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Langkau, Wolfgang Menges, and the Online +Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this + file which includes the original illustration. + See 39430-h.htm or 39430-h.zip: + (http://www.gutenberg.org/files/39430/39430-h/39430-h.htm) + or + (http://www.gutenberg.org/files/39430/39430-h.zip) + + +Anmerkungen zur Transkription + + Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind + hier _so_ gekennzeichnet; Passagen, die im Originaltext nicht + in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt waren, sind hier #so# + gekennzeichnet; Passagen in griechischer Schrift sind hier + +so+ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende + des Textes. + + + + + +LUTHERS GLAUBE + +Briefe an einen Freund + +von + +RICARDA HUCH + +#Visibilia et Invisibilia# + + + + + + + +Im Insel-Verlag zu Leipzig +1920 + +16.-19. Tausend + + + + +I + + +In seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen seiner +Begeisterung für Luther Luft: + +»Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich +Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen +Interessen des Geistes warf, allem schönen Schein, aller sanften, +menschlich schönen Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende +Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der +Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen +Völkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach +dem Abschluß des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich zu +fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je +eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben hätte, +wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden +schönen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so +eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische Krisis, für +welche nie und nimmer die ästhetische Bildung ein Surrogat sein kann, +welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die +neuere es ist, vorausgehen mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt +gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte sich +ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären waren, daß der schöne +Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden +konnte; wohl uns, daß sie nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe +Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.« + +So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über Luther, dessen +Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekämpfen, der Poesie sprach, +wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede +Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in +den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um +seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das +Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder +Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers +Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was für ein +Zorn, ja was für eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn +trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen wollte oder +meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur +engherzige oder verstockte Persönlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der +ohne Luther nicht zu denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing, +Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und +verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß davon mangelhafte Kenntnis die +Ursache war. + +Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines +Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprägt sich +auszusprechen als Luther ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich, +noch gründlicher mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen +Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu +werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Haß und +Mißverständnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er +mußte, und deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst wider +Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um +seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte +des Marquis Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden +verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war Luther, daß man +auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er würde aus Vischerschen +und anderen Mißverständnissen jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen, +daß man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel weniger die, +daß man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern daß seine +Ideen wiederholt und verständlicher gemacht werden müßten. + +Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so ist das, weil ich +nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, wie wenn es dir gehörte. Nehmen +wir an, du seiest der König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich +deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn und +Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich, +daß du deiner Scheherazade ebensogern zuhörst, wie sie dir erzählt, und +beschränke meine Vorrede auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn +ich etwas sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen +und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu +hören. + +Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemühte sich +im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mönchslebens die Seligkeit, +den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen +Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen, +Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke der Selbstüberwindung; +Luther fand aber, daß er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausführung war, +desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger +er am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter und leerer +fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nähern, +das Ergebnis war, daß er ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der +Hölle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich +in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; daß +zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare Kluft besteht, solange die +Handlungen aus dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang zwischen +Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewußten Herzen, +eben aus dem Sein entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute +kommen, die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das nicht mit +Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern das der bewußte Wille macht, +rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur +Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er +wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht aus dem Sein +fließend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur +die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral +vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß sie in einem +feindlichen Gegensatz zu Gott steht. + +Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, als Wachen, +Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, die Seligkeit nicht geben können, +leuchtet den meisten Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob +moralische Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat schon in +den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten; +aber Augustinus stellte fest, daß Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien, +sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu +den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen. + +Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des +Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit +selbstlos, böse gleichbedeutend mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der +Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes +anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder +also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nächsten +anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die +Pharisäer wieder auf, den Christus gekämpft hat. + +Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer in Menge gab, die +sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. Es entspann sich der berühmte +Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich +stützend, behauptete, daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, und +aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden könne. Es +ist höchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und +drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil +bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des +Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten würde. Denn man mußte +zugeben, daß Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend, +allumfassend sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen +müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung +des Menschen festhalten zu müssen, wenn man es auch nur so ausdrückte, daß +der Mensch der göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, ohne +daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflüchte in Worten +waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschütterliche +Überzeugung hatte. Seine Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im +tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott +wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß alles von Gott, dem +einzig wahrhaft Seienden, abhängt, und daß, soweit der Mensch eine +Selbsttätigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein muß und nur von +Gott wieder zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die +dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine selbständige Person, die von +zwei mächtigeren selbständigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die +nur von einer mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde; +denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt würde vielleicht +mancher sagen, daß das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd, +verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewußtseinsgraden +durchläuft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte. +Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen Symbolen und +mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, wie er von den +Scholastikern wußte. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den +Ideen, die sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer +Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich +bei Luthers Worten denken können und sollen. + +Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß der natürliche Mensch +nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und daß, wenn sein Handeln +andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur +auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet +ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen +Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder +ob er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, das eigene +Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind, +einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck, +daß wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht nach oben +frei sind. + +Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des Willens nicht überhaupt +leugne, und vermutlich, daß diese seine Ansicht dadurch erst recht +unbegreiflich würde. Nun also, daß alles, was geschieht, notwendig +geschieht, ist selbstverständlich, da ja alles geprägte Form ist, die sich +entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der +Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, daß er wollend +stets nur alles auf sein Selbst beziehen könne, das Gute wolle er nur durch +Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm +gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther öfters anführt, +heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan können ihn lenken. +Vielleicht klingt es dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage, +der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels. +Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch auch selbst wollen könne, und er +grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch, +obwohl es sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. »Da ja dies das +höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und +Werken des Gesetzes sich zu üben, durch die seine eigene Blindheit und +Ohnmacht befördert wird.« Zunächst scheint es allerdings weit +verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß; +ja, wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus +und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu +haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist +verdammt, heißt es in der Bibel. »Du sollst nicht tun, was dir recht +dünkt.« Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer +aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes +getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man +nicht bedenkt, daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Daß +Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet Luther nicht; nur daß +sie »einen gnädigen Gott machen«. + +Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos +bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgefälliges, +Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine +Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe +von anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr am Herzen +lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also, +welche ihre natürlichen Triebe mit großer Anstrengung überwinden, wird Gott +nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. »Und Matth. 21, 31 spricht es +auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die +Pharisäer und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute +waren.« Aus dieser Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur +schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern »fromme, +ehrliche, keusche« Leute, deren Schuld nur darin bestand, daß sie +absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den Zöllnern und Sündern ist, wie du +weißt, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum. +Besser sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man muß; denn das +heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht +verschwindet. »Sei Sünder und sündige kräftig«, schreibt Luther an den +werkheiligen Melanchthon, »aber noch kräftiger vertraue auf Christus und +freue dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes und der +Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.« Das bewundere ich +besonders an Luther, daß er begriff, daß der Teufel und die Sünde zwar +nicht sein sollen, aber sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf +die Idee des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen aus der +Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein. + +[1] mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten, +erwerben). + +Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, wenn du kein +Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um +mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um +von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei ist +doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist, +wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht, +aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als +sich selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein wollen und +sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie Luzifer, der schönste unter +den Engeln, der durch seine Schönheit zum obersten Teufel wurde. »Gleichwie +vom Anbeginn aller Kreaturen«, sagt Luther, »das größte Übel ist allezeit +gekommen von den Besten.« Dein Unglück, du Liebster und Schönster unter den +Menschenkindern, scheint mir zu sein, daß dir nichts und niemand schön +genug scheint, um dich zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst +an und verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die +Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest du auch mich +dazu verführt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben, +ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten, +und du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den +Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lächelt. + + + + +II + + +Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles +glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da +ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde +ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu +müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder +er mir ein geneigteres Ohr schenkt. + +Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte +trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn +einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren, +wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein +Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen +hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie +käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an +das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. + +Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm +benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind +Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen +erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der +gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an +den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist +überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile +Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja +gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch +sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein +Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren +und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer +Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert +werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging +eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von +Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr +können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie +liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen +kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß +du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die +Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde +ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen. + +Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem +sie sich ausprägt. #Res sociae verbis et verbis rebus#: die Substanz ist +dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten, +die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die +Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von +Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff +der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von +Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab +und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen +anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann. +Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern +er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner +Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen +zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen +die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich +offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht -- nimm auch das Wort Sucht +bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit -- zu +bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das +Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die +angewandte Erbsünde. + +Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe +durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das +Gesetz, um die Sünde zu mehren, »damit die Sünde überhandnehme«, wie Paulus +sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also +handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft +uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und +luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke, +in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu +sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist; +ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare, +die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder +ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir +Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt, +sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das +Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: »Auswendig hats eine gute Gestalt, +inwendig wirds voll Gift«; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute +Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft, +wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten +soll. + +Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im +entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber +jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß +auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den +Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von +den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt +anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. »So jemand spricht: Ich +liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.« Dies +ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er +Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn +gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische +Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich, +von ihnen abgewendet. »Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von +nichts Unreinem berührt sein willst«, schrieb Luther einem seiner Freunde. +Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte +Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere +Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei +fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag +an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter +schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede +menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn +er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung +kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche, +naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der +Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das +ist die Sünde, die Gott verdammt. + +Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen -- denn ich +sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon +hatte -- drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen +dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und +durch den Geist. »Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut, +Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes +Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.« Die erste betrifft wesentlich +die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen +lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die +höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur +Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der +Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in +Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren +Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des +inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die +Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst +zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren. +Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt. + +Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung +auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der +Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das +wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil +ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde +von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast. +Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich +stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die +Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst +dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur +noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen +nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht +irrezugehen. + +Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich +wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt +keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so +wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen +habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser +Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder +zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht +einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu +sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber +du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du +schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest! +Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und +sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen, +ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst +nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die +abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken +und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar +kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes. + + + + +III + + +Der Kanzler hält heute seinen Vortrag mit dem frohen Bewußtsein, daß ihm +ein gnädiger König zuhört. Du willst wissen, und darin sehe ich das +Gnädige, was du eigentlich bei dem Sündigen gewinnst; denn nur um zu +beweisen, daß du ein Herz habest, ließest du dich auf eine so heikle und +dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich müsse doch zugeben, daß +Sünde an sich häßlich sei, beflecke, entstelle; wenn nun ein Mensch aus +Stolz, um eines großen Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum +das Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifersüchtig +vorstellen müßtest, daß er allen Ruhm für sich allein und den Menschen +nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft göttlich zu werden? und ob es, +von Gott ganz abgesehen, nicht groß und schön sei, aus eigener Kraft etwas +Vollendetes in sich darzustellen? + +Ja, eifersüchtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel das eifersüchtig +nennst, daß der Mensch den Anspruch erhebt, die Organe seines Körpers +selbst zu regieren. Du mußt doch immer daran denken, daß wir Teile Gottes +oder in Gott sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so dürftest du immerhin +aus eigener Kraft göttlich oder vollendet werden, wenn du es könntest. Die +Frage ist eben, ob du es kannst, und damit komme ich wieder auf deine erste +Frage, was du gewinnst, wenn du sündigst, die zugleich einschließt, was du +verlierst, wenn du nicht sündigst. + +Durch Sündigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames Nichtsündigen +entkräftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, wie überhaupt die Religion +eine Kraft- und Lebensangelegenheit ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht. +Und Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der Menschen; denn +wer Kraft hat, hat alles. Die Alten drückten die Wahrheit, daß man durch +Sündigen Kraft gewinnt, in der Sage vom Riesen Antäus aus, der unbesiegbar +war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde geworfen wurde, denn aus +seiner Mutter Erde strömte stets neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft +gehalten konnte er erwürgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in einem +naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts ist. Nun sind wir +zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, die Sünde in unserem Sinn noch +gar nicht kannten, für die Gott und Natur noch eins waren und die ihre +Kraft unmittelbar aus der Natur beziehen konnten; wir können es im +allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen wir also zuerst den +Begriff des Glaubens. + +Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewöhnlich unter Glauben +versteht, nämlich ein Fürwahrhalten. »Glauben ist nicht der menschliche +Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten ... Das macht, wenn sie das +Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften +einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für +einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke +ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt: also tut er auch nichts und +folgt keine Besserung hernach.« Und an anderer Stelle sagt Luther: »Sie +heißen das Glauben, das sie von Christo gehört haben, und halten, es sei +dem wohl; wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm +dadurch.« + +Das Fürwahrhalten ist eine Tätigkeit des selbstbewußten Geistes, deren der +Glaube nicht, die höchstens umgekehrt des Glaubens bedarf. + +Man kann häufig Glauben und Wissen gegenübergestellt lesen, wie wenn das +eine das andere ausschlösse, und oft auch wie wenn das Glauben die Sache +der Kinder und Träumer, das Wissen die Sache vernünftiger Männer wäre. In +Wirklichkeit ist Glauben die Bestätigung und Besiegelung des Wissens, nicht +umgekehrt. Was wir wissen, wird uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir +wissen zum Beispiel, daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn +du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. Im Traume kommt +es dir oft so vor, als stände da ein Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du +nicht glaubst, was du weißt, bleibt dein Wissen unsicher. Gewiß, fest, +unerschütterlich, ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. Mit +anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, der Glaube auf +das Sein. + +Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten des Paulus aus dem +11. Kapitel des Briefes an die Ebräer zu erklären: Es ist aber der Glaube +eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das +man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, daß das Unsichtbare für dich +nicht gelte, daß das Hirngespinste wären, daß du nur deinen Sinnen traust. +Das ist ja, wie schon gesagt, Selbsttäuschung. Du traust deinen Sinnen, +weil sie sich auf Übersinnliches beziehen. Was heißt es zum Beispiel, wenn +du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest damit offenbar auf +etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung dir nicht von ihm mitteilen können, +denn sonst würdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, daß du im Wesen +dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du dich alles Guten und +Großen versiehst. Da ja nun alle Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es +auch erscheint, Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf +Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden. + +Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann also nur durch die +Sinne wahrgenommen werden, von dem naiven Menschen namentlich durch den +Gesichtssinn in der Schöpfung. Der Glaube aber, heißt es bei Paulus, kommt +durch das Gehör, das heißt, das Gehör muß das Wort, das Gott von sich +redet, aufnehmen. Um nun Schall hören, wie um Licht sehen zu können, muß +etwas in uns sein, was der tönenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine +Hörkraft und Sehkraft. Wär nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, die +Sonne könnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner Mensch, statt Glauben +auch Vernunft setzen, die geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist, +also Gott wesensgleich ist, Gott vernehmen kann. + +Die Hörkraft und Sehkraft verhält sich zu Schall und Licht wie das Passive +zum Aktiven, so daß wir zunächst nicht von einer Kraft, sondern von +Schall- und Lichtempfänglichkeit reden sollten. Wie der Schoß der Frau den +Samen des Mannes empfängt, so empfangen Auge und Ohr Licht und Schall und +bringen durch sie Gesichts- und Gehörsbilder hervor. Die Empfänglichkeit +beruht wieder auf der Empfindlichkeit für die betreffende Kraft, sei es +Schall, Licht oder die göttliche Kraft selbst. Handelt es sich um diese, +müssen wir sagen, daß wir gottempfindlich sein müssen, um Gottes Wort +empfangen zu können, und in diesem Sinne läßt sich der Ausdruck Glauben mit +Gottempfindlichkeit, Gottempfänglichkeit, Gottverwandtschaft übersetzen. +»Gott und Glaube gehören zu Haufe«, sagt Luther. Sie gehören zusammen wie +Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkürlich, um das Verhältnis +zwischen Gott und der gläubigen Seele zu bezeichnen, das Bild von Bräutigam +und Braut eingestellt. + +Befragen wir die Sprache, so finden wir, daß Glauben mit Geloben, Hören mit +Gehören und Gehorchen zusammenhängt. Darin vollendet sich der Glaube, daß +man Gott, der uns durch sein Wort ruft, hört und ihm gehorcht: Glaube ist +Hingebung und Gehorsam. Der Gläubige hört Gottes Stimme, wie das Schaf die +Stimme seines Hirten, wie der Liebende die Stimme der Geliebten hört. Alle +Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind Gedicht, ja +Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht Liebesgedicht ist, handle +es sich nun um Liebe zu Gott oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und +Liebe ist der Unterschied, daß sich der Glaube auf das Unsichtbare, die +Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins ohne das andere. +An Gott glauben wir nicht nur, sondern wir lieben ihn in der Erscheinung, +und an alle Menschen, die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d. h. wir +lieben ihre Idee oder Gott in ihnen. + +Die meisten Menschen sind so geartet, daß sie Gott selbst, ohne +Vermittlung, nicht gehorchen können, und Gott hat deshalb eine Vertretung +in der Welt eingesetzt: im Staate die Obrigkeit, in der Familie Eltern und +Ehemann. Wenn die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Männern, die Männer +ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, vorausgesetzt daß die +Vorgesetzten Gott gehorchen. Der Gläubige, der Gottes Stimme hört und Gott +selbst gehorcht, ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit von Gut +und Böse; aber er gehorcht auch den Menschen freiwillig, um sich nicht +abzusondern. Eine glaubenslose Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger +gesagt eine Zeit, in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen. + +Während der Gehorsam der Welt erzwungen werden kann und muß, kann der +Glaube, dessen Quelle das Herz ist, nur freiwillig sein. Daß Gott +erzwungene Dienste nicht gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du +kennst vielleicht die berühmte und wundervolle Stelle aus Luthers Schrift +von der Freiheit eines Christenmenschen, wo er vom Glauben als vom +Brautring der Liebenden spricht; ich führe sie deshalb hier nicht an. Im +Sermon von den guten Werken heißt es so: »Wenn ein Mann oder Weib sich zum +anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe fest glaubt, wer lehrt +sie, wie sie sich stellen, was sie tun, lassen, sagen, schweigen, denken +sollen? Allein die Zuversicht lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da +ist ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Große, Lange, Viele so +gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit fröhlichem, friedlichem +Herzen und sind ganz freie Gesellen. Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht +jedes, welches am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der +Werke auszumalen, womit es Huld erwerben möge, und geht dennoch mit +schwerem Herzen und großer Unlust hinzu, ist gleich befangen, mehr denn +halb verzweifelt, und wird oft zum Narren darüber.« Dann geht es nach dem +Spruche Salomonis: »Wir sind müde geworden in dem unrechten Wege und sind +schwere, saure Wege gewandelt, aber Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und +die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.« Im Gegensatz zu den +schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther von dem königlichen Weg des +Glaubens. + +Sobald der Glaube schwer und sauer fällt, ist es gar kein Glaube; Glaube +ist nur, was frei aus dem Herzen kommt. Etwas im Glauben tun heißt etwas +tun, weil man nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen +Sinn die Worte des Paulus haben, daß, was nicht im Glauben geschieht, Sünde +ist. Allerdings der, dem nichts von Herzen kommt, der Ungläubige, der kein +Herz hat, dem ist es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen. + +Um dem Begriff des Glaubens noch näher zu kommen, laß uns auch seinen +Gegensatz, den Unglauben, ins Auge fassen. Luther sagt gelegentlich: der +Ungläubige, der nur sich selbst anbetet; und das scheint mir das +deutlichste Licht auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: »Gott ist +den Sündern nicht feind, nur den Ungläubigen, das sind solche, die ihre +Sünde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dafür bei Gott suchen, sondern +durch ihre eigene Vermessenheit sich selbst reinigen wollen.« Und: »Das muß +wohl folgen aus dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst +versorgen.« + +Der Ungläubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil er sich an Gottes +Stelle setzt, sich selbst lenkt, für sich selbst sorgt, selbst Gesetze +gibt, denen seine passive, sinnliche Hälfte gehorchen soll. Natürlich muß +diese auch alle Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hälfte, beziehen, die +aber beschränkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus Gott ersetzt, +sich bald erschöpft. Beständiges Selbstwollen muß zu vollständiger +Entkräftung führen, wenn es sich nicht im Zustande des Nichtwollens erholen +kann. Glauben ist Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen +lassen. Die Überspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer Zeit in +der großen Anzahl von Menschen mit überspanntem Nervensystem; sie gehen an +ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer Unfähigkeit, durch vorübergehende +Selbstaufgabe Kraft zu schöpfen, zugrunde. Es wäre ja gegen den schönen +Luzifer nichts einzuwenden, wenn er glücklich wäre; aber sein Selbst ist +ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, sondern ein +Marterpfahl, an den er gebunden ist. Die Frucht des Glaubens ist der +Friede, heißt es im Evangelium des Johannes; daraus folgt, daß die Frucht +des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. Die +Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich +auch so fassen: Was verschafft mir inneren Frieden und damit Kraft? Die +Antwort lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. Nicht nur +selbstbewußt, sondern zugleich gottbewußt oder unbewußt leben. + +Was der Mensch durch vollständige Aufgabe des Selbstbewußtseins vermag, das +hat die Hypnose gezeigt. In dem seines Selbstwollens beraubten Menschen +wirkt der Hypnotiseur Wunder: er verfügt über seinen Körper nach Belieben, +über das Vermögen des Selbstwollenden hinaus. Fast erschrak man über diese +Entdeckung, weil man meinte, sie könne von bösen Menschen zu gräßlichen +Verbrechen benutzt werden. Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel +Nervöse, und die Nervösen können ihr Selbst nicht hingeben und darum auch +nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig Teufelsgläubige, +also im Bösen kraftvolle Menschen, wie Gottgläubige. In früheren Zeiten +wurde die Hypnose von Bösen und Guten als schwarze und weiße Magie +ausgeübt. + +Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote stehende Kraft war der +Christ für Luther wesentlich der starke, freudige, trotzige Held. »Ein +solcher Mann muß der Christ sein, der da könne verachten alles, was die +Welt beides, Gutes und Böses, hat, und alles, damit der Teufel reizen und +locken oder schrecken und drohen kann, und sich allein setzen gegen alle +ihre Gewalt, und ein solcher Ritter und Held werden, der da wider alles +siege und überwinde.« Es ist der Ritter, den Dürer gemalt hat, der +gelassen, des Sieges gewiß, an Tod und Teufel vorüberreitet. Luther +übersetzte das Wort »Israel« mit Herr Gottes: »Das ist gar ein hoher, +heiliger Name und begreift in sich das große Wunder, daß ein Mensch durch +die göttliche Gnade gleich Gottes mächtig wurde, also daß Gott tut, was +der Mensch will ... Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum Gott, +was der Mensch will; also daß Israel ein gottförmiger und gottmächtiger +Mensch ist, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge +zu tun und vermögen.« + +Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge würde versetzen +können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn er nicht zu schwach im Glauben +wäre. Über Schwäche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten, +wo sein Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich +selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen +Gottes mächtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins +Leben zurückrief. Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott +und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon +starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurückzieht; +wie er dann das Wort des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt, +dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich überströmen +läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele +mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte +zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht +Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte. + +Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber Übermaß von +Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht daran schuld sein, denn das +habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; daß es auf die +Dauer ohne Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein, +daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für den fehlenden +oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen für +dich glauben, an dich und für dich. + + + + +IV + + +Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest, +indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses +tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen +könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll +undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel +und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl +in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen +etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte +damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich +sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes, +zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du +wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle +auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen +Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen +Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf +einen erschöpfenden. + +Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde +zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist +auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner +Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich, +der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken, +daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am +Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist. + +Die Völker haben nicht damit angefangen, an _einen_ Gott zu glauben; denn +der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in +Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie, +auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott +verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht +nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge, +Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen +Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab, +wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und +sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche +erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut +Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften. + +Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von +Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich +verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den +Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die +Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich +zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede +Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder +Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende +Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen +erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in +den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung +darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem +Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild, +und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich +persönliche Götter. + +Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft, +wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an +sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum +Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen +Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die +persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem _einen_ +Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes +aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt, +daß aber nur _ein_ Geist ist, der da wirket alles in allem. + +Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich +immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der _einen_ unendlichen Welt +und des _einen_ unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur +Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit +erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn +ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich +verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott. + +Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich +eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom +Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht +seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich +möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und +der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte: +Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit +selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles, +was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner +Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt. + +Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der +Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte, +die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben +und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. »Das Gemüt ist dem +Menschen sein Dämon«, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte, +die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als +göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das +Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte +man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht +von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig +in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser +Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt +in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles +das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern +was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt +man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn +haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt, +daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann. +Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig +als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck +leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von +Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem +Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen, +soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich +sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem; +unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und +die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen. + +Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich +davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd +und denkend äußert. + + Herz Kopf + Gott Mensch + Müssen Wollen + Bilden oder wachsen lassen Machen + Taten tun Überlegt handeln + Ideen haben Denken + +Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische +setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden +dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel +verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch: +Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß +bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir +bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn +gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben; +diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun +lassen. + +Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm +nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen +Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und +keine Kraft. + +Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue, +so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch +schaffen. + +Wie befremdet zunächst das Wort: »Was Gott nicht geboten hat, das ist +verdammt.« Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer +Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser +werden, der ist selig. #Quo dii vocant eundum# ist eine alte Devise, die +ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so +logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue. + +»Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den +Mammon, sondern auf Gott!« Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine +weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen, +die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme +in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. »Alle Pflanzen, die mein himmlischer +Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet«, Matth. 15, das heißt: Nicht +das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die +moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben. + +Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die +der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der +nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und +dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil +hinausläuft? + +Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach +seiner Drohung bei Jeremias: »Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf +Erden.« Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende +Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame +Hang die Menschen ergriff, das #Perpetuum mobile# zu erfinden. Die +heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den +Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des +Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst +verwachsen war. + + + + +V + + +Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen +auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig +gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom +antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen +über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die _eine_ Kraft, +von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen +natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein. +Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und +christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du +ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu +untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz +des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike +war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den +Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören. + +Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger +Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß +Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele +wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte. +Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir +können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze, +und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören +einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das +Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn +nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein +Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder +die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige +Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir. + +Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist; +denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als +Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine +Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das +sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser +Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu +denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann +einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt, +daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von +welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt, +wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es +geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies +Geheimnis nicht wäre. + +Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist +jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der +göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen +zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die +gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind +gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein +als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben, +worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu +werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich +nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie +unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich +nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen, +obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei +will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf +uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen +geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es +durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott +uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen. + +Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich +ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen +war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie +sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer +mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu +machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte, +um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte +aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar, +Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung +oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch +etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer +Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja +sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst +wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte +nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist +oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott; +denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein. +Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen +Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen +sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom +unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder +reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott, +göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und +dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird. + +Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu +beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit +und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt +zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der +Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß +sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit +Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott +hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei +entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne +das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein +ist. + +Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bösen mythisch auch so +erklären: die pure Aktivität müßte notwendigerweise die pure Passivität +zerstören; die Aktivität muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand +setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt +wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einbläst, ihm +einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbständig für sich +benutzen nicht nur darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine +zerstörende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den +merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein muß, +damit Gott kein Teufel ist. + +Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, der Mensch, +oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wären ein und dasselbe. +Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum +des Menschen, seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die +Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewußtsein +der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch dies Bewußtsein, daß alle +erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen der göttlichen Kraft sind, nicht hat, +sondern seine Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel +verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein +Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch +erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der +Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Körper ist. + +Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf +ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen Art nach muß jedes Wesen überall und +immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei der +Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander wohnen die +Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, heißt es bei Schiller. +Durch die Undurchdringlichkeit der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht +nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff und nicht nur +Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem +gegensätzlichen Verhältnis, indem der Schatten wächst, wenn das Licht +abnimmt, und umgekehrt. Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann +aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt sich vom Teufel +sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Körper, ist +aber von der körperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel +häufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch denkt +und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der +selbstbewußt gewordene Mensch das mit Absicht ausführt, was der instinktive +Mensch unbewußt tut. + +Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist +der Mann. Es würde, da es unzählig viele Ichs gibt, ein beständiger Krieg +aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine +passive Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist das +Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, ist schon daraus +ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung ihres bewußten Willens, +Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der +Schöpfungsgeschichte weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte; +denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, wenn Gott gestürzt werden +sollte, und ihre Schwäche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut, +selbstlos, deshalb aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich +dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst +möglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Güte, sondern den +Selbstsüchtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann. +Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres +Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die +Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu +verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage +und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu großen +Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken vertritt. Oft +allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine +teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die +Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, weil +keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz +weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und +Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den +reinen Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu stark, +der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will. + +Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, wie ihrerseits die +Frau auch eine aktive Seite hat. Der bloß aktive Mann wäre ein Teufel, +etwas nicht Existierendes, die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es +ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist +auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede +Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne +aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, teuflisch, wie +die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, unselbständig, Gott +angehörig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott näher, als +er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das +Verdammungsurteil der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache immer Liebe +zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu +erklären, daß alte Theologen der Frau die Fähigkeit absprachen, in den +Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch: +»Wenn aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber predigen.« +Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung +durchzumachen, in der Weise, daß der Mann seine passive, die Frau ihre +aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da +sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität fließen, immer +wieder in dieselbe zurücksinkt. + +Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische in sich und außer +sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die Notwendigkeit, ich möchte +sagen die Würde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, daß er ohne +den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen +wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott lieb wären, wenn sie +zur wahren Erkenntnis führten. Es ist der Fehler vieler sogenannten +Frommen, daß sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem +Himmel träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie +Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder +naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang +unerträglich langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel ein +Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern +gegenüber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, daß Gott auch +in der Hölle gegenwärtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des +Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer +Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen +Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen zu müssen, über seinen +Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein +Engel im landläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer Mann +gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein +Kind, womöglich ein Negerkind, wäre ein größeres Genie als zum Beispiel +Beethoven -- Leute, die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott +vermittelnden Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man niemand hindern, +bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der +Mehrzahl der Menschen schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich +die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: auch maßloses +Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste +Rebell, war der schönste unter den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche +Geschöpfe, obwohl sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man kann +als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen desto größer ist, je +größere Gegensätze es umfaßt. Das gerade ist die unsägliche Herrlichkeit +Gottes, daß er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive +und negative Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen +entgegengesetzten Kräften entstehenden Spannung Leben zu schaffen. + +Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne des Mannes feiere? Ach, +die modernen Männer haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine +Zeit ist um. Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt gerade +noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit zu entzünden, die +Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich weiß nicht, wie weit das auf +dich paßt; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen +eingemauert. Wäre nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen? + +Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, haben Gott gern +das Böse zum Vorwurf gemacht, haben gemeint, sie, als Gott, würden eine +Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das +Aussterben des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn der +Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, denen er sich +in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, daß die +Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr, +bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht +machen. + +Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie +Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso +berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch +Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele +junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu +erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es +gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht +Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber +du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für dich allein +Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich auf dich +verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine +Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht +bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhörst, beendet. + + + + +VI + + +Geliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, du sagst, ich hätte +anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr +freue ich mich darüber. Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel +hat die Wurzel #dev#, was im englischen Worte #devil# noch deutlich zu +erkennen ist, und #dev# bezeichnet das Göttliche. Ich will nun aber zum +Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, wo ich sagte, daß Gott in +seiner Majestät unzugänglich sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre +den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend. #Non +est opertum quod non reveletur#: es ist nichts verborgen, das nicht +offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach. + +Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft oder Natur. + +Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe. + +Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist. + +Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander, +sondern auch nebeneinander, so daß er immer und überall zugleich in der +Natur und in der Menschheit da ist. + +Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft offenbart, ist der +Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, »der da +wachsen läßt«, eine Idee, die in der Sprachwurzel +phy+ ausgedrückt war, +von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen +stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater alles hat wachsen lassen, +was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen, +die gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmächtigen +Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller +Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschließt. Er ist das +Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was +unablässig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen uns zu +Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Künstler, der nach dem +schönen Ausdrucke Dürers voller Figur ist. + +In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß der Mensch nicht +eine einzige lebendige Rose selbst machen könne. Man hätte darauf antworten +können, daß sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der +unseren Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von +innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst machen, nur daß wir es +nicht mit bewußten Willenskräften tun, sondern mit jener instinktiven +Kraft, die nicht von unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott. +»Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt«, heißt es bei Schiller. +»Es ist der Geist, der sich den Körper baut.« Es ist deshalb, nebenbei +bemerkt, nicht anders möglich, als daß das Äußere das Innere offenbart. + +Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch +mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Höhlen und Nester durch Tiere und +Kunstwerke durch die Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände +wählt er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen der +Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, Menschen der +ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche +Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der +Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche +Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen Tiere; neue Arten +sind nachher nicht mehr erschienen. + +Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im +Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen +menschlichen Kraft, man kann der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum +Teufel. Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe +des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb +der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulösen, drückt Goethe +mit den Worten aus: »Die Natur hängt immer zum Verwildern hin«, den aktiven +Schiller: »Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.« Der +Widerstand, den Chaos und Elemente fortwährend dem göttlichen Bilden +entgegensetzen, läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine +göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist +nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich +ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht +durch die Ablenkung, die die reine göttliche Linie durch den Widerstand des +chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser die Linie der Natur +nennen. In der Kunst ist sie für die instinktive, volkstümliche Kunst im +Gegensatz zur idealen, persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff +des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem +Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Maße, wie es sich auswirkt, +als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind +deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre +Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Städten, Domen, +Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie +können sich nur unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer +entwickeln. + +Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt +sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die +geformte Persönlichkeit entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen +ist ein solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und +weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch +nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem +Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes, +nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann das Chaos +ersetzen. + +Jede antikisierende Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit beruht auf +erschlaffter Persönlichkeit und Ideenmangel. Mit antikisierender Richtung +meine ich aber nicht die italienische Renaissance; denn diese war ein +natürliches Wiederaufleben antiker Formen im selben oder nahverwandten +Volke. + +Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, daß Luther zwar +nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber klar erkannte, dass Gott sich in +der Natur offenbart. Luther war ein leidenschaftlicher Gegner des +Klosterlebens, darin mit den meisten seiner Zeitgenossen übereinstimmend. +Es ist charakteristisch für ihn, daß er es nicht wie diese in erster Linie +auf die Mängel in der Lebensführung der Mönche hin bekämpfte: er hätte +wahrhaft aszetische Mönche mehr getadelt als unsittliche; sondern er ruhte +nicht, bis er den Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens bloßgelegt hatte, +daß nämlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, sondern von +Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der Welt Wert haben könne, während +es doch gerade vor Gott Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen +nach, daß Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes sind, und +daß die Mönche sie als besondere Gebote nur deshalb errichtet haben, um die +göttlichen zu umgehen; denn sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich +dem allgemeinen Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, um +als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Körper zu besitzen, sie +geloben Keuschheit, um sich entweder ihren Begierden ungezügelt im +Verborgenen hinzugeben, oder um natürliche Begierden gewaltsam zu +unterdrücken. Er wies nach, daß Paulus zwar den angeborenen Trieb zur +Keuschheit als eine göttliche, das heißt geistige Gabe gerühmt hat, daß die +Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit aufzwingen will, +nur Keuschheit innerhalb der Ehe. + +Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch erwarte, Luther +werde den Beweis, daß Gott die Ehelosigkeit nicht geboten habe, aus der +Natur führen, er habe aber, als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan, +sondern sich nur auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so, +vielmehr sagt er: »Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, daß sie zusammen +sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen anderen Stand«, außer wenn, wie +schon gesagt, die natürliche Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur +»wider eingesetzte Natur« soll man nicht Jungfrau sein wollen. »Also sage +ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, daß wir tun wie unsere Eltern, +Kinder zeugen und nähren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und +eingepflanzt. Das beweisen die Gliedmaßen des Leibes und tägliches Fühlen +und aller Welt Exempel.« + +Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, indem er als gut +und beglückend nur das will gelten lassen, was unser Herz, also die +Vertretung des Göttlichen in uns, fordert. »Gott hat auch seine Richtschnur +und Kanones«, sagt er in den Tischreden, »die heißen die zehen Gebote, die +stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon das, was du +willst dir getan haben, das tue du einem andern auch.« Man solle überhaupt +die zehn Gebote nicht deshalb halten, führt er an anderer Stelle aus, weil +Moses sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, sondern +weil das natürliche Gesetz nirgends so fein und ordentlich verfaßt sei wie +bei Moses. Einen Gott haben, sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch +natürliches Gesetz, wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wüßten, daß ein +Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot der Liebe, in welchem +alle Gebote des Moses aufgingen: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst.« +»Sonst, wo es nicht natürlich im Herzen geschrieben stände, müßte man lange +Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen annähme; es muß es auch +bei sich selbst also finden und fühlen, es würde sonst niemand kein +Gewissen machen. Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt, +daß sie solch Gesetz nicht allzeit fühlen.« Das natürliche Gesetz sei allen +gemeinsam; daneben könnten die Völker ihre eigenen Ordnungen haben, wie die +Sachsen den Sachsenspiegel, die aber nur dem betreffenden Volke, nicht +allen Menschen verbindlich wären. + +Daß man den Sabbat oder Sonntag feiere, müsse man nicht tun, weil es Moses +geboten habe, sondern weil die Natur lehre, daß Mensch und Vieh sich +jezuweilen einen Tag erquicken müssen. In Krankheitsfällen rät er, entweder +natürliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu Gott zu beten; +wieder das Natürliche dem Göttlichen gleichsetzend. Das Recht betreffend +sagt er, ein gutes Urteil könne nicht aus Büchern gesprochen werden, +sondern aus freiem Sinn daher, als wäre kein Buch. »Aber solch freies +Urteil gibt die Liebe und natürliches Recht, des alle Vernunft voll ist.« +Es sei eine Schande, sagt er, als er zur Gründung von Schulen ermahnt, daß +man sich reizen lassen müsse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch +die Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther häufig auf +die Natur, als in der Gott sich offenbare, die aber vom Teufel verderbt +sei. Dieser Umstand, daß die Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn +das ist ja Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, wird +von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil Luther so umfassend +blickte, wurde und wird er mißverstanden. Es gibt viele, für die alles +Natürliche schon göttlich und vorbildlich ist; andere, die das Natürliche +dem Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu können +glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott zugehörig geschont +wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, sagte er, keine neue Kraft, +sondern werde in ihrer alten bestätigt; da demnach eine und dieselbe Kraft +im Menschen ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstört +wäre? Die »selbsterwählte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit über den +eigenen Leib« ist ihm verhaßt, »daß wir uns selbst also ums Leben bringen, +so doch Gott geboten hat, man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht +töten«. Kasteiung dürfe nur getrieben werden zur »Dämpfung der +Unkeuschheit«, nicht bis zur »Verderbung der Natur«. »Wo aber dies Ziel +übergangen wird, und die Fasten usw. höher getrieben sind, denn das Fleisch +leiden kann oder zur Tötung der Lust not ist und damit die Natur verdorben, +der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, daß er gute Werke getan +habe ... Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost, +und so viel an ihm ist, ist er sein eigener Mörder geworden. Denn der Leib +ist nicht darum gegeben, ihm sein natürliches Leben oder Werk zu töten, +sondern allein seinen Mutwillen zu töten.« Aus diesem Satze, daß +Gerechtigkeit zwar geschehen müsse, aber nur soweit die Natur dabei +erhalten bleiben könne, leitet Luther unter anderem ab, daß Aneignen +fremden Gutes, um den Hunger zu stillen, nicht als Diebstahl betrachtet +werden dürfe, wie in den Sprüchen Salomonis steht: »Wir sollen den Dieb +nicht verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, wenn ihn gehungert +hat«, was auch nach unserem heutigen Gesetze Geltung hat. »Gott hat seine +Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkommen, +sondern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind +sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergissest, daß Gott +den Leib geschaffen habe, die Seele und den Geist, und daß er will, du +sollst dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, du +nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.« Welche Kühnheit in +diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen einschließen! Luther deutet sie +selbst an in den Worten: »In der Not sind alle Güter gemeinsam.« Du weißt, +mit welcher Härte er den aufrührerischen Bauern entgegentrat, und wie er +überhaupt jede gewaltsame Auflehnung gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch +so ungerecht, verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, werde +Gott einschreiten. Es können Fälle eintreten, wo Gottes Gebote nicht mehr +Gebote sind, wo Krieg oder Revolution notwendig werden; aber kein einzelner +darf das machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen könnte, würde es +rechtfertigen, sondern die Not muß es bringen, die Natur, durch die Gott +seinen allmächtigen, unwidersprechlichen Willen verkündigt, wenn der Mensch +entartet, vom göttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt +geschichtliche Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen +eintreten, weil die menschliche Willkür so überhandgenommen hat, daß die +Natur unter Menschenwerk ersticken würde, wenn sie es nicht verschlänge. +Solche geschichtlichen Naturereignisse nennen religiöse Menschen mit Recht +Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber infolge menschlicher +Verirrung notwendig, von Gott gewollt, um die Natur vor gänzlicher +Verderbung zu retten. Schiller vergleicht die Empörung der Natur mit dem +angeketteten Löwen, der »des numidischen Walds plötzlich und schrecklich +gedenkt«. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgeführt und insbesondere in +die bekannten Worte gefaßt: »Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht« und »Gott +hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen«. Es ist durchaus +lutherisch gedacht, daß die Revolution nicht von Tell, sondern vom Volke +ausgeht, dessen Gesamtwillen er nur in einer Tat vollzieht, die ihm die +Notwendigkeit im Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt. + +Niemals erscheint Luther als grämlicher Gegner der Lebenslust, sondern er +ermuntert zur Freude. Er erinnert daran, daß Christus selbst auf der +Hochzeit erschien und Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die +schönen Worte des Predigers: »Gehe hin fröhlich, iß und trink und wisse, +daß dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit laß dein Kleid weiß sein und das +Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. Genieße dein Leben mit dem Weibe, das du +lieb hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.« +Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, daß das Werk Gott wohlgefalle: +wer ohne inneren Frieden genießt, dem ist es Unrecht. + +Was für Beschimpfungen und Verdächtigungen hat Luther während seines Lebens +und nach seinem Tode über sich ergehen lassen müssen, weil er die Natur +heilig hielt. Es ist eigentümlich, daß den Menschen eine Art Wut innewohnt +gegen alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder am +begreiflichsten, wenn man sagt, daß es der Teufel ist, der die Natur Gott +entreißen und für sich haben will. Sollte einer, den Lorbeer krönt, auch +Rosen tragen dürfen? Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen +zu Christus Füßen liegen? Weil Luthers Lebenswandel keine Angriffspunkte im +Sinne der Welt bot, warf man ihm vor, daß er seine Frau aus Liebe +geheiratet habe; andere wieder finden, es sei nicht friedlich und +salbungsvoll genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man ärgert sich so +darüber, daß er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer sich +ärgerten, daß der Leib des Herrn im Brot und Wein sein sollte. + + + + +VII + + +Ich erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand als dies: Du mußt +nicht immer alles auf einmal sagen wollen. Aus deiner Handschrift schließe +ich wohl nicht mit Unrecht auf dich als Urheber und antworte dir, daß das +schwer zu vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die immer nur +von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich weiß, wie das ganze Mammut +aussehen muß; wenn es mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert, +so hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du freilich recht, +daß es uns nicht eilt: die herbstlichen Nächte sind lang, und meinen König +schläfert nicht. + +An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden taten es; aber +das wollten sie nicht glauben, daß Gott sich um die Menschen bekümmere. Da +der Denkende auf eine letzte Ursache aller Erscheinungen stößt, so ist er +an Gott zu glauben sogar gezwungen, wie es in der Bibel heißt: Die Toren +sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher Epikureer bist du +vermutlich auch, wie Luther diejenigen nannte, die den fleischgewordenen +Gott ablehnten. Daß Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem, +als daß das Sein überhaupt wird; und so müßte der, welcher glaubt, daß +Gott sich in der unbewußten Natur offenbart, auch glauben können, daß er +Mensch wird. Wie dem aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist +uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, es müsse heißen +#verbum caro facta est#, nicht #factum est#, da das Werden sich nur auf das +Fleisch, nicht auf das Wort beziehen könne. + +Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende Geist der Griechen +allmählich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Maße, wie er +das tat, erlosch der Glaube an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh +taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten +sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man +setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle +Götter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in +Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem +geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. »Nun verkündige ich euch +denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut«, sagte er zu den Griechen. +Es erscheint zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu +erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, daß aber dieser +Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht erschien, sondern der Unbekannte +blieb. Es hatten sich einst unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen +Göttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder +Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte +Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies +nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, sondern persönliche Götter waren, +und das Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person +aufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, um die Olympier vom +Throne zu stoßen. Jehova hätte das nicht sein können, der nur ein +persönlicher Gott mehr in der Götterrepublik war, und dasselbe war mit +jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die +Idee des _einen_, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer +gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlösbare wurde +gelöst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im +menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In +dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen. + +Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche Geist war zu der +Erkenntnis gereift, daß das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes +ist; daß die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch +Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist +lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den +letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen. +Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die +Verkündiger selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch +geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich gerade diese Lehre +so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe, die +Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe +der Selbst-Sucht sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, so +wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man hätte streben können; aber +Christus bekehrte die Sünder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das +sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch, +wenigstens jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sich selbst als Gott +zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, daß ein Mensch schon Gott ist, +und daß er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem +Gottmenschen eins macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott +anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins +zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fühlen sich viele Männer instinktiv +im Widerspruch zu Christus. + +Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in +Einzelbildern auf, die sich allmählich zu persönlichen Göttern verdichten. +Diese Götter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen +Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla, +Himmel bezeichnen. Daß Götter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel +sind, hat sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; die +meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß dieser Himmel ihr +eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren, +außerirdischen und sogar außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den +Sternen und über den Sternen; daß »der geheimnisvolle Weg nach innen +führt«, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber können es fassen, +daß der Weg auch nach außen geht, daß die im Himmel Heimischen im Fleisch +auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare +mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist. +Daß Ideen Marmor werden, begreift jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt +man täglich um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren +werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß Adam aus einem +Erdenkloß erschaffen sei. + +Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe, möchte ich dir meinen +Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete +Werk von Usener, das ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine +Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte. +Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern kindlicher +Völker, die dadurch entstehen, daß der Mensch die einzelnen Eindrücke, die +das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon +erfaßt und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint, +bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gäbe +Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit oder Überfluß hießen: es ist +einleuchtend, daß sie uns niemals persönliche Götter werden könnten. Erst +wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es +durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung nicht +mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding für +sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich für Beispiele aus +der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten +Usener. Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, die man +gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe für Namen +fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen +Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, Erwünschte, +Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die +bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw. +vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang +für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name macht zur Person, +vielmehr indem ein Ding einen Namen für sich bekommt, ist es auch ein Ding +für sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art +Namen, denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich +aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der +Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person +zurück; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee. +Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder +Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persönliche +Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben, +deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten. + +Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau +ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit: #nobis res sociae verbis et verba +rebus#, d. h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen. +Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz, +nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten, +es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend +schwingt, es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung der +Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht mehr der +allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge für sich, Sterne mit +Namen. Auch den Prozeß der Bildung der persönlichen Götter nennt Usener +einen Erstarrungsprozeß. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in +der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz. +Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber muß allmählich +versiegen, woraus folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die +Absonderung, also die Sünde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie +zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persönliches Leben +in sich hat. Wie erschütternd klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der +Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, daß es +Person werden und als solche sterben muß. + +Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung einer Idee ein +Augenblick kommen muß, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das +selbstbewußte Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden +hat, daß Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist +offenbar der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht +ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann die Substanz nicht mehr +binden, sie wird frei, und der Rückfall der Person an das All fängt an. +Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Höhepunkt der +Menschheit; könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht +kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und sterben kann, so +wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt +unendlich ist, ist auch ihr Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus +dann wieder folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch ist. +Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung so aus, daß er +erzählt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil göttliche +Kraft, das der Mensch für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu +werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem +Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Gepräge, +seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat +die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will +sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige +Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern +sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters +gesagt, ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott +gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man kann diesen Widerstreit gut +verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet. +Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus +ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer +ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, und in einzelnen Fällen +ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein +Ich von möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen +Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, umfaßt, daß +möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine +solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich +viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches +Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. »Ein guter Maler«, sagt +Dürer, »ist inwendig voller Figur, und obs möglich wäre, daß er ewiglich +lebte, so hätte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk +auszugießen.« Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie dadurch zu +seinem Werk. + +Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft und Substanz durch +eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch +in den Tieren ist göttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an +sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier +hindurch. + +Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner Kinder eine Handvoll +Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wünschten ihr Teil von +dem der andern zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf, +woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erst wäre das Geschenk +ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen. +Wendest du das auf das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die +der Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die Kraft im +Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und die Kraft müssen zuvor sich +voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenüberstehen, wenn das +Ich die Kraft soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren +Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet. + +Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann wie ein Christ, +»denn es hat die Meinung mit uns, daß uns der Teufel viel feinder ist und +härter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht +daran genügen, daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch, +untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die Heiden. Gottes +Wort mag wohl wehren und davor behüten, aber wenn ein Christ anhebt zu +geizen, so wird er zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. Wo +kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem +Christen zehn Teufel machen könnte, so tät ers.« + +An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott +sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein +Herr, einer für sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt, +beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden. + +»Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach, + +Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner +Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm +verrenkt. + +Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. + +Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. + +Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. + +Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast +mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.« + +Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses, +nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. Es ist +natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott +verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmächtiges Selbst, das sich +Gott vergeblich widersetzt, ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst +ist die Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein. +»Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch +sonst auf Erden denn er allein, und daß aller Trost und Zusagung Gottes hin +und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.« + +Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind seinem Wachs +aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die allmählich das Wachs aufzehre. +Es muß dahin kommen, daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz +überwiegt; während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske, +die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine +Zeitlang: der Augenblick muß kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist +und damit auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der Mensch +stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; das Selbstsein +bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch +in sich. Luther hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren noch +ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit entsteht und +wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes. + +Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder eine Blütezeit, jede +Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen, +daß jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk +seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß jede Spitze +immer nur in bezug auf andere hoch ist, und daß der Höhepunkt eines +Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann. +Je mehr er sich dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man +berechtigt, von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein Genie, +sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner Familie untersuchen. + +Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, der Höhepunkt seiner +Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da, +damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem +Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit +und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim +gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der +Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven schon in ihren +Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, die wir kennen und verehren, +würde uns näher und näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen +Nebel auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild +sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt +es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und +nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede +höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt, so daß durch +die höchste alle früheren gebunden sind und zu ihr gehören; das vollendete +Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner +Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor +der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns sein, die Geschichte +seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher +werden, je näher sie ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß +wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wäre. +Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von der übrigen Menschheit +unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, so hat er das Göttliche, das, +was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir können auch +sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder +die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen mit seinem +leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber +wenigstens vorübergehend kann es sie binden, daß sie mit ihm eins werden. +Das Genie ist androgyn, männlich und weiblich zugleich, wenn auch im +allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende +Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist. + +Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die +vergangenen, sondern auch die zukünftigen Stufen seines Lebens gegenwärtig +geworden, das heißt: nach dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts +Neues mehr kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach dem +Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten Bindung und +Verdichtung muß die Auflösung kommen. Es ist bekannt, daß der geniale +Mensch sich körperlich nicht fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht +fortpflanzungsfähig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft +sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunkt die göttliche +Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre auch widersinnig, wenn sie noch +fortlebte, nachdem sie durch ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr +letztes Wort gesagt ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien +aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit ihrer +Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der +Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher +Kruste oder den »Erlenmädchen hinten hohl« des Andersenschen Märchens. +Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die +Stelle der kraftvollen Persönlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz. + +So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte +Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der +Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit +hinzugehört als der Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der +Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr +Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine +persönlich-göttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet, +unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, daß er +Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst +bindet das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen Genie ist +doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das größte menschliche +Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus +vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus +umfaßt zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; wer +eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen +Mittelpunkt gebundene menschliche und göttliche Kraft. + +Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit nicht deshalb Gott +ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen +nämlich die Menschen gern. Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der +Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit +hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen +sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier, +sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden, +wie Christus durch seine Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der +Menschheit. Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze +nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist überflüssig, es weiter zu +verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und +Luther Christus als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit +auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen. + +Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick +öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der Übermensch schon da war, +Übermensch außer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen, +das heißt eigentlich schon wahnsinnig sind? + +Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher +Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es gäbe nur noch Rückblick. + +In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das das jüdische Volk, +in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der +Dekadenz +kat exochên+, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit +denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus +nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist; +nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder +gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel +müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben, +in andern Völkern aufzugehen. + +Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß Menschen und Völker +so gern aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft schließen. Es +ist sogar verdächtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu +reden. »Denn das sollt ihr wissen«, sagt Luther, »Gottes Wort und Gnade ist +ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. +Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. +Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Türken. +Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun +den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben +werdet.« + +Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der +Produktivität und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand +nennen, wo die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es möge +jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein, +jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft. + +In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das +heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als +der Spitze der Menschheit erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder +das Ende der Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen +seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz +wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen muß man sich doch Christus +nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es +gibt dann allerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber +gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben. + +Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und +nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, daß Christus sich +noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn +wir sie aber durch den Glauben zurückgewinnen, können wir sie prägen. + +Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es für +sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fühlen uns als Bürger der +sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden +Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst +stärker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr +Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein +grenzenloses Wollen und sind dadurch entkräftet und ziellos, wenn wir nicht +durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann +auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der +Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des +Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik +sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken +Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und der Antike auf +Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend hemmend auf ihn +gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft +fühlte. Luthers und Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel +organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer +Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung, +sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein mit +der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltsein vom Gotte +ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein »im +süßen Wahnsinn rollendes Auge« verhüllen, so erhalten wir nicht den +Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit. + +Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die +Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurück: das Auseinandertreten +der beiden Pole, des Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und +des Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die +Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. Das persönliche Genie +gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm +dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person. + +Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, daß zu +Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nämlich in den römischen Kaisern. +Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts +Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich +verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er zu der Zeit am mächtigsten +sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am größten Gegensatz entzündet sich das +reichste Leben. Diese Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in +Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf +beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten. +Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange; +aber er besteht nicht etwa darin, daß Luther und Deutschland überhaupt +durch die Unsittlichkeit des römischen Lebens zur Einsicht in die +Notwendigkeit einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer +Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen +solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen für beide +Völker, wenn dies Band zerrisse. + + + + +VIII + + +Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht +eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst, +damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische +Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph +nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe. + +Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt +von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er +den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive +Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur +weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz +haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde +entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die +damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt +deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind +verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen +das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger +Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter +mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein +mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt. + +Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste +vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor, +damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein +Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft; +die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen Geist selbst, +welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. »Das +Ewig-Weibliche zieht uns hinan.« Der Vater gibt das Fürsichsein, die +Persönlichkeit, die Mutter das Allsein. + +Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater +aller Menschen. »Denn wer da bekennt«, heißt es bei Luther, »daß eine +Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten, +daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob +sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß +keine Frau eines Kindes Mutter wäre.« Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht +zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von +Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede +Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und +menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst? +»Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten«, sagt Luther an anderer +Stelle ironisch, »auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine +Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas, +hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein +behandeln!« Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir +anführen: »Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war +Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen. +Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das +Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und +gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.« + +Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung +des Sündenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen +Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme +Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt. +Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen +hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den +Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das +bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater +empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur +Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel +versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf +dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht +fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes +heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade +weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie +ihm keine dauernde Kraftquelle sein. + +Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der +Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden +wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden +Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß +hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf +kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die +Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort +wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist +Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher +Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte; +Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig durch die +Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich +allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was +unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie +Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie +geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und +hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des +Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter +schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus +dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht +sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den +Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte, +hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist +Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht. + +Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich +leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe +führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen +möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne +seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er +sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie +ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott +betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie. + +»Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt«, sagt Goethe. Diejenigen Söhne, +deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt +nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann +verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht +gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am +wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als +den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat, +vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so +waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine +besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität +eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade +immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie +aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern -- und +das sind jetzt alle -- Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und +sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den +nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht +Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr +heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit, +ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm +ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade +diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem +Schutze Gottes. + +Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der +wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria, +der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie +der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich +Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden, +Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll +freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von +Goethe: + + Volk und Knecht und Überwinder, + Sie gestehn zu jeder Zeit: + Höchstes Glück der Erdenkinder + Sei nur die Persönlichkeit. + +Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies +höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel +dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er +Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte +es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes +erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern +auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in +dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen +Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte: +Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in +die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung +der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte +sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes +ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich, +weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein. +Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren +aufzugehen, ist in der Hölle. + +Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle, +liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter, +mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch +gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus, +unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des +Menschen zu Gott gehört zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments. +Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr +seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst +im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind, +zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine +Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis +Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer. +In bezug darauf schreibt Luther: »Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist +Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch +nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott +Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott +Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie +sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden, +daß Gott Mensch sei.« Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen +Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie +bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte +wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich +klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran +auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt +Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im +Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat. + +So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt +bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du +so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind +auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie +der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte. + +In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der +Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von +Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder, +und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar +machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der +Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der +Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus +ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen; +aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke +durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig +machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort +schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es +sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus +machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er +lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen +Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß +er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er +selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war. + +Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre +Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und +Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person +offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das +selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare +und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden +durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein +verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen, +es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich +betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es +selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß +erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche +Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch +ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein +Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein +Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der +nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus +dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich +gemußtes und gewolltes Handeln. + +Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem +Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus +sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen +möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die +Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder +Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie +Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um +Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere +stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt +Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus +anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen +könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er +fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen, +sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht +gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das +alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns. + +Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus +dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich +blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel +Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder +Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das +selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann. +Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es +ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht +unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus +siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern +beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an. + + Und solang du das nicht hast, + Dieses: Stirb und werde! + Bist du nur ein trüber Gast + Auf der dunklen Erde. + +Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum +von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die +Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern +daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen +vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet +sich doch jeder in ihm wieder. + +Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir +nicht fragen; denn er soll für uns weniger der historische Mensch sein als +der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben +das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es +tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige +Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und +diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt +haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in +Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen +der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie +idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer +schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige +Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man +darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die +Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen. + +Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön +darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken. +Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die +Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden, +weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt +sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als +Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas +Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie +auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß. +Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher, +weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er +sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das +maßlos Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich +ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen +Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus +das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er +muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden. +Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön +malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen +oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet. +Die Erscheinung strömt in das Sein über. + + + + +IX + + +Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für +sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. »Wenn der Tröster kommt, +welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom +Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.« Es ist der Heilige Geist, der zu +Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die +Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden. + +Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der +Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die +Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben, +gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen +Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte +Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und +gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich +sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt +überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm +vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung +des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die +Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist +oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr +losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör +kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen +spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort +und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt +des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht +betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die +Religion, welches Wort von #ligare#, binden, kommt; da Gott nicht mehr +unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie +an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das +selbstbewußte Ich. + +»Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort«, sagt +Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und +zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein, +da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das +Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und +Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus +war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein +vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit +Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die +Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu +erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte +sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und +doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott +außer sich zu suchen. + +Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann +als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn +Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: #res +sociae verbis et verba rebus#, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt: +»Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.« Im +Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war +bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und +Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die +Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen +Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere +dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig +wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten +die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in +einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet +verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt. + +Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch +seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt +hat: »Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.« Dagegen steht +Luthers Ausspruch: »Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist, +denn Reden.« Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen +Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör +ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde +ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er +war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet, +daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die +stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das +eigentliche Genie, das Genie +kat exochên+, weil er die vorangegangenen +Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der +Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf +seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche +ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat. +Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man +auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im +Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter +ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt +es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu +sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw., +und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind. + +Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters +ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie +wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte; +das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen +ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich +hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch +die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die +Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der +letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den +Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die +Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder +große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich +finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten +Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen +Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf +reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher +bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe +dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend. + +Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und +Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder +auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit +Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber; +du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ +bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes +ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft +ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit +oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und +Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten, +daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein +gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut +und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im +Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter +mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge +scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem +verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er +fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran +man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus, +die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott +geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu +ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott +sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er +eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit, +daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen +Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da +der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient +wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie +überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort +ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem +Göttlichen, zeigt. + +#Verbum Dei manet in aeternum#, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter +diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst +von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel +mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken +und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel +waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an +welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht +jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an +einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er, +daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß +Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun +werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große +Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen +Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der +Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse. +Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen +Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in +der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem +Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner +Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen +Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man +Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von +Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande +ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder +nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt +er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die +aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von +Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität +ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das +Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei +Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt. + +Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie +man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl +er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich +ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: »Und wenn auch solche reiche gute +Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen +Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn +da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel +besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt +in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.« +Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse »frei aus dem Herzen gehn ohne +alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen, +darnach das Herz brennt«. In den Psalmen heißt es: #Audiam quid loquatur in +me Deus#; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere +Vorschrift für einen Dichter. + +Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: »Das erste, was aus dem Herzen +bricht und sich ergießt, ist das Wort.« Aus dem Herzen strömt Geist, und in +dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des +Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung +haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie +verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind. + +Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus +Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort +sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und +Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen. +Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. »Er schafft ja nicht als +durch sein Wort«, sagt Luther, und Paulus: »Gott ruft oder nennt das da +nicht ist, daß es sei.« Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des +göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden, +daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel +sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist +sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt +sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht +erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde +Licht! die Welt da war. + +Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der +Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. #Abundantia cordis +os loquitur#, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte +bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist +bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen +Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da +sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen +kann: »Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott +erbitten sollten.« + +Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde, +sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich +aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder +auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem +jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die +wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die +Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der +Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das +Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also +auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem +Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied +zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst. + +Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen +Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck, +die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen +Fremdling widersetzen. + +Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der +Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen +keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift +übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des +heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht +der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht +umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden, +schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er +ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie »aus ihrem +Eigenen« reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, »die nicht +können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch +selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet -- #o furor et amentia his +saeculis digna!#« + +Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der +Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das +Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der +Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im +Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich +selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der +freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende +Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel +überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen, +habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit +versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor +Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu +werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit +Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer +sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken +muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der +Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund +Gottes geht. + +Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich +sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher +aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit +sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies +einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden +erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf +besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die +das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des +Morgens aus dem Schlafe. #Spirat ubi vult#, der Geist weht, wo er will. Die +Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man +nicht eins machen: »Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich +müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie +Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: >Wie der Himmel von der Erde erhöht +ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.<« + +Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der +Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort +gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen +Menschen-und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das +heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken, +womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich +nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: »Wenn die +Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und +urteilen die Heilige Schrift ... Also dient die Vernunft dem Glauben auch, +daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.« Die Wahrheit +bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das +Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an +einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese +Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich +nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann +niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart +er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll. +Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu +sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm +aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der +Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang. +Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und +das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der +Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des +Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können, +sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. »Gott gibt niemandem seine +Gnade oder seinen Geist«, sagt er, »ohne durch oder mit dem vorgehenden +äußerlichen Wort.« Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen +Selbstdenken zugänglich. + +Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die +Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen. +Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht +zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner +Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen. +Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit +Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen +Begriffsvermögen anpassen. »Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich +will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen +singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.« Wir würden etwa +sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit +ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen +überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er +gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern +menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser +Zutun gibt. + +Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen, +sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das +ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr +Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur +dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat +er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort +verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft +und den eigenen Wert. »Der Teufel«, sagte Luther, »achtet meinen Geist +nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist +nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache +machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.« + +Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in +der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die +Offenbarung vernimmt. + +Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene +Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen, +die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden; +aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der +fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort +hineinfallen. + +Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß +an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und +zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es +als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich +liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht. +Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der +unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen +Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die +Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden. + + + + +X + + +Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein; +doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was +nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf +gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich +mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und +Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen -- +denn ich kenne längst nicht alle -- Lutherbiographien gönnerhafte Klagen +darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen, +gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen +man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder +große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther +habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den +Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht, +und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten +ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an +dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine +Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie +wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die +nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an +Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als +einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im +tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten, +würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den +Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse. +Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich +Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist, +und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn +oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer +berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: »Ein wissenschaftlicher Streit +war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen +Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der +Vernunft und den Segen der Logik.« Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner +als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um +die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch +nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens +waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers +Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen +könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik +bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und +unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt, +wenn es im eigenen Ich gewußt wird. + +Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich +ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der +Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das +gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur, +was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das +Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott +glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so +viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß +Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht +abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig +machen konnte? + +Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft +auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann, +göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen. + +»Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was +sie machen, wenn sie Glauben daran haben!« Nicht glauben tat Luther, daß +Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz +nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm »lauter +Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber«. Es +möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung +wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im +Bette lägen. »Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen, +närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit +sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva +angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.« + +Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die +Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf +Stoffliches. »Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages +so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte; +tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen, +daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die +blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.« + +Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das +nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß +er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in +einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste +stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der +Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der +Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch +wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit +einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer +Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet +sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort +verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur +von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden +Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen; +es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige +Erscheinen Christi weissagten. + +Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte +Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben +frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann; +der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere +hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt, +was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist. + +Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung +unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in +der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht, +Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich +die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst +vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen +den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer, +unterscheiden. + +Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und +der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus +hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst +der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich, +daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck +Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient. +Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er +wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der +Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack +steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst +Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf +gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er +nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die +sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche, +mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die +Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das +Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich, +zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut +hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in +Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an +Melanchthon: »Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre +urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann +unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer +Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die +Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich +verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?« Wie +sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner +nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen! + +Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja +sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des +Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und +Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den +eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer +Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn +kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben +Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen +anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem +Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und +diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse +nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst +keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist +dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame, +tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen +werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt. +Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz, +weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden +oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein +bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist. + +Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will +vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er +sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern +verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert +nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist +nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine +Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt, +sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des +Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte, +sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche +Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen, +vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit +des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der +heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz +verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus +einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott +abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann +ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen, +deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker +und Zeiten sind unproduktiv. + +Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt +Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die +Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an +Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an +Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind +phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral +zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der +Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben +eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast +erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen +vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte +Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen +Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe +sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was +Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie, +Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der +die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er +doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen +beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht. +Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder +genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich +starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von +Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden, +daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die +schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern +ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch +war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in +ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur +stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte +nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben +wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen. +Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den +Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den +Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders +ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden +und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar +reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja +auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen +geben wollen, und dazu war er zu verselbstet. + +Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich, +es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es +das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es +liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also +Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt, +hat er alles verloren. + +Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen +und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen. +Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß +die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene +Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und +Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung +durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten +Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch +Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich +reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine +Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr +wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem +Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft; +sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur »des Ahnherrn große Züge«, +nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die +sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und +hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und +gewahr würde, daß er »innen hohl« und unendlich viel schwächer ist als +jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde. + +Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk +erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk +leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die +Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer +Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat +etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit +verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an +Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der +Selbstanbetung und Absonderung. + +Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel +des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied +zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich +selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein +Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben +ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten; +ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der +aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf +mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des +Todes geweiht ist. + +Luther sagte einmal: »Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große +Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin +zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch +danken kann.« Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott +verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran +nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die +Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das +Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß +sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch +gehört. + + + + +XI + + +Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott +ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch +und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die +göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und +Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der +Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die +ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber +unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz +zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem +menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren +Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als +unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich +hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft +sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die +Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von +Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir +glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose +Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist +geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im +Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm +die Erde der Mittelpunkt der Welt sein. + +Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt +Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch +die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei +das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt +Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende +Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der +ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß +euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die +Zukunft unseres Herrn Jesu Christi. + +Den Geist beschreibt Luther als den »höchsten, tiefsten, edelsten Teil des +Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge +zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort +innewohnt«. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem +anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn +wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der +Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die +Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und +die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die +Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu. +Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein +Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen +Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht +sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen +Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem +Körper. + +Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei +ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das +Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist +und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos +auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt +ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das +Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die +Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der +zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts +hervortreten. + +Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll, +und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in +der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen +Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das +eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen +seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter +verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen +dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das +geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige +Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel +auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das +Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von +Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu +Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir +viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist +der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein +vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich +habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre +des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu +stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die +Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele +das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt, +früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr +Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist. + +Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht, +und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der +Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß +er an Wallenstein die »allzeit wachen Gedanken«, das emsige, unruhige Gemüt +als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns +als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem +stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das +Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im +Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und +Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen +hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen +Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos +aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden +kann. + +Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden +wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist +das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen +am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes +Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem +Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es +vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein +klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen +und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich +sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht +hineinkommen.« Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich +weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich +das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des +Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt. + +Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich +gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor +allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht +sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem +seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast +übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies +Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in +Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das +gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt. + +Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die +Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die +Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die +Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der +freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner +Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit +ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der +Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man +zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die +»Heimlichkeit des Herzens« zu erforschen; denn über das Herz hat kein +Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich +vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. »Die +Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden, +wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde +Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und +Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.« Auch +vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im +Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber +auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine +gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott +gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn +Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen +ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich +Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den +Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und +Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus, +daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. »Es sind +Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie +werden fortan nichts mehr schaffen.« + +Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den +Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens +sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für +das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die +meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich +sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen +lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch +Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott +gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die +Psalmen das wahre +gnôthi sauton+. + +Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der +den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit +Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat +begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt, +geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich +Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein +schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen +sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem +Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur +künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den +Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten +Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle +wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich +dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter +nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen; +aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu +sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann »vor der +Welt« nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es +studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem +Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört +nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es +für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der +Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem +göttlichen Dunkel reißt. + +Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch +die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum +Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten, +lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur +immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade; +Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl +auf diese hoffen. + + + + +XII + + +Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als +körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet; +indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines +Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein +leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als +ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach +dem Kopfe hin. »Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene +Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es +aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt; +zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige +innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch +verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse +bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie +seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung +überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben +daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil +auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb +sind die großen Geister selten von großem Körper.« + +Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine +Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat, +dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre +der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du +Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott +für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb +Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht, +in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem +bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter +wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt. +Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom +Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen +Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des +einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut. + +Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem +Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei +aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen +bildlichen Ausdruck. »Die Liebe Gottes«, heißt es in den Römerbriefen, »ist +ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben +ist.« Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz +und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung +mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern, +als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, +weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen +Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches, +Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und +Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu +tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ, +das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste +Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber +voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch +welche die Wahrheit hindurchstrahlte. »Des Heiligen Geistes Amt ist nicht +Bücher schreiben noch Gesetze machen«, heißt es bei Luther, »sondern daß er +ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen +Mut.« + +Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. »Der Kopf faßt +kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende +muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen +will.« Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig, +andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die +Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht +abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man +kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die +Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so +entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er +wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: »Große Gedanken und ein reines Herz, +das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten«, so meint er sicherlich +eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, +göttliche, nicht Menschengedanken. + +Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die +Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und +empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich +gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das +Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es +sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in +eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und +gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem +Meere, das es speist, ist es passiv. + +Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die +einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen +organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, +bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher +ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die +Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des +tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die +Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf +ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen +und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das +eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier +im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze +Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl +entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls +lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und +Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit +wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind +Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir +denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind. +Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt, +sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem +Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es +seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn +bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, +sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die +Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das +Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte +der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als +die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll. + +Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und +allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend, +auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall +mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt; +es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die +Heimat Gottes. + +Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus +illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur +theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die +Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält, +indem es von ihm erhalten wird. + +Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als +das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers +und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande +entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft +erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die +Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches +Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer +als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem +Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber +andererseits nicht so genial. + +Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß: + + Gehirn + + a[Symbol] [Symbol]p + \ / + \ / + [Symbol] Herz + / \ + / \ + a[Symbol] [Symbol]p + + Geschlecht + +Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit +Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, +daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig +durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß +deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr +werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so +wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung, +das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern. +Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als +der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten, +indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch +Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper +verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand +gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche +Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden +kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die +innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein, +nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und +äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele +des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände +überwindet, ohne sie zu töten. »Seid getrost«, spricht der Herr, »ich habe +diese Welt überwunden.« Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt +töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte; +das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges. +Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als +ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der +sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so +stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört +war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches +Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als +Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu +glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer +persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung +nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür +moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf +zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn +usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also +leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich +unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich +einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der +entfremdeten Welt versöhnen können. + +Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und +Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es +in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso +viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur +Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf +mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; +das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück, +das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins +Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane +vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem +Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich +hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste +Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die +zweite, sie über die anderer zu vergessen. + +Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht +mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig +zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen +lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen +Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie +sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie +ahnen, daß sie sich ihm opfern werden. + +Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf +lateinisch #caritas# oder #dilectio#, an die Mutterliebe geknüpft; die +Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte, +führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist +die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches +abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen +öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es, +daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das +Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen. + +In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine +Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das +Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn +würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos +bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde. + +Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende +Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und +vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der +durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen +macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, +da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt +und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es +getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er +befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht +Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine +Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst +draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. +Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist +eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut. + +Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern +auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern +verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in +der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht +imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur +darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste +Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur +die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an +Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein +eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber +eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den +von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene +Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in +der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint, +dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er +beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und +den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich +gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen. + +Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und +dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen, +auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn +man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des +Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das +Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn +durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse +beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen +spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck +Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche +Gehirn zu beziehen. + +Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn +ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden +Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und +beschleunigenden. Der #nervus vagus# und der #nervus depressor# sind +hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name #depressor# auf die +Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie +aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn +befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine +Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels +ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der +Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, +anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen +Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht. + +Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die +dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike +Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande, +der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig +scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das +trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke +gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner +Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen +entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das +Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit, +nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen +Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und +Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: »In deiner Brust sind +deines Schicksals Sterne«, »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme«, +besonders aber die Worte Wallensteins: »Recht stets behält das Schicksal; +denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.« Nun siegt nicht +mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den +Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die +Entzweiten gewaltig zusammen. + +Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt, +daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe, +unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann +ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge. +Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein, +wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber +dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden +werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation +oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues +Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen +Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die +Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte #a priori# +vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen, +dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und +das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies +bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches +Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem +Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem +50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch +die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung +derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen, +geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder +sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher +Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz. + +Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir +leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus +Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das +Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt. +Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die +Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche +nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die +durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu +ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein +starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei +jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens. +Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine +schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die +erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei, +geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe +Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm, +um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu +machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar +überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür +und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz, +dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten +Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt +herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die +einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben. + +Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu +werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der +abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das +enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird +zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere, +die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist +Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das +Leben. + +Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände, +Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder +Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich +seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er +im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung +steigt. + +Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann +eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren; +ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu +langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von +Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und +Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so +lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome +beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes +Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es +von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte +zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl +Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland +förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen +Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist +immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa +befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt +leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal +alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag +gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist. + +Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit +des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht +an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst, +sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was +natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. +Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem +Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen +zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich +bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische, +christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog +sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war +durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit +Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges +angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre +Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren, +wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu +lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern +kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem +tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden. + +Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der +Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich +diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt +sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir +unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise +wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was +hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz +vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt +zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie +Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel +setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden +und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das +Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des +Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt +Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für +ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu +hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt. + +Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz +beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn +sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der +Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen. +Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles +Herz ist die Voraussetzung dazu. + +Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör +vermittelst der Predigt des Wortes. »Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.« +Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer +musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In +göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der +Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz +mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das +Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des +Meeres. »Ich glaube, darum rede ich«, heißt es in der Bibel. Das Gehör +nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich +den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind, +werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens +am unmittelbarsten verraten. + +Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches +Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus +der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides +vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche +Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das +heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum +außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in +die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu +vernehmen. + +Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene +Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal, +den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe +tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte +nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund, +der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und +zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter, +während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie +ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte, +mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen +hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber +weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig, +Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der +Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und +Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein +Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem +Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah. + +Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des +Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem +Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der +nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht +ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und +kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so +entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser +mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die +Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des +Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht +worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit +gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine +biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das +Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen +Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch +hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung +ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich +über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen +beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit, +nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind +auserwählt. + + + + +XIII + + +In den Tischreden sagt Luther: »Menschen sind dreierlei Art. Die ersten +sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine +verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde, +fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz +erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen +mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und +Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren +und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die +Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus +willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und +glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie +ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott +befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.« + +Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche +Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein +anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die +Möglichkeit hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch +Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt, +das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen +übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm ++gen+ bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten, +Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen +Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen. + +Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die +Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind +diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres +Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken. +Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so, +daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat. + +Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch +das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem +demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört, +daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so +wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der +naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie +er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein +Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er +sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern +der Christen allezeit am wenigsten sind. »Und kehre dich nicht an die Menge +und gemeinen Brauch«, sagte er dann, »denn es sind wenig Christen auf +Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn +gemeiner Brauch.« Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht +gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während +ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner +der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange +bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte +er nun: »Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und +Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.« So kam er zu derselben +Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: »Ach, da ich irrte, hatt ich +viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.« Unter die +»Frevelartikel«, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß +jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß +jegliche Seele das ewige Leben haben werde. + +Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von +einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob +es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art +abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen, +und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man +indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank +bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist, +Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen. + +Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die +am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch +ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein +entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den +erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie +nichts anderes, als was für ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich +ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. »Sie haben ihren Lohn dahin«, sagt +Christus, und Luther: »Sie gehen dahin.« Anders ausgedrückt: Sie stellen +eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt, +mitgenommen und vertreten wird. + +Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht +mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art +sind. Ihr Selbst-und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie +eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fühlen. Sie +haben nun zwei Seelen in sich, eine göttliche und eine tierische, in der +Bibel gewöhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der +Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen +Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn +eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine nächstliegenden +Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu überbrücken +oder zu maskieren. Der Welt, dem großen Haufen gegenüber ist er der +Schwächere geworden und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn, +weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Möglichkeiten +überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des +Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist +reicher um die Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung +in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um +sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten, +um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu +überwinden. Nicht die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt +haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche das +Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, nach Erlösung von der +Welt durch den Geist. Daß Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul +nennt, den königlichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung +klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich von »zwischen +Sein«, zwischen dem unbewußten und bewußten Sein, die im Übergang +Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten. +Selbstverständlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein +Übergewicht nach unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch +nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine +Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen, +sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort +kommt von #ligare#, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen, +möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt zurückgeworfene Band +unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare +ist der Glaube; handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von dem +gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die +Kraft selbst geändert, aber doch ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je +nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist, +oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich überpersönlich +oder gottbewußt, geistig, überwindet er die Welt als Künstler durch +Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und +Weiser durch die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches +Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen Geistes auf +verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ +umfaßt sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann +und Greis zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den +Sprung in das »schöne Wunderland« nicht: Genies sind selten. Es gibt ja +kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden wäre, Gottbewußtsein und +Weltbewußtsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehört eine +außerordentlich starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein +Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. Die meisten +zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer +sich für den Göttertisch entscheidet, kann Ambrosia genießen und zugleich +am Tische der Welt Gast sein. »Der Christenmensch«, sagt Luther, »ist ein +allmächtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle +Sünde.« Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war +die Welt der Töne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer +bezweifelt, daß er in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als +irgendein Sterblicher mit gesundem Gehör? + +Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments +vielfach ausführen. »Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte +zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht +mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.« Dieser ewige Himmel ist in +unserem Herzen, der Geist; wir können aber nicht Geistmensch werden, bevor +nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch +gebrochen, irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, den +glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten +gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln +so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich +schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch und +endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmähliches Verwandeln, bei +dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwährend in einer +höheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich +gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen muß. +Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Güter dieser Welt +nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar +besäßen, aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener zum +Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch geistig arm oder arm im +Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht +froh werden ließe, oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder +daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn +befriedigte. Das Entscheidende ist, daß einem die Welt entzogen wird, und +daß dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und +Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und will die Welt doch +nicht loslassen, weil man die Organe für das Reich des Geistes noch nicht +in der Gewalt hat. + +Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt +ausführlich von der Art der Berufenen, daß sie vor der Welt schwach und +niedrig sind. »Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die +Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. +Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? +Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?... Denen aber, +die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum, +göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist +weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, +denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel +Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind +berufen.« Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur +schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und Frauen Auserwählte. +Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von +ihm erhalten ist, auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so +packen können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, die +Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit oder der +weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenüber. Daß die genialen +Menschen aller Völker und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen, +sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen +sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben; +ebensowenig wie reich und mächtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer +Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte, +die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid +und Verachtung ausrief: #Lengua d'un can!# + +Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und +christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal: +#Orandum est ut sit mens sana in corpore sano# den des heiligen Augustinus +gegenüberstellt: Wenn wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse +Begierde. + +Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität unseres Ich; um an +das heranzugelangen, muß Gott zuerst eine Bresche in den Körper schlagen, +in den Vorhof, der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen +Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines geräumigen +Schädels gegeben ist, in welchem ein großes Gehirn Raum hat; woraus +natürlich nicht folgt, daß jeder große Schädel und jedes große Gehirn +Bürgschaft für geistige Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als +Magnet auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten ab, +so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig wie sonst ernährt wird. Auch +eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen +vorliegen, nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie mehr +dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder +Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich +Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der +männlichere Schiller litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch +überwand; sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes mehr auf +natürlicher Harmonie. + +Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das +Gleichgewicht im Organismus gestört, der Übertätigkeit auf der einen Seite +steht Untätigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenüber. Man kann den +Körper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt +verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper morsch wird, ist das Herz +feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu stärkerer Tätigkeit +gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne +natürlich, daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie es ist; er +ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, daß die +Auflösung bereits eingetreten wäre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr; +der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens +und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste. + +Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem +photographischen Bilde bleiben darf, möchte ich sagen, daß bei sehr +scharfem Licht die Platte des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird, +daß diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein +lebendiges Ganzes werden können. Manche Menschen scheinen allwissend zur +Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; +sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, +als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der +Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto +frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft, +sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich +selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo +Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, muß das Ende kommen, denn die Zeit +ist mit ihm erfüllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem +Spiegelbilde sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran +gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode +ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder +anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles +vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder +Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz, +das die Antwort gab. Von der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen +hängt seine Entscheidung ab. + +Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt, +daß geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus +gesund sein können. Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten +Lebens zeigen. »Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.« Eines der +schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der +seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden Efeu zu ernähren, schließt +mit den Worten: »Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten +genießen! Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?« + +Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde das menschliche +Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, daß der große +Haufe sich von der Selbstsucht leiten läßt. + +Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und +Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie +eigentlich weltfähig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Göttern +machte, kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe +verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing +er früh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein +Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. Er +hat »sein volles Herz gewahrt«, geschont, und es ist dieser Umstand, der +gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich +herzschwachen Männer macht. Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz +erlahmte verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend +wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last +fallen werde. Während seines ganzen Lebens hatten Perioden gänzlicher +Erschöpfung, wo er sich lebend tot fühlte, mit den Perioden +übermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit +Versagen des Herzens. + +Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht +gekannt oder gar verabscheut hätten, ist übrigens ganz falsch, wenigstens +was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die +christliche einmündete. Eine Stelle bei Äschylus lautet: + + Weise macht den Erdensohn + Gottes Führung und Gebot: + Leiden soll dir Lehre sein. + Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual + Alter Schuld + Ihm aufs Herz: + Ungewollt + Kommt die Weisheit über ihn. + Strenge Wege geht mit uns die Gnade, + Die am Weltensteuer sitzt. + +Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der Gnade, die wir im +Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus +scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im +Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, nicht +geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden muß. Das arbeitvolle +Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklärung hat man längst mit +dem Leben Christus' verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein +geniale Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, als es in +Christus den unbekannten Gott erkannte. + +Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen und leiden +wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch +Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, +aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen +mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, +die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt +hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das +Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das +Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein +Schicksal selbst. + +Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind, +sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder +unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie +werden in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes +zurückwagen, zertreten. Gott ist #consumens et abbrevians#, aufzehrend und +abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das +Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die +Schaffenskraft. Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies oder +die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist +Schaffen. Luthers quälende Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt +sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird +das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so +siegelt der Überwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu +verstehen, als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise selig +werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, und ist arbeitend +selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt, +erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat +oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte +Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das +einfache Leben, das im Wirken besteht. + +Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Römer Festus +begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du +rasest; deine große Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares +Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinn rollt. Auffallend finde +ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche Sympathie und Hochachtung +gerade einzelne Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem +ähnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den ausländischen +Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im +Reiche des Geistes, das es ihnen gönnt. Die häufigen Schilderungen von der +Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch die +Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Gläubigen durch die +des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen +Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. »Das kein Auge +gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen +ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben«; diese überschwengliche +Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Bürger, einem katholischen oder +protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr »die +Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die +Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten und doch nicht ertötet; +die Traurigen, aber allezeit fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich +machen; die nichts innehaben und doch alles haben«. Die »ewige und über +alle Maßen wichtige Herrlichkeit« gehört denen, »die nicht sehen auf das +Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare«, nämlich auf den Geist. +»Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit +beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe«, das verschafft +wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche. + +Wenn man nicht das Wort »geistlich« beibehalten hätte, das Luther für +geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der mit etwas Selbstgefälligkeit, +Salbung und Tugendseligkeit so schädlich verquickte Begriff des +»Geistlichen« gar nicht herausgebildet haben. Wenn Luther »geistlich« +sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir +bei dem Worte »geistig« denken und empfinden. Diejenigen, die den +geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natürlichen, +verweslichen tragen, die können wie Paulus in das Paradies entrückt werden +und unaussprechliche Worte hören, die kein Mensch sagen kann. + +Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies gibt. Sowohl +die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die +sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder +abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen +und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, als wäre es +etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, weil sie an die Möglichkeit +einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und +Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie +ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große Berufung +anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, daß die der +göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen können. + +Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke zum Fenster, so sehe +ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine +Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem +äußersten Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen Ringen +tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brücke der +Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare. + + + + +XIV + + +Solltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der Menschheit zu +zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere Luthers Streit mit Zwingli über +das Abendmahl und tröste dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach +seinem Tode begeisterte Anhänger gefunden; aber wo er am glühendsten +fühlte, am tiefsten dachte, am größten handelte, da hat ihn niemand +verstanden. Man begriff, daß Zeremonien ohne Glauben keinen Wert vor Gott +haben; aber daß Handeln, auch das edelste, ohne Glauben auch ungöttlich +ist, das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare Kirche, aber +einen Kult wollte man nicht, außer einem solchen, der mit dem Verstande zu +begreifen wäre, mit Gott also gar nichts zu tun hätte. Luther wollte jeden +Kult abschaffen, den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte er +Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte ihn heftig; +denjenigen wollte er heilig bewahrt wissen, den Gott geboten hat, oder, was +dasselbe ist, der mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fließt. Die Richtung +des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des Selbstbewußtseins, des +Verstandes, der äußeren Welt; man wollte durchaus keinen Gott haben, der, +in der äußeren Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei Seiten +her gefordert hätte. Als Luther denjenigen Kult einführen wollte, den Gott +geboten hat und der aus dem Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt, +bewunderten sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen Ärgernis +daran, daß er, wie sie es nur auffassen konnten, sich plötzlich als +Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und Sinnen lebende Mensch wird stets +von denen verkannt und gehaßt werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben. + +Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was unsere Augen aber +nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden unter dem Unsichtbaren das, was +nicht ist, wovon aber unklare Mystiker träumen. Sie verbannten das +Unsichtbare in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heißt eigentlich +nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl Christus +unmißverständlich gelehrt hat, daß der Himmel in unserem Inneren, daß er +menschlicher Geist ist. Indem Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte +Luther, machte er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des +Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. Dieser monistischen +Weltanschauung war die Zeit Luthers nicht zugänglich, die, nachdem in einem +genialen Augenblick Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren, +übermächtig zum Materialismus hindrängte. Der Standpunkt Zwinglis, daß man, +wie er sich ausdrückte, die beiden Naturen, nämlich Geist und Stoff, nicht +vermischen dürfe, wurde auch von den Katholiken geteilt, nur daß sie sich +nicht, wie die Reformation, auf den bloßen Geist, sondern auf den bloßen +Stoff stützten. Sie waren Heiden ohne die kindliche Blindheit der +vorchristlichen Heiden. Auch die heutigen lutherischen Theologen sprechen +von Luthers Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer +liebenswürdigen Schwäche, die man einem übrigens vernünftigen Menschen +hingehen läßt. Daß Gott der Geist wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit +dem Sichtbaren, scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und +Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts. + +Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, bezeichnet Luther die +Taufe und das Abendmahl. Die Taufe bedeutet das Sterben des Naturmenschen +und Auferstehen des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des +Menschen, die sein Leben lang währen und mit seinem Tode vollendet sein +soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur eine bildliche Handlung sein, +sondern sie soll diesen Werdegang der Wiedergeburt im Geiste tatsächlich +einleiten, indem in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn des +göttlichen Wortes fällt. Das Wort ist, wie du weißt, die höchste +Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen Menschen an das +Unverwesliche, oder es heiligt ihn; mit den Worten der Taufe nimmt die +Heiligung ihren Anfang. Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe +#flaminis et sanguinis#, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines +begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die Wiedertäufer, daß +die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen werden, da das neugeborene Kind +das Wort noch nicht vernehmen könne; ein Irrtum, den Luther selbst +durchgekämpft hat. Er wandte dagegen anfangs ein, daß der Glaube der +erwachsenen Paten für den noch unentwickelten Glauben des Kindes eintreten +könne; später erst ging ihm die großartige Erkenntnis des unbewußten +Glaubens auf, wie er es nannte. Er begriff, daß der Glaube ein Nichtwollen, +ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenüber ist, und daß gerade das +unbewußte Kind geeignet sein muß, von Gott ergriffen zu werden. + +Neuerdings hat man Beobachtungen darüber angestellt, daß Worte, die in +Gegenwart von fest schlafenden Kindern gesprochen werden, obwohl nicht mit +Bewußtsein, doch von ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken können; +gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, der ihn +hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewußtsein hört. Ich habe an mir +selbst erfahren, daß in der Kindheit vernommene Worte, die ich nicht +verstand, die mich nur durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir +festsetzten und in mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele +dafür in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewußt gesät und +unbewußt empfangen wird; sie schlummern im Stoffe, aus dem das Herz sie +hervorglühen kann, damit sie Frucht tragen. Auf der Annahme, daß Kraft +auch da wirken kann, wo sie unbewußt empfangen wird, beruht der Segen, den +Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden Kindern erteilen; Worte sind die +stärkste Kraft, die es gibt. + +Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der Taufe zugute +gekommen, daß es mit unbewußten Kindern umgehe, deshalb lasse man es so +ziemlich undisputiert. In der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, daß +die Taufe anders könnte aufgefaßt werden als eine symbolische Handlung, sah +deshalb keinen Grund ein, sie abzuändern, und bewirkte, daß die +Wiedertäufer in Zürich mit dem Tode bestraft wurden. Luther, der Irrende +nur durch das Wort bekämpft wissen wollte, begnügte sich damit, sie +auszuweisen. + +Ganz anders verhält es sich mit dem Abendmahl, das im Mittelpunkte des +Kults steht und den Erwachsenen dargeboten wird. Daß im Stoff Geist, daß +der Stoff geistvoll sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes +gelehrt, indem sie sagten, Gott erfülle Himmel und Erde; Christus setzte +hinzu, daß der Himmel das Herz des Menschen sei. Anders ausgedrückt: die +Propheten lehrten, daß Gott das Herz der Welt sei, Christus, daß das Herz +der Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der Welt im +Selbstbewußtsein des Menschen. Der Name Testament schon deutet an, daß es +sich um eine Vergabung handelt: der Gottmensch, dessen Seele sterben wird, +teilt sein Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm +geöffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte der Einsetzung +sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist mein +Blut, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. +Vorbereitet hatte Christus selbst das Testament durch seine Erklärung im +6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß er das Brot des Lebens sei, +welches er ausdrücklich als Himmelsbrot, also eine geistige Speise, der +vergänglichen Speise gegenüberstellte. + +Hieronymus hat das Abendmahl #invisibilis gratiae visibilis forma# genannt, +die sichtbare Form der unsichtbaren Gnade, das ist also der im Stoff +erscheinende Geist. Der heilige Augustinus erklärte es mit den Worten: +#Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum#, Das Wort zum Element oder +Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. Wenn ich Wunder übersetze, so +ist es nötig zu betonen, daß statt Sakrament im Griechischen +mystêrion+, +Geheimnis steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse. +Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, daß in der Seele, im Ich, der +Stoff zugleich Geist ist, und weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht +machen können, scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode wird +unser Körper wieder eins mit der ewigen Substanz, unser Geist, sei es in +Form, Tat oder Wort oder im Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein +sind Stoff: wenn der Blitz des Wortes sie entzündet, erglühen sie zu Geist. +Daß Christus das Brot wählte, geschah, weil das Samenkorn die stärkste +Verdichtung des Stoffes ist wie das Wort die stärkste Verdichtung des +Geistes; Brot ist die natürliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das +Getränk, das am stärksten ins Blut geht, wie man volkstümlich sagt; das +Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das gegebene Bild für das +Feuerwasser, das aus dem Herzen des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und +Blut lebte nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gären und glühen +machte; das Erlöschen der Seele ist der Tod. Wer sich dessen bewußt ist, +dem kann jede Speise eine Geistesspeise sein; davon aber unterscheidet +sich das Abendmahl dadurch, daß es von der gläubigen Gemeinde genommen +wird. Luther beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob +einer sich das Abendmahl unter Umständen allein dürfe reichen lassen, +abschlägig; Gott ist ja Person nur im Menschen, und die Verbindung mit Gott +muß durch die Verbindung mit der Menschheit geschehen. Absonderung von den +Menschen wäre zugleich Absonderung von Gott, also wäre das Abendmahl von +einem Einzelnen genommen ein Widerspruch in sich selbst und eigentlich +ungöttlich. Dem Wissenden für sich allein ist ja selbstverständlich das +Abendmahl nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, so tritt +das Wort des Augustinus in Kraft: #crede et manducasti#, glaube, so hast du +gegessen; als gemeinsames Mahl macht es die durch den Körper Gesonderten im +Geiste eins. + +Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: er dachte, Christus, +ein edler, vorbildlicher Mensch, habe seine Jünger ermahnt, seiner nach +seinem Tode zu gedenken, und ebenso sollten es künftig die Gläubigen +halten, wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. Die +katholische Kirche wollte im Sakrament den Opfertod Christi wiederholen und +sich durch den richtigen Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso +wie Zwingli, machte ein Werk, eine Selbsttätigkeit des Menschen daraus. +Luther verstand die Sakramentshandlungen als Austeilungen göttlicher Kraft, +bei denen die Menschen die Empfangenden sind. + +Eines der hauptsächlichen Argumente Zwinglis gegen Luthers Auffassung, +Christi Fleisch und Blut sei im Brot und Wein, war, daß Christus zur +rechten Hand Gottes sitze, also nicht im Brot und Wein sein könne. Man +sollte meinen, eine so grobe Unfähigkeit, das Göttliche zu erfassen, +springe jedem in die Augen. Sie veranlaßte Luther zu einer hinreißenden +Schrift über die Allgegenwärtigkeit Gottes, die, von göttlichem Geist +durchdrungen, dem milden Tadel der lutherischen Theologen nie entgeht. Die +meisten wünschen, er möchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl sie +recht hübsche Bilder enthalte. Wer, außer etwa Shakespeare oder Dante, hat +solche Bilder schaffen können? Luther sagt selbst einmal, man hasse ihn, +weil er nicht nur die Wahrheit sagte, sondern auch sagte, daß er sie sagte. +Hätte er sich Dichter genannt, so hätte man ihn vergöttert. + +Begreiflicherweise mußte Luther über Zwinglis »Gaukelhimmel« lachen, »darin +ein goldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze in einer +Chorkappe und goldenen Krone, gleichwie es die Maler malen«. Daneben aber +bemühte er sich ernstlich zu erklären, daß die allmächtige Gewalt Gottes +zugleich nirgends und an allen Orten sein müsse; daß alles, was an einem +Orte sei, an diesem Orte beschlossen sein müsse, welcher örtlichen +Gebundenheit Gott doch nicht unterliegen könne, der vielmehr über Raum und +Zeit sein müsse. Doch muß er »an allen Orten wesentlich und gegenwärtig +sein, auch in dem geringsten Baumblatt«. »Darum muß er ja in einer +jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, Auswendigsten, um und um, durch +und durch, unten und oben, vorn und hinten selbst da sein, daß nichts +Gegenwärtigeres noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott +selbst mit seiner Gewalt.« Er führt die majestätischen Bibelworte an: »Bin +ich nicht ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist? +Erfülle ich nicht Himmel und Erde?« Er macht klar, daß Gott unbeweglich und +unveränderlich ist, daß er nicht hin und her fahre wie die Kreatur, daß er +deshalb an allen Orten bereits da ist, also auch im Brot und Wein, und daß +es sich nur ums Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben. +»Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwärtigkeit und deinem Greifen, er +ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und muß nicht da stehen +als ein Bube am Pranger.« Um die #penetratio corporum# verständlich zu +machen, daß ein Leib in einem anderen sein könne, gebraucht Luther das +schöne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglüht wird; so durchglüht Gott +Brot und Wein, wenn wir es glaubend empfangen. + +Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten +Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man +glaube, er werde mit den Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie +blickten hochmütig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist +und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, daß Christi +Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. »Wird +Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein +geistliches Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und +gibt den Geist dem, der es ißt.« Für Luther, der wußte, daß Gott lauter +Aktivität und Produktivität ist, war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen +könnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe von +naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er fragte, was Christi Leib +im Abendmahl, falls er darin sein könnte, nütze sei? Es war nicht allzu +große Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte +Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er sich auf einen +aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, die das Problem nicht einmal +richtig stellen konnten, um das gestritten wurde. + +Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologie bleiben, wonach +die beiden Naturen -- nämlich die göttliche und menschliche in Christus -- +nicht vermischt werden dürfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß +Christus Gottmensch war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein +Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an einen Gott +glaubte, aber an einen Gott außerhalb der Menschheit. + +Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein +soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch +ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem +Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen Wollen und Können, und +weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein +Band, da sein. Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem +Kalender: + + Immer wieder, wenn wir sinnen, + Stürzt die Welt in wilde Stücke, + Immer wieder, still von innen, + Fügen wir die schöne Brücke. + +Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, und so war +auch noch kein Anlaß gewesen, die schöne Brücke des Glaubens über die Kluft +zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller +Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die einzig mögliche, +wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske +der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der +Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther für einen +halben, und auf beide sah er von der Höhe seines gänzlichen Nichtverstehens +herab. Für ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot +ist, sondern nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen +abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes +erklären wollte, erinnerte er sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt +habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen; +Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott +noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten +tragischen Schritte auf dem großen Wege noch getan. Er wird als ein +frischer, freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; so +faßte auch Luther ihn auf; »aber doch so gar verdüstert und traurig danach +geworden«. Da die Ereignisse ihm zeigten, daß er nicht alles konnte, was er +wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm +wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: »Herr, +nun heb den Wagen selbst«, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist +der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat, +ohne göttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt, +daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch großdeutsch, wenn +ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen darf; sein Können war schon +schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen +vorgedeutet: daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen +ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Fürsichsein, +in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem von einem größeren Ganzen +abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der +eindrucksvollen, selbstbewußten Persönlichkeit, der Sittlichkeit und +Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an +Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. Die großen +schweizerischen Künstler haben deshalb ihre Kraft in einem Vaterlande +ihrer Wahl betätigt; die Schweiz ist für die besten ihrer Söhne da, um, +wenn die schöpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen. + +Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit zu erklären; +aber da Luther von göttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte +Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren +Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Übrigens hat +Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht im Verein mit seiner +Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine +Gedächtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend, +nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei +genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die Anhänger des +verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur für den Gläubigen, nicht für +den Ungläubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin +naheliegende Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom +Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt Gott den +Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf +eine beiden Teilen genügende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl +erkannte, daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein +Wesentliches stritten. + +Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke in der Geschichte +der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem +Tisch saß, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist; +allein mit Gott gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer +seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile +hingemalt. O Himmel! Seine schöne kindliche Sinnlichkeit hatte das +Bedürfnis, das Wort, das ihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte, +wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das +Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht auf den hessischen +Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in +zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung +mit Zwingli, sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und +Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der +Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das +unüberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es +sich um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, die sich +Führer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums +ausmacht, und dabei auf ihn, den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig +herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich +schwer zu ertragen gewesen sein. + +Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Riß, welcher +durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich +und die Welt noch einmal ganz machen wollte! + + + + +XV + + +»In allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein +die heilige göttliche Dreifaltigkeit.« Jedes Kunstwerk muß wie jeder +lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das +gilt wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott +glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft +unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das für die bildende Kunst sowohl +wie für die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist, +und das kann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie hat +Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; die Persönlichkeit +prägt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie +sie persönlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß +es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. Mit unbefangener +Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines seiner Worte zu verkennen sei, +daß man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es +auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der +Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen +Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natürlich vorhanden sein muß, sondern +ebensosehr auf die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt. +Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich aber +möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es +ist die merkwürdigste Sache von der Welt, daß die heutigen Künstler sich +plagen, nicht um sich möglichst vielen verständlich, sondern um sich +möglichst vielen unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein +Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung bestimmt +sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewünscht werde. Gut, aber +warum behält er es dann nicht ganz für sich oder liest es vielleicht +einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die +sich für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, für +wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persönlichkeit +zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heißt: die Natur +verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf +Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den Wunsch hat, +Millionen zu umschlingen, kommt auch kein millionenfaches Echo; +allerdings, wäre Kraft vorhanden, würde auch der Wunsch nicht fehlen. + +Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung +und was weiß ich sonst für Vorzüge; predigen aber, setzte er hinzu, könne +er, Luther, doch besser. Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß +dies selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es +vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nämlich deshalb +besser, weil er verständlich für das Volk spreche. Mehrmals hat er betont, +daß er bei öffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und +Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an die Ungelehrten und +Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte er die Einfachheit und +Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit muß man selbst sorgen, Tiefe und +Eigenart verleiht die Natur durch die Persönlichkeit. + +Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers angemessen; Künstler, +die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind +verdächtig; sie werden früh ganz weltlich oder welk und hohl werden. +Künstler, die auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken +unwillkürlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie +aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen können, sind sie +eigentlich überflüssig. + +Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß er niemals +absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schönheit an. +Zwar sind seine Werke überreich an Schönheit, aber nur an zufälliger; er +schüttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, aber +ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich +insofern, als er Dichter, nicht Künstler, daß er Genie war; so wie +umgekehrt manche Künstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine +Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten Sinn +gibt es deshalb nach Christus überhaupt keine Kunst mehr; denn in allem, +was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schüler der +Alten, und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der +Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes Ziel und das, was wir an +Luther bewundern. Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die +Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes. +Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, primitiv genannt hat; wir +kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter +Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig +ausgesogenen Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben, +das ist eben das Geheimnis des Genies. + +»Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller +Wirkung der Rhythmus.« Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir +an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst und +Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als +Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, +um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden. + +Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr +natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte +Herz, hat einen allzu regelmäßigen, langweiligen, eintönigen Rhythmus; es +muß überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit +wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persönlich, kurz: +lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen +Menschen. + +Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller »Die Teilung der Erde« und den +Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll +dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen: +»Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch +von Anfang bereitet sind.« Wie matt, von der Blässe des Gedankens +angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch +klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung +aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen +ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der +Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken +vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt. + +Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens +als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen +auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen +seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten +auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo +der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum +Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist, +nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und +ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein +weiter als Gedanke. + +Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes +oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck +infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von +Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein +gesteigertes Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke +in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich +selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die +Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird. + +Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es +zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das +Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die +Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu +schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche +Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist. +Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es +Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit +zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen +Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die +#Penetratio corporum#, die Durchdringung des Verweslichen und +Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im +Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als +die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das +Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen +heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist +die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden. +Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist +für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist +nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und +Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und +schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des +Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen +Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das +bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein, +ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit +führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine +Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines +Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides, +Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche +Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte, +kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der +Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und +Beseelung. + +Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane +und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst +aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das +Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das +Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist. +Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß +an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte +ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen +Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die +aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es +lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das +Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird +durch keine Geschmacklosigkeit gestört, aber auch von keiner tödlichen +Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das +Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane, +seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in +Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten +gestalten und beseelen können. + +Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst +vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß +auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im +Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen +Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße +zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag +nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack +argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört +die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit +dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die +Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der +Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz +empfänglich sind. + +Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es +wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von +Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott +glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles +ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles +gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der +Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers +aus der Bibel. »Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein +Heil.« Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn +das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht +kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle +Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu +allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der +kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen. + +»Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein +menschlich und teuflisch Ding«, heißt es in den Tischreden, »darum ist es +stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort, +führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des +Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die +halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen +auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch +regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche +Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch +gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.« + +»Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn +daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach. +Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt +von Anfang gewesen.« + +Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und +insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die +Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt +und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in +der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das +Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des +Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen +läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke +Luthers ruft: dies ist der Luther. + + + + +XVI + + +Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das +Wesen des Wahnsinns. + +»Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird +faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken, +welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen, +wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu +genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen +unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme +Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn +verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang +nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die +Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher +der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall +nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich +auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle +erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag. +Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese +Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam +und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal +richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht +hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des +Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation +nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle +oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht +ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die +dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da ... +Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns +ansehen als ein gewaltsames >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< irgendeiner Sache, +welches jedoch nur möglich ist mittelst des >Sich-in-den-Kopf-setzen< +irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das +>Sich-in-den-Kopf-setzen< das erste und das >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< +das zweite ist.« Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel +der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn; +das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch +sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn +in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen +Entgiftung nicht gewachsen. + +Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die +einem Brief an Link entnommen ist: »Über die Wahnsinnigen ist meine Meinung +die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von +Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist, +sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen +schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange +Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen +zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß, +weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus +nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich >von Satanas gebunden<. +Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus +gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch +denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden +verdanken ... Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr +schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht +auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei, +Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch +denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst +Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.« Diese +und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß +er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit +unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom +Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie +man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche +auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften #diabolus ex +machina# geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher, +den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen +seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht +oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten, +elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in +körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als +Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist +Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und +Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und +obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst +gegenüberstehen muß. + +Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen der Hemmungen +der unwillkürlichen Kräfte des Menschen durch die willkürlichen, so +bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in +willkürlicher Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der Wahrheit. +Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen +Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so daß der +betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die +vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken +kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und +endlich ganz verschwinden muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte +Sünder. + +Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den Heiligen Geist +nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden +kann. Nun heißt ja Sündenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren +Friedens, innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum kann dadurch +aufgehoben werden, daß der Sünder und der Irrende sein Unrecht und die +Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so +befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der +Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine Sünde gibt, die nicht +vergeben werden kann, heißt eigentlich, daß es unheilbaren Wahnsinn gibt. +Die Sage erzählt, daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne +sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er ihre Augen +dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht ertragen, so tötet er sie. +Der blendende Strahl der göttlichen Wahrheit erleuchtet den götterhaften +Menschen; dem gottlosen geht er tödlich durchs Herz. + +Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch +verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug +an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie +und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam +im Zeitalter Luthers häufig vor, so daß man sie für seine und die +nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde +aufgefaßt als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem +Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel, +einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit +Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmörders als eines von Gott +abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen +Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor sich geht, nannte +Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand +des weitesten Auseinandertretens der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung +der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, den man +lebendigen Tod nennen kann. + + Zum Beginnen, zum Vollenden + Zirkel, Blei und Winkelwage; + Alles stockt und starrt in Händen, + Leuchtet nicht der Stern dem Tage. + +Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwächliche +Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkürliche +Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ängstliche Harren der +Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen +zum rhythmischen Umschwung geben soll. + +Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß sie vom Teufel +geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem +Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde; +auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen der +negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, daß die Kinder und Frauen, +die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht +oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die +Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den +Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Kräften +sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. Die +Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Stärke oder +Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft +genug, um die Hemmungen zu überwinden. + +Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes gewaltiger +Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, gegen ein immer wieder +siegendes, götterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der +Teufel müsse vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden +haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf +gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dämonen zu kämpfen und +häufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus. + +Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner +Eltern gegeben war: er besaß sowohl das leidenschaftliche, jähzornige, +herrschsüchtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter, +die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, wo sie +hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter der Mutter, trieb +durch sein Wort die Teufel aus, die das väterliche Herz besessen hatten, +bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand. + +Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von Sanftmut, liebevoller +Hingebung, weitgehender Schüchternheit berichtet. Allmählich jedoch tauchte +die männliche Wesenshälfte in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige, +die den Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. »Wohlan, ich kann es nicht +leugnen«, sagt er einmal von sich, »die alte Schlange, der Teufel, hat mich +übel gebissen und greulich vergiftet.« Wie er oft und oft erzählt, hat er +die höchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an +sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott +gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und +zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenhaß, hat +er alle Regungen des menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in +allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen konnten. +Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn +persönlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem +Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das +wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der Melancholie mit dem +Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fühlen, daß +er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der Lage +eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden epileptischen +Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die +Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten gewährte: Kasteiungen, Beichte, +vorschriftsmäßiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker. +Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher Trost in der +Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im +Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis, +Geduld ausströmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der +umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die stärkste Kraftquelle +fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt sich klammernd, vermochte er +den selbstbejahenden und gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu +widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß Gottes Wesen +die Liebe sei, und der Umstand, daß diese Liebe nun auch zugleich +sinnenfällig in Staupitz vertreten wurde, riß ihn von seinem Selbst los und +bereitete die Richtungsänderung, die +metanoia+, in ihm vor. Bedenke bitte +immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, daß es +also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und daß dem Gottes- oder +Menschenhasser jeder Mensch zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß +und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es +gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der +Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht +genügenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie +sich diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, daß einer +sich für Gott oder für Christus oder für irgendeine berühmte, angesehene +Persönlichkeit hält, ob in Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der +Einsamkeit oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr Wesen ist +Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. Zuweilen geschah es, +wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen +überschritt, was sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte +überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit. +Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben +Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung +aufrechthalten; aber es kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der +Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die +wohltätige Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. Nach +der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen stützte, +wurde Musik als Heilmittel für Epileptische angewandt, und zwar sanfte, +leise, nicht lärmende Musik. + +Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher, +daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend +wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen, +willkürlichen Kräfte lähmend. + +Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe +und der Musik: nur die göttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam, +die irdische wirkt tödlich auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich +die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor +und Prediger wurde und im Wirken auf andere und für andere sich selbst +vergaß. In der Sprache der Aufklärung würde man sagen, er habe seine +ungeheure persönliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und +sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem Vater +Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich +erklärte, daß Gottes Gewalt noch über seine Gewalt gehe; der befreite Geist +der Mutter stellte gleichsam fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn +zurückgekehrt sei. + +Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte Luther doch nicht auf, +schwere Anfälle von Melancholie zu erleiden; er hätte ja sonst aufgehört, +Werke und Taten zu schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht +nur die göttliche Kraft, sondern auch »der Widersprecher«, wie Luther es +ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel +Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder außer ihm der Menge des +Produktiven stets die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel +ärgere sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle +sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden, +daß sich ihr größtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum +Trotze erhebt, gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper oder vom +Geiste aus. + +In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein; +vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom +Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung +gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. »Ich war +mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so daß ich noch jetzt am +ganzen Körper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast +ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der +Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte der Heiligen +bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele +aus der untersten Hölle gehoben.« Einige Zeit später: »Satan selbst wütet +gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen +Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwäche +des Geistes; aber durch die Fürbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen +Händen gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur +schwer heilen werden.« Er werde zwischen den beiden fürstlichen Gegnern hin +und her geworfen, schreibt er. Mit Christus sei er durch einen schwachen +Faden verbunden, Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an ihm und ziehe +ihn zur Tiefe. »Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete +und kämpft wenigstens tapfer.« Diese Schilderungen malen anschaulich, wie +das erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem +verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der +Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen körperliche Vorgänge als +Ursache seiner seelischen Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und +gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles Geistige zugleich +ein Körperliches ist. + +»Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last werde«, +schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens +voraus, wo die göttliche Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft +sein, nicht wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings büßten +damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die +zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er doch lieber ertragen hätte, als die +dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von +einem überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als auserwähltes +Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner +begrenzten menschlichen Willkür, sprach er zuweilen mit träumerischer +Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl +so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor +Kaiser und Reich erinnerte. + +Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; aber, wie er +selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfüllung der Pflicht +nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht +mehr, die einen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so häßlich, +daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine +Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so +ab, daß er einmal die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz sei +gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. Auch von +Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mängelvolle, dürftige +Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung +der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer grauen +Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglüht +war. Wie grausam von Gott, könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten +sich überleben ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. Die +Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden +die Verteilung auch ist, kann man doch gewiß sein, daß, könnte man +schließlich Leben und Tod jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf +beiden Seiten gleich sein würde. + +Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und überwunden +hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat +beizustehen. Überhaupt war er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft +zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er +stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu +benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte +sich zunächst nach den Verordnungen des Arztes; während er ihnen dann Trost +zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive +Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkräfteten möchte +überströmen lassen. Öfters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor +Ansteckung, vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert +hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die +Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch +uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf +dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits +Hemmungen aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des +Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen. + +Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden. +Einsamkeit nennt er ein Gift für die Menschen; in der Wüste habe der Teufel +Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle +sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen Gedanken +einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst würde vom +Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte. +Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen +Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. Er erzählt von +sich, daß manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm +rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller +Freunde hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem +Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte Gift sollte in der Beichte, +überhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde +empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. »Darum wollte ich Ew. +Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer fröhlich zu +sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleißigen«, so +schrieb er dem schwermütigen Prinzen Joachim von Anhalt, »die sich göttlich +und ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können ... So hat auch Gott +geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer +haben ... Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen +Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen ... Denn ich denke +fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, fröhlich sich zu halten, +als wäre es Sünde ... Wahr ists, Freude in Sünden ist der Teufel, aber +Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich +ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. Fürstl. Gnaden +seien nur immer fröhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig +in seinen Gaben und Gütern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum +uns seine Güter, sie zu gebrauchen.« + +Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen +Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe +zeigen: »Mein liebster Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine +Versuchung vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält wirst, +weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die ärgsten +Feinde des Evangeliums läßt, Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel +zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt: +Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich +dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen +gnädigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen +kannst, und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in +Verzweiflung und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen Kniff des +Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen +kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er +fällt und gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung +kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit dem Teufel einzulassen und +diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. Das ist nämlich nichts anderes, als +an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die vom +Teufel gesandten Gedanken zu verachten ... Fliehe durchaus die Einsamkeit, +denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und +Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit. +Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du +die teuflischen Anfechtungen betrügst, und sei gutes Mutes, mein +Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich +will dir erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in deinem +Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrübt und +traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden. +Deswegen besprach ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem ich gern +spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken ich hätte. Darauf +sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese +Anfechtung ist. Es ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du +wirst sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es +gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor geworden (das darf ich mit Recht +von mir sagen), was ich nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich +unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du +wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, daß du inzwischen guten und +tapferen Mut hast, und glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an +große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind. +Ich erinnere mich, daß einmal ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind +verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großer +Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir +gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes +Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich +mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas +reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man muß zuweilen +etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Haß und zur Verachtung des +Teufels sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus +leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, daß wir uns +allzusehr quälen, damit wir nicht sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du +sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir +verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das +Gegenteil von dem, was der Teufel will ... Könnte ich nur eine ordentliche +Sünde begehen, nur um den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich +keine Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir müssen dann die +ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom +Teufel gequält werden. Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und +uns des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir antworten: +Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin, und was +weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich +weiß, daß _einer_ für mich gelitten und genug getan hat, der heißt Jesus +Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.« + +Das heißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst alles hassen, was +nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschränken will. +Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches +werden, sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in +Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Kühnheit aber, dies zu sagen, +und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich +selbst befreit und entlastet wird. + +Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als +wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn elend machen und die er doch +nicht loswerden kann, begreift, daß sie von einer teuflischen Macht +ausgehen, die sich seiner bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren +Standpunkt, sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst +befindlichen Feind gegenüber weiß. + +Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis, +daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen äußeren +Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht +erwiesen, ob Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber gewiß +ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen durchaus entsprochen +hätte. »Sei der du bist!« pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die +Macht des Bösen spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk +bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten +Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wüten über sich ergehen +lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz +nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, dessen +Übermaß der Krankheit Ursache ist. + +Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, seine vorbeugenden +Warnungen, die eigene Kraft nicht zu überspannen; lieber zeitweise untätig +zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen. + +Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der Behandlung von +Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte übereinstimmt. Auch sie lassen +den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß +Neigung zur Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen wird, +das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für ablenkende Tätigkeit, +und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber +gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied. + +Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche oder Krankheit des +Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die +negativen, teuflischen Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und +Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und +Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine +allgemeine Erschöpfung. Es handelt sich also um eine Kräftigung des +Herzens. Ein leicht erklärlicher Irrtum hat zu der Annahme verführt, man +könne dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu Hilfe kommen. +Indessen während ein starkes Herz diese Bändigung mit Nutzen selbst +vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht +stärker, daß seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt +werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt. + +Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des +Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein +großes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben. +Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche Liebe die +teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe auf Überfluß und Glauben +beruht, sondern auf Mangel und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung +und Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehren ist. +Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken +lieben läßt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet +sich auf Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll +göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, für Kranke +gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt unwillkürlich das, was +überwunden werden sollte. Neben der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß +die bewußte durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein +starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken haben. Nur +das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den +Kranken selbständig machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen +können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem Kranken die Ursache +seiner Leiden zum Bewußtsein zu bringen schadet nur, außer wenn man zur +letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer +Verdrängung der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen +Einzelkräfte bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr von +Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie nicht in der +Berührung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgäbe. Die von den +Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft +erregt, so daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst +erhält. Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit +offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen +der Wiedergeburt ist. + +Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit noch +zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich über die Physiologie des +Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrückt habe. + +Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität, das ist Geist +oder Kraft, welche über das Maß von Aktivität hinausgeht, das durch +entsprechende Passivität, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr +von Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben +sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das +Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer, +Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät, +verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nämlich Wasser, +Erde und Luft sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos gebundene Feuer, der +geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der +Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizität verwandte Kraft. Das +Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich +Stoff und Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen des +Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Göttlichen das Teuflische +wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. »Laßt dicke Menschen um mich sein +und die gut schlafen«; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig +als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, allerdings auch +das Grab des göttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im +Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber +schließlich löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die +Kraft den Stoff. + +Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt also alles an; bei +allen Kranken muß dafür gesorgt werden, daß das Blut dem ganzen Organismus +zugute kommt. Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß nur +die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur +richtigen Wirksamkeit bringt, so daß er unseren ganzen Körper vergeistigt. +Das Übermaß von Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder +andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die +richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes +insbesondere. + + + + +XVII + + +Als einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, daß Christus ein Jude +war, und du verargst es Gott ein wenig, daß er gerade die Juden +auserwählte, um unter ihnen Fleisch zu werden. Gott wußte indessen wohl, +was er tat, was du glauben wirst, wenn du überhaupt an Gott glaubst: die +Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern es die stärksten +Gegensätze umfaßte. Sie umfaßten in sich das Göttliche und das Teuflische, +die höchste Liebesfähigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende +Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und Unglauben. +Ihrer Habsucht und Geldgier stand großartigste Uneigennützigkeit gegenüber, +glühender Sinnlichkeit engelgleiche Reinheit. Diese Gegensätze wurden +zusammengefaßt durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung +und Bindekraft, die die ungeheure Idee des _einen_ Weltgottes erst fassen +konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des +Rebellen, neben Gott und weissagte den Hölle und Tod überwindenden Erlöser. + +Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von Selbstbewußtsein und +Gottbewußtsein mußte der bewußten Zusammenfassung dieser Gegensätze +vorangehen; jeder Monismus ist auf einen Dualismus gegründet, der das +natürliche Gefühl abstößt, sowie die zusammenfassende Kraft fehlt. Bei +keinem Volke der Erde war die Spaltung so tief gegangen; darum konnte aus +den Herzen, die sie überwanden, zuerst das Wort von Gott fließen, so stark +und rein, daß es seitdem alle leidenden Herzen überzeugt, erhoben, +getröstet und begeistert hat. Dies erst, daß das menschliche Selbst sagte: +Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen und zu sagen: Ich bin der +Herr, dein Gott. Daß die Juden das erste monotheistische Volk waren, daß +alle Völker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbüchern +zu lesen. Daß Christus Jude war, gesteht man schon weniger gern zu. Luther +nahm es als Tatsache an, und es war Grund für ihn, mit den Juden zu +sympathisieren, obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber +welches Volk hätte das tun können außer dem, in dem er erschienen war? Aus +dem Volke der größten Gegensätze sind die Mutter und die Mörder des +Erlösers hervorgegangen. Übrigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit +denen er sich anfangs gern in Dispute einließ, ihn mehr und mehr gegen sie +erkältet und schließlich erbittert. + +Denn das sah er ja ein, daß den Juden nichts anderes übrigbliebe, als an +Christus zu glauben und in anderen Völkern aufzugehen. Sie sind in der Lage +der Nachkommen eines großen Mannes: sie können nur in ihm und durch ihn +etwas sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, so müssen +sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung mußte sie betreffen, und +sie werden sich ihm nicht durch Begründung eines eigenen Vaterlandes +entziehen können, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst +fehlt. Sich zu überpersönlichen, das heißt zu sterben, in anderen, noch +lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung der Völker +wie der einzelnen. + +Was eine jüdische Partei vor Jahrhunderten veranlaßte, Christus zu +kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, ihre Eitelkeit und +Ungläubigkeit, der Teufel in allen drei Gestalten. Sie wollten einen +Messias, der ihnen weltliche Herrschaft und weltliche Genüsse verschaffte; +sie wollten weder die Überlegenheit seiner Person noch die Wahrheit seiner +Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind es jetzt noch, die uns die +Juden entfremden: Sinnlichkeit und Geist, die nicht mehr durch starke +Persönlichkeiten zusammengefaßt werden. Was wir als jüdisch empfinden, ohne +daß alle Juden es haben müssen, ist etwas Immerwaches, Neugieriges, +Lüsternes, kurz ein Selbstbewußtsein, mit dem uns nur eine starke positive +Kraft versöhnen würde, die nun aber erschöpft ist. Wir nennen jüdisch +ferner das korrekte Pharisäertum, das aus eigener Kraft vollkommen sein zu +können glaubt, und durch das Gebundensein, nicht an das lebendige Gesetz +des Herzens, sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und +Unschuld entbehrt. + +Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der Wille Gottes, das heißt +notwendig, und zwar wird es deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen +ihres Blutes den anderen Völkern der Erde mitteilen. Es ist eben dennoch +Götterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte zugleich tödlich und heilsam, +auflösend und ganzmachend. Man hat längst beobachtet, daß die Vermischung +mit jüdischem Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, gleichsam +farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, Gegensätze hervorrufend +oder verschärfend und insofern zur Reife bringend; die Farbigkeit ist die +des Herbstes, der zugleich Früchte bringt und dem Winter annähert. + +Die aus dem Herzen kommende göttliche Liebe findet sich bei den Deutschen +unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist sie häufig auf jüdisches Blut +zurückzuführen. Auch der kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien, +wo er noch nicht entwickelt war; anderen müßte der Zuschuß verderblich +werden. Mit Giften muß man eben sehr vorsichtig sein, und sie dürfen nur in +kleinsten Dosen gegeben werden. Die Völker werden im allgemeinen wohl den +richtigen Instinkt haben, wieviel Beimischung jüdischen Blutes sie bedürfen +und ertragen können. + +Zunächst würde man denken, primitive Völker oder Schichten müßten Neigung +zur Vermischung mit Juden haben; aber dies ist nicht der Fall; Bauern +lehnen das Jüdische ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke +mir aber, daß eine zu große Gegensätzlichkeit ungünstig ist, und daß erst +bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Völkern und Individuen +fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt Juden, viel eher der Adel, +was nicht durch die äußeren Gründe allein zu erklären ist. Und nun denke an +die merkwürdige Tatsache, die beobachtet worden ist, daß altadlige Familien +oft den jüdischen Typus bekommen; nicht solche, in denen jüdisches Blut +fließt, sondern gerade die mit reinem Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir +anzuzeigen, daß das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den +auch Völker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen können. So +betrachtet wäre das Judentum das Stadium der Selbstanbetung, in das ein +Volk eintritt, wenn es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und +erreichten Höhe bewußt geworden ist und sich infolgedessen von allen +anderen absondert. + +Es fällt mir dabei ein, daß mir jemand erzählte, er wußte selbst nicht, ob +es Wahrheit oder Anekdote war, eine von den alten Baseler Familien sei +jüdischen Ursprungs, und durch diese sei ganz Basel mit jüdischem Blute +durchsetzt. Es liegt darin jedenfalls ausgedrückt, daß ein lange von +fremdem Zufluß abgesondertes, auf sich selbst beschränktes Gemeinwesen +jüdisch wird, Ähnlichkeit mit dem Volke der Selbstanbetung und Dekadenz ++kat exochên+ bekommt. Es hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu +höchster Schönheit verdichtet und enthält sich, um ihn rein zu bewahren, +jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst verlieren muß. +Man kann diesem tragischen Typus, der auch im Christustypus anklingt, immer +begegnen, wo eine Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwärts +neigt. Es wird oft beklagt, daß Menschen und Völker sich überleben, daß +Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Höhepunkte zerstört; aber man hat +unrecht, denn nicht Gott tut das. Er ist der schaffende Künstler, der den +Stoff, sowie er ihn ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgültig +gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das Schöne, das Vollendete +ist dem Tode geweiht, Gott wirkt nicht mehr darin und überläßt es sich +selbst. Nicht Gott, sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der +das eben abgelieferte Geschmeide dem Käufer hinterrücks entreißt, um es +heimlich im Winkel, mit bösem Gewissen, blitzen zu lassen. + +Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen den +vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde versuchen, dir zu +erklären, wie ich das meine. + +Ich unterschied, wie du weißt, zwischen göttlicher und menschlicher Kraft, +und schlug vor, jene die geniale, unwillkürliche, schaffende, diese die +selbstbewußte, willkürliche, ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann +man auch zwischen göttlichen und menschlichen oder gottbewußten und +selbstbewußten oder genialen, schaffenden und ordnenden Völkern +unterscheiden. Die genialen herrschen im Reiche Gottes, die selbstbewußten +in der Welt. Sie haben auch ihre Genialität, das ist die Kraft des +Organisierens, vermittelst welcher sie die göttlichen Ideen verweltlichen, +in die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen Völkern +abhängen, weil sie selbst keine göttlichen Ideen hervorbringen, so +herrschen sie doch in der Welt, welche das Reich der selbstbewußten Kraft +ist. Wie das einzelne Genie, so wird auch das geniale Volk »gekreuzigt und +verbrannt«; es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es könnte nicht +genial sein, das heißt nicht Gott empfangen, wenn es nicht passiv sein +könnte. + +Die genialen Völker des Altertums waren die Juden und die Griechen, das +herrschende, das politische Volk des Altertums waren die Römer; ihnen +entsprechen in der nachchristlichen Zeit einerseits die Deutschen und +Italiener, andererseits die Engländer. Die Juden, Griechen, Italiener und +Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, daß sie von den weltlichen, +politischen Völkern teils gehaßt, teils verachtet wurden; verachtet, +solange sie in der Welt schlechtweg die Unterliegenden waren, gehaßt, wenn +sie auch in der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Völker +spüren in den genialen Völkern eine Überlegenheit, die sie doch in der Welt +nicht zur Geltung bringen können, und die deshalb in ihnen, den +politischen, keine Furcht erregt. + +Was wäre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke der Griechen? +Und wir dürfen wohl hinzusetzen, was wäre sie ohne die Kunst, Dichtung, +Musik und Religion der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Völker +beziehen ihr geistiges Leben zum großen Teil von den genialen; aber da sie +sie nicht zu fürchten brauchen, gestehen sie es nicht zu und sind nicht +dankbar dafür, sondern verleugnen sie und beschimpfen sie noch dazu. Die +genialen Völker haben im Kampfe mit politischen Völkern nur Gott; verlassen +sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu stützen, so geraten sie in die +größte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete den politischen Völkern doch nicht +gewachsen sind. In der Bibel hören wir nur von Gottvertrauen, niemals ein +Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott rauscht wie +Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit diesem Gottvertrauen waren die +Juden unbesiegbar; nachdem sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie +zertreten. + +Man sollte nun denken, daß zwischen den genialen Völkern Einigkeit +herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, der sie ebenso +voneinander trennt, wie sie von den politischen Völkern getrennt sind, +nämlich der Unterschied von Natur und Geist. + +Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander auf drei +Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend in der Natur, als Taten +schaffend im Leben oder in der Geschichte, als Ideen schaffend im +menschlichen Geiste; diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch +vorzugsweise Künstler, Dichter, Held oder Weiser. + +Danach sind unter den genialen Völkern die gestaltenden und die dichtenden +zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung aus, die etwas Begrenztes +und Vielfaches ist, diese vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich +ist. Der dichterische Genius, der im Nacheinander eine höhere Stufe +bezeichnet, versteht und liebt die zurückliegende Stufe; der bildende, der +die höhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht ihr mißtrauisch gegenüber. +Im Altertum waren die Griechen das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst, +gestaltende Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind. +Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, daß sie auch +Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; aber als geniales +Geistesvolk haben sie auch als bildende Künstler immer eine dichterische +Phantasie, wodurch ihre Kunst sich wesentlich von der der Griechen und +Italiener unterscheidet. In ihren höchsten Spitzen berührt sich zwar die +griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber für jene +bedeutet Überreife und Beginn der Abwärtsentwickelung, was die Blüte, das +Natürliche der deutschen Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst +hat vorzugsweise die göttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, die +deutsche das körperlich erscheinende Unendliche. Aus diesem Grunde kann die +italienische Kunst leer werden, aber niemals so abstrus wie die deutsche. + +Ich weiß nun deinen Einwand schon, daß doch nicht jedes Phänomen in diese +Einteilung hineinpaßt; aber das ist ja selbstverständlich, und das ganz +gemeine Sprichwort sagt schon, daß keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich +aber auch, daß die Ausnahme die Regel bestätigt. Die Einteilungen macht ja +der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich vielmehr, sie zu durchbrechen; +aber uns dienen sie doch zur Übersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur +ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott selbst +zugleich Künstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel die Kraft gibt, +so sind auch im Menschen alle diese Einzelkräfte zugleich tätig; nur pflegt +ihm, da er nicht Gott ist, eine wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich +Gott nähert, desto stärker umfaßt er alle Kräfte. Auch die politischen +Völker bringen große Dichter und Künstler hervor; aber das ist nicht ihr +Wesentliches, und sie werden den genialen Völkern bedeutungsvoller als +ihnen selbst. Religionsstifter, also die allerumfassendsten Dichter, haben +nur die Juden und die Deutschen hervorgebracht -- ich spreche von den +europäischen Völkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zählen sind. + +Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie es Griechen mehr +gibt: was an ihnen lebendig war, ist in anderen Völkern aufgegangen. + +Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwächt werden kann, so ist +das Herz des jüdischen Volkes erschöpft, als Christus daraus hervorgegangen +war. + +Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher Kultur sein, wenn man +Kultur ein Ausgeglichensein der Gegensätze nennt. Jedes geniale Volk wird +namentlich den Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven, +unselbständigen Masse und einer herrschsüchtigen, hochmütigen Oberklasse +aufweisen; eine göttlich-teuflische Kraft und einen formlosen Stoff, in dem +sie sich offenbart. Diese formlose, gläubige Masse, diese chaotische, die +immer zum Verwildern neigt, läßt die Deutschen als ein im ganzen unschönes, +unkultiviertes, knechtisches, unklar gärendes Volk erscheinen, aus dem sich +im schroffen und geschmacklosen Gegensatz eine hochmütig beschränkte, +herrschende Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen +flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhältnismäßig sehr große +Anzahl genialer Persönlichkeiten pflegte im Deutschen Reiche zwischen den +Herren und den Sklaven zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das +das Ziel despotischer Herren gegenüber einer sklavischen Menge zu sein +pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten Menschentums, +Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. Einheit in der Mannigfaltigkeit +ist das schöne, farbige, verschwenderische Gesetz des göttlichen Lebens, +das aus dem Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkür +schafft, ertötet Leben und Schaffenskraft. Deutschland und Italien umfassen +die Mannigfaltigkeit sehr verschieden gearteter Einzelstaaten und den +großen Dualismus eines geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Südens, +die in einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoßen. +Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine Menge nie ganz vereinbarter +Stämme. + +Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das starke Einzelleben im +Deutschen Reiche noch außerordentlich groß. Luther selbst spricht von den +Deutschen stets als von einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei +jedermann die deutsche Bestie heißen müsse, mit Recht. In allen Ständen +fand er zügellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und Übermut. Er liebte und +haßte dieses Volk zugleich, ein kochendes Chaos, aus dem göttliche +Gestalten, Taten und Worte stiegen. + +Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben sich seit Luthers +Zeit sehr verändert. Die musterhafte Organisation Englands und Frankreichs +wurde ihr Ideal, dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten: +sie wollen aus genialen politische Völker werden. Der Krieg wird vermutlich +darüber entscheiden, ob das möglich ist. Die Unzerstörbarkeit des +persönlichen Charakters, dessen Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen +zu sprechen; andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene +Entwickelungsstadien hindurch und löst sich schließlich auf, wenn auch +nicht so, daß es eine Leiche gibt, sondern indem sie sich mit anderen +Nationen mischt und dadurch verändert. Seit Jahrhunderten sind in +Deutschland die mehr weltlichen als genialen Preußen aufgekommen und mehr +und mehr tonangebend geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland, +das lange schaffenskräftig gewesen war, zu erschlaffen begann. Wird das +alte Deutschland ganz in Preußen aufgehen, oder wird das alte, das geniale +Deutschland auferstehen? Rußland ist jetzt das am meisten passive und +gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk, also das am +meisten jüdische Volk; aber an Erscheinungen wie Tolstoi und Dostojewski +sieht man auch die zunehmende Kraft des Herzens und des Wortes, die die +Gegensätze bindet. Wer will weissagen, ob Rußland jemals oder gar schon +bald die Rolle des alten Deutschlands übernehmen wird? Gott hat lange +zürnend geschwiegen: er wird sich das Herz irgendeines Volkes erwählen, um +durch dasselbe wieder zur Menschheit zu reden. Das ist aber gewiß, daß +dieses Volk nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird +leiden und entbehren müssen; dafür wird es in die Wohnungen des himmlischen +Vaters einziehen, die ihm von Anfang bereitet sind. Aber, so würde Luther +warnen, man muß auch das Göttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen: +jedes Volk muß kämpfen, um zu siegen, und schließlich Sieg oder Niederlage +aus Gottes Hand hinnehmen. + + + + +XVIII + + +»Nun ist auch irrig, daß die Zeremonialwerke nach dem Tode Christi +todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht vor Gott.« Diese Worte +Luthers führe ich dir deswegen an, weil du mir neulich schriebest, das +einseitige Betonen des Unwillkürlichen, Unbewußten oder Gottbewußten sei +dir zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich wesentlich +Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewußt, +selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, komme das Göttliche an die +Reihe. Ob du diese Einseitigkeit deshalb so stark empfindest, weil du +gerade mehr göttlich als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch +dem Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde weltlich bist? Was +Luther betrifft, so war er sehr stark selbstbewußt -- die alte Schlange +hatte ihn greulich vergiftet, wie er sagt -- und seine Zeitgenossen waren +es überwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das Göttliche gelegt, +da das andere sich von selbst verstand. Die angeführten Worte beziehen sich +zunächst nur auf kirchliche Gebräuche, deren der Christ nicht bedarf; die +er aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur darüber klar ist, +daß Zeremonien uns nicht den inneren Frieden, die Übereinstimmung mit uns +selbst und Schaffenskraft geben können. + +Ähnlich sprach sich Luther auch über die guten Werke, also über die +bürgerliche Moral aus, daß sie nicht an sich zu verdammen sei, nur vor Gott +nicht rechtfertige. »Nun ist wahr«, sagt er, »wie ich immerdar gelehrt +habe, daß Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein äußerlichen Leben +und Wandel vor der Welt, heilig und unsträflich; aber es soll und kann vor +Gott keinen Christen machen, das ist das ewige Leben schaffen noch bringen. +Zu diesen Ehren lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen, +sondern es soll hoch und weit über alle Werke und schönes, herrliches Leben +schweben. Unsere Werke und Leben laß hienieden in diesem Regiment bleiben +und eine irdische Frömmigkeit heißen, welche Gott auch von uns fordert und +läßt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, hier und dort, +belohnen will: dies aber, wovon wir hier reden, ist eine himmlische und +göttliche Frömmigkeit, die ein ewiges Leben schafft.« + +Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied zwischen der Moral zu +zeigen, die von menschlicher Willkür abhängt, und von dem Glauben, der aus +göttlicher Gnade, aus dem Herzen fließt, und zu erklären, was vom einen und +was vom anderen zu erwarten ist. + +Leute, die die Reformation mit Jubel begrüßten, haben sich später angeekelt +von ihr abgewandt, wie zum Beispiel der Nürnberger Patrizier Pirkheimer, +weil sie wahrzunehmen glaubten, daß auf evangelischer Seite die +Sittenverschlechterung mit einem großen Nachdruck und Übermut einreiße. +Luther selbst erschrak über diese unvorhergesehene Folge seines Werkes und +sagte: sie nehmens fleischlich auf. Daß dies geschehen konnte, liegt auf +der Hand: Luther predigte gegen die Moral und gegen das Streben nach +Vollkommenheit, vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sündigen. +»Wir sehen im Evangelium«, schreibt er, »den Zöllner Christo näher sein als +den Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt +sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer +erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos +dazustehen. Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. Wir überlassen +Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.« + +Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstüberspannung auf der +einen Seite; aber auch in die Gefahren, die dessen warten, der sich dem +Herzen und seiner elementarischen Unberechenbarkeit überläßt. Seine Lehre +bedurfte deswegen einer Ergänzung, die er ihr auch gab, nämlich indem er +das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz stärkte. + +Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes die noch nicht zum +Geist hinübergeführte Menschheit, anders ausgedrückt: die Gesamtheit aller +von den Menschen willkürlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen +und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. Die genialen Menschen +und die Sünder und Verbrecher haben das Gemeinsame, daß sie außerhalb +dieses Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, daß die Auserwählten, +die wahren Christen, sich ihm freiwillig fügen oder ihn ignorieren oder, je +nachdem, ihn durch Worte bekämpfen, während diese, die Sünder und +Verbrecher, ihn hinterrücks oder offen gewaltsam zu zerstören suchen. Vor +allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur Welt beim Christen und beim +Verbrecher ein anderer: der Verbrecher fühlt seine Selbstsucht durch die +Welt gehemmt, der Christ seine Göttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie +Göttlichkeit aus derselben Quelle fließen, nämlich aus dem Herzen, so ist +zwischen beiden ein Verständnis möglich. Man kann sagen, daß Gott und Tier +sich unmittelbar leichter verstehen als Gott und Mensch: sie beide leben +aus dem Herzen, der Mensch aus dem Kopfe. + +Luther hatte vom natürlichen Menschen die Meinung, daß er dem Teufel und +der Sünde verknechtet sei, daß er also nur sich selbst wollen könne; +infolgedessen herrsche unter den natürlichen Menschen das Recht des +Stärkeren, wer den anderen übermöge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der +Stärkere den Schwächeren nicht erdrücken könne, müsse das Gesetz sein, das +die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu machen. Luther hat bewußt für die +Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gesorgt, die in der Tat eine +notwendige Ergänzung seiner Lehre ist: nur dann können sich die Menschen +ihrem Herzen überlassen, wenn die Übergriffe der selbstischen, bösen, noch +tierischen Herzen durch das Gesetz gehemmt werden. Das Gesetz überhebt den +Menschen, diese Hemmung selbst durch die Moral auszuüben, was er nicht tun +kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lähmen. Es ist Verleumdung, wenn man +Luther nachsagt, er habe den Fürsten geschmeichelt, sei es auch nur, damit +sie seine Ideen stützten. Die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt +gehörte vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem Kurfürsten +Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich dem Adel zugute kam. +Die in der Welt herrschende und auch in den Gesetzen sich ausprägende +Gesinnung, nicht den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des +Schwachen zu schützen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst +furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schäden der Gesetzgebung in +dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er die Herrschaft selbst +ungerechter Gesetze für besser als Gesetzlosigkeit. Was er anstrebte, war +strenges Gesetz, dessen Handhabung durch großherzige Menschen besorgt +würde. Dies Verhältnis bestand bis zu einem ungewöhnlich hohen Grade in +Sachsen, solange Luther lebte; tatsächlich regierten sein reines Herz und +seine großen Gedanken, nur selten wurden die Fürsten, die sich +vertrauensvoll von ihrem Propheten leiten ließen, durch die Selbstsucht +ihres Adels abgelenkt. Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt hinaus, +wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war das Stück Welt, das er +dadurch beherrscht hatte, wieder sich selbst überlassen. + +Die Erkenntnis, daß, wenn das Gesetz in der Hand von Persönlichkeiten ruht, +mit dem Ausscheiden derselben plötzlich Schwankungen und Störungen +eintreten können, hat die Menschen veranlaßt, die Gesetze von der +Handhabung durch einzelne unabhängig zu machen, da der geschriebene +Buchstabe verläßlicher zu sein scheint als der veränderliche Mensch. Sowie +aber der menschliche Verstand denkt, irrt er auch; es ist nämlich wohl +richtig, daß geschriebene Gesetze nicht sterben, aber sie tun es deswegen +nicht, weil sie nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich +nicht mit den Erscheinungen des Lebens und können das Leben nicht +regulieren, ohne es zu schädigen. Soviel ich weiß, ist man jetzt zu dem +Grundsatz zurückgekehrt, die Gesetze so großzügig anzulegen, daß Raum für +persönliche Auslegung und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die +herzhaften Menschen, die salomonische Urteile fällen können. Alle die +Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den vielen ihm zur +Entscheidung vorgelegten Sachen fällte, würde sehr verdienstlich sein und +einen überraschenden Einblick in seine gründliche Kenntnis weltlicher +Angelegenheiten und in die Weisheit seines Herzens gewähren. Hätte das Volk +immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen haben können, wären +sicherlich keine Geschworenengerichte entstanden. Wenn in den rückläufigen +Zeiten die Kraft abnimmt, versucht man durch Summierung von Menschen die +Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, daß Millionen +schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. Nach dem Gesetz, daß +Organe, die sich nicht üben, immer schwächer werden, mußten die +Einrichtungen, die zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die +Herzen immer mehr entkräften. + +Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort +abgelöst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen +die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes +Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da +aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen und +liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaßen ein +Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern heilsam. + +Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des +zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint +mir die Moral für dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des +großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, um sich dem +eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich einstweilen mit der Moral +rüsten. Diese Rüstung -- wer wollte das verkennen -- kann sehr blank und +ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn +fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden, +daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb muß sie abgetan +werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme +zu werden. + +Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das Genie, +charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei +Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natürlichen Menschen zum +geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber +es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden +Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den +verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer, +General bis zu den Fürsten, von denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich +die ärgsten Buben oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie; +sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er ein frommer +Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, daß auch ihre allergrößte +Macht nicht imstande sei, ihnen die überschwengliche Herrlichkeit der +Auserwählten zu verschaffen. Ich erwähnte schon, daß die Römer, im +Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden. +»Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie beide wohnen auf der +Menschheit Höhen.« Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter +Richtung nach oben führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als +Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind. + +Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen und Übergehen. So +senkte sich die Linie der Kurfürsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen +in der Welt abwärts, um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben +alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes +verglich Luther einem Platzregen und betonte, daß er nicht erblich sei. +Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann +seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein. + +Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die +genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Böse in der +Welt und haben Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es +auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die +Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie göttlicher Natur ist, +Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der +Welt und Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen +fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. Sowie die +Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre höhere +Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen +sich nicht in jenes Reich verklären lassen, zu welchem man nur durch das +Tor der Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl sie sich +anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel. + +Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle auf den +Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt zum Abschied. Von Sternen zu +Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds +verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine +Begegnung. Ein zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und +vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, den Fuß schon im +Eimer, der aufwärts an die Küste des Tages führt. Lebewohl für eine +Tageslänge; er wächst schon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die +uns vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich auch nichts +mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, und wenn die kürzeste Nacht +kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl. + + + + +XIX + + +Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu +Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten ein sehr ordentliches und +ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner +Richtung aus und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns +Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, überhaupt im +Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, wenn er nach jahrelanger +Abwesenheit heimkäme, würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des +Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem Händedruck +begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt. + +Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen Eindruck gemacht, den +ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, daß die +einwandfreien Japaner eher künstlichen Affen als Menschen glichen, von +schönen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor, +daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten, +obwohl gar nichts zu beherrschen da war, höchstens daß irgendein Rädchen +hätte kaputt gehen können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein. + +Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn sie verwundet waren, +die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich +wie Straßenjungen beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther, +den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter +seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene, +klügelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der +fleißigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz erfuhr, +wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurück und +betete, das heißt, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott, +hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte +dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist +bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen +recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine +Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich +allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorsätzen, die er +selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu seinem Genie. »Die Stoiker, die +Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es +geschehe, was da wolle«, verurteilte er; denn es sei im Grunde »eine +gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm +auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen, +daß er Stein oder Holz sein sollte.« + +Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine +Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum +Beispiel Dürer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten +sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch. +Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht +Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische +und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen +Ordnung bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und +gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und +Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in +der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem +Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit das ungezähmte +Element nie losbrechen können. + +Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum +Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil +das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den +Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu +tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf +die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da, +was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint, +nämlich das System. + +Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem heutigen, so springt +jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert, +eine lächerliche Umständlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei +eine unübersehbare Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, zugleich +Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir +daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres +Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über +alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man +vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen Kriege; aber in +Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche +Ähnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein +russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes töten zu +lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen +zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber plötzlich das Herz +dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung +alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreißigjährigen +Kriege. + +Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig, +von Gott heißt es #spirat ubi vult#. Luther sagte einmal, als eine Stadt +mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese +Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn dadurch +würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun könne, die +persönliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mußt nicht denken, ich wolle die +Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne +sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und +17. Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptsächlich um Beute zu tun +war; aber das ist nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr +systematisiert und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger +von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß jeder einzelne an +seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder +Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein +kleines Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel +Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen die größten Feldherren +immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag +alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der +Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, daß die Welt +dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren. + +Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. Früher fanden die +von den Stärkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe +einzelner, auch konnte der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen +Großmütigen verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft und +darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige Betrieb ersetzt nicht +nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den +Bettler von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges +Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung des einzelnen +übernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren +beizufügen, für richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger +soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, sondern soll sie so +anwenden, daß die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die +Privatpersonen nach Maß ihres Besitzes zur Erhaltung der +Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe +nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle +wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen wie beim +Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe für die Leidenden bewogen +werden, ist selbstverständlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem +Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies +wurde natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge +wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. Einmal las ich, es sollte +in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert +werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so +dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben. + +Das System ist das, was am Preußentum gehaßt und gefürchtet wird. Die +Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und läßt sich nicht +dadurch widerlegen, daß das System es gut meint, korrekt und löblich ist +und sehr viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je +lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen des Systems: die +schnurgerade Linie, die Starrheit und Übersehbarkeit; denn alles Lebendige, +wie überzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar +seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe +gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus, +nirgends aber so wie in Deutschland. Daß das gerade in diesem kindlichen, +phantasievollen Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir +folgendermaßen. + +Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens für das Genie +der politischen oder weltlichen Völker. Sie organisieren die Gesellschaft, +wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen +pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm +getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein Werk stürzt; +ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser +Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen selbstbewußtes Volk einen +Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem +Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven, +zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken +Persönlichkeiten, die früher zwischen dem Volke und den Herrschenden +standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden +Willen, den unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk in +seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzückt +durch die Fülle seiner üppig wachsenden Formen, während wir an England die +logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge +der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine, +Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schönheit; dort ist Leben, +Geist, Genie, Liebe bei äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als +chaotische Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren möchte ich als +eine natürliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Völker +hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer +nicht organisieren kann, verfällt auf das Mechanisieren. + +Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen sei, aber das +ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um +organisieren zu können; aber er war zugleich ein Genie und haßte alles +Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen +Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, damit nicht aus dem +Organismus ein Mechanismus würde. + +Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein höchstes +Glück findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reißen, für +alle handeln, wie die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie +organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht den +entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ leben. Während Zwingli und +Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte +Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch tragisch +zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung +vorzubeugen. + +Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete +ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch +genial; er entschied immer nach dem einzelnen Fall, immer unter +Miteinrechnung der jeweiligen Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit +und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei +der Einführung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte +sie beweglich und vermied jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das +heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fügte er +nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und nicht immer ebenso +gehalten werden müsse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des +Gottesdienstes sagt er: »Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu +gebrauchen, daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man sie flugs abtue und +eine andere mache; gleichwie der König Ezechias die eherne Schlange, die +doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß +die Kinder Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur +Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des +Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und +gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des +Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als wenn die neuen +Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und +andere gekauft werden. Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut +sie will, so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine +Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr +selbst etwas, wie bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind; +sondern aller Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch; +sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.« + +Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer +Kuppel, entsprechend den drei Haufen, in welche die Menschheit, ein Abbild +der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschließen einen +Bau für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden +muß; einen anderen Bau für die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes +Schwankenden, denen die Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit +sie um der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das Geistesland +wagen; den dritten Bau für diese, die wahren Christen, die freiwillig mit +den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist. +Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des +Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des +genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche +münden, diese wären das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut +versorgt und vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, die +mich mehr erschütterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er +seine Jünger auf dem Ölberge schlafend fand. + +Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen die Einrichtungen +machen, und zwar für sich; tatsächlich verschwinden aber bei uns die +Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben übergeht. »Es kann in +der Welt nur gut werden durch die Guten«, das ist, glaube ich, ein Wort der +Königin Luise. Luther sagte: »Darum ist dem Staate mehr dafür zu sorgen, +daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze +gegeben werden.« Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, Organisationen +zu machen und Maschinen zu mästen, werden wir auch wieder mehr +Persönlichkeiten haben, deren gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein +unpersönliches Volk sind. + +Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan: +der moderne Staat ist das System, das keine Persönlichkeit duldet; denn er +ist ja die Maschine, die schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum +Ersatz für ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an +Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die Übung sie auch wieder +kräftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der +persönlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich +schließlich zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher +Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft werden. Handeln +ist die unmittelbare persönliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur +handelnd bildet sich das selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann. + +Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom für das Aufhören des +unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in +Büchern und Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen +Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei seinen +taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten öffentlichen +Disputationen Ähnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das +Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe +fühlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden. + +So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit +werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch +fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte +sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch +Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und +begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes, +im Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die +Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden, +fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne +Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre +Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die +Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum +lebendigen Ganzen verschmelzen. + +Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben +hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine +religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von +selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden, +weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht +selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit, +wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat. +Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas +Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne +reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen +Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es +wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er +nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war -- denn Zeit und +Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer +-- zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche +fiel. + +Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr +belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel +bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen, +Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen +entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten +in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten +Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem +Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie +sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich, +hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie +der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre +herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste +Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? »Jetzt gib +mir einen Menschen, gute Vorsicht!« läßt Schiller seinen König Philipp +flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der +Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere +naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen +fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas +bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man +kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon +beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu +können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu +regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner +Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich +Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich +lichtbringendes Wort und Chaos sind. + +Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht +erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle +Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in +seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die +Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend +zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um +den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es +Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch +waren. + + + + +XX + + +Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden +wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren +Christen nicht fand, die ihre Spitze hätten bilden sollen, hätte er den +Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt +werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche, +sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche +in dem Gegensatz stehen müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er +hätte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen +müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur +schütze. + +Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur +entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine +solche Kirche gründen, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt, +die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan +hat, soweit es damals möglich war. + +In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott. +Nur er konnte mit Gott verkehren, er hütete die heiligen Örter, vollzog die +Opfer und betete für alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete +Handlung war ein #opus operatum#, das heißt ein Werk, das durch seinen +richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk +vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Möglichkeit des +Zaubers, das heißt die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die +Wirksamkeit bestimmter Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben +nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben +an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke. +Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun +Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob, +wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist. + +Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber dem alten darin, +daß Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen +schreiben will, und daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des +Herrn lehren soll: »Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten +an bis zu den Größesten.« Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert +werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit für ewige +Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit +die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie +voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr +wisse; Christus offenbarte, daß die Gottheit in uns selbst ist, und daß wir +infolgedessen selbst mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder +selbst glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten Sinne +brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wußten oder nicht +an ihn glaubten. + +Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die +Heilige Schrift erklären und das Sakrament austeilen. Sie haben kein Werk +zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben +die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt, +Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine +Mündigkeitserklärung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu +ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und +Unsichtbares, Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es +durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; der Zustand der +katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, daß der Zeremonien- und +Werkdienst Aberglauben geworden war. + +Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche für diejenigen +überflüssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die +Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu +Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen +Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur +nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt +noch eine vorchristliche Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da +sein. Diejenigen, welche nicht glauben können, muß, wie einst, der +Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten. + +Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatsächlich alle nicht +mehr an den Priester und das #opus operatum#; über diese Stufe waren sie +hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die +Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig +seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien +empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte +er, wenn man mit dem bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den +Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, daß jeder +Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott geweihter Mensch, und daß man +Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn +man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der +nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr +ein, und Luther bemerkte bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die +gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen ersetzt +wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es »im Glauben«, das +heißt sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe +um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung +wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um für mildtätig +gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, daß unter den +zu verdammenden »guten Werken« durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern +ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weißt ja, +daß dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfüllte, +ohne Ergebnis und ohne Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie +in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, wie so viele +andere getan hätten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und +Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien +besser, weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, die der +Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflöte. +Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast +kindlich, den der Teufel in seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste +versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand +vollkommen zu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen +dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur. +Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, daß Gott durchaus +nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der +Werkheiligkeit war. + +Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben können, weil sie auf +einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche +auch diejenigen auf, die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert +sind, die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft des +Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers »zweiter Haufen«, soweit er sein +Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die +den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden, +sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu überwinden, retten sich +in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als +wären sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor +einer Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens +fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen Stellvertreter Gottes, der, +mit äußerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafür gibt, die aber in +der Welt als göttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen +Haufen zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis dafür +zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, die den +Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein fürstlicher Hof, der +unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Häufig ist das Katholischwerden für die +Interessanten der höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen +Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen Kirche alle +Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren Mittlerschaft bedürfen, +um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch +Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für +das ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern allmählich +»von einer Klarheit zur anderen« führen lassen wollen. Wenn diese +Stärkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht förmlich einverleibt +sind, so wie Luther sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der +Aufsicht über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist fortwährend den +unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen +Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel, +sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins +werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren Kirche formten, +wären sie die Auserwählten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will, +und läßt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte +Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des +öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und ähnliche +Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele geführt, während +Goethe und Schiller, und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem +Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt +haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung +der wesentlichen Ideen Luthers. + +Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf gegen die +Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war, +daß der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil +seiner Anhänger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der +Kirche wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen könne, wenn er +das Evangelium freiließe und darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes auf +Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte, +selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht haßt, +muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber irgendwie wird er doch +fühlen, daß das Gehaßte dennoch zu seinem Leben gehört, ja, er würde es +sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des +von ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß ihm die +Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt geworden sein. Eine ähnliche +dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller +Gustav Adolfs brachte. + +Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod +bringen; und wirklich hat die Kirche allmählich ihren mittelalterlichen +Charakter abgetan, aufgehört Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu +selbstsüchtig, um zu wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das +glaube ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der +religiösen Gegensätze mit sich bringen würde. + +Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das Unmögliche wirklich +würde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu +wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns +nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche +gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert +betonten die Evangelischen, daß sie die eigentlichen Katholiken wären, die +Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des +Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und +beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche. + + + + +XXI + + +Luther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie nicht von dem +Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte, +sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde. +Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige +Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend gegen die hohe Berufung, +wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort +wehrten. Denn es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten +Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben, +weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod haßt. Luthers persönliche +Sehnsucht ging in den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht der +Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Süßigkeit dieser +Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe +gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist +dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin +vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulösen +und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen +sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar +der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er das Zeichen zum +Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit +geäußert; daraus folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. »Das +Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft.« Gott sollen +wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch öffentlich bekennen. +Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist +keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält, ist +menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die Welt hinaus wirkt. + +Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu +Luthers Zeit als das Verhältnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der +Glaube der Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von beiden +größer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekämpfen, war es +natürlich, daß er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen +Gesinnung, betonte, die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend, +hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach, +selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets hinzu, daß aus dem +Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte +einmal, daß Glaube und Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß +man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die +Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe +gesagt: »Und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte, +und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Luther mißbilligte das +insofern, als es keinen Glauben, das heißt natürlich keinen Glauben an +Gott, ohne Betätigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die +Menschen, weil sie »seines Geschlechts« sind; Liebe ist das Bewußtsein der +Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt +hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den +alle münden. #Plenitudo legis est dilectio#, die Liebe ist des Gesetzes +Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es +auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht +liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes +und Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte. »Und wenn ich alle meine Habe +den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so +wäre mirs nichts nütze.« Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit +die Liebe des Göttlichen in der Menschheit fließt, so der Haß des +Ungöttlichen in Form, Tat und Wort. + +Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so +sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden +Christus als den zürnenden begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß +des Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern verhehlen. +Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kämpfenden +und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefühl seiner Liebe, im +Bewußtsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und +seines Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige +Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. »Christus ist zu einem +Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll«, sagt Luther einmal, »und +viele werden sich an ihm stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und +Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii, +das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten.« Daß +Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, +sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt +Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: »Denn wo der Mann kommt und +sich sehen läßt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an.« Widerspruch +erregt und überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er +vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in der Welt +herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein hinein verkündet er das Recht +der Liebe; der Lüge und Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende, +Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, Gott +ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom +angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott im Ganzen ist, während der +einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als daß die wahren +Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. »Kein Volk auf Erden +muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel und die +schädlichsten Leute auf Erden heißen.« Ja, man erkennt die Auserwählten +daran, daß sie von der Welt gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die +der Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer uns, sowie den +Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten +verhältnismäßig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht +zu erklären, die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der +Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen Werken der Moral +verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat +und sie mit Notwendigkeit betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers +Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges Sichopfern +für die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der +Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie +man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen +macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und genießt sie, der Buddhist +oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint +sie zugleich, das heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte +seines köstlichen Lebens damit zugebracht, »Mansfeldische Säuhändel« zu +schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von allen, nach dessen +Beilegung er starb. Er war der Beschützer aller Schwachen und Unterdrückten +ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man aus +Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor +allem an seine kursächsischen Oberherren. Es ist, als höre man Gott selbst +sprechen: gütig, langmütig, wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen +streng und blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen +Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es bleibe kein Stück von ihnen +übrig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel +unerschöpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure +Arbeit, die ihm durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde, +bewältigte; in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht. +Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es +einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, daß das, was sie +Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer +gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, hassend +gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. Der schwerste Kampf ist +eigentlich gar nicht der gegen das Böse; sondern der gegen die menschliche +Trägheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde +das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. »Wenn du +über das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr, +Skandal, Unruhe geführt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus +dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg, +ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und wie ein Bär auf der Straße und +ein Löwe im Walde.« So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan +des Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicher Art +umgehen wollte. »Hüte dich zu glauben«, schrieb er demselben, »du könntest +Christus in der Welt fördern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem +Blute gekämpft hat wie nach ihm alle Märtyrer.« Die Welt zieht deshalb den +stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit +verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt, +würde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur +hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das +Größte ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es mit +seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber »es gehört dazu ein +trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu +sagen«. Die meisten Kämpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie +nicht aus Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und +persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen +von göttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden +waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem er +das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie nach und wollten +die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun, +andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und +es war nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, denen es +immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war; +aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer +gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn +wandte, und wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige Liebe +bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im Abendmahlstreit: »Welchem +Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich für den +Mann leid ist.« Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht +fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern, +wie bedeutend er auch sein möge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch +keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat. + +Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend, +weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er +nannte sie Enthusiasten, Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott +nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie +betätigen müßten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie +deshalb nur zu schwärmen und zu flattern brauchen. »Ich hasse die +Flattergeister und liebe dein Gesetz«, sagte Luther mit David, das +göttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der +unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles +Frommtun im Winkel, das Pochen auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel, +die Heiligkeit und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung +vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern +und ähnlichen Sekten fand, flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch +wenn es zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen, +wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in +Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. Aber auch die Mystik feiner, +gutgesinnter Menschen bekämpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl +von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin je +nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und +Eintreten für seinen Glauben. + + Selig, wer sich vor der Welt + Ohne Haß verschließt. + +Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt +weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen +das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr +zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung +an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu +nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der +Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die +Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des +Sichabsondernden und seine Strafe. + +Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh +hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an +einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die +nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich +geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte +das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es +ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere +Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen +Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in +Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas +Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von +ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: »Und wenn ich mit +Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre +ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.« Sie wären wohl auch +niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten, +und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen +Klima nicht aussetzen. + +An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu +persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den »Heuchlern und +Gleisnern« die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist, +und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran +durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und +witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die +Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit +oder Angst vor dem Kampfe. + +Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der +Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende +dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber +solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten, +der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert, +um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen +Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte: +»Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider +was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen +(1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen, +daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig +ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht +furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch +nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen +und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem +Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und +wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.« + +Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav +Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. »Ein Christenleben soll ein +Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen, +das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen, +gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten +Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.« + +Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in +Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein +zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz +ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind +sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an +die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes +vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die +Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben, +unter anderem Defoe: »Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf +der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen +beiden Händen auf die Knie herabgeneigt«; und er erkannte es als die +embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt +versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt +herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie +zwischen den Händen hin und her rollte: »Sie scheint zu denken, daß dies zu +etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt, +als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig +da.« Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das +Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu +klatschen. »Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art +Ergreifenderes gesehen«, erzählt Dickens, »als da man sie neulich in die +Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im +Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und +hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller, +ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen, +als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft +erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr +verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.« Ich mußte an das Bild +denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit +daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das +schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des +ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das +eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden +ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit +Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und +furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann +auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen +Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so +erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch +in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von +den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu +reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte +nach das Leben Luthers. + +Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen +Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen in die christliche +Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die +christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja, +Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung +der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das +Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht. +Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem +vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut +vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie +Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der +Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß +reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich +es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl +ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein +Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den +ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt. + +Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich. +Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das +Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in +Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein +großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht +rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren. +Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn +erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht +für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren +Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns +getrieben fühlen, uns anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don +Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die +modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen, +zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther +lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht +mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir +nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen. + + + + +XXII + + +Einer von den neuen Bibelübersetzern hat herausgefunden, daß Luther den +Spruch, es werde eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein +Reicher in das Reich Gottes eingehen werde, falsch übersetzt habe, indem +das betreffende Wort nicht Nadelöhr, sondern eine besondere Tür, ich glaube +eine niedrige Stalltür heiße, durch welche ein Kamel allenfalls, wenn auch +mit Mühe, sich zwängen könne. Dies erzählte jemand in einer Gesellschaft +nicht ohne Genugtuung und mit einer gewissen Schadenfreude, daß +seinesgleichen durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn er etwa +hinein wolle. Ich finde, man könnte immerhin beim Nadelöhr bleiben, das am +anschaulichsten ausdrückt, was die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers +war, daß es nicht unmöglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten sei, +wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man muß nur bedenken, daß das +Reich Gottes das Reich des Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche +der Welt, dem äußeren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie Äußeres und +Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die Welt verdichtet, +insofern man für Geld die äußeren Güter haben kann, und Geld ist also schon +ein Ausdruck dafür, daß jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein +Ergebnis, ein Aushängeschild der Welt, das beweist und nicht erst noch +bewiesen zu werden braucht. Es beweist, daß, wenn nicht der Reiche selbst, +so doch seine Eltern oder entferntere Vorfahren Weltmenschen waren, und daß +seine eigene Neigung zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, daß +seine weltliche Erbschaft dadurch beeinträchtigt würde. Letzteres ist auch +aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum wird auf einem Höhepunkte der +Kraft erworben, die bei den Erben schon nachzulassen anfängt; es kann +demnach in der Regel nur ein geringes Maß von Kraft auf die Erwerbung der +geistigen Güter verwendet werden. Auch vererbt sich die weltliche Begabung, +welche den Vorfahren zu Erfolgen in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem +negativen Sinne, daß die Flügel, deren der Geistesmensch bedarf, durch +langen Nichtgebrauch lahm geworden sind. + +»Niemand wickelt sich in weltliche Geschäfte, der göttlicher Ritterschaft +warten will«, sagte Paulus. Es ist unmöglich, daß jemand, der stark im +Geiste lebt, im Kampfe um äußere Güter siegreich sein, überhaupt sich in +ihn ernstlich einlassen wird. Und »wo Christus ist, da ist auch Armut«, +sagt Luther. Verdient ein Auserwählter etwa auch Geld, so wird er es doch +nicht festhalten können, da er zum Geben, Mitteilen und Verschwenden +überhaupt geneigt sein wird. »Wer liebt, verschwendet allezeit.« Es wird +aber auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt bezahlt nur, +was ihr nützt, die Wahrheit nützt ihr aber durchaus nicht, steht eher im +Gegensatz zu ihr oder geht sie nichts an. Erst wenn das Göttliche +verweltlicht ist, wenn die Idee irgendwie für weltliche Zwecke ausgebeutet +werden kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr zu +leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus jetzt ohne +Ausweis, der seine Identität feststellte, so würde er wieder gekreuzigt in +irgendeiner Form, obwohl die Welt sich nach seinem Namen nennt. + +Luther sagte nun allerdings, es könne wohl auch ein Reicher ins Himmelreich +kommen, wenn er nämlich geistig arm sei, das soll heißen, wenn er seinen +Reichtum so habe, als habe er ihn nicht, als könne er ihn jeden Augenblick +verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeinträchtigt zu werden. In den +Händen solle das Gut sein, nicht im Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist +es aber nicht im Herzen, so wird es auch leicht aus den Händen fließen. Und +wie sollte jemand, der die Möglichkeit hat, die Welt zu genießen, nicht +dazu verlockt werden, es zu tun? Das würde auf einen Mangel an Kraft und +Genußfähigkeit oder an ein Überwiegen der Moral, also auch wieder auf eine +geistige Hemmung deuten. Genießt einer aber die Welt, so wird er dadurch +allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. Ganz besonders wird einem +göttlichen Herzen durch die Hilfsbedürftigkeit derer, die kein Geld haben, +überflüssige Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden. + +Es empört mich, wenn man mit einer gewissen hochmütigen Nachsicht über die +Unordnung urteilt, die in den Finanzen des alternden Rembrandt herrschte. +Es geht gegen die göttliche Logik, daß ein Genie ein guter Haushalter ist; +ist es doch einer, so gehört das zu den Freiheiten, die Gott sich seinen +Gesetzen gegenüber herausnimmt. Goethe wird deswegen von allen Weltmenschen +auf den Schild gehoben, weil er zu beweisen scheint, daß man Weltmann und +Genie zugleich sein könne; und es ist gewiß, daß er einer von den +»hochgeistlichen« Menschen war, wie Luther es ausdrückte, die sich tief in +die Welt verwickeln können, ohne ihren göttlichen Geist dabei einzubüßen. +Andererseits beruht dies Phänomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer +Selbstbeschränkung, auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermöglichte die +Erscheinung eines vollständig abgerollten, auf allen seinen Stufen +mustergültigen Lebens, das bewundernswert ist, aber nicht bewundernswerter +als ein kürzer zusammengedrängtes und schneller verschwendetes wie das von +Shakespeare, Beethoven oder Luther. Es ist wahr, daß man auch in weltlichen +Dingen, ich meine in weltlich fördernden Dingen, von Goethe lernen kann; +aber braucht man ein Genie dazu? Wenn nur das Göttliche mit ihm erscheint, +das niemand lernen kann, das aber überspringt und zündet wie der Funke von +der Flamme. + +Luther hätte sehr reich werden können, mir scheint, einer der reichsten +Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt doch keinen Schriftsteller, der +so gelesen worden wäre. Er hielt aber daran fest, kein Geld für seine +Bücher zu nehmen, und lebte von einem dürftigen Professorengehalte. Einmal +hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen bekennen, Schulden. Er +nahm alle Zufluchtsuchenden bei sich auf, beschenkte alle Armen und +Bettler, wenn er sonst nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die +ihm zuweilen verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein Bauer gewesen +und habe keine Bedürfnisse gehabt. Jeder geniale Mensch hat eine starke +Sinnlichkeit, sieht gern Schönes, liebt Wohllaut, süße Gerüche und +Wohlschmeckendes. Die Frömmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen +wollten, machten es Luther zum Vorwurf, daß er die Laute spiele, Hemden mit +bunten Bändern trage, Bilder in seinem Zimmer hängen habe und gern guten +Wein trinke. Er hatte sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrauß +mitgenommen und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er für seine Person +anspruchslos und konnte mit dem Apostel Paulus sagen: »Ich kann niedrig +sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, +beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden.« + +Mir scheint, es wäre nicht so durchaus zu beklagen, wenn der Krieg zu einer +Verarmung Europas führte; vielmehr ist vielleicht gerade das mit der Zweck +des Krieges, aber nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite +eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands durch den +Dreißigjährigen, den verheerendsten aller Kriege, gesprochen; in +Wirklichkeit hat er nur die Armen ganz arm, die Reichen hat er reicher +gemacht. Auf dem Lande namentlich und auch in den Städten war Dürftigkeit, +an den Höfen war Überfluß sondergleichen; Reichtum und Armut waren also +sehr scharf voneinander geschieden und bildeten einen starken Gegensatz. +Auf der einen Seite war äußerste Selbstsucht und Genußfähigkeit, auf der +anderen Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen Herzen der Gequälten +wuchs die Musik Bachs, ein Baum des Lebens, tropfend in allen Zweigen von +Unsterblichkeit. Gott ist #consumens et abbrevians#: es wird unendlich viel +Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schönheit und Wahrheit, in +die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses hatten die Armen den Glauben. +Wie mochte jenen evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde +zu schützen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und niedergestochen +wurden und mitten im Sterben beteten: Ich werde nicht sterben, sondern +leben! Die Ungläubigen verlachten das, da sie von dem Leben, das jene +empfanden, nichts wußten. Armut ist nur unerträglich für Gottlose und in +gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen Zeiten die +Wohltätigkeitsbestrebungen der Heuchler und Gleisner, die die Armen nicht +wahrhaft beglücken können, was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist; +sondern der ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Genüsse +dadurch von jeder Einschränkung zu befreien. Die wohleingerichteten +Arbeiterheime und dergleichen muten an wie Friedhöfe, wo das Lebendige +vermodert; ausgepumpte, luftleere Räume, wo die Menschen zu Mumien werden. +Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, als daß der +Krieg es wieder zum Chaos stampft. + +Ich brauche, denke ich, nicht zu erwähnen, daß Luther weit entfernt war, +den Müßiggang zu loben. Seine eigene Tätigkeit schildert er in einem Briefe +einmal so: »Ich brauche beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast +nichts den Tag über als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich bin +Prediger bei Tisch, man begehrt mich täglich zum Predigen in der +Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, ich bin Ordensvikar, das +ist soviel wie ein elffacher Prior, ich bin gesetzt über den Leitzkauer +Fischteich, ich bin Sachwalter der Herzberger Mönche zu Torgau, ich lese +über Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu kommt das +Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine Gebetsstunden ordentlich zu +feiern, neben den mir eigenen Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel; +sieh, was ich für ein müßiger Mensch bin.« + +Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des ärgsten Unglaubens +bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, allerdings ein Beweis des +Mißtrauens in Gottes Kraft oder Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine +Form, in der die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im Sparen +und Geizen äußert sich mehr die Sucht nach Ruhe, die Angst vor Widerständen +und dem Kampfe dagegen. Überwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt +zum Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gänzlich dem Kampf +entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche Fälle pflegte Luther mit den +Worten abzutun: lasset die Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine äußere +Hemmung, die nicht weggenommen werden kann, ohne daß innere, viel +gefährlichere Hemmungen eintreten, deren letzte der Tod ist. + +Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, daß der Mensch im +Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Mit Hinblick auf dies +Gebot bekämpfte Luther unter anderem das Mönchsleben, wo der einzelne zwar +Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu entziehen. In den +Tischreden sagt er: »Am sichersten ists, daß einer in einem gemeinen Stande +sei und lebe, wie auch Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer +gemeiner Mann, gelebt und kein sonderliches Leben geführt hat. Nicht in +Winkeln und Kammern.« Das wiederholt er an anderer Stelle und gebraucht +dabei den Ausdruck, Christus habe nicht wie ein Unhold gelebt. + +Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für Auserwählte halten, +vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit zurückgezogen. Sie heiraten +nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des +Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen zu werden, +sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille von Schlössern und +Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und schwach sein, das solche +Schädlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt +wird. + +Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im Mangel eine äußere +Hemmung gesetzt ist, die leichter zu überwinden ist als diejenige, die der +Überfluß ins Innere treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten, +wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäre aber nicht +eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe stellte, die Welt +ganz zu erleben und dennoch zu bändigen. + +Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Völkern: sie haben +ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie +auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur muß man nicht glauben, daß man +beides zugleich sein könne. + +Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, es sei gewiß wahr, +daß das Leben nicht im Denken oder Träumen, sondern im Wirken sei, und es +sei sonderbar, daß die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten, +unter der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn +sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß sie dadurch des Kampfes +ums Dasein überhoben wären. + +Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich +der Menschen bemächtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die +Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe +abgelöst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie +Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit +dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst +wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die +Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung des kraftvollen, +arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflösung mehr und +mehr befördert, hat die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter. +Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er führt nur die +materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft #ad absurdum#; ein +verjüngtes Leben, dessen Wesen schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf +Naturalwirtschaft begründet sein. + +Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie +tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen +haben, werden wir wieder fliegen können. + + + + +XXIII + + +Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war, +erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet hat, wie es die +unwillkürlichen Vorgänge im Menschen stört, wenn man die Aufmerksamkeit +darauf lenkt. Das geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu +gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie das Sprichwort wohl +weiß: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Nietzsche +bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst +erfahren, daß eine gewisse »feurige Pressiertheit« dem Erfolge im Wege +stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich besonders nachdrücklich auf +die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer +zutiefst weiß, daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein +anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann. +Wie dem auch sei, man muß Gott »Raum lassen«, man muß überhaupt die +selbsttätigen Kräfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht +auffressen. Man muß in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im +Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen +von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie eines Tages ganz +abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, daß nur wer gehorchen +gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird +keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen, +die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen ist; nicht die +Ruhe der Erschöpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das +köstlichste und unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der +Schlaf: tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht täglich +neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenüber göttlich, und +so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenüber: er ist der tiefste Brunnen +der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und +jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel +tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird +tiefer auflösen, tiefer verwandeln. + +Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung von der +Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen +Substanz, gemacht? Diese Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können +das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind +auch keine Personen, sie sind und haben nichts für sich. Wenn eine Amöbe +sich teilt, so ist es unmöglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die +Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz +selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die +Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine +Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und +schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind. +Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals +zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott: #Qui solus habet +immortalitatem# -- Der allein Unsterblichkeit hat. + +Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl +bekannt; er drückte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht +sterben. Ebenso hat die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft +gepredigt, daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft +ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist die große Tragödie des +Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen +Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht. + +Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, und daß nur die +göttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der +Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich +dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann doch +die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger ausdrücken, als +diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die +Schönheit des verhältnismäßig unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir +heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus +konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen Todes Erlebnis werden. + +Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, daß er nicht +einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde +bist du genommen und sollst wieder Erde werden. »Ach, wenn Adams Fall nicht +alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur Gottes wäre doch +der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich +hätte er gelebt ohne alle Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne +alles Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche Leben +abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wäre eine +feine, lustige Veränderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in +diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten +entworfen und abgemalet hat.« + +Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir nicht sterben; aber +gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es +uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu +wissen, ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel und +der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels herauslesen, in welchem +sie persönlich weiterleben dürfen. + +Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche Zustände. Schon in +den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Sätze +auf: »Ist ein Sterbender von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine +Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise große Furcht, und +zwar um so größere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind +an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie +dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, unterscheiden +sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln +und des Heils gewiß sein. Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer +Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.« + +Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den +sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: »Denn wenn der Mensch sein +[inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die +Hölle in sich selbst.« Dementsprechend über den Himmel: »Alle diese Güter +sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat +viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in +sich den Glauben an Christum ... Denn wenn ein Christenmensch dasselbige +Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, +wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die +Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den +Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große +Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor +überschwenglicher Gnadenfülle.« + +Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches Gottes, daß es nicht in +äußerlichen Gebärden stehe, daß es inwendig in uns sei, sind bekannt; und +wie er den Juden vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche +Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut. +Dies ist so klar und oft betont, daß die Menschen, die sich ein Studium aus +Gott und den göttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise +eingesehen haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres +Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den +Sinnen Ergreifbares, teils außer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat +man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines +umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern des +Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther nicht tat. Und doch +hat gerade Luther immer hervorgehoben, daß die Alten in weltlichen Dingen, +die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit überlegen waren, in allem, +was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, was Kultur +betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er ihnen unbedingt ein; was er +ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren +Persönlichkeitsbewußtsein, den inneren Spaltungen und der überwindenden +Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine +verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich große Männer und edle Frauen +im Gespräch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte +vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon +abgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus, +welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, während Luther +einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die +Seligkeit des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der zwar auch +unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem +bewußten Selbst schafft? Kann das Gefühl des naiven Menschen so innig sein, +wie das dessen, der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens +hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hölle +abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von außen sieht, nicht +auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen +auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu +brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit +wie der christliche Märtyrer, der, während sein Körper brannte, über sich +den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren +Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen, +des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen +Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, wenn er sie ganz erfaßte, ahnte +Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was für Probleme +Luther stellte. + +Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren +des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner öfters gesagt +wird, daß Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich, +daß doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der +Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, daß die Menschen +geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas +der Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlich zumeist +wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache der großen Dichter, denen +wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der +Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitel +#verba allegorica# wären. Das geht auf das Blasen der Posaune und das +Hinaufgerücktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas +anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die +natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man +würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von der Auferstehung des Leibes +und nicht von der Auferstehung des Fleisches spräche; woraus hervorgeht, +daß es sich für ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen +handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum +Beispiel an der Stelle im Evangelium, daß Christus, obwohl er voll +göttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er +war, heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die +vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte +Luther einmal über Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der +christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprüngliche +Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begründen, aus +Instinkt vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. Doch +spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero, +und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: »Daß er aus dem, daß die +lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm ähnlich +und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein Gott sei.« Gott ist +die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. »Ich bin, der sich +nicht verändert.« + +Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und gar im Stoffe, +ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät außer der Erscheinung, das +Ding an sich, ist ein bloßer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit +wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen, +sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar +und schön auseinandersetzt, in einer anderen Körperlichkeit, als die +unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte +Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine +Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon während seines +persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich und unwandelbar ist, +soweit bleibt er auch in jener ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur +wir nichts aussagen können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich +nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme +persönlicher Fortdauer, während der Christ glaubt, daß nur die Substanz +unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an +die Möglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts +als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, auch +wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung oder Selbsttäuschung. + +Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee eines Bildes hat, +seines Ebenbildes; denn welcher Künstler schüfe im Grunde jemals etwas +anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen +Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte +Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz und gar; +trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer +gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist +mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper, +wie sie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt war, Gott +zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus; +soweit wir Christus anziehen, das heißt sein Gottesbewußtsein teilen +können, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus +zahllosen Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist +und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen Farbentupfen +lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung näherte, +desto mehr sich des ganzen Bildes bewußt werden, vollständig aber erst +könnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee +des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben, +wenn sie sich mit ihm identifizierten. »Es fährt niemand gen Himmel, denn +der herabgefahren ist, Jesus Christus.« Die Idee allein ist ewig, wir +können nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum +wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir das ewige Leben +haben wollen, und daß das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen muß. +Nicht daß wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste, +wenigstens nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen werden, +denn dadurch werden wir »Mitgenossen der göttlichen Natur«. Diese +Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, daß +Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie +an ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der Menschheit +Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi Auferstehung täglich sich +vollende, wenn wir hernach kämen. »Denn Christi Auferstehung und unsere muß +man zusammenbinden und aneinanderhängen als für eine, weil er unser Haupt +ist.« Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen: +die Menschheit ist in ihm verewigt. + +»Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf +und nieder«, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem +Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall +gegenwärtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches +ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß er aber nie +aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des Auffahrens nach oben sich +unwillkürlich einstellt, kommt daher, daß der Mensch das Maß aller Dinge +ist, und daß das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich +offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem +Körper oben liegt. + +Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige Unsterblichkeit, und ich +gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts über den Verlust des +Persönlichen trösten. Luther selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod +für die größte Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit +seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern +und verachten, dann wieder mit wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie +man Schlangen tut mit Musik. + +Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivität, hätte die Welt vernichten +müssen, wenn sie nur leidend gewesen wäre; er habe deswegen eine Aktivität +in sie gesetzt, die seine eigene hemmte, und habe sich dadurch ermöglicht, +trotz beständigen Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem +ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. »Ich sage +euch ein Geheimnis«, sagt Paulus, »wir werden nicht ganz entschlafen, +sondern wir werden verwandelt werden.« Dies Geheimnis eröffnet eine +fabelhafte Aussicht. + +Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Künstler zu denken, der +inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, ewig etwas Neues +ausgießt aus den Ideen durch das Werk. Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja +Schaffen, und im selben Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet +hat, beginnt er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch +persönlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. »Ich bin bei +euch bis an das Ende der Tage.« Insofern hatte Nietzsche recht mit der +Mahnung, wir sollten den Alp von uns werfen, als wären wir Epigonen. Die +Menschheit ist immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie +Christus immer zugleich künftig und vergangen. Zwar gibt es immer irgendwo +Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorläufer. Daß Christus wiederkommen +werde, ist in der Heiligen Schrift ausdrücklich gesagt; nur hebt das den +Christus, den wir aus der Schrift kennen, nicht auf. + +Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe wie die +christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. Es ist sehr wohl +möglich, daß Nietzsche darin nicht von Luther beeinflußt war, denn Ideen +offenbaren sich nicht nur einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben +seine schönen darauf bezüglichen Phantasien dem Wesen nach große +Ähnlichkeit mit denen Luthers in den Tischreden. »Dieser Finger, daran +dieser Ring steckt, muß mein wieder werden«, sagt er da. Und die Erde werde +nicht leer, wüste und einödig sein, sondern alles werde da sein, was dazu +gehört, »Schafe, Ochsen, Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder +Luft nicht sein kann«. Indessen nahm Luther bei der Restitution der Dinge +doch eine Veränderung an, wie er denn sagt, auf dieser neuen Erde werde +Gott Hündlein schaffen, deren Haut werde golden sein und ihre Haare oder +Locken von Edelstein. Das Wesen der Veränderung soll aber nach seiner +Auffassung offenbar im Menschen liegen. »Denn ein Herz, das voll Freuden +ist, was es siehet, das ist ihm alles fröhlich; aber ein traurig Herz, dem +ist alles traurig, was es siehet. Änderung des Herzens ist eine große +Änderung.« Er pflegte oft zu klagen, daß er schwach im Glauben sei und +darum so wenig vermöchte, während der wahre Christ in Gott allmächtig sein +sollte. In einer Vermehrung der Kraft sollte wesentlich die Seligkeit +bestehen. »Wenn ich werde zum Ziegelstein sagen, daß er ein Smaragd werde, +so wirds von Stund an geschehen.« Luther hatte viele Augenblicke im Leben, +wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, so wie die Griechen aus ihrem +schäbigen Purpur die Götterfarbe machten. »Änderung des Herzens ist eine +große Änderung.« In einer Kräftigung des Herzens liegt jede Vergöttlichung, +und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen Himmel und eine neue Erde +schaffen, viel weiter und breiter als heute, so wird er das auch nur durch +Erneuerung des Herzens tun. + +Ich erwähnte vorhin, daß Luther den Heiden die Seligkeit absprach. Doch +äußert er sich gelegentlich auch anders, so in den Tischreden über Cicero: +»Cicero, ein weiser und fleißiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich +hoffe, unser Herrgott werde ihm und seinesgleichen gnädig sein. Wiewohl uns +nicht gebührt, das gewiß zu sagen noch zu definieren und schließen, sondern +sollen bei dem Wort, das uns offenbart ist, bleiben: >Wer glaubet und +getauft wird, der wird selig<; daß aber Gott nicht könnte dispensieren und +einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Völkern; da gebühret uns +nicht zu wissen Zeit und Maße. Denn es wird ein neuer Himmel und eine neue +Erde werden, viel weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl +einem jeglichen geben nach seinem Gefallen.« + +Das sind Phantasien über die Einheit des Menschengeschlechtes, wie Luther +auch gern über die Zugehörigkeit des Tierreichs zu den Menschen, ja, über +die Einheit der ganzen Schöpfung phantasierte. + +Gewiß ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im Feuer. »Der Herr unser +Gott ist ein verzehrendes Feuer.« Das Feuer, Gott in seiner Majestät, wird +am Jüngsten Tage alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er +wird sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, der zugleich +Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er alles wiederbringen so wie es +war? Gibt es ewige Höllenstrafen? ewige Vernichtung dessen, was einmal war? +Das sind Fragen, über denen Luther wohl einmal träumte, um sich schließlich +doch gläubig der allmächtigen Gotteshand anzuvertrauen. Er hatte ein +bewundernswert feines Gefühl für die Grenze des Allerheiligsten, jenseit +welcher das heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten ihn +dort zurück, und er verbot eindringlich, darüber zu grübeln, was Gott mit +den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich sagte er hingegen, was er +nicht glaubte, nämlich eine Fortdauer der Person; ist doch Erweiterung, das +ist Überwindung des Persönlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem +sagt, daß dieser selbe Finger ihm wieder werden müsse, so ist das wohl +nicht so aufzufassen, als werde er wissen, daß dies der Finger Martin +Luthers sei; sondern es bedeutet, daß alles, was erschienen ist, stets +wieder erscheinen müsse, als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im +Werdenden. Jedenfalls gibt es kein gröberes Mißverständnis, als wenn jemand +sich einbildete, er wäre der wiedererschienene Martin Luther oder der +wiedererschienene Christus. Für uns kann es keinen anderen Martin Luther +geben als den historischen und keinen anderen Christus als den +historischen; fühlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, daß +die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig sich verändernden +Körpers, daß es aber doch unzertrennlich mit ihm verbunden ist. + +Der Schauder der Frühe überläuft die Erde schon; doch bitte ich dich, mir +noch ein Weilchen zuzuhören: es ist süß, den Abschied hinauszuschieben, +indem man vom Abschied plaudert. + +Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich zum Stoffe und im +Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine Strahlen zurückwerfen kann, +damit Gott seiner bewußt wird, sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern +muß sich vom Ganzen absondern, sonst wäre er ja Gott selbst und könnte Gott +sich nicht in ihm spiegeln: er hüllt sich in eine Kruste oder Haut, die ihn +vom Nicht-Ich abschließt, zugleich aber mit dem Nicht-Ich verbindet. Die +Haut ist reizbar, empfindlich; als ein Teil der Einheit, die in der +Vielheit erscheint, ist das Einzelwesen berührbar durch die Kraft, die in +zahllosen anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch +welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt sich +allmählich auf verschiedene Zonen: der Mensch empfindet die Außenwelt nicht +nur mehr als Ganzes, sondern er sieht, er hört sie, er schmeckt, riecht und +fühlt sie. Mit der Zeit aber, im Maße, wie das göttliche Feuer, welches das +Einzelwesen für sich von der feurigen Gottheit zugeteilt bekam, verbraucht +und verwandelt wird, erstarrt die Kruste und wird mürbe; die Haut wird +runzlig, der Körper zerfällt. Wenn das Gehäuse, durch welches wir von Gott, +dem Ganzen, dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden Welt +verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung mit der erscheinenden +Welt abgerissen, wir sind wieder eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind +wie Prinzen, die aus ihrem Königreich verbannt wurden. Damit man nicht +erkennt, welchen Geblüts sie sind, tragen sie eine schützende Maske, bald +diese, bald jene, und es kann vorkommen, daß sie in einem Kostüm heimisch +werden und die Krone und den Purpur, der ihnen gebührte, fast vergessen. +Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen dürfen, um ihre +königliche Herrlichkeit anzulegen, um die bunte Maske traurig sein, die sie +in der Verbannung vermummte? Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so +schön sind, daß der Gedanke an ihre Vergänglichkeit mir das Herz zerreißt. +Aber kommt das vielleicht daher, daß ich diese durchsichtigen Verkleidungen +liebe, durch welche der Stern, der die göttliche Abkunft verrät, +verhängnisvoll hindurchscheint? Schon erfaßt sein strenges Feuer das +farbenselige Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; das, was +unerreichbar über allem Irdischen steht, wird gegenwärtig. Das Vollendete +macht glücklich und traurig zugleich; trotz der morgendlichen Helle kann +ich dich nicht sehen vor Tränen. + + + + +XXIV + + +Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube +auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das +Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug +entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es +entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe +häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere +dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl +nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an +der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem +Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun --, denken wollen, was wir +glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich +etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht; +da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und +Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum +endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung +weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube +beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung +durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein +Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe +herbeigekommen! Wie schön ist dieses »denn«! Wäre das Himmelreich nicht +nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße. + +Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den +alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt, +was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten. +Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf +einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des +Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine +Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das +Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht +ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er +konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte +auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht +konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte +die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten. + +Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der +Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit +der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen +Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die »mehr als tartarische +Verwirrung« zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz +verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der +Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch +eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und +tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug +auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich +zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen +dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott +sprächen wie der Schuster vom Leder. + +Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus »rohen +Bauern und einfältiger Jugend« und Männern, die überwiegend mit Verstand +begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im +Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit +und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom +Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch +halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu +können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er +ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und +beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: »Das weiß Gott, ich schreibe +solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue +kommen.« + +Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am +dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten +versteht und deswegen am meisten haßt? + +Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung +verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen, +Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf +die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an +den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es +buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren +Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen +Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal +derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen +Fingern zu berühren. + +Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte +sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die +Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte über die +göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht +spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und +mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen. +Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß +das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein +Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er +immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion +Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das +Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein +Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin, +losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld +war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten +hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und +damit Gott aus der Welt schafften. + +Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem +Wort und Werk suchen. »Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich. +Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht +ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht +finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem +Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel +dafür, der will auch Gott sein.« + +Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen: +sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort. + +Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der +Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen +oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener, +willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit +der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus +folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines +adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden +könne. + +»Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da +sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo +hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten +will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur +Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen +Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott +geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist, +daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben +erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und +soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi +üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen +nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a +gloria.# Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit +verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden +sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und +versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn +solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist +er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon +gericht.« + +Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht +Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes +erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte +Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung +das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen +Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes, +womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist +Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem. +Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen, +höchstens zu seinem Schaden; aber »der Geist erforschet alle Dinge, auch +die Tiefen der Gottheit«, wie es in den Korintherbriefen heißt. »Der +natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit +und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der +geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.« + +Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren über die Absichten +Gottes in der Führung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge, +warum einem Bösen gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse, +warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der +Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen +Luthers davon waren, was Gott überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im +Grunde doch alle einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat, +für ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu +sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermögen zu +hinterlassen. Er war der Gott des großen Haufens, der für Erhaltung jedes +einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, zu sehen, +wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll +Besorgnis, sie könnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war +ihm lächerlich, daß die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den +allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, daß +ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig sein könnten; aber er +unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, daß er das alles wohl auch noch +überflüssig dazu gebe. Er erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide, +gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten, +sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, daß es einem gut und +dienlich sei; aber er wußte, daß die »verkehrte Art« Wunder und Zeichen +verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß +der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott müsse +doch den Weltlauf ändern können, wenn er allmächtig sei. Er erklärte, wenn +geschrieben stehe, daß Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu +verstehen, als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf ihre +Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie +innerlich und im Geiste über die Hohen der Welt erhoben würden. Er suchte +stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue; +aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige +gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer +persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder +von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei +anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder +in Staunen und Schrecken setzte. »Darum«, sagte er, »wenn wir der Gottheit +gedenken, so müssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott +und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und Raum.« Immer wieder +stieß er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich +vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflösten. + +Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann, +in dessen kraftvollem Ich das göttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in +kraftvollen Zeiten, wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich und +das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: der Mann +erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit +der Phantasie. Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft +sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß Gott in jedem Menschen sei, +so erregte das grobe Mißverständnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie +man sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die Verbindung des +einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu +sprechen ist gefährlich. + +Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte Weltbewußtsein +wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders +Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte: +»Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. -- Und +warum keine? Aus Religion.« Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch +war auch seine Überzeugung: »Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich +glaub ihn? Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd +Himmelsglut.« Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot +überkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, daß +Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther +mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und +nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das +Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder +Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden +Kunst muß die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort, +in der Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen jeder Tag und +jede Erscheinung göttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den +Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit +diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und überall +anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun, +und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde. + +Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Späteren doch am +nächsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In +seinem Märchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und +der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen +Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. »Ach! warum steht der Tempel +nicht am Flusse!« Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an +das Licht des Tages auftauchen. + +Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, das Innere am +Äußeren zu demonstrieren; das war nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu +seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben +aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen übergehen +könnte. Die Idee, Gott in seiner Majestät, wird immer im heiligen Dunkel +bleiben; aber die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr +mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und je besser man das +erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trägt. Da die Form, in der +eine Idee sich ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so +muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu +betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nähert man sich +Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch +das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die +Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg +bereitet. + +Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug +auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen großes Herz Geist und +Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein, +weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der mittelbare +Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit mußte die Möglichkeit dieses +mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben +wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen +Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom +umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder +ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal +geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter über den göttlichen +Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher, +sondern ein Geistmensch. + +Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in +dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis die Götterbilder, und die +altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der +romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn +sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einließ, die ihre +Mauern auflösten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des +Barock und Rokoko ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste +in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit fehlte, wie in der +reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose +Nüchternheit des bloßen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum +Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, das +ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das Dunkel heiliger +Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides zusammenfallen kann, daß +»die wahren Göttersöhne« unter den Sternen anbeten, daß die sichtbare +Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen +zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen +Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den +er vor allen liebte. »Obwohl mein Name verhaßt ist, so daß ich fürchten +muß, daß dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher +von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur +Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt sehe, diese +Furcht überwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief +nicht Gefahr bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, wenn +einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe ich doch auch deine +bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir gar nicht gnädig sind, und verehre +sie vor andern, weil sie die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein +Zweifel, daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die Musik +lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen und Steinen für +ähnlich.« So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo +er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und +Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt +nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie +oder was für eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast +sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin +es will. + +Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? Mir scheint, nur +das, daß die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mächtig auf die Erde +gründen, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre +Diener, Christus ihr Haupt. + +Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Götterbild, das sie +verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der +Schöpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es +bleibt noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu +antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die +Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen: + + Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich, + So bist du alles, bist unüberwindlich. + +Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein häßliches +Gegenteil um, wenn man es bewußt sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit, +Naivität. Ich müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles +geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine Masse vermehren. +Das wäre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als +Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die +Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß du ihrer bedarfst; +ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel +sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst +jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu +betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der sicherste zum Ziel ist. + +In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein +Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden +Scheherazade verzeiht. Darüber mußte ich immer lachen, denn es schien mir, +als hätte er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie +ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und so bittet denn +auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr +den redseligen Mund endgültig schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist +die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die +summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du! + + + + + * * * * * + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + Seite 12: »Math. 21, 31« wurde geändert in »Matth. 21, 31« + Seite 48: »Jede antikisiernde Kunstrichtung« wurde geändert in + »Jede antikisierende Kunstrichtung« + Seite 51: »Diesen Umstand, daß die Natur« wurde geändert in + »Dieser Umstand, daß die Natur« + Seite 141: »nie ein lebendiges Ganze werden können« wurde geändert in + »nie ein lebendiges Ganzes werden können« + Seite 144: »consumans et abbrevians« wurde geändert in + »consumens et abbrevians« + Seite 160: »um nur an die Ungegelehrten« wurde geändert in + »um nur an die Ungelehrten« + Seite 182: »Daß heißt« wurde geändert in »Das heißt« + Seite 186: »sowohl im Makrokosmus wie im Mikrokosmus« wurde geändert in + »sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos« + Seite 214: »das keine Persönlichket duldet« wurde geändert in + »das keine Persönlichkeit duldet« + Seite 240: »consummans et abbrevians« wurde geändert in + »consumens et abbrevians« + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE*** + + +******* This file should be named 39430-8.txt or 39430-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/4/3/39430 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Luthers Glaube</p> +<p> Briefe an einen Freund</p> +<p>Author: Ricarda Octavia Huch</p> +<p>Release Date: April 12, 2012 [eBook #39430]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges,<br /> + and the Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<div class="ppnote"> +<p>Anmerkungen zur Transkription:</p> + +<ul> +<li>Passagen, die im Originaltext in Antiqua statt in Fraktur gesetzt waren, sind hier <i>kursiv</i> dargestellt.</li> +<li>Passagen in griechischer Schrift sind mit einer <span class="greek" title="so wie hier">grau gestrichelten Linie</span> unterlegt, die beim Überstreichen mit der Maus eine Transkription anzeigt.</li> +<li>Änderungen im Text sind mit einer <span class="ins" title="so wie hier">blau gestrichelten Linie</span> markiert; beim Überstreichen mit der Maus wird die Originalschreibweise angezeigt.</li> +<li>Das Inhaltsverzeichnis wurde nachträglich eingefügt.</li> +</ul> +</div> +<hr class="full" /> +<p> </p> + +<h1><span class="spaced">Luthers Glaube</span><br /> +<span class="small">Briefe an einen Freund</span></h1> + +<p class="title">von<br /> +<span class="big spaced">Ricarda Huch</span></p> + +<p style="text-align: right; margin-right: 33%; margin-top: 4em; margin-bottom: 6em; font-weight: bold"><span class="antiqua">Visibilia et Invisibilia</span></p> + +<hr style="width: 33%; margin-bottom: 0em" /> + +<p class="title spaced" style="margin-top: 0em">Im Insel-Verlag zu Leipzig<br /> +1920</p> + +<p class="title small"><span class="spaced">16</span>.<span class="spaced"> – 19</span>.<span class="spaced"> Tausend</span></p> + + +<p class="title big" style="margin-top: 4em; margin-bottom: 1em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p> + +<table border="1" width="60%" cellpadding="4" style="font-weight: bold" summary="Inhalt"> +<colgroup width="25%" span="4"></colgroup> +<tr><td align='left'><a href="#brief1">I</a></td><td align='left'><a href="#brief2">II</a></td><td align='left'><a href="#brief3">III</a></td><td align='left'><a href="#brief4">IV</a></td></tr> +<tr><td align='left'><a href="#brief5">V</a></td><td align='left'><a href="#brief6">VI</a></td><td align='left'><a href="#brief7">VII</a></td><td align='left'><a href="#brief8">VIII</a></td></tr> +<tr><td align='left'><a href="#brief9">IX</a></td><td align='left'><a href="#brief10">X</a></td><td align='left'><a href="#brief11">XI</a></td><td align='left'><a href="#brief12">XII</a></td></tr> +<tr><td align='left'><a href="#brief13">XIII</a></td><td align='left'><a href="#brief14">XIV</a></td><td align='left'><a href="#brief15">XV</a></td><td align='left'><a href="#brief16">XVI</a></td></tr> +<tr><td align='left'><a href="#brief17">XVII</a></td><td align='left'><a href="#brief18">XVIII</a></td><td align='left'><a href="#brief19">XIX</a></td><td align='left'><a href="#brief20">XX</a></td></tr> +<tr><td align='left'><a href="#brief21">XXI</a></td><td align='left'><a href="#brief22">XXII</a></td><td align='left'><a href="#brief23">XXIII</a></td><td align='left'><a href="#brief24">XXIV</a></td></tr> +</table> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">5</a></span></p> + +<h2><a name="brief1" id="brief1"></a><a href="#inhalt">I</a></h2> + + +<p><span style="font-size: 250%">I</span>n seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen +seiner Begeisterung für Luther Luft:</p> + +<p>„Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, +womit sich Luther selbst und mit ihm seine Nation +rein auf die inneren inhaltsvollen Interessen des Geistes +warf, allem schönen Schein, aller sanften, menschlich schönen +Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende +Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im +Lauf der Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, +welche bei den romanischen Völkern in ununterbrochener +Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach dem Abschluß +des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich +zu fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, +ja, ob er je eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner +Werke geschrieben hätte, wenn nicht jene unsere derben +Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden schönen Scheins +mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so +eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische +Krisis, für welche nie und nimmer die ästhetische Bildung +ein Surrogat sein kann, welche vielmehr einer echten, tiefen, +wahren Kunst und Poesie, wie die neuere es ist, vorausgehen +mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt gar +die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte +sich ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären +waren, daß der schöne Schein sie nicht bestechen, der Glanz +der Belladonna sie nicht blenden konnte; wohl uns, daß sie +nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe Verstand, +die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.“</p> + +<p>So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über +Luther, dessen Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral +zu bekämpfen, der Poesie sprach, wenn er den Mund auftat. +<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">6</a></span>Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede +Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt +hat, ohne darum in den Irrtum zu verfallen, als sei die +Kunst oder sonst irgend etwas um seiner selbst willen da, +da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das Weltganze um +seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral +oder Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und +Mittelpunkt von Luthers Lehre. Als ich diese Vischersche +Predigt las, begriff ich, was für ein Zorn, ja was für +eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn +trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen +wollte oder meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und +ihm grinste immer nur engherzige oder verstockte Persönlichkeit +entgegen. Auch Goethe also, der ohne Luther nicht zu +denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing, +Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat +ihn verkannt und verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß +davon mangelhafte Kenntnis die Ursache war.</p> + +<p>Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen +Meinungen seines Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, +packender, reiner ausgeprägt sich auszusprechen als Luther +ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich, noch gründlicher +mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen +Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt +und verbrannt zu werden. Aber Luther streute den Samen +seines Wortes trotz Haß und Mißverständnis aus, denn er +tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er mußte, und +deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst +wider Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen +Dichter, dem es weniger um seinen Namen zu tun war, als +Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte des Marquis +Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden +<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">7</a></span>verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war +Luther, daß man auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt +ist. Er würde aus Vischerschen und anderen Mißverständnissen +jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß +man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel +weniger die, daß man seine Person ins hellere Licht ziehen +sollte, sondern daß seine Ideen wiederholt und verständlicher +gemacht werden müßten.</p> + +<p>Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so +ist das, weil ich nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, +wie wenn es dir gehörte. Nehmen wir an, du seiest der +König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich deshalb meine +Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn +und Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen +hoffe ich, daß du deiner Scheherazade ebensogern +zuhörst, wie sie dir erzählt, und beschränke meine Vorrede +auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn ich etwas +sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu +wissen und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen +Zusammenhange, zu hören.</p> + +<p>Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. +Luther bemühte sich im Kloster, vermittelst der Vorschriften +des Mönchslebens die Seligkeit, den inneren Frieden, zu erlangen, +oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen Gott zu +bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen, +Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke +der Selbstüberwindung; Luther fand aber, daß er sich, je +ernstlicher er in ihrer Ausführung war, desto weiter von +dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger er +am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter +und leerer fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um +sich gewaltsam Gott zu nähern, das Ergebnis war, daß er +<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">8</a></span>ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der Hölle. Unter +Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich +in seinen Handlungen gut und in seinem Innern +unselig sein kann; daß zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare +Kluft besteht, solange die Handlungen aus +dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang +zwischen Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen +aus dem unbewußten Herzen, eben aus dem Sein +entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute kommen, +die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das +nicht mit Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern +das der bewußte Wille macht, rechnete Luther unter die +Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur Schein ist, +weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. +Er wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht +aus dem Sein fließend, aus dem Gebiet der Religion in +das Gebiet der Moral, womit nur die Welt, aber nicht +Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral vom +Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß +sie in einem feindlichen Gegensatz zu Gott steht.</p> + +<p>Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, +als Wachen, Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, +die Seligkeit nicht geben können, leuchtet den meisten +Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob moralische +Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat +schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher +Denker es bestritten; aber Augustinus stellte fest, daß Paulus +durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern auch die moralischen +Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu den +Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht +machen.</p> + +<p>Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, +<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span>welches das Wohl des Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; +gut ist gleichbedeutend mit selbstlos, böse gleichbedeutend +mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der Wille des +Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes anzustreben +als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im +Menschen; jeder also, der seine Handlungen so einrichte, als +ob er das Wohl des Nächsten anstrebe, sei ein Heuchler und +Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die Pharisäer +wieder auf, den Christus gekämpft hat.</p> + +<p>Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer +in Menge gab, die sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. +Es entspann sich der berühmte Streit um den freien Willen, +von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich stützend, behauptete, +daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, +und aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit +werden könne. Es ist höchst interessant nachzulesen, +wie sich Luthers Gegner wanden und drehten, um ihn in +diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil +bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche +der freie Wille des Menschen gerettet und doch Gott nicht +zunahe getreten würde. Denn man mußte zugeben, daß +Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend, allumfassend +sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm +ausgehen müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der +freien Selbstbestimmung des Menschen festhalten zu müssen, +wenn man es auch nur so ausdrückte, daß der Mensch der +göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, +ohne daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche +Ausflüchte in Worten waren Luthers Sache nicht, da er +eine klare und unerschütterliche Überzeugung hatte. Seine +Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im tiefsten +Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, +<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span>in Gott wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß +alles von Gott, dem einzig wahrhaft Seienden, abhängt, +und daß, soweit der Mensch eine Selbsttätigkeit hat, auch +diese von Gott verliehen sein muß und nur von Gott wieder +zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen +hatten die dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine +selbständige Person, die von zwei mächtigeren selbständigen +Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die nur von einer +mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde; +denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt +würde vielleicht mancher sagen, daß das Sein des Menschen, +im allgemeinen Sein wurzelnd, verschiedene Entwickelungsphasen +mit verschiedenen Bewußtseinsgraden durchläuft; aber +diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte. +Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen +Symbolen und mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, +wie er von den Scholastikern wußte. Andererseits +trennen sich die Symbole leicht von den Ideen, die +sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer +Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns +eigentlich bei Luthers Worten denken können und sollen.</p> + +<p>Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß +der natürliche Mensch nur sich selbst und sein Wohl wollen +kann, und daß, wenn sein Handeln andern zugute kommt, +etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur auf +den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer +Strafe gerichtet ist. Ob er den Lohn und die Strafe von +Gott in einem vermuteten jenseitigen Leben erwartet, oder +ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder ob +er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, +das eigene Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, +solange wir wollend sind, einem inneren Gesetz der +<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span>Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck, daß +wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht +nach oben frei sind.</p> + +<p>Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des +Willens nicht überhaupt leugne, und vermutlich, daß diese +seine Ansicht dadurch erst recht unbegreiflich würde. Nun +also, daß alles, was geschieht, notwendig geschieht, ist selbstverständlich, +da ja alles geprägte Form ist, die sich entwickelt; +aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt +sich, ob der Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet +Luther, daß er wollend stets nur alles auf sein Selbst +beziehen könne, das Gute wolle er nur durch Gnade, mit +anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde +in ihm gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den +Luther öfters anführt, heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, +Gott und Satan können ihn lenken. Vielleicht klingt es +dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage, der +Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand +des Teufels. Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch +auch selbst wollen könne, und er grenzt dies Gebiet ab als +das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch, obwohl es +sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. „Da ja dies +das höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer +Gerechtigkeit und Werken des Gesetzes sich zu üben, durch +die seine eigene Blindheit und Ohnmacht befördert wird.“ +Zunächst scheint es allerdings weit verdienstlicher zu sein, +das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß; ja, +wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll +es nach Paulus und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, +eigenen Willen vor Gott zu haben ist nach ihnen +teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt, +heißt es in der Bibel. „Du sollst nicht tun, was dir recht +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span>dünkt.“ Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament +an, wo einer aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft +wird, als weil er etwas Gutes getan hatte, was nicht von +Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man nicht bedenkt, +daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. +Daß Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet +Luther nicht; nur daß sie „einen gnädigen Gott machen“.</p> + +<p>Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine +Jungfrau, die ehelos bleibe in der Meinung, dadurch etwas +Verdienstliches, Gottgefälliges, Heiliges zu tun, sei teuflisch; +wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine Neigung zur Ehe +habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe von +anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr +am Herzen lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche +Jungfrau. Die also, welche ihre natürlichen Triebe mit +großer Anstrengung überwinden, wird Gott nicht nur nicht +belohnen, sondern strafen. „Und <span class="ins" title="Math.">Matth.</span> 21, 31 spricht es +auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich +kommen, denn die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche +doch fromme, keusche, ehrliche Leute waren.“ Aus dieser +Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur +schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern +„fromme, ehrliche, keusche“ Leute, deren Schuld nur darin +bestand, daß sie absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den +Zöllnern und Sündern ist, wie du weißt, Christus gekommen, +sie nennt er sein teuer erarntes<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Eigentum. Besser +sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man +muß; denn das heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher +das lebendige Gesicht verschwindet. „Sei Sünder und +sündige kräftig“, schreibt Luther an den werkheiligen Melanchthon, +<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span>„aber noch kräftiger vertraue auf Christus und freue +dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes +und der Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.“ +Das bewundere ich besonders an Luther, daß er begriff, +daß der Teufel und die Sünde zwar nicht sein sollen, aber +sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf die Idee +des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen +aus der Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten, +erwerben).</p></div> + +<p>Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, +wenn du kein Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz +bist. Du hast zu viel Geschmack, um mit Tugenden zu prahlen, +die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um von einem +andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei +ist doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint +nicht alles, was du bist, wenn auch nichts erscheint, was du +nicht bist. Du verstellst dich nicht, aber du verbirgst dich. +Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als sich +selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein +wollen und sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie +Luzifer, der schönste unter den Engeln, der durch seine Schönheit +zum obersten Teufel wurde. „Gleichwie vom Anbeginn +aller Kreaturen“, sagt Luther, „das größte Übel ist allezeit +gekommen von den Besten.“ Dein Unglück, du Liebster und +Schönster unter den Menschenkindern, scheint mir zu sein, +daß dir nichts und niemand schön genug scheint, um dich +zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst an und +verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die +Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest +du auch mich dazu verführt; aber ich bin nun einmal in +der Gnade und kann dich lieben, ohne Schaden an der +Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten, und +du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe +<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span>nicht warnend den Finger: ohnehin bricht der Morgenstern +durch die erste Nacht und lächelt.</p> + + + +<h2><a name="brief2" id="brief2"></a><a href="#inhalt">II</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>arauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden +Gebärde, die alles glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt +habe, antworten würdest. Da ich nun einmal deine +Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde ich +mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag +halten zu müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich +deutlicher ausdrücke oder er mir ein geneigteres Ohr schenkt.</p> + +<p>Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum +gute Früchte trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß +es am schönsten sei, wenn einer das Gute tue, weil er müsse; +es hätte dich interessiert zu erfahren, wie aus einem schlechten +Baum ein guter werden könne, und solange du kein Mittel +dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen +hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, +die vielleicht nie käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und +du hieltest dich einstweilen an das Wort Goethes: Wer immer +strebend sich bemüht, den können wir erlösen.</p> + +<p>Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe +wie einen Wandschirm benützt, um sich dahinter zu verstecken; +denn nicht alle Worte Goethes sind Worte Gottes und an +sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen erkläre ich +mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, +der gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur +Seite hat, und wer an den Teufel glaubt, der glaubt auch +an Gott. Die ganze Faustdichtung ist überhaupt auf Luthersche +Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile Absicht +und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt +ja gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel +<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span>sagen: Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen +und wissen, daß du groß bist. Sein Streben nach dem +Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren +und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt +ihm mit einer Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch +erst zum Sündigen aufgefordert werden; aber es glückte doch +ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging eigentlich von ihm +selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von Melanchthons, die +erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr können. +Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, +sie liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich +dich zu diesen kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des +Sündigens wohl so entwöhnt, daß du es nicht ohne weiteres +richtig anpacken würdest, und da du außerdem die Ordnung +liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, +so werde ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.</p> + +<p>Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort +betrachten, in dem sie sich ausprägt. <span class="antiqua">Res sociae verbis et +verbis rebus</span>: die Substanz ist dem Wort gesellt und das Wort +der Substanz. Mir scheint es hier am besten, die Dinge mit +Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die +Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt +das Wort Sünde von Sondern, und im Begriff des Sonderns, +der Absonderung, ist auch der Begriff der Sünde +gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung +von Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte +er sich von Gott ab und wollte selbst Gott sein; es ist die +Erbsünde, die jedem Menschen anhaftet und seinen Willen +knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann. Der selbstische +Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern +er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt +seiner Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem +<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span>All-Mittelpunkt, dem Ganzen zu dienen. Die Erbsünde ist +also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen die Menschen, +was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich +offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht – nimm +auch das Wort Sucht bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, +nämlich Seuche, Krankheit – zu bekämpfen, richtete Gott das +Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das Gesetz nennen +wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die +angewandte Erbsünde.</p> + +<p>Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich +sagte, Gott habe durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; +zunächst wenigstens gab er das Gesetz, um die Sünde +zu mehren, „damit die Sünde überhandnehme“, wie Paulus +sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für +Sünder sie sind, also handeln sie der Absicht Gottes entgegen, +wenn sie nicht sündigen. Gott ruft uns im Gesetz zu: Zeige +dich, wie du bist; aber der moralische und luziferische Mensch +verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke, in der +Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt +zu sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, +wie er ist; ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es +an, offene und offenbare, die der Welt und einem selbst +unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder ist. Ich denke, +hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und +mir Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht +nach innen verdrängt, sie muß begangen und bekannt werden, +sonst vergiftet und zerfrißt sie das Innere. Es geht +sonst wie Luther sagt: „Auswendig hats eine gute Gestalt, +inwendig wirds voll Gift“; und zuletzt hat es auch auswendig +keine gute Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, +daß auch das Sündigen nicht hilft, wenn es gewollt wird; +es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten soll.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span></p><p>Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch +eine im entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab +zu Gott zurück. Wie aber jene erste Absonderung zugleich +eine Sünde gegen die Menschen war, so muß auch die Wiedervereinigung +mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den +Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem +er sich von den Menschen absondert, befindet sich auf +einem Irrwege und versinkt anstatt in Gott nur immer tiefer +in sein Selbst. „So jemand spricht: Ich liebe Gott! und +hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.“ Dies +ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten +eingeht, daß er Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den +Menschen lieben muß; denn gerade Absonderung von den +Menschen verlangt seine luziferische Vorzüglichkeit, weil es +ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich, von ihnen +abgewendet. „Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß +du von nichts Unreinem berührt sein willst“, schrieb Luther +einem seiner Freunde. Die schon erwähnten Psychiater +können dir bestätigen, daß es eine bekannte Zwangsvorstellung +Geisteskranker ist, überall Staub oder andere Unreinlichkeit zu +wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. +Dabei fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der +am liebsten den ganzen Tag an sich herumwaschen würde, +der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter schlechten +Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede +menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen +anrühren, wenn er den damit Behafteten helfen könnte, und +zwar ohne daß es ihn Überwindung kostete. Das ist aber +auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche, +naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das +ist leidlich; der Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, +sündigt gegen die Liebe; das ist die Sünde, die Gott verdammt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span></p><p>Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des +Menschen – denn ich sagte dir ja schon, daß er der Sache +nach die Idee der Entwickelung schon hatte – drei Stufen der +Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen dreifach, +wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die +Welt und durch den Geist. „Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, +die Welt sucht Gut, Gunst, Gewalt und Ehre, der böse +Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes Wohlgefallen und anderer +Leute Verachtung.“ Die erste betrifft wesentlich die Jugend, +die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den +Menschen lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die +alternden, die reifen, die höchstentwickelten Menschen, es ist +die Versuchung des Luzifer zur Selbstvergötterung. Wie die +Entwickelung der einzelnen ist die der Familien, der Völker +und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in Zeiten +des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, +deren Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich +zeigen sich die Folgen des inneren Giftes. Dann kommen +die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die Menschen das +bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst zurückziehen, +um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden +zu tragieren. Es ist eine Verengung, die auf eine starke +Erweiterung folgt.</p> + +<p>Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung +auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest +sämtliche Stufen der Versuchung durchgemacht und machtest +sie noch durch, und ich müßte das wissen; warum ich dir +denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil ich, +geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare +Sünde von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine +begangen hast. Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, +unendlich ehrgeizig, unendlich stolz, unendlich begehrend. +<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span>Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die Bibel sagt, +daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst +dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene +Beute nur noch hungriger. Aber du verschlingst +nur im Geiste, alle deine Sünden gehen nicht in Taten +noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht irrezugehen.</p> + +<p>Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so +sollte es dich wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte +schließen, daß du überhaupt keins hast. Herrgott, eben überläuft +es mich ordentlich. Wenn es nun so wäre, und du +hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen +habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, +sondern wenn dieser Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung +wäre, weil dein Herz zu eng oder zu schwach ist, +um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht +einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas +zu tun oder zu sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. +Du machst nie Redensarten; aber du schweigst auch. Du +bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du schweigst. +Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest! +Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie +das andere tun und sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen +Dingen, namentlich weltlichen Dingen, ist das natürlich. +Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst +nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, +die abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten +Gedanken und Wünsche aussprächest, das wäre +hunderttausendmal besser, als wenn gar kein Ich da wäre, +oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span></p> + +<h2><a name="brief3" id="brief3"></a><a href="#inhalt">III</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>er Kanzler hält heute seinen Vortrag mit dem frohen +Bewußtsein, daß ihm ein gnädiger König zuhört. Du willst +wissen, und darin sehe ich das Gnädige, was du eigentlich +bei dem Sündigen gewinnst; denn nur um zu beweisen, daß +du ein Herz habest, ließest du dich auf eine so heikle und +dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich müsse +doch zugeben, daß Sünde an sich häßlich sei, beflecke, entstelle; +wenn nun ein Mensch aus Stolz, um eines großen +Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum das +Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifersüchtig +vorstellen müßtest, daß er allen Ruhm für sich allein +und den Menschen nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft +göttlich zu werden? und ob es, von Gott ganz abgesehen, +nicht groß und schön sei, aus eigener Kraft etwas Vollendetes +in sich darzustellen?</p> + +<p>Ja, eifersüchtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel +das eifersüchtig nennst, daß der Mensch den Anspruch erhebt, +die Organe seines Körpers selbst zu regieren. Du mußt +doch immer daran denken, daß wir Teile Gottes oder in Gott +sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so dürftest du +immerhin aus eigener Kraft göttlich oder vollendet werden, +wenn du es könntest. Die Frage ist eben, ob du es kannst, +und damit komme ich wieder auf deine erste Frage, was du +gewinnst, wenn du sündigst, die zugleich einschließt, was du +verlierst, wenn du nicht sündigst.</p> + +<p>Durch Sündigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames +Nichtsündigen entkräftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, +wie überhaupt die Religion eine Kraft- und Lebensangelegenheit +ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht. Und +Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der +Menschen; denn wer Kraft hat, hat alles. Die Alten +<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span>drückten die Wahrheit, daß man durch Sündigen Kraft gewinnt, +in der Sage vom Riesen Antäus aus, der unbesiegbar +war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde +geworfen wurde, denn aus seiner Mutter Erde strömte stets +neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft gehalten konnte er +erwürgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in +einem naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts +ist. Nun sind wir zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, +die Sünde in unserem Sinn noch gar nicht kannten, für die +Gott und Natur noch eins waren und die ihre Kraft unmittelbar +aus der Natur beziehen konnten; wir können es +im allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen +wir also zuerst den Begriff des Glaubens.</p> + +<p>Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewöhnlich +unter Glauben versteht, nämlich ein Fürwahrhalten. +„Glauben ist nicht der menschliche Wahn und +Traum, den etliche für Glauben halten … Das macht, wenn +sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen +sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der +spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für einen rechten +Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke +ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt: also tut +er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.“ Und an +anderer Stelle sagt Luther: „Sie heißen das Glauben, das +sie von Christo gehört haben, und halten, es sei dem wohl; +wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch +nicht fromm dadurch.“</p> + +<p>Das Fürwahrhalten ist eine Tätigkeit des selbstbewußten +Geistes, deren der Glaube nicht, die höchstens umgekehrt +des Glaubens bedarf.</p> + +<p>Man kann häufig Glauben und Wissen gegenübergestellt +lesen, wie wenn das eine das andere ausschlösse, und oft +<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span>auch wie wenn das Glauben die Sache der Kinder und +Träumer, das Wissen die Sache vernünftiger Männer wäre. +In Wirklichkeit ist Glauben die Bestätigung und Besiegelung +des Wissens, nicht umgekehrt. Was wir wissen, wird +uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir wissen zum Beispiel, +daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn +du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. +Im Traume kommt es dir oft so vor, als stände da ein +Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du nicht glaubst, was du +weißt, bleibt dein Wissen unsicher. Gewiß, fest, unerschütterlich, +ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. +Mit anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, +der Glaube auf das Sein.</p> + +<p>Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten +des Paulus aus dem 11. Kapitel des Briefes an die Ebräer +zu erklären: Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht +des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das +man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, daß das Unsichtbare +für dich nicht gelte, daß das Hirngespinste wären, +daß du nur deinen Sinnen traust. Das ist ja, wie schon +gesagt, Selbsttäuschung. Du traust deinen Sinnen, weil sie +sich auf Übersinnliches beziehen. Was heißt es zum Beispiel, +wenn du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest +damit offenbar auf etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung +dir nicht von ihm mitteilen können, denn sonst +würdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, daß du im +Wesen dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du +dich alles Guten und Großen versiehst. Da ja nun alle +Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es auch erscheint, +Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf +Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.</p> + +<p>Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann +<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span>also nur durch die Sinne wahrgenommen werden, von dem +naiven Menschen namentlich durch den Gesichtssinn in der +Schöpfung. Der Glaube aber, heißt es bei Paulus, kommt +durch das Gehör, das heißt, das Gehör muß das Wort, das +Gott von sich redet, aufnehmen. Um nun Schall hören, +wie um Licht sehen zu können, muß etwas in uns sein, was +der tönenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine Hörkraft +und Sehkraft. Wär nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, +die Sonne könnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner +Mensch, statt Glauben auch Vernunft setzen, die +geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist, also Gott +wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.</p> + +<p>Die Hörkraft und Sehkraft verhält sich zu Schall und +Licht wie das Passive zum Aktiven, so daß wir zunächst +nicht von einer Kraft, sondern von Schall- und Lichtempfänglichkeit +reden sollten. Wie der Schoß der Frau den +Samen des Mannes empfängt, so empfangen Auge und +Ohr Licht und Schall und bringen durch sie Gesichts- und +Gehörsbilder hervor. Die Empfänglichkeit beruht wieder +auf der Empfindlichkeit für die betreffende Kraft, sei es +Schall, Licht oder die göttliche Kraft selbst. Handelt es sich +um diese, müssen wir sagen, daß wir gottempfindlich sein +müssen, um Gottes Wort empfangen zu können, und in diesem +Sinne läßt sich der Ausdruck Glauben mit Gottempfindlichkeit, +Gottempfänglichkeit, Gottverwandtschaft übersetzen. „Gott +und Glaube gehören zu Haufe“, sagt Luther. Sie gehören +zusammen wie Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkürlich, +um das Verhältnis zwischen Gott und der gläubigen +Seele zu bezeichnen, das Bild von Bräutigam und +Braut eingestellt.</p> + +<p>Befragen wir die Sprache, so finden wir, daß Glauben +mit Geloben, Hören mit Gehören und Gehorchen zusammenhängt. +<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span>Darin vollendet sich der Glaube, daß man Gott, +der uns durch sein Wort ruft, hört und ihm gehorcht: +Glaube ist Hingebung und Gehorsam. Der Gläubige hört +Gottes Stimme, wie das Schaf die Stimme seines Hirten, +wie der Liebende die Stimme der Geliebten hört. Alle +Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind +Gedicht, ja Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht +Liebesgedicht ist, handle es sich nun um Liebe zu Gott +oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und Liebe ist +der Unterschied, daß sich der Glaube auf das Unsichtbare, +die Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins +ohne das andere. An Gott glauben wir nicht nur, sondern +wir lieben ihn in der Erscheinung, und an alle Menschen, +die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d. h. wir lieben +ihre Idee oder Gott in ihnen.</p> + +<p>Die meisten Menschen sind so geartet, daß sie Gott selbst, +ohne Vermittlung, nicht gehorchen können, und Gott hat +deshalb eine Vertretung in der Welt eingesetzt: im Staate +die Obrigkeit, in der Familie Eltern und Ehemann. Wenn +die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Männern, die +Männer ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, +vorausgesetzt daß die Vorgesetzten Gott gehorchen. Der +Gläubige, der Gottes Stimme hört und Gott selbst gehorcht, +ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit +von Gut und Böse; aber er gehorcht auch den Menschen +freiwillig, um sich nicht abzusondern. Eine glaubenslose +Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger gesagt eine Zeit, +in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.</p> + +<p>Während der Gehorsam der Welt erzwungen werden +kann und muß, kann der Glaube, dessen Quelle das Herz +ist, nur freiwillig sein. Daß Gott erzwungene Dienste nicht +gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du kennst vielleicht +<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span>die berühmte und wundervolle Stelle aus Luthers +Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, wo +er vom Glauben als vom Brautring der Liebenden spricht; +ich führe sie deshalb hier nicht an. Im Sermon von den +guten Werken heißt es so: „Wenn ein Mann oder Weib +sich zum anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe +fest glaubt, wer lehrt sie, wie sie sich stellen, was sie tun, +lassen, sagen, schweigen, denken sollen? Allein die Zuversicht +lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da ist +ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Große, Lange, +Viele so gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit +fröhlichem, friedlichem Herzen und sind ganz freie Gesellen. +Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht jedes, welches +am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der +Werke auszumalen, womit es Huld erwerben möge, und +geht dennoch mit schwerem Herzen und großer Unlust hinzu, +ist gleich befangen, mehr denn halb verzweifelt, und +wird oft zum Narren darüber.“ Dann geht es nach dem +Spruche Salomonis: „Wir sind müde geworden in dem unrechten +Wege und sind schwere, saure Wege gewandelt, aber +Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und die Sonne der +Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.“ Im Gegensatz +zu den schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther +von dem königlichen Weg des Glaubens.</p> + +<p>Sobald der Glaube schwer und sauer fällt, ist es gar +kein Glaube; Glaube ist nur, was frei aus dem Herzen +kommt. Etwas im Glauben tun heißt etwas tun, weil man +nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen +Sinn die Worte des Paulus haben, daß, was nicht im Glauben +geschieht, Sünde ist. Allerdings der, dem nichts von +Herzen kommt, der Ungläubige, der kein Herz hat, dem ist +es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span></p><p>Um dem Begriff des Glaubens noch näher zu kommen, +laß uns auch seinen Gegensatz, den Unglauben, ins Auge +fassen. Luther sagt gelegentlich: der Ungläubige, der nur +sich selbst anbetet; und das scheint mir das deutlichste Licht +auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: „Gott +ist den Sündern nicht feind, nur den Ungläubigen, das +sind solche, die ihre Sünde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe +dafür bei Gott suchen, sondern durch ihre eigene Vermessenheit +sich selbst reinigen wollen.“ Und: „Das muß wohl folgen aus +dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst +versorgen.“</p> + +<p>Der Ungläubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil +er sich an Gottes Stelle setzt, sich selbst lenkt, für sich selbst +sorgt, selbst Gesetze gibt, denen seine passive, sinnliche +Hälfte gehorchen soll. Natürlich muß diese auch alle +Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hälfte, beziehen, die +aber beschränkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus +Gott ersetzt, sich bald erschöpft. Beständiges Selbstwollen +muß zu vollständiger Entkräftung führen, wenn es sich nicht +im Zustande des Nichtwollens erholen kann. Glauben ist +Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen lassen. +Die Überspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer +Zeit in der großen Anzahl von Menschen mit überspanntem +Nervensystem; sie gehen an ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer +Unfähigkeit, durch vorübergehende Selbstaufgabe Kraft zu +schöpfen, zugrunde. Es wäre ja gegen den schönen Luzifer +nichts einzuwenden, wenn er glücklich wäre; aber sein +Selbst ist ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, +sondern ein Marterpfahl, an den er gebunden +ist. Die Frucht des Glaubens ist der Friede, heißt es im +Evangelium des Johannes; daraus folgt, daß die Frucht +des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. +<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span>Die Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme +ich einen gnädigen Gott? läßt sich auch so fassen: Was verschafft +mir inneren Frieden und damit Kraft? Die Antwort +lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. +Nicht nur selbstbewußt, sondern zugleich gottbewußt oder +unbewußt leben.</p> + +<p>Was der Mensch durch vollständige Aufgabe des Selbstbewußtseins +vermag, das hat die Hypnose gezeigt. In dem +seines Selbstwollens beraubten Menschen wirkt der Hypnotiseur +Wunder: er verfügt über seinen Körper nach Belieben, +über das Vermögen des Selbstwollenden hinaus. Fast +erschrak man über diese Entdeckung, weil man meinte, sie könne +von bösen Menschen zu gräßlichen Verbrechen benutzt werden. +Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel Nervöse, und +die Nervösen können ihr Selbst nicht hingeben und darum +auch nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig +Teufelsgläubige, also im Bösen kraftvolle Menschen, wie +Gottgläubige. In früheren Zeiten wurde die Hypnose von +Bösen und Guten als schwarze und weiße Magie ausgeübt.</p> + +<p>Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote +stehende Kraft war der Christ für Luther wesentlich der +starke, freudige, trotzige Held. „Ein solcher Mann muß der +Christ sein, der da könne verachten alles, was die Welt +beides, Gutes und Böses, hat, und alles, damit der Teufel +reizen und locken oder schrecken und drohen kann, und sich +allein setzen gegen alle ihre Gewalt, und ein solcher Ritter +und Held werden, der da wider alles siege und überwinde.“ +Es ist der Ritter, den Dürer gemalt hat, der gelassen, des +Sieges gewiß, an Tod und Teufel vorüberreitet. Luther +übersetzte das Wort „Israel“ mit Herr Gottes: „Das ist +gar ein hoher, heiliger Name und begreift in sich das große +Wunder, daß ein Mensch durch die göttliche Gnade gleich +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span>Gottes mächtig wurde, also daß Gott tut, was der Mensch +will … Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum +Gott, was der Mensch will; also daß Israel ein gottförmiger +und gottmächtiger Mensch ist, der in Gott, mit Gott +und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge zu tun und vermögen.“</p> + +<p>Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge +würde versetzen können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn +er nicht zu schwach im Glauben wäre. Über Schwäche des +Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten, wo sein +Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich +selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er +aber zuweilen Gottes mächtig war, konnte er zeigen, +als er den sterbenden Melanchthon ins Leben zurückrief. +Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott +und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte +Melanchthon starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom +Spiel in einen Winkel zurückzieht; wie er dann das Wort +des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt, dann +doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich +überströmen läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs +der menschlichen Seele mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern +die Sache selbst: denn Luther hatte zuvor durch sein +Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht +Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.</p> + +<p>Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber +Übermaß von Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht +daran schuld sein, denn das habest du erst recht nicht. Dann +hatten es deine Vorfahren; daß es auf die Dauer ohne +Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein, +daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für +den fehlenden oder schwachen Glauben anderer eintreten, und +so werde ich einstweilen für dich glauben, an dich und für dich.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span></p> + +<h2><a name="brief4" id="brief4"></a><a href="#inhalt">IV</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>u willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich +kein Herz habest, indem du mit vernichtender Übergehung +meines gefühlsbetonten Briefschlusses tadelst, ich schriebe +chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen könnest. Vollständige +Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll +undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, +Gott, Teufel und ähnliche Phänomene als selbstverständliche +Voraussetzung; das sei wohl in religösen Zeiten unter +religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen etwas +Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich +hantierte damit herum wie jene listigen Betrüger mit des +Kaisers neuen Kleidern. Ich sollte dir einmal schreiben, +wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes, zwar sehr +gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du +wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, +ich solle auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem +Freund, dem Geheimen Kommerzienrat Soundso, spreche; +aber auf einen klaren, verständlichen Ausdruck müsse etwas +Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf einen +erschöpfenden.</p> + +<p>Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten +Botokudenkinde zu verschmelzen und meinen Vortrag +danach einzurichten. Die Verbindung ist auch gar nicht +so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner +Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: +Nimm Breda! Ich, der König. Du schreibst: Erkläre mir +Gott! Es soll mich nicht abschrecken, daß Spinola, wenn +eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am +Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.</p> + +<p>Die Völker haben nicht damit angefangen, an <em>einen</em> Gott +zu glauben; denn der kindliche Geist nimmt die Welt nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span>als Ganzes, sondern in Einzeleindrücken auf. Man weiß +von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie, auf den ersten +Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott verehrten, +was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: +nicht nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, +Vorgänge, Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was +sie von sich selbst und anderen Menschen unterschieden, war +ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab, wie sie +Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst +Dämonen, und sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch +in der christlichen Kirche erhalten geblieben. In der Wissenschaft +hat man sie sehr gut Augenblicksgötter genannt; +es sind also Eindrücke von Einzelkräften.</p> + +<p>Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke +von Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie +die Kräfte selbst sich verdichten. Wie der rotierende Urnebel +sich zu festen Kernen, den Gestirnen, verdichtet, so verdichten +sich im menschlichen Geiste die Augenblicksgötter allmählich +zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich zu persönlichen +Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen +jede Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes +oder Verderbendrohendes; erst später erfand er +etwa die die Saat hervorlockende Frühlingssonne als eine +besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen erst +in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne +überhaupt in den persönlichen Gott Apollo verwandelt. +Willst du ausführlichere Belehrung darüber haben, so +empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem +Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern +entsteht ein Bild, und aus Myriaden von Augenblicksgöttern +entstehen Sondergötter und endlich persönliche Götter.</p> + +<p>Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie +<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span>gibt darüber Auskunft, wie die uns bekannten griechischen +Götter die alten Augenblicksgötter an sich gezogen, sich untergeordnet +und verschlungen haben, obwohl sie zum Teil, auf +dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen +Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. +Ihrerseits werden die persönlichen Götter nach und nach +wiederum verschlungen von dem <em>einen</em> Gott; der menschliche +Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes aufzufassen, +er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte +gibt, daß aber nur <em>ein</em> Geist ist, der da wirket alles in allem.</p> + +<p>Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, +die sich immer mehr verdichten, bis er zuletzt die +Idee der <em>einen</em> unendlichen Welt und des <em>einen</em> unendlichen +Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur Einheit, +und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr +als Einheit erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe +von Einzelempfindungen für ihn ist, ist ihm die Welt eine +Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich verdichtet, +verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.</p> + +<p>Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt +ist, ist sich eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich +ja erst, indem er es vom Nicht-Ich unterscheidet, und dies +Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht seinesgleichen ist und +soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich möchte den +Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft +und der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten +Kraft. Luther sagte: Denn außer der Kreatur gibt es +nichts, denn die einige, einfältige Gottheit selbst. Als zu +sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles, +was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was +nicht von seiner Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er +abhängt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span></p><p>Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch +sich in der Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im +Menschen selbst wirken Kräfte, die nicht von seinem Willen +abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben und Hassen, +seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. „Das Gemüt +ist dem Menschen sein Dämon“, hat schon Heraklit gesagt. +Alle menschlichen Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen, +empfand der Mensch ebensogut als göttlich wie +die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl +das Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, +was ich meine, sollte man richtiger das Unwillkürliche +nennen, das, was in uns wirkend doch nicht von unserem +Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig +in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch +das Dämonische, ohne unser Wissen; erst das vollendete +Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt in unser +Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten +sprechen. Alles das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis +ins Bewußtsein tritt, sondern was wir selbst machen, gehört +in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt man +Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so +sollte man im Sinn haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein +des Nicht-Ich für das Ich eintritt, daß man also +ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen +kann. Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden +worden und ganz richtig als Unterschied von Kopf und Herz +bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck leicht zu dem Mißverständnis, +als handle es sich um einen Unterschied von Gefühl +und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken +aus dem Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. +Wir sind Menschen, soweit wir Kopf, wir sind Gott +und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich sind wir +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span>nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von +beidem; unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte +göttliche und die gesamte menschliche Kraft in einer +Person harmonisch zusammenzufassen.</p> + +<p>Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema +her, wobei ich davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche +Kraft sich bildend, handelnd und denkend äußert.</p> + +<table border="0" width="50%" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Schema"> +<tr><td align="left">Herz</td><td align="left">Kopf</td></tr> +<tr><td align="left">Gott</td><td align="left">Mensch</td></tr> +<tr><td align="left">Müssen</td><td align="left">Wollen</td></tr> +<tr><td align="left">Bilden oder wachsen lassen</td><td align="left">Machen</td></tr> +<tr><td align="left">Taten tun</td><td align="left">Überlegt handeln</td></tr> +<tr><td align="left">Ideen haben</td><td align="left">Denken</td></tr> +</table> + +<p>Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden +Gott das Dämonische setzest, welchen Wortes Bedeutung +dir ja wohl ohnehin klar war, so werden dir viele Aussprüche +aus der Bibel und von Luther sofort viel verständlicher +sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch: +Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und +wissen, daß du groß bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere +Leidenschaft reißt uns hin, wir bereuen es, aber unsere +Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn gerade +daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft +haben; diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns +große oder gute Taten tun lassen.</p> + +<p>Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott +weichen und ihm nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht +auf sein Herz, nur auf seinen Kopf verlassen kann, der hat +keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und keine Kraft.</p> + +<p>Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort +auch ohne Reue, so heißt das wie oben: dämonische +Menschen werden sündigen, aber auch schaffen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span></p><p>Wie befremdet zunächst das Wort: „Was Gott nicht geboten +hat, das ist verdammt.“ Und es heißt doch nur, was +jedem unmittelbar einleuchtet: Wer Ideen und Gefühle hat, +so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser werden, +der ist selig. <span class="antiqua">Quo dii vocant eundum</span> ist eine alte Devise, +die ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, +ohne ihren Sinn so logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.</p> + +<p>„Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, +noch auf den Mammon, sondern auf Gott!“ Das heißt: +Wir sollen uns nicht auf irgendeine weltliche Macht, noch +auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen, die von +uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche +Stimme in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. „Alle +Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, +werden ausgereutet“, Matth. 15, das heißt: Nicht das Machwerk, +sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, +nicht die moralische Handlung, sondern die Tat aus dem +Herzen lebt und zeugt Leben.</p> + +<p>Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele +Menschen gibt, die der Meinung sind, der Spruch bedeute, +daß jeder Mensch verworfen sei, der nicht jeden Sonntag +zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und dergleichen; +und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil +hinausläuft?</p> + +<p>Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn +er schweigt, nach seiner Drohung bei Jeremias: „Mein +Geist wird nicht mehr Richter sein auf Erden.“ Dann tritt +an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende Mechanik. +Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der +seltsame Hang die Menschen ergriff, das <span class="antiqua">Perpetuum mobile</span> +zu erfinden. Die heimliche Lust am Automatischen und zugleich +das Grauen davor gibt den Werken E. T. A. Hoffmanns +<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span>ihren grotesken Charakter, die Ahnung des Verhängnisses +seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung +selbst verwachsen war.</p> + + + + +<h2><a name="brief5" id="brief5"></a><a href="#inhalt">V</a></h2> + + +<p><span class="initial">E</span>in gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, +fasse ich als Zeichen auf, daß ich wie jene dir hoffentlich +bekannte Bärenbraut dich richtig gekraut und gekrabbelt +habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom antiken +Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen +über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein +kann als die <em>eine</em> Kraft, von der alle Kräfte ausgehen +und in die alle Kräfte münden, stimmen natürlich die Gottesbegriffe +aller reifen Völker im wesentlichen überein. Doch +gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker +und christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender +sein wird, als du ihn vermutlich nur spürst und nie Lust +gehabt hast, ihn genau zu untersuchen. Wenn ich dir nun +zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz des Unterschiedes +doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden +Antike war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte +und nicht bei den Juden, so wirst du mir von vornherein +geneigter zuhören.</p> + +<p>Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und +ein dreieiniger Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. +Schon die Alten wußten, daß Gott in seiner Majestät von +den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele wurde +von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen +wollte. Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen +nicht zugänglich. Wir können auch nichts darüber aussagen, +denn es ist jenseit aller Gegensätze, und Eigenschaften sind +erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span>einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, +sondern das Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, +ist er zugleich das Nichts, denn nichts heißt nicht etwas; +das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein Gegensatz +zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein +oder die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein +enthalten, wie die Heilige Schrift sagt: in ihm leben, weben +und sind wir.</p> + +<p>Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, +daß er Geist ist; denn Gott an sich ist unsichtbar. +Ferner kann er nichts anderes sein als Kraft; denn Gott +kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine Kraft, +ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, +auf das sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die +Welt sind nur für unser Begriffsvermögen zu trennen, +wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu denken und +sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann +einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein +wird, richtiger ausgedrückt, daß mit der werdenden Erscheinung +ein unsichtbares Sein verbunden ist, von welchem +sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer +wieder stößt, wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, +und vor welchem es geboten ist innezuhalten. Die +Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies Geheimnis +nicht wäre.</p> + +<p>Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das +heißt: er ist jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier +aber an der Grenze der göttlichen Majestät stehen, glaube +ich den mythischen Ausdruck gebrauchen zu dürfen: Gott +schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um +die gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; +wir sind gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu +<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span>sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein als Standpunkt, +so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben, +worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um +seiner bewußt zu werden. Auch dies ist wieder mythisch +ausgedrückt, da ja Gott natürlich nichts fehlt, und wir ihn +uns als von jeher so gut selbstbewußt wie unbewußt vorstellen +müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man +zugleich nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem +Verstande nicht fassen, obwohl wir sie fühlen können, da +wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei will ich gleich +bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott +auf uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf +kam, einen geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck +machte. Doch ist es durchaus nicht merkwürdig, sondern +folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott uns zu seinem +Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.</p> + +<p>Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm +zum Ebenbilde, sich ganz gleich, Christus, den Erstling seiner +Kreatur. Aber als er erschaffen war, schlief er; er war +ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie sollte +sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der +Schläfer mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen +könne. Um ihn sehend zu machen, nahm Gott mit ihm dasselbe +vor, was er mit sich vorgenommen hatte, um selbst bewußt +zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte +aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, +das Menschenpaar, Adam und Eva, den aktiven Mann und +das passive Weib. Mit dieser Teilung oder Polarisierung, +die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch etwas, +nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich +nur in einer Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die +Kraft oder Aktivität ist ja sein Wesen; diese Kraft mußte +<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span>aber von ihm unterschieden sein, denn sonst wäre sie ja +mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte +nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die +nicht Gott ist oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, +sozusagen ein Gegengott; denn er ist ja aus Gott, hat aber +die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein. Ich finde, man +stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen +Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und +spiegelt, gegen sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, +deren unendliche Strahlen vom unendlichen Stoffe zurückgeworfen +werden. Dieser abgeleitete oder reflektierte Strahl +ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott, göttliche +Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und +dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.</p> + +<p>Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, +alles auf sich zu beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur +Mittelpunkt einer Einzelheit und Trabant des All-Mittelpunktes +ist, für einen selbständigen Mittelpunkt zu halten, +diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther +der Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll +nicht sein, aber es muß sein, damit Gott sich selbst erkennen, +oder, wenn du lieber willst, damit Leben sein kann. Gott +ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott hat +Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen +zwei entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein +Leben denkbar: ohne das menschliche Ich wäre nur Allsein, +das gleichbedeutend mit Nichtsein ist.</p> + +<p>Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des +Bösen mythisch auch so erklären: die pure Aktivität müßte +notwendigerweise die pure Passivität zerstören; die Aktivität +muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand setzen, damit +der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt +<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span>wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem +Stoff Odem einbläst, ihm einen Teil seines Wesens, seiner +Kraft gibt, die er selbständig für sich benutzen nicht nur +darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine zerstörende, +sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir +haben also den merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die +menschliche Ichsucht, da sein muß, damit Gott kein Teufel ist.</p> + +<p>Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, +der Mensch, oder die aktive Kraft des Menschen, und der +Teufel wären ein und dasselbe. Die Kraft ist ja ihrem +Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum des Menschen, +seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die +Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist +Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch +dies Bewußtsein, daß alle erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen +der göttlichen Kraft sind, nicht hat, sondern seine +Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel verknechtet. +Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein +Irrtum, ein Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht +selbst als Person im Fleisch erscheinen. Er ist nur bei der +Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der Schatten eine +Begleiterscheinung von Licht und Körper ist.</p> + +<p>Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum +erscheint, ist der Kampf ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen +Art nach muß jedes Wesen überall und immer sein +wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei +der Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander +wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen +sich die Sachen, heißt es bei Schiller. Durch die Undurchdringlichkeit +der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht +nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff +und nicht nur Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten +<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span>steht zum Lichte in einem gegensätzlichen Verhältnis, indem +der Schatten wächst, wenn das Licht abnimmt, und umgekehrt. +Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann +aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt +sich vom Teufel sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, +er hat keinen Körper, ist aber von der körperlichen +Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel häufig den +Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch +denkt und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und +Tuns ist, oder insofern der selbstbewußt gewordene Mensch +das mit Absicht ausführt, was der instinktive Mensch unbewußt +tut.</p> + +<p>Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende +Mensch ist der Mann. Es würde, da es unzählig viele +Ichs gibt, ein beständiger Krieg aller gegen alle herrschen, +wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine passive +Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist +das Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, +ist schon daraus ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung +ihres bewußten Willens, Menschen schafft; das +Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der Schöpfungsgeschichte +weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte; +denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, +wenn Gott gestürzt werden sollte, und ihre Schwäche bot +auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut, selbstlos, deshalb +aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich dem +Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, +das Leben erst möglich machte. Das Weib liebt nicht +Gott, die Güte, sondern den Selbstsüchtigen, der sie leiden +macht, weil er nur sich selbst lieben kann. Durch das Leiden +kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres +Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott +<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span>wieder her. Die Bestimmung der Frau ist, die selbstische, +verteufelte Welt mit Gott zu verbinden, der Genius und +Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage und Geschichte +die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu +großen Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken +vertritt. Oft allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, +vertritt sie auch seine teuflischen Gedanken, wovon Lady +Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die Frau nicht mehr +der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, +weil keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der +heutige Mann, ganz weltlich, will nur ebensolche Frauen, +oder, schwankend zwischen Welt und Gott, will er sie entweder +moralisch oder was man erotisch nennt; den reinen +Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu +stark, der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten +werden will.</p> + +<p>Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, +wie ihrerseits die Frau auch eine aktive Seite hat. Der +bloß aktive Mann wäre ein Teufel, etwas nicht Existierendes, +die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es ebensowenig +gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. +Jeder Mann ist auch durch sich selbst mit Gott verbunden, +in sehr wechselnden Graden, jede Frau ebenso durch sich +selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne +aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, +teuflisch, wie die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, +unselbständig, Gott angehörig. Insofern jedoch steht der +Mann seinem Wesen nach Gott näher, als er Kraft ist. +Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das Verdammungsurteil +der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache +immer Liebe zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche +Natur an. Daraus ist zu erklären, daß alte Theologen +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span>der Frau die Fähigkeit absprachen, in den Himmel zu kommen. +Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch: „Wenn +aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber +predigen.“ Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, +alle Stufen der Entwickelung durchzumachen, in der Weise, +daß der Mann seine passive, die Frau ihre aktive Seite +auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, +da sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität +fließen, immer wieder in dieselbe zurücksinkt.</p> + +<p>Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische +in sich und außer sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die +Notwendigkeit, ich möchte sagen die Würde des Teufels erkannte. +Er sagt von sich selbst, daß er ohne den inneren +Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen +wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott +lieb wären, wenn sie zur wahren Erkenntnis führten. Es +ist der Fehler vieler sogenannten Frommen, daß sie den +Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem Himmel +träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch +verleiden sie Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn +jeder Mensch, wenigstens jeder naive Mensch, hat den Instinkt, +den ewigen Sonntag und Engelsgesang unerträglich +langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel +ein Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; +seinen Gegnern gegenüber betont er und belegt mit biblischen +Beweisstellen, daß Gott auch in der Hölle gegenwärtig +zu denken ist. An diese Notwendigkeit des Gegensatzes +denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer +Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen +Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen +zu müssen, über seinen Stolz, seine Heftigkeit, seine +Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein Engel im +<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span>landläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer +Mann gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine +ganz einfache Frau oder ein Kind, womöglich ein Negerkind, +wäre ein größeres Genie als zum Beispiel Beethoven – Leute, +die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott vermittelnden +Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man +niemand hindern, bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur +wird sich der Betreffende dann mit der Mehrzahl der Menschen +schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich die +schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: +auch maßloses Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der +Teufel. Luzifer, der erste Rebell, war der schönste unter +den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche Geschöpfe, obwohl +sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man +kann als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen +desto größer ist, je größere Gegensätze es umfaßt. Das +gerade ist die unsägliche Herrlichkeit Gottes, daß er den Teufel +in sich begreift. Er spaltete sich in positive und negative +Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen entgegengesetzten +Kräften entstehenden Spannung Leben zu +schaffen.</p> + +<p>Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne +des Mannes feiere? Ach, die modernen Männer haben +wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine Zeit ist um. +Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt +gerade noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit +zu entzünden, die Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. +Ich weiß nicht, wie weit das auf dich paßt; aber ich bilde +mir ein, du habest auch lechzende Zungen eingemauert. Wäre +nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen?</p> + +<p>Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, +haben Gott gern das Böse zum Vorwurf gemacht, haben +<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span>gemeint, sie, als Gott, würden eine Welt ohne Teufel schaffen; +nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das Aussterben +des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn +der Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, +denen er sich in der Welt offenbarte. Das Verschwinden +der Schatten zeigt an, daß die Sonne untergegangen +ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr, +bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln +des Nero licht machen.</p> + +<p>Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und +eine Erscheinung wie Nietzsche sind der Schrei der Menschheit +nach dem Teufel, der ebenso berechtigt ist wie der Schrei +nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch Teufel sich +willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie +viele junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein +von Hölle zu erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor +möglichen Mißverständnissen. Es gebärdeten sich ja zu +Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht Tierheit +genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. +Aber du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, +noch für dich allein Mustersünden im Treibhaus züchten, +insofern kann ich mich auf dich verlassen. Luzifer verachtet +ja den dummen und den bösen Teufel, seine Vorläufer; ich +zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht +bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir +zuhörst, beendet.</p> + + + + +<h2><a name="brief6" id="brief6"></a><a href="#inhalt">VI</a></h2> + + +<p><span class="initial">G</span>eliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, +du sagst, ich hätte anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, +und ich leugne das nicht, vielmehr freue ich mich darüber. +Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel hat +<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span>die Wurzel <span class="antiqua">dev</span>, was im englischen Worte <span class="antiqua">devil</span> noch deutlich +zu erkennen ist, und <span class="antiqua">dev</span> bezeichnet das Göttliche. Ich +will nun aber zum Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, +wo ich sagte, daß Gott in seiner Majestät unzugänglich +sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre den Menschen +offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend. +<span class="antiqua">Non est opertum quod non reveletur</span>: es ist nichts verborgen, +das nicht offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott +dreifach.</p> + +<p>Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft +oder Natur.</p> + +<p>Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe.</p> + +<p>Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft +oder Geist.</p> + +<p>Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur +nacheinander, sondern auch nebeneinander, so daß er immer +und überall zugleich in der Natur und in der Menschheit +da ist.</p> + +<p>Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft +offenbart, ist der Gottvater unseres Katechismus. Er war +in der Antike der Gott, „der da wachsen läßt“, eine Idee, +die in der Sprachwurzel <span class="greek" title="phy" lang="el">φυ</span> ausgedrückt war, von welcher +das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen +stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater +alles hat wachsen lassen, was des Menschen Hand +nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen, die +gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den +allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther +in wundervoller Bildersprache, die sich an die des Alten +Testamentes anschließt. Er ist das Allerinwendigste und +Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was unablässig +wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">46</a></span>uns zu Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene +Künstler, der nach dem schönen Ausdrucke Dürers +voller Figur ist.</p> + +<p>In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß +der Mensch nicht eine einzige lebendige Rose selbst machen +könne. Man hätte darauf antworten können, daß sie sich +selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der unseren +Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen +von innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst +machen, nur daß wir es nicht mit bewußten Willenskräften +tun, sondern mit jener instinktiven Kraft, die nicht von +unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott. +„Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt“, heißt +es bei Schiller. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ +Es ist deshalb, nebenbei bemerkt, nicht anders möglich, als +daß das Äußere das Innere offenbart.</p> + +<p>Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in +uns, sondern auch mittelbar durch die Kreatur. Er bildet +Höhlen und Nester durch Tiere und Kunstwerke durch die +Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände wählt +er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen +der Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, +Menschen der ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche +Menschheit. Die vorchristliche Menschheit war wesentlich +voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der Formen geschaffen, +mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche +Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen +Tiere; neue Arten sind nachher nicht mehr erschienen.</p> + +<p>Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende +Gott, aber im Gegensatz zu der an sich positiven, aber +in bezug auf ihn negativen menschlichen Kraft, man kann +der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum Teufel. +<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span>Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste +Stufe des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. +Den passiven Trieb der Natur, sich der Form zu widersetzen, +die Form aufzulösen, drückt Goethe mit den Worten +aus: „Die Natur hängt immer zum Verwildern hin“, den +aktiven Schiller: „Die Elemente hassen das Gebild der +Menschenhand.“ Der Widerstand, den Chaos und Elemente +fortwährend dem göttlichen Bilden entgegensetzen, +läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine +göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der +Natur, sie ist nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich +oder Geist an sich wirklich ist. Man hat die krumme Linie +die Linie des Lebens genannt; sie entsteht durch die Ablenkung, +die die reine göttliche Linie durch den Widerstand +des chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser +die Linie der Natur nennen. In der Kunst ist sie für die +instinktive, volkstümliche Kunst im Gegensatz zur idealen, +persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff des +instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem +dem Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im +Maße, wie es sich auswirkt, als werdendes Bild erscheint. +Die instinktiv geschaffenen Werke sind deshalb auch als +Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre +Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, +in Städten, Domen, Epen zum Beispiel; wohl haften +legendarische Namen an ihnen, aber sie können sich nur +unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer entwickeln.</p> + +<p>Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, +desto mehr nimmt sein chaotischer Trieb ab; es setzt +sich nun dem bildenden Gott die geformte Persönlichkeit +entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen ist ein +<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span>solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, +und weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein +Ganzes ist, kann es auch nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung +genossen werden. Das aus dem Geiste einer Person +geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes, nicht +fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann +das Chaos ersetzen.</p> + +<p>Jede <span class="ins" title="antikisiernde">antikisierende</span> Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit +beruht auf erschlaffter Persönlichkeit und Ideenmangel. Mit +antikisierender Richtung meine ich aber nicht die italienische +Renaissance; denn diese war ein natürliches Wiederaufleben +antiker Formen im selben oder nahverwandten Volke.</p> + +<p>Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, +daß Luther zwar nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber +klar erkannte, dass Gott sich in der Natur offenbart. Luther +war ein leidenschaftlicher Gegner des Klosterlebens, darin +mit den meisten seiner Zeitgenossen übereinstimmend. Es +ist charakteristisch für ihn, daß er es nicht wie diese in erster +Linie auf die Mängel in der Lebensführung der Mönche +hin bekämpfte: er hätte wahrhaft aszetische Mönche mehr +getadelt als unsittliche; sondern er ruhte nicht, bis er den +Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens bloßgelegt hatte, +daß nämlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, +sondern von Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der +Welt Wert haben könne, während es doch gerade vor Gott +Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen nach, +daß Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes +sind, und daß die Mönche sie als besondere Gebote nur deshalb +errichtet haben, um die göttlichen zu umgehen; denn +sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich dem allgemeinen +Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, +um als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Körper +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span>zu besitzen, sie geloben Keuschheit, um sich entweder ihren +Begierden ungezügelt im Verborgenen hinzugeben, oder um +natürliche Begierden gewaltsam zu unterdrücken. Er wies +nach, daß Paulus zwar den angeborenen Trieb zur Keuschheit +als eine göttliche, das heißt geistige Gabe gerühmt hat, +daß die Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit +aufzwingen will, nur Keuschheit innerhalb der +Ehe.</p> + +<p>Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch +erwarte, Luther werde den Beweis, daß Gott die Ehelosigkeit +nicht geboten habe, aus der Natur führen, er habe aber, +als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan, sondern sich nur +auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so, vielmehr +sagt er: „Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, +daß sie zusammen sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen +anderen Stand“, außer wenn, wie schon gesagt, die natürliche +Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur +„wider eingesetzte Natur“ soll man nicht Jungfrau sein +wollen. „Also sage ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, +daß wir tun wie unsere Eltern, Kinder zeugen und +nähren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und eingepflanzt. +Das beweisen die Gliedmaßen des Leibes und +tägliches Fühlen und aller Welt Exempel.“</p> + +<p>Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, +indem er als gut und beglückend nur das will gelten lassen, +was unser Herz, also die Vertretung des Göttlichen in uns, +fordert. „Gott hat auch seine Richtschnur und Kanones“, +sagt er in den Tischreden, „die heißen die zehen Gebote, die +stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon +das, was du willst dir getan haben, das tue du einem andern +auch.“ Man solle überhaupt die zehn Gebote nicht +deshalb halten, führt er an anderer Stelle aus, weil Moses +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span>sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, +sondern weil das natürliche Gesetz nirgends so fein und +ordentlich verfaßt sei wie bei Moses. Einen Gott haben, +sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch natürliches Gesetz, +wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wüßten, daß +ein Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot +der Liebe, in welchem alle Gebote des Moses aufgingen: +„Liebe deinen Nächsten als dich selbst.“ „Sonst, wo +es nicht natürlich im Herzen geschrieben stände, müßte +man lange Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen +annähme; es muß es auch bei sich selbst also finden +und fühlen, es würde sonst niemand kein Gewissen machen. +Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt, +daß sie solch Gesetz nicht allzeit fühlen.“ Das natürliche +Gesetz sei allen gemeinsam; daneben könnten die Völker ihre +eigenen Ordnungen haben, wie die Sachsen den Sachsenspiegel, +die aber nur dem betreffenden Volke, nicht allen +Menschen verbindlich wären.</p> + +<p>Daß man den Sabbat oder Sonntag feiere, müsse man +nicht tun, weil es Moses geboten habe, sondern weil die +Natur lehre, daß Mensch und Vieh sich jezuweilen einen +Tag erquicken müssen. In Krankheitsfällen rät er, entweder +natürliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu +Gott zu beten; wieder das Natürliche dem Göttlichen gleichsetzend. +Das Recht betreffend sagt er, ein gutes Urteil +könne nicht aus Büchern gesprochen werden, sondern aus +freiem Sinn daher, als wäre kein Buch. „Aber solch freies +Urteil gibt die Liebe und natürliches Recht, des alle Vernunft +voll ist.“ Es sei eine Schande, sagt er, als er zur +Gründung von Schulen ermahnt, daß man sich reizen lassen +müsse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch die +Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther +<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span>häufig auf die Natur, als in der Gott sich offenbare, die +aber vom Teufel verderbt sei. <span class="ins" title="Diesen">Dieser</span> Umstand, daß die +Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn das ist ja +Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, +wird von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil +Luther so umfassend blickte, wurde und wird er mißverstanden. +Es gibt viele, für die alles Natürliche schon göttlich +und vorbildlich ist; andere, die das Natürliche dem +Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu +können glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott +zugehörig geschont wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, +sagte er, keine neue Kraft, sondern werde in ihrer alten +bestätigt; da demnach eine und dieselbe Kraft im Menschen +ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstört +wäre? Die „selbsterwählte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit +über den eigenen Leib“ ist ihm verhaßt, „daß wir uns +selbst also ums Leben bringen, so doch Gott geboten hat, +man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht töten“. Kasteiung +dürfe nur getrieben werden zur „Dämpfung der Unkeuschheit“, +nicht bis zur „Verderbung der Natur“. „Wo +aber dies Ziel übergangen wird, und die Fasten usw. höher +getrieben sind, denn das Fleisch leiden kann oder zur Tötung +der Lust not ist und damit die Natur verdorben, der Kopf +zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, daß er gute +Werke getan habe … Er wird geachtet werden als einer, +der sich selbst verwahrlost, und so viel an ihm ist, ist er sein +eigener Mörder geworden. Denn der Leib ist nicht darum +gegeben, ihm sein natürliches Leben oder Werk zu töten, +sondern allein seinen Mutwillen zu töten.“ Aus diesem Satze, +daß Gerechtigkeit zwar geschehen müsse, aber nur soweit die +Natur dabei erhalten bleiben könne, leitet Luther unter anderem +ab, daß Aneignen fremden Gutes, um den Hunger zu +<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span>stillen, nicht als Diebstahl betrachtet werden dürfe, wie in +den Sprüchen Salomonis steht: „Wir sollen den Dieb nicht +verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, wenn ihn +gehungert hat“, was auch nach unserem heutigen Gesetze +Geltung hat. „Gott hat seine Gebote nicht gegeben, daß +der Leib, die Habe oder die Seele umkommen, sondern +daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. +Darum sind sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig +nicht vergissest, daß Gott den Leib geschaffen habe, die +Seele und den Geist, und daß er will, du sollst dich darum +bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, +du nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.“ +Welche Kühnheit in diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen +einschließen! Luther deutet sie selbst an in den +Worten: „In der Not sind alle Güter gemeinsam.“ Du +weißt, mit welcher Härte er den aufrührerischen Bauern +entgegentrat, und wie er überhaupt jede gewaltsame Auflehnung +gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch so ungerecht, +verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, +werde Gott einschreiten. Es können Fälle eintreten, wo +Gottes Gebote nicht mehr Gebote sind, wo Krieg oder Revolution +notwendig werden; aber kein einzelner darf das +machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen könnte, +würde es rechtfertigen, sondern die Not muß es bringen, +die Natur, durch die Gott seinen allmächtigen, unwidersprechlichen +Willen verkündigt, wenn der Mensch entartet, +vom göttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt geschichtliche +Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen +eintreten, weil die menschliche Willkür so überhandgenommen +hat, daß die Natur unter Menschenwerk +ersticken würde, wenn sie es nicht verschlänge. Solche geschichtlichen +Naturereignisse nennen religiöse Menschen mit +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span>Recht Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber +infolge menschlicher Verirrung notwendig, von Gott gewollt, +um die Natur vor gänzlicher Verderbung zu retten. +Schiller vergleicht die Empörung der Natur mit dem angeketteten +Löwen, der „des numidischen Walds plötzlich und +schrecklich gedenkt“. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgeführt +und insbesondere in die bekannten Worte gefaßt: +„Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht“ und „Gott hilft +nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen“. Es ist +durchaus lutherisch gedacht, daß die Revolution nicht von +Tell, sondern vom Volke ausgeht, dessen Gesamtwillen er +nur in einer Tat vollzieht, die ihm die Notwendigkeit im +Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.</p> + +<p>Niemals erscheint Luther als grämlicher Gegner der +Lebenslust, sondern er ermuntert zur Freude. Er erinnert +daran, daß Christus selbst auf der Hochzeit erschien und +Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die schönen +Worte des Predigers: „Gehe hin fröhlich, iß und trink und +wisse, daß dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit laß dein +Kleid weiß sein und das Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. +Genieße dein Leben mit dem Weibe, das du lieb +hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben +sind.“ Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, daß das +Werk Gott wohlgefalle: wer ohne inneren Frieden genießt, +dem ist es Unrecht.</p> + +<p>Was für Beschimpfungen und Verdächtigungen hat Luther +während seines Lebens und nach seinem Tode über sich ergehen +lassen müssen, weil er die Natur heilig hielt. Es ist eigentümlich, +daß den Menschen eine Art Wut innewohnt gegen +alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder +am begreiflichsten, wenn man sagt, daß es der Teufel ist, +der die Natur Gott entreißen und für sich haben will. +<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span>Sollte einer, den Lorbeer krönt, auch Rosen tragen dürfen? +Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen +zu Christus Füßen liegen? Weil Luthers Lebenswandel +keine Angriffspunkte im Sinne der Welt bot, warf man +ihm vor, daß er seine Frau aus Liebe geheiratet habe; andere +wieder finden, es sei nicht friedlich und salbungsvoll +genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man ärgert sich so +darüber, daß er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer +sich ärgerten, daß der Leib des Herrn im Brot und +Wein sein sollte.</p> + + + + +<h2><a name="brief7" id="brief7"></a><a href="#inhalt">VII</a></h2> + + +<p><span class="initial">I</span>ch erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand +als dies: Du mußt nicht immer alles auf einmal sagen wollen. +Aus deiner Handschrift schließe ich wohl nicht mit Unrecht +auf dich als Urheber und antworte dir, daß das schwer zu +vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die +immer nur von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich +weiß, wie das ganze Mammut aussehen muß; wenn es +mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert, so +hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du +freilich recht, daß es uns nicht eilt: die herbstlichen Nächte +sind lang, und meinen König schläfert nicht.</p> + +<p>An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden +taten es; aber das wollten sie nicht glauben, daß Gott sich um +die Menschen bekümmere. Da der Denkende auf eine letzte +Ursache aller Erscheinungen stößt, so ist er an Gott zu glauben +sogar gezwungen, wie es in der Bibel heißt: Die Toren +sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher +Epikureer bist du vermutlich auch, wie Luther diejenigen +nannte, die den fleischgewordenen Gott ablehnten. Daß +Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem, +<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span>als daß das Sein überhaupt wird; und so müßte der, welcher +glaubt, daß Gott sich in der unbewußten Natur offenbart, +auch glauben können, daß er Mensch wird. Wie dem +aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist +uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, +es müsse heißen <span class="antiqua">verbum caro facta est</span>, nicht <span class="antiqua">factum est</span>, +da das Werden sich nur auf das Fleisch, nicht auf das Wort +beziehen könne.</p> + +<p>Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende +Geist der Griechen allmählich anfing, die Welt als Einheit +zu erfassen, und im Maße, wie er das tat, erlosch der Glaube +an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh taucht die +Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei +Gebeten sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; +oder man setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen +Altar, ja man schmolz alle Götter schon in den +einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in +Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, +auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. +„Nun verkündige ich euch denselbigen, dem ihr unwissend +Gottesdienst tut“, sagte er zu den Griechen. Es erscheint +zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu +erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, +daß aber dieser Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht +erschien, sondern der Unbekannte blieb. Es hatten sich einst +unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen Göttern verdichtet; +man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder +Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als +der gesuchte Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen +deshalb nicht, weil dies nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, +sondern persönliche Götter waren, und das +Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span>aufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, +um die Olympier vom Throne zu stoßen. Jehova hätte das +nicht sein können, der nur ein persönlicher Gott mehr in der +Götterrepublik war, und dasselbe war mit jedem andern +Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, +die Idee des <em>einen</em>, unendlichen, allumfassenden Gottes sei +zu ungeheuer gewesen, um im menschlichen Geiste Person +zu werden. Das Unlösbare wurde gelöst durch ein Wunder: +die Idee personifizierte sich nicht im menschlichen Geiste, +sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In +dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen.</p> + +<p>Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche +Geist war zu der Erkenntnis gereift, daß das Herz +der Menschheit zugleich das Herz Gottes ist; daß die Menschheit, +die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch Christus +vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche +Geist lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er +nun den ungeheuren, den letzten Schritt in seiner Entwickelung, +sich selbst als Gott zu erkennen. Diese Wahrheit wurde +als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die Verkündiger +selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch +geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich +gerade diese Lehre so viel Widerstreben findet, hat meiner +Ansicht nach folgende Gründe, die Luther ohne weiteres und +ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe der Selbst-Sucht +sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, +so wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man +hätte streben können; aber Christus bekehrte die Sünder und +heilte Kranke und erweckte die Toten; das sind Gaben, die +nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch, wenigstens +jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sich +<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span>selbst als Gott zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, +daß ein Mensch schon Gott ist, und daß er selbst Gott nur +sein kann, soweit er sich mit diesem Gottmenschen eins +macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott +anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf +des Gottseins zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde +fühlen sich viele Männer instinktiv im Widerspruch zu +Christus.</p> + +<p>Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt +die Welt anfangs in Einzelbildern auf, die sich allmählich +zu persönlichen Göttern verdichten. Diese Götter wohnen +nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen +Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst +als Olymp, Walhalla, Himmel bezeichnen. Daß Götter +nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel sind, hat +sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; +die meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß +dieser Himmel ihr eigener Geist ist, sondern verlegen ihn +an irgendeinen unauffindbaren, außerirdischen und sogar +außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den Sternen +und über den Sternen; daß „der geheimnisvolle Weg nach +innen führt“, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere +aber können es fassen, daß der Weg auch nach außen geht, +daß die im Himmel Heimischen im Fleisch auf Erden wandeln +sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare +mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck +des Unsichtbaren ist. Daß Ideen Marmor werden, begreift +jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt man täglich +um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren +werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß +Adam aus einem Erdenkloß erschaffen sei.</p> + +<p>Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe, +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span>möchte ich dir meinen Begriff der Person auseinandersetzen. +Dabei kommt mir das ausgezeichnete Werk von Usener, das +ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine Auffassung +durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen +konnte. Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern +kindlicher Völker, die dadurch entstehen, daß +der Mensch die einzelnen Eindrücke, die das im Sichtbaren +wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon erfaßt +und benennt. Solange durch diese Namen die Idee +noch durchscheint, bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir +zum Beispiel, es gäbe Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit +oder Überfluß hießen: es ist einleuchtend, daß sie uns niemals +persönliche Götter werden könnten. Erst wenn im Laufe der +Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es durchgemacht +hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung +nicht mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den +ein einzelnes Ding für sich hat: dies Ding ist dann eine +Person. Wenn du dich für Beispiele aus der Mythologie +interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten Usener. +Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, +die man gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, +und an die Vorliebe für Namen fremder Sprache, bei denen +die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen Benvenuto, +Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, +Erwünschte, Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen +ziehen wir die bedeutungslosen den durchsichtigen +wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw. vor, wenn auch +sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang +für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name +macht zur Person, vielmehr indem ein Ding einen Namen +für sich bekommt, ist es auch ein Ding für sich, eine Person. +Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art Namen, +<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span>denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich +aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz +tritt, wenn der Eigenname oder die Person geworden +ist, hinter dem Namen und der Person zurück; man kann +auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee. +Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns +zuerst Blumen oder Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, +so stehen bestimmte persönliche Gestalten vor uns, die +Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben, deren +Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.</p> + +<p>Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste +entsprechen genau ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit: +<span class="antiqua">nobis res sociae verbis et verba rebus</span>, d. h. die Dinge sind +den Worten gesellt und die Worte den Dingen. Denke +bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die +Substanz, nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet +sich an einigen Punkten, es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, +um die herum die Substanz sich drehend schwingt, +es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung +der Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht +mehr der allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, +Dinge für sich, Sterne mit Namen. Auch den Prozeß der +Bildung der persönlichen Götter nennt Usener einen Erstarrungsprozeß. +Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste +oder in der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung +lebendiger Substanz. Die von der All-Substanz abgesonderte +Substanz aber muß allmählich versiegen, woraus +folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die Absonderung, +also die Sünde, die der Person das Leben gibt, +verurteilt sie zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in +sich, wie man persönliches Leben in sich hat. Wie erschütternd +<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span>klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der Name der +Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, +daß es Person werden und als solche sterben muß.</p> + +<p>Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung +einer Idee ein Augenblick kommen muß, wo der Kern, +die verdichtete Kraft, das selbstbewußte Ich des Menschen, gerade +so viel lebendige Substanz gebunden hat, daß Selbst und +Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist offenbar +der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo +er erreicht ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann +die Substanz nicht mehr binden, sie wird frei, und der Rückfall +der Person an das All fängt an. Nimmst du die Menschheit +als Person, so ist Christus der Höhepunkt der Menschheit; +könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber +nicht kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und +sterben kann, so wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht +darf man sagen, da die Welt unendlich ist, ist auch ihr +Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus dann wieder +folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch +ist. Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung +so aus, daß er erzählt, Gott habe Adam seinen Odem +eingeblasen; es ist das Teil göttliche Kraft, das der Mensch +für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu werden. +Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder +soll, mit dem Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen +Entwurf mit seinem Gepräge, seine Welt, vorlegen. Dabei +aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat die Neigung, +Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das +Ich will sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine +Aufgabe. Die Heilige Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, +und sie ist es ja auch, insofern sie eine Absonderung +und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters gesagt, +<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span>ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und +von Gott gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man +kann diesen Widerstreit gut verfolgen, wenn man die Christusbilder +in der Malerei betrachtet. Heutzutage gibt es Maler, +die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus ausgeben. +Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen +da immer ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, +und in einzelnen Fällen ist eine Verschmelzung gelungen, +die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein Ich von +möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen +Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, +umfaßt, daß möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, +so nennen wir eine solche Person ein Genie. Ein +Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich viel will und +unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches +Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. „Ein +guter Maler“, sagt Dürer, „ist inwendig voller Figur, +und obs möglich wäre, daß er ewiglich lebte, so hätte er aus +den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk auszugießen.“ +Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie +dadurch zu seinem Werk.</p> + +<p>Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft +und Substanz durch eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden +und ihr zu eigen gemacht wird. Auch in den Tieren ist göttliche +Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an sich +binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch +das Tier hindurch.</p> + +<p>Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner +Kinder eine Handvoll Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige +von den Kindern wünschten ihr Teil von dem der andern +zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf, +woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erst +<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span>wäre das Geschenk ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit +ihnen zu einer Einheit verschmolzen. Wendest du das auf +das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die der +Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die +Kraft im Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und +die Kraft müssen zuvor sich voneinander entfernt haben und +einander als zwei gegenüberstehen, wenn das Ich die Kraft +soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren +Trennung und Wiedergewinnung war in Christus +vollendet.</p> + +<p>Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann +wie ein Christ, „denn es hat die Meinung mit uns, daß +uns der Teufel viel feinder ist und härter zusetzt denn sonst +Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht daran genügen, +daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch, +untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die +Heiden. Gottes Wort mag wohl wehren und davor behüten, +aber wenn ein Christ anhebt zu geizen, so wird er +zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. +Wo kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: +wenn er aus einem Christen zehn Teufel machen +könnte, so tät ers.“</p> + +<p>An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das +sein eigener Gott sein will, ist der Christ zu erkennen. +Erst der Christ ist wirklich ein Herr, einer für sich; wenn +er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt, beugt, kann er +selbst zum Herrn der Welt werden.</p> + +<p>„Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die +Morgenröte anbrach,</p> + +<p>Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er +das Gelenk seiner Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte +ward über dem Ringen mit ihm verrenkt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span></p><p>Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte +bricht an.</p> + +<p>Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich +denn.</p> + +<p>Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob.</p> + +<p>Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern +Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft +und bist obgelegen.“</p> + +<p>Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses, +nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. +Es ist natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst +zu haben, das von Gott verschlungen wird; ein eigenwilliges +aber ohnmächtiges Selbst, das sich Gott vergeblich widersetzt, +ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst ist die +Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu +sein. „Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, +als sei kein Mensch sonst auf Erden denn er allein, und +daß aller Trost und Zusagung Gottes hin und wieder in +der Heiligen Schrift ihn allein angehe.“</p> + +<p>Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind +seinem Wachs aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die +allmählich das Wachs aufzehre. Es muß dahin kommen, +daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz überwiegt; +während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird +sie zur Maske, die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen +kann sie das nur eine Zeitlang: der Augenblick muß +kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist und damit +auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der +Mensch stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; +das Selbstsein bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, +desto mehr Tod hat der Mensch in sich. Luther +hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren noch +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span>ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit +entsteht und wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes.</p> + +<p>Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder +eine Blütezeit, jede Familie hat die ihrige, jedes Volk die +seinige; man kann ebensogut sagen, daß jeder Mensch seine +geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk seine genialen +Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß +jede Spitze immer nur in bezug auf andere hoch ist, und +daß der Höhepunkt eines Menschen oder einer Familie an +sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann. Je mehr er sich +dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man berechtigt, +von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein +Genie, sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner +Familie untersuchen.</p> + +<p>Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, +der Höhepunkt seiner Familie war; er war nicht das Ergebnis +seiner Familie, sondern sie war da, damit er sich in +ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem +Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das +Urbild in Zeit und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee +Beethoven in einem winzigsten Keim gefangen, in das +irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der +Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven +schon in ihren Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, +die wir kennen und verehren, würde uns näher und +näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen Nebel +auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie +nun das Bild sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in +die Gegenwart schreitet, rollt es das auf, was vor ihm war, +was es hervorgebracht zu haben scheint, und nimmt es mit +sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede +höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt, +<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span>so daß durch die höchste alle früheren gebunden sind und +zu ihr gehören; das vollendete Urbild verdichtet alle Stufen, +durch die es hindurchgegangen ist, in seiner Person. Die +Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie +vor der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns +sein, die Geschichte seiner Vorfahren kennen zu lernen und +zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher werden, je näher sie +ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß wir nichts +in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden +wäre. Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von +der übrigen Menschheit unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, +so hat er das Göttliche, das, was ihn mit der Menschheit +verbindet, von seiner Mutter; wir können auch sagen, er +hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott +oder die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen +mit seinem leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten +Kampfe; aber wenigstens vorübergehend kann es sie binden, +daß sie mit ihm eins werden. Das Genie ist androgyn, +männlich und weiblich zugleich, wenn auch im allgemeinen +als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die +bindende Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist.</p> + +<p>Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind +nicht nur die vergangenen, sondern auch die zukünftigen +Stufen seines Lebens gegenwärtig geworden, das heißt: nach +dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts Neues mehr +kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach +dem Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten +Bindung und Verdichtung muß die Auflösung kommen. +Es ist bekannt, daß der geniale Mensch sich körperlich nicht +fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht fortpflanzungsfähig +sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft +sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunkt +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span>die göttliche Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre +auch widersinnig, wenn sie noch fortlebte, nachdem sie durch +ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr letztes Wort gesagt +ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien aufgehen, +bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit +ihrer Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, +was nach dem Genie der Familie kommt, gleicht von innen +erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher Kruste oder den +„Erlenmädchen hinten hohl“ des Andersenschen Märchens. +Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz +entweicht und an die Stelle der kraftvollen Persönlichkeit +die Maske tritt, nennt man Dekadenz.</p> + +<p>So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so +entwickelte Christus sich in der Menschheit. Christus ist das +Genie, die Spitze der Menschheit; Luther nennt ihn deutlich +das Haupt, zu welchem die Menschheit hinzugehört als der +Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der Bibel: +des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen +als ihr Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie +Beethoven sich durch seine persönlich-göttliche Seite von seinen +Vorfahren unterscheidet, unterscheidet sich Christus von der +gesamten Menschheit dadurch, daß er Mensch und Gott ist: +sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst bindet +das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen +Genie ist doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, +das größte menschliche Genie ist doch nur auf Augenblicke und +teilweise mit Gott eins; Christus vertrat die ganze Menschheit +und war ganz und gar mit Gott eins. Christus umfaßt +zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; +wer eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus +ist die ganze durch einen Mittelpunkt gebundene menschliche +und göttliche Kraft.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span></p><p>Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit +nicht deshalb Gott ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; +in diesen Irrtum verfallen nämlich die Menschen gern. +Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der Mensch zur +Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit +hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, +im Menschen sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber +er ist doch kein Tier, sondern durch sein Menschsein wesentlich +von der Tierheit unterschieden, wie Christus durch seine +Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der Menschheit. +Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze +nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist +überflüssig, es weiter zu verfolgen. Mir kommt es darauf +an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und Luther Christus +als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit +auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen.</p> + +<p>Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher +Ausblick öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem +der Übermensch schon da war, Übermensch außer ihm sein +wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen, das +heißt eigentlich schon wahnsinnig sind?</p> + +<p>Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein +unendlicher Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es +gäbe nur noch Rückblick.</p> + +<p>In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das +das jüdische Volk, in welchem Christus sich entwickelt hat. +Die Juden sind das Volk der Dekadenz <span class="greek" title="kat exochên" lang="el">κατ ὲξοχην</span>, und +sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit denen sie sich +verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus +nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges +zu verstehen ist; nur müssen die Dekadenten nicht etwas für +sich, etwas neben dem Genie oder gegen das Genie sein +<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span>wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel +müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung +zu leben, in andern Völkern aufzugehen.</p> + +<p>Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß +Menschen und Völker so gern aus einer großen Vergangenheit +auf eine große Zukunft schließen. Es ist sogar verdächtig, +wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit +zu reden. „Denn das sollt ihr wissen“, sagt Luther, „Gottes +Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht +wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den +Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. +Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben +sie den Türken. Rom und lateinisch Land haben ihn auch +gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr +Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben +werdet.“</p> + +<p>Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, +an einem Abnehmen der Produktivität und an der Zunahme +der Kultur. Kultur kann man den Zustand nennen, wo +die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es +möge jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit +stolz sein, jedes barbarische auf seine Kraft und +seine Zukunft.</p> + +<p>In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus +dekadent, das heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. +Aus der Auffassung Christi als der Spitze der Menschheit +erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder das Ende der +Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen +seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene +Geschichte ganz wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen +muß man sich doch Christus nicht als Endpunkt einer +Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es gibt dann +<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span>allerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber +gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben.</p> + +<p>Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen +und nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, +daß Christus sich noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; +wir haben sie verloren, wenn wir sie aber durch den Glauben +zurückgewinnen, können wir sie prägen.</p> + +<p>Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, +da es für sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir +fühlen uns als Bürger der sichtbaren und der unsichtbaren +Welt; gelingt es uns aber, diese beiden Welten zusammenzufassen, +so ist unsere Welt reicher und unser Selbst stärker +und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch +auf ihr Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr +wirkte; wir haben ein grenzenloses Wollen und sind dadurch +entkräftet und ziellos, wenn wir nicht durch den Glauben das +Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann auch +sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft +der Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und +die Bindekraft des Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn +der nachchristliche Mensch antik sein will; nur der Christ +kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken Menschen +gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und +der Antike auf Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend +hemmend auf ihn gewirkt, weil er sich nicht sicher +genug in seiner christlichen Kraft fühlte. Luthers und +Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel organischer +und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz +sich ihrer Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr +eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung, sondern eine Erweiterung. +Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein +mit der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltsein +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span>vom Gotte ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein +leidenschaftliches Herz, ein „im süßen Wahnsinn rollendes +Auge“ verhüllen, so erhalten wir nicht den Eindruck strenger +Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.</p> + +<p>Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus +hatte, durch die Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter +uns zurück: das Auseinandertreten der beiden Pole, des +Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und des +Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht +erst die Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. +Das persönliche Genie gibt es erst seit Christus, dem +Genie der Menschheit, und es wird immer ihm dem Wesen +nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.</p> + +<p>Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, +daß zu Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, +nämlich in den römischen Kaisern. Wohlverstanden kann +Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts +Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen +Menschen sich verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er +zu der Zeit am mächtigsten sein, wo Gott Fleisch wurde; denn +am größten Gegensatz entzündet sich das reichste Leben. Diese +Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in Italien das +Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf +beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten. +Renaissance und Reformation stehen in einem +unzertrennlichen Zusammenhange; aber er besteht nicht etwa +darin, daß Luther und Deutschland überhaupt durch die Unsittlichkeit +des römischen Lebens zur Einsicht in die Notwendigkeit +einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer +Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens +gab es einen solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein +schlechtes Zeichen für beide Völker, wenn dies Band zerrisse.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span></p> + +<h2><a name="brief8" id="brief8"></a><a href="#inhalt">VIII</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>u bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten +Briefes nicht eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst +vervollständigt. Du sagst, damit Christus ganz fest auf der +Erde stehe, müsse seine physiologische Seite erst erörtert +werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph nach +Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.</p> + +<p>Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter +gehegten Ei, genährt von ihrem Fleisch und Blut. Der +Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er den Entwickelungsprozeß +einleitet; die Natur, in welcher Gott, die +positive Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. +Die ganze Natur weist darauf hin, daß das Kind +der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz haben grausame +Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters +am Kinde entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten +auf ihr Recht, um die damit zusammenhängende Pflicht +loszuwerden, und sie werden von der Welt deswegen weder +bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind +verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen +Gott, gegen das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die +Mutter mit dem Kinde ein ewiger Gegenstand der Kunst, +nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter mit +dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr +Gottesbewußtsein mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt +vertritt.</p> + +<p>Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich +das Beste vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem +Weibe seine Persönlichkeit vor, damit sie sie dem Kinde +einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein Selbst, +also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen +Kraft; die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen +<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span>Geist selbst, welchen sie durch den Glauben zu empfangen +imstande ist. „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ +Der Vater gibt das Fürsichsein, die Persönlichkeit, die Mutter +das Allsein.</p> + +<p>Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, +ist Gott der Vater aller Menschen. „Denn wer da bekennt“, +heißt es bei Luther, „daß eine Mutter ein Kind gebiert, +das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten, daß die +Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte +Mutter ist, ob sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; +sonst würde daraus folgen, daß keine Frau eines Kindes +Mutter wäre.“ Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht zwei +Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die +Seele von Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß +nach Luthers Ansicht jede Mutter den Heiligen Geist empfängt, +und daß jeder Mensch göttlich und menschlich ist wie Christus, +wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst? „Laßt uns Redefiguren +mit den Manichäern erdichten“, sagt Luther an +anderer Stelle ironisch, „auf daß Christus nicht wahrer +Mensch sei, sondern eine Scheingestalt, die durch die Jungfrau, +wie der Sonnenstrahl durch das Glas, hindurchgegangen +und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften +fein behandeln!“ Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther +möchte ich dir anführen: „Da Maria, die Jungfrau, Christus +empfing und gebar, da war Christus ein leiblicher Mensch +und nicht allein ein geistliches Wesen. Dennoch empfing +und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das +Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des +Engels Wort empfing und gebar sie im Herzen Christus +geistlich zugleich.“</p> + +<p>Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar +durch die Bedeutung des Sündenfalls der Eva. Eva wurde +<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span>Gott untreu, indem sie den selbstischen Mann liebte und ihm +gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme +Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz +von Gott erfüllt. Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott +ihn ihr gegeben und es ihr befohlen hat, sie liebt ihn in Gott +oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den Malern als +älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; +das bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er +vom leiblichen Vater empfing, als solche nicht kennen lernen +sollen, sondern nur die zur Gottheit erweiterte Persönlichkeit. +Wir erfahren, daß Christus vom Teufel versucht wurde und +ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf dieser +Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von +ihr nicht fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie +ihm als Werkzeug Gottes heilig ist. Eva gibt dem Manne +nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade weil sie sich +bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann +sie ihm keine dauernde Kraftquelle sein.</p> + +<p>Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine +Begabung von der Mutter, nicht vom Vater ererbt, was +vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden wird. Man hat +sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden +Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; +aber gewiß hat man wenigstens das von ihnen gesagt, +daß sie fromm waren, und darauf kommt es ja einzig +an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die +Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann +auch ein anderes Wort wählen, das manchem vielleicht mehr +sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist Phantasie, die Fähigkeit, +sich das Unsichtbare einzubilden, daher Einbildungskraft. +Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte; +Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig +<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span>durch die Phantasie. Manche Menschen verstehen +unter Phantasie eine Fähigkeit, sich allerlei auszudenken; +aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was unsichtbar, +aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. +Weil sie Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das +Göttliche einzubilden, weil sie geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; +durch sie ist er aus Gott geboren und hört wie sie Gottes +Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie +des Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die +Phantasie der Mutter schließen. Auch Menschen kann man, +wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus dem Vollen geschöpft +oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht sinnlos, +daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen +und den Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die +Frau, wie sie sein sollte, hat derartige Nachhilfe nicht nötig, +denn sie sieht Schönes, das ist Göttliches, überall, weil sie +im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.</p> + +<p>Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder +daß sie sich leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu +unglückliche Ehe führten, sondern sie lebten in einer Ehe, +die ich Sakramentsehe nennen möchte, insofern sie auf göttlichem +Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne seine +Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge +welcher er sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen +Angelegenheiten gehorcht sie ihm; der Mann verehrt das +Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott betrifft, +schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.</p> + +<p>„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“, sagt Goethe. +Diejenigen Söhne, deren Väter so weltlich waren, daß sie das +Göttliche in der Frau überhaupt nicht erkannten oder es unterdrückten, +oder deren Mütter Gott an den Mann verrieten, +sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span>gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil +betrog. Am wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, +wenn sie einen anderen Mann als den Vater liebt. Die +gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat, vorzugsweise +ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu +werden; so waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, +die für die Liebe eine besondere Klasse von Frauen hielten. +Diese Einteilung, die der Genialität eines Volkes so sehr +zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade immer +wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; +da sie aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen +Völkern – und das sind jetzt alle – Formen an, die ihr +Gutes und Schönes aufheben und sie ins Widerwärtige +verzerren. So wie diese Einrichtung bei den nachchristlichen +Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht Gott +zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine +Marienfrau mehr heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, +ihre strahlende Heiterkeit, ihre reine Schönheit reizen +ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm ein Gefühl von +Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade +diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in +ihr; aber unter dem Schutze Gottes.</p> + +<p>Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der +Moral, an der wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat +gemacht, daß man sich unter Maria, der Kindlichen, Phantasievollen, +Strahlenden, und unter Christus, dem Genie +der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther +dachte sich Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die +Holdselige voller Gnaden, Christus als den Helden, den +Mann der Liebe und des Hasses, voll freundlichen Ernstes +und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von +Goethe:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span><span class="i0">Volk und Knecht und Überwinder,<br /></span> +<span class="i0">Sie gestehn zu jeder Zeit:<br /></span> +<span class="i0">Höchstes Glück der Erdenkinder<br /></span> +<span class="i0">Sei nur die Persönlichkeit.<br /></span> +</div></div> + +<p>Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht +ohne dies höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. +Daraus, daß er vom Teufel dreifach versucht wurde, geht +allein schon deutlich hervor, daß er Selbstbewußtsein hatte, +und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte es +der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild +Gottes erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll +Selbstbewußtsein, sondern auch ganz voll Gottbewußtsein. +Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in dem Augenblick +erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen +Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, +als er sagte: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine +Selbstform ging damit in die göttliche Form über; es war +nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung der Einzelpersönlichkeit +zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit +deckte sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich +die Idee Gottes ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit +ist dem Teufel nicht zugänglich, weil er vom Anderssein +als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein. Man +kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem +Höheren aufzugehen, ist in der Hölle.</p> + +<p>Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher +Mensch wie wir alle, liegt zu folgern nahe, daß wir auch +Götter, wenigstens werdende Götter, mögliche Götter oder +Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch gezogen +der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott +durch Christus, unseren Bruder, unser Vater geworden ist; +diese veränderte Stellung des Menschen zu Gott gehört zum +<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span>wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments. Luther erinnert +unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr +seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß +Christus selbst im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, +daß diejenigen Götter sind, zu denen das Wort Gottes +geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine Meinungsäußerung +Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der +Zwinglis Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache +aus der Kreatur den Schöpfer. In bezug darauf schreibt +Luther: „Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist Schöpfer +worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es +dennoch nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und +sagen alle, daß Gott Mensch und Mensch Gott sei in Christo, +so daß Mensch Kreatur und Gott Schöpfer ist. Darnach +solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie sie lästern, +und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden, +daß Gott Mensch sei.“ Man sieht, in welches Gestrüpp von +Mißverständnissen Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er +wolle bei der alten Theologie bleiben, wonach die beiden +Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte wohl selbst +nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich klargemacht, +daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts +daran auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, +das heißt Geist-Mensch werden kann. An Christus +glauben heißt, an das Göttliche im Menschen glauben, +glauben, daß der Mensch Geist hat.</p> + +<p>So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht +ganz befriedigt bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen +hören willst, worauf du so viel zu geben pflegst, natürlich +mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind auch Leistungen. Vielleicht +findest du, daß man, wenn Christus das Genie der Menschheit +ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span></p><p>In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die +Heilkunst; er war der Heiland der Welt, das heißt, da heil +ganz bedeutet, der Ganzmacher der von Gott abgesonderten +Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder, +und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen +sei. Und zwar machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, +die das Band der Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte +im Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bindet. +Viele haben die Vorstellung, als sei Christus ein humaner +Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen +gewesen; aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete +Traurige, heilte Kranke durch Wort und Berührung und +erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig machen, wird +klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein +Wort schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was +nicht ist, ruft, daß es sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie +dem Geiste bewußt werden: Christus machte der Menschheit +ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er lehrte +die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von +seinen Lippen, insofern war er der größte Dichter der +Menschheit. Es ist wahr, daß er seine Ideen nicht gestaltete; +aber er brauchte das nicht, weil er selbst, wie es heißt, voll +göttlicher Gestalt war.</p> + +<p>Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel +sie in ihre Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares +und Sichtbares, Sein und Erscheinen. Er zerriß sie, aber +er, der Heiland, Gott, der sich als Person offenbart, machte +sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das selbstbewußte, +verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das +Sichtbare und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die +Person, kann sich nur bilden durch die Tat, wie umgekehrt +eine Tat auch nur getan werden kann durch ein verantwortliches +<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span>Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich +zusammen, es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat +ohne Person. Solange das Ich betrachtend zwischen dem +Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es selbst vereinzelt +und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich +bloß erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur +unendliche Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt +er sich und wird dadurch ein einheitliches Selbst. Im Inneren +des bloß erkennenden Menschen ist ein Abgrund, der ihn +verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein +Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ +ist der Mensch, der nach vorausgegangener Spaltung wieder +einheitlich geworden ist durch aus dem Herzen entspringendes +und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich gemußtes und +gewolltes Handeln.</p> + +<p>Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi +Leben und seinem Wort zu wählen hätte, würde er ohne +Zögern sein Wort wählen; denn Christus sei in seinem Wort. +Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen möchten +wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit +die Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann +eine Veräußerlichung oder Moralisierung die Folge wäre. +Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie Christus gewöhnlich +gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von +ihm, um Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß +auf seine Mörder, andere stellten ihn als Beispiel auf und +predigten die Nachfolge. Dagegen sagt Luther, es stehe geschrieben, +daß man Christus anziehen solle, und Christus +anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man +ihm nachfolgen könne, müsse man ihn angezogen haben. +Einem Freunde erklärte er einmal, er fasse den Glauben +oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen, +<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span>sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus +habe nicht gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und +das Leben, sondern er sei das alles, er wolle in uns sein, +nicht außer uns.</p> + +<p>Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen +sein, und zwar Taten aus dem Herzen tun. Man kann +beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich blindlings, +mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel +Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es +einem Edlen oder Weisen nicht tun würden. Sie spüren +die starke Persönlichkeit, das selbstbewußte Ich, den mystischen +Punkt, in dem Gott Person werden kann. Das +teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, +ja es ist Christus auf der Stufe der Versuchung +durch den Teufel. Vielleicht unterliegt er; aber er kann +siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus siegte. Sowie +das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern +beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf +des Christen an.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Und solang du das nicht hast,<br /></span> +<span class="i0">Dieses: Stirb und werde!<br /></span> +<span class="i0">Bist du nur ein trüber Gast<br /></span> +<span class="i0">Auf der dunklen Erde.<br /></span> +</div></div> + +<p>Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet +das Christentum von jeder das Leben verneinenden +Weltanschauung. Wir sollen die Persönlichkeit nicht dadurch +überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern daß wir sie +erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen vertreten. +Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen +ist, findet sich doch jeder in ihm wieder.</p> + +<p>Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, +danach sollen wir nicht fragen; denn er soll für uns weniger +<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span>der historische Mensch sein als der Mensch, der Idealmensch, +der Gottmensch. Die genialen Menschen haben das auch +stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es +tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung +einige Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen +Christus darzustellen, und diese mögen bei der Entstehung +des Christustypus ein wenig mitgewirkt haben; +im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer +in Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, +die Romanen mit Überwiegen der göttlichen Form, die Germanen +mit Überwiegen der persönlichen. Sie idealisierten in +Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer +schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings +einige Maler unreligiös und unkünstlerisch genug +waren zu tun, so kann man darunter schreiben: Wenn er +lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die Verschmelzung +der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.</p> + +<p>Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die +Christus schön darstellten, und daß es ein Mißverständnis +ist, ihn häßlich zu denken. Häßlich kommt von Haß und bedeutet +Haß der göttlichen Form. Die Sklavenvölker und +Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden, +weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, +und ebenso drückt sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit +gegen die göttliche Idee als Häßlichkeit aus. Nun ist es ja +wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas Ungeformtes, in sich +haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie +auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich +sein muß. Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, +weil sie unpersönlicher, weniger teuflisch sind als der Mann. +Luther hatte sicherlich recht, wenn er sich Paulus nicht als +schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das maßlos +<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span>Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich +ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall +war; aber zwischen allen Menschen und dem einen Christus +besteht doch der Unterschied, daß Christus das Persönliche +hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er +muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht +werden. Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu +sein, der Christus auch unschön malen durfte; denn bei +Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen oder +jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß +er leuchtet. Die Erscheinung strömt in das Sein über.</p> + + + + +<h2><a name="brief9" id="brief9"></a><a href="#inhalt">IX</a></h2> + + +<p><span class="initial">I</span>ch erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit +zum Ersatz für sein Scheiden einen Tröster versprochen +habe. „Wenn der Tröster kommt, welchen ich euch senden +werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater +ausgeht, der wird zeugen von mir.“ Es ist der Heilige Geist, +der zu Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die +Gabe, das Wort Gottes, die Wahrheit, daß Christus Gott +ist, zu verkünden.</p> + +<p>Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung +und Auflösung der Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, +wie wir an Hand der Sprache die Bildung und Auflösung +der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben, gelten +läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem +Erscheinen Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner +Person war der gesamte Geist gebunden; denn du weißt ja, +daß Gottvater sich in Christus ganz und gar ergossen und +nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich sieht, +sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der +Höhepunkt überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm +<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span>dagewesene und in ihm vertretene Menschheit gebundene +Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung des Heiligen +Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die +Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat +nun den Geist oder wenigstens sie kann ihn haben, da er +im Wort verdichtet von ihr losgelöst ist. Sie kann ihn +haben durch den Glauben, der durch das Gehör kommt. +Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen +spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber +hörbar ist. Durch das Wort und das Gehör gesellt sich der +sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt des Geistes oder +das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht +betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben +durch die Religion, welches Wort von <span class="antiqua">ligare</span>, binden, kommt; +da Gott nicht mehr unbewußt in der Menschheit ist, muß er +durch Religion, Glauben, Phantasie an sie gebunden werden. +Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das selbstbewußte +Ich.</p> + +<p>„Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, +ist das Wort“, sagt Luther. Damit, daß der Mensch spricht, +beginnt sein Selbstbewußtsein und zugleich sein Gottbewußtsein; +es kann ja eins ohne das andere nicht sein, da das +Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen +kann. Das Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es +hat wohl Selbstgefühl und Menschengefühl, aber nicht +Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus war das +Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein +vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott +erkannte und damit Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. +Mythisch sagten wir, daß Gott die Welt erschaffen +habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu +erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span>erkannte sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon +überwältigt; und doch sieht man beständig, wie stark der +Trieb der Menschheit ist, Gott außer sich zu suchen.</p> + +<p>Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn +dann Kraft; dann als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; +dann als Wort, und wir nennen ihn Geist. Der Geist ist im +Wort; ich führte schon den Ausspruch an: <span class="antiqua">res sociae verbis +et verba rebus</span>, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt: +„Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes +steckt.“ Im Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang +war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott +war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und +Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein +erscheint die Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor +der Ausgießung des Heiligen Geistes gegeben; aber es war +dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere dich bitte, +daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig +wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. +Das bedeuten die wundervollen Worte des Paulus: +Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, +dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet +verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit +nackt.</p> + +<p>Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen +und redend durch seinen Mund: durch den Künstler und den +Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt hat: „Denn der +alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.“ Dagegen steht +Luthers Ausspruch: „Und kein kräftigeres noch edleres Werk +am Menschen ist, denn Reden.“ Der eine geht von der +Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen Sinn das Auge ist, der +andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör ist. +Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span>würde ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht +gegeben haben; denn er war ja ein Genie, welches sich vom +bloßen Künstler dadurch unterscheidet, daß es nicht nur Gestalt, +sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die stärkste +Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das +eigentliche Genie, das Genie <span class="greek" title="kat exochên" lang="el">κατ ὲξοχην</span>, weil er die vorangegangenen +Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, +wie das der Traum zeigt; der Dichter ist dadurch Maler, +und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf seine eindrucksvolle +Bildersprache einen großen Maler. Natürlich +spreche ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom +Dichter, der Phantasie hat. Die Phantasie, die Einbildungskraft, +ersetzt die Gestaltungskraft, die man auch plastische, +gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im +Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch +Denker und Dichter ist, wie Dürer und alle großen Künstler +der Vergangenheit waren. Jetzt gibt es keine Genies mehr, +ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu sein; +die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler +usw., und in erster Linie wollen alle Weltmenschen +sein; was sie auch sind.</p> + +<p>Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das +Auge des Dichters ist von dem des Malers ganz verschieden: +das des Malers liegt tief, wie wenn das Organ, welches +die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte; das des +Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat +es einen ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung +in sich hineinzieht; das des Dichters geht über +die Erscheinung hinweg oder durch die Erscheinung hindurch +in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die +Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und +insofern ist der letztere wirklich blind. Man hat von schönen +<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span>Bildern Homers nie den Eindruck, daß er blind ist, sondern +daß er nach innen schaut und dort die Welt schöner wiederfindet. +Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder große +Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben +muß. Ich finde es sehr interessant, daß das hervortretende +Auge zu den sogenannten Degenerationsmerkmalen gehört, +das heißt, es erscheint auf einer hohen Entwickelungsstufe, +woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf reiches +Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich +eher bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen +soll; aber ich sehe dich so gern den Finger heben: Gefahren +machen das Leben reizend.</p> + +<p>Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus +Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich +aber mit seinem Sterben wieder auseinanderfiel; es wieder +zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit Christus steht +sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber; +du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, +dies als negativ bezeichne. Daß das Selbst, die Person, +die Verneinung oder Hemmung Gottes ist, darüber waren +wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden +Kraft ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der +Tatkraft die Untätigkeit oder die Missetat, die Hemmung der +Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und Lüge; sowohl das +Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten, +daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, +wie daß es ein Gutsein gibt; sie behaupten, für den einen +sei dies, für den andern jenes wahr, gut und schön. Der +Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im +Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, +der Weltenrichter mit dem Schwerte, das Gut und Böse, +Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge scheidet. Es ist ein tiefsinniger +<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span>Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem verklagten +Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und +er fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere +Frage ist, woran man die Wahrheit erkennen kann. Die aus +der Wahrheit sind, sagt Christus, die hören meine Stimme, +und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott geboren sind, +hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott +zu ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit +sagte einmal, wenn Gott sich den Menschen durch die Schrift +hätte offenbaren wollen, so hätte er eine Bibel vom Himmel +fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit, daß das +Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre +eigenen Worte haben; wie soll man Worte Gottes von +Menschenworten unterscheiden, da der selbstbewußte Mensch +als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient wie Gott? +Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie überhaupt +an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das +Menschenwort ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, +Angst vor dem Göttlichen, zeigt.</p> + +<p><span class="antiqua">Verbum Dei manet in aeternum</span>, das Wort Gottes bleibt +in Ewigkeit. Unter diesem stolzen und demütigen Spruch, +dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst von Sachsen seiner +Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel mißverstanden +ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in +die Schranken und hatte natürlich alle gegen sich, die auf +ihre eigenen Worte eitel waren. Luther hat bekanntlich die +Bibel für die Richtschnur erklärt, an welcher alle Menschenmeinung +müßte gemessen werden; aber er hielt nicht jedes +Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich +hat er an einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. +Noch weniger glaubte er, daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, +vielmehr sagt er ausdrücklich, daß Gott sich jederzeit +<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span>den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun werde. +Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch +große Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der +Bibel in ewig gültigen Bildern erschöpfend offenbart sei, +so daß jede andere Offenbarung der Wahrheit notwendig +mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse. +Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, +alle großen Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so +wirst du finden, daß sie in der Wahrheit übereinstimmen; +was sie lügen, das reden sie aus ihrem Eigenen. Was den +Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner +Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht +der Äußerungen Vischers über Luther, die unseren +Briefwechsel veranlaßten; sofern man Wechselgespräch +nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von +Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der +Mensch imstande ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge +so aufzufassen, nicht oder nicht nur wie sie ihm erscheinen, +sondern wie sie sind, desto weniger lügt er: es ist die vielgerühmte +Objektivität des Künstlers und Dichters, die aber +durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung +von Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also +Subjektivität in der Objektivität ist. Das Selbstbewußtsein +und somit das Menschenwort verdrängt das Gottbewußtsein +und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie +zwei Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt +und umgekehrt.</p> + +<p>Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um +Belehrung bat, wie man beten solle, daß er selbst sich nicht +an bestimmte Worte binde, wiewohl er mit dem Vaterunser +anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich ausdrückt, +in reiche Gedanken spazieren: „Und wenn auch solche +<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span>reiche gute Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete +fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und +mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn da +predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein +Wort ist viel besser denn unserer Gebete tausend. Und ich +habe auch also oft mehr gelernt in einem Gebet, als ich +aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.“ Anderswo +sagt er über das Gebet, es müsse „frei aus dem Herzen +gehn ohne alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und +muß selbst Worte machen, darnach das Herz brennt“. In +den Psalmen heißt es: <span class="antiqua">Audiam quid loquatur in me Deus</span>; +ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine +bessere Vorschrift für einen Dichter.</p> + +<p>Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: „Das +erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das +Wort.“ Aus dem Herzen strömt Geist, und in dem Augenblick, +wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle +des Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das +Herz zum Ursprung haben, die Quell- oder Urworte, sind +deshalb Zauberworte, weil sie verdichteter Gott, also verdichtete +Kraft sind.</p> + +<p>Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber +gehört, das wirst du aus Märchen und Sagen wissen; aber +es muß das rechte Wort, das Herzenswort sein, und die +meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und +Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können +damit erlösen. Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. +„Er schafft ja nicht als durch sein Wort“, sagt +Luther, und Paulus: „Gott ruft oder nennt das da nicht +ist, daß es sei.“ Indem die Idee der Welt auf die Schwelle +des göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man +möchte rasend werden, daß Menschen darüber nachgrübeln, +<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span>ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel sie erzählt, mit +den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist +sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos +des Herzens steigt sie jeden Morgen, perlend neu, wenn +wir sie sehen und nennen. Wer das nicht erlebt, der wird +nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde +Licht! die Welt da war.</p> + +<p>Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt +ist unser Mund der Brunnenrand des Herzens oder +sollte es wenigstens sein. <span class="antiqua">Abundantia cordis os loquitur</span>, aus +der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte +bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; +es ist bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund +als einen Becher, dessen Rand der Mund ist, vor Augen +stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da sein, damit der +Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen +kann: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, +was wir uns von Gott erbitten sollten.“</p> + +<p>Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem +das Herz gespeist werde, sei das Gedächtnis der Menschheit. +So wie der einzelne Mensch etwas in sich aufnehme und +es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder +auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, +an dem jeder einzelne teilhabe, und aus diesem +Brunnen stiegen die Ideen, die wahren und ewigen Worte. +So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die Erinnerung, +die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter +der Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt +hat, muß das Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen +Gottes enthalten; es kommt also auf dasselbe heraus, +ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem Gesamtgedächtnis +der Menschheit sprichst. Wenn du nur den +<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span>Unterschied zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.</p> + +<p>Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf +des göttlichen Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. +Gewohnheit, Nutzen und Zweck, die in der Welt +herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen Fremdling +widersetzen.</p> + +<p>Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte +sich darum, daß der Papst über der Heiligen Schrift stehen, +Luther dagegen in Glaubenssachen keine Menschenmeinung +anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift übereinstimmte. +Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch +des heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium +nicht glauben, wenn er nicht der Kirche glaubte; Luther +sagte, das Wort mache die Kirche, nicht umgekehrt. Nur +das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden, +schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das +schöpferische sprach er ihr wie allen Menschen ab, das heißt +den Menschen, wenn sie „aus ihrem Eigenen“ reden. Aber +auch er mußte klagen über die Blinden, „die nicht können so +viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der +Mensch selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet – +<span class="antiqua">o furor et amentia his saeculis digna!</span>“</p> + +<p>Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von +Gott, wenn der Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das +heißt Echtes vom Unechten, das Gewordene vom Gemachten +unterscheiden kann. Natürlich kann es der Ungläubige nicht, +für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im +Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige +Kritiker sich selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß +die Kirche, weil aus der freien Forschung in der Schrift +verschiedene miteinander streitende Auffassungen und Irrlehren +<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span>entstanden seien, das Studium der Bibel überhaupt +verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen, +habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den +Quell der Wahrheit versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn +die Wissenschaft, aus Angst vor Hirngespinsten und um nicht +aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu werden, alle +Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit Einzelbeobachtungen +und Experimenten und schließt sich in die +Mauer sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel +das Leben ersticken muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, +die ganze Welt lebt von Ideen; der Mensch, sagt Christus, +lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund +Gottes geht.</p> + +<p>Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten +und bewußten, ich sage lieber dem gottbewußten +und selbstbewußten Wort ist von jeher aufgefallen. Man +bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit +sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu +denen man ohnedies einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte +wählte. Viele Menschen werden erfahren haben, daß ihnen +etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf besinnen, sondern +erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die +das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die +fertige Antwort des Morgens aus dem Schlafe. <span class="antiqua">Spirat +ubi vult</span>, der Geist weht, wo er will. Die Zwietracht unter +der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man +nicht eins machen: „Sintemal sie nicht mögen eins werden +und natürlich müssen untereinander sein, wie Wasser und +Feuer, wie Himmel und Erde, wie Jesaias davon redet, +Kap. 55. 8, 9: ‚Wie der Himmel von der Erde erhöht ist, +so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.‘“</p> + +<p>Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er +<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span>sich trotz der Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, +nur das Gotteswort gelten lassen zu wollen. Viele, +die das genannte Wechselverhältnis zwischen Menschen- +und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, +das heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz +unterdrücken, womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; +was aber tatsächlich nicht dem Geist, sondern dem +Fleisch zugute kommt. Luther sagte: „Wenn die Vernunft +vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und +urteilen die Heilige Schrift … Also dient die Vernunft dem +Glauben auch, daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet +ist.“ Die Wahrheit bewährt sich zwar, aber sie kann +sich nicht beweisen, beweisen muß das Menschenwort durch +die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an einem +dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette +hänge. Diese Kette muß das Wort Gottes binden, um es +uns zu erhalten; aber es läßt sich nur binden, wenn es geglaubt +wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann niemals +bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn +aber, so offenbart er sich in Werk und Wort, das sich beweisen +läßt und bewiesen werden soll. Weit entfernt, der +Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu sein, +tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es +war ihm aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums +das Wiederaufblühen der Sprachen in Italien vorausgegangen +war, und er begriff den Zusammenhang. Wenn er +sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, +und das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom +mangelnden Verständnis der Sprache, so heißt das, daß die +Sprache der unmittelbare Ausdruck des Geistes ist, und daß +man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können, +sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. „Gott gibt +<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span>niemandem seine Gnade oder seinen Geist“, sagt er, „ohne +durch oder mit dem vorgehenden äußerlichen Wort.“ Das +äußerliche Wort aber ist dem menschlichen Selbstdenken zugänglich.</p> + +<p>Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels +Paulus an die Korinther über den Unterschied zwischen +Reden mit Zungen und Weissagen. Unter dem Zungenreden +verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht +zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach +seiner Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht +den Menschen. Hingegen soll man auch den anderen Menschen +verständlich sein und das mit Zungen Geredete auslegen, +das heißt das Gotteswort dem menschlichen Begriffsvermögen +anpassen. „Wie soll es aber denn sein? Nämlich +also: ich will beten mit dem Geist und will beten auch mit +dem Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch +Psalmen beten mit dem Sinn.“ Wir würden etwa sagen: +Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit +ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben +David an, der den Riesen überwand: er vertraut auf Gott, +daß er ihm den Sieg geben wird, aber er gebraucht nichtsdestoweniger +seine Waffen. So sollen wir unsern menschlichen +Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns +ohne unser Zutun gibt.</p> + +<p>Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das +Menschenwort dienen, sondern ohne die persönliche Wahrheit +wäre die göttliche gar nicht da. Das ist ja gerade der +Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr +Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, +binden kann. Nur dem Widersprecher offenbart das göttliche +Wort sich ganz; andererseits hat er nur als Widersprecher +Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort verdrängt, +<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span>sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene +Kraft und den eigenen Wert. „Der Teufel“, sagte Luther, +„achtet meinen Geist nicht so sehr als meine Sprache und +Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn +mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache machen +ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.“</p> + +<p>Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine +Sprache und Feder in der Schrift, die göttliche Offenbarung, +und der persönliche Geist, der die Offenbarung vernimmt.</p> + +<p>Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort +ist die gewordene Kraft, die Christus der Menschheit gab, +um ihr die werdende zu ersetzen, die sie mit seinem Erscheinen +verloren hatte. Sie ist wissend geworden; aber wenn auch +die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der fruchtbaren +Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der +Frucht dort hineinfallen.</p> + +<p>Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem +Wort einen Überfluß an Worten gewidmet hat. Ich liebe +das Wort, wenn es glitzernd und zwitschernd über bewegliche +Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es als ein +schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. +Ich liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert +und wie das Licht. Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste +und unseligste der Engel, wie der unbarmherzig-gnädige +Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen Hahn +nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, +über die Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch +mehr Worte zu verschwenden.</p> + + + + +<h2><a name="brief10" id="brief10"></a><a href="#inhalt">X</a></h2> + + +<p><span class="initial">L</span>aß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer +gewidmet sein; doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, +<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span>mit dem Teufel beginnen, was nicht ganz dasselbe +ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf +gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen +so schrecklich mißverstehen und dadurch sein Bild in den +Dreck der Dummheit und Lächerlichkeit gezogen haben. Du +kannst in allen, wenigstens in vielen – denn ich kenne längst +nicht alle – Lutherbiographien gönnerhafte Klagen darüber +hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen, +gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt +habe, weswegen man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn +es sei ja nun einmal so, daß jeder große Mann seine Schwächen +haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther habe +an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, +der in den Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, +wie man es auf alten Bildern sieht, und den Leuten +teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten +ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart +Gottes an dem Bilde der menschlichen Seele +klarzumachen versuchte, die, obwohl eine Einheit, doch in +jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie +wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, +und daß, die nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich +bezeugen, daß sie auch an Gott nicht glauben. Sie stellen sich, +was sie auch sagen mögen, Gott als einen alten Mann mit +weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im tiefsten +Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht +täten, würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, +daß für den Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit +Bocksfuß und Hörnern sein müsse. Luther wußte, daß Gott +Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich Gott +widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott +selbst ist, und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens +<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span>liegt, weshalb er ihn oft mit einem gewissen Hohn +bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer berühmten +Lutherbiographie kannst du lesen: „Ein wissenschaftlicher +Streit war mit Luther nicht zu führen, da er jeden +Widerspruch gegen seinen Glauben vom Teufel herleitete; +Zwingli dagegen glaubte an das Recht der Vernunft und +den Segen der Logik.“ Wenn Luther seine zwinglianischen +Gegner als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, +es sei ihnen nicht um die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen +eigener Gedanken zu tun oder auch nur, in bezug auf +Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens +waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt +gegen Luthers Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, +daß ein Kind sie widerlegen könnte, Luther dagegen hat +nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik bewiesen hatte, +was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und +unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern +wird geglaubt, wenn es im eigenen Ich gewußt wird.</p> + +<p>Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen +so deutlich ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen +könnten, wenn der Teufel sie nicht verblendete, das +heißt, wenn sie nicht alles durch das gefärbte Glas ihrer +eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur, +was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, +welcher an das Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen +kann wie der, welcher an Gott glaubt; denn Glaube ist +Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so viel, +wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu +glauben, daß Hexen und Zauberer den Menschen Böses +anwünschen können, und nicht abergläubisch, zu glauben, +daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig machen konnte?</p> + +<p>Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, +<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">98</a></span>und daß Kraft auf Stoff wirkt, und daß der Mensch +Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann, göttliche aus einem +reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.</p> + +<p>„Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis +und geschieht, was sie machen, wenn sie Glauben daran +haben!“ Nicht glauben tat Luther, daß Hexen auf einem Besen +reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz nichts, was +gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm „lauter Teufelsgespenster +und Verblendungen und ist nicht die Sache selber“. +Es möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder +in der Verzückung wähnten, sie liefen oder täten dies und +das, während sie tatsächlich im Bette lägen. „Und wer mag +doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen, närrischen, +abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit +sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von +ihrer Mutter Eva angeboren, daß sie sich also äffen und +betrügen lassen.“</p> + +<p>Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, +betont er aber die Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens +auf andere Willenskraft oder auf Stoffliches. „Aber ach, +daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages so +gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte; +tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun +dahin mit uns gekommen, daß wir auch, unser Ding zu +erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die blutigsten +Kriege führen und hadern ohne Aufhören.“</p> + +<p>Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen +hat, so beweist das nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor +sich zu sehen glaubte, sondern daß er sich aus einer Selbsttäuschung +herausreißen wollte. Einmal entstand in einer +Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, +die Gerüste stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik +<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span>damit ab, daß er zu der Gemeinde sagte, sie sollten ruhig +bleiben, es sei nichts, das tue der Teufel. Das heißt: eure +Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch wahrnehmen, +was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit +einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals +umgekehrt, und wer Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das +Wort vorausgegangen ist, befindet sich in einer Selbsttäuschung. +Zeichen, die durch vorausgehendes Wort verkündet +werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, +vielleicht nur von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete +Europäer kann den Wilden Sonnenfinsternisse voraussagen +und sich dadurch als Wundertäter darstellen; es ist wesentlich +nichts anderes, wenn die Propheten das künftige Erscheinen +Christi weissagten.</p> + +<p>Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie +versenkte, sagte Luther: Wir sind Herren der Sterne. +Er war so vollständig von Aberglauben frei, wie nur der +Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann; +der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, +der andere hat gar keine. Der Ungläubige hat eine +lügnerische, die ihm vorspiegelt, was er hofft oder fürchtet, +was aber nicht ist.</p> + +<p>Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei +Stufen der Versuchung unterschied: die erste durch Trägheit +und Sinnlichkeit, die den Menschen in der Jugend +befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach +Macht, Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung +des Mannesalters; schließlich die dritte und letzte, wo der +Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst vergöttert, sich +an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen +den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen +Teufel, Luzifer, unterscheiden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span></p><p>Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte +an ihn. Gott und der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich +gegenseitig bekämpfen. Christus hat zum Teufel gesprochen: +Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst der Welt, +wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich, +daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach +einem Ausdruck Luthers an die linke Hand getraut und +läßt zu, daß sie dem Teufel dient. Luther, der die Welt +durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er +wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr +herrscht; daß in der Welt, so drückte er es aus, der Stärkere +den Schwächeren in den Sack steckt. Es war für ihn +das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst Menschen +machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher +Kampf gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie +an sich zu verneinen. Er nannte den Teufel den Affen +Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die sichtbare +Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren +Kirche, mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem +hat er weder die Kirche, noch die Universitäten, noch die +Ehe abschaffen wollen. Das Christentum ist durchaus paradox, +indem es etwas als durchaus verwerflich, zugleich aber +als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut +hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle +Widersprüche in Luthers Lehre in einem Buche zusammen. +In bezug darauf schrieb Luther an Melanchthon: „Wie +können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre urteilen, +die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? +Was kann unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen +anders sein als bloßer Widerspruch, da sie die +Werke zugleich fordert und verurteilt, die Gebräuche zugleich +aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich +<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span>verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und +leugnet?“ Wie sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt +antun mußte, um seine Gegner nicht schweigend zu +verachten, sondern zu bekämpfen!</p> + +<p>Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den +man doch anerkennt, ja sogar bewundern kann, haßte er +Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des Luzifer, der er +selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und +Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, +den eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in +Gestalt anderer Menschen einen angreift, und er beneidete +seine Freunde, die nur ihn kannten, nicht den Teufel in +seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben Luzifer. Dieser +nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen +anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel +kommt aus dem Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus +dem Herzen kommen böse Gedanken; und diese gemeinsame +Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse +nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie +geben, da es sonst keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut +Kraft wie göttliche Liebe, es ist dieselbe Kraft, nur auf +verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame, tyrannische +Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch +gütigen werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst +auf Gott umspringt. Scheinbar kann man sich besser auf +den Kopf verlassen als auf das Herz, weil man da auf +festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden +oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, +obwohl es ein bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes +Meer ist.</p> + +<p>Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; +er will vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem +<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span>abstrahierten Gott, den er sich ausgedacht hat. Er läßt +Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern verstellt +sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert +nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt +er. Da ist nun der Punkt, weswegen er so gefährlich +ist: er ist nicht wie der gemeine Teufel eine Hemmung der +Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt, sondern er ist +eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel +des Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis +mit einem Mittelpunkte, sondern die Ellipse. So wie der +moralische Mensch seine natürliche Selbstsucht erstickt, um +eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen, vertreibt er auch +das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit +des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. +An die Stelle der heißen Hölle tritt die kalte oder das +Nichts. Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen +will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem +lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die +aus Gott abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft +ihrem Wesen nach der Mann ist, kann man die luziferische +Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen, deren Folge +Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, +Völker und Zeiten sind unproduktiv.</p> + +<p>Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, +verdrängt Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende +Kraft, das ist die Liebeskraft oder Schaffenskraft. +Im einzelnen äußert sich das als Mangel an Gestaltungskraft, +plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an +Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle +Mensch sind phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt +kann nun allerdings die Moral zugute kommen, wovon +England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der Zeit +<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span>muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein +Absterben eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter +der moralischen Larve fast erstickte Feuer sich empört +und die Kruste zerreißt, was dann einen vollständigen +inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte +Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer +durchaus moralischen Zeit und stammte aus einer überwiegend +moralischen Familie. Seine Briefe sind unerträglich +trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was Wölfflin +so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie, Überraschende, +der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, +der die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen +Verlarvung, die er doch haßte, herauszukommen vermochte; +ebenso war es mit Wagner. Von diesen beiden bezog +er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht. Bezeichnenderweise +fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. +Jeder genial begabte Schweizer muß, bevor er +schaffen kann, eine außergewöhnlich starke Kruste von +Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von +Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte +gezeitigt werden, daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit +auszeichnen. Die schweizerische Kunst ist kein Brot des +Lebens für die Menschheit, sondern ein Leckerbissen für eine +erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch war, +war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben +geduldig in ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem +ist, und glühen es nur stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen +strebte jäh heraus und ruhte nicht, bis die Kruste zerrissen +war, ähnlich wie Kleist; das Leben wechselte bei ihnen +zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen. Nietzsche +wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, +den Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, +<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>unter der er den Widerstreit hätte vereinigen können, fand +er nicht. Er hatte, anders ausgedrückt, ein Übermaß von +Negation in sich, womit er sich nicht abfinden und das er +doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein +paar reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, +und er hat es ja auch getan; aber als Deutscher +mußte er Brot des Lebens allen Menschen geben wollen, +und dazu war er zu verselbstet.</p> + +<p>Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen +ist verderblich, es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es +absolut zu verdammen, wenn es das Göttliche verdrängt, +und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es liegt +im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu +wollen, also Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles +erreicht zu haben glaubt, hat er alles verloren.</p> + +<p>Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen +und die Edlen und Stolzen zusammenwerfe, während +doch die letzteren viel höher stehen. Also will ich den +Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß die +Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen +nur die eigene Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und +Edel haben dieselbe Wurzel, und Adel ist seinem Wesen +nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung durch +Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des +erlangten Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann +Verkümmerung und Absterben durch Mangel an Gegensatz. +Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich reißt, +ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch +seine Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind +ihm noch nicht sehr wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner +Macht schließt er sich ab. Mit dem Eroberertypus, dem, +der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft; sein Nachfolger, +<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span>der Königstypus, erbt nur „des Ahnherrn große +Züge“, nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als +Maske. Die Kraft aber, die sein Ich nicht mehr binden +kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und hält das +Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte +und gewahr würde, daß er „innen hohl“ und unendlich viel +schwächer ist als jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten +würde.</p> + +<p>Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder +Stand, jedes Volk erreichen. Den adligsten Adel fand ich +in der Schweiz; das ganze Volk leidet ja an Selbstanbetung +und Absonderung durch Inzucht. Die Ausgeglichenheit und +Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer Städten +und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem +Lande, hat etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; +aber der damit verbundene Mangel an Herzhaftigkeit +entfremdet auch wieder. Mangel an Phantasie, +Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste +Folge der Selbstanbetung und Absonderung.</p> + +<p>Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, +wo er in den Spiegel des Sichselbsterkennens sieht, zu schön +ist; je geringer der Unterschied zwischen ihm und der göttlichen +Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich selbst mit +Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit +ist ein Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, +und sondert vom Leben ab. Deswegen will ich aber der +Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten; ja, ich leugne +nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der +aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen +Zauber auf mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die +durch das tragische Siegel des Todes geweiht ist.</p> + +<p>Luther sagte einmal: „Gott hat in tausend Jahren keinem +<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span>Bischof so große Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben +soll man sich rühmen. Ich bin zornig auf mich selbst, daß +ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch danken kann.“ +Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von +Gott verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, +so liege daran nichts; denn Gott könne wohl einen anderen +Kavalier erwecken, der die Kirche noch besser verteidigte, +als er getan habe. Das Geheimnis, daß das Genie sich +seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, +daß sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, +dem aber auch der Mensch gehört.</p> + + + + +<h2><a name="brief11" id="brief11"></a><a href="#inhalt">XI</a></h2> + + +<p><span class="initial">I</span>ch will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: +Gott ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach +als Gott-Natur, Gott-Mensch und Gott-Geist. In Gottes +Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die göttliche Kraft entsprechend +als Gestaltungskraft, Tatkraft und Glaubenskraft +oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der +Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele +Einzelheiten, die ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt +ihm göttlich ist, aber unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft +erfaßt er die Welt als Gegensatz zwischen dem Einen persönlichen +Gott und dem teuflischen Gegengott, dem menschlichen +Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren +Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die +Menschheit die Welt als unendlich ansieht, dürfen wir +ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich hier, +statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen +Kraft sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, +dürfen wir sagen, daß die Welt sich stufenweise +entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von Luthers +<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span>Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: +Wir glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, +endlose und grenzenlose Einheit, deren Mittelpunkt der +Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist geozentrisch, wie +mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im +Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der +Mensch und mit ihm die Erde der Mittelpunkt der Welt +sein.</p> + +<p>Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten +Kreatur ab, sagt Luther, insbesondere natürlich im Menschen. +Das antike Wort, daß der Mensch die Welt im +kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er +sei das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen +bilden, nennt Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, +Seele und Leib. Die betreffende Stelle kommt im ersten +Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der ein +Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und +durch, also daß euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich +erhalten werde auf die Zukunft unseres Herrn Jesu +Christi.</p> + +<p>Den Geist beschreibt Luther als den „höchsten, tiefsten, +edelsten Teil des Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, +unmittelbare, ewige Dinge zu fassen und ist kürzlich +das Haus, da der Glaube und Gottes Wort innewohnt“. +Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in +einem anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib +lebendig mache und durch ihn wirke. Durch die Seele also +wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der Seele sei, +nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die +Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und +ermessen könne, und die Vernunft sei das Licht in diesem +Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die Affekte schreibt er, +<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span>im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu. Um +diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt +Luther noch ein Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem +von Moses beschriebenen Tabernakel. Das Allerheiligste, +in dem Gott wohne und in dem kein Licht sei, stellt er dem +Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen Leuchter +der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, +dem Körper.</p> + +<p>Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich +als drei ineinander schwebende Sphären, von denen die +innere der Geist, das Allerheiligste ist, die äußere der Körper +und die mittlere, welche Geist und Körper verbindet, die +Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos auf +den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die +Seele der Welt ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit +wird das Sichtbare und das Unsichtbare, Stoff und Kraft, +zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die Welt seelenlos, +ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort +der zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt +die Welt aus dem Nichts hervortreten.</p> + +<p>Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es +dunkel bleiben soll, und zwar damit das Licht Gottes darin +scheinen könne: das Licht scheinet in der Finsternis. Von +dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen Selbstbewußtsein +und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das +eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir +sollen Gott in allen seinen Äußerungen Raum lassen. Wie +wir das Kind im Schoße der Mutter verborgen wachsen +lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen +dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen +lassen, ohne das geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. +Dauernder Betrieb, hastige Geschäftigkeit verscheucht den +<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span>Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel auf zur großen +Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst +das Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du +kennst das Gleichnis von Martha, die sich viel zu schaffen +machte, während ihre Schwester Maria zu Jesu Füßen saß +und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst +dir viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, +was not ist, ist der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit +er in uns wirke, ein vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen +also des Selbstbewußtseins. Ich habe dabei das geometrische +Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre +des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre +der Seele zu stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des +anderen, sowie die Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, +leidet Gott. Füllt die Seele das Allerheiligste ganz aus, +so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt, früher oder +später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr +Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott +eins ist.</p> + +<p>Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch +das Leben nicht, und es strömen ihm zwei Brunnen des +Selbstvergessens im Schlaf und in der Liebe. Es hat mir +eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, +daß er an Wallenstein die „allzeit wachen Gedanken“, das +emsige, unruhige Gemüt als etwas nicht Geheures hervorhebt; +diese beständige Wachsamkeit, die uns als strafbare +Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von +dem stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des +Menschen, wie das Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, +aus der er gekommen ist, muß auch im Leben ihren Anteil +an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und Lieblosigkeit +ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span>geschaffen hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; +er, der nie einen Augenblick zu schaffen aufhört, +läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos aufsteigen, und +es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden +kann.</p> + +<p>Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes +Unbewußtsein finden wir beim Kinde; denn es hat sich noch +nicht zum Selbst entwickelt. Es ist das Nichts-von-sich-wissen +und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen am Kinde +entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. +Kindes Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es +greift nach einem Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, +ja, nur im Anschauen leuchtet es vor Glück. Es ist ganz +und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein klarer +Spiegel der Welt. Jesus sagte: „Lasset die Kindlein zu +mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das +Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich +Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ +Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich +weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft +habe, der sich das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes +nicht trotz des Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch +muß, bewahrt.</p> + +<p>Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt +und zugleich gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie +und Luther selbst vor allen. In den Tischgesprächen, wo er +sich ganz unbefangen äußert, spricht sein kindliches Herz am +klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem seiner Werke, ja, +ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast übermenschlicher +Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein +Selbst; dies Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche +sich oft dagegen wehrte in Qualen, die ihn an den Rand +<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span>des Todes brachten; aber immer wieder ging das gereinigte +Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute +Welt.</p> + +<p>Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen +habe, führt Luther die Beichte an; ohne sie, meint er, würde +der Teufel ihn überwunden haben. Die Zwangsbeichte der +katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die Beichte, +die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. +Der freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, +wie schon in seiner Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, +und er denkt, wenn er davon befreit ist, nicht weiter über +sich nach, wodurch er der Gefahr der Selbstzergliederung +entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man +zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, +die „Heimlichkeit des Herzens“ zu erforschen; denn +über das Herz hat kein Mensch Gewalt, als den edelsten +Teil des Menschen hat Gott es sich vorbehalten, das heißt: +es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. „Die Reue, die +man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der +Sünden, wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine +Zeit bedenkt, der Sünde Größe, Menge und Unflat bewegt, +dazu den Verlust ewiger Seligkeit und Gewinn ewiger Verdammnis, +die macht nur Heuchler und größere Sünder.“ +Auch vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht +haben, denn im Menschen offenbart sich Gott; es ist +Schamlosigkeit, einem anderen, aber auch sich selbst die +letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine gewisse +ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese +von Gott gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät +sie auch ihre Ohnmacht; denn Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. +Dadurch, daß man sich nach außen ausströmt, +rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich Entweihung +<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span>Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir +den Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst +anbetet, und Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von +solchen Menschen sagt Paulus, daß sie immerzu lernen und +nimmermehr zur Wahrheit kommen. „Es sind Menschen, +die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. +Aber sie werden fortan nichts mehr schaffen.“</p> + +<p>Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, +wenn man den Kindern als ungehörig verweist, von +sich selbst zu sprechen; wenigstens sollte man es nur tun, +wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für das +Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. +Die meisten Menschen denken desto mehr an sich, +je weniger sie von sich sprechen. Jeder sollte einen Freund +haben, dem gegenüber er sich gehen lassen und sich aussprechen +kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch Selbstanbetung +unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott +gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther +einmal die Psalmen das wahre <span class="greek" title="gnôthi sauton" lang="el">γνῶϑι σαυτον</span>.</p> + +<p>Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den +heutigen Menschen, der den Umgang so schwer macht und +bewirkt, daß man fast am liebsten mit Menschen aus dem +Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat +begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; +man ißt, trinkt, geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt +an jeder Knospe. Etwas wesentlich Unwillkürliches und +Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein schweres +Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, +wonach Frauen sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich +sehen lassen unter dem Vorwande, das Anschauen des +nackten menschlichen Körpers gehöre zur künstlerischen Bildung. +Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den +<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span>Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner +bewußten Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch +oder edel. Alle wahrhaft schönen Darstellungen nackter +Frauen in der Kunst sind sicherlich dadurch entstanden, daß +ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter nur +einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper +ganz zu kennen; aber diesen muß er lieben. Der Körper +braucht nicht vollendet schön zu sein, die Liebe ersetzt, was +fehlt. Das Studium des Nackten kann „vor der Welt“ +nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn +man es studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit +kann nur von dem Liebenden genossen werden, dem sie +sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört nicht in einen künstlich +beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es für +die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die +Mysterien der Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, +wenn man sie aus ihrem göttlichen Dunkel reißt.</p> + +<p>Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken +wird, auch die Kindlichkeit künstlich herzustellen, +und vielleicht wird man sich zum Zwecke der Unbewußtheit +Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten, lebhafte +Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch +nur immer bewußter werden. Alles, was aus dem +Herzen kommt, gibt nur die Gnade; Vorläufer der Gnade +sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl +auf diese hoffen.</p> + + + + +<h2><a name="brief12" id="brief12"></a><a href="#inhalt">XII</a></h2> + + +<p><span class="initial">A</span>ls ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, +daß er als körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes +Gehirn betrachtet; indessen, fügte er hinzu, mache +weder das allein noch auch ein feines Nervensystem das +<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span>Genie vollständig, sondern es müsse ein leidenschaftliches +Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als +ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, +zumal nach dem Kopfe hin. „Denn hiedurch wird +zunächst jene dem Gehirn eigene Turgeszenz vermehrt, vermöge +deren es gegen seine Wände drückt, daher es aus +jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt; +zweitens erhält durch die gehörige Kraft des +Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner beständigen +Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch verschiedene +Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen +Masse bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, +und deren Energie seiner hier vermehrten Quantität +entsprechen muß, wie denn diese Bewegung überhaupt eine +unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben +daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer +Hals günstig, weil auf dem kürzern Wege das Blut mit +mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb sind die großen +Geister selten von großem Körper.“</p> + +<p>Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den +Menschen als eine Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib +darstellt, und daß ich dich bat, dir diese Dreieinigkeit als +eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre der Geist sei. +Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß +du Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, +könntest du auch Gott für Herz setzen, mit der selbstverständlichen +Einschränkung, daß deshalb Gott und das einzelne +Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht, +in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte +Meer einem bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an +das in der Gebärmutter wachsende Kind denken, und wie +das mütterliche Blut in es hineinfließt. Wenn du dir vorstellst, +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span>daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom +Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu +einer angenommenen Urmutter verfolgen kann, so gibt das +ein Bild von der Verknüpfung des einzelnen mit der Unendlichkeit +durch das Herzblut.</p> + +<p>Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott +durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich +schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei aber wohl nicht +an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen +bildlichen Ausdruck. „Die Liebe Gottes“, heißt es in den +Römerbriefen, „ist ausgegossen in unser Herz durch den +Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Die Wiedergeburt +bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz und +neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge +in Verbindung mit der Seele, dem Sitz der menschlichen +Vernunft, gebracht, nur insofern, als die Seele vom Geist +erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, weil die +meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen +Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches, +Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung +von Blaustrümpfen und Gelehrten haben. In Wirklichkeit +hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu tun, sondern er +offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ, +das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. +Die geistvollste Frau war jedenfalls Maria, die Mutter +des Herrn, ohne Schulbildung, aber voll Liebe, voll Phantasie, +voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch welche die +Wahrheit hindurchstrahlte. „Des Heiligen Geistes Amt ist +nicht Bücher schreiben noch Gesetze machen“, heißt es bei +Luther, „sondern daß er ein solcher Geist ist, der in das +Herz schreibt und schafft einen neuen Mut.“</p> + +<p>Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. +<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span>„Der Kopf faßt kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft +mit dem Herzen. Der Betrachtende muß sich produktiv verhalten, +wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen +will.“ Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist +überflüssig, andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte +kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem +Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht abstrakt, +sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in +Bildern; man kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit +seines Kampfes gegen die Bilderstürmer bemerkte Luther, +wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so entwerfe sich +in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob +er wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: „Große Gedanken +und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten +sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die +aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, +nicht Menschengedanken.</p> + +<p>Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch +sagten, geht die Spaltung in aktive Kraft und passiven +Stoff, in zeugende Männlichkeit und empfangende Weiblichkeit. +Das Aktive, an sich positiv, verhält sich gegensätzlich +zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; +das Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche +Kraft, wenn es sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan +wie das Gehirn sind in eine aktive und eine passive +Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und gar aktiv +seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, +dem Meere, das es speist, ist es passiv.</p> + +<p>Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; +das Sein wird. Die einzelligen Geschöpfe, aus welchen +wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen organischen Wesens +und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, bestehen +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span>aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, +in welcher ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern +ist nicht das Herz, sondern die Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, +die körperliche Darstellung des tierischen Selbst; es ist, +soweit es mehr aktiv als passiv ist, die Hemmung, die Gott +sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf ist +angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen +und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich +erst sammelt sich das eine, monarchische Herz, das Aristoteles +das <span class="antiqua">punctum saliens</span> und das Tier im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, +der ganz falsch wäre, wenn er das ganze Wesen des Herzens +erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl entstanden, +daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls lebendigen +Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane +Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind +Mineral, soweit wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit +wir atmen und wachsen, wir sind Tiere, soweit wir uns +ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir denken, +Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich +sind. Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher +als das Gehirn entwickelt, sind die alten titanischen Götter, +die das neue Regiment nach furchtbarem Kampf entthronte. +So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, +es seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff +bildet. Durch das Gehirn bildet er im Geiste; aber er +wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, sondern mittelbar +durch das Herz. Die plastischen Organe sind die +Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt +des Menschen, das Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht +und Gehirn sind die Brennpunkte der Ellipse, das +Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als die +vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span></p><p>Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend +und allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist +immer tätig und gebend, auch dann noch tätig, wenn es +vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall mit dem +Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt; +es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, +der Himmel, die Heimat Gottes.</p> + +<p>Das Herz ist der Gott im Menschen: <span class="antiqua">est deus in nobis, +agitante calescimus illo</span>. Allein die Herrscherstellung des +Herzens ist, wie schon gesagt, nur theoretisch: der Himmel +ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die Welt, das +Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es +erhält, indem es von ihm erhalten wird.</p> + +<p>Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen +Herz kleiner ist als das des Erwachsenen, aber den aktiven +Widerstand im Brennpunkte des Körpers und Gehirns noch +nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande +entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste +Kraft erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im +gleichen Maße die Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, +stellt sich ein ähnliches Verhältnis her wie im Kindesalter. +Ebenso ist das Herz der Frau schwächer als das des Mannes, +hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem +Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so +zerrissen, aber andererseits nicht so genial.</p> + +<p>Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden +Grundriß:</p> + +<div class="figcenter" style="width: 240px;"> +<img src="images/diagram_p118.png" width="240" height="240" alt="Diagramm" title="" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span></p><p>Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte +sein müssen, damit Funken überspringen können und der +ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, daß, wenn die +Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig +durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher +Zustand. Das Herz muß deshalb, im Verein mit dem +Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr werden, wohlverstanden +aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, +so wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das +Gehirn hat die Neigung, das Herz ganz für sich in Beschlag +zu nehmen, es vom Körper abzusondern. Der nachchristliche +Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat +als der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen +Körper zu töten, indem er ihn vom Herzen absondert. Er +entgeht dieser Gefahr nur durch Bewegung, welche den +Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper verteilt. +Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch +allerhand gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das +ist nur eine künstliche Aushilfe, durch die der Zweck niemals +erreicht werden, die vielmehr schaden kann, da sie den Organismus +von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die innere +Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine +innere sein, nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, +ein Überwinden innerer und äußerer Widerstände kann +das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele des +Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren +Widerstände überwindet, ohne sie zu töten. „Seid getrost“, +spricht der Herr, „ich habe diese Welt überwunden.“ Niemals +hat Christus gesagt, er wolle die Welt töten, er, der +die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte; das +Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis +des Sieges. Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, +<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span>muß stärker sein als ihre Brennpunkte. Mit +Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der sich selbst +als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns +so stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises +auf immer zerstört war. Zugleich indessen brachte er die +Erlösung, indem er durch persönliches Handeln, durch eine +stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als Dreieinigkeit +wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln +und zu glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere +nicht sein kann. Wer persönlich handelt, muß glauben, da +er sonst die Last der Verantwortung nicht ertragen könnte. +Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür moralisch +wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch +auf zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von +dem durch das Gehirn usurpierten Herzen ab und zerfiel +in zwei Hälften, einen entgeisteten, also leblosen Körper +und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich unversöhnt +gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung +können sich einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch +bloße Gymnastik mit der entfremdeten Welt versöhnen +können.</p> + +<p>Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es +jenseit von Zeit und Raum ist; es ist an sich blind. Sehend +und wissend wird es dadurch, daß es in Berührung mit unendlich +vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso viele +göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch +zur Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung +und den Kampf mit der Außenwelt also, mit dem +Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; das Wasser der +Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück, +das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut +wieder ins Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt +<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>wird durch die Sinnesorgane vermittelt; sie haben die Aufgabe, +das Ich, den persönlichen Gott, von dem Dasein anderer +persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich +hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. +Die erste Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit +bewußt zu werden; die zweite, sie über die anderer +zu vergessen.</p> + +<p>Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck +nicht mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach +zunächst das Nicht-Ich heftig zurückstoßen, weil sie sich das +Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen lassen wollen; +andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen Herzen +und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; +sie sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich +aufzunehmen, weil sie ahnen, daß sie sich ihm opfern +werden.</p> + +<p>Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im +höchsten Sinne, auf lateinisch <span class="antiqua">caritas</span> oder <span class="antiqua">dilectio</span>, an die +Mutterliebe geknüpft; die Geschlechtsorgane, durch welche +die Menschheit sich von Gott absonderte, führen auch wieder +zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist die +Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als +solches abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle +Schwachen und Hilflosen öffnet und sie zu eigenen Kindern +macht. In der Heiligen Schrift heißt es, daß die Gnade +durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet +das Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen +mit vielen.</p> + +<p>In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht +das Herz seine Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem +Gehirn geistig. Beider bedarf das Herz, um seinen Verkehr +mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn würde +<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span>das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein +Chaos bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff +würde.</p> + +<p>Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, +das erkennende Organ, das jüngste; nach der Schrift +geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus. Das +Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der +durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt +und der Welt zu eigen macht. Besinnst du dich auf die +schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, da der Sänger +von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt +und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd +bewußt wird, was es getan und erlitten hat. Aus +dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er befestigt; +es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht +Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen +Hain, wo reine Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; +Leben bekommen sie aber erst draußen im Lichte der Sonne, +nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. Was ist +Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. +Wahrheit ist eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch +und Blut.</p> + +<p>Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, +weiblich, sondern auch männlich und willkürlich; die Sonne +erleuchtet nicht nur, sondern verbrennt auch. Der körperliche +Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in der Großhirnrinde +gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht +imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir +kommt es nur darauf an, daß diese willkürliche Kraft da +ist. Von hier geht die schwerste Versuchung des Menschen +aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur die hochentwickelte +Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span>an Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen +und durch sein eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des +Herzens in seine Zauber eingeweiht, kann Luzifer sich in +einen Engel des Lichts verstellen, mit den von seinem Herrn +erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene +Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint +er, die Welt, in der bisher das Herz herrschte, und die ihm +sündig und mängelvoll erscheint, dadurch vollkommen machen +zu können, daß er die Moral einführt, und er beginnt damit, +die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und +den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, +die Gott sich gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.</p> + +<p>Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit +seinen Adern und dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt +und allerlei Schlüsse daraus gezogen, auf die es mir hier +nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn +man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes +und des Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; +es sieht fast so aus, als ob das Gehirn der Schatten des +Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn durch +die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse +beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den +betreffenden Organen spiegelt. Wie schlagend ist von diesem +Gesichtspunkt aus der Ausdruck Luthers, der Teufel sei der Affe +Gottes, natürlich nur auf das willkürliche Gehirn zu beziehen.</p> + +<p>Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem +im Gehirn ab; indessen ist es festgestellt, daß +das Gehirn nur einen regelnden Einfluß auf das Herz ausüben +kann, nämlich einen hemmenden und beschleunigenden. +Der <span class="antiqua">nervus vagus</span> und der <span class="antiqua">nervus depressor</span> sind hemmende +Nerven; ausgezeichnet weist der Name <span class="antiqua">depressor</span> auf die +Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes +<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span>entstehen. Sowie aus dem leuchtenden Luzifer ein +verbrennender wird, sowie das Gehirn befehlen, das Herz +in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine +Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der +Sieg des Teufels ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß +das Blut entweder in der Region der Geschlechtsorgane +oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, anstatt +daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und +den ganzen Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.</p> + +<p>Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und +furchtbarste Hemmung, die dem Herzen erwächst, machte sich +schon vor Christus bemerkbar. Das antike Drama hatte +den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum +Gegenstande, der immer mit dem grausamen Siege der +Götter endete. Besonders merkwürdig scheinen mir die +Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das +trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende +Gedanke gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband +Herz und Kopf in seiner Person zur Einheit. Er +überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen entspringende +Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. +Da das Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß +Gott in der Menschheit, nicht außer ihr ist, verlegte das +nachchristliche Drama den Kampf zwischen Herz und Kopf, +Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles +und Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: +„In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne“, „Der +Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme“, besonders +aber die Worte Wallensteins: „Recht stets behält das Schicksal; +denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.“ +Nun siegt nicht mehr das grausame Herz über den zerissenen +Rebellen sondern durch den Überschuß seiner Kraft, +<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span>die Seele, schmilzt das geniale Herz die Entzweiten gewaltig +zusammen.</p> + +<p>Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante +Tatsache festgestellt, daß nämlich die lebendige Substanz, +das einzellige Lebewesen, die Amöbe, unsterblich ist. Sie +vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann ins +Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge. +Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns +oder der Depression ein, wo die Stoffwechselprodukte nicht +mehr ausgeschieden werden können; aber dieser tote Punkt +kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden +werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz +durch Kopulation oder durch einen sonstigen neuen chemischen +oder mechanischen Reiz neues Leben zugeführt wird. Die +Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen Lebewesen, +wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor +die Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen +hat. Ich hätte <span class="antiqua">a priori</span> vorausgesetzt, daß für die lebendige +Substanz, für das einzellige Wesen, dieselben Grundgesetze +gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und das +Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies +bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein +gefährliches Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben +kann, wo ihm Kraft aus dem Nicht-Ich zuströmen +kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem 50. Lebensjahr +in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch +die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung +derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat +mit einer zweiten jungen, geliebten Frau zuteil wurde. +Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder sonst ein starker, +neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher Kraft +in das ermüdete oder erstarrte Herz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span></p><p>Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den +Menschen regiert: wir leben vom Herzen aus und sterben vom +Herzen aus. Sei es, daß wir aus Altersschwäche oder an +einer Krankheit oder woran immer sterben, das Versagen +des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt. +Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, +sterben, ist die Folge von einer Vergiftung durch die +Schlacken des Stoffwechsels, welche nicht ausgestoßen werden +können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die +durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, +den Körper zu ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen +zu überwinden, kann nur ein starkes Herz genügen: es +handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei jeder +Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung +des Herzens. Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie +habe, als Luther einmal in eine schwere Melancholie verfallen +sei, Trauerkleider angelegt und auf die erschrockene +Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben +sei, geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie +Trauer. Derselbe Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die +sich bekanntlich das Leben nahm, um ihren Mann durch +den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu machen. +Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte +offenbar überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. +Überhaupt können Willkür und Absicht nicht helfen, nur +verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz, dem Raum +gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur +rechten Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den +richtigen Zeitpunkt herausfinden, auf den alles ankommt? +Ist dieser versäumt, so zerdrückt die einströmende Kraft den +mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.</p> + +<p>Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, +<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span>Großstaaten zu werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit +von Gegenwirkungen. Der abgeschlossene Kleinstaat +kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das +enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft +nicht, und es wird zuletzt in seiner Kruste verkümmern +müssen. Ich las neulich, daß die Tiere, die auf Inseln +leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist +Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit +dem Ganzen liegt das Leben.</p> + +<p>Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle +Personen, Stände, Familien, Staaten, die sich absondern +und dadurch das Einströmen fremder Kraft unmöglich +machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich +seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, +verwelkt er im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, +seine Selbstvergötterung steigt.</p> + +<p>Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter +Blüte und der dann eintretenden Verkümmerung am besten +an der Geschichte Spaniens studieren; ich widerstehe der +Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu langweilen. +Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung +von Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des +Gegensatzes von Stadt und Land und des Gegensatzes der +drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so lange lebendig +erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome +beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und +andererseits ein verhaltenes Bedürfnis nach Erfrischung. +Weniger glücklich ist Holland daran, seit es von dem gegensätzlichen +Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte +zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; +nachher wäre wohl Vereinigung Belgiens mit Frankreich +und Hollands mit Deutschland förderlicher gewesen. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span>Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen Ländern, die +durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist +immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, +ganz Europa befindet sich augenscheinlich im gefährlichen +Alter und strebt leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme +neuer Kraft. Wenn einmal alle Nationen der Erde +einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag gekommen, +weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.</p> + +<p>Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben +von der Notwendigkeit des Anschlusses kleiner Staaten an +den Großstaat sprach, dachte ich nicht an moderne Verhältnisse. +Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst, +sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art +nach grenzenlos; was natürlich wächst, nach einem inneren +Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. Die modernen Staaten +müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem Wesen +nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo +die Erde ihnen zu klein wird. Der natürliche Staat, der +aus der Familie und natürlich sich bildenden Gruppen herauswächst, +der germanisch-romanisch-slawische, christliche +Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern +zog sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede +Zelle seines Körpers war durchblutet, selbsttätig. Unsere +alten Kaiser nannten sich zwar allzeit Mehrer des Reichs, +aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges +angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, +die ihre Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen +strafend dazwischenfahren, wenn jene es allzu bunt machen. +Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu lang, der Raum nie +zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern kann. +Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, +dem tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span></p><p>Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen +der Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen +sind, und zwar namentlich diejenigen Nervenzellen, +die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt sich der Mangel +an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, +daß wir unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, +werden; unsere Lebensweise wird besser geregelt, und unsere +Lebensdauer verlängert sich; aber was hülfe uns selbst die +Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz vorbehalten: +er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt +zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß +sie auffahren wie Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, +daß man Gott kein Ziel setzt. Man kann sehr +vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden und +damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann +schon das Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr +verdammt, ein Symptom des Alterns. Gott gibt nur Leben +und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt Ordnung und +lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber +was für ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den +Preis des Todes nicht zu hoch, obwohl er den Tod am +glühendsten haßt.</p> + +<p>Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. +Das volle Herz beflügelt, und da sie das nicht haben, +kriechen sie an der Erde, auch wenn sie mit Schiffen die +Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der Apostel Paulus, +das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den +Menschen. Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis +des Genies; ein volles Herz ist die Voraussetzung dazu.</p> + +<p>Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme +durchs Gehör vermittelst der Predigt des Wortes. „Mit +dem Wort nimmt Gott die Herzen.“ Das Gehör ist der +<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span>Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich +ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen +mündet. In göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, +ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also +selbstverständlich, daß das einzelne Herz mit ihnen verbunden +sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das Geistesmeer, +das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die +Mündungen des Meeres. „Ich glaube, darum rede ich“, +heißt es in der Bibel. Das Gehör nimmt gläubig auf, und +liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich den +Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang +des Herzens sind, werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt +und Bewegung uns die Art des Herzens am unmittelbarsten +verraten.</p> + +<p>Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches +oder mehr göttliches Wort auffängt oder beides. In +der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus der schönen +weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides vereinenden +festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine +unendliche Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt +die Ohrmuschel rosig, das heißt, daß das Herz sich schon in +der Pforte spiegelt; das findet man kaum außer bei Kindern +und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in +die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt +noch zu vernehmen.</p> + +<p>Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, +verschiedene Ränder des Rubinkelches, den wir Herz +nennen. Einen Mund kannte ich einmal, den ich am allerliebsten +ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe tat, +frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich +hörte nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete +verzaubert den Mund, der sich mit unbeschreiblicher +<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span>Anmut wie ein Quellwasser spielend und zwitschernd bewegte. +Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter, +während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, +daß es mir wie ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit +einem gewissen Triumph Gott lästerte, mußte ich an einen +mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen +hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; +aber weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, +kommt immer nur das Heilig, Heilig von seinen Lippen, +die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der Kindermund, +der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen +Perlen und Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; +denn ihm unbewußt ist er ein Brunnen Gottes. Der Mund, +den ich dir eben beschrieb, gleicht dem Shakespeares, wie +ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.</p> + +<p>Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, +die Tiefe des Herzens auszusprechen, und dann den, +der überhaupt nicht mehr aus dem Herzen sprechen kann. +Vielleicht ist es ein Papageienmund, der nachplappert, oder +er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht ist dann +der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet +und kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung +auf immer abgebrochen, so entsteht der Habsburger +Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges +Wasser mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund +der Toten tut. Über die Progenie, die Erscheinung, daß +die Zähne des Unterkiefers die des Oberkiefers in frontaler +Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht worden, +und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung +stets mit gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und +geahnt, daß sie alle auf eine biologische Ursache zurückzuführen +sind. Gerade im Anschluß an das Habsburger Gesicht +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span>ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen +Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert +hat, daß auch hervorragende Individuen diese Merkmale +führen, und deshalb die Auffassung ablehnen zu müssen +meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich +über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. +Mit dem Abnormen beginnt ja erst die Möglichkeit der +Größe; allerdings nur die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit. +Es sind viele berufen, aber wenige sind auserwählt.</p> + + + + +<h2><a name="brief13" id="brief13"></a><a href="#inhalt">XIII</a></h2> + + +<p><span class="initial">I</span>n den Tischreden sagt Luther: „Menschen sind dreierlei +Art. Die ersten sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, +ohne Gewissen, erkennet seine verderbte Art und Natur +nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde, fraget +nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz +erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, +kämpfen und ringen mit Verzweiflung wie Saul. Der +dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und Gottes Zorn erkennen +und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren +und derhalben ewig verdammt und verloren müßten +sein, hören aber die Predigt des Evangelii, daß Gott die +Sünde vergibt aus Gnaden um Christus willen, der für +uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und +glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach +beweisen sie ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken +als Früchten, die Gott befohlen hat. Die andern zween +Haufen gehen dahin.“</p> + +<p>Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, +die, welche Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus +diesem größten Haufen wird ein anderer berufen, der von +der Norm abweicht, also abnorm ist und die Möglichkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span>hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber +auch Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem +sind einige auserwählt, das zu erreichen, wozu sie berufen +sind, Früchte zu tragen, die allen übrigen Leben geben: es +sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm <span class="greek" title="gen" lang="el">γεν</span> bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten, +Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie +in der Sprache der Heiligen Schrift auch Gottmenschen +oder Geistmenschen nennen.</p> + +<p>Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, +deren Mittelpunkt die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane +sind. Der zweite Haufe sind diejenigen, die angefangen +haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres Herzens, +zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich +Gottes schwanken. Die Geistmenschen sind diejenigen, die +aus dem Herzen leben, und zwar so, daß das Herz einen +Überschuß über das Gehirn hat.</p> + +<p>Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie +durchaus aristokratisch das Christentum ist. Man hat so +viel von dem Volksmann Luther, von dem demokratischen, +ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört, +daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; +so wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls +selbst von der naiven Annahme ausgegangen, alle +Menschen seien in der Hauptsache so wie er; jeder Schaffende +tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein Herz +reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, +wie er sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen +geht, sondern der Christen allezeit am wenigsten sind. +„Und kehre dich nicht an die Menge und gemeinen Brauch“, +sagte er dann, „denn es sind wenig Christen auf Erden, da +zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes +<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span>denn gemeiner Brauch.“ Er erinnerte an Tertullians Worte, +daß Christus nicht gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern +ich bin die Wahrheit. Während ihn anfangs der allgemein +gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner +der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, +die so lange bestehe und in der so viele gelehrte und weise +Männer gelehrt hätten, sagte er nun: „Fürwahr eine köstliche +Ursache, die man nimmt von der Größe und Menge +wider das klare und lautere Gottes Wort.“ So kam er zu +derselben Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: +„Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, Da ich dich +kenne, bin ich fast allein.“ Unter die „Frevelartikel“, vor +denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß jeder +Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, +daß jegliche Seele das ewige Leben haben werde.</p> + +<p>Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen +anstößt, wenn man von einem großen Manne sagt, er sei +abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob es normal wäre, +genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art abgewichen, +also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen, +und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei +überartig. Legt man indessen den Maßstab des normalen +Menschen an ihn, so muß man ihn als krank bezeichnen; +vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig +ist, Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.</p> + +<p>Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt +als diejenigen, die am besten geeignet sind, sich und die Art +zu erhalten. Sie sind noch ungebrochen; ihr Bewußtsein +ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein entwickelt, +nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu +den erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige +Genüsse, wollen sie nichts anderes, als was für ihr Gedeihen +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span>und ihre Fortpflanzung dienlich ist, und darin erschöpft +sich ihr Leben. „Sie haben ihren Lohn dahin“, sagt +Christus, und Luther: „Sie gehen dahin.“ Anders ausgedrückt: +Sie stellen eine frühe Entwickelungsstufe dar, die +von einer höheren aufgerollt, mitgenommen und vertreten +wird.</p> + +<p>Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen +ab, die nicht mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung +und zur Erhaltung ihrer Art sind. Ihr Selbst- +und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie eine +innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der +Welt fühlen. Sie haben nun zwei Seelen in sich, eine +göttliche und eine tierische, in der Bibel gewöhnlich Geist +und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der Erkenntnis +gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen +Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist +und ihn eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine +nächstliegenden Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft +auf, die Kluft zu überbrücken oder zu maskieren. Der Welt, +dem großen Haufen gegenüber ist er der Schwächere geworden +und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn, +weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden +Möglichkeiten überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt +der Erscheinung das Reich des Unsichtbaren aufgetan, das +Reich des Geistes oder Gottes, und er ist reicher um die +Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung +in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus +gekommen, um sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, +auf die Welt zu verzichten, um im Reiche des Geistes zu +herrschen und von dort aus die Welt zu überwinden. Nicht +die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt +haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche +<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span>das Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, +nach Erlösung von der Welt durch den Geist. Daß Luther +als Vertreter des zweiten Haufens Saul nennt, den königlichen +Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung +klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich +von „zwischen Sein“, zwischen dem unbewußten und bewußten +Sein, die im Übergang Begriffenen, um welche Gott +und der Teufel sich streiten. Selbstverständlich sind alle +Menschen werdend; aber es kann auch ein Übergewicht nach +unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch +nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren +Welt eine Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die +sichtbare zu verlassen, sondern um beide Welten zu verbinden. +Die Verbindung ist Religion; das Wort kommt +von <span class="antiqua">ligare</span>, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen, +möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt +zurückgeworfene Band unterscheiden. Der Sprung von der +sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare ist der Glaube; +handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von +dem gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, +so ist zwar nicht die Kraft selbst geändert, aber doch +ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je nachdem der +Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist, +oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich +überpersönlich oder gottbewußt, geistig, überwindet er die +Welt als Künstler durch Kunstwerke, oder als Held und +Heiliger durch Taten, oder als Dichter und Weiser durch +die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches +Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen +Geistes auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie +oder der vollkommene Christ umfaßt sie alle; wie er Mann +und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann und Greis +<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span>zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen +den Sprung in das „schöne Wunderland“ nicht: Genies +sind selten. Es gibt ja kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden +wäre, Gottbewußtsein und Weltbewußtsein, Sinnlichkeit +und Geistigkeit, und es gehört eine außerordentlich +starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein +Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. +Die meisten zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen +beider verlustig; nur wer sich für den Göttertisch entscheidet, +kann Ambrosia genießen und zugleich am Tische der Welt Gast +sein. „Der Christenmensch“, sagt Luther, „ist ein allmächtiger +Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle +Sünde.“ Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den +Geist. Beethoven war die Welt der Töne, in der er Herrscher +war, sinnlich entzogen; aber wer bezweifelt, daß er +in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als irgendein +Sterblicher mit gesundem Gehör?</p> + +<p>Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des +Neuen Testaments vielfach ausführen. „Wir wissen aber, +so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß +wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht +mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.“ Dieser +ewige Himmel ist in unserem Herzen, der Geist; wir können +aber nicht Geistmensch werden, bevor nicht unser irdisches +Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch gebrochen, +irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, +den glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den +gekreuzigten gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, +wovon in den Episteln so oft gesprochen wird, ist +durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich schwindet der +Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch +und endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmähliches +<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span>Verwandeln, bei dem es keinen Leichnam gibt, +weil die sterbende Form fortwährend in einer höheren aufgeht +oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich +gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit +vor sich gehen muß. Gott entziehe seinen Heiligen, sagt +Luther einmal, die Güter dieser Welt nicht immer in der +Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar besäßen, +aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener +zum Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch +geistig arm oder arm im Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl +mit den Armen ihn seines Reichtums nicht froh werden ließe, +oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder +daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum +verschaffen kann, ihn befriedigte. Das Entscheidende ist, +daß einem die Welt entzogen wird, und daß dadurch ein +innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und +Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und +will die Welt doch nicht loslassen, weil man die Organe für +das Reich des Geistes noch nicht in der Gewalt hat.</p> + +<p>Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die +Korinther handelt ausführlich von der Art der Berufenen, +daß sie vor der Welt schwach und niedrig sind. „Denn es +stehet geschrieben: ich will zunichte machen die Weisheit der +Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. +Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? +Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser +Welt zur Torheit gemacht?… Denen aber, die berufen +sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum, +göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche +Torheit ist weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche +Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind. Sehet +an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel Weise nach dem +<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span>Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.“ +Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur +schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und +Frauen Auserwählte. Paulus selbst war ein hochgebildeter +Mann; das zeigt jedes Wort an, das von ihm erhalten ist, +auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so packen +können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, +die Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit +oder der weltlichen Macht und dem weltlichen +Ansehen gegenüber. Daß die genialen Menschen aller Völker +und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen, sondern +im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen +sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die +meisten sind es geblieben; ebensowenig wie reich und mächtig +waren sie gesund. Ich entsinne mich einer Anekdote des +magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit +hatte, die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten +zu sehen, zwischen Neid und Verachtung ausrief: <span class="antiqua">Lengua +d'un can!</span></p> + +<p>Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer +und christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch +des Juvenal: <span class="antiqua">Orandum est ut sit mens sana in corpore +sano</span> den des heiligen Augustinus gegenüberstellt: Wenn +wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse Begierde.</p> + +<p>Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität +unseres Ich; um an das heranzugelangen, muß Gott zuerst +eine Bresche in den Körper schlagen, in den Vorhof, +der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen +Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines +geräumigen Schädels gegeben ist, in welchem ein großes +Gehirn Raum hat; woraus natürlich nicht folgt, daß jeder +<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span>große Schädel und jedes große Gehirn Bürgschaft für geistige +Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als Magnet +auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten +ab, so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig +wie sonst ernährt wird. Auch eine gewisse Entartung der +Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen vorliegen, +nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie +mehr dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit +oder Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten +immer zugleich Herzensangelegenheiten sind, wie man +das in Goethes Leben sehen kann. Der männlichere Schiller +litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch überwand; +sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes +mehr auf natürlicher Harmonie.</p> + +<p>Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes +ist das Gleichgewicht im Organismus gestört, der +Übertätigkeit auf der einen Seite steht Untätigkeit und Erschlaffung +auf der anderen gegenüber. Man kann den Körper +als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit +der Welt verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper +morsch wird, ist das Herz feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt +und wird zu stärkerer Tätigkeit gereizt. Das Genie +ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne natürlich, +daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie +es ist; er ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist +es nicht so, daß die Auflösung bereits eingetreten wäre, +sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr; der blitzartige Punkt +zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens und +dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste.</p> + +<p>Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. +Wenn ich bei dem photographischen Bilde bleiben +darf, möchte ich sagen, daß bei sehr scharfem Licht die Platte +<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span>des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird, daß +diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, +nie ein lebendiges <span class="ins" title="Ganze">Ganzes</span> werden können. Manche +Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind +mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben +einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, +als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber +die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je +müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; +man fühlt, daß da kein Wort hilft, sondern nur das +Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich +selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem +Augenblicke, wo Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, +muß das Ende kommen, denn die Zeit ist mit ihm erfüllt. +Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem Spiegelbilde +sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran +gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, +zur Mumie. Dem Tode ist der Gottmensch geweiht; es fragt +sich nur, ob er sich selbst oder anderen sterben wird. Dies +eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles vorlegten, +ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, +oder Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen +Ruhm; es war sein Herz, das die Antwort gab. Von +der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen hängt +seine Entscheidung ab.</p> + +<p>Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem +Herzen; darin liegt, daß geniale Menschen im allgemeinen +nicht lange leben und nicht durchaus gesund sein können. +Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten Lebens +zeigen. „Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.“ Eines +der schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken +Baume handelt, der seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden +<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>Efeu zu ernähren, schließt mit den Worten: „Süß +ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten genießen! +Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?“</p> + +<p>Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde +das menschliche Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist +deshalb notwendig, daß der große Haufe sich von der Selbstsucht +leiten läßt.</p> + +<p>Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem +Genie Gott- und Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht +war. Er hat dadurch das Genie eigentlich weltfähig gemacht, +und wenn Christus die Menschen zu Göttern machte, +kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe +verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, +engherzigen Vaters fing er früh an mit der Neigung zu +sparen und glich dann einem Ofen, der sein Feuer Tage +unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. +Er hat „sein volles Herz gewahrt“, geschont, und es ist +dieser Umstand, der gerade den alten Goethe zum Liebling +unserer gebildeten, wesentlich herzschwachen Männer macht. +Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz erlahmte +verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend +wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich +mir selbst zur Last fallen werde. Während seines ganzen +Lebens hatten Perioden gänzlicher Erschöpfung, wo er sich +lebend tot fühlte, mit den Perioden übermenschlicher Schaffenskraft +gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit Versagen +des Herzens.</p> + +<p>Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung +durch Leiden nicht gekannt oder gar verabscheut hätten, ist +übrigens ganz falsch, wenigstens was die Griechen betrifft, +deren Weltanschauung vielmehr ganz in die christliche einmündete. +Eine Stelle bei Äschylus lautet:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span><span class="i0">Weise macht den Erdensohn<br /></span> +<span class="i0">Gottes Führung und Gebot:<br /></span> +<span class="i0">Leiden soll dir Lehre sein.<br /></span> +<span class="i0">Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual<br /></span> +<span class="i0">Alter Schuld<br /></span> +<span class="i0">Ihm aufs Herz:<br /></span> +<span class="i0">Ungewollt<br /></span> +<span class="i0">Kommt die Weisheit über ihn.<br /></span> +<span class="i0">Strenge Wege geht mit uns die Gnade,<br /></span> +<span class="i0">Die am Weltensteuer sitzt.<br /></span> +</div></div> + +<p>Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der +Gnade, die wir im Neuen Testamente finden. Die Sagen +von Eros und Psyche und von Prometheus scheinen mir +keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im +Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, +nicht geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden +muß. Das arbeitvolle Leben des Herkules, seinen Feuertod +und seine Verklärung hat man längst mit dem Leben Christus' +verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein geniale +Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, +als es in Christus den unbekannten Gott erkannte.</p> + +<p>Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen +und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, +aber, wie Papageno, nicht durch Feuer und Wasser gehen, +und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die +Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen +mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, +und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen +das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt +er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch +das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, +<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span>nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst +angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.</p> + +<p>Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht +getreu sind, sondern begehrlich nach den Kronen der Welt +blicken. Sie bleiben entweder unfruchtbar und voller Unruhe +zwischen den beiden Welten hangen, oder sie werden +in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des +Geistes zurückwagen, zertreten. Gott ist <span class="antiqua"><span class="ins" title="consumans">consumens</span> et abbrevians</span>, +aufzehrend und abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, +kommen einzelne Lebendige. Das Ziel, welches +diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die Schaffenskraft. +Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies +oder die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, +und Gottes Wesen ist Schaffen. Luthers quälende Frage: +Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich in die +Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen +wird das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das +Siegel der Berufung ist, so siegelt der Überwinder mit +Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu verstehen, +als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise +selig werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, +und ist arbeitend selig. Das Genie im engeren Sinne aber +lebt nicht nur, sondern erlebt, erinnert sein Leben im Spiegel +des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat oder Wort. +Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte +Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig +macht auch das einfache Leben, das im Wirken besteht.</p> + +<p>Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. +Der Römer Festus begriff gut, mit wem er es zu tun +hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du rasest; deine große +Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares +Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinn +<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span>rollt. Auffallend finde ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche +Sympathie und Hochachtung gerade einzelne +Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem ähnliches +erscheint mir die gute Aufnahme, die England den +ausländischen Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk +huldigt den Herrschern im Reiche des Geistes, das es ihnen +gönnt. Die häufigen Schilderungen von der Seligkeit des +geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch +die Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft +der Gläubigen durch die des Alten. Im Alten Testamente +schafft Gott in dem passiv hingegebenen Menschen, im Neuen +ist der Mensch selbst Gott geworden. „Das kein Auge gesehen +hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen +Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn +lieben“; diese überschwengliche Herrlichkeit, sollte sie einem +tugendhaften Bürger, einem katholischen oder protestantischen +Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr „die +Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch +bekannt; die Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten +und doch nicht ertötet; die Traurigen, aber allezeit +fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich machen; die +nichts innehaben und doch alles haben“. Die „ewige und +über alle Maßen wichtige Herrlichkeit“ gehört denen, „die +nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare“, +nämlich auf den Geist. „Schulgezänke solcher Menschen, +die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, +die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe“, das verschafft +wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.</p> + +<p>Wenn man nicht das Wort „geistlich“ beibehalten hätte, +das Luther für geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der +mit etwas Selbstgefälligkeit, Salbung und Tugendseligkeit +so schädlich verquickte Begriff des „Geistlichen“ gar nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span>herausgebildet haben. Wenn Luther „geistlich“ sagte oder +schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was +wir bei dem Worte „geistig“ denken und empfinden. Diejenigen, +die den geistigen, den innerlichen, unverweslichen +Leib in dem natürlichen, verweslichen tragen, die können +wie Paulus in das Paradies entrückt werden und unaussprechliche +Worte hören, die kein Mensch sagen kann.</p> + +<p>Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies +gibt. Sowohl die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens +wie die nichtamtlichen, die sichtbare Kirche nicht nur, sondern +auch die unsichtbare, wollen entweder abgesonderte Winkelprediger +oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen +und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, +als wäre es etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, +weil sie an die Möglichkeit einer echten nicht glauben. Vor +allen Dingen wollen sie gut leben und Ansehen in der Welt +haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie +ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große +Berufung anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug +ist, daß die der göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren +sie vernehmen können.</p> + +<p>Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke +zum Fenster, so sehe ich das durchsichtige Gewimmel der +Sterne, das unsere Erde wie eine Gloriole umgibt. Die Erde +kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem äußersten +Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen +Ringen tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, +eine Brücke der Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.</p> + + + + +<h2><a name="brief14" id="brief14"></a><a href="#inhalt">XIV</a></h2> + + +<p><span class="initial">S</span>olltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der +Menschheit zu zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere +<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span>Luthers Streit mit Zwingli über das Abendmahl und tröste +dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach seinem +Tode begeisterte Anhänger gefunden; aber wo er am glühendsten +fühlte, am tiefsten dachte, am größten handelte, da hat +ihn niemand verstanden. Man begriff, daß Zeremonien +ohne Glauben keinen Wert vor Gott haben; aber daß Handeln, +auch das edelste, ohne Glauben auch ungöttlich ist, +das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare +Kirche, aber einen Kult wollte man nicht, außer einem +solchen, der mit dem Verstande zu begreifen wäre, mit Gott +also gar nichts zu tun hätte. Luther wollte jeden Kult abschaffen, +den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte +er Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte +ihn heftig; denjenigen wollte er heilig bewahrt +wissen, den Gott geboten hat, oder, was dasselbe ist, der +mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fließt. Die Richtung +des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des +Selbstbewußtseins, des Verstandes, der äußeren Welt; man +wollte durchaus keinen Gott haben, der, in der äußeren +Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei +Seiten her gefordert hätte. Als Luther denjenigen Kult +einführen wollte, den Gott geboten hat und der aus dem +Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt, bewunderten +sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen Ärgernis +daran, daß er, wie sie es nur auffassen konnten, sich +plötzlich als Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und +Sinnen lebende Mensch wird stets von denen verkannt und +gehaßt werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.</p> + +<p>Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was +unsere Augen aber nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden +unter dem Unsichtbaren das, was nicht ist, wovon aber +unklare Mystiker träumen. Sie verbannten das Unsichtbare +<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span>in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heißt eigentlich +nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl +Christus unmißverständlich gelehrt hat, daß der Himmel in +unserem Inneren, daß er menschlicher Geist ist. Indem +Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte Luther, machte +er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des +Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. +Dieser monistischen Weltanschauung war die Zeit Luthers +nicht zugänglich, die, nachdem in einem genialen Augenblick +Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren, +übermächtig zum Materialismus hindrängte. Der Standpunkt +Zwinglis, daß man, wie er sich ausdrückte, die beiden +Naturen, nämlich Geist und Stoff, nicht vermischen dürfe, +wurde auch von den Katholiken geteilt, nur daß sie sich +nicht, wie die Reformation, auf den bloßen Geist, sondern +auf den bloßen Stoff stützten. Sie waren Heiden ohne +die kindliche Blindheit der vorchristlichen Heiden. Auch +die heutigen lutherischen Theologen sprechen von Luthers +Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer +liebenswürdigen Schwäche, die man einem übrigens vernünftigen +Menschen hingehen läßt. Daß Gott der Geist +wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit dem Sichtbaren, +scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und +Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.</p> + +<p>Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, +bezeichnet Luther die Taufe und das Abendmahl. Die Taufe +bedeutet das Sterben des Naturmenschen und Auferstehen +des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des Menschen, +die sein Leben lang währen und mit seinem Tode +vollendet sein soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur +eine bildliche Handlung sein, sondern sie soll diesen Werdegang +der Wiedergeburt im Geiste tatsächlich einleiten, indem +<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span>in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn +des göttlichen Wortes fällt. Das Wort ist, wie du weißt, +die höchste Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen +Menschen an das Unverwesliche, oder es heiligt ihn; +mit den Worten der Taufe nimmt die Heiligung ihren Anfang. +Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe <span class="antiqua">flaminis +et sanguinis</span>, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines +begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die +Wiedertäufer, daß die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen +werden, da das neugeborene Kind das Wort noch +nicht vernehmen könne; ein Irrtum, den Luther selbst durchgekämpft +hat. Er wandte dagegen anfangs ein, daß der +Glaube der erwachsenen Paten für den noch unentwickelten +Glauben des Kindes eintreten könne; später erst ging ihm +die großartige Erkenntnis des unbewußten Glaubens auf, +wie er es nannte. Er begriff, daß der Glaube ein Nichtwollen, +ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenüber +ist, und daß gerade das unbewußte Kind geeignet sein +muß, von Gott ergriffen zu werden.</p> + +<p>Neuerdings hat man Beobachtungen darüber angestellt, +daß Worte, die in Gegenwart von fest schlafenden Kindern +gesprochen werden, obwohl nicht mit Bewußtsein, doch von +ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken können; +gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, +der ihn hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewußtsein +hört. Ich habe an mir selbst erfahren, daß in der Kindheit +vernommene Worte, die ich nicht verstand, die mich nur +durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir festsetzten und in +mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele dafür +in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewußt +gesät und unbewußt empfangen wird; sie schlummern im +Stoffe, aus dem das Herz sie hervorglühen kann, damit +<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span>sie Frucht tragen. Auf der Annahme, daß Kraft auch +da wirken kann, wo sie unbewußt empfangen wird, beruht +der Segen, den Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden +Kindern erteilen; Worte sind die stärkste Kraft, die +es gibt.</p> + +<p>Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der +Taufe zugute gekommen, daß es mit unbewußten Kindern +umgehe, deshalb lasse man es so ziemlich undisputiert. In +der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, daß die Taufe +anders könnte aufgefaßt werden als eine symbolische Handlung, +sah deshalb keinen Grund ein, sie abzuändern, und +bewirkte, daß die Wiedertäufer in Zürich mit dem Tode bestraft +wurden. Luther, der Irrende nur durch das Wort +bekämpft wissen wollte, begnügte sich damit, sie auszuweisen.</p> + +<p>Ganz anders verhält es sich mit dem Abendmahl, das +im Mittelpunkte des Kults steht und den Erwachsenen dargeboten +wird. Daß im Stoff Geist, daß der Stoff geistvoll +sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes gelehrt, +indem sie sagten, Gott erfülle Himmel und Erde; +Christus setzte hinzu, daß der Himmel das Herz des Menschen +sei. Anders ausgedrückt: die Propheten lehrten, daß +Gott das Herz der Welt sei, Christus, daß das Herz der +Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der +Welt im Selbstbewußtsein des Menschen. Der Name Testament +schon deutet an, daß es sich um eine Vergabung handelt: +der Gottmensch, dessen Seele sterben wird, teilt sein +Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm +geöffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte +der Einsetzung sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. +Trinket alle daraus, das ist mein Blut, welches vergossen +wird für viele zur Vergebung der Sünden. Vorbereitet hatte +Christus selbst das Testament durch seine Erklärung im +<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span>6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß er das Brot +des Lebens sei, welches er ausdrücklich als Himmelsbrot, +also eine geistige Speise, der vergänglichen Speise gegenüberstellte.</p> + +<p>Hieronymus hat das Abendmahl <span class="antiqua">invisibilis gratiae visibilis +forma</span> genannt, die sichtbare Form der unsichtbaren +Gnade, das ist also der im Stoff erscheinende Geist. Der +heilige Augustinus erklärte es mit den Worten: <span class="antiqua">Accedit +verbum ad elementum et fit sacramentum</span>, Das Wort zum +Element oder Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. +Wenn ich Wunder übersetze, so ist es nötig zu betonen, +daß statt Sakrament im Griechischen <span class="greek" title="mystêrion" lang="el">μυστηριον</span>, Geheimnis +steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse. +Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, +daß in der Seele, im Ich, der Stoff zugleich Geist ist, und +weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht machen können, +scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode +wird unser Körper wieder eins mit der ewigen Substanz, +unser Geist, sei es in Form, Tat oder Wort oder im +Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein sind Stoff: +wenn der Blitz des Wortes sie entzündet, erglühen sie zu +Geist. Daß Christus das Brot wählte, geschah, weil das +Samenkorn die stärkste Verdichtung des Stoffes ist wie +das Wort die stärkste Verdichtung des Geistes; Brot ist die +natürliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das Getränk, +das am stärksten ins Blut geht, wie man volkstümlich +sagt; das Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das +gegebene Bild für das Feuerwasser, das aus dem Herzen +des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und Blut lebte +nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gären und glühen +machte; das Erlöschen der Seele ist der Tod. Wer sich +dessen bewußt ist, dem kann jede Speise eine Geistesspeise +<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span>sein; davon aber unterscheidet sich das Abendmahl dadurch, +daß es von der gläubigen Gemeinde genommen wird. Luther +beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob +einer sich das Abendmahl unter Umständen allein dürfe +reichen lassen, abschlägig; Gott ist ja Person nur im Menschen, +und die Verbindung mit Gott muß durch die Verbindung +mit der Menschheit geschehen. Absonderung von +den Menschen wäre zugleich Absonderung von Gott, also +wäre das Abendmahl von einem Einzelnen genommen ein +Widerspruch in sich selbst und eigentlich ungöttlich. Dem +Wissenden für sich allein ist ja selbstverständlich das Abendmahl +nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, +so tritt das Wort des Augustinus in Kraft: <span class="antiqua">crede et manducasti</span>, +glaube, so hast du gegessen; als gemeinsames Mahl +macht es die durch den Körper Gesonderten im Geiste eins.</p> + +<p>Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: +er dachte, Christus, ein edler, vorbildlicher Mensch, habe +seine Jünger ermahnt, seiner nach seinem Tode zu gedenken, +und ebenso sollten es künftig die Gläubigen halten, +wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. +Die katholische Kirche wollte im Sakrament den +Opfertod Christi wiederholen und sich durch den richtigen +Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso wie +Zwingli, machte ein Werk, eine Selbsttätigkeit des Menschen +daraus. Luther verstand die Sakramentshandlungen als +Austeilungen göttlicher Kraft, bei denen die Menschen die +Empfangenden sind.</p> + +<p>Eines der hauptsächlichen Argumente Zwinglis gegen +Luthers Auffassung, Christi Fleisch und Blut sei im Brot +und Wein, war, daß Christus zur rechten Hand Gottes +sitze, also nicht im Brot und Wein sein könne. Man sollte +meinen, eine so grobe Unfähigkeit, das Göttliche zu erfassen, +<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span>springe jedem in die Augen. Sie veranlaßte Luther zu einer +hinreißenden Schrift über die Allgegenwärtigkeit Gottes, +die, von göttlichem Geist durchdrungen, dem milden Tadel +der lutherischen Theologen nie entgeht. Die meisten wünschen, +er möchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl +sie recht hübsche Bilder enthalte. Wer, außer etwa Shakespeare +oder Dante, hat solche Bilder schaffen können? Luther +sagt selbst einmal, man hasse ihn, weil er nicht nur die +Wahrheit sagte, sondern auch sagte, daß er sie sagte. Hätte +er sich Dichter genannt, so hätte man ihn vergöttert.</p> + +<p>Begreiflicherweise mußte Luther über Zwinglis „Gaukelhimmel“ +lachen, „darin ein goldener Stuhl stehe und Christus +neben dem Vater sitze in einer Chorkappe und goldenen +Krone, gleichwie es die Maler malen“. Daneben aber bemühte +er sich ernstlich zu erklären, daß die allmächtige Gewalt +Gottes zugleich nirgends und an allen Orten sein müsse; +daß alles, was an einem Orte sei, an diesem Orte beschlossen +sein müsse, welcher örtlichen Gebundenheit Gott doch nicht +unterliegen könne, der vielmehr über Raum und Zeit sein +müsse. Doch muß er „an allen Orten wesentlich und gegenwärtig +sein, auch in dem geringsten Baumblatt“. „Darum +muß er ja in einer jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, +Auswendigsten, um und um, durch und durch, unten und +oben, vorn und hinten selbst da sein, daß nichts Gegenwärtigeres +noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, +denn Gott selbst mit seiner Gewalt.“ Er führt die majestätischen +Bibelworte an: „Bin ich nicht ein Gott, der nahe +ist, und nicht ein Gott, der ferne ist? Erfülle ich nicht +Himmel und Erde?“ Er macht klar, daß Gott unbeweglich +und unveränderlich ist, daß er nicht hin und her fahre wie +die Kreatur, daß er deshalb an allen Orten bereits da ist, +also auch im Brot und Wein, und daß es sich nur ums +<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span>Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben. +„Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwärtigkeit und +deinem Greifen, er ist frei und ungebunden allenthalben, +wo er ist, und muß nicht da stehen als ein Bube am Pranger.“ +Um die <span class="antiqua">penetratio corporum</span> verständlich zu machen, daß ein +Leib in einem anderen sein könne, gebraucht Luther das +schöne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglüht wird; +so durchglüht Gott Brot und Wein, wenn wir es glaubend +empfangen.</p> + +<p>Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der +im Himmel zur Rechten Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, +man setze Gott herab, wenn man glaube, er werde mit den +Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie blickten hochmütig +auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im +Geist und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther +vor, daß Christi Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, +Geistfleisch sei. „Wird Christi Fleisch gegessen, so +wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein geistliches +Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt +und gibt den Geist dem, der es ißt.“ Für Luther, der +wußte, daß Gott lauter Aktivität und Produktivität ist, +war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen könnte zerbissen +werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe +von naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er +fragte, was Christi Leib im Abendmahl, falls er darin sein +könnte, nütze sei? Es war nicht allzu große Leidenschaftlichkeit +oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte +Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er +sich auf einen aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, +die das Problem nicht einmal richtig stellen konnten, um das +gestritten wurde.</p> + +<p>Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologie +<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span>bleiben, wonach die beiden Naturen – nämlich die göttliche +und menschliche in Christus – nicht vermischt werden dürfen. +Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß Christus Gottmensch +war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein +Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an +einen Gott glaubte, aber an einen Gott außerhalb der +Menschheit.</p> + +<p>Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter +Meinung sein soll, ein Bauer, besser gesagt, ein +einfacher Weltmensch. Er war noch ungebrochen, es war +noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem +Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen +Wollen und Können, und weil noch keine Spaltung da +war, konnte auch noch keine Religion, kein Band, da sein. +Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem +Kalender:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Immer wieder, wenn wir sinnen,<br /></span> +<span class="i0">Stürzt die Welt in wilde Stücke,<br /></span> +<span class="i0">Immer wieder, still von innen,<br /></span> +<span class="i0">Fügen wir die schöne Brücke.<br /></span> +</div></div> + +<p>Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, +und so war auch noch kein Anlaß gewesen, die +schöne Brücke des Glaubens über die Kluft zu werfen. +Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller +Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die +einzig mögliche, wahre Religion. Er war Gegner der katholischen +Kirche als gegen die Maske der Religion und +Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der +Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther +für einen halben, und auf beide sah er von der Höhe seines +gänzlichen Nichtverstehens herab. Für ihn gab es keinen +Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot ist, sondern +<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span>nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen +abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den +Athenern das Wesen Gottes erklären wollte, erinnerte er +sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt habe: Wir sind +seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen; +Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der +Entwickelung, wo er Gott noch nicht erlebt hatte. Indessen +scheint es fast, als habe er die ersten tragischen Schritte auf +dem großen Wege noch getan. Er wird als ein frischer, +freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; +so faßte auch Luther ihn auf; „aber doch so gar verdüstert +und traurig danach geworden“. Da die Ereignisse ihm +zeigten, daß er nicht alles konnte, was er wollte, begann seine +Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm wenigstens +ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: +„Herr, nun heb den Wagen selbst“, der Anfang seines bekannten +Gedichtes. Es ist der Aufschrei eines Menschen, +der stets selbst gestrebt und gesorgt hat, ohne göttliche Kraft +aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt, +daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch +großdeutsch, wenn ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen +darf; sein Können war schon schweizerisch beengt. +Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen vorgedeutet: +daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen ausbildeten. +Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem +Fürsichsein, in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem +von einem größeren Ganzen abgesonderten Dasein schwinden. +So wenig sich der Deutsche mit der eindrucksvollen, selbstbewußten +Persönlichkeit, der Sittlichkeit und Selbstbeherrschung +des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz +an Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. +Die großen schweizerischen Künstler haben deshalb ihre +<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span>Kraft in einem Vaterlande ihrer Wahl betätigt; die Schweiz +ist für die besten ihrer Söhne da, um, wenn die schöpferische +Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.</p> + +<p>Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit +zu erklären; aber da Luther von göttlichen, Zwingli +von weltlichen Dingen redete, konnte Luther wohl Zwinglis +Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren Standpunkt. +Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. +Übrigens hat Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht +im Verein mit seiner Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl +sei nicht nur eine Gedächtnisfeier, sondern Christi +Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend, nur formulierte +er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei +genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die +Anhänger des verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur +für den Gläubigen, nicht für den Ungläubigen da. Hier +widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin naheliegende +Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom +Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt +Gott den Glauben gibt; indessen einigte man sich +durch Luthers Nachgiebigkeit auf eine beiden Teilen genügende +Formel, obwohl der prophetische Mann wohl erkannte, +daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht +um ein Wesentliches stritten.</p> + +<p>Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke +in der Geschichte der Entwickelung des menschlichen Geistes, +als Luther in Marburg vor dem Tisch saß, auf den er mit +Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist; allein mit Gott +gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer +seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel +nur aus Langeweile hingemalt. O Himmel! Seine schöne +kindliche Sinnlichkeit hatte das Bedürfnis, das Wort, das +<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>ihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte, wie +einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, +was ihm das Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht +auf den hessischen Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht +unwichtig war, kam doch erst in zweiter Linie; aber sein +liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung mit Zwingli, +sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und +Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, +treu bei der Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl +allerdings sicherlich das unüberwindliche Nichtverstehen +der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es sich +um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, +die sich Führer der Christen nannten, nicht ahnten, +was den Kern des Christentums ausmacht, und dabei auf ihn, +den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig herabsahen, +bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich +schwer zu ertragen gewesen sein.</p> + +<p>Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren +Riß, welcher durch die Welt und auch durch ihn ging, +noch einmal heilend verbinden, sich und die Welt noch einmal +ganz machen wollte!</p> + + + + +<h2><a name="brief15" id="brief15"></a><a href="#inhalt">XV</a></h2> + + +<p>„<span class="initial">I</span>n allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht +man abgedruckt fein die heilige göttliche Dreifaltigkeit.“ +Jedes Kunstwerk muß wie jeder lebendige Mensch die drei +Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das gilt +wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen +Gott glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst +wurde die Kraft unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt +das für die bildende Kunst sowohl wie für die Dichtung. +In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist, und das +<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span>kann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie +hat Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; +die Persönlichkeit prägt den Geist der Erscheinung +ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie sie persönlich. Die +Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß +es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. +Mit unbefangener Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines +seiner Worte zu verkennen sei, daß man jedem unwidersprechlich +anmerke: das ist der Luther. So gibt es auch +Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das +ist der Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt +es in der nachchristlichen Kunst nicht nur auf die Kraft an, +die natürlich vorhanden sein muß, sondern ebensosehr auf +die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt. +Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich +aber möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr +Kraft sie vertritt. Es ist die merkwürdigste Sache von der +Welt, daß die heutigen Künstler sich plagen, nicht um sich +möglichst vielen verständlich, sondern um sich möglichst vielen +unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein +Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung +bestimmt sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser +nicht gewünscht werde. Gut, aber warum behält er es dann +nicht ganz für sich oder liest es vielleicht einigen Freunden +vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die sich +für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, +für wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch +eine Persönlichkeit zu werden. Die Absonderung geschieht +von selbst, das heißt: die Natur verdichtet Individuen +durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf Erweiterung +gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den +Wunsch hat, Millionen zu umschlingen, kommt auch kein +<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span>millionenfaches Echo; allerdings, wäre Kraft vorhanden, +würde auch der Wunsch nicht fehlen.</p> + +<p>Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, +Bildung und was weiß ich sonst für Vorzüge; +predigen aber, setzte er hinzu, könne er, Luther, doch besser. +Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß dies +selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine +es vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige +nämlich deshalb besser, weil er verständlich für das Volk +spreche. Mehrmals hat er betont, daß er bei öffentlichen +Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und Kollegen +sich aus dem Sinne schlage, um nur an die <span class="ins" title="Ungegelehrten">Ungelehrten</span> +und Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte +er die Einfachheit und Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit +muß man selbst sorgen, Tiefe und Eigenart verleiht die +Natur durch die Persönlichkeit.</p> + +<p>Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers +angemessen; Künstler, die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt +oder vergeistigt wirken, sind verdächtig; sie werden früh +ganz weltlich oder welk und hohl werden. Künstler, die +auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken unwillkürlich +diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; +da sie aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen +können, sind sie eigentlich überflüssig.</p> + +<p>Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß +er niemals absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, +nie auf Schönheit an. Zwar sind seine Werke überreich +an Schönheit, aber nur an zufälliger; er schüttet +Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, +aber ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther +war ganz und gar christlich insofern, als er Dichter, nicht +Künstler, daß er Genie war; so wie umgekehrt manche +<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>Künstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine +Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten +Sinn gibt es deshalb nach Christus überhaupt +keine Kunst mehr; denn in allem, was Form, Gestalt betrifft, +sind die nachchristlichen Menschen Schüler der Alten, +und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung +der Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes +Ziel und das, was wir an Luther bewundern. Er war +eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die Spitze einer +breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes. +Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, +primitiv genannt hat; wir kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, +als die auf Kosten verbrauchter Kraft entstanden +sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig ausgesogenen +Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu +haben, das ist eben das Geheimnis des Genies.</p> + +<p>„Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende +in aller Wirkung der Rhythmus.“ Diesen Ausspruch +von Heinrich Wölfflin führe ich dir an als einen +Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst +und Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich +nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder +vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, um Machwerk und +Kunstwerk zu unterscheiden.</p> + +<p>Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das +nicht mehr natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das +durch das Gehirn vereinsamte Herz, hat einen allzu regelmäßigen, +langweiligen, eintönigen Rhythmus; es muß +überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der +Sinnlichkeit wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus +beseelt, persönlich, kurz: lebendig. Leider ist aber gerade +das Herz die schwache Seite des modernen Menschen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span></p><p>Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller „Die Teilung +der Erde“ und den Vers: Willst du in meinem Himmel mit +mir leben, sooft du kommst, er soll dir offen sein. Derselbe +Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen: „Seid +willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines +Vaters, die euch von Anfang bereitet sind.“ Wie matt, von +der Blässe des Gedankens angekränkelt, sind Schillers Worte +gegen diese, in denen das Herz noch klopft, das Blut noch +glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung aus +einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und +Blut gewachsen ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk +ist schal. Das Gehirn ist der Schatten des Herzens, +und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken vom +Körper abgesonderte Herz hervorbringt.</p> + +<p>Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang +des inneren Lebens als eine fortdauernde Verdichtung +auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen auch alle Künste, +als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen +seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft +ist am geringsten auf dem Gebiete der Baukunst und am +stärksten auf dem der Dichtkunst, wo der Geist sich seiner und +Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum Bewußtsein +hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im +Herzen ist, nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe +tritt, wird sie Wort, und ist das Wort von der Lippe abgelöst, +so fristet es ein selbständiges Dasein weiter als +Gedanke.</p> + +<p>Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des +unbewußten Geistes oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht +durch verstärkten Blutdruck infolge außergewöhnlich +verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von Lombroso +beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein gesteigertes +<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen +Geisteswerke in der warmen Jahreszeit entstanden sind. +Jeder hat wohl schon an sich selbst erfahren, daß sich ihm +im Gehen und namentlich im Steigen die Gefühle leichter +zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt +wird.</p> + +<p>Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten +hätte, würde es zum Schatten. Der Christ sät den +Samen des Wortes vertrauend in das Erdreich des Gehirns, +weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn +die Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe +in das ewige Licht zu schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung +des Gehirns beginnt die persönliche Kunst, die im +Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden +ist. Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden +ist, daß es Sinnlichkeit und Geist erst trennen und +dann zu einer lebendigen Einheit zusammenbinden kann. +Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen Abendmahls, +den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir +als die <span class="antiqua">Penetratio corporum</span>, die Durchdringung des Verweslichen +und Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit +und Geist im Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte +das Wesen der Schönheit als die in der Fülle vorgetragene +Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das Fleischwerden +des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle +Erklärungen heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige +Voraussetzung dazu ist die Person; nur in der Person +kann die göttliche Kraft Fleisch werden. Wieviel Sinnlichkeit +ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist für die +nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn +ist nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst +bei uns im Kindlichen und Volksmäßigen stecken, wie sie ohne +<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span>das sinnliche Herz akademisch und schablonenhaft wird. Ehe +wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des Herzens +unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen +Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das +stärkere Herz, das das bewußte Geistesleben erfordert, macht +die Persönlichkeit; Israel sein, ebensosehr Werkzeug Gottes +wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit führt Luther +als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine +Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede +Kritik seines Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die +Spitze, wo man beides, Werkzeug und Herr ist, annähernd +erreicht; wirklich ist persönliche Empfindlichkeit und persönlicher +Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte, kaum an ihm +zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche +der Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche +Bändigung und Beseelung.</p> + +<p>Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, +die, wie Fontane und C. F. Meyer, erst anfangen zu +schaffen, wenn der Mensch sonst aufzuhören pflegt, so um +das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das Herz +nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so +daß das Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, +gleichwie es erkannt ist. Durch die Beobachtung und Erfahrung +eines Lebens fand Fontane den Anschluß an das +Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung +ersetzte ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz +eingibt. Aus seinen Werken spricht ein alter Mann, ja, +eigentlich eine feine, alte Dame, die aus stillem Hafen +auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es lebt +und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, +vor dem das Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde +unter den Füßen; man wird durch keine Geschmacklosigkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span>gestört, aber auch von keiner tödlichen Wahrheit durchbohrt, +durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt +das Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt +wie Fontane, seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; +dafür hat sein Herz in Augenblicken der Gnade +die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten gestalten +und beseelen können.</p> + +<p>Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke +echter Kunst vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig +und traurig ist es nur, daß auch unsere edleren Geister das +Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im Gegenteil sich nur +jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen Herzen +schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre +Gefäße zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, +das den Herzschlag nachzuahmen suchte, gerade die Menschen +von Wahrheit und Geschmack argwöhnisch gemacht. +Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört +die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der +Großherzigkeit dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so +fehlt gewiß die Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und +das Fehlen der Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, +die für das sinnliche Herz empfänglich sind.</p> + +<p>Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes +müßte es wenigstens gute Kritiker geben; aber der +Kritiker soll ja Menschenwerk von Gotteswerk unterscheiden; +und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott glaubt? +Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm +alles ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, +daß er das alles gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit +seines Begreifens das Reich der Kunst anfängt, scheint +er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers aus +der Bibel. „Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein +<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span>kommt dein Heil.“ Du verstehst das nicht gleich, aber du +unterwirfst dich sofort; denn das Herz versteht unmittelbar. +Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht kein Kaiser oder +Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle Kreaturen +sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: +zu allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann +mag der kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten +nachgehen.</p> + +<p>„Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, +ohne Beruf, ist ein menschlich und teuflisch Ding“, heißt es in +den Tischreden, „darum ist es stracks unnütz und schädlich. +Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort, führen dasselbe +traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des +Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den +Zeremonien, die halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse +folgen dem Kriege, wollen auch Kriegsleute sein; die +Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch regieren; +die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch +kunstreiche Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten +Künsten, wollen traun auch gelehrt sein, wie Mäusedreck sich +unter den Pfeffer menget.“</p> + +<p>„Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, +so tut er nichts, denn daß er Affen reizet und macht, und +der große Haufe folgt den Affen nach. Gott aber behält +das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt +von Anfang gewesen.“</p> + +<p>Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht +jeder lernen und insofern auch nachahmen. Nachahmen muß +jeder, aber nur die Antike und die Natur, also die unpersönliche +Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt und +lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser +Standpunkt in der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span>damit erreicht. Das Persönliche ist unnachahmlich, es ist +der geheimnisvolle Übergangspunkt des Geistes zum Fleisch, +die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen läßt: dies +bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem +Werke Luthers ruft: dies ist der Luther.</p> + + + + +<h2><a name="brief16" id="brief16"></a><a href="#inhalt">XVI</a></h2> + + +<p><span class="initial">I</span>ch fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante +Ideen über das Wesen des Wahnsinns.</p> + +<p>„Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des +Wahnsinns wird faßlicher werden, wenn man sich erinnert, +wie ungern wir an Dinge denken, welche unser Interesse, +unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen, wie schwer +wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu +genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir +dagegen unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, +wie hingegen angenehme Angelegenheiten ganz von selbst +uns in den Sinn kommen, und, wenn verscheucht, uns stets +wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang nachhängen. +In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in +die Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die +Stelle, an welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen +kann. Jeder widrige neue Vorfall nämlich muß vom Intellekt +assimiliert werden, das heißt im System der sich auf unsern +Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle +erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen +haben mag. Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon +viel weniger, aber diese Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, +geht auch meistens nur langsam und mit Widerstreben +vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal richtig +vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. +Erreicht hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben +<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span>und Sträuben des Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis +den Grad, daß jene Operation nicht rein durchgeführt +wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle oder +Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick +nicht ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs +wegen, die dadurch entstandene Lücke beliebig +ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da … Der obigen Darstellung +zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns +ansehen als ein gewaltsames ‚Sich-aus-dem-Sinn-schlagen‘ +irgendeiner Sache, welches jedoch nur möglich +ist mittelst des ‚Sich-in-den-Kopf-setzen‘ irgendeiner andern. +Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich +das ‚Sich-in-den-Kopf-setzen‘ das erste und das ‚Sich-aus-dem-Sinn-schlagen‘ +das zweite ist.“ Einen Lethe unerträglicher +Leiden, das letzte Hilfsmittel der geängstigten +Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn; +das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge +könnte man auch sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, +wie denn auch dieser Wahnsinn in der Jugend auszubrechen +pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen +Entgiftung nicht gewachsen.</p> + +<p>Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers +folgen lassen, die einem Brief an Link entnommen ist: +„Über die Wahnsinnigen ist meine Meinung die: jeder Narr +und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, +ist von Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von +Gott dazu verdammt ist, sondern weil der Satan die Menschen +auf mancherlei Art versucht, die einen schwer, die +anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange +Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen +Ursachen zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, +so geschieht das bloß, weil sie die gewaltige Macht und +<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span>Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus nennt das krumme +Weib im Evangelium unbedenklich ‚von Satanas gebunden‘. +Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: +daß alle, die Christus gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt +waren. So muß ich also auch denken, daß Stumme, +Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden verdanken … +Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, +von denen ihr schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. +Denn sollte Satanas nicht auch den Verstand nehmen, wo +er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei, Mord, Raub +und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein +Mensch denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und +so schlägt er selbst Paulus mit Fäusten und greift Christus +an nach Belieben Matth. 4.“ Diese und ähnliche Äußerungen +Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß er +unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben +seiner Zeit unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die +Gegner seiner Lehre als vom Teufel besessen betrachtet habe. +Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie man sich das vorstellt, +als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche auf +einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften +<span class="antiqua">diabolus ex machina</span> geschoben; sondern der Teufel ist nach +Luther der Widersprecher, den Gott sich selbst gegeben hat, +und der sich ihm auf den drei Stufen seiner Offenbarung +widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht oder +Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten, +elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein +vom Teufel in körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., +auf der geistigen Stufe als Besessensein von willkürlichen +Vorstellungen. Die Quelle von allem ist Eigenliebe: es +kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und Selbstsucht, +wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, +<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>und obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft +Verzweiflung am Selbst gegenüberstehen muß.</p> + +<p>Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen +der Hemmungen der unwillkürlichen Kräfte +des Menschen durch die willkürlichen, so bedeutet das dasselbe +wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in willkürlicher +Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der +Wahrheit. Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge +welcher die Bindung zwischen Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, +die Seele, nicht zustande kommt, so daß der betreffende +Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die +vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, +die man sich denken kann: der Mensch ist ein isoliertes +Selbst, das immer mehr verzwergen und endlich ganz verschwinden +muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte +Sünder.</p> + +<p>Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den +Heiligen Geist nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift +lehrt, nicht vergeben werden kann. Nun heißt ja Sündenvergebung +nichts anderes als Gewinnung des inneren Friedens, +innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum +kann dadurch aufgehoben werden, daß der Sünder und +der Irrende sein Unrecht und die Wahrheit einsieht; sieht er +aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so befindet er +sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie +der Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine +Sünde gibt, die nicht vergeben werden kann, heißt eigentlich, +daß es unheilbaren Wahnsinn gibt. Die Sage erzählt, +daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne sehen +kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er +ihre Augen dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht +ertragen, so tötet er sie. Der blendende Strahl der göttlichen +<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span>Wahrheit erleuchtet den götterhaften Menschen; dem +gottlosen geht er tödlich durchs Herz.</p> + +<p>Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, +wie er praktisch verfuhr, wenn er mit Geisteskranken +zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug an sich selbst gewonnen; +du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie +und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit +der Melancholie kam im Zeitalter Luthers häufig vor, so +daß man sie für seine und die nachfolgende Zeit geradezu +charakteristisch nennen kann. Sie wurde aufgefaßt als ein +Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem +Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt +mit Zweifel, einer leisen, tastenden Hemmung, und +endet, falls der Teufel siegt, mit Verzweiflung. Die Auffassung +des Selbstmörders als eines von Gott abgefallenen +Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen +Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor +sich geht, nannte Luther Anfechtungen; unter Melancholie +verstand er eigentlich jenen Zustand des weitesten Auseinandertretens +der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung +der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, +den man lebendigen Tod nennen kann.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Zum Beginnen, zum Vollenden<br /></span> +<span class="i0">Zirkel, Blei und Winkelwage;<br /></span> +<span class="i0">Alles stockt und starrt in Händen,<br /></span> +<span class="i0">Leuchtet nicht der Stern dem Tage.<br /></span> +</div></div> + +<p>Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas +schwächliche Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, +das unwillkürliche Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift +es nicht. Das ängstliche Harren der Kreatur wartet +auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen +zum rhythmischen Umschwung geben soll.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span></p><p>Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß +sie vom Teufel geritten werden, erinnert an das Bild der +Bibel, das den Menschen einem Tiere vergleicht, das entweder +von Gott oder dem Teufel getrieben werde; auch hier +wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen +der negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, +daß die Kinder und Frauen, die vorwiegend passiv sind, +der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht oder weniger +ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo +die Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind +der Melancholie und den Anfechtungen geniale Menschen, +die reich an positiven und negativen Kräften sind; zum +Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. +Die Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf +der gleichen Stärke oder Menge der vorhandenen Hemmungen; +im Genie ist gleichzeitig positive Kraft genug, um +die Hemmungen zu überwinden.</p> + +<p>Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes +gewaltiger Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, +gegen ein immer wieder siegendes, götterhaftes Herz, das +seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der Teufel müsse +vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden +haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner +Jugend auf gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, +mit Dämonen zu kämpfen und häufig im Tode zu sein, so +sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.</p> + +<p>Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch +das Erbe seiner Eltern gegeben war: er besaß sowohl das +leidenschaftliche, jähzornige, herrschsüchtige Wesen des Vaters, +wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter, die sich, wie +es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, +wo sie hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter +<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span>der Mutter, trieb durch sein Wort die Teufel aus, die das +väterliche Herz besessen hatten, bis es von Banden frei und +glorreich in ihm auferstand.</p> + +<p>Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von +Sanftmut, liebevoller Hingebung, weitgehender Schüchternheit +berichtet. Allmählich jedoch tauchte die männliche Wesenshälfte +in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige, die den +Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. „Wohlan, ich kann +es nicht leugnen“, sagt er einmal von sich, „die alte Schlange, +der Teufel, hat mich übel gebissen und greulich vergiftet.“ +Wie er oft und oft erzählt, hat er die höchste Versuchung, +die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an sich selbst erfahren, +die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott +gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung +und zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung +und Menschenhaß, hat er alle Regungen des +menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in allen +Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen +konnten. Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel +spricht, als habe er ihn persönlich gekannt, und so war es +ja auch; was die Selbstanbetung dem Menschen eingeben +kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das +wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der +Melancholie mit dem Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, +begann. Er schien zu fühlen, daß er in der Einsamkeit +mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der +Lage eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden +epileptischen Krampfes sich auf das Bett wirft, um +ihn dort austoben zu lassen. Was die Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten +gewährte: Kasteiungen, Beichte, vorschriftsmäßiges +Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker. +Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher +<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span>Trost in der Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden +ihm diejenigen Personen im Kloster, von denen etwas Positives, +Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis, Geduld ausströmte; +es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der +umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die +stärkste Kraftquelle fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt +sich klammernd, vermochte er den selbstbejahenden und +gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu widerstehen. +Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß +Gottes Wesen die Liebe sei, und der Umstand, daß diese +Liebe nun auch zugleich sinnenfällig in Staupitz vertreten +wurde, riß ihn von seinem Selbst los und bereitete die Richtungsänderung, +die <span class="greek" title="metanoia" lang="el">μετάνοια</span>, in ihm vor. Bedenke bitte +immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, +daß es also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, +und daß dem Gottes- oder Menschenhasser jeder Mensch +zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß und der ihn +dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. +Es gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst +der Mittelpunkt der Welt und ihr eigener einziger, in +sich ruhender Mittelpunkt, nicht genügenden Widerstand +entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie sich +diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, +daß einer sich für Gott oder für Christus oder für +irgendeine berühmte, angesehene Persönlichkeit hält, ob in +Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der Einsamkeit +oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr +Wesen ist Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. +Zuweilen geschah es, wenn der Kampf, der sich in +Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen überschritt, was +sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte +überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit. +<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span>Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein +anderes Mal, als er neben Staupitz in einer Prozession ging, +konnte er sich nur mit Anstrengung aufrechthalten; aber es +kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der Schilderung +als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die wohltätige +Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. +Nach der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates +und Galen stützte, wurde Musik als Heilmittel für Epileptische +angewandt, und zwar sanfte, leise, nicht lärmende +Musik.</p> + +<p>Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, +kommt wohl daher, daß sie der unmittelbare Ausdruck des +Herzens ist. Sie wirkt berauschend wie alle Kunst, wie der +Glaube und die Liebe, nämlich die negativen, willkürlichen +Kräfte lähmend.</p> + +<p>Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist +es mit der Liebe und der Musik: nur die göttliche, die aus +reinem Herzen kommt, ist heilsam, die irdische wirkt tödlich +auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich die Heilung +Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor +und Prediger wurde und im Wirken auf andere und +für andere sich selbst vergaß. In der Sprache der Aufklärung +würde man sagen, er habe seine ungeheure persönliche +Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und +sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem +Vater Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete +und ihm zugleich erklärte, daß Gottes Gewalt noch über +seine Gewalt gehe; der befreite Geist der Mutter stellte gleichsam +fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn zurückgekehrt sei.</p> + +<p>Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte +Luther doch nicht auf, schwere Anfälle von Melancholie zu +erleiden; er hätte ja sonst aufgehört, Werke und Taten zu +<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span>schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht +nur die göttliche Kraft, sondern auch „der Widersprecher“, +wie Luther es ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht +werden sollen. Es fiel Luther auf, wie die Menge des Negativen +in oder außer ihm der Menge des Produktiven stets +die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel ärgere +sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und +wolle sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial +begabten Menschen finden, daß sich ihr größtes Schaffen +einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum Trotze erhebt, +gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper +oder vom Geiste aus.</p> + +<p>In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen +ein; vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben +das Blut vom Herzen abgezogen, das Herz +gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung gerissen und der +Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. „Ich +war mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so +daß ich noch jetzt am ganzen Körper verletzt in den Gliedern +zittere. Ich hatte Christus fast ganz verloren und wurde +umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der Verzweiflung +und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte +der Heiligen bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner +zu erbarmen, und hat meine Seele aus der untersten Hölle +gehoben.“ Einige Zeit später: „Satan selbst wütet gegen +mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen +anderen Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch +eine wunderbare Schwäche des Geistes; aber durch die Fürbitte +der Heiligen werde ich nicht in seinen Händen gelassen, +obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen +habe, nur schwer heilen werden.“ Er werde zwischen den +beiden fürstlichen Gegnern hin und her geworfen, schreibt +<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span>er. Mit Christus sei er durch einen schwachen Faden verbunden, +Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an +ihm und ziehe ihn zur Tiefe. „Aber der kranke Christus +siegt bis jetzt durch eure Gebete und kämpft wenigstens +tapfer.“ Diese Schilderungen malen anschaulich, wie das +erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem +verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele +das Sterben der Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen +körperliche Vorgänge als Ursache seiner seelischen +Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und gebrauchte +auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles +Geistige zugleich ein Körperliches ist.</p> + +<p>„Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur +Last werde“, schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er +sah eine Stufe seines Lebens voraus, wo die göttliche +Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft sein, nicht +wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings +büßten damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre +Kraft ein; die zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er +doch lieber ertragen hätte, als die dauernde Melancholie, +die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von einem +überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als +auserwähltes Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. +Allein geblieben mit seiner begrenzten menschlichen Willkür, +sprach er zuweilen mit träumerischer Verwunderung von den +gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl so +toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in +Worms vor Kaiser und Reich erinnerte.</p> + +<p>Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; +aber, wie er selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht +die Erfüllung der Pflicht nicht, selig macht nur, was im +Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht mehr, die +<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span>einen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so +häßlich, daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der +Wittenberger, denen seine Liebe und Sorgfalt sein Leben +lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so ab, daß er einmal +die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz +sei gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. +Auch von Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern +die mängelvolle, dürftige Erscheinung, wenn er auch +noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung der Vergangenheit +heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer +grauen Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe +und des Hasses erglüht war. Wie grausam von Gott, +könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten sich überleben +ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. +Die Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; +so verschieden die Verteilung auch ist, kann man +doch gewiß sein, daß, könnte man schließlich Leben und Tod +jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf beiden +Seiten gleich sein würde.</p> + +<p>Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht +und überwunden hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden +der Art mit Rat und Tat beizustehen. Überhaupt war +er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft zum Naturarzt +bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte +er stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie +er sich dabei zu benehmen pflegte. Er setzte sich auf das +Bett der Kranken und erkundigte sich zunächst nach den Verordnungen +des Arztes; während er ihnen dann Trost zusprach, +beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive +Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in +den Entkräfteten möchte überströmen lassen. Öfters nahm +er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor Ansteckung, +<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span>vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert +hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und +die Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich +behandelt, wodurch uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode +gegeben ist. Sie beruhte auf dem Streben, einerseits +Kraft zu geben und zu wecken, andererseits Hemmungen +aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des +Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen.</p> + +<p>Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit +zu meiden. Einsamkeit nennt er ein Gift für die +Menschen; in der Wüste habe der Teufel Christus versucht, +Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle sich +nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen +Gedanken einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. +Er selbst würde vom Teufel verschlungen worden +sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte. Habe man +sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen +Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. +Er erzählt von sich, daß manches Wort des Bugenhagen, +dem er zu beichten pflegte, ihm rettend, wie von Gott selbst +gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller Freunde +hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn +es aus dem Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte +Gift sollte in der Beichte, überhaupt in der Mitteilung an +Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde empfahl er +das Sichgehenlassen im Freundeskreise. „Darum wollte ich +Ew. Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, +immer fröhlich zu sein, zu reiten, jagen und anderer +guter Gesellschaft sich fleißigen“, so schrieb er dem schwermütigen +Prinzen Joachim von Anhalt, „die sich göttlich und +ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können … So hat +auch Gott geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und +<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span>will kein trauriges Opfer haben … Es glaubt niemand, +was Schaden es tut, einem jungen Menschen Freude wehren +und zur Einsamkeit und Schwermut weisen … Denn ich +denke fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, +fröhlich sich zu halten, als wäre es Sünde … Wahr ists, +Freude in Sünden ist der Teufel, aber Freude mit guten, +frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich +ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. +Fürstl. Gnaden seien nur immer fröhlich, beides, inwendig +in Christi selbst, und auswendig in seinen Gaben und Gütern; +er wills so haben, ist drum da und gibt darum uns seine +Güter, sie zu gebrauchen.“</p> + +<p>Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus +Weller, den jungen Hauslehrer seiner Kinder; der wird +dir seine ganze Weisheit und Liebe zeigen: „Mein liebster +Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine Versuchung +vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält +wirst, weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie +sicher und froh er die ärgsten Feinde des Evangeliums läßt, +Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel zum +Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie +Petrus sagt: Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. +Bester Hieronymus, freue dich dieser Versuchung des Teufels, +die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen gnädigen Gott hast. +Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen kannst, +und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in Verzweiflung +und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen +Kniff des Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall +der Versuchung zermalmen kann, versucht er ihn durch +Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er fällt und +gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung +kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit dem +<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span>Teufel einzulassen und diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. +Das ist nämlich nichts anderes, als an den Teufel +glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die +vom Teufel gesandten Gedanken zu verachten … Fliehe +durchaus die Einsamkeit, denn er stellt dir am meisten nach, +wenn du allein bist. Durch Spiel und Verachtung wird +dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit. +Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den +anderen, wodurch du die teuflischen Anfechtungen betrügst, +und sei gutes Mutes, mein Hieronymus. Diese Anfechtung +ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich will dir +erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in +deinem Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging +ich immer betrübt und traurig einher und konnte die +Traurigkeit durchaus nicht loswerden. Deswegen besprach +ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem +ich gern spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken +ich hätte. Darauf sagte er: Du weißt nicht, Martin, +wie nützlich und notwendig dir diese Anfechtung ist. Es +ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du wirst +sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. +Und so ist es gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor +geworden (das darf ich mit Recht von mir sagen), was ich +nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich unter den +Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. +Du wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, +daß du inzwischen guten und tapferen Mut hast, und +glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an +große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben +und weissagend sind. Ich erinnere mich, daß einmal +ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind verloren hatte, +zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großer +<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span>Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: +wie ich dir gesagt habe, solche Stimmen haben etwas +Prophetisches. Sei deshalb gutes Mutes und wirf die +leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich +mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder +trinke etwas reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas +Lustiges. Man muß zuweilen etwas mehr trinken, spielen, +scherzen und zum Haß und zur Verachtung des Teufels +sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen +aus leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu +besiegen, daß wir uns allzusehr quälen, damit wir nicht +sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du sollst nicht trinken, +erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir verbietest, +will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu +immer das Gegenteil von dem, was der Teufel will … +Könnte ich nur eine ordentliche Sünde begehen, nur um +den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich keine +Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir +müssen dann die ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn +schlagen, wir, sage ich, die so vom Teufel gequält werden. +Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und uns +des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir +antworten: Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle +schuldig bin, und was weiter? Werde ich deswegen auf +ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich weiß, daß +<em>einer</em> für mich gelitten und genug getan hat, der heißt +Jesus Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde +ich bleiben.“</p> + +<p><span class="ins" title="Daß">Das</span> heißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst +alles hassen, was nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein +dies Selbst einschränken will. Wer aber ein starkes +Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches werden, +<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span>sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern +in Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche +Kühnheit aber, dies zu sagen, und welche Weisheit, es in +Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich selbst befreit +und entlastet wird.</p> + +<p>Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, +der sich als wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn +elend machen und die er doch nicht loswerden kann, begreift, +daß sie von einer teuflischen Macht ausgehen, die sich seiner +bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren Standpunkt, +sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst befindlichen +Feind gegenüber weiß.</p> + +<p>Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit +mit der Erkenntnis, daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, +zugemutet ist. Gegen einen äußeren Feind ist es leichter, +als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht erwiesen, ob +Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber +gewiß ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen +durchaus entsprochen hätte. „Sei der du bist!“ pflegte er +laut zu rufen, wenn er irgendwie die Macht des Bösen +spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk +bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von +einem angestrengten Kampfe gegen den Teufel ab; lieber +solle er sein Wüten über sich ergehen lassen und warten, +bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz nahe +sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, +dessen Übermaß der Krankheit Ursache ist.</p> + +<p>Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, +seine vorbeugenden Warnungen, die eigene Kraft nicht zu +überspannen; lieber zeitweise untätig zu bleiben, sich gehen +zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.</p> + +<p>Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der +<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span>Behandlung von Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte +übereinstimmt. Auch sie lassen den Kranken beichten, +raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß Neigung zur +Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen +wird, das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für +ablenkende Tätigkeit, und auch in ihrer Behandlung spielt +die Liebe eine bedeutende Rolle; aber gerade hier zeigt sich +auch ein wesentlicher Unterschied.</p> + +<p>Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche +oder Krankheit des Herzens, der positiven und aktiven Kraft +im Menschen, infolge welcher die negativen, teuflischen +Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und Verwirrung +entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen +und Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von +ihm empfangen, eine allgemeine Erschöpfung. Es handelt +sich also um eine Kräftigung des Herzens. Ein leicht erklärlicher +Irrtum hat zu der Annahme verführt, man könne +dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu +Hilfe kommen. Indessen während ein starkes Herz diese +Bändigung mit Nutzen selbst vornehmen kann und soll, so +wird ein schwaches und krankes dadurch nicht stärker, daß +seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt +werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.</p> + +<p>Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege +nur durch das Wesen des Herzens selbst geschehen, also +durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein großes Verdienst +der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben. +Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche +Liebe die teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe +auf Überfluß und Glauben beruht, sondern auf Mangel +und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung und +Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehren +<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span>ist. Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer +Liebe von den Kranken lieben läßt, so entzieht er +ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet sich auf +Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz +voll göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, +für Kranke gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt +unwillkürlich das, was überwunden werden sollte. Neben +der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß die bewußte +durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur +ein starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken +haben. Nur das Wort der Wahrheit, die richtige +Selbst- und Gotteserkenntnis kann den Kranken selbständig +machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen +können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem +Kranken die Ursache seiner Leiden zum Bewußtsein zu +bringen schadet nur, außer wenn man zur letzten, innersten +Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer Verdrängung +der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen Einzelkräfte +bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr +von Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie +nicht in der Berührung und im Kampfe mit den Menschen +wieder ausgäbe. Die von den Menschen ausgehende Gegenwirkung +erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft erregt, so +daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst erhält. +Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit +offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens +geben, der ein Zeichen der Wiedergeburt ist.</p> + +<p>Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit +noch zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich +über die Physiologie des Teufels noch nicht deutlich genug +ausgedrückt habe.</p> + +<p>Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität, +<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span>das ist Geist oder Kraft, welche über das Maß von +Aktivität hinausgeht, das durch entsprechende Passivität, +also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr von +Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, +damit Leben sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien +das Feuer zugleich das Abzeichen des guten Gottes +und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer, Prometheus +oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät, +verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den +Stoff, nämlich Wasser, Erde und Luft sowohl im <span class="ins" title="Makrokosmus">Makrokosmos</span> +wie im <span class="ins" title="Mikrokosmus">Mikrokosmos</span> gebundene Feuer, der geoffenbarte +Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim +Menschen ist der Geist im Blute, vermutlich als eine der +Elektrizität verwandte Kraft. Das Fleisch und Blut Christi, +das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich Stoff und +Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen +des Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus +dem Göttlichen das Teuflische wird: das Genie grenzt an +den Wahnsinn. „Laßt dicke Menschen um mich sein und die gut +schlafen“; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig +als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, +allerdings auch das Grab des göttlichen werden kann. Gott +offenbart sich nur im Stoff, im Fleisch, nur in Verbindung +mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber schließlich +löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt +die Kraft den Stoff.</p> + +<p>Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt +also alles an; bei allen Kranken muß dafür gesorgt werden, +daß das Blut dem ganzen Organismus zugute kommt. +Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß +nur die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute +vorhandenen Geist zur richtigen Wirksamkeit bringt, so daß +<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span>er unseren ganzen Körper vergeistigt. Das Übermaß von +Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder andere, +seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen +Lehre in die richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes +Arztes und des Seelenarztes insbesondere.</p> + + + + +<h2><a name="brief17" id="brief17"></a><a href="#inhalt">XVII</a></h2> + + +<p><span class="initial">A</span>ls einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, daß +Christus ein Jude war, und du verargst es Gott ein wenig, +daß er gerade die Juden auserwählte, um unter ihnen +Fleisch zu werden. Gott wußte indessen wohl, was er tat, +was du glauben wirst, wenn du überhaupt an Gott glaubst: +die Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern +es die stärksten Gegensätze umfaßte. Sie umfaßten +in sich das Göttliche und das Teuflische, die höchste Liebesfähigkeit, +den unbedingtesten Glauben, hingebende Opferwilligkeit +und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und +Unglauben. Ihrer Habsucht und Geldgier stand großartigste +Uneigennützigkeit gegenüber, glühender Sinnlichkeit engelgleiche +Reinheit. Diese Gegensätze wurden zusammengefaßt +durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung +und Bindekraft, die die ungeheure Idee des <em>einen</em> Weltgottes +erst fassen konnten. Ihre gigantische Phantasie +stellte die Gestalt Luzifers, des Rebellen, neben Gott und +weissagte den Hölle und Tod überwindenden Erlöser.</p> + +<p>Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von +Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein mußte der bewußten +Zusammenfassung dieser Gegensätze vorangehen; jeder +Monismus ist auf einen Dualismus gegründet, der das +natürliche Gefühl abstößt, sowie die zusammenfassende Kraft +fehlt. Bei keinem Volke der Erde war die Spaltung so +tief gegangen; darum konnte aus den Herzen, die sie überwanden, +<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span>zuerst das Wort von Gott fließen, so stark und rein, +daß es seitdem alle leidenden Herzen überzeugt, erhoben, +getröstet und begeistert hat. Dies erst, daß das menschliche +Selbst sagte: Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen +und zu sagen: Ich bin der Herr, dein Gott. Daß +die Juden das erste monotheistische Volk waren, daß alle +Völker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbüchern +zu lesen. Daß Christus Jude war, gesteht +man schon weniger gern zu. Luther nahm es als Tatsache +an, und es war Grund für ihn, mit den Juden zu sympathisieren, +obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber +welches Volk hätte das tun können außer dem, in dem er +erschienen war? Aus dem Volke der größten Gegensätze +sind die Mutter und die Mörder des Erlösers hervorgegangen. +Übrigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit +denen er sich anfangs gern in Dispute einließ, ihn mehr +und mehr gegen sie erkältet und schließlich erbittert.</p> + +<p>Denn das sah er ja ein, daß den Juden nichts anderes +übrigbliebe, als an Christus zu glauben und in anderen Völkern +aufzugehen. Sie sind in der Lage der Nachkommen eines +großen Mannes: sie können nur in ihm und durch ihn etwas +sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, +so müssen sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung +mußte sie betreffen, und sie werden sich ihm nicht durch Begründung +eines eigenen Vaterlandes entziehen können, weil +ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst fehlt. Sich +zu überpersönlichen, das heißt zu sterben, in anderen, noch +lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung +der Völker wie der einzelnen.</p> + +<p>Was eine jüdische Partei vor Jahrhunderten veranlaßte, +Christus zu kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, +ihre Eitelkeit und Ungläubigkeit, der Teufel in allen +<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span>drei Gestalten. Sie wollten einen Messias, der ihnen weltliche +Herrschaft und weltliche Genüsse verschaffte; sie wollten +weder die Überlegenheit seiner Person noch die Wahrheit +seiner Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind +es jetzt noch, die uns die Juden entfremden: Sinnlichkeit +und Geist, die nicht mehr durch starke Persönlichkeiten +zusammengefaßt werden. Was wir als jüdisch empfinden, +ohne daß alle Juden es haben müssen, ist etwas Immerwaches, +Neugieriges, Lüsternes, kurz ein Selbstbewußtsein, +mit dem uns nur eine starke positive Kraft versöhnen +würde, die nun aber erschöpft ist. Wir nennen jüdisch +ferner das korrekte Pharisäertum, das aus eigener Kraft +vollkommen sein zu können glaubt, und durch das Gebundensein, +nicht an das lebendige Gesetz des Herzens, +sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und +Unschuld entbehrt.</p> + +<p>Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der +Wille Gottes, das heißt notwendig, und zwar wird es +deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen ihres +Blutes den anderen Völkern der Erde mitteilen. Es ist +eben dennoch Götterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte +zugleich tödlich und heilsam, auflösend und ganzmachend. +Man hat längst beobachtet, daß die Vermischung mit jüdischem +Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, +gleichsam farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, +Gegensätze hervorrufend oder verschärfend und insofern zur +Reife bringend; die Farbigkeit ist die des Herbstes, der zugleich +Früchte bringt und dem Winter annähert.</p> + +<p>Die aus dem Herzen kommende göttliche Liebe findet sich +bei den Deutschen unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist +sie häufig auf jüdisches Blut zurückzuführen. Auch der +kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien, wo er +<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span>noch nicht entwickelt war; anderen müßte der Zuschuß verderblich +werden. Mit Giften muß man eben sehr vorsichtig +sein, und sie dürfen nur in kleinsten Dosen gegeben werden. +Die Völker werden im allgemeinen wohl den richtigen Instinkt +haben, wieviel Beimischung jüdischen Blutes sie bedürfen +und ertragen können.</p> + +<p>Zunächst würde man denken, primitive Völker oder Schichten +müßten Neigung zur Vermischung mit Juden haben; +aber dies ist nicht der Fall; Bauern lehnen das Jüdische +ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke mir aber, +daß eine zu große Gegensätzlichkeit ungünstig ist, und daß erst +bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Völkern und +Individuen fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt +Juden, viel eher der Adel, was nicht durch die äußeren +Gründe allein zu erklären ist. Und nun denke an die merkwürdige +Tatsache, die beobachtet worden ist, daß altadlige +Familien oft den jüdischen Typus bekommen; nicht solche, +in denen jüdisches Blut fließt, sondern gerade die mit reinem +Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir anzuzeigen, daß +das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den +auch Völker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen +können. So betrachtet wäre das Judentum das +Stadium der Selbstanbetung, in das ein Volk eintritt, wenn +es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und erreichten +Höhe bewußt geworden ist und sich infolgedessen +von allen anderen absondert.</p> + +<p>Es fällt mir dabei ein, daß mir jemand erzählte, er wußte +selbst nicht, ob es Wahrheit oder Anekdote war, eine von +den alten Baseler Familien sei jüdischen Ursprungs, und +durch diese sei ganz Basel mit jüdischem Blute durchsetzt. +Es liegt darin jedenfalls ausgedrückt, daß ein lange von +fremdem Zufluß abgesondertes, auf sich selbst beschränktes +<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span>Gemeinwesen jüdisch wird, Ähnlichkeit mit dem Volke der +Selbstanbetung und Dekadenz <span class="greek" title="kat exochên" lang="el">κατ ὲξοχην</span> bekommt. Es +hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu höchster Schönheit +verdichtet und enthält sich, um ihn rein zu bewahren, +jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst +verlieren muß. Man kann diesem tragischen Typus, der +auch im Christustypus anklingt, immer begegnen, wo eine +Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwärts +neigt. Es wird oft beklagt, daß Menschen und Völker sich +überleben, daß Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Höhepunkte +zerstört; aber man hat unrecht, denn nicht Gott tut das. +Er ist der schaffende Künstler, der den Stoff, sowie er ihn +ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgültig +gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das +Schöne, das Vollendete ist dem Tode geweiht, Gott wirkt +nicht mehr darin und überläßt es sich selbst. Nicht Gott, +sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der das +eben abgelieferte Geschmeide dem Käufer hinterrücks entreißt, +um es heimlich im Winkel, mit bösem Gewissen, blitzen +zu lassen.</p> + +<p>Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen +den vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde +versuchen, dir zu erklären, wie ich das meine.</p> + +<p>Ich unterschied, wie du weißt, zwischen göttlicher und +menschlicher Kraft, und schlug vor, jene die geniale, unwillkürliche, +schaffende, diese die selbstbewußte, willkürliche, +ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann man +auch zwischen göttlichen und menschlichen oder gottbewußten +und selbstbewußten oder genialen, schaffenden und ordnenden +Völkern unterscheiden. Die genialen herrschen im +Reiche Gottes, die selbstbewußten in der Welt. Sie haben +auch ihre Genialität, das ist die Kraft des Organisierens, +<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span>vermittelst welcher sie die göttlichen Ideen verweltlichen, in +die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen +Völkern abhängen, weil sie selbst keine göttlichen Ideen hervorbringen, +so herrschen sie doch in der Welt, welche das +Reich der selbstbewußten Kraft ist. Wie das einzelne Genie, +so wird auch das geniale Volk „gekreuzigt und verbrannt“; +es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es könnte +nicht genial sein, das heißt nicht Gott empfangen, wenn es +nicht passiv sein könnte.</p> + +<p>Die genialen Völker des Altertums waren die Juden und +die Griechen, das herrschende, das politische Volk des Altertums +waren die Römer; ihnen entsprechen in der nachchristlichen +Zeit einerseits die Deutschen und Italiener, +andererseits die Engländer. Die Juden, Griechen, Italiener +und Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, daß sie +von den weltlichen, politischen Völkern teils gehaßt, teils +verachtet wurden; verachtet, solange sie in der Welt schlechtweg +die Unterliegenden waren, gehaßt, wenn sie auch in +der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Völker +spüren in den genialen Völkern eine Überlegenheit, die sie +doch in der Welt nicht zur Geltung bringen können, und +die deshalb in ihnen, den politischen, keine Furcht erregt.</p> + +<p>Was wäre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke +der Griechen? Und wir dürfen wohl hinzusetzen, was +wäre sie ohne die Kunst, Dichtung, Musik und Religion +der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Völker +beziehen ihr geistiges Leben zum großen Teil von den genialen; +aber da sie sie nicht zu fürchten brauchen, gestehen +sie es nicht zu und sind nicht dankbar dafür, sondern verleugnen +sie und beschimpfen sie noch dazu. Die genialen +Völker haben im Kampfe mit politischen Völkern nur Gott; +verlassen sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu stützen, so +<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>geraten sie in die größte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete +den politischen Völkern doch nicht gewachsen sind. In der +Bibel hören wir nur von Gottvertrauen, niemals ein +Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott +rauscht wie Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit +diesem Gottvertrauen waren die Juden unbesiegbar; nachdem +sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie zertreten.</p> + +<p>Man sollte nun denken, daß zwischen den genialen Völkern +Einigkeit herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, +der sie ebenso voneinander trennt, wie sie von den +politischen Völkern getrennt sind, nämlich der Unterschied +von Natur und Geist.</p> + +<p>Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander +auf drei Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend +in der Natur, als Taten schaffend im Leben oder in der +Geschichte, als Ideen schaffend im menschlichen Geiste; +diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch vorzugsweise +Künstler, Dichter, Held oder Weiser.</p> + +<p>Danach sind unter den genialen Völkern die gestaltenden +und die dichtenden zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung +aus, die etwas Begrenztes und Vielfaches ist, diese +vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich ist. Der +dichterische Genius, der im Nacheinander eine höhere Stufe +bezeichnet, versteht und liebt die zurückliegende Stufe; der +bildende, der die höhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht +ihr mißtrauisch gegenüber. Im Altertum waren die Griechen +das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst, gestaltende +Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind. +Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, +daß sie auch Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; +aber als geniales Geistesvolk haben sie auch als bildende +Künstler immer eine dichterische Phantasie, wodurch ihre +<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span>Kunst sich wesentlich von der der Griechen und Italiener +unterscheidet. In ihren höchsten Spitzen berührt sich zwar +die griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber +für jene bedeutet Überreife und Beginn der Abwärtsentwickelung, +was die Blüte, das Natürliche der deutschen +Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst hat vorzugsweise +die göttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, +die deutsche das körperlich erscheinende Unendliche. Aus +diesem Grunde kann die italienische Kunst leer werden, aber +niemals so abstrus wie die deutsche.</p> + +<p>Ich weiß nun deinen Einwand schon, daß doch nicht jedes +Phänomen in diese Einteilung hineinpaßt; aber das ist ja +selbstverständlich, und das ganz gemeine Sprichwort sagt +schon, daß keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich aber +auch, daß die Ausnahme die Regel bestätigt. Die Einteilungen +macht ja der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich +vielmehr, sie zu durchbrechen; aber uns dienen sie doch zur +Übersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur ein Nacheinander, +sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott +selbst zugleich Künstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel +die Kraft gibt, so sind auch im Menschen alle diese Einzelkräfte +zugleich tätig; nur pflegt ihm, da er nicht Gott ist, eine +wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich Gott nähert, +desto stärker umfaßt er alle Kräfte. Auch die politischen +Völker bringen große Dichter und Künstler hervor; aber +das ist nicht ihr Wesentliches, und sie werden den genialen +Völkern bedeutungsvoller als ihnen selbst. Religionsstifter, +also die allerumfassendsten Dichter, haben nur die Juden und +die Deutschen hervorgebracht – ich spreche von den europäischen +Völkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zählen +sind.</p> + +<p>Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie +<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span>es Griechen mehr gibt: was an ihnen lebendig war, ist in +anderen Völkern aufgegangen.</p> + +<p>Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwächt +werden kann, so ist das Herz des jüdischen Volkes erschöpft, +als Christus daraus hervorgegangen war.</p> + +<p>Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher +Kultur sein, wenn man Kultur ein Ausgeglichensein der +Gegensätze nennt. Jedes geniale Volk wird namentlich den +Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven, +unselbständigen Masse und einer herrschsüchtigen, hochmütigen +Oberklasse aufweisen; eine göttlich-teuflische Kraft +und einen formlosen Stoff, in dem sie sich offenbart. Diese +formlose, gläubige Masse, diese chaotische, die immer zum +Verwildern neigt, läßt die Deutschen als ein im ganzen +unschönes, unkultiviertes, knechtisches, unklar gärendes +Volk erscheinen, aus dem sich im schroffen und geschmacklosen +Gegensatz eine hochmütig beschränkte, herrschende +Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen +flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhältnismäßig +sehr große Anzahl genialer Persönlichkeiten pflegte +im Deutschen Reiche zwischen den Herren und den Sklaven +zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das das Ziel +despotischer Herren gegenüber einer sklavischen Menge zu +sein pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten +Menschentums, Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. +Einheit in der Mannigfaltigkeit ist das schöne, farbige, verschwenderische +Gesetz des göttlichen Lebens, das aus dem +Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkür +schafft, ertötet Leben und Schaffenskraft. Deutschland +und Italien umfassen die Mannigfaltigkeit sehr verschieden +gearteter Einzelstaaten und den großen Dualismus eines +geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Südens, die in +<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span>einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoßen. +Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine +Menge nie ganz vereinbarter Stämme.</p> + +<p>Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das +starke Einzelleben im Deutschen Reiche noch außerordentlich +groß. Luther selbst spricht von den Deutschen stets als von +einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei jedermann +die deutsche Bestie heißen müsse, mit Recht. In allen +Ständen fand er zügellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und +Übermut. Er liebte und haßte dieses Volk zugleich, ein +kochendes Chaos, aus dem göttliche Gestalten, Taten und +Worte stiegen.</p> + +<p>Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben +sich seit Luthers Zeit sehr verändert. Die musterhafte Organisation +Englands und Frankreichs wurde ihr Ideal, +dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten: +sie wollen aus genialen politische Völker werden. Der +Krieg wird vermutlich darüber entscheiden, ob das möglich +ist. Die Unzerstörbarkeit des persönlichen Charakters, dessen +Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen zu sprechen; +andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene +Entwickelungsstadien hindurch und löst sich schließlich auf, +wenn auch nicht so, daß es eine Leiche gibt, sondern indem +sie sich mit anderen Nationen mischt und dadurch verändert. +Seit Jahrhunderten sind in Deutschland die mehr weltlichen +als genialen Preußen aufgekommen und mehr und mehr tonangebend +geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland, +das lange schaffenskräftig gewesen war, zu erschlaffen +begann. Wird das alte Deutschland ganz in Preußen aufgehen, +oder wird das alte, das geniale Deutschland auferstehen? +Rußland ist jetzt das am meisten passive und +gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk, +<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span>also das am meisten jüdische Volk; aber an Erscheinungen +wie Tolstoi und Dostojewski sieht man auch die zunehmende +Kraft des Herzens und des Wortes, die die Gegensätze bindet. +Wer will weissagen, ob Rußland jemals oder gar schon +bald die Rolle des alten Deutschlands übernehmen wird? +Gott hat lange zürnend geschwiegen: er wird sich das Herz +irgendeines Volkes erwählen, um durch dasselbe wieder zur +Menschheit zu reden. Das ist aber gewiß, daß dieses Volk +nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird +leiden und entbehren müssen; dafür wird es in die Wohnungen +des himmlischen Vaters einziehen, die ihm von Anfang +bereitet sind. Aber, so würde Luther warnen, man +muß auch das Göttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen: +jedes Volk muß kämpfen, um zu siegen, und schließlich Sieg +oder Niederlage aus Gottes Hand hinnehmen.</p> + + + + +<h2><a name="brief18" id="brief18"></a><a href="#inhalt">XVIII</a></h2> + + +<p>„<span class="initial">N</span>un ist auch irrig, daß die Zeremonialwerke nach dem +Tode Christi todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht +vor Gott.“ Diese Worte Luthers führe ich dir deswegen an, +weil du mir neulich schriebest, das einseitige Betonen des +Unwillkürlichen, Unbewußten oder Gottbewußten sei dir +zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich +wesentlich Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewußt, +selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, +komme das Göttliche an die Reihe. Ob du diese Einseitigkeit +deshalb so stark empfindest, weil du gerade mehr göttlich +als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch dem +Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde +weltlich bist? Was Luther betrifft, so war er sehr stark +selbstbewußt – die alte Schlange hatte ihn greulich vergiftet, +wie er sagt – und seine Zeitgenossen waren es +<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span>überwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das +Göttliche gelegt, da das andere sich von selbst verstand. +Die angeführten Worte beziehen sich zunächst nur auf +kirchliche Gebräuche, deren der Christ nicht bedarf; die er +aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur +darüber klar ist, daß Zeremonien uns nicht den inneren +Frieden, die Übereinstimmung mit uns selbst und Schaffenskraft +geben können.</p> + +<p>Ähnlich sprach sich Luther auch über die guten Werke, +also über die bürgerliche Moral aus, daß sie nicht an sich +zu verdammen sei, nur vor Gott nicht rechtfertige. „Nun +ist wahr“, sagt er, „wie ich immerdar gelehrt habe, daß +Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein äußerlichen +Leben und Wandel vor der Welt, heilig und unsträflich; +aber es soll und kann vor Gott keinen Christen machen, das +ist das ewige Leben schaffen noch bringen. Zu diesen Ehren +lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen, +sondern es soll hoch und weit über alle Werke und schönes, +herrliches Leben schweben. Unsere Werke und Leben laß +hienieden in diesem Regiment bleiben und eine irdische +Frömmigkeit heißen, welche Gott auch von uns fordert und +läßt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, +hier und dort, belohnen will: dies aber, wovon wir hier +reden, ist eine himmlische und göttliche Frömmigkeit, die +ein ewiges Leben schafft.“</p> + +<p>Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied +zwischen der Moral zu zeigen, die von menschlicher Willkür +abhängt, und von dem Glauben, der aus göttlicher Gnade, +aus dem Herzen fließt, und zu erklären, was vom einen +und was vom anderen zu erwarten ist.</p> + +<p>Leute, die die Reformation mit Jubel begrüßten, haben +sich später angeekelt von ihr abgewandt, wie zum Beispiel +<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span>der Nürnberger Patrizier Pirkheimer, weil sie wahrzunehmen +glaubten, daß auf evangelischer Seite die Sittenverschlechterung +mit einem großen Nachdruck und Übermut einreiße. +Luther selbst erschrak über diese unvorhergesehene Folge +seines Werkes und sagte: sie nehmens fleischlich auf. Daß +dies geschehen konnte, liegt auf der Hand: Luther predigte +gegen die Moral und gegen das Streben nach Vollkommenheit, +vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sündigen. +„Wir sehen im Evangelium“, schreibt er, „den Zöllner +Christo näher sein als den Pharisäer; wenn sie auch nach +menschlichem Urteil ärger sind, so stellt sie doch das Evangelium +gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer erscheint, +öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos dazustehen. +Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. +Wir überlassen Gott seine verborgenen und zu fürchtenden +Urteile.“</p> + +<p>Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstüberspannung +auf der einen Seite; aber auch in die Gefahren, +die dessen warten, der sich dem Herzen und seiner elementarischen +Unberechenbarkeit überläßt. Seine Lehre bedurfte +deswegen einer Ergänzung, die er ihr auch gab, nämlich +indem er das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz stärkte.</p> + +<p>Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes +die noch nicht zum Geist hinübergeführte Menschheit, +anders ausgedrückt: die Gesamtheit aller von den +Menschen willkürlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen +und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. +Die genialen Menschen und die Sünder und Verbrecher +haben das Gemeinsame, daß sie außerhalb dieses +Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, daß die +Auserwählten, die wahren Christen, sich ihm freiwillig +fügen oder ihn ignorieren oder, je nachdem, ihn durch +<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span>Worte bekämpfen, während diese, die Sünder und Verbrecher, +ihn hinterrücks oder offen gewaltsam zu zerstören +suchen. Vor allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur +Welt beim Christen und beim Verbrecher ein anderer: der +Verbrecher fühlt seine Selbstsucht durch die Welt gehemmt, +der Christ seine Göttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie +Göttlichkeit aus derselben Quelle fließen, nämlich aus dem +Herzen, so ist zwischen beiden ein Verständnis möglich. Man +kann sagen, daß Gott und Tier sich unmittelbar leichter verstehen +als Gott und Mensch: sie beide leben aus dem Herzen, +der Mensch aus dem Kopfe.</p> + +<p>Luther hatte vom natürlichen Menschen die Meinung, +daß er dem Teufel und der Sünde verknechtet sei, daß er +also nur sich selbst wollen könne; infolgedessen herrsche unter +den natürlichen Menschen das Recht des Stärkeren, wer den +anderen übermöge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der +Stärkere den Schwächeren nicht erdrücken könne, müsse das +Gesetz sein, das die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu +machen. Luther hat bewußt für die Verstärkung der obrigkeitlichen +Gewalt gesorgt, die in der Tat eine notwendige +Ergänzung seiner Lehre ist: nur dann können sich die Menschen +ihrem Herzen überlassen, wenn die Übergriffe der +selbstischen, bösen, noch tierischen Herzen durch das Gesetz +gehemmt werden. Das Gesetz überhebt den Menschen, diese +Hemmung selbst durch die Moral auszuüben, was er nicht +tun kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lähmen. Es ist +Verleumdung, wenn man Luther nachsagt, er habe den Fürsten +geschmeichelt, sei es auch nur, damit sie seine Ideen +stützten. Die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gehörte +vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem +Kurfürsten Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich +dem Adel zugute kam. Die in der Welt herrschende +<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">201</a></span>und auch in den Gesetzen sich ausprägende Gesinnung, nicht +den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des Schwachen +zu schützen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst +furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schäden der +Gesetzgebung in dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er +die Herrschaft selbst ungerechter Gesetze für besser als Gesetzlosigkeit. +Was er anstrebte, war strenges Gesetz, dessen +Handhabung durch großherzige Menschen besorgt würde. +Dies Verhältnis bestand bis zu einem ungewöhnlich hohen +Grade in Sachsen, solange Luther lebte; tatsächlich regierten +sein reines Herz und seine großen Gedanken, nur selten +wurden die Fürsten, die sich vertrauensvoll von ihrem Propheten +leiten ließen, durch die Selbstsucht ihres Adels abgelenkt. +Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt +hinaus, wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war +das Stück Welt, das er dadurch beherrscht hatte, wieder sich +selbst überlassen.</p> + +<p>Die Erkenntnis, daß, wenn das Gesetz in der Hand von +Persönlichkeiten ruht, mit dem Ausscheiden derselben plötzlich +Schwankungen und Störungen eintreten können, hat +die Menschen veranlaßt, die Gesetze von der Handhabung +durch einzelne unabhängig zu machen, da der geschriebene +Buchstabe verläßlicher zu sein scheint als der veränderliche +Mensch. Sowie aber der menschliche Verstand denkt, irrt +er auch; es ist nämlich wohl richtig, daß geschriebene Gesetze +nicht sterben, aber sie tun es deswegen nicht, weil sie +nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich nicht +mit den Erscheinungen des Lebens und können das Leben +nicht regulieren, ohne es zu schädigen. Soviel ich weiß, ist +man jetzt zu dem Grundsatz zurückgekehrt, die Gesetze so +großzügig anzulegen, daß Raum für persönliche Auslegung +und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die herzhaften +<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span>Menschen, die salomonische Urteile fällen können. Alle die +Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den +vielen ihm zur Entscheidung vorgelegten Sachen fällte, würde +sehr verdienstlich sein und einen überraschenden Einblick in +seine gründliche Kenntnis weltlicher Angelegenheiten und +in die Weisheit seines Herzens gewähren. Hätte das Volk +immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen +haben können, wären sicherlich keine Geschworenengerichte +entstanden. Wenn in den rückläufigen Zeiten die Kraft abnimmt, +versucht man durch Summierung von Menschen die +Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, daß +Millionen schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. +Nach dem Gesetz, daß Organe, die sich nicht üben, +immer schwächer werden, mußten die Einrichtungen, die +zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die +Herzen immer mehr entkräften.</p> + +<p>Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz +herrscht, sofort abgelöst wird durch das Reich Gottes, in +dem die Liebe und infolgedessen die Freiheit herrscht. In +ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes Sichgehenlassen, +sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da +aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen +und liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch +gewissermaßen ein Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern +heilsam.</p> + +<p>Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch +das Zwischenreich des zweiten Haufens besteht, der zwischen +Welt und Geist schwankt, so scheint mir die Moral für +dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des +großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, +um sich dem eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich +einstweilen mit der Moral rüsten. Diese Rüstung – wer +<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span>wollte das verkennen – kann sehr blank und ritterlich sein, +und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn +fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen +sie einzuwenden, daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken +kann; deshalb muß sie abgetan werden, wenn noch Glut +genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme zu +werden.</p> + +<p>Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das +Genie, charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der +Menschen in die drei Haufen eigentlich nur die Entwickelung +des natürlichen Menschen zum geistigen im Auge gehabt hat. +Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber es gibt auch +eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden +Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich +auf den verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, +Unternehmer, General bis zu den Fürsten, von +denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich die ärgsten Buben +oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie; +sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er +ein frommer Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, +daß auch ihre allergrößte Macht nicht imstande sei, ihnen +die überschwengliche Herrlichkeit der Auserwählten zu verschaffen. +Ich erwähnte schon, daß die Römer, im Gegensatz +zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden. +„Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie +beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“ Sie sind die +Spitzen zweier in entgegengesetzter Richtung nach oben +führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als +Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind.</p> + +<p>Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen +und Übergehen. So senkte sich die Linie der Kurfürsten +von Sachsen seit Friedrich dem Weisen in der Welt abwärts, +<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span>um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben +alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. +Den Geist Gottes verglich Luther einem Platzregen und betonte, +daß er nicht erblich sei. Talent vererbt sich, nicht das +Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann seiner Natur +nach nicht zugleich Ebene sein.</p> + +<p>Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt +und ihre Ordnung; die genialen Menschen, die im Reiche +Gottes Befestigten, hassen das Böse in der Welt und haben +Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie +es auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen +lieben die Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil +sie göttlicher Natur ist, Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren +Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der Welt und +Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen +fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. +Sowie die Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, +zeigt sich ihre höhere Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; +aber auch die Weltherrscher wollen sich nicht in jenes Reich +verklären lassen, zu welchem man nur durch das Tor der +Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl +sie sich anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie +Gott und der Teufel.</p> + +<p>Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle +auf den Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt +zum Abschied. Von Sternen zu Sternen und Sonnen steigt die +unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds verschmilzt in dem des +Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine Begegnung. Ein +zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und +vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, +den Fuß schon im Eimer, der aufwärts an die Küste des +Tages führt. Lebewohl für eine Tageslänge; er wächst +<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span>schon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die uns +vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich +auch nichts mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, +und wenn die kürzeste Nacht kommt, werde ich ausgeredet +haben. Lebewohl.</p> + + + + +<h2><a name="brief19" id="brief19"></a><a href="#inhalt">XIX</a></h2> + + +<p><span class="initial">V</span>or Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, +die sich zu Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten +ein sehr ordentliches und ehrbares Leben, sie tranken +nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner Richtung aus +und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns +Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, +überhaupt im Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, +wenn er nach jahrelanger Abwesenheit heimkäme, +würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des +Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem +Händedruck begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen +vom Menschen verlangt.</p> + +<p>Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen +Eindruck gemacht, den ich damals nicht weiter auslegte und +verfolgte; ich fand, daß die einwandfreien Japaner eher +künstlichen Affen als Menschen glichen, von schönen, liebenswerten +Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch +vor, daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung +protzten, obwohl gar nichts zu beherrschen da +war, höchstens daß irgendein Rädchen hätte kaputt gehen +können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein.</p> + +<p>Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn +sie verwundet waren, die wie Kinder weinten, wenn ihnen +etwas nicht nach Wunsch ging, und sich wie Straßenjungen +beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther, +<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span>den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war +vielleicht unter seinen deutschen Zeitgenossen am meisten +Grieche. Was hatte der trockene, klügelnde Erasmus mit +Griechenland zu tun, und was die meisten der fleißigen, +strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz +erfuhr, wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog +er sich zurück und betete, das heißt, er raste sich aus. In +seinen Gebeten sprach er mit Gott, hielt ihm sein Unrecht +vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte dann +seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen +Gegnern ist bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen +Vorwurf daraus; er gab ihnen recht, blieb aber dabei. +Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine Naturkraft +schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich +allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten +Vorsätzen, die er selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu +seinem Genie. „Die Stoiker, die Stockheiligen, die nicht +weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es geschehe, was +da wolle“, verurteilte er; denn es sei im Grunde „eine gemachte +Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen +hat, ihm auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den +Menschen nicht also geschaffen, daß er Stein oder Holz +sein sollte.“</p> + +<p>Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, +weil es eine Zeit versiegender Natur war. Er und +einige seiner Zeitgenossen, zum Beispiel Dürer, waren noch +durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten sie fest; dann +fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch. +Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz +darein setzte, nicht Tier mehr, nur noch Mensch sein zu +wollen, und ihm folgte der moralische und tugendhafte +Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen Ordnung +<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span>bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, +was getan und gemacht wird; man wundert sich zuweilen, +wie die Menschheit ohne Hunger und Liebe sich erhielt und +fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in der Weimarischen +Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe +auf dem Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit +das ungezähmte Element nie losbrechen können.</p> + +<p>Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes +Volk, wie zum Beispiel das spanische, und zwar aus +einem sehr erfreulichen Grunde, weil das Chaotische und Elementare, +das der Form sich Widersetzende, in den Deutschen +noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch +viel zu tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den +Preis darf ein Volk auf die Zier der Vornehmheit wohl +verzichten. Indessen ist etwas anderes da, was dieser instinktiven +Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint, +nämlich das System.</p> + +<p>Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem +heutigen, so springt jedem ein wesentlicher Unterschied in +die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert, eine lächerliche Umständlichkeit, +Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei eine unübersehbare +Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, +zugleich Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem +inneren Auge vor, wenn wir daran denken. Dagegen jetzt +eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres Funktionieren, +das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über +alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, +und man vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen +Kriege; aber in Wahrheit besteht vielleicht nur +auf russischer Seite eine wirkliche Ähnlichkeit. Ich las die +Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein russischer +hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes töten +<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span>zu lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders +den Geistlichen zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; +wie dann aber plötzlich das Herz dieses Teufels sich wendete, +und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung alle begnadigte. +Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem +Dreißigjährigen Kriege.</p> + +<p>Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System +arbeitet folgerichtig, von Gott heißt es <span class="antiqua">spirat ubi vult</span>. Luther +sagte einmal, als eine Stadt mit irgendwelchen derzeitig +neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese Maschinen wahrhaft +eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn +dadurch würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann +sich hervortun könne, die persönliche Tapferkeit, ihm genommen. +Du mußt nicht denken, ich wolle die Tapferkeit +und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne +sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die +Soldaten des 16. und 17. Jahrhunderts, denen es in allen +Schichten hauptsächlich um Beute zu tun war; aber das ist +nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr systematisiert +und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger +von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß +jeder einzelne an seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene +Pflicht tut. Wenn jeder Arbeiter im richtigen +Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein kleines +Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel +Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen +die größten Feldherren immer von der launischen Fortuna +und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag alles, wie +in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand +der Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, +daß die Welt dabei gewonnen hat; das Reich +Gottes hat dabei verloren.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span></p><p>Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. +Früher fanden die von den Stärkeren zertretenen Schwachen +Zuflucht bei der erbarmenden Liebe einzelner, auch konnte +der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen Großmütigen +verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft +und darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige +Betrieb ersetzt nicht nur die erbarmende Liebe des +einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den Bettler +von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, +etwaiges Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung +des einzelnen übernimmt es das System, die +Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren beizufügen, für +richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger +soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, +sondern soll sie so anwenden, daß die allgemeine Ordnung +dadurch gehoben wird. Da die Privatpersonen nach Maß +ihres Besitzes zur Erhaltung der Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert +haben, lassen sie die Menschenliebe nachher brachliegen; +die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle +wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen +wie beim Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe +für die Leidenden bewogen werden, ist selbstverständlich; im +allgemeinen kommt auch auf diesem Gebiete das System der +Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies wurde +natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge +wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. +Einmal las ich, es sollte in jedem Herrschaftshause unter +dem Dache eine arme Familie einquartiert werden, welche +die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so +dachte man das System durch ein besonders feines System +aufzuheben.</p> + +<p>Das System ist das, was am Preußentum gehaßt und +<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span>gefürchtet wird. Die Abneigung dagegen ist instinktiv und +unausrottbar und läßt sich nicht dadurch widerlegen, daß +das System es gut meint, korrekt und löblich ist und sehr +viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, +je lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen +des Systems: die schnurgerade Linie, die Starrheit und +Übersehbarkeit; denn alles Lebendige, wie überzeugend es +auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar +seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System +Triumphe gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus +und den Sozialismus, nirgends aber so wie in Deutschland. +Daß das gerade in diesem kindlichen, phantasievollen +Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir folgendermaßen.</p> + +<p>Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens +für das Genie der politischen oder weltlichen Völker. +Sie organisieren die Gesellschaft, wie Frauen, Kinder und +Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen pflegen mit +einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm +getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein +Werk stürzt; ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine +andere. Dieser Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen +selbstbewußtes Volk einen Gegendruck entgegen, der +der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem Kunstwerk +eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr +passiven, zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand +gering; der starken Persönlichkeiten, die früher zwischen +dem Volke und den Herrschenden standen, sind immer weniger +geworden, und so gelingt es dem knetenden Willen, den +unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk +in seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und +gar: es entzückt durch die Fülle seiner üppig wachsenden +<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span>Formen, während wir an England die logische Entwickelung +seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge +der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren +der Maschine, Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit +und Schönheit; dort ist Leben, Geist, Genie, Liebe bei +äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als chaotische +Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren +möchte ich als eine natürliche Gabe betrachten, aus der +Natur politischer Völker hervorgehend; das System verdeckt +den Mangel an weltlicher Begabung. Wer nicht organisieren +kann, verfällt auf das Mechanisieren.</p> + +<p>Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen +sei, aber das ist ganz unrichtig. Er hatte genug von +einem Herrscher in sich, um organisieren zu können; aber er +war zugleich ein Genie und haßte alles Mechanische, so +wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen +Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, +damit nicht aus dem Organismus ein Mechanismus würde.</p> + +<p>Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin +er selbst sein höchstes Glück findet: im Handeln. Er will +das Handeln an sich allein reißen, für alle handeln, wie +die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie organisiert, +nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht +den entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ +leben. Während Zwingli und Calvin vorzugsweise Organisatoren, +also Weltmenschen waren, organisierte Luther +nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch +tragisch zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um +der Erstarrung vorzubeugen.</p> + +<p>Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem +Gebiete ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, +oder sogar durch und durch genial; er entschied immer nach +<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span>dem einzelnen Fall, immer unter Miteinrechnung der jeweiligen +Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit und +Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln +wie bei der Einführung von Zeremonien steckte er +immer die Grenzen weit und machte sie beweglich und vermied +jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das +heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so +fügte er nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und +nicht immer ebenso gehalten werden müsse. Am Schlusse +seiner Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes +sagt er: „Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu gebrauchen, +daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man +sie flugs abtue und eine andere mache; gleichwie der König +Ezechias die eherne Schlange, die doch Gott selbst befohlen +hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß die Kinder +Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen +zur Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und +nicht zu Nachteil des Glaubens. Wenn sie nun das nicht +mehr tun, so sind sie schon tot und ab und gelten nichts +mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des +Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als +wenn die neuen Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr +getragen, sondern weggeworfen und andere gekauft werden. +Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut sie will, +so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht +mehr eine Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht +und gilt keine Ordnung von ihr selbst etwas, wie bisher die +päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind; sondern aller +Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte +Brauch; sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.“</p> + +<p>Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger +Bau unter einer Kuppel, entsprechend den drei Haufen, +<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span>in welche die Menschheit, ein Abbild der Heiligen Dreifaltigkeit, +sich gliedert. Sie sollte einschließen einen Bau +für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt +werden muß; einen anderen Bau für die zwischen +der Welt und dem Reiche Gottes Schwankenden, denen die +Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit sie um +der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das +Geistesland wagen; den dritten Bau für diese, die wahren +Christen, die freiwillig mit den anderen in der Kirche anbeten, +obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist. Diese gigantisch +gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome +des Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. +Welche Tragik des genialen Einsamen! In dieser Spitze +sollten die Bauglieder der Kirche münden, diese wären das +Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut versorgt und +vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, +die mich mehr erschütterte als diese; der von Christus +im Wesen gleich, als er seine Jünger auf dem Ölberge +schlafend fand.</p> + +<p>Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen +die Einrichtungen machen, und zwar für sich; tatsächlich +verschwinden aber bei uns die Menschen hinter den +Einrichtungen, in die das Leben übergeht. „Es kann in +der Welt nur gut werden durch die Guten“, das ist, glaube +ich, ein Wort der Königin Luise. Luther sagte: „Darum ist +dem Staate mehr dafür zu sorgen, daß gute und verständige +Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze gegeben +werden.“ Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, +Organisationen zu machen und Maschinen zu mästen, werden +wir auch wieder mehr Persönlichkeiten haben, deren +gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein unpersönliches +Volk sind.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span></p><p>Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich +ist es nicht getan: der moderne Staat ist das System, das +keine <span class="ins" title="Persönlichket">Persönlichkeit</span> duldet; denn er ist ja die Maschine, die +schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum Ersatz für ihre +versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an +Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die +Übung sie auch wieder kräftiger machen. Das mittelalterliche +Feudalsystem, das System der persönlichen Beziehungen, +der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich schließlich +zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher +Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft +werden. Handeln ist die unmittelbare persönliche Wirkung +von Mensch auf Mensch, und nur handelnd bildet sich das +selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann.</p> + +<p>Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom +für das Aufhören des unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. +Man sagt seine Meinung in Büchern und +Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen +Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei +seinen taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas +den alten öffentlichen Disputationen Ähnliches; aber im +Grunde vermeidet man doch das Aufeinanderplatzen der +Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe fühlt. Wir +leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.</p> + +<p>So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller +unserer Zeit werden konnte, gerade von Männern +gern gelesen. Fontane hatte sich durch fünfzigjährige Beobachtung +eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte sie +dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den +anderen auch Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige +Bilder angenommen und begrüßt wurden. Die Ideen +des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes, im +<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch +welche die Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst +zum Bilde ergänzt werden, fehlen ganz; aber gerade in +dem verständigen Gerüste fühlt der moderne Mensch sich +heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre +Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen +stehen die Visionen hart neben den Ausschnitten; im +tätigen Ich würden sie zum lebendigen Ganzen verschmelzen.</p> + +<p>Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich +ins Leben hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer +wurden, denen eine religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, +die sie trug und hob, von selbst erwuchs. Die +Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden, +weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es +kommt nicht selten vor, daß das Ich um das fünfzigste +Lebensjahr herum, zu einer Zeit, wo es sich allmählich auflösen +sollte, sich noch gar nicht gebildet hat. Diese stehengebliebene +Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas +Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch +eine ohne Sonne reifgewordene Frucht zustande; aber im +Grunde bleibt es doch zwischen Jünglingshaftem und Greisenhaftem +unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es wie jenem +sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, +und als er nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos +verlaufen war – denn Zeit und Raum entstehen nur dem +selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer – zu +den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des +Lebens in Asche fiel.</p> + +<p>Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch +und sehr belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit +von der Natur. Der Titel bezieht sich auf die künstliche +Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen, Heilstoffen +<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span>und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen +entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig +der Purpur der Alten in der Tat gewesen sei, wenn man +ihn mit unseren künstlich hergestellten Farben vergleiche, und +es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem Glanze +der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter +Methoden, wie sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen +könne. Und doch, dachte ich, hat die Glut dieses schäbigen +Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie der Menschen +entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre +herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die +königlichste Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen +Schultern sie trügen? „Jetzt gib mir einen Menschen, gute +Vorsicht!“ läßt Schiller seinen König Philipp flehen, der +die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. +Der Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, +je imposanter unsere naturfreien Purpurfarben werden. Ich +weiß wohl, daß es nicht an solchen fehlt, die in der +Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas bedeuten; +aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. +Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon; +aber man kann mit Gott den Mammon beherrschen. +Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu +können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit +durch Gott zu regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, +weil er das Elend seiner Gottesferne durchschaute. Solche +Menschen brauchen wir, die zugleich Mittelpunkt und Peripherie, +zugleich der Eine und das All, zugleich lichtbringendes +Wort und Chaos sind.</p> + +<p>Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; +das Licht erschafft die Welt, indem es die Finsternis von +ihr abtrennt. Aber alle Lichter steigen auf aus Nacht und +<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span>gehen in Nacht unter; das Feuer in seiner Majestät vernichtet. +Aus den Mythologien wissen wir, daß die Feuergötter +zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend +zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß +ich dich mit Worten um den schwarzen Wein der Nacht +bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es Worte aus +dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch +waren.</p> + + + + +<h2><a name="brief20" id="brief20"></a><a href="#inhalt">XX</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>u sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther +klar geworden wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen +konnte, weil er die wahren Christen nicht fand, die ihre +Spitze hätten bilden sollen, hätte er den Kampf gegen die +katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt +werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche +widerspreche, sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare +Kirche zur unsichtbaren Kirche in dem Gegensatz stehen +müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er hätte +doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen +müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe +und die Natur schütze.</p> + +<p>Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren +nicht nur entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden +ist; Luther wollte eine solche Kirche gründen, die aus dem +Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt, die sichtbar und +zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan +hat, soweit es damals möglich war.</p> + +<p>In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die +Gemeinde vor Gott. Nur er konnte mit Gott verkehren, +er hütete die heiligen Örter, vollzog die Opfer und betete für +alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete Handlung +<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span>war ein <span class="antiqua">opus operatum</span>, das heißt ein Werk, das durch seinen +richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, +der das Werk vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. +Die Möglichkeit des Zaubers, das heißt die Wirksamkeit +richtig vollzogener Werke oder die Wirksamkeit bestimmter +Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben +nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, +auf dem Glauben an durch die Mittlerschaft des Priesters +Gott geweihte Zeichen oder Werke. Mit dem Erscheinen +Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun +Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das +Priesteramt aufhob, wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und +klar zugleich dargestellt ist.</p> + +<p>Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber +dem alten darin, daß Gott nunmehr seine Gesetze in +den Sinn und das Herz der Menschen schreiben will, und +daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des Herrn +lehren soll: „Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem +Kleinsten an bis zu den Größesten.“ Es soll auch nach Christus +nicht mehr geopfert werden, da Christus einmal sein +eigenes Blut geopfert und damit für ewige Zeit alle Opfer +aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit +die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von +welchem sie voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den +rechten Verkehr mit ihr wisse; Christus offenbarte, daß die +Gottheit in uns selbst ist, und daß wir infolgedessen selbst +mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder selbst +glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten +Sinne brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von +Christus wußten oder nicht an ihn glaubten.</p> + +<p>Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener +am Wort sein, die Heilige Schrift erklären und das Sakrament +<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span>austeilen. Sie haben kein Werk zu vollziehen und +zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben +die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott +den Glauben gibt, Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet +demnach eine Mündigkeitserklärung der Menschen: +vorher vermochten sie nur Sichtbares zu ergreifen, nun aber +auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und Unsichtbares, +Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es +durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; +der Zustand der katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies +aber, daß der Zeremonien- und Werkdienst Aberglauben +geworden war.</p> + +<p>Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche +für diejenigen überflüssig, ja verdammlich ist, die an +Christus glauben. Luther durfte die Katholiken in diesem +Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu +Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen +und ewigen Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart +sich nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander, +und infolgedessen gibt es jetzt noch eine vorchristliche +Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da sein. Diejenigen, +welche nicht glauben können, muß, wie einst, der +Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott +vertreten.</p> + +<p>Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten +tatsächlich alle nicht mehr an den Priester und das <span class="antiqua">opus +operatum</span>; über diese Stufe waren sie hinaus. Luther wurde +deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die Zeremonien, +sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig +seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu +den Zeremonien empfahl Luther damals Werke der christlichen +Liebe: man diene Gott, sagte er, wenn man mit dem +<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span>bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den +Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte +damals, daß jeder Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott +geweihter Mensch, und daß man Gott mehr diene, wenn +man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn +man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, +besonders der nordischen, auf das Weltliche und +Moralische gerichteten Menschheit sehr ein, und Luther bemerkte +bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die +gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen +ersetzt wurden. Wenn er selbst den Armen half, so +geschah es „im Glauben“, das heißt sein Herz trieb ihn +dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe um irgendeines +weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung +wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder +um für mildtätig gehalten zu werden oder was sonst immer. +Nur betonte Luther, daß unter den zu verdammenden „guten +Werken“ durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern ebensowohl +die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und +du weißt ja, daß dieser verzweifelte Kampf gegen die +Moral dann sein Leben ausfüllte, ohne Ergebnis und ohne +Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie in +den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, +wie so viele andere getan hätten; man kann immer +nur wieder das Allumfassende und Unbestechliche an Luthers +Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien besser, +weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, +die der Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, +wie in der Zauberflöte. Die Versuchungen des Teufels durch +das Fleisch erscheinen dem fast kindlich, den der Teufel in +seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste versucht. Auf die +Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand vollkommen +<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span>zu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen +dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, +er warnte nur. Betrachtet man den Lauf der Geschichte, +so sieht man, daß Gott durchaus nicht mehr bei den Menschen +des Zeremoniendienstes als bei denen der Werkheiligkeit +war.</p> + +<p>Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben +können, weil sie auf einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben +sind, nimmt die Priesterkirche auch diejenigen auf, +die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert sind, +die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft +des Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers „zweiter +Haufen“, soweit er sein Ziel, das Reich des Geistes, nicht +erreichen kann. Diese Gescheiterten, die den naiven Zusammenhang +mit der Welt verloren, aber den Mut nicht +fanden, sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu +überwinden, retten sich in den Hafen der Weltkirche, die +ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als wären sie mitten in +der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor einer +Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer +des Herzens fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen +Stellvertreter Gottes, der, mit äußerlichen Opfern zufrieden, +weltliche Gaben dafür gibt, die aber in der Welt als göttlich +kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen Haufen +zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis +dafür zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, +die den Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein +fürstlicher Hof, der unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. +Häufig ist das Katholischwerden für die Interessanten der +höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen +Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen +Kirche alle Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren +<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span>Mittlerschaft bedürfen, um das Unsichtbare zu ergreifen, so +will die lutherische Kirche durch Gesetz und Evangelium zum +Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für das +ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern +allmählich „von einer Klarheit zur anderen“ führen lassen +wollen. Wenn diese Stärkeren, die wahren Christen, der +Kirche auch nicht förmlich einverleibt sind, so wie Luther +sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der Aufsicht +über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist +fortwährend den unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es +tun. Die Spitze der lutherischen Kirche wird sich immer in +den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel, sondern +ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares +eins werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren +Kirche formten, wären sie die Auserwählten nicht +mehr; der Geist Gottes weht, wo er will, und läßt sich nicht +binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte Geistliche +versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung +des öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer +und ähnliche Verbindungen entstanden; aber das +hat zu keinem Ziele geführt, während Goethe und Schiller, +und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem Glauben +zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt +haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische +Gestaltung der wesentlichen Ideen Luthers.</p> + +<p>Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf +gegen die Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht +gekommen war, daß der Papst der in der Schrift geweissagte +Antichrist sei. Als ein Teil seiner Anhänger, namentlich +Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der Kirche +wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen +könne, wenn er das Evangelium freiließe und darauf verzichtete, +<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span>Stellvertreter Gottes auf Erden sein zu wollen; +aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte, selbst +wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer +recht haßt, muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber +irgendwie wird er doch fühlen, daß das Gehaßte dennoch +zu seinem Leben gehört, ja, er würde es sonst arg nicht hassen. +Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des von +ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß +ihm die Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt +geworden sein. Eine ähnliche dunkle Ahnung mag Wallenstein +bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller Gustav +Adolfs brachte.</p> + +<p>Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod +solle dem Papsttum Tod bringen; und wirklich hat die Kirche +allmählich ihren mittelalterlichen Charakter abgetan, aufgehört +Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu selbstsüchtig, um zu +wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das glaube +ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung +der religiösen Gegensätze mit sich bringen würde.</p> + +<p>Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das +Unmögliche wirklich würde, und der Papst darauf verzichtete, +Stellvertreter Gottes sein zu wollen, damit Christus selbst +das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns nichts, als +dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche +gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten +Jahrhundert betonten die Evangelischen, daß sie +die eigentlichen Katholiken wären, die Glieder der urchristlichen +Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des +Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, +begeistert und beseelt durch das in ihm wirkende Reich des +Unsichtbaren, die Kirche.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span></p> + +<h2><a name="brief21" id="brief21"></a><a href="#inhalt">XXI</a></h2> + + +<p><span class="initial">L</span>uther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie +nicht von dem Augenblick, wo er durch Staupitzens +Vermittelung das Wesen Gottes erkannte, sondern von dem, +wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde. +Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige +Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend +gegen die hohe Berufung, wie die Propheten des Alten +Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort wehrten. Denn +es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten +Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden +zwingt er zum Leben, weil er ein Gott des Lebens ist +und den Tod haßt. Luthers persönliche Sehnsucht ging in +den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht +der Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. +Die Süßigkeit dieser Stimme stand aber in Wechselbeziehung +zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe gegen die +Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; +ist dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren +hin vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich +ganz von der Welt abzulösen und in Gott zu versenken. Dies +ist der Punkt, an dem viele, die berufen sind, scheitern: +sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar +der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er +das Zeichen zum Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat +sich als Form, als Tat, als Wahrheit geäußert; daraus +folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. „Das +Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der +Kraft.“ Gott sollen wir nicht nur im Herzen erkennen, +sondern auch öffentlich bekennen. Christus war die Liebe, +die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist keine +Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält, +<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span>ist menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die +Welt hinaus wirkt.</p> + +<p>Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott +und den Menschen wurde zu Luthers Zeit als das Verhältnis +von Glaube und Liebe verhandelt; ob der Glaube der +Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von +beiden größer sei. Da Luther damit begann, die guten +Werke zu bekämpfen, war es natürlich, daß er zuerst die +Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen Gesinnung, betonte, +die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend, +hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur +nach, selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets +hinzu, daß aus dem Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen +von selbst folge, ja er sagte einmal, daß Glaube und +Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß man +ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug +auf die Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat +Paulus in seinem Hoheliede der Liebe gesagt: „Und wenn +ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte, und +hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Luther mißbilligte +das insofern, als es keinen Glauben, das heißt +natürlich keinen Glauben an Gott, ohne Betätigung in der +Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die Menschen, weil +sie „seines Geschlechts“ sind; Liebe ist das Bewußtsein der +Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der +Menschen nicht erkannt hat, hat auch Gott nicht erkannt, +von dem alle Menschen ausgehen und in den alle münden. +<span class="antiqua">Plenitudo legis est dilectio</span>, die Liebe ist des Gesetzes +Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes +Kind, wenn er es auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten +bestritte; wer die Menschen nicht liebt, ist ungläubig, wenn +er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes und +<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span>Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte. „Und wenn ich +alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib +brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mirs nichts +nütze.“ Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit +die Liebe des Göttlichen in der Menschheit +fließt, so der Haß des Ungöttlichen in Form, Tat und +Wort.</p> + +<p>Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden +Kunst betrachtet, so sieht man, wieviel besser die Menschen +den liebenden und verzeihenden Christus als den zürnenden +begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß des +Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern +verhehlen. Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus +deutlich als den kämpfenden und triumphierenden Helden, den +allerdings im Gefühl seiner Liebe, im Bewußtsein seines Rechtes, +seines notwendigen Unterganges in der Welt und seines +Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige +Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. „Christus +ist zu einem Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden +soll“, sagt Luther einmal, „und viele werden sich an ihm +stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und Krieg des +Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des +Evangelii, das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und +Rumor anrichten.“ Daß Christus selbst gesagt hat, er +sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das +Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, +sagt Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: +„Denn wo der Mann kommt und sich sehen läßt, da hebt +sich bald ein Rumor und Fallen an.“ Widerspruch erregt und +überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die +er vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in +der Welt herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein +<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>hinein verkündet er das Recht der Liebe; der Lüge und +Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende, Gott +sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, +Gott ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, +wirft er vom angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott +im Ganzen ist, während der einzelne vergeht. Darum kann +es nicht anders sein, als daß die wahren Christen um Christi +willen werden Verfolgung leiden. „Kein Volk auf Erden +muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, +Teufel und die schädlichsten Leute auf Erden heißen.“ Ja, +man erkennt die Auserwählten daran, daß sie von der Welt +gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die der +Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer +uns, sowie den Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten +und allerschwersten verhältnismäßig viel weniger +als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht zu erklären, +die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der +Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen +Werken der Moral verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, +der wirklich Glauben und Liebe hat und sie mit Notwendigkeit +betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers +Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges +Sichopfern für die Menschen. Er wandte sich +nicht mit vornehmer Verachtung von der Welt ab, sondern +warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie +man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was +den Christen macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt +und genießt sie, der Buddhist oder Mystiker verneint sie und +entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint sie zugleich, das +heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte seines +köstlichen Lebens damit zugebracht, „Mansfeldische Säuhändel“ +zu schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von +<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span>allen, nach dessen Beilegung er starb. Er war der Beschützer +aller Schwachen und Unterdrückten ohne eine Spur +von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man +aus Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun +hatte, ersehen, vor allem an seine kursächsischen Oberherren. +Es ist, als höre man Gott selbst sprechen: gütig, langmütig, +wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen streng und +blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen +Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es +bleibe kein Stück von ihnen übrig; aber bei alledem ist es +Donner, der aus einem Himmel unerschöpflicher Liebe kommt. +Man begreift nicht, wie er die ungeheure Arbeit, die ihm +durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde, bewältigte; +in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht. +Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu +reden; tat Luther es einmal, so wurde allen anderen bange, +weil sie merkten, daß das, was sie Liebe oder Mitleid nannten, +gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer gleichzeitig +nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, +hassend gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. +Der schwerste Kampf ist eigentlich gar nicht der gegen das +Böse; sondern der gegen die menschliche Trägheit, die unter +der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde +das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen +will. „Wenn du über das Evangelium richtig denkst, +kann seine Sache nicht ohne Aufruhr, Skandal, Unruhe geführt +werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus +dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist +Schwert, ist Krieg, ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und +wie ein Bär auf der Straße und ein Löwe im Walde.“ So +schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan des +Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicher +<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span>Art umgehen wollte. „Hüte dich zu glauben“, schrieb +er demselben, „du könntest Christus in der Welt fördern +mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem Blute gekämpft +hat wie nach ihm alle Märtyrer.“ Die Welt zieht deshalb +den stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie +die Wahrheit verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf +Melanchthon allein gestellt, würde das von Luther neu aufgerichtete +Evangelium kaum eine Spur hinterlassen haben; +auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das Größte +ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es +mit seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber „es +gehört dazu ein trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, +unerschrocken die Wahrheit zu sagen“. Die meisten Kämpfer +unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie nicht aus +Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, +Neid und persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig +redliche Gegner und keinen von göttlicher Liebe in den Kampf +getriebenen. Viele unter seinen Feinden waren Neider und +Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem +er das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie +nach und wollten die vordersten sein. Anderen war es um +ihre weltlichen Vorteile zu tun, andere wollten nur Aufsehen +erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und es war +nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, +denen es immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die +Wahrheit zu tun war; aber selbst Karlstadt, der ihm mit +seiner Eitelkeit das Leben so sauer gemacht hat, nahm er +liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn wandte, und +wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige +Liebe bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im +Abendmahlstreit: „Welchem Gott viel Gaben geschenkt hat +vor viel anderen und mir ja herzlich für den Mann leid +<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">230</a></span>ist.“ Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens +nicht fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger +von Luthers Gegnern, wie bedeutend er auch sein möge, hat +wie er Worte der Liebe; wie auch keiner wie er Worte des +Zornes und Hasses hat.</p> + +<p>Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb +streng ablehnend, weit mehr als gegen schlechtweg +weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er nannte sie Enthusiasten, +Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott +nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren +Glauben irgendwie betätigen müßten, sondern im Geist, der +eigentlich nirgends ist, und wo sie deshalb nur zu schwärmen +und zu flattern brauchen. „Ich hasse die Flattergeister +und liebe dein Gesetz“, sagte Luther mit David, das göttliche +Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, +der unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers +entgegenstellend. Alles Frommtun im Winkel, das Pochen +auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel, die Heiligkeit +und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung +vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, +wie sich das bei Waldensern und ähnlichen Sekten fand, +flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch wenn es +zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen, +wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige +Sinnlichkeit, in Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. +Aber auch die Mystik feiner, gutgesinnter Menschen bekämpfte +er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl von +allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin +je nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes +Bekennen und Eintreten für seinen Glauben.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Selig, wer sich vor der Welt<br /></span> +<span class="i0">Ohne Haß verschließt.<br /></span> +</div></div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span></p><p>Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, +da er sich der Welt weit mehr in Liebe und Haß opferte +und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen das Ende seines +Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr zurückzukehren, +so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner +Umgebung an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, +das Joch wieder auf sich zu nehmen. Der gemarterte Prophet +sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der Gott des +Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist +die Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod +ist das Ziel des Sichabsondernden und seine Strafe.</p> + +<p>Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt +den Handschuh hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, +lag, wie mir scheint, an einer gewissen persönlichen +Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die nun einmal den +heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich geworden; +unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, +sollte das Gepräge sein, das das Allgemeine, das +Göttliche, uns zueignet; aber es ist eine Maske geworden, +unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere Herzen +sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen +Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, +um die sich in Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit +mehr als Tolstoi etwas Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, +Lächerliches. Die meisten von ihnen sind +durch die Worte des Paulus gerichtet: „Und wenn ich mit +Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe +nicht, so wäre ich ein klingendes Erz und eine tönende +Schelle.“ Sie wären wohl auch niemals auf den Markt +getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten, und +mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem +glaubenslosen Klima nicht aussetzen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">232</a></span></p><p>An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer +tritt bei den allzu persönlichen, ungläubigen Menschen unserer +Zeit, bei den „Heuchlern und Gleisnern“ die Medisance. +Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist, +und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man +rächt sich daran durch einen Spott, der zu höflich ist, um +eine Herausforderung zu sein, und witzig genug, um sich +nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die Duldsamkeit +ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit +oder Angst vor dem Kampfe.</p> + +<p>Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen +den Grundsatz der Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er +es für unsinnig erklärte, Irrende dadurch überzeugen zu +wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber solle +man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten, +der in einer Hand die Kelle führte und baute, in +der anderen das Schwert, um sein Werk gegen die Feinde +zu verteidigen. In einem brieflichen Gutachten an seinen +kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte: „Man +lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, +und wider was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es +müssen Secten seyen (1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes +muß zu Felde liegen und kämpfen, daher auch die Evangelisten +heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig +ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor +uns nicht furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so +wird er sich vor ihnen auch nicht, noch vor jemand furchten. +Man lasse die Geister aufeinander platzen und treffen. +Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem +Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche +fallen und wund werden; wer aber redlich ficht, wird +gekrönt werden.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span></p><p>Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später +für Gustav Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. +„Ein Christenleben soll ein Krieg sein, und die das Wort +haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen, das Schwert +in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen, +gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in +einer rechten Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.“</p> + +<p>Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während +seines Aufenthaltes in Lausanne eine Blindenanstalt zu +besuchen und beobachtete dort ein zehnjähriges Mädchen, +das taub, stumm und blind geboren war und bisher +ganz ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. +Sowie man dies Kind sich selbst überließ, das heißt, es +nicht anrührte, kauerte es sich mit an die Ohren hinaufgezogenen +Händen nieder, genau in der Haltung eines +Kindes vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens +auf, daß dies auch die Haltung der Wilden ist, wie verschiedene +Reisende sie beschrieben haben, unter anderem +Defoe: „Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie +auf der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen +und den Kopf zwischen beiden Händen auf die Knie herabgeneigt“; +und er erkannte es als die embryonische Haltung +der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt versuchte +man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt +herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, +die sie zwischen den Händen hin und her rollte: „Sie scheint +zu denken, daß dies zu etwas führen soll, erkennt deutlich +die Hand, welche ihr die Steine gibt, als eine freundliche +und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig da.“ +Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte +in ihr das Vergnügen an der Geselligkeit, und sie +begann zu lachen und in die Hände zu klatschen. „Ich +<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">234</a></span>habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art Ergreifenderes +gesehen“, erzählt Dickens, „als da man sie neulich +in die Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur +Klavierbegleitung im Chore sangen, und ihre Hand mit dem +Instrument in Zusammenhang setzte und hielt. Ein Schauer +durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller, +ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem +vergleichen, als mit der Wiederbelebung eines beinah toten +Menschen. Es war wahrhaft erschütternd, zu sehen, wie +die Empfindung der Musik die in ihr verschlossene Seele +erregte und aufscheuchte.“ Ich mußte an das Bild denken, +wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen +Dumpfheit daliegenden Menschen anrührt und durch das +Überströmen seiner Kraft das schlafende Herz weckt. Die +Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des ganz einsamen +Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, +das eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht +bewußt geworden ist; es ist die Stellung der Seele des an +Dementia, an Geistesabwesenheit Kranken, des sich selbst +anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und furchtsam zugleich +vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man +kann auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen +und des modernen Menschen. Und wie erschütternd, +daß Dickens durch jenes Schauspiel so erschüttert wurde, +der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch +in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, +der ihn von den anderen Menschen trennte, um +sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu reißen. In ganz +anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte +nach das Leben Luthers.</p> + +<p>Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur +indischen Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen +<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span>in die christliche Religion hineinlegen oder geradezu die indische +Philosophie über die christliche Religion erheben. +Religion ist nur das Christentum, ja, Christentum und +Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung der +Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die +Tat und das Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern +und zu Gottessöhnen macht. Der Christ weiß, daß +der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem vergossenen +Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch +unser Blut vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau +vergießt ihr Blut, indem sie Kinder hervorbringt und alle +Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der Mann, indem +er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß +reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, +ohne daß ich es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg +und Schwert denke, obwohl ja auch das in Betracht kommen +kann; Liebe ist tatsächlich ein Blutvergießen, die starke Bewegung +eines Herzens, das sein Blut durch den ganzen +Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.</p> + +<p>Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das +bewußt gewordene Ich. Setzt das Blut sich im Gehirn fest, +so wird es dem Herzen entzogen, das Dunkel des Allerheiligsten +wird allmählich hell gemacht, die Kraft in Wissen +verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es +ist ein großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt +es sich aber nicht rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie +Narziß verzaubert und verloren. Hier muß sich der Christ +seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn erkannte, +aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit +nicht für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern +seinen geringeren Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen +glauben, desto mehr sollten wir uns getrieben fühlen, uns +<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span>anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don Quichotte, +der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten +die modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, +unerhörte Opfer bringen, zu denen durchaus keine Gelegenheit +ist. Auch da kann man wieder von Luther lernen, daß +es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir +uns nicht mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten +quälen sollen, während wir nicht imstande sind, die einfachen, +von Gott gegebenen zu erfüllen.</p> + + + + +<h2><a name="brief22" id="brief22"></a><a href="#inhalt">XXII</a></h2> + + +<p><span class="initial">E</span>iner von den neuen Bibelübersetzern hat herausgefunden, +daß Luther den Spruch, es werde eher ein Kamel durch +ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher in das Reich Gottes +eingehen werde, falsch übersetzt habe, indem das betreffende +Wort nicht Nadelöhr, sondern eine besondere Tür, +ich glaube eine niedrige Stalltür heiße, durch welche ein +Kamel allenfalls, wenn auch mit Mühe, sich zwängen könne. +Dies erzählte jemand in einer Gesellschaft nicht ohne Genugtuung +und mit einer gewissen Schadenfreude, daß seinesgleichen +durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn +er etwa hinein wolle. Ich finde, man könnte immerhin beim +Nadelöhr bleiben, das am anschaulichsten ausdrückt, was +die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers war, daß +es nicht unmöglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten +sei, wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man +muß nur bedenken, daß das Reich Gottes das Reich des +Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche der Welt, dem +äußeren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie Äußeres und +Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die +Welt verdichtet, insofern man für Geld die äußeren Güter +haben kann, und Geld ist also schon ein Ausdruck dafür, +<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span>daß jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein Ergebnis, +ein Aushängeschild der Welt, das beweist und nicht erst +noch bewiesen zu werden braucht. Es beweist, daß, wenn +nicht der Reiche selbst, so doch seine Eltern oder entferntere +Vorfahren Weltmenschen waren, und daß seine eigene Neigung +zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, daß +seine weltliche Erbschaft dadurch beeinträchtigt würde. Letzteres +ist auch aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum +wird auf einem Höhepunkte der Kraft erworben, die bei den +Erben schon nachzulassen anfängt; es kann demnach in der +Regel nur ein geringes Maß von Kraft auf die Erwerbung +der geistigen Güter verwendet werden. Auch vererbt sich +die weltliche Begabung, welche den Vorfahren zu Erfolgen +in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem negativen +Sinne, daß die Flügel, deren der Geistesmensch bedarf, durch +langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.</p> + +<p>„Niemand wickelt sich in weltliche Geschäfte, der göttlicher +Ritterschaft warten will“, sagte Paulus. Es ist unmöglich, +daß jemand, der stark im Geiste lebt, im Kampfe +um äußere Güter siegreich sein, überhaupt sich in ihn ernstlich +einlassen wird. Und „wo Christus ist, da ist auch Armut“, +sagt Luther. Verdient ein Auserwählter etwa auch +Geld, so wird er es doch nicht festhalten können, da er zum +Geben, Mitteilen und Verschwenden überhaupt geneigt sein +wird. „Wer liebt, verschwendet allezeit.“ Es wird aber +auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt +bezahlt nur, was ihr nützt, die Wahrheit nützt ihr aber +durchaus nicht, steht eher im Gegensatz zu ihr oder geht sie +nichts an. Erst wenn das Göttliche verweltlicht ist, wenn +die Idee irgendwie für weltliche Zwecke ausgebeutet werden +kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr +zu leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus +<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span>jetzt ohne Ausweis, der seine Identität feststellte, so würde +er wieder gekreuzigt in irgendeiner Form, obwohl die Welt +sich nach seinem Namen nennt.</p> + +<p>Luther sagte nun allerdings, es könne wohl auch ein +Reicher ins Himmelreich kommen, wenn er nämlich geistig +arm sei, das soll heißen, wenn er seinen Reichtum so habe, +als habe er ihn nicht, als könne er ihn jeden Augenblick +verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeinträchtigt +zu werden. In den Händen solle das Gut sein, nicht im +Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist es aber nicht im +Herzen, so wird es auch leicht aus den Händen fließen. Und +wie sollte jemand, der die Möglichkeit hat, die Welt zu genießen, +nicht dazu verlockt werden, es zu tun? Das würde +auf einen Mangel an Kraft und Genußfähigkeit oder an +ein Überwiegen der Moral, also auch wieder auf eine geistige +Hemmung deuten. Genießt einer aber die Welt, so +wird er dadurch allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. +Ganz besonders wird einem göttlichen Herzen durch +die Hilfsbedürftigkeit derer, die kein Geld haben, überflüssige +Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.</p> + +<p>Es empört mich, wenn man mit einer gewissen hochmütigen +Nachsicht über die Unordnung urteilt, die in den Finanzen +des alternden Rembrandt herrschte. Es geht gegen die göttliche +Logik, daß ein Genie ein guter Haushalter ist; ist es +doch einer, so gehört das zu den Freiheiten, die Gott sich +seinen Gesetzen gegenüber herausnimmt. Goethe wird deswegen +von allen Weltmenschen auf den Schild gehoben, +weil er zu beweisen scheint, daß man Weltmann und Genie +zugleich sein könne; und es ist gewiß, daß er einer von den +„hochgeistlichen“ Menschen war, wie Luther es ausdrückte, +die sich tief in die Welt verwickeln können, ohne ihren göttlichen +Geist dabei einzubüßen. Andererseits beruht dies +<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span>Phänomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer Selbstbeschränkung, +auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermöglichte +die Erscheinung eines vollständig abgerollten, auf allen +seinen Stufen mustergültigen Lebens, das bewundernswert +ist, aber nicht bewundernswerter als ein kürzer zusammengedrängtes +und schneller verschwendetes wie das von Shakespeare, +Beethoven oder Luther. Es ist wahr, daß man auch +in weltlichen Dingen, ich meine in weltlich fördernden +Dingen, von Goethe lernen kann; aber braucht man ein +Genie dazu? Wenn nur das Göttliche mit ihm erscheint, +das niemand lernen kann, das aber überspringt und zündet +wie der Funke von der Flamme.</p> + +<p>Luther hätte sehr reich werden können, mir scheint, einer +der reichsten Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt +doch keinen Schriftsteller, der so gelesen worden wäre. Er +hielt aber daran fest, kein Geld für seine Bücher zu nehmen, +und lebte von einem dürftigen Professorengehalte. +Einmal hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen +bekennen, Schulden. Er nahm alle Zufluchtsuchenden bei +sich auf, beschenkte alle Armen und Bettler, wenn er sonst +nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die ihm zuweilen +verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein +Bauer gewesen und habe keine Bedürfnisse gehabt. Jeder +geniale Mensch hat eine starke Sinnlichkeit, sieht gern Schönes, +liebt Wohllaut, süße Gerüche und Wohlschmeckendes. +Die Frömmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen +wollten, machten es Luther zum Vorwurf, daß er die Laute +spiele, Hemden mit bunten Bändern trage, Bilder in seinem +Zimmer hängen habe und gern guten Wein trinke. Er hatte +sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrauß mitgenommen +und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er +für seine Person anspruchslos und konnte mit dem Apostel +<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span>Paulus sagen: „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; +ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beides, satt +sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden.“</p> + +<p>Mir scheint, es wäre nicht so durchaus zu beklagen, wenn +der Krieg zu einer Verarmung Europas führte; vielmehr +ist vielleicht gerade das mit der Zweck des Krieges, aber +nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite +eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands +durch den Dreißigjährigen, den verheerendsten aller +Kriege, gesprochen; in Wirklichkeit hat er nur die Armen +ganz arm, die Reichen hat er reicher gemacht. Auf dem +Lande namentlich und auch in den Städten war Dürftigkeit, +an den Höfen war Überfluß sondergleichen; Reichtum +und Armut waren also sehr scharf voneinander geschieden +und bildeten einen starken Gegensatz. Auf der einen Seite +war äußerste Selbstsucht und Genußfähigkeit, auf der anderen +Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen +Herzen der Gequälten wuchs die Musik Bachs, ein Baum +des Lebens, tropfend in allen Zweigen von Unsterblichkeit. +Gott ist <span class="antiqua"><span class="ins" title="consummans">consumens</span> et abbrevians</span>: es wird unendlich viel +Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schönheit +und Wahrheit, in die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses +hatten die Armen den Glauben. Wie mochte jenen +evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde +zu schützen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und +niedergestochen wurden und mitten im Sterben beteten: +Ich werde nicht sterben, sondern leben! Die Ungläubigen +verlachten das, da sie von dem Leben, das jene empfanden, +nichts wußten. Armut ist nur unerträglich für Gottlose +und in gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen +Zeiten die Wohltätigkeitsbestrebungen der Heuchler und +Gleisner, die die Armen nicht wahrhaft beglücken können, +<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span>was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist; sondern der +ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Genüsse +dadurch von jeder Einschränkung zu befreien. Die +wohleingerichteten Arbeiterheime und dergleichen muten an +wie Friedhöfe, wo das Lebendige vermodert; ausgepumpte, +luftleere Räume, wo die Menschen zu Mumien werden. +Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, +als daß der Krieg es wieder zum Chaos stampft.</p> + +<p>Ich brauche, denke ich, nicht zu erwähnen, daß Luther +weit entfernt war, den Müßiggang zu loben. Seine eigene +Tätigkeit schildert er in einem Briefe einmal so: „Ich brauche +beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast nichts den +Tag über als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich +bin Prediger bei Tisch, man begehrt mich täglich zum Predigen +in der Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, +ich bin Ordensvikar, das ist soviel wie ein elffacher Prior, +ich bin gesetzt über den Leitzkauer Fischteich, ich bin Sachwalter +der Herzberger Mönche zu Torgau, ich lese über +Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu +kommt das Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine +Gebetsstunden ordentlich zu feiern, neben den mir eigenen +Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel; sieh, was +ich für ein müßiger Mensch bin.“</p> + +<p>Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des ärgsten +Unglaubens bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, +allerdings ein Beweis des Mißtrauens in Gottes Kraft oder +Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine Form, in der +die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im +Sparen und Geizen äußert sich mehr die Sucht nach Ruhe, +die Angst vor Widerständen und dem Kampfe dagegen. +Überwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt zum +Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gänzlich +<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span>dem Kampf entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche +Fälle pflegte Luther mit den Worten abzutun: lasset die +Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine äußere Hemmung, +die nicht weggenommen werden kann, ohne daß +innere, viel gefährlichere Hemmungen eintreten, deren letzte +der Tod ist.</p> + +<p>Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, +daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot +verdienen soll. Mit Hinblick auf dies Gebot bekämpfte +Luther unter anderem das Mönchsleben, wo der einzelne +zwar Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu +entziehen. In den Tischreden sagt er: „Am sichersten ists, +daß einer in einem gemeinen Stande sei und lebe, wie auch +Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer gemeiner +Mann, gelebt und kein sonderliches Leben geführt hat. +Nicht in Winkeln und Kammern.“ Das wiederholt er an +anderer Stelle und gebraucht dabei den Ausdruck, Christus +habe nicht wie ein Unhold gelebt.</p> + +<p>Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für +Auserwählte halten, vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit +zurückgezogen. Sie heiraten nicht, wenn sie arm +sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens, +Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen +zu werden, sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille +von Schlössern und Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und +schwach sein, das solche Schädlichkeiten nicht verzehren kann, +nicht vielmehr durch sie angeregt wird.</p> + +<p>Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im +Mangel eine äußere Hemmung gesetzt ist, die leichter zu +überwinden ist als diejenige, die der Überfluß ins Innere +treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten, wenn +man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäre +<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span>aber nicht eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe +stellte, die Welt ganz zu erleben und dennoch zu bändigen.</p> + +<p>Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den +Völkern: sie haben ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie +sie reich werden, werden sie auch weltlich. Beides ist berechtigt; +nur muß man nicht glauben, daß man beides zugleich +sein könne.</p> + +<p>Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, +es sei gewiß wahr, daß das Leben nicht im Denken oder +Träumen, sondern im Wirken sei, und es sei sonderbar, daß +die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten, unter +der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, +wenn sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß +sie dadurch des Kampfes ums Dasein überhoben wären.</p> + +<p>Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die +Todessehnsucht, sich der Menschen bemächtigte, organisierten +sie den Maschinenstaat und die Geldwirtschaft. Wenn die +aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe abgelöst +werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden +sie Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. +Ebenso geht es mit dem Gelde, wenn es von +dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst wird. +Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die +Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung +des kraftvollen, arbeitenden und Werte schaffenden Menschen +und hat die Auflösung mehr und mehr befördert, hat +die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter. +Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, +er führt nur die materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft +<span class="antiqua">ad absurdum</span>; ein verjüngtes Leben, dessen Wesen +schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf Naturalwirtschaft +begründet sein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span></p><p>Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene +Flügel; aber sie tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. +Erst wenn wir sie abgeworfen haben, werden wir wieder +fliegen können.</p> + + + + +<h2><a name="brief23" id="brief23"></a><a href="#inhalt">XXIII</a></h2> + + +<p><span class="initial">A</span>ls von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort +die Rede war, erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet +hat, wie es die unwillkürlichen Vorgänge im Menschen +stört, wenn man die Aufmerksamkeit darauf lenkt. Das +geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu +gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie +das Sprichwort wohl weiß: Was man in der Jugend wünscht, +hat man im Alter die Fülle. Nietzsche bemerkte sehr gut +und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst erfahren, +daß eine gewisse „feurige Pressiertheit“ dem Erfolge im +Wege stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich +besonders nachdrücklich auf die Stellen wirft, die er im +tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer zutiefst weiß, +daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein +anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht +werden kann. Wie dem auch sei, man muß Gott „Raum +lassen“, man muß überhaupt die selbsttätigen Kräfte zuweilen +von sich werfen, damit sie einen nicht auffressen. Man muß +in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im Schweigen, +im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen +von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie +eines Tages ganz abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von +der Gasse, daß nur wer gehorchen gelernt hat, befehlen kann, +und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird keine Taten +tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen, +die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen +<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span>ist; nicht die Ruhe der Erschöpfung, sondern +lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das köstlichste und +unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der Schlaf: +tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht +täglich neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben +gegenüber göttlich, und so ist es der Tod dem ganzen Leben +gegenüber: er ist der tiefste Brunnen der Vergessenheit, aus +dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und jung auftauchen +wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich +viel tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden +Sonne, und er wird tiefer auflösen, tiefer verwandeln.</p> + +<p>Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung +von der Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen +Lebewesens oder der lebendigen Substanz, gemacht? Diese +Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können das, +bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber +sie sind auch keine Personen, sie sind und haben nichts für +sich. Wenn eine Amöbe sich teilt, so ist es unmöglich, zu +sagen, welche die Mutter und welche die Tochter sei: es ist +immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz +selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt +sich die Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen +hat es noch leicht, seine Schlacken abzusondern; dem vielzelligen +wird das immer schwerer und schwerer gemacht: +wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind. +Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift +auch niemals zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott: +<span class="antiqua">Qui solus habet immortalitatem</span> – Der allein Unsterblichkeit +hat.</p> + +<p>Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, +war Luther wohl bekannt; er drückte sie mit den Worten +aus: Gott in seiner Natur kann nicht sterben. Ebenso hat +<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span>die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gepredigt, +daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die +Kraft ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist +die große Tragödie des Menschen, auf welche das Alte +Testament hinweist, und die im Neuen Testament unter Teilnahme +der erbebenden Natur sich vollzieht.</p> + +<p>Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, +und daß nur die göttliche Kraft bleibt, die sich in +ihm offenbarte, das ist in der Geschichte vom Kreuzestode +des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich dargestellt. +Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann +doch die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger +ausdrücken, als diese Stunde des ewigen Abschieds. +Allerdings ist es ja gerade die Schönheit des verhältnismäßig +unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir heidnisch +nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit +Christus konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen +Todes Erlebnis werden.</p> + +<p>Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, +daß er nicht einmal seinen Namen genannt habe, sondern +er habe zu Adam gesagt: von Erde bist du genommen und +sollst wieder Erde werden. „Ach, wenn Adams Fall nicht +alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur +Gottes wäre doch der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis +und Weisheit! Wie seliglich hätte er gelebt ohne alle +Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne alles +Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche +Leben abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude +gehabt und wäre eine feine, lustige Veränderung und Verwechselung +aller Dinge gewesen. Wie in diesem elenden +Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten +entworfen und abgemalet hat.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span></p><p>Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir +nicht sterben; aber gerade um Erhaltung unseres Selbst, +das des Sterbens Ursache ist, ist es uns zu tun. Der dringende +Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu wissen, +ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel +und der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels +herauslesen, in welchem sie persönlich weiterleben dürfen.</p> + +<p>Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche +Zustände. Schon in den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes +waren, stellte er folgende Sätze auf: „Ist ein Sterbender +von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine +Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise +große Furcht, und zwar um so größere, je geringer jene ist. +Diese Furcht und dies Grauen sind an sich selbst hinreichend, +um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie dem Grauen +der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, +unterscheiden sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie +Verzweifeln, beinahe Verzweifeln und des Heils gewiß sein. +Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer Milderung +des Grauens und Mehrung der Liebe.“</p> + +<p>Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben +an den sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: „Denn +wenn der Mensch sein [inneres] Übel empfände, so würde er die +Hölle empfinden; denn er hat die Hölle in sich selbst.“ Dementsprechend +über den Himmel: „Alle diese Güter sind leibliche +Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch +hat viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; +das ist, er hat in sich den Glauben an Christum … Denn +wenn ein Christenmensch dasselbige Gut sichtbar empfände, +so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, wie +Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben +hat, hat die Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort +<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span>Gottes hat, hat Gott, den Schöpfer aller Dinge. Und wenn +der Seele offenbar würde, was das für große Güter wären, +so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor +überschwenglicher Gnadenfülle.“</p> + +<p>Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches +Gottes, daß es nicht in äußerlichen Gebärden stehe, daß es +inwendig in uns sei, sind bekannt; und wie er den Juden +vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche +Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des +Inneren auftut. Dies ist so klar und oft betont, daß die +Menschen, die sich ein Studium aus Gott und den göttlichen +Dingen gemacht haben, es notwendigerweise eingesehen +haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres +Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um +etwas teils mit den Sinnen Ergreifbares, teils außer der +Erscheinungswelt Bestehendes. So hat man zum Beispiel +es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines umfassenden, +vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern +des Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther +nicht tat. Und doch hat gerade Luther immer hervorgehoben, +daß die Alten in weltlichen Dingen, die Sittlichkeit inbegriffen, +den Christen weit überlegen waren, in allem, was +Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, +was Kultur betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er +ihnen unbedingt ein; was er ihnen absprach, war die Kraft +des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren Persönlichkeitsbewußtsein, +den inneren Spaltungen und der überwindenden +Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas +wie eine verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich +große Männer und edle Frauen im Gespräch ergingen, und +er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte vertrauten +Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon +<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span>abgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen +ein Werturteil aus, welches sie von den Christen nicht +wesentlich unterschied, während Luther einen wesentlichen +Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die Seligkeit +des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der +zwar auch unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und +im Gegensatz zu seinem bewußten Selbst schafft? Kann das +Gefühl des naiven Menschen so innig sein, wie das dessen, +der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens +hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn +nicht der Hölle abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn +man sie nur von außen sieht, nicht auch in ihr Inneres eingedrungen +ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen auf +sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort +nicht zu brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber +eine solche Seligkeit wie der christliche Märtyrer, der, während +sein Körper brannte, über sich den Himmel offen sah? +Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren Kultur der +Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen, +des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen +Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, +wenn er sie ganz erfaßte, ahnte Zwingli nichts und begriff +infolgedessen auch nicht, was für Probleme Luther stellte.</p> + +<p>Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich +als im Inneren des Menschen liegend gekennzeichnet +ist, wie deutlich ferner öfters gesagt wird, daß Gott die +Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich, daß +doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode +als Lehre der Bibel angenommen wird. Dies liegt nun +zum Teil daran, daß die Menschen geneigt sind, zu glauben, +was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas der +Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlich +<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span>zumeist wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache +der großen Dichter, denen wir die Heilige Schrift verdanken. +In bezug auf die Schilderung der Auferstehung der +Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitel +<span class="antiqua">verba allegorica</span> wären. Das geht auf das Blasen der +Posaune und das Hinaufgerücktwerden der Toten in die +Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas anderes ist es mit +der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die +natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther +sagte, man würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von +der Auferstehung des Leibes und nicht von der Auferstehung +des Fleisches spräche; woraus hervorgeht, daß es sich für +ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen +handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das +Wort Gestalt, wie zum Beispiel an der Stelle im Evangelium, +daß Christus, obwohl er voll göttlicher Gestalt gewesen +sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er war, +heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder +die vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner +Laufbahn disputierte Luther einmal über Platos Ideenlehre, +deren Verwandtschaft mit der christlichen er jedenfalls erkannte; +er gab aber seine ursprüngliche Absicht, die Lehre +des Christentums philosophisch zu begründen, aus Instinkt +vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. +Doch spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung +von Cicero, und wie ihm das Argument zu +Herzen gegangen sei: „Daß er aus dem, daß die lebendigen +Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm +ähnlich und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein +Gott sei.“ Gott ist die Einheit in der Vielheit, das Bleibende +im Wandel. „Ich bin, der sich nicht verändert.“</p> + +<p>Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und +<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span>gar im Stoffe, ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät +außer der Erscheinung, das Ding an sich, ist ein bloßer, +vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit wir auch die +Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen, +sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich +klar und schön auseinandersetzt, in einer anderen +Körperlichkeit, als die unseren Sinnen vertraut ist. +Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte Einheit des Stoffes, +die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber +keine Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon +während seines persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich +und unwandelbar ist, soweit bleibt er auch in jener +ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur wir nichts aussagen +können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich +nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade +auf der Annahme persönlicher Fortdauer, während der Christ +glaubt, daß nur die Substanz unsterblich ist. Luther lehnte +den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an die Möglichkeit +des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts +als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, +auch wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung +oder Selbsttäuschung.</p> + +<p>Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee +eines Bildes hat, seines Ebenbildes; denn welcher Künstler +schüfe im Grunde jemals etwas anderes als sein Ebenbild, +wenn auch in unendlich vielen, immer neuen Gestaltungen. +In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte +Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz +und gar; trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen +Orte und zu einer gewissen Zeit erschien, unterstand +er auch dem Gesetze der Vielheit und ist mit der Menschheit +verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper, wie +<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span>sie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt +war, Gott zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, +seine Himmelfahrt aus; soweit wir Christus anziehen, +das heißt sein Gottesbewußtsein teilen können, teilen wir +auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus zahllosen +Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas +ist und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen +Farbentupfen lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild +sich der Vollendung näherte, desto mehr sich des ganzen +Bildes bewußt werden, vollständig aber erst könnte es der +letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee +des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen +Idee teilhaben, wenn sie sich mit ihm identifizierten. „Es +fährt niemand gen Himmel, denn der herabgefahren ist, +Jesus Christus.“ Die Idee allein ist ewig, wir können nur +ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum +wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir +das ewige Leben haben wollen, und daß das ewige Leben +bereits in diesem Leben beginnen muß. Nicht daß wir Christus +nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste, wenigstens +nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen +werden, denn dadurch werden wir „Mitgenossen der göttlichen +Natur“. Diese Identifikation der Menschen mit Christus +liegt nun einerseits darin, daß Christus sich in der +Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie an +ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der +Menschheit Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi +Auferstehung täglich sich vollende, wenn wir hernach kämen. +„Denn Christi Auferstehung und unsere muß man zusammenbinden +und aneinanderhängen als für eine, weil er unser +Haupt ist.“ Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling +derer, die schlafen: die Menschheit ist in ihm verewigt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span></p><p>„Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, +als fahre Christus auf und nieder“, sagte Luther einmal. +Der Geist bewegt sich nicht von einem Orte zum anderen, +wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall gegenwärtig. +Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches +ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß +er aber nie aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des +Auffahrens nach oben sich unwillkürlich einstellt, kommt daher, +daß der Mensch das Maß aller Dinge ist, und daß das +Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich +offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, +in unserem Körper oben liegt.</p> + +<p>Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige +Unsterblichkeit, und ich gebe zu, uns eingefleischte Menschen +kann nichts über den Verlust des Persönlichen trösten. Luther +selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod für die größte +Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit +seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode +ringen, ihn herausfordern und verachten, dann wieder mit +wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie man Schlangen +tut mit Musik.</p> + +<p>Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivität, hätte die +Welt vernichten müssen, wenn sie nur leidend gewesen wäre; +er habe deswegen eine Aktivität in sie gesetzt, die seine eigene +hemmte, und habe sich dadurch ermöglicht, trotz beständigen +Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem +ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. +„Ich sage euch ein Geheimnis“, sagt Paulus, +„wir werden nicht ganz entschlafen, sondern wir werden verwandelt +werden.“ Dies Geheimnis eröffnet eine fabelhafte +Aussicht.</p> + +<p>Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Künstler zu denken, +<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span>der inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, +ewig etwas Neues ausgießt aus den Ideen durch das Werk. +Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja Schaffen, und im selben +Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet hat, beginnt +er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch +persönlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. „Ich +bin bei euch bis an das Ende der Tage.“ Insofern hatte +Nietzsche recht mit der Mahnung, wir sollten den Alp von +uns werfen, als wären wir Epigonen. Die Menschheit ist +immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie Christus +immer zugleich künftig und vergangen. Zwar gibt es immer +irgendwo Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorläufer. +Daß Christus wiederkommen werde, ist in der Heiligen +Schrift ausdrücklich gesagt; nur hebt das den Christus, den +wir aus der Schrift kennen, nicht auf.</p> + +<p>Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe +wie die christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. +Es ist sehr wohl möglich, daß Nietzsche darin nicht von +Luther beeinflußt war, denn Ideen offenbaren sich nicht nur +einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben seine schönen +darauf bezüglichen Phantasien dem Wesen nach große Ähnlichkeit +mit denen Luthers in den Tischreden. „Dieser Finger, +daran dieser Ring steckt, muß mein wieder werden“, sagt er da. +Und die Erde werde nicht leer, wüste und einödig sein, sondern +alles werde da sein, was dazu gehört, „Schafe, Ochsen, +Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder Luft +nicht sein kann“. Indessen nahm Luther bei der Restitution +der Dinge doch eine Veränderung an, wie er denn sagt, auf +dieser neuen Erde werde Gott Hündlein schaffen, deren Haut +werde golden sein und ihre Haare oder Locken von Edelstein. +Das Wesen der Veränderung soll aber nach seiner +Auffassung offenbar im Menschen liegen. „Denn ein Herz, +<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span>das voll Freuden ist, was es siehet, das ist ihm alles fröhlich; +aber ein traurig Herz, dem ist alles traurig, was es +siehet. Änderung des Herzens ist eine große Änderung.“ +Er pflegte oft zu klagen, daß er schwach im Glauben sei +und darum so wenig vermöchte, während der wahre Christ +in Gott allmächtig sein sollte. In einer Vermehrung der +Kraft sollte wesentlich die Seligkeit bestehen. „Wenn ich +werde zum Ziegelstein sagen, daß er ein Smaragd werde, so +wirds von Stund an geschehen.“ Luther hatte viele Augenblicke +im Leben, wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, +so wie die Griechen aus ihrem schäbigen Purpur die Götterfarbe +machten. „Änderung des Herzens ist eine große Änderung.“ +In einer Kräftigung des Herzens liegt jede Vergöttlichung, +und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen +Himmel und eine neue Erde schaffen, viel weiter und breiter +als heute, so wird er das auch nur durch Erneuerung des +Herzens tun.</p> + +<p>Ich erwähnte vorhin, daß Luther den Heiden die Seligkeit +absprach. Doch äußert er sich gelegentlich auch anders, +so in den Tischreden über Cicero: „Cicero, ein weiser und +fleißiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich hoffe, unser +Herrgott werde ihm und seinesgleichen gnädig sein. Wiewohl +uns nicht gebührt, das gewiß zu sagen noch zu definieren +und schließen, sondern sollen bei dem Wort, das uns +offenbart ist, bleiben: ‚Wer glaubet und getauft wird, der +wird selig‘; daß aber Gott nicht könnte dispensieren und +einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Völkern; +da gebühret uns nicht zu wissen Zeit und Maße. Denn +es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde werden, viel +weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl einem +jeglichen geben nach seinem Gefallen.“</p> + +<p>Das sind Phantasien über die Einheit des Menschengeschlechtes, +<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span>wie Luther auch gern über die Zugehörigkeit des +Tierreichs zu den Menschen, ja, über die Einheit der ganzen +Schöpfung phantasierte.</p> + +<p>Gewiß ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im +Feuer. „Der Herr unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ +Das Feuer, Gott in seiner Majestät, wird am Jüngsten Tage +alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er wird +sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, +der zugleich Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er +alles wiederbringen so wie es war? Gibt es ewige Höllenstrafen? +ewige Vernichtung dessen, was einmal war? Das +sind Fragen, über denen Luther wohl einmal träumte, um +sich schließlich doch gläubig der allmächtigen Gotteshand +anzuvertrauen. Er hatte ein bewundernswert feines Gefühl +für die Grenze des Allerheiligsten, jenseit welcher das +heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten +ihn dort zurück, und er verbot eindringlich, darüber zu grübeln, +was Gott mit den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich +sagte er hingegen, was er nicht glaubte, nämlich eine Fortdauer +der Person; ist doch Erweiterung, das ist Überwindung +des Persönlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem +sagt, daß dieser selbe Finger ihm wieder werden müsse, so +ist das wohl nicht so aufzufassen, als werde er wissen, daß +dies der Finger Martin Luthers sei; sondern es bedeutet, +daß alles, was erschienen ist, stets wieder erscheinen müsse, +als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im Werdenden. +Jedenfalls gibt es kein gröberes Mißverständnis, +als wenn jemand sich einbildete, er wäre der wiedererschienene +Martin Luther oder der wiedererschienene Christus. Für +uns kann es keinen anderen Martin Luther geben als den +historischen und keinen anderen Christus als den historischen; +fühlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, +<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span>daß die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig +sich verändernden Körpers, daß es aber doch unzertrennlich +mit ihm verbunden ist.</p> + +<p>Der Schauder der Frühe überläuft die Erde schon; doch +bitte ich dich, mir noch ein Weilchen zuzuhören: es ist süß, +den Abschied hinauszuschieben, indem man vom Abschied +plaudert.</p> + +<p>Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich +zum Stoffe und im Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine +Strahlen zurückwerfen kann, damit Gott seiner bewußt wird, +sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern muß sich vom Ganzen +absondern, sonst wäre er ja Gott selbst und könnte Gott +sich nicht in ihm spiegeln: er hüllt sich in eine Kruste oder +Haut, die ihn vom Nicht-Ich abschließt, zugleich aber mit +dem Nicht-Ich verbindet. Die Haut ist reizbar, empfindlich; +als ein Teil der Einheit, die in der Vielheit erscheint, ist das +Einzelwesen berührbar durch die Kraft, die in zahllosen +anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch +welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt +sich allmählich auf verschiedene Zonen: der Mensch +empfindet die Außenwelt nicht nur mehr als Ganzes, sondern +er sieht, er hört sie, er schmeckt, riecht und fühlt sie. Mit +der Zeit aber, im Maße, wie das göttliche Feuer, welches +das Einzelwesen für sich von der feurigen Gottheit zugeteilt +bekam, verbraucht und verwandelt wird, erstarrt die Kruste +und wird mürbe; die Haut wird runzlig, der Körper zerfällt. +Wenn das Gehäuse, durch welches wir von Gott, dem Ganzen, +dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden +Welt verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung +mit der erscheinenden Welt abgerissen, wir sind wieder +eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind wie Prinzen, +die aus ihrem Königreich verbannt wurden. Damit man +<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span>nicht erkennt, welchen Geblüts sie sind, tragen sie eine +schützende Maske, bald diese, bald jene, und es kann vorkommen, +daß sie in einem Kostüm heimisch werden und die +Krone und den Purpur, der ihnen gebührte, fast vergessen. +Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen +dürfen, um ihre königliche Herrlichkeit anzulegen, um die +bunte Maske traurig sein, die sie in der Verbannung vermummte? +Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so +schön sind, daß der Gedanke an ihre Vergänglichkeit mir +das Herz zerreißt. Aber kommt das vielleicht daher, daß +ich diese durchsichtigen Verkleidungen liebe, durch welche der +Stern, der die göttliche Abkunft verrät, verhängnisvoll hindurchscheint? +Schon erfaßt sein strenges Feuer das farbenselige +Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; +das, was unerreichbar über allem Irdischen steht, wird gegenwärtig. +Das Vollendete macht glücklich und traurig zugleich; +trotz der morgendlichen Helle kann ich dich nicht sehen +vor Tränen.</p> + + + + +<h2><a name="brief24" id="brief24"></a><a href="#inhalt">XXIV</a></h2> + + +<p><span class="initial">D</span>u hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, +und ich glaube auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte +mit unheiligen Händen das Heilige zerfleischt, ich hätte +getan wie ein Kind, das sein Spielzeug entzwei macht, um +zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es entsetzt +auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, +ich habe häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie +doch für dich. Erinnere dich, daß du mir schriebest, ich solle +dir Gott beweisen; du tatest es wohl nur so leichthin, und +doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an der +Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn +wir unserem Herzen trauen – was die allerwenigsten tun –, +<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span>denken wollen, was wir glauben. Gott ist ja auch kein +Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich etwas anhaben +könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir +nicht; da wir einmal angefangen haben, das Wort von +der Lippe abzulösen und Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, +in der Luft schwebende und darum endlose Gedanken +daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung weiterdenken: +darin waren sich alle Reformatoren einig, daß +der Glaube beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. +Ich meine, die Verzweiflung durchbricht schon das laute Pochen +auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein Johannes kommen, +der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe +herbeigekommen! Wie schön ist dieses „denn“! Wäre das +Himmelreich nicht nah, so verzweifelten wir auch nicht, die +Gnade begegnet schon der Buße.</p> + +<p>Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; +er habe einem den alten, weihnachtlichen Gottvater im +Himmel geraubt, zugleich aber geahnt, was er den Menschen +damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten. +Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: +er stand auf einer schmalen Grenzscheide zwischen +dem Reich der Phantasie und des Glaubens und dem der +Wissenschaft und des Denkens, in das seine Zeitgenossen +sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das +Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte +er freilich nicht ändern, daß es eine natürliche Einheit für +ihn auch nicht mehr war. Er konnte und mußte denken +wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte auch glauben +und lieben und aus Liebe handeln, was die andern +nicht konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm +vorzuwerfen, sollte die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte +verbieten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span></p><p>Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal +über Sätze der Platonischen Philosophie und gab sich auch +Mühe, die Heilige Schrift mit der scholastischen Philosophie +in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen Aussage +gab er es auf, weil es zu schwer sei, die „mehr als tartarische +Verwirrung“ zu lösen, die daraus hervorgeht, daß +gleiche Ausdrücke für ganz verschiedene Begriffe gebraucht +werden. Die Neigung, den Ideengehalt der Religion +wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches +doch eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem +mächtig in ihm und tobte sich in Anfechtungen aus, +da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug auf seine gelegentlichen +Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich +zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, +er tue zuweilen dasselbe, wofür er die Scholastiker +gescholten habe, daß sie von Gott sprächen wie der Schuster +vom Leder.</p> + +<p>Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde +bestand aus „rohen Bauern und einfältiger Jugend“ und +Männern, die überwiegend mit Verstand begabt waren, +Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade +im Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte +die Zudringlichkeit und Indiskretion solcher Menschen, die +erst das Geistige, das Hörbare, vom Sichtbaren trennen, +und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch halten, +durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern +zu können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. +Darum war er ängstlich, das Denken an die göttlichen +Dinge herankommen zu lassen, und beim Abendmahlstreit +brach es aus ihm heraus: „Das weiß Gott, ich schreibe +solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche +Hunde und Säue kommen.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span></p><p>Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß +die Kritik sich am dreistesten an die höchsten Dinge macht, +weil sie ja sie am wenigsten versteht und deswegen am meisten +haßt?</p> + +<p>Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das +Recht der freien Forschung verkündete, das begriffen seine +Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen, Juristen und +Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand +auf die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte +Wort an den Mittelpunkt zu binden, das übersahen +sie geflissentlich oder legten es buchstäblich aus. In +seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren +Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde +wie einen Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, +aber sie vor dem Schicksal derer behüten sollte, die +sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen Fingern zu berühren.</p> + +<p>Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, +erklärte sich Luther einverstanden mit der Art der +Behandlung des Christentums, die Melanchthon in seinen +<span class="antiqua">loci communes</span> ausarbeitete: danach sollte über die göttliche +Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung +nicht spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus +allein halten und mit den Forderungen des Gesetzes und +Verheißungen des Evangeliums begnügen. Luther, der +Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge +aber hieß das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; +man schnitt Christus und sein Wort ab von seiner mystischen +Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er immer +blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus +der Religion Moral werden können, wenn man das Geheimnis +nicht zugedeckt hätte. Das Evangelium, der Ausdruck +<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span>des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein +Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer +Block darin, losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. +Nicht Luthers Schuld war das, sondern die seiner +Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten hielten, die +beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, +und damit Gott aus der Welt schafften.</p> + +<p>Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle +Gott nur in seinem Wort und Werk suchen. „Gott ist entweder +sichtlich oder unsichtlich. Sichtlich ist er in seinem +Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht ist, +da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo +nicht finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber +wollen Gott mit ihrem Spekulieren ergreifen, da wird nichts +aus; ergreifen den leidigen Teufel dafür, der will auch Gott +sein.“</p> + +<p>Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther +hätte sagen müssen: sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich +in seinem Wort.</p> + +<p>Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit +einem von der Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an +sich, ein Hantieren mit Begriffen oder ein angebliches +Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener, +willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, +das heißt mit der Idee zusammenhängendes Denken +nichts hatte, geht unter anderem aus folgender Briefstelle +hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines adligen +Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig +werden könne.</p> + +<p>„Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein +und lauter Glaube da sein. Es gehet sonst ohne gräuliche +fährliche Ärgernis nicht ab, und wo hierein fallen (wie +<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span>denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten +will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und +mit der Natur Licht dies ansehn wollen, die stehen gar +nahe dabei, daß sie einen großen Sturz und Fall nehmen, +und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott geraten, +dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu +raten ist, daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, +bis sie baß im Glauben erwachsen, und dieweil, wie +S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und soliden, starken +Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi +üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst +wird ihnen geschehen nach dem Spruch Salomonis: <span class="antiqua">Quis +scrutator est Majestatis opprimetur a gloria.</span> Wer nach der +Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit verdrucken. Sind +es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden sie +nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche +und versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann +man nichts Nützlichers denn solichs handeln. Denn wie +der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist er der +Alten Erquickung des Lebens. – Wer nicht glaubt, der ist +schon gericht.“</p> + +<p>Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen +Leuten versteht Luther solche, die nur kritisch denken und +infolgedessen nur einzelnes erfassen können; einfältige, tiefe, +geistliche, im Glauben versuchte Menschen sind ihm die, +welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung das +ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen +außerweltlichen Gott denken, also etwas, was eigentlich gar +nicht ist, etwas Erdichtetes, womit sie sich gegenseitig täuschen; +diese, daß Gott lebt, und Leben ist Wirken, Wirken +der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem. +Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk +<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span>Gottes ohne Nutzen, höchstens zu seinem Schaden; aber +„der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“, +wie es in den Korintherbriefen heißt. „Der natürliche +Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm +eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es muß +geistig gerichtet sein. Der geistige aber richtet alles und +wird von niemand gerichtet.“</p> + +<p>Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren +über die Absichten Gottes in der Führung der Menschen; +warum es einem Guten schlecht ginge, warum einem Bösen +gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse, +warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man +sieht aus der Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit +entfernt die Zeitgenossen Luthers davon waren, was Gott +überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im Grunde doch alle +einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat, für +ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten +seiner Kinder zu sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen +abwerfendes Vermögen zu hinterlassen. Er war der Gott +des großen Haufens, der für Erhaltung jedes einzelnen +und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, +zu sehen, wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen +suchte voll Besorgnis, sie könnten dann von Gott +gar nichts mehr wissen wollen. Es war ihm lächerlich, daß +die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den allerweltlichsten +Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte +ihnen vor, daß ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig +sein könnten; aber er unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, +daß er das alles wohl auch noch überflüssig dazu gebe. Er +erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide, gesagt +habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge +bitten, sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, +<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span>daß es einem gut und dienlich sei; aber er wußte, daß die +„verkehrte Art“ Wunder und Zeichen verlangte, durch die +Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß der +Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, +Gott müsse doch den Weltlauf ändern können, wenn er +allmächtig sei. Er erklärte, wenn geschrieben stehe, daß +Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu verstehen, +als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf +ihre Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, +wodurch sie innerlich und im Geiste über die Hohen +der Welt erhoben würden. Er suchte stets die Logik des +Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue; aber +zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige +gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von +Gott als von einer persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, +nicht etwa vom Schicksal oder von der Weltseele, nicht +einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei anderen +eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst +immer wieder in Staunen und Schrecken setzte. „Darum“, +sagte er, „wenn wir der Gottheit gedenken, so müssen wir +Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott +und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und +Raum.“ Immer wieder stieß er sich an seinen Zeitgenossen, +die Gott entweder grobsinnlich sich vorstellten oder ihn in +leere Begriffe auflösten.</p> + +<p>Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles +Kind oder ein Mann, in dessen kraftvollem Ich das göttliche +Ich sich spiegelt. Deshalb ist in kraftvollen Zeiten, +wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich +und das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: +der Mann erkennt ihn in seinem eigenen +Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit der Phantasie. +<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span>Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die +Kraft sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß +Gott in jedem Menschen sei, so erregte das grobe Mißverständnisse, +und man warf ihm vor, er wolle, wie man +sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die +Verbindung des einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; +mit Gottlosen davon zu sprechen ist gefährlich.</p> + +<p>Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte +Weltbewußtsein wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen +gesucht; aber, besonders Schiller, doch im Geiste +ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte: „Welche +Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. – +Und warum keine? Aus Religion.“ Goethe empfand zwar viel +einheitlicher, doch war auch seine Überzeugung: „Wer darf ihn +nennen? Und wer bekennen: ich glaub ihn? Gefühl ist alles; +Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.“ Das +ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot überkommt +das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, +daß Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, +sagte Luther mit David, und liebe deine Gesetze. Gott +ist nicht im Unsichtbaren und nicht im Sichtbaren, sondern in +der Wirkung des Unsichtbaren auf das Sichtbare, woraus +Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat +oder Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht +im Sein. In der bildenden Kunst muß die Kraft Form +werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort, in der +Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen +jeder Tag und jede Erscheinung göttlich und darum heilig +ist; trotzdem wollte er den Glauben an das Abendmahl +gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit diesem +Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer +und überall anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem +<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span>von Gott gestifteten Kult tun, und jeder einzelne ist ein +Teil der Gemeinde.</p> + +<p>Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den +Späteren doch am nächsten stand, das Fehlen einer Kirche +begriffen und tief beklagt. In seinem Märchen hat er von +den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und der +Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen +Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. „Ach! warum +steht der Tempel nicht am Flusse!“ Wenn es aber an der +Zeit ist, wird er aus der Tiefe an das Licht des Tages auftauchen.</p> + +<p>Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, +das Innere am Äußeren zu demonstrieren; das war +nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu seiner Zeit. +Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben +aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben +ins Schauen übergehen könnte. Die Idee, Gott in seiner +Majestät, wird immer im heiligen Dunkel bleiben; aber +die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr mannigfaches +Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und +je besser man das erkennt, desto besser erkennt man +Gott, der es trägt. Da die Form, in der eine Idee sich +ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so +muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und +zwar ohne sie zu betasten und zu entweihen. Durch die +Erkenntnis der Natur nähert man sich Gott mit dem Verstande +und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch +das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben +vielleicht die Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen +Gottesverehrung den Weg bereitet.</p> + +<p>Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich +das nicht in bezug auf Luther. Ein genialer Mensch, ein +<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span>solcher, dessen großes Herz Geist und Natur zusammenbinden +kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein, weil +Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der +mittelbare Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit +mußte die Möglichkeit dieses mittelbaren Zusammenhanges +erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben wieder +hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem +unterirdischen Gange, den sie sich gegraben haben, wieder +ans Licht zu wollen; vom umgekehrten Standpunkte aus +gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder ins Dunkel +des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, +siebenmal geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter +über den göttlichen Geheimnissen, Diener am Wort und +Sakrament sein wird? Kein Geistlicher, sondern ein Geistmensch.</p> + +<p>Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit +entwickelt: in dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis +die Götterbilder, und die altchristliche Kirche war +im Innern der Erde, woran die Krypta der romanischen +Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, +wenn sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster +einließ, die ihre Mauern auflösten, wogte es chaotisch; +erst die Kirchen der Renaissance, des Barock und Rokoko +ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste in +einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit +fehlte, wie in der reformierten Kirche, herrschte statt der +Weltfreudigkeit die schamlose Nüchternheit des bloßen Verstandes. +Nun gibt es nur zwei Wege, die zum Berge der +Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, +das ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das +Dunkel heiliger Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides +zusammenfallen kann, daß „die wahren Göttersöhne“ unter +<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span>den Sternen anbeten, daß die sichtbare Kirche begrenzt ist. Was +hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen zu tun! Er +schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen Hofmusiker +Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des +Psalms bat, den er vor allen liebte. „Obwohl mein Name verhaßt +ist, so daß ich fürchten muß, daß dieser Brief, den ich dir +schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher von dir empfangen +und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur +Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt +sehe, diese Furcht überwunden. Diese Liebe gibt +mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief nicht Gefahr +bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, +wenn einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe +ich doch auch deine bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir +gar nicht gnädig sind, und verehre sie vor andern, weil sie +die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein Zweifel, +daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die +Musik lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen +und Steinen für ähnlich.“ So dachte und sprach Luther +in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo er heimisch war. Das +Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und Protestantismus; +aber gerade weil es unsichtbar ist, kann +es in der Welt nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder +sichtbaren Kirche oder Akademie oder was für eine Korporation +es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast sein, +die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft +wann und wohin es will.</p> + +<p>Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? +Mir scheint, nur das, daß die eine, allgemeine, sichtbare +Kirche sich mächtig auf die Erde gründen, mit der +Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre +Diener, Christus ihr Haupt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span></p><p>Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem +Götterbild, das sie verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden +Raum. Der Augenblick der Schöpfung ist bald +da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es bleibt +noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung +zu antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. +Du schreibst, die Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich +in dem Verse Goethes zusammenfassen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,<br /></span> +<span class="i0">So bist du alles, bist unüberwindlich.<br /></span> +</div></div> + +<p>Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr +in ein häßliches Gegenteil um, wenn man es bewußt +sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit, Naivität. Ich +müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles +geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine +Masse vermehren. Das wäre wohl richtig, wenn meine +Worte etwas anderes sein wollten, als Wegweiser zum +Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die +Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß +du ihrer bedarfst; ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten +dir nicht mehr als ein Spiegel sein, in dem man sich +zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst jemand, +sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens +zu betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der +sicherste zum Ziel ist.</p> + +<p>In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine +Nacht gibt es ein Titelbild, wo zu sehen ist, wie der +Sultan der vor ihm knienden Scheherazade verzeiht. Darüber +mußte ich immer lachen, denn es schien mir, als hätte +er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie +ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und +so bittet denn auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, +<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span>mit dem Schwerte trennend, ihr den redseligen Mund endgültig +schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist die +Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der +Erde, und die summenden Sterne verlieren sich; nun rede +du, nein, vielmehr nun handle du!</p> + +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***</p> +<p>******* This file should be named 39430-h.txt or 39430-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/4/3/39430">http://www.gutenberg.org/3/9/4/3/39430</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a> + +*** END: FULL LICENSE *** +</pre> +</body> +</html> diff --git a/39430-h/images/diagram_p118.png b/39430-h/images/diagram_p118.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5cde69a --- /dev/null +++ b/39430-h/images/diagram_p118.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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