskraft oder Schaffenskraft.
+Im einzelnen &auml;u&szlig;ert sich das als Mangel an Gestaltungskraft,
+plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an
+Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle
+Mensch sind phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt
+kann nun allerdings die Moral zugute kommen, wovon
+England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der Zeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span>mu&szlig; infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein
+Absterben eintreten. Manchmal geschieht es, da&szlig; das hinter
+der moralischen Larve fast erstickte Feuer sich emp&ouml;rt
+und die Kruste zerrei&szlig;t, was dann einen vollst&auml;ndigen
+inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte
+Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer
+durchaus moralischen Zeit und stammte aus einer &uuml;berwiegend
+moralischen Familie. Seine Briefe sind unertr&auml;glich
+trocken und d&uuml;rftig, es fehlt ihnen ganz das, was W&ouml;lfflin
+so sch&ouml;n den Zauber des Zuf&auml;lligen nennt, das Freie, &Uuml;berraschende,
+der g&ouml;ttliche Hauch. Er schlo&szlig; sich eng an Schopenhauer,
+der die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen
+Verlarvung, die er doch ha&szlig;te, herauszukommen vermochte;
+ebenso war es mit Wagner. Von diesen beiden bezog
+er seine Ideen; eigene hatte er zun&auml;chst nicht. Bezeichnenderweise
+f&uuml;hlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen.
+Jeder genial begabte Schweizer mu&szlig;, bevor er
+schaffen kann, eine au&szlig;ergew&ouml;hnlich starke Kruste von
+Moralit&auml;t und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von
+Glut und diese dicke Kruste machen, da&szlig; nur wenig Fr&uuml;chte
+gezeitigt werden, da&szlig; sich diese aber durch Reife und S&uuml;&szlig;igkeit
+auszeichnen. Die schweizerische Kunst ist kein Brot des
+Lebens f&uuml;r die Menschheit, sondern ein Leckerbissen f&uuml;r eine
+erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch war,
+war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben
+geduldig in ihrem Geh&auml;use, das ihnen im Grunde bequem
+ist, und gl&uuml;hen es nur stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen
+strebte j&auml;h heraus und ruhte nicht, bis die Kruste zerrissen
+war, &auml;hnlich wie Kleist; das Leben wechselte bei ihnen
+zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbr&uuml;chen. Nietzsche
+wollte sich von der Moralit&auml;t durch Immoralit&auml;t befreien,
+den Teufel durch Beelzebub austreiben; die h&ouml;here Einheit,
+<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>unter der er den Widerstreit h&auml;tte vereinigen k&ouml;nnen, fand
+er nicht. Er hatte, anders ausgedr&uuml;ckt, ein &Uuml;berma&szlig; von
+Negation in sich, womit er sich nicht abfinden und das er
+doch nicht aufwiegen konnte. H&auml;tte er sich begn&uuml;gt, ein
+paar reife, s&uuml;&szlig;e Fr&uuml;chte zu tragen, das w&auml;re m&ouml;glich gewesen,
+und er hat es ja auch getan; aber als Deutscher
+mu&szlig;te er Brot des Lebens allen Menschen geben wollen,
+und dazu war er zu verselbstet.</p>
+
+<p>Nicht die Negativit&auml;t, das F&uuml;rsichsein und F&uuml;rsichwollen
+ist verderblich, es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es
+absolut zu verdammen, wenn es das G&ouml;ttliche verdr&auml;ngt,
+und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es liegt
+im Wesen des Menschen, der Person, alles f&uuml;r sich zu
+wollen, also Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles
+erreicht zu haben glaubt, hat er alles verloren.</p>
+
+<p>Ich denke mir, du bist unzufrieden, da&szlig; ich die Moralischen
+und die Edlen und Stolzen zusammenwerfe, w&auml;hrend
+doch die letzteren viel h&ouml;her stehen. Also will ich den
+Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, da&szlig; die
+Moralischen irgendeine Belohnung au&szlig;er sich, die Stolzen
+nur die eigene Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und
+Edel haben dieselbe Wurzel, und Adel ist seinem Wesen
+nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung durch
+Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des
+erlangten Typus durch H&auml;ufung seiner Merkmale, dann
+Verk&uuml;mmerung und Absterben durch Mangel an Gegensatz.
+Dem Adel in seiner Bl&uuml;te, wenn er die Macht an sich rei&szlig;t,
+ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch
+seine Titel, soweit sie nicht Privilegien einschlie&szlig;en, sind
+ihm noch nicht sehr wichtig; erst auf dem H&ouml;hepunkte seiner
+Macht schlie&szlig;t er sich ab. Mit dem Eroberertypus, dem,
+der die Macht erlangt hat, ist die Kraft ersch&ouml;pft; sein Nachfolger,
+<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span>der K&ouml;nigstypus, erbt nur &bdquo;des Ahnherrn gro&szlig;e
+Z&uuml;ge&ldquo;, nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als
+Maske. Die Kraft aber, die sein Ich nicht mehr binden
+kann, umgibt ihn als ein sch&uuml;tzender Mantel und h&auml;lt das
+Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn ber&uuml;hrte
+und gewahr w&uuml;rde, da&szlig; er &bdquo;innen hohl&ldquo; und unendlich viel
+schw&auml;cher ist als jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder
+Stand, jedes Volk erreichen. Den adligsten Adel fand ich
+in der Schweiz; das ganze Volk leidet ja an Selbstanbetung
+und Absonderung durch Inzucht. Die Ausgeglichenheit und
+&Uuml;berlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer St&auml;dten
+und Familien vorhanden ist, verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig auch auf dem
+Lande, hat etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes;
+aber der damit verbundene Mangel an Herzhaftigkeit
+entfremdet auch wieder. Mangel an Phantasie,
+Mangel an Taten und Ideen sind die verh&auml;ngnisvollste
+Folge der Selbstanbetung und Absonderung.</p>
+
+<p>Es ist gef&auml;hrlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke,
+wo er in den Spiegel des Sichselbsterkennens sieht, zu sch&ouml;n
+ist; je geringer der Unterschied zwischen ihm und der g&ouml;ttlichen
+Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich selbst mit
+Gott verwechseln. Der Selbstgenu&szlig; der eigenen Sch&ouml;nheit
+ist ein Fluch, wie schon das M&auml;rchen von Narkissos lehrte,
+und sondert vom Leben ab. Deswegen will ich aber der
+Sch&ouml;nheit ihre Sch&ouml;nheit nicht abstreiten; ja, ich leugne
+nicht, da&szlig; der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der
+aus eigener Kraft gott&auml;hnlich werden will, einen gef&auml;hrlichen
+Zauber auf mich aus&uuml;bt. Es ist eine Sch&ouml;nheit, die
+durch das tragische Siegel des Todes geweiht ist.</p>
+
+<p>Luther sagte einmal: &bdquo;Gott hat in tausend Jahren keinem
+<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span>Bischof so gro&szlig;e Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben
+soll man sich r&uuml;hmen. Ich bin zornig auf mich selbst, da&szlig;
+ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch danken kann.&ldquo;
+&Auml;hnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von
+Gott verordnet, das Wort Gottes zu sch&uuml;tzen, wenn er falle,
+so liege daran nichts; denn Gott k&ouml;nne wohl einen anderen
+Kavalier erwecken, der die Kirche noch besser verteidigte,
+als er getan habe. Das Geheimnis, da&szlig; das Genie sich
+seiner Gr&ouml;&szlig;e bewu&szlig;t und doch nicht eitel ist, liegt darin,
+da&szlig; sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen geh&ouml;rt,
+dem aber auch der Mensch geh&ouml;rt.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief11" id="brief11"></a><a href="#inhalt">XI</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">I</span>ch will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen:
+Gott ist schaffende Liebe; er &auml;u&szlig;ert sich dreifach
+als Gott-Natur, Gott-Mensch und Gott-Geist. In Gottes
+Ebenbilde, dem Menschen, &auml;u&szlig;ert sich die g&ouml;ttliche Kraft entsprechend
+als Gestaltungskraft, Tatkraft und Glaubenskraft
+oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der
+Phantasie, erfa&szlig;t der Mensch die Welt als unendlich viele
+Einzelheiten, die ihm alle g&ouml;ttlich sind, so da&szlig; die ganze Welt
+ihm g&ouml;ttlich ist, aber unbewu&szlig;t; auf der Stufe der Tatkraft
+erfa&szlig;t er die Welt als Gegensatz zwischen dem Einen pers&ouml;nlichen
+Gott und dem teuflischen Gegengott, dem menschlichen
+Selbst; zuletzt glaubt er an eine g&ouml;ttliche Welt, deren
+Inneres mit seinem Inneren zusammenf&auml;llt. Seit die
+Menschheit die Welt als unendlich ansieht, d&uuml;rfen wir
+ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos nat&uuml;rlich hier,
+statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der g&ouml;ttlichen
+Kraft sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen,
+d&uuml;rfen wir sagen, da&szlig; die Welt sich stufenweise
+entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von Luthers
+<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span>Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit &uuml;bersetzt:
+Wir glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde,
+endlose und grenzenlose Einheit, deren Mittelpunkt der
+Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist geozentrisch, wie
+mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im
+Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich mu&szlig; der
+Mensch und mit ihm die Erde der Mittelpunkt der Welt
+sein.</p>
+
+<p>Die Dreieinigkeit dr&uuml;cke sich auch in der allergeringsten
+Kreatur ab, sagt Luther, insbesondere nat&uuml;rlich im Menschen.
+Das antike Wort, da&szlig; der Mensch die Welt im
+kleinen, das Ma&szlig; aller Dinge sei, hei&szlig;t beim Christen, er
+sei das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen
+bilden, nennt Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist,
+Seele und Leib. Die betreffende Stelle kommt im ersten
+Brief an die Thessalonicher vor und hei&szlig;t: Gott, der ein
+Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und
+durch, also da&szlig; euer ganzer Geist und Seele und Leib unstr&auml;flich
+erhalten werde auf die Zukunft unseres Herrn Jesu
+Christi.</p>
+
+<p>Den Geist beschreibt Luther als den &bdquo;h&ouml;chsten, tiefsten,
+edelsten Teil des Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche,
+unmittelbare, ewige Dinge zu fassen und ist k&uuml;rzlich
+das Haus, da der Glaube und Gottes Wort innewohnt&ldquo;.
+Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in
+einem anderen Werke, n&auml;mlich in dem, da&szlig; er den Leib
+lebendig mache und durch ihn wirke. Durch die Seele also
+wirkt der Geist auf den K&ouml;rper. Die Art der Seele sei,
+nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die
+Vernunft (wir w&uuml;rden sagen der Verstand) erkennen und
+ermessen k&ouml;nne, und die Vernunft sei das Licht in diesem
+Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die Affekte schreibt er,
+<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span>im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu. Um
+diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, f&uuml;gt
+Luther noch ein Bild hinzu; er vergleicht sie n&auml;mlich mit dem
+von Moses beschriebenen Tabernakel. Das Allerheiligste,
+in dem Gott wohne und in dem kein Licht sei, stellt er dem
+Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen Leuchter
+der Seele, das Atrium, den jedermann zug&auml;nglichen Vorhof,
+dem K&ouml;rper.</p>
+
+<p>Mir stellt sich das unwillk&uuml;rlich k&ouml;rperlich vor, n&auml;mlich
+als drei ineinander schwebende Sph&auml;ren, von denen die
+innere der Geist, das Allerheiligste ist, die &auml;u&szlig;ere der K&ouml;rper
+und die mittlere, welche Geist und K&ouml;rper verbindet, die
+Seele. &Uuml;bertr&auml;gst du diese Form des Mikrokosmos auf
+den Makrokosmos, so ergibt sich, da&szlig; die Menschheit die
+Seele der Welt ist; im Selbstbewu&szlig;tsein der Menschheit
+wird das Sichtbare und das Unsichtbare, Stoff und Kraft,
+zur Einheit. Ohne die Menschheit w&auml;re die Welt seelenlos,
+ja, sie w&auml;re nicht, denn es w&auml;re nur Chaos. Das Wort
+der zum Selbstbewu&szlig;tsein erwachenden Menschheit l&auml;&szlig;t
+die Welt aus dem Nichts hervortreten.</p>
+
+<p>Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, da&szlig; es
+dunkel bleiben soll, und zwar damit das Licht Gottes darin
+scheinen k&ouml;nne: das Licht scheinet in der Finsternis. Von
+dem gegens&auml;tzlichen Verh&auml;ltnis zwischen Selbstbewu&szlig;tsein
+und Gottbewu&szlig;tsein war schon die Rede, da&szlig; n&auml;mlich das
+eine auf Kosten des anderen w&auml;chst und schwindet. Wir
+sollen Gott in allen seinen &Auml;u&szlig;erungen Raum lassen. Wie
+wir das Kind im Scho&szlig;e der Mutter verborgen wachsen
+lassen m&uuml;ssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam &ouml;ffnen
+d&uuml;rfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen
+lassen, ohne das geheimnisvolle Werk voreilig zu st&ouml;ren.
+Dauernder Betrieb, hastige Gesch&auml;ftigkeit verscheucht den
+<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span>Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel auf zur gro&szlig;en
+Erl&ouml;sertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso w&auml;chst
+das Wort der Wahrheit im Schweigen und H&ouml;ren. Du
+kennst das Gleichnis von Martha, die sich viel zu schaffen
+machte, w&auml;hrend ihre Schwester Maria zu Jesu F&uuml;&szlig;en sa&szlig;
+und seinen Worten zuh&ouml;rte. Martha, Martha, du machst
+dir viel Sorge und M&uuml;he, sagte er, aber eins ist not. Dies,
+was not ist, ist der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit
+er in uns wirke, ein vor&uuml;bergehendes Zur&uuml;cktreten, Ausl&ouml;schen
+also des Selbstbewu&szlig;tseins. Ich habe dabei das geometrische
+Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sph&auml;re
+des Geistes zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wird, wenn die erleuchtete Sph&auml;re
+der Seele zu stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des
+anderen, sowie die Pers&ouml;nlichkeit ein gewisses Ma&szlig; &uuml;bersteigt,
+leidet Gott. F&uuml;llt die Seele das Allerheiligste ganz aus,
+so mu&szlig;, wie das Bild unwiderleglich zeigt, fr&uuml;her oder
+sp&auml;ter ein v&ouml;lliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr
+Inhalt aus der innersten Sph&auml;re zustr&ouml;mt, die mit Gott
+eins ist.</p>
+
+<p>Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertr&uuml;ge der Mensch
+das Leben nicht, und es str&ouml;men ihm zwei Brunnen des
+Selbstvergessens im Schlaf und in der Liebe. Es hat mir
+eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben,
+da&szlig; er an Wallenstein die &bdquo;allzeit wachen Gedanken&ldquo;, das
+emsige, unruhige Gem&uuml;t als etwas nicht Geheures hervorhebt;
+diese best&auml;ndige Wachsamkeit, die uns als strafbare
+Neugier oft in Sagen begegnet, die Unf&auml;higkeit, sich von
+dem stets regen Selbst abzul&ouml;sen, verzehrt die Kraft des
+Menschen, wie das Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht,
+aus der er gekommen ist, mu&szlig; auch im Leben ihren Anteil
+an ihm behalten; Entziehung des Schlafes t&ouml;tet, und Lieblosigkeit
+ist schon der Tod. Da&szlig; Gott die Welt aus Nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span>geschaffen hat, mu&szlig; man tiefer fassen, als gew&ouml;hnlich geschieht;
+er, der nie einen Augenblick zu schaffen aufh&ouml;rt,
+l&auml;&szlig;t sie in jedem Augenblick aus dem Chaos aufsteigen, und
+es mu&szlig; umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden
+kann.</p>
+
+<p>Vollkommene Unpers&ouml;nlichkeit und deshalb vollkommenes
+Unbewu&szlig;tsein finden wir beim Kinde; denn es hat sich noch
+nicht zum Selbst entwickelt. Es ist das Nichts-von-sich-wissen
+und Nichts-f&uuml;r-sich-wollen, was den Erwachsenen am Kinde
+entz&uuml;ckt, das g&ouml;ttliche Dunkel des verlorenen Paradieses.
+Kindes Hand ist leicht zu f&uuml;llen, sagt das Sprichwort; es
+greift nach einem Sonnenstrahl, den es nicht halten kann,
+ja, nur im Anschauen leuchtet es vor Gl&uuml;ck. Es ist ganz
+und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein klarer
+Spiegel der Welt. Jesus sagte: &bdquo;Lasset die Kindlein zu
+mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das
+Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich
+Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.&ldquo;
+Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich
+wei&szlig;; es ist also unm&ouml;glich, da&szlig; ein Mensch g&ouml;ttliche Kraft
+habe, der sich das reine Herz, das Unbewu&szlig;tsein des Kindes
+nicht trotz des Selbstbewu&szlig;tseins, durch das jeder hindurch
+mu&szlig;, bewahrt.</p>
+
+<p>Da&szlig; es m&ouml;glich ist, Person und doch Kind, selbstbewu&szlig;t
+und zugleich gott- oder unbewu&szlig;t zu sein, beweist jedes Genie
+und Luther selbst vor allen. In den Tischgespr&auml;chen, wo er
+sich ganz unbefangen &auml;u&szlig;ert, spricht sein kindliches Herz am
+klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem seiner Werke, ja,
+ich m&ouml;chte sagen: in jedem seiner Worte. In fast &uuml;bermenschlicher
+Liebest&auml;tigkeit verga&szlig; er immer wieder sein
+Selbst; dies Selbst, diese gewaltige Pers&ouml;nlichkeit, welche
+sich oft dagegen wehrte in Qualen, die ihn an den Rand
+<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span>des Todes brachten; aber immer wieder ging das gereinigte
+Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute
+Welt.</p>
+
+<p>Als ein Mittel, das ihm in diesen K&auml;mpfen geholfen
+habe, f&uuml;hrt Luther die Beichte an; ohne sie, meint er, w&uuml;rde
+der Teufel ihn &uuml;berwunden haben. Die Zwangsbeichte der
+katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die Beichte,
+die freiwillig aus dem Herzen flie&szlig;t, hielt er f&uuml;r n&uuml;tzlich.
+Der freiwillig Beichtende n&auml;mlich &auml;u&szlig;ert so viel von sich,
+wie schon in seiner Seele, in seinem Selbstbewu&szlig;tsein ist,
+und er denkt, wenn er davon befreit ist, nicht weiter &uuml;ber
+sich nach, wodurch er der Gefahr der Selbstzergliederung
+entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man
+zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anma&szlig;en,
+die &bdquo;Heimlichkeit des Herzens&ldquo; zu erforschen; denn
+&uuml;ber das Herz hat kein Mensch Gewalt, als den edelsten
+Teil des Menschen hat Gott es sich vorbehalten, das hei&szlig;t:
+es soll nur freiwillig sich &ouml;ffnen und geben. &bdquo;Die Reue, die
+man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Ha&szlig; der
+S&uuml;nden, wenn ein S&uuml;nder mit Bitterkeit des Herzens seine
+Zeit bedenkt, der S&uuml;nde Gr&ouml;&szlig;e, Menge und Unflat bewegt,
+dazu den Verlust ewiger Seligkeit und Gewinn ewiger Verdammnis,
+die macht nur Heuchler und gr&ouml;&szlig;ere S&uuml;nder.&ldquo;
+Auch vor anderen und vor sich selbst mu&szlig; der Mensch Ehrfurcht
+haben, denn im Menschen offenbart sich Gott; es ist
+Schamlosigkeit, einem anderen, aber auch sich selbst die
+letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine gewisse
+&auml;ngstliche Verlegenheit verr&auml;t diejenigen, die diese
+von Gott gezogene Grenze &uuml;berschritten haben. Es verr&auml;t
+sie auch ihre Ohnmacht; denn Selbstbetrachtung macht unfruchtbar.
+Dadurch, da&szlig; man sich nach au&szlig;en ausstr&ouml;mt,
+rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich Entweihung
+<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span>Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, da&szlig; wir
+den Ungl&auml;ubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst
+anbetet, und Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von
+solchen Menschen sagt Paulus, da&szlig; sie immerzu lernen und
+nimmermehr zur Wahrheit kommen. &bdquo;Es sind Menschen,
+die haben einen verr&uuml;ckten Sinn, unt&uuml;chtig zum Glauben.
+Aber sie werden fortan nichts mehr schaffen.&ldquo;</p>
+
+<p>Beil&auml;ufig bemerkt, halte ich es f&uuml;r einen Erziehungsfehler,
+wenn man den Kindern als ungeh&ouml;rig verweist, von
+sich selbst zu sprechen; wenigstens sollte man es nur tun,
+wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse f&uuml;r das
+Nicht-Ich erwecken kann, da&szlig; sie sich selbst dar&uuml;ber vergessen.
+Die meisten Menschen denken desto mehr an sich,
+je weniger sie von sich sprechen. Jeder sollte einen Freund
+haben, dem gegen&uuml;ber er sich gehen lassen und sich aussprechen
+kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch Selbstanbetung
+unl&ouml;sbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott
+gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther
+einmal die Psalmen das wahre <span class="greek" title="gn&ocirc;thi sauton" lang="el">&#947;&#957;&#8182;&#977;&#953; &#963;&#945;&#965;&#964;&#959;&#957;</span>.</p>
+
+<p>F&uuml;r mein Gef&uuml;hl ist es der Mangel an Naivit&auml;t in den
+heutigen Menschen, der den Umgang so schwer macht und
+bewirkt, da&szlig; man fast am liebsten mit Menschen aus dem
+Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat
+begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen;
+man i&szlig;t, trinkt, geht, atmet bewu&szlig;t, man zerrt und nagt
+an jeder Knospe. Etwas wesentlich Unwillk&uuml;rliches und
+Unbewu&szlig;tes ist der Tanz; aber heute macht man ein schweres
+Studium daraus. Dahin geh&ouml;rt auch die heutige Mode,
+wonach Frauen sich ganz oder fast ganz unbekleidet &ouml;ffentlich
+sehen lassen unter dem Vorwande, das Anschauen des
+nackten menschlichen K&ouml;rpers geh&ouml;re zur k&uuml;nstlerischen Bildung.
+Nach meiner Meinung geh&ouml;rt die Nacktheit zu den
+<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span>Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie &ouml;ffentlich in irgendeiner
+bewu&szlig;ten Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch
+oder edel. Alle wahrhaft sch&ouml;nen Darstellungen nackter
+Frauen in der Kunst sind sicherlich dadurch entstanden, da&szlig;
+ein K&uuml;nstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter nur
+einen Menschen, braucht ein K&uuml;nstler nur einen K&ouml;rper
+ganz zu kennen; aber diesen mu&szlig; er lieben. Der K&ouml;rper
+braucht nicht vollendet sch&ouml;n zu sein, die Liebe ersetzt, was
+fehlt. Das Studium des Nackten kann &bdquo;vor der Welt&ldquo;
+n&uuml;tzlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn
+man es studiert; aber das Beseligende der nackten Sch&ouml;nheit
+kann nur von dem Liebenden genossen werden, dem sie
+sich aus Liebe enth&uuml;llt. Sie geh&ouml;rt nicht in einen k&uuml;nstlich
+beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es f&uuml;r
+die Welt n&uuml;tzlich sein, wenn man die Jugend &uuml;ber die
+Mysterien der Liebe aufkl&auml;rt; aber die Liebe mu&szlig; sterben,
+wenn man sie aus ihrem g&ouml;ttlichen Dunkel rei&szlig;t.</p>
+
+<p>Es ist selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; man nicht davor zur&uuml;ckschrecken
+wird, auch die Kindlichkeit k&uuml;nstlich herzustellen,
+und vielleicht wird man sich zum Zwecke der Unbewu&szlig;theit
+Freunde halten und ihnen sein Herz aussch&uuml;tten, lebhafte
+Liebest&auml;tigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch
+nur immer bewu&szlig;ter werden. Alles, was aus dem
+Herzen kommt, gibt nur die Gnade; Vorl&auml;ufer der Gnade
+sind aber das Gesetz und die Not, und so mu&szlig; man wohl
+auf diese hoffen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief12" id="brief12"></a><a href="#inhalt">XII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">A</span>ls ich dieser Tage in Schopenhauer bl&auml;tterte, fand ich,
+da&szlig; er als k&ouml;rperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes
+Gehirn betrachtet; indessen, f&uuml;gte er hinzu, mache
+weder das allein noch auch ein feines Nervensystem das
+<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span>Genie vollst&auml;ndig, sondern es m&uuml;sse ein leidenschaftliches
+Temperament dazukommen, k&ouml;rperlich sich darstellend als
+ungew&ouml;hnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs,
+zumal nach dem Kopfe hin. &bdquo;Denn hiedurch wird
+zun&auml;chst jene dem Gehirn eigene Turgeszenz vermehrt, verm&ouml;ge
+deren es gegen seine W&auml;nde dr&uuml;ckt, daher es aus
+jeder durch Verletzung entstandenen &Ouml;ffnung in diesen hervorquillt;
+zweitens erh&auml;lt durch die geh&ouml;rige Kraft des
+Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner best&auml;ndigen
+Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch verschiedene
+Bewegung, welche in einer Ersch&uuml;tterung seiner ganzen
+Masse bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht,
+und deren Energie seiner hier vermehrten Quantit&auml;t
+entsprechen mu&szlig;, wie denn diese Bewegung &uuml;berhaupt eine
+unerl&auml;&szlig;liche Bedingung seiner T&auml;tigkeit ist. Dieser ist eben
+daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer
+Hals g&uuml;nstig, weil auf dem k&uuml;rzern Wege das Blut mit
+mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb sind die gro&szlig;en
+Geister selten von gro&szlig;em K&ouml;rper.&ldquo;</p>
+
+<p>Du erinnerst dich vielleicht, da&szlig; Luther mit Paulus den
+Menschen als eine Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib
+darstellt, und da&szlig; ich dich bat, dir diese Dreieinigkeit als
+eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sph&auml;re der Geist sei.
+Der k&ouml;rperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so da&szlig;
+du Geist f&uuml;r Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist,
+k&ouml;nntest du auch Gott f&uuml;r Herz setzen, mit der selbstverst&auml;ndlichen
+Einschr&auml;nkung, da&szlig; deshalb Gott und das einzelne
+Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht,
+in die das Meer einstr&ouml;mt, und die das in ihr gesammelte
+Meer einem bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an
+das in der Geb&auml;rmutter wachsende Kind denken, und wie
+das m&uuml;tterliche Blut in es hineinflie&szlig;t. Wenn du dir vorstellst,
+<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span>da&szlig; man, dieser &Uuml;bertragung folgend, das Blut vom
+Kind zur Mutter zur&uuml;ck und immer weiter zur&uuml;ck bis zu
+einer angenommenen Urmutter verfolgen kann, so gibt das
+ein Bild von der Verkn&uuml;pfung des einzelnen mit der Unendlichkeit
+durch das Herzblut.</p>
+
+<p>Da&szlig; nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott
+durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich
+schon mehrmals erw&auml;hnt; du dachtest dabei aber wohl nicht
+an das k&ouml;rperliche Herz und nahmst es mehr f&uuml;r einen
+bildlichen Ausdruck. &bdquo;Die Liebe Gottes&ldquo;, hei&szlig;t es in den
+R&ouml;merbriefen, &bdquo;ist ausgegossen in unser Herz durch den
+Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.&ldquo; Die Wiedergeburt
+bestehe darin, sagt Luther, da&szlig; man ein neues Herz und
+neuen Mut gewinne. Niemals werden die g&ouml;ttlichen Dinge
+in Verbindung mit der Seele, dem Sitz der menschlichen
+Vernunft, gebracht, nur insofern, als die Seele vom Geist
+erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, weil die
+meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen
+Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches,
+Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung
+von Blaustr&uuml;mpfen und Gelehrten haben. In Wirklichkeit
+hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu tun, sondern er
+offenbart sich dem Herzen, unserem unwillk&uuml;rlichen Organ,
+das nicht von uns abh&auml;ngt, von dem vielmehr wir abh&auml;ngen.
+Die geistvollste Frau war jedenfalls Maria, die Mutter
+des Herrn, ohne Schulbildung, aber voll Liebe, voll Phantasie,
+voll Heiterkeit, voll von Einf&auml;llen, durch welche die
+Wahrheit hindurchstrahlte. &bdquo;Des Heiligen Geistes Amt ist
+nicht B&uuml;cher schreiben noch Gesetze machen&ldquo;, hei&szlig;t es bei
+Luther, &bdquo;sondern da&szlig; er ein solcher Geist ist, der in das
+Herz schreibt und schafft einen neuen Mut.&ldquo;</p>
+
+<p>Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht ge&auml;u&szlig;ert.
+<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span>&bdquo;Der Kopf fa&szlig;t kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft
+mit dem Herzen. Der Betrachtende mu&szlig; sich produktiv verhalten,
+wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen
+will.&ldquo; Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist
+&uuml;berfl&uuml;ssig, andere aufzuz&auml;hlen. Alles Begriffliche, Abstrakte
+kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem
+Herzen kommen, sind daran zu erkennen, da&szlig; sie nicht abstrakt,
+sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in
+Bildern; man kann auch sagen, es tr&auml;umt. Bei Gelegenheit
+seines Kampfes gegen die Bilderst&uuml;rmer bemerkte Luther,
+wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so entwerfe sich
+in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob
+er wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: &bdquo;Gro&szlig;e Gedanken
+und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten
+sollten&ldquo;, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die
+aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, g&ouml;ttliche,
+nicht Menschengedanken.</p>
+
+<p>Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch
+sagten, geht die Spaltung in aktive Kraft und passiven
+Stoff, in zeugende M&auml;nnlichkeit und empfangende Weiblichkeit.
+Das Aktive, an sich positiv, verh&auml;lt sich gegens&auml;tzlich
+zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist;
+das Passive, an sich negativ, wird positiv durch die g&ouml;ttliche
+Kraft, wenn es sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan
+wie das Gehirn sind in eine aktive und eine passive
+H&auml;lfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und gar aktiv
+seiner Welt gegen&uuml;ber als ihr Gott; nur Gott gegen&uuml;ber,
+dem Meere, das es speist, ist es passiv.</p>
+
+<p>Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal;
+das Sein wird. Die einzelligen Gesch&ouml;pfe, aus welchen
+wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen organischen Wesens
+und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, bestehen
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span>aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz,
+in welcher ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern
+ist nicht das Herz, sondern die Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan,
+die k&ouml;rperliche Darstellung des tierischen Selbst; es ist,
+soweit es mehr aktiv als passiv ist, die Hemmung, die Gott
+sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf ist
+angedeutet durch eine Anzahl von Hohlr&auml;umen, die sich zusammenziehen
+und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allm&auml;hlich
+erst sammelt sich das eine, monarchische Herz, das Aristoteles
+das <span class="antiqua">punctum saliens</span> und das Tier im Tiere nannte. Dieser Ausdruck,
+der ganz falsch w&auml;re, wenn er das ganze Wesen des Herzens
+ersch&ouml;pfen sollte, ist aus dem richtigen Gef&uuml;hl entstanden,
+da&szlig; das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls lebendigen
+K&ouml;rper ist. Richtiger w&auml;re es, die Ern&auml;hrungs- und Fortpflanzungsorgane
+Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind
+Mineral, soweit wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit
+wir atmen und wachsen, wir sind Tiere, soweit wir uns
+ern&auml;hren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir denken,
+G&ouml;tter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich
+sind. Die Ern&auml;hrungs- und Fortpflanzungsorgane, fr&uuml;her
+als das Gehirn entwickelt, sind die alten titanischen G&ouml;tter,
+die das neue Regiment nach furchtbarem Kampf entthronte.
+So sagt die heidnische Mythologie; wir k&ouml;nnen sagen,
+es seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff
+bildet. Durch das Gehirn bildet er im Geiste; aber er
+wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, sondern mittelbar
+durch das Herz. Die plastischen Organe sind die
+Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt
+des Menschen, das Herz der g&ouml;ttliche Mittelpunkt. Geschlecht
+und Gehirn sind die Brennpunkte der Ellipse, das
+Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als die
+vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span></p><p>Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenw&auml;rtig, allwissend
+und allm&auml;chtig in seiner Welt, erh&auml;lt sie ganz, ist
+immer t&auml;tig und gebend, auch dann noch t&auml;tig, wenn es
+vom K&ouml;rper losgel&ouml;st ist. Den K&ouml;rper &uuml;berall mit dem
+Netz seiner Adern ber&uuml;hrend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt;
+es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgen&uuml;gsam,
+der Himmel, die Heimat Gottes.</p>
+
+<p>Das Herz ist der Gott im Menschen: <span class="antiqua">est deus in nobis,
+agitante calescimus illo</span>. Allein die Herrscherstellung des
+Herzens ist, wie schon gesagt, nur theoretisch: der Himmel
+ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die Welt, das
+Herz nicht ohne den K&ouml;rper, auf den es wirkt, und den es
+erh&auml;lt, indem es von ihm erhalten wird.</p>
+
+<p>Die nat&uuml;rliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen
+Herz kleiner ist als das des Erwachsenen, aber den aktiven
+Widerstand im Brennpunkte des K&ouml;rpers und Gehirns noch
+nicht zu &uuml;berwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande
+entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine h&ouml;chste
+Kraft erreicht hat; sp&auml;ter nimmt es wieder ab, aber da im
+gleichen Ma&szlig;e die Aktivit&auml;t der Geschlechtsorgane abnimmt,
+stellt sich ein &auml;hnliches Verh&auml;ltnis her wie im Kindesalter.
+Ebenso ist das Herz der Frau schw&auml;cher als das des Mannes,
+hat aber weniger Widerst&auml;nde zu besiegen, aus welchem
+Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so
+zerrissen, aber andererseits nicht so genial.</p>
+
+<p>Vergegenw&auml;rtige dir bitte den Menschen durch folgenden
+Grundri&szlig;:</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 240px;">
+<img src="images/diagram_p118.png" width="240" height="240" alt="Diagramm" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span></p><p>Hier wird deutlich, da&szlig; die Aktivit&auml;ten die Brennpunkte
+sein m&uuml;ssen, damit Funken &uuml;berspringen k&ouml;nnen und der
+ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, da&szlig;, wenn die
+Aktivit&auml;t des Geschlechts &uuml;berhandn&auml;hme, das Herz vollst&auml;ndig
+durch das Geschlecht gebunden w&auml;re: ein tier&auml;hnlicher
+Zustand. Das Herz mu&szlig; deshalb, im Verein mit dem
+Gehirn, der Aktivit&auml;t des Geschlechtes Herr werden, wohlverstanden
+aber ohne sie ganz zu t&ouml;ten; denn gesch&auml;he das,
+so w&auml;re das Herz ganz auf das Gehirn beschr&auml;nkt. Das
+Gehirn hat die Neigung, das Herz ganz f&uuml;r sich in Beschlag
+zu nehmen, es vom K&ouml;rper abzusondern. Der nachchristliche
+Mensch, dessen Gehirn eine gr&ouml;&szlig;ere Aktivit&auml;t hat
+als der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen
+K&ouml;rper zu t&ouml;ten, indem er ihn vom Herzen absondert. Er
+entgeht dieser Gefahr nur durch Bewegung, welche den
+Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen K&ouml;rper verteilt.
+Man hat in neuester Zeit das &Uuml;bel bemerkt und ihm durch
+allerhand gymnastische &Uuml;bungen abhelfen wollen; aber das
+ist nur eine k&uuml;nstliche Aushilfe, durch die der Zweck niemals
+erreicht werden, die vielmehr schaden kann, da sie den Organismus
+von au&szlig;en in eine T&auml;tigkeit versetzt, der die innere
+Kraft nicht entspricht. Die Bewegung mu&szlig; zugleich eine
+innere sein, nur eine aus dem Herzen entspringende T&auml;tigkeit,
+ein &Uuml;berwinden innerer und &auml;u&szlig;erer Widerst&auml;nde kann
+das Herz &uuml;ben und kr&auml;ftigen. T&auml;tigkeit, die Seele des
+Menschen, macht das Herz so stark, da&szlig; es die inneren
+Widerst&auml;nde &uuml;berwindet, ohne sie zu t&ouml;ten. &bdquo;Seid getrost&ldquo;,
+spricht der Herr, &bdquo;ich habe diese Welt &uuml;berwunden.&ldquo; Niemals
+hat Christus gesagt, er wolle die Welt t&ouml;ten, er, der
+die Ehebrecherin besch&uuml;tzte, weil sie viel geliebt hatte; das
+Herz mu&szlig; st&auml;rker als die Welt sein, das ist das Geheimnis
+des Sieges. Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span>mu&szlig; st&auml;rker sein als ihre Brennpunkte. Mit
+Christus, der das Selbstbewu&szlig;tsein vollendete, der sich selbst
+als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivit&auml;t des Gehirns
+so stark geworden, da&szlig; die kindliche Einheit des Kreises
+auf immer zerst&ouml;rt war. Zugleich indessen brachte er die
+Erl&ouml;sung, indem er durch pers&ouml;nliches Handeln, durch eine
+st&auml;rkere Bewegung des Herzens, die Einheit als Dreieinigkeit
+wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln
+und zu glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere
+nicht sein kann. Wer pers&ouml;nlich handelt, mu&szlig; glauben, da
+er sonst die Last der Verantwortung nicht ertragen k&ouml;nnte.
+Als der Mensch aufh&ouml;rte gl&auml;ubig zu sein und daf&uuml;r moralisch
+wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, h&ouml;rte er auch
+auf zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von
+dem durch das Gehirn usurpierten Herzen ab und zerfiel
+in zwei H&auml;lften, einen entgeisteten, also leblosen K&ouml;rper
+und ein entk&ouml;rpertes, verteufeltes Herz, die sich unvers&ouml;hnt
+gegen&uuml;berstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung
+k&ouml;nnen sich einbilden, da&szlig; sie den z&uuml;rnenden Gott durch
+blo&szlig;e Gymnastik mit der entfremdeten Welt vers&ouml;hnen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Das Herz an sich ist jenseit von Gut und B&ouml;se, wie es
+jenseit von Zeit und Raum ist; es ist an sich blind. Sehend
+und wissend wird es dadurch, da&szlig; es in Ber&uuml;hrung mit unendlich
+vielen anderen Herzen ger&auml;t, die es als ebenso viele
+g&ouml;ttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch
+zur Einsicht seines eigenen Wesens f&uuml;hren. Durch die Ber&uuml;hrung
+und den Kampf mit der Au&szlig;enwelt also, mit dem
+Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; das Wasser der
+Bucht ebbt durch den Anprall von au&szlig;en in das Meer zur&uuml;ck,
+das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut
+wieder ins Land wirft. Die Ber&uuml;hrung mit der Au&szlig;enwelt
+<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>wird durch die Sinnesorgane vermittelt; sie haben die Aufgabe,
+das Ich, den pers&ouml;nlichen Gott, von dem Dasein anderer
+pers&ouml;nlicher G&ouml;tter zu &uuml;berzeugen und durch sie und sich
+hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle.
+Die erste Aufgabe des Herzens ist, sich seiner G&ouml;ttlichkeit
+bewu&szlig;t zu werden; die zweite, sie &uuml;ber die anderer
+zu vergessen.</p>
+
+<p>Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck
+nicht mi&szlig;verstehen willst, m&uuml;ssen ihrer Natur nach
+zun&auml;chst das Nicht-Ich heftig zur&uuml;cksto&szlig;en, weil sie sich das
+Gef&uuml;hl der Einzigkeit nicht beeintr&auml;chtigen lassen wollen;
+andererseits sind gerade diese die wahrhaft religi&ouml;sen Herzen
+und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen;
+sie str&auml;uben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich
+aufzunehmen, weil sie ahnen, da&szlig; sie sich ihm opfern
+werden.</p>
+
+<p>Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im
+h&ouml;chsten Sinne, auf lateinisch <span class="antiqua">caritas</span> oder <span class="antiqua">dilectio</span>, an die
+Mutterliebe gekn&uuml;pft; die Geschlechtsorgane, durch welche
+die Menschheit sich von Gott absonderte, f&uuml;hren auch wieder
+zu Gott zur&uuml;ck. Nicht f&uuml;r sich allein, denn zun&auml;chst ist die
+Mutterliebe ein selbstisches Gef&uuml;hl und kann sogar als
+solches absto&szlig;end wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle
+Schwachen und Hilflosen &ouml;ffnet und sie zu eigenen Kindern
+macht. In der Heiligen Schrift hei&szlig;t es, da&szlig; die Gnade
+durch das Wort bewirkt werde; das Wort n&auml;mlich &ouml;ffnet
+das Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen
+mit vielen.</p>
+
+<p>In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht
+das Herz seine Ideen k&ouml;rperlich, in Gemeinschaft mit dem
+Gehirn geistig. Beider bedarf das Herz, um seinen Verkehr
+mit der Au&szlig;enwelt herzustellen; ohne das Gehirn w&uuml;rde
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span>das Herz nicht zu sich selbst kommen, w&uuml;rde die Welt ein
+Chaos bleiben, w&auml;hrend sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Sind die plastischen Organe die &auml;ltesten, so ist das Gehirn,
+das erkennende Organ, das j&uuml;ngste; nach der Schrift
+geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus. Das
+Gehirn begleitet das Herz wie der S&auml;nger den Helden, der
+durch die Verkl&auml;rung des Wortes seine Taten verewigt
+und der Welt zu eigen macht. Besinnst du dich auf die
+sch&ouml;ne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, da der S&auml;nger
+von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt
+und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd
+bewu&szlig;t wird, was es getan und erlitten hat. Aus
+dem Herzen str&ouml;mt der Geist, im Gehirn wird er befestigt;
+es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht
+Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen
+Hain, wo reine Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln;
+Leben bekommen sie aber erst drau&szlig;en im Lichte der Sonne,
+nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. Was ist
+Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht.
+Wahrheit ist eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch
+und Blut.</p>
+
+<p>Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend,
+weiblich, sondern auch m&auml;nnlich und willk&uuml;rlich; die Sonne
+erleuchtet nicht nur, sondern verbrennt auch. Der k&ouml;rperliche
+Ausdruck des willk&uuml;rlichen Gehirns wird in der Gro&szlig;hirnrinde
+gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht
+imstande, dar&uuml;ber zu urteilen, ob es sich so verh&auml;lt, mir
+kommt es nur darauf an, da&szlig; diese willk&uuml;rliche Kraft da
+ist. Von hier geht die schwerste Versuchung des Menschen
+aus, die des Teufels in seiner Majest&auml;t, die nur die hochentwickelte
+Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span>an Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdr&auml;ngen
+und durch sein eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des
+Herzens in seine Zauber eingeweiht, kann Luzifer sich in
+einen Engel des Lichts verstellen, mit den von seinem Herrn
+erlernten Spr&uuml;chen bannt er ihn und zaubert auf eigene
+Hand. Nachdem er seine Gott&auml;hnlichkeit entdeckt hat, meint
+er, die Welt, in der bisher das Herz herrschte, und die ihm
+s&uuml;ndig und m&auml;ngelvoll erscheint, dadurch vollkommen machen
+zu k&ouml;nnen, da&szlig; er die Moral einf&uuml;hrt, und er beginnt damit,
+die Tr&auml;gheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und
+den b&ouml;sen Teufel, zu unterdr&uuml;cken. Er hemmt die Hemmung,
+die Gott sich gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.</p>
+
+<p>Aristoteles hat die &Auml;hnlichkeit zwischen dem Herzen mit
+seinen Adern und dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt
+und allerlei Schl&uuml;sse daraus gezogen, auf die es mir hier
+nicht ankommt. Aber die &Auml;hnlichkeit mu&szlig; auffallen, wenn
+man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes
+und des Gehirns und Nervensystems vor Augen hat;
+es sieht fast so aus, als ob das Gehirn der Schatten des
+Herzens w&auml;re. Es scheint, da&szlig; das Herz das Gehirn durch
+die Schilddr&uuml;se, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdr&uuml;se
+beherrscht, deren T&auml;tigkeit sich gleichsam in den
+betreffenden Organen spiegelt. Wie schlagend ist von diesem
+Gesichtspunkt aus der Ausdruck Luthers, der Teufel sei der Affe
+Gottes, nat&uuml;rlich nur auf das willk&uuml;rliche Gehirn zu beziehen.</p>
+
+<p>Man hat fr&uuml;her gemeint, das Herz h&auml;nge vom Zentralnervensystem
+im Gehirn ab; indessen ist es festgestellt, da&szlig;
+das Gehirn nur einen regelnden Einflu&szlig; auf das Herz aus&uuml;ben
+kann, n&auml;mlich einen hemmenden und beschleunigenden.
+Der <span class="antiqua">nervus vagus</span> und der <span class="antiqua">nervus depressor</span> sind hemmende
+Nerven; ausgezeichnet weist der Name <span class="antiqua">depressor</span> auf die
+Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes
+<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span>entstehen. Sowie aus dem leuchtenden Luzifer ein
+verbrennender wird, sowie das Gehirn befehlen, das Herz
+in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine
+Kraft unterbinden will, wird sein Einflu&szlig; sch&auml;dlich. Der
+Sieg des Teufels ist k&ouml;rperlich dadurch ausgedr&uuml;ckt, da&szlig;
+das Blut entweder in der Region der Geschlechtsorgane
+oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, anstatt
+da&szlig; es immer zum Herzen, der Quelle, zur&uuml;ckkehrt und
+den ganzen K&ouml;rper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.</p>
+
+<p>Das Eigenm&auml;chtigwerden des Gehirns, die neue und
+furchtbarste Hemmung, die dem Herzen erw&auml;chst, machte sich
+schon vor Christus bemerkbar. Das antike Drama hatte
+den Riesenkampf zwischen G&ouml;ttern und Menschen zum
+Gegenstande, der immer mit dem grausamen Siege der
+G&ouml;tter endete. Besonders merkw&uuml;rdig scheinen mir die
+Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das
+trunken sch&ouml;pferische Herz und der zweifelnd kritisierende
+Gedanke gegen&uuml;berstehen. Christus, der Gottmensch, verband
+Herz und Kopf in seiner Person zur Einheit. Er
+&uuml;berwindet den Teufel durch die aus dem Herzen entspringende
+Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet.
+Da das Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, da&szlig;
+Gott in der Menschheit, nicht au&szlig;er ihr ist, verlegte das
+nachchristliche Drama den Kampf zwischen Herz und Kopf,
+Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles
+und Sch&ouml;nes ist dar&uuml;ber in Schillers Wallenstein gesagt:
+&bdquo;In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne&ldquo;, &bdquo;Der
+Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme&ldquo;, besonders
+aber die Worte Wallensteins: &bdquo;Recht stets beh&auml;lt das Schicksal;
+denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.&ldquo;
+Nun siegt nicht mehr das grausame Herz &uuml;ber den zerissenen
+Rebellen sondern durch den &Uuml;berschu&szlig; seiner Kraft,
+<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span>die Seele, schmilzt das geniale Herz die Entzweiten gewaltig
+zusammen.</p>
+
+<p>Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante
+Tatsache festgestellt, da&szlig; n&auml;mlich die lebendige Substanz,
+das einzellige Lebewesen, die Am&ouml;be, unsterblich ist. Sie
+vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann ins
+Unendliche fortgesetzt werden, ohne da&szlig; ein Teilwesen verginge.
+Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns
+oder der Depression ein, wo die Stoffwechselprodukte nicht
+mehr ausgeschieden werden k&ouml;nnen; aber dieser tote Punkt
+kann durch Herstellung g&uuml;nstiger Bedingungen &uuml;berwunden
+werden. Sie bestehen darin, da&szlig; der alternden Substanz
+durch Kopulation oder durch einen sonstigen neuen chemischen
+oder mechanischen Reiz neues Leben zugef&uuml;hrt wird. Die
+Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen Lebewesen,
+wirkt verj&uuml;ngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor
+die Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen
+hat. Ich h&auml;tte <span class="antiqua">a priori</span> vorausgesetzt, da&szlig; f&uuml;r die lebendige
+Substanz, f&uuml;r das einzellige Wesen, dieselben Grundgesetze
+gelten wie f&uuml;r den Menschen, wie f&uuml;r die Familie und das
+Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies
+best&auml;tigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein
+gef&auml;hrliches Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben
+kann, wo ihm Kraft aus dem Nicht-Ich zustr&ouml;men
+kann. W&ouml;lfflin sagt von D&uuml;rer, da&szlig; er mit dem 50.&nbsp;Lebensjahr
+in seine letzte gr&ouml;&szlig;te Epoche tritt, die bedingt ist durch
+die Erfrischung seiner gro&szlig;en Reise; und er setzt diese Verj&uuml;ngung
+derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat
+mit einer zweiten jungen, geliebten Frau zuteil wurde.
+Eine Kopulation, geistig oder k&ouml;rperlich, oder sonst ein starker,
+neuer Reiz, m&uuml;ssen es tun, ein Zustr&ouml;men g&ouml;ttlicher Kraft
+in das erm&uuml;dete oder erstarrte Herz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span></p><p>Das Herz n&auml;mlich ist dasjenige Organ, welches den
+Menschen regiert: wir leben vom Herzen aus und sterben vom
+Herzen aus. Sei es, da&szlig; wir aus Altersschw&auml;che oder an
+einer Krankheit oder woran immer sterben, das Versagen
+des &uuml;berlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeif&uuml;hrt.
+Da&szlig; die Nervenzellen, welche der Herzt&auml;tigkeit vorstehen,
+sterben, ist die Folge von einer Vergiftung durch die
+Schlacken des Stoffwechsels, welche nicht ausgesto&szlig;en werden
+k&ouml;nnen: wir sterben an Erm&uuml;dung des Herzens, die
+durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe,
+den K&ouml;rper zu ern&auml;hren und zu entgiften, seine Hemmungen
+zu &uuml;berwinden, kann nur ein starkes Herz gen&uuml;gen: es
+handelt sich also im gef&auml;hrlichen Alter, wie bei jeder
+Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verst&auml;rkung
+des Herzens. Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie
+habe, als Luther einmal in eine schwere Melancholie verfallen
+sei, Trauerkleider angelegt und auf die erschrockene
+Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben
+sei, geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie
+Trauer. Derselbe Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die
+sich bekanntlich das Leben nahm, um ihren Mann durch
+den Schmerz &uuml;ber den Verlust schaffenskr&auml;ftig zu machen.
+Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte
+offenbar &uuml;berhaupt kein Herz oder keins f&uuml;r seine Gattin.
+&Uuml;berhaupt k&ouml;nnen Willk&uuml;r und Absicht nicht helfen, nur
+verderben: sie verdr&auml;ngen ja gerade das Herz, dem Raum
+gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur
+rechten Zeit zur rechten Stelle. Wie k&ouml;nnte Einsicht den
+richtigen Zeitpunkt herausfinden, auf den alles ankommt?
+Ist dieser vers&auml;umt, so zerdr&uuml;ckt die einstr&ouml;mende Kraft den
+m&uuml;rben Organismus und t&ouml;tet anstatt zu beleben.</p>
+
+<p>Hier zeigt sich nun, warum es f&uuml;r V&ouml;lker notwendig ist,
+<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span>Gro&szlig;staaten zu werden. Das Leben beruht auf der M&ouml;glichkeit
+von Gegenwirkungen. Der abgeschlossene Kleinstaat
+kann das gef&auml;hrliche Alter nicht &uuml;berwinden: das
+enge verkalkte Herz erlaubt das Zustr&ouml;men fremder Kraft
+nicht, und es wird zuletzt in seiner Kruste verk&uuml;mmern
+m&uuml;ssen. Ich las neulich, da&szlig; die Tiere, die auf Inseln
+leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist
+S&uuml;nde; im Kampf mit Gegens&auml;tzen, in der Verbindung mit
+dem Ganzen liegt das Leben.</p>
+
+<p>Diese Verk&uuml;mmerung und Verzwergung erfahren alle
+Personen, St&auml;nde, Familien, Staaten, die sich absondern
+und dadurch das Einstr&ouml;men fremder Kraft unm&ouml;glich
+machen. Der Adel hat seine Bl&uuml;tezeit, solange er sich
+seines Adels kaum recht bewu&szlig;t ist; sowie er sich abschlie&szlig;t,
+verwelkt er im gleichen Ma&szlig;e, wie sein Selbstbewu&szlig;tsein,
+seine Selbstverg&ouml;tterung steigt.</p>
+
+<p>Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter
+Bl&uuml;te und der dann eintretenden Verk&uuml;mmerung am besten
+an der Geschichte Spaniens studieren; ich widerstehe der
+Verf&uuml;hrung, darauf einzugehen, um dich nicht zu langweilen.
+Die Schweiz, die durch S&uuml;nde, n&auml;mlich durch Absonderung
+von Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des
+Gegensatzes von Stadt und Land und des Gegensatzes der
+drei Nationen; diese Gegens&auml;tze haben sie so lange lebendig
+erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome
+beginnender Selbstverg&ouml;tterung bemerkbar und
+andererseits ein verhaltenes Bed&uuml;rfnis nach Erfrischung.
+Weniger gl&uuml;cklich ist Holland daran, seit es von dem gegens&auml;tzlichen
+Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte
+zuerst f&uuml;r beide L&auml;nder eine schnelle, wundervolle Bl&uuml;te;
+nachher w&auml;re wohl Vereinigung Belgiens mit Frankreich
+und Hollands mit Deutschland f&ouml;rderlicher gewesen. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span>Lage der kleinen Inselstaaten zwischen gro&szlig;en L&auml;ndern, die
+durch sie die gegenseitige Reibung abschw&auml;chen wollen, ist
+immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz,
+ganz Europa befindet sich augenscheinlich im gef&auml;hrlichen
+Alter und strebt leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme
+neuer Kraft. Wenn einmal alle Nationen der Erde
+einen Einheitsstaat bilden, ist der J&uuml;ngste Tag gekommen,
+weil dann keine Kopulation mehr m&ouml;glich ist.</p>
+
+<p>Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben
+von der Notwendigkeit des Anschlusses kleiner Staaten an
+den Gro&szlig;staat sprach, dachte ich nicht an moderne Verh&auml;ltnisse.
+Der moderne Staat, weil er nicht von innen w&auml;chst,
+sondern von au&szlig;en zusammengesetzt wird, ist seiner Art
+nach grenzenlos; was nat&uuml;rlich w&auml;chst, nach einem inneren
+Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. Die modernen Staaten
+m&uuml;ssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem Wesen
+nach unendlich sind, und der Augenblick mu&szlig; kommen, wo
+die Erde ihnen zu klein wird. Der nat&uuml;rliche Staat, der
+aus der Familie und nat&uuml;rlich sich bildenden Gruppen herausw&auml;chst,
+der germanisch-romanisch-slawische, christliche
+Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern
+zog sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede
+Zelle seines K&ouml;rpers war durchblutet, selbstt&auml;tig. Unsere
+alten Kaiser nannten sich zwar allzeit Mehrer des Reichs,
+aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges
+angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gl&auml;ubige V&auml;ter,
+die ihre Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen
+strafend dazwischenfahren, wenn jene es allzu bunt machen.
+Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu lang, der Raum nie
+zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern kann.
+Der blo&szlig; denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen,
+dem t&auml;tigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span></p><p>Ich glaube, es m&uuml;&szlig;te sich feststellen lassen, da&szlig; die Nervenzellen
+der Westeurop&auml;er mit Stoffwechselprodukten &uuml;berladen
+sind, und zwar namentlich diejenigen Nervenzellen,
+die der Herzt&auml;tigkeit vorstehen. Daher schreibt sich der Mangel
+an Genie bei &uuml;berwiegendem Verstande. Es ist wahr,
+da&szlig; wir unabh&auml;ngig von der Natur, das hei&szlig;t von Gott,
+werden; unsere Lebensweise wird besser geregelt, und unsere
+Lebensdauer verl&auml;ngert sich; aber was h&uuml;lfe uns selbst die
+Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz vorbehalten:
+er will, da&szlig; wir es ihm opfern, und gibt es uns verj&uuml;ngt
+zur&uuml;ck. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, da&szlig;
+sie auffahren wie Adler. Es geh&ouml;rt allerdings zum Gottvertrauen,
+da&szlig; man Gott kein Ziel setzt. Man kann sehr
+vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden und
+damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann
+schon das F&uuml;r-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr
+verdammt, ein Symptom des Alterns. Gott gibt nur Leben
+und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt Ordnung und
+lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber
+was f&uuml;r ein Leben! Wer wei&szlig;, was Leben hei&szlig;t, findet den
+Preis des Todes nicht zu hoch, obwohl er den Tod am
+gl&uuml;hendsten ha&szlig;t.</p>
+
+<p>Engherzigkeit ist das Merkmal der westeurop&auml;ischen V&ouml;lker.
+Das volle Herz befl&uuml;gelt, und da sie das nicht haben,
+kriechen sie an der Erde, auch wenn sie mit Schiffen die
+Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der Apostel Paulus,
+das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den
+Menschen. Aus der F&uuml;lle des Herzens leben ist das Geheimnis
+des Genies; ein volles Herz ist die Voraussetzung dazu.</p>
+
+<p>Erinnere dich bitte, da&szlig; Luther lehrt, der Glaube komme
+durchs Geh&ouml;r vermittelst der Predigt des Wortes. &bdquo;Mit
+dem Wort nimmt Gott die Herzen.&ldquo; Das Geh&ouml;r ist der
+<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span>Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich
+ist, wei&szlig; ohne weiteres, da&szlig; das Ohr im Herzen
+m&uuml;ndet. In g&ouml;ttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten,
+ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also
+selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; das einzelne Herz mit ihnen verbunden
+sein mu&szlig;. Alle Dichterworte der Menschheit sind das Geistesmeer,
+das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die
+M&uuml;ndungen des Meeres. &bdquo;Ich glaube, darum rede ich&ldquo;,
+hei&szlig;t es in der Bibel. Das Geh&ouml;r nimmt gl&auml;ubig auf, und
+liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich den
+K&ouml;rper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang
+des Herzens sind, werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt
+und Bewegung uns die Art des Herzens am unmittelbarsten
+verraten.</p>
+
+<p>Dem Ohr mu&szlig; man ansehen k&ouml;nnen, ob es mehr weltliches
+oder mehr g&ouml;ttliches Wort auff&auml;ngt oder beides. In
+der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus der sch&ouml;nen
+weiblichen, den der m&auml;nnlich-weltlichen und den beides vereinenden
+festzustellen, innerhalb welcher es nat&uuml;rlich eine
+unendliche Menge pers&ouml;nlicher Abweichungen gibt. Man liebt
+die Ohrmuschel rosig, das hei&szlig;t, da&szlig; das Herz sich schon in
+der Pforte spiegelt; das findet man kaum au&szlig;er bei Kindern
+und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zur&uuml;ckfallen in
+die Tierheit an, die Unf&auml;higkeit, das Wort von Gott &uuml;berhaupt
+noch zu vernehmen.</p>
+
+<p>Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden M&uuml;nder,
+verschiedene R&auml;nder des Rubinkelches, den wir Herz
+nennen. Einen Mund kannte ich einmal, den ich am allerliebsten
+ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe tat,
+frivole, unanst&auml;ndige oder gottlose Geschichten erz&auml;hlte. Ich
+h&ouml;rte nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete
+verzaubert den Mund, der sich mit unbeschreiblicher
+<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span>Anmut wie ein Quellwasser spielend und zwitschernd bewegte.
+Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter,
+w&auml;hrend die schmutzigen Geschichten &uuml;ber ihn hinstr&ouml;mten,
+da&szlig; es mir wie ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit
+einem gewissen Triumph Gott l&auml;sterte, mu&szlig;te ich an einen
+mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen
+hat, w&auml;hrend des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszusto&szlig;en;
+aber weil er im Himmel und dicht bei Gott ist,
+kommt immer nur das Heilig, Heilig von seinen Lippen,
+die so abscheuliche Worte aussto&szlig;en. Dies ist der Kindermund,
+der jenseit von Gut und B&ouml;se ist. Es springen
+Perlen und Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt;
+denn ihm unbewu&szlig;t ist er ein Brunnen Gottes. Der Mund,
+den ich dir eben beschrieb, gleicht dem Shakespeares, wie
+ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.</p>
+
+<p>Dann gibt es den Mund, der gek&auml;mpft hat, bis er vermochte,
+die Tiefe des Herzens auszusprechen, und dann den,
+der &uuml;berhaupt nicht mehr aus dem Herzen sprechen kann.
+Vielleicht ist es ein Papageienmund, der nachplappert, oder
+er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht ist dann
+der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur versch&uuml;ttet
+und kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung
+auf immer abgebrochen, so entsteht der Habsburger
+Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges
+Wasser mehr flie&szlig;t. Er klafft auseinander, wie der Mund
+der Toten tut. &Uuml;ber die Progenie, die Erscheinung, da&szlig;
+die Z&auml;hne des Unterkiefers die des Oberkiefers in frontaler
+Richtung &uuml;berragen, sind wertvolle Studien gemacht worden,
+und man hat bereits bemerkt, da&szlig; diese Erscheinung
+stets mit gewissen anderen Merkmalen zusammenh&auml;ngt, und
+geahnt, da&szlig; sie alle auf eine biologische Ursache zur&uuml;ckzuf&uuml;hren
+sind. Gerade im Anschlu&szlig; an das Habsburger Gesicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span>ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen
+Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert
+hat, da&szlig; auch hervorragende Individuen diese Merkmale
+f&uuml;hren, und deshalb die Auffassung ablehnen zu m&uuml;ssen
+meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, da&szlig; man sich
+&uuml;ber den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist.
+Mit dem Abnormen beginnt ja erst die M&ouml;glichkeit der
+Gr&ouml;&szlig;e; allerdings nur die M&ouml;glichkeit, nicht die Notwendigkeit.
+Es sind viele berufen, aber wenige sind auserw&auml;hlt.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief13" id="brief13"></a><a href="#inhalt">XIII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">I</span>n den Tischreden sagt Luther: &bdquo;Menschen sind dreierlei
+Art. Die ersten sind der gro&szlig;e Haufe, der sicher dahinlebt,
+ohne Gewissen, erkennet seine verderbte Art und Natur
+nicht, f&uuml;hlet Gottes Zorn nicht wider die S&uuml;nde, fraget
+nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz
+erschreckt sind, f&uuml;hlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm,
+k&auml;mpfen und ringen mit Verzweiflung wie Saul. Der
+dritte Haufe ist derer, die ihre S&uuml;nde und Gottes Zorn erkennen
+und f&uuml;hlen, da&szlig; sie in S&uuml;nden empfangen und geboren
+und derhalben ewig verdammt und verloren m&uuml;&szlig;ten
+sein, h&ouml;ren aber die Predigt des Evangelii, da&szlig; Gott die
+S&uuml;nde vergibt aus Gnaden um Christus willen, der f&uuml;r
+uns dem Vater daf&uuml;r genug getan hat, nehmens an und
+glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach
+beweisen sie ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken
+als Fr&uuml;chten, die Gott befohlen hat. Die andern zween
+Haufen gehen dahin.&ldquo;</p>
+
+<p>Der gro&szlig;e Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen,
+die, welche Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus
+diesem gr&ouml;&szlig;ten Haufen wird ein anderer berufen, der von
+der Norm abweicht, also abnorm ist und die M&ouml;glichkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span>hat, &uuml;ber den gro&szlig;en Haufen hinauszuwachsen, der aber
+auch Gefahr l&auml;uft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem
+sind einige auserw&auml;hlt, das zu erreichen, wozu sie berufen
+sind, Fr&uuml;chte zu tragen, die allen &uuml;brigen Leben geben: es
+sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm <span class="greek" title="gen" lang="el">&#947;&#949;&#957;</span> bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserw&auml;hlten,
+Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie
+in der Sprache der Heiligen Schrift auch Gottmenschen
+oder Geistmenschen nennen.</p>
+
+<p>Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen,
+deren Mittelpunkt die Ern&auml;hrungs- und Fortpflanzungsorgane
+sind. Der zweite Haufe sind diejenigen, die angefangen
+haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres Herzens,
+zu h&ouml;ren und nun zwischen der Welt und dem Reich
+Gottes schwanken. Die Geistmenschen sind diejenigen, die
+aus dem Herzen leben, und zwar so, da&szlig; das Herz einen
+&Uuml;berschu&szlig; &uuml;ber das Gehirn hat.</p>
+
+<p>Es hat mir gro&szlig;en Eindruck gemacht, zu sehen, wie
+durchaus aristokratisch das Christentum ist. Man hat so
+viel von dem Volksmann Luther, von dem demokratischen,
+ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums geh&ouml;rt,
+da&szlig; der Blick sich erst freie Bahn machen mu&szlig; f&uuml;r die Wahrheit;
+so wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls
+selbst von der naiven Annahme ausgegangen, alle
+Menschen seien in der Hauptsache so wie er; jeder Schaffende
+tut das, sonst w&uuml;rden ihm Mut und Lust fehlen, sein Herz
+reden zu lassen. Erst allm&auml;hlich kam er zu der Einsicht, da&szlig;,
+wie er sich ausdr&uuml;ckte, Christi Regiment nicht &uuml;ber alle Menschen
+geht, sondern der Christen allezeit am wenigsten sind.
+&bdquo;Und kehre dich nicht an die Menge und gemeinen Brauch&ldquo;,
+sagte er dann, &bdquo;denn es sind wenig Christen auf Erden, da
+zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes
+<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span>denn gemeiner Brauch.&ldquo; Er erinnerte an Tertullians Worte,
+da&szlig; Christus nicht gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern
+ich bin die Wahrheit. W&auml;hrend ihn anfangs der allgemein
+gegen ihn erhobene Vorwurf, da&szlig; er als Einzelner
+der gro&szlig;en katholischen Kirche gegen&uuml;ber recht haben wolle,
+die so lange bestehe und in der so viele gelehrte und weise
+M&auml;nner gelehrt h&auml;tten, sagte er nun: &bdquo;F&uuml;rwahr eine k&ouml;stliche
+Ursache, die man nimmt von der Gr&ouml;&szlig;e und Menge
+wider das klare und lautere Gottes Wort.&ldquo; So kam er zu
+derselben Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpre&szlig;te:
+&bdquo;Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, Da ich dich
+kenne, bin ich fast allein.&ldquo; Unter die &bdquo;Frevelartikel&ldquo;, vor
+denen man sich h&uuml;ten m&uuml;sse, z&auml;hlte Luther die, da&szlig; jeder
+Mensch den Heiligen Geist habe, da&szlig; jeglicher Mensch glaube,
+da&szlig; jegliche Seele das ewige Leben haben werde.</p>
+
+<p>Es ist merkw&uuml;rdig, da&szlig; man bei den meisten Menschen
+anst&ouml;&szlig;t, wenn man von einem gro&szlig;en Manne sagt, er sei
+abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob es normal w&auml;re,
+genial zu sein. Jeder gro&szlig;e Mann ist von der Art abgewichen,
+also entartet; allerdings ist er &uuml;ber die Art emporgestiegen,
+und es w&auml;re insofern richtiger, zu sagen, er sei
+&uuml;berartig. Legt man indessen den Ma&szlig;stab des normalen
+Menschen an ihn, so mu&szlig; man ihn als krank bezeichnen;
+vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger t&uuml;chtig
+ist, Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.</p>
+
+<p>Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erkl&auml;rt
+als diejenigen, die am besten geeignet sind, sich und die Art
+zu erhalten. Sie sind noch ungebrochen; ihr Bewu&szlig;tsein
+ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewu&szlig;tsein entwickelt,
+nur ein blinder Instinkt, der sie &auml;hnlich den Tieren zu
+den erw&auml;hnten Zwecken leitet. Unempf&auml;nglich f&uuml;r geistige
+Gen&uuml;sse, wollen sie nichts anderes, als was f&uuml;r ihr Gedeihen
+<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span>und ihre Fortpflanzung dienlich ist, und darin ersch&ouml;pft
+sich ihr Leben. &bdquo;Sie haben ihren Lohn dahin&ldquo;, sagt
+Christus, und Luther: &bdquo;Sie gehen dahin.&ldquo; Anders ausgedr&uuml;ckt:
+Sie stellen eine fr&uuml;he Entwickelungsstufe dar, die
+von einer h&ouml;heren aufgerollt, mitgenommen und vertreten
+wird.</p>
+
+<p>Von diesem gro&szlig;en Haufen sondern sich diejenigen Individuen
+ab, die nicht mehr vorwiegend t&uuml;chtig zu ihrer Erhaltung
+und zur Erhaltung ihrer Art sind. Ihr Selbst-
+und Gottbewu&szlig;tsein hat sich so weit entwickelt, da&szlig; sie eine
+innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der
+Welt f&uuml;hlen. Sie haben nun zwei Seelen in sich, eine
+g&ouml;ttliche und eine tierische, in der Bibel gew&ouml;hnlich Geist
+und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der Erkenntnis
+gegessen und unterscheiden Gut und B&ouml;se. Die Kluft zwischen
+Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist
+und ihn eigentlich in zwei St&uuml;cke rei&szlig;t, macht ihn f&uuml;r seine
+n&auml;chstliegenden Aufgaben unt&uuml;chtig; er wendet seine Kraft
+auf, die Kluft zu &uuml;berbr&uuml;cken oder zu maskieren. Der Welt,
+dem gro&szlig;en Haufen gegen&uuml;ber ist er der Schw&auml;chere geworden
+und ha&szlig;t und f&uuml;rchtet ihn; zugleich verachtet er ihn,
+weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden
+M&ouml;glichkeiten &uuml;berragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt
+der Erscheinung das Reich des Unsichtbaren aufgetan, das
+Reich des Geistes oder Gottes, und er ist reicher um die
+Anwartschaft darauf, &auml;rmer um die feste, gesicherte Stellung
+in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus
+gekommen, um sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt,
+auf die Welt zu verzichten, um im Reiche des Geistes zu
+herrschen und von dort aus die Welt zu &uuml;berwinden. Nicht
+die S&uuml;nder sind gemeint, die gegen das Gesetz ges&uuml;ndigt
+haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche
+<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span>das S&uuml;ndenbewu&szlig;tsein haben und sich nach Erl&ouml;sung sehnen,
+nach Erl&ouml;sung von der Welt durch den Geist. Da&szlig; Luther
+als Vertreter des zweiten Haufens Saul nennt, den k&ouml;niglichen
+Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung
+klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt n&auml;mlich
+von &bdquo;zwischen Sein&ldquo;, zwischen dem unbewu&szlig;ten und bewu&szlig;ten
+Sein, die im &Uuml;bergang Begriffenen, um welche Gott
+und der Teufel sich streiten. Selbstverst&auml;ndlich sind alle
+Menschen werdend; aber es kann auch ein &Uuml;bergewicht nach
+unten oder nach oben geben, w&auml;hrend bei diesen sich noch
+nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren
+Welt eine Br&uuml;cke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die
+sichtbare zu verlassen, sondern um beide Welten zu verbinden.
+Die Verbindung ist Religion; das Wort kommt
+von <span class="antiqua">ligare</span>, binden. Um den Vorgang m&ouml;glichst zu verdeutlichen,
+m&ouml;chte ich den Sprung hin&uuml;ber und das zur Welt
+zur&uuml;ckgeworfene Band unterscheiden. Der Sprung von der
+sicheren K&uuml;ste der Welt ins Unsichtbare ist der Glaube;
+handelt es sich dann um die &Uuml;berwindung der Welt von
+dem gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren,
+so ist zwar nicht die Kraft selbst ge&auml;ndert, aber doch
+ihre Richtung, und sie hei&szlig;t nun Liebe. Je nachdem der
+Mensch wesentlich kindlich, unbewu&szlig;t, gestaltungskr&auml;ftig ist,
+oder wesentlich pers&ouml;nlich und handelnd, oder wesentlich
+&uuml;berpers&ouml;nlich oder gottbewu&szlig;t, geistig, &uuml;berwindet er die
+Welt als K&uuml;nstler durch Kunstwerke, oder als Held und
+Heiliger durch Taten, oder als Dichter und Weiser durch
+die Wahrheit. K&uuml;nstlerisches, t&auml;tiges und dichterisches
+Schaffen sind verschiedene Auspr&auml;gungen des menschlichen
+Geistes auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie
+oder der vollkommene Christ umfa&szlig;t sie alle; wie er Mann
+und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann und Greis
+<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span>zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen
+den Sprung in das &bdquo;sch&ouml;ne Wunderland&ldquo; nicht: Genies
+sind selten. Es gibt ja kein Schaffen, ohne da&szlig; beides vorhanden
+w&auml;re, Gottbewu&szlig;tsein und Weltbewu&szlig;tsein, Sinnlichkeit
+und Geistigkeit, und es geh&ouml;rt eine au&szlig;erordentlich
+starke G&ouml;tterhaftigkeit dazu, den durstig im sch&ouml;nen Schein
+Schwelgenden aus dieser gl&uuml;cklichen Umarmung zu rei&szlig;en.
+Die meisten zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen
+beider verlustig; nur wer sich f&uuml;r den G&ouml;ttertisch entscheidet,
+kann Ambrosia genie&szlig;en und zugleich am Tische der Welt Gast
+sein. &bdquo;Der Christenmensch&ldquo;, sagt Luther, &bdquo;ist ein allm&auml;chtiger
+Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt g&auml;nzlich ohne alle
+S&uuml;nde.&ldquo; Er besitzt sie n&auml;mlich im Geiste und durch den
+Geist. Beethoven war die Welt der T&ouml;ne, in der er Herrscher
+war, sinnlich entzogen; aber wer bezweifelt, da&szlig; er
+in seinem Geiste eine sch&ouml;nere Musik vernahm als irgendein
+Sterblicher mit gesundem Geh&ouml;r?</p>
+
+<p>Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des
+Neuen Testaments vielfach ausf&uuml;hren. &bdquo;Wir wissen aber,
+so unser irdisches Haus dieser H&uuml;tte zerbrochen wird, da&szlig;
+wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht
+mit H&auml;nden gemacht, das ewig ist, im Himmel.&ldquo; Dieser
+ewige Himmel ist in unserem Herzen, der Geist; wir k&ouml;nnen
+aber nicht Geistmensch werden, bevor nicht unser irdisches
+Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch gebrochen,
+irgendwie ersch&uuml;ttert ist. Wir k&ouml;nnen, sagt Luther,
+den glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den
+gekreuzigten gesehen haben. Das t&auml;gliche Sterben und Auferstehen,
+wovon in den Episteln so oft gesprochen wird, ist
+durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich schwindet der
+Knochen- und Muskelmensch im Ma&szlig;e wie der Nervenmensch
+und endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allm&auml;hliches
+<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span>Verwandeln, bei dem es keinen Leichnam gibt,
+weil die sterbende Form fortw&auml;hrend in einer h&ouml;heren aufgeht
+oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich
+gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit
+vor sich gehen mu&szlig;. Gott entziehe seinen Heiligen, sagt
+Luther einmal, die G&uuml;ter dieser Welt nicht immer in der
+Tat, dann aber im Geiste, so also, da&szlig; sie sie zwar bes&auml;&szlig;en,
+aber kein Gen&uuml;gen mehr in ihnen f&auml;nden. W&auml;re ein Berufener
+zum Beispiel tats&auml;chlich nicht arm, so w&auml;re er doch
+geistig arm oder arm im Geiste; sei es, da&szlig; sein Mitgef&uuml;hl
+mit den Armen ihn seines Reichtums nicht froh werden lie&szlig;e,
+oder da&szlig; Krankheit ihn am Genu&szlig; desselben hinderte, oder
+da&szlig; nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum
+verschaffen kann, ihn befriedigte. Das Entscheidende ist,
+da&szlig; einem die Welt entzogen wird, und da&szlig; dadurch ein
+innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und
+K&ouml;nnen: man hat die Organe f&uuml;r die Welt nicht mehr und
+will die Welt doch nicht loslassen, weil man die Organe f&uuml;r
+das Reich des Geistes noch nicht in der Gewalt hat.</p>
+
+<p>Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die
+Korinther handelt ausf&uuml;hrlich von der Art der Berufenen,
+da&szlig; sie vor der Welt schwach und niedrig sind. &bdquo;Denn es
+stehet geschrieben: ich will zunichte machen die Weisheit der
+Weisen, und den Verstand der Verst&auml;ndigen will ich verwerfen.
+Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten?
+Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser
+Welt zur Torheit gemacht?&hellip; Denen aber, die berufen
+sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum,
+g&ouml;ttliche Kraft und g&ouml;ttliche Weisheit. Denn die g&ouml;ttliche
+Torheit ist weiser, denn die Menschen sind; und die g&ouml;ttliche
+Schwachheit ist st&auml;rker, denn die Menschen sind. Sehet
+an, liebe Br&uuml;der, euren Beruf; nicht viel Weise nach dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span>Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.&ldquo;
+Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als w&auml;ren nur
+schwachk&ouml;pfige oder wenigstens einf&auml;ltige Sklaven und
+Frauen Auserw&auml;hlte. Paulus selbst war ein hochgebildeter
+Mann; das zeigt jedes Wort an, das von ihm erhalten ist,
+auch h&auml;tte er sonst die Griechen und R&ouml;mer nicht so packen
+k&ouml;nnen durch seine Reden. Er stellt nur die g&ouml;ttliche Weisheit,
+die Genialit&auml;t, der blo&szlig;en Schulweisheit und B&uuml;chergelehrsamkeit
+oder der weltlichen Macht und dem weltlichen
+Ansehen gegen&uuml;ber. Da&szlig; die genialen Menschen aller V&ouml;lker
+und Zeiten nicht aus den herrschenden St&auml;nden, sondern
+im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen
+sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die
+meisten sind es geblieben; ebensowenig wie reich und m&auml;chtig
+waren sie gesund. Ich entsinne mich einer Anekdote des
+magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit
+hatte, die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten
+zu sehen, zwischen Neid und Verachtung ausrief: <span class="antiqua">Lengua
+d'un can!</span></p>
+
+<p>Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer
+und christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch
+des Juvenal: <span class="antiqua">Orandum est ut sit mens sana in corpore
+sano</span> den des heiligen Augustinus gegen&uuml;berstellt: Wenn
+wir gesund sind, so w&uuml;tet in uns am meisten die b&ouml;se Begierde.</p>
+
+<p>Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrit&auml;t
+unseres Ich; um an das heranzugelangen, mu&szlig; Gott zuerst
+eine Bresche in den K&ouml;rper schlagen, in den Vorhof,
+der zur Seele f&uuml;hrt. Es ist bekannt, da&szlig; in einer gewissen
+Weichheit der Knochen die M&ouml;glichkeit zur Entwickelung eines
+ger&auml;umigen Sch&auml;dels gegeben ist, in welchem ein gro&szlig;es
+Gehirn Raum hat; woraus nat&uuml;rlich nicht folgt, da&szlig; jeder
+<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span>gro&szlig;e Sch&auml;del und jedes gro&szlig;e Gehirn B&uuml;rgschaft f&uuml;r geistige
+Gr&ouml;&szlig;e gibt. Jedenfalls wirkt das gro&szlig;e Gehirn als Magnet
+auf das Herz und zieht es von seinen &uuml;brigen T&auml;tigkeitsgebieten
+ab, so da&szlig; der K&ouml;rper nicht mehr so gleichm&auml;&szlig;ig
+wie sonst ern&auml;hrt wird. Auch eine gewisse Entartung der
+Geschlechtsdr&uuml;se mu&szlig; beim genialen Menschen vorliegen,
+nicht so, da&szlig; ihre T&auml;tigkeit aufgehoben, sondern da&szlig; sie
+mehr dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit
+oder Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten
+immer zugleich Herzensangelegenheiten sind, wie man
+das in Goethes Leben sehen kann. Der m&auml;nnlichere Schiller
+litt unter rein k&ouml;rperlichen Trieben, die er heroisch &uuml;berwand;
+sein Genie beruhte auf st&auml;rkerer Spannung, das Goethes
+mehr auf nat&uuml;rlicher Harmonie.</p>
+
+<p>Durch die ver&auml;nderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes
+ist das Gleichgewicht im Organismus gest&ouml;rt, der
+&Uuml;bert&auml;tigkeit auf der einen Seite steht Unt&auml;tigkeit und Erschlaffung
+auf der anderen gegen&uuml;ber. Man kann den K&ouml;rper
+als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit
+der Welt verbindet und vor ihr sch&uuml;tzt. Wenn dieser K&ouml;rper
+morsch wird, ist das Herz feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt
+und wird zu st&auml;rkerer T&auml;tigkeit gereizt. Das Genie
+ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne nat&uuml;rlich,
+da&szlig; der einzelne alt w&auml;re, sondern da&szlig; seine Familie
+es ist; er ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist
+es nicht so, da&szlig; die Aufl&ouml;sung bereits eingetreten w&auml;re,
+sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr; der blitzartige Punkt
+zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens und
+dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der gl&uuml;cklichste.</p>
+
+<p>Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz.
+Wenn ich bei dem photographischen Bilde bleiben
+darf, m&ouml;chte ich sagen, da&szlig; bei sehr scharfem Licht die Platte
+<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span>des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird, da&szlig;
+diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen,
+nie ein lebendiges <span class="ins" title="Ganze">Ganzes</span> werden k&ouml;nnen. Manche
+Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind
+mit f&uuml;nfzig Jahren kaum reifer als mit f&uuml;nfzehn; sie haben
+einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr,
+als da&szlig; sie ihn n&uuml;tzen k&ouml;nnten. Die Bausteine sind da, aber
+die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je
+m&uuml;der das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack;
+man f&uuml;hlt, da&szlig; da kein Wort hilft, sondern nur das
+Zustr&ouml;men frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich
+selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem
+Augenblicke, wo Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird,
+mu&szlig; das Ende kommen, denn die Zeit ist mit ihm erf&uuml;llt.
+Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem Spiegelbilde
+sich losrei&szlig;end, oder er bleibt in Selbstanbetung daran
+gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert,
+zur Mumie. Dem Tode ist der Gottmensch geweiht; es fragt
+sich nur, ob er sich selbst oder anderen sterben wird. Dies
+eben ist die Frage, die die G&ouml;tter dem Achilles vorlegten,
+ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle,
+oder Kampf und M&uuml;hsal und fr&uuml;hen Tod, aber unsterblichen
+Ruhm; es war sein Herz, das die Antwort gab. Von
+der Gro&szlig;herzigkeit und Engherzigkeit des Menschen h&auml;ngt
+seine Entscheidung ab.</p>
+
+<p>Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem
+Herzen; darin liegt, da&szlig; geniale Menschen im allgemeinen
+nicht lange leben und nicht durchaus gesund sein k&ouml;nnen.
+Irgendwie mu&szlig; sich ein R&uuml;ckschlag des gesteigerten Lebens
+zeigen. &bdquo;Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.&ldquo; Eines
+der sch&ouml;nsten Gedichte von Goethe, das von einem starken
+Baume handelt, der seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden
+<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>Efeu zu ern&auml;hren, schlie&szlig;t mit den Worten: &bdquo;S&uuml;&szlig;
+ist jede Verschwendung; o la&szlig; mich der sch&ouml;nsten genie&szlig;en!
+Wer sich der Liebe vertraut, h&auml;lt er sein Leben zu Rat?&ldquo;</p>
+
+<p>W&auml;re eine derartige Verschwendung allgemein, so w&uuml;rde
+das menschliche Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist
+deshalb notwendig, da&szlig; der gro&szlig;e Haufe sich von der Selbstsucht
+leiten l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem
+Genie Gott- und Weltbewu&szlig;tsein so sehr im Gleichgewicht
+war. Er hat dadurch das Genie eigentlich weltf&auml;hig gemacht,
+und wenn Christus die Menschen zu G&ouml;ttern machte,
+kann man von Goethe sagen, da&szlig; er sich den Menschen zuliebe
+verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen,
+engherzigen Vaters fing er fr&uuml;h an mit der Neigung zu
+sparen und glich dann einem Ofen, der sein Feuer Tage
+unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade w&auml;rmen konnte.
+Er hat &bdquo;sein volles Herz gewahrt&ldquo;, geschont, und es ist
+dieser Umstand, der gerade den alten Goethe zum Liebling
+unserer gebildeten, wesentlich herzschwachen M&auml;nner macht.
+Luthers m&auml;chtiges, ma&szlig;los &uuml;beranstrengtes Herz erlahmte
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig fr&uuml;h, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend
+wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, da&szlig; ich
+mir selbst zur Last fallen werde. W&auml;hrend seines ganzen
+Lebens hatten Perioden g&auml;nzlicher Ersch&ouml;pfung, wo er sich
+lebend tot f&uuml;hlte, mit den Perioden &uuml;bermenschlicher Schaffenskraft
+gewechselt, &Uuml;bert&auml;tigkeit des Herzens mit Versagen
+des Herzens.</p>
+
+<p>Die Meinung, da&szlig; die Heiden die Lehre von der Berufung
+durch Leiden nicht gekannt oder gar verabscheut h&auml;tten, ist
+&uuml;brigens ganz falsch, wenigstens was die Griechen betrifft,
+deren Weltanschauung vielmehr ganz in die christliche einm&uuml;ndete.
+Eine Stelle bei &Auml;schylus lautet:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span><span class="i0">Weise macht den Erdensohn<br /></span>
+<span class="i0">Gottes F&uuml;hrung und Gebot:<br /></span>
+<span class="i0">Leiden soll dir Lehre sein.<br /></span>
+<span class="i0">Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual<br /></span>
+<span class="i0">Alter Schuld<br /></span>
+<span class="i0">Ihm aufs Herz:<br /></span>
+<span class="i0">Ungewollt<br /></span>
+<span class="i0">Kommt die Weisheit &uuml;ber ihn.<br /></span>
+<span class="i0">Strenge Wege geht mit uns die Gnade,<br /></span>
+<span class="i0">Die am Weltensteuer sitzt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Es ist dieselbe Lehre von der S&uuml;nde, vom Leiden und der
+Gnade, die wir im Neuen Testamente finden. Die Sagen
+von Eros und Psyche und von Prometheus scheinen mir
+keinen anderen Sinn haben zu k&ouml;nnen, als da&szlig; das Leben im
+Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der G&ouml;tter,
+nicht geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden
+mu&szlig;. Das arbeitvolle Leben des Herkules, seinen Feuertod
+und seine Verkl&auml;rung hat man l&auml;ngst mit dem Leben Christus'
+verglichen, und schlie&szlig;lich erlebte ja das ungemein geniale
+Volk der Griechen seinen h&ouml;chsten und letzten Augenblick,
+als es in Christus den unbekannten Gott erkannte.</p>
+
+<p>Die meisten Berufenen scheitern daran, da&szlig; sie nicht k&auml;mpfen
+und leiden wollen. Sie m&ouml;chten wohl Auserw&auml;hlte sein,
+aber, wie Papageno, nicht durch Feuer und Wasser gehen,
+und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die
+Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen
+m&ouml;gen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen,
+und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen
+das Leiden ausweicht; wen Gott auserw&auml;hlt hat, dem zwingt
+er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch
+das Mittel, durch welches er &uuml;berhaupt im Menschen wirkt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span>n&auml;mlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst
+angeh&ouml;rt, macht jeder sich sein Schicksal selbst.</p>
+
+<p>Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht
+getreu sind, sondern begehrlich nach den Kronen der Welt
+blicken. Sie bleiben entweder unfruchtbar und voller Unruhe
+zwischen den beiden Welten hangen, oder sie werden
+in der st&auml;rkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des
+Geistes zur&uuml;ckwagen, zertreten. Gott ist <span class="antiqua"><span class="ins" title="consumans">consumens</span> et abbrevians</span>,
+aufzehrend und abk&uuml;rzend: auf Unz&auml;hlige, die dahingehen,
+kommen einzelne Lebendige. Das Ziel, welches
+diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die Schaffenskraft.
+Die Auserw&auml;hlten sind, wie schon gesagt, die Genies
+oder die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes,
+und Gottes Wesen ist Schaffen. Luthers qu&auml;lende Frage:
+Wie bekomme ich einen gn&auml;digen Gott? l&auml;&szlig;t sich in die
+Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen
+wird das Leiden &uuml;berwunden, und wenn das Leiden das
+Siegel der Berufung ist, so siegelt der &Uuml;berwinder mit
+Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu verstehen,
+als ob nur gro&szlig;e K&uuml;nstler, Helden oder Dichter und Weise
+selig werden k&ouml;nnten: jedes volle Herz ist t&auml;tig, arbeitet,
+und ist arbeitend selig. Das Genie im engeren Sinne aber
+lebt nicht nur, sondern erlebt, erinnert sein Leben im Spiegel
+des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat oder Wort.
+Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte
+Herzt&auml;tigkeit m&ouml;glich wird, nennt man Schaffen; aber selig
+macht auch das einfache Leben, das im Wirken besteht.</p>
+
+<p>Eines der gr&ouml;&szlig;ten Genies der Welt war jedenfalls Paulus.
+Der R&ouml;mer Festus begriff gut, mit wem er es zu tun
+hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du rasest; deine gro&szlig;e
+Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares
+Wort vom Auge des Dichters, das im s&uuml;&szlig;en Wahnsinn
+<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span>rollt. Auffallend finde ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillk&uuml;rliche
+Sympathie und Hochachtung gerade einzelne
+R&ouml;mer f&uuml;r Christus wie f&uuml;r Paulus zeigten. Als dem &auml;hnliches
+erscheint mir die gute Aufnahme, die England den
+ausl&auml;ndischen Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk
+huldigt den Herrschern im Reiche des Geistes, das es ihnen
+g&ouml;nnt. Die h&auml;ufigen Schilderungen von der Seligkeit des
+geistig Schaffenden rauschen mit st&uuml;rmender Gewalt durch
+die B&uuml;cher des Neuen Testaments wie die von der Kraft
+der Gl&auml;ubigen durch die des Alten. Im Alten Testamente
+schafft Gott in dem passiv hingegebenen Menschen, im Neuen
+ist der Mensch selbst Gott geworden. &bdquo;Das kein Auge gesehen
+hat und kein Ohr geh&ouml;ret hat und in keines Menschen
+Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn
+lieben&ldquo;; diese &uuml;berschwengliche Herrlichkeit, sollte sie einem
+tugendhaften B&uuml;rger, einem katholischen oder protestantischen
+Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr &bdquo;die
+Verf&uuml;hrer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch
+bekannt; die Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gez&uuml;chtigten
+und doch nicht ert&ouml;tet; die Traurigen, aber allezeit
+fr&ouml;hlich; die Armen, aber die doch viele reich machen; die
+nichts innehaben und doch alles haben&ldquo;. Die &bdquo;ewige und
+&uuml;ber alle Ma&szlig;en wichtige Herrlichkeit&ldquo; geh&ouml;rt denen, &bdquo;die
+nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare&ldquo;,
+n&auml;mlich auf den Geist. &bdquo;Schulgez&auml;nke solcher Menschen,
+die zerr&uuml;ttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind,
+die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe&ldquo;, das verschafft
+wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.</p>
+
+<p>Wenn man nicht das Wort &bdquo;geistlich&ldquo; beibehalten h&auml;tte,
+das Luther f&uuml;r geistig gebrauchte, w&uuml;rde sich vielleicht der
+mit etwas Selbstgef&auml;lligkeit, Salbung und Tugendseligkeit
+so sch&auml;dlich verquickte Begriff des &bdquo;Geistlichen&ldquo; gar nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span>herausgebildet haben. Wenn Luther &bdquo;geistlich&ldquo; sagte oder
+schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was
+wir bei dem Worte &bdquo;geistig&ldquo; denken und empfinden. Diejenigen,
+die den geistigen, den innerlichen, unverweslichen
+Leib in dem nat&uuml;rlichen, verweslichen tragen, die k&ouml;nnen
+wie Paulus in das Paradies entr&uuml;ckt werden und unaussprechliche
+Worte h&ouml;ren, die kein Mensch sagen kann.</p>
+
+<p>F&uuml;r unsere Zeit ist es charakteristisch, da&szlig; es keine Genies
+gibt. Sowohl die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens
+wie die nichtamtlichen, die sichtbare Kirche nicht nur, sondern
+auch die unsichtbare, wollen entweder abgesonderte Winkelprediger
+oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen
+und wirkt beinahe komisch, da&szlig; sie mit einer Art Entr&uuml;stung,
+als w&auml;re es etwas Schimpfliches, die Genialit&auml;t ablehnen,
+weil sie an die M&ouml;glichkeit einer echten nicht glauben. Vor
+allen Dingen wollen sie gut leben und Ansehen in der Welt
+haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie
+ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine gro&szlig;e
+Berufung anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug
+ist, da&szlig; die der g&ouml;ttlichen Stimmen ungewohnten Ohren
+sie vernehmen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wenn ich von deiner schwerm&uuml;tigen Sch&ouml;nheit wegblicke
+zum Fenster, so sehe ich das durchsichtige Gewimmel der
+Sterne, das unsere Erde wie eine Gloriole umgibt. Die Erde
+kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem &auml;u&szlig;ersten
+Rande in leuchtende K&ouml;rper aufgel&ouml;st, die in goldenen
+Ringen tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen,
+eine Br&uuml;cke der Gl&auml;ubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief14" id="brief14"></a><a href="#inhalt">XIV</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">S</span>olltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der
+Menschheit zu zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere
+<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span>Luthers Streit mit Zwingli &uuml;ber das Abendmahl und tr&ouml;ste
+dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach seinem
+Tode begeisterte Anh&auml;nger gefunden; aber wo er am gl&uuml;hendsten
+f&uuml;hlte, am tiefsten dachte, am gr&ouml;&szlig;ten handelte, da hat
+ihn niemand verstanden. Man begriff, da&szlig; Zeremonien
+ohne Glauben keinen Wert vor Gott haben; aber da&szlig; Handeln,
+auch das edelste, ohne Glauben auch ung&ouml;ttlich ist,
+das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare
+Kirche, aber einen Kult wollte man nicht, au&szlig;er einem
+solchen, der mit dem Verstande zu begreifen w&auml;re, mit Gott
+also gar nichts zu tun h&auml;tte. Luther wollte jeden Kult abschaffen,
+den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte
+er Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte
+ihn heftig; denjenigen wollte er heilig bewahrt
+wissen, den Gott geboten hat, oder, was dasselbe ist, der
+mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen flie&szlig;t. Die Richtung
+des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des
+Selbstbewu&szlig;tseins, des Verstandes, der &auml;u&szlig;eren Welt; man
+wollte durchaus keinen Gott haben, der, in der &auml;u&szlig;eren
+Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei
+Seiten her gefordert h&auml;tte. Als Luther denjenigen Kult
+einf&uuml;hren wollte, den Gott geboten hat und der aus dem
+Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt, bewunderten
+sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen &Auml;rgernis
+daran, da&szlig; er, wie sie es nur auffassen konnten, sich
+pl&ouml;tzlich als Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und
+Sinnen lebende Mensch wird stets von denen verkannt und
+geha&szlig;t werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.</p>
+
+<p>Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was
+unsere Augen aber nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden
+unter dem Unsichtbaren das, was nicht ist, wovon aber
+unklare Mystiker tr&auml;umen. Sie verbannten das Unsichtbare
+<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span>in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das hei&szlig;t eigentlich
+nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl
+Christus unmi&szlig;verst&auml;ndlich gelehrt hat, da&szlig; der Himmel in
+unserem Inneren, da&szlig; er menschlicher Geist ist. Indem
+Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte Luther, machte
+er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des
+Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden.
+Dieser monistischen Weltanschauung war die Zeit Luthers
+nicht zug&auml;nglich, die, nachdem in einem genialen Augenblick
+Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren,
+&uuml;berm&auml;chtig zum Materialismus hindr&auml;ngte. Der Standpunkt
+Zwinglis, da&szlig; man, wie er sich ausdr&uuml;ckte, die beiden
+Naturen, n&auml;mlich Geist und Stoff, nicht vermischen d&uuml;rfe,
+wurde auch von den Katholiken geteilt, nur da&szlig; sie sich
+nicht, wie die Reformation, auf den blo&szlig;en Geist, sondern
+auf den blo&szlig;en Stoff st&uuml;tzten. Sie waren Heiden ohne
+die kindliche Blindheit der vorchristlichen Heiden. Auch
+die heutigen lutherischen Theologen sprechen von Luthers
+Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer
+liebensw&uuml;rdigen Schw&auml;che, die man einem &uuml;brigens vern&uuml;nftigen
+Menschen hingehen l&auml;&szlig;t. Da&szlig; Gott der Geist
+wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit dem Sichtbaren,
+scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und
+Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.</p>
+
+<p>Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind,
+bezeichnet Luther die Taufe und das Abendmahl. Die Taufe
+bedeutet das Sterben des Naturmenschen und Auferstehen
+des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des Menschen,
+die sein Leben lang w&auml;hren und mit seinem Tode
+vollendet sein soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur
+eine bildliche Handlung sein, sondern sie soll diesen Werdegang
+der Wiedergeburt im Geiste tats&auml;chlich einleiten, indem
+<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span>in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn
+des g&ouml;ttlichen Wortes f&auml;llt. Das Wort ist, wie du wei&szlig;t,
+die h&ouml;chste Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen
+Menschen an das Unverwesliche, oder es heiligt ihn;
+mit den Worten der Taufe nimmt die Heiligung ihren Anfang.
+Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe <span class="antiqua">flaminis
+et sanguinis</span>, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines
+begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die
+Wiedert&auml;ufer, da&szlig; die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen
+werden, da das neugeborene Kind das Wort noch
+nicht vernehmen k&ouml;nne; ein Irrtum, den Luther selbst durchgek&auml;mpft
+hat. Er wandte dagegen anfangs ein, da&szlig; der
+Glaube der erwachsenen Paten f&uuml;r den noch unentwickelten
+Glauben des Kindes eintreten k&ouml;nne; sp&auml;ter erst ging ihm
+die gro&szlig;artige Erkenntnis des unbewu&szlig;ten Glaubens auf,
+wie er es nannte. Er begriff, da&szlig; der Glaube ein Nichtwollen,
+ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegen&uuml;ber
+ist, und da&szlig; gerade das unbewu&szlig;te Kind geeignet sein
+mu&szlig;, von Gott ergriffen zu werden.</p>
+
+<p>Neuerdings hat man Beobachtungen dar&uuml;ber angestellt,
+da&szlig; Worte, die in Gegenwart von fest schlafenden Kindern
+gesprochen werden, obwohl nicht mit Bewu&szlig;tsein, doch von
+ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken k&ouml;nnen;
+gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen,
+der ihn hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewu&szlig;tsein
+h&ouml;rt. Ich habe an mir selbst erfahren, da&szlig; in der Kindheit
+vernommene Worte, die ich nicht verstand, die mich nur
+durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir festsetzten und in
+mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele daf&uuml;r
+in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewu&szlig;t
+ges&auml;t und unbewu&szlig;t empfangen wird; sie schlummern im
+Stoffe, aus dem das Herz sie hervorgl&uuml;hen kann, damit
+<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span>sie Frucht tragen. Auf der Annahme, da&szlig; Kraft auch
+da wirken kann, wo sie unbewu&szlig;t empfangen wird, beruht
+der Segen, den Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden
+Kindern erteilen; Worte sind die st&auml;rkste Kraft, die
+es gibt.</p>
+
+<p>Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der
+Taufe zugute gekommen, da&szlig; es mit unbewu&szlig;ten Kindern
+umgehe, deshalb lasse man es so ziemlich undisputiert. In
+der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, da&szlig; die Taufe
+anders k&ouml;nnte aufgefa&szlig;t werden als eine symbolische Handlung,
+sah deshalb keinen Grund ein, sie abzu&auml;ndern, und
+bewirkte, da&szlig; die Wiedert&auml;ufer in Z&uuml;rich mit dem Tode bestraft
+wurden. Luther, der Irrende nur durch das Wort
+bek&auml;mpft wissen wollte, begn&uuml;gte sich damit, sie auszuweisen.</p>
+
+<p>Ganz anders verh&auml;lt es sich mit dem Abendmahl, das
+im Mittelpunkte des Kults steht und den Erwachsenen dargeboten
+wird. Da&szlig; im Stoff Geist, da&szlig; der Stoff geistvoll
+sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes gelehrt,
+indem sie sagten, Gott erf&uuml;lle Himmel und Erde;
+Christus setzte hinzu, da&szlig; der Himmel das Herz des Menschen
+sei. Anders ausgedr&uuml;ckt: die Propheten lehrten, da&szlig;
+Gott das Herz der Welt sei, Christus, da&szlig; das Herz der
+Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der
+Welt im Selbstbewu&szlig;tsein des Menschen. Der Name Testament
+schon deutet an, da&szlig; es sich um eine Vergabung handelt:
+der Gottmensch, dessen Seele sterben wird, teilt sein
+Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm
+ge&ouml;ffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte
+der Einsetzung sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib.
+Trinket alle daraus, das ist mein Blut, welches vergossen
+wird f&uuml;r viele zur Vergebung der S&uuml;nden. Vorbereitet hatte
+Christus selbst das Testament durch seine Erkl&auml;rung im
+<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span>6.&nbsp;Kapitel des Johannes-Evangeliums, da&szlig; er das Brot
+des Lebens sei, welches er ausdr&uuml;cklich als Himmelsbrot,
+also eine geistige Speise, der verg&auml;nglichen Speise gegen&uuml;berstellte.</p>
+
+<p>Hieronymus hat das Abendmahl <span class="antiqua">invisibilis gratiae visibilis
+forma</span> genannt, die sichtbare Form der unsichtbaren
+Gnade, das ist also der im Stoff erscheinende Geist. Der
+heilige Augustinus erkl&auml;rte es mit den Worten: <span class="antiqua">Accedit
+verbum ad elementum et fit sacramentum</span>, Das Wort zum
+Element oder Geist zur Natur, und das Wunder geschieht.
+Wenn ich Wunder &uuml;bersetze, so ist es n&ouml;tig zu betonen,
+da&szlig; statt Sakrament im Griechischen <span class="greek" title="myst&ecirc;rion" lang="el">&#956;&#965;&#963;&#964;&#951;&#961;&#953;&#959;&#957;</span>, Geheimnis
+steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse.
+Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis,
+da&szlig; in der Seele, im Ich, der Stoff zugleich Geist ist, und
+weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht machen k&ouml;nnen,
+scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode
+wird unser K&ouml;rper wieder eins mit der ewigen Substanz,
+unser Geist, sei es in Form, Tat oder Wort oder im
+Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein sind Stoff:
+wenn der Blitz des Wortes sie entz&uuml;ndet, ergl&uuml;hen sie zu
+Geist. Da&szlig; Christus das Brot w&auml;hlte, geschah, weil das
+Samenkorn die st&auml;rkste Verdichtung des Stoffes ist wie
+das Wort die st&auml;rkste Verdichtung des Geistes; Brot ist die
+nat&uuml;rliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das Getr&auml;nk,
+das am st&auml;rksten ins Blut geht, wie man volkst&uuml;mlich
+sagt; das Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das
+gegebene Bild f&uuml;r das Feuerwasser, das aus dem Herzen
+des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und Blut lebte
+nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, g&auml;ren und gl&uuml;hen
+machte; das Erl&ouml;schen der Seele ist der Tod. Wer sich
+dessen bewu&szlig;t ist, dem kann jede Speise eine Geistesspeise
+<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span>sein; davon aber unterscheidet sich das Abendmahl dadurch,
+da&szlig; es von der gl&auml;ubigen Gemeinde genommen wird. Luther
+beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob
+einer sich das Abendmahl unter Umst&auml;nden allein d&uuml;rfe
+reichen lassen, abschl&auml;gig; Gott ist ja Person nur im Menschen,
+und die Verbindung mit Gott mu&szlig; durch die Verbindung
+mit der Menschheit geschehen. Absonderung von
+den Menschen w&auml;re zugleich Absonderung von Gott, also
+w&auml;re das Abendmahl von einem Einzelnen genommen ein
+Widerspruch in sich selbst und eigentlich ung&ouml;ttlich. Dem
+Wissenden f&uuml;r sich allein ist ja selbstverst&auml;ndlich das Abendmahl
+nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert,
+so tritt das Wort des Augustinus in Kraft: <span class="antiqua">crede et manducasti</span>,
+glaube, so hast du gegessen; als gemeinsames Mahl
+macht es die durch den K&ouml;rper Gesonderten im Geiste eins.</p>
+
+<p>Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung:
+er dachte, Christus, ein edler, vorbildlicher Mensch, habe
+seine J&uuml;nger ermahnt, seiner nach seinem Tode zu gedenken,
+und ebenso sollten es k&uuml;nftig die Gl&auml;ubigen halten,
+wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten.
+Die katholische Kirche wollte im Sakrament den
+Opfertod Christi wiederholen und sich durch den richtigen
+Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso wie
+Zwingli, machte ein Werk, eine Selbstt&auml;tigkeit des Menschen
+daraus. Luther verstand die Sakramentshandlungen als
+Austeilungen g&ouml;ttlicher Kraft, bei denen die Menschen die
+Empfangenden sind.</p>
+
+<p>Eines der haupts&auml;chlichen Argumente Zwinglis gegen
+Luthers Auffassung, Christi Fleisch und Blut sei im Brot
+und Wein, war, da&szlig; Christus zur rechten Hand Gottes
+sitze, also nicht im Brot und Wein sein k&ouml;nne. Man sollte
+meinen, eine so grobe Unf&auml;higkeit, das G&ouml;ttliche zu erfassen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span>springe jedem in die Augen. Sie veranla&szlig;te Luther zu einer
+hinrei&szlig;enden Schrift &uuml;ber die Allgegenw&auml;rtigkeit Gottes,
+die, von g&ouml;ttlichem Geist durchdrungen, dem milden Tadel
+der lutherischen Theologen nie entgeht. Die meisten w&uuml;nschen,
+er m&ouml;chte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl
+sie recht h&uuml;bsche Bilder enthalte. Wer, au&szlig;er etwa Shakespeare
+oder Dante, hat solche Bilder schaffen k&ouml;nnen? Luther
+sagt selbst einmal, man hasse ihn, weil er nicht nur die
+Wahrheit sagte, sondern auch sagte, da&szlig; er sie sagte. H&auml;tte
+er sich Dichter genannt, so h&auml;tte man ihn verg&ouml;ttert.</p>
+
+<p>Begreiflicherweise mu&szlig;te Luther &uuml;ber Zwinglis &bdquo;Gaukelhimmel&ldquo;
+lachen, &bdquo;darin ein goldener Stuhl stehe und Christus
+neben dem Vater sitze in einer Chorkappe und goldenen
+Krone, gleichwie es die Maler malen&ldquo;. Daneben aber bem&uuml;hte
+er sich ernstlich zu erkl&auml;ren, da&szlig; die allm&auml;chtige Gewalt
+Gottes zugleich nirgends und an allen Orten sein m&uuml;sse;
+da&szlig; alles, was an einem Orte sei, an diesem Orte beschlossen
+sein m&uuml;sse, welcher &ouml;rtlichen Gebundenheit Gott doch nicht
+unterliegen k&ouml;nne, der vielmehr &uuml;ber Raum und Zeit sein
+m&uuml;sse. Doch mu&szlig; er &bdquo;an allen Orten wesentlich und gegenw&auml;rtig
+sein, auch in dem geringsten Baumblatt&ldquo;. &bdquo;Darum
+mu&szlig; er ja in einer jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten,
+Auswendigsten, um und um, durch und durch, unten und
+oben, vorn und hinten selbst da sein, da&szlig; nichts Gegenw&auml;rtigeres
+noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen,
+denn Gott selbst mit seiner Gewalt.&ldquo; Er f&uuml;hrt die majest&auml;tischen
+Bibelworte an: &bdquo;Bin ich nicht ein Gott, der nahe
+ist, und nicht ein Gott, der ferne ist? Erf&uuml;lle ich nicht
+Himmel und Erde?&ldquo; Er macht klar, da&szlig; Gott unbeweglich
+und unver&auml;nderlich ist, da&szlig; er nicht hin und her fahre wie
+die Kreatur, da&szlig; er deshalb an allen Orten bereits da ist,
+also auch im Brot und Wein, und da&szlig; es sich nur ums
+<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span>Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben.
+&bdquo;Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenw&auml;rtigkeit und
+deinem Greifen, er ist frei und ungebunden allenthalben,
+wo er ist, und mu&szlig; nicht da stehen als ein Bube am Pranger.&ldquo;
+Um die <span class="antiqua">penetratio corporum</span> verst&auml;ndlich zu machen, da&szlig; ein
+Leib in einem anderen sein k&ouml;nne, gebraucht Luther das
+sch&ouml;ne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchgl&uuml;ht wird;
+so durchgl&uuml;ht Gott Brot und Wein, wenn wir es glaubend
+empfangen.</p>
+
+<p>&Uuml;bereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der
+im Himmel zur Rechten Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer,
+man setze Gott herab, wenn man glaube, er werde mit den
+Z&auml;hnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie blickten hochm&uuml;tig
+auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im
+Geist und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther
+vor, da&szlig; Christi Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch,
+Geistfleisch sei. &bdquo;Wird Christi Fleisch gegessen, so
+wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein geistliches
+Fleisch und l&auml;&szlig;t sich nicht verwandeln, sondern verwandelt
+und gibt den Geist dem, der es i&szlig;t.&ldquo; F&uuml;r Luther, der
+wu&szlig;te, da&szlig; Gott lauter Aktivit&auml;t und Produktivit&auml;t ist,
+war die Vorstellung, da&szlig; er mit den Z&auml;hnen k&ouml;nnte zerbissen
+werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch gr&ouml;&szlig;ere Probe
+von naiv-weltlicher Gesinnung gab &Ouml;kolampad, indem er
+fragte, was Christi Leib im Abendmahl, falls er darin sein
+k&ouml;nnte, n&uuml;tze sei? Es war nicht allzu gro&szlig;e Leidenschaftlichkeit
+oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte
+Antworten gab, es war vielmehr &uuml;berfl&uuml;ssige G&uuml;te, da&szlig; er
+sich auf einen aussichtslosen Kampf mit Gegnern einlie&szlig;,
+die das Problem nicht einmal richtig stellen konnten, um das
+gestritten wurde.</p>
+
+<p>Zwingli sagte, man m&uuml;sse bei der alten rechten Theologie
+<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span>bleiben, wonach die beiden Naturen &ndash; n&auml;mlich die g&ouml;ttliche
+und menschliche in Christus &ndash; nicht vermischt werden d&uuml;rfen.
+Demnach glaubte Zwingli gar nicht, da&szlig; Christus Gottmensch
+war, da&szlig; Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein
+Christ, sondern ein Sch&uuml;ler des Aristoteles, der wohl an
+einen Gott glaubte, aber an einen Gott au&szlig;erhalb der
+Menschheit.</p>
+
+<p>Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter
+Meinung sein soll, ein Bauer, besser gesagt, ein
+einfacher Weltmensch. Er war noch ungebrochen, es war
+noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem
+Selbstbewu&szlig;tsein und seinem Weltbewu&szlig;tsein, zwischen
+Wollen und K&ouml;nnen, und weil noch keine Spaltung da
+war, konnte auch noch keine Religion, kein Band, da sein.
+Ich las neulich einen sch&ouml;nen Vers von Dehmel auf dem
+Kalender:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Immer wieder, wenn wir sinnen,<br /></span>
+<span class="i0">St&uuml;rzt die Welt in wilde St&uuml;cke,<br /></span>
+<span class="i0">Immer wieder, still von innen,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;gen wir die sch&ouml;ne Br&uuml;cke.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Zwingli war seine &auml;u&szlig;ere Welt noch nicht in St&uuml;cke geschlagen,
+und so war auch noch kein Anla&szlig; gewesen, die
+sch&ouml;ne Br&uuml;cke des Glaubens &uuml;ber die Kluft zu werfen.
+Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller
+Grunds&auml;tze, war er moralisch und hielt seine Moral f&uuml;r die
+einzig m&ouml;gliche, wahre Religion. Er war Gegner der katholischen
+Kirche als gegen die Maske der Religion und
+Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der
+Religion; die Katholiken hielt er f&uuml;r ganze Heuchler, Luther
+f&uuml;r einen halben, und auf beide sah er von der H&ouml;he seines
+g&auml;nzlichen Nichtverstehens herab. F&uuml;r ihn gab es keinen
+Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot ist, sondern
+<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span>nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen
+abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den
+Athenern das Wesen Gottes erkl&auml;ren wollte, erinnerte er
+sie daran, da&szlig; einer ihrer Dichter gesagt habe: Wir sind
+seines Geschlechts. Jene Sp&auml;tgriechen konnten das verstehen;
+Zwingli stand noch auf einer fr&uuml;heren Stufe der
+Entwickelung, wo er Gott noch nicht erlebt hatte. Indessen
+scheint es fast, als habe er die ersten tragischen Schritte auf
+dem gro&szlig;en Wege noch getan. Er wird als ein frischer,
+freundlicher, tatkr&auml;ftiger, zugreifender Mensch geschildert;
+so fa&szlig;te auch Luther ihn auf; &bdquo;aber doch so gar verd&uuml;stert
+und traurig danach geworden&ldquo;. Da die Ereignisse ihm
+zeigten, da&szlig; er nicht alles konnte, was er wollte, begann seine
+Weltanschauung sich zu &auml;ndern. Ein Wort von ihm wenigstens
+ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen:
+&bdquo;Herr, nun heb den Wagen selbst&ldquo;, der Anfang seines bekannten
+Gedichtes. Es ist der Aufschrei eines Menschen,
+der stets selbst gestrebt und gesorgt hat, ohne g&ouml;ttliche Kraft
+aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt,
+da&szlig; er &uuml;ber seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch
+gro&szlig;deutsch, wenn ich diesen Ausdruck f&uuml;r jene Zeit gebrauchen
+darf; sein K&ouml;nnen war schon schweizerisch beengt.
+Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen vorgedeutet:
+da&szlig; sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der g&ouml;ttlichen ausbildeten.
+Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem
+F&uuml;rsichsein, in ihrer Pers&ouml;nlichkeit; die Kraft mu&szlig;te in ihrem
+von einem gr&ouml;&szlig;eren Ganzen abgesonderten Dasein schwinden.
+So wenig sich der Deutsche mit der eindrucksvollen, selbstbewu&szlig;ten
+Pers&ouml;nlichkeit, der Sittlichkeit und Selbstbeherrschung
+des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz
+an Ideenf&uuml;lle, an sch&ouml;pferischer Kraft Deutschland nach.
+Die gro&szlig;en schweizerischen K&uuml;nstler haben deshalb ihre
+<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span>Kraft in einem Vaterlande ihrer Wahl bet&auml;tigt; die Schweiz
+ist f&uuml;r die besten ihrer S&ouml;hne da, um, wenn die sch&ouml;pferische
+Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.</p>
+
+<p>Luther hat sich aufs &auml;u&szlig;erste bem&uuml;ht, Zwingli die Wahrheit
+zu erkl&auml;ren; aber da Luther von g&ouml;ttlichen, Zwingli
+von weltlichen Dingen redete, konnte Luther wohl Zwinglis
+Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers h&ouml;heren Standpunkt.
+Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen.
+&Uuml;brigens hat Luther Zwingli so weit beeinflu&szlig;t, vielleicht
+im Verein mit seiner Pers&ouml;nlichkeit, da&szlig; er zugab, das Abendmahl
+sei nicht nur eine Ged&auml;chtnisfeier, sondern Christi
+Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend, nur formulierte
+er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei
+genommen. Sp&auml;ter erneuerte sich der Streit, indem die
+Anh&auml;nger des verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur
+f&uuml;r den Gl&auml;ubigen, nicht f&uuml;r den Ungl&auml;ubigen da. Hier
+widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin naheliegende
+Mi&szlig;verst&auml;ndnis entstehen konnte, als h&auml;nge der Geist vom
+Glauben ab, als mache ihn der Glaube, w&auml;hrend doch umgekehrt
+Gott den Glauben gibt; indessen einigte man sich
+durch Luthers Nachgiebigkeit auf eine beiden Teilen gen&uuml;gende
+Formel, obwohl der prophetische Mann wohl erkannte,
+da&szlig; die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht
+um ein Wesentliches stritten.</p>
+
+<p>Es ist nach meiner Ansicht einer der gr&ouml;&szlig;ten Augenblicke
+in der Geschichte der Entwickelung des menschlichen Geistes,
+als Luther in Marburg vor dem Tisch sa&szlig;, auf den er mit
+Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist; allein mit Gott
+gegen die H&auml;upter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer
+seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel
+nur aus Langeweile hingemalt. O Himmel! Seine sch&ouml;ne
+kindliche Sinnlichkeit hatte das Bed&uuml;rfnis, das Wort, das
+<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>ihn leitete und von dem man ihn losrei&szlig;en wollte, wie
+einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles,
+was ihm das Festhalten erschwerte. Die politische R&uuml;cksicht
+auf den hessischen Landgrafen, den f&uuml;r sich zu gewinnen nicht
+unwichtig war, kam doch erst in zweiter Linie; aber sein
+liebevolles Herz dr&auml;ngte zu einer Verst&auml;ndigung mit Zwingli,
+sowie er bei pers&ouml;nlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und
+T&uuml;chtigkeit f&uuml;hlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete,
+treu bei der Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl
+allerdings sicherlich das un&uuml;berwindliche Nichtverstehen
+der Gegner. Es w&auml;re anders gewesen, wenn es sich
+um etwas Nebens&auml;chliches gehandelt h&auml;tte; aber da&szlig; M&auml;nner,
+die sich F&uuml;hrer der Christen nannten, nicht ahnten,
+was den Kern des Christentums ausmacht, und dabei auf ihn,
+den Gl&auml;ubigen und Wissenden, bald hochm&uuml;tig herabsahen,
+bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das mu&szlig; unendlich
+schwer zu ertragen gewesen sein.</p>
+
+<p>Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren
+Ri&szlig;, welcher durch die Welt und auch durch ihn ging,
+noch einmal heilend verbinden, sich und die Welt noch einmal
+ganz machen wollte!</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief15" id="brief15"></a><a href="#inhalt">XV</a></h2>
+
+
+<p>&bdquo;<span class="initial">I</span>n allen guten K&uuml;nsten und Kreaturen findet und sieht
+man abgedruckt fein die heilige g&ouml;ttliche Dreifaltigkeit.&ldquo;
+Jedes Kunstwerk mu&szlig; wie jeder lebendige Mensch die drei
+Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das gilt
+wenigstens f&uuml;r die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen
+Gott glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst
+wurde die Kraft unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt
+das f&uuml;r die bildende Kunst sowohl wie f&uuml;r die Dichtung.
+In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist, und das
+<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span>kann nur mittelbar geschehen durch die Pers&ouml;nlichkeit. Sie
+hat Natur und Geist gespalten und mu&szlig; sie wieder vereinigen;
+die Pers&ouml;nlichkeit pr&auml;gt den Geist der Erscheinung
+ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie sie pers&ouml;nlich. Die
+Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, da&szlig;
+es in jedem Atom durchgeistigt, pers&ouml;nlich geworden ist.
+Mit unbefangener Fr&ouml;hlichkeit stellte Luther fest, da&szlig; keines
+seiner Worte zu verkennen sei, da&szlig; man jedem unwidersprechlich
+anmerke: das ist der Luther. So gibt es auch
+Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das
+ist der Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt
+es in der nachchristlichen Kunst nicht nur auf die Kraft an,
+die nat&uuml;rlich vorhanden sein mu&szlig;, sondern ebensosehr auf
+die Pers&ouml;nlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einpr&auml;gt.
+Die Pers&ouml;nlichkeit mu&szlig; von hervorstechender Eigenart, zugleich
+aber m&ouml;glichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr
+Kraft sie vertritt. Es ist die merkw&uuml;rdigste Sache von der
+Welt, da&szlig; die heutigen K&uuml;nstler sich plagen, nicht um sich
+m&ouml;glichst vielen verst&auml;ndlich, sondern um sich m&ouml;glichst vielen
+unverst&auml;ndlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein
+Buch an, das seiner Art nach nicht f&uuml;r eine allgemeine Verbreitung
+bestimmt sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser
+nicht gew&uuml;nscht werde. Gut, aber warum beh&auml;lt er es dann
+nicht ganz f&uuml;r sich oder liest es vielleicht einigen Freunden
+vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die sich
+f&uuml;r viele ausdr&uuml;ckt; dagegen leben die K&uuml;nstler, die sich bem&uuml;hen,
+f&uuml;r wenige verst&auml;ndlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch
+eine Pers&ouml;nlichkeit zu werden. Die Absonderung geschieht
+von selbst, das hei&szlig;t: die Natur verdichtet Individuen
+durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf Erweiterung
+gerichtet sein. Weil keine Pers&ouml;nlichkeit mehr den
+Wunsch hat, Millionen zu umschlingen, kommt auch kein
+<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span>millionenfaches Echo; allerdings, w&auml;re Kraft vorhanden,
+w&uuml;rde auch der Wunsch nicht fehlen.</p>
+
+<p>Luther lobte einen j&uuml;ngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit,
+Bildung und was wei&szlig; ich sonst f&uuml;r Vorz&uuml;ge;
+predigen aber, setzte er hinzu, k&ouml;nne er, Luther, doch besser.
+Der j&uuml;ngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, da&szlig; dies
+selbstverst&auml;ndlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine
+es vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige
+n&auml;mlich deshalb besser, weil er verst&auml;ndlich f&uuml;r das Volk
+spreche. Mehrmals hat er betont, da&szlig; er bei &ouml;ffentlichen
+Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und Kollegen
+sich aus dem Sinne schlage, um nur an die <span class="ins" title="Ungegelehrten">Ungelehrten</span>
+und Allereinf&auml;ltigsten zu denken. An D&uuml;rer r&uuml;hmte
+er die Einfachheit und Schlichtheit seiner Bilder. F&uuml;r Klarheit
+mu&szlig; man selbst sorgen, Tiefe und Eigenart verleiht die
+Natur durch die Pers&ouml;nlichkeit.</p>
+
+<p>Unpers&ouml;nliche Werke sind der Jugend eines K&uuml;nstlers
+angemessen; K&uuml;nstler, die fr&uuml;h schon sehr pers&ouml;nlich, sehr beseelt
+oder vergeistigt wirken, sind verd&auml;chtig; sie werden fr&uuml;h
+ganz weltlich oder welk und hohl werden. K&uuml;nstler, die
+auch in reiferen Jahren unpers&ouml;nlich bleiben, verdecken unwillk&uuml;rlich
+diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen;
+da sie aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschw&auml;chen
+k&ouml;nnen, sind sie eigentlich &uuml;berfl&uuml;ssig.</p>
+
+<p>Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, da&szlig;
+er niemals absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit,
+nie auf Sch&ouml;nheit an. Zwar sind seine Werke &uuml;berreich
+an Sch&ouml;nheit, aber nur an zuf&auml;lliger; er sch&uuml;ttet
+Edelsteine, Gold und Perlen aus unersch&ouml;pflichem F&uuml;llhorn,
+aber ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther
+war ganz und gar christlich insofern, als er Dichter, nicht
+K&uuml;nstler, da&szlig; er Genie war; so wie umgekehrt manche
+<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>K&uuml;nstler nur K&uuml;nstler, nicht auch Dichter und darum keine
+Genies sind. Das Gestalten macht den K&uuml;nstler; im allereigentlichsten
+Sinn gibt es deshalb nach Christus &uuml;berhaupt
+keine Kunst mehr; denn in allem, was Form, Gestalt betrifft,
+sind die nachchristlichen Menschen Sch&uuml;ler der Alten,
+und zwar Sch&uuml;ler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung
+der Form durch die Pers&ouml;nlichkeit ist unser h&ouml;chstes
+Ziel und das, was wir an Luther bewundern. Er war
+eine Pers&ouml;nlichkeit aus lebendiger Kraft, die Spitze einer
+breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.
+Daher kommt es, da&szlig; man ihn oft b&auml;urisch, derb,
+primitiv genannt hat; wir kennen ja kaum andere Pers&ouml;nlichkeiten,
+als die auf Kosten verbrauchter Kraft entstanden
+sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig ausgesogenen
+B&auml;umen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu
+haben, das ist eben das Geheimnis des Genies.</p>
+
+<p>&bdquo;Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende
+in aller Wirkung der Rhythmus.&ldquo; Diesen Ausspruch
+von Heinrich W&ouml;lfflin f&uuml;hre ich dir an als einen
+Beweis von &Uuml;bereinstimmung mit meiner Ansicht, da&szlig; Kunst
+und Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist n&auml;mlich
+nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder
+vorhandene Herzschlag ist ein Pr&uuml;fstein, um Machwerk und
+Kunstwerk zu unterscheiden.</p>
+
+<p>Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das
+nicht mehr nat&uuml;rlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das
+durch das Gehirn vereinsamte Herz, hat einen allzu regelm&auml;&szlig;igen,
+langweiligen, eint&ouml;nigen Rhythmus; es mu&szlig;
+&uuml;bersch&uuml;ssige Kraft haben, um die Verbindung mit der
+Sinnlichkeit wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus
+beseelt, pers&ouml;nlich, kurz: lebendig. Leider ist aber gerade
+das Herz die schwache Seite des modernen Menschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span></p><p>Du kennst gewi&szlig; das Gedicht von Schiller &bdquo;Die Teilung
+der Erde&ldquo; und den Vers: Willst du in meinem Himmel mit
+mir leben, sooft du kommst, er soll dir offen sein. Derselbe
+Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen: &bdquo;Seid
+willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines
+Vaters, die euch von Anfang bereitet sind.&ldquo; Wie matt, von
+der Bl&auml;sse des Gedankens angekr&auml;nkelt, sind Schillers Worte
+gegen diese, in denen das Herz noch klopft, das Blut noch
+gl&uuml;ht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung aus
+einem vollen, t&auml;tigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und
+Blut gewachsen ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk
+ist schal. Das Gehirn ist der Schatten des Herzens,
+und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken vom
+K&ouml;rper abgesonderte Herz hervorbringt.</p>
+
+<p>Ich erw&auml;hnte gelegentlich, da&szlig; man den Entwickelungsgang
+des inneren Lebens als eine fortdauernde Verdichtung
+auffassen mu&szlig;. Diesem Gesetz unterliegen auch alle K&uuml;nste,
+als &Auml;u&szlig;erungen des menschlichen Geistes, die die Stufen
+seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft
+ist am geringsten auf dem Gebiete der Baukunst und am
+st&auml;rksten auf dem der Dichtkunst, wo der Geist sich seiner und
+Gottes bewu&szlig;t wird. Von dieser Verdichtung zum Bewu&szlig;tsein
+hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im
+Herzen ist, nennen wir sie Gef&uuml;hl; indem sie auf die Lippe
+tritt, wird sie Wort, und ist das Wort von der Lippe abgel&ouml;st,
+so fristet es ein selbst&auml;ndiges Dasein weiter als
+Gedanke.</p>
+
+<p>Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des
+unbewu&szlig;ten Geistes oder Gef&uuml;hls zum bewu&szlig;ten Geist geschieht
+durch verst&auml;rkten Blutdruck infolge au&szlig;ergew&ouml;hnlich
+verst&auml;rkter Herzt&auml;tigkeit. Dies erkl&auml;rt die von Lombroso
+beobachtete Tatsache, da&szlig; alle produktiven Menschen ein gesteigertes
+<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>W&auml;rmebed&uuml;rfnis haben, und da&szlig; fast alle genialen
+Geisteswerke in der warmen Jahreszeit entstanden sind.
+Jeder hat wohl schon an sich selbst erfahren, da&szlig; sich ihm
+im Gehen und namentlich im Steigen die Gef&uuml;hle leichter
+zu Worten verdichten, das Unbewu&szlig;te leichter bewu&szlig;t
+wird.</p>
+
+<p>Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx &uuml;berschritten
+h&auml;tte, w&uuml;rde es zum Schatten. Der Christ s&auml;t den
+Samen des Wortes vertrauend in das Erdreich des Gehirns,
+weil er wei&szlig;, da&szlig; es das Grab sprengen wird, wenn
+die Posaune des Herzens t&ouml;nt, um mit verkl&auml;rtem Leibe
+in das ewige Licht zu schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung
+des Gehirns beginnt die pers&ouml;nliche Kunst, die im
+Gegensatz zur Volkskunst an den gro&szlig;en Namen gebunden
+ist. Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden
+ist, da&szlig; es Sinnlichkeit und Geist erst trennen und
+dann zu einer lebendigen Einheit zusammenbinden kann.
+Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen Abendmahls,
+den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir
+als die <span class="antiqua">Penetratio corporum</span>, die Durchdringung des Verweslichen
+und Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit
+und Geist im Selbstbewu&szlig;tsein. Gottfried Keller bestimmte
+das Wesen der Sch&ouml;nheit als die in der F&uuml;lle vorgetragene
+Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck f&uuml;r das Fleischwerden
+des G&ouml;ttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle
+Erkl&auml;rungen heraus, die K&uuml;nstler gegeben haben. Die notwendige
+Voraussetzung dazu ist die Person; nur in der Person
+kann die g&ouml;ttliche Kraft Fleisch werden. Wieviel Sinnlichkeit
+ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist f&uuml;r die
+nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg &uuml;ber das Gehirn
+ist nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst
+bei uns im Kindlichen und Volksm&auml;&szlig;igen stecken, wie sie ohne
+<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span>das sinnliche Herz akademisch und schablonenhaft wird. Ehe
+wir das Wort hatten, konnte jede &Auml;u&szlig;erung des Herzens
+unmittelbar Gestalt werden; jetzt mu&szlig; es zuvor dem ganzen
+Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das
+st&auml;rkere Herz, das das bewu&szlig;te Geistesleben erfordert, macht
+die Pers&ouml;nlichkeit; Israel sein, ebensosehr Werkzeug Gottes
+wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit f&uuml;hrt Luther
+als Kennzeichen des nichtg&ouml;ttlichen K&uuml;nstlers an; weil seine
+Person allein Urheber seines Werks ist, f&uuml;hlt er durch jede
+Kritik seines Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die
+Spitze, wo man beides, Werkzeug und Herr ist, ann&auml;hernd
+erreicht; wirklich ist pers&ouml;nliche Empfindlichkeit und pers&ouml;nlicher
+Ha&szlig;, wie leidenschaftlich er auch ha&szlig;te, kaum an ihm
+zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem st&uuml;rmischen Hauche
+der Eingebung und der sinnlichen F&uuml;lle nie die pers&ouml;nliche
+B&auml;ndigung und Beseelung.</p>
+
+<p>Eine merkw&uuml;rdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter,
+die, wie Fontane und C.&nbsp;F. Meyer, erst anfangen zu
+schaffen, wenn der Mensch sonst aufzuh&ouml;ren pflegt, so um
+das f&uuml;nfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das Herz
+nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so
+da&szlig; das Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt,
+gleichwie es erkannt ist. Durch die Beobachtung und Erfahrung
+eines Lebens fand Fontane den Anschlu&szlig; an das
+Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung
+ersetzte ihm die Wahrheit, die dem gro&szlig;en Dichter das Herz
+eingibt. Aus seinen Werken spricht ein alter Mann, ja,
+eigentlich eine feine, alte Dame, die aus stillem Hafen
+auf das Leben zur&uuml;ckblickt, nicht ein K&auml;mpfer, der es lebt
+und b&auml;ndigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch,
+vor dem das Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde
+unter den F&uuml;&szlig;en; man wird durch keine Geschmacklosigkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span>gest&ouml;rt, aber auch von keiner t&ouml;dlichen Wahrheit durchbohrt,
+durch kein Wunder geheilt. Bei C.&nbsp;F. Meyer liegt
+das Verh&auml;ltnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt
+wie Fontane, seine Prosawerke sind &auml;u&szlig;erlich geblieben;
+daf&uuml;r hat sein Herz in Augenblicken der Gnade
+die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten gestalten
+und beseelen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Da&szlig; der gro&szlig;e Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke
+echter Kunst vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkw&uuml;rdig
+und traurig ist es nur, da&szlig; auch unsere edleren Geister das
+Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im Gegenteil sich nur
+jenseit des goldenen Stromes wohl f&uuml;hlen. Die schwachen Herzen
+schrecken furchtsam vor der Ersch&uuml;tterung zur&uuml;ck, die ihre
+Gef&auml;&szlig;e zerrei&szlig;en k&ouml;nnte; andererseits hat das plumpe Pathos,
+das den Herzschlag nachzuahmen suchte, gerade die Menschen
+von Wahrheit und Geschmack argw&ouml;hnisch gemacht.
+Man glaubt nicht mehr an Gro&szlig;herzigkeit, und es geh&ouml;rt
+die Schamlosigkeit des Kom&ouml;dianten oder der Mut eben der
+Gro&szlig;herzigkeit dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so
+fehlt gewi&szlig; die Pers&ouml;nlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und
+das Fehlen der Pers&ouml;nlichkeit wird von denen nicht vermi&szlig;t,
+die f&uuml;r das sinnliche Herz empf&auml;nglich sind.</p>
+
+<p>Man sollte meinen, in einer Zeit &uuml;berwiegenden Verstandes
+m&uuml;&szlig;te es wenigstens gute Kritiker geben; aber der
+Kritiker soll ja Menschenwerk von Gotteswerk unterscheiden;
+und wie soll er das k&ouml;nnen, wenn er nicht an Gott glaubt?
+Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm
+alles ist, was er sieht oder h&ouml;rt, je fester er &uuml;berzeugt ist,
+da&szlig; er das alles gerade so gemacht h&auml;tte. Da&szlig; erst jenseit
+seines Begreifens das Reich der Kunst anf&auml;ngt, scheint
+er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers aus
+der Bibel. &bdquo;Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein
+<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span>kommt dein Heil.&ldquo; Du verstehst das nicht gleich, aber du
+unterwirfst dich sofort; denn das Herz versteht unmittelbar.
+Luther sagt einmal ungef&auml;hr so: Da spricht kein Kaiser oder
+F&uuml;rst, sondern die g&ouml;ttliche Majest&auml;t, vor der alle Kreaturen
+sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst:
+zu allererst mu&szlig; das Herz sich hingeben und ja sagen, dann
+mag der kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten
+nachgehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht,
+ohne Beruf, ist ein menschlich und teuflisch Ding&ldquo;, hei&szlig;t es in
+den Tischreden, &bdquo;darum ist es stracks unn&uuml;tz und sch&auml;dlich.
+Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort, f&uuml;hren dasselbe
+traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des
+Glaubens, die tun sie auch &auml;u&szlig;erlich; die Abg&ouml;ttischen den
+Zeremonien, die halten sie auch; die Dummk&uuml;hnen und Wageh&auml;lse
+folgen dem Kriege, wollen auch Kriegsleute sein; die
+Narren und Kl&uuml;glinge dem Regiment, wollen auch regieren;
+die H&uuml;mpeler und St&ouml;rer den Handwerken, wollen auch
+kunstreiche Meister sein; die Eselsk&ouml;pfe ahmen nach guten
+K&uuml;nsten, wollen traun auch gelehrt sein, wie M&auml;usedreck sich
+unter den Pfeffer menget.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und K&uuml;nste gibt,
+so tut er nichts, denn da&szlig; er Affen reizet und macht, und
+der gro&szlig;e Haufe folgt den Affen nach. Gott aber beh&auml;lt
+das &uuml;brige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt
+von Anfang gewesen.&ldquo;</p>
+
+<p>Indessen ist das nicht so zu verstehen, als m&uuml;sse nicht
+jeder lernen und insofern auch nachahmen. Nachahmen mu&szlig;
+jeder, aber nur die Antike und die Natur, also die unpers&ouml;nliche
+Form. Wer das Pers&ouml;nliche nachahmt, stiehlt und
+l&uuml;gt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser
+Standpunkt in der Kunst wegf&auml;llt, sondern weil man nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span>damit erreicht. Das Pers&ouml;nliche ist unnachahmlich, es ist
+der geheimnisvolle &Uuml;bergangspunkt des Geistes zum Fleisch,
+die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen l&auml;&szlig;t: dies
+bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem
+Werke Luthers ruft: dies ist der Luther.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief16" id="brief16"></a><a href="#inhalt">XVI</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">I</span>ch fand k&uuml;rzlich bei Schopenhauer folgende interessante
+Ideen &uuml;ber das Wesen des Wahnsinns.</p>
+
+<p>&bdquo;Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des
+Wahnsinns wird fa&szlig;licher werden, wenn man sich erinnert,
+wie ungern wir an Dinge denken, welche unser Interesse,
+unsern Stolz oder unsere W&uuml;nsche stark verletzen, wie schwer
+wir uns entschlie&szlig;en, dergleichen dem eigenen Intellekt zu
+genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir
+dagegen unbewu&szlig;t davon wieder abspringen oder abschleichen,
+wie hingegen angenehme Angelegenheiten ganz von selbst
+uns in den Sinn kommen, und, wenn verscheucht, uns stets
+wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang nachh&auml;ngen.
+In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in
+die Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die
+Stelle, an welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen
+kann. Jeder widrige neue Vorfall n&auml;mlich mu&szlig; vom Intellekt
+assimiliert werden, das hei&szlig;t im System der sich auf unsern
+Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle
+erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdr&auml;ngen
+haben mag. Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon
+viel weniger, aber diese Operation selbst ist oft sehr schmerzlich,
+geht auch meistens nur langsam und mit Widerstreben
+vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal richtig
+vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen.
+Erreicht hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben
+<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span>und Str&auml;uben des Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis
+den Grad, da&szlig; jene Operation nicht rein durchgef&uuml;hrt
+wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorf&auml;lle oder
+Umst&auml;nde v&ouml;llig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick
+nicht ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs
+wegen, die dadurch entstandene L&uuml;cke beliebig
+ausgef&uuml;llt, so ist der Wahnsinn da &hellip; Der obigen Darstellung
+zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns
+ansehen als ein gewaltsames &sbquo;Sich-aus-dem-Sinn-schlagen&lsquo;
+irgendeiner Sache, welches jedoch nur m&ouml;glich
+ist mittelst des &sbquo;Sich-in-den-Kopf-setzen&lsquo; irgendeiner andern.
+Seltener ist der umgekehrte Hergang, da&szlig; n&auml;mlich
+das &sbquo;Sich-in-den-Kopf-setzen&lsquo; das erste und das &sbquo;Sich-aus-dem-Sinn-schlagen&lsquo;
+das zweite ist.&ldquo; Einen Lethe unertr&auml;glicher
+Leiden, das letzte Hilfsmittel der ge&auml;ngstigten
+Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn;
+das Verdr&auml;ngen einer unleidlichen Wahrheit durch L&uuml;ge
+k&ouml;nnte man auch sagen. Es ist die Negation des Schw&auml;cheren,
+wie denn auch dieser Wahnsinn in der Jugend auszubrechen
+pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen
+Entgiftung nicht gewachsen.</p>
+
+<p>Dieser &Auml;u&szlig;erung Schopenhauers m&ouml;chte ich eine Luthers
+folgen lassen, die einem Brief an Link entnommen ist:
+&bdquo;&Uuml;ber die Wahnsinnigen ist meine Meinung die: jeder Narr
+und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird,
+ist von Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von
+Gott dazu verdammt ist, sondern weil der Satan die Menschen
+auf mancherlei Art versucht, die einen schwer, die
+anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange
+Zeit. Denn wenn die &Auml;rzte solche Leiden oft nat&uuml;rlichen
+Ursachen zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen,
+so geschieht das blo&szlig;, weil sie die gewaltige Macht und
+<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span>Kraft der D&auml;monen nicht kennen. Christus nennt das krumme
+Weib im Evangelium unbedenklich &sbquo;von Satanas gebunden&lsquo;.
+Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10,&nbsp;38:
+da&szlig; alle, die Christus gesund gemacht hat, vom Teufel &uuml;berw&auml;ltigt
+waren. So mu&szlig; ich also auch denken, da&szlig; Stumme,
+Taube und Lahme der T&uuml;cke des Satans ihr Leiden verdanken &hellip;
+Daher glaube ich also, da&szlig; die Wahnsinnigen,
+von denen ihr schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden.
+Denn sollte Satanas nicht auch den Verstand nehmen, wo
+er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei, Mord, Raub
+und allen L&uuml;sten erf&uuml;llt? Summa, er ist n&auml;her, als ein
+Mensch denken kann, und den Heiligsten am n&auml;chsten, und
+so schl&auml;gt er selbst Paulus mit F&auml;usten und greift Christus
+an nach Belieben Matth.&nbsp;4.&ldquo; Diese und &auml;hnliche &Auml;u&szlig;erungen
+Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, da&szlig; er
+unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben
+seiner Zeit unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die
+Gegner seiner Lehre als vom Teufel besessen betrachtet habe.
+Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie man sich das vorstellt,
+als habe Luther alles Feindliche und Unerkl&auml;rliche auf
+einen in einer irgendwo verborgenen H&ouml;lle wohnhaften
+<span class="antiqua">diabolus ex machina</span> geschoben; sondern der Teufel ist nach
+Luther der Widersprecher, den Gott sich selbst gegeben hat,
+und der sich ihm auf den drei Stufen seiner Offenbarung
+widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht oder
+Stolz und L&uuml;ge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten,
+elementarischen Zustande &auml;u&szlig;ert sich das Besessensein
+vom Teufel in k&ouml;rperlichen Zust&auml;nden, Kr&auml;mpfen u.&nbsp;dgl.,
+auf der geistigen Stufe als Besessensein von willk&uuml;rlichen
+Vorstellungen. Die Quelle von allem ist Eigenliebe: es
+kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und Selbstsucht,
+wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag,
+<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>und obwohl ihr aus tiefem Bewu&szlig;tsein mangelnder Kraft
+Verzweiflung am Selbst gegen&uuml;berstehen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als &Uuml;berhandnehmen
+der Hemmungen der unwillk&uuml;rlichen Kr&auml;fte
+des Menschen durch die willk&uuml;rlichen, so bedeutet das dasselbe
+wie Schopenhauers Erkl&auml;rung, er bestehe in willk&uuml;rlicher
+Verleugnung und endlich g&auml;nzlicher Verdr&auml;ngung der
+Wahrheit. Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge
+welcher die Bindung zwischen Herz, Gehirn und Sinnlichkeit,
+die Seele, nicht zustande kommt, so da&szlig; der betreffende
+Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die
+vollst&auml;ndigste Absonderung von Gott und der Menschheit,
+die man sich denken kann: der Mensch ist ein isoliertes
+Selbst, das immer mehr verzwergen und endlich ganz verschwinden
+mu&szlig;. Der Wahnsinnige ist demnach der gr&ouml;&szlig;te
+S&uuml;nder.</p>
+
+<p>Vielleicht hast du auch schon &uuml;ber die S&uuml;nde wider den
+Heiligen Geist nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift
+lehrt, nicht vergeben werden kann. Nun hei&szlig;t ja S&uuml;ndenvergebung
+nichts anderes als Gewinnung des inneren Friedens,
+innerer &Uuml;bereinstimmung. Jede S&uuml;nde und jeder Irrtum
+kann dadurch aufgehoben werden, da&szlig; der S&uuml;nder und
+der Irrende sein Unrecht und die Wahrheit einsieht; sieht er
+aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so befindet er
+sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie
+der Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Da&szlig; es eine
+S&uuml;nde gibt, die nicht vergeben werden kann, hei&szlig;t eigentlich,
+da&szlig; es unheilbaren Wahnsinn gibt. Die Sage erz&auml;hlt,
+da&szlig; der Adler, das einzige Gesch&ouml;pf, das in die Sonne sehen
+kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, da&szlig; er
+ihre Augen dem Sonnenlicht aussetzt; k&ouml;nnen sie es nicht
+ertragen, so t&ouml;tet er sie. Der blendende Strahl der g&ouml;ttlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span>Wahrheit erleuchtet den g&ouml;tterhaften Menschen; dem
+gottlosen geht er t&ouml;dlich durchs Herz.</p>
+
+<p>Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht,
+wie er praktisch verfuhr, wenn er mit Geisteskranken
+zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug an sich selbst gewonnen;
+du wirst wissen, da&szlig; er zeitlebens an Melancholie
+und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit
+der Melancholie kam im Zeitalter Luthers h&auml;ufig vor, so
+da&szlig; man sie f&uuml;r seine und die nachfolgende Zeit geradezu
+charakteristisch nennen kann. Sie wurde aufgefa&szlig;t als ein
+Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem
+Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt
+mit Zweifel, einer leisen, tastenden Hemmung, und
+endet, falls der Teufel siegt, mit Verzweiflung. Die Auffassung
+des Selbstm&ouml;rders als eines von Gott abgefallenen
+Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen
+Kampf, der unter v&ouml;lligem Bewu&szlig;tsein des Menschen vor
+sich geht, nannte Luther Anfechtungen; unter Melancholie
+verstand er eigentlich jenen Zustand des weitesten Auseinandertretens
+der k&auml;mpfenden Kr&auml;fte, der jede Entladung
+der Kraft unm&ouml;glich macht: ein Zustand g&auml;nzlicher Unproduktivt&auml;t,
+den man lebendigen Tod nennen kann.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Zum Beginnen, zum Vollenden<br /></span>
+<span class="i0">Zirkel, Blei und Winkelwage;<br /></span>
+<span class="i0">Alles stockt und starrt in H&auml;nden,<br /></span>
+<span class="i0">Leuchtet nicht der Stern dem Tage.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas
+schw&auml;chliche Unterschrift zu D&uuml;rers Melancholie: das Werkzeug,
+das unwillk&uuml;rliche Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift
+es nicht. Das &auml;ngstliche Harren der Kreatur wartet
+auf den Herzschlag, der den gebannten Sph&auml;ren das Zeichen
+zum rhythmischen Umschwung geben soll.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span></p><p>Der volkst&uuml;mliche Ausdruck f&uuml;r verr&uuml;ckte Menschen, da&szlig;
+sie vom Teufel geritten werden, erinnert an das Bild der
+Bibel, das den Menschen einem Tiere vergleicht, das entweder
+von Gott oder dem Teufel getrieben werde; auch hier
+wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein &Uuml;berhandnehmen
+der negativen Kr&auml;fte betrachtet. Es leuchtet ein,
+da&szlig; die Kinder und Frauen, die vorwiegend passiv sind,
+der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht oder weniger
+ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo
+die Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind
+der Melancholie und den Anfechtungen geniale Menschen,
+die reich an positiven und negativen Kr&auml;ften sind; zum
+Kampfe berufen, sind sie aber auch auserw&auml;hlt zum Siege.
+Die Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf
+der gleichen St&auml;rke oder Menge der vorhandenen Hemmungen;
+im Genie ist gleichzeitig positive Kraft genug, um
+die Hemmungen zu &uuml;berwinden.</p>
+
+<p>Luthers Leben bietet das Beispiel eines gro&szlig;artigen Kampfes
+gewaltiger D&auml;monen, die ihre Fesseln zu zerrei&szlig;en suchen,
+gegen ein immer wieder siegendes, g&ouml;tterhaftes Herz, das
+seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der Teufel m&uuml;sse
+vorausgesehen haben, da&szlig; er viel an ihm, Luther, zu leiden
+haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner
+Jugend auf gequ&auml;lt. Wenn es eine apostolische Gabe sei,
+mit D&auml;monen zu k&auml;mpfen und h&auml;ufig im Tode zu sein, so
+sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.</p>
+
+<p>Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch
+das Erbe seiner Eltern gegeben war: er besa&szlig; sowohl das
+leidenschaftliche, j&auml;hzornige, herrschs&uuml;chtige Wesen des Vaters,
+wie die Hingebungsf&auml;higkeit der Mutter, die sich, wie
+es scheint, ihrem Manne auch in den St&uuml;cken unterwarf,
+wo sie h&auml;tte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter
+<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span>der Mutter, trieb durch sein Wort die Teufel aus, die das
+v&auml;terliche Herz besessen hatten, bis es von Banden frei und
+glorreich in ihm auferstand.</p>
+
+<p>Aus Luthers Kindheit werden uns &uuml;berwiegend Z&uuml;ge von
+Sanftmut, liebevoller Hingebung, weitgehender Sch&uuml;chternheit
+berichtet. Allm&auml;hlich jedoch tauchte die m&auml;nnliche Wesensh&auml;lfte
+in ihm auf, die selbstbewu&szlig;t herrschs&uuml;chtige, die den
+Schatz seiner gl&auml;ubigen Seele verneinte. &bdquo;Wohlan, ich kann
+es nicht leugnen&ldquo;, sagt er einmal von sich, &bdquo;die alte Schlange,
+der Teufel, hat mich &uuml;bel gebissen und greulich vergiftet.&ldquo;
+Wie er oft und oft erz&auml;hlt, hat er die h&ouml;chste Versuchung,
+die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an sich selbst erfahren,
+die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott
+gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung
+und zum Gottesha&szlig;, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung
+und Menschenha&szlig;, hat er alle Regungen des
+menschlichen Selbstgef&uuml;hls durchgemacht. Er war in allen
+Angriffen gewiegt, die ihm jemals religi&ouml;se Gegner machen
+konnten. Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel
+spricht, als habe er ihn pers&ouml;nlich gekannt, und so war es
+ja auch; was die Selbstanbetung dem Menschen eingeben
+kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das
+wu&szlig;te er. Es ist charakteristisch, da&szlig; der Ausbruch der
+Melancholie mit dem Eintritt ins Kloster, einer Absonderung,
+begann. Er schien zu f&uuml;hlen, da&szlig; er in der Einsamkeit
+mit seinem Selbst ins reine kommen m&uuml;sse. In der
+Lage eines Kranken war er, der im Vorgef&uuml;hl eines herannahenden
+epileptischen Krampfes sich auf das Bett wirft, um
+ihn dort austoben zu lassen. Was die Kirche ihm an Heilungsm&ouml;glichkeiten
+gew&auml;hrte: Kasteiungen, Beichte, vorschriftsm&auml;&szlig;iges
+Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kr&auml;nker.
+Seine gl&auml;ubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher
+<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span>Trost in der Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden
+ihm diejenigen Personen im Kloster, von denen etwas Positives,
+Wohlwollen, Nachsicht, Verst&auml;ndnis, Geduld ausstr&ouml;mte;
+es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der
+umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die
+st&auml;rkste Kraftquelle fand Luther in Staupitz; an diesen St&uuml;tzpunkt
+sich klammernd, vermochte er den selbstbejahenden und
+gottverneinenden Kr&auml;ften seines Innern besser zu widerstehen.
+Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, da&szlig;
+Gottes Wesen die Liebe sei, und der Umstand, da&szlig; diese
+Liebe nun auch zugleich sinnenf&auml;llig in Staupitz vertreten
+wurde, ri&szlig; ihn von seinem Selbst los und bereitete die Richtungs&auml;nderung,
+die <span class="greek" title="metanoia" lang="el">&#956;&#949;&#964;&#8049;&#957;&#959;&#953;&#945;</span>, in ihm vor. Bedenke bitte
+immer, da&szlig; Gott sich pers&ouml;nlich nur in der Menschheit offenbart,
+da&szlig; es also darauf ankommt, die Menschen zu lieben,
+und da&szlig; dem Gottes- oder Menschenhasser jeder Mensch
+zum Erl&ouml;ser wird, den er lieben kann und mu&szlig; und der ihn
+dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet.
+Es gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst
+der Mittelpunkt der Welt und ihr eigener einziger, in
+sich ruhender Mittelpunkt, nicht gen&uuml;genden Widerstand
+entgegensetzen, da sie nicht assimilieren k&ouml;nnen. Wie sich
+diese Wahnidee nun &auml;u&szlig;ert, ob in der platten Auspr&auml;gung,
+da&szlig; einer sich f&uuml;r Gott oder f&uuml;r Christus oder f&uuml;r
+irgendeine ber&uuml;hmte, angesehene Pers&ouml;nlichkeit h&auml;lt, ob in
+Schuld- und Angstgef&uuml;hlen, ob im Aufsuchen der Einsamkeit
+oder g&auml;nzlichem Sich-ins-Innere-Zur&uuml;ckziehen, ihr
+Wesen ist Unf&auml;higkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivit&auml;t.
+Zuweilen geschah es, wenn der Kampf, der sich in
+Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen &uuml;berschritt, was
+sein Bewu&szlig;tsein erfassen konnte, da&szlig; er auf das Unbewu&szlig;te
+&uuml;berging. Seine Angstzust&auml;nde f&uuml;hrten dann zu v&ouml;lliger Bewu&szlig;tlosigkeit.
+<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span>Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein
+anderes Mal, als er neben Staupitz in einer Prozession ging,
+konnte er sich nur mit Anstrengung aufrechthalten; aber es
+kamen auch Zuf&auml;lle vor, die seine Feinde nach der Schilderung
+als epileptische ansehen wollen. Daf&uuml;r spricht auch die wohlt&auml;tige
+Wirkung, die die Musik in solchen F&auml;llen auf ihn aus&uuml;bte.
+Nach der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates
+und Galen st&uuml;tzte, wurde Musik als Heilmittel f&uuml;r Epileptische
+angewandt, und zwar sanfte, leise, nicht l&auml;rmende
+Musik.</p>
+
+<p>Da&szlig; von allen K&uuml;nsten Musik die st&auml;rkste Heilkraft hat,
+kommt wohl daher, da&szlig; sie der unmittelbare Ausdruck des
+Herzens ist. Sie wirkt berauschend wie alle Kunst, wie der
+Glaube und die Liebe, n&auml;mlich die negativen, willk&uuml;rlichen
+Kr&auml;fte l&auml;hmend.</p>
+
+<p>Wie aber die st&auml;rksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist
+es mit der Liebe und der Musik: nur die g&ouml;ttliche, die aus
+reinem Herzen kommt, ist heilsam, die irdische wirkt t&ouml;dlich
+auf den kranken Geist. Endg&uuml;ltig vollzog sich die Heilung
+Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor
+und Prediger wurde und im Wirken auf andere und
+f&uuml;r andere sich selbst verga&szlig;. In der Sprache der Aufkl&auml;rung
+w&uuml;rde man sagen, er habe seine ungeheure pers&ouml;nliche
+Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und
+sie dadurch unsch&auml;dlich gemacht. Interessant ist, da&szlig; er seinem
+Vater Bericht &uuml;ber den Gang seiner Entwickelung erstattete
+und ihm zugleich erkl&auml;rte, da&szlig; Gottes Gewalt noch &uuml;ber
+seine Gewalt gehe; der befreite Geist der Mutter stellte gleichsam
+fest, da&szlig; sie zu ihrem wahren Herrn zur&uuml;ckgekehrt sei.</p>
+
+<p>Obwohl im wesentlichen und f&uuml;r immer gerettet, h&ouml;rte
+Luther doch nicht auf, schwere Anf&auml;lle von Melancholie zu
+erleiden; er h&auml;tte ja sonst aufgeh&ouml;rt, Werke und Taten zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span>schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht
+nur die g&ouml;ttliche Kraft, sondern auch &bdquo;der Widersprecher&ldquo;,
+wie Luther es ausdr&uuml;ckte, ist n&ouml;tig, wo Ideen hervorgebracht
+werden sollen. Es fiel Luther auf, wie die Menge des Negativen
+in oder au&szlig;er ihm der Menge des Produktiven stets
+die Wage hielt, so da&szlig; er zu sagen pflegte, der Teufel &auml;rgere
+sich, da&szlig; er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und
+wolle sich daf&uuml;r r&auml;chen. Man wird im Leben aller genial
+begabten Menschen finden, da&szlig; sich ihr gr&ouml;&szlig;tes Schaffen
+einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum Trotze erhebt,
+gehe es vom &Auml;u&szlig;eren oder vom Inneren, vom K&ouml;rper
+oder vom Geiste aus.</p>
+
+<p>In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen
+ein; vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben
+das Blut vom Herzen abgezogen, das Herz
+gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung gerissen und der
+Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gest&ouml;rt. &bdquo;Ich
+war mehr als eine Woche in Tod und H&ouml;lle geworfen, so
+da&szlig; ich noch jetzt am ganzen K&ouml;rper verletzt in den Gliedern
+zittere. Ich hatte Christus fast ganz verloren und wurde
+umhergetrieben auf den Wellen und St&uuml;rmen der Verzweiflung
+und Blasphemie Gottes. Aber durch die F&uuml;rbitte
+der Heiligen bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner
+zu erbarmen, und hat meine Seele aus der untersten H&ouml;lle
+gehoben.&ldquo; Einige Zeit sp&auml;ter: &bdquo;Satan selbst w&uuml;tet gegen
+mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen
+anderen Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch
+eine wunderbare Schw&auml;che des Geistes; aber durch die F&uuml;rbitte
+der Heiligen werde ich nicht in seinen H&auml;nden gelassen,
+obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen
+habe, nur schwer heilen werden.&ldquo; Er werde zwischen den
+beiden f&uuml;rstlichen Gegnern hin und her geworfen, schreibt
+<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span>er. Mit Christus sei er durch einen schwachen Faden verbunden,
+Satan hingegen h&auml;nge mit m&auml;chtigen Seilen an
+ihm und ziehe ihn zur Tiefe. &bdquo;Aber der kranke Christus
+siegt bis jetzt durch eure Gebete und k&auml;mpft wenigstens
+tapfer.&ldquo; Diese Schilderungen malen anschaulich, wie das
+ersch&ouml;pfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem
+verk&ouml;rperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele
+das Sterben der Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen
+k&ouml;rperliche Vorg&auml;nge als Ursache seiner seelischen
+Leiden an, n&auml;mlich Blutstockungen am Herzen, und gebrauchte
+auch Mittel dagegen. Er wu&szlig;te ja, da&szlig; alles
+Geistige zugleich ein K&ouml;rperliches ist.</p>
+
+<p>&bdquo;Die letzte Anfechtung wird sein, da&szlig; ich mir selbst zur
+Last werde&ldquo;, schrieb Luther in seinen j&uuml;ngeren Jahren. Er
+sah eine Stufe seines Lebens voraus, wo die g&ouml;ttliche
+Sonnenkraft seines Herzens f&uuml;r immer ersch&ouml;pft sein, nicht
+wieder morgendlich verj&uuml;ngt aufgehen werde. Allerdings
+b&uuml;&szlig;ten damit die teuflischen M&auml;chte in ihm zugleich ihre
+Kraft ein; die zermalmenden K&auml;mpfe h&ouml;rten auf, die er
+doch lieber ertragen h&auml;tte, als die dauernde Melancholie,
+die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von einem
+&uuml;berirdischen Sturme getrieben, f&uuml;hlte sich nie mehr als
+auserw&auml;hltes Werkzeug in der allm&auml;chtigen Hand Gottes.
+Allein geblieben mit seiner begrenzten menschlichen Willk&uuml;r,
+sprach er zuweilen mit tr&auml;umerischer Verwunderung von den
+gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott k&ouml;nne einen wohl so
+toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in
+Worms vor Kaiser und Reich erinnerte.</p>
+
+<p>Getreulich tat er weiter, was er f&uuml;r seine Pflicht hielt;
+aber, wie er selbst so unerm&uuml;dlich gelehrt hatte, selig macht
+die Erf&uuml;llung der Pflicht nicht, selig macht nur, was im
+Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht mehr, die
+<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span>einen Goldglanz &uuml;ber die Welt warf; sie erschien ihm so
+h&auml;&szlig;lich, da&szlig; es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der
+Wittenberger, denen seine Liebe und Sorgfalt sein Leben
+lang vorz&uuml;glich gegolten hatte, stie&szlig; ihn so ab, da&szlig; er einmal
+die Stadt verlie&szlig;, um nicht zur&uuml;ckzukommen. Sein Herz
+sei gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend sch&ouml;n und wahr.
+Auch von Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern
+die m&auml;ngelvolle, d&uuml;rftige Erscheinung, wenn er auch
+noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung der Vergangenheit
+heilig zu halten. Er stand ern&uuml;chtert in einer
+grauen Welt, die ihm einst im g&ouml;ttlichen Rausch der Liebe
+und des Hasses ergl&uuml;ht war. Wie grausam von Gott,
+k&ouml;nnte man sagen, da&szlig; er seinen Auserw&auml;hlten sich &uuml;berleben
+lie&szlig;; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen w&auml;re.
+Die Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden;
+so verschieden die Verteilung auch ist, kann man
+doch gewi&szlig; sein, da&szlig;, k&ouml;nnte man schlie&szlig;lich Leben und Tod
+jedes f&uuml;r sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf beiden
+Seiten gleich sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht
+und &uuml;berwunden hatte, f&uuml;hlte er sich berufen, Leidenden
+der Art mit Rat und Tat beizustehen. &Uuml;berhaupt war
+er durch die gro&szlig;e ihm innewohnende Lebenskraft zum Naturarzt
+bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte
+er stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie
+er sich dabei zu benehmen pflegte. Er setzte sich auf das
+Bett der Kranken und erkundigte sich zun&auml;chst nach den Verordnungen
+des Arztes; w&auml;hrend er ihnen dann Trost zusprach,
+beugte er sich mit ganzem Leibe &uuml;ber sie, eine instinktive
+Geb&auml;rde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in
+den Entkr&auml;fteten m&ouml;chte &uuml;berstr&ouml;men lassen. &Ouml;fters nahm
+er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor Ansteckung,
+<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span>vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert
+hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und
+die Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich
+behandelt, wodurch uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode
+gegeben ist. Sie beruhte auf dem Streben, einerseits
+Kraft zu geben und zu wecken, andererseits Hemmungen
+aufzuheben; also in dem gro&szlig;en Kampfe um die Seele des
+Betreffenden Gott zu unterst&uuml;tzen, den Teufel zu bek&auml;mpfen.</p>
+
+<p>Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit
+zu meiden. Einsamkeit nennt er ein Gift f&uuml;r die
+Menschen; in der W&uuml;ste habe der Teufel Christus versucht,
+Eva, als sie allein gewesen sei, &uuml;berredet. Man solle sich
+nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die b&ouml;sen
+Gedanken einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen.
+Er selbst w&uuml;rde vom Teufel verschlungen worden
+sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet h&auml;tte. Habe man
+sich nun aber einen Beichtvater erw&auml;hlt, so solle man dessen
+Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst k&auml;me.
+Er erz&auml;hlt von sich, da&szlig; manches Wort des Bugenhagen,
+dem er zu beichten pflegte, ihm rettend, wie von Gott selbst
+gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller Freunde
+hielt er f&uuml;r heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn
+es aus dem Herzen kam. Das im Bewu&szlig;tsein angesammelte
+Gift sollte in der Beichte, &uuml;berhaupt in der Mitteilung an
+Freunde, ausstr&ouml;men. Aus demselben Grunde empfahl er
+das Sichgehenlassen im Freundeskreise. &bdquo;Darum wollte ich
+Ew. F&uuml;rstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen,
+immer fr&ouml;hlich zu sein, zu reiten, jagen und anderer
+guter Gesellschaft sich flei&szlig;igen&ldquo;, so schrieb er dem schwerm&uuml;tigen
+Prinzen Joachim von Anhalt, &bdquo;die sich g&ouml;ttlich und
+ehrlich mit Ew. F&uuml;rstl. Gnaden freuen k&ouml;nnen &hellip; So hat
+auch Gott geboten, da&szlig; man solle fr&ouml;hlich vor ihm sein und
+<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span>will kein trauriges Opfer haben &hellip; Es glaubt niemand,
+was Schaden es tut, einem jungen Menschen Freude wehren
+und zur Einsamkeit und Schwermut weisen &hellip; Denn ich
+denke f&uuml;rwahr, Ew. F&uuml;rstl. Gnaden m&ouml;chten zu bl&ouml;de sein,
+fr&ouml;hlich sich zu halten, als w&auml;re es S&uuml;nde &hellip; Wahr ists,
+Freude in S&uuml;nden ist der Teufel, aber Freude mit guten,
+frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich
+ein Wort oder Z&ouml;tlein zu viel ist, gef&auml;llt Gott wohl. Ew.
+F&uuml;rstl. Gnaden seien nur immer fr&ouml;hlich, beides, inwendig
+in Christi selbst, und auswendig in seinen Gaben und G&uuml;tern;
+er wills so haben, ist drum da und gibt darum uns seine
+G&uuml;ter, sie zu gebrauchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus
+Weller, den jungen Hauslehrer seiner Kinder; der wird
+dir seine ganze Weisheit und Liebe zeigen: &bdquo;Mein liebster
+Hieronymus, du mu&szlig;t einsehen, da&szlig; diese deine Versuchung
+vom Teufel kommt, und da&szlig; du deswegen so von ihm gequ&auml;lt
+wirst, weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie
+sicher und froh er die &auml;rgsten Feinde des Evangeliums l&auml;&szlig;t,
+Eck, Zwingli und andere. Wir m&uuml;ssen den Teufel zum
+Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie
+Petrus sagt: Euer Feind, der Teufel, geht umher usw.
+Bester Hieronymus, freue dich dieser Versuchung des Teufels,
+die ein sicheres Zeichen ist, da&szlig; du einen gn&auml;digen Gott hast.
+Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen kannst,
+und du f&uuml;rchtest, sie werde dich so erdr&uuml;cken, da&szlig; du in Verzweiflung
+und Gottesl&auml;sterung fallest. Ich kenne diesen
+Kniff des Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall
+der Versuchung zermalmen kann, versucht er ihn durch
+Ausdauer zu erm&uuml;den und zu schw&auml;chen, bis er f&auml;llt und
+gesteht, da&szlig; er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung
+kommt, h&uuml;te dich, dich in einen Streit mit dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span>Teufel einzulassen und diesen t&ouml;dlichen Gedanken nachzuh&auml;ngen.
+Das ist n&auml;mlich nichts anderes, als an den Teufel
+glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr M&uuml;he, die
+vom Teufel gesandten Gedanken zu verachten &hellip; Fliehe
+durchaus die Einsamkeit, denn er stellt dir am meisten nach,
+wenn du allein bist. Durch Spiel und Verachtung wird
+dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit.
+Vergn&uuml;ge dich und scherze darum mit meiner Frau und den
+anderen, wodurch du die teuflischen Anfechtungen betr&uuml;gst,
+und sei gutes Mutes, mein Hieronymus. Diese Anfechtung
+ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich will dir
+erz&auml;hlen, wie es mir ergangen ist, als ich ungef&auml;hr in
+deinem Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging
+ich immer betr&uuml;bt und traurig einher und konnte die
+Traurigkeit durchaus nicht loswerden. Deswegen besprach
+ich mich mit Dr.&nbsp;Staupitz, einem Manne, von dem
+ich gern spreche, und er&ouml;ffnete ihm, was f&uuml;r entsetzliche Gedanken
+ich h&auml;tte. Darauf sagte er: Du wei&szlig;t nicht, Martin,
+wie n&uuml;tzlich und notwendig dir diese Anfechtung ist. Es
+ist nicht zuf&auml;llig, da&szlig; Gott dich versucht, sondern du wirst
+sehen, zu was f&uuml;r gro&szlig;en Dingen er dich brauchen will.
+Und so ist es gekommen. Denn ich bin ein gro&szlig;er Doktor
+geworden (das darf ich mit Recht von mir sagen), was ich
+nie f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte zu der Zeit, wo ich unter den
+Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen.
+Du wirst noch ein gro&szlig;er Mann werden. Sieh nur zu,
+da&szlig; du inzwischen guten und tapferen Mut hast, und
+glaube mir, da&szlig; solche Stimmen, wie sie besonders an
+gro&szlig;e und gelehrte M&auml;nner ergehen, von Gott eingegeben
+und weissagend sind. Ich erinnere mich, da&szlig; einmal
+ein Mann, den ich tr&ouml;stete, weil er ein Kind verloren hatte,
+zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, da&szlig; du ein gro&szlig;er
+<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span>Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht:
+wie ich dir gesagt habe, solche Stimmen haben etwas
+Prophetisches. Sei deshalb gutes Mutes und wirf die
+leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich
+mit Gedanken qu&auml;lt, suche den Umgang mit Menschen, oder
+trinke etwas reichlicher, vergn&uuml;ge dich, scherze, tu etwas
+Lustiges. Man mu&szlig; zuweilen etwas mehr trinken, spielen,
+scherzen und zum Ha&szlig; und zur Verachtung des Teufels
+s&uuml;ndigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen
+aus leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu
+besiegen, da&szlig; wir uns allzusehr qu&auml;len, damit wir nicht
+s&uuml;ndigen. Wenn dir der Teufel sagt, du sollst nicht trinken,
+erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir verbietest,
+will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu
+immer das Gegenteil von dem, was der Teufel will &hellip;
+K&ouml;nnte ich nur eine ordentliche S&uuml;nde begehen, nur um
+den Teufel zu &uuml;berwinden, damit er einsieht, da&szlig; ich keine
+S&uuml;nde anerkenne und mir keiner S&uuml;nde bewu&szlig;t bin. Wir
+m&uuml;ssen dann die ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn
+schlagen, wir, sage ich, die so vom Teufel gequ&auml;lt werden.
+Und wenn der Teufel uns unsere S&uuml;nden vorwirft und uns
+des Todes und der H&ouml;lle schuldig spricht, dann m&uuml;ssen wir
+antworten: Gut, ich gestehe, da&szlig; ich des Todes und der H&ouml;lle
+schuldig bin, und was weiter? Werde ich deswegen auf
+ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich wei&szlig;, da&szlig;
+<em>einer</em> f&uuml;r mich gelitten und genug getan hat, der hei&szlig;t
+Jesus Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde
+ich bleiben.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="ins" title="Da&szlig;">Das</span> hei&szlig;t: Wer ein starkes Selbst ist, der mu&szlig; zun&auml;chst
+alles hassen, was nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein
+dies Selbst einschr&auml;nken will. Wer aber ein starkes
+Selbst ist, kann auch etwas Gro&szlig;es und G&ouml;ttliches werden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span>sowie er erkennt, da&szlig; sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern
+in Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche
+K&uuml;hnheit aber, dies zu sagen, und welche Weisheit, es in
+Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich selbst befreit
+und entlastet wird.</p>
+
+<p>Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke,
+der sich als wehrlose Beute von Gedanken f&uuml;hlt, die ihn
+elend machen und die er doch nicht loswerden kann, begreift,
+da&szlig; sie von einer teuflischen Macht ausgehen, die sich seiner
+bem&auml;chtigen will. Man gewinnt einen festeren Standpunkt,
+sowie man sich einem pers&ouml;nlichen, au&szlig;er einem selbst befindlichen
+Feind gegen&uuml;ber wei&szlig;.</p>
+
+<p>Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit
+mit der Erkenntnis, da&szlig; Gott in ihr, nicht au&szlig;er ihr ist,
+zugemutet ist. Gegen einen &auml;u&szlig;eren Feind ist es leichter,
+als gegen sich selbst zu k&auml;mpfen. Es ist nicht erwiesen, ob
+Luther das Tintenfa&szlig; gegen den Teufel geworfen hat; aber
+gewi&szlig; ist, da&szlig; es seinem Wesen und seinen &Uuml;berzeugungen
+durchaus entsprochen h&auml;tte. &bdquo;Sei der du bist!&ldquo; pflegte er
+laut zu rufen, wenn er irgendwie die Macht des B&ouml;sen
+sp&uuml;rte; das hei&szlig;t: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk
+bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von
+einem angestrengten Kampfe gegen den Teufel ab; lieber
+solle er sein W&uuml;ten &uuml;ber sich ergehen lassen und warten,
+bis Gottes Gnade ihn erl&ouml;se, die vielleicht schon ganz nahe
+sei. Er wollte es vermeiden, das willk&uuml;rliche Selbst anzuregen,
+dessen &Uuml;berma&szlig; der Krankheit Ursache ist.</p>
+
+<p>Darauf gingen ja &uuml;berhaupt, allen Menschen gegen&uuml;ber,
+seine vorbeugenden Warnungen, die eigene Kraft nicht zu
+&uuml;berspannen; lieber zeitweise unt&auml;tig zu bleiben, sich gehen
+zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.</p>
+
+<p>Es mu&szlig; jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der
+<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span>Behandlung von Geisteskranken mit der moderner Seelen&auml;rzte
+&uuml;bereinstimmt. Auch sie lassen den Kranken beichten,
+raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, da&szlig; Neigung zur
+S&uuml;nde, die unterdr&uuml;ckt und gleichsam nach innen gebogen
+wird, das Innere vergiftet. Auch sie sorgen m&ouml;glichst f&uuml;r
+ablenkende T&auml;tigkeit, und auch in ihrer Behandlung spielt
+die Liebe eine bedeutende Rolle; aber gerade hier zeigt sich
+auch ein wesentlicher Unterschied.</p>
+
+<p>Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schw&auml;che
+oder Krankheit des Herzens, der positiven und aktiven Kraft
+im Menschen, infolge welcher die negativen, teuflischen
+Kr&auml;fte die &Uuml;berhand gewinnen und eine Anarchie und Verwirrung
+entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen
+und Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von
+ihm empfangen, eine allgemeine Ersch&ouml;pfung. Es handelt
+sich also um eine Kr&auml;ftigung des Herzens. Ein leicht erkl&auml;rlicher
+Irrtum hat zu der Annahme verf&uuml;hrt, man k&ouml;nne
+dem Herzen durch Unterdr&uuml;ckung der negativen Kr&auml;fte zu
+Hilfe kommen. Indessen w&auml;hrend ein starkes Herz diese
+B&auml;ndigung mit Nutzen selbst vornehmen kann und soll, so
+wird ein schwaches und krankes dadurch nicht st&auml;rker, da&szlig;
+seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschw&auml;cht
+werden; die Zerst&ouml;rung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.</p>
+
+<p>Die Kr&auml;ftigung des Herzens kann auf geistigem Wege
+nur durch das Wesen des Herzens selbst geschehen, also
+durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein gro&szlig;es Verdienst
+der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben.
+Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die g&ouml;ttliche
+Liebe die teuflische, die nicht wie die g&ouml;ttliche Liebe
+auf &Uuml;berflu&szlig; und Glauben beruht, sondern auf Mangel
+und Mi&szlig;trauen und demzufolge nicht Verschwendung und
+Empfangen, sondern nie ges&auml;ttigtes Begehren und Verzehren
+<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span>ist. Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer
+Liebe von den Kranken lieben l&auml;&szlig;t, so entzieht er
+ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und m&auml;stet sich auf
+Kosten der Bed&uuml;rftigen, die er speisen sollte. Ein Herz
+voll g&ouml;ttlicher Liebe lenkt unwillk&uuml;rlich von der irdischen,
+f&uuml;r Kranke gef&auml;hrlichen Liebe ab; wer das nicht tut, st&auml;rkt
+unwillk&uuml;rlich das, was &uuml;berwunden werden sollte. Neben
+der unwillk&uuml;rlichen Wirkung des Herzens mu&szlig; die bewu&szlig;te
+durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur
+ein starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll gro&szlig;er Gedanken
+haben. Nur das Wort der Wahrheit, die richtige
+Selbst- und Gotteserkenntnis kann den Kranken selbst&auml;ndig
+machen; ohne sie w&uuml;rde er nie auf eigenen F&uuml;&szlig;en stehen
+k&ouml;nnen, sondern immer vom Arzte abh&auml;ngig bleiben. Dem
+Kranken die Ursache seiner Leiden zum Bewu&szlig;tsein zu
+bringen schadet nur, au&szlig;er wenn man zur letzten, innersten
+Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer Verdr&auml;ngung
+der g&ouml;ttlichen Kraft durch Vordr&auml;ngen der selbstischen Einzelkr&auml;fte
+bestehen mu&szlig;. Schlie&szlig;lich w&uuml;rde eine best&auml;ndige Zufuhr
+von Kraft den Kranken &uuml;berladen und schw&auml;chen, wenn er sie
+nicht in der Ber&uuml;hrung und im Kampfe mit den Menschen
+wieder ausg&auml;be. Die von den Menschen ausgehende Gegenwirkung
+erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft erregt, so
+da&szlig; allm&auml;hlich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst erh&auml;lt.
+Die Erkenntnis, da&szlig; Gott als Person sich nur in der Menschheit
+offenbart, mu&szlig; den neuen Mut zum Kampfe des Lebens
+geben, der ein Zeichen der Wiedergeburt ist.</p>
+
+<p>Indessen wie ich schlie&szlig;en will, f&uuml;hle ich, wieviel Unklarheit
+noch zur&uuml;ckbleibt, und sehe ich ein, da&szlig; ich mich
+&uuml;ber die Physiologie des Teufels noch nicht deutlich genug
+ausgedr&uuml;ckt habe.</p>
+
+<p>Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Ma&szlig; von Aktivit&auml;t,
+<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span>das ist Geist oder Kraft, welche &uuml;ber das Ma&szlig; von
+Aktivit&auml;t hinausgeht, das durch entsprechende Passivit&auml;t,
+also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr von
+Aktivit&auml;t ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat,
+damit Leben sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien
+das Feuer zugleich das Abzeichen des guten Gottes
+und des Gegengottes ist, er hei&szlig;e Loki, Luzifer, Prometheus
+oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majest&auml;t,
+verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den
+Stoff, n&auml;mlich Wasser, Erde und Luft sowohl im <span class="ins" title="Makrokosmus">Makrokosmos</span>
+wie im <span class="ins" title="Mikrokosmus">Mikrokosmos</span> gebundene Feuer, der geoffenbarte
+Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim
+Menschen ist der Geist im Blute, vermutlich als eine der
+Elektrizit&auml;t verwandte Kraft. Das Fleisch und Blut Christi,
+das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich Stoff und
+Geist. Jedes willk&uuml;rliche Hervorbrechen und &Uuml;berhandnehmen
+des Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus
+dem G&ouml;ttlichen das Teuflische wird: das Genie grenzt an
+den Wahnsinn. &bdquo;La&szlig;t dicke Menschen um mich sein und die gut
+schlafen&ldquo;; das nat&uuml;rliche Gef&uuml;hl empfindet das Dicke richtig
+als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer d&auml;mpft,
+allerdings auch das Grab des g&ouml;ttlichen werden kann. Gott
+offenbart sich nur im Stoff, im Fleisch, nur in Verbindung
+mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber schlie&szlig;lich
+l&ouml;scht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt
+die Kraft den Stoff.</p>
+
+<p>Auf eine richtige Verteilung des Blutes im K&ouml;rper kommt
+also alles an; bei allen Kranken mu&szlig; daf&uuml;r gesorgt werden,
+da&szlig; das Blut dem ganzen Organismus zugute kommt.
+Christus, der g&ouml;ttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, da&szlig;
+nur die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute
+vorhandenen Geist zur richtigen Wirksamkeit bringt, so da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span>er unseren ganzen K&ouml;rper vergeistigt. Das &Uuml;berma&szlig; von
+Aktivit&auml;t, welches entweder den Menschen selbst oder andere,
+seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen
+Lehre in die richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes
+Arztes und des Seelenarztes insbesondere.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief17" id="brief17"></a><a href="#inhalt">XVII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">A</span>ls einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, da&szlig;
+Christus ein Jude war, und du verargst es Gott ein wenig,
+da&szlig; er gerade die Juden auserw&auml;hlte, um unter ihnen
+Fleisch zu werden. Gott wu&szlig;te indessen wohl, was er tat,
+was du glauben wirst, wenn du &uuml;berhaupt an Gott glaubst:
+die Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern
+es die st&auml;rksten Gegens&auml;tze umfa&szlig;te. Sie umfa&szlig;ten
+in sich das G&ouml;ttliche und das Teuflische, die h&ouml;chste Liebesf&auml;higkeit,
+den unbedingtesten Glauben, hingebende Opferwilligkeit
+und teuflische Grausamkeit, T&uuml;cke, Hochmut und
+Unglauben. Ihrer Habsucht und Geldgier stand gro&szlig;artigste
+Uneigenn&uuml;tzigkeit gegen&uuml;ber, gl&uuml;hender Sinnlichkeit engelgleiche
+Reinheit. Diese Gegens&auml;tze wurden zusammengefa&szlig;t
+durch Pers&ouml;nlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung
+und Bindekraft, die die ungeheure Idee des <em>einen</em> Weltgottes
+erst fassen konnten. Ihre gigantische Phantasie
+stellte die Gestalt Luzifers, des Rebellen, neben Gott und
+weissagte den H&ouml;lle und Tod &uuml;berwindenden Erl&ouml;ser.</p>
+
+<p>Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von
+Selbstbewu&szlig;tsein und Gottbewu&szlig;tsein mu&szlig;te der bewu&szlig;ten
+Zusammenfassung dieser Gegens&auml;tze vorangehen; jeder
+Monismus ist auf einen Dualismus gegr&uuml;ndet, der das
+nat&uuml;rliche Gef&uuml;hl abst&ouml;&szlig;t, sowie die zusammenfassende Kraft
+fehlt. Bei keinem Volke der Erde war die Spaltung so
+tief gegangen; darum konnte aus den Herzen, die sie &uuml;berwanden,
+<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span>zuerst das Wort von Gott flie&szlig;en, so stark und rein,
+da&szlig; es seitdem alle leidenden Herzen &uuml;berzeugt, erhoben,
+getr&ouml;stet und begeistert hat. Dies erst, da&szlig; das menschliche
+Selbst sagte: Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen
+und zu sagen: Ich bin der Herr, dein Gott. Da&szlig;
+die Juden das erste monotheistische Volk waren, da&szlig; alle
+V&ouml;lker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsb&uuml;chern
+zu lesen. Da&szlig; Christus Jude war, gesteht
+man schon weniger gern zu. Luther nahm es als Tatsache
+an, und es war Grund f&uuml;r ihn, mit den Juden zu sympathisieren,
+obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber
+welches Volk h&auml;tte das tun k&ouml;nnen au&szlig;er dem, in dem er
+erschienen war? Aus dem Volke der gr&ouml;&szlig;ten Gegens&auml;tze
+sind die Mutter und die M&ouml;rder des Erl&ouml;sers hervorgegangen.
+&Uuml;brigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit
+denen er sich anfangs gern in Dispute einlie&szlig;, ihn mehr
+und mehr gegen sie erk&auml;ltet und schlie&szlig;lich erbittert.</p>
+
+<p>Denn das sah er ja ein, da&szlig; den Juden nichts anderes
+&uuml;brigbliebe, als an Christus zu glauben und in anderen V&ouml;lkern
+aufzugehen. Sie sind in der Lage der Nachkommen eines
+gro&szlig;en Mannes: sie k&ouml;nnen nur in ihm und durch ihn etwas
+sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein,
+so m&uuml;ssen sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung
+mu&szlig;te sie betreffen, und sie werden sich ihm nicht durch Begr&uuml;ndung
+eines eigenen Vaterlandes entziehen k&ouml;nnen, weil
+ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst fehlt. Sich
+zu &uuml;berpers&ouml;nlichen, das hei&szlig;t zu sterben, in anderen, noch
+lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung
+der V&ouml;lker wie der einzelnen.</p>
+
+<p>Was eine j&uuml;dische Partei vor Jahrhunderten veranla&szlig;te,
+Christus zu kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht,
+ihre Eitelkeit und Ungl&auml;ubigkeit, der Teufel in allen
+<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span>drei Gestalten. Sie wollten einen Messias, der ihnen weltliche
+Herrschaft und weltliche Gen&uuml;sse verschaffte; sie wollten
+weder die &Uuml;berlegenheit seiner Person noch die Wahrheit
+seiner Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind
+es jetzt noch, die uns die Juden entfremden: Sinnlichkeit
+und Geist, die nicht mehr durch starke Pers&ouml;nlichkeiten
+zusammengefa&szlig;t werden. Was wir als j&uuml;disch empfinden,
+ohne da&szlig; alle Juden es haben m&uuml;ssen, ist etwas Immerwaches,
+Neugieriges, L&uuml;sternes, kurz ein Selbstbewu&szlig;tsein,
+mit dem uns nur eine starke positive Kraft vers&ouml;hnen
+w&uuml;rde, die nun aber ersch&ouml;pft ist. Wir nennen j&uuml;disch
+ferner das korrekte Pharis&auml;ertum, das aus eigener Kraft
+vollkommen sein zu k&ouml;nnen glaubt, und durch das Gebundensein,
+nicht an das lebendige Gesetz des Herzens,
+sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und
+Unschuld entbehrt.</p>
+
+<p>Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der
+Wille Gottes, das hei&szlig;t notwendig, und zwar wird es
+deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen ihres
+Blutes den anderen V&ouml;lkern der Erde mitteilen. Es ist
+eben dennoch G&ouml;tterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte
+zugleich t&ouml;dlich und heilsam, aufl&ouml;send und ganzmachend.
+Man hat l&auml;ngst beobachtet, da&szlig; die Vermischung mit j&uuml;dischem
+Blut die Familien interessanter, bedeutender macht,
+gleichsam farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend,
+Gegens&auml;tze hervorrufend oder versch&auml;rfend und insofern zur
+Reife bringend; die Farbigkeit ist die des Herbstes, der zugleich
+Fr&uuml;chte bringt und dem Winter ann&auml;hert.</p>
+
+<p>Die aus dem Herzen kommende g&ouml;ttliche Liebe findet sich
+bei den Deutschen unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist
+sie h&auml;ufig auf j&uuml;disches Blut zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Auch der
+kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien, wo er
+<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span>noch nicht entwickelt war; anderen m&uuml;&szlig;te der Zuschu&szlig; verderblich
+werden. Mit Giften mu&szlig; man eben sehr vorsichtig
+sein, und sie d&uuml;rfen nur in kleinsten Dosen gegeben werden.
+Die V&ouml;lker werden im allgemeinen wohl den richtigen Instinkt
+haben, wieviel Beimischung j&uuml;dischen Blutes sie bed&uuml;rfen
+und ertragen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst w&uuml;rde man denken, primitive V&ouml;lker oder Schichten
+m&uuml;&szlig;ten Neigung zur Vermischung mit Juden haben;
+aber dies ist nicht der Fall; Bauern lehnen das J&uuml;dische
+ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke mir aber,
+da&szlig; eine zu gro&szlig;e Gegens&auml;tzlichkeit ung&uuml;nstig ist, und da&szlig; erst
+bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von V&ouml;lkern und
+Individuen fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt
+Juden, viel eher der Adel, was nicht durch die &auml;u&szlig;eren
+Gr&uuml;nde allein zu erkl&auml;ren ist. Und nun denke an die merkw&uuml;rdige
+Tatsache, die beobachtet worden ist, da&szlig; altadlige
+Familien oft den j&uuml;dischen Typus bekommen; nicht solche,
+in denen j&uuml;disches Blut flie&szlig;t, sondern gerade die mit reinem
+Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir anzuzeigen, da&szlig;
+das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den
+auch V&ouml;lker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen
+k&ouml;nnen. So betrachtet w&auml;re das Judentum das
+Stadium der Selbstanbetung, in das ein Volk eintritt, wenn
+es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und erreichten
+H&ouml;he bewu&szlig;t geworden ist und sich infolgedessen
+von allen anderen absondert.</p>
+
+<p>Es f&auml;llt mir dabei ein, da&szlig; mir jemand erz&auml;hlte, er wu&szlig;te
+selbst nicht, ob es Wahrheit oder Anekdote war, eine von
+den alten Baseler Familien sei j&uuml;dischen Ursprungs, und
+durch diese sei ganz Basel mit j&uuml;dischem Blute durchsetzt.
+Es liegt darin jedenfalls ausgedr&uuml;ckt, da&szlig; ein lange von
+fremdem Zuflu&szlig; abgesondertes, auf sich selbst beschr&auml;nktes
+<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span>Gemeinwesen j&uuml;disch wird, &Auml;hnlichkeit mit dem Volke der
+Selbstanbetung und Dekadenz <span class="greek" title="kat exoch&ecirc;n" lang="el">&#954;&#945;&#964; &#8050;&#958;&#959;&#967;&#951;&#957;</span> bekommt. Es
+hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu h&ouml;chster Sch&ouml;nheit
+verdichtet und enth&auml;lt sich, um ihn rein zu bewahren,
+jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst
+verlieren mu&szlig;. Man kann diesem tragischen Typus, der
+auch im Christustypus anklingt, immer begegnen, wo eine
+Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abw&auml;rts
+neigt. Es wird oft beklagt, da&szlig; Menschen und V&ouml;lker sich
+&uuml;berleben, da&szlig; Gott seine Kreatur nicht auf ihrem H&ouml;hepunkte
+zerst&ouml;rt; aber man hat unrecht, denn nicht Gott tut das.
+Er ist der schaffende K&uuml;nstler, der den Stoff, sowie er ihn
+ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichg&uuml;ltig
+gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das
+Sch&ouml;ne, das Vollendete ist dem Tode geweiht, Gott wirkt
+nicht mehr darin und &uuml;berl&auml;&szlig;t es sich selbst. Nicht Gott,
+sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der das
+eben abgelieferte Geschmeide dem K&auml;ufer hinterr&uuml;cks entrei&szlig;t,
+um es heimlich im Winkel, mit b&ouml;sem Gewissen, blitzen
+zu lassen.</p>
+
+<p>Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen
+den vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde
+versuchen, dir zu erkl&auml;ren, wie ich das meine.</p>
+
+<p>Ich unterschied, wie du wei&szlig;t, zwischen g&ouml;ttlicher und
+menschlicher Kraft, und schlug vor, jene die geniale, unwillk&uuml;rliche,
+schaffende, diese die selbstbewu&szlig;te, willk&uuml;rliche,
+ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann man
+auch zwischen g&ouml;ttlichen und menschlichen oder gottbewu&szlig;ten
+und selbstbewu&szlig;ten oder genialen, schaffenden und ordnenden
+V&ouml;lkern unterscheiden. Die genialen herrschen im
+Reiche Gottes, die selbstbewu&szlig;ten in der Welt. Sie haben
+auch ihre Genialit&auml;t, das ist die Kraft des Organisierens,
+<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span>vermittelst welcher sie die g&ouml;ttlichen Ideen verweltlichen, in
+die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen
+V&ouml;lkern abh&auml;ngen, weil sie selbst keine g&ouml;ttlichen Ideen hervorbringen,
+so herrschen sie doch in der Welt, welche das
+Reich der selbstbewu&szlig;ten Kraft ist. Wie das einzelne Genie,
+so wird auch das geniale Volk &bdquo;gekreuzigt und verbrannt&ldquo;;
+es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es k&ouml;nnte
+nicht genial sein, das hei&szlig;t nicht Gott empfangen, wenn es
+nicht passiv sein k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Die genialen V&ouml;lker des Altertums waren die Juden und
+die Griechen, das herrschende, das politische Volk des Altertums
+waren die R&ouml;mer; ihnen entsprechen in der nachchristlichen
+Zeit einerseits die Deutschen und Italiener,
+andererseits die Engl&auml;nder. Die Juden, Griechen, Italiener
+und Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, da&szlig; sie
+von den weltlichen, politischen V&ouml;lkern teils geha&szlig;t, teils
+verachtet wurden; verachtet, solange sie in der Welt schlechtweg
+die Unterliegenden waren, geha&szlig;t, wenn sie auch in
+der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen V&ouml;lker
+sp&uuml;ren in den genialen V&ouml;lkern eine &Uuml;berlegenheit, die sie
+doch in der Welt nicht zur Geltung bringen k&ouml;nnen, und
+die deshalb in ihnen, den politischen, keine Furcht erregt.</p>
+
+<p>Was w&auml;re die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke
+der Griechen? Und wir d&uuml;rfen wohl hinzusetzen, was
+w&auml;re sie ohne die Kunst, Dichtung, Musik und Religion
+der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden V&ouml;lker
+beziehen ihr geistiges Leben zum gro&szlig;en Teil von den genialen;
+aber da sie sie nicht zu f&uuml;rchten brauchen, gestehen
+sie es nicht zu und sind nicht dankbar daf&uuml;r, sondern verleugnen
+sie und beschimpfen sie noch dazu. Die genialen
+V&ouml;lker haben im Kampfe mit politischen V&ouml;lkern nur Gott;
+verlassen sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu st&uuml;tzen, so
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>geraten sie in die gr&ouml;&szlig;te Gefahr, da sie auf diesem Gebiete
+den politischen V&ouml;lkern doch nicht gewachsen sind. In der
+Bibel h&ouml;ren wir nur von Gottvertrauen, niemals ein
+Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott
+rauscht wie Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit
+diesem Gottvertrauen waren die Juden unbesiegbar; nachdem
+sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie zertreten.</p>
+
+<p>Man sollte nun denken, da&szlig; zwischen den genialen V&ouml;lkern
+Einigkeit herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied,
+der sie ebenso voneinander trennt, wie sie von den
+politischen V&ouml;lkern getrennt sind, n&auml;mlich der Unterschied
+von Natur und Geist.</p>
+
+<p>Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander
+auf drei Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend
+in der Natur, als Taten schaffend im Leben oder in der
+Geschichte, als Ideen schaffend im menschlichen Geiste;
+diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch vorzugsweise
+K&uuml;nstler, Dichter, Held oder Weiser.</p>
+
+<p>Danach sind unter den genialen V&ouml;lkern die gestaltenden
+und die dichtenden zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung
+aus, die etwas Begrenztes und Vielfaches ist, diese
+vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich ist. Der
+dichterische Genius, der im Nacheinander eine h&ouml;here Stufe
+bezeichnet, versteht und liebt die zur&uuml;ckliegende Stufe; der
+bildende, der die h&ouml;here Stufe noch nicht erreicht hat, steht
+ihr mi&szlig;trauisch gegen&uuml;ber. Im Altertum waren die Griechen
+das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst, gestaltende
+Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind.
+Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden,
+da&szlig; sie auch Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging;
+aber als geniales Geistesvolk haben sie auch als bildende
+K&uuml;nstler immer eine dichterische Phantasie, wodurch ihre
+<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span>Kunst sich wesentlich von der der Griechen und Italiener
+unterscheidet. In ihren h&ouml;chsten Spitzen ber&uuml;hrt sich zwar
+die griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber
+f&uuml;r jene bedeutet &Uuml;berreife und Beginn der Abw&auml;rtsentwickelung,
+was die Bl&uuml;te, das Nat&uuml;rliche der deutschen
+Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst hat vorzugsweise
+die g&ouml;ttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande,
+die deutsche das k&ouml;rperlich erscheinende Unendliche. Aus
+diesem Grunde kann die italienische Kunst leer werden, aber
+niemals so abstrus wie die deutsche.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nun deinen Einwand schon, da&szlig; doch nicht jedes
+Ph&auml;nomen in diese Einteilung hineinpa&szlig;t; aber das ist ja
+selbstverst&auml;ndlich, und das ganz gemeine Sprichwort sagt
+schon, da&szlig; keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich aber
+auch, da&szlig; die Ausnahme die Regel best&auml;tigt. Die Einteilungen
+macht ja der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich
+vielmehr, sie zu durchbrechen; aber uns dienen sie doch zur
+&Uuml;bersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur ein Nacheinander,
+sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott
+selbst zugleich K&uuml;nstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel
+die Kraft gibt, so sind auch im Menschen alle diese Einzelkr&auml;fte
+zugleich t&auml;tig; nur pflegt ihm, da er nicht Gott ist, eine
+wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich Gott n&auml;hert,
+desto st&auml;rker umfa&szlig;t er alle Kr&auml;fte. Auch die politischen
+V&ouml;lker bringen gro&szlig;e Dichter und K&uuml;nstler hervor; aber
+das ist nicht ihr Wesentliches, und sie werden den genialen
+V&ouml;lkern bedeutungsvoller als ihnen selbst. Religionsstifter,
+also die allerumfassendsten Dichter, haben nur die Juden und
+die Deutschen hervorgebracht &ndash; ich spreche von den europ&auml;ischen
+V&ouml;lkern, zu denen die Juden jetzt auch zu z&auml;hlen
+sind.</p>
+
+<p>Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span>es Griechen mehr gibt: was an ihnen lebendig war, ist in
+anderen V&ouml;lkern aufgegangen.</p>
+
+<p>Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschw&auml;cht
+werden kann, so ist das Herz des j&uuml;dischen Volkes ersch&ouml;pft,
+als Christus daraus hervorgegangen war.</p>
+
+<p>Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher
+Kultur sein, wenn man Kultur ein Ausgeglichensein der
+Gegens&auml;tze nennt. Jedes geniale Volk wird namentlich den
+Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven,
+unselbst&auml;ndigen Masse und einer herrschs&uuml;chtigen, hochm&uuml;tigen
+Oberklasse aufweisen; eine g&ouml;ttlich-teuflische Kraft
+und einen formlosen Stoff, in dem sie sich offenbart. Diese
+formlose, gl&auml;ubige Masse, diese chaotische, die immer zum
+Verwildern neigt, l&auml;&szlig;t die Deutschen als ein im ganzen
+unsch&ouml;nes, unkultiviertes, knechtisches, unklar g&auml;rendes
+Volk erscheinen, aus dem sich im schroffen und geschmacklosen
+Gegensatz eine hochm&uuml;tig beschr&auml;nkte, herrschende
+Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen
+flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig
+sehr gro&szlig;e Anzahl genialer Pers&ouml;nlichkeiten pflegte
+im Deutschen Reiche zwischen den Herren und den Sklaven
+zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das das Ziel
+despotischer Herren gegen&uuml;ber einer sklavischen Menge zu
+sein pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten
+Menschentums, Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn.
+Einheit in der Mannigfaltigkeit ist das sch&ouml;ne, farbige, verschwenderische
+Gesetz des g&ouml;ttlichen Lebens, das aus dem
+Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willk&uuml;r
+schafft, ert&ouml;tet Leben und Schaffenskraft. Deutschland
+und Italien umfassen die Mannigfaltigkeit sehr verschieden
+gearteter Einzelstaaten und den gro&szlig;en Dualismus eines
+geistigeren Nordens und eines sinnlicheren S&uuml;dens, die in
+<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span>einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammensto&szlig;en.
+Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine
+Menge nie ganz vereinbarter St&auml;mme.</p>
+
+<p>Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das
+starke Einzelleben im Deutschen Reiche noch au&szlig;erordentlich
+gro&szlig;. Luther selbst spricht von den Deutschen stets als von
+einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei jedermann
+die deutsche Bestie hei&szlig;en m&uuml;sse, mit Recht. In allen
+St&auml;nden fand er z&uuml;gellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und
+&Uuml;bermut. Er liebte und ha&szlig;te dieses Volk zugleich, ein
+kochendes Chaos, aus dem g&ouml;ttliche Gestalten, Taten und
+Worte stiegen.</p>
+
+<p>Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben
+sich seit Luthers Zeit sehr ver&auml;ndert. Die musterhafte Organisation
+Englands und Frankreichs wurde ihr Ideal,
+dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten:
+sie wollen aus genialen politische V&ouml;lker werden. Der
+Krieg wird vermutlich dar&uuml;ber entscheiden, ob das m&ouml;glich
+ist. Die Unzerst&ouml;rbarkeit des pers&ouml;nlichen Charakters, dessen
+Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen zu sprechen;
+andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene
+Entwickelungsstadien hindurch und l&ouml;st sich schlie&szlig;lich auf,
+wenn auch nicht so, da&szlig; es eine Leiche gibt, sondern indem
+sie sich mit anderen Nationen mischt und dadurch ver&auml;ndert.
+Seit Jahrhunderten sind in Deutschland die mehr weltlichen
+als genialen Preu&szlig;en aufgekommen und mehr und mehr tonangebend
+geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland,
+das lange schaffenskr&auml;ftig gewesen war, zu erschlaffen
+begann. Wird das alte Deutschland ganz in Preu&szlig;en aufgehen,
+oder wird das alte, das geniale Deutschland auferstehen?
+Ru&szlig;land ist jetzt das am meisten passive und
+gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk,
+<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span>also das am meisten j&uuml;dische Volk; aber an Erscheinungen
+wie Tolstoi und Dostojewski sieht man auch die zunehmende
+Kraft des Herzens und des Wortes, die die Gegens&auml;tze bindet.
+Wer will weissagen, ob Ru&szlig;land jemals oder gar schon
+bald die Rolle des alten Deutschlands &uuml;bernehmen wird?
+Gott hat lange z&uuml;rnend geschwiegen: er wird sich das Herz
+irgendeines Volkes erw&auml;hlen, um durch dasselbe wieder zur
+Menschheit zu reden. Das ist aber gewi&szlig;, da&szlig; dieses Volk
+nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird
+leiden und entbehren m&uuml;ssen; daf&uuml;r wird es in die Wohnungen
+des himmlischen Vaters einziehen, die ihm von Anfang
+bereitet sind. Aber, so w&uuml;rde Luther warnen, man
+mu&szlig; auch das G&ouml;ttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen:
+jedes Volk mu&szlig; k&auml;mpfen, um zu siegen, und schlie&szlig;lich Sieg
+oder Niederlage aus Gottes Hand hinnehmen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief18" id="brief18"></a><a href="#inhalt">XVIII</a></h2>
+
+
+<p>&bdquo;<span class="initial">N</span>un ist auch irrig, da&szlig; die Zeremonialwerke nach dem
+Tode Christi todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht
+vor Gott.&ldquo; Diese Worte Luthers f&uuml;hre ich dir deswegen an,
+weil du mir neulich schriebest, das einseitige Betonen des
+Unwillk&uuml;rlichen, Unbewu&szlig;ten oder Gottbewu&szlig;ten sei dir
+zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich
+wesentlich Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewu&szlig;t,
+selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei,
+komme das G&ouml;ttliche an die Reihe. Ob du diese Einseitigkeit
+deshalb so stark empfindest, weil du gerade mehr g&ouml;ttlich
+als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch dem
+Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde
+weltlich bist? Was Luther betrifft, so war er sehr stark
+selbstbewu&szlig;t &ndash; die alte Schlange hatte ihn greulich vergiftet,
+wie er sagt &ndash; und seine Zeitgenossen waren es
+<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span>&uuml;berwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das
+G&ouml;ttliche gelegt, da das andere sich von selbst verstand.
+Die angef&uuml;hrten Worte beziehen sich zun&auml;chst nur auf
+kirchliche Gebr&auml;uche, deren der Christ nicht bedarf; die er
+aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur
+dar&uuml;ber klar ist, da&szlig; Zeremonien uns nicht den inneren
+Frieden, die &Uuml;bereinstimmung mit uns selbst und Schaffenskraft
+geben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&Auml;hnlich sprach sich Luther auch &uuml;ber die guten Werke,
+also &uuml;ber die b&uuml;rgerliche Moral aus, da&szlig; sie nicht an sich
+zu verdammen sei, nur vor Gott nicht rechtfertige. &bdquo;Nun
+ist wahr&ldquo;, sagt er, &bdquo;wie ich immerdar gelehrt habe, da&szlig;
+Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein &auml;u&szlig;erlichen
+Leben und Wandel vor der Welt, heilig und unstr&auml;flich;
+aber es soll und kann vor Gott keinen Christen machen, das
+ist das ewige Leben schaffen noch bringen. Zu diesen Ehren
+lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen,
+sondern es soll hoch und weit &uuml;ber alle Werke und sch&ouml;nes,
+herrliches Leben schweben. Unsere Werke und Leben la&szlig;
+hienieden in diesem Regiment bleiben und eine irdische
+Fr&ouml;mmigkeit hei&szlig;en, welche Gott auch von uns fordert und
+l&auml;&szlig;t sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide,
+hier und dort, belohnen will: dies aber, wovon wir hier
+reden, ist eine himmlische und g&ouml;ttliche Fr&ouml;mmigkeit, die
+ein ewiges Leben schafft.&ldquo;</p>
+
+<p>Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied
+zwischen der Moral zu zeigen, die von menschlicher Willk&uuml;r
+abh&auml;ngt, und von dem Glauben, der aus g&ouml;ttlicher Gnade,
+aus dem Herzen flie&szlig;t, und zu erkl&auml;ren, was vom einen
+und was vom anderen zu erwarten ist.</p>
+
+<p>Leute, die die Reformation mit Jubel begr&uuml;&szlig;ten, haben
+sich sp&auml;ter angeekelt von ihr abgewandt, wie zum Beispiel
+<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span>der N&uuml;rnberger Patrizier Pirkheimer, weil sie wahrzunehmen
+glaubten, da&szlig; auf evangelischer Seite die Sittenverschlechterung
+mit einem gro&szlig;en Nachdruck und &Uuml;bermut einrei&szlig;e.
+Luther selbst erschrak &uuml;ber diese unvorhergesehene Folge
+seines Werkes und sagte: sie nehmens fleischlich auf. Da&szlig;
+dies geschehen konnte, liegt auf der Hand: Luther predigte
+gegen die Moral und gegen das Streben nach Vollkommenheit,
+vielmehr solle man sich gehen lassen und auch s&uuml;ndigen.
+&bdquo;Wir sehen im Evangelium&ldquo;, schreibt er, &bdquo;den Z&ouml;llner
+Christo n&auml;her sein als den Pharis&auml;er; wenn sie auch nach
+menschlichem Urteil &auml;rger sind, so stellt sie doch das Evangelium
+gewi&szlig;lich als seliger dar, so da&szlig; es sicherer erscheint,
+&ouml;ffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos dazustehen.
+Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen.
+Wir &uuml;berlassen Gott seine verborgenen und zu f&uuml;rchtenden
+Urteile.&ldquo;</p>
+
+<p>Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbst&uuml;berspannung
+auf der einen Seite; aber auch in die Gefahren,
+die dessen warten, der sich dem Herzen und seiner elementarischen
+Unberechenbarkeit &uuml;berl&auml;&szlig;t. Seine Lehre bedurfte
+deswegen einer Erg&auml;nzung, die er ihr auch gab, n&auml;mlich
+indem er das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz st&auml;rkte.</p>
+
+<p>Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes
+die noch nicht zum Geist hin&uuml;bergef&uuml;hrte Menschheit,
+anders ausgedr&uuml;ckt: die Gesamtheit aller von den
+Menschen willk&uuml;rlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen
+und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen.
+Die genialen Menschen und die S&uuml;nder und Verbrecher
+haben das Gemeinsame, da&szlig; sie au&szlig;erhalb dieses
+Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, da&szlig; die
+Auserw&auml;hlten, die wahren Christen, sich ihm freiwillig
+f&uuml;gen oder ihn ignorieren oder, je nachdem, ihn durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span>Worte bek&auml;mpfen, w&auml;hrend diese, die S&uuml;nder und Verbrecher,
+ihn hinterr&uuml;cks oder offen gewaltsam zu zerst&ouml;ren
+suchen. Vor allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur
+Welt beim Christen und beim Verbrecher ein anderer: der
+Verbrecher f&uuml;hlt seine Selbstsucht durch die Welt gehemmt,
+der Christ seine G&ouml;ttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie
+G&ouml;ttlichkeit aus derselben Quelle flie&szlig;en, n&auml;mlich aus dem
+Herzen, so ist zwischen beiden ein Verst&auml;ndnis m&ouml;glich. Man
+kann sagen, da&szlig; Gott und Tier sich unmittelbar leichter verstehen
+als Gott und Mensch: sie beide leben aus dem Herzen,
+der Mensch aus dem Kopfe.</p>
+
+<p>Luther hatte vom nat&uuml;rlichen Menschen die Meinung,
+da&szlig; er dem Teufel und der S&uuml;nde verknechtet sei, da&szlig; er
+also nur sich selbst wollen k&ouml;nne; infolgedessen herrsche unter
+den nat&uuml;rlichen Menschen das Recht des St&auml;rkeren, wer den
+anderen &uuml;berm&ouml;ge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der
+St&auml;rkere den Schw&auml;cheren nicht erdr&uuml;cken k&ouml;nne, m&uuml;sse das
+Gesetz sein, das die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu
+machen. Luther hat bewu&szlig;t f&uuml;r die Verst&auml;rkung der obrigkeitlichen
+Gewalt gesorgt, die in der Tat eine notwendige
+Erg&auml;nzung seiner Lehre ist: nur dann k&ouml;nnen sich die Menschen
+ihrem Herzen &uuml;berlassen, wenn die &Uuml;bergriffe der
+selbstischen, b&ouml;sen, noch tierischen Herzen durch das Gesetz
+gehemmt werden. Das Gesetz &uuml;berhebt den Menschen, diese
+Hemmung selbst durch die Moral auszu&uuml;ben, was er nicht
+tun kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu l&auml;hmen. Es ist
+Verleumdung, wenn man Luther nachsagt, er habe den F&uuml;rsten
+geschmeichelt, sei es auch nur, damit sie seine Ideen
+st&uuml;tzten. Die Verst&auml;rkung der obrigkeitlichen Gewalt geh&ouml;rte
+vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem
+Kurf&uuml;rsten Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich
+dem Adel zugute kam. Die in der Welt herrschende
+<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">201</a></span>und auch in den Gesetzen sich auspr&auml;gende Gesinnung, nicht
+den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des Schwachen
+zu sch&uuml;tzen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst
+furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Sch&auml;den der
+Gesetzgebung in dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er
+die Herrschaft selbst ungerechter Gesetze f&uuml;r besser als Gesetzlosigkeit.
+Was er anstrebte, war strenges Gesetz, dessen
+Handhabung durch gro&szlig;herzige Menschen besorgt w&uuml;rde.
+Dies Verh&auml;ltnis bestand bis zu einem ungew&ouml;hnlich hohen
+Grade in Sachsen, solange Luther lebte; tats&auml;chlich regierten
+sein reines Herz und seine gro&szlig;en Gedanken, nur selten
+wurden die F&uuml;rsten, die sich vertrauensvoll von ihrem Propheten
+leiten lie&szlig;en, durch die Selbstsucht ihres Adels abgelenkt.
+Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt
+hinaus, wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war
+das St&uuml;ck Welt, das er dadurch beherrscht hatte, wieder sich
+selbst &uuml;berlassen.</p>
+
+<p>Die Erkenntnis, da&szlig;, wenn das Gesetz in der Hand von
+Pers&ouml;nlichkeiten ruht, mit dem Ausscheiden derselben pl&ouml;tzlich
+Schwankungen und St&ouml;rungen eintreten k&ouml;nnen, hat
+die Menschen veranla&szlig;t, die Gesetze von der Handhabung
+durch einzelne unabh&auml;ngig zu machen, da der geschriebene
+Buchstabe verl&auml;&szlig;licher zu sein scheint als der ver&auml;nderliche
+Mensch. Sowie aber der menschliche Verstand denkt, irrt
+er auch; es ist n&auml;mlich wohl richtig, da&szlig; geschriebene Gesetze
+nicht sterben, aber sie tun es deswegen nicht, weil sie
+nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich nicht
+mit den Erscheinungen des Lebens und k&ouml;nnen das Leben
+nicht regulieren, ohne es zu sch&auml;digen. Soviel ich wei&szlig;, ist
+man jetzt zu dem Grundsatz zur&uuml;ckgekehrt, die Gesetze so
+gro&szlig;z&uuml;gig anzulegen, da&szlig; Raum f&uuml;r pers&ouml;nliche Auslegung
+und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die herzhaften
+<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span>Menschen, die salomonische Urteile f&auml;llen k&ouml;nnen. Alle die
+Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den
+vielen ihm zur Entscheidung vorgelegten Sachen f&auml;llte, w&uuml;rde
+sehr verdienstlich sein und einen &uuml;berraschenden Einblick in
+seine gr&uuml;ndliche Kenntnis weltlicher Angelegenheiten und
+in die Weisheit seines Herzens gew&auml;hren. H&auml;tte das Volk
+immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen
+haben k&ouml;nnen, w&auml;ren sicherlich keine Geschworenengerichte
+entstanden. Wenn in den r&uuml;ckl&auml;ufigen Zeiten die Kraft abnimmt,
+versucht man durch Summierung von Menschen die
+Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, da&szlig;
+Millionen schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen.
+Nach dem Gesetz, da&szlig; Organe, die sich nicht &uuml;ben,
+immer schw&auml;cher werden, mu&szlig;ten die Einrichtungen, die
+zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die
+Herzen immer mehr entkr&auml;ften.</p>
+
+<p>Luthers Ideal war, da&szlig; die Welt, in der das Gesetz
+herrscht, sofort abgel&ouml;st wird durch das Reich Gottes, in
+dem die Liebe und infolgedessen die Freiheit herrscht. In
+ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes Sichgehenlassen,
+sondern ein steter Kampf gegen das herrschs&uuml;chtige Ich; da
+aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gl&auml;ubigen
+und liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch
+gewisserma&szlig;en ein Sichgehenlassen und nicht sch&auml;dlich, sondern
+heilsam.</p>
+
+<p>Da nun aber au&szlig;er der Welt und dem Reich Gottes noch
+das Zwischenreich des zweiten Haufens besteht, der zwischen
+Welt und Geist schwankt, so scheint mir die Moral f&uuml;r
+dieses &uuml;brig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des
+gro&szlig;en Haufens unterworfen zu f&uuml;hlen, nicht stark genug,
+um sich dem eigenen Herzen zu vertrauen, m&uuml;ssen sie sich
+einstweilen mit der Moral r&uuml;sten. Diese R&uuml;stung &ndash; wer
+<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span>wollte das verkennen &ndash; kann sehr blank und ritterlich sein,
+und Luzifer kann mit ihr derma&szlig;en strahlen, da&szlig; man ihn
+fast mit der Sonne verwechseln k&ouml;nnte. Nur das ist gegen
+sie einzuwenden, da&szlig; das g&ouml;ttliche Feuer hinter ihr ersticken
+kann; deshalb mu&szlig; sie abgetan werden, wenn noch Glut
+genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme zu
+werden.</p>
+
+<p>Es ist f&uuml;r Luther, den Deutschen, und f&uuml;r Luther, das
+Genie, charakteristisch, da&szlig; er bei seiner Einteilung der
+Menschen in die drei Haufen eigentlich nur die Entwickelung
+des nat&uuml;rlichen Menschen zum geistigen im Auge gehabt hat.
+Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber es gibt auch
+eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden
+Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich
+auf den verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor,
+Unternehmer, General bis zu den F&uuml;rsten, von
+denen Luther sagte, da&szlig; sie gemeiniglich die &auml;rgsten Buben
+oder gr&ouml;&szlig;ten Narren w&auml;ren. Luther hatte nichts gegen sie;
+sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, da&szlig; er
+ein frommer Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen,
+da&szlig; auch ihre allergr&ouml;&szlig;te Macht nicht imstande sei, ihnen
+die &uuml;berschwengliche Herrlichkeit der Auserw&auml;hlten zu verschaffen.
+Ich erw&auml;hnte schon, da&szlig; die R&ouml;mer, im Gegensatz
+zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegen&uuml;berstanden.
+&bdquo;Drum soll der S&auml;nger mit dem K&ouml;nig gehen; sie
+beide wohnen auf der Menschheit H&ouml;hen.&ldquo; Sie sind die
+Spitzen zweier in entgegengesetzter Richtung nach oben
+f&uuml;hrender Linien, als Herrscher einander verwandt, als
+Herrscher sich ausschlie&szlig;ender Reiche einander feind.</p>
+
+<p>Zwischen beiden Punkten jedoch ist best&auml;ndiges Flie&szlig;en
+und &Uuml;bergehen. So senkte sich die Linie der Kurf&uuml;rsten
+von Sachsen seit Friedrich dem Weisen in der Welt abw&auml;rts,
+<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span>um im Reiche Gottes aufw&auml;rts zu steigen, so haben
+alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten.
+Den Geist Gottes verglich Luther einem Platzregen und betonte,
+da&szlig; er nicht erblich sei. Talent vererbt sich, nicht das
+Genie; denn es ist ein H&ouml;hepunkt und kann seiner Natur
+nach nicht zugleich Ebene sein.</p>
+
+<p>Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt
+und ihre Ordnung; die genialen Menschen, die im Reiche
+Gottes Befestigten, hassen das B&ouml;se in der Welt und haben
+Sympathie f&uuml;r diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie
+es auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen
+lieben die Pers&ouml;nlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil
+sie g&ouml;ttlicher Natur ist, Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren
+Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der Welt und
+Herrscher im Geistesreiche m&uuml;ssen sich zueinander hingezogen
+f&uuml;hlen, so wenig sie sich jemals ganz verst&auml;ndigen k&ouml;nnen.
+Sowie die Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen,
+zeigt sich ihre h&ouml;here Art: fesseln l&auml;&szlig;t der Geist sich nicht;
+aber auch die Weltherrscher wollen sich nicht in jenes Reich
+verkl&auml;ren lassen, zu welchem man nur durch das Tor der
+Schmerzen eingeht. So m&uuml;ssen die beiden F&uuml;rsten, obwohl
+sie sich anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie
+Gott und der Teufel.</p>
+
+<p>Sieh, der Herold der Sonne setzt die befl&uuml;gelte Silbersohle
+auf den Wolkenr&uuml;cken jenseit jener D&auml;cher und winkt
+zum Abschied. Von Sternen zu Sternen und Sonnen steigt die
+unsichtbare Leiter; der Ku&szlig; des Abschieds verschmilzt in dem des
+Wiedersehens, ist doch der Ku&szlig; selbst nur eine Begegnung. Ein
+z&ouml;gernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und
+verg&ouml;nnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu s&auml;umen,
+den Fu&szlig; schon im Eimer, der aufw&auml;rts an die K&uuml;ste des
+Tages f&uuml;hrt. Lebewohl f&uuml;r eine Tagesl&auml;nge; er w&auml;chst
+<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span>schon, flutet nach allen Seiten, und die N&auml;chte, die uns
+vereinen, werden fr&uuml;hlingshaft gedr&auml;ngt. Bald wei&szlig; ich
+auch nichts mehr, nichts wenigstens, was sich sagen lie&szlig;e,
+und wenn die k&uuml;rzeste Nacht kommt, werde ich ausgeredet
+haben. Lebewohl.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief19" id="brief19"></a><a href="#inhalt">XIX</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">V</span>or Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen,
+die sich zu Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie f&uuml;hrten
+ein sehr ordentliches und ehrbares Leben, sie tranken
+nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner Richtung aus
+und hielten sich im Grunde f&uuml;r viel kultivierter als uns
+Europ&auml;er. Sie mi&szlig;billigten, da&szlig; man sich bei uns k&uuml;sse,
+&uuml;berhaupt im Ausdruck der Gef&uuml;hle gehen lasse; einer erz&auml;hlte,
+wenn er nach jahrelanger Abwesenheit heimk&auml;me,
+w&uuml;rde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des
+Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, h&ouml;chstens mit einem
+H&auml;ndedruck begr&uuml;&szlig;en. Selbstbeherrschung werde bei ihnen
+vom Menschen verlangt.</p>
+
+<p>Mir hat das einen befremdenden und unausl&ouml;schlichen
+Eindruck gemacht, den ich damals nicht weiter auslegte und
+verfolgte; ich fand, da&szlig; die einwandfreien Japaner eher
+k&uuml;nstlichen Affen als Menschen glichen, von sch&ouml;nen, liebenswerten
+Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch
+vor, da&szlig; sie sich f&uuml;r Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung
+protzten, obwohl gar nichts zu beherrschen da
+war, h&ouml;chstens da&szlig; irgendein R&auml;dchen h&auml;tte kaputt gehen
+k&ouml;nnen. Als Menschen genommen fl&ouml;&szlig;ten sie mir Ekel ein.</p>
+
+<p>Wie anders die Griechen, die wie L&ouml;wen br&uuml;llten, wenn
+sie verwundet waren, die wie Kinder weinten, wenn ihnen
+etwas nicht nach Wunsch ging, und sich wie Stra&szlig;enjungen
+beschimpften, wenn sie w&uuml;tend aufeinander waren. Luther,
+<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span>den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war
+vielleicht unter seinen deutschen Zeitgenossen am meisten
+Grieche. Was hatte der trockene, kl&uuml;gelnde Erasmus mit
+Griechenland zu tun, und was die meisten der flei&szlig;igen,
+strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen gro&szlig;en Schmerz
+erfuhr, wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog
+er sich zur&uuml;ck und betete, das hei&szlig;t, er raste sich aus. In
+seinen Gebeten sprach er mit Gott, hielt ihm sein Unrecht
+vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte dann
+seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen
+Gegnern ist bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen
+Vorwurf daraus; er gab ihnen recht, blieb aber dabei.
+Sicherlich hat er nicht gedacht, da&szlig; er seine Naturkraft
+schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich
+allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten
+Vors&auml;tzen, die er selbst fa&szlig;te, zum Trotz; es geh&ouml;rte zu
+seinem Genie. &bdquo;Die Stoiker, die Stockheiligen, die nicht
+weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es geschehe, was
+da wolle&ldquo;, verurteilte er; denn es sei im Grunde &bdquo;eine gemachte
+Tugend und erdichtete St&auml;rke, die Gott nicht geschaffen
+hat, ihm auch gar nichts gef&auml;llt. Denn Gott hat den
+Menschen nicht also geschaffen, da&szlig; er Stein oder Holz
+sein sollte.&ldquo;</p>
+
+<p>Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden,
+weil es eine Zeit versiegender Natur war. Er und
+einige seiner Zeitgenossen, zum Beispiel D&uuml;rer, waren noch
+durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten sie fest; dann
+fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch.
+Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz
+darein setzte, nicht Tier mehr, nur noch Mensch sein zu
+wollen, und ihm folgte der moralische und tugendhafte
+Mensch, der sich nur noch im Gehege der b&uuml;rgerlichen Ordnung
+<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span>bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles,
+was getan und gemacht wird; man wundert sich zuweilen,
+wie die Menschheit ohne Hunger und Liebe sich erhielt und
+fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in der Weimarischen
+Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe
+auf dem Boden der Bildung, Wohlanst&auml;ndigkeit und Kleinb&uuml;rgerlichkeit
+das ungez&auml;hmte Element nie losbrechen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes
+Volk, wie zum Beispiel das spanische, und zwar aus
+einem sehr erfreulichen Grunde, weil das Chaotische und Elementare,
+das der Form sich Widersetzende, in den Deutschen
+noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch
+viel zu tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den
+Preis darf ein Volk auf die Zier der Vornehmheit wohl
+verzichten. Indessen ist etwas anderes da, was dieser instinktiven
+Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint,
+n&auml;mlich das System.</p>
+
+<p>Vergleicht man etwa den Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg mit dem
+heutigen, so springt jedem ein wesentlicher Unterschied in
+die Augen. Dort, im 17.&nbsp;Jahrhundert, eine l&auml;cherliche Umst&auml;ndlichkeit,
+Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei eine un&uuml;bersehbare
+F&uuml;lle der Erscheinung. Etwas &Uuml;berschwengliches,
+zugleich Entsetzliches und Sch&ouml;nes stellt sich unserem
+inneren Auge vor, wenn wir daran denken. Dagegen jetzt
+eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres Funktionieren,
+das jeden in Erstaunen setzt; das System bew&auml;hrt sich &uuml;ber
+alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel,
+und man vergleicht sogar hier und da mit dem Drei&szlig;igj&auml;hrigen
+Kriege; aber in Wahrheit besteht vielleicht nur
+auf russischer Seite eine wirkliche &Auml;hnlichkeit. Ich las die
+Schilderung eines Pfarrers in Ostpreu&szlig;en, wie ein russischer
+hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes t&ouml;ten
+<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span>zu lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders
+den Geistlichen zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte;
+wie dann aber pl&ouml;tzlich das Herz dieses Teufels sich wendete,
+und er mit einer wahrhaft gro&szlig;m&uuml;tigen Wallung alle begnadigte.
+Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem
+Drei&szlig;igj&auml;hrigen Kriege.</p>
+
+<p>Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System
+arbeitet folgerichtig, von Gott hei&szlig;t es <span class="antiqua">spirat ubi vult</span>. Luther
+sagte einmal, als eine Stadt mit irgendwelchen derzeitig
+neuen Kanonen beschossen wurde, da&szlig; diese Maschinen wahrhaft
+eine Erfindung des Teufels zu nennen w&auml;ren; denn
+dadurch w&uuml;rde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann
+sich hervortun k&ouml;nne, die pers&ouml;nliche Tapferkeit, ihm genommen.
+Du mu&szlig;t nicht denken, ich wolle die Tapferkeit
+und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne
+sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die
+Soldaten des 16. und 17.&nbsp;Jahrhunderts, denen es in allen
+Schichten haupts&auml;chlich um Beute zu tun war; aber das ist
+nicht zu leugnen, da&szlig; der Krieg fortw&auml;hrend mehr systematisiert
+und mechanisiert wird, das hei&szlig;t, da&szlig; der Ausgang weniger
+von lebendiger pers&ouml;nlicher Kraft abh&auml;ngt als davon, da&szlig;
+jeder einzelne an seinem Orte p&uuml;nktlich die ihm vorgeschriebene
+Pflicht tut. Wenn jeder Arbeiter im richtigen
+Augenblicke sein kleines R&auml;dchen dreht oder auf sein kleines
+Kn&ouml;pfchen dr&uuml;ckt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel
+Pferdekr&auml;ften. Im Drei&szlig;igj&auml;hrigen Kriege sprachen
+die gr&ouml;&szlig;ten Feldherren immer von der launischen Fortuna
+und dem Umschwunge des Gl&uuml;cksrades; es lag alles, wie
+in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand
+der Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverst&auml;ndlich,
+da&szlig; die Welt dabei gewonnen hat; das Reich
+Gottes hat dabei verloren.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span></p><p>Ebenso verh&auml;lt es sich mit der heutigen Wohlt&auml;tigkeit.
+Fr&uuml;her fanden die von den St&auml;rkeren zertretenen Schwachen
+Zuflucht bei der erbarmenden Liebe einzelner, auch konnte
+der Unterdr&uuml;cker selbst sich pl&ouml;tzlich in einen Gro&szlig;m&uuml;tigen
+verwandeln; kurz, &uuml;ber dem Armen waltete lebendige Kraft
+und darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohlt&auml;tige
+Betrieb ersetzt nicht nur die erbarmende Liebe des
+einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man mu&szlig; den Bettler
+von der T&uuml;r weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken,
+etwaiges Mitleid darf sich nur bessernd &auml;u&szlig;ern. Unter Ausschaltung
+des einzelnen &uuml;bernimmt es das System, die
+Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren beizuf&uuml;gen, f&uuml;r
+richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empf&auml;nger
+soll um keinen Preis durch die Gabe begl&uuml;ckt werden,
+sondern soll sie so anwenden, da&szlig; die allgemeine Ordnung
+dadurch gehoben wird. Da die Privatpersonen nach Ma&szlig;
+ihres Besitzes zur Erhaltung der Wohlt&auml;tigkeitsmaschine beigesteuert
+haben, lassen sie die Menschenliebe nachher brachliegen;
+die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle
+wohlwollende Gesch&auml;ftsleute. Da&szlig; unter den Privatpersonen
+wie beim Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe
+f&uuml;r die Leidenden bewogen werden, ist selbstverst&auml;ndlich; im
+allgemeinen kommt auch auf diesem Gebiete das System der
+Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies wurde
+nat&uuml;rlich auch schon bemerkt, und die merkw&uuml;rdigsten Vorschl&auml;ge
+wurden gemacht, um eine &Auml;nderung herbeizuf&uuml;hren.
+Einmal las ich, es sollte in jedem Herrschaftshause unter
+dem Dache eine arme Familie einquartiert werden, welche
+die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so
+dachte man das System durch ein besonders feines System
+aufzuheben.</p>
+
+<p>Das System ist das, was am Preu&szlig;entum geha&szlig;t und
+<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span>gef&uuml;rchtet wird. Die Abneigung dagegen ist instinktiv und
+unausrottbar und l&auml;&szlig;t sich nicht dadurch widerlegen, da&szlig;
+das System es gut meint, korrekt und l&ouml;blich ist und sehr
+viel leistet, nat&uuml;rlich in der Welt. Jedes organische Wesen,
+je lebendiger es ist, wird abgesto&szlig;en durch die Kennzeichen
+des Systems: die schnurgerade Linie, die Starrheit und
+&Uuml;bersehbarkeit; denn alles Lebendige, wie &uuml;berzeugend es
+auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar
+seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System
+Triumphe gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus
+und den Sozialismus, nirgends aber so wie in Deutschland.
+Da&szlig; das gerade in diesem kindlichen, phantasievollen
+Volke m&ouml;glich war, ist merkw&uuml;rdig; ich erkl&auml;re es mir folgenderma&szlig;en.</p>
+
+<p>Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens
+f&uuml;r das Genie der politischen oder weltlichen V&ouml;lker.
+Sie organisieren die Gesellschaft, wie Frauen, Kinder und
+Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen pflegen mit
+einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm
+getrieben, zu organisieren, so wie ein K&uuml;nstler sich auf sein
+Werk st&uuml;rzt; ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine
+andere. Dieser Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigerma&szlig;en
+selbstbewu&szlig;tes Volk einen Gegendruck entgegen, der
+der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem Kunstwerk
+eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr
+passiven, zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand
+gering; der starken Pers&ouml;nlichkeiten, die fr&uuml;her zwischen
+dem Volke und den Herrschenden standen, sind immer weniger
+geworden, und so gelingt es dem knetenden Willen, den
+unf&ouml;rmigen Teig einf&ouml;rmig zu machen. Ein geniales Volk
+in seiner Bl&uuml;tezeit widersteht der Organisierung ganz und
+gar: es entz&uuml;ckt durch die F&uuml;lle seiner &uuml;ppig wachsenden
+<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span>Formen, w&auml;hrend wir an England die logische Entwickelung
+seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorz&uuml;ge
+der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren
+der Maschine, Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit
+und Sch&ouml;nheit; dort ist Leben, Geist, Genie, Liebe bei
+&auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnissen, die einem Weltmenschen als chaotische
+Unordnung erscheinen m&uuml;ssen. Das Organisieren
+m&ouml;chte ich als eine nat&uuml;rliche Gabe betrachten, aus der
+Natur politischer V&ouml;lker hervorgehend; das System verdeckt
+den Mangel an weltlicher Begabung. Wer nicht organisieren
+kann, verf&auml;llt auf das Mechanisieren.</p>
+
+<p>Man hat Luther nachgesagt, da&szlig; er kein Organisator gewesen
+sei, aber das ist ganz unrichtig. Er hatte genug von
+einem Herrscher in sich, um organisieren zu k&ouml;nnen; aber er
+war zugleich ein Genie und ha&szlig;te alles Mechanische, so
+wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen
+Richtungen frei beweglich und entwickelungsf&auml;hig w&auml;re,
+damit nicht aus dem Organismus ein Mechanismus w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin
+er selbst sein h&ouml;chstes Gl&uuml;ck findet: im Handeln. Er will
+das Handeln an sich allein rei&szlig;en, f&uuml;r alle handeln, wie
+die Kirche f&uuml;r alle denken wollte. Christus hat nie organisiert,
+nur Leben geweckt, wohin er kam; ich m&ouml;chte mit Absicht
+den entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und lie&szlig;
+leben. W&auml;hrend Zwingli und Calvin vorzugsweise Organisatoren,
+also Weltmenschen waren, organisierte Luther
+nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gef&uuml;hl, sich dadurch
+tragisch zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um
+der Erstarrung vorzubeugen.</p>
+
+<p>Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem
+Gebiete ist in dieser Hinsicht staunenswert weise,
+oder sogar durch und durch genial; er entschied immer nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span>dem einzelnen Fall, immer unter Miteinrechnung der jeweiligen
+M&ouml;glichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit und
+Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln
+wie bei der Einf&uuml;hrung von Zeremonien steckte er
+immer die Grenzen weit und machte sie beweglich und vermied
+jede Willk&uuml;r. Er organisierte wie die Natur, das
+hei&szlig;t wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so
+f&uuml;gte er nachdr&uuml;cklich bei, da&szlig; es durchaus nicht &uuml;berall und
+nicht immer ebenso gehalten werden m&uuml;sse. Am Schlusse
+seiner Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes
+sagt er: &bdquo;Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu gebrauchen,
+da&szlig;, wo ein Mi&szlig;brauch daraus wird, da&szlig; man
+sie flugs abtue und eine andere mache; gleichwie der K&ouml;nig
+Ezechias die eherne Schlange, die doch Gott selbst befohlen
+hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, da&szlig; die Kinder
+Israel derselbigen mi&szlig;brauchten. Denn die Ordnungen sollen
+zur F&ouml;rderung des Glaubens und der Liebe dienen und
+nicht zu Nachteil des Glaubens. Wenn sie nun das nicht
+mehr tun, so sind sie schon tot und ab und gelten nichts
+mehr; gleich als wenn eine gute M&uuml;nze verf&auml;lscht, um des
+Mi&szlig;brauchs willen aufgehoben und ge&auml;ndert wird, oder als
+wenn die neuen Schuhe alt werden und dr&uuml;cken, nicht mehr
+getragen, sondern weggeworfen und andere gekauft werden.
+Ordnung ist ein &auml;u&szlig;erliches Ding; sie sei wie gut sie will,
+so kann sie in Mi&szlig;brauch geraten. Dann aber ists nicht
+mehr eine Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht
+und gilt keine Ordnung von ihr selbst etwas, wie bisher die
+p&auml;pstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind; sondern aller
+Ordnung Leben, W&uuml;rde, Kraft und Tugend ist der rechte
+Brauch; sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger
+Bau unter einer Kuppel, entsprechend den drei Haufen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span>in welche die Menschheit, ein Abbild der Heiligen Dreifaltigkeit,
+sich gliedert. Sie sollte einschlie&szlig;en einen Bau
+f&uuml;r den gro&szlig;en Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt
+werden mu&szlig;; einen anderen Bau f&uuml;r die zwischen
+der Welt und dem Reiche Gottes Schwankenden, denen die
+Verhei&szlig;ung des Evangeliums offenbart wird, damit sie um
+der Herrlichkeit der Auserw&auml;hlten willen den Flug in das
+Geistesland wagen; den dritten Bau f&uuml;r diese, die wahren
+Christen, die freiwillig mit den anderen in der Kirche anbeten,
+obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist. Diese gigantisch
+gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome
+des Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand.
+Welche Tragik des genialen Einsamen! In dieser Spitze
+sollten die Bauglieder der Kirche m&uuml;nden, diese w&auml;ren das
+Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut versorgt und
+vor der Erstarrung bewahrt h&auml;tte. Ich wei&szlig; keine Trag&ouml;die,
+die mich mehr ersch&uuml;tterte als diese; der von Christus
+im Wesen gleich, als er seine J&uuml;nger auf dem &Ouml;lberge
+schlafend fand.</p>
+
+<p>Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, da&szlig; die Menschen
+die Einrichtungen machen, und zwar f&uuml;r sich; tats&auml;chlich
+verschwinden aber bei uns die Menschen hinter den
+Einrichtungen, in die das Leben &uuml;bergeht. &bdquo;Es kann in
+der Welt nur gut werden durch die Guten&ldquo;, das ist, glaube
+ich, ein Wort der K&ouml;nigin Luise. Luther sagte: &bdquo;Darum ist
+dem Staate mehr daf&uuml;r zu sorgen, da&szlig; gute und verst&auml;ndige
+M&auml;nner an der Spitze stehen, als da&szlig; Gesetze gegeben
+werden.&ldquo; Wenn die Wut nachl&auml;&szlig;t, Verordnungen, Pl&auml;ne,
+Organisationen zu machen und Maschinen zu m&auml;sten, werden
+wir auch wieder mehr Pers&ouml;nlichkeiten haben, deren
+gerade wir bed&uuml;rfen, weil wir im ganzen ein unpers&ouml;nliches
+Volk sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span></p><p>Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich
+ist es nicht getan: der moderne Staat ist das System, das
+keine <span class="ins" title="Pers&ouml;nlichket">Pers&ouml;nlichkeit</span> duldet; denn er ist ja die Maschine, die
+schw&auml;cher werdende Pers&ouml;nlichkeiten sich zum Ersatz f&uuml;r ihre
+versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an
+&Uuml;bung schw&auml;cher und schw&auml;cher wurden, so k&ouml;nnte die
+&Uuml;bung sie auch wieder kr&auml;ftiger machen. Das mittelalterliche
+Feudalsystem, das System der pers&ouml;nlichen Beziehungen,
+der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich schlie&szlig;lich
+zu gr&ouml;&szlig;eren zusammengliedern, war der Ausflu&szlig; pers&ouml;nlicher
+Kraft und k&ouml;nnte auch wieder zur Schule pers&ouml;nlicher Kraft
+werden. Handeln ist die unmittelbare pers&ouml;nliche Wirkung
+von Mensch auf Mensch, und nur handelnd bildet sich das
+selbstbewu&szlig;te, selbstt&auml;tige Ich, der Mann.</p>
+
+<p>Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom
+f&uuml;r das Aufh&ouml;ren des unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens.
+Man sagt seine Meinung in B&uuml;chern und
+Aufs&auml;tzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen
+Ber&uuml;hrung kommt es nicht, und schlie&szlig;lich bleibt jeder bei
+seinen taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas
+den alten &ouml;ffentlichen Disputationen &Auml;hnliches; aber im
+Grunde vermeidet man doch das Aufeinanderplatzen der
+Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe f&uuml;hlt. Wir
+leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.</p>
+
+<p>So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller
+unserer Zeit werden konnte, gerade von M&auml;nnern
+gern gelesen. Fontane hatte sich durch f&uuml;nfzigj&auml;hrige Beobachtung
+eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte sie
+dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den
+anderen auch Eingeheimsten &uuml;bereinstimmten, als vollg&uuml;ltige
+Bilder angenommen und begr&uuml;&szlig;t wurden. Die Ideen
+des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes, im
+<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>Leben, Eigentum der Seele, bewu&szlig;t werden, und durch
+welche die Ausschnitte aus der Au&szlig;enseite der Welt erst
+zum Bilde erg&auml;nzt werden, fehlen ganz; aber gerade in
+dem verst&auml;ndigen Ger&uuml;ste f&uuml;hlt der moderne Mensch sich
+heimisch. Andere Dichter und K&uuml;nstler geben nur ihre
+Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen
+stehen die Visionen hart neben den Ausschnitten; im
+t&auml;tigen Ich w&uuml;rden sie zum lebendigen Ganzen verschmelzen.</p>
+
+<p>Es gab Zeiten, wo aus J&uuml;nglingen, die verantwortlich
+ins Leben hineingestellt wurden, zur rechten Zeit M&auml;nner
+wurden, denen eine religi&ouml;se, das hei&szlig;t einheitliche Weltanschauung,
+die sie trug und hob, von selbst erwuchs. Die
+J&uuml;nglinge der neuen Zeit k&ouml;nnen nicht M&auml;nner werden,
+weil sie nicht verantwortlich, schaffend t&auml;tig sind, und es
+kommt nicht selten vor, da&szlig; das Ich um das f&uuml;nfzigste
+Lebensjahr herum, zu einer Zeit, wo es sich allm&auml;hlich aufl&ouml;sen
+sollte, sich noch gar nicht gebildet hat. Diese stehengebliebene
+Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas
+Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch
+eine ohne Sonne reifgewordene Frucht zustande; aber im
+Grunde bleibt es doch zwischen J&uuml;nglingshaftem und Greisenhaftem
+unbegl&uuml;ckend schwanken. Vielen ergeht es wie jenem
+sagenhaften M&ouml;nch, der sich tr&auml;umend im Walde verlor,
+und als er nach einem verpa&szlig;ten Leben, das ihm zeitlos
+verlaufen war &ndash; denn Zeit und Raum entstehen nur dem
+selbstbewu&szlig;ten, selbstt&auml;tigen Ich, nicht dem Tr&auml;umer &ndash; zu
+den Menschen zur&uuml;ckkam, von dem starken Anhauch des
+Lebens in Asche fiel.</p>
+
+<p>Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch
+und sehr belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabh&auml;ngigkeit
+von der Natur. Der Titel bezieht sich auf die k&uuml;nstliche
+Erzeugung von N&auml;hrstoffen, Farbstoffen, Heilstoffen
+<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span>und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen
+entbehrlich werde. Es wurde darin erz&auml;hlt, wie sch&auml;big
+der Purpur der Alten in der Tat gewesen sei, wenn man
+ihn mit unseren k&uuml;nstlich hergestellten Farben vergleiche, und
+es k&ouml;nnte vielleicht, wurde hinzugef&uuml;gt, mit manchem Glanze
+der Antike so gehen, wenn er mittels &auml;hnlicher exakter
+Methoden, wie sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen
+k&ouml;nne. Und doch, dachte ich, hat die Glut dieses sch&auml;bigen
+Purpurs &uuml;ber Jahrhunderte weg die Phantasie der Menschen
+entz&uuml;ndet, da&szlig; sie ihre imperatorischen Tr&auml;ume, ihre
+herrlichsten Gesichte dahinein h&uuml;llten. Was h&uuml;lfe uns die
+k&ouml;niglichste Farbe, wenn kein Held mehr da w&auml;re, dessen
+Schultern sie tr&uuml;gen? &bdquo;Jetzt gib mir einen Menschen, gute
+Vorsicht!&ldquo; l&auml;&szlig;t Schiller seinen K&ouml;nig Philipp flehen, der
+die Natur zu einem toten R&auml;derwerk hat erstarren lassen.
+Der Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bed&uuml;rfen,
+je imposanter unsere naturfreien Purpurfarben werden. Ich
+wei&szlig; wohl, da&szlig; es nicht an solchen fehlt, die in der
+Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas bedeuten;
+aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen.
+Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon;
+aber man kann mit Gott den Mammon beherrschen.
+Marquis Posa war Gott zu treu, um F&uuml;rstendiener sein zu
+k&ouml;nnen; den kl&uuml;gsten und m&auml;chtigsten F&uuml;rsten seiner Zeit
+durch Gott zu regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn,
+weil er das Elend seiner Gottesferne durchschaute. Solche
+Menschen brauchen wir, die zugleich Mittelpunkt und Peripherie,
+zugleich der Eine und das All, zugleich lichtbringendes
+Wort und Chaos sind.</p>
+
+<p>Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert;
+das Licht erschafft die Welt, indem es die Finsternis von
+ihr abtrennt. Aber alle Lichter steigen auf aus Nacht und
+<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span>gehen in Nacht unter; das Feuer in seiner Majest&auml;t vernichtet.
+Aus den Mythologien wissen wir, da&szlig; die Feuerg&ouml;tter
+zweischneidig sind, b&ouml;se und gut, t&ouml;tend und lebendigmachend
+zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu z&uuml;rnen, da&szlig;
+ich dich mit Worten um den schwarzen Wein der Nacht
+bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, da&szlig; es Worte aus
+dem Herzen, und da&szlig; sie also doch vielleicht etwas alkoholisch
+waren.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief20" id="brief20"></a><a href="#inhalt">XX</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>u sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther
+klar geworden w&auml;re, da&szlig; er seine Kirche nicht fertig bauen
+konnte, weil er die wahren Christen nicht fand, die ihre
+Spitze h&auml;tten bilden sollen, h&auml;tte er den Kampf gegen die
+katholische Kirche aufgeben m&uuml;ssen. Es h&auml;tte ihm bewu&szlig;t
+werden m&uuml;ssen, da&szlig; es der Natur der unsichtbaren Kirche
+widerspreche, sichtbar zu werden, da&szlig; also jede sichtbare
+Kirche zur unsichtbaren Kirche in dem Gegensatz stehen
+m&uuml;sse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er h&auml;tte
+doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen
+m&uuml;ssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe
+und die Natur sch&uuml;tze.</p>
+
+<p>Darauf erwidere ich, da&szlig; das Sichtbare dem Unsichtbaren
+nicht nur entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden
+ist; Luther wollte eine solche Kirche gr&uuml;nden, die aus dem
+Sichtbaren ins Unsichtbare hin&uuml;berf&uuml;hrt, die sichtbar und
+zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, da&szlig; er das getan
+hat, soweit es damals m&ouml;glich war.</p>
+
+<p>In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die
+Gemeinde vor Gott. Nur er konnte mit Gott verkehren,
+er h&uuml;tete die heiligen &Ouml;rter, vollzog die Opfer und betete f&uuml;r
+alle. Jede heilige, das hei&szlig;t Gott zugeordnete Handlung
+<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span>war ein <span class="antiqua">opus operatum</span>, das hei&szlig;t ein Werk, das durch seinen
+richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige,
+der das Werk vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer.
+Die M&ouml;glichkeit des Zaubers, das hei&szlig;t die Wirksamkeit
+richtig vollzogener Werke oder die Wirksamkeit bestimmter
+&Ouml;rter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben
+nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war,
+auf dem Glauben an durch die Mittlerschaft des Priesters
+Gott geweihte Zeichen oder Werke. Mit dem Erscheinen
+Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun
+Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das
+Priesteramt aufhob, wie das im Ebr&auml;erbriefe tiefsinnig und
+klar zugleich dargestellt ist.</p>
+
+<p>Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegen&uuml;ber
+dem alten darin, da&szlig; Gott nunmehr seine Gesetze in
+den Sinn und das Herz der Menschen schreiben will, und
+da&szlig; niemand mehr seinem N&auml;chsten die Erkenntnis des Herrn
+lehren soll: &bdquo;Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem
+Kleinsten an bis zu den Gr&ouml;&szlig;esten.&ldquo; Es soll auch nach Christus
+nicht mehr geopfert werden, da Christus einmal sein
+eigenes Blut geopfert und damit f&uuml;r ewige Zeit alle Opfer
+aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit
+die Gottheit au&szlig;er sich und glaubte an den Priester, von
+welchem sie voraussetzte, da&szlig; er die Gottheit kenne und den
+rechten Verkehr mit ihr wisse; Christus offenbarte, da&szlig; die
+Gottheit in uns selbst ist, und da&szlig; wir infolgedessen selbst
+mit Gott verkehren k&ouml;nnen, ja, mehr, da&szlig; nur jeder selbst
+glauben kann, nicht ein anderer f&uuml;r uns. Priester im alten
+Sinne brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von
+Christus wu&szlig;ten oder nicht an ihn glaubten.</p>
+
+<p>Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener
+am Wort sein, die Heilige Schrift erkl&auml;ren und das Sakrament
+<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span>austeilen. Sie haben kein Werk zu vollziehen und
+zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber &uuml;ben
+die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott
+den Glauben gibt, Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet
+demnach eine M&uuml;ndigkeitserkl&auml;rung der Menschen:
+vorher vermochten sie nur Sichtbares zu ergreifen, nun aber
+auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und Unsichtbares,
+Wort und Zeichen &uuml;berhaupt nicht geschieden waren, war es
+durchaus nicht abergl&auml;ubisch, an &Auml;u&szlig;erliches zu glauben;
+der Zustand der katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies
+aber, da&szlig; der Zeremonien- und Werkdienst Aberglauben
+geworden war.</p>
+
+<p>Ich glaube, du stimmst mir darin bei, da&szlig; die Priesterkirche
+f&uuml;r diejenigen &uuml;berfl&uuml;ssig, ja verdammlich ist, die an
+Christus glauben. Luther durfte die Katholiken in diesem
+Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu
+Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen
+und ewigen Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart
+sich nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander,
+und infolgedessen gibt es jetzt noch eine vorchristliche
+Menschheit; f&uuml;r diese mu&szlig; die Priesterkirche da sein. Diejenigen,
+welche nicht glauben k&ouml;nnen, mu&szlig;, wie einst, der
+Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott
+vertreten.</p>
+
+<p>Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten
+tats&auml;chlich alle nicht mehr an den Priester und das <span class="antiqua">opus
+operatum</span>; &uuml;ber diese Stufe waren sie hinaus. Luther wurde
+deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die Zeremonien,
+sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig
+seine Gedanken &uuml;ber die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu
+den Zeremonien empfahl Luther damals Werke der christlichen
+Liebe: man diene Gott, sagte er, wenn man mit dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span>bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den
+Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte
+damals, da&szlig; jeder Christ ein Heiliger sei, das hei&szlig;t ein Gott
+geweihter Mensch, und da&szlig; man Gott mehr diene, wenn
+man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn
+man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen,
+besonders der nordischen, auf das Weltliche und
+Moralische gerichteten Menschheit sehr ein, und Luther bemerkte
+bald, da&szlig; die guten Werke blieben, nur da&szlig; die
+gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder b&uuml;rgerlichen
+ersetzt wurden. Wenn er selbst den Armen half, so
+geschah es &bdquo;im Glauben&ldquo;, das hei&szlig;t sein Herz trieb ihn
+dazu; aber die anderen &uuml;bten die Werke der Liebe um irgendeines
+weltlichen Zweckes willen, sei es der b&uuml;rgerlichen Ordnung
+wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder
+um f&uuml;r mildt&auml;tig gehalten zu werden oder was sonst immer.
+Nur betonte Luther, da&szlig; unter den zu verdammenden &bdquo;guten
+Werken&ldquo; durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern ebensowohl
+die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und
+du wei&szlig;t ja, da&szlig; dieser verzweifelte Kampf gegen die
+Moral dann sein Leben ausf&uuml;llte, ohne Ergebnis und ohne
+Verst&auml;ndnis seiner Anh&auml;nger. Trotzdem verfiel er nie in
+den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zur&uuml;ckzukehren,
+wie so viele andere getan h&auml;tten; man kann immer
+nur wieder das Allumfassende und Unbestechliche an Luthers
+Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien besser,
+weil die Moral noch gef&auml;hrlicher war? Die Pr&uuml;fungen,
+die der Auserw&auml;hlte zu bestehen hat, werden immer schwerer,
+wie in der Zauberfl&ouml;te. Die Versuchungen des Teufels durch
+das Fleisch erscheinen dem fast kindlich, den der Teufel in
+seiner Majest&auml;t, als Luzifer, im Geiste versucht. Auf die
+Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand vollkommen
+<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span>zu werden, das hei&szlig;t edel. Das alles sah Luther; indessen
+dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten,
+er warnte nur. Betrachtet man den Lauf der Geschichte,
+so sieht man, da&szlig; Gott durchaus nicht mehr bei den Menschen
+des Zeremoniendienstes als bei denen der Werkheiligkeit
+war.</p>
+
+<p>Au&szlig;er denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben
+k&ouml;nnen, weil sie auf einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben
+sind, nimmt die Priesterkirche auch diejenigen auf,
+die durch eine Schw&auml;che des Geistes daran gehindert sind,
+die Allzupers&ouml;nlichen, deren gro&szlig;es Wollen durch keine Kraft
+des Vollbringens gest&uuml;tzt wird. Es ist Luthers &bdquo;zweiter
+Haufen&ldquo;, soweit er sein Ziel, das Reich des Geistes, nicht
+erreichen kann. Diese Gescheiterten, die den naiven Zusammenhang
+mit der Welt verloren, aber den Mut nicht
+fanden, sie entschieden von sich zu sto&szlig;en und endlich zu
+&uuml;berwinden, retten sich in den Hafen der Weltkirche, die
+ihnen die Selbstt&auml;uschung gew&auml;hrt, als w&auml;ren sie mitten in
+der Welt bei Gott. Die zu hochm&uuml;tig waren, sich vor einer
+Person zu dem&uuml;tigen, die vor Gott flohen, der das Opfer
+des Herzens fordert, unterwerfen sich dem unpers&ouml;nlichen
+Stellvertreter Gottes, der, mit &auml;u&szlig;erlichen Opfern zufrieden,
+weltliche Gaben daf&uuml;r gibt, die aber in der Welt als g&ouml;ttlich
+kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum gro&szlig;en Haufen
+z&auml;hlen, sondern Auserw&auml;hlte sein wollen, aber ohne den Preis
+daf&uuml;r zu zahlen; die Priesterkirche ist f&uuml;r sie wie eine Universit&auml;t,
+die den Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein
+f&uuml;rstlicher Hof, der unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht.
+H&auml;ufig ist das Katholischwerden f&uuml;r die Interessanten der
+h&ouml;chste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen
+Genu&szlig; ihres Werdezustandes ist. Geh&ouml;ren zur katholischen
+Kirche alle Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren
+<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span>Mittlerschaft bed&uuml;rfen, um das Unsichtbare zu ergreifen, so
+will die lutherische Kirche durch Gesetz und Evangelium zum
+Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die f&uuml;r das
+ewige Licht empf&auml;nglich sind und sich von st&auml;rkeren Br&uuml;dern
+allm&auml;hlich &bdquo;von einer Klarheit zur anderen&ldquo; f&uuml;hren lassen
+wollen. Wenn diese St&auml;rkeren, die wahren Christen, der
+Kirche auch nicht f&ouml;rmlich einverleibt sind, so wie Luther
+sich das urspr&uuml;nglich dachte, so da&szlig; sie ein Recht der Aufsicht
+&uuml;ber die Schw&auml;cheren h&auml;tten, str&ouml;mt doch ihr Geist
+fortw&auml;hrend den unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es
+tun. Die Spitze der lutherischen Kirche wird sich immer in
+den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel, sondern
+ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares
+eins werden. Sowie die Auserw&auml;hlten sich zu einer sichtbaren
+Kirche formten, w&auml;ren sie die Auserw&auml;hlten nicht
+mehr; der Geist Gottes weht, wo er will, und l&auml;&szlig;t sich nicht
+binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte Geistliche
+versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung
+des &ouml;ffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer
+und &auml;hnliche Verbindungen entstanden; aber das
+hat zu keinem Ziele gef&uuml;hrt, w&auml;hrend Goethe und Schiller,
+und nat&uuml;rlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem Glauben
+zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt
+haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische
+Gestaltung der wesentlichen Ideen Luthers.</p>
+
+<p>Luther wu&szlig;te genau, was f&uuml;r ein Segen ihm der Kampf
+gegen die Priesterkirche sei. Es begl&uuml;ckte ihn, als er zu der Einsicht
+gekommen war, da&szlig; der Papst der in der Schrift geweissagte
+Antichrist sei. Als ein Teil seiner Anh&auml;nger, namentlich
+Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der Kirche
+w&uuml;nschte, sagte er zwar, da&szlig; man den Papst anerkennen
+k&ouml;nne, wenn er das Evangelium freilie&szlig;e und darauf verzichtete,
+<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span>Stellvertreter Gottes auf Erden sein zu wollen;
+aber er setzte hinzu, da&szlig; der Papst das nicht k&ouml;nnte, selbst
+wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer
+recht ha&szlig;t, mu&szlig; w&uuml;nschen, das Geha&szlig;te zu vernichten; aber
+irgendwie wird er doch f&uuml;hlen, da&szlig; das Geha&szlig;te dennoch
+zu seinem Leben geh&ouml;rt, ja, er w&uuml;rde es sonst arg nicht hassen.
+Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des von
+ihm get&ouml;teten K&ouml;nigs zu malen: in jenem Augenblick mu&szlig;
+ihm die Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewu&szlig;t
+geworden sein. Eine &auml;hnliche dunkle Ahnung mag Wallenstein
+bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller Gustav
+Adolfs brachte.</p>
+
+<p>Luther hat &ouml;fters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod
+solle dem Papsttum Tod bringen; und wirklich hat die Kirche
+allm&auml;hlich ihren mittelalterlichen Charakter abgetan, aufgeh&ouml;rt
+Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu selbsts&uuml;chtig, um zu
+w&uuml;nschen, sie m&ouml;chten wieder damit anfangen; das glaube
+ich aber, da&szlig; eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung
+der religi&ouml;sen Gegens&auml;tze mit sich bringen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Gibt es nicht eine andere M&ouml;glichkeit? Ja, wenn das
+Unm&ouml;gliche wirklich w&uuml;rde, und der Papst darauf verzichtete,
+Stellvertreter Gottes sein zu wollen, damit Christus selbst
+das Haupt der Kirche w&uuml;rde. Es bleibt uns nichts, als
+dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche
+gr&uuml;nden, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten
+Jahrhundert betonten die Evangelischen, da&szlig; sie
+die eigentlichen Katholiken w&auml;ren, die Glieder der urchristlichen
+Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des
+Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren,
+begeistert und beseelt durch das in ihm wirkende Reich des
+Unsichtbaren, die Kirche.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span></p>
+
+<h2><a name="brief21" id="brief21"></a><a href="#inhalt">XXI</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">L</span>uther datierte seine endg&uuml;ltige Erl&ouml;sung von der Melancholie
+nicht von dem Augenblick, wo er durch Staupitzens
+Vermittelung das Wesen Gottes erkannte, sondern von dem,
+wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde.
+Dieser erste Schritt ri&szlig; ihn g&ouml;ttlich zwingend auf seine gewaltige
+Laufbahn. Seine bewu&szlig;te Seele k&auml;mpfte fortw&auml;hrend
+gegen die hohe Berufung, wie die Propheten des Alten
+Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort wehrten. Denn
+es ist so, da&szlig; Gott die am meisten Abgesonderten, die gr&ouml;&szlig;ten
+S&uuml;nder, zu seinem Werkzeug w&auml;hlt; die Sterbenwollenden
+zwingt er zum Leben, weil er ein Gott des Lebens ist
+und den Tod ha&szlig;t. Luthers pers&ouml;nliche Sehnsucht ging in
+den k&uuml;hlen Tempel seines Innern, und wen r&uuml;hrte nicht
+der Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet.
+Die S&uuml;&szlig;igkeit dieser Stimme stand aber in Wechselbeziehung
+zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe gegen die
+Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum;
+ist dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren
+hin vollzogen, so folgt nat&uuml;rlich die Neigung, sich
+ganz von der Welt abzul&ouml;sen und in Gott zu versenken. Dies
+ist der Punkt, an dem viele, die berufen sind, scheitern:
+sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, da&szlig; Gott zwar
+der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; da&szlig; er
+das Zeichen zum Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat
+sich als Form, als Tat, als Wahrheit ge&auml;u&szlig;ert; daraus
+folgt, da&szlig; auch wir uns &auml;u&szlig;ern und bet&auml;tigen sollen. &bdquo;Das
+Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der
+Kraft.&ldquo; Gott sollen wir nicht nur im Herzen erkennen,
+sondern auch &ouml;ffentlich bekennen. Christus war die Liebe,
+die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist keine
+Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erh&auml;lt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span>ist menschlich; das g&ouml;ttliche hat einen &Uuml;berflu&szlig;, der in die
+Welt hinaus wirkt.</p>
+
+<p>Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott
+und den Menschen wurde zu Luthers Zeit als das Verh&auml;ltnis
+von Glaube und Liebe verhandelt; ob der Glaube der
+Liebe vorangehen m&uuml;sse oder umgekehrt, und welches von
+beiden gr&ouml;&szlig;er sei. Da Luther damit begann, die guten
+Werke zu bek&auml;mpfen, war es nat&uuml;rlich, da&szlig; er zuerst die
+Notwendigkeit des Glaubens, der g&ouml;ttlichen Gesinnung, betonte,
+die Bet&auml;tigung derselben nicht oder weniger erw&auml;hnend,
+haupts&auml;chlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur
+nach, selbstverst&auml;ndlich war; indessen f&uuml;gte er doch stets
+hinzu, da&szlig; aus dem Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen
+von selbst folge, ja er sagte einmal, da&szlig; Glaube und
+Liebe &uuml;berhaupt zusammenfielen, in der Weise, da&szlig; man
+ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug
+auf die Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat
+Paulus in seinem Hoheliede der Liebe gesagt: &bdquo;Und wenn
+ich allen Glauben h&auml;tte, also da&szlig; ich Berge versetzte, und
+h&auml;tte der Liebe nicht, so w&auml;re ich nichts.&ldquo; Luther mi&szlig;billigte
+das insofern, als es keinen Glauben, das hei&szlig;t
+nat&uuml;rlich keinen Glauben an Gott, ohne Bet&auml;tigung in der
+Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die Menschen, weil
+sie &bdquo;seines Geschlechts&ldquo; sind; Liebe ist das Bewu&szlig;tsein der
+Zusammengeh&ouml;rigkeit. Wer die Zusammengeh&ouml;rigkeit der
+Menschen nicht erkannt hat, hat auch Gott nicht erkannt,
+von dem alle Menschen ausgehen und in den alle m&uuml;nden.
+<span class="antiqua">Plenitudo legis est dilectio</span>, die Liebe ist des Gesetzes
+Erf&uuml;llung. Wer die Menschen liebt, ist gl&auml;ubig und Gottes
+Kind, wenn er es auch selbst nicht w&uuml;&szlig;te, ja mit Worten
+bestritte; wer die Menschen nicht liebt, ist ungl&auml;ubig, wenn
+er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes und
+<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span>Beobachtung g&ouml;ttlicher Gebote zubr&auml;chte. &bdquo;Und wenn ich
+alle meine Habe den Armen g&auml;be und lie&szlig;e meinen Leib
+brennen, und h&auml;tte der Liebe nicht, so w&auml;re mirs nichts
+n&uuml;tze.&ldquo; Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit
+die Liebe des G&ouml;ttlichen in der Menschheit
+flie&szlig;t, so der Ha&szlig; des Ung&ouml;ttlichen in Form, Tat und
+Wort.</p>
+
+<p>Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden
+Kunst betrachtet, so sieht man, wieviel besser die Menschen
+den liebenden und verzeihenden Christus als den z&uuml;rnenden
+begreifen; da&szlig; es keine Liebe des Guten ohne Ha&szlig; des
+B&ouml;sen und Kampf gegen das B&ouml;se gibt, m&ouml;chten sie sich gern
+verhehlen. Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus
+deutlich als den k&auml;mpfenden und triumphierenden Helden, den
+allerdings im Gef&uuml;hl seiner Liebe, im Bewu&szlig;tsein seines Rechtes,
+seines notwendigen Unterganges in der Welt und seines
+Sieges im Geist auch im gl&uuml;hendsten Zorne eine gro&szlig;herzige
+Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verl&auml;&szlig;t. &bdquo;Christus
+ist zu einem Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden
+soll&ldquo;, sagt Luther einmal, &bdquo;und viele werden sich an ihm
+sto&szlig;en, fallen und sterben. Alles Streiten und Krieg des
+Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des
+Evangelii, das mu&szlig; und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und
+Rumor anrichten.&ldquo; Da&szlig; Christus selbst gesagt hat, er
+sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das
+Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete,
+sagt Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal:
+&bdquo;Denn wo der Mann kommt und sich sehen l&auml;&szlig;t, da hebt
+sich bald ein Rumor und Fallen an.&ldquo; Widerspruch erregt und
+&uuml;berwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die
+er vertritt, gegen&uuml;ber der Selbstsucht und der L&uuml;ge, die in
+der Welt herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein
+<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>hinein verk&uuml;ndet er das Recht der Liebe; der L&uuml;ge und
+Selbstt&auml;uschung der Welt, da&szlig; sie, die Scheinende, Gott
+sei, stellt er die Wahrheit entgegen, da&szlig; er, der Unsichtbare,
+Gott ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt,
+wirft er vom angema&szlig;ten Throne und ruft ihm zu, da&szlig; Gott
+im Ganzen ist, w&auml;hrend der einzelne vergeht. Darum kann
+es nicht anders sein, als da&szlig; die wahren Christen um Christi
+willen werden Verfolgung leiden. &bdquo;Kein Volk auf Erden
+mu&szlig; solchen bitteren Ha&szlig; leiden, sie m&uuml;ssen Ketzer, Buben,
+Teufel und die sch&auml;dlichsten Leute auf Erden hei&szlig;en.&ldquo; Ja,
+man erkennt die Auserw&auml;hlten daran, da&szlig; sie von der Welt
+geha&szlig;t werden. Da&szlig; Luther die Werke, durch die der
+Glaube sich bet&auml;tigt, den Kampf gegen das B&ouml;se au&szlig;er
+uns, sowie den Kampf gegen das B&ouml;se in uns, diesen allerbittersten
+und allerschwersten verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig viel weniger
+als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht zu erkl&auml;ren,
+die Menschen w&uuml;rden diese unwillk&uuml;rlichen Werke, die der
+Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willk&uuml;rlichen
+Werken der Moral verwechseln. Dazu kommt, da&szlig; derjenige,
+der wirklich Glauben und Liebe hat und sie mit Notwendigkeit
+bet&auml;tigt, vergi&szlig;t, davon zu sprechen. Luthers
+Leben war ein fortw&auml;hrendes Aus&uuml;ben der Liebe, ein best&auml;ndiges
+Sichopfern f&uuml;r die Menschen. Er wandte sich
+nicht mit vornehmer Verachtung von der Welt ab, sondern
+warf sich mitten in sie hinein, so da&szlig; er kaum noch, wie
+man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was
+den Christen macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt
+und genie&szlig;t sie, der Buddhist oder Mystiker verneint sie und
+entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint sie zugleich, das
+hei&szlig;t er &uuml;berwindet sie. Gewi&szlig; hat Luther die H&auml;lfte seines
+k&ouml;stlichen Lebens damit zugebracht, &bdquo;Mansfeldische S&auml;uh&auml;ndel&ldquo;
+zu schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von
+<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span>allen, nach dessen Beilegung er starb. Er war der Besch&uuml;tzer
+aller Schwachen und Unterdr&uuml;ckten ohne eine Spur
+von Menschenfurcht. Was menschliche Gr&ouml;&szlig;e ist, kann man
+aus Luthers Briefen an die F&uuml;rsten, mit denen er zu tun
+hatte, ersehen, vor allem an seine kurs&auml;chsischen Oberherren.
+Es ist, als h&ouml;re man Gott selbst sprechen: g&uuml;tig, langm&uuml;tig,
+wahr, die Herzen kennend und f&uuml;hrend, zuweilen streng und
+blitzend, immer weit, himmelweit &uuml;berlegen. Die gegnerischen
+F&uuml;rsten donnert er zusammen, da&szlig; man meint, es
+bleibe kein St&uuml;ck von ihnen &uuml;brig; aber bei alledem ist es
+Donner, der aus einem Himmel unersch&ouml;pflicher Liebe kommt.
+Man begreift nicht, wie er die ungeheure Arbeit, die ihm
+durch die Sorge f&uuml;r andere Menschen auferlegt wurde, bew&auml;ltigte;
+in der Tat h&auml;tte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht.
+Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu
+reden; tat Luther es einmal, so wurde allen anderen bange,
+weil sie merkten, da&szlig; das, was sie Liebe oder Mitleid nannten,
+gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer gleichzeitig
+nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbed&uuml;rftigen,
+hassend gegen die B&ouml;sen, mahnend gegen die Gleichg&uuml;ltigen.
+Der schwerste Kampf ist eigentlich gar nicht der gegen das
+B&ouml;se; sondern der gegen die menschliche Tr&auml;gheit, die unter
+der Maske der Nachgiebigkeit, Vers&ouml;hnlichkeit und Milde
+das B&ouml;se und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen
+will. &bdquo;Wenn du &uuml;ber das Evangelium richtig denkst,
+kann seine Sache nicht ohne Aufruhr, Skandal, Unruhe gef&uuml;hrt
+werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus
+dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist
+Schwert, ist Krieg, ist Verderben, ist &Auml;rgernis, ist Gift und
+wie ein B&auml;r auf der Stra&szlig;e und ein L&ouml;we im Walde.&ldquo; So
+schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan des
+Kurf&uuml;rsten, der die Gegens&auml;tze wohl sah, aber nach weltlicher
+<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span>Art umgehen wollte. &bdquo;H&uuml;te dich zu glauben&ldquo;, schrieb
+er demselben, &bdquo;du k&ouml;nntest Christus in der Welt f&ouml;rdern
+mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem Blute gek&auml;mpft
+hat wie nach ihm alle M&auml;rtyrer.&ldquo; Die Welt zieht deshalb
+den stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie
+die Wahrheit verleugnenden, k&auml;mpfenden Luther vor. Auf
+Melanchthon allein gestellt, w&uuml;rde das von Luther neu aufgerichtete
+Evangelium kaum eine Spur hinterlassen haben;
+auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das Gr&ouml;&szlig;te
+ist, mit seiner Person f&uuml;r sein Wort eintreten, das ist, es
+mit seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber &bdquo;es
+geh&ouml;rt dazu ein trefflicher Mann, der ein L&ouml;wenherz habe,
+unerschrocken die Wahrheit zu sagen&ldquo;. Die meisten K&auml;mpfer
+unterscheiden sich von Luther dadurch, da&szlig; sie nicht aus
+Liebe Gottes und Ha&szlig; des Teufels, sondern aus Eitelkeit,
+Neid und pers&ouml;nlichem Ha&szlig; k&auml;mpfen; Luther hatte nur wenig
+redliche Gegner und keinen von g&ouml;ttlicher Liebe in den Kampf
+getriebenen. Viele unter seinen Feinden waren Neider und
+Nebenbuhler, denen seine Gr&ouml;&szlig;e keine Ruhe lie&szlig;; nachdem
+er das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, dr&auml;ngten sie
+nach und wollten die vordersten sein. Anderen war es um
+ihre weltlichen Vorteile zu tun, andere wollten nur Aufsehen
+erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und es war
+nicht anders m&ouml;glich, als da&szlig; sie ihm widerw&auml;rtig waren,
+denen es immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die
+Wahrheit zu tun war; aber selbst Karlstadt, der ihm mit
+seiner Eitelkeit das Leben so sauer gemacht hat, nahm er
+liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn wandte, und
+wurde sein F&uuml;rbitter beim Kurf&uuml;rsten. Was f&uuml;r gro&szlig;m&uuml;tige
+Liebe bricht aus seinen Worten &uuml;ber &Ouml;kolampad mitten im
+Abendmahlstreit: &bdquo;Welchem Gott viel Gaben geschenkt hat
+vor viel anderen und mir ja herzlich f&uuml;r den Mann leid
+<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">230</a></span>ist.&ldquo; Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens
+nicht f&uuml;hlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger
+von Luthers Gegnern, wie bedeutend er auch sein m&ouml;ge, hat
+wie er Worte der Liebe; wie auch keiner wie er Worte des
+Zornes und Hasses hat.</p>
+
+<p>Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb
+streng ablehnend, weit mehr als gegen schlechtweg
+weltliche, religi&ouml;s gleichg&uuml;ltige Leute. Er nannte sie Enthusiasten,
+Schw&auml;rmer und Flattergeister, insofern sie Gott
+nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren
+Glauben irgendwie bet&auml;tigen m&uuml;&szlig;ten, sondern im Geist, der
+eigentlich nirgends ist, und wo sie deshalb nur zu schw&auml;rmen
+und zu flattern brauchen. &bdquo;Ich hasse die Flattergeister
+und liebe dein Gesetz&ldquo;, sagte Luther mit David, das g&ouml;ttliche
+Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt,
+der unfruchtbaren Gef&uuml;hlsschwelgerei des Mystikers
+entgegenstellend. Alles Frommtun im Winkel, das Pochen
+auf g&ouml;ttliche Eingebung au&szlig;erhalb der Bibel, die Heiligkeit
+und R&uuml;hrseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung
+vom allgemeinen und &ouml;ffentlichen Gottesdienst,
+wie sich das bei Waldensern und &auml;hnlichen Sekten fand,
+fl&ouml;&szlig;te Luther Abneigung und Mi&szlig;trauen ein, auch wenn es
+zun&auml;chst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen,
+wie leicht die &uuml;bersinnliche Geistigkeit in ungeistige
+Sinnlichkeit, in Z&uuml;gellosigkeit nach jeder Richtung umschl&auml;gt.
+Aber auch die Mystik feiner, gutgesinnter Menschen bek&auml;mpfte
+er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl von
+allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne da&szlig; er darin
+je nachgelassen h&auml;tte, forderte er doch auch von ihm lautes
+Bekennen und Eintreten f&uuml;r seinen Glauben.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Selig, wer sich vor der Welt<br /></span>
+<span class="i0">Ohne Ha&szlig; verschlie&szlig;t.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span></p><p>Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe,
+da er sich der Welt weit mehr in Liebe und Ha&szlig; opferte
+und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen das Ende seines
+Lebens verlie&szlig; er einmal Wittenberg, um nie mehr zur&uuml;ckzukehren,
+so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner
+Umgebung an; aber die Bitten seines F&uuml;rsten bewogen ihn,
+das Joch wieder auf sich zu nehmen. Der gemarterte Prophet
+sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der Gott des
+Lebens hie&szlig; ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist
+die Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod
+ist das Ziel des Sichabsondernden und seine Strafe.</p>
+
+<p>Da&szlig; Tolstois Kampf, der mit so gro&szlig;er Geb&auml;rde der Welt
+den Handschuh hinwarf, doch verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig wenig fruchtete,
+lag, wie mir scheint, an einer gewissen pers&ouml;nlichen
+Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die nun einmal den
+heutigen Menschen anh&auml;ngt. Wir sind allzu pers&ouml;nlich geworden;
+unsere Verschiedenheit von den anderen, unser F&uuml;rsichsein,
+sollte das Gepr&auml;ge sein, das das Allgemeine, das
+G&ouml;ttliche, uns zueignet; aber es ist eine Maske geworden,
+unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere Herzen
+sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen
+Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen,
+um die sich in Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit
+mehr als Tolstoi etwas Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes,
+L&auml;cherliches. Die meisten von ihnen sind
+durch die Worte des Paulus gerichtet: &bdquo;Und wenn ich mit
+Menschen- und mit Engelzungen redete, und h&auml;tte der Liebe
+nicht, so w&auml;re ich ein klingendes Erz und eine t&ouml;nende
+Schelle.&ldquo; Sie w&auml;ren wohl auch niemals auf den Markt
+getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren k&ouml;nnten, und
+mit Recht: ihr bi&szlig;chen Gott&auml;hnlichkeit kann sich unserem
+glaubenslosen Klima nicht aussetzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">232</a></span></p><p>An die Stelle von Ha&szlig; und Liebe, von Kampf und Opfer
+tritt bei den allzu pers&ouml;nlichen, ungl&auml;ubigen Menschen unserer
+Zeit, bei den &bdquo;Heuchlern und Gleisnern&ldquo; die Medisance.
+Man l&auml;&szlig;t sich gefallen, was einem zuwider ist,
+und es ist einem alles zuwider au&szlig;er man selbst; aber man
+r&auml;cht sich daran durch einen Spott, der zu h&ouml;flich ist, um
+eine Herausforderung zu sein, und witzig genug, um sich
+n&ouml;tigenfalls f&uuml;r einen Spa&szlig; auszugeben. Die Duldsamkeit
+ist nicht auf Gro&szlig;mut gegr&uuml;ndet, sondern auf Gleichg&uuml;ltigkeit
+oder Angst vor dem Kampfe.</p>
+
+<p>Luther war allerdings der erste, der in religi&ouml;sen Dingen
+den Grundsatz der Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er
+es f&uuml;r unsinnig erkl&auml;rte, Irrende dadurch &uuml;berzeugen zu
+wollen, da&szlig; man sie verbrennte. Mit dem Wort aber solle
+man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten,
+der in einer Hand die Kelle f&uuml;hrte und baute, in
+der anderen das Schwert, um sein Werk gegen die Feinde
+zu verteidigen. In einem brieflichen Gutachten an seinen
+kurf&uuml;rstlichen Herrn schrieb er die ber&uuml;hmten Worte: &bdquo;Man
+lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie k&uuml;nnten,
+und wider was sie w&ouml;llen; denn wie ich gesagt habe, es
+m&uuml;ssen Secten seyen (1.&nbsp;Kor.&nbsp;11,&nbsp;19), und das Wort Gottes
+mu&szlig; zu Felde liegen und k&auml;mpfen, daher auch die Evangelisten
+hei&szlig;en Heerscharen und Christus ein Heerk&ouml;nig
+ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor
+uns nicht furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so
+wird er sich vor ihnen auch nicht, noch vor jemand furchten.
+Man lasse die Geister aufeinander platzen und treffen.
+Werden etliche indes verf&uuml;hrt, wohlan, so gehts nach rechtem
+Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da m&uuml;ssen etliche
+fallen und wund werden; wer aber redlich ficht, wird
+gekr&ouml;nt werden.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span></p><p>F&uuml;r Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie sp&auml;ter
+f&uuml;r Gustav Adolf der Kavalier, der f&uuml;r Gottes Wort k&auml;mpft.
+&bdquo;Ein Christenleben soll ein Krieg sein, und die das Wort
+haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen, das Schwert
+in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen,
+ger&uuml;stet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in
+einer rechten Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.&ldquo;</p>
+
+<p>Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte w&auml;hrend
+seines Aufenthaltes in Lausanne eine Blindenanstalt zu
+besuchen und beobachtete dort ein zehnj&auml;hriges M&auml;dchen,
+das taub, stumm und blind geboren war und bisher
+ganz ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte.
+Sowie man dies Kind sich selbst &uuml;berlie&szlig;, das hei&szlig;t, es
+nicht anr&uuml;hrte, kauerte es sich mit an die Ohren hinaufgezogenen
+H&auml;nden nieder, genau in der Haltung eines
+Kindes vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens
+auf, da&szlig; dies auch die Haltung der Wilden ist, wie verschiedene
+Reisende sie beschrieben haben, unter anderem
+Defoe: &bdquo;Ihre Haltung bestand gew&ouml;hnlich darin, da&szlig; sie
+auf der Erde sa&szlig;en, die Knie an den Mund hinaufgezogen
+und den Kopf zwischen beiden H&auml;nden auf die Knie herabgeneigt&ldquo;;
+und er erkannte es als die embryonische Haltung
+der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt versuchte
+man nun eine Verbindung des Kindes mit der Au&szlig;enwelt
+herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine,
+die sie zwischen den H&auml;nden hin und her rollte: &bdquo;Sie scheint
+zu denken, da&szlig; dies zu etwas f&uuml;hren soll, erkennt deutlich
+die Hand, welche ihr die Steine gibt, als eine freundliche
+und sch&uuml;tzende, und sitzt stundenlang ganz gesch&auml;ftig da.&ldquo;
+Man gew&ouml;hnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte
+in ihr das Vergn&uuml;gen an der Geselligkeit, und sie
+begann zu lachen und in die H&auml;nde zu klatschen. &bdquo;Ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">234</a></span>habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art Ergreifenderes
+gesehen&ldquo;, erz&auml;hlt Dickens, &bdquo;als da man sie neulich
+in die Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur
+Klavierbegleitung im Chore sangen, und ihre Hand mit dem
+Instrument in Zusammenhang setzte und hielt. Ein Schauer
+durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller,
+ihr Gesicht r&ouml;tete sich, und ich kann es mit nichts anderem
+vergleichen, als mit der Wiederbelebung eines beinah toten
+Menschen. Es war wahrhaft ersch&uuml;tternd, zu sehen, wie
+die Empfindung der Musik die in ihr verschlossene Seele
+erregte und aufscheuchte.&ldquo; Ich mu&szlig;te an das Bild denken,
+wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewu&szlig;tlosen
+Dumpfheit daliegenden Menschen anr&uuml;hrt und durch das
+&Uuml;berstr&ouml;men seiner Kraft das schlafende Herz weckt. Die
+Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des ganz einsamen
+Ich, des noch nicht mit der Au&szlig;enwelt verbundenen Ich,
+das eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht
+bewu&szlig;t geworden ist; es ist die Stellung der Seele des an
+Dementia, an Geistesabwesenheit Kranken, des sich selbst
+anbetenden Ungl&auml;ubigen, des hochm&uuml;tig und furchtsam zugleich
+vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man
+kann auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen
+und des modernen Menschen. Und wie ersch&uuml;tternd,
+da&szlig; Dickens durch jenes Schauspiel so ersch&uuml;ttert wurde,
+der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch
+in einem best&auml;ndigen qualvollen Kampfe den Abgrund &uuml;berwand,
+der ihn von den anderen Menschen trennte, um
+sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu rei&szlig;en. In ganz
+anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte
+nach das Leben Luthers.</p>
+
+<p>Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur
+indischen Philosophie hinneigen, sei es, da&szlig; sie indische Ideen
+<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span>in die christliche Religion hineinlegen oder geradezu die indische
+Philosophie &uuml;ber die christliche Religion erheben.
+Religion ist nur das Christentum, ja, Christentum und
+Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung der
+Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die
+Tat und das Wort gegeben sind, die die Menschen zu Br&uuml;dern
+und zu Gottess&ouml;hnen macht. Der Christ wei&szlig;, da&szlig;
+der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem vergossenen
+Blute Christi, und da&szlig; wir nur, wenn wir auch
+unser Blut vergie&szlig;en, zu Gottmenschen werden. Die Frau
+vergie&szlig;t ihr Blut, indem sie Kinder hervorbringt und alle
+Liebebed&uuml;rftigen als ihre Kinder liebt, der Mann, indem
+er nicht nur f&uuml;r die Seinigen, sondern, soweit sein Einflu&szlig;
+reicht, f&uuml;r alle Hilfsbed&uuml;rftigen k&auml;mpft. Du verstehst wohl,
+ohne da&szlig; ich es ausdr&uuml;cklich bemerke, da&szlig; ich nicht an Krieg
+und Schwert denke, obwohl ja auch das in Betracht kommen
+kann; Liebe ist tats&auml;chlich ein Blutvergie&szlig;en, die starke Bewegung
+eines Herzens, das sein Blut durch den ganzen
+K&ouml;rper hinstr&ouml;mt und ihn dadurch vergeistigt.</p>
+
+<p>Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das
+bewu&szlig;t gewordene Ich. Setzt das Blut sich im Gehirn fest,
+so wird es dem Herzen entzogen, das Dunkel des Allerheiligsten
+wird allm&auml;hlich hell gemacht, die Kraft in Wissen
+verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entg&ouml;ttert. Es
+ist ein gro&szlig;er Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; rei&szlig;t
+es sich aber nicht rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie
+Narzi&szlig; verzaubert und verloren. Hier mu&szlig; sich der Christ
+seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn erkannte,
+aber, wie es in der Bibel so sch&ouml;n hei&szlig;t, seine Gottheit
+nicht f&uuml;r einen Raub hielt, nicht f&uuml;r sich behielt, sondern
+seinen geringeren Br&uuml;dern opferte. Je h&ouml;her wir zu stehen
+glauben, desto mehr sollten wir uns getrieben f&uuml;hlen, uns
+<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span>anderen hinzugeben. Nicht da&szlig; wir, wie Don Quichotte,
+der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das m&ouml;chten
+die modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun,
+unerh&ouml;rte Opfer bringen, zu denen durchaus keine Gelegenheit
+ist. Auch da kann man wieder von Luther lernen, da&szlig;
+es darauf ankommt, das N&auml;chstliegende zu tun, da&szlig; wir
+uns nicht mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten
+qu&auml;len sollen, w&auml;hrend wir nicht imstande sind, die einfachen,
+von Gott gegebenen zu erf&uuml;llen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief22" id="brief22"></a><a href="#inhalt">XXII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">E</span>iner von den neuen Bibel&uuml;bersetzern hat herausgefunden,
+da&szlig; Luther den Spruch, es werde eher ein Kamel durch
+ein Nadel&ouml;hr gehen, als da&szlig; ein Reicher in das Reich Gottes
+eingehen werde, falsch &uuml;bersetzt habe, indem das betreffende
+Wort nicht Nadel&ouml;hr, sondern eine besondere T&uuml;r,
+ich glaube eine niedrige Stallt&uuml;r hei&szlig;e, durch welche ein
+Kamel allenfalls, wenn auch mit M&uuml;he, sich zw&auml;ngen k&ouml;nne.
+Dies erz&auml;hlte jemand in einer Gesellschaft nicht ohne Genugtuung
+und mit einer gewissen Schadenfreude, da&szlig; seinesgleichen
+durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn
+er etwa hinein wolle. Ich finde, man k&ouml;nnte immerhin beim
+Nadel&ouml;hr bleiben, das am anschaulichsten ausdr&uuml;ckt, was
+die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers war, da&szlig;
+es nicht unm&ouml;glich, aber doch einem Wunder gleichzuachten
+sei, wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man
+mu&szlig; nur bedenken, da&szlig; das Reich Gottes das Reich des
+Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche der Welt, dem
+&auml;u&szlig;eren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie &Auml;u&szlig;eres und
+Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die
+Welt verdichtet, insofern man f&uuml;r Geld die &auml;u&szlig;eren G&uuml;ter
+haben kann, und Geld ist also schon ein Ausdruck daf&uuml;r,
+<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span>da&szlig; jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein Ergebnis,
+ein Aush&auml;ngeschild der Welt, das beweist und nicht erst
+noch bewiesen zu werden braucht. Es beweist, da&szlig;, wenn
+nicht der Reiche selbst, so doch seine Eltern oder entferntere
+Vorfahren Weltmenschen waren, und da&szlig; seine eigene Neigung
+zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, da&szlig;
+seine weltliche Erbschaft dadurch beeintr&auml;chtigt w&uuml;rde. Letzteres
+ist auch aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum
+wird auf einem H&ouml;hepunkte der Kraft erworben, die bei den
+Erben schon nachzulassen anf&auml;ngt; es kann demnach in der
+Regel nur ein geringes Ma&szlig; von Kraft auf die Erwerbung
+der geistigen G&uuml;ter verwendet werden. Auch vererbt sich
+die weltliche Begabung, welche den Vorfahren zu Erfolgen
+in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem negativen
+Sinne, da&szlig; die Fl&uuml;gel, deren der Geistesmensch bedarf, durch
+langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.</p>
+
+<p>&bdquo;Niemand wickelt sich in weltliche Gesch&auml;fte, der g&ouml;ttlicher
+Ritterschaft warten will&ldquo;, sagte Paulus. Es ist unm&ouml;glich,
+da&szlig; jemand, der stark im Geiste lebt, im Kampfe
+um &auml;u&szlig;ere G&uuml;ter siegreich sein, &uuml;berhaupt sich in ihn ernstlich
+einlassen wird. Und &bdquo;wo Christus ist, da ist auch Armut&ldquo;,
+sagt Luther. Verdient ein Auserw&auml;hlter etwa auch
+Geld, so wird er es doch nicht festhalten k&ouml;nnen, da er zum
+Geben, Mitteilen und Verschwenden &uuml;berhaupt geneigt sein
+wird. &bdquo;Wer liebt, verschwendet allezeit.&ldquo; Es wird aber
+auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt
+bezahlt nur, was ihr n&uuml;tzt, die Wahrheit n&uuml;tzt ihr aber
+durchaus nicht, steht eher im Gegensatz zu ihr oder geht sie
+nichts an. Erst wenn das G&ouml;ttliche verweltlicht ist, wenn
+die Idee irgendwie f&uuml;r weltliche Zwecke ausgebeutet werden
+kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr
+zu leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus
+<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span>jetzt ohne Ausweis, der seine Identit&auml;t feststellte, so w&uuml;rde
+er wieder gekreuzigt in irgendeiner Form, obwohl die Welt
+sich nach seinem Namen nennt.</p>
+
+<p>Luther sagte nun allerdings, es k&ouml;nne wohl auch ein
+Reicher ins Himmelreich kommen, wenn er n&auml;mlich geistig
+arm sei, das soll hei&szlig;en, wenn er seinen Reichtum so habe,
+als habe er ihn nicht, als k&ouml;nne er ihn jeden Augenblick
+verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeintr&auml;chtigt
+zu werden. In den H&auml;nden solle das Gut sein, nicht im
+Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist es aber nicht im
+Herzen, so wird es auch leicht aus den H&auml;nden flie&szlig;en. Und
+wie sollte jemand, der die M&ouml;glichkeit hat, die Welt zu genie&szlig;en,
+nicht dazu verlockt werden, es zu tun? Das w&uuml;rde
+auf einen Mangel an Kraft und Genu&szlig;f&auml;higkeit oder an
+ein &Uuml;berwiegen der Moral, also auch wieder auf eine geistige
+Hemmung deuten. Genie&szlig;t einer aber die Welt, so
+wird er dadurch allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen.
+Ganz besonders wird einem g&ouml;ttlichen Herzen durch
+die Hilfsbed&uuml;rftigkeit derer, die kein Geld haben, &uuml;berfl&uuml;ssige
+Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.</p>
+
+<p>Es emp&ouml;rt mich, wenn man mit einer gewissen hochm&uuml;tigen
+Nachsicht &uuml;ber die Unordnung urteilt, die in den Finanzen
+des alternden Rembrandt herrschte. Es geht gegen die g&ouml;ttliche
+Logik, da&szlig; ein Genie ein guter Haushalter ist; ist es
+doch einer, so geh&ouml;rt das zu den Freiheiten, die Gott sich
+seinen Gesetzen gegen&uuml;ber herausnimmt. Goethe wird deswegen
+von allen Weltmenschen auf den Schild gehoben,
+weil er zu beweisen scheint, da&szlig; man Weltmann und Genie
+zugleich sein k&ouml;nne; und es ist gewi&szlig;, da&szlig; er einer von den
+&bdquo;hochgeistlichen&ldquo; Menschen war, wie Luther es ausdr&uuml;ckte,
+die sich tief in die Welt verwickeln k&ouml;nnen, ohne ihren g&ouml;ttlichen
+Geist dabei einzub&uuml;&szlig;en. Andererseits beruht dies
+<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span>Ph&auml;nomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer Selbstbeschr&auml;nkung,
+auf einem Sparen mit Herzkraft; das erm&ouml;glichte
+die Erscheinung eines vollst&auml;ndig abgerollten, auf allen
+seinen Stufen musterg&uuml;ltigen Lebens, das bewundernswert
+ist, aber nicht bewundernswerter als ein k&uuml;rzer zusammengedr&auml;ngtes
+und schneller verschwendetes wie das von Shakespeare,
+Beethoven oder Luther. Es ist wahr, da&szlig; man auch
+in weltlichen Dingen, ich meine in weltlich f&ouml;rdernden
+Dingen, von Goethe lernen kann; aber braucht man ein
+Genie dazu? Wenn nur das G&ouml;ttliche mit ihm erscheint,
+das niemand lernen kann, das aber &uuml;berspringt und z&uuml;ndet
+wie der Funke von der Flamme.</p>
+
+<p>Luther h&auml;tte sehr reich werden k&ouml;nnen, mir scheint, einer
+der reichsten Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt
+doch keinen Schriftsteller, der so gelesen worden w&auml;re. Er
+hielt aber daran fest, kein Geld f&uuml;r seine B&uuml;cher zu nehmen,
+und lebte von einem d&uuml;rftigen Professorengehalte.
+Einmal hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen
+bekennen, Schulden. Er nahm alle Zufluchtsuchenden bei
+sich auf, beschenkte alle Armen und Bettler, wenn er sonst
+nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die ihm zuweilen
+verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein
+Bauer gewesen und habe keine Bed&uuml;rfnisse gehabt. Jeder
+geniale Mensch hat eine starke Sinnlichkeit, sieht gern Sch&ouml;nes,
+liebt Wohllaut, s&uuml;&szlig;e Ger&uuml;che und Wohlschmeckendes.
+Die Fr&ouml;mmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen
+wollten, machten es Luther zum Vorwurf, da&szlig; er die Laute
+spiele, Hemden mit bunten B&auml;ndern trage, Bilder in seinem
+Zimmer h&auml;ngen habe und gern guten Wein trinke. Er hatte
+sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrau&szlig; mitgenommen
+und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er
+f&uuml;r seine Person anspruchslos und konnte mit dem Apostel
+<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span>Paulus sagen: &bdquo;Ich kann niedrig sein und kann hoch sein;
+ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beides, satt
+sein und hungern, beides, &uuml;brig haben und Mangel leiden.&ldquo;</p>
+
+<p>Mir scheint, es w&auml;re nicht so durchaus zu beklagen, wenn
+der Krieg zu einer Verarmung Europas f&uuml;hrte; vielmehr
+ist vielleicht gerade das mit der Zweck des Krieges, aber
+nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite
+eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands
+durch den Drei&szlig;igj&auml;hrigen, den verheerendsten aller
+Kriege, gesprochen; in Wirklichkeit hat er nur die Armen
+ganz arm, die Reichen hat er reicher gemacht. Auf dem
+Lande namentlich und auch in den St&auml;dten war D&uuml;rftigkeit,
+an den H&ouml;fen war &Uuml;berflu&szlig; sondergleichen; Reichtum
+und Armut waren also sehr scharf voneinander geschieden
+und bildeten einen starken Gegensatz. Auf der einen Seite
+war &auml;u&szlig;erste Selbstsucht und Genu&szlig;f&auml;higkeit, auf der anderen
+Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen
+Herzen der Gequ&auml;lten wuchs die Musik Bachs, ein Baum
+des Lebens, tropfend in allen Zweigen von Unsterblichkeit.
+Gott ist <span class="antiqua"><span class="ins" title="consummans">consumens</span> et abbrevians</span>: es wird unendlich viel
+Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Sch&ouml;nheit
+und Wahrheit, in die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses
+hatten die Armen den Glauben. Wie mochte jenen
+evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde
+zu sch&uuml;tzen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und
+niedergestochen wurden und mitten im Sterben beteten:
+Ich werde nicht sterben, sondern leben! Die Ungl&auml;ubigen
+verlachten das, da sie von dem Leben, das jene empfanden,
+nichts wu&szlig;ten. Armut ist nur unertr&auml;glich f&uuml;r Gottlose
+und in gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen
+Zeiten die Wohlt&auml;tigkeitsbestrebungen der Heuchler und
+Gleisner, die die Armen nicht wahrhaft begl&uuml;cken k&ouml;nnen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span>was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist; sondern der
+ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Gen&uuml;sse
+dadurch von jeder Einschr&auml;nkung zu befreien. Die
+wohleingerichteten Arbeiterheime und dergleichen muten an
+wie Friedh&ouml;fe, wo das Lebendige vermodert; ausgepumpte,
+luftleere R&auml;ume, wo die Menschen zu Mumien werden.
+Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg,
+als da&szlig; der Krieg es wieder zum Chaos stampft.</p>
+
+<p>Ich brauche, denke ich, nicht zu erw&auml;hnen, da&szlig; Luther
+weit entfernt war, den M&uuml;&szlig;iggang zu loben. Seine eigene
+T&auml;tigkeit schildert er in einem Briefe einmal so: &bdquo;Ich brauche
+beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast nichts den
+Tag &uuml;ber als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich
+bin Prediger bei Tisch, man begehrt mich t&auml;glich zum Predigen
+in der Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums,
+ich bin Ordensvikar, das ist soviel wie ein elffacher Prior,
+ich bin gesetzt &uuml;ber den Leitzkauer Fischteich, ich bin Sachwalter
+der Herzberger M&ouml;nche zu Torgau, ich lese &uuml;ber
+Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu
+kommt das Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine
+Gebetsstunden ordentlich zu feiern, neben den mir eigenen
+Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel; sieh, was
+ich f&uuml;r ein m&uuml;&szlig;iger Mensch bin.&ldquo;</p>
+
+<p>Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des &auml;rgsten
+Unglaubens bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen,
+allerdings ein Beweis des Mi&szlig;trauens in Gottes Kraft oder
+Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine Form, in der
+die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im
+Sparen und Geizen &auml;u&szlig;ert sich mehr die Sucht nach Ruhe,
+die Angst vor Widerst&auml;nden und dem Kampfe dagegen.
+&Uuml;berwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt zum
+Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich g&auml;nzlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span>dem Kampf entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche
+F&auml;lle pflegte Luther mit den Worten abzutun: lasset die
+Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine &auml;u&szlig;ere Hemmung,
+die nicht weggenommen werden kann, ohne da&szlig;
+innere, viel gef&auml;hrlichere Hemmungen eintreten, deren letzte
+der Tod ist.</p>
+
+<p>Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes,
+da&szlig; der Mensch im Schwei&szlig;e seines Angesichts sein Brot
+verdienen soll. Mit Hinblick auf dies Gebot bek&auml;mpfte
+Luther unter anderem das M&ouml;nchsleben, wo der einzelne
+zwar Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu
+entziehen. In den Tischreden sagt er: &bdquo;Am sichersten ists,
+da&szlig; einer in einem gemeinen Stande sei und lebe, wie auch
+Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer gemeiner
+Mann, gelebt und kein sonderliches Leben gef&uuml;hrt hat.
+Nicht in Winkeln und Kammern.&ldquo; Das wiederholt er an
+anderer Stelle und gebraucht dabei den Ausdruck, Christus
+habe nicht wie ein Unhold gelebt.</p>
+
+<p>Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt f&uuml;r
+Auserw&auml;hlte halten, vom Leben in eine k&uuml;nstliche Feierlichkeit
+zur&uuml;ckgezogen. Sie heiraten nicht, wenn sie arm
+sind, um nicht von den kleinen Widerw&auml;rtigkeiten des Lebens,
+Kindergeschrei, Geldmangel, L&auml;rm und Enge, angegriffen
+zu werden, sie sehnen sich nach der Pracht oder k&uuml;hlen Stille
+von Schl&ouml;ssern und Kl&ouml;stern. Ein Herz mu&szlig; sehr eng und
+schwach sein, das solche Sch&auml;dlichkeiten nicht verzehren kann,
+nicht vielmehr durch sie angeregt wird.</p>
+
+<p>Im Grunde kann sich jeder gl&uuml;cklich sch&auml;tzen, dem im
+Mangel eine &auml;u&szlig;ere Hemmung gesetzt ist, die leichter zu
+&uuml;berwinden ist als diejenige, die der &Uuml;berflu&szlig; ins Innere
+treibt. Vielleicht &uuml;berwindet man sie noch am ehesten, wenn
+man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das w&auml;re
+<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span>aber nicht eigentlich Luthers Ideal, der sich die h&ouml;here Aufgabe
+stellte, die Welt ganz zu erleben und dennoch zu b&auml;ndigen.</p>
+
+<p>Es ist nat&uuml;rlich ebenso wie mit den einzelnen mit den
+V&ouml;lkern: sie haben ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie
+sie reich werden, werden sie auch weltlich. Beides ist berechtigt;
+nur mu&szlig; man nicht glauben, da&szlig; man beides zugleich
+sein k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Dein Brief ber&uuml;hrte mich wehm&uuml;tig, in dem du schriebst,
+es sei gewi&szlig; wahr, da&szlig; das Leben nicht im Denken oder
+Tr&auml;umen, sondern im Wirken sei, und es sei sonderbar, da&szlig;
+die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten, unter
+der sie doch litten, und da&szlig; sie etwas Gutes zu tun glaubten,
+wenn sie ihren Kindern so viel Geld hinterlie&szlig;en, da&szlig;
+sie dadurch des Kampfes ums Dasein &uuml;berhoben w&auml;ren.</p>
+
+<p>Ja, als die verh&auml;ngnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die
+Todessehnsucht, sich der Menschen bem&auml;chtigte, organisierten
+sie den Maschinenstaat und die Geldwirtschaft. Wenn die
+aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe abgel&ouml;st
+werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden
+sie Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares.
+Ebenso geht es mit dem Gelde, wenn es von
+dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgel&ouml;st wird.
+Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die
+Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Aufl&ouml;sung
+des kraftvollen, arbeitenden und Werte schaffenden Menschen
+und hat die Aufl&ouml;sung mehr und mehr bef&ouml;rdert, hat
+die Toten begraben und haspelt &uuml;ber ihrem Grabe weiter.
+Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten,
+er f&uuml;hrt nur die materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft
+<span class="antiqua">ad absurdum</span>; ein verj&uuml;ngtes Leben, dessen Wesen
+sch&ouml;pferische Arbeit ist, mu&szlig; irgendwie auf Naturalwirtschaft
+begr&uuml;ndet sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span></p><p>Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene
+Fl&uuml;gel; aber sie tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub.
+Erst wenn wir sie abgeworfen haben, werden wir wieder
+fliegen k&ouml;nnen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief23" id="brief23"></a><a href="#inhalt">XXIII</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">A</span>ls von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort
+die Rede war, erw&auml;hnte ich, glaube ich, da&szlig; man beobachtet
+hat, wie es die unwillk&uuml;rlichen Vorg&auml;nge im Menschen
+st&ouml;rt, wenn man die Aufmerksamkeit darauf lenkt. Das
+geht so weit, da&szlig; die W&uuml;nsche erst dann in Erf&uuml;llung zu
+gehen pflegen, wenn man aufgeh&ouml;rt hat zu w&uuml;nschen, wie
+das Sprichwort wohl wei&szlig;: Was man in der Jugend w&uuml;nscht,
+hat man im Alter die F&uuml;lle. Nietzsche bemerkte sehr gut
+und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst erfahren,
+da&szlig; eine gewisse &bdquo;feurige Pressiertheit&ldquo; dem Erfolge im
+Wege stehe. Das mag daher kommen, da&szlig; der Wille sich
+besonders nachdr&uuml;cklich auf die Stellen wirft, die er im
+tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer zutiefst wei&szlig;,
+da&szlig; ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein
+anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht
+werden kann. Wie dem auch sei, man mu&szlig; Gott &bdquo;Raum
+lassen&ldquo;, man mu&szlig; &uuml;berhaupt die selbstt&auml;tigen Kr&auml;fte zuweilen
+von sich werfen, damit sie einen nicht auffressen. Man mu&szlig;
+in der Formlosigkeit, in der Bewu&szlig;tlosigkeit, im Schweigen,
+im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen
+von aller Selbstt&auml;tigkeit erholen, sonst w&uuml;rde sie
+eines Tages ganz abgen&uuml;tzt sein. Es ist eine Weisheit von
+der Gasse, da&szlig; nur wer gehorchen gelernt hat, befehlen kann,
+und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird keine Taten
+tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivit&auml;t im Menschen,
+die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen
+<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span>ist; nicht die Ruhe der Ersch&ouml;pfung, sondern
+lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das k&ouml;stlichste und
+unentbehrlichste Verj&uuml;ngungsbad des Menschen ist der Schlaf:
+tr&auml;nke er nicht den Lethe aus dieser Schale, w&uuml;rde er nicht
+t&auml;glich neu erleben k&ouml;nnen. Der Schlaf ist dem Tagesleben
+gegen&uuml;ber g&ouml;ttlich, und so ist es der Tod dem ganzen Leben
+gegen&uuml;ber: er ist der tiefste Brunnen der Vergessenheit, aus
+dem der berauschte Schl&auml;fer dereinst ganz neu und jung auftauchen
+wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich
+viel tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden
+Sonne, und er wird tiefer aufl&ouml;sen, tiefer verwandeln.</p>
+
+<p>Erinnerst du dich, da&szlig; ich erw&auml;hnte, man habe die Entdeckung
+von der Unsterblichkeit der Am&ouml;be, des einzelligen
+Lebewesens oder der lebendigen Substanz, gemacht? Diese
+Am&ouml;ben pflanzen sich durch Teilung fort und k&ouml;nnen das,
+bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber
+sie sind auch keine Personen, sie sind und haben nichts f&uuml;r
+sich. Wenn eine Am&ouml;be sich teilt, so ist es unm&ouml;glich, zu
+sagen, welche die Mutter und welche die Tochter sei: es ist
+immer nur lebendige Substanz. Im Ma&szlig;e, wie die Substanz
+selbstt&auml;tig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt
+sich die Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen
+hat es noch leicht, seine Schlacken abzusondern; dem vielzelligen
+wird das immer schwerer und schwerer gemacht:
+wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind.
+Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift
+auch niemals zugesprochen; im Gegenteil, es hei&szlig;t von Gott:
+<span class="antiqua">Qui solus habet immortalitatem</span> &ndash; Der allein Unsterblichkeit
+hat.</p>
+
+<p>Die Tatsache, da&szlig; die lebendige Substanz unsterblich ist,
+war Luther wohl bekannt; er dr&uuml;ckte sie mit den Worten
+aus: Gott in seiner Natur kann nicht sterben. Ebenso hat
+<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span>die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gepredigt,
+da&szlig; Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die
+Kraft ist. Nur in seiner Person mu&szlig; er sterben; das ist
+die gro&szlig;e Trag&ouml;die des Menschen, auf welche das Alte
+Testament hinweist, und die im Neuen Testament unter Teilnahme
+der erbebenden Natur sich vollzieht.</p>
+
+<p>Da&szlig; der Mensch sterben mu&szlig;, obwohl g&ouml;ttlichen Geschlechts,
+und da&szlig; nur die g&ouml;ttliche Kraft bleibt, die sich in
+ihm offenbarte, das ist in der Geschichte vom Kreuzestode
+des Herrn das Herz zerrei&szlig;end unausl&ouml;schlich dargestellt.
+Alles, was man als heidnische Sinnenfreude r&uuml;hmt, kann
+doch die Herrlichkeit des pers&ouml;nlichen Lebens nicht inbr&uuml;nstiger
+ausdr&uuml;cken, als diese Stunde des ewigen Abschieds.
+Allerdings ist es ja gerade die Sch&ouml;nheit des verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig
+unbewu&szlig;ten und unpers&ouml;nlichen Lebens, die wir heidnisch
+nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit
+Christus konnte die ganze Furchtbarkeit des pers&ouml;nlichen
+Todes Erlebnis werden.</p>
+
+<p>Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so,
+da&szlig; er nicht einmal seinen Namen genannt habe, sondern
+er habe zu Adam gesagt: von Erde bist du genommen und
+sollst wieder Erde werden. &bdquo;Ach, wenn Adams Fall nicht
+alles verderbt h&auml;tte, wie eine sch&ouml;ne, herrliche Kreatur
+Gottes w&auml;re doch der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis
+und Weisheit! Wie seliglich h&auml;tte er gelebt ohne alle
+M&uuml;he, Ungl&uuml;ck, Krankheit, und w&auml;re danach ohne alles
+F&uuml;hlen des Todes verwandelt worden, h&auml;tte dies zeitliche
+Leben abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude
+gehabt und w&auml;re eine feine, lustige Ver&auml;nderung und Verwechselung
+aller Dinge gewesen. Wie in diesem elenden
+Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten
+entworfen und abgemalet hat.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span></p><p>Ja, wenn wir kein Selbstbewu&szlig;tsein h&auml;tten, w&uuml;rden wir
+nicht sterben; aber gerade um Erhaltung unseres Selbst,
+das des Sterbens Ursache ist, ist es uns zu tun. Der dringende
+Wunsch, unser pers&ouml;nliches Selbst erhalten zu wissen,
+ist jedenfalls die Ursache, da&szlig; viele Menschen aus der Bibel
+und der christlichen Lehre die Verhei&szlig;ung eines Himmels
+herauslesen, in welchem sie pers&ouml;nlich weiterleben d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Himmel, H&ouml;lle, Reich Gottes sind f&uuml;r Luther innerliche
+Zust&auml;nde. Schon in den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes
+waren, stellte er folgende S&auml;tze auf: &bdquo;Ist ein Sterbender
+von S&uuml;nden nur unvollkommen genesen oder ist seine
+Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise
+gro&szlig;e Furcht, und zwar um so gr&ouml;&szlig;ere, je geringer jene ist.
+Diese Furcht und dies Grauen sind an sich selbst hinreichend,
+um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie dem Grauen
+der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich d&uuml;nkt,
+unterscheiden sich H&ouml;lle, Fegefeuer, Himmel genau so wie
+Verzweifeln, beinahe Verzweifeln und des Heils gewi&szlig; sein.
+Augenscheinlich bed&uuml;rfen die Seelen im Fegefeuer Milderung
+des Grauens und Mehrung der Liebe.&ldquo;</p>
+
+<p>Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben
+an den sterbenskranken Kurf&uuml;rsten Friedrich aus: &bdquo;Denn
+wenn der Mensch sein [inneres] &Uuml;bel empf&auml;nde, so w&uuml;rde er die
+H&ouml;lle empfinden; denn er hat die H&ouml;lle in sich selbst.&ldquo; Dementsprechend
+&uuml;ber den Himmel: &bdquo;Alle diese G&uuml;ter sind leibliche
+G&uuml;ter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch
+hat viel bessere und vortrefflichere G&uuml;ter inwendig in sich;
+das ist, er hat in sich den Glauben an Christum &hellip; Denn
+wenn ein Christenmensch dasselbige Gut sichtbar empf&auml;nde,
+so w&auml;re er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, wie
+Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben
+hat, hat die Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort
+<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span>Gottes hat, hat Gott, den Sch&ouml;pfer aller Dinge. Und wenn
+der Seele offenbar w&uuml;rde, was das f&uuml;r gro&szlig;e G&uuml;ter w&auml;ren,
+so w&uuml;rde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor
+&uuml;berschwenglicher Gnadenf&uuml;lle.&ldquo;</p>
+
+<p>Die vielen Worte Christi &uuml;ber das Wesen des Reiches
+Gottes, da&szlig; es nicht in &auml;u&szlig;erlichen Geb&auml;rden stehe, da&szlig; es
+inwendig in uns sei, sind bekannt; und wie er den Juden
+vorwarf, da&szlig; sie einen Weltk&ouml;nig wollten, der &auml;u&szlig;erliche
+G&uuml;ter bringe, nicht einen Erl&ouml;ser, der die Herrlichkeit des
+Inneren auftut. Dies ist so klar und oft betont, da&szlig; die
+Menschen, die sich ein Studium aus Gott und den g&ouml;ttlichen
+Dingen gemacht haben, es notwendigerweise eingesehen
+haben m&uuml;ssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres
+Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um
+etwas teils mit den Sinnen Ergreifbares, teils au&szlig;er der
+Erscheinungswelt Bestehendes. So hat man zum Beispiel
+es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines umfassenden,
+vorurteilsfreien Geistes, da&szlig; er den gro&szlig;en M&auml;nnern
+des Altertums einen Platz im Himmel einr&auml;umte, was Luther
+nicht tat. Und doch hat gerade Luther immer hervorgehoben,
+da&szlig; die Alten in weltlichen Dingen, die Sittlichkeit inbegriffen,
+den Christen weit &uuml;berlegen waren, in allem, was
+Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir w&uuml;rden sagen,
+was Kultur betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur r&auml;umte er
+ihnen unbedingt ein; was er ihnen absprach, war die Kraft
+des Glaubens, alles, was mit dem st&auml;rkeren Pers&ouml;nlichkeitsbewu&szlig;tsein,
+den inneren Spaltungen und der &uuml;berwindenden
+Liebe zusammenh&auml;ngt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas
+wie eine verkl&auml;rte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich
+gro&szlig;e M&auml;nner und edle Frauen im Gespr&auml;ch ergingen, und
+er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte vertrauten
+Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon
+<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span>abgesehen sprach er &uuml;ber die vorchristlichen Menschen
+ein Werturteil aus, welches sie von den Christen nicht
+wesentlich unterschied, w&auml;hrend Luther einen wesentlichen
+Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die Seligkeit
+des unbewu&szlig;t Schaffenden so gro&szlig; wie die dessen, der
+zwar auch unbewu&szlig;t, zugleich aber unter Mitwirkung und
+im Gegensatz zu seinem bewu&szlig;ten Selbst schafft? Kann das
+Gef&uuml;hl des naiven Menschen so innig sein, wie das dessen,
+der durch alle K&auml;mpfe des Selbstseins und Selbstwollens
+hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn
+nicht der H&ouml;lle abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn
+man sie nur von au&szlig;en sieht, nicht auch in ihr Inneres eingedrungen
+ist? Antike Helden nahmen unerh&ouml;rte Qualen auf
+sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort
+nicht zu brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber
+eine solche Seligkeit wie der christliche M&auml;rtyrer, der, w&auml;hrend
+sein K&ouml;rper brannte, &uuml;ber sich den Himmel offen sah?
+Hier entschied Luther, die Harmonie der h&ouml;heren Kultur der
+Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen pers&ouml;nlichen,
+des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener &uuml;berschwenglichen
+Gnadenf&uuml;lle, die den Menschen t&ouml;ten w&uuml;rde,
+wenn er sie ganz erfa&szlig;te, ahnte Zwingli nichts und begriff
+infolgedessen auch nicht, was f&uuml;r Probleme Luther stellte.</p>
+
+<p>Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich
+als im Inneren des Menschen liegend gekennzeichnet
+ist, wie deutlich ferner &ouml;fters gesagt wird, da&szlig; Gott die
+Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich, da&szlig;
+doch vielfach ein pers&ouml;nliches Weiterleben nach dem Tode
+als Lehre der Bibel angenommen wird. Dies liegt nun
+zum Teil daran, da&szlig; die Menschen geneigt sind, zu glauben,
+was sie w&uuml;nschen, da&szlig; sie durch das gef&auml;rbte Glas der
+Pers&ouml;nlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben nat&uuml;rlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span>zumeist w&uuml;nscht; daneben aber auch an der Bildersprache
+der gro&szlig;en Dichter, denen wir die Heilige Schrift verdanken.
+In bezug auf die Schilderung der Auferstehung der
+Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, da&szlig; das eitel
+<span class="antiqua">verba allegorica</span> w&auml;ren. Das geht auf das Blasen der
+Posaune und das Hinaufger&uuml;cktwerden der Toten in die
+Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas anderes ist es mit
+der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die
+nat&uuml;rlich w&ouml;rtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther
+sagte, man w&uuml;rde sich richtiger ausdr&uuml;cken, wenn man von
+der Auferstehung des Leibes und nicht von der Auferstehung
+des Fleisches spr&auml;che; woraus hervorgeht, da&szlig; es sich f&uuml;r
+ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen
+handelte. Er gebrauchte f&uuml;r Form in der Regel das
+Wort Gestalt, wie zum Beispiel an der Stelle im Evangelium,
+da&szlig; Christus, obwohl er voll g&ouml;ttlicher Gestalt gewesen
+sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er war,
+hei&szlig;t das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder
+die vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner
+Laufbahn disputierte Luther einmal &uuml;ber Platos Ideenlehre,
+deren Verwandtschaft mit der christlichen er jedenfalls erkannte;
+er gab aber seine urspr&uuml;ngliche Absicht, die Lehre
+des Christentums philosophisch zu begr&uuml;nden, aus Instinkt
+vielleicht mehr als aus bewu&szlig;ten Gr&uuml;nden g&auml;nzlich auf.
+Doch spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung
+von Cicero, und wie ihm das Argument zu
+Herzen gegangen sei: &bdquo;Da&szlig; er aus dem, da&szlig; die lebendigen
+Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm
+&auml;hnlich und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, da&szlig; ein
+Gott sei.&ldquo; Gott ist die Einheit in der Vielheit, das Bleibende
+im Wandel. &bdquo;Ich bin, der sich nicht ver&auml;ndert.&ldquo;</p>
+
+<p>Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und
+<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span>gar im Stoffe, ohne etwas zur&uuml;ckzubehalten, die blo&szlig;e Majest&auml;t
+au&szlig;er der Erscheinung, das Ding an sich, ist ein blo&szlig;er,
+vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit wir auch die
+Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen,
+sie bleibt immer k&ouml;rperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich
+klar und sch&ouml;n auseinandersetzt, in einer anderen
+K&ouml;rperlichkeit, als die unseren Sinnen vertraut ist.
+Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte Einheit des Stoffes,
+die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber
+keine Vorstellung machen k&ouml;nnen. Soweit der Mensch schon
+w&auml;hrend seines pers&ouml;nlichen Lebens g&ouml;ttlich, also unverg&auml;nglich
+und unwandelbar ist, soweit bleibt er auch in jener
+&auml;therischen K&ouml;rperlichkeit, &uuml;ber deren Natur wir nichts aussagen
+k&ouml;nnen. Diese Auffassung hat mit Spiritismus nat&uuml;rlich
+nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade
+auf der Annahme pers&ouml;nlicher Fortdauer, w&auml;hrend der Christ
+glaubt, da&szlig; nur die Substanz unsterblich ist. Luther lehnte
+den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an die M&ouml;glichkeit
+des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts
+als Teufelwerk darin; das hei&szlig;t, er hielt alle Geistererscheinungen,
+auch wenn er selbst sie sah, f&uuml;r absichtliche T&auml;uschung
+oder Selbstt&auml;uschung.</p>
+
+<p>Denke dir bitte Gott als einen K&uuml;nstler, der die Idee
+eines Bildes hat, seines Ebenbildes; denn welcher K&uuml;nstler
+sch&uuml;fe im Grunde jemals etwas anderes als sein Ebenbild,
+wenn auch in unendlich vielen, immer neuen Gestaltungen.
+In einer einzigen Gestalt, n&auml;mlich in Christus, spiegelte
+Gott sich ganz, er fa&szlig;te oder band die g&ouml;ttliche Idee ganz
+und gar; trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen
+Orte und zu einer gewissen Zeit erschien, unterstand
+er auch dem Gesetze der Vielheit und ist mit der Menschheit
+verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer K&ouml;rper, wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span>sie ohne ihn ein toter Rumpf w&auml;re. Da&szlig; sich Christus bewu&szlig;t
+war, Gott zu verk&ouml;rpern, das macht seine Unsterblichkeit,
+seine Himmelfahrt aus; soweit wir Christus anziehen,
+das hei&szlig;t sein Gottesbewu&szlig;tsein teilen k&ouml;nnen, teilen wir
+auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus zahllosen
+Farbentupfen, die f&uuml;r sich nichts sind, da nur das Bild etwas
+ist und sie, soweit sie im Bilde sind. W&auml;ren die einzelnen
+Farbentupfen lebendig, so k&ouml;nnten sie, je mehr das Bild
+sich der Vollendung n&auml;herte, desto mehr sich des ganzen
+Bildes bewu&szlig;t werden, vollst&auml;ndig aber erst k&ouml;nnte es der
+letzte, mit dem das Bild fertig w&auml;re. In ihm lebte die Idee
+des Bildes und durch ihn k&ouml;nnten alle anderen an der ewigen
+Idee teilhaben, wenn sie sich mit ihm identifizierten. &bdquo;Es
+f&auml;hrt niemand gen Himmel, denn der herabgefahren ist,
+Jesus Christus.&ldquo; Die Idee allein ist ewig, wir k&ouml;nnen nur
+ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum
+wird gesagt, da&szlig; wir Christus anziehen m&uuml;ssen, wenn wir
+das ewige Leben haben wollen, und da&szlig; das ewige Leben
+bereits in diesem Leben beginnen mu&szlig;. Nicht da&szlig; wir Christus
+nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste, wenigstens
+nicht das erste; das erste ist, da&szlig; wir selbst Christen
+werden, denn dadurch werden wir &bdquo;Mitgenossen der g&ouml;ttlichen
+Natur&ldquo;. Diese Identifikation der Menschen mit Christus
+liegt nun einerseits darin, da&szlig; Christus sich in der
+Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, da&szlig; sie an
+ihn glauben, was die Bibel so ausdr&uuml;ckt, da&szlig; Christus der
+Menschheit Haupt sei. Insofern, sagt Luther, da&szlig; Christi
+Auferstehung t&auml;glich sich vollende, wenn wir hernach k&auml;men.
+&bdquo;Denn Christi Auferstehung und unsere mu&szlig; man zusammenbinden
+und aneinanderh&auml;ngen als f&uuml;r eine, weil er unser
+Haupt ist.&ldquo; Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling
+derer, die schlafen: die Menschheit ist in ihm verewigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span></p><p>&bdquo;Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um,
+als fahre Christus auf und nieder&ldquo;, sagte Luther einmal.
+Der Geist bewegt sich nicht von einem Orte zum anderen,
+wie Menschen tun, denn er ist ja schon &uuml;berall gegenw&auml;rtig.
+Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches
+ausdr&uuml;ckt, da&szlig; sein pers&ouml;nliches Dasein aufgeh&ouml;rt hat, da&szlig;
+er aber nie aufh&ouml;rt, im Geiste zu sein. Da&szlig; dies Bild des
+Auffahrens nach oben sich unwillk&uuml;rlich einstellt, kommt daher,
+da&szlig; der Mensch das Ma&szlig; aller Dinge ist, und da&szlig; das
+Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich
+offenbart, das Organ des bewu&szlig;ten Geisteslebens, der Erinnerung,
+in unserem K&ouml;rper oben liegt.</p>
+
+<p>Viele Menschen werden sagen, das w&auml;re eine windige
+Unsterblichkeit, und ich gebe zu, uns eingefleischte Menschen
+kann nichts &uuml;ber den Verlust des Pers&ouml;nlichen tr&ouml;sten. Luther
+selbst, als m&auml;chtige Person, erkl&auml;rte den Tod f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;te
+Anfechtung des Menschen. Bei der St&auml;rke und Durchsichtigkeit
+seiner &Auml;u&szlig;erungen sieht man ihn oft mit dem Tode
+ringen, ihn herausfordern und verachten, dann wieder mit
+wundersch&ouml;nen Phantomen ihn beschw&ouml;ren, wie man Schlangen
+tut mit Musik.</p>
+
+<p>Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivit&auml;t, h&auml;tte die
+Welt vernichten m&uuml;ssen, wenn sie nur leidend gewesen w&auml;re;
+er habe deswegen eine Aktivit&auml;t in sie gesetzt, die seine eigene
+hemmte, und habe sich dadurch erm&ouml;glicht, trotz best&auml;ndigen
+Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem
+ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln.
+&bdquo;Ich sage euch ein Geheimnis&ldquo;, sagt Paulus,
+&bdquo;wir werden nicht ganz entschlafen, sondern wir werden verwandelt
+werden.&ldquo; Dies Geheimnis er&ouml;ffnet eine fabelhafte
+Aussicht.</p>
+
+<p>Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den K&uuml;nstler zu denken,
+<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span>der inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt,
+ewig etwas Neues ausgie&szlig;t aus den Ideen durch das Werk.
+Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja Schaffen, und im selben
+Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet hat, beginnt
+er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch
+pers&ouml;nlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. &bdquo;Ich
+bin bei euch bis an das Ende der Tage.&ldquo; Insofern hatte
+Nietzsche recht mit der Mahnung, wir sollten den Alp von
+uns werfen, als w&auml;ren wir Epigonen. Die Menschheit ist
+immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie Christus
+immer zugleich k&uuml;nftig und vergangen. Zwar gibt es immer
+irgendwo Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorl&auml;ufer.
+Da&szlig; Christus wiederkommen werde, ist in der Heiligen
+Schrift ausdr&uuml;cklich gesagt; nur hebt das den Christus, den
+wir aus der Schrift kennen, nicht auf.</p>
+
+<p>Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe
+wie die christliche Lehre von der Restitution aller Dinge.
+Es ist sehr wohl m&ouml;glich, da&szlig; Nietzsche darin nicht von
+Luther beeinflu&szlig;t war, denn Ideen offenbaren sich nicht nur
+einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben seine sch&ouml;nen
+darauf bez&uuml;glichen Phantasien dem Wesen nach gro&szlig;e &Auml;hnlichkeit
+mit denen Luthers in den Tischreden. &bdquo;Dieser Finger,
+daran dieser Ring steckt, mu&szlig; mein wieder werden&ldquo;, sagt er da.
+Und die Erde werde nicht leer, w&uuml;ste und ein&ouml;dig sein, sondern
+alles werde da sein, was dazu geh&ouml;rt, &bdquo;Schafe, Ochsen,
+Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder Luft
+nicht sein kann&ldquo;. Indessen nahm Luther bei der Restitution
+der Dinge doch eine Ver&auml;nderung an, wie er denn sagt, auf
+dieser neuen Erde werde Gott H&uuml;ndlein schaffen, deren Haut
+werde golden sein und ihre Haare oder Locken von Edelstein.
+Das Wesen der Ver&auml;nderung soll aber nach seiner
+Auffassung offenbar im Menschen liegen. &bdquo;Denn ein Herz,
+<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span>das voll Freuden ist, was es siehet, das ist ihm alles fr&ouml;hlich;
+aber ein traurig Herz, dem ist alles traurig, was es
+siehet. &Auml;nderung des Herzens ist eine gro&szlig;e &Auml;nderung.&ldquo;
+Er pflegte oft zu klagen, da&szlig; er schwach im Glauben sei
+und darum so wenig verm&ouml;chte, w&auml;hrend der wahre Christ
+in Gott allm&auml;chtig sein sollte. In einer Vermehrung der
+Kraft sollte wesentlich die Seligkeit bestehen. &bdquo;Wenn ich
+werde zum Ziegelstein sagen, da&szlig; er ein Smaragd werde, so
+wirds von Stund an geschehen.&ldquo; Luther hatte viele Augenblicke
+im Leben, wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte,
+so wie die Griechen aus ihrem sch&auml;bigen Purpur die G&ouml;tterfarbe
+machten. &bdquo;&Auml;nderung des Herzens ist eine gro&szlig;e &Auml;nderung.&ldquo;
+In einer Kr&auml;ftigung des Herzens liegt jede Verg&ouml;ttlichung,
+und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen
+Himmel und eine neue Erde schaffen, viel weiter und breiter
+als heute, so wird er das auch nur durch Erneuerung des
+Herzens tun.</p>
+
+<p>Ich erw&auml;hnte vorhin, da&szlig; Luther den Heiden die Seligkeit
+absprach. Doch &auml;u&szlig;ert er sich gelegentlich auch anders,
+so in den Tischreden &uuml;ber Cicero: &bdquo;Cicero, ein weiser und
+flei&szlig;iger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich hoffe, unser
+Herrgott werde ihm und seinesgleichen gn&auml;dig sein. Wiewohl
+uns nicht geb&uuml;hrt, das gewi&szlig; zu sagen noch zu definieren
+und schlie&szlig;en, sondern sollen bei dem Wort, das uns
+offenbart ist, bleiben: &sbquo;Wer glaubet und getauft wird, der
+wird selig&lsquo;; da&szlig; aber Gott nicht k&ouml;nnte dispensieren und
+einen Unterschied halten unter anderen Heiden und V&ouml;lkern;
+da geb&uuml;hret uns nicht zu wissen Zeit und Ma&szlig;e. Denn
+es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde werden, viel
+weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl einem
+jeglichen geben nach seinem Gefallen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das sind Phantasien &uuml;ber die Einheit des Menschengeschlechtes,
+<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span>wie Luther auch gern &uuml;ber die Zugeh&ouml;rigkeit des
+Tierreichs zu den Menschen, ja, &uuml;ber die Einheit der ganzen
+Sch&ouml;pfung phantasierte.</p>
+
+<p>Gewi&szlig; ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im
+Feuer. &bdquo;Der Herr unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.&ldquo;
+Das Feuer, Gott in seiner Majest&auml;t, wird am J&uuml;ngsten Tage
+alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er wird
+sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende,
+der zugleich Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er
+alles wiederbringen so wie es war? Gibt es ewige H&ouml;llenstrafen?
+ewige Vernichtung dessen, was einmal war? Das
+sind Fragen, &uuml;ber denen Luther wohl einmal tr&auml;umte, um
+sich schlie&szlig;lich doch gl&auml;ubig der allm&auml;chtigen Gotteshand
+anzuvertrauen. Er hatte ein bewundernswert feines Gef&uuml;hl
+f&uuml;r die Grenze des Allerheiligsten, jenseit welcher das
+heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten
+ihn dort zur&uuml;ck, und er verbot eindringlich, dar&uuml;ber zu gr&uuml;beln,
+was Gott mit den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich
+sagte er hingegen, was er nicht glaubte, n&auml;mlich eine Fortdauer
+der Person; ist doch Erweiterung, das ist &Uuml;berwindung
+des Pers&ouml;nlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem
+sagt, da&szlig; dieser selbe Finger ihm wieder werden m&uuml;sse, so
+ist das wohl nicht so aufzufassen, als werde er wissen, da&szlig;
+dies der Finger Martin Luthers sei; sondern es bedeutet,
+da&szlig; alles, was erschienen ist, stets wieder erscheinen m&uuml;sse,
+als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im Werdenden.
+Jedenfalls gibt es kein gr&ouml;beres Mi&szlig;verst&auml;ndnis,
+als wenn jemand sich einbildete, er w&auml;re der wiedererschienene
+Martin Luther oder der wiedererschienene Christus. F&uuml;r
+uns kann es keinen anderen Martin Luther geben als den
+historischen und keinen anderen Christus als den historischen;
+f&uuml;hlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind,
+<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span>da&szlig; die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig
+sich ver&auml;ndernden K&ouml;rpers, da&szlig; es aber doch unzertrennlich
+mit ihm verbunden ist.</p>
+
+<p>Der Schauder der Fr&uuml;he &uuml;berl&auml;uft die Erde schon; doch
+bitte ich dich, mir noch ein Weilchen zuzuh&ouml;ren: es ist s&uuml;&szlig;,
+den Abschied hinauszuschieben, indem man vom Abschied
+plaudert.</p>
+
+<p>Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich
+zum Stoffe und im Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine
+Strahlen zur&uuml;ckwerfen kann, damit Gott seiner bewu&szlig;t wird,
+sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern mu&szlig; sich vom Ganzen
+absondern, sonst w&auml;re er ja Gott selbst und k&ouml;nnte Gott
+sich nicht in ihm spiegeln: er h&uuml;llt sich in eine Kruste oder
+Haut, die ihn vom Nicht-Ich abschlie&szlig;t, zugleich aber mit
+dem Nicht-Ich verbindet. Die Haut ist reizbar, empfindlich;
+als ein Teil der Einheit, die in der Vielheit erscheint, ist das
+Einzelwesen ber&uuml;hrbar durch die Kraft, die in zahllosen
+anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch
+welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt
+sich allm&auml;hlich auf verschiedene Zonen: der Mensch
+empfindet die Au&szlig;enwelt nicht nur mehr als Ganzes, sondern
+er sieht, er h&ouml;rt sie, er schmeckt, riecht und f&uuml;hlt sie. Mit
+der Zeit aber, im Ma&szlig;e, wie das g&ouml;ttliche Feuer, welches
+das Einzelwesen f&uuml;r sich von der feurigen Gottheit zugeteilt
+bekam, verbraucht und verwandelt wird, erstarrt die Kruste
+und wird m&uuml;rbe; die Haut wird runzlig, der K&ouml;rper zerf&auml;llt.
+Wenn das Geh&auml;use, durch welches wir von Gott, dem Ganzen,
+dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden
+Welt verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung
+mit der erscheinenden Welt abgerissen, wir sind wieder
+eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind wie Prinzen,
+die aus ihrem K&ouml;nigreich verbannt wurden. Damit man
+<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span>nicht erkennt, welchen Gebl&uuml;ts sie sind, tragen sie eine
+sch&uuml;tzende Maske, bald diese, bald jene, und es kann vorkommen,
+da&szlig; sie in einem Kost&uuml;m heimisch werden und die
+Krone und den Purpur, der ihnen geb&uuml;hrte, fast vergessen.
+Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen
+d&uuml;rfen, um ihre k&ouml;nigliche Herrlichkeit anzulegen, um die
+bunte Maske traurig sein, die sie in der Verbannung vermummte?
+Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so
+sch&ouml;n sind, da&szlig; der Gedanke an ihre Verg&auml;nglichkeit mir
+das Herz zerrei&szlig;t. Aber kommt das vielleicht daher, da&szlig;
+ich diese durchsichtigen Verkleidungen liebe, durch welche der
+Stern, der die g&ouml;ttliche Abkunft verr&auml;t, verh&auml;ngnisvoll hindurchscheint?
+Schon erfa&szlig;t sein strenges Feuer das farbenselige
+Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte;
+das, was unerreichbar &uuml;ber allem Irdischen steht, wird gegenw&auml;rtig.
+Das Vollendete macht gl&uuml;cklich und traurig zugleich;
+trotz der morgendlichen Helle kann ich dich nicht sehen
+vor Tr&auml;nen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="brief24" id="brief24"></a><a href="#inhalt">XXIV</a></h2>
+
+
+<p><span class="initial">D</span>u hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann,
+und ich glaube auch, als ich verdiene. Du sagst, ich h&auml;tte
+mit unheiligen H&auml;nden das Heilige zerfleischt, ich h&auml;tte
+getan wie ein Kind, das sein Spielzeug entzwei macht, um
+zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es entsetzt
+auf seine leeren H&auml;nde und die Fetzen. Ja, es ist wahr,
+ich habe h&auml;&szlig;liche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie
+doch f&uuml;r dich. Erinnere dich, da&szlig; du mir schriebest, ich solle
+dir Gott beweisen; du tatest es wohl nur so leichthin, und
+doch k&ouml;nnen wir uns nicht verhehlen, da&szlig; wir beide an der
+Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn
+wir unserem Herzen trauen &ndash; was die allerwenigsten tun&nbsp;&ndash;,
+<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span>denken wollen, was wir glauben. Gott ist ja auch kein
+Spielzeug, &uuml;berhaupt kein Ding, dem ich etwas anhaben
+k&ouml;nnte; habe ich das je vergessen? Zur&uuml;ck k&ouml;nnen wir
+nicht; da wir einmal angefangen haben, das Wort von
+der Lippe abzul&ouml;sen und Menschenworte, grundlose, unfruchtbare,
+in der Luft schwebende und darum endlose Gedanken
+daraus zu machen, m&uuml;ssen wir bis zur Verzweiflung weiterdenken:
+darin waren sich alle Reformatoren einig, da&szlig;
+der Glaube beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln.
+Ich meine, die Verzweiflung durchbricht schon das laute Pochen
+auf die eigene Kraft. Jetzt m&uuml;&szlig;te ein Johannes kommen,
+der predigte: Tut Bu&szlig;e, denn das Himmelreich ist nahe
+herbeigekommen! Wie sch&ouml;n ist dieses &bdquo;denn&ldquo;! W&auml;re das
+Himmelreich nicht nah, so verzweifelten wir auch nicht, die
+Gnade begegnet schon der Bu&szlig;e.</p>
+
+<p>Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor;
+er habe einem den alten, weihnachtlichen Gottvater im
+Himmel geraubt, zugleich aber geahnt, was er den Menschen
+damit nehme, und darum das letzte Wort zur&uuml;ckbehalten.
+Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig:
+er stand auf einer schmalen Grenzscheide zwischen
+dem Reich der Phantasie und des Glaubens und dem der
+Wissenschaft und des Denkens, in das seine Zeitgenossen
+sich begierig ergossen. Er fa&szlig;te das Unsichtbare und das
+Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte
+er freilich nicht &auml;ndern, da&szlig; es eine nat&uuml;rliche Einheit f&uuml;r
+ihn auch nicht mehr war. Er konnte und mu&szlig;te denken
+wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte auch glauben
+und lieben und aus Liebe handeln, was die andern
+nicht konnten. Da&szlig; hier und da eine Ritze klaffte, das ihm
+vorzuwerfen, sollte die Ehrfurcht vor seiner Gr&ouml;&szlig;e und G&uuml;te
+verbieten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span></p><p>Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal
+&uuml;ber S&auml;tze der Platonischen Philosophie und gab sich auch
+M&uuml;he, die Heilige Schrift mit der scholastischen Philosophie
+in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen Aussage
+gab er es auf, weil es zu schwer sei, die &bdquo;mehr als tartarische
+Verwirrung&ldquo; zu l&ouml;sen, die daraus hervorgeht, da&szlig;
+gleiche Ausdr&uuml;cke f&uuml;r ganz verschiedene Begriffe gebraucht
+werden. Die Neigung, den Ideengehalt der Religion
+wissenschaftlich zu begr&uuml;nden, das Sein zu beweisen, welches
+doch eine blo&szlig;e Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem
+m&auml;chtig in ihm und tobte sich in Anfechtungen aus,
+da er sie m&ouml;glichst unterdr&uuml;ckte. Mit Bezug auf seine gelegentlichen
+Versuche, von g&ouml;ttlichen Dingen wissenschaftlich
+zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anh&auml;nger vorgeworfen,
+er tue zuweilen dasselbe, wof&uuml;r er die Scholastiker
+gescholten habe, da&szlig; sie von Gott spr&auml;chen wie der Schuster
+vom Leder.</p>
+
+<p>Wie h&auml;tte er das aber &auml;ndern k&ouml;nnen? Seine Gemeinde
+bestand aus &bdquo;rohen Bauern und einf&auml;ltiger Jugend&ldquo; und
+M&auml;nnern, die &uuml;berwiegend mit Verstand begabt waren,
+Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade
+im Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte
+die Zudringlichkeit und Indiskretion solcher Menschen, die
+erst das Geistige, das H&ouml;rbare, vom Sichtbaren trennen,
+und es dann, weil es unsichtbar ist, f&uuml;r ein Loch halten,
+durch das sie eindringen und alles zerst&ouml;ren und zerkleinern
+zu k&ouml;nnen meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht.
+Darum war er &auml;ngstlich, das Denken an die g&ouml;ttlichen
+Dinge herankommen zu lassen, und beim Abendmahlstreit
+brach es aus ihm heraus: &bdquo;Das wei&szlig; Gott, ich schreibe
+solche hohe Dinge sehr ungern, weil es mu&szlig; unter solche
+Hunde und S&auml;ue kommen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span></p><p>Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, da&szlig;
+die Kritik sich am dreistesten an die h&ouml;chsten Dinge macht,
+weil sie ja sie am wenigsten versteht und deswegen am meisten
+ha&szlig;t?</p>
+
+<p>Da&szlig; Luther Deutschland vom Papste losri&szlig; und das
+Recht der freien Forschung verk&uuml;ndete, das begriffen seine
+Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen, Juristen und
+Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; da&szlig; er die Hand
+auf die Bibel legte, um die zentrifugalen Kr&auml;fte durch das geoffenbarte
+Wort an den Mittelpunkt zu binden, das &uuml;bersahen
+sie geflissentlich oder legten es buchst&auml;blich aus. In
+seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren
+Genius er sich f&uuml;hlte, entrollte er sein gro&szlig;es G&ouml;ttergem&auml;lde
+wie einen Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit,
+aber sie vor dem Schicksal derer beh&uuml;ten sollte, die
+sich erk&uuml;hnen, die Majest&auml;t mit unheiligen Fingern zu ber&uuml;hren.</p>
+
+<p>Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre g&auml;nzlich verzichtend,
+erkl&auml;rte sich Luther einverstanden mit der Art der
+Behandlung des Christentums, die Melanchthon in seinen
+<span class="antiqua">loci communes</span> ausarbeitete: danach sollte &uuml;ber die g&ouml;ttliche
+Majest&auml;t, Dreieinigkeit, Sch&ouml;pfung, Menschwerdung
+nicht spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus
+allein halten und mit den Forderungen des Gesetzes und
+Verhei&szlig;ungen des Evangeliums begn&uuml;gen. Luther, der
+Gl&auml;ubige und Wissende, konnte das tun; f&uuml;r die Menge
+aber hie&szlig; das, aus dem G&ouml;ttlichen eine Historie machen;
+man schnitt Christus und sein Wort ab von seiner mystischen
+Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er immer
+blutleerer, flacher und fader wurde. Es h&auml;tte nicht aus
+der Religion Moral werden k&ouml;nnen, wenn man das Geheimnis
+nicht zugedeckt h&auml;tte. Das Evangelium, der Ausdruck
+<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span>des Gottbewu&szlig;tseins, rauschte nicht mehr wie ein
+Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer
+Block darin, losgel&ouml;st von Gott, und der Welt nicht einverleibt.
+Nicht Luthers Schuld war das, sondern die seiner
+Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es f&uuml;r geboten hielten, die
+beiden Naturen, die g&ouml;ttliche und menschliche, zu trennen,
+und damit Gott aus der Welt schafften.</p>
+
+<p>Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle
+Gott nur in seinem Wort und Werk suchen. &bdquo;Gott ist entweder
+sichtlich oder unsichtlich. Sichtlich ist er in seinem
+Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht ist,
+da soll man ihn nicht haben wollen, denn er l&auml;&szlig;t sich anderswo
+nicht finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber
+wollen Gott mit ihrem Spekulieren ergreifen, da wird nichts
+aus; ergreifen den leidigen Teufel daf&uuml;r, der will auch Gott
+sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, da&szlig; Luther
+h&auml;tte sagen m&uuml;ssen: sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich
+in seinem Wort.</p>
+
+<p>Unter Spekulieren verstand Luther die Besch&auml;ftigung mit
+einem von der Erscheinung losgel&ouml;sten Gott, dem Ding an
+sich, ein Hantieren mit Begriffen oder ein angebliches
+Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener,
+willk&uuml;rlicher Gedanken ist. Da&szlig; er gegen ein vernunftm&auml;&szlig;iges,
+das hei&szlig;t mit der Idee zusammenh&auml;ngendes Denken
+nichts hatte, geht unter anderem aus folgender Briefstelle
+hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines adligen
+Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig
+werden k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&bdquo;Denn da mu&szlig; der Natur Auge ganz ausgerissen sein
+und lauter Glaube da sein. Es gehet sonst ohne gr&auml;uliche
+f&auml;hrliche &Auml;rgernis nicht ab, und wo hierein fallen (wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span>denn gemeiniglich geschieht, da&szlig; jedermann am h&ouml;chsten
+will anfahen), die noch jung und unge&uuml;bt im Glauben sind und
+mit der Natur Licht dies ansehn wollen, die stehen gar
+nahe dabei, da&szlig; sie einen gro&szlig;en Sturz und Fall nehmen,
+und in heimlich Widerwillen und Ha&szlig; auf Gott geraten,
+dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu
+raten ist, da&szlig; sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben,
+bis sie ba&szlig; im Glauben erwachsen, und dieweil, wie
+S.&nbsp;Petrus sagt, der Milch sich n&auml;hren und soliden, starken
+Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi
+&uuml;ben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst
+wird ihnen geschehen nach dem Spruch Salomonis: <span class="antiqua">Quis
+scrutator est Majestatis opprimetur a gloria.</span> Wer nach der
+Majest&auml;t forschet, den wird die Herrlichkeit verdrucken. Sind
+es Naturvern&uuml;nftige, hohe, verst&auml;ndige Leute, so meiden sie
+nur bald diese Frage; sind es aber einf&auml;ltige, tiefe, geistliche
+und versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann
+man nichts N&uuml;tzlichers denn solichs handeln. Denn wie
+der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist er der
+Alten Erquickung des Lebens. &ndash; Wer nicht glaubt, der ist
+schon gericht.&ldquo;</p>
+
+<p>Du siehst, unter naturvern&uuml;nftigen, hohen, verst&auml;ndigen
+Leuten versteht Luther solche, die nur kritisch denken und
+infolgedessen nur einzelnes erfassen k&ouml;nnen; einf&auml;ltige, tiefe,
+geistliche, im Glauben versuchte Menschen sind ihm die,
+welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung das
+ewige Sein sehen k&ouml;nnen. Jene k&ouml;nnen sich nur einen
+au&szlig;erweltlichen Gott denken, also etwas, was eigentlich gar
+nicht ist, etwas Erdichtetes, womit sie sich gegenseitig t&auml;uschen;
+diese, da&szlig; Gott lebt, und Leben ist Wirken, Wirken
+der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem.
+Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk
+<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span>Gottes ohne Nutzen, h&ouml;chstens zu seinem Schaden; aber
+&bdquo;der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit&ldquo;,
+wie es in den Korintherbriefen hei&szlig;t. &bdquo;Der nat&uuml;rliche
+Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm
+eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es mu&szlig;
+geistig gerichtet sein. Der geistige aber richtet alles und
+wird von niemand gerichtet.&ldquo;</p>
+
+<p>Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren
+&uuml;ber die Absichten Gottes in der F&uuml;hrung der Menschen;
+warum es einem Guten schlecht ginge, warum einem B&ouml;sen
+gut, warum &uuml;berhaupt der Mensch so viel leiden m&uuml;sse,
+warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man
+sieht aus der H&auml;ufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit
+entfernt die Zeitgenossen Luthers davon waren, was Gott
+&uuml;berhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im Grunde doch alle
+einen gutb&uuml;rgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat, f&uuml;r
+ein standesgem&auml;&szlig;es, das hei&szlig;t wohlhabendes Auftreten
+seiner Kinder zu sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen
+abwerfendes Verm&ouml;gen zu hinterlassen. Er war der Gott
+des gro&szlig;en Haufens, der f&uuml;r Erhaltung jedes einzelnen
+und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist r&uuml;hrend,
+zu sehen, wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen
+suchte voll Besorgnis, sie k&ouml;nnten dann von Gott
+gar nichts mehr wissen wollen. Es war ihm l&auml;cherlich, da&szlig;
+die Leute Gott und den Heiligen best&auml;ndig mit den allerweltlichsten
+Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte
+ihnen vor, da&szlig; ihm diese Angelegenheiten unm&ouml;glich so wichtig
+sein k&ouml;nnten; aber er unterlie&szlig; nicht, freundlich hinzuzuf&uuml;gen,
+da&szlig; er das alles wohl auch noch &uuml;berfl&uuml;ssig dazu gebe. Er
+erinnerte daran, da&szlig; schon Sokrates, der Heide, gesagt
+habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge
+bitten, sondern da&szlig; sie einem das gebe, wovon sie wisse,
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span>da&szlig; es einem gut und dienlich sei; aber er wu&szlig;te, da&szlig; die
+&bdquo;verkehrte Art&ldquo; Wunder und Zeichen verlangte, durch die
+Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, da&szlig; der
+Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten,
+Gott m&uuml;sse doch den Weltlauf &auml;ndern k&ouml;nnen, wenn er
+allm&auml;chtig sei. Er erkl&auml;rte, wenn geschrieben stehe, da&szlig;
+Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu verstehen,
+als ob er die Hoff&auml;rtigen absetze und die Niedrigen auf
+ihre Pl&auml;tze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint,
+wodurch sie innerlich und im Geiste &uuml;ber die Hohen
+der Welt erhoben w&uuml;rden. Er suchte stets die Logik des
+Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue; aber
+zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, da&szlig; das Folgerichtige
+gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von
+Gott als von einer pers&ouml;nlich menschlichen Kraft zu sprechen,
+nicht etwa vom Schicksal oder von der Weltseele, nicht
+einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei anderen
+eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst
+immer wieder in Staunen und Schrecken setzte. &bdquo;Darum&ldquo;,
+sagte er, &bdquo;wenn wir der Gottheit gedenken, so m&uuml;ssen wir
+Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott
+und Sch&ouml;pfer mu&szlig; etwas H&ouml;heres sein denn Ort, Zeit und
+Raum.&ldquo; Immer wieder stie&szlig; er sich an seinen Zeitgenossen,
+die Gott entweder grobsinnlich sich vorstellten oder ihn in
+leere Begriffe aufl&ouml;sten.</p>
+
+<p>Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles
+Kind oder ein Mann, in dessen kraftvollem Ich das g&ouml;ttliche
+Ich sich spiegelt. Deshalb ist in kraftvollen Zeiten,
+wo der Mann m&auml;nnlich und deshalb die Frau weiblich
+und das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverst&auml;ndlich:
+der Mann erkennt ihn in seinem eigenen
+Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit der Phantasie.
+<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span>Das &auml;ndert sich in den Zeiten des Alterns, wo die
+Kraft sich in Denken aufl&ouml;st. Wenn Luther sagte, da&szlig;
+Gott in jedem Menschen sei, so erregte das grobe Mi&szlig;verst&auml;ndnisse,
+und man warf ihm vor, er wolle, wie man
+sich ausdr&uuml;ckte, die Kreatur zum Sch&ouml;pfer machen. Die
+Verbindung des einzelnen mit Gott f&uuml;hlt der, den sie betrifft;
+mit Gottlosen davon zu sprechen ist gef&auml;hrlich.</p>
+
+<p>Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorger&uuml;ckte
+Weltbewu&szlig;tsein wieder mit dem Gottesbewu&szlig;tsein zu vereinigen
+gesucht; aber, besonders Schiller, doch im Geiste
+ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte: &bdquo;Welche
+Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. &ndash;
+Und warum keine? Aus Religion.&ldquo; Goethe empfand zwar viel
+einheitlicher, doch war auch seine &Uuml;berzeugung: &bdquo;Wer darf ihn
+nennen? Und wer bekennen: ich glaub ihn? Gef&uuml;hl ist alles;
+Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.&ldquo; Das
+ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot &uuml;berkommt
+das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch,
+da&szlig; Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister,
+sagte Luther mit David, und liebe deine Gesetze. Gott
+ist nicht im Unsichtbaren und nicht im Sichtbaren, sondern in
+der Wirkung des Unsichtbaren auf das Sichtbare, woraus
+Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat
+oder Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht
+im Sein. In der bildenden Kunst mu&szlig; die Kraft Form
+werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort, in der
+Religion Kult. Luther wu&szlig;te, da&szlig; dem wahren Christen
+jeder Tag und jede Erscheinung g&ouml;ttlich und darum heilig
+ist; trotzdem wollte er den Glauben an das Abendmahl
+gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit diesem
+Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer
+und &uuml;berall anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span>von Gott gestifteten Kult tun, und jeder einzelne ist ein
+Teil der Gemeinde.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den
+Sp&auml;teren doch am n&auml;chsten stand, das Fehlen einer Kirche
+begriffen und tief beklagt. In seinem M&auml;rchen hat er von
+den drei Bildern der Weisheit, der Sch&ouml;nheit und der
+Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der g&ouml;ttlichen
+Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. &bdquo;Ach! warum
+steht der Tempel nicht am Flusse!&ldquo; Wenn es aber an der
+Zeit ist, wird er aus der Tiefe an das Licht des Tages auftauchen.</p>
+
+<p>Ich habe vorhin eins nicht erw&auml;hnt, was es Luther erschwerte,
+das Innere am &Auml;u&szlig;eren zu demonstrieren; das war
+n&auml;mlich die geringe Kenntnis der Natur zu seiner Zeit.
+Die einseitige Richtung auf das &Auml;u&szlig;ere, die den Glauben
+aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben
+ins Schauen &uuml;bergehen k&ouml;nnte. Die Idee, Gott in seiner
+Majest&auml;t, wird immer im heiligen Dunkel bleiben; aber
+die Sch&ouml;pfung, in der die Idee sich offenbart, ihr mannigfaches
+Kleid, das ist der Forschung zug&auml;nglich, und
+je besser man das erkennt, desto besser erkennt man
+Gott, der es tr&auml;gt. Da die Form, in der eine Idee sich
+auspr&auml;gt, diese Idee selbst ist, nur von au&szlig;en gesehen, so
+mu&szlig; man durch die Form die Idee selbst erkennen, und
+zwar ohne sie zu betasten und zu entweihen. Durch die
+Erkenntnis der Natur n&auml;hert man sich Gott mit dem Verstande
+und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch
+das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben
+vielleicht die Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen
+Gottesverehrung den Weg bereitet.</p>
+
+<p>Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich
+das nicht in bezug auf Luther. Ein genialer Mensch, ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span>solcher, dessen gro&szlig;es Herz Geist und Natur zusammenbinden
+kann, hat immer das allertiefste Gottesbewu&szlig;tsein, weil
+Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und wei&szlig;, da&szlig; der
+mittelbare Zusammenhang da ist. F&uuml;r die Allgemeinheit
+mu&szlig;te die M&ouml;glichkeit dieses mittelbaren Zusammenhanges
+erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben wieder
+hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem
+unterirdischen Gange, den sie sich gegraben haben, wieder
+ans Licht zu wollen; vom umgekehrten Standpunkte aus
+gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder ins Dunkel
+des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu,
+siebenmal gegl&uuml;ht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter
+&uuml;ber den g&ouml;ttlichen Geheimnissen, Diener am Wort und
+Sakrament sein wird? Kein Geistlicher, sondern ein Geistmensch.</p>
+
+<p>Die Kirche als Geb&auml;ude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit
+entwickelt: in dem vorchristlichen Tempel verh&uuml;llte Finsternis
+die G&ouml;tterbilder, und die altchristliche Kirche war
+im Innern der Erde, woran die Krypta der romanischen
+Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale,
+wenn sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster
+einlie&szlig;, die ihre Mauern aufl&ouml;sten, wogte es chaotisch;
+erst die Kirchen der Renaissance, des Barock und Rokoko
+lie&szlig;en das Licht ganz einstr&ouml;men und das Allerheiligste in
+einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Sch&ouml;nheit
+fehlte, wie in der reformierten Kirche, herrschte statt der
+Weltfreudigkeit die schamlose N&uuml;chternheit des blo&szlig;en Verstandes.
+Nun gibt es nur zwei Wege, die zum Berge der
+Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verk&uuml;ndete,
+das ist au&szlig;erhalb der sichtbaren Kirche, oder zur&uuml;ck in das
+Dunkel heiliger Mauern. Man mu&szlig; sich klar sein, da&szlig; nicht beides
+zusammenfallen kann, da&szlig; &bdquo;die wahren G&ouml;tters&ouml;hne&ldquo; unter
+<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span>den Sternen anbeten, da&szlig; die sichtbare Kirche begrenzt ist. Was
+hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen zu tun! Er
+schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen Hofmusiker
+Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des
+Psalms bat, den er vor allen liebte. &bdquo;Obwohl mein Name verha&szlig;t
+ist, so da&szlig; ich f&uuml;rchten mu&szlig;, da&szlig; dieser Brief, den ich dir
+schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher von dir empfangen
+und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur
+Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschm&uuml;ckt
+sehe, diese Furcht &uuml;berwunden. Diese Liebe gibt
+mir auch Hoffnung, da&szlig; dir dieser Brief nicht Gefahr
+bringt: denn wer au&szlig;er in der T&uuml;rkei w&uuml;rde es tadeln,
+wenn einer die Kunst liebt und den K&uuml;nstler r&uuml;hmt? Lobe
+ich doch auch deine bayrischen Herz&ouml;ge sehr, obwohl sie mir
+gar nicht gn&auml;dig sind, und verehre sie vor andern, weil sie
+die Musik so sch&uuml;tzen und ehren. Denn es ist kein Zweifel,
+da&szlig; viel Samen des Guten in den Gem&uuml;tern ist, die die
+Musik lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich St&uuml;mpfen
+und Steinen f&uuml;r &auml;hnlich.&ldquo; So dachte und sprach Luther
+in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo er heimisch war. Das
+Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und Protestantismus;
+aber gerade weil es unsichtbar ist, kann
+es in der Welt nie verk&ouml;rpert und umgrenzt sein. In jeder
+sichtbaren Kirche oder Akademie oder was f&uuml;r eine Korporation
+es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast sein,
+die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft
+wann und wohin es will.</p>
+
+<p>Folgt aber daraus, da&szlig; keine sichtbare Kirche sein k&ouml;nnte?
+Mir scheint, nur das, da&szlig; die eine, allgemeine, sichtbare
+Kirche sich m&auml;chtig auf die Erde gr&uuml;nden, mit der
+Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre
+Diener, Christus ihr Haupt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span></p><p>Eben f&auml;llt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem
+G&ouml;tterbild, das sie verbirgt, ein Gl&auml;nzen in den erschaudernden
+Raum. Der Augenblick der Sch&ouml;pfung ist bald
+da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es bleibt
+noch so viel Zeit &uuml;brig, auf die letzte und heikelste Bemerkung
+zu antworten, die du mir in deinem Briefe machtest.
+Du schreibst, die Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich
+in dem Verse Goethes zusammenfassen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,<br /></span>
+<span class="i0">So bist du alles, bist un&uuml;berwindlich.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Nun h&auml;tte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr
+in ein h&auml;&szlig;liches Gegenteil um, wenn man es bewu&szlig;t
+sein oder aus&uuml;ben wolle, als Kindlichkeit, Naivit&auml;t. Ich
+m&uuml;&szlig;te, wenn ich folgerichtig w&auml;re, eher dazu tun, da&szlig; alles
+geschriebene und gedruckte Wort verbrannt w&uuml;rde, als seine
+Masse vermehren. Das w&auml;re wohl richtig, wenn meine
+Worte etwas anderes sein wollten, als Wegweiser zum
+Worte von Gott. An dich richtete ich &uuml;berhaupt nur die
+Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, da&szlig;
+du ihrer bedarfst; ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten
+dir nicht mehr als ein Spiegel sein, in dem man sich
+zur Kurzweil einmal betrachtet. L&auml;se sie sonst jemand,
+sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens
+zu betreten, der, pfeilerlos und gel&auml;nderlos, doch der
+sicherste zum Ziel ist.</p>
+
+<p>In meiner Ausgabe der M&auml;rchen von Tausendundeine
+Nacht gibt es ein Titelbild, wo zu sehen ist, wie der
+Sultan der vor ihm knienden Scheherazade verzeiht. Dar&uuml;ber
+mu&szlig;te ich immer lachen, denn es schien mir, als h&auml;tte
+er ihr vielmehr f&uuml;r die sch&ouml;nen Geschichten zu danken, die sie
+ihm erz&auml;hlt hatte. M&auml;rchen indessen haben immer recht, und
+so bittet denn auch dich, nun der unerbittliche Luzifer,
+<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span>mit dem Schwerte trennend, ihr den redseligen Mund endg&uuml;ltig
+schlie&szlig;t, Scheherazade um Verzeihung. Es ist die
+Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der
+Erde, und die summenden Sterne verlieren sich; nun rede
+du, nein, vielmehr nun handle du!</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***</p>
+<p>******* This file should be named 39430-h.txt or 39430-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
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+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
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+redistribution.</p>
+
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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+
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+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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