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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-08 09:31:45 -0800
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--- /dev/null
+++ b/41883-0.txt
@@ -0,0 +1,2746 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 ***
+
+Gesänge
+aus den drei
+Reichen
+
+
+Ausgewählte Gedichte
+von
+Franz Werfel
+
+
+Kurt Wolff Verlag
+Leipzig
+
+
+Bücherei
+Der jüngste Tag
+29./30. Band
+Zweite Auflage
+
+
+Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+Aus
+»Der Weltfreund«
+Gedichte
+1911
+
+
+
+
+
+An den Leser
+
+
+ Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!
+ Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
+ Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im
+ Abendschein,
+ Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
+
+ Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
+ Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
+ Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
+ Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!
+
+ Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß
+ Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,
+ Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
+ Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten
+ stellen.
+
+ Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,
+ Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.
+ Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,
+ Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.
+
+ So gehöre ich Dir und Allen!
+ Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!
+ O, könnte es einmal geschehn,
+ Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!
+
+
+
+
+Kindersonntagsausflug
+
+
+ Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.
+ Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.
+ Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke,
+ Gerüste und Piloten,
+ Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!
+
+ Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine
+ Seegeschichten.
+ Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.
+ An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und
+ Ankerlichten,
+ An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und
+ Malayen schrein.
+
+ Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien
+ eingefangen.
+ Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.
+ Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen
+ sprangen,
+ Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die
+ Maschinen unter uns stampften und rührten sich.
+
+ Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,
+ Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem
+ Wahnsinn fort,
+ Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne
+ Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. --
+
+ Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,
+ Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.
+ Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,
+ Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten
+ sie hervor.
+
+ Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,
+ Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.
+ Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,
+ Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde
+ Militärmusik.
+
+
+
+
+Der dicke Mann im Spiegel
+
+
+ Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert,
+ Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert.
+ Tag war heut so blau,
+ Mit der Kinderfrau
+ Wurde ja im Stadtpark promeniert.
+
+ Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort
+ Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.
+ Eben abgelegt,
+ Hängt er unbewegt,
+ Klein und müde an der Türe dort.
+
+ Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,
+ Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,
+ Lieblich stand verwundert,
+ Der vorher getschundert
+ Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.
+
+ Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht
+ Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.
+ Oft zu schnöder Zeit,
+ Hör im Traum ich weit
+ Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.
+
+ Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?
+ Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.
+ Wenn sie doch schon käme
+ Und es mit sich nähme,
+ Das dort oben leise singt, das Licht!
+
+ Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,
+ Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.
+ Nur der dicke Mann
+ Schaut mich hilflos an,
+ Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt.
+
+
+
+
+Im winterlichen Hospital
+
+
+ Himmel wird sich bald entblättern,
+ Aber Licht ist noch genug.
+ Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern
+ Von Winterwind ein Flug.
+ Und dunkle Sonne im Wasserkrug.
+
+ Draußen gibt es Blumen zu kaufen,
+ Da sind Kinder vorübergelaufen.
+ Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.
+ Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .
+
+ O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren!
+ Doch kann ich noch spüren,
+ Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen
+ Vom Lande stößt.
+
+ Vorbei -- vorbei
+ An Wildnis und Fläche!
+ Dort stürzen Bäche,
+ Schon atmet die Steppe,
+ Die ewige frei. . .
+
+ Was tönt im Haus,
+ Gedämpft über die Treppe?
+ Ist die Besuchsstunde schon aus?
+ Jetzt liegen die kranken Brüder da,
+ Einen lieben Gegenstand in der Hand,
+ Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,
+ Und, ach, ein neuer Engelhornband.
+
+ Ich will nicht klagen, daß niemand
+ Im fremden Land
+ Meine Türe aufgetan
+ Freundlich mir zugewandt.
+
+ Wer trat herein?
+ So leicht und unbefangen,
+ Mit einem lila Shawl
+ Und tanzerregten Wangen,
+ Wie bei der Damenwahl?
+
+ Nun hat es sich doch erfüllt!
+ O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!
+ O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden
+ Erschlagene Krieger zu sein!
+
+ Da kamst Du immer dem treuen,
+ Dem Knaben Blumen zu streuen.
+ So ist es wieder geschehn?
+ Schon stürzten die Speere und Schilde,
+ Nun darf auch mein armes Gefilde
+ In Abend und Tränen stehn.
+
+ »Schwester, so spät ist es schon?«
+ »Ja, ich bringe die Abendbouillon.«
+
+ Treibe -- Treibe
+ Im Strome von dannen.
+ Rings breitet die Scheibe
+ Sich weiter Savannen.
+ An sandigen Stellen,
+ Im Dunkeln, im Hellen,
+ An niedrigen Feuern,
+ Nach Abenteuern
+ Gelagerte Männer
+ Bereiten ein Mahl.
+
+
+
+
+Sterben im Walde
+
+
+ Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,
+ Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen
+ Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.
+
+ Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.
+ Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.
+ Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.
+ Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.
+ Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.
+ Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.
+
+ Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,
+ Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine
+ Lippen nicht.
+
+ Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,
+ Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.
+
+ Und meine Seele fällt ein:
+ _Du bist auf der Welt!_
+ Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.
+
+
+
+
+Das Malheur
+
+
+ Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs
+ stumm,
+ Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.
+ Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,
+ Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.
+
+ Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.
+ Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.
+
+ Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und
+ Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.
+ Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.
+
+ In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in
+ den Schoß
+ Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut
+ und grenzenlos.
+
+ Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,
+ War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.
+
+
+
+
+Erzherzogin und Bürgermeister
+
+
+ Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,
+ Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.
+
+ Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,
+ War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.
+
+ Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.
+ Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.
+
+ Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise
+ und verzagt.
+ Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.
+
+ Und während sie manches sprach, was dachte sie?
+ Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.
+
+ Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen
+ vergaß,
+ Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.
+
+ Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses
+ Los,
+ Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.
+
+ Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,
+ Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,
+
+ Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,
+ Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.
+
+
+
+
+Der Patriarch
+
+
+ Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.
+ O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren!
+ Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren
+ Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.
+
+ Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch
+ Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.
+ Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,
+ In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.
+
+ Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,
+ Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,
+ Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!
+
+ Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,
+ Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,
+ Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten
+
+
+
+
+Solo des zarten Lumpen
+
+
+ Nun wieder eine Nacht durchjohlt
+ Ist rings der Stadtpark aufgewacht.
+ Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.
+ In der durchsichtigen Frühe.
+ Nach falschbekränzter Nacht
+ Hast Du mich eingeholt.
+
+ Wie ich Dich gestern sah. . .
+ Bewegte Straße glitt
+ Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,
+ Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,
+ Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,
+ Du Schlanke fern und nah!
+
+ Gefühl, geheimer Sinn
+ Und ein Gedanke kam.
+ Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten
+ Erden.
+ Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! --
+ Warum zerschmilzt mich Scham?
+ Was reißt mich Wonne hin?
+
+ Noch höher bist Du bald
+ Und weiter mir entrückt.
+ Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden
+ Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,
+ Von Schmerz und Glück bedrückt,
+ Nun mildere Gestalt!
+
+ In die Natur und Pflicht
+ Wächst lieblich Du hinein.
+ Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,
+ In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;
+ Du denkst an Dinge rein,
+ An Windeln, Kindgewicht.
+
+ Drum soll es so geschehn!
+ Von Wolken lieb umdrängt,
+ Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!
+ Ich will Dich bebend hochbeloben,
+ Und Blick und Bart gesenkt
+ Vor Dir in Andacht stehn.
+
+
+
+
+Der schöne strahlende Mensch
+
+
+ Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,
+ Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,
+ Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen
+ Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.
+
+ Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,
+ Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,
+ Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen
+ Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.
+
+ Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,
+ Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,
+ Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.
+
+ Ich will mich auf den Rasen niedersetzen
+ Und mit der Erde in den Abend fahren.
+ Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!
+
+
+
+
+Wanderlied
+
+
+ Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,
+ Die einst kies- und straßenüber klangen?
+ Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,
+ Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,
+ Deine Schritte laufen oder schleppen
+ Ewig weiter über Weg und Treppen.
+
+ Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,
+ Die Dein wallendes Gemüt geboren?
+ Hangend in den Häusern, unter Toren,
+ Sinken sie in vorbestimmte Ohren,
+ Bilden sich zu wunderlicher Stunde,
+ Und entflattern neu dem Enkelmunde.
+
+ Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,
+ Schritt und Worte, die ins Weite reisen?
+ Oder wähnst Du, daß der graue, alte
+ Ahnherr diese sprach und jene wallte?
+ Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,
+ Daß Du selbst der Bärtige gewesen?
+
+
+
+
+Der kriegerische Weltfreund
+
+
+ Schon bin ich voll und klar,
+ Dem noch so arg zu Mut.
+ Der bös und bitter war
+ Nun ist er gut.
+
+ Bosheit, die mich zerwirrt,
+ Rache und falscher Stoß,
+ Ach, meine Güte wird
+ An ihnen groß!
+
+ Schäumst Du noch, dunkles Blut,
+ Wenn Hohn sich feig vermummt,
+ Sternaufgebäumte Wut,
+ Bist Du verstummt?
+ Der sich zu Boden schmiß,
+ Keuchend und krankgehetzt,
+ Nachts in die Pölster biß
+ Wie tönt er jetzt?
+
+ Bosheit und feigen Hohn,
+ Alles, was falsch mich haßt,
+ -- O wie stark bin ich schon --
+ Lad ich zu Gast
+
+ Dämonen in Erz und Stahl
+ Wandeln sich, werden rein,
+ Stürze mit einem Mal
+ In mich herein.
+
+
+
+
+Ich habe eine gute Tat getan
+
+
+ Herz frohlocke!
+ Eine gute Tat habe ich getan.
+ Nun bin ich nicht mehr einsam.
+ Ein Mensch lebt,
+ Es lebt ein Mensch,
+ Dem die Augen sich feuchten,
+ Denkt er an mich.
+ Herz, frohlocke:
+ Es lebt ein Mensch!
+
+ Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
+ Denn ich habe eine gute Tat getan,
+ Frohlocke, Herz!
+ Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
+
+ Tausend gute Taten will ich tun!
+ Ich fühle schon,
+ Wie mich alles liebt,
+ Weil ich alles liebe!
+ Hinström ich voll Erkenntniswonne!
+ Du mein letztes, süßestes,
+ Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
+ _Wohlwollen!_
+ Tausend gute Taten will ich tun.
+
+ Schönste Befriedigung
+ Wird mir zu Teil:
+ Dankbarkeit!
+ Dankbarkeit der Welt.
+ Stille Gegenstände
+ Werfen sich mir in die Arme.
+ Stille Gegenstände,
+ Die ich in einer erfüllten Stunde
+ Wie brave Tiere streichelte.
+
+ Mein Schreibtisch knarrt,
+ Ich weiß, er will mich umarmen.
+ Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
+ Geheimnisvoll und ungeschickt
+ Klingen alle Saiten zusammen.
+ Das Buch, das ich lese
+ Blättert selbst sich auf.
+
+ . . . . . . . . . . . . . .
+ Ich habe eine gute Tat getan!
+
+ Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
+ Da werden mich die Bäume
+ Und Schlingpflanzen verfolgen,
+ Die Kräuter und Blumen
+ Holen mich ein,
+ Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
+ Zärtliche Zweige
+ Binden mich fest,
+ Blätter überrieseln mich,
+ Sanft wie ein dünner,
+ Schütterer Wassersturz.
+ Viele Hände greifen nach mir,
+ Viele grüne Hände
+ Ganz umnistet
+ Von Liebe und Lieblichkeit
+ Steh ich gefangen.
+
+ Ich habe eine gute Tat getan,
+ Voll Freude und Wohlwollens bin ich
+ Und nicht mehr einsam
+ Nein, nicht mehr einsam.
+ Frohlocke, mein Herz!
+
+
+
+
+Aus
+»Wir sind«
+Neue Gedichte
+1913
+
+
+
+
+
+Die Unverlassene
+(Der Besuch aus dem Elysium)
+
+
+ Es kommt die eine neue Nacht.
+ Du bist von Ferne aufgewacht,
+ Und neben Dir ist Schnarchen schwer.
+ Und ach vom Gitterbettchen her
+ Ein Weinen klein und unbewußt.
+ Da schlägst Du Deine Decke um,
+ Nimmst ohne Glück und stumm
+ Das Kind an Deine Brust.
+
+ Wenn mühsam Tag sich näher drängt
+ Und Dich in Erdenlos verfängt,
+ Wird Schoß und Lippe wissensschwer,
+ Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,
+ Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich,
+ Gedenke und erinnere Dich,
+ Daß jener Bot' aus besserer Welt
+ Dich seltsam in der Seele hält!
+
+ Weißt Du, weißt Du den Abendgang,
+ Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?
+ Wer fühlte einst im Elternhaus,
+ Wer Dich in Ewigkeit voraus?
+ Wenn Du Dich einsam meinst,
+ Wer kannte schon den Schmerzenston,
+ In wessen Kehle brannte schon
+ Das Weinen, das Du jetzt weinst?!
+
+
+
+
+Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
+
+
+ Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte
+ Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,
+ Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,
+ Mühselig Millionen Unterdrückte?
+
+ Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,
+ War Arbeit um uns und die Erde wärmte.
+ Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,
+ Es lebten und es starben Niebeglückte!
+
+ Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben,
+ So viele waren, die im Dumpfen stampften.
+ An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften.
+
+ Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!
+ Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,
+ Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!?
+
+
+
+
+Vater und Sohn
+
+
+ Wie wir einst im grenzenlosen Lieben
+ Späße der Unendlichkeit getrieben
+ Zu der Seligen Lust --
+ Uranos erschloß des Busens Bläue,
+ Und vereint in lustiger Kindertreue
+ Schaukelten wir da durch seine Brust.
+
+ Aber weh! der Äther ging verloren,
+ Welt erbraust und Körper ward geboren,
+ Nun sind wir entzweit.
+ Düster von erbosten Mittagsmählern
+ Treffen sich die Blicke stählern,
+ Feindlich und bereit.
+
+ Und in seinem schwarzen Mantelschwunge
+ Trägt der Alte wie der Junge
+ Eisen hassenswert.
+ Die sie reden, Worte, sind von kalter
+ Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,
+ Fahl und aufgezehrt.
+
+ Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe
+ Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!
+ Daß der Orkus widerhallt.
+ Und schon klirrt in unseren wilden Händen
+ Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden --
+ Höllische Gewalt.
+
+ Doch auch uns sind Abende beschieden
+ An des Tisches hauserhabenem Frieden,
+ Wo das Wirre schweigt,
+ Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,
+ Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,
+ Träne auf- und niedersteigt.
+
+ Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.
+ Späße der Unendlichkeit getrieben,
+ Ahnen wir im Traum.
+ Und die leichte Hand zuckt nach der greisen
+ Und in einer wunderbaren, leisen
+ Rührung stürzt der Raum.
+
+
+
+
+Die Witwe am Bette ihres Sohnes
+
+
+ Mit meinem verflackernden Lichte
+ Besuche ich, Kind, Deinen Traum.
+ Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte,
+ Doch faltet Dein Atem sich kaum.
+
+ Daß Du mich gestern verstießest,
+ Hat nimmer Dich bitter gemacht.
+ Daß Du mich alleine ließest
+ Die ängstliche Mitternacht.
+
+ Und doch. Ich will Dich bewegen
+ Zu Leben und nächtlichem Mut.
+ Dein mächtiges Treiben und Regen
+ Durchläuft meinen Schatten mit Blut.
+
+ O Sohn! Dein Zechen und Speisen
+ Nährt Deine Mutter, ich weiß.
+ Dein Lärmen und Becherkreisen
+ Bewegt meinen Lebenskreis.
+
+ Und wenn ich sitze und sticke,
+ Dies Leben ist in Dich entrückt,
+ Aus meinem vergehenden Blicke
+ In Deine Augen gezückt.
+
+ Wie ich Dich bebend getragen
+ Im heilig erkannten Schoß,
+ Du wuchsest an bildenden Tagen
+ Und schmerztest und wurdest groß.
+
+ Und wie Du aus mir gemündet,
+ In Himmel und Welt und Haus,
+ Und wie Du in mir Dich entzündet,
+ So lösche ich in Dir aus.
+
+ Mein Leben ist ein Sichergießen
+ In Dein gerundetes Licht,
+ Im leidenden Überfließen
+ Erfüll ich die weltliche Pflicht.
+
+ Bald bin ich nichts als Dein Lachen
+ Nichts als Deines Mundes Gebot.
+ Laß mich Deinen Schlaf bewachen,
+ Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.
+
+
+
+
+Balance der Welt
+
+
+ Ich klag' und klage: Harte Welt!
+ Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt,
+ Wie mir hier alles harte Welt,
+ So bin ich allem harte Welt!
+
+ Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.
+ Es dreht die alten Globen fort.
+ Und eh' noch unsre Zeit beginnt,
+ Werden wir schuldig, daß wir sind!
+
+ Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,
+ Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,
+ Fluchte der Vater seinem Sohn.
+ Du Weltgesandter bringst den Lohn.
+
+ Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug!
+ Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf!
+ Es bricht hier keine Wunde auf,
+ Die ich mir nicht in andern schlug.
+
+
+
+
+Der Feind
+
+
+ Mein Feind, dem ich entgegenspeie,
+ In meiner Brust versammelnd kleine Schreie
+ Und in den Händen ohne Mut
+ Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,
+ Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!
+ Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,
+ Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.
+ Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.
+
+ In mir steht der Erzengel groß,
+ Versöhnung bricht unendlich los.
+ Daß wir uns schlugen und zerrissen,
+ Mit dumpfem Witz und List beschmissen,
+
+ Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen,
+ Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.
+ Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,
+ Die Passion zu _diesem_ Augenblick!
+
+ Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,
+ Triumphtrompeten schnellen drunterher.
+ Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag.
+ Und golden durch mich donnert jüngster Tag!
+
+
+
+
+Eine alte Frau geht
+
+
+ Eine alte Frau geht wie ein runder Turm
+ Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.
+ Schwindet schon, indem sie keucht,
+ Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.
+ Wird nun bald in einem Torgang stehen.
+ Laute Stufen langsam aufwärts gehen,
+ Die vom trägen Treppenlichte feucht.
+
+ Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,
+ Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.
+ Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'.
+ Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen
+ Aufgehobene Kost von alten Tagen
+ Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.
+ Bleibt mit ihrem Leib und sich allein.
+
+ Und sie weiß nicht, wie sie kaut,
+ Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.
+ (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh')
+ Was aus ihr kam, steht in andern Toren,
+ Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,
+ Manchmal nur im Straßendrang verloren,
+ Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu.
+
+ Aber Mensch, gedenke Du in ihr,
+ Ungeheuer auf der Welt sind wir,
+ Da wir brachen in die Zeiten ein.
+ Wie wir in dem Unbekannten hängen,
+ Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen
+ Die ins letzte uns zusammendrängen.
+ Diese Welt ist nicht die Welt allein.
+
+ Wenn die Greisin durch die Stube schleift,
+ Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift.
+ Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.
+ Ja, sie fühlt sich wachsender in allem
+ Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,
+ Wenn aus einem kleinen Lampenwallen
+ Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.
+
+
+
+
+Nacht-Fragment.
+
+
+ Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.
+ Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn
+ Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,
+ die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?
+
+ So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.
+ -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. --
+ Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.
+ Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten.
+
+ Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!
+ Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.
+ Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,
+ Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!
+
+ Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum,
+ Suche den klaren Jungen im Waldpensionat!
+ Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad?
+ Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum.
+ Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen!
+ Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!
+
+
+
+
+Das erkaltende Herz
+
+
+ Geschwisterliebe war einst.
+ Ich lief mit dem Mädi über die Wege
+ Und die Himmel, die vielen waren rege,
+ Die unergründlichen Berge standen weit --
+ Und im Zimmer die stündliche Zeit.
+
+ Die Wagen und Reisen,
+ Vergangene Speisen,
+ Die Schmerzen und Strafen,
+ Am Abend das Licht,
+ Und unser Gesicht
+ War ganz von Seele verschlafen.
+
+ Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,
+ Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,
+ Bis treu der andre Atem kam.
+ Da war man so gewiß,
+ Daß Gott sei und man niemals lahm
+ Und niemals anders würde.
+ das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .
+ Geschwisterliebe war einst.
+ Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.
+ Am Abend werden die Fenster groß.
+ Da läßt mich mein Atem los,
+ Und der Tod ist ganz in der Näh'.
+
+ Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,
+ Da hat sich etwas gerächt.
+ Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn --
+ Und die Zähne sind worden schlecht.
+
+ Und der Mund, der nichts ließ,
+ Jetzt kann er euch alle lassen
+ Und das Herz kann nicht fassen,
+ Wie es einst hieß!
+ Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,
+ Hinter welkendem Glas,
+ Die ewigen Photographien?
+
+
+
+
+Der göttliche Portier
+
+
+ Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,
+ Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.
+ Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.
+ Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!
+ Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,
+ Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,
+ Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,
+ Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.
+
+ Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!
+ Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter
+ Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.
+
+ Die winterlichen Tressen klingeln mild,
+ Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter
+ Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.
+
+
+
+
+Ein Lebens-Lied
+
+
+ Feindschaft ist unzulänglich.
+ Der Wille und die Taten,
+ Ein erdbewußtes Leben
+ In sich, was sind sie, Welt?
+ Es schwebt in jedem Schicksal,
+ Im Schritt der Lust und Schmerzen,
+ Im Morden und Umarmen,
+ _Anmut des Menschlichen!_
+
+ Nur das ist unvergänglich!
+ Sahst Du die wilden Augen
+ Buckliger Bauernmädchen?
+ Sahst Du, wie sie sich langsam
+ Weltdamenhaft verschleiern,
+ Sahst Du in ihnen blinken,
+ Das Grün von Festestraden,
+ Musik und Lampennacht?
+
+ Sahst Du den Bart von Kranken,
+ Ihr Wolken über Pappeln,
+ Wie er an Gott erinnert,
+ Getaucht in einen Sturm?
+ Sahst Du die große Güte
+ Im Sterben eines Kindes?
+ Wie uns der holde Körper
+ Mit Zärtlichkeit entglitt?
+
+ Sahst Du das Traurigwerden
+ Von Mädchen an, am Abend?
+ Wie sie die Küchen ordnen
+ Und fern, wie Heilige sind.
+ Sahst Du die schönen Hände
+ Durchfurchter Nachtgendarme,
+ Wenn sie den Hund liebkosen
+ Mit grobem Liebeswort?
+
+ Wer handelnd sich empörte,
+ Bedenke doch!! Unsagbar
+ Mit Reden und Gestalten
+ Sind wir uns fern und nah!
+ Daß wir hier stehn und sitzen,
+ Wer kann's beklommen fassen?!
+ Doch über allen Worten
+ Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!!
+
+
+
+
+Ein Anderes
+
+
+ Daß einmal mein dies Leben war,
+ Daß in ihm jene Kiefern standen
+ Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
+
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und? Atem einer breiten Schar.
+ Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
+ O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+
+
+
+Amore
+
+
+ Wenn noch die Eitelkeit
+ Das Auge Dir entweiht,
+ Ist kommen nicht die Zeit.
+
+ Solang Du noch willst stehn
+ Auf Podien, gesehn,
+ Kann Glück's Dir nicht geschehn.
+
+ Wer sich noch nicht zerbrach,
+ Sich öffnend jeder Schmach,
+ Ist Gottes noch nicht wach.
+
+ Wer noch mit Eifer spitzt,
+ Daß er ein Weib besitzt,
+ Ist noch nicht ausgewitzt.
+
+ Erst wenn ein Mensch zerging
+ In jedem Tier und Ding,
+ Zu lieben er anfing.
+
+ Erst wer Erfüllung floh,
+ Wächst an zum Höchsten so,
+ Wird letzter Sehnsucht froh.
+
+ Erst wer sich jauchzend bot
+ Der Schande und der Not
+ Und zehnfach jedem Tod,
+
+ Im heiligen Verzicht,
+ Vor Liebe ihm zerbricht
+ Sein irdisch Angesicht!
+
+ Wohin schwillt er empor!
+ Was schwingt er überm Chor
+ Unendlich sein amor'!!
+
+
+
+
+Ich bin ja noch ein Kind
+
+
+ O Herr, zerreiße mich!
+ Ich bin ja noch ein Kind.
+ Und wage doch zu singen.
+ Und nenne Dich.
+ Und sage von den Dingen:
+ Wir sind!
+
+ Ich öffne meinen Mund,
+ Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten.
+ Ich bin gesund,
+ Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.
+ Ich hielt mich nie an groben Pfosten,
+ Wie Frauen in der schweren Stund'.
+
+ Nie müht' ich mich durch müde Nacht
+ Wie Droschkengäule, treu erhaben,
+ Die ihrer Umwelt längst entflohn!
+ (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton
+ Der Frauenschritte und allem, was lacht.)
+ Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.
+
+ Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,
+ Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,
+ Wenn die Notschüsse dröhnen,
+ Wenn die Rakete zitternd aufsteht.
+ Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,
+ O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.
+
+ Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken
+ Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!
+ Nie hab ich im Asyl gedarbt,
+ Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,
+ Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,
+ Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!
+
+ Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut,
+ Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen
+ Der Winde, die sich überbauschen,
+ Ein Antlitz böse oder gut?
+ Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?
+ Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?
+
+ Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.
+ Und hast die tausendfache Qual gefunden,
+ Du hast in jedem Weib entbunden,
+ Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,
+ In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,
+ Und Hure warst Du, manchem Kavalier!
+
+ O Herr, zerreiße mich!
+ Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?
+ Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.
+ Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!
+ Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.
+ O Herr, zerreiße mich!
+
+ Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,
+ In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,
+ Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.
+ Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,
+ Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,
+ Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!
+
+ Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind,
+ In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,
+ Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.
+ (Ich bin Dein Kind.)
+ Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!
+ Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!
+
+
+
+
+Aus
+»Einander«
+Oden Lieder Gestalten
+1915
+
+
+
+
+
+Lächeln Atmen Schreiten
+
+
+ Schöpfe Du, trage Du, halte
+ Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!
+ Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt
+ All übers Antlitz.
+ Lächeln ist keine Falte,
+ Lächeln ist Wesen vom Licht.
+ Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.
+ Nicht die Sonne ist Licht,
+ Erst im Menschengesicht
+ Wird das Licht als Lächeln geboren.
+ Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,
+ Aus den Toren der Augen wallte
+ Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,
+ Lächelns nieglühender Brand.
+ Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,
+ Schöpfe Du, trage Du, halte!
+
+ Lausche Du, horche Du, höre!
+ In der Nacht ist der Einklang des Atems los,
+ Der Atem, die Eintracht des Busens groß.
+ Atem schwebt
+ Über Feindschaft finsterer Chöre.
+ Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.
+ Nicht der Wind, der sich taucht
+ In Weid, Wald und Strauch,
+ Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .
+ Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.
+ Aus den Lippen, den schweren,
+ Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,
+ Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.
+ Auf dem Windmeer des Atems hebt an
+ Die Segel zu brüsten im Rausche,
+ Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.
+ Horche Du, höre Du, lausche!
+
+ Sinke hin, kniee hin, weine!
+ Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!
+ Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!
+ Schreiten entführt
+ Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.
+ Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,
+ Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,
+ Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.
+ Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.
+ Mit dem Schreiten der Menschen tritt
+ Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.
+ Lächeln, Atem und Schritt
+ Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,
+ Die Welt fängt im Menschen an.
+ Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!
+ Weine hin, kniee hin, sinke!
+
+
+
+
+Das Jenseits
+
+
+ Wir kommen wieder, wir kehren heim
+ In Dich, Du gute Mutter unser.
+ Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,
+ Mild über die Stirne des Todes Flieder.
+
+ Wo fahren die feurigen Wolken hin,
+ Wo tanzen die mutigen Flüsse her,
+ Was will der Meere Spiel,
+ Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?
+
+ Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,
+ Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein,
+ Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,
+ Stärker als Tod ist Musik.
+
+ In unsere Mutter kehren wir ein . . .
+ Gott fährt über uns, der gute Mann,
+ Da heben wir an, und heben uns auf,
+ Arien selige schweben wir hin,
+
+ Und hängen im Herzen der Sterblichen,
+ Und locken die ewigen Tränen.
+ Träne, klarer Planet! Hier leben wir,
+ Leben in Gnade, sind nichts als Lied.
+
+
+
+
+Warum mein Gott
+
+
+ Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
+ Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht,
+ Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,
+ Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
+ Zur Eitelkeit des Worts,
+ Und daß ich dies füge,
+ Und trage vermessenen Stolz,
+ Und in der Ferne meiner selbst
+ Die Einsamkeit?!
+ Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott?
+
+ Warum, warum nicht gabst Du mir
+ Zwei Hände voll Hilfe,
+ Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?
+ Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,
+ Und Stirne überhangen
+ Von süßer Lampe der Demut?
+ Und einen Schritt durch tausend Straßen,
+ Am Abend zu tragen alle
+ Glocken der Erde
+ Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?!
+
+ Siehe es fiebern
+ So viele Kindlein jetzt im Abendbett,
+ Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.
+ Und dunkler Sünder starrt
+ In seines Himmels Ausgemessenheit.
+ Und jede Seele, fällt zur Nacht
+ Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.
+ Und alle drängen sich um eine Wärme,
+ Weil Winter ist
+ Und warme Schmerzenszeit.
+
+ Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,
+ Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,
+ Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,
+ Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!
+ Gegrüßet und geheißen:
+ Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!
+ Und daß ich raste auf den Ofenbänken,
+ Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,
+ Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,
+ Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!
+
+
+
+
+Die Tugend
+
+
+ Die Lüge ist das Weib des Potiphar,
+ Mit schleppenträgem Kleide angetan.
+ Das ist bemalt mit allem, was da war,
+ Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,
+ Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,
+ Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.
+ Und alles das, auf dem Gewande kreisend,
+ Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!
+
+ Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt
+ Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.
+ Was durcheinander Ding an Ding bewegt
+ Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.
+ Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,
+ Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.
+ Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,
+ Und in die Knie bricht im geringsten Winde.
+
+ Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!
+ Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.
+ Allein darin verbürgt sie uns das Licht,
+ Und in der Sünde wird es offenbar.
+ Durch unser Leiden werden wir gewahr,
+ Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.
+ Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,
+ Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.
+
+ So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,
+ Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!
+ Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,
+ Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.
+ O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,
+ Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.
+ Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,
+ Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.
+
+
+
+
+Veni creator spiritus
+
+
+ Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!
+ Den Marmor unsrer Form zerbrich!
+ Daß nicht mehr Mauer krank und hart
+ Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
+ Daß wir gemeinsam und nach oben
+ Wie Flammen ineinander toben!
+
+ Tauch auf aus unsern Flächen wund,
+ Delphin von aller Wesen Grund,
+ Alt allgemein und heiliger Fisch!
+ Komm reiner Geist, Du schöpferisch,
+ Nach dem wir ewig uns entfalten,
+ Kristallgesetz der Weltgestalten!
+
+ Wie sind wir alle Fremde doch!
+ Wie unterm letzten Hemde noch
+ Die Schattengreise im Spital
+ Sich hassen bis zum letzten Mal,
+ Und jeder, eh' er ostwärts mündet,
+ Allein sein Abendlicht entzündet,
+
+ So sind wir eitel eingespannt,
+ Und hocken bös an unserm Rand,
+ Und morden uns an jedem Tisch.
+ Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,
+ Aus uns empor mit tausend Flügen!
+ Zerbrich das Eis in unsern Zügen!
+
+ Daß tränenhaft und gut und gut
+ Aufsiede die entzückte Flut,
+ Daß nicht mehr fern und unerreicht
+ Ein Wesen um das andre schleicht,
+ Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,
+ Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!
+
+ Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,
+ Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,
+ Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,
+ Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,
+ Daß alle wir in Küssens Überflüssen
+ Nur Deine reine heilige Lippe küssen!
+
+
+
+
+Abschied
+Ein Fragment
+
+
+Stimme
+
+ War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,
+ War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,
+ War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,
+ War das alles ein Letztesmal,
+ Und ich ahnte den Abschied nicht?
+ Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,
+ Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.
+ Die boshafte Treppe im Haus,
+ Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,
+ Wie das dunkelselige Licht
+ Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,
+ Wissend höhnt mir die Treppe, nach.
+ Denn ich atmete nicht,
+ Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.
+
+Antwort
+
+ Es gibt nicht eine Stelle,
+ Die Du durch Dich nicht abgestellt.
+ Es gibt nicht eine Helle,
+ Die von Dir nicht ins Finster fällt.
+ Alle Welt ist Letztesmal
+ Abschied heißt jedes Tal.
+
+ Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,
+ Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.
+ Und doch, es eint,
+ Daß wir uns vorbeigeweint,
+ Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,
+ Niemals zu uns hinüberreichen!
+ _O Abschied, Brunnen aller Worte!_
+
+
+
+
+Der Erkennende
+
+
+ Menschen lieben uns, und unbeglückt
+ Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.
+ Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,
+ Und sind kalt und können sie verneinen.
+
+ Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?
+ Und uns Harte kann kein Gram erweichen.
+ Was wir lieben, das entrafft ein Ort,
+ Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.
+
+ Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!
+ Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.
+ Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.
+ Mein Besitz allein: Das zu erkennen.
+
+ Sieh den Freund, der Deine Speise teilt,
+ Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln.
+ Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt,
+ Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln.
+
+ Wenn ich walle durch den Lampenbann,
+ Meine Schritte höre, böse Wandrer,
+ Dann erwach ich, und bin nebenan,
+ Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!
+
+ Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,
+ Wo das Einsame sich teilt und spaltet
+ Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,
+ Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.
+
+ Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,
+ Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.
+ Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,
+ Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.
+
+
+
+
+Romanze einer Schlange
+
+
+ Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen
+ Erhaben stürzet Gold um Gold,
+ Unter dem Blau, das in Orkanen
+ Tiefdröhnend durcheinander rollt,
+ Roll ich mich im Gerölle,
+ In meiner Quader Hölle,
+ Und starre stolz nach den Alleen,
+ Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,
+ Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.
+
+ Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,
+ Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.
+ Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,
+ Und stürzet ab in ihren Tod,
+ Wenn ich mit meinem Blicke
+ Sie banne und bestricke.
+ Das Liebliche entgeht mir nicht!
+ Ich bin im Licht der Bösewicht,
+ Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.
+
+ Unendlich singen Amseln in den Kronen,
+ Und an den Quellen tönt die Kreatur.
+ Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,
+ Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.
+ Sind alle guten Wesen
+ Zu Müttern auserlesen,
+ So haßt mit Wut mich meine Brut,
+ Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,
+ Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.
+ Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen
+ Zum Wurm in dem umblauten Reich?!
+ Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,
+ Und ich allein will sein mir selber gleich.
+ Der Hölle siebentiefste Flammen,
+ Sie quälen nicht, den sie verdammen!
+ Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen
+ Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,
+ Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!
+
+
+
+
+Tempel-Traum
+
+
+ Wenn die Stunde saust,
+ Und die Frühe säumt,
+ Wacht der Schläfer schwer
+ Wie Ertrunkner auf.
+
+ Schlamm weilt auf der Stirn,
+ Und ins Haargewirr
+ Flechten Tang und Gras
+ Braunen Bettelkranz.
+
+ Und es ist ein Haus
+ Voll von Sang und Hall.
+ Lampe lebt in Rauch
+ Über Treppen hin.
+
+ Eine Mutter geht. . .
+ Und er weiß nicht wo,
+ Duft und Stimme wird
+ In der Höhe süß.
+
+ Doch ein Priester ernst
+ Schreitet in die Fern'
+ Seinem Stabe nach,
+ Goldnem Vogelknauf.
+
+ Und Vestalin sitzt
+ Bei dem Flammentier,
+ Springt ein Wind herein,
+ Hütet sie den Schoß.
+
+ Wo der Tempelbau
+ Oben offen ist,
+ Schwebt ein Adler groß
+ Unterm Morgenmeer.
+
+ Und die Schläferstirn
+ Löset ein Gesang,
+ Und das Herze wächst
+ Mit der Flut des Nils.
+
+
+
+
+Ein Abendgesang
+
+
+ Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,
+ Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,
+ Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,
+ Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.
+
+ Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen
+ In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,
+ Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen
+ Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!
+
+ Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,
+ Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,
+ Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze,
+ Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?
+
+ Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,
+ Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.
+ Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen
+ Ferne Gefühle unseren Odem ein.
+
+ Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,
+ Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.
+ Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider
+ Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.
+
+
+
+
+Mondlied eines Mädchens
+
+
+Für meine Schwester Hanna
+
+ Ich liege in gläsernem Wachen,
+ Gelöst mein Haar und Gesicht.
+ Am Boden in langsamen Lachen
+ Schwebt Mond, das unselige Licht.
+
+ Und wie mir die tödliche Helle
+ Die Stirn und das Auge befühlt,
+ Zerrinn ich und bin eine Welle,
+ Gekräuselt, entführt und gespült.
+
+ Die Mutter atmet daneben,
+ Der Vater schläft auf und ab.
+ Ich habe Attest um das Leben
+ Von allen, die ich lieb hab.
+
+ Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
+ Erzengel mit schrecklichem Schwert.
+ Ins Ohr weint mir immer, mir immer
+ Ein Kind, das mir nicht gehört.
+
+ Nachtlampe von tausend Betten
+ Des Leidens, der Mond mir scheint.
+ Ich möchte viel Schluchzendes retten,
+ Und bin es doch selbst, die weint.
+
+ All Ding im Zimmer verlassen,
+ Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.
+ Ich möchte das Ferne anfassen,
+ Nur sein eine streichelnde Hand!
+
+ Ich möchte mit Fröstelnden spielen,
+ Und halten die Kalten im Arm!
+ Ich fühle, die Reichen und Vielen
+ Sind Kinder vor mir und so arm!
+
+ Für alle muß ich mich sorgen,
+ Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .
+ Ich horche, wie in den Morgen
+ Der Atem von allen sich hebt.
+
+ Im Fenster wehn Bäume zerrissen,
+ Viel Himmel sind windig in Ruh.
+ Ich decke mit meinen Kissen
+ Die frierenden Welten zu.
+
+
+
+
+Eines alten Lehrers Stimme im Traum
+
+
+ Durch einen Traum der Straße oder gar
+ Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .
+ Von fern kam Deine Stimme wunderbar.
+ Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum
+ Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum
+ Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum
+ Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein.
+ In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,
+ Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,
+ Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.
+
+ Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt,
+ Und dachte an des Vaters Gestalt,
+ Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.
+ Die unter Sternen reisen, mild und kalt,
+ Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,
+ Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,
+ Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,
+ An eine Hand, vereist und brauner Art.
+ An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_.
+
+ Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,
+ Und liebend ein Sonntagswind,
+ Von fern erfuhr ich Deine Spur,
+ Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.
+ Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.
+ Und ob Du bist, oder im Traume nur.
+ Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,
+ Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,
+ Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,
+ Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.
+
+
+
+
+Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses
+
+
+Adam
+
+ Müde in den schmerzensreichen Schuhn,
+ Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .
+ Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,
+ Süßer Ort, aus dem ich angefangen!
+ Meinen Pack von alten Schultern nun
+ Werf ich ab mit einem langen, langen
+ Atem, um mich ganz in Dich zu tun.
+
+ Ja ich tauche auf aus allem Staub,
+ Süße Mauer, traumwärts hergebaute,
+ Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,
+ Als der Engel loderte im Laub!
+ Ja ich komme mit den schweren Rinnen,
+ Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.
+ Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,
+ Höre auf, mich zu beginnen!
+ Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.
+ Schlage eine kleine Bresche ein,
+ Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,
+ Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer
+ Windgefährte hebe an zu sein.
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Ich darf Dich nicht lassen ein,
+ Und darf mich nicht lassen aus,
+ Ich muß mich fassen ein,
+ Und gieße Dich in Gassen aus.
+ Mein Haus ist wüst,
+ Meinen Garten hast Du versandet,
+ Ich bins, der für Dich büßt.
+ Kein Schwan mehr landet
+ In meinem See, der hohlgeht und brandet.
+ Die alten Bäume sind verbrannt,
+ Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,
+ Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,
+ Aus meinem Beet und Rebenstand.
+ Im Herbst, wie eine alte Frau
+ Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,
+ So bettelhaft.
+ Dein ist die Kraft.
+ Mach, daß ich möge neu erstrahlen,
+ Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,
+ Den guten Garten wieder auferbau!
+
+Adam
+
+ Durch tausend abgespannte Stunden
+ Hab ich zu Dir mich hergefunden,
+ Du wirfst mich fort.
+
+Stimme auf dem Garten
+
+ Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,
+ Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.
+
+Adam
+
+ Erbarm Dich mein!
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Erbarm Dich mein!
+
+Adam
+
+ Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,
+ Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?
+ Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Ich habe meine Gnade ausgegeben,
+ Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,
+ Für Dich hab ich sie ganz,
+ Du nie für mich gebraucht.
+
+Adam
+
+ So wird dies Altern nimmer enden,
+ Und keine Heimat macht mich wieder klein?
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Bestelle mich mit Deinen Händen,
+ Und Heimat werden wir uns beide sein,
+ Und kehren ein!
+
+Adam
+
+ Weh, daß kein andres Wort mich tröste,
+ Und dies zurücke mich in Städte stößt!
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,
+ So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst.
+
+
+
+
+Luzifers Abendlied
+
+
+ Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,
+ Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .
+ Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,
+ Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.
+
+ Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.
+ Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.
+ Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen
+ Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.
+ Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer
+ Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.
+ Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer
+ Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.
+
+ Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen
+ Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.
+ Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen
+ Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.
+
+ Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!
+ Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.
+ Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,
+ Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.
+
+ Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.
+ Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.
+ Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.
+ Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.
+
+ Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,
+ Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!
+ Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,
+ Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.
+
+ Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,
+ Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt
+ Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten
+ Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.
+
+
+
+
+Held und Heiliger
+Prophezeiung an Alexander
+
+
+Held
+
+ Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,
+ Dem die Feuer um die Stirne laufen,
+ Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen
+ An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?
+
+Heiliger
+
+ Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,
+ Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!
+ Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,
+ Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.
+
+Held
+
+ Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,
+ Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.
+ Dieses Da ist da, daß ich es saufe,
+ Und wer mich säuft, meiner überlaufe!
+
+Heiliger
+
+ Eitelster, der auf dem Rosse reitet,
+ Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!
+ Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?
+ Wen Gott will, den muß er sich zerstören!
+
+Held
+
+ Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?
+ Gibt es Leben außer meinen Taten?
+ Du und Er und alle sieben Reiche
+ Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.
+
+Heiliger
+
+ Nennst Du Leben die verruchten Stunden?
+ Erst die Stunde, die Dich überwunden,
+ Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren
+ Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .
+
+Held
+
+ Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen.
+ Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen.
+ Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen.
+ Sterben alle, bleib ich doch bestehen.
+
+Heiliger
+(schon als Asche zusammensinkend)
+
+ Alexander über tausend Meeren,
+ Hör die Flammen an, die sich verzehren!
+ Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!
+ Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,
+ Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.
+ Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.
+ Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,
+ Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!
+ Daß er furchtbar seine Gnade wähle,
+ Rüste die noch nicht verdammte Seele!
+
+
+
+
+Alte Dienstboten
+
+
+ In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
+ Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
+ Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
+ Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
+ Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
+ Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
+ Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
+ Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
+ Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
+ Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
+ Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
+
+ Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
+ Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
+ Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
+ Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
+ Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
+ Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
+ Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
+ Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
+ Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .
+ Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
+ Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
+
+ Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
+ Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
+ Sich ohne Ende über meins erheben,
+ Das voll von Hoffart Worte machen mag.
+ Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
+ Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
+ O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
+ O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
+ O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
+ Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
+ Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
+
+
+
+
+Jesus und der Äser-Weg
+
+
+ Und als wir gingen von dem toten Hund,
+ Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,
+ Entführte, er uns diesem Meeres-Sund
+ Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.
+
+ Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,
+ Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,
+ Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,
+ Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.
+
+ Doch einer war, den jeder sanft erfand,
+ Und leiser jeder sah zu Tale fließen.
+ Und wie der Heiland süß sich umgewandt,
+ Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!
+
+ Er neigte nur das Haupt und ging voran,
+ Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,
+ Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,
+ Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten.
+
+ Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf
+ Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.
+ Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,
+ Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
+
+ Und da geschah, was uns die Augen schloß,
+ Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,
+ Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß
+ Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
+
+ Verbissene Ratten schwammen im Gezücht
+ Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,
+ Verweste Reh' und Esel und ein Licht
+ Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
+
+ Ein schweflig Stinken und so ohne Maß
+ Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,
+ Daß wir uns beugten übers gelbe Gras
+ Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
+
+ Der Heiland aber hob sich auf und schrie
+ Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:
+ »Mein Gott und Vater, höre mich und wende
+ Dies Grauen von mir und begnade die!
+
+ Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch
+ Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.
+ Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze
+ Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
+
+ Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,
+ Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,
+ Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!
+ Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!«
+
+ Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht
+ Von jenen Jagden, die wir alle kannten,
+ Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,
+ Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
+
+ Er neigte wild sich nieder und vergrub
+ Die Hände ins verderbliche Geziefer,
+ Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,
+ Von seiner Weiße sich erhub.
+
+ Er aber füllte seine Haare auf
+ Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,
+ Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,
+ Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
+
+ Und wie er so im dunklen Tage stand,
+ Brachen die Berge auf, und Löwen weinten
+ An seinem Knie, und die zum Flug vereinten
+ Wildgänse brausten nieder unverwandt.
+
+ Vier dunkle Sonnen tanzten lind,
+ Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte.
+ Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte
+ Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
+
+
+
+
+Neue Gedichte
+1916
+(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
+
+
+
+
+
+An den Richter
+
+
+ Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein
+ fremdes Bette.
+ Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der
+ aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
+ Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen
+ Dorfes und ich
+ Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
+
+ Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf
+ meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
+ Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet,
+ betet heiser.
+ Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um
+ Fieber zu messen;
+ Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte
+ des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
+
+ O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und
+ geschlagen.
+ Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
+ Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge,
+ gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im
+ Frevel und wertlos in der Reue,
+ Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein
+ Richter -- und muß mich hassen!
+
+ Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts
+ dagegen, bekenne dennoch:
+ Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und
+ schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch --
+ Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit
+ zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung,
+ Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
+ Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden
+ Vieh vergleiche.
+
+ Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich
+ wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
+ Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach
+ ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
+ Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
+ Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der
+ Schuld empören?!
+
+ Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht
+ ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
+ Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht,
+ Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
+ Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten
+ Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
+ Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du
+ bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
+
+ Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an
+ meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
+ Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu,
+ und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
+ Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich,
+ ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit
+ des Herzens!
+ Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
+
+ Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und
+ ruhig atmen.
+ Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und
+ Gestern, dies Immer und Ewig!
+ Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über
+ diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
+ Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen
+ und großen Steppen schenken!
+
+
+
+
+Gebet um Reinheit
+
+
+ Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.
+ Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.
+ Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,
+ Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände
+ spülen.
+
+ O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!
+ O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
+ Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und
+ spülst,
+ Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?
+
+ Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.
+ Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend
+ der Waschung wartet.
+ Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne
+ wahr zu sein.
+ Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner
+ Eitelkeit verstummt.
+
+ Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,
+ Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen
+ Feind!
+ Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht
+ einmal sosehr, um uns Feinde zu sein.
+ Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt,
+ und an alle meine Tore pocht.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und
+ Völlerei treibt,
+ Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster
+ die Hungrigen drängen.
+ Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre
+ raucht und fett wird,
+ Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner
+ Seele verpraßt.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz
+ verkehrt und in Selbstbetrug.
+ Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und
+ meine Liebe mit Trägheit erstickt,
+ Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur
+ Wollust des Sieges an den Spieltischen,
+ Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
+
+ Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich
+ zu dieser Zwieheit gemacht?
+ Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o
+ Du Gewässer!
+ Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die
+ Zahl Zwei.
+ Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur
+ Waschung.
+
+ Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
+ Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
+ Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten,
+ selig die einfach Bösen!
+ Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und
+ abnehmenden Gegenspieler.
+ O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!
+
+
+
+
+Einem Denker
+
+
+ Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.
+ Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel
+ entdeckt.
+ Meine Sphäre war traurig,
+ Ihr mißfiel Deine Art
+ An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,
+ Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.
+
+ Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!
+ Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!
+ Wie deute ich mir,
+ Wie verstünd ich's,
+ Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die
+ gleichgültigen Räume trägst,
+ Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir
+ vorbei, Du nicht Erwachter!?
+
+ Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?
+ Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!
+ Denn wer zu Gericht sitzt,
+ Über die Sünder,
+ Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu
+ gedenken, darf sein Wesen vergessen,
+ Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.
+
+ Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab
+ davon!
+ Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu
+ Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.
+ Du aber bist wie ein Knabe,
+ Und scheinst nicht zu wissen,
+ Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem
+ Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . .
+ Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten
+ Triumphschrei zum Gespött machen.
+
+ Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst.
+ Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die
+ Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung.
+ Kennst Du die starke Waffe
+ Der wirklichen Sieger?
+ Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie
+ ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .
+ Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich
+ erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!
+
+ Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der
+ Gerichtshöfe ist.
+ Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die
+ Unterscheidung der Worte.
+ Aber die Worte sind
+ Bedingter noch als die Dinge.
+ Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der
+ Geist der Worte
+ Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber
+ eitel und trostlos für die Leidenden.
+
+ Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und
+ Dich vereinsamt.
+ Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so
+ groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.
+ In Dir ist aber noch
+ Der alte Adam allzusehr!
+ So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie
+ und ihre Vollkommenheit,
+ Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung
+ ist.
+
+ Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben
+ Sterbenden rasten,
+ Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die
+ Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.
+ Du kennst jene Weisheit nicht,
+ Höher als alles Mitleid!
+ Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern
+ Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir
+ alle Hände haben,
+ Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem
+ Leben vergießt.
+
+
+
+
+Ballade von Wahn und Tod
+
+
+ Im großen Raum des Tags
+ Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
+ Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt
+ Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags
+ Mein Ohr die Stunde traf,
+ Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.
+ Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.
+
+ Wie deut' ich diesen Schlaf,
+ Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann
+ In Dunkelheit, so mich eine Zeit
+ In mein Herz traf?
+ Und als ich kam empor,
+ In Traum auftauchend Atemgang begann,
+ Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche
+ Tor.
+
+ Nun höret, Freunde, es!
+ Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.
+ Ich stand gebannt an kalter Wand.
+ O schwarzes, schreckliches
+ Gedenken, da ich ihn nicht fand,
+ Den Leichten, der mich so ging an
+ Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner
+ leichten Hand.
+
+ Es fügte sich kein Schein,
+ Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,
+ Und unterm Bild vergeht und schwillt,
+ Das kleine Licht ging ein.
+ Es trat kein schwarzer Engel vor,
+ Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein!
+ Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor.
+
+ Und auch kein Wort erscholl.
+ Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief.
+ Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.
+ Weh, trocken, leicht und toll
+ Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.
+ Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,
+ Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das
+ Wort hieß: rettungslos.
+
+ O letzte Angst und Schmerz!
+ O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!
+ O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.
+ Ich stand in schwarzem Erz,
+ Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,
+ Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein.
+ Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und
+ fallen, den Fluß: Allein
+
+ Und da es war also,
+ Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.
+ Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.
+ Und ich erkannte so,
+ Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,
+ Die schwach an meine Stirne fuhr,
+ Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum
+ mich selber trug.
+
+ Und als ich ihn erkannt,
+ Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann,
+ Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.
+ Und nahm mir alles unverwandt,
+ Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt --
+ Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.
+ Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig
+ nackt.
+
+ O Tod, o Tod, ich sah
+ Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,
+ Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.
+ -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- --
+ Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.
+ (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)
+ Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.
+
+ Im großen Raum des Tags
+ Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.
+ Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
+ Der Himmel glühte noch kaum.
+ Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,
+ Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .
+ Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.
+
+ Ich ging, wie Tote gehn,
+ Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.
+ Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,
+ Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.
+ Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock
+ und schrie,
+ Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .
+ Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.
+
+
+
+
+Der Tempel
+
+
+ O Tempel, in die
+ Zarteste Stunde gebaut,
+ Wenn schon die unermüdlichen
+ Schmetterlinge
+ Die kreisenden welken an
+ Der alten Lampe des Weisen und
+ Die Träumer plötzlich das Haupt
+ Tauchen aus tausend Fenstern.
+
+ Tempel,
+ In solcher Stunde erschallend,
+ Läßt Du uns gehn
+ Über die Treppe.
+ Aber wenig leuchtet
+ Die Laterne voran des Priesters,
+ Wenn tief der Tierkreis
+ Brüllet und leis im Schlaf.
+
+ Wie bald doch steh ich
+ Und schon im Kuppelsaal.
+ Dort aber rundet
+ Der offne Himmel.
+ Ein Morgen
+ Macht ihn schon fast
+ Zum verschwommenen Knaben.
+ Doch in dem hellen Boden
+ Findet er sich bemessen
+ Zu unseren Füßen wieder
+ Genau
+ Im bildenden Wasserteich.
+
+ Wie da ruhen
+ Über unseren Schultern
+ Die einhaltenden Vögel,
+ Die Planeten sich aus.
+ Sitzen sanft eine Weil' nur,
+ Geschlossene Flügel
+ Auf atemlosen Säulen.
+ Trällert einer im Schlaf.
+ Aber als letzter
+ Luzifer schwirrend
+ Hebt sich hinweg
+ Morgender Stern.
+ Mit fernem Gelächter
+ Spiegelnd Gefieder
+ Im schon helleren Bassin.
+
+ Nun aber seh ich
+ Wolken grünen im Wasser.
+ Sehe dreifach
+ Das Strandgut treiben
+ Im kleinen Umkreis
+ Des Brunnenteichs.
+
+ Wohl weiß ich,
+ Und nimmer täuschet mich wer,
+ Mattes und Morsches.
+
+ Drei Dinge schwimmen,
+ Kleines Brett Noahs,
+ Binsenkorb Mosis,
+ Holzspahn der Krippe
+ Drei Schatten schwimmen
+ Auf wachsendem Himmel.
+ Nun aber schreiten --
+ (Da es doch bald mehr Frühe ist)
+ Die Männer hinaus,
+ Die herrlichen
+ Nach der Abfertigung.
+ Über den Brauen
+ Schimmern die Glatzen vor Osten
+ Sie neigen und schreiten,
+ Die Heiligen schreiten
+ Hinter Planeten.
+ Frühe Arbeiter
+ Und kühl
+ Von diesem Himmel und Frische.
+ So schreiten sie,
+ Ohne zu wecken,
+ Gesenkte Stirnen,
+ Aus allen Türen zugleich
+ Hinaus aus diesem
+ Kuppelkreis,
+ Die Verschmäher der Speise.
+
+
+
+
+Die heilige Elisabeth
+
+
+für Gertrud Spirk
+
+ Wie sie geht
+ Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,
+ Unter dem noch versagenden Himmel,
+ Dem atmenden Osten voraus!
+ Über Stufen
+ Steigend nieder
+ Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .
+
+ Aber es wehen noch, es fliegen
+ Die wahrhaft gläubigen Träumer
+ Durch Träume auf schlagenden Fittichen,
+ Über den unzähligen Morgen,
+ Stürzen sich in die Meere,
+ Brust und Haar voll Auferstehungswind.
+
+ Ihre Füße lächeln
+ Über die Steine nieder.
+ Doch in den harten
+ Gebeizten Händen
+ Hält sie, die Dienende,
+ Den gedeckten Korb.
+
+ Nun drängen schon
+ Hunde und räudige Krüppel,
+ Krähende Tolle
+ Sich an das Jenseits ihres Knies.
+ Bettler mit Näpfen
+ Heben sich auf,
+ Gestreifte Kranke,
+ Lampe in Händen,
+ Hustende Kinder,
+ Betrunkene Greise,
+ Huren, Gelichter, sterbende Sünder,
+ Wanken geschlossenen Auges ihr nach.
+
+ Schon heult die Stadt auf
+ Und ächzt in ihren Morgen ein.
+ Durch den Nebel der Kaserne
+ Bricht die entsetzliche Trompete.
+ In den Asylen krächzt
+ Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.
+ Flößerruf!
+ Die schweren unseligen Pferde
+ Neigen in Höfen ihr Haupt.
+
+ Sie geht noch,
+ Eh sie verfließt,
+ Eh ihr Aufwärtslächeln
+ Sich einmischt in die Antwort des Himmels,
+ Sie geht noch die Magd,
+ Sie weht noch die hohe Deutsche . . .
+ O Dämmerung ihres Haars,
+ O Schritt, o Blick,
+ Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!
+
+
+
+
+Der Ruf
+
+
+ So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,
+ Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.
+ Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.
+
+ Dort aber war der Tag,
+ Wo Munde abwärts ernster werden,
+ Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.
+ Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.
+ Nicht rast das Antlitz mehr dort,
+ Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.
+ Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.
+ Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.
+
+ Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.
+ Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.
+ Das Haar im Zephyr leicht . . .
+ Ich rief sie an.
+
+ Doch wie sie sich wandte,
+ Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,
+ Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.
+ Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,
+ Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.
+ Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs
+ Warfen sich in die Saiten der Sonne,
+ Töneten, sangen die Leichte zurück.
+
+ Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,
+ Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,
+ Sah mich unter den brüllenden Festen:
+ Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!
+ Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds.
+ Ich rief noch einmal . . . .
+ Wie im leichten Schmerze,
+ Zögernd,
+ Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.
+
+
+
+
+Vergessen
+
+
+ An dieses Flusses Walten wachend,
+ Hinüberruhend
+ Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,
+ Habe ich Dein vergessen.
+ Vergaß Dein Antlitz,
+ Deiner Züge Niederwehn
+ In die offenen harten armen Händ'.
+ Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . .
+ Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.
+ Das Gras braust in die Nacht.
+ Weh mein Gesicht ist Sünde!
+
+
+
+
+Müdigkeit
+
+
+ Tiefe Schwester der Welt
+ Weilt auf bewimpeltem Bord,
+ Schützt ihren Krug vor dem Glanz,
+ Der schon im Westen zerstürzt.
+
+ Mit dem Gelächter des Volks
+ Löst sich das Schifflein und schäumt.
+ Aber die Göttin und Gold
+ Rollt mit den Wellen noch lang.
+
+ Herz und Atem versinkt,
+ Woge, in welchen Schlag?
+ Mischt schon die Fledermaus
+ Elemente und Mohn?
+
+ Abendgestade und Blick
+ Schwinden hin. Kiel und Delphin.
+ Lebt noch über der Bucht
+ Maulbeer, Limone und Öl?
+
+
+
+
+Schrei
+
+
+ Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,
+ Ernste Frauen,
+ Weilende Augen ohne Ebbe,
+ Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .
+
+ Aber wir unten
+ Wir Knechte
+ In diesem Pfuhl von Luft!
+ Ausatmend, einatmend,
+ Die Zeit vertreibend,
+ Gute Vergesser . . .
+ Und dennoch
+ Von uns befallen,
+ Von uns befallen.
+ Im Hals den großen Skorpion,
+ Der an den Gaumen juckt.
+ Den gebundenen Teufel,
+ Mit Stachel und Scher',
+ Den mordenden Asmodi,
+ Der zum Mund ausführt,
+ Verbindlich, eitel, wohlgestalt,
+ Der Lügenvater
+ Über unsere
+ Edle
+ Von Wahrheit blutende Lippe.
+
+ Wir unten, wir,
+ Hilflos wie Knechte!
+ Erstickt von Betrügen
+ Erwürgt von Verraten,
+ Gebeugte Auswandrer
+ Wir aus uns selber,
+ Verbrecher, verfolgt
+ Von gemordeten Worten.
+ Wettläufer ins Aus,
+ Preisspringer ins Ende,
+ Von den Türmen der Stunden --
+ Zerekelt, ewiglich, elend, --
+ Träge uns schleudernd in Schlaf.
+
+
+
+
+Der Dichter
+
+
+ Ah! Ich habe mich ausverraten.
+ Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,
+ Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!
+ Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,
+ Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,
+ Enträtselt sich zur Wahrheit.
+ Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,
+ Unerbittlich log ich Wahrheit.
+ Nun beginne ich mich zu bedeuten,
+ Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,
+ Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .
+ Hilflos
+ Höhn ich mich Hilflosen von fern an.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Aus: »_Der Weltfreund_«
+
+ An den Leser 4
+ Kindersonntagsausflug 5
+ Der dicke Mann im Spiegel 7
+ Im winterlichen Hospital 9
+ Sterben im Walde 11
+ Das Malheur 12
+ Erzherzogin und Bürgermeister 14
+ Der Patriarch 15
+ Solo des zarten Lumpen 17
+ Der schöne strahlende Mensch 18
+ Wanderlied 19
+ Der kriegerische Weltfreund 20
+ Ich habe eine gute Tat getan 21
+
+
+Aus: »_Wir sind_«
+
+ Die Unverlassene 26
+ Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27
+ Vater und Sohn 28
+ Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29
+ Balance der Welt 31
+ Der Feind 32
+ Eine alte Frau geht 33
+ Nacht-Fragment 35
+ Das erkaltende Herz 36
+ Der göttliche Portier 37
+ Ein Lebens-Lied 38
+ Ein Anderes 40
+ Amore 41
+ Ich bin ja noch ein Kind 42
+
+
+Aus: »_Einander_«
+
+ Lächeln Atmen Schreiten 48
+ Das Jenseits 50
+ Warum mein Gott 51
+ Die Tugend 53
+ Veni creator spiritus 54
+ Abschied 56
+ Der Erkennende 57
+ Romanze einer Schlange 58
+ Tempel-Traum 60
+ Ein Abendgesang 62
+ Mondlied eines Mädchens 63
+ Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65
+ Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67
+ Luzifers Abendlied 70
+ Held und Heiliger 72
+ Alte Dienstboten 75
+ Jesus und der Äser-Weg 77
+
+
+_Neue Gedichte_
+
+ An den Richter 82
+ Gebet um Reinheit 85
+ Einem Denker 88
+ Ballade von Wahn und Tod 92
+ Der Tempel 96
+ Die heilige Elisabeth 100
+ Der Ruf 102
+ Vergessen 103
+ Müdigkeit 104
+ Schrei 105
+ Der Dichter 106
+
+
+
+
+Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+Von _Franz Werfel_ sind erschienen:
+
+_Der Weltfreund._ Gedichte.
+
+_Wir sind._ Neue Gedichte.
+
+_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten.
+
+_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel.
+
+Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50.
+
+_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 ***
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@@ -1,3131 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Gesänge aus den drei Reichen
- Ausgewählte Gedichte
-
-Author: Franz Werfel
-
-Release Date: January 20, 2013 [EBook #41883]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-Gesänge
-aus den drei
-Reichen
-
-
-Ausgewählte Gedichte
-von
-Franz Werfel
-
-
-Kurt Wolff Verlag
-Leipzig
-
-
-Bücherei
-Der jüngste Tag
-29./30. Band
-Zweite Auflage
-
-
-Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-
-
-
-
-Aus
-»Der Weltfreund«
-Gedichte
-1911
-
-
-
-
-
-An den Leser
-
-
- Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!
- Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
- Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im
- Abendschein,
- Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
-
- Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
- Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
- Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
- Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!
-
- Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß
- Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,
- Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
- Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten
- stellen.
-
- Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,
- Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.
- Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,
- Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.
-
- So gehöre ich Dir und Allen!
- Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!
- O, könnte es einmal geschehn,
- Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!
-
-
-
-
-Kindersonntagsausflug
-
-
- Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.
- Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.
- Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke,
- Gerüste und Piloten,
- Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!
-
- Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine
- Seegeschichten.
- Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.
- An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und
- Ankerlichten,
- An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und
- Malayen schrein.
-
- Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien
- eingefangen.
- Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.
- Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen
- sprangen,
- Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die
- Maschinen unter uns stampften und rührten sich.
-
- Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,
- Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem
- Wahnsinn fort,
- Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne
- Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. --
-
- Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,
- Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.
- Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,
- Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten
- sie hervor.
-
- Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,
- Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.
- Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,
- Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde
- Militärmusik.
-
-
-
-
-Der dicke Mann im Spiegel
-
-
- Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert,
- Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert.
- Tag war heut so blau,
- Mit der Kinderfrau
- Wurde ja im Stadtpark promeniert.
-
- Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort
- Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.
- Eben abgelegt,
- Hängt er unbewegt,
- Klein und müde an der Türe dort.
-
- Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,
- Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,
- Lieblich stand verwundert,
- Der vorher getschundert
- Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.
-
- Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht
- Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.
- Oft zu schnöder Zeit,
- Hör im Traum ich weit
- Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.
-
- Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?
- Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.
- Wenn sie doch schon käme
- Und es mit sich nähme,
- Das dort oben leise singt, das Licht!
-
- Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,
- Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.
- Nur der dicke Mann
- Schaut mich hilflos an,
- Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt.
-
-
-
-
-Im winterlichen Hospital
-
-
- Himmel wird sich bald entblättern,
- Aber Licht ist noch genug.
- Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern
- Von Winterwind ein Flug.
- Und dunkle Sonne im Wasserkrug.
-
- Draußen gibt es Blumen zu kaufen,
- Da sind Kinder vorübergelaufen.
- Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.
- Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .
-
- O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren!
- Doch kann ich noch spüren,
- Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen
- Vom Lande stößt.
-
- Vorbei -- vorbei
- An Wildnis und Fläche!
- Dort stürzen Bäche,
- Schon atmet die Steppe,
- Die ewige frei. . .
-
- Was tönt im Haus,
- Gedämpft über die Treppe?
- Ist die Besuchsstunde schon aus?
- Jetzt liegen die kranken Brüder da,
- Einen lieben Gegenstand in der Hand,
- Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,
- Und, ach, ein neuer Engelhornband.
-
- Ich will nicht klagen, daß niemand
- Im fremden Land
- Meine Türe aufgetan
- Freundlich mir zugewandt.
-
- Wer trat herein?
- So leicht und unbefangen,
- Mit einem lila Shawl
- Und tanzerregten Wangen,
- Wie bei der Damenwahl?
-
- Nun hat es sich doch erfüllt!
- O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!
- O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden
- Erschlagene Krieger zu sein!
-
- Da kamst Du immer dem treuen,
- Dem Knaben Blumen zu streuen.
- So ist es wieder geschehn?
- Schon stürzten die Speere und Schilde,
- Nun darf auch mein armes Gefilde
- In Abend und Tränen stehn.
-
- »Schwester, so spät ist es schon?«
- »Ja, ich bringe die Abendbouillon.«
-
- Treibe -- Treibe
- Im Strome von dannen.
- Rings breitet die Scheibe
- Sich weiter Savannen.
- An sandigen Stellen,
- Im Dunkeln, im Hellen,
- An niedrigen Feuern,
- Nach Abenteuern
- Gelagerte Männer
- Bereiten ein Mahl.
-
-
-
-
-Sterben im Walde
-
-
- Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,
- Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen
- Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.
-
- Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.
- Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.
- Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.
- Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.
- Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.
- Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.
-
- Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,
- Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine
- Lippen nicht.
-
- Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,
- Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.
-
- Und meine Seele fällt ein:
- _Du bist auf der Welt!_
- Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.
-
-
-
-
-Das Malheur
-
-
- Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs
- stumm,
- Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.
- Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,
- Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.
-
- Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.
- Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.
-
- Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und
- Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.
- Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.
-
- In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in
- den Schoß
- Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut
- und grenzenlos.
-
- Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,
- War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.
-
-
-
-
-Erzherzogin und Bürgermeister
-
-
- Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,
- Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.
-
- Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,
- War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.
-
- Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.
- Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.
-
- Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise
- und verzagt.
- Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.
-
- Und während sie manches sprach, was dachte sie?
- Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.
-
- Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen
- vergaß,
- Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.
-
- Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses
- Los,
- Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.
-
- Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,
- Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,
-
- Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,
- Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.
-
-
-
-
-Der Patriarch
-
-
- Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.
- O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren!
- Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren
- Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.
-
- Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch
- Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.
- Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,
- In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.
-
- Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,
- Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,
- Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!
-
- Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,
- Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,
- Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten
-
-
-
-
-Solo des zarten Lumpen
-
-
- Nun wieder eine Nacht durchjohlt
- Ist rings der Stadtpark aufgewacht.
- Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.
- In der durchsichtigen Frühe.
- Nach falschbekränzter Nacht
- Hast Du mich eingeholt.
-
- Wie ich Dich gestern sah. . .
- Bewegte Straße glitt
- Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,
- Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,
- Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,
- Du Schlanke fern und nah!
-
- Gefühl, geheimer Sinn
- Und ein Gedanke kam.
- Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten
- Erden.
- Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! --
- Warum zerschmilzt mich Scham?
- Was reißt mich Wonne hin?
-
- Noch höher bist Du bald
- Und weiter mir entrückt.
- Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden
- Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,
- Von Schmerz und Glück bedrückt,
- Nun mildere Gestalt!
-
- In die Natur und Pflicht
- Wächst lieblich Du hinein.
- Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,
- In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;
- Du denkst an Dinge rein,
- An Windeln, Kindgewicht.
-
- Drum soll es so geschehn!
- Von Wolken lieb umdrängt,
- Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!
- Ich will Dich bebend hochbeloben,
- Und Blick und Bart gesenkt
- Vor Dir in Andacht stehn.
-
-
-
-
-Der schöne strahlende Mensch
-
-
- Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,
- Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,
- Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen
- Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.
-
- Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,
- Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,
- Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen
- Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.
-
- Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,
- Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,
- Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.
-
- Ich will mich auf den Rasen niedersetzen
- Und mit der Erde in den Abend fahren.
- Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!
-
-
-
-
-Wanderlied
-
-
- Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,
- Die einst kies- und straßenüber klangen?
- Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,
- Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,
- Deine Schritte laufen oder schleppen
- Ewig weiter über Weg und Treppen.
-
- Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,
- Die Dein wallendes Gemüt geboren?
- Hangend in den Häusern, unter Toren,
- Sinken sie in vorbestimmte Ohren,
- Bilden sich zu wunderlicher Stunde,
- Und entflattern neu dem Enkelmunde.
-
- Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,
- Schritt und Worte, die ins Weite reisen?
- Oder wähnst Du, daß der graue, alte
- Ahnherr diese sprach und jene wallte?
- Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,
- Daß Du selbst der Bärtige gewesen?
-
-
-
-
-Der kriegerische Weltfreund
-
-
- Schon bin ich voll und klar,
- Dem noch so arg zu Mut.
- Der bös und bitter war
- Nun ist er gut.
-
- Bosheit, die mich zerwirrt,
- Rache und falscher Stoß,
- Ach, meine Güte wird
- An ihnen groß!
-
- Schäumst Du noch, dunkles Blut,
- Wenn Hohn sich feig vermummt,
- Sternaufgebäumte Wut,
- Bist Du verstummt?
- Der sich zu Boden schmiß,
- Keuchend und krankgehetzt,
- Nachts in die Pölster biß
- Wie tönt er jetzt?
-
- Bosheit und feigen Hohn,
- Alles, was falsch mich haßt,
- -- O wie stark bin ich schon --
- Lad ich zu Gast
-
- Dämonen in Erz und Stahl
- Wandeln sich, werden rein,
- Stürze mit einem Mal
- In mich herein.
-
-
-
-
-Ich habe eine gute Tat getan
-
-
- Herz frohlocke!
- Eine gute Tat habe ich getan.
- Nun bin ich nicht mehr einsam.
- Ein Mensch lebt,
- Es lebt ein Mensch,
- Dem die Augen sich feuchten,
- Denkt er an mich.
- Herz, frohlocke:
- Es lebt ein Mensch!
-
- Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
- Denn ich habe eine gute Tat getan,
- Frohlocke, Herz!
- Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
-
- Tausend gute Taten will ich tun!
- Ich fühle schon,
- Wie mich alles liebt,
- Weil ich alles liebe!
- Hinström ich voll Erkenntniswonne!
- Du mein letztes, süßestes,
- Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
- _Wohlwollen!_
- Tausend gute Taten will ich tun.
-
- Schönste Befriedigung
- Wird mir zu Teil:
- Dankbarkeit!
- Dankbarkeit der Welt.
- Stille Gegenstände
- Werfen sich mir in die Arme.
- Stille Gegenstände,
- Die ich in einer erfüllten Stunde
- Wie brave Tiere streichelte.
-
- Mein Schreibtisch knarrt,
- Ich weiß, er will mich umarmen.
- Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
- Geheimnisvoll und ungeschickt
- Klingen alle Saiten zusammen.
- Das Buch, das ich lese
- Blättert selbst sich auf.
-
- . . . . . . . . . . . . . .
- Ich habe eine gute Tat getan!
-
- Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
- Da werden mich die Bäume
- Und Schlingpflanzen verfolgen,
- Die Kräuter und Blumen
- Holen mich ein,
- Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
- Zärtliche Zweige
- Binden mich fest,
- Blätter überrieseln mich,
- Sanft wie ein dünner,
- Schütterer Wassersturz.
- Viele Hände greifen nach mir,
- Viele grüne Hände
- Ganz umnistet
- Von Liebe und Lieblichkeit
- Steh ich gefangen.
-
- Ich habe eine gute Tat getan,
- Voll Freude und Wohlwollens bin ich
- Und nicht mehr einsam
- Nein, nicht mehr einsam.
- Frohlocke, mein Herz!
-
-
-
-
-Aus
-»Wir sind«
-Neue Gedichte
-1913
-
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-Die Unverlassene
-(Der Besuch aus dem Elysium)
-
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- Es kommt die eine neue Nacht.
- Du bist von Ferne aufgewacht,
- Und neben Dir ist Schnarchen schwer.
- Und ach vom Gitterbettchen her
- Ein Weinen klein und unbewußt.
- Da schlägst Du Deine Decke um,
- Nimmst ohne Glück und stumm
- Das Kind an Deine Brust.
-
- Wenn mühsam Tag sich näher drängt
- Und Dich in Erdenlos verfängt,
- Wird Schoß und Lippe wissensschwer,
- Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,
- Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich,
- Gedenke und erinnere Dich,
- Daß jener Bot' aus besserer Welt
- Dich seltsam in der Seele hält!
-
- Weißt Du, weißt Du den Abendgang,
- Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?
- Wer fühlte einst im Elternhaus,
- Wer Dich in Ewigkeit voraus?
- Wenn Du Dich einsam meinst,
- Wer kannte schon den Schmerzenston,
- In wessen Kehle brannte schon
- Das Weinen, das Du jetzt weinst?!
-
-
-
-
-Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
-
-
- Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte
- Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,
- Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,
- Mühselig Millionen Unterdrückte?
-
- Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,
- War Arbeit um uns und die Erde wärmte.
- Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,
- Es lebten und es starben Niebeglückte!
-
- Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben,
- So viele waren, die im Dumpfen stampften.
- An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften.
-
- Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!
- Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,
- Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!?
-
-
-
-
-Vater und Sohn
-
-
- Wie wir einst im grenzenlosen Lieben
- Späße der Unendlichkeit getrieben
- Zu der Seligen Lust --
- Uranos erschloß des Busens Bläue,
- Und vereint in lustiger Kindertreue
- Schaukelten wir da durch seine Brust.
-
- Aber weh! der Äther ging verloren,
- Welt erbraust und Körper ward geboren,
- Nun sind wir entzweit.
- Düster von erbosten Mittagsmählern
- Treffen sich die Blicke stählern,
- Feindlich und bereit.
-
- Und in seinem schwarzen Mantelschwunge
- Trägt der Alte wie der Junge
- Eisen hassenswert.
- Die sie reden, Worte, sind von kalter
- Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,
- Fahl und aufgezehrt.
-
- Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe
- Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!
- Daß der Orkus widerhallt.
- Und schon klirrt in unseren wilden Händen
- Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden --
- Höllische Gewalt.
-
- Doch auch uns sind Abende beschieden
- An des Tisches hauserhabenem Frieden,
- Wo das Wirre schweigt,
- Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,
- Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,
- Träne auf- und niedersteigt.
-
- Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.
- Späße der Unendlichkeit getrieben,
- Ahnen wir im Traum.
- Und die leichte Hand zuckt nach der greisen
- Und in einer wunderbaren, leisen
- Rührung stürzt der Raum.
-
-
-
-
-Die Witwe am Bette ihres Sohnes
-
-
- Mit meinem verflackernden Lichte
- Besuche ich, Kind, Deinen Traum.
- Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte,
- Doch faltet Dein Atem sich kaum.
-
- Daß Du mich gestern verstießest,
- Hat nimmer Dich bitter gemacht.
- Daß Du mich alleine ließest
- Die ängstliche Mitternacht.
-
- Und doch. Ich will Dich bewegen
- Zu Leben und nächtlichem Mut.
- Dein mächtiges Treiben und Regen
- Durchläuft meinen Schatten mit Blut.
-
- O Sohn! Dein Zechen und Speisen
- Nährt Deine Mutter, ich weiß.
- Dein Lärmen und Becherkreisen
- Bewegt meinen Lebenskreis.
-
- Und wenn ich sitze und sticke,
- Dies Leben ist in Dich entrückt,
- Aus meinem vergehenden Blicke
- In Deine Augen gezückt.
-
- Wie ich Dich bebend getragen
- Im heilig erkannten Schoß,
- Du wuchsest an bildenden Tagen
- Und schmerztest und wurdest groß.
-
- Und wie Du aus mir gemündet,
- In Himmel und Welt und Haus,
- Und wie Du in mir Dich entzündet,
- So lösche ich in Dir aus.
-
- Mein Leben ist ein Sichergießen
- In Dein gerundetes Licht,
- Im leidenden Überfließen
- Erfüll ich die weltliche Pflicht.
-
- Bald bin ich nichts als Dein Lachen
- Nichts als Deines Mundes Gebot.
- Laß mich Deinen Schlaf bewachen,
- Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.
-
-
-
-
-Balance der Welt
-
-
- Ich klag' und klage: Harte Welt!
- Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt,
- Wie mir hier alles harte Welt,
- So bin ich allem harte Welt!
-
- Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.
- Es dreht die alten Globen fort.
- Und eh' noch unsre Zeit beginnt,
- Werden wir schuldig, daß wir sind!
-
- Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,
- Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,
- Fluchte der Vater seinem Sohn.
- Du Weltgesandter bringst den Lohn.
-
- Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug!
- Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf!
- Es bricht hier keine Wunde auf,
- Die ich mir nicht in andern schlug.
-
-
-
-
-Der Feind
-
-
- Mein Feind, dem ich entgegenspeie,
- In meiner Brust versammelnd kleine Schreie
- Und in den Händen ohne Mut
- Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,
- Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!
- Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,
- Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.
- Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.
-
- In mir steht der Erzengel groß,
- Versöhnung bricht unendlich los.
- Daß wir uns schlugen und zerrissen,
- Mit dumpfem Witz und List beschmissen,
-
- Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen,
- Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.
- Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,
- Die Passion zu _diesem_ Augenblick!
-
- Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,
- Triumphtrompeten schnellen drunterher.
- Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag.
- Und golden durch mich donnert jüngster Tag!
-
-
-
-
-Eine alte Frau geht
-
-
- Eine alte Frau geht wie ein runder Turm
- Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.
- Schwindet schon, indem sie keucht,
- Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.
- Wird nun bald in einem Torgang stehen.
- Laute Stufen langsam aufwärts gehen,
- Die vom trägen Treppenlichte feucht.
-
- Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,
- Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.
- Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'.
- Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen
- Aufgehobene Kost von alten Tagen
- Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.
- Bleibt mit ihrem Leib und sich allein.
-
- Und sie weiß nicht, wie sie kaut,
- Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.
- (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh')
- Was aus ihr kam, steht in andern Toren,
- Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,
- Manchmal nur im Straßendrang verloren,
- Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu.
-
- Aber Mensch, gedenke Du in ihr,
- Ungeheuer auf der Welt sind wir,
- Da wir brachen in die Zeiten ein.
- Wie wir in dem Unbekannten hängen,
- Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen
- Die ins letzte uns zusammendrängen.
- Diese Welt ist nicht die Welt allein.
-
- Wenn die Greisin durch die Stube schleift,
- Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift.
- Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.
- Ja, sie fühlt sich wachsender in allem
- Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,
- Wenn aus einem kleinen Lampenwallen
- Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.
-
-
-
-
-Nacht-Fragment.
-
-
- Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.
- Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn
- Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,
- die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?
-
- So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.
- -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. --
- Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.
- Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten.
-
- Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!
- Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.
- Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,
- Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!
-
- Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum,
- Suche den klaren Jungen im Waldpensionat!
- Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad?
- Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum.
- Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen!
- Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!
-
-
-
-
-Das erkaltende Herz
-
-
- Geschwisterliebe war einst.
- Ich lief mit dem Mädi über die Wege
- Und die Himmel, die vielen waren rege,
- Die unergründlichen Berge standen weit --
- Und im Zimmer die stündliche Zeit.
-
- Die Wagen und Reisen,
- Vergangene Speisen,
- Die Schmerzen und Strafen,
- Am Abend das Licht,
- Und unser Gesicht
- War ganz von Seele verschlafen.
-
- Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,
- Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,
- Bis treu der andre Atem kam.
- Da war man so gewiß,
- Daß Gott sei und man niemals lahm
- Und niemals anders würde.
- das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .
- Geschwisterliebe war einst.
- Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.
- Am Abend werden die Fenster groß.
- Da läßt mich mein Atem los,
- Und der Tod ist ganz in der Näh'.
-
- Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,
- Da hat sich etwas gerächt.
- Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn --
- Und die Zähne sind worden schlecht.
-
- Und der Mund, der nichts ließ,
- Jetzt kann er euch alle lassen
- Und das Herz kann nicht fassen,
- Wie es einst hieß!
- Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,
- Hinter welkendem Glas,
- Die ewigen Photographien?
-
-
-
-
-Der göttliche Portier
-
-
- Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,
- Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.
- Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.
- Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!
- Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,
- Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,
- Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,
- Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.
-
- Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!
- Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter
- Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.
-
- Die winterlichen Tressen klingeln mild,
- Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter
- Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.
-
-
-
-
-Ein Lebens-Lied
-
-
- Feindschaft ist unzulänglich.
- Der Wille und die Taten,
- Ein erdbewußtes Leben
- In sich, was sind sie, Welt?
- Es schwebt in jedem Schicksal,
- Im Schritt der Lust und Schmerzen,
- Im Morden und Umarmen,
- _Anmut des Menschlichen!_
-
- Nur das ist unvergänglich!
- Sahst Du die wilden Augen
- Buckliger Bauernmädchen?
- Sahst Du, wie sie sich langsam
- Weltdamenhaft verschleiern,
- Sahst Du in ihnen blinken,
- Das Grün von Festestraden,
- Musik und Lampennacht?
-
- Sahst Du den Bart von Kranken,
- Ihr Wolken über Pappeln,
- Wie er an Gott erinnert,
- Getaucht in einen Sturm?
- Sahst Du die große Güte
- Im Sterben eines Kindes?
- Wie uns der holde Körper
- Mit Zärtlichkeit entglitt?
-
- Sahst Du das Traurigwerden
- Von Mädchen an, am Abend?
- Wie sie die Küchen ordnen
- Und fern, wie Heilige sind.
- Sahst Du die schönen Hände
- Durchfurchter Nachtgendarme,
- Wenn sie den Hund liebkosen
- Mit grobem Liebeswort?
-
- Wer handelnd sich empörte,
- Bedenke doch!! Unsagbar
- Mit Reden und Gestalten
- Sind wir uns fern und nah!
- Daß wir hier stehn und sitzen,
- Wer kann's beklommen fassen?!
- Doch über allen Worten
- Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!!
-
-
-
-
-Ein Anderes
-
-
- Daß einmal mein dies Leben war,
- Daß in ihm jene Kiefern standen
- Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
- Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
- Daß einmal mein dies Leben war!
-
- Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
- Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?
- Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
- Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
- Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
-
- Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
- Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
- Kastanien- und Laternensprache waren
- Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
- Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?
- Kastanien- und Laternensprache waren
- Noch da und? Atem einer breiten Schar.
- Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
- O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
- Daß einmal mein dies Leben war!
-
-
-
-
-Amore
-
-
- Wenn noch die Eitelkeit
- Das Auge Dir entweiht,
- Ist kommen nicht die Zeit.
-
- Solang Du noch willst stehn
- Auf Podien, gesehn,
- Kann Glück's Dir nicht geschehn.
-
- Wer sich noch nicht zerbrach,
- Sich öffnend jeder Schmach,
- Ist Gottes noch nicht wach.
-
- Wer noch mit Eifer spitzt,
- Daß er ein Weib besitzt,
- Ist noch nicht ausgewitzt.
-
- Erst wenn ein Mensch zerging
- In jedem Tier und Ding,
- Zu lieben er anfing.
-
- Erst wer Erfüllung floh,
- Wächst an zum Höchsten so,
- Wird letzter Sehnsucht froh.
-
- Erst wer sich jauchzend bot
- Der Schande und der Not
- Und zehnfach jedem Tod,
-
- Im heiligen Verzicht,
- Vor Liebe ihm zerbricht
- Sein irdisch Angesicht!
-
- Wohin schwillt er empor!
- Was schwingt er überm Chor
- Unendlich sein amor'!!
-
-
-
-
-Ich bin ja noch ein Kind
-
-
- O Herr, zerreiße mich!
- Ich bin ja noch ein Kind.
- Und wage doch zu singen.
- Und nenne Dich.
- Und sage von den Dingen:
- Wir sind!
-
- Ich öffne meinen Mund,
- Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten.
- Ich bin gesund,
- Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.
- Ich hielt mich nie an groben Pfosten,
- Wie Frauen in der schweren Stund'.
-
- Nie müht' ich mich durch müde Nacht
- Wie Droschkengäule, treu erhaben,
- Die ihrer Umwelt längst entflohn!
- (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton
- Der Frauenschritte und allem, was lacht.)
- Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.
-
- Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,
- Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,
- Wenn die Notschüsse dröhnen,
- Wenn die Rakete zitternd aufsteht.
- Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,
- O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.
-
- Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken
- Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!
- Nie hab ich im Asyl gedarbt,
- Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,
- Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,
- Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!
-
- Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut,
- Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen
- Der Winde, die sich überbauschen,
- Ein Antlitz böse oder gut?
- Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?
- Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?
-
- Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.
- Und hast die tausendfache Qual gefunden,
- Du hast in jedem Weib entbunden,
- Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,
- In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,
- Und Hure warst Du, manchem Kavalier!
-
- O Herr, zerreiße mich!
- Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?
- Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.
- Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!
- Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.
- O Herr, zerreiße mich!
-
- Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,
- In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,
- Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.
- Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,
- Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,
- Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!
-
- Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind,
- In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,
- Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.
- (Ich bin Dein Kind.)
- Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!
- Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!
-
-
-
-
-Aus
-»Einander«
-Oden Lieder Gestalten
-1915
-
-
-
-
-
-Lächeln Atmen Schreiten
-
-
- Schöpfe Du, trage Du, halte
- Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!
- Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt
- All übers Antlitz.
- Lächeln ist keine Falte,
- Lächeln ist Wesen vom Licht.
- Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.
- Nicht die Sonne ist Licht,
- Erst im Menschengesicht
- Wird das Licht als Lächeln geboren.
- Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,
- Aus den Toren der Augen wallte
- Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,
- Lächelns nieglühender Brand.
- Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,
- Schöpfe Du, trage Du, halte!
-
- Lausche Du, horche Du, höre!
- In der Nacht ist der Einklang des Atems los,
- Der Atem, die Eintracht des Busens groß.
- Atem schwebt
- Über Feindschaft finsterer Chöre.
- Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.
- Nicht der Wind, der sich taucht
- In Weid, Wald und Strauch,
- Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .
- Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.
- Aus den Lippen, den schweren,
- Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,
- Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.
- Auf dem Windmeer des Atems hebt an
- Die Segel zu brüsten im Rausche,
- Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.
- Horche Du, höre Du, lausche!
-
- Sinke hin, kniee hin, weine!
- Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!
- Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!
- Schreiten entführt
- Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.
- Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,
- Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,
- Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.
- Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.
- Mit dem Schreiten der Menschen tritt
- Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.
- Lächeln, Atem und Schritt
- Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,
- Die Welt fängt im Menschen an.
- Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!
- Weine hin, kniee hin, sinke!
-
-
-
-
-Das Jenseits
-
-
- Wir kommen wieder, wir kehren heim
- In Dich, Du gute Mutter unser.
- Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,
- Mild über die Stirne des Todes Flieder.
-
- Wo fahren die feurigen Wolken hin,
- Wo tanzen die mutigen Flüsse her,
- Was will der Meere Spiel,
- Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?
-
- Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,
- Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein,
- Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,
- Stärker als Tod ist Musik.
-
- In unsere Mutter kehren wir ein . . .
- Gott fährt über uns, der gute Mann,
- Da heben wir an, und heben uns auf,
- Arien selige schweben wir hin,
-
- Und hängen im Herzen der Sterblichen,
- Und locken die ewigen Tränen.
- Träne, klarer Planet! Hier leben wir,
- Leben in Gnade, sind nichts als Lied.
-
-
-
-
-Warum mein Gott
-
-
- Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
- Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht,
- Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,
- Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
- Zur Eitelkeit des Worts,
- Und daß ich dies füge,
- Und trage vermessenen Stolz,
- Und in der Ferne meiner selbst
- Die Einsamkeit?!
- Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott?
-
- Warum, warum nicht gabst Du mir
- Zwei Hände voll Hilfe,
- Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?
- Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,
- Und Stirne überhangen
- Von süßer Lampe der Demut?
- Und einen Schritt durch tausend Straßen,
- Am Abend zu tragen alle
- Glocken der Erde
- Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?!
-
- Siehe es fiebern
- So viele Kindlein jetzt im Abendbett,
- Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.
- Und dunkler Sünder starrt
- In seines Himmels Ausgemessenheit.
- Und jede Seele, fällt zur Nacht
- Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.
- Und alle drängen sich um eine Wärme,
- Weil Winter ist
- Und warme Schmerzenszeit.
-
- Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,
- Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,
- Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,
- Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!
- Gegrüßet und geheißen:
- Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!
- Und daß ich raste auf den Ofenbänken,
- Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,
- Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,
- Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!
-
-
-
-
-Die Tugend
-
-
- Die Lüge ist das Weib des Potiphar,
- Mit schleppenträgem Kleide angetan.
- Das ist bemalt mit allem, was da war,
- Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,
- Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,
- Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.
- Und alles das, auf dem Gewande kreisend,
- Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!
-
- Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt
- Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.
- Was durcheinander Ding an Ding bewegt
- Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.
- Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,
- Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.
- Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,
- Und in die Knie bricht im geringsten Winde.
-
- Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!
- Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.
- Allein darin verbürgt sie uns das Licht,
- Und in der Sünde wird es offenbar.
- Durch unser Leiden werden wir gewahr,
- Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.
- Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,
- Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.
-
- So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,
- Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!
- Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,
- Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.
- O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,
- Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.
- Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,
- Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.
-
-
-
-
-Veni creator spiritus
-
-
- Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!
- Den Marmor unsrer Form zerbrich!
- Daß nicht mehr Mauer krank und hart
- Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
- Daß wir gemeinsam und nach oben
- Wie Flammen ineinander toben!
-
- Tauch auf aus unsern Flächen wund,
- Delphin von aller Wesen Grund,
- Alt allgemein und heiliger Fisch!
- Komm reiner Geist, Du schöpferisch,
- Nach dem wir ewig uns entfalten,
- Kristallgesetz der Weltgestalten!
-
- Wie sind wir alle Fremde doch!
- Wie unterm letzten Hemde noch
- Die Schattengreise im Spital
- Sich hassen bis zum letzten Mal,
- Und jeder, eh' er ostwärts mündet,
- Allein sein Abendlicht entzündet,
-
- So sind wir eitel eingespannt,
- Und hocken bös an unserm Rand,
- Und morden uns an jedem Tisch.
- Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,
- Aus uns empor mit tausend Flügen!
- Zerbrich das Eis in unsern Zügen!
-
- Daß tränenhaft und gut und gut
- Aufsiede die entzückte Flut,
- Daß nicht mehr fern und unerreicht
- Ein Wesen um das andre schleicht,
- Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,
- Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!
-
- Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,
- Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,
- Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,
- Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,
- Daß alle wir in Küssens Überflüssen
- Nur Deine reine heilige Lippe küssen!
-
-
-
-
-Abschied
-Ein Fragment
-
-
-Stimme
-
- War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,
- War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,
- War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,
- War das alles ein Letztesmal,
- Und ich ahnte den Abschied nicht?
- Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,
- Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.
- Die boshafte Treppe im Haus,
- Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,
- Wie das dunkelselige Licht
- Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,
- Wissend höhnt mir die Treppe, nach.
- Denn ich atmete nicht,
- Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.
-
-Antwort
-
- Es gibt nicht eine Stelle,
- Die Du durch Dich nicht abgestellt.
- Es gibt nicht eine Helle,
- Die von Dir nicht ins Finster fällt.
- Alle Welt ist Letztesmal
- Abschied heißt jedes Tal.
-
- Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,
- Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.
- Und doch, es eint,
- Daß wir uns vorbeigeweint,
- Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,
- Niemals zu uns hinüberreichen!
- _O Abschied, Brunnen aller Worte!_
-
-
-
-
-Der Erkennende
-
-
- Menschen lieben uns, und unbeglückt
- Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.
- Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,
- Und sind kalt und können sie verneinen.
-
- Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?
- Und uns Harte kann kein Gram erweichen.
- Was wir lieben, das entrafft ein Ort,
- Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.
-
- Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!
- Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.
- Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.
- Mein Besitz allein: Das zu erkennen.
-
- Sieh den Freund, der Deine Speise teilt,
- Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln.
- Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt,
- Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln.
-
- Wenn ich walle durch den Lampenbann,
- Meine Schritte höre, böse Wandrer,
- Dann erwach ich, und bin nebenan,
- Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!
-
- Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,
- Wo das Einsame sich teilt und spaltet
- Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,
- Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.
-
- Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,
- Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.
- Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,
- Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.
-
-
-
-
-Romanze einer Schlange
-
-
- Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen
- Erhaben stürzet Gold um Gold,
- Unter dem Blau, das in Orkanen
- Tiefdröhnend durcheinander rollt,
- Roll ich mich im Gerölle,
- In meiner Quader Hölle,
- Und starre stolz nach den Alleen,
- Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,
- Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.
-
- Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,
- Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.
- Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,
- Und stürzet ab in ihren Tod,
- Wenn ich mit meinem Blicke
- Sie banne und bestricke.
- Das Liebliche entgeht mir nicht!
- Ich bin im Licht der Bösewicht,
- Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.
-
- Unendlich singen Amseln in den Kronen,
- Und an den Quellen tönt die Kreatur.
- Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,
- Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.
- Sind alle guten Wesen
- Zu Müttern auserlesen,
- So haßt mit Wut mich meine Brut,
- Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,
- Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.
- Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen
- Zum Wurm in dem umblauten Reich?!
- Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,
- Und ich allein will sein mir selber gleich.
- Der Hölle siebentiefste Flammen,
- Sie quälen nicht, den sie verdammen!
- Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen
- Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,
- Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!
-
-
-
-
-Tempel-Traum
-
-
- Wenn die Stunde saust,
- Und die Frühe säumt,
- Wacht der Schläfer schwer
- Wie Ertrunkner auf.
-
- Schlamm weilt auf der Stirn,
- Und ins Haargewirr
- Flechten Tang und Gras
- Braunen Bettelkranz.
-
- Und es ist ein Haus
- Voll von Sang und Hall.
- Lampe lebt in Rauch
- Über Treppen hin.
-
- Eine Mutter geht. . .
- Und er weiß nicht wo,
- Duft und Stimme wird
- In der Höhe süß.
-
- Doch ein Priester ernst
- Schreitet in die Fern'
- Seinem Stabe nach,
- Goldnem Vogelknauf.
-
- Und Vestalin sitzt
- Bei dem Flammentier,
- Springt ein Wind herein,
- Hütet sie den Schoß.
-
- Wo der Tempelbau
- Oben offen ist,
- Schwebt ein Adler groß
- Unterm Morgenmeer.
-
- Und die Schläferstirn
- Löset ein Gesang,
- Und das Herze wächst
- Mit der Flut des Nils.
-
-
-
-
-Ein Abendgesang
-
-
- Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,
- Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,
- Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,
- Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.
-
- Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen
- In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,
- Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen
- Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!
-
- Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,
- Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,
- Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze,
- Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?
-
- Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,
- Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.
- Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen
- Ferne Gefühle unseren Odem ein.
-
- Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,
- Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.
- Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider
- Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.
-
-
-
-
-Mondlied eines Mädchens
-
-
-Für meine Schwester Hanna
-
- Ich liege in gläsernem Wachen,
- Gelöst mein Haar und Gesicht.
- Am Boden in langsamen Lachen
- Schwebt Mond, das unselige Licht.
-
- Und wie mir die tödliche Helle
- Die Stirn und das Auge befühlt,
- Zerrinn ich und bin eine Welle,
- Gekräuselt, entführt und gespült.
-
- Die Mutter atmet daneben,
- Der Vater schläft auf und ab.
- Ich habe Attest um das Leben
- Von allen, die ich lieb hab.
-
- Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
- Erzengel mit schrecklichem Schwert.
- Ins Ohr weint mir immer, mir immer
- Ein Kind, das mir nicht gehört.
-
- Nachtlampe von tausend Betten
- Des Leidens, der Mond mir scheint.
- Ich möchte viel Schluchzendes retten,
- Und bin es doch selbst, die weint.
-
- All Ding im Zimmer verlassen,
- Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.
- Ich möchte das Ferne anfassen,
- Nur sein eine streichelnde Hand!
-
- Ich möchte mit Fröstelnden spielen,
- Und halten die Kalten im Arm!
- Ich fühle, die Reichen und Vielen
- Sind Kinder vor mir und so arm!
-
- Für alle muß ich mich sorgen,
- Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .
- Ich horche, wie in den Morgen
- Der Atem von allen sich hebt.
-
- Im Fenster wehn Bäume zerrissen,
- Viel Himmel sind windig in Ruh.
- Ich decke mit meinen Kissen
- Die frierenden Welten zu.
-
-
-
-
-Eines alten Lehrers Stimme im Traum
-
-
- Durch einen Traum der Straße oder gar
- Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .
- Von fern kam Deine Stimme wunderbar.
- Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum
- Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum
- Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum
- Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein.
- In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,
- Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,
- Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.
-
- Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt,
- Und dachte an des Vaters Gestalt,
- Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.
- Die unter Sternen reisen, mild und kalt,
- Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,
- Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,
- Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,
- An eine Hand, vereist und brauner Art.
- An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_.
-
- Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,
- Und liebend ein Sonntagswind,
- Von fern erfuhr ich Deine Spur,
- Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.
- Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.
- Und ob Du bist, oder im Traume nur.
- Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,
- Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,
- Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,
- Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.
-
-
-
-
-Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses
-
-
-Adam
-
- Müde in den schmerzensreichen Schuhn,
- Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .
- Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,
- Süßer Ort, aus dem ich angefangen!
- Meinen Pack von alten Schultern nun
- Werf ich ab mit einem langen, langen
- Atem, um mich ganz in Dich zu tun.
-
- Ja ich tauche auf aus allem Staub,
- Süße Mauer, traumwärts hergebaute,
- Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,
- Als der Engel loderte im Laub!
- Ja ich komme mit den schweren Rinnen,
- Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.
- Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,
- Höre auf, mich zu beginnen!
- Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.
- Schlage eine kleine Bresche ein,
- Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,
- Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer
- Windgefährte hebe an zu sein.
-
-Stimme aus dem Garten
-
- Ich darf Dich nicht lassen ein,
- Und darf mich nicht lassen aus,
- Ich muß mich fassen ein,
- Und gieße Dich in Gassen aus.
- Mein Haus ist wüst,
- Meinen Garten hast Du versandet,
- Ich bins, der für Dich büßt.
- Kein Schwan mehr landet
- In meinem See, der hohlgeht und brandet.
- Die alten Bäume sind verbrannt,
- Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,
- Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,
- Aus meinem Beet und Rebenstand.
- Im Herbst, wie eine alte Frau
- Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,
- So bettelhaft.
- Dein ist die Kraft.
- Mach, daß ich möge neu erstrahlen,
- Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,
- Den guten Garten wieder auferbau!
-
-Adam
-
- Durch tausend abgespannte Stunden
- Hab ich zu Dir mich hergefunden,
- Du wirfst mich fort.
-
-Stimme auf dem Garten
-
- Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,
- Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.
-
-Adam
-
- Erbarm Dich mein!
-
-Stimme aus dem Garten
-
- Erbarm Dich mein!
-
-Adam
-
- Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,
- Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?
- Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?
-
-Stimme aus dem Garten
-
- Ich habe meine Gnade ausgegeben,
- Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,
- Für Dich hab ich sie ganz,
- Du nie für mich gebraucht.
-
-Adam
-
- So wird dies Altern nimmer enden,
- Und keine Heimat macht mich wieder klein?
-
-Stimme aus dem Garten
-
- Bestelle mich mit Deinen Händen,
- Und Heimat werden wir uns beide sein,
- Und kehren ein!
-
-Adam
-
- Weh, daß kein andres Wort mich tröste,
- Und dies zurücke mich in Städte stößt!
-
-Stimme aus dem Garten
-
- Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,
- So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst.
-
-
-
-
-Luzifers Abendlied
-
-
- Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,
- Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .
- Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,
- Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.
-
- Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.
- Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.
- Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen
- Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.
- Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer
- Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.
- Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer
- Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.
-
- Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen
- Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.
- Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen
- Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.
-
- Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!
- Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.
- Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,
- Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.
-
- Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.
- Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.
- Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.
- Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.
-
- Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,
- Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!
- Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,
- Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.
-
- Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,
- Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt
- Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten
- Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.
-
-
-
-
-Held und Heiliger
-Prophezeiung an Alexander
-
-
-Held
-
- Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,
- Dem die Feuer um die Stirne laufen,
- Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen
- An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?
-
-Heiliger
-
- Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,
- Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!
- Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,
- Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.
-
-Held
-
- Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,
- Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.
- Dieses Da ist da, daß ich es saufe,
- Und wer mich säuft, meiner überlaufe!
-
-Heiliger
-
- Eitelster, der auf dem Rosse reitet,
- Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!
- Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?
- Wen Gott will, den muß er sich zerstören!
-
-Held
-
- Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?
- Gibt es Leben außer meinen Taten?
- Du und Er und alle sieben Reiche
- Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.
-
-Heiliger
-
- Nennst Du Leben die verruchten Stunden?
- Erst die Stunde, die Dich überwunden,
- Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren
- Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .
-
-Held
-
- Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen.
- Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen.
- Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen.
- Sterben alle, bleib ich doch bestehen.
-
-Heiliger
-(schon als Asche zusammensinkend)
-
- Alexander über tausend Meeren,
- Hör die Flammen an, die sich verzehren!
- Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!
- Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,
- Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.
- Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.
- Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,
- Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!
- Daß er furchtbar seine Gnade wähle,
- Rüste die noch nicht verdammte Seele!
-
-
-
-
-Alte Dienstboten
-
-
- In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
- Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
- Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
- Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
- Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
- Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
- Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
- Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
- Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
- Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
- Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
-
- Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
- Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
- Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
- Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
- Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
- Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
- Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
- Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
- Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .
- Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
- Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
-
- Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
- Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
- Sich ohne Ende über meins erheben,
- Das voll von Hoffart Worte machen mag.
- Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
- Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
- O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
- O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
- O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
- Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
- Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
-
-
-
-
-Jesus und der Äser-Weg
-
-
- Und als wir gingen von dem toten Hund,
- Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,
- Entführte, er uns diesem Meeres-Sund
- Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.
-
- Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,
- Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,
- Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,
- Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.
-
- Doch einer war, den jeder sanft erfand,
- Und leiser jeder sah zu Tale fließen.
- Und wie der Heiland süß sich umgewandt,
- Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!
-
- Er neigte nur das Haupt und ging voran,
- Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,
- Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,
- Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten.
-
- Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf
- Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.
- Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,
- Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
-
- Und da geschah, was uns die Augen schloß,
- Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,
- Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß
- Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
-
- Verbissene Ratten schwammen im Gezücht
- Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,
- Verweste Reh' und Esel und ein Licht
- Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
-
- Ein schweflig Stinken und so ohne Maß
- Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,
- Daß wir uns beugten übers gelbe Gras
- Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
-
- Der Heiland aber hob sich auf und schrie
- Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:
- »Mein Gott und Vater, höre mich und wende
- Dies Grauen von mir und begnade die!
-
- Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch
- Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.
- Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze
- Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
-
- Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,
- Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,
- Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!
- Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!«
-
- Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht
- Von jenen Jagden, die wir alle kannten,
- Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,
- Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
-
- Er neigte wild sich nieder und vergrub
- Die Hände ins verderbliche Geziefer,
- Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,
- Von seiner Weiße sich erhub.
-
- Er aber füllte seine Haare auf
- Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,
- Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,
- Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
-
- Und wie er so im dunklen Tage stand,
- Brachen die Berge auf, und Löwen weinten
- An seinem Knie, und die zum Flug vereinten
- Wildgänse brausten nieder unverwandt.
-
- Vier dunkle Sonnen tanzten lind,
- Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte.
- Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte
- Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
-
-
-
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-Neue Gedichte
-1916
-(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
-
-
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-
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-An den Richter
-
-
- Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein
- fremdes Bette.
- Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der
- aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
- Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen
- Dorfes und ich
- Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
-
- Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf
- meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
- Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet,
- betet heiser.
- Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um
- Fieber zu messen;
- Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte
- des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
-
- O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und
- geschlagen.
- Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
- Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge,
- gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im
- Frevel und wertlos in der Reue,
- Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein
- Richter -- und muß mich hassen!
-
- Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts
- dagegen, bekenne dennoch:
- Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und
- schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch --
- Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit
- zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung,
- Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
- Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden
- Vieh vergleiche.
-
- Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich
- wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
- Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach
- ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
- Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
- Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der
- Schuld empören?!
-
- Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht
- ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
- Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht,
- Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
- Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten
- Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
- Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du
- bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
-
- Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an
- meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
- Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu,
- und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
- Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich,
- ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit
- des Herzens!
- Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
-
- Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und
- ruhig atmen.
- Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und
- Gestern, dies Immer und Ewig!
- Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über
- diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
- Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen
- und großen Steppen schenken!
-
-
-
-
-Gebet um Reinheit
-
-
- Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.
- Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.
- Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,
- Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände
- spülen.
-
- O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!
- O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
- Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und
- spülst,
- Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?
-
- Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.
- Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend
- der Waschung wartet.
- Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne
- wahr zu sein.
- Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner
- Eitelkeit verstummt.
-
- Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,
- Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen
- Feind!
- Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht
- einmal sosehr, um uns Feinde zu sein.
- Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt,
- und an alle meine Tore pocht.
-
- Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und
- Völlerei treibt,
- Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster
- die Hungrigen drängen.
- Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre
- raucht und fett wird,
- Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner
- Seele verpraßt.
-
- Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz
- verkehrt und in Selbstbetrug.
- Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und
- meine Liebe mit Trägheit erstickt,
- Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur
- Wollust des Sieges an den Spieltischen,
- Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
-
- Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich
- zu dieser Zwieheit gemacht?
- Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o
- Du Gewässer!
- Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die
- Zahl Zwei.
- Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur
- Waschung.
-
- Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
- Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
- Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten,
- selig die einfach Bösen!
- Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und
- abnehmenden Gegenspieler.
- O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!
-
-
-
-
-Einem Denker
-
-
- Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.
- Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel
- entdeckt.
- Meine Sphäre war traurig,
- Ihr mißfiel Deine Art
- An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,
- Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.
-
- Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!
- Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!
- Wie deute ich mir,
- Wie verstünd ich's,
- Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die
- gleichgültigen Räume trägst,
- Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir
- vorbei, Du nicht Erwachter!?
-
- Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?
- Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!
- Denn wer zu Gericht sitzt,
- Über die Sünder,
- Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu
- gedenken, darf sein Wesen vergessen,
- Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.
-
- Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab
- davon!
- Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu
- Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.
- Du aber bist wie ein Knabe,
- Und scheinst nicht zu wissen,
- Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem
- Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . .
- Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten
- Triumphschrei zum Gespött machen.
-
- Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst.
- Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die
- Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung.
- Kennst Du die starke Waffe
- Der wirklichen Sieger?
- Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie
- ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .
- Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich
- erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!
-
- Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der
- Gerichtshöfe ist.
- Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die
- Unterscheidung der Worte.
- Aber die Worte sind
- Bedingter noch als die Dinge.
- Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der
- Geist der Worte
- Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber
- eitel und trostlos für die Leidenden.
-
- Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und
- Dich vereinsamt.
- Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so
- groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.
- In Dir ist aber noch
- Der alte Adam allzusehr!
- So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie
- und ihre Vollkommenheit,
- Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung
- ist.
-
- Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben
- Sterbenden rasten,
- Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die
- Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.
- Du kennst jene Weisheit nicht,
- Höher als alles Mitleid!
- Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern
- Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir
- alle Hände haben,
- Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem
- Leben vergießt.
-
-
-
-
-Ballade von Wahn und Tod
-
-
- Im großen Raum des Tags
- Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
- Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt
- Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags
- Mein Ohr die Stunde traf,
- Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.
- Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.
-
- Wie deut' ich diesen Schlaf,
- Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann
- In Dunkelheit, so mich eine Zeit
- In mein Herz traf?
- Und als ich kam empor,
- In Traum auftauchend Atemgang begann,
- Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche
- Tor.
-
- Nun höret, Freunde, es!
- Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.
- Ich stand gebannt an kalter Wand.
- O schwarzes, schreckliches
- Gedenken, da ich ihn nicht fand,
- Den Leichten, der mich so ging an
- Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner
- leichten Hand.
-
- Es fügte sich kein Schein,
- Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,
- Und unterm Bild vergeht und schwillt,
- Das kleine Licht ging ein.
- Es trat kein schwarzer Engel vor,
- Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein!
- Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor.
-
- Und auch kein Wort erscholl.
- Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief.
- Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.
- Weh, trocken, leicht und toll
- Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.
- Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,
- Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das
- Wort hieß: rettungslos.
-
- O letzte Angst und Schmerz!
- O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!
- O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.
- Ich stand in schwarzem Erz,
- Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,
- Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein.
- Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und
- fallen, den Fluß: Allein
-
- Und da es war also,
- Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.
- Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.
- Und ich erkannte so,
- Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,
- Die schwach an meine Stirne fuhr,
- Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum
- mich selber trug.
-
- Und als ich ihn erkannt,
- Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann,
- Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.
- Und nahm mir alles unverwandt,
- Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt --
- Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.
- Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig
- nackt.
-
- O Tod, o Tod, ich sah
- Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,
- Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.
- -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- --
- Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.
- (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)
- Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.
-
- Im großen Raum des Tags
- Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.
- Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
- Der Himmel glühte noch kaum.
- Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,
- Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .
- Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.
-
- Ich ging, wie Tote gehn,
- Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.
- Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,
- Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.
- Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock
- und schrie,
- Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .
- Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.
-
-
-
-
-Der Tempel
-
-
- O Tempel, in die
- Zarteste Stunde gebaut,
- Wenn schon die unermüdlichen
- Schmetterlinge
- Die kreisenden welken an
- Der alten Lampe des Weisen und
- Die Träumer plötzlich das Haupt
- Tauchen aus tausend Fenstern.
-
- Tempel,
- In solcher Stunde erschallend,
- Läßt Du uns gehn
- Über die Treppe.
- Aber wenig leuchtet
- Die Laterne voran des Priesters,
- Wenn tief der Tierkreis
- Brüllet und leis im Schlaf.
-
- Wie bald doch steh ich
- Und schon im Kuppelsaal.
- Dort aber rundet
- Der offne Himmel.
- Ein Morgen
- Macht ihn schon fast
- Zum verschwommenen Knaben.
- Doch in dem hellen Boden
- Findet er sich bemessen
- Zu unseren Füßen wieder
- Genau
- Im bildenden Wasserteich.
-
- Wie da ruhen
- Über unseren Schultern
- Die einhaltenden Vögel,
- Die Planeten sich aus.
- Sitzen sanft eine Weil' nur,
- Geschlossene Flügel
- Auf atemlosen Säulen.
- Trällert einer im Schlaf.
- Aber als letzter
- Luzifer schwirrend
- Hebt sich hinweg
- Morgender Stern.
- Mit fernem Gelächter
- Spiegelnd Gefieder
- Im schon helleren Bassin.
-
- Nun aber seh ich
- Wolken grünen im Wasser.
- Sehe dreifach
- Das Strandgut treiben
- Im kleinen Umkreis
- Des Brunnenteichs.
-
- Wohl weiß ich,
- Und nimmer täuschet mich wer,
- Mattes und Morsches.
-
- Drei Dinge schwimmen,
- Kleines Brett Noahs,
- Binsenkorb Mosis,
- Holzspahn der Krippe
- Drei Schatten schwimmen
- Auf wachsendem Himmel.
- Nun aber schreiten --
- (Da es doch bald mehr Frühe ist)
- Die Männer hinaus,
- Die herrlichen
- Nach der Abfertigung.
- Über den Brauen
- Schimmern die Glatzen vor Osten
- Sie neigen und schreiten,
- Die Heiligen schreiten
- Hinter Planeten.
- Frühe Arbeiter
- Und kühl
- Von diesem Himmel und Frische.
- So schreiten sie,
- Ohne zu wecken,
- Gesenkte Stirnen,
- Aus allen Türen zugleich
- Hinaus aus diesem
- Kuppelkreis,
- Die Verschmäher der Speise.
-
-
-
-
-Die heilige Elisabeth
-
-
-für Gertrud Spirk
-
- Wie sie geht
- Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,
- Unter dem noch versagenden Himmel,
- Dem atmenden Osten voraus!
- Über Stufen
- Steigend nieder
- Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .
-
- Aber es wehen noch, es fliegen
- Die wahrhaft gläubigen Träumer
- Durch Träume auf schlagenden Fittichen,
- Über den unzähligen Morgen,
- Stürzen sich in die Meere,
- Brust und Haar voll Auferstehungswind.
-
- Ihre Füße lächeln
- Über die Steine nieder.
- Doch in den harten
- Gebeizten Händen
- Hält sie, die Dienende,
- Den gedeckten Korb.
-
- Nun drängen schon
- Hunde und räudige Krüppel,
- Krähende Tolle
- Sich an das Jenseits ihres Knies.
- Bettler mit Näpfen
- Heben sich auf,
- Gestreifte Kranke,
- Lampe in Händen,
- Hustende Kinder,
- Betrunkene Greise,
- Huren, Gelichter, sterbende Sünder,
- Wanken geschlossenen Auges ihr nach.
-
- Schon heult die Stadt auf
- Und ächzt in ihren Morgen ein.
- Durch den Nebel der Kaserne
- Bricht die entsetzliche Trompete.
- In den Asylen krächzt
- Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.
- Flößerruf!
- Die schweren unseligen Pferde
- Neigen in Höfen ihr Haupt.
-
- Sie geht noch,
- Eh sie verfließt,
- Eh ihr Aufwärtslächeln
- Sich einmischt in die Antwort des Himmels,
- Sie geht noch die Magd,
- Sie weht noch die hohe Deutsche . . .
- O Dämmerung ihres Haars,
- O Schritt, o Blick,
- Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!
-
-
-
-
-Der Ruf
-
-
- So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,
- Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.
- Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.
-
- Dort aber war der Tag,
- Wo Munde abwärts ernster werden,
- Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.
- Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.
- Nicht rast das Antlitz mehr dort,
- Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.
- Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.
- Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.
-
- Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.
- Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.
- Das Haar im Zephyr leicht . . .
- Ich rief sie an.
-
- Doch wie sie sich wandte,
- Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,
- Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.
- Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,
- Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.
- Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs
- Warfen sich in die Saiten der Sonne,
- Töneten, sangen die Leichte zurück.
-
- Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,
- Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,
- Sah mich unter den brüllenden Festen:
- Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!
- Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds.
- Ich rief noch einmal . . . .
- Wie im leichten Schmerze,
- Zögernd,
- Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.
-
-
-
-
-Vergessen
-
-
- An dieses Flusses Walten wachend,
- Hinüberruhend
- Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,
- Habe ich Dein vergessen.
- Vergaß Dein Antlitz,
- Deiner Züge Niederwehn
- In die offenen harten armen Händ'.
- Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . .
- Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.
- Das Gras braust in die Nacht.
- Weh mein Gesicht ist Sünde!
-
-
-
-
-Müdigkeit
-
-
- Tiefe Schwester der Welt
- Weilt auf bewimpeltem Bord,
- Schützt ihren Krug vor dem Glanz,
- Der schon im Westen zerstürzt.
-
- Mit dem Gelächter des Volks
- Löst sich das Schifflein und schäumt.
- Aber die Göttin und Gold
- Rollt mit den Wellen noch lang.
-
- Herz und Atem versinkt,
- Woge, in welchen Schlag?
- Mischt schon die Fledermaus
- Elemente und Mohn?
-
- Abendgestade und Blick
- Schwinden hin. Kiel und Delphin.
- Lebt noch über der Bucht
- Maulbeer, Limone und Öl?
-
-
-
-
-Schrei
-
-
- Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,
- Ernste Frauen,
- Weilende Augen ohne Ebbe,
- Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .
-
- Aber wir unten
- Wir Knechte
- In diesem Pfuhl von Luft!
- Ausatmend, einatmend,
- Die Zeit vertreibend,
- Gute Vergesser . . .
- Und dennoch
- Von uns befallen,
- Von uns befallen.
- Im Hals den großen Skorpion,
- Der an den Gaumen juckt.
- Den gebundenen Teufel,
- Mit Stachel und Scher',
- Den mordenden Asmodi,
- Der zum Mund ausführt,
- Verbindlich, eitel, wohlgestalt,
- Der Lügenvater
- Über unsere
- Edle
- Von Wahrheit blutende Lippe.
-
- Wir unten, wir,
- Hilflos wie Knechte!
- Erstickt von Betrügen
- Erwürgt von Verraten,
- Gebeugte Auswandrer
- Wir aus uns selber,
- Verbrecher, verfolgt
- Von gemordeten Worten.
- Wettläufer ins Aus,
- Preisspringer ins Ende,
- Von den Türmen der Stunden --
- Zerekelt, ewiglich, elend, --
- Träge uns schleudernd in Schlaf.
-
-
-
-
-Der Dichter
-
-
- Ah! Ich habe mich ausverraten.
- Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,
- Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!
- Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,
- Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,
- Enträtselt sich zur Wahrheit.
- Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,
- Unerbittlich log ich Wahrheit.
- Nun beginne ich mich zu bedeuten,
- Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,
- Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .
- Hilflos
- Höhn ich mich Hilflosen von fern an.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
-Aus: »_Der Weltfreund_«
-
- An den Leser 4
- Kindersonntagsausflug 5
- Der dicke Mann im Spiegel 7
- Im winterlichen Hospital 9
- Sterben im Walde 11
- Das Malheur 12
- Erzherzogin und Bürgermeister 14
- Der Patriarch 15
- Solo des zarten Lumpen 17
- Der schöne strahlende Mensch 18
- Wanderlied 19
- Der kriegerische Weltfreund 20
- Ich habe eine gute Tat getan 21
-
-
-Aus: »_Wir sind_«
-
- Die Unverlassene 26
- Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27
- Vater und Sohn 28
- Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29
- Balance der Welt 31
- Der Feind 32
- Eine alte Frau geht 33
- Nacht-Fragment 35
- Das erkaltende Herz 36
- Der göttliche Portier 37
- Ein Lebens-Lied 38
- Ein Anderes 40
- Amore 41
- Ich bin ja noch ein Kind 42
-
-
-Aus: »_Einander_«
-
- Lächeln Atmen Schreiten 48
- Das Jenseits 50
- Warum mein Gott 51
- Die Tugend 53
- Veni creator spiritus 54
- Abschied 56
- Der Erkennende 57
- Romanze einer Schlange 58
- Tempel-Traum 60
- Ein Abendgesang 62
- Mondlied eines Mädchens 63
- Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65
- Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67
- Luzifers Abendlied 70
- Held und Heiliger 72
- Alte Dienstboten 75
- Jesus und der Äser-Weg 77
-
-
-_Neue Gedichte_
-
- An den Richter 82
- Gebet um Reinheit 85
- Einem Denker 88
- Ballade von Wahn und Tod 92
- Der Tempel 96
- Die heilige Elisabeth 100
- Der Ruf 102
- Vergessen 103
- Müdigkeit 104
- Schrei 105
- Der Dichter 106
-
-
-
-
-Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-
-
-Von _Franz Werfel_ sind erschienen:
-
-_Der Weltfreund._ Gedichte.
-
-_Wir sind._ Neue Gedichte.
-
-_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten.
-
-_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel.
-
-Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50.
-
-_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN ***
-
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--- a/41883-8.zip
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Binary files differ
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@@ -2,9 +2,9 @@
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<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
<head>
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel</title>
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@@ -126,50 +126,16 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; }
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Gesänge aus den drei Reichen
- Ausgewählte Gedichte
-
-Author: Franz Werfel
-
-Release Date: January 20, 2013 [EBook #41883]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 ***</div>
<h1 style="line-height:1em; font-weight:normal; letter-spacing:0.1em; margin-bottom:1em;">
<span style="font-size:1em;">
-Gesänge<br />
+Gesänge<br />
aus den drei<br />
Reichen
</span>
<br />
-<span style="font-size:0.6em;">Ausgewählte Gedichte<br />
+<span style="font-size:0.6em;">Ausgewählte Gedichte<br />
von</span><br />
<span style="font-size:0.8em;">Franz Werfel</span>
</h1>
@@ -184,8 +150,8 @@ Leipzig
</p>
<p class="center" style="page-break-before:always; font-size:0.8em; margin-top:5em; margin-bottom:5em; margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:27em; letter-spacing:0.1em;">
-Bücherei<br />
-Der jüngste Tag <br />
+Bücherei<br />
+Der jüngste Tag <br />
29./30. Band<br />
Zweite Auflage
</p>
@@ -212,37 +178,37 @@ An den Leser
<div class="poem">
<p class="line">Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!</p>
<p class="line">Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,</p>
- <p class="line">Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,</p>
+ <p class="line">Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,</p>
<p class="line">Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?</p>
- <p class="line">Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.</p>
+ <p class="line">Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?</p>
+ <p class="line">Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.</p>
<p class="line">Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,</p>
- <p class="line">Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!</p>
+ <p class="line">Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß</p>
- <p class="line">Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,</p>
- <p class="line">Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,</p>
- <p class="line">Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.</p>
+ <p class="line">Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß</p>
+ <p class="line">Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,</p>
+ <p class="line">Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,</p>
+ <p class="line">Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
<p class="line">Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,</p>
- <p class="line">Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.</p>
- <p class="line">Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,</p>
- <p class="line">Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.</p>
+ <p class="line">Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.</p>
+ <p class="line">Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,</p>
+ <p class="line">Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">So gehöre ich Dir und Allen!</p>
+ <p class="line">So gehöre ich Dir und Allen!</p>
<p class="line">Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!</p>
- <p class="line">O, könnte es einmal geschehn,</p>
- <p class="line">Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!</p>
+ <p class="line">O, könnte es einmal geschehn,</p>
+ <p class="line">Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-2">
@@ -252,8 +218,8 @@ Kindersonntagsausflug
<div class="poem">
<p class="line">Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.</p>
<p class="line">Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.</p>
- <p class="line">Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, Gerüste und Piloten,</p>
- <p class="line">Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!</p>
+ <p class="line">Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, Gerüste und Piloten,</p>
+ <p class="line">Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -261,37 +227,37 @@ Kindersonntagsausflug
<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
<p class="line">Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.</p>
<p class="line">An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und Ankerlichten,</p>
- <p class="line">An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und Malayen schrein.</p>
+ <p class="line">An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und Malayen schrein.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien eingefangen.</p>
- <p class="line">Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.</p>
- <p class="line">Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen sprangen,</p>
- <p class="line">Dann riß ein Mann an der Glocke &mdash; Die</p>
- <p class="line">Maschinen unter uns stampften und rührten sich.</p>
+ <p class="line">Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien eingefangen.</p>
+ <p class="line">Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.</p>
+ <p class="line">Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen sprangen,</p>
+ <p class="line">Dann riß ein Mann an der Glocke &mdash; Die</p>
+ <p class="line">Maschinen unter uns stampften und rührten sich.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,</p>
- <p class="line">Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem Wahnsinn fort,</p>
- <p class="line">Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne</p>
- <p class="line">Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. &mdash;</p>
+ <p class="line">Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,</p>
+ <p class="line">Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem Wahnsinn fort,</p>
+ <p class="line">Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne</p>
+ <p class="line">Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. &mdash;</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,</p>
- <p class="line">Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.</p>
+ <p class="line">Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,</p>
+ <p class="line">Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.</p>
<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
- <p class="line">Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,</p>
- <p class="line">Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten sie hervor.</p>
+ <p class="line">Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,</p>
+ <p class="line">Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten sie hervor.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,</p>
- <p class="line">Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.</p>
+ <p class="line">Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,</p>
+ <p class="line">Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.</p>
<p class="line">Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,</p>
- <p class="line">Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde Militärmusik.</p>
+ <p class="line">Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde Militärmusik.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-3">
@@ -311,36 +277,36 @@ Der dicke Mann im Spiegel
<p class="line">Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.</p>
<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
<p class="line2">Eben abgelegt,</p>
- <p class="line2">Hängt er unbewegt,</p>
- <p class="line">Klein und müde an der Türe dort.</p>
+ <p class="line2">Hängt er unbewegt,</p>
+ <p class="line">Klein und müde an der Türe dort.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,</p>
+ <p class="line">Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,</p>
<p class="line">Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,</p>
<p class="line2">Lieblich stand verwundert,</p>
<p class="line2">Der vorher getschundert</p>
- <p class="line">Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.</p>
+ <p class="line">Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht</p>
- <p class="line">Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.</p>
- <p class="line2">Oft zu schnöder Zeit,</p>
- <p class="line2">Hör im Traum ich weit</p>
- <p class="line">Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.</p>
+ <p class="line">Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.</p>
+ <p class="line2">Oft zu schnöder Zeit,</p>
+ <p class="line2">Hör im Traum ich weit</p>
+ <p class="line">Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?</p>
- <p class="line">Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.</p>
- <p class="line2">Wenn sie doch schon käme</p>
- <p class="line2">Und es mit sich nähme,</p>
+ <p class="line">Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.</p>
+ <p class="line2">Wenn sie doch schon käme</p>
+ <p class="line2">Und es mit sich nähme,</p>
<p class="line">Das dort oben leise singt, das Licht!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,</p>
+ <p class="line">Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,</p>
<p class="line">Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.</p>
<p class="line2">Nur der dicke Mann</p>
<p class="line2">Schaut mich hilflos an,</p>
@@ -353,7 +319,7 @@ Im winterlichen Hospital
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Himmel wird sich bald entblättern,</p>
+ <p class="line">Himmel wird sich bald entblättern,</p>
<p class="line">Aber Licht ist noch genug.</p>
<p class="line">Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern</p>
<p class="line">Von Winterwind ein Flug.</p>
@@ -361,42 +327,42 @@ Im winterlichen Hospital
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Draußen gibt es Blumen zu kaufen,</p>
- <p class="line">Da sind Kinder vorübergelaufen.</p>
- <p class="line">Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.</p>
- <p class="line">Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Draußen gibt es Blumen zu kaufen,</p>
+ <p class="line">Da sind Kinder vorübergelaufen.</p>
+ <p class="line">Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.</p>
+ <p class="line">Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten.&nbsp;.&nbsp;.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">O Verband, der erlöst! &mdash; Nicht regen, nicht rühren!</p>
- <p class="line">Doch kann ich noch spüren,</p>
- <p class="line">Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen</p>
- <p class="line">Vom Lande stößt.</p>
+ <p class="line">O Verband, der erlöst! &mdash; Nicht regen, nicht rühren!</p>
+ <p class="line">Doch kann ich noch spüren,</p>
+ <p class="line">Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen</p>
+ <p class="line">Vom Lande stößt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Vorbei &mdash; vorbei</p>
- <p class="line">An Wildnis und Fläche!</p>
- <p class="line">Dort stürzen Bäche,</p>
+ <p class="line">An Wildnis und Fläche!</p>
+ <p class="line">Dort stürzen Bäche,</p>
<p class="line">Schon atmet die Steppe,</p>
<p class="line">Die ewige frei.&nbsp;.&nbsp;.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Was tönt im Haus,</p>
- <p class="line">Gedämpft über die Treppe?</p>
+ <p class="line">Was tönt im Haus,</p>
+ <p class="line">Gedämpft über die Treppe?</p>
<p class="line">Ist die Besuchsstunde schon aus?</p>
<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
- <p class="line">Jetzt liegen die kranken Brüder da,</p>
+ <p class="line">Jetzt liegen die kranken Brüder da,</p>
<p class="line">Einen lieben Gegenstand in der Hand,</p>
<p class="line">Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,</p>
<p class="line">Und, ach, ein neuer Engelhornband.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich will nicht klagen, daß niemand</p>
+ <p class="line">Ich will nicht klagen, daß niemand</p>
<p class="line">Im fremden Land</p>
- <p class="line">Meine Türe aufgetan</p>
+ <p class="line">Meine Türe aufgetan</p>
<p class="line">Freundlich mir zugewandt.</p>
</div>
@@ -409,7 +375,7 @@ Im winterlichen Hospital
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nun hat es sich doch erfüllt!</p>
+ <p class="line">Nun hat es sich doch erfüllt!</p>
<p class="line">O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!</p>
<p class="line">O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden</p>
<p class="line">Erschlagene Krieger zu sein!</p>
@@ -419,14 +385,14 @@ Im winterlichen Hospital
<p class="line">Da kamst Du immer dem treuen,</p>
<p class="line">Dem Knaben Blumen zu streuen.</p>
<p class="line">So ist es wieder geschehn?</p>
- <p class="line">Schon stürzten die Speere und Schilde,</p>
+ <p class="line">Schon stürzten die Speere und Schilde,</p>
<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
<p class="line">Nun darf auch mein armes Gefilde</p>
- <p class="line">In Abend und Tränen stehn.</p>
+ <p class="line">In Abend und Tränen stehn.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">&bdquo;Schwester, so spät ist es schon?&ldquo;</p>
+ <p class="line">&bdquo;Schwester, so spät ist es schon?&ldquo;</p>
<p class="line">&bdquo;Ja, ich bringe die Abendbouillon.&ldquo;</p>
</div>
@@ -439,7 +405,7 @@ Im winterlichen Hospital
<p class="line">Im Dunkeln, im Hellen,</p>
<p class="line">An niedrigen Feuern,</p>
<p class="line">Nach Abenteuern</p>
- <p class="line">Gelagerte Männer</p>
+ <p class="line">Gelagerte Männer</p>
<p class="line">Bereiten ein Mahl.</p>
</div>
@@ -448,33 +414,33 @@ Sterben im Walde
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,</p>
- <p class="line">Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen</p>
+ <p class="line">Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,</p>
+ <p class="line">Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen</p>
<p class="line">Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.</p>
- <p class="line">Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.</p>
+ <p class="line">Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.</p>
+ <p class="line">Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.</p>
<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
<p class="line">Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.</p>
<p class="line">Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.</p>
<p class="line">Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.</p>
- <p class="line">Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.</p>
+ <p class="line">Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,</p>
- <p class="line">Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine Lippen nicht.</p>
+ <p class="line">Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine Lippen nicht.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,</p>
+ <p class="line">Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,</p>
<p class="line">Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und meine Seele fällt ein:</p>
+ <p class="line">Und meine Seele fällt ein:</p>
<p class="line2"><span class="em">Du bist auf der Welt!</span></p>
<p class="line">Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.</p>
</div>
@@ -484,83 +450,83 @@ Das Malheur
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs stumm,</p>
+ <p class="line">Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs stumm,</p>
<p class="line">Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.</p>
<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
- <p class="line">Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,</p>
+ <p class="line">Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,</p>
<p class="line">Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.</p>
- <p class="line">Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.</p>
+ <p class="line">Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.</p>
+ <p class="line">Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und</p>
+ <p class="line">Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und</p>
<p class="line">Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.</p>
- <p class="line">Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.</p>
+ <p class="line">Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in den Schoß</p>
- <p class="line">Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut und grenzenlos.</p>
+ <p class="line">In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in den Schoß</p>
+ <p class="line">Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut und grenzenlos.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,</p>
+ <p class="line">Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,</p>
<p class="line">War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-7">
<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Erzherzogin und Bürgermeister
+Erzherzogin und Bürgermeister
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,</p>
- <p class="line">Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.</p>
+ <p class="line">Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,</p>
+ <p class="line">Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,</p>
- <p class="line">War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.</p>
+ <p class="line">Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,</p>
+ <p class="line">War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.</p>
- <p class="line">Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.</p>
+ <p class="line">Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise und verzagt.</p>
- <p class="line">Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.</p>
+ <p class="line">Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und während sie manches sprach, was dachte sie?</p>
- <p class="line">Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.</p>
+ <p class="line">Und während sie manches sprach, was dachte sie?</p>
+ <p class="line">Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
- <p class="line">Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen vergaß,</p>
- <p class="line">Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.</p>
+ <p class="line">Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen vergaß,</p>
+ <p class="line">Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses Los,</p>
- <p class="line">Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.</p>
+ <p class="line">Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses Los,</p>
+ <p class="line">Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,</p>
- <p class="line">Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,</p>
+ <p class="line">Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,</p>
- <p class="line">Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.</p>
+ <p class="line">Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,</p>
+ <p class="line">Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-8">
@@ -568,8 +534,8 @@ Der Patriarch
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.</p>
- <p class="line">O könnt&rsquo; ich hier &mdash; ein Patriarch &mdash; die atmende Gemeine lehren!</p>
+ <p class="line">Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.</p>
+ <p class="line">O könnt&rsquo; ich hier &mdash; ein Patriarch &mdash; die atmende Gemeine lehren!</p>
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
<p class="line">Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren</p>
<p class="line">Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.</p>
@@ -578,20 +544,20 @@ Der Patriarch
<div class="poem">
<p class="line">Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch</p>
<p class="line">Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.</p>
- <p class="line">Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,</p>
+ <p class="line">Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,</p>
<p class="line">In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,</p>
- <p class="line">Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,</p>
- <p class="line">Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!</p>
+ <p class="line">Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,</p>
+ <p class="line">Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,</p>
+ <p class="line">Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,</p>
- <p class="line">Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,</p>
- <p class="line">Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten</p>
+ <p class="line">Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,</p>
+ <p class="line">Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,</p>
+ <p class="line">Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-9">
@@ -602,52 +568,52 @@ Solo des zarten Lumpen
<div class="poem">
<p class="line">Nun wieder eine Nacht durchjohlt</p>
<p class="line">Ist rings der Stadtpark aufgewacht.</p>
- <p class="line">Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.</p>
- <p class="line">In der durchsichtigen Frühe.</p>
- <p class="line">Nach falschbekränzter Nacht</p>
+ <p class="line">Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.</p>
+ <p class="line">In der durchsichtigen Frühe.</p>
+ <p class="line">Nach falschbekränzter Nacht</p>
<p class="line">Hast Du mich eingeholt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wie ich Dich gestern sah.&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Bewegte Straße glitt</p>
- <p class="line">Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,</p>
- <p class="line">Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,</p>
+ <p class="line">Bewegte Straße glitt</p>
+ <p class="line">Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,</p>
+ <p class="line">Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,</p>
<p class="line">Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,</p>
<p class="line">Du Schlanke fern und nah!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Gefühl, geheimer Sinn</p>
+ <p class="line">Gefühl, geheimer Sinn</p>
<p class="line">Und ein Gedanke kam.</p>
<p class="line">Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten Erden.</p>
<p class="line">Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! &mdash;</p>
<p class="line">Warum zerschmilzt mich Scham?</p>
- <p class="line">Was reißt mich Wonne hin?</p>
+ <p class="line">Was reißt mich Wonne hin?</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Noch höher bist Du bald</p>
- <p class="line">Und weiter mir entrückt.</p>
+ <p class="line">Noch höher bist Du bald</p>
+ <p class="line">Und weiter mir entrückt.</p>
<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
- <p class="line">Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden</p>
- <p class="line">Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,</p>
- <p class="line">Von Schmerz und Glück bedrückt,</p>
+ <p class="line">Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden</p>
+ <p class="line">Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,</p>
+ <p class="line">Von Schmerz und Glück bedrückt,</p>
<p class="line">Nun mildere Gestalt!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">In die Natur und Pflicht</p>
- <p class="line">Wächst lieblich Du hinein.</p>
- <p class="line">Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,</p>
- <p class="line">In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;</p>
+ <p class="line">Wächst lieblich Du hinein.</p>
+ <p class="line">Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,</p>
+ <p class="line">In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;</p>
<p class="line">Du denkst an Dinge rein,</p>
<p class="line">An Windeln, Kindgewicht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Drum soll es so geschehn!</p>
- <p class="line">Von Wolken lieb umdrängt,</p>
+ <p class="line">Von Wolken lieb umdrängt,</p>
<p class="line">Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!</p>
<p class="line">Ich will Dich bebend hochbeloben,</p>
<p class="line">Und Blick und Bart gesenkt</p>
@@ -655,26 +621,26 @@ Solo des zarten Lumpen
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-10">
-Der schöne strahlende Mensch
+Der schöne strahlende Mensch
</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,</p>
- <p class="line">Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,</p>
- <p class="line">Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen</p>
+ <p class="line">Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,</p>
+ <p class="line">Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen</p>
<p class="line">Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
- <p class="line">Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,</p>
- <p class="line">Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,</p>
- <p class="line">Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen</p>
+ <p class="line">Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,</p>
+ <p class="line">Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,</p>
+ <p class="line">Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen</p>
<p class="line">Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,</p>
+ <p class="line">Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,</p>
<p class="line">Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,</p>
<p class="line">Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.</p>
</div>
@@ -682,7 +648,7 @@ Der schöne strahlende Mensch
<div class="poem">
<p class="line">Ich will mich auf den Rasen niedersetzen</p>
<p class="line">Und mit der Erde in den Abend fahren.</p>
- <p class="line">Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!</p>
+ <p class="line">Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-11">
@@ -691,17 +657,17 @@ Wanderlied
<div class="poem">
<p class="line">Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,</p>
- <p class="line">Die einst kies- und straßenüber klangen?</p>
+ <p class="line">Die einst kies- und straßenüber klangen?</p>
<p class="line">Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,</p>
- <p class="line">Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,</p>
+ <p class="line">Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,</p>
<p class="line">Deine Schritte laufen oder schleppen</p>
- <p class="line">Ewig weiter über Weg und Treppen.</p>
+ <p class="line">Ewig weiter über Weg und Treppen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,</p>
- <p class="line">Die Dein wallendes Gemüt geboren?</p>
- <p class="line">Hangend in den Häusern, unter Toren,</p>
+ <p class="line">Die Dein wallendes Gemüt geboren?</p>
+ <p class="line">Hangend in den Häusern, unter Toren,</p>
<p class="line">Sinken sie in vorbestimmte Ohren,</p>
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
<p class="line">Bilden sich zu wunderlicher Stunde,</p>
@@ -709,12 +675,12 @@ Wanderlied
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,</p>
+ <p class="line">Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,</p>
<p class="line">Schritt und Worte, die ins Weite reisen?</p>
- <p class="line">Oder wähnst Du, daß der graue, alte</p>
+ <p class="line">Oder wähnst Du, daß der graue, alte</p>
<p class="line">Ahnherr diese sprach und jene wallte?</p>
<p class="line">Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,</p>
- <p class="line">Daß Du selbst der Bärtige gewesen?</p>
+ <p class="line">Daß Du selbst der Bärtige gewesen?</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-12">
@@ -724,40 +690,40 @@ Der kriegerische Weltfreund
<div class="poem">
<p class="line">Schon bin ich voll und klar,</p>
<p class="line">Dem noch so arg zu Mut.</p>
- <p class="line">Der bös und bitter war</p>
+ <p class="line">Der bös und bitter war</p>
<p class="line">Nun ist er gut.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Bosheit, die mich zerwirrt,</p>
- <p class="line">Rache und falscher Stoß,</p>
- <p class="line">Ach, meine Güte wird</p>
- <p class="line">An ihnen groß!</p>
+ <p class="line">Rache und falscher Stoß,</p>
+ <p class="line">Ach, meine Güte wird</p>
+ <p class="line">An ihnen groß!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Schäumst Du noch, dunkles Blut,</p>
+ <p class="line">Schäumst Du noch, dunkles Blut,</p>
<p class="line">Wenn Hohn sich feig vermummt,</p>
- <p class="line">Sternaufgebäumte Wut,</p>
+ <p class="line">Sternaufgebäumte Wut,</p>
<p class="line">Bist Du verstummt?</p>
<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
- <p class="line">Der sich zu Boden schmiß,</p>
+ <p class="line">Der sich zu Boden schmiß,</p>
<p class="line">Keuchend und krankgehetzt,</p>
- <p class="line">Nachts in die Pölster biß</p>
- <p class="line">Wie tönt er jetzt?</p>
+ <p class="line">Nachts in die Pölster biß</p>
+ <p class="line">Wie tönt er jetzt?</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Bosheit und feigen Hohn,</p>
- <p class="line">Alles, was falsch mich haßt,</p>
+ <p class="line">Alles, was falsch mich haßt,</p>
<p class="line">&mdash; O wie stark bin ich schon &mdash;</p>
<p class="line">Lad ich zu Gast</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Dämonen in Erz und Stahl</p>
+ <p class="line">Dämonen in Erz und Stahl</p>
<p class="line">Wandeln sich, werden rein,</p>
- <p class="line">Stürze mit einem Mal</p>
+ <p class="line">Stürze mit einem Mal</p>
<p class="line">In mich herein.</p>
</div>
@@ -787,37 +753,37 @@ Ich habe eine gute Tat getan
<div class="poem">
<p class="line">Tausend gute Taten will ich tun!</p>
- <p class="line">Ich fühle schon,</p>
+ <p class="line">Ich fühle schon,</p>
<p class="line">Wie mich alles liebt,</p>
<p class="line">Weil ich alles liebe!</p>
- <p class="line">Hinström ich voll Erkenntniswonne!</p>
- <p class="line">Du mein letztes, süßestes,</p>
- <p class="line">Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!</p>
+ <p class="line">Hinström ich voll Erkenntniswonne!</p>
+ <p class="line">Du mein letztes, süßestes,</p>
+ <p class="line">Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!</p>
<p class="line"><span class="em">Wohlwollen!</span></p>
<p class="line">Tausend gute Taten will ich tun.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Schönste Befriedigung</p>
+ <p class="line">Schönste Befriedigung</p>
<p class="line">Wird mir zu Teil:</p>
<p class="line">Dankbarkeit!</p>
<p class="line">Dankbarkeit der Welt.</p>
- <p class="line">Stille Gegenstände</p>
+ <p class="line">Stille Gegenstände</p>
<p class="line">Werfen sich mir in die Arme.</p>
- <p class="line">Stille Gegenstände,</p>
- <p class="line">Die ich in einer erfüllten Stunde</p>
+ <p class="line">Stille Gegenstände,</p>
+ <p class="line">Die ich in einer erfüllten Stunde</p>
<p class="line">Wie brave Tiere streichelte.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Mein Schreibtisch knarrt,</p>
- <p class="line">Ich weiß, er will mich umarmen.</p>
+ <p class="line">Ich weiß, er will mich umarmen.</p>
<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
- <p class="line">Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,</p>
+ <p class="line">Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,</p>
<p class="line">Geheimnisvoll und ungeschickt</p>
<p class="line">Klingen alle Saiten zusammen.</p>
<p class="line">Das Buch, das ich lese</p>
- <p class="line">Blättert selbst sich auf.</p>
+ <p class="line">Blättert selbst sich auf.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -826,19 +792,19 @@ Ich habe eine gute Tat getan
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Einst will ich durch die grüne Natur wandern,</p>
- <p class="line">Da werden mich die Bäume</p>
+ <p class="line">Einst will ich durch die grüne Natur wandern,</p>
+ <p class="line">Da werden mich die Bäume</p>
<p class="line">Und Schlingpflanzen verfolgen,</p>
- <p class="line">Die Kräuter und Blumen</p>
+ <p class="line">Die Kräuter und Blumen</p>
<p class="line">Holen mich ein,</p>
<p class="line">Tastende Wurzeln umfassen mich schon,</p>
- <p class="line">Zärtliche Zweige</p>
+ <p class="line">Zärtliche Zweige</p>
<p class="line">Binden mich fest,</p>
- <p class="line">Blätter überrieseln mich,</p>
- <p class="line">Sanft wie ein dünner,</p>
- <p class="line">Schütterer Wassersturz.</p>
- <p class="line">Viele Hände greifen nach mir,</p>
- <p class="line">Viele grüne Hände</p>
+ <p class="line">Blätter überrieseln mich,</p>
+ <p class="line">Sanft wie ein dünner,</p>
+ <p class="line">Schütterer Wassersturz.</p>
+ <p class="line">Viele Hände greifen nach mir,</p>
+ <p class="line">Viele grüne Hände</p>
<p class="line">Ganz umnistet</p>
<p class="line">Von Liebe und Lieblichkeit</p>
<p class="line">Steh ich gefangen.</p>
@@ -872,27 +838,27 @@ Die Unverlassene<br />
<p class="line">Du bist von Ferne aufgewacht,</p>
<p class="line">Und neben Dir ist Schnarchen schwer.</p>
<p class="line">Und ach vom Gitterbettchen her</p>
- <p class="line">Ein Weinen klein und unbewußt.</p>
- <p class="line">Da schlägst Du Deine Decke um,</p>
- <p class="line">Nimmst ohne Glück und stumm</p>
+ <p class="line">Ein Weinen klein und unbewußt.</p>
+ <p class="line">Da schlägst Du Deine Decke um,</p>
+ <p class="line">Nimmst ohne Glück und stumm</p>
<p class="line">Das Kind an Deine Brust.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wenn mühsam Tag sich näher drängt</p>
- <p class="line">Und Dich in Erdenlos verfängt,</p>
- <p class="line">Wird Schoß und Lippe wissensschwer,</p>
- <p class="line">Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,</p>
- <p class="line">Wächst Dir ums Aug&rsquo; der dunkle Strich,</p>
+ <p class="line">Wenn mühsam Tag sich näher drängt</p>
+ <p class="line">Und Dich in Erdenlos verfängt,</p>
+ <p class="line">Wird Schoß und Lippe wissensschwer,</p>
+ <p class="line">Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,</p>
+ <p class="line">Wächst Dir ums Aug&rsquo; der dunkle Strich,</p>
<p class="line">Gedenke und erinnere Dich,</p>
- <p class="line">Daß jener Bot&rsquo; aus besserer Welt</p>
- <p class="line">Dich seltsam in der Seele hält!</p>
+ <p class="line">Daß jener Bot&rsquo; aus besserer Welt</p>
+ <p class="line">Dich seltsam in der Seele hält!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Weißt Du, weißt Du den Abendgang,</p>
+ <p class="line">Weißt Du, weißt Du den Abendgang,</p>
<p class="line">Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?</p>
- <p class="line">Wer fühlte einst im Elternhaus,</p>
+ <p class="line">Wer fühlte einst im Elternhaus,</p>
<p class="line">Wer Dich in Ewigkeit voraus?</p>
<p class="line">Wenn Du Dich einsam meinst,</p>
<p class="line">Wer kannte schon den Schmerzenston,</p>
@@ -902,21 +868,21 @@ Die Unverlassene<br />
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-2">
-Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
+Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte</p>
- <p class="line">Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,</p>
- <p class="line">Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,</p>
- <p class="line">Mühselig Millionen Unterdrückte?</p>
+ <p class="line">Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte</p>
+ <p class="line">Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,</p>
+ <p class="line">Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,</p>
+ <p class="line">Mühselig Millionen Unterdrückte?</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,</p>
- <p class="line">War Arbeit um uns und die Erde wärmte.</p>
- <p class="line">Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,</p>
- <p class="line">Es lebten und es starben Niebeglückte!</p>
+ <p class="line">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,</p>
+ <p class="line">War Arbeit um uns und die Erde wärmte.</p>
+ <p class="line">Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,</p>
+ <p class="line">Es lebten und es starben Niebeglückte!</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -926,9 +892,9 @@ Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!</p>
+ <p class="line">Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!</p>
<p class="line">Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,</p>
- <p class="line">Wie werd&rsquo; ich diese Schuld bezahlen müssen!?</p>
+ <p class="line">Wie werd&rsquo; ich diese Schuld bezahlen müssen!?</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-3">
@@ -938,25 +904,25 @@ Vater und Sohn
<div class="poem">
<p class="line">Wie wir einst im grenzenlosen Lieben</p>
- <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben</p>
+ <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben</p>
<p class="line">Zu der Seligen Lust &mdash;</p>
- <p class="line">Uranos erschloß des Busens Bläue,</p>
+ <p class="line">Uranos erschloß des Busens Bläue,</p>
<p class="line">Und vereint in lustiger Kindertreue</p>
<p class="line">Schaukelten wir da durch seine Brust.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Aber weh! der Äther ging verloren,</p>
- <p class="line">Welt erbraust und Körper ward geboren,</p>
+ <p class="line">Aber weh! der Äther ging verloren,</p>
+ <p class="line">Welt erbraust und Körper ward geboren,</p>
<p class="line">Nun sind wir entzweit.</p>
- <p class="line">Düster von erbosten Mittagsmählern</p>
- <p class="line">Treffen sich die Blicke stählern,</p>
+ <p class="line">Düster von erbosten Mittagsmählern</p>
+ <p class="line">Treffen sich die Blicke stählern,</p>
<p class="line">Feindlich und bereit.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und in seinem schwarzen Mantelschwunge</p>
- <p class="line">Trägt der Alte wie der Junge</p>
+ <p class="line">Trägt der Alte wie der Junge</p>
<p class="line">Eisen hassenswert.</p>
<p class="line">Die sie reden, Worte, sind von kalter</p>
<p class="line">Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,</p>
@@ -964,13 +930,13 @@ Vater und Sohn
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe</p>
- <p class="line">Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!</p>
+ <p class="line">Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe</p>
+ <p class="line">Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!</p>
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
- <p class="line">Daß der Orkus widerhallt.</p>
- <p class="line">Und schon klirrt in unseren wilden Händen</p>
+ <p class="line">Daß der Orkus widerhallt.</p>
+ <p class="line">Und schon klirrt in unseren wilden Händen</p>
<p class="line">Jener Waffen &mdash; kaum noch abzuwenden &mdash;</p>
- <p class="line">Höllische Gewalt.</p>
+ <p class="line">Höllische Gewalt.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -978,17 +944,17 @@ Vater und Sohn
<p class="line">An des Tisches hauserhabenem Frieden,</p>
<p class="line">Wo das Wirre schweigt,</p>
<p class="line">Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,</p>
- <p class="line">Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,</p>
- <p class="line">Träne auf- und niedersteigt.</p>
+ <p class="line">Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,</p>
+ <p class="line">Träne auf- und niedersteigt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.</p>
- <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben,</p>
+ <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben,</p>
<p class="line">Ahnen wir im Traum.</p>
<p class="line">Und die leichte Hand zuckt nach der greisen</p>
<p class="line">Und in einer wunderbaren, leisen</p>
- <p class="line">Rührung stürzt der Raum.</p>
+ <p class="line">Rührung stürzt der Raum.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-4">
@@ -1004,59 +970,59 @@ Die Witwe am Bette ihres Sohnes
<div class="poem">
<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
- <p class="line">Daß Du mich gestern verstießest,</p>
+ <p class="line">Daß Du mich gestern verstießest,</p>
<p class="line">Hat nimmer Dich bitter gemacht.</p>
- <p class="line">Daß Du mich alleine ließest</p>
- <p class="line">Die ängstliche Mitternacht.</p>
+ <p class="line">Daß Du mich alleine ließest</p>
+ <p class="line">Die ängstliche Mitternacht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und doch. Ich will Dich bewegen</p>
- <p class="line">Zu Leben und nächtlichem Mut.</p>
- <p class="line">Dein mächtiges Treiben und Regen</p>
- <p class="line">Durchläuft meinen Schatten mit Blut.</p>
+ <p class="line">Zu Leben und nächtlichem Mut.</p>
+ <p class="line">Dein mächtiges Treiben und Regen</p>
+ <p class="line">Durchläuft meinen Schatten mit Blut.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">O Sohn! Dein Zechen und Speisen</p>
- <p class="line">Nährt Deine Mutter, ich weiß.</p>
- <p class="line">Dein Lärmen und Becherkreisen</p>
+ <p class="line">Nährt Deine Mutter, ich weiß.</p>
+ <p class="line">Dein Lärmen und Becherkreisen</p>
<p class="line">Bewegt meinen Lebenskreis.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und wenn ich sitze und sticke,</p>
- <p class="line">Dies Leben ist in Dich entrückt,</p>
+ <p class="line">Dies Leben ist in Dich entrückt,</p>
<p class="line">Aus meinem vergehenden Blicke</p>
- <p class="line">In Deine Augen gezückt.</p>
+ <p class="line">In Deine Augen gezückt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wie ich Dich bebend getragen</p>
- <p class="line">Im heilig erkannten Schoß,</p>
+ <p class="line">Im heilig erkannten Schoß,</p>
<p class="line">Du wuchsest an bildenden Tagen</p>
- <p class="line">Und schmerztest und wurdest groß.</p>
+ <p class="line">Und schmerztest und wurdest groß.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
- <p class="line">Und wie Du aus mir gemündet,</p>
+ <p class="line">Und wie Du aus mir gemündet,</p>
<p class="line">In Himmel und Welt und Haus,</p>
- <p class="line">Und wie Du in mir Dich entzündet,</p>
- <p class="line">So lösche ich in Dir aus.</p>
+ <p class="line">Und wie Du in mir Dich entzündet,</p>
+ <p class="line">So lösche ich in Dir aus.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Mein Leben ist ein Sichergießen</p>
+ <p class="line">Mein Leben ist ein Sichergießen</p>
<p class="line">In Dein gerundetes Licht,</p>
- <p class="line">Im leidenden Überfließen</p>
- <p class="line">Erfüll ich die weltliche Pflicht.</p>
+ <p class="line">Im leidenden Überfließen</p>
+ <p class="line">Erfüll ich die weltliche Pflicht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Bald bin ich nichts als Dein Lachen</p>
<p class="line">Nichts als Deines Mundes Gebot.</p>
- <p class="line">Laß mich Deinen Schlaf bewachen,</p>
+ <p class="line">Laß mich Deinen Schlaf bewachen,</p>
<p class="line">Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.</p>
</div>
@@ -1066,7 +1032,7 @@ Balance der Welt
<div class="poem">
<p class="line">Ich klag&rsquo; und klage: Harte Welt!</p>
- <p class="line">Doch fühl&rsquo; ich, wie&rsquo;s mich auch umstellt,</p>
+ <p class="line">Doch fühl&rsquo; ich, wie&rsquo;s mich auch umstellt,</p>
<p class="line">Wie mir hier alles harte Welt,</p>
<p class="line">So bin ich allem harte Welt!</p>
</div>
@@ -1075,12 +1041,12 @@ Balance der Welt
<p class="line">Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.</p>
<p class="line">Es dreht die alten Globen fort.</p>
<p class="line">Und eh&rsquo; noch unsre Zeit beginnt,</p>
- <p class="line">Werden wir schuldig, daß wir sind!</p>
+ <p class="line">Werden wir schuldig, daß wir sind!</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
- <p class="line">Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,</p>
+ <p class="line">Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,</p>
<p class="line">Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,</p>
<p class="line">Fluchte der Vater seinem Sohn.</p>
<p class="line">Du Weltgesandter bringst den Lohn.</p>
@@ -1100,24 +1066,24 @@ Der Feind
<div class="poem">
<p class="line">Mein Feind, dem ich entgegenspeie,</p>
<p class="line">In meiner Brust versammelnd kleine Schreie</p>
- <p class="line">Und in den Händen ohne Mut</p>
- <p class="line">Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,</p>
+ <p class="line">Und in den Händen ohne Mut</p>
+ <p class="line">Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,</p>
<p class="line">Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!</p>
- <p class="line">Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,</p>
- <p class="line">Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.</p>
+ <p class="line">Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,</p>
+ <p class="line">Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.</p>
<p class="line">Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">In mir steht der Erzengel groß,</p>
- <p class="line">Versöhnung bricht unendlich los.</p>
- <p class="line">Daß wir uns schlugen und zerrissen,</p>
+ <p class="line">In mir steht der Erzengel groß,</p>
+ <p class="line">Versöhnung bricht unendlich los.</p>
+ <p class="line">Daß wir uns schlugen und zerrissen,</p>
<p class="line">Mit dumpfem Witz und List beschmissen,</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
- <p class="line">Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich&rsquo;s fassen,</p>
+ <p class="line">Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich&rsquo;s fassen,</p>
<p class="line">Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.</p>
<p class="line">Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,</p>
<p class="line">Die Passion zu <span class="em">diesem</span> Augenblick!</p>
@@ -1126,8 +1092,8 @@ Der Feind
<div class="poem">
<p class="line">Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,</p>
<p class="line">Triumphtrompeten schnellen drunterher.</p>
- <p class="line">Aus mir stürzt Liebe, Lieb&rsquo;, Weltsinn, der dunkel lag.</p>
- <p class="line">Und golden durch mich donnert jüngster Tag!</p>
+ <p class="line">Aus mir stürzt Liebe, Lieb&rsquo;, Weltsinn, der dunkel lag.</p>
+ <p class="line">Und golden durch mich donnert jüngster Tag!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-7">
@@ -1136,19 +1102,19 @@ Eine alte Frau geht
<div class="poem">
<p class="line">Eine alte Frau geht wie ein runder Turm</p>
- <p class="line">Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.</p>
+ <p class="line">Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.</p>
<p class="line">Schwindet schon, indem sie keucht,</p>
<p class="line">Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.</p>
<p class="line">Wird nun bald in einem Torgang stehen.</p>
- <p class="line">Laute Stufen langsam aufwärts gehen,</p>
- <p class="line">Die vom trägen Treppenlichte feucht.</p>
+ <p class="line">Laute Stufen langsam aufwärts gehen,</p>
+ <p class="line">Die vom trägen Treppenlichte feucht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,</p>
<p class="line">Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.</p>
- <p class="line">Ach, sie zittert bald an Händ&rsquo; und Bein&rsquo;.</p>
- <p class="line">Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen</p>
+ <p class="line">Ach, sie zittert bald an Händ&rsquo; und Bein&rsquo;.</p>
+ <p class="line">Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen</p>
<p class="line">Aufgehobene Kost von alten Tagen</p>
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
<p class="line">Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.</p>
@@ -1156,12 +1122,12 @@ Eine alte Frau geht
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und sie weiß nicht, wie sie kaut,</p>
- <p class="line">Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.</p>
+ <p class="line">Und sie weiß nicht, wie sie kaut,</p>
+ <p class="line">Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.</p>
<p class="line">(Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh&rsquo;)</p>
<p class="line">Was aus ihr kam, steht in andern Toren,</p>
- <p class="line">Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,</p>
- <p class="line">Manchmal nur im Straßendrang verloren,</p>
+ <p class="line">Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,</p>
+ <p class="line">Manchmal nur im Straßendrang verloren,</p>
<p class="line">Nickt ein Mann ihr freundlich &bdquo;Mutter&ldquo; zu.</p>
</div>
@@ -1169,17 +1135,17 @@ Eine alte Frau geht
<p class="line">Aber Mensch, gedenke Du in ihr,</p>
<p class="line">Ungeheuer auf der Welt sind wir,</p>
<p class="line">Da wir brachen in die Zeiten ein.</p>
- <p class="line">Wie wir in dem Unbekannten hängen,</p>
- <p class="line">Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen</p>
- <p class="line">Die ins letzte uns zusammendrängen.</p>
+ <p class="line">Wie wir in dem Unbekannten hängen,</p>
+ <p class="line">Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen</p>
+ <p class="line">Die ins letzte uns zusammendrängen.</p>
<p class="line">Diese Welt ist nicht die Welt allein.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wenn die Greisin durch die Stube schleift,</p>
- <p class="line">Ach, vielleicht geschieht&rsquo;s, daß sie begreift.</p>
- <p class="line">Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.</p>
- <p class="line">Ja, sie fühlt sich wachsender in allem</p>
+ <p class="line">Ach, vielleicht geschieht&rsquo;s, daß sie begreift.</p>
+ <p class="line">Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.</p>
+ <p class="line">Ja, sie fühlt sich wachsender in allem</p>
<p class="line">Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,</p>
<p class="line">Wenn aus einem kleinen Lampenwallen</p>
<p class="line">Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.</p>
@@ -1192,23 +1158,23 @@ Nacht-Fragment.
<div class="poem">
<p class="line">Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.</p>
- <p class="line">Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn</p>
- <p class="line">Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,</p>
+ <p class="line">Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn</p>
+ <p class="line">Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,</p>
<p class="line">die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.</p>
- <p class="line">&mdash; Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. &mdash;</p>
- <p class="line">Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.</p>
- <p class="line">Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl&rsquo; ich mit mir gleiten.</p>
+ <p class="line">So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.</p>
+ <p class="line">&mdash; Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. &mdash;</p>
+ <p class="line">Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.</p>
+ <p class="line">Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl&rsquo; ich mit mir gleiten.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!</p>
- <p class="line">Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.</p>
- <p class="line">Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,</p>
- <p class="line">Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!</p>
+ <p class="line">Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.</p>
+ <p class="line">Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,</p>
+ <p class="line">Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1218,7 +1184,7 @@ Nacht-Fragment.
<p class="line">Wir seh&rsquo;n uns an und schweigen im gleichen Raum.</p>
<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
<p class="line">Ihr Unerreichbaren all&rsquo;, die wir voneinander wissen!</p>
- <p class="line">Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!</p>
+ <p class="line">Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-9">
@@ -1227,10 +1193,10 @@ Das erkaltende Herz
<div class="poem">
<p class="line">Geschwisterliebe war einst.</p>
- <p class="line">Ich lief mit dem Mädi über die Wege</p>
+ <p class="line">Ich lief mit dem Mädi über die Wege</p>
<p class="line">Und die Himmel, die vielen waren rege,</p>
- <p class="line">Die unergründlichen Berge standen weit &mdash;</p>
- <p class="line">Und im Zimmer die stündliche Zeit.</p>
+ <p class="line">Die unergründlichen Berge standen weit &mdash;</p>
+ <p class="line">Und im Zimmer die stündliche Zeit.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1243,64 +1209,64 @@ Das erkaltende Herz
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,</p>
+ <p class="line">Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,</p>
<p class="line">Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,</p>
<p class="line">Bis treu der andre Atem kam.</p>
- <p class="line">Da war man so gewiß,</p>
- <p class="line">Daß Gott sei und man niemals lahm</p>
- <p class="line">Und niemals anders würde.</p>
+ <p class="line">Da war man so gewiß,</p>
+ <p class="line">Daß Gott sei und man niemals lahm</p>
+ <p class="line">Und niemals anders würde.</p>
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
- <p class="line">das waren Tränen und Brisen der Treue .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">das waren Tränen und Brisen der Treue .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Geschwisterliebe war einst.</p>
<p class="line">Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.</p>
- <p class="line">Am Abend werden die Fenster groß.</p>
- <p class="line">Da läßt mich mein Atem los,</p>
- <p class="line">Und der Tod ist ganz in der Näh&rsquo;.</p>
+ <p class="line">Am Abend werden die Fenster groß.</p>
+ <p class="line">Da läßt mich mein Atem los,</p>
+ <p class="line">Und der Tod ist ganz in der Näh&rsquo;.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,</p>
- <p class="line">Da hat sich etwas gerächt.</p>
- <p class="line">Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn &mdash;</p>
- <p class="line">Und die Zähne sind worden schlecht.</p>
+ <p class="line">Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,</p>
+ <p class="line">Da hat sich etwas gerächt.</p>
+ <p class="line">Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn &mdash;</p>
+ <p class="line">Und die Zähne sind worden schlecht.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und der Mund, der nichts ließ,</p>
+ <p class="line">Und der Mund, der nichts ließ,</p>
<p class="line">Jetzt kann er euch alle lassen</p>
<p class="line">Und das Herz kann nicht fassen,</p>
- <p class="line">Wie es einst hieß!</p>
- <p class="line">Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,</p>
+ <p class="line">Wie es einst hieß!</p>
+ <p class="line">Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,</p>
<p class="line">Hinter welkendem Glas,</p>
<p class="line">Die ewigen Photographien?</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-10">
-Der göttliche Portier
+Der göttliche Portier
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,</p>
+ <p class="line">Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,</p>
<p class="line">Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.</p>
- <p class="line">Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.</p>
- <p class="line">Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!</p>
+ <p class="line">Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.</p>
+ <p class="line">Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!</p>
<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
<p class="line">Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,</p>
<p class="line">Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,</p>
- <p class="line">Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,</p>
- <p class="line">Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.</p>
+ <p class="line">Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,</p>
+ <p class="line">Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!</p>
- <p class="line">Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter</p>
- <p class="line">Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.</p>
+ <p class="line">Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter</p>
+ <p class="line">Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Die winterlichen Tressen klingeln mild,</p>
- <p class="line">Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter</p>
- <p class="line">Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.</p>
+ <p class="line">Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter</p>
+ <p class="line">Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-11">
@@ -1308,9 +1274,9 @@ Ein Lebens-Lied
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Feindschaft ist unzulänglich.</p>
+ <p class="line">Feindschaft ist unzulänglich.</p>
<p class="line">Der Wille und die Taten,</p>
- <p class="line">Ein erdbewußtes Leben</p>
+ <p class="line">Ein erdbewußtes Leben</p>
<p class="line">In sich, was sind sie, Welt?</p>
<p class="line">Es schwebt in jedem Schicksal,</p>
<p class="line">Im Schritt der Lust und Schmerzen,</p>
@@ -1319,49 +1285,49 @@ Ein Lebens-Lied
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nur das ist unvergänglich!</p>
+ <p class="line">Nur das ist unvergänglich!</p>
<p class="line">Sahst Du die wilden Augen</p>
- <p class="line">Buckliger Bauernmädchen?</p>
+ <p class="line">Buckliger Bauernmädchen?</p>
<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
<p class="line">Sahst Du, wie sie sich langsam</p>
<p class="line">Weltdamenhaft verschleiern,</p>
<p class="line">Sahst Du in ihnen blinken,</p>
- <p class="line">Das Grün von Festestraden,</p>
+ <p class="line">Das Grün von Festestraden,</p>
<p class="line">Musik und Lampennacht?</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Sahst Du den Bart von Kranken,</p>
- <p class="line">Ihr Wolken über Pappeln,</p>
+ <p class="line">Ihr Wolken über Pappeln,</p>
<p class="line">Wie er an Gott erinnert,</p>
<p class="line">Getaucht in einen Sturm?</p>
- <p class="line">Sahst Du die große Güte</p>
+ <p class="line">Sahst Du die große Güte</p>
<p class="line">Im Sterben eines Kindes?</p>
- <p class="line">Wie uns der holde Körper</p>
- <p class="line">Mit Zärtlichkeit entglitt?</p>
+ <p class="line">Wie uns der holde Körper</p>
+ <p class="line">Mit Zärtlichkeit entglitt?</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Sahst Du das Traurigwerden</p>
- <p class="line">Von Mädchen an, am Abend?</p>
- <p class="line">Wie sie die Küchen ordnen</p>
+ <p class="line">Von Mädchen an, am Abend?</p>
+ <p class="line">Wie sie die Küchen ordnen</p>
<p class="line">Und fern, wie Heilige sind.</p>
- <p class="line">Sahst Du die schönen Hände</p>
+ <p class="line">Sahst Du die schönen Hände</p>
<p class="line">Durchfurchter Nachtgendarme,</p>
<p class="line">Wenn sie den Hund liebkosen</p>
<p class="line">Mit grobem Liebeswort?</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wer handelnd sich empörte,</p>
+ <p class="line">Wer handelnd sich empörte,</p>
<p class="line">Bedenke doch!! Unsagbar</p>
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
<p class="line">Mit Reden und Gestalten</p>
<p class="line">Sind wir uns fern und nah!</p>
- <p class="line">Daß wir hier stehn und sitzen,</p>
+ <p class="line">Daß wir hier stehn und sitzen,</p>
<p class="line">Wer kann&rsquo;s beklommen fassen?!</p>
- <p class="line">Doch über allen Worten</p>
- <p class="line">Verkünd&rsquo; ich, Mensch, <span class="em">wir sind</span>!!</p>
+ <p class="line">Doch über allen Worten</p>
+ <p class="line">Verkünd&rsquo; ich, Mensch, <span class="em">wir sind</span>!!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-12">
@@ -1369,33 +1335,33 @@ Ein Anderes
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war,</p>
- <p class="line">Daß in ihm jene Kiefern standen</p>
- <p class="line">Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p>
- <p class="line">Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.</p>
- <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p>
+ <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war,</p>
+ <p class="line">Daß in ihm jene Kiefern standen</p>
+ <p class="line">Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p>
+ <p class="line">Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.</p>
+ <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p>
- <p class="line">Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk&rsquo; davon?</p>
- <p class="line">Wo bin ich &mdash; und ich höre noch den Ton</p>
+ <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p>
+ <p class="line">Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk&rsquo; davon?</p>
+ <p class="line">Wo bin ich &mdash; und ich höre noch den Ton</p>
<p class="line">Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,</p>
- <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.</p>
+ <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wo bin ich &mdash; und ich höre noch den Ton</p>
+ <p class="line">Wo bin ich &mdash; und ich höre noch den Ton</p>
<p class="line">Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,</p>
<p class="line">Kastanien- und Laternensprache waren</p>
<p class="line">Noch da und Worte &mdash; doch wo sind sie schon?</p>
- <p class="line">Wo bin ich &mdash; und ich höre noch den Ton?</p>
+ <p class="line">Wo bin ich &mdash; und ich höre noch den Ton?</p>
<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
<p class="line">Kastanien- und Laternensprache waren</p>
<p class="line">Noch da und? Atem einer breiten Schar.</p>
- <p class="line">Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.</p>
+ <p class="line">Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.</p>
<p class="line">O Ewigkeit! &mdash; Und werd&rsquo; ich es bewahren,</p>
- <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p>
+ <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-13">
@@ -1411,18 +1377,18 @@ Amore
<div class="poem">
<p class="line">Solang Du noch willst stehn</p>
<p class="line">Auf Podien, gesehn,</p>
- <p class="line">Kann Glück&rsquo;s Dir nicht geschehn.</p>
+ <p class="line">Kann Glück&rsquo;s Dir nicht geschehn.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wer sich noch nicht zerbrach,</p>
- <p class="line">Sich öffnend jeder Schmach,</p>
+ <p class="line">Sich öffnend jeder Schmach,</p>
<p class="line">Ist Gottes noch nicht wach.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wer noch mit Eifer spitzt,</p>
- <p class="line">Daß er ein Weib besitzt,</p>
+ <p class="line">Daß er ein Weib besitzt,</p>
<p class="line">Ist noch nicht ausgewitzt.</p>
</div>
@@ -1434,8 +1400,8 @@ Amore
<div class="poem">
<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
- <p class="line">Erst wer Erfüllung floh,</p>
- <p class="line">Wächst an zum Höchsten so,</p>
+ <p class="line">Erst wer Erfüllung floh,</p>
+ <p class="line">Wächst an zum Höchsten so,</p>
<p class="line">Wird letzter Sehnsucht froh.</p>
</div>
@@ -1453,7 +1419,7 @@ Amore
<div class="poem">
<p class="line">Wohin schwillt er empor!</p>
- <p class="line">Was schwingt er überm Chor</p>
+ <p class="line">Was schwingt er überm Chor</p>
<p class="line">Unendlich sein amor&rsquo;!!</p>
</div>
@@ -1462,7 +1428,7 @@ Ich bin ja noch ein Kind
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p>
+ <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p>
<p class="line">Ich bin ja noch ein Kind.</p>
<p class="line">Und wage doch zu singen.</p>
<p class="line">Und nenne Dich.</p>
@@ -1472,77 +1438,77 @@ Ich bin ja noch ein Kind
<div class="poem">
<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
- <p class="line">Ich öffne meinen Mund,</p>
- <p class="line">Eh&rsquo; Du mich ließest Deine Qualen kosten.</p>
+ <p class="line">Ich öffne meinen Mund,</p>
+ <p class="line">Eh&rsquo; Du mich ließest Deine Qualen kosten.</p>
<p class="line">Ich bin gesund,</p>
- <p class="line">Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.</p>
+ <p class="line">Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.</p>
<p class="line">Ich hielt mich nie an groben Pfosten,</p>
<p class="line">Wie Frauen in der schweren Stund&rsquo;.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nie müht&rsquo; ich mich durch müde Nacht</p>
- <p class="line">Wie Droschkengäule, treu erhaben,</p>
- <p class="line">Die ihrer Umwelt längst entflohn!</p>
+ <p class="line">Nie müht&rsquo; ich mich durch müde Nacht</p>
+ <p class="line">Wie Droschkengäule, treu erhaben,</p>
+ <p class="line">Die ihrer Umwelt längst entflohn!</p>
<p class="line">(Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton</p>
<p class="line">Der Frauenschritte und allem, was lacht.)</p>
- <p class="line">Nie müht&rsquo; ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.</p>
+ <p class="line">Nie müht&rsquo; ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,</p>
- <p class="line">Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,</p>
- <p class="line">Wenn die Notschüsse dröhnen,</p>
+ <p class="line">Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,</p>
+ <p class="line">Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,</p>
+ <p class="line">Wenn die Notschüsse dröhnen,</p>
<p class="line">Wenn die Rakete zitternd aufsteht.</p>
- <p class="line">Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,</p>
+ <p class="line">Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,</p>
<p class="line">O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken</p>
- <p class="line">Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!</p>
+ <p class="line">Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!</p>
<p class="line">Nie hab ich im Asyl gedarbt,</p>
- <p class="line">Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,</p>
- <p class="line">Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,</p>
- <p class="line">Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!</p>
+ <p class="line">Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,</p>
+ <p class="line">Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,</p>
+ <p class="line">Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
<p class="line">Kenn&rsquo; ich die Lampe denn, kenn&rsquo; ich den Hut,</p>
<p class="line">Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen</p>
- <p class="line">Der Winde, die sich überbauschen,</p>
- <p class="line">Ein Antlitz böse oder gut?</p>
- <p class="line">Kenn&rsquo; ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?</p>
- <p class="line">Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?</p>
+ <p class="line">Der Winde, die sich überbauschen,</p>
+ <p class="line">Ein Antlitz böse oder gut?</p>
+ <p class="line">Kenn&rsquo; ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?</p>
+ <p class="line">Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.</p>
<p class="line">Und hast die tausendfache Qual gefunden,</p>
<p class="line">Du hast in jedem Weib entbunden,</p>
- <p class="line">Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,</p>
+ <p class="line">Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,</p>
<p class="line">In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,</p>
<p class="line">Und Hure warst Du, manchem Kavalier!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p>
- <p class="line">Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?</p>
- <p class="line">Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.</p>
+ <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p>
+ <p class="line">Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?</p>
+ <p class="line">Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.</p>
<p class="line">Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!</p>
- <p class="line">Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.</p>
- <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p>
+ <p class="line">Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.</p>
+ <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,</p>
+ <p class="line">Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,</p>
<p class="line">In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,</p>
- <p class="line">Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.</p>
- <p class="line">Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,</p>
+ <p class="line">Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.</p>
+ <p class="line">Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,</p>
<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
- <p class="line">Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,</p>
- <p class="line">Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!</p>
+ <p class="line">Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,</p>
+ <p class="line">Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1550,8 +1516,8 @@ Ich bin ja noch ein Kind
<p class="line">In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,</p>
<p class="line">Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.</p>
<p class="line">(Ich bin Dein Kind.)</p>
- <p class="line">Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!</p>
- <p class="line">Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!</p>
+ <p class="line">Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!</p>
+ <p class="line">Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!</p>
</div>
<h1 class="part" id="part-3">
@@ -1564,66 +1530,66 @@ Oden Lieder Gestalten<br />
<h2 class="chapter" id="chapter-3-1">
<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Lächeln Atmen Schreiten
+Lächeln Atmen Schreiten
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte</p>
- <p class="line">Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!</p>
- <p class="line">Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt</p>
- <p class="line">All übers Antlitz.</p>
- <p class="line">Lächeln ist keine Falte,</p>
- <p class="line">Lächeln ist Wesen vom Licht.</p>
- <p class="line">Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.</p>
+ <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte</p>
+ <p class="line">Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!</p>
+ <p class="line">Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt</p>
+ <p class="line">All übers Antlitz.</p>
+ <p class="line">Lächeln ist keine Falte,</p>
+ <p class="line">Lächeln ist Wesen vom Licht.</p>
+ <p class="line">Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.</p>
<p class="line">Nicht die Sonne ist Licht,</p>
<p class="line">Erst im Menschengesicht</p>
- <p class="line">Wird das Licht als Lächeln geboren.</p>
- <p class="line">Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,</p>
+ <p class="line">Wird das Licht als Lächeln geboren.</p>
+ <p class="line">Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,</p>
<p class="line">Aus den Toren der Augen wallte</p>
- <p class="line">Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,</p>
- <p class="line">Lächelns nieglühender Brand.</p>
- <p class="line">Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,</p>
- <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte!</p>
+ <p class="line">Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,</p>
+ <p class="line">Lächelns nieglühender Brand.</p>
+ <p class="line">Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,</p>
+ <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Lausche Du, horche Du, höre!</p>
+ <p class="line">Lausche Du, horche Du, höre!</p>
<p class="line">In der Nacht ist der Einklang des Atems los,</p>
- <p class="line">Der Atem, die Eintracht des Busens groß.</p>
+ <p class="line">Der Atem, die Eintracht des Busens groß.</p>
<p class="line">Atem schwebt</p>
- <p class="line">Über Feindschaft finsterer Chöre.</p>
- <p class="line">Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.</p>
+ <p class="line">Über Feindschaft finsterer Chöre.</p>
+ <p class="line">Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.</p>
<p class="line">Nicht der Wind, der sich taucht</p>
<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
<p class="line">In Weid, Wald und Strauch,</p>
- <p class="line">Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.</p>
<p class="line">Aus den Lippen, den schweren,</p>
<p class="line">Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,</p>
- <p class="line">Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.</p>
+ <p class="line">Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.</p>
<p class="line">Auf dem Windmeer des Atems hebt an</p>
- <p class="line">Die Segel zu brüsten im Rausche,</p>
- <p class="line">Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.</p>
- <p class="line">Horche Du, höre Du, lausche!</p>
+ <p class="line">Die Segel zu brüsten im Rausche,</p>
+ <p class="line">Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.</p>
+ <p class="line">Horche Du, höre Du, lausche!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Sinke hin, kniee hin, weine!</p>
<p class="line">Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!</p>
<p class="line">Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!</p>
- <p class="line">Schreiten entführt</p>
+ <p class="line">Schreiten entführt</p>
<p class="line">Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.</p>
<p class="line">Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,</p>
- <p class="line">Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,</p>
- <p class="line">Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.</p>
+ <p class="line">Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,</p>
+ <p class="line">Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.</p>
<p class="line">Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.</p>
<p class="line">Mit dem Schreiten der Menschen tritt</p>
<p class="line">Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.</p>
- <p class="line">Lächeln, Atem und Schritt</p>
+ <p class="line">Lächeln, Atem und Schritt</p>
<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
<p class="line">Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,</p>
- <p class="line">Die Welt fängt im Menschen an.</p>
- <p class="line">Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!</p>
+ <p class="line">Die Welt fängt im Menschen an.</p>
+ <p class="line">Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!</p>
<p class="line">Weine hin, kniee hin, sinke!</p>
</div>
@@ -1634,13 +1600,13 @@ Das Jenseits
<div class="poem">
<p class="line">Wir kommen wieder, wir kehren heim</p>
<p class="line">In Dich, Du gute Mutter unser.</p>
- <p class="line">Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,</p>
- <p class="line">Mild über die Stirne des Todes Flieder.</p>
+ <p class="line">Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,</p>
+ <p class="line">Mild über die Stirne des Todes Flieder.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wo fahren die feurigen Wolken hin,</p>
- <p class="line">Wo tanzen die mutigen Flüsse her,</p>
+ <p class="line">Wo tanzen die mutigen Flüsse her,</p>
<p class="line">Was will der Meere Spiel,</p>
<p class="line">Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?</p>
</div>
@@ -1648,22 +1614,22 @@ Das Jenseits
<div class="poem">
<p class="line">Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,</p>
<p class="line">Mehr ist als Dasein &mdash; Gewesen sein,</p>
- <p class="line">Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,</p>
- <p class="line">Stärker als Tod ist Musik.</p>
+ <p class="line">Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,</p>
+ <p class="line">Stärker als Tod ist Musik.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">In unsere Mutter kehren wir ein .&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Gott fährt über uns, der gute Mann,</p>
+ <p class="line">Gott fährt über uns, der gute Mann,</p>
<p class="line">Da heben wir an, und heben uns auf,</p>
<p class="line">Arien selige schweben wir hin,</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
- <p class="line">Und hängen im Herzen der Sterblichen,</p>
- <p class="line">Und locken die ewigen Tränen.</p>
- <p class="line">Träne, klarer Planet! Hier leben wir,</p>
+ <p class="line">Und hängen im Herzen der Sterblichen,</p>
+ <p class="line">Und locken die ewigen Tränen.</p>
+ <p class="line">Träne, klarer Planet! Hier leben wir,</p>
<p class="line">Leben in Gnade, sind nichts als Lied.</p>
</div>
@@ -1677,7 +1643,7 @@ Warum mein Gott
<p class="line">Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,</p>
<p class="line">Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,</p>
<p class="line">Zur Eitelkeit des Worts,</p>
- <p class="line">Und daß ich dies füge,</p>
+ <p class="line">Und daß ich dies füge,</p>
<p class="line">Und trage vermessenen Stolz,</p>
<p class="line">Und in der Ferne meiner selbst</p>
<p class="line">Die Einsamkeit?!</p>
@@ -1686,12 +1652,12 @@ Warum mein Gott
<div class="poem">
<p class="line">Warum, warum nicht gabst Du mir</p>
- <p class="line">Zwei Hände voll Hilfe,</p>
+ <p class="line">Zwei Hände voll Hilfe,</p>
<p class="line">Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?</p>
- <p class="line">Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,</p>
- <p class="line">Und Stirne überhangen</p>
- <p class="line">Von süßer Lampe der Demut?</p>
- <p class="line">Und einen Schritt durch tausend Straßen,</p>
+ <p class="line">Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,</p>
+ <p class="line">Und Stirne überhangen</p>
+ <p class="line">Von süßer Lampe der Demut?</p>
+ <p class="line">Und einen Schritt durch tausend Straßen,</p>
<p class="line">Am Abend zu tragen alle</p>
<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
<p class="line">Glocken der Erde</p>
@@ -1702,11 +1668,11 @@ Warum mein Gott
<p class="line">Siehe es fiebern</p>
<p class="line">So viele Kindlein jetzt im Abendbett,</p>
<p class="line">Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.</p>
- <p class="line">Und dunkler Sünder starrt</p>
+ <p class="line">Und dunkler Sünder starrt</p>
<p class="line">In seines Himmels Ausgemessenheit.</p>
- <p class="line">Und jede Seele, fällt zur Nacht</p>
+ <p class="line">Und jede Seele, fällt zur Nacht</p>
<p class="line">Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.</p>
- <p class="line">Und alle drängen sich um eine Wärme,</p>
+ <p class="line">Und alle drängen sich um eine Wärme,</p>
<p class="line">Weil Winter ist</p>
<p class="line">Und warme Schmerzenszeit.</p>
</div>
@@ -1714,14 +1680,14 @@ Warum mein Gott
<div class="poem">
<p class="line">Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,</p>
<p class="line">Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,</p>
- <p class="line">Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,</p>
- <p class="line">Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!</p>
- <p class="line">Gegrüßet und geheißen:</p>
- <p class="line">Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!</p>
- <p class="line">Und daß ich raste auf den Ofenbänken,</p>
+ <p class="line">Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,</p>
+ <p class="line">Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!</p>
+ <p class="line">Gegrüßet und geheißen:</p>
+ <p class="line">Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!</p>
+ <p class="line">Und daß ich raste auf den Ofenbänken,</p>
<p class="line">Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,</p>
- <p class="line">Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,</p>
- <p class="line">Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!</p>
+ <p class="line">Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,</p>
+ <p class="line">Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-4">
@@ -1730,14 +1696,14 @@ Die Tugend
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Die Lüge ist das Weib des Potiphar,</p>
- <p class="line">Mit schleppenträgem Kleide angetan.</p>
+ <p class="line">Die Lüge ist das Weib des Potiphar,</p>
+ <p class="line">Mit schleppenträgem Kleide angetan.</p>
<p class="line">Das ist bemalt mit allem, was da war,</p>
<p class="line">Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,</p>
<p class="line">Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,</p>
<p class="line">Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.</p>
<p class="line">Und alles das, auf dem Gewande kreisend,</p>
- <p class="line">Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!</p>
+ <p class="line">Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -1745,30 +1711,30 @@ Die Tugend
<p class="line">Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.</p>
<p class="line">Was durcheinander Ding an Ding bewegt</p>
<p class="line">Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.</p>
- <p class="line">Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,</p>
- <p class="line">Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.</p>
+ <p class="line">Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,</p>
+ <p class="line">Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.</p>
<p class="line">Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,</p>
<p class="line">Und in die Knie bricht im geringsten Winde.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!</p>
+ <p class="line">Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!</p>
<p class="line">Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.</p>
- <p class="line">Allein darin verbürgt sie uns das Licht,</p>
- <p class="line">Und in der Sünde wird es offenbar.</p>
+ <p class="line">Allein darin verbürgt sie uns das Licht,</p>
+ <p class="line">Und in der Sünde wird es offenbar.</p>
<p class="line">Durch unser Leiden werden wir gewahr,</p>
<p class="line">Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.</p>
<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
- <p class="line">Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,</p>
+ <p class="line">Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,</p>
<p class="line">Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,</p>
- <p class="line">Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!</p>
+ <p class="line">Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!</p>
<p class="line">Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,</p>
<p class="line">Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.</p>
- <p class="line">O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,</p>
+ <p class="line">O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,</p>
<p class="line">Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.</p>
<p class="line">Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,</p>
<p class="line">Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.</p>
@@ -1779,19 +1745,19 @@ Veni creator spiritus
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!</p>
+ <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!</p>
<p class="line">Den Marmor unsrer Form zerbrich!</p>
- <p class="line">Daß nicht mehr Mauer krank und hart</p>
+ <p class="line">Daß nicht mehr Mauer krank und hart</p>
<p class="line">Den Brunnen dieser Welt umstarrt,</p>
- <p class="line">Daß wir gemeinsam und nach oben</p>
+ <p class="line">Daß wir gemeinsam und nach oben</p>
<p class="line">Wie Flammen ineinander toben!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Tauch auf aus unsern Flächen wund,</p>
+ <p class="line">Tauch auf aus unsern Flächen wund,</p>
<p class="line">Delphin von aller Wesen Grund,</p>
<p class="line">Alt allgemein und heiliger Fisch!</p>
- <p class="line">Komm reiner Geist, Du schöpferisch,</p>
+ <p class="line">Komm reiner Geist, Du schöpferisch,</p>
<p class="line">Nach dem wir ewig uns entfalten,</p>
<p class="line">Kristallgesetz der Weltgestalten!</p>
</div>
@@ -1802,35 +1768,35 @@ Veni creator spiritus
<p class="line">Wie unterm letzten Hemde noch</p>
<p class="line">Die Schattengreise im Spital</p>
<p class="line">Sich hassen bis zum letzten Mal,</p>
- <p class="line">Und jeder, eh&rsquo; er ostwärts mündet,</p>
- <p class="line">Allein sein Abendlicht entzündet,</p>
+ <p class="line">Und jeder, eh&rsquo; er ostwärts mündet,</p>
+ <p class="line">Allein sein Abendlicht entzündet,</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">So sind wir eitel eingespannt,</p>
- <p class="line">Und hocken bös an unserm Rand,</p>
+ <p class="line">Und hocken bös an unserm Rand,</p>
<p class="line">Und morden uns an jedem Tisch.</p>
- <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,</p>
- <p class="line">Aus uns empor mit tausend Flügen!</p>
- <p class="line">Zerbrich das Eis in unsern Zügen!</p>
+ <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,</p>
+ <p class="line">Aus uns empor mit tausend Flügen!</p>
+ <p class="line">Zerbrich das Eis in unsern Zügen!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Daß tränenhaft und gut und gut</p>
- <p class="line">Aufsiede die entzückte Flut,</p>
- <p class="line">Daß nicht mehr fern und unerreicht</p>
+ <p class="line">Daß tränenhaft und gut und gut</p>
+ <p class="line">Aufsiede die entzückte Flut,</p>
+ <p class="line">Daß nicht mehr fern und unerreicht</p>
<p class="line">Ein Wesen um das andre schleicht,</p>
- <p class="line">Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,</p>
+ <p class="line">Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,</p>
<p class="line">Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,</p>
- <p class="line">Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,</p>
- <p class="line">Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,</p>
+ <p class="line">Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,</p>
+ <p class="line">Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,</p>
+ <p class="line">Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,</p>
<p class="line">Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,</p>
- <p class="line">Daß alle wir in Küssens Überflüssen</p>
- <p class="line">Nur Deine reine heilige Lippe küssen!</p>
+ <p class="line">Daß alle wir in Küssens Überflüssen</p>
+ <p class="line">Nur Deine reine heilige Lippe küssen!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-6">
@@ -1844,20 +1810,20 @@ Stimme
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,</p>
- <p class="line">War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,</p>
+ <p class="line">War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,</p>
+ <p class="line">War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,</p>
<p class="line">War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,</p>
<p class="line">War das alles ein Letztesmal,</p>
<p class="line">Und ich ahnte den Abschied nicht?</p>
- <p class="line">Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,</p>
- <p class="line">Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.</p>
+ <p class="line">Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,</p>
+ <p class="line">Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.</p>
<p class="line">Die boshafte Treppe im Haus,</p>
- <p class="line">Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,</p>
+ <p class="line">Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,</p>
<p class="line">Wie das dunkelselige Licht</p>
<p class="line">Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,</p>
- <p class="line">Wissend höhnt mir die Treppe, nach.</p>
+ <p class="line">Wissend höhnt mir die Treppe, nach.</p>
<p class="line">Denn ich atmete nicht,</p>
- <p class="line">Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.</p>
+ <p class="line">Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -1868,19 +1834,19 @@ Antwort
<p class="line">Es gibt nicht eine Stelle,</p>
<p class="line">Die Du durch Dich nicht abgestellt.</p>
<p class="line">Es gibt nicht eine Helle,</p>
- <p class="line">Die von Dir nicht ins Finster fällt.</p>
+ <p class="line">Die von Dir nicht ins Finster fällt.</p>
<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
<p class="line">Alle Welt ist Letztesmal</p>
- <p class="line">Abschied heißt jedes Tal.</p>
+ <p class="line">Abschied heißt jedes Tal.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,</p>
- <p class="line">Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.</p>
+ <p class="line">Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,</p>
+ <p class="line">Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.</p>
<p class="line">Und doch, es eint,</p>
- <p class="line">Daß wir uns vorbeigeweint,</p>
- <p class="line">Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,</p>
- <p class="line">Niemals zu uns hinüberreichen!</p>
+ <p class="line">Daß wir uns vorbeigeweint,</p>
+ <p class="line">Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,</p>
+ <p class="line">Niemals zu uns hinüberreichen!</p>
<p class="line"><span class="em">O Abschied, Brunnen aller Worte!</span></p>
</div>
@@ -1889,23 +1855,23 @@ Der Erkennende
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Menschen lieben uns, und unbeglückt</p>
+ <p class="line">Menschen lieben uns, und unbeglückt</p>
<p class="line">Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.</p>
- <p class="line">Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,</p>
- <p class="line">Und sind kalt und können sie verneinen.</p>
+ <p class="line">Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,</p>
+ <p class="line">Und sind kalt und können sie verneinen.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?</p>
+ <p class="line">Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?</p>
<p class="line">Und uns Harte kann kein Gram erweichen.</p>
<p class="line">Was wir lieben, das entrafft ein Ort,</p>
<p class="line">Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!</p>
+ <p class="line">Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!</p>
<p class="line">Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.</p>
- <p class="line">Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.</p>
+ <p class="line">Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.</p>
<p class="line">Mein Besitz allein: Das zu erkennen.</p>
</div>
@@ -1919,13 +1885,13 @@ Der Erkennende
<div class="poem">
<p class="line">Wenn ich walle durch den Lampenbann,</p>
- <p class="line">Meine Schritte höre, böse Wandrer,</p>
+ <p class="line">Meine Schritte höre, böse Wandrer,</p>
<p class="line">Dann erwach ich, und bin nebenan,</p>
<p class="line">Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,</p>
+ <p class="line">Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,</p>
<p class="line">Wo das Einsame sich teilt und spaltet</p>
<p class="line">Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,</p>
<p class="line">Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.</p>
@@ -1933,7 +1899,7 @@ Der Erkennende
<div class="poem">
<p class="line">Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,</p>
- <p class="line">Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.</p>
+ <p class="line">Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.</p>
<p class="line">Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,</p>
<p class="line">Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.</p>
</div>
@@ -1943,49 +1909,49 @@ Romanze einer Schlange
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen</p>
- <p class="line">Erhaben stürzet Gold um Gold,</p>
+ <p class="line">Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen</p>
+ <p class="line">Erhaben stürzet Gold um Gold,</p>
<p class="line">Unter dem Blau, das in Orkanen</p>
- <p class="line">Tiefdröhnend durcheinander rollt,</p>
+ <p class="line">Tiefdröhnend durcheinander rollt,</p>
<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
- <p class="line">Roll ich mich im Gerölle,</p>
- <p class="line">In meiner Quader Hölle,</p>
+ <p class="line">Roll ich mich im Gerölle,</p>
+ <p class="line">In meiner Quader Hölle,</p>
<p class="line">Und starre stolz nach den Alleen,</p>
- <p class="line">Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,</p>
+ <p class="line">Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,</p>
<p class="line">Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,</p>
- <p class="line">Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.</p>
+ <p class="line">Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.</p>
<p class="line">Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,</p>
- <p class="line">Und stürzet ab in ihren Tod,</p>
+ <p class="line">Und stürzet ab in ihren Tod,</p>
<p class="line">Wenn ich mit meinem Blicke</p>
<p class="line">Sie banne und bestricke.</p>
<p class="line">Das Liebliche entgeht mir nicht!</p>
- <p class="line">Ich bin im Licht der Bösewicht,</p>
+ <p class="line">Ich bin im Licht der Bösewicht,</p>
<p class="line">Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Unendlich singen Amseln in den Kronen,</p>
- <p class="line">Und an den Quellen tönt die Kreatur.</p>
+ <p class="line">Und an den Quellen tönt die Kreatur.</p>
<p class="line">Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,</p>
<p class="line">Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.</p>
<p class="line">Sind alle guten Wesen</p>
- <p class="line">Zu Müttern auserlesen,</p>
- <p class="line">So haßt mit Wut mich meine Brut,</p>
- <p class="line">Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,</p>
+ <p class="line">Zu Müttern auserlesen,</p>
+ <p class="line">So haßt mit Wut mich meine Brut,</p>
+ <p class="line">Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,</p>
<p class="line">Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.</p>
<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
<p class="line">Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen</p>
<p class="line">Zum Wurm in dem umblauten Reich?!</p>
<p class="line">Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,</p>
<p class="line">Und ich allein will sein mir selber gleich.</p>
- <p class="line">Der Hölle siebentiefste Flammen,</p>
- <p class="line">Sie quälen nicht, den sie verdammen!</p>
+ <p class="line">Der Hölle siebentiefste Flammen,</p>
+ <p class="line">Sie quälen nicht, den sie verdammen!</p>
<p class="line">Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen</p>
- <p class="line">Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,</p>
+ <p class="line">Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,</p>
<p class="line">Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!</p>
</div>
@@ -1995,8 +1961,8 @@ Tempel-Traum
<div class="poem">
<p class="line">Wenn die Stunde saust,</p>
- <p class="line">Und die Frühe säumt,</p>
- <p class="line">Wacht der Schläfer schwer</p>
+ <p class="line">Und die Frühe säumt,</p>
+ <p class="line">Wacht der Schläfer schwer</p>
<p class="line">Wie Ertrunkner auf.</p>
</div>
@@ -2011,15 +1977,15 @@ Tempel-Traum
<p class="line">Und es ist ein Haus</p>
<p class="line">Voll von Sang und Hall.</p>
<p class="line">Lampe lebt in Rauch</p>
- <p class="line">Über Treppen hin.</p>
+ <p class="line">Über Treppen hin.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
<p class="line">Eine Mutter geht.&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Und er weiß nicht wo,</p>
+ <p class="line">Und er weiß nicht wo,</p>
<p class="line">Duft und Stimme wird</p>
- <p class="line">In der Höhe süß.</p>
+ <p class="line">In der Höhe süß.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -2033,20 +1999,20 @@ Tempel-Traum
<p class="line">Und Vestalin sitzt</p>
<p class="line">Bei dem Flammentier,</p>
<p class="line">Springt ein Wind herein,</p>
- <p class="line">Hütet sie den Schoß.</p>
+ <p class="line">Hütet sie den Schoß.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Wo der Tempelbau</p>
<p class="line">Oben offen ist,</p>
- <p class="line">Schwebt ein Adler groß</p>
+ <p class="line">Schwebt ein Adler groß</p>
<p class="line">Unterm Morgenmeer.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und die Schläferstirn</p>
- <p class="line">Löset ein Gesang,</p>
- <p class="line">Und das Herze wächst</p>
+ <p class="line">Und die Schläferstirn</p>
+ <p class="line">Löset ein Gesang,</p>
+ <p class="line">Und das Herze wächst</p>
<p class="line">Mit der Flut des Nils.</p>
</div>
@@ -2056,67 +2022,67 @@ Ein Abendgesang
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,</p>
+ <p class="line">Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,</p>
<p class="line">Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,</p>
- <p class="line">Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,</p>
- <p class="line">Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.</p>
+ <p class="line">Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,</p>
+ <p class="line">Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen</p>
- <p class="line">In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,</p>
- <p class="line">Daß wir sind &mdash; und daß gute und böse Launen</p>
- <p class="line">Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!</p>
+ <p class="line">In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,</p>
+ <p class="line">Daß wir sind &mdash; und daß gute und böse Launen</p>
+ <p class="line">Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,</p>
- <p class="line">Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,</p>
+ <p class="line">Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,</p>
+ <p class="line">Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,</p>
<p class="line">Wer gab mir die Demut &mdash; und wer mir den Stolz und die Stelze,</p>
- <p class="line">Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?</p>
+ <p class="line">Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
- <p class="line">Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,</p>
- <p class="line">Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.</p>
+ <p class="line">Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,</p>
+ <p class="line">Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.</p>
<p class="line">Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen</p>
- <p class="line">Ferne Gefühle unseren Odem ein.</p>
+ <p class="line">Ferne Gefühle unseren Odem ein.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,</p>
- <p class="line">Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.</p>
- <p class="line">Seligkeit naht &mdash; &mdash; wie wenn schon erlöschende Lider</p>
- <p class="line">Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.</p>
+ <p class="line">Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.</p>
+ <p class="line">Seligkeit naht &mdash; &mdash; wie wenn schon erlöschende Lider</p>
+ <p class="line">Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-11">
-Mondlied eines Mädchens
+Mondlied eines Mädchens
</h2>
<p class="dedication">
-Für meine Schwester Hanna
+Für meine Schwester Hanna
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich liege in gläsernem Wachen,</p>
- <p class="line">Gelöst mein Haar und Gesicht.</p>
+ <p class="line">Ich liege in gläsernem Wachen,</p>
+ <p class="line">Gelöst mein Haar und Gesicht.</p>
<p class="line">Am Boden in langsamen Lachen</p>
<p class="line">Schwebt Mond, das unselige Licht.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und wie mir die tödliche Helle</p>
- <p class="line">Die Stirn und das Auge befühlt,</p>
+ <p class="line">Und wie mir die tödliche Helle</p>
+ <p class="line">Die Stirn und das Auge befühlt,</p>
<p class="line">Zerrinn ich und bin eine Welle,</p>
- <p class="line">Gekräuselt, entführt und gespült.</p>
+ <p class="line">Gekräuselt, entführt und gespült.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
<p class="line">Die Mutter atmet daneben,</p>
- <p class="line">Der Vater schläft auf und ab.</p>
+ <p class="line">Der Vater schläft auf und ab.</p>
<p class="line">Ich habe Attest um das Leben</p>
<p class="line">Von allen, die ich lieb hab.</p>
</div>
@@ -2125,40 +2091,40 @@ Für meine Schwester Hanna
<p class="line">Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer</p>
<p class="line">Erzengel mit schrecklichem Schwert.</p>
<p class="line">Ins Ohr weint mir immer, mir immer</p>
- <p class="line">Ein Kind, das mir nicht gehört.</p>
+ <p class="line">Ein Kind, das mir nicht gehört.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Nachtlampe von tausend Betten</p>
<p class="line">Des Leidens, der Mond mir scheint.</p>
- <p class="line">Ich möchte viel Schluchzendes retten,</p>
+ <p class="line">Ich möchte viel Schluchzendes retten,</p>
<p class="line">Und bin es doch selbst, die weint.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">All Ding im Zimmer verlassen,</p>
<p class="line">Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.</p>
- <p class="line">Ich möchte das Ferne anfassen,</p>
+ <p class="line">Ich möchte das Ferne anfassen,</p>
<p class="line">Nur sein eine streichelnde Hand!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich möchte mit Fröstelnden spielen,</p>
+ <p class="line">Ich möchte mit Fröstelnden spielen,</p>
<p class="line">Und halten die Kalten im Arm!</p>
- <p class="line">Ich fühle, die Reichen und Vielen</p>
+ <p class="line">Ich fühle, die Reichen und Vielen</p>
<p class="line">Sind Kinder vor mir und so arm!</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
- <p class="line">Für alle muß ich mich sorgen,</p>
- <p class="line">Mein Schlaf ist gläsern und schwebt .&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Für alle muß ich mich sorgen,</p>
+ <p class="line">Mein Schlaf ist gläsern und schwebt .&nbsp;.</p>
<p class="line">Ich horche, wie in den Morgen</p>
<p class="line">Der Atem von allen sich hebt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Im Fenster wehn Bäume zerrissen,</p>
+ <p class="line">Im Fenster wehn Bäume zerrissen,</p>
<p class="line">Viel Himmel sind windig in Ruh.</p>
<p class="line">Ich decke mit meinen Kissen</p>
<p class="line">Die frierenden Welten zu.</p>
@@ -2169,47 +2135,47 @@ Eines alten Lehrers Stimme im Traum
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Durch einen Traum der Straße oder gar</p>
- <p class="line">Durch eine Straße im Traum .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Durch einen Traum der Straße oder gar</p>
+ <p class="line">Durch eine Straße im Traum .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Von fern kam Deine Stimme wunderbar.</p>
- <p class="line">Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum</p>
- <p class="line">Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum</p>
+ <p class="line">Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum</p>
+ <p class="line">Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum</p>
<p class="line">Traten im Himmel ein &mdash; und tiefer Schaum</p>
<p class="line">Von Winter, Blum&rsquo; und Damen regnete mich ein.</p>
- <p class="line">In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,</p>
- <p class="line">Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,</p>
+ <p class="line">In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,</p>
+ <p class="line">Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,</p>
<p class="line">Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
- <p class="line">Ich hörte Deine Stimm&rsquo; und wie Du heißt,</p>
+ <p class="line">Ich hörte Deine Stimm&rsquo; und wie Du heißt,</p>
<p class="line">Und dachte an des Vaters Gestalt,</p>
<p class="line">Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.</p>
<p class="line">Die unter Sternen reisen, mild und kalt,</p>
- <p class="line">Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,</p>
- <p class="line">Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,</p>
- <p class="line">Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,</p>
+ <p class="line">Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,</p>
+ <p class="line">Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,</p>
+ <p class="line">Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,</p>
<p class="line">An eine Hand, vereist und brauner Art.</p>
<p class="line">An ungeheure Worte dacht ich: <span class="em">war</span> und <span class="em">alt</span>.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,</p>
+ <p class="line">Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,</p>
<p class="line">Und liebend ein Sonntagswind,</p>
<p class="line">Von fern erfuhr ich Deine Spur,</p>
- <p class="line">Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.</p>
- <p class="line">Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.</p>
+ <p class="line">Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.</p>
+ <p class="line">Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.</p>
<p class="line">Und ob Du bist, oder im Traume nur.</p>
<p class="line">Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,</p>
<p class="line">Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,</p>
- <p class="line">Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,</p>
- <p class="line">Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.</p>
+ <p class="line">Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,</p>
+ <p class="line">Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-13">
<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses
+Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses
</h2>
<p class="speaker">
@@ -2217,10 +2183,10 @@ Adam
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Müde in den schmerzensreichen Schuhn,</p>
- <p class="line">Durch den Tag der Straßenqual gegangen .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Müde in den schmerzensreichen Schuhn,</p>
+ <p class="line">Durch den Tag der Straßenqual gegangen .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,</p>
- <p class="line">Süßer Ort, aus dem ich angefangen!</p>
+ <p class="line">Süßer Ort, aus dem ich angefangen!</p>
<p class="line">Meinen Pack von alten Schultern nun</p>
<p class="line">Werf ich ab mit einem langen, langen</p>
<p class="line">Atem, um mich ganz in Dich zu tun.</p>
@@ -2228,18 +2194,18 @@ Adam
<div class="poem">
<p class="line">Ja ich tauche auf aus allem Staub,</p>
- <p class="line">Süße Mauer, traumwärts hergebaute,</p>
+ <p class="line">Süße Mauer, traumwärts hergebaute,</p>
<p class="line">Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,</p>
<p class="line">Als der Engel loderte im Laub!</p>
<p class="line">Ja ich komme mit den schweren Rinnen,</p>
- <p class="line">Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.</p>
- <p class="line">Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,</p>
- <p class="line">Höre auf, mich zu beginnen!</p>
- <p class="line">Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.</p>
+ <p class="line">Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.</p>
+ <p class="line">Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,</p>
+ <p class="line">Höre auf, mich zu beginnen!</p>
+ <p class="line">Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.</p>
<p class="line">Schlage eine kleine Bresche ein,</p>
- <p class="line">Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,</p>
- <p class="line">Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer</p>
- <p class="line">Windgefährte hebe an zu sein.</p>
+ <p class="line">Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,</p>
+ <p class="line">Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer</p>
+ <p class="line">Windgefährte hebe an zu sein.</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2250,23 +2216,23 @@ Stimme aus dem Garten
<div class="poem">
<p class="line">Ich darf Dich nicht lassen ein,</p>
<p class="line">Und darf mich nicht lassen aus,</p>
- <p class="line">Ich muß mich fassen ein,</p>
- <p class="line">Und gieße Dich in Gassen aus.</p>
- <p class="line">Mein Haus ist wüst,</p>
+ <p class="line">Ich muß mich fassen ein,</p>
+ <p class="line">Und gieße Dich in Gassen aus.</p>
+ <p class="line">Mein Haus ist wüst,</p>
<p class="line">Meinen Garten hast Du versandet,</p>
- <p class="line">Ich bins, der für Dich büßt.</p>
+ <p class="line">Ich bins, der für Dich büßt.</p>
<p class="line">Kein Schwan mehr landet</p>
<p class="line">In meinem See, der hohlgeht und brandet.</p>
- <p class="line2">Die alten Bäume sind verbrannt,</p>
- <p class="line">Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,</p>
- <p class="line">Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,</p>
+ <p class="line2">Die alten Bäume sind verbrannt,</p>
+ <p class="line">Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,</p>
+ <p class="line">Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,</p>
<p class="line">Aus meinem Beet und Rebenstand.</p>
<p class="line2">Im Herbst, wie eine alte Frau</p>
<p class="line">Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,</p>
<p class="line2">So bettelhaft.</p>
<p class="line2">Dein ist die Kraft.</p>
- <p class="line">Mach, daß ich möge neu erstrahlen,</p>
- <p class="line">Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,</p>
+ <p class="line">Mach, daß ich möge neu erstrahlen,</p>
+ <p class="line">Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,</p>
<p class="line">Den guten Garten wieder auferbau!</p>
</div>
@@ -2287,7 +2253,7 @@ Stimme auf dem Garten
<div class="poem">
<p class="line">Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,</p>
- <p class="line">Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.</p>
+ <p class="line">Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2311,9 +2277,9 @@ Adam
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,</p>
- <p class="line">Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?</p>
- <p class="line">Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?</p>
+ <p class="line">Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,</p>
+ <p class="line">Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?</p>
+ <p class="line">Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2322,9 +2288,9 @@ Stimme aus dem Garten
<div class="poem">
<p class="line">Ich habe meine Gnade ausgegeben,</p>
- <p class="line">Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,</p>
- <p class="line">Für Dich hab ich sie ganz,</p>
- <p class="line">Du nie für mich gebraucht.</p>
+ <p class="line">Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,</p>
+ <p class="line">Für Dich hab ich sie ganz,</p>
+ <p class="line">Du nie für mich gebraucht.</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2341,7 +2307,7 @@ Stimme aus dem Garten
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Bestelle mich mit Deinen Händen,</p>
+ <p class="line">Bestelle mich mit Deinen Händen,</p>
<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
<p class="line">Und Heimat werden wir uns beide sein,</p>
<p class="line">Und kehren ein!</p>
@@ -2352,8 +2318,8 @@ Adam
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Weh, daß kein andres Wort mich tröste,</p>
- <p class="line">Und dies zurücke mich in Städte stößt!</p>
+ <p class="line">Weh, daß kein andres Wort mich tröste,</p>
+ <p class="line">Und dies zurücke mich in Städte stößt!</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2361,8 +2327,8 @@ Stimme aus dem Garten
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,</p>
- <p class="line">So wart&rsquo; ich weinend, daß Du mich erlöst.</p>
+ <p class="line">Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,</p>
+ <p class="line">So wart&rsquo; ich weinend, daß Du mich erlöst.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-14">
@@ -2370,57 +2336,57 @@ Luzifers Abendlied
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,</p>
- <p class="line">Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,</p>
+ <p class="line">Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,</p>
<p class="line">Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.</p>
- <p class="line">Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.</p>
- <p class="line">Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen</p>
- <p class="line">Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.</p>
+ <p class="line">Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.</p>
+ <p class="line">Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.</p>
+ <p class="line">Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen</p>
+ <p class="line">Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.</p>
<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
<p class="line">Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer</p>
- <p class="line">Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.</p>
+ <p class="line">Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.</p>
<p class="line">Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer</p>
- <p class="line">Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.</p>
+ <p class="line">Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen</p>
- <p class="line">Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.</p>
+ <p class="line">Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.</p>
<p class="line">Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen</p>
<p class="line">Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!</p>
- <p class="line">Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.</p>
- <p class="line">Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,</p>
- <p class="line">Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.</p>
+ <p class="line">Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.</p>
+ <p class="line">Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,</p>
+ <p class="line">Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.</p>
- <p class="line">Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.</p>
+ <p class="line">Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.</p>
+ <p class="line">Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.</p>
<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
- <p class="line">Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.</p>
- <p class="line">Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.</p>
+ <p class="line">Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.</p>
+ <p class="line">Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,</p>
- <p class="line">Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!</p>
- <p class="line">Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,</p>
- <p class="line">Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.</p>
+ <p class="line">Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!</p>
+ <p class="line">Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,</p>
+ <p class="line">Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,</p>
- <p class="line">Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt</p>
- <p class="line">Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten</p>
+ <p class="line">Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt</p>
+ <p class="line">Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten</p>
<p class="line">Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.</p>
</div>
@@ -2437,8 +2403,8 @@ Held
<p class="line">Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,</p>
<p class="line">Dem die Feuer um die Stirne laufen,</p>
<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
- <p class="line">Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen</p>
- <p class="line">An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?</p>
+ <p class="line">Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen</p>
+ <p class="line">An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2449,7 +2415,7 @@ Heiliger
<p class="line">Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,</p>
<p class="line">Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!</p>
<p class="line">Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,</p>
- <p class="line">Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.</p>
+ <p class="line">Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2459,8 +2425,8 @@ Held
<div class="poem">
<p class="line">Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,</p>
<p class="line">Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.</p>
- <p class="line">Dieses Da ist da, daß ich es saufe,</p>
- <p class="line">Und wer mich säuft, meiner überlaufe!</p>
+ <p class="line">Dieses Da ist da, daß ich es saufe,</p>
+ <p class="line">Und wer mich säuft, meiner überlaufe!</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2470,8 +2436,8 @@ Heiliger
<div class="poem">
<p class="line">Eitelster, der auf dem Rosse reitet,</p>
<p class="line">Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!</p>
- <p class="line">Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?</p>
- <p class="line">Wen Gott will, den muß er sich zerstören!</p>
+ <p class="line">Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?</p>
+ <p class="line">Wen Gott will, den muß er sich zerstören!</p>
</div>
<p class="speaker">
@@ -2480,7 +2446,7 @@ Held
<div class="poem">
<p class="line">Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?</p>
- <p class="line">Gibt es Leben außer meinen Taten?</p>
+ <p class="line">Gibt es Leben außer meinen Taten?</p>
<p class="line">Du und Er und alle sieben Reiche</p>
<p class="line">Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.</p>
</div>
@@ -2492,7 +2458,7 @@ Heiliger
<div class="poem">
<p class="line">Nennst Du Leben die verruchten Stunden?</p>
- <p class="line">Erst die Stunde, die Dich überwunden,</p>
+ <p class="line">Erst die Stunde, die Dich überwunden,</p>
<p class="line">Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren</p>
<p class="line">Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren .&nbsp;.&nbsp;.</p>
</div>
@@ -2514,16 +2480,16 @@ Heiliger<br />
</p>
<div class="poem">
- <p class="line">Alexander über tausend Meeren,</p>
- <p class="line">Hör die Flammen an, die sich verzehren!</p>
- <p class="line">Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!</p>
+ <p class="line">Alexander über tausend Meeren,</p>
+ <p class="line">Hör die Flammen an, die sich verzehren!</p>
+ <p class="line">Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!</p>
<p class="line">Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,</p>
<p class="line">Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.</p>
- <p class="line">Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.</p>
- <p class="line">Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,</p>
+ <p class="line">Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.</p>
+ <p class="line">Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,</p>
<p class="line">Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!</p>
- <p class="line">Daß er furchtbar seine Gnade wähle,</p>
- <p class="line">Rüste die noch nicht verdammte Seele!</p>
+ <p class="line">Daß er furchtbar seine Gnade wähle,</p>
+ <p class="line">Rüste die noch nicht verdammte Seele!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-16">
@@ -2532,158 +2498,158 @@ Alte Dienstboten
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">In dem sanften Wallen der alten Frühlinge</p>
+ <p class="line">In dem sanften Wallen der alten Frühlinge</p>
<p class="line">Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.</p>
<p class="line">Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,</p>
- <p class="line">Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.</p>
- <p class="line">Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,</p>
- <p class="line">Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.</p>
- <p class="line">Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,</p>
- <p class="line">Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.</p>
- <p class="line">Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.</p>
- <p class="line">Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,</p>
+ <p class="line">Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.</p>
+ <p class="line">Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,</p>
+ <p class="line">Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.</p>
+ <p class="line">Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,</p>
+ <p class="line">Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.</p>
+ <p class="line">Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.</p>
+ <p class="line">Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,</p>
<p class="line">Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen</p>
- <p class="line">Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.</p>
+ <p class="line">Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen</p>
+ <p class="line">Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.</p>
<p class="line">Wohin sie auch ihr Gehen wenden,</p>
- <p class="line">Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.</p>
+ <p class="line">Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.</p>
<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
- <p class="line">Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.</p>
- <p class="line">Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,</p>
+ <p class="line">Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.</p>
+ <p class="line">Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,</p>
<p class="line">Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,</p>
<p class="line">Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.</p>
- <p class="line">Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken</p>
- <p class="line">Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.</p>
+ <p class="line">Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken</p>
+ <p class="line">Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,</p>
- <p class="line">Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben</p>
- <p class="line">Sich ohne Ende über meins erheben,</p>
+ <p class="line">Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben</p>
+ <p class="line">Sich ohne Ende über meins erheben,</p>
<p class="line">Das voll von Hoffart Worte machen mag.</p>
- <p class="line">Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,</p>
- <p class="line">Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.</p>
- <p class="line">O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,</p>
- <p class="line">O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,</p>
- <p class="line">O Licht am Abend überm Tisch gebückt!</p>
- <p class="line">Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,</p>
+ <p class="line">Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,</p>
+ <p class="line">Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.</p>
+ <p class="line">O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,</p>
+ <p class="line">O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,</p>
+ <p class="line">O Licht am Abend überm Tisch gebückt!</p>
+ <p class="line">Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,</p>
<p class="line">Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-17">
<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Jesus und der Äser-Weg
+Jesus und der Äser-Weg
</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Und als wir gingen von dem toten Hund,</p>
- <p class="line">Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,</p>
- <p class="line">Entführte, er uns diesem Meeres-Sund</p>
+ <p class="line">Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,</p>
+ <p class="line">Entführte, er uns diesem Meeres-Sund</p>
<p class="line">Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,</p>
<p class="line">Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,</p>
- <p class="line">Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,</p>
- <p class="line">Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.</p>
+ <p class="line">Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,</p>
+ <p class="line">Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Doch einer war, den jeder sanft erfand,</p>
- <p class="line">Und leiser jeder sah zu Tale fließen.</p>
- <p class="line">Und wie der Heiland süß sich umgewandt,</p>
- <p class="line">Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!</p>
+ <p class="line">Und leiser jeder sah zu Tale fließen.</p>
+ <p class="line">Und wie der Heiland süß sich umgewandt,</p>
+ <p class="line">Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Er neigte nur das Haupt und ging voran,</p>
- <p class="line">Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,</p>
- <p class="line">Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,</p>
- <p class="line">Von Eich&rsquo; und Mandel, die vorüberschwebten.</p>
+ <p class="line">Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,</p>
+ <p class="line">Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,</p>
+ <p class="line">Von Eich&rsquo; und Mandel, die vorüberschwebten.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf</p>
- <p class="line">Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.</p>
- <p class="line">Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,</p>
+ <p class="line">Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf</p>
+ <p class="line">Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.</p>
+ <p class="line">Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,</p>
<p class="line">Und wartete bis wir hindurchgeschritten.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
- <p class="line">Und da geschah, was uns die Augen schloß,</p>
- <p class="line">Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,</p>
- <p class="line">Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß</p>
+ <p class="line">Und da geschah, was uns die Augen schloß,</p>
+ <p class="line">Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,</p>
+ <p class="line">Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß</p>
<p class="line">Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Verbissene Ratten schwammen im Gezücht</p>
- <p class="line">Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,</p>
+ <p class="line">Verbissene Ratten schwammen im Gezücht</p>
+ <p class="line">Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,</p>
<p class="line">Verweste Reh&rsquo; und Esel und ein Licht</p>
- <p class="line">Von Pest und Fliegen drüber unermessen.</p>
+ <p class="line">Von Pest und Fliegen drüber unermessen.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ein schweflig Stinken und so ohne Maß</p>
+ <p class="line">Ein schweflig Stinken und so ohne Maß</p>
<p class="line">Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,</p>
- <p class="line">Daß wir uns beugten übers gelbe Gras</p>
+ <p class="line">Daß wir uns beugten übers gelbe Gras</p>
<p class="line">Und uns vor uferloser Angst erbrachen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Der Heiland aber hob sich auf und schrie</p>
<p class="line">Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:</p>
- <p class="line">&bdquo;Mein Gott und Vater, höre mich und wende</p>
+ <p class="line">&bdquo;Mein Gott und Vater, höre mich und wende</p>
<p class="line">Dies Grauen von mir und begnade die!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich nannt&rsquo; mich Liebe, und nun packt mich auch</p>
- <p class="line">Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.</p>
+ <p class="line">Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.</p>
<p class="line">Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze</p>
- <p class="line">Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!</p>
+ <p class="line">Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,</p>
- <p class="line">Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,</p>
- <p class="line">Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!</p>
+ <p class="line">Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,</p>
+ <p class="line">Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!</p>
<p class="line">Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!&ldquo;</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
- <p class="line">Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht</p>
+ <p class="line">Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht</p>
<p class="line">Von jenen Jagden, die wir alle kannten,</p>
- <p class="line">Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,</p>
+ <p class="line">Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,</p>
<p class="line">Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Er neigte wild sich nieder und vergrub</p>
- <p class="line">Die Hände ins verderbliche Geziefer,</p>
+ <p class="line">Die Hände ins verderbliche Geziefer,</p>
<p class="line">Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,</p>
- <p class="line">Von seiner Weiße sich erhub.</p>
+ <p class="line">Von seiner Weiße sich erhub.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Er aber füllte seine Haare auf</p>
- <p class="line">Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,</p>
- <p class="line">Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,</p>
+ <p class="line">Er aber füllte seine Haare auf</p>
+ <p class="line">Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,</p>
+ <p class="line">Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,</p>
<p class="line">Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und wie er so im dunklen Tage stand,</p>
- <p class="line">Brachen die Berge auf, und Löwen weinten</p>
+ <p class="line">Brachen die Berge auf, und Löwen weinten</p>
<p class="line">An seinem Knie, und die zum Flug vereinten</p>
- <p class="line">Wildgänse brausten nieder unverwandt.</p>
+ <p class="line">Wildgänse brausten nieder unverwandt.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -2697,7 +2663,7 @@ Jesus und der Äser-Weg
<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
Neue Gedichte<br />
1916<br />
-(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
+(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
</h1>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-1">
@@ -2706,62 +2672,62 @@ An den Richter
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette.</p>
- <p class="line">Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.</p>
- <p class="line">Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich</p>
- <p class="line">Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.</p>
+ <p class="line">Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette.</p>
+ <p class="line">Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.</p>
+ <p class="line">Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich</p>
+ <p class="line">Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.</p>
+ <p class="line">Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.</p>
<p class="line">Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, betet heiser.</p>
<p class="line">Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um Fieber zu messen;</p>
- <p class="line">Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!</p>
+ <p class="line">Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen.</p>
- <p class="line">Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.</p>
+ <p class="line">O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen.</p>
+ <p class="line">Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.</p>
<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
- <p class="line">Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue,</p>
- <p class="line">Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht &mdash; mein Richter &mdash; und muß mich hassen!</p>
+ <p class="line">Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue,</p>
+ <p class="line">Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht &mdash; mein Richter &mdash; und muß mich hassen!</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich bekenne &mdash; und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts dagegen, bekenne dennoch:</p>
- <p class="line">Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch &mdash;</p>
- <p class="line">Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn.</p>
+ <p class="line">Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch &mdash;</p>
+ <p class="line">Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn.</p>
<p class="line">Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden Vieh vergleiche.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.</p>
- <p class="line">Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.</p>
+ <p class="line">Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.</p>
+ <p class="line">Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.</p>
<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
<p class="line">Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?</p>
- <p class="line">Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!</p>
+ <p class="line">Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.</p>
- <p class="line">Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.</p>
- <p class="line">Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!</p>
- <p class="line">Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.</p>
+ <p class="line">Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.</p>
+ <p class="line">Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.</p>
+ <p class="line">Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!</p>
+ <p class="line">Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.</p>
<p class="line">Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.</p>
- <p class="line">Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens!</p>
+ <p class="line">Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens!</p>
<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
- <p class="line">Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.</p>
+ <p class="line">Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und ruhig atmen.</p>
- <p class="line">Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig!</p>
- <p class="line">Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.</p>
- <p class="line">Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!</p>
+ <p class="line">Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig!</p>
+ <p class="line">Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.</p>
+ <p class="line">Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-2">
@@ -2772,22 +2738,22 @@ Gebet um Reinheit
<p class="line">Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.</p>
<p class="line">Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.</p>
<p class="line">Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,</p>
- <p class="line">Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände spülen.</p>
+ <p class="line">Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände spülen.</p>
</div>
<div class="poem">
<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
- <p class="line">O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!</p>
+ <p class="line">O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!</p>
<p class="line">O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!</p>
- <p class="line">Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und spülst,</p>
- <p class="line">Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?</p>
+ <p class="line">Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und spülst,</p>
+ <p class="line">Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.</p>
- <p class="line">Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.</p>
- <p class="line">Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.</p>
- <p class="line">Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.</p>
+ <p class="line">Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.</p>
+ <p class="line">Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.</p>
+ <p class="line">Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -2799,33 +2765,33 @@ Gebet um Reinheit
<div class="poem">
<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
- <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,</p>
- <p class="line">Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.</p>
- <p class="line">Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,</p>
- <p class="line">Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.</p>
+ <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,</p>
+ <p class="line">Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.</p>
+ <p class="line">Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,</p>
+ <p class="line">Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.</p>
- <p class="line">Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt,</p>
+ <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.</p>
+ <p class="line">Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt,</p>
<p class="line">Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,</p>
- <p class="line">Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.</p>
+ <p class="line">Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?</p>
- <p class="line">Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer!</p>
- <p class="line">Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei.</p>
+ <p class="line">Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer!</p>
+ <p class="line">Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei.</p>
<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
- <p class="line">Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur Waschung.</p>
+ <p class="line">Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur Waschung.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen</p>
- <p class="line">Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!</p>
- <p class="line">Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen!</p>
+ <p class="line">Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen</p>
+ <p class="line">Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!</p>
+ <p class="line">Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen!</p>
<p class="line">Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler.</p>
- <p class="line">O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!</p>
+ <p class="line">O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-3">
@@ -2834,40 +2800,40 @@ Einem Denker
<div class="poem">
<p class="line">Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.</p>
- <p class="line">Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt.</p>
- <p class="line">Meine Sphäre war traurig,</p>
- <p class="line">Ihr mißfiel Deine Art</p>
+ <p class="line">Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt.</p>
+ <p class="line">Meine Sphäre war traurig,</p>
+ <p class="line">Ihr mißfiel Deine Art</p>
<p class="line">An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,</p>
- <p class="line">Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.</p>
+ <p class="line">Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!</p>
- <p class="line">Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!</p>
+ <p class="line">Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!</p>
<p class="line">Wie deute ich mir,</p>
<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
- <p class="line">Wie verstünd ich&rsquo;s,</p>
- <p class="line">Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst,</p>
- <p class="line">Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?</p>
+ <p class="line">Wie verstünd ich&rsquo;s,</p>
+ <p class="line">Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst,</p>
+ <p class="line">Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?</p>
- <p class="line">Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!</p>
+ <p class="line">Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?</p>
+ <p class="line">Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!</p>
<p class="line">Denn wer zu Gericht sitzt,</p>
- <p class="line">Über die Sünder,</p>
+ <p class="line">Über die Sünder,</p>
<p class="line">Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu gedenken, darf sein Wesen vergessen,</p>
<p class="line">Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon!</p>
- <p class="line">Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.</p>
+ <p class="line">Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon!</p>
+ <p class="line">Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.</p>
<p class="line">Du aber bist wie ein Knabe,</p>
<p class="line">Und scheinst nicht zu wissen,</p>
- <p class="line">Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde <span class="em">Deine</span> Blöße bedeckst .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde <span class="em">Deine</span> Blöße bedeckst .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
- <p class="line">Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.</p>
+ <p class="line">Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -2876,36 +2842,36 @@ Einem Denker
<p class="line">Kennst Du die starke Waffe</p>
<p class="line">Der wirklichen Sieger?</p>
<p class="line">Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen .&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!</p>
+ <p class="line">Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist.</p>
+ <p class="line">Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist.</p>
<p class="line">Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die Unterscheidung der Worte.</p>
<p class="line">Aber die Worte sind</p>
<p class="line">Bedingter noch als die Dinge.</p>
<p class="line">Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der Geist der Worte</p>
<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
- <p class="line">Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.</p>
+ <p class="line">Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt.</p>
- <p class="line">Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.</p>
+ <p class="line">Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt.</p>
+ <p class="line">Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.</p>
<p class="line">In Dir ist aber noch</p>
<p class="line">Der alte Adam allzusehr!</p>
- <p class="line">So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit,</p>
- <p class="line">Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.</p>
+ <p class="line">So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit,</p>
+ <p class="line">Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten,</p>
- <p class="line">Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.</p>
+ <p class="line">Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten,</p>
+ <p class="line">Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.</p>
<p class="line">Du kennst jene Weisheit nicht,</p>
- <p class="line">Höher als alles Mitleid!</p>
- <p class="line">Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben,</p>
+ <p class="line">Höher als alles Mitleid!</p>
+ <p class="line">Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben,</p>
<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
- <p class="line">Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.</p>
+ <p class="line">Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-4">
@@ -2913,12 +2879,12 @@ Ballade von Wahn und Tod
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Im großen Raum des Tags</p>
+ <p class="line">Im großen Raum des Tags</p>
<p class="line">Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,</p>
<p class="line">Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt</p>
<p class="line">Die Wolke fiel. &mdash; Erstickten Schlags</p>
<p class="line">Mein Ohr die Stunde traf,</p>
- <p class="line">Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.</p>
+ <p class="line">Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.</p>
<p class="line">Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.</p>
</div>
@@ -2934,7 +2900,7 @@ Ballade von Wahn und Tod
<div class="poem">
<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
- <p class="line">Nun höret, Freunde, es!</p>
+ <p class="line">Nun höret, Freunde, es!</p>
<p class="line">Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.</p>
<p class="line">Ich stand gebannt an kalter Wand.</p>
<p class="line">O schwarzes, schreckliches</p>
@@ -2944,7 +2910,7 @@ Ballade von Wahn und Tod
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Es fügte sich kein Schein,</p>
+ <p class="line">Es fügte sich kein Schein,</p>
<p class="line">Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,</p>
<p class="line">Und unterm Bild vergeht und schwillt,</p>
<p class="line">Das kleine Licht ging ein.</p>
@@ -2959,29 +2925,29 @@ Ballade von Wahn und Tod
<p class="line">Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.</p>
<p class="line">Weh, trocken, leicht und toll</p>
<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
- <p class="line">Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.</p>
+ <p class="line">Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.</p>
<p class="line">Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,</p>
- <p class="line">Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das Wort hieß: rettungslos.</p>
+ <p class="line">Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das Wort hieß: rettungslos.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">O letzte Angst und Schmerz!</p>
- <p class="line">O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!</p>
- <p class="line">O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.</p>
+ <p class="line">O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!</p>
+ <p class="line">O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.</p>
<p class="line">Ich stand in schwarzem Erz,</p>
<p class="line">Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,</p>
<p class="line">Und sang ein &mdash; Rette mich &mdash; in mich ein.</p>
- <p class="line">Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und fallen, den Fluß: Allein</p>
+ <p class="line">Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und fallen, den Fluß: Allein</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Und da es war also,</p>
- <p class="line">Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.</p>
- <p class="line">Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.</p>
+ <p class="line">Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.</p>
+ <p class="line">Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.</p>
<p class="line">Und ich erkannte so,</p>
<p class="line">Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,</p>
<p class="line">Die schwach an meine Stirne fuhr,</p>
- <p class="line">Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum mich selber trug.</p>
+ <p class="line">Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum mich selber trug.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -2991,39 +2957,39 @@ Ballade von Wahn und Tod
<p class="line">Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.</p>
<p class="line">Und nahm mir alles unverwandt,</p>
<p class="line">Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt &mdash;</p>
- <p class="line">Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.</p>
- <p class="line">Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig nackt.</p>
+ <p class="line">Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.</p>
+ <p class="line">Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig nackt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">O Tod, o Tod, ich sah</p>
<p class="line">Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,</p>
- <p class="line">Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.</p>
+ <p class="line">Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.</p>
<p class="line">&mdash; &mdash; Er lacht und bleibt sich fern und nah &mdash; &mdash;</p>
<p class="line">Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.</p>
- <p class="line">(Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)</p>
+ <p class="line">(Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)</p>
<p class="line">Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Im großen Raum des Tags</p>
+ <p class="line">Im großen Raum des Tags</p>
<p class="line">Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.</p>
<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
<p class="line">Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,</p>
- <p class="line">Der Himmel glühte noch kaum.</p>
- <p class="line">Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,</p>
- <p class="line">Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Der Himmel glühte noch kaum.</p>
+ <p class="line">Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,</p>
+ <p class="line">Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Ich ging, wie Tote gehn,</p>
<p class="line">Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.</p>
- <p class="line">Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,</p>
+ <p class="line">Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,</p>
<p class="line">Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.</p>
<p class="line">Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock und schrie,</p>
- <p class="line">Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand .&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.</p>
+ <p class="line">Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-5">
@@ -3033,24 +2999,24 @@ Der Tempel
<div class="poem">
<p class="line">O Tempel, in die</p>
<p class="line">Zarteste Stunde gebaut,</p>
- <p class="line">Wenn schon die unermüdlichen</p>
+ <p class="line">Wenn schon die unermüdlichen</p>
<p class="line">Schmetterlinge</p>
<p class="line">Die kreisenden welken an</p>
<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
<p class="line">Der alten Lampe des Weisen und</p>
- <p class="line">Die Träumer plötzlich das Haupt</p>
+ <p class="line">Die Träumer plötzlich das Haupt</p>
<p class="line">Tauchen aus tausend Fenstern.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Tempel,</p>
<p class="line">In solcher Stunde erschallend,</p>
- <p class="line">Läßt Du uns gehn</p>
- <p class="line">Über die Treppe.</p>
+ <p class="line">Läßt Du uns gehn</p>
+ <p class="line">Über die Treppe.</p>
<p class="line">Aber wenig leuchtet</p>
<p class="line">Die Laterne voran des Priesters,</p>
<p class="line">Wenn tief der Tierkreis</p>
- <p class="line">Brüllet und leis im Schlaf.</p>
+ <p class="line">Brüllet und leis im Schlaf.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -3063,7 +3029,7 @@ Der Tempel
<p class="line">Zum verschwommenen Knaben.</p>
<p class="line">Doch in dem hellen Boden</p>
<p class="line">Findet er sich bemessen</p>
- <p class="line">Zu unseren Füßen wieder</p>
+ <p class="line">Zu unseren Füßen wieder</p>
<p class="line">Genau</p>
<p class="line">Im bildenden Wasserteich.</p>
</div>
@@ -3071,25 +3037,25 @@ Der Tempel
<div class="poem">
<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
<p class="line">Wie da ruhen</p>
- <p class="line">Über unseren Schultern</p>
- <p class="line">Die einhaltenden Vögel,</p>
+ <p class="line">Über unseren Schultern</p>
+ <p class="line">Die einhaltenden Vögel,</p>
<p class="line">Die Planeten sich aus.</p>
<p class="line">Sitzen sanft eine Weil&rsquo; nur,</p>
- <p class="line">Geschlossene Flügel</p>
- <p class="line">Auf atemlosen Säulen.</p>
- <p class="line">Trällert einer im Schlaf.</p>
+ <p class="line">Geschlossene Flügel</p>
+ <p class="line">Auf atemlosen Säulen.</p>
+ <p class="line">Trällert einer im Schlaf.</p>
<p class="line">Aber als letzter</p>
<p class="line">Luzifer schwirrend</p>
<p class="line">Hebt sich hinweg</p>
<p class="line">Morgender Stern.</p>
- <p class="line">Mit fernem Gelächter</p>
+ <p class="line">Mit fernem Gelächter</p>
<p class="line">Spiegelnd Gefieder</p>
<p class="line">Im schon helleren Bassin.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Nun aber seh ich</p>
- <p class="line">Wolken grünen im Wasser.</p>
+ <p class="line">Wolken grünen im Wasser.</p>
<p class="line">Sehe dreifach</p>
<p class="line">Das Strandgut treiben</p>
<p class="line">Im kleinen Umkreis</p>
@@ -3097,8 +3063,8 @@ Der Tempel
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Wohl weiß ich,</p>
- <p class="line">Und nimmer täuschet mich wer,</p>
+ <p class="line">Wohl weiß ich,</p>
+ <p class="line">Und nimmer täuschet mich wer,</p>
<p class="line">Mattes und Morsches.</p>
</div>
@@ -3111,25 +3077,25 @@ Der Tempel
<p class="line">Drei Schatten schwimmen</p>
<p class="line">Auf wachsendem Himmel.</p>
<p class="line">Nun aber schreiten &mdash;</p>
- <p class="line">(Da es doch bald mehr Frühe ist)</p>
- <p class="line">Die Männer hinaus,</p>
+ <p class="line">(Da es doch bald mehr Frühe ist)</p>
+ <p class="line">Die Männer hinaus,</p>
<p class="line">Die herrlichen</p>
<p class="line">Nach der Abfertigung.</p>
- <p class="line">Über den Brauen</p>
+ <p class="line">Über den Brauen</p>
<p class="line">Schimmern die Glatzen vor Osten</p>
<p class="line">Sie neigen und schreiten,</p>
<p class="line">Die Heiligen schreiten</p>
<p class="line">Hinter Planeten.</p>
- <p class="line">Frühe Arbeiter</p>
- <p class="line">Und kühl</p>
+ <p class="line">Frühe Arbeiter</p>
+ <p class="line">Und kühl</p>
<p class="line">Von diesem Himmel und Frische.</p>
<p class="line">So schreiten sie,</p>
<p class="line">Ohne zu wecken,</p>
<p class="line">Gesenkte Stirnen,</p>
- <p class="line">Aus allen Türen zugleich</p>
+ <p class="line">Aus allen Türen zugleich</p>
<p class="line">Hinaus aus diesem</p>
<p class="line">Kuppelkreis,</p>
- <p class="line">Die Verschmäher der Speise.</p>
+ <p class="line">Die Verschmäher der Speise.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-6">
@@ -3138,76 +3104,76 @@ Die heilige Elisabeth
</h2>
<p class="dedication">
-für Gertrud Spirk
+für Gertrud Spirk
</p>
<div class="poem">
<p class="line">Wie sie geht</p>
- <p class="line">Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,</p>
+ <p class="line">Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,</p>
<p class="line">Unter dem noch versagenden Himmel,</p>
<p class="line">Dem atmenden Osten voraus!</p>
- <p class="line">Über Stufen</p>
+ <p class="line">Über Stufen</p>
<p class="line">Steigend nieder</p>
- <p class="line">Am Klirren vorbei des frühen Frühlings .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Am Klirren vorbei des frühen Frühlings .&nbsp;.&nbsp;.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line2">Aber es wehen noch, es fliegen</p>
- <p class="line2">Die wahrhaft gläubigen Träumer</p>
- <p class="line2">Durch Träume auf schlagenden Fittichen,</p>
- <p class="line2">Über den unzähligen Morgen,</p>
- <p class="line2">Stürzen sich in die Meere,</p>
+ <p class="line2">Die wahrhaft gläubigen Träumer</p>
+ <p class="line2">Durch Träume auf schlagenden Fittichen,</p>
+ <p class="line2">Über den unzähligen Morgen,</p>
+ <p class="line2">Stürzen sich in die Meere,</p>
<p class="line2">Brust und Haar voll Auferstehungswind.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Ihre Füße lächeln</p>
- <p class="line">Über die Steine nieder.</p>
+ <p class="line">Ihre Füße lächeln</p>
+ <p class="line">Über die Steine nieder.</p>
<p class="line">Doch in den harten</p>
- <p class="line">Gebeizten Händen</p>
- <p class="line">Hält sie, die Dienende,</p>
+ <p class="line">Gebeizten Händen</p>
+ <p class="line">Hält sie, die Dienende,</p>
<p class="line">Den gedeckten Korb.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Nun drängen schon</p>
- <p class="line">Hunde und räudige Krüppel,</p>
+ <p class="line">Nun drängen schon</p>
+ <p class="line">Hunde und räudige Krüppel,</p>
<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
- <p class="line">Krähende Tolle</p>
+ <p class="line">Krähende Tolle</p>
<p class="line">Sich an das Jenseits ihres Knies.</p>
- <p class="line">Bettler mit Näpfen</p>
+ <p class="line">Bettler mit Näpfen</p>
<p class="line">Heben sich auf,</p>
<p class="line">Gestreifte Kranke,</p>
- <p class="line">Lampe in Händen,</p>
+ <p class="line">Lampe in Händen,</p>
<p class="line">Hustende Kinder,</p>
<p class="line">Betrunkene Greise,</p>
- <p class="line">Huren, Gelichter, sterbende Sünder,</p>
+ <p class="line">Huren, Gelichter, sterbende Sünder,</p>
<p class="line">Wanken geschlossenen Auges ihr nach.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Schon heult die Stadt auf</p>
- <p class="line">Und ächzt in ihren Morgen ein.</p>
+ <p class="line">Und ächzt in ihren Morgen ein.</p>
<p class="line">Durch den Nebel der Kaserne</p>
<p class="line">Bricht die entsetzliche Trompete.</p>
- <p class="line">In den Asylen krächzt</p>
- <p class="line">Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.</p>
- <p class="line">Flößerruf!</p>
+ <p class="line">In den Asylen krächzt</p>
+ <p class="line">Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.</p>
+ <p class="line">Flößerruf!</p>
<p class="line">Die schweren unseligen Pferde</p>
- <p class="line">Neigen in Höfen ihr Haupt.</p>
+ <p class="line">Neigen in Höfen ihr Haupt.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Sie geht noch,</p>
- <p class="line">Eh sie verfließt,</p>
- <p class="line">Eh ihr Aufwärtslächeln</p>
+ <p class="line">Eh sie verfließt,</p>
+ <p class="line">Eh ihr Aufwärtslächeln</p>
<p class="line">Sich einmischt in die Antwort des Himmels,</p>
<p class="line">Sie geht noch die Magd,</p>
<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
<p class="line">Sie weht noch die hohe Deutsche .&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">O Dämmerung ihres Haars,</p>
+ <p class="line">O Dämmerung ihres Haars,</p>
<p class="line">O Schritt, o Blick,</p>
- <p class="line">Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!</p>
+ <p class="line">Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-7">
@@ -3215,24 +3181,24 @@ Der Ruf
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,</p>
+ <p class="line">So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,</p>
<p class="line">Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.</p>
<p class="line">Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line2">Dort aber war der Tag,</p>
- <p class="line">Wo Munde abwärts ernster werden,</p>
- <p class="line">Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.</p>
+ <p class="line">Wo Munde abwärts ernster werden,</p>
+ <p class="line">Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.</p>
<p class="line">Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.</p>
<p class="line">Nicht rast das Antlitz mehr dort,</p>
- <p class="line">Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.</p>
+ <p class="line">Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.</p>
<p class="line">Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.</p>
<p class="line">Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line2">Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.</p>
+ <p class="line2">Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.</p>
<p class="line2">Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.</p>
<p class="line3">Das Haar im Zephyr leicht .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line3">Ich rief sie an.</p>
@@ -3242,24 +3208,24 @@ Der Ruf
<p class="line">Doch wie sie sich wandte,</p>
<p class="line">Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,</p>
<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
- <p class="line">Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.</p>
- <p class="line">Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,</p>
- <p class="line">Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.</p>
- <p class="line">Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs</p>
+ <p class="line">Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.</p>
+ <p class="line">Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,</p>
+ <p class="line">Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.</p>
+ <p class="line">Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs</p>
<p class="line">Warfen sich in die Saiten der Sonne,</p>
- <p class="line">Töneten, sangen die Leichte zurück.</p>
+ <p class="line">Töneten, sangen die Leichte zurück.</p>
</div>
<div class="poem">
<p class="line">Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,</p>
<p class="line">Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,</p>
- <p class="line">Sah mich unter den brüllenden Festen:</p>
- <p class="line">Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!</p>
- <p class="line">Sie selbst war Wachsen schon der Brüst&rsquo;, Aufbruch des Munds.</p>
+ <p class="line">Sah mich unter den brüllenden Festen:</p>
+ <p class="line">Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!</p>
+ <p class="line">Sie selbst war Wachsen schon der Brüst&rsquo;, Aufbruch des Munds.</p>
<p class="line">Ich rief noch einmal .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Wie im leichten Schmerze,</p>
- <p class="line">Zögernd,</p>
- <p class="line">Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.</p>
+ <p class="line">Zögernd,</p>
+ <p class="line">Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-8">
@@ -3268,34 +3234,34 @@ Vergessen
<div class="poem">
<p class="line">An dieses Flusses Walten wachend,</p>
- <p class="line">Hinüberruhend</p>
- <p class="line">Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,</p>
+ <p class="line">Hinüberruhend</p>
+ <p class="line">Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,</p>
<p class="line">Habe ich Dein vergessen.</p>
- <p class="line">Vergaß Dein Antlitz,</p>
+ <p class="line">Vergaß Dein Antlitz,</p>
<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
- <p class="line">Deiner Züge Niederwehn</p>
- <p class="line">In die offenen harten armen Händ&rsquo;.</p>
+ <p class="line">Deiner Züge Niederwehn</p>
+ <p class="line">In die offenen harten armen Händ&rsquo;.</p>
<p class="line">Vergessen hab&rsquo; ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend .&nbsp;.&nbsp;.</p>
- <p class="line">Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.</p>
+ <p class="line">Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.</p>
<p class="line">Das Gras braust in die Nacht.</p>
- <p class="line">Weh mein Gesicht ist Sünde!</p>
+ <p class="line">Weh mein Gesicht ist Sünde!</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-9">
-Müdigkeit
+Müdigkeit
</h2>
<div class="poem">
<p class="line">Tiefe Schwester der Welt</p>
<p class="line">Weilt auf bewimpeltem Bord,</p>
- <p class="line">Schützt ihren Krug vor dem Glanz,</p>
- <p class="line">Der schon im Westen zerstürzt.</p>
+ <p class="line">Schützt ihren Krug vor dem Glanz,</p>
+ <p class="line">Der schon im Westen zerstürzt.</p>
</div>
<div class="poem">
- <p class="line">Mit dem Gelächter des Volks</p>
- <p class="line">Löst sich das Schifflein und schäumt.</p>
- <p class="line">Aber die Göttin und Gold</p>
+ <p class="line">Mit dem Gelächter des Volks</p>
+ <p class="line">Löst sich das Schifflein und schäumt.</p>
+ <p class="line">Aber die Göttin und Gold</p>
<p class="line">Rollt mit den Wellen noch lang.</p>
</div>
@@ -3310,8 +3276,8 @@ Müdigkeit
<p class="line">Abendgestade und Blick</p>
<p class="line">Schwinden hin. Kiel und Delphin.</p>
<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
- <p class="line">Lebt noch über der Bucht</p>
- <p class="line">Maulbeer, Limone und Öl?</p>
+ <p class="line">Lebt noch über der Bucht</p>
+ <p class="line">Maulbeer, Limone und Öl?</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-10">
@@ -3319,10 +3285,10 @@ Schrei
</h2>
<div class="poem">
- <p class="line">Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,</p>
+ <p class="line">Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,</p>
<p class="line">Ernste Frauen,</p>
<p class="line">Weilende Augen ohne Ebbe,</p>
- <p class="line">Mit abwärts schon wachsendem Mund .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Mit abwärts schon wachsendem Mund .&nbsp;.&nbsp;.</p>
</div>
<div class="poem">
@@ -3335,16 +3301,16 @@ Schrei
<p class="line">Und dennoch</p>
<p class="line">Von uns befallen,</p>
<p class="line">Von uns befallen.</p>
- <p class="line">Im Hals den großen Skorpion,</p>
+ <p class="line">Im Hals den großen Skorpion,</p>
<p class="line">Der an den Gaumen juckt.</p>
<p class="line">Den gebundenen Teufel,</p>
<p class="line">Mit Stachel und Scher&rsquo;,</p>
<p class="line">Den mordenden Asmodi,</p>
- <p class="line">Der zum Mund ausführt,</p>
+ <p class="line">Der zum Mund ausführt,</p>
<p class="line">Verbindlich, eitel, wohlgestalt,</p>
<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
- <p class="line">Der Lügenvater</p>
- <p class="line">Über unsere</p>
+ <p class="line">Der Lügenvater</p>
+ <p class="line">Über unsere</p>
<p class="line">Edle</p>
<p class="line">Von Wahrheit blutende Lippe.</p>
</div>
@@ -3352,17 +3318,17 @@ Schrei
<div class="poem">
<p class="line">Wir unten, wir,</p>
<p class="line">Hilflos wie Knechte!</p>
- <p class="line">Erstickt von Betrügen</p>
- <p class="line">Erwürgt von Verraten,</p>
+ <p class="line">Erstickt von Betrügen</p>
+ <p class="line">Erwürgt von Verraten,</p>
<p class="line">Gebeugte Auswandrer</p>
<p class="line">Wir aus uns selber,</p>
<p class="line">Verbrecher, verfolgt</p>
<p class="line">Von gemordeten Worten.</p>
- <p class="line">Wettläufer ins Aus,</p>
+ <p class="line">Wettläufer ins Aus,</p>
<p class="line">Preisspringer ins Ende,</p>
- <p class="line">Von den Türmen der Stunden &mdash;</p>
+ <p class="line">Von den Türmen der Stunden &mdash;</p>
<p class="line">Zerekelt, ewiglich, elend, &mdash;</p>
- <p class="line">Träge uns schleudernd in Schlaf.</p>
+ <p class="line">Träge uns schleudernd in Schlaf.</p>
</div>
<h2 class="chapter" id="chapter-4-11">
@@ -3371,19 +3337,19 @@ Der Dichter
<div class="poem">
<p class="line">Ah! Ich habe mich ausverraten.</p>
- <p class="line">Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,</p>
+ <p class="line">Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,</p>
<p class="line">Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!</p>
- <p class="line">Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,</p>
+ <p class="line">Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,</p>
<p class="line">Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,</p>
<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
- <p class="line">Enträtselt sich zur Wahrheit.</p>
+ <p class="line">Enträtselt sich zur Wahrheit.</p>
<p class="line">Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,</p>
<p class="line">Unerbittlich log ich Wahrheit.</p>
<p class="line">Nun beginne ich mich zu bedeuten,</p>
- <p class="line">Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,</p>
- <p class="line">Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+ <p class="line">Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,</p>
+ <p class="line">Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen .&nbsp;.&nbsp;.</p>
<p class="line">Hilflos</p>
- <p class="line">Höhn ich mich Hilflosen von fern an.</p>
+ <p class="line">Höhn ich mich Hilflosen von fern an.</p>
</div>
</div>
@@ -3404,10 +3370,10 @@ Der Dichter
<tr><td class="left">Im winterlichen Hospital</td><td class="right"><a href="#chapter-1-4">9</a></td></tr>
<tr><td class="left">Sterben im Walde</td><td class="right"><a href="#chapter-1-5">11</a></td></tr>
<tr><td class="left">Das Malheur</td><td class="right"><a href="#chapter-1-6">12</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Erzherzogin und Bürgermeister</td><td class="right"><a href="#chapter-1-7">14</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Erzherzogin und Bürgermeister</td><td class="right"><a href="#chapter-1-7">14</a></td></tr>
<tr><td class="left">Der Patriarch</td><td class="right"><a href="#chapter-1-8">15</a></td></tr>
<tr><td class="left">Solo des zarten Lumpen</td><td class="right"><a href="#chapter-1-9">17</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Der schöne strahlende Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-1-10">18</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Der schöne strahlende Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-1-10">18</a></td></tr>
<tr><td class="left">Wanderlied</td><td class="right"><a href="#chapter-1-11">19</a></td></tr>
<tr><td class="left">Der kriegerische Weltfreund</td><td class="right"><a href="#chapter-1-12">20</a></td></tr>
<tr><td class="left">Ich habe eine gute Tat getan</td><td class="right"><a href="#chapter-1-13">21</a></td></tr>
@@ -3416,7 +3382,7 @@ Der Dichter
<tr><td class="header" colspan="2">Aus: &bdquo;<span class="em">Wir sind</span>&ldquo;</td></tr>
<tr><td class="left">Die Unverlassene</td><td class="right"><a href="#chapter-2-1">26</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">27</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">27</a></td></tr>
<tr><td class="left">Vater und Sohn</td><td class="right"><a href="#chapter-2-3">28</a></td></tr>
<tr><td class="left">Die Witwe am Bette ihres Sohnes</td><td class="right"><a href="#chapter-2-4">29</a></td></tr>
<tr><td class="left">Balance der Welt</td><td class="right"><a href="#chapter-2-5">31</a></td></tr>
@@ -3424,7 +3390,7 @@ Der Dichter
<tr><td class="left">Eine alte Frau geht</td><td class="right"><a href="#chapter-2-7">33</a></td></tr>
<tr><td class="left">Nacht-Fragment</td><td class="right"><a href="#chapter-2-8">35</a></td></tr>
<tr><td class="left">Das erkaltende Herz</td><td class="right"><a href="#chapter-2-9">36</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Der göttliche Portier</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">37</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Der göttliche Portier</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">37</a></td></tr>
<tr><td class="left">Ein Lebens-Lied</td><td class="right"><a href="#chapter-2-11">38</a></td></tr>
<tr><td class="left">Ein Anderes</td><td class="right"><a href="#chapter-2-12">40</a></td></tr>
<tr><td class="left">Amore</td><td class="right"><a href="#chapter-2-13">41</a></td></tr>
@@ -3433,7 +3399,7 @@ Der Dichter
<tr><td class="header" colspan="2">Aus: &bdquo;<span class="em">Einander</span>&ldquo;</td></tr>
- <tr><td class="left">Lächeln Atmen Schreiten</td><td class="right"><a href="#chapter-3-1">48</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Lächeln Atmen Schreiten</td><td class="right"><a href="#chapter-3-1">48</a></td></tr>
<tr><td class="left">Das Jenseits</td><td class="right"><a href="#chapter-3-2">50</a></td></tr>
<tr><td class="left">Warum mein Gott</td><td class="right"><a href="#chapter-3-3">51</a></td></tr>
<tr><td class="left">Die Tugend</td><td class="right"><a href="#chapter-3-4">53</a></td></tr>
@@ -3443,13 +3409,13 @@ Der Dichter
<tr><td class="left">Romanze einer Schlange</td><td class="right"><a href="#chapter-3-8">58</a></td></tr>
<tr><td class="left">Tempel-Traum</td><td class="right"><a href="#chapter-3-9">60</a></td></tr>
<tr><td class="left">Ein Abendgesang</td><td class="right"><a href="#chapter-3-10">62</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Mondlied eines Mädchens</td><td class="right"><a href="#chapter-3-11">63</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Mondlied eines Mädchens</td><td class="right"><a href="#chapter-3-11">63</a></td></tr>
<tr><td class="left">Eines alten Lehrers Stimme im Traum</td><td class="right"><a href="#chapter-3-12">65</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses</td><td class="right"><a href="#chapter-3-13">67</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses</td><td class="right"><a href="#chapter-3-13">67</a></td></tr>
<tr><td class="left">Luzifers Abendlied</td><td class="right"><a href="#chapter-3-14">70</a></td></tr>
<tr><td class="left">Held und Heiliger</td><td class="right"><a href="#chapter-3-15">72</a></td></tr>
<tr><td class="left">Alte Dienstboten</td><td class="right"><a href="#chapter-3-16">75</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Jesus und der Äser-Weg</td><td class="right"><a href="#chapter-3-17">77</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Jesus und der Äser-Weg</td><td class="right"><a href="#chapter-3-17">77</a></td></tr>
<tr><td class="header" colspan="2"><span class="em">Neue Gedichte</span></td></tr>
@@ -3462,7 +3428,7 @@ Der Dichter
<tr><td class="left">Die heilige Elisabeth</td><td class="right"><a href="#chapter-4-6">100</a></td></tr>
<tr><td class="left">Der Ruf</td><td class="right"><a href="#chapter-4-7">102</a></td></tr>
<tr><td class="left">Vergessen</td><td class="right"><a href="#chapter-4-8">103</a></td></tr>
- <tr><td class="left">Müdigkeit</td><td class="right"><a href="#chapter-4-9">104</a></td></tr>
+ <tr><td class="left">Müdigkeit</td><td class="right"><a href="#chapter-4-9">104</a></td></tr>
<tr><td class="left">Schrei</td><td class="right"><a href="#chapter-4-10">105</a></td></tr>
<tr><td class="left">Der Dichter</td><td class="right"><a href="#chapter-4-11">106</a></td></tr>
@@ -3505,385 +3471,12 @@ M 4.50, in Pappband M 3.50.
</p>
<p>
-<span class="em">Die Versuchung.</span> Ein Gespräch.
+<span class="em">Die Versuchung.</span> Ein Gespräch.
Geheftet M -.80; gebunden M 1.50.
</p>
</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN ***
-
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