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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 09:31:45 -0800 |
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Band +Zweite Auflage + + +Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + + + +Aus +»Der Weltfreund« +Gedichte +1911 + + + + + +An den Leser + + + Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein! + Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut, + Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im + Abendschein, + Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut. + + Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge? + Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf. + Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe, + Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf! + + Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß + Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen, + Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis, + Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten + stellen. + + Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt, + Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste. + Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt, + Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste. + + So gehöre ich Dir und Allen! + Wolle mir, bitte, nicht widerstehn! + O, könnte es einmal geschehn, + Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen! + + + + +Kindersonntagsausflug + + + Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten. + Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor. + Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, + Gerüste und Piloten, + Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor! + + Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine + Seegeschichten. + Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein. + An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und + Ankerlichten, + An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und + Malayen schrein. + + Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien + eingefangen. + Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich. + Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen + sprangen, + Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die + Maschinen unter uns stampften und rührten sich. + + Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone, + Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem + Wahnsinn fort, + Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne + Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. -- + + Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte, + Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor. + Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte, + Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten + sie hervor. + + Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten, + Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick. + Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten, + Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde + Militärmusik. + + + + +Der dicke Mann im Spiegel + + + Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert, + Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert. + Tag war heut so blau, + Mit der Kinderfrau + Wurde ja im Stadtpark promeniert. + + Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort + Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort. + Eben abgelegt, + Hängt er unbewegt, + Klein und müde an der Türe dort. + + Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt, + Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt, + Lieblich stand verwundert, + Der vorher getschundert + Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt. + + Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht + Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht. + Oft zu schnöder Zeit, + Hör im Traum ich weit + Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht. + + Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht? + Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht. + Wenn sie doch schon käme + Und es mit sich nähme, + Das dort oben leise singt, das Licht! + + Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt, + Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit. + Nur der dicke Mann + Schaut mich hilflos an, + Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt. + + + + +Im winterlichen Hospital + + + Himmel wird sich bald entblättern, + Aber Licht ist noch genug. + Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern + Von Winterwind ein Flug. + Und dunkle Sonne im Wasserkrug. + + Draußen gibt es Blumen zu kaufen, + Da sind Kinder vorübergelaufen. + Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten. + Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . . + + O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren! + Doch kann ich noch spüren, + Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen + Vom Lande stößt. + + Vorbei -- vorbei + An Wildnis und Fläche! + Dort stürzen Bäche, + Schon atmet die Steppe, + Die ewige frei. . . + + Was tönt im Haus, + Gedämpft über die Treppe? + Ist die Besuchsstunde schon aus? + Jetzt liegen die kranken Brüder da, + Einen lieben Gegenstand in der Hand, + Von Eau de Cologne ein frischer Flacon, + Und, ach, ein neuer Engelhornband. + + Ich will nicht klagen, daß niemand + Im fremden Land + Meine Türe aufgetan + Freundlich mir zugewandt. + + Wer trat herein? + So leicht und unbefangen, + Mit einem lila Shawl + Und tanzerregten Wangen, + Wie bei der Damenwahl? + + Nun hat es sich doch erfüllt! + O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden! + O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden + Erschlagene Krieger zu sein! + + Da kamst Du immer dem treuen, + Dem Knaben Blumen zu streuen. + So ist es wieder geschehn? + Schon stürzten die Speere und Schilde, + Nun darf auch mein armes Gefilde + In Abend und Tränen stehn. + + »Schwester, so spät ist es schon?« + »Ja, ich bringe die Abendbouillon.« + + Treibe -- Treibe + Im Strome von dannen. + Rings breitet die Scheibe + Sich weiter Savannen. + An sandigen Stellen, + Im Dunkeln, im Hellen, + An niedrigen Feuern, + Nach Abenteuern + Gelagerte Männer + Bereiten ein Mahl. + + + + +Sterben im Walde + + + Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen, + Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen + Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen. + + Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren. + Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen. + Und kein Wimperzucken will ihnen wehren. + Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum. + Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen. + Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum. + + Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht, + Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine + Lippen nicht. + + Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt, + Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten. + + Und meine Seele fällt ein: + _Du bist auf der Welt!_ + Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten. + + + + +Das Malheur + + + Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs + stumm, + Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um. + Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt, + Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt. + + Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt. + Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt. + + Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und + Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus. + Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus. + + In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in + den Schoß + Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut + und grenzenlos. + + Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm, + War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam. + + + + +Erzherzogin und Bürgermeister + + + Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt, + Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt. + + Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing, + War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing. + + Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn. + Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn. + + Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise + und verzagt. + Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt. + + Und während sie manches sprach, was dachte sie? + Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie. + + Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen + vergaß, + Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß. + + Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses + Los, + Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß. + + Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank, + Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank, + + Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf, + Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf. + + + + +Der Patriarch + + + Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch. + O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren! + Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren + Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch. + + Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch + Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren. + Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren, + In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch. + + Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe, + Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde, + Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden! + + Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe, + Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde, + Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten + + + + +Solo des zarten Lumpen + + + Nun wieder eine Nacht durchjohlt + Ist rings der Stadtpark aufgewacht. + Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe. + In der durchsichtigen Frühe. + Nach falschbekränzter Nacht + Hast Du mich eingeholt. + + Wie ich Dich gestern sah. . . + Bewegte Straße glitt + Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen, + Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen, + Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt, + Du Schlanke fern und nah! + + Gefühl, geheimer Sinn + Und ein Gedanke kam. + Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten + Erden. + Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! -- + Warum zerschmilzt mich Scham? + Was reißt mich Wonne hin? + + Noch höher bist Du bald + Und weiter mir entrückt. + Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden + Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden, + Von Schmerz und Glück bedrückt, + Nun mildere Gestalt! + + In die Natur und Pflicht + Wächst lieblich Du hinein. + Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen, + In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen; + Du denkst an Dinge rein, + An Windeln, Kindgewicht. + + Drum soll es so geschehn! + Von Wolken lieb umdrängt, + Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben! + Ich will Dich bebend hochbeloben, + Und Blick und Bart gesenkt + Vor Dir in Andacht stehn. + + + + +Der schöne strahlende Mensch + + + Die Freunde, die mit mir sich unterhalten, + Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen, + Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen + Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten. + + Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten, + Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen, + Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen + Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten. + + Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen, + Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren, + Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein. + + Ich will mich auf den Rasen niedersetzen + Und mit der Erde in den Abend fahren. + Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!! + + + + +Wanderlied + + + Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen, + Die einst kies- und straßenüber klangen? + Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten, + Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten, + Deine Schritte laufen oder schleppen + Ewig weiter über Weg und Treppen. + + Glaubst Du, Deine Worte sind verloren, + Die Dein wallendes Gemüt geboren? + Hangend in den Häusern, unter Toren, + Sinken sie in vorbestimmte Ohren, + Bilden sich zu wunderlicher Stunde, + Und entflattern neu dem Enkelmunde. + + Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen, + Schritt und Worte, die ins Weite reisen? + Oder wähnst Du, daß der graue, alte + Ahnherr diese sprach und jene wallte? + Und ist gar aus diesem Lied zu lesen, + Daß Du selbst der Bärtige gewesen? + + + + +Der kriegerische Weltfreund + + + Schon bin ich voll und klar, + Dem noch so arg zu Mut. + Der bös und bitter war + Nun ist er gut. + + Bosheit, die mich zerwirrt, + Rache und falscher Stoß, + Ach, meine Güte wird + An ihnen groß! + + Schäumst Du noch, dunkles Blut, + Wenn Hohn sich feig vermummt, + Sternaufgebäumte Wut, + Bist Du verstummt? + Der sich zu Boden schmiß, + Keuchend und krankgehetzt, + Nachts in die Pölster biß + Wie tönt er jetzt? + + Bosheit und feigen Hohn, + Alles, was falsch mich haßt, + -- O wie stark bin ich schon -- + Lad ich zu Gast + + Dämonen in Erz und Stahl + Wandeln sich, werden rein, + Stürze mit einem Mal + In mich herein. + + + + +Ich habe eine gute Tat getan + + + Herz frohlocke! + Eine gute Tat habe ich getan. + Nun bin ich nicht mehr einsam. + Ein Mensch lebt, + Es lebt ein Mensch, + Dem die Augen sich feuchten, + Denkt er an mich. + Herz, frohlocke: + Es lebt ein Mensch! + + Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam, + Denn ich habe eine gute Tat getan, + Frohlocke, Herz! + Nun haben die seufzenden Tage ein Ende. + + Tausend gute Taten will ich tun! + Ich fühle schon, + Wie mich alles liebt, + Weil ich alles liebe! + Hinström ich voll Erkenntniswonne! + Du mein letztes, süßestes, + Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl! + _Wohlwollen!_ + Tausend gute Taten will ich tun. + + Schönste Befriedigung + Wird mir zu Teil: + Dankbarkeit! + Dankbarkeit der Welt. + Stille Gegenstände + Werfen sich mir in die Arme. + Stille Gegenstände, + Die ich in einer erfüllten Stunde + Wie brave Tiere streichelte. + + Mein Schreibtisch knarrt, + Ich weiß, er will mich umarmen. + Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen, + Geheimnisvoll und ungeschickt + Klingen alle Saiten zusammen. + Das Buch, das ich lese + Blättert selbst sich auf. + + . . . . . . . . . . . . . . + Ich habe eine gute Tat getan! + + Einst will ich durch die grüne Natur wandern, + Da werden mich die Bäume + Und Schlingpflanzen verfolgen, + Die Kräuter und Blumen + Holen mich ein, + Tastende Wurzeln umfassen mich schon, + Zärtliche Zweige + Binden mich fest, + Blätter überrieseln mich, + Sanft wie ein dünner, + Schütterer Wassersturz. + Viele Hände greifen nach mir, + Viele grüne Hände + Ganz umnistet + Von Liebe und Lieblichkeit + Steh ich gefangen. + + Ich habe eine gute Tat getan, + Voll Freude und Wohlwollens bin ich + Und nicht mehr einsam + Nein, nicht mehr einsam. + Frohlocke, mein Herz! + + + + +Aus +»Wir sind« +Neue Gedichte +1913 + + + + + +Die Unverlassene +(Der Besuch aus dem Elysium) + + + Es kommt die eine neue Nacht. + Du bist von Ferne aufgewacht, + Und neben Dir ist Schnarchen schwer. + Und ach vom Gitterbettchen her + Ein Weinen klein und unbewußt. + Da schlägst Du Deine Decke um, + Nimmst ohne Glück und stumm + Das Kind an Deine Brust. + + Wenn mühsam Tag sich näher drängt + Und Dich in Erdenlos verfängt, + Wird Schoß und Lippe wissensschwer, + Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr, + Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich, + Gedenke und erinnere Dich, + Daß jener Bot' aus besserer Welt + Dich seltsam in der Seele hält! + + Weißt Du, weißt Du den Abendgang, + Wo noch Dein Wesen glitt und sprang? + Wer fühlte einst im Elternhaus, + Wer Dich in Ewigkeit voraus? + Wenn Du Dich einsam meinst, + Wer kannte schon den Schmerzenston, + In wessen Kehle brannte schon + Das Weinen, das Du jetzt weinst?! + + + + +Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte + + + Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte + Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte, + Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte, + Mühselig Millionen Unterdrückte? + + Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte, + War Arbeit um uns und die Erde wärmte. + Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte, + Es lebten und es starben Niebeglückte! + + Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben, + So viele waren, die im Dumpfen stampften. + An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften. + + Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!! + Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben, + Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!? + + + + +Vater und Sohn + + + Wie wir einst im grenzenlosen Lieben + Späße der Unendlichkeit getrieben + Zu der Seligen Lust -- + Uranos erschloß des Busens Bläue, + Und vereint in lustiger Kindertreue + Schaukelten wir da durch seine Brust. + + Aber weh! der Äther ging verloren, + Welt erbraust und Körper ward geboren, + Nun sind wir entzweit. + Düster von erbosten Mittagsmählern + Treffen sich die Blicke stählern, + Feindlich und bereit. + + Und in seinem schwarzen Mantelschwunge + Trägt der Alte wie der Junge + Eisen hassenswert. + Die sie reden, Worte, sind von kalter + Feindschaft der geschiedenen Lebensalter, + Fahl und aufgezehrt. + + Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe + Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe! + Daß der Orkus widerhallt. + Und schon klirrt in unseren wilden Händen + Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden -- + Höllische Gewalt. + + Doch auch uns sind Abende beschieden + An des Tisches hauserhabenem Frieden, + Wo das Wirre schweigt, + Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes, + Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes, + Träne auf- und niedersteigt. + + Wie wir einst in grenzenlosem Lieben. + Späße der Unendlichkeit getrieben, + Ahnen wir im Traum. + Und die leichte Hand zuckt nach der greisen + Und in einer wunderbaren, leisen + Rührung stürzt der Raum. + + + + +Die Witwe am Bette ihres Sohnes + + + Mit meinem verflackernden Lichte + Besuche ich, Kind, Deinen Traum. + Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte, + Doch faltet Dein Atem sich kaum. + + Daß Du mich gestern verstießest, + Hat nimmer Dich bitter gemacht. + Daß Du mich alleine ließest + Die ängstliche Mitternacht. + + Und doch. Ich will Dich bewegen + Zu Leben und nächtlichem Mut. + Dein mächtiges Treiben und Regen + Durchläuft meinen Schatten mit Blut. + + O Sohn! Dein Zechen und Speisen + Nährt Deine Mutter, ich weiß. + Dein Lärmen und Becherkreisen + Bewegt meinen Lebenskreis. + + Und wenn ich sitze und sticke, + Dies Leben ist in Dich entrückt, + Aus meinem vergehenden Blicke + In Deine Augen gezückt. + + Wie ich Dich bebend getragen + Im heilig erkannten Schoß, + Du wuchsest an bildenden Tagen + Und schmerztest und wurdest groß. + + Und wie Du aus mir gemündet, + In Himmel und Welt und Haus, + Und wie Du in mir Dich entzündet, + So lösche ich in Dir aus. + + Mein Leben ist ein Sichergießen + In Dein gerundetes Licht, + Im leidenden Überfließen + Erfüll ich die weltliche Pflicht. + + Bald bin ich nichts als Dein Lachen + Nichts als Deines Mundes Gebot. + Laß mich Deinen Schlaf bewachen, + Mein Kind, mein Dasein, mein Tod. + + + + +Balance der Welt + + + Ich klag' und klage: Harte Welt! + Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt, + Wie mir hier alles harte Welt, + So bin ich allem harte Welt! + + Ja, Schuld ist das gewaltige Wort. + Es dreht die alten Globen fort. + Und eh' noch unsre Zeit beginnt, + Werden wir schuldig, daß wir sind! + + Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf, + Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf, + Fluchte der Vater seinem Sohn. + Du Weltgesandter bringst den Lohn. + + Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug! + Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf! + Es bricht hier keine Wunde auf, + Die ich mir nicht in andern schlug. + + + + +Der Feind + + + Mein Feind, dem ich entgegenspeie, + In meiner Brust versammelnd kleine Schreie + Und in den Händen ohne Mut + Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut, + Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein! + Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein, + Der niedertropft in bläulich süßen Flammen. + Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen. + + In mir steht der Erzengel groß, + Versöhnung bricht unendlich los. + Daß wir uns schlugen und zerrissen, + Mit dumpfem Witz und List beschmissen, + + Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen, + Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen. + Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick, + Die Passion zu _diesem_ Augenblick! + + Nun braust der Himmel als Posaunenmeer, + Triumphtrompeten schnellen drunterher. + Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag. + Und golden durch mich donnert jüngster Tag! + + + + +Eine alte Frau geht + + + Eine alte Frau geht wie ein runder Turm + Durch die alte Hauptallee im Blättersturm. + Schwindet schon, indem sie keucht, + Wo um Ecken schwarze Nebel wehen. + Wird nun bald in einem Torgang stehen. + Laute Stufen langsam aufwärts gehen, + Die vom trägen Treppenlichte feucht. + + Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt, + Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit. + Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'. + Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen + Aufgehobene Kost von alten Tagen + Auf des Kochherds armes Rot zu tragen. + Bleibt mit ihrem Leib und sich allein. + + Und sie weiß nicht, wie sie kaut, + Daß in ihr sich Söhne aufgebaut. + (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh') + Was aus ihr kam, steht in andern Toren, + Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren, + Manchmal nur im Straßendrang verloren, + Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu. + + Aber Mensch, gedenke Du in ihr, + Ungeheuer auf der Welt sind wir, + Da wir brachen in die Zeiten ein. + Wie wir in dem Unbekannten hängen, + Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen + Die ins letzte uns zusammendrängen. + Diese Welt ist nicht die Welt allein. + + Wenn die Greisin durch die Stube schleift, + Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift. + Es vergeht ihr brüchiges Gesicht. + Ja, sie fühlt sich wachsender in allem + Und beginnt auf ihre Knie zu fallen, + Wenn aus einem kleinen Lampenwallen + Ungeheuer Gottes Antlitz bricht. + + + + +Nacht-Fragment. + + + Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen. + Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn + Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn, + die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen? + + So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten. + -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. -- + Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind. + Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten. + + Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht! + Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien. + Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien, + Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht! + + Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum, + Suche den klaren Jungen im Waldpensionat! + Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad? + Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum. + Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen! + Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!! + + + + +Das erkaltende Herz + + + Geschwisterliebe war einst. + Ich lief mit dem Mädi über die Wege + Und die Himmel, die vielen waren rege, + Die unergründlichen Berge standen weit -- + Und im Zimmer die stündliche Zeit. + + Die Wagen und Reisen, + Vergangene Speisen, + Die Schmerzen und Strafen, + Am Abend das Licht, + Und unser Gesicht + War ganz von Seele verschlafen. + + Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe, + Und manchmal weinte man wild in die Finsternis, + Bis treu der andre Atem kam. + Da war man so gewiß, + Daß Gott sei und man niemals lahm + Und niemals anders würde. + das waren Tränen und Brisen der Treue . . . . + Geschwisterliebe war einst. + Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee. + Am Abend werden die Fenster groß. + Da läßt mich mein Atem los, + Und der Tod ist ganz in der Näh'. + + Und muß ich vor meinem Spiegel stehn, + Da hat sich etwas gerächt. + Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn -- + Und die Zähne sind worden schlecht. + + Und der Mund, der nichts ließ, + Jetzt kann er euch alle lassen + Und das Herz kann nicht fassen, + Wie es einst hieß! + Und wo hängen in den erstarrten Zimmern, + Hinter welkendem Glas, + Die ewigen Photographien? + + + + +Der göttliche Portier + + + Da ich an Dir vorüberlief als Knabe, + Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben. + Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben. + Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe! + Wie ich mich kindlich auch vergangen habe, + Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben, + Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben, + Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe. + + Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild! + Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter + Erzväterbart, der goldne Brust umquillt. + + Die winterlichen Tressen klingeln mild, + Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter + Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt. + + + + +Ein Lebens-Lied + + + Feindschaft ist unzulänglich. + Der Wille und die Taten, + Ein erdbewußtes Leben + In sich, was sind sie, Welt? + Es schwebt in jedem Schicksal, + Im Schritt der Lust und Schmerzen, + Im Morden und Umarmen, + _Anmut des Menschlichen!_ + + Nur das ist unvergänglich! + Sahst Du die wilden Augen + Buckliger Bauernmädchen? + Sahst Du, wie sie sich langsam + Weltdamenhaft verschleiern, + Sahst Du in ihnen blinken, + Das Grün von Festestraden, + Musik und Lampennacht? + + Sahst Du den Bart von Kranken, + Ihr Wolken über Pappeln, + Wie er an Gott erinnert, + Getaucht in einen Sturm? + Sahst Du die große Güte + Im Sterben eines Kindes? + Wie uns der holde Körper + Mit Zärtlichkeit entglitt? + + Sahst Du das Traurigwerden + Von Mädchen an, am Abend? + Wie sie die Küchen ordnen + Und fern, wie Heilige sind. + Sahst Du die schönen Hände + Durchfurchter Nachtgendarme, + Wenn sie den Hund liebkosen + Mit grobem Liebeswort? + + Wer handelnd sich empörte, + Bedenke doch!! Unsagbar + Mit Reden und Gestalten + Sind wir uns fern und nah! + Daß wir hier stehn und sitzen, + Wer kann's beklommen fassen?! + Doch über allen Worten + Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!! + + + + +Ein Anderes + + + Daß einmal mein dies Leben war, + Daß in ihm jene Kiefern standen + Und Ufer schlafend sich vorüberwanden, + Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar. + Daß einmal mein dies Leben war! + + Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden, + Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon? + Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton + Von Ruderbooten, wie sie lachend landen, + Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden. + + Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton + Von Equipagen, dicht im Kies verfahren, + Kastanien- und Laternensprache waren + Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon? + Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton? + Kastanien- und Laternensprache waren + Noch da und? Atem einer breiten Schar. + Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren. + O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren, + Daß einmal mein dies Leben war! + + + + +Amore + + + Wenn noch die Eitelkeit + Das Auge Dir entweiht, + Ist kommen nicht die Zeit. + + Solang Du noch willst stehn + Auf Podien, gesehn, + Kann Glück's Dir nicht geschehn. + + Wer sich noch nicht zerbrach, + Sich öffnend jeder Schmach, + Ist Gottes noch nicht wach. + + Wer noch mit Eifer spitzt, + Daß er ein Weib besitzt, + Ist noch nicht ausgewitzt. + + Erst wenn ein Mensch zerging + In jedem Tier und Ding, + Zu lieben er anfing. + + Erst wer Erfüllung floh, + Wächst an zum Höchsten so, + Wird letzter Sehnsucht froh. + + Erst wer sich jauchzend bot + Der Schande und der Not + Und zehnfach jedem Tod, + + Im heiligen Verzicht, + Vor Liebe ihm zerbricht + Sein irdisch Angesicht! + + Wohin schwillt er empor! + Was schwingt er überm Chor + Unendlich sein amor'!! + + + + +Ich bin ja noch ein Kind + + + O Herr, zerreiße mich! + Ich bin ja noch ein Kind. + Und wage doch zu singen. + Und nenne Dich. + Und sage von den Dingen: + Wir sind! + + Ich öffne meinen Mund, + Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten. + Ich bin gesund, + Und weiß noch nicht, wie Greise rosten. + Ich hielt mich nie an groben Pfosten, + Wie Frauen in der schweren Stund'. + + Nie müht' ich mich durch müde Nacht + Wie Droschkengäule, treu erhaben, + Die ihrer Umwelt längst entflohn! + (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton + Der Frauenschritte und allem, was lacht.) + Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben. + + Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht, + Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen, + Wenn die Notschüsse dröhnen, + Wenn die Rakete zitternd aufsteht. + Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen, + O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet. + + Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken + Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt! + Nie hab ich im Asyl gedarbt, + Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken, + Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken, + Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt! + + Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut, + Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen + Der Winde, die sich überbauschen, + Ein Antlitz böse oder gut? + Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen? + Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut? + + Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir. + Und hast die tausendfache Qual gefunden, + Du hast in jedem Weib entbunden, + Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier, + In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden, + Und Hure warst Du, manchem Kavalier! + + O Herr, zerreiße mich! + Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen? + Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen. + Begnade mich mit Martern, Stich um Stich! + Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen. + O Herr, zerreiße mich! + + Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb, + In jeder Katz und jedem Gaul verreckte, + Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb. + Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte, + Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte, + Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb! + + Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind, + In jedem Ding bestehend, ja im Rauche, + Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche. + (Ich bin Dein Kind.) + Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche! + Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!! + + + + +Aus +»Einander« +Oden Lieder Gestalten +1915 + + + + + +Lächeln Atmen Schreiten + + + Schöpfe Du, trage Du, halte + Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand! + Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt + All übers Antlitz. + Lächeln ist keine Falte, + Lächeln ist Wesen vom Licht. + Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht. + Nicht die Sonne ist Licht, + Erst im Menschengesicht + Wird das Licht als Lächeln geboren. + Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren, + Aus den Toren der Augen wallte + Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt, + Lächelns nieglühender Brand. + Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand, + Schöpfe Du, trage Du, halte! + + Lausche Du, horche Du, höre! + In der Nacht ist der Einklang des Atems los, + Der Atem, die Eintracht des Busens groß. + Atem schwebt + Über Feindschaft finsterer Chöre. + Atem ist Wesen vom höchsten Hauch. + Nicht der Wind, der sich taucht + In Weid, Wald und Strauch, + Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . . + Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren. + Aus den Lippen, den schweren, + Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren, + Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren. + Auf dem Windmeer des Atems hebt an + Die Segel zu brüsten im Rausche, + Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn. + Horche Du, höre Du, lausche! + + Sinke hin, kniee hin, weine! + Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt! + Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit! + Schreiten entführt + Alles ins Reine, alles ins Allgemeine. + Schreiten ist mehr als Lauf und Gang, + Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang, + Mehr als des Raumes tanzender Überschwang. + Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren. + Mit dem Schreiten der Menschen tritt + Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren. + Lächeln, Atem und Schritt + Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn, + Die Welt fängt im Menschen an. + Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke! + Weine hin, kniee hin, sinke! + + + + +Das Jenseits + + + Wir kommen wieder, wir kehren heim + In Dich, Du gute Mutter unser. + Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn, + Mild über die Stirne des Todes Flieder. + + Wo fahren die feurigen Wolken hin, + Wo tanzen die mutigen Flüsse her, + Was will der Meere Spiel, + Das Laub an der Wand des Himmels gerankt? + + Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein, + Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein, + Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste, + Stärker als Tod ist Musik. + + In unsere Mutter kehren wir ein . . . + Gott fährt über uns, der gute Mann, + Da heben wir an, und heben uns auf, + Arien selige schweben wir hin, + + Und hängen im Herzen der Sterblichen, + Und locken die ewigen Tränen. + Träne, klarer Planet! Hier leben wir, + Leben in Gnade, sind nichts als Lied. + + + + +Warum mein Gott + + + Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, + Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht, + Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld, + Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, + Zur Eitelkeit des Worts, + Und daß ich dies füge, + Und trage vermessenen Stolz, + Und in der Ferne meiner selbst + Die Einsamkeit?! + Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott? + + Warum, warum nicht gabst Du mir + Zwei Hände voll Hilfe, + Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes? + Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte, + Und Stirne überhangen + Von süßer Lampe der Demut? + Und einen Schritt durch tausend Straßen, + Am Abend zu tragen alle + Glocken der Erde + Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?! + + Siehe es fiebern + So viele Kindlein jetzt im Abendbett, + Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen. + Und dunkler Sünder starrt + In seines Himmels Ausgemessenheit. + Und jede Seele, fällt zur Nacht + Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes. + Und alle drängen sich um eine Wärme, + Weil Winter ist + Und warme Schmerzenszeit. + + Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht, + Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen, + Der Hände Kristall auf Fieber zu legen, + Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?! + Gegrüßet und geheißen: + Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?! + Und daß ich raste auf den Ofenbänken, + Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses, + Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß, + Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts! + + + + +Die Tugend + + + Die Lüge ist das Weib des Potiphar, + Mit schleppenträgem Kleide angetan. + Das ist bemalt mit allem, was da war, + Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn, + Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn, + Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar. + Und alles das, auf dem Gewande kreisend, + Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend! + + Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt + Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit. + Was durcheinander Ding an Ding bewegt + Ist Todesangst und letzte Eitelkeit. + Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit, + Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt. + Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde, + Und in die Knie bricht im geringsten Winde. + + Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht! + Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar. + Allein darin verbürgt sie uns das Licht, + Und in der Sünde wird es offenbar. + Durch unser Leiden werden wir gewahr, + Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht. + Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen, + Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen. + + So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt, + Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr! + Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt, + Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur. + O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt, + Sind wir erst, sind wir gegen die Natur. + Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben, + Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben. + + + + +Veni creator spiritus + + + Komm heiliger Geist, Du schöpferisch! + Den Marmor unsrer Form zerbrich! + Daß nicht mehr Mauer krank und hart + Den Brunnen dieser Welt umstarrt, + Daß wir gemeinsam und nach oben + Wie Flammen ineinander toben! + + Tauch auf aus unsern Flächen wund, + Delphin von aller Wesen Grund, + Alt allgemein und heiliger Fisch! + Komm reiner Geist, Du schöpferisch, + Nach dem wir ewig uns entfalten, + Kristallgesetz der Weltgestalten! + + Wie sind wir alle Fremde doch! + Wie unterm letzten Hemde noch + Die Schattengreise im Spital + Sich hassen bis zum letzten Mal, + Und jeder, eh' er ostwärts mündet, + Allein sein Abendlicht entzündet, + + So sind wir eitel eingespannt, + Und hocken bös an unserm Rand, + Und morden uns an jedem Tisch. + Komm heiliger Geist, Du schöpferisch, + Aus uns empor mit tausend Flügen! + Zerbrich das Eis in unsern Zügen! + + Daß tränenhaft und gut und gut + Aufsiede die entzückte Flut, + Daß nicht mehr fern und unerreicht + Ein Wesen um das andre schleicht, + Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren, + Und in uns selbst Dein Attribut erfahren! + + Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt, + Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält, + Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt, + Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt, + Daß alle wir in Küssens Überflüssen + Nur Deine reine heilige Lippe küssen! + + + + +Abschied +Ein Fragment + + +Stimme + + War Dein Gang in großer Sonne verschwebend, + War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend, + War der tiefe Atemzug Dein Gesicht, + War das alles ein Letztesmal, + Und ich ahnte den Abschied nicht? + Die Straße hat Deinen Fuß vergessen, + Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus. + Die boshafte Treppe im Haus, + Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach, + Wie das dunkelselige Licht + Durch erhabene Fenster der Tempel bricht, + Wissend höhnt mir die Treppe, nach. + Denn ich atmete nicht, + Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht. + +Antwort + + Es gibt nicht eine Stelle, + Die Du durch Dich nicht abgestellt. + Es gibt nicht eine Helle, + Die von Dir nicht ins Finster fällt. + Alle Welt ist Letztesmal + Abschied heißt jedes Tal. + + Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten, + Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten. + Und doch, es eint, + Daß wir uns vorbeigeweint, + Und daß wir arm sind, ohne Gleichen, + Niemals zu uns hinüberreichen! + _O Abschied, Brunnen aller Worte!_ + + + + +Der Erkennende + + + Menschen lieben uns, und unbeglückt + Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen. + Doch wir sitzen übers Tuch gebückt, + Und sind kalt und können sie verneinen. + + Was uns liebt, wie stoßen wir es fort? + Und uns Harte kann kein Gram erweichen. + Was wir lieben, das entrafft ein Ort, + Es wird hart und nicht mehr zu erreichen. + + Und das Wort, das waltet, heißt: Allein! + Wenn wir machtlos zueinanderbrennen. + Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein. + Mein Besitz allein: Das zu erkennen. + + Sieh den Freund, der Deine Speise teilt, + Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln. + Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt, + Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln. + + Wenn ich walle durch den Lampenbann, + Meine Schritte höre, böse Wandrer, + Dann erwach ich, und bin nebenan, + Und mir selbst ein Grinsender und Andrer! + + Ja, wer niederfährt zu diesem Stand, + Wo das Einsame sich teilt und spaltet + Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand, + Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet. + + Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt, + Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen. + Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt, + Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen. + + + + +Romanze einer Schlange + + + Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen + Erhaben stürzet Gold um Gold, + Unter dem Blau, das in Orkanen + Tiefdröhnend durcheinander rollt, + Roll ich mich im Gerölle, + In meiner Quader Hölle, + Und starre stolz nach den Alleen, + Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn, + Und Sonne, Strom und Sommer toben hold. + + Weh euch! Ich wurde wach als Schlange, + Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot. + Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange, + Und stürzet ab in ihren Tod, + Wenn ich mit meinem Blicke + Sie banne und bestricke. + Das Liebliche entgeht mir nicht! + Ich bin im Licht der Bösewicht, + Vernichtung und Gericht, das euch bedroht. + + Unendlich singen Amseln in den Kronen, + Und an den Quellen tönt die Kreatur. + Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen, + Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr. + Sind alle guten Wesen + Zu Müttern auserlesen, + So haßt mit Wut mich meine Brut, + Und krümmt sich fort in dumpfem Mut, + Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur. + Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen + Zum Wurm in dem umblauten Reich?! + Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen, + Und ich allein will sein mir selber gleich. + Der Hölle siebentiefste Flammen, + Sie quälen nicht, den sie verdammen! + Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen + Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn, + Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch! + + + + +Tempel-Traum + + + Wenn die Stunde saust, + Und die Frühe säumt, + Wacht der Schläfer schwer + Wie Ertrunkner auf. + + Schlamm weilt auf der Stirn, + Und ins Haargewirr + Flechten Tang und Gras + Braunen Bettelkranz. + + Und es ist ein Haus + Voll von Sang und Hall. + Lampe lebt in Rauch + Über Treppen hin. + + Eine Mutter geht. . . + Und er weiß nicht wo, + Duft und Stimme wird + In der Höhe süß. + + Doch ein Priester ernst + Schreitet in die Fern' + Seinem Stabe nach, + Goldnem Vogelknauf. + + Und Vestalin sitzt + Bei dem Flammentier, + Springt ein Wind herein, + Hütet sie den Schoß. + + Wo der Tempelbau + Oben offen ist, + Schwebt ein Adler groß + Unterm Morgenmeer. + + Und die Schläferstirn + Löset ein Gesang, + Und das Herze wächst + Mit der Flut des Nils. + + + + +Ein Abendgesang + + + Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen, + Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn, + Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen, + Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn. + + Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen + In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt, + Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen + Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt! + + Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze, + Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt, + Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze, + Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd? + + Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen, + Wir trüben uns alle und werden leichter und klein. + Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen + Ferne Gefühle unseren Odem ein. + + Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder, + Eh unser Auge ins Leere hinüberreift. + Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider + Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift. + + + + +Mondlied eines Mädchens + + +Für meine Schwester Hanna + + Ich liege in gläsernem Wachen, + Gelöst mein Haar und Gesicht. + Am Boden in langsamen Lachen + Schwebt Mond, das unselige Licht. + + Und wie mir die tödliche Helle + Die Stirn und das Auge befühlt, + Zerrinn ich und bin eine Welle, + Gekräuselt, entführt und gespült. + + Die Mutter atmet daneben, + Der Vater schläft auf und ab. + Ich habe Attest um das Leben + Von allen, die ich lieb hab. + + Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer + Erzengel mit schrecklichem Schwert. + Ins Ohr weint mir immer, mir immer + Ein Kind, das mir nicht gehört. + + Nachtlampe von tausend Betten + Des Leidens, der Mond mir scheint. + Ich möchte viel Schluchzendes retten, + Und bin es doch selbst, die weint. + + All Ding im Zimmer verlassen, + Der Schuh, und der Tisch, und die Wand. + Ich möchte das Ferne anfassen, + Nur sein eine streichelnde Hand! + + Ich möchte mit Fröstelnden spielen, + Und halten die Kalten im Arm! + Ich fühle, die Reichen und Vielen + Sind Kinder vor mir und so arm! + + Für alle muß ich mich sorgen, + Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . . + Ich horche, wie in den Morgen + Der Atem von allen sich hebt. + + Im Fenster wehn Bäume zerrissen, + Viel Himmel sind windig in Ruh. + Ich decke mit meinen Kissen + Die frierenden Welten zu. + + + + +Eines alten Lehrers Stimme im Traum + + + Durch einen Traum der Straße oder gar + Durch eine Straße im Traum . . . . . . . . + Von fern kam Deine Stimme wunderbar. + Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum + Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum + Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum + Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein. + In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein, + Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr, + Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war. + + Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt, + Und dachte an des Vaters Gestalt, + Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist. + Die unter Sternen reisen, mild und kalt, + Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt, + Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt, + Im Straßentraum dacht ich an einen Bart, + An eine Hand, vereist und brauner Art. + An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_. + + Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr, + Und liebend ein Sonntagswind, + Von fern erfuhr ich Deine Spur, + Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind. + Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind. + Und ob Du bist, oder im Traume nur. + Doch von den Kerzen lind, die in mir sind, + Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt, + Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt, + Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur. + + + + +Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses + + +Adam + + Müde in den schmerzensreichen Schuhn, + Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . . + Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn, + Süßer Ort, aus dem ich angefangen! + Meinen Pack von alten Schultern nun + Werf ich ab mit einem langen, langen + Atem, um mich ganz in Dich zu tun. + + Ja ich tauche auf aus allem Staub, + Süße Mauer, traumwärts hergebaute, + Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute, + Als der Engel loderte im Laub! + Ja ich komme mit den schweren Rinnen, + Scharfen Tränenschluchten im Gesicht. + Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht, + Höre auf, mich zu beginnen! + Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer. + Schlage eine kleine Bresche ein, + Daß ich sanft in einem Weidenfeuer, + Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer + Windgefährte hebe an zu sein. + +Stimme aus dem Garten + + Ich darf Dich nicht lassen ein, + Und darf mich nicht lassen aus, + Ich muß mich fassen ein, + Und gieße Dich in Gassen aus. + Mein Haus ist wüst, + Meinen Garten hast Du versandet, + Ich bins, der für Dich büßt. + Kein Schwan mehr landet + In meinem See, der hohlgeht und brandet. + Die alten Bäume sind verbrannt, + Die schönen Tiere starben in Gesträuchen, + Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen, + Aus meinem Beet und Rebenstand. + Im Herbst, wie eine alte Frau + Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen, + So bettelhaft. + Dein ist die Kraft. + Mach, daß ich möge neu erstrahlen, + Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen, + Den guten Garten wieder auferbau! + +Adam + + Durch tausend abgespannte Stunden + Hab ich zu Dir mich hergefunden, + Du wirfst mich fort. + +Stimme auf dem Garten + + Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden, + Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort. + +Adam + + Erbarm Dich mein! + +Stimme aus dem Garten + + Erbarm Dich mein! + +Adam + + Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen, + Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen? + Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht? + +Stimme aus dem Garten + + Ich habe meine Gnade ausgegeben, + Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben, + Für Dich hab ich sie ganz, + Du nie für mich gebraucht. + +Adam + + So wird dies Altern nimmer enden, + Und keine Heimat macht mich wieder klein? + +Stimme aus dem Garten + + Bestelle mich mit Deinen Händen, + Und Heimat werden wir uns beide sein, + Und kehren ein! + +Adam + + Weh, daß kein andres Wort mich tröste, + Und dies zurücke mich in Städte stößt! + +Stimme aus dem Garten + + Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste, + So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst. + + + + +Luzifers Abendlied + + + Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre, + Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . . + Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre, + Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt. + + Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen. + Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt. + Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen + Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt. + Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer + Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt. + Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer + Heilig ertragend im Hause die Hände rührt. + + Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen + Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt. + Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen + Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert. + + Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube! + Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch. + Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube, + Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch. + + Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren. + Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil. + Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren. + Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil. + + Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare, + Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt! + Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre, + Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt. + + Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten, + Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt + Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten + Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt. + + + + +Held und Heiliger +Prophezeiung an Alexander + + +Held + + Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen, + Dem die Feuer um die Stirne laufen, + Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen + An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen? + +Heiliger + + Reiter Du auf dem bebuschten Pferde, + Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde! + Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken, + Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken. + +Held + + Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher, + Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher. + Dieses Da ist da, daß ich es saufe, + Und wer mich säuft, meiner überlaufe! + +Heiliger + + Eitelster, der auf dem Rosse reitet, + Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet! + Ohne Opfer soll Dir Gott gehören? + Wen Gott will, den muß er sich zerstören! + +Held + + Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten? + Gibt es Leben außer meinen Taten? + Du und Er und alle sieben Reiche + Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche. + +Heiliger + + Nennst Du Leben die verruchten Stunden? + Erst die Stunde, die Dich überwunden, + Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren + Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . . + +Held + + Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen. + Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen. + Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen. + Sterben alle, bleib ich doch bestehen. + +Heiliger +(schon als Asche zusammensinkend) + + Alexander über tausend Meeren, + Hör die Flammen an, die sich verzehren! + Hör den Staub, zu dem ich mich vermische! + Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische, + Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen. + Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen. + Schwer in Händen bleibt, was Du errungen, + Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen! + Daß er furchtbar seine Gnade wähle, + Rüste die noch nicht verdammte Seele! + + + + +Alte Dienstboten + + + In dem sanften Wallen der alten Frühlinge + Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus. + Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen, + Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus. + Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen, + Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her. + Die alten Mägde haben gütige Hüte auf, + Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr. + Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf. + Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken, + Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken. + + Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen + Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag. + Wohin sie auch ihr Gehen wenden, + Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag. + Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle. + Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle, + Sie haben keinen Sohn und kein Geschick, + Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur. + Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . . + Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken + Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken. + + Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit, + Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben + Sich ohne Ende über meins erheben, + Das voll von Hoffart Worte machen mag. + Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag, + Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit. + O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt, + O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt, + O Licht am Abend überm Tisch gebückt! + Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen, + Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden! + + + + +Jesus und der Äser-Weg + + + Und als wir gingen von dem toten Hund, + Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen, + Entführte, er uns diesem Meeres-Sund + Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen. + + Und als der Herr zuerst den Gipfel trat, + Und wir schon standen auf den letzten Sprossen, + Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad, + Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen. + + Doch einer war, den jeder sanft erfand, + Und leiser jeder sah zu Tale fließen. + Und wie der Heiland süß sich umgewandt, + Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen! + + Er neigte nur das Haupt und ging voran, + Indes wir uns verzückten, daß wir lebten, + Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann, + Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten. + + Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf + Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten. + Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf, + Und wartete bis wir hindurchgeschritten. + + Und da geschah, was uns die Augen schloß, + Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte, + Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß + Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte. + + Verbissene Ratten schwammen im Gezücht + Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen, + Verweste Reh' und Esel und ein Licht + Von Pest und Fliegen drüber unermessen. + + Ein schweflig Stinken und so ohne Maß + Aufbrodelte aus den verruchten Lachen, + Daß wir uns beugten übers gelbe Gras + Und uns vor uferloser Angst erbrachen. + + Der Heiland aber hob sich auf und schrie + Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende: + »Mein Gott und Vater, höre mich und wende + Dies Grauen von mir und begnade die! + + Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch + Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze. + Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze + Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch! + + Mein Vater Du, so Du mein Vater bist, + Laß mich doch lieben dies verweste Wesen, + Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen! + Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!« + + Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht + Von jenen Jagden, die wir alle kannten, + Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten, + Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht! + + Er neigte wild sich nieder und vergrub + Die Hände ins verderbliche Geziefer, + Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer, + Von seiner Weiße sich erhub. + + Er aber füllte seine Haare auf + Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen, + Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen, + Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus. + + Und wie er so im dunklen Tage stand, + Brachen die Berge auf, und Löwen weinten + An seinem Knie, und die zum Flug vereinten + Wildgänse brausten nieder unverwandt. + + Vier dunkle Sonnen tanzten lind, + Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte. + Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte + Begeistert sich im blauen Riesen-Wind. + + + + +Neue Gedichte +1916 +(In Buchform noch nicht veröffentlicht) + + + + + +An den Richter + + + Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein + fremdes Bette. + Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der + aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte. + Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen + Dorfes und ich + Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an. + + Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf + meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet. + Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, + betet heiser. + Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um + Fieber zu messen; + Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte + des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!! + + O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und + geschlagen. + Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden. + Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, + gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im + Frevel und wertlos in der Reue, + Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein + Richter -- und muß mich hassen! + + Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts + dagegen, bekenne dennoch: + Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und + schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch -- + Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit + zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, + Sorge mit sorglosem Schwachsinn. + Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden + Vieh vergleiche. + + Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich + wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe. + Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach + ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht. + Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage? + Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der + Schuld empören?! + + Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht + ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter. + Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, + Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich. + Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten + Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken! + Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du + bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen. + + Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an + meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn. + Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, + und mache diesen Gesang den Schlafenden kund. + Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, + ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit + des Herzens! + Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos. + + Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und + ruhig atmen. + Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und + Gestern, dies Immer und Ewig! + Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über + diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist. + Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen + und großen Steppen schenken! + + + + +Gebet um Reinheit + + + Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche. + Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder. + Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens, + Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände + spülen. + + O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen! + O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt! + Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und + spülst, + Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle? + + Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises. + Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend + der Waschung wartet. + Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne + wahr zu sein. + Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner + Eitelkeit verstummt. + + Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen, + Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen + Feind! + Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht + einmal sosehr, um uns Feinde zu sein. + Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt, + und an alle meine Tore pocht. + + Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und + Völlerei treibt, + Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster + die Hungrigen drängen. + Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre + raucht und fett wird, + Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner + Seele verpraßt. + + Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz + verkehrt und in Selbstbetrug. + Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und + meine Liebe mit Trägheit erstickt, + Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur + Wollust des Sieges an den Spieltischen, + Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin. + + Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich + zu dieser Zwieheit gemacht? + Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o + Du Gewässer! + Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die + Zahl Zwei. + Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur + Waschung. + + Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen + Feind, töte mich, ertränke diesen Mich! + Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, + selig die einfach Bösen! + Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und + abnehmenden Gegenspieler. + O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir! + + + + +Einem Denker + + + Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt. + Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel + entdeckt. + Meine Sphäre war traurig, + Ihr mißfiel Deine Art + An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt, + Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft. + + Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund! + Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers! + Wie deute ich mir, + Wie verstünd ich's, + Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die + gleichgültigen Räume trägst, + Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir + vorbei, Du nicht Erwachter!? + + Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer? + Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer! + Denn wer zu Gericht sitzt, + Über die Sünder, + Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu + gedenken, darf sein Wesen vergessen, + Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun. + + Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab + davon! + Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu + Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns. + Du aber bist wie ein Knabe, + Und scheinst nicht zu wissen, + Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem + Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . . + Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten + Triumphschrei zum Gespött machen. + + Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst. + Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die + Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung. + Kennst Du die starke Waffe + Der wirklichen Sieger? + Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie + ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . . + Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich + erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt! + + Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der + Gerichtshöfe ist. + Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die + Unterscheidung der Worte. + Aber die Worte sind + Bedingter noch als die Dinge. + Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der + Geist der Worte + Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber + eitel und trostlos für die Leidenden. + + Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und + Dich vereinsamt. + Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so + groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint. + In Dir ist aber noch + Der alte Adam allzusehr! + So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie + und ihre Vollkommenheit, + Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung + ist. + + Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben + Sterbenden rasten, + Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die + Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben. + Du kennst jene Weisheit nicht, + Höher als alles Mitleid! + Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern + Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir + alle Hände haben, + Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem + Leben vergießt. + + + + +Ballade von Wahn und Tod + + + Im großen Raum des Tags + Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, + Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt + Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags + Mein Ohr die Stunde traf, + Als ich gebeugt saß über mich zu sehr. + Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf. + + Wie deut' ich diesen Schlaf, + Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann + In Dunkelheit, so mich eine Zeit + In mein Herz traf? + Und als ich kam empor, + In Traum auftauchend Atemgang begann, + Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche + Tor. + + Nun höret, Freunde, es! + Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand. + Ich stand gebannt an kalter Wand. + O schwarzes, schreckliches + Gedenken, da ich ihn nicht fand, + Den Leichten, der mich so ging an + Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner + leichten Hand. + + Es fügte sich kein Schein, + Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht, + Und unterm Bild vergeht und schwillt, + Das kleine Licht ging ein. + Es trat kein schwarzer Engel vor, + Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein! + Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor. + + Und auch kein Wort erscholl. + Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief. + Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt. + Weh, trocken, leicht und toll + Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß. + Mich nahm ein Wort und Wind mit fort, + Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das + Wort hieß: rettungslos. + + O letzte Angst und Schmerz! + O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus! + O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt. + Ich stand in schwarzem Erz, + Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein, + Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein. + Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und + fallen, den Fluß: Allein + + Und da es war also, + Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß. + Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur. + Und ich erkannte so, + Warum da leicht und fein die Hand mich schlug, + Die schwach an meine Stirne fuhr, + Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum + mich selber trug. + + Und als ich ihn erkannt, + Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann, + Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod. + Und nahm mir alles unverwandt, + Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt -- + Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt. + Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig + nackt. + + O Tod, o Tod, ich sah + Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein, + Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht. + -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- -- + Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein. + (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht) + Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein. + + Im großen Raum des Tags + Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum. + Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, + Der Himmel glühte noch kaum. + Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut, + Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . . + Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut. + + Ich ging, wie Tote gehn, + Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn. + Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl, + Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn. + Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock + und schrie, + Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . . + Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie. + + + + +Der Tempel + + + O Tempel, in die + Zarteste Stunde gebaut, + Wenn schon die unermüdlichen + Schmetterlinge + Die kreisenden welken an + Der alten Lampe des Weisen und + Die Träumer plötzlich das Haupt + Tauchen aus tausend Fenstern. + + Tempel, + In solcher Stunde erschallend, + Läßt Du uns gehn + Über die Treppe. + Aber wenig leuchtet + Die Laterne voran des Priesters, + Wenn tief der Tierkreis + Brüllet und leis im Schlaf. + + Wie bald doch steh ich + Und schon im Kuppelsaal. + Dort aber rundet + Der offne Himmel. + Ein Morgen + Macht ihn schon fast + Zum verschwommenen Knaben. + Doch in dem hellen Boden + Findet er sich bemessen + Zu unseren Füßen wieder + Genau + Im bildenden Wasserteich. + + Wie da ruhen + Über unseren Schultern + Die einhaltenden Vögel, + Die Planeten sich aus. + Sitzen sanft eine Weil' nur, + Geschlossene Flügel + Auf atemlosen Säulen. + Trällert einer im Schlaf. + Aber als letzter + Luzifer schwirrend + Hebt sich hinweg + Morgender Stern. + Mit fernem Gelächter + Spiegelnd Gefieder + Im schon helleren Bassin. + + Nun aber seh ich + Wolken grünen im Wasser. + Sehe dreifach + Das Strandgut treiben + Im kleinen Umkreis + Des Brunnenteichs. + + Wohl weiß ich, + Und nimmer täuschet mich wer, + Mattes und Morsches. + + Drei Dinge schwimmen, + Kleines Brett Noahs, + Binsenkorb Mosis, + Holzspahn der Krippe + Drei Schatten schwimmen + Auf wachsendem Himmel. + Nun aber schreiten -- + (Da es doch bald mehr Frühe ist) + Die Männer hinaus, + Die herrlichen + Nach der Abfertigung. + Über den Brauen + Schimmern die Glatzen vor Osten + Sie neigen und schreiten, + Die Heiligen schreiten + Hinter Planeten. + Frühe Arbeiter + Und kühl + Von diesem Himmel und Frische. + So schreiten sie, + Ohne zu wecken, + Gesenkte Stirnen, + Aus allen Türen zugleich + Hinaus aus diesem + Kuppelkreis, + Die Verschmäher der Speise. + + + + +Die heilige Elisabeth + + +für Gertrud Spirk + + Wie sie geht + Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen, + Unter dem noch versagenden Himmel, + Dem atmenden Osten voraus! + Über Stufen + Steigend nieder + Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . . + + Aber es wehen noch, es fliegen + Die wahrhaft gläubigen Träumer + Durch Träume auf schlagenden Fittichen, + Über den unzähligen Morgen, + Stürzen sich in die Meere, + Brust und Haar voll Auferstehungswind. + + Ihre Füße lächeln + Über die Steine nieder. + Doch in den harten + Gebeizten Händen + Hält sie, die Dienende, + Den gedeckten Korb. + + Nun drängen schon + Hunde und räudige Krüppel, + Krähende Tolle + Sich an das Jenseits ihres Knies. + Bettler mit Näpfen + Heben sich auf, + Gestreifte Kranke, + Lampe in Händen, + Hustende Kinder, + Betrunkene Greise, + Huren, Gelichter, sterbende Sünder, + Wanken geschlossenen Auges ihr nach. + + Schon heult die Stadt auf + Und ächzt in ihren Morgen ein. + Durch den Nebel der Kaserne + Bricht die entsetzliche Trompete. + In den Asylen krächzt + Der Greis, gewälzt von der Bettstatt. + Flößerruf! + Die schweren unseligen Pferde + Neigen in Höfen ihr Haupt. + + Sie geht noch, + Eh sie verfließt, + Eh ihr Aufwärtslächeln + Sich einmischt in die Antwort des Himmels, + Sie geht noch die Magd, + Sie weht noch die hohe Deutsche . . . + O Dämmerung ihres Haars, + O Schritt, o Blick, + Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde! + + + + +Der Ruf + + + So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor, + Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu. + Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind. + + Dort aber war der Tag, + Wo Munde abwärts ernster werden, + Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden. + Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz. + Nicht rast das Antlitz mehr dort, + Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich. + Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort. + Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust. + + Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein. + Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug. + Das Haar im Zephyr leicht . . . + Ich rief sie an. + + Doch wie sie sich wandte, + Wie sie horchte nach dem Rufenden hin, + Hob in den Lüften um sie ein Kampf an. + Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind, + Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar. + Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs + Warfen sich in die Saiten der Sonne, + Töneten, sangen die Leichte zurück. + + Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten, + Und sie sah mich stehn im rollenden Tag, + Sah mich unter den brüllenden Festen: + Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit! + Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds. + Ich rief noch einmal . . . . + Wie im leichten Schmerze, + Zögernd, + Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu. + + + + +Vergessen + + + An dieses Flusses Walten wachend, + Hinüberruhend + Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang, + Habe ich Dein vergessen. + Vergaß Dein Antlitz, + Deiner Züge Niederwehn + In die offenen harten armen Händ'. + Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . . + Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin. + Das Gras braust in die Nacht. + Weh mein Gesicht ist Sünde! + + + + +Müdigkeit + + + Tiefe Schwester der Welt + Weilt auf bewimpeltem Bord, + Schützt ihren Krug vor dem Glanz, + Der schon im Westen zerstürzt. + + Mit dem Gelächter des Volks + Löst sich das Schifflein und schäumt. + Aber die Göttin und Gold + Rollt mit den Wellen noch lang. + + Herz und Atem versinkt, + Woge, in welchen Schlag? + Mischt schon die Fledermaus + Elemente und Mohn? + + Abendgestade und Blick + Schwinden hin. Kiel und Delphin. + Lebt noch über der Bucht + Maulbeer, Limone und Öl? + + + + +Schrei + + + Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen, + Ernste Frauen, + Weilende Augen ohne Ebbe, + Mit abwärts schon wachsendem Mund . . . + + Aber wir unten + Wir Knechte + In diesem Pfuhl von Luft! + Ausatmend, einatmend, + Die Zeit vertreibend, + Gute Vergesser . . . + Und dennoch + Von uns befallen, + Von uns befallen. + Im Hals den großen Skorpion, + Der an den Gaumen juckt. + Den gebundenen Teufel, + Mit Stachel und Scher', + Den mordenden Asmodi, + Der zum Mund ausführt, + Verbindlich, eitel, wohlgestalt, + Der Lügenvater + Über unsere + Edle + Von Wahrheit blutende Lippe. + + Wir unten, wir, + Hilflos wie Knechte! + Erstickt von Betrügen + Erwürgt von Verraten, + Gebeugte Auswandrer + Wir aus uns selber, + Verbrecher, verfolgt + Von gemordeten Worten. + Wettläufer ins Aus, + Preisspringer ins Ende, + Von den Türmen der Stunden -- + Zerekelt, ewiglich, elend, -- + Träge uns schleudernd in Schlaf. + + + + +Der Dichter + + + Ah! Ich habe mich ausverraten. + Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges, + Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!! + Das gepflegte Antlitz meiner Lüge, + Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit, + Enträtselt sich zur Wahrheit. + Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift, + Unerbittlich log ich Wahrheit. + Nun beginne ich mich zu bedeuten, + Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen, + Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . . + Hilflos + Höhn ich mich Hilflosen von fern an. + + + + +Inhalt + + +Aus: »_Der Weltfreund_« + + An den Leser 4 + Kindersonntagsausflug 5 + Der dicke Mann im Spiegel 7 + Im winterlichen Hospital 9 + Sterben im Walde 11 + Das Malheur 12 + Erzherzogin und Bürgermeister 14 + Der Patriarch 15 + Solo des zarten Lumpen 17 + Der schöne strahlende Mensch 18 + Wanderlied 19 + Der kriegerische Weltfreund 20 + Ich habe eine gute Tat getan 21 + + +Aus: »_Wir sind_« + + Die Unverlassene 26 + Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27 + Vater und Sohn 28 + Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29 + Balance der Welt 31 + Der Feind 32 + Eine alte Frau geht 33 + Nacht-Fragment 35 + Das erkaltende Herz 36 + Der göttliche Portier 37 + Ein Lebens-Lied 38 + Ein Anderes 40 + Amore 41 + Ich bin ja noch ein Kind 42 + + +Aus: »_Einander_« + + Lächeln Atmen Schreiten 48 + Das Jenseits 50 + Warum mein Gott 51 + Die Tugend 53 + Veni creator spiritus 54 + Abschied 56 + Der Erkennende 57 + Romanze einer Schlange 58 + Tempel-Traum 60 + Ein Abendgesang 62 + Mondlied eines Mädchens 63 + Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65 + Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67 + Luzifers Abendlied 70 + Held und Heiliger 72 + Alte Dienstboten 75 + Jesus und der Äser-Weg 77 + + +_Neue Gedichte_ + + An den Richter 82 + Gebet um Reinheit 85 + Einem Denker 88 + Ballade von Wahn und Tod 92 + Der Tempel 96 + Die heilige Elisabeth 100 + Der Ruf 102 + Vergessen 103 + Müdigkeit 104 + Schrei 105 + Der Dichter 106 + + + + +Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + +Von _Franz Werfel_ sind erschienen: + +_Der Weltfreund._ Gedichte. + +_Wir sind._ Neue Gedichte. + +_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten. + +_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel. + +Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50. + +_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50. + + + + + +End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 *** diff --git a/41883-8.txt b/41883-8.txt deleted file mode 100644 index 4dde553..0000000 --- a/41883-8.txt +++ /dev/null @@ -1,3131 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Gesänge aus den drei Reichen - Ausgewählte Gedichte - -Author: Franz Werfel - -Release Date: January 20, 2013 [EBook #41883] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - - -Gesänge -aus den drei -Reichen - - -Ausgewählte Gedichte -von -Franz Werfel - - -Kurt Wolff Verlag -Leipzig - - -Bücherei -Der jüngste Tag -29./30. Band -Zweite Auflage - - -Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig - - - - -Aus -»Der Weltfreund« -Gedichte -1911 - - - - - -An den Leser - - - Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein! - Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut, - Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im - Abendschein, - Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut. - - Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge? - Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf. - Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe, - Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf! - - Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß - Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen, - Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis, - Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten - stellen. - - Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt, - Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste. - Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt, - Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste. - - So gehöre ich Dir und Allen! - Wolle mir, bitte, nicht widerstehn! - O, könnte es einmal geschehn, - Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen! - - - - -Kindersonntagsausflug - - - Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten. - Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor. - Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, - Gerüste und Piloten, - Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor! - - Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine - Seegeschichten. - Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein. - An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und - Ankerlichten, - An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und - Malayen schrein. - - Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien - eingefangen. - Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich. - Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen - sprangen, - Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die - Maschinen unter uns stampften und rührten sich. - - Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone, - Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem - Wahnsinn fort, - Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne - Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. -- - - Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte, - Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor. - Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte, - Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten - sie hervor. - - Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten, - Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick. - Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten, - Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde - Militärmusik. - - - - -Der dicke Mann im Spiegel - - - Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert, - Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert. - Tag war heut so blau, - Mit der Kinderfrau - Wurde ja im Stadtpark promeniert. - - Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort - Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort. - Eben abgelegt, - Hängt er unbewegt, - Klein und müde an der Türe dort. - - Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt, - Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt, - Lieblich stand verwundert, - Der vorher getschundert - Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt. - - Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht - Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht. - Oft zu schnöder Zeit, - Hör im Traum ich weit - Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht. - - Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht? - Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht. - Wenn sie doch schon käme - Und es mit sich nähme, - Das dort oben leise singt, das Licht! - - Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt, - Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit. - Nur der dicke Mann - Schaut mich hilflos an, - Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt. - - - - -Im winterlichen Hospital - - - Himmel wird sich bald entblättern, - Aber Licht ist noch genug. - Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern - Von Winterwind ein Flug. - Und dunkle Sonne im Wasserkrug. - - Draußen gibt es Blumen zu kaufen, - Da sind Kinder vorübergelaufen. - Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten. - Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . . - - O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren! - Doch kann ich noch spüren, - Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen - Vom Lande stößt. - - Vorbei -- vorbei - An Wildnis und Fläche! - Dort stürzen Bäche, - Schon atmet die Steppe, - Die ewige frei. . . - - Was tönt im Haus, - Gedämpft über die Treppe? - Ist die Besuchsstunde schon aus? - Jetzt liegen die kranken Brüder da, - Einen lieben Gegenstand in der Hand, - Von Eau de Cologne ein frischer Flacon, - Und, ach, ein neuer Engelhornband. - - Ich will nicht klagen, daß niemand - Im fremden Land - Meine Türe aufgetan - Freundlich mir zugewandt. - - Wer trat herein? - So leicht und unbefangen, - Mit einem lila Shawl - Und tanzerregten Wangen, - Wie bei der Damenwahl? - - Nun hat es sich doch erfüllt! - O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden! - O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden - Erschlagene Krieger zu sein! - - Da kamst Du immer dem treuen, - Dem Knaben Blumen zu streuen. - So ist es wieder geschehn? - Schon stürzten die Speere und Schilde, - Nun darf auch mein armes Gefilde - In Abend und Tränen stehn. - - »Schwester, so spät ist es schon?« - »Ja, ich bringe die Abendbouillon.« - - Treibe -- Treibe - Im Strome von dannen. - Rings breitet die Scheibe - Sich weiter Savannen. - An sandigen Stellen, - Im Dunkeln, im Hellen, - An niedrigen Feuern, - Nach Abenteuern - Gelagerte Männer - Bereiten ein Mahl. - - - - -Sterben im Walde - - - Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen, - Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen - Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen. - - Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren. - Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen. - Und kein Wimperzucken will ihnen wehren. - Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum. - Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen. - Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum. - - Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht, - Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine - Lippen nicht. - - Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt, - Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten. - - Und meine Seele fällt ein: - _Du bist auf der Welt!_ - Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten. - - - - -Das Malheur - - - Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs - stumm, - Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um. - Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt, - Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt. - - Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt. - Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt. - - Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und - Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus. - Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus. - - In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in - den Schoß - Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut - und grenzenlos. - - Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm, - War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam. - - - - -Erzherzogin und Bürgermeister - - - Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt, - Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt. - - Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing, - War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing. - - Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn. - Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn. - - Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise - und verzagt. - Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt. - - Und während sie manches sprach, was dachte sie? - Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie. - - Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen - vergaß, - Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß. - - Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses - Los, - Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß. - - Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank, - Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank, - - Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf, - Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf. - - - - -Der Patriarch - - - Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch. - O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren! - Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren - Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch. - - Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch - Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren. - Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren, - In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch. - - Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe, - Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde, - Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden! - - Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe, - Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde, - Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten - - - - -Solo des zarten Lumpen - - - Nun wieder eine Nacht durchjohlt - Ist rings der Stadtpark aufgewacht. - Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe. - In der durchsichtigen Frühe. - Nach falschbekränzter Nacht - Hast Du mich eingeholt. - - Wie ich Dich gestern sah. . . - Bewegte Straße glitt - Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen, - Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen, - Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt, - Du Schlanke fern und nah! - - Gefühl, geheimer Sinn - Und ein Gedanke kam. - Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten - Erden. - Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! -- - Warum zerschmilzt mich Scham? - Was reißt mich Wonne hin? - - Noch höher bist Du bald - Und weiter mir entrückt. - Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden - Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden, - Von Schmerz und Glück bedrückt, - Nun mildere Gestalt! - - In die Natur und Pflicht - Wächst lieblich Du hinein. - Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen, - In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen; - Du denkst an Dinge rein, - An Windeln, Kindgewicht. - - Drum soll es so geschehn! - Von Wolken lieb umdrängt, - Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben! - Ich will Dich bebend hochbeloben, - Und Blick und Bart gesenkt - Vor Dir in Andacht stehn. - - - - -Der schöne strahlende Mensch - - - Die Freunde, die mit mir sich unterhalten, - Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen, - Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen - Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten. - - Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten, - Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen, - Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen - Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten. - - Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen, - Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren, - Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein. - - Ich will mich auf den Rasen niedersetzen - Und mit der Erde in den Abend fahren. - Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!! - - - - -Wanderlied - - - Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen, - Die einst kies- und straßenüber klangen? - Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten, - Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten, - Deine Schritte laufen oder schleppen - Ewig weiter über Weg und Treppen. - - Glaubst Du, Deine Worte sind verloren, - Die Dein wallendes Gemüt geboren? - Hangend in den Häusern, unter Toren, - Sinken sie in vorbestimmte Ohren, - Bilden sich zu wunderlicher Stunde, - Und entflattern neu dem Enkelmunde. - - Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen, - Schritt und Worte, die ins Weite reisen? - Oder wähnst Du, daß der graue, alte - Ahnherr diese sprach und jene wallte? - Und ist gar aus diesem Lied zu lesen, - Daß Du selbst der Bärtige gewesen? - - - - -Der kriegerische Weltfreund - - - Schon bin ich voll und klar, - Dem noch so arg zu Mut. - Der bös und bitter war - Nun ist er gut. - - Bosheit, die mich zerwirrt, - Rache und falscher Stoß, - Ach, meine Güte wird - An ihnen groß! - - Schäumst Du noch, dunkles Blut, - Wenn Hohn sich feig vermummt, - Sternaufgebäumte Wut, - Bist Du verstummt? - Der sich zu Boden schmiß, - Keuchend und krankgehetzt, - Nachts in die Pölster biß - Wie tönt er jetzt? - - Bosheit und feigen Hohn, - Alles, was falsch mich haßt, - -- O wie stark bin ich schon -- - Lad ich zu Gast - - Dämonen in Erz und Stahl - Wandeln sich, werden rein, - Stürze mit einem Mal - In mich herein. - - - - -Ich habe eine gute Tat getan - - - Herz frohlocke! - Eine gute Tat habe ich getan. - Nun bin ich nicht mehr einsam. - Ein Mensch lebt, - Es lebt ein Mensch, - Dem die Augen sich feuchten, - Denkt er an mich. - Herz, frohlocke: - Es lebt ein Mensch! - - Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam, - Denn ich habe eine gute Tat getan, - Frohlocke, Herz! - Nun haben die seufzenden Tage ein Ende. - - Tausend gute Taten will ich tun! - Ich fühle schon, - Wie mich alles liebt, - Weil ich alles liebe! - Hinström ich voll Erkenntniswonne! - Du mein letztes, süßestes, - Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl! - _Wohlwollen!_ - Tausend gute Taten will ich tun. - - Schönste Befriedigung - Wird mir zu Teil: - Dankbarkeit! - Dankbarkeit der Welt. - Stille Gegenstände - Werfen sich mir in die Arme. - Stille Gegenstände, - Die ich in einer erfüllten Stunde - Wie brave Tiere streichelte. - - Mein Schreibtisch knarrt, - Ich weiß, er will mich umarmen. - Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen, - Geheimnisvoll und ungeschickt - Klingen alle Saiten zusammen. - Das Buch, das ich lese - Blättert selbst sich auf. - - . . . . . . . . . . . . . . - Ich habe eine gute Tat getan! - - Einst will ich durch die grüne Natur wandern, - Da werden mich die Bäume - Und Schlingpflanzen verfolgen, - Die Kräuter und Blumen - Holen mich ein, - Tastende Wurzeln umfassen mich schon, - Zärtliche Zweige - Binden mich fest, - Blätter überrieseln mich, - Sanft wie ein dünner, - Schütterer Wassersturz. - Viele Hände greifen nach mir, - Viele grüne Hände - Ganz umnistet - Von Liebe und Lieblichkeit - Steh ich gefangen. - - Ich habe eine gute Tat getan, - Voll Freude und Wohlwollens bin ich - Und nicht mehr einsam - Nein, nicht mehr einsam. - Frohlocke, mein Herz! - - - - -Aus -»Wir sind« -Neue Gedichte -1913 - - - - - -Die Unverlassene -(Der Besuch aus dem Elysium) - - - Es kommt die eine neue Nacht. - Du bist von Ferne aufgewacht, - Und neben Dir ist Schnarchen schwer. - Und ach vom Gitterbettchen her - Ein Weinen klein und unbewußt. - Da schlägst Du Deine Decke um, - Nimmst ohne Glück und stumm - Das Kind an Deine Brust. - - Wenn mühsam Tag sich näher drängt - Und Dich in Erdenlos verfängt, - Wird Schoß und Lippe wissensschwer, - Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr, - Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich, - Gedenke und erinnere Dich, - Daß jener Bot' aus besserer Welt - Dich seltsam in der Seele hält! - - Weißt Du, weißt Du den Abendgang, - Wo noch Dein Wesen glitt und sprang? - Wer fühlte einst im Elternhaus, - Wer Dich in Ewigkeit voraus? - Wenn Du Dich einsam meinst, - Wer kannte schon den Schmerzenston, - In wessen Kehle brannte schon - Das Weinen, das Du jetzt weinst?! - - - - -Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte - - - Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte - Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte, - Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte, - Mühselig Millionen Unterdrückte? - - Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte, - War Arbeit um uns und die Erde wärmte. - Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte, - Es lebten und es starben Niebeglückte! - - Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben, - So viele waren, die im Dumpfen stampften. - An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften. - - Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!! - Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben, - Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!? - - - - -Vater und Sohn - - - Wie wir einst im grenzenlosen Lieben - Späße der Unendlichkeit getrieben - Zu der Seligen Lust -- - Uranos erschloß des Busens Bläue, - Und vereint in lustiger Kindertreue - Schaukelten wir da durch seine Brust. - - Aber weh! der Äther ging verloren, - Welt erbraust und Körper ward geboren, - Nun sind wir entzweit. - Düster von erbosten Mittagsmählern - Treffen sich die Blicke stählern, - Feindlich und bereit. - - Und in seinem schwarzen Mantelschwunge - Trägt der Alte wie der Junge - Eisen hassenswert. - Die sie reden, Worte, sind von kalter - Feindschaft der geschiedenen Lebensalter, - Fahl und aufgezehrt. - - Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe - Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe! - Daß der Orkus widerhallt. - Und schon klirrt in unseren wilden Händen - Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden -- - Höllische Gewalt. - - Doch auch uns sind Abende beschieden - An des Tisches hauserhabenem Frieden, - Wo das Wirre schweigt, - Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes, - Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes, - Träne auf- und niedersteigt. - - Wie wir einst in grenzenlosem Lieben. - Späße der Unendlichkeit getrieben, - Ahnen wir im Traum. - Und die leichte Hand zuckt nach der greisen - Und in einer wunderbaren, leisen - Rührung stürzt der Raum. - - - - -Die Witwe am Bette ihres Sohnes - - - Mit meinem verflackernden Lichte - Besuche ich, Kind, Deinen Traum. - Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte, - Doch faltet Dein Atem sich kaum. - - Daß Du mich gestern verstießest, - Hat nimmer Dich bitter gemacht. - Daß Du mich alleine ließest - Die ängstliche Mitternacht. - - Und doch. Ich will Dich bewegen - Zu Leben und nächtlichem Mut. - Dein mächtiges Treiben und Regen - Durchläuft meinen Schatten mit Blut. - - O Sohn! Dein Zechen und Speisen - Nährt Deine Mutter, ich weiß. - Dein Lärmen und Becherkreisen - Bewegt meinen Lebenskreis. - - Und wenn ich sitze und sticke, - Dies Leben ist in Dich entrückt, - Aus meinem vergehenden Blicke - In Deine Augen gezückt. - - Wie ich Dich bebend getragen - Im heilig erkannten Schoß, - Du wuchsest an bildenden Tagen - Und schmerztest und wurdest groß. - - Und wie Du aus mir gemündet, - In Himmel und Welt und Haus, - Und wie Du in mir Dich entzündet, - So lösche ich in Dir aus. - - Mein Leben ist ein Sichergießen - In Dein gerundetes Licht, - Im leidenden Überfließen - Erfüll ich die weltliche Pflicht. - - Bald bin ich nichts als Dein Lachen - Nichts als Deines Mundes Gebot. - Laß mich Deinen Schlaf bewachen, - Mein Kind, mein Dasein, mein Tod. - - - - -Balance der Welt - - - Ich klag' und klage: Harte Welt! - Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt, - Wie mir hier alles harte Welt, - So bin ich allem harte Welt! - - Ja, Schuld ist das gewaltige Wort. - Es dreht die alten Globen fort. - Und eh' noch unsre Zeit beginnt, - Werden wir schuldig, daß wir sind! - - Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf, - Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf, - Fluchte der Vater seinem Sohn. - Du Weltgesandter bringst den Lohn. - - Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug! - Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf! - Es bricht hier keine Wunde auf, - Die ich mir nicht in andern schlug. - - - - -Der Feind - - - Mein Feind, dem ich entgegenspeie, - In meiner Brust versammelnd kleine Schreie - Und in den Händen ohne Mut - Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut, - Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein! - Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein, - Der niedertropft in bläulich süßen Flammen. - Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen. - - In mir steht der Erzengel groß, - Versöhnung bricht unendlich los. - Daß wir uns schlugen und zerrissen, - Mit dumpfem Witz und List beschmissen, - - Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen, - Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen. - Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick, - Die Passion zu _diesem_ Augenblick! - - Nun braust der Himmel als Posaunenmeer, - Triumphtrompeten schnellen drunterher. - Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag. - Und golden durch mich donnert jüngster Tag! - - - - -Eine alte Frau geht - - - Eine alte Frau geht wie ein runder Turm - Durch die alte Hauptallee im Blättersturm. - Schwindet schon, indem sie keucht, - Wo um Ecken schwarze Nebel wehen. - Wird nun bald in einem Torgang stehen. - Laute Stufen langsam aufwärts gehen, - Die vom trägen Treppenlichte feucht. - - Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt, - Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit. - Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'. - Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen - Aufgehobene Kost von alten Tagen - Auf des Kochherds armes Rot zu tragen. - Bleibt mit ihrem Leib und sich allein. - - Und sie weiß nicht, wie sie kaut, - Daß in ihr sich Söhne aufgebaut. - (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh') - Was aus ihr kam, steht in andern Toren, - Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren, - Manchmal nur im Straßendrang verloren, - Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu. - - Aber Mensch, gedenke Du in ihr, - Ungeheuer auf der Welt sind wir, - Da wir brachen in die Zeiten ein. - Wie wir in dem Unbekannten hängen, - Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen - Die ins letzte uns zusammendrängen. - Diese Welt ist nicht die Welt allein. - - Wenn die Greisin durch die Stube schleift, - Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift. - Es vergeht ihr brüchiges Gesicht. - Ja, sie fühlt sich wachsender in allem - Und beginnt auf ihre Knie zu fallen, - Wenn aus einem kleinen Lampenwallen - Ungeheuer Gottes Antlitz bricht. - - - - -Nacht-Fragment. - - - Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen. - Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn - Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn, - die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen? - - So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten. - -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. -- - Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind. - Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten. - - Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht! - Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien. - Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien, - Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht! - - Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum, - Suche den klaren Jungen im Waldpensionat! - Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad? - Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum. - Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen! - Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!! - - - - -Das erkaltende Herz - - - Geschwisterliebe war einst. - Ich lief mit dem Mädi über die Wege - Und die Himmel, die vielen waren rege, - Die unergründlichen Berge standen weit -- - Und im Zimmer die stündliche Zeit. - - Die Wagen und Reisen, - Vergangene Speisen, - Die Schmerzen und Strafen, - Am Abend das Licht, - Und unser Gesicht - War ganz von Seele verschlafen. - - Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe, - Und manchmal weinte man wild in die Finsternis, - Bis treu der andre Atem kam. - Da war man so gewiß, - Daß Gott sei und man niemals lahm - Und niemals anders würde. - das waren Tränen und Brisen der Treue . . . . - Geschwisterliebe war einst. - Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee. - Am Abend werden die Fenster groß. - Da läßt mich mein Atem los, - Und der Tod ist ganz in der Näh'. - - Und muß ich vor meinem Spiegel stehn, - Da hat sich etwas gerächt. - Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn -- - Und die Zähne sind worden schlecht. - - Und der Mund, der nichts ließ, - Jetzt kann er euch alle lassen - Und das Herz kann nicht fassen, - Wie es einst hieß! - Und wo hängen in den erstarrten Zimmern, - Hinter welkendem Glas, - Die ewigen Photographien? - - - - -Der göttliche Portier - - - Da ich an Dir vorüberlief als Knabe, - Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben. - Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben. - Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe! - Wie ich mich kindlich auch vergangen habe, - Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben, - Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben, - Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe. - - Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild! - Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter - Erzväterbart, der goldne Brust umquillt. - - Die winterlichen Tressen klingeln mild, - Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter - Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt. - - - - -Ein Lebens-Lied - - - Feindschaft ist unzulänglich. - Der Wille und die Taten, - Ein erdbewußtes Leben - In sich, was sind sie, Welt? - Es schwebt in jedem Schicksal, - Im Schritt der Lust und Schmerzen, - Im Morden und Umarmen, - _Anmut des Menschlichen!_ - - Nur das ist unvergänglich! - Sahst Du die wilden Augen - Buckliger Bauernmädchen? - Sahst Du, wie sie sich langsam - Weltdamenhaft verschleiern, - Sahst Du in ihnen blinken, - Das Grün von Festestraden, - Musik und Lampennacht? - - Sahst Du den Bart von Kranken, - Ihr Wolken über Pappeln, - Wie er an Gott erinnert, - Getaucht in einen Sturm? - Sahst Du die große Güte - Im Sterben eines Kindes? - Wie uns der holde Körper - Mit Zärtlichkeit entglitt? - - Sahst Du das Traurigwerden - Von Mädchen an, am Abend? - Wie sie die Küchen ordnen - Und fern, wie Heilige sind. - Sahst Du die schönen Hände - Durchfurchter Nachtgendarme, - Wenn sie den Hund liebkosen - Mit grobem Liebeswort? - - Wer handelnd sich empörte, - Bedenke doch!! Unsagbar - Mit Reden und Gestalten - Sind wir uns fern und nah! - Daß wir hier stehn und sitzen, - Wer kann's beklommen fassen?! - Doch über allen Worten - Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!! - - - - -Ein Anderes - - - Daß einmal mein dies Leben war, - Daß in ihm jene Kiefern standen - Und Ufer schlafend sich vorüberwanden, - Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar. - Daß einmal mein dies Leben war! - - Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden, - Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon? - Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton - Von Ruderbooten, wie sie lachend landen, - Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden. - - Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton - Von Equipagen, dicht im Kies verfahren, - Kastanien- und Laternensprache waren - Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon? - Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton? - Kastanien- und Laternensprache waren - Noch da und? Atem einer breiten Schar. - Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren. - O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren, - Daß einmal mein dies Leben war! - - - - -Amore - - - Wenn noch die Eitelkeit - Das Auge Dir entweiht, - Ist kommen nicht die Zeit. - - Solang Du noch willst stehn - Auf Podien, gesehn, - Kann Glück's Dir nicht geschehn. - - Wer sich noch nicht zerbrach, - Sich öffnend jeder Schmach, - Ist Gottes noch nicht wach. - - Wer noch mit Eifer spitzt, - Daß er ein Weib besitzt, - Ist noch nicht ausgewitzt. - - Erst wenn ein Mensch zerging - In jedem Tier und Ding, - Zu lieben er anfing. - - Erst wer Erfüllung floh, - Wächst an zum Höchsten so, - Wird letzter Sehnsucht froh. - - Erst wer sich jauchzend bot - Der Schande und der Not - Und zehnfach jedem Tod, - - Im heiligen Verzicht, - Vor Liebe ihm zerbricht - Sein irdisch Angesicht! - - Wohin schwillt er empor! - Was schwingt er überm Chor - Unendlich sein amor'!! - - - - -Ich bin ja noch ein Kind - - - O Herr, zerreiße mich! - Ich bin ja noch ein Kind. - Und wage doch zu singen. - Und nenne Dich. - Und sage von den Dingen: - Wir sind! - - Ich öffne meinen Mund, - Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten. - Ich bin gesund, - Und weiß noch nicht, wie Greise rosten. - Ich hielt mich nie an groben Pfosten, - Wie Frauen in der schweren Stund'. - - Nie müht' ich mich durch müde Nacht - Wie Droschkengäule, treu erhaben, - Die ihrer Umwelt längst entflohn! - (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton - Der Frauenschritte und allem, was lacht.) - Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben. - - Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht, - Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen, - Wenn die Notschüsse dröhnen, - Wenn die Rakete zitternd aufsteht. - Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen, - O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet. - - Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken - Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt! - Nie hab ich im Asyl gedarbt, - Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken, - Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken, - Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt! - - Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut, - Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen - Der Winde, die sich überbauschen, - Ein Antlitz böse oder gut? - Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen? - Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut? - - Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir. - Und hast die tausendfache Qual gefunden, - Du hast in jedem Weib entbunden, - Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier, - In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden, - Und Hure warst Du, manchem Kavalier! - - O Herr, zerreiße mich! - Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen? - Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen. - Begnade mich mit Martern, Stich um Stich! - Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen. - O Herr, zerreiße mich! - - Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb, - In jeder Katz und jedem Gaul verreckte, - Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb. - Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte, - Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte, - Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb! - - Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind, - In jedem Ding bestehend, ja im Rauche, - Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche. - (Ich bin Dein Kind.) - Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche! - Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!! - - - - -Aus -»Einander« -Oden Lieder Gestalten -1915 - - - - - -Lächeln Atmen Schreiten - - - Schöpfe Du, trage Du, halte - Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand! - Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt - All übers Antlitz. - Lächeln ist keine Falte, - Lächeln ist Wesen vom Licht. - Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht. - Nicht die Sonne ist Licht, - Erst im Menschengesicht - Wird das Licht als Lächeln geboren. - Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren, - Aus den Toren der Augen wallte - Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt, - Lächelns nieglühender Brand. - Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand, - Schöpfe Du, trage Du, halte! - - Lausche Du, horche Du, höre! - In der Nacht ist der Einklang des Atems los, - Der Atem, die Eintracht des Busens groß. - Atem schwebt - Über Feindschaft finsterer Chöre. - Atem ist Wesen vom höchsten Hauch. - Nicht der Wind, der sich taucht - In Weid, Wald und Strauch, - Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . . - Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren. - Aus den Lippen, den schweren, - Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren, - Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren. - Auf dem Windmeer des Atems hebt an - Die Segel zu brüsten im Rausche, - Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn. - Horche Du, höre Du, lausche! - - Sinke hin, kniee hin, weine! - Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt! - Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit! - Schreiten entführt - Alles ins Reine, alles ins Allgemeine. - Schreiten ist mehr als Lauf und Gang, - Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang, - Mehr als des Raumes tanzender Überschwang. - Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren. - Mit dem Schreiten der Menschen tritt - Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren. - Lächeln, Atem und Schritt - Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn, - Die Welt fängt im Menschen an. - Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke! - Weine hin, kniee hin, sinke! - - - - -Das Jenseits - - - Wir kommen wieder, wir kehren heim - In Dich, Du gute Mutter unser. - Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn, - Mild über die Stirne des Todes Flieder. - - Wo fahren die feurigen Wolken hin, - Wo tanzen die mutigen Flüsse her, - Was will der Meere Spiel, - Das Laub an der Wand des Himmels gerankt? - - Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein, - Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein, - Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste, - Stärker als Tod ist Musik. - - In unsere Mutter kehren wir ein . . . - Gott fährt über uns, der gute Mann, - Da heben wir an, und heben uns auf, - Arien selige schweben wir hin, - - Und hängen im Herzen der Sterblichen, - Und locken die ewigen Tränen. - Träne, klarer Planet! Hier leben wir, - Leben in Gnade, sind nichts als Lied. - - - - -Warum mein Gott - - - Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, - Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht, - Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld, - Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, - Zur Eitelkeit des Worts, - Und daß ich dies füge, - Und trage vermessenen Stolz, - Und in der Ferne meiner selbst - Die Einsamkeit?! - Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott? - - Warum, warum nicht gabst Du mir - Zwei Hände voll Hilfe, - Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes? - Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte, - Und Stirne überhangen - Von süßer Lampe der Demut? - Und einen Schritt durch tausend Straßen, - Am Abend zu tragen alle - Glocken der Erde - Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?! - - Siehe es fiebern - So viele Kindlein jetzt im Abendbett, - Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen. - Und dunkler Sünder starrt - In seines Himmels Ausgemessenheit. - Und jede Seele, fällt zur Nacht - Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes. - Und alle drängen sich um eine Wärme, - Weil Winter ist - Und warme Schmerzenszeit. - - Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht, - Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen, - Der Hände Kristall auf Fieber zu legen, - Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?! - Gegrüßet und geheißen: - Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?! - Und daß ich raste auf den Ofenbänken, - Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses, - Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß, - Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts! - - - - -Die Tugend - - - Die Lüge ist das Weib des Potiphar, - Mit schleppenträgem Kleide angetan. - Das ist bemalt mit allem, was da war, - Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn, - Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn, - Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar. - Und alles das, auf dem Gewande kreisend, - Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend! - - Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt - Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit. - Was durcheinander Ding an Ding bewegt - Ist Todesangst und letzte Eitelkeit. - Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit, - Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt. - Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde, - Und in die Knie bricht im geringsten Winde. - - Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht! - Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar. - Allein darin verbürgt sie uns das Licht, - Und in der Sünde wird es offenbar. - Durch unser Leiden werden wir gewahr, - Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht. - Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen, - Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen. - - So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt, - Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr! - Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt, - Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur. - O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt, - Sind wir erst, sind wir gegen die Natur. - Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben, - Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben. - - - - -Veni creator spiritus - - - Komm heiliger Geist, Du schöpferisch! - Den Marmor unsrer Form zerbrich! - Daß nicht mehr Mauer krank und hart - Den Brunnen dieser Welt umstarrt, - Daß wir gemeinsam und nach oben - Wie Flammen ineinander toben! - - Tauch auf aus unsern Flächen wund, - Delphin von aller Wesen Grund, - Alt allgemein und heiliger Fisch! - Komm reiner Geist, Du schöpferisch, - Nach dem wir ewig uns entfalten, - Kristallgesetz der Weltgestalten! - - Wie sind wir alle Fremde doch! - Wie unterm letzten Hemde noch - Die Schattengreise im Spital - Sich hassen bis zum letzten Mal, - Und jeder, eh' er ostwärts mündet, - Allein sein Abendlicht entzündet, - - So sind wir eitel eingespannt, - Und hocken bös an unserm Rand, - Und morden uns an jedem Tisch. - Komm heiliger Geist, Du schöpferisch, - Aus uns empor mit tausend Flügen! - Zerbrich das Eis in unsern Zügen! - - Daß tränenhaft und gut und gut - Aufsiede die entzückte Flut, - Daß nicht mehr fern und unerreicht - Ein Wesen um das andre schleicht, - Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren, - Und in uns selbst Dein Attribut erfahren! - - Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt, - Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält, - Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt, - Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt, - Daß alle wir in Küssens Überflüssen - Nur Deine reine heilige Lippe küssen! - - - - -Abschied -Ein Fragment - - -Stimme - - War Dein Gang in großer Sonne verschwebend, - War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend, - War der tiefe Atemzug Dein Gesicht, - War das alles ein Letztesmal, - Und ich ahnte den Abschied nicht? - Die Straße hat Deinen Fuß vergessen, - Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus. - Die boshafte Treppe im Haus, - Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach, - Wie das dunkelselige Licht - Durch erhabene Fenster der Tempel bricht, - Wissend höhnt mir die Treppe, nach. - Denn ich atmete nicht, - Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht. - -Antwort - - Es gibt nicht eine Stelle, - Die Du durch Dich nicht abgestellt. - Es gibt nicht eine Helle, - Die von Dir nicht ins Finster fällt. - Alle Welt ist Letztesmal - Abschied heißt jedes Tal. - - Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten, - Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten. - Und doch, es eint, - Daß wir uns vorbeigeweint, - Und daß wir arm sind, ohne Gleichen, - Niemals zu uns hinüberreichen! - _O Abschied, Brunnen aller Worte!_ - - - - -Der Erkennende - - - Menschen lieben uns, und unbeglückt - Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen. - Doch wir sitzen übers Tuch gebückt, - Und sind kalt und können sie verneinen. - - Was uns liebt, wie stoßen wir es fort? - Und uns Harte kann kein Gram erweichen. - Was wir lieben, das entrafft ein Ort, - Es wird hart und nicht mehr zu erreichen. - - Und das Wort, das waltet, heißt: Allein! - Wenn wir machtlos zueinanderbrennen. - Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein. - Mein Besitz allein: Das zu erkennen. - - Sieh den Freund, der Deine Speise teilt, - Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln. - Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt, - Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln. - - Wenn ich walle durch den Lampenbann, - Meine Schritte höre, böse Wandrer, - Dann erwach ich, und bin nebenan, - Und mir selbst ein Grinsender und Andrer! - - Ja, wer niederfährt zu diesem Stand, - Wo das Einsame sich teilt und spaltet - Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand, - Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet. - - Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt, - Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen. - Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt, - Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen. - - - - -Romanze einer Schlange - - - Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen - Erhaben stürzet Gold um Gold, - Unter dem Blau, das in Orkanen - Tiefdröhnend durcheinander rollt, - Roll ich mich im Gerölle, - In meiner Quader Hölle, - Und starre stolz nach den Alleen, - Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn, - Und Sonne, Strom und Sommer toben hold. - - Weh euch! Ich wurde wach als Schlange, - Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot. - Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange, - Und stürzet ab in ihren Tod, - Wenn ich mit meinem Blicke - Sie banne und bestricke. - Das Liebliche entgeht mir nicht! - Ich bin im Licht der Bösewicht, - Vernichtung und Gericht, das euch bedroht. - - Unendlich singen Amseln in den Kronen, - Und an den Quellen tönt die Kreatur. - Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen, - Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr. - Sind alle guten Wesen - Zu Müttern auserlesen, - So haßt mit Wut mich meine Brut, - Und krümmt sich fort in dumpfem Mut, - Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur. - Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen - Zum Wurm in dem umblauten Reich?! - Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen, - Und ich allein will sein mir selber gleich. - Der Hölle siebentiefste Flammen, - Sie quälen nicht, den sie verdammen! - Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen - Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn, - Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch! - - - - -Tempel-Traum - - - Wenn die Stunde saust, - Und die Frühe säumt, - Wacht der Schläfer schwer - Wie Ertrunkner auf. - - Schlamm weilt auf der Stirn, - Und ins Haargewirr - Flechten Tang und Gras - Braunen Bettelkranz. - - Und es ist ein Haus - Voll von Sang und Hall. - Lampe lebt in Rauch - Über Treppen hin. - - Eine Mutter geht. . . - Und er weiß nicht wo, - Duft und Stimme wird - In der Höhe süß. - - Doch ein Priester ernst - Schreitet in die Fern' - Seinem Stabe nach, - Goldnem Vogelknauf. - - Und Vestalin sitzt - Bei dem Flammentier, - Springt ein Wind herein, - Hütet sie den Schoß. - - Wo der Tempelbau - Oben offen ist, - Schwebt ein Adler groß - Unterm Morgenmeer. - - Und die Schläferstirn - Löset ein Gesang, - Und das Herze wächst - Mit der Flut des Nils. - - - - -Ein Abendgesang - - - Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen, - Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn, - Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen, - Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn. - - Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen - In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt, - Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen - Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt! - - Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze, - Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt, - Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze, - Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd? - - Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen, - Wir trüben uns alle und werden leichter und klein. - Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen - Ferne Gefühle unseren Odem ein. - - Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder, - Eh unser Auge ins Leere hinüberreift. - Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider - Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift. - - - - -Mondlied eines Mädchens - - -Für meine Schwester Hanna - - Ich liege in gläsernem Wachen, - Gelöst mein Haar und Gesicht. - Am Boden in langsamen Lachen - Schwebt Mond, das unselige Licht. - - Und wie mir die tödliche Helle - Die Stirn und das Auge befühlt, - Zerrinn ich und bin eine Welle, - Gekräuselt, entführt und gespült. - - Die Mutter atmet daneben, - Der Vater schläft auf und ab. - Ich habe Attest um das Leben - Von allen, die ich lieb hab. - - Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer - Erzengel mit schrecklichem Schwert. - Ins Ohr weint mir immer, mir immer - Ein Kind, das mir nicht gehört. - - Nachtlampe von tausend Betten - Des Leidens, der Mond mir scheint. - Ich möchte viel Schluchzendes retten, - Und bin es doch selbst, die weint. - - All Ding im Zimmer verlassen, - Der Schuh, und der Tisch, und die Wand. - Ich möchte das Ferne anfassen, - Nur sein eine streichelnde Hand! - - Ich möchte mit Fröstelnden spielen, - Und halten die Kalten im Arm! - Ich fühle, die Reichen und Vielen - Sind Kinder vor mir und so arm! - - Für alle muß ich mich sorgen, - Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . . - Ich horche, wie in den Morgen - Der Atem von allen sich hebt. - - Im Fenster wehn Bäume zerrissen, - Viel Himmel sind windig in Ruh. - Ich decke mit meinen Kissen - Die frierenden Welten zu. - - - - -Eines alten Lehrers Stimme im Traum - - - Durch einen Traum der Straße oder gar - Durch eine Straße im Traum . . . . . . . . - Von fern kam Deine Stimme wunderbar. - Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum - Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum - Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum - Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein. - In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein, - Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr, - Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war. - - Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt, - Und dachte an des Vaters Gestalt, - Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist. - Die unter Sternen reisen, mild und kalt, - Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt, - Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt, - Im Straßentraum dacht ich an einen Bart, - An eine Hand, vereist und brauner Art. - An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_. - - Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr, - Und liebend ein Sonntagswind, - Von fern erfuhr ich Deine Spur, - Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind. - Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind. - Und ob Du bist, oder im Traume nur. - Doch von den Kerzen lind, die in mir sind, - Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt, - Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt, - Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur. - - - - -Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses - - -Adam - - Müde in den schmerzensreichen Schuhn, - Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . . - Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn, - Süßer Ort, aus dem ich angefangen! - Meinen Pack von alten Schultern nun - Werf ich ab mit einem langen, langen - Atem, um mich ganz in Dich zu tun. - - Ja ich tauche auf aus allem Staub, - Süße Mauer, traumwärts hergebaute, - Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute, - Als der Engel loderte im Laub! - Ja ich komme mit den schweren Rinnen, - Scharfen Tränenschluchten im Gesicht. - Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht, - Höre auf, mich zu beginnen! - Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer. - Schlage eine kleine Bresche ein, - Daß ich sanft in einem Weidenfeuer, - Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer - Windgefährte hebe an zu sein. - -Stimme aus dem Garten - - Ich darf Dich nicht lassen ein, - Und darf mich nicht lassen aus, - Ich muß mich fassen ein, - Und gieße Dich in Gassen aus. - Mein Haus ist wüst, - Meinen Garten hast Du versandet, - Ich bins, der für Dich büßt. - Kein Schwan mehr landet - In meinem See, der hohlgeht und brandet. - Die alten Bäume sind verbrannt, - Die schönen Tiere starben in Gesträuchen, - Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen, - Aus meinem Beet und Rebenstand. - Im Herbst, wie eine alte Frau - Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen, - So bettelhaft. - Dein ist die Kraft. - Mach, daß ich möge neu erstrahlen, - Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen, - Den guten Garten wieder auferbau! - -Adam - - Durch tausend abgespannte Stunden - Hab ich zu Dir mich hergefunden, - Du wirfst mich fort. - -Stimme auf dem Garten - - Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden, - Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort. - -Adam - - Erbarm Dich mein! - -Stimme aus dem Garten - - Erbarm Dich mein! - -Adam - - Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen, - Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen? - Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht? - -Stimme aus dem Garten - - Ich habe meine Gnade ausgegeben, - Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben, - Für Dich hab ich sie ganz, - Du nie für mich gebraucht. - -Adam - - So wird dies Altern nimmer enden, - Und keine Heimat macht mich wieder klein? - -Stimme aus dem Garten - - Bestelle mich mit Deinen Händen, - Und Heimat werden wir uns beide sein, - Und kehren ein! - -Adam - - Weh, daß kein andres Wort mich tröste, - Und dies zurücke mich in Städte stößt! - -Stimme aus dem Garten - - Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste, - So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst. - - - - -Luzifers Abendlied - - - Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre, - Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . . - Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre, - Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt. - - Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen. - Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt. - Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen - Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt. - Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer - Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt. - Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer - Heilig ertragend im Hause die Hände rührt. - - Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen - Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt. - Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen - Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert. - - Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube! - Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch. - Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube, - Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch. - - Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren. - Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil. - Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren. - Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil. - - Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare, - Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt! - Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre, - Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt. - - Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten, - Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt - Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten - Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt. - - - - -Held und Heiliger -Prophezeiung an Alexander - - -Held - - Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen, - Dem die Feuer um die Stirne laufen, - Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen - An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen? - -Heiliger - - Reiter Du auf dem bebuschten Pferde, - Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde! - Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken, - Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken. - -Held - - Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher, - Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher. - Dieses Da ist da, daß ich es saufe, - Und wer mich säuft, meiner überlaufe! - -Heiliger - - Eitelster, der auf dem Rosse reitet, - Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet! - Ohne Opfer soll Dir Gott gehören? - Wen Gott will, den muß er sich zerstören! - -Held - - Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten? - Gibt es Leben außer meinen Taten? - Du und Er und alle sieben Reiche - Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche. - -Heiliger - - Nennst Du Leben die verruchten Stunden? - Erst die Stunde, die Dich überwunden, - Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren - Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . . - -Held - - Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen. - Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen. - Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen. - Sterben alle, bleib ich doch bestehen. - -Heiliger -(schon als Asche zusammensinkend) - - Alexander über tausend Meeren, - Hör die Flammen an, die sich verzehren! - Hör den Staub, zu dem ich mich vermische! - Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische, - Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen. - Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen. - Schwer in Händen bleibt, was Du errungen, - Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen! - Daß er furchtbar seine Gnade wähle, - Rüste die noch nicht verdammte Seele! - - - - -Alte Dienstboten - - - In dem sanften Wallen der alten Frühlinge - Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus. - Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen, - Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus. - Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen, - Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her. - Die alten Mägde haben gütige Hüte auf, - Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr. - Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf. - Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken, - Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken. - - Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen - Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag. - Wohin sie auch ihr Gehen wenden, - Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag. - Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle. - Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle, - Sie haben keinen Sohn und kein Geschick, - Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur. - Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . . - Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken - Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken. - - Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit, - Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben - Sich ohne Ende über meins erheben, - Das voll von Hoffart Worte machen mag. - Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag, - Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit. - O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt, - O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt, - O Licht am Abend überm Tisch gebückt! - Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen, - Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden! - - - - -Jesus und der Äser-Weg - - - Und als wir gingen von dem toten Hund, - Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen, - Entführte, er uns diesem Meeres-Sund - Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen. - - Und als der Herr zuerst den Gipfel trat, - Und wir schon standen auf den letzten Sprossen, - Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad, - Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen. - - Doch einer war, den jeder sanft erfand, - Und leiser jeder sah zu Tale fließen. - Und wie der Heiland süß sich umgewandt, - Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen! - - Er neigte nur das Haupt und ging voran, - Indes wir uns verzückten, daß wir lebten, - Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann, - Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten. - - Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf - Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten. - Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf, - Und wartete bis wir hindurchgeschritten. - - Und da geschah, was uns die Augen schloß, - Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte, - Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß - Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte. - - Verbissene Ratten schwammen im Gezücht - Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen, - Verweste Reh' und Esel und ein Licht - Von Pest und Fliegen drüber unermessen. - - Ein schweflig Stinken und so ohne Maß - Aufbrodelte aus den verruchten Lachen, - Daß wir uns beugten übers gelbe Gras - Und uns vor uferloser Angst erbrachen. - - Der Heiland aber hob sich auf und schrie - Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende: - »Mein Gott und Vater, höre mich und wende - Dies Grauen von mir und begnade die! - - Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch - Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze. - Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze - Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch! - - Mein Vater Du, so Du mein Vater bist, - Laß mich doch lieben dies verweste Wesen, - Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen! - Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!« - - Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht - Von jenen Jagden, die wir alle kannten, - Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten, - Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht! - - Er neigte wild sich nieder und vergrub - Die Hände ins verderbliche Geziefer, - Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer, - Von seiner Weiße sich erhub. - - Er aber füllte seine Haare auf - Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen, - Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen, - Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus. - - Und wie er so im dunklen Tage stand, - Brachen die Berge auf, und Löwen weinten - An seinem Knie, und die zum Flug vereinten - Wildgänse brausten nieder unverwandt. - - Vier dunkle Sonnen tanzten lind, - Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte. - Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte - Begeistert sich im blauen Riesen-Wind. - - - - -Neue Gedichte -1916 -(In Buchform noch nicht veröffentlicht) - - - - - -An den Richter - - - Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein - fremdes Bette. - Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der - aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte. - Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen - Dorfes und ich - Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an. - - Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf - meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet. - Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, - betet heiser. - Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um - Fieber zu messen; - Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte - des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!! - - O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und - geschlagen. - Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden. - Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, - gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im - Frevel und wertlos in der Reue, - Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein - Richter -- und muß mich hassen! - - Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts - dagegen, bekenne dennoch: - Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und - schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch -- - Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit - zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, - Sorge mit sorglosem Schwachsinn. - Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden - Vieh vergleiche. - - Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich - wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe. - Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach - ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht. - Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage? - Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der - Schuld empören?! - - Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht - ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter. - Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, - Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich. - Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten - Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken! - Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du - bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen. - - Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an - meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn. - Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, - und mache diesen Gesang den Schlafenden kund. - Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, - ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit - des Herzens! - Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos. - - Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und - ruhig atmen. - Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und - Gestern, dies Immer und Ewig! - Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über - diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist. - Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen - und großen Steppen schenken! - - - - -Gebet um Reinheit - - - Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche. - Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder. - Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens, - Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände - spülen. - - O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen! - O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt! - Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und - spülst, - Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle? - - Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises. - Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend - der Waschung wartet. - Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne - wahr zu sein. - Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner - Eitelkeit verstummt. - - Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen, - Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen - Feind! - Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht - einmal sosehr, um uns Feinde zu sein. - Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt, - und an alle meine Tore pocht. - - Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und - Völlerei treibt, - Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster - die Hungrigen drängen. - Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre - raucht und fett wird, - Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner - Seele verpraßt. - - Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz - verkehrt und in Selbstbetrug. - Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und - meine Liebe mit Trägheit erstickt, - Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur - Wollust des Sieges an den Spieltischen, - Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin. - - Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich - zu dieser Zwieheit gemacht? - Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o - Du Gewässer! - Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die - Zahl Zwei. - Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur - Waschung. - - Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen - Feind, töte mich, ertränke diesen Mich! - Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, - selig die einfach Bösen! - Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und - abnehmenden Gegenspieler. - O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir! - - - - -Einem Denker - - - Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt. - Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel - entdeckt. - Meine Sphäre war traurig, - Ihr mißfiel Deine Art - An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt, - Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft. - - Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund! - Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers! - Wie deute ich mir, - Wie verstünd ich's, - Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die - gleichgültigen Räume trägst, - Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir - vorbei, Du nicht Erwachter!? - - Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer? - Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer! - Denn wer zu Gericht sitzt, - Über die Sünder, - Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu - gedenken, darf sein Wesen vergessen, - Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun. - - Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab - davon! - Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu - Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns. - Du aber bist wie ein Knabe, - Und scheinst nicht zu wissen, - Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem - Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . . - Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten - Triumphschrei zum Gespött machen. - - Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst. - Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die - Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung. - Kennst Du die starke Waffe - Der wirklichen Sieger? - Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie - ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . . - Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich - erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt! - - Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der - Gerichtshöfe ist. - Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die - Unterscheidung der Worte. - Aber die Worte sind - Bedingter noch als die Dinge. - Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der - Geist der Worte - Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber - eitel und trostlos für die Leidenden. - - Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und - Dich vereinsamt. - Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so - groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint. - In Dir ist aber noch - Der alte Adam allzusehr! - So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie - und ihre Vollkommenheit, - Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung - ist. - - Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben - Sterbenden rasten, - Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die - Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben. - Du kennst jene Weisheit nicht, - Höher als alles Mitleid! - Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern - Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir - alle Hände haben, - Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem - Leben vergießt. - - - - -Ballade von Wahn und Tod - - - Im großen Raum des Tags - Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, - Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt - Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags - Mein Ohr die Stunde traf, - Als ich gebeugt saß über mich zu sehr. - Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf. - - Wie deut' ich diesen Schlaf, - Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann - In Dunkelheit, so mich eine Zeit - In mein Herz traf? - Und als ich kam empor, - In Traum auftauchend Atemgang begann, - Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche - Tor. - - Nun höret, Freunde, es! - Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand. - Ich stand gebannt an kalter Wand. - O schwarzes, schreckliches - Gedenken, da ich ihn nicht fand, - Den Leichten, der mich so ging an - Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner - leichten Hand. - - Es fügte sich kein Schein, - Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht, - Und unterm Bild vergeht und schwillt, - Das kleine Licht ging ein. - Es trat kein schwarzer Engel vor, - Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein! - Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor. - - Und auch kein Wort erscholl. - Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief. - Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt. - Weh, trocken, leicht und toll - Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß. - Mich nahm ein Wort und Wind mit fort, - Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das - Wort hieß: rettungslos. - - O letzte Angst und Schmerz! - O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus! - O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt. - Ich stand in schwarzem Erz, - Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein, - Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein. - Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und - fallen, den Fluß: Allein - - Und da es war also, - Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß. - Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur. - Und ich erkannte so, - Warum da leicht und fein die Hand mich schlug, - Die schwach an meine Stirne fuhr, - Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum - mich selber trug. - - Und als ich ihn erkannt, - Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann, - Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod. - Und nahm mir alles unverwandt, - Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt -- - Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt. - Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig - nackt. - - O Tod, o Tod, ich sah - Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein, - Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht. - -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- -- - Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein. - (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht) - Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein. - - Im großen Raum des Tags - Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum. - Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, - Der Himmel glühte noch kaum. - Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut, - Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . . - Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut. - - Ich ging, wie Tote gehn, - Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn. - Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl, - Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn. - Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock - und schrie, - Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . . - Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie. - - - - -Der Tempel - - - O Tempel, in die - Zarteste Stunde gebaut, - Wenn schon die unermüdlichen - Schmetterlinge - Die kreisenden welken an - Der alten Lampe des Weisen und - Die Träumer plötzlich das Haupt - Tauchen aus tausend Fenstern. - - Tempel, - In solcher Stunde erschallend, - Läßt Du uns gehn - Über die Treppe. - Aber wenig leuchtet - Die Laterne voran des Priesters, - Wenn tief der Tierkreis - Brüllet und leis im Schlaf. - - Wie bald doch steh ich - Und schon im Kuppelsaal. - Dort aber rundet - Der offne Himmel. - Ein Morgen - Macht ihn schon fast - Zum verschwommenen Knaben. - Doch in dem hellen Boden - Findet er sich bemessen - Zu unseren Füßen wieder - Genau - Im bildenden Wasserteich. - - Wie da ruhen - Über unseren Schultern - Die einhaltenden Vögel, - Die Planeten sich aus. - Sitzen sanft eine Weil' nur, - Geschlossene Flügel - Auf atemlosen Säulen. - Trällert einer im Schlaf. - Aber als letzter - Luzifer schwirrend - Hebt sich hinweg - Morgender Stern. - Mit fernem Gelächter - Spiegelnd Gefieder - Im schon helleren Bassin. - - Nun aber seh ich - Wolken grünen im Wasser. - Sehe dreifach - Das Strandgut treiben - Im kleinen Umkreis - Des Brunnenteichs. - - Wohl weiß ich, - Und nimmer täuschet mich wer, - Mattes und Morsches. - - Drei Dinge schwimmen, - Kleines Brett Noahs, - Binsenkorb Mosis, - Holzspahn der Krippe - Drei Schatten schwimmen - Auf wachsendem Himmel. - Nun aber schreiten -- - (Da es doch bald mehr Frühe ist) - Die Männer hinaus, - Die herrlichen - Nach der Abfertigung. - Über den Brauen - Schimmern die Glatzen vor Osten - Sie neigen und schreiten, - Die Heiligen schreiten - Hinter Planeten. - Frühe Arbeiter - Und kühl - Von diesem Himmel und Frische. - So schreiten sie, - Ohne zu wecken, - Gesenkte Stirnen, - Aus allen Türen zugleich - Hinaus aus diesem - Kuppelkreis, - Die Verschmäher der Speise. - - - - -Die heilige Elisabeth - - -für Gertrud Spirk - - Wie sie geht - Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen, - Unter dem noch versagenden Himmel, - Dem atmenden Osten voraus! - Über Stufen - Steigend nieder - Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . . - - Aber es wehen noch, es fliegen - Die wahrhaft gläubigen Träumer - Durch Träume auf schlagenden Fittichen, - Über den unzähligen Morgen, - Stürzen sich in die Meere, - Brust und Haar voll Auferstehungswind. - - Ihre Füße lächeln - Über die Steine nieder. - Doch in den harten - Gebeizten Händen - Hält sie, die Dienende, - Den gedeckten Korb. - - Nun drängen schon - Hunde und räudige Krüppel, - Krähende Tolle - Sich an das Jenseits ihres Knies. - Bettler mit Näpfen - Heben sich auf, - Gestreifte Kranke, - Lampe in Händen, - Hustende Kinder, - Betrunkene Greise, - Huren, Gelichter, sterbende Sünder, - Wanken geschlossenen Auges ihr nach. - - Schon heult die Stadt auf - Und ächzt in ihren Morgen ein. - Durch den Nebel der Kaserne - Bricht die entsetzliche Trompete. - In den Asylen krächzt - Der Greis, gewälzt von der Bettstatt. - Flößerruf! - Die schweren unseligen Pferde - Neigen in Höfen ihr Haupt. - - Sie geht noch, - Eh sie verfließt, - Eh ihr Aufwärtslächeln - Sich einmischt in die Antwort des Himmels, - Sie geht noch die Magd, - Sie weht noch die hohe Deutsche . . . - O Dämmerung ihres Haars, - O Schritt, o Blick, - Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde! - - - - -Der Ruf - - - So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor, - Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu. - Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind. - - Dort aber war der Tag, - Wo Munde abwärts ernster werden, - Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden. - Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz. - Nicht rast das Antlitz mehr dort, - Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich. - Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort. - Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust. - - Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein. - Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug. - Das Haar im Zephyr leicht . . . - Ich rief sie an. - - Doch wie sie sich wandte, - Wie sie horchte nach dem Rufenden hin, - Hob in den Lüften um sie ein Kampf an. - Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind, - Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar. - Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs - Warfen sich in die Saiten der Sonne, - Töneten, sangen die Leichte zurück. - - Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten, - Und sie sah mich stehn im rollenden Tag, - Sah mich unter den brüllenden Festen: - Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit! - Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds. - Ich rief noch einmal . . . . - Wie im leichten Schmerze, - Zögernd, - Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu. - - - - -Vergessen - - - An dieses Flusses Walten wachend, - Hinüberruhend - Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang, - Habe ich Dein vergessen. - Vergaß Dein Antlitz, - Deiner Züge Niederwehn - In die offenen harten armen Händ'. - Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . . - Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin. - Das Gras braust in die Nacht. - Weh mein Gesicht ist Sünde! - - - - -Müdigkeit - - - Tiefe Schwester der Welt - Weilt auf bewimpeltem Bord, - Schützt ihren Krug vor dem Glanz, - Der schon im Westen zerstürzt. - - Mit dem Gelächter des Volks - Löst sich das Schifflein und schäumt. - Aber die Göttin und Gold - Rollt mit den Wellen noch lang. - - Herz und Atem versinkt, - Woge, in welchen Schlag? - Mischt schon die Fledermaus - Elemente und Mohn? - - Abendgestade und Blick - Schwinden hin. Kiel und Delphin. - Lebt noch über der Bucht - Maulbeer, Limone und Öl? - - - - -Schrei - - - Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen, - Ernste Frauen, - Weilende Augen ohne Ebbe, - Mit abwärts schon wachsendem Mund . . . - - Aber wir unten - Wir Knechte - In diesem Pfuhl von Luft! - Ausatmend, einatmend, - Die Zeit vertreibend, - Gute Vergesser . . . - Und dennoch - Von uns befallen, - Von uns befallen. - Im Hals den großen Skorpion, - Der an den Gaumen juckt. - Den gebundenen Teufel, - Mit Stachel und Scher', - Den mordenden Asmodi, - Der zum Mund ausführt, - Verbindlich, eitel, wohlgestalt, - Der Lügenvater - Über unsere - Edle - Von Wahrheit blutende Lippe. - - Wir unten, wir, - Hilflos wie Knechte! - Erstickt von Betrügen - Erwürgt von Verraten, - Gebeugte Auswandrer - Wir aus uns selber, - Verbrecher, verfolgt - Von gemordeten Worten. - Wettläufer ins Aus, - Preisspringer ins Ende, - Von den Türmen der Stunden -- - Zerekelt, ewiglich, elend, -- - Träge uns schleudernd in Schlaf. - - - - -Der Dichter - - - Ah! Ich habe mich ausverraten. - Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges, - Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!! - Das gepflegte Antlitz meiner Lüge, - Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit, - Enträtselt sich zur Wahrheit. - Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift, - Unerbittlich log ich Wahrheit. - Nun beginne ich mich zu bedeuten, - Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen, - Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . . - Hilflos - Höhn ich mich Hilflosen von fern an. - - - - -Inhalt - - -Aus: »_Der Weltfreund_« - - An den Leser 4 - Kindersonntagsausflug 5 - Der dicke Mann im Spiegel 7 - Im winterlichen Hospital 9 - Sterben im Walde 11 - Das Malheur 12 - Erzherzogin und Bürgermeister 14 - Der Patriarch 15 - Solo des zarten Lumpen 17 - Der schöne strahlende Mensch 18 - Wanderlied 19 - Der kriegerische Weltfreund 20 - Ich habe eine gute Tat getan 21 - - -Aus: »_Wir sind_« - - Die Unverlassene 26 - Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27 - Vater und Sohn 28 - Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29 - Balance der Welt 31 - Der Feind 32 - Eine alte Frau geht 33 - Nacht-Fragment 35 - Das erkaltende Herz 36 - Der göttliche Portier 37 - Ein Lebens-Lied 38 - Ein Anderes 40 - Amore 41 - Ich bin ja noch ein Kind 42 - - -Aus: »_Einander_« - - Lächeln Atmen Schreiten 48 - Das Jenseits 50 - Warum mein Gott 51 - Die Tugend 53 - Veni creator spiritus 54 - Abschied 56 - Der Erkennende 57 - Romanze einer Schlange 58 - Tempel-Traum 60 - Ein Abendgesang 62 - Mondlied eines Mädchens 63 - Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65 - Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67 - Luzifers Abendlied 70 - Held und Heiliger 72 - Alte Dienstboten 75 - Jesus und der Äser-Weg 77 - - -_Neue Gedichte_ - - An den Richter 82 - Gebet um Reinheit 85 - Einem Denker 88 - Ballade von Wahn und Tod 92 - Der Tempel 96 - Die heilige Elisabeth 100 - Der Ruf 102 - Vergessen 103 - Müdigkeit 104 - Schrei 105 - Der Dichter 106 - - - - -Kurt Wolff Verlag, Leipzig - - -Von _Franz Werfel_ sind erschienen: - -_Der Weltfreund._ Gedichte. - -_Wir sind._ Neue Gedichte. - -_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten. - -_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel. - -Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50. - -_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50. - - - - - -End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN *** - -***** This file should be named 41883-8.txt or 41883-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/8/8/41883/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/41883-8.zip b/41883-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 50607ed..0000000 --- a/41883-8.zip +++ /dev/null diff --git a/41883-h.zip b/41883-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8abf081..0000000 --- a/41883-h.zip +++ /dev/null diff --git a/41883-h/41883-h.htm b/41883-h/41883-h.htm index 20fc228..27aa593 100644 --- a/41883-h/41883-h.htm +++ b/41883-h/41883-h.htm @@ -2,9 +2,9 @@ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> <html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> <head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel</title> -<!-- TITLE="Gesänge aus den drei Reichen" --> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel</title> +<!-- TITLE="Gesänge aus den drei Reichen" --> <!-- AUTHOR="Franz Werfel" --> <!-- LANGUAGE="de" --> @@ -126,50 +126,16 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; } </head> <body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Gesänge aus den drei Reichen - Ausgewählte Gedichte - -Author: Franz Werfel - -Release Date: January 20, 2013 [EBook #41883] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 ***</div> <h1 style="line-height:1em; font-weight:normal; letter-spacing:0.1em; margin-bottom:1em;"> <span style="font-size:1em;"> -Gesänge<br /> +Gesänge<br /> aus den drei<br /> Reichen </span> <br /> -<span style="font-size:0.6em;">Ausgewählte Gedichte<br /> +<span style="font-size:0.6em;">Ausgewählte Gedichte<br /> von</span><br /> <span style="font-size:0.8em;">Franz Werfel</span> </h1> @@ -184,8 +150,8 @@ Leipzig </p> <p class="center" style="page-break-before:always; font-size:0.8em; margin-top:5em; margin-bottom:5em; margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:27em; letter-spacing:0.1em;"> -Bücherei<br /> -Der jüngste Tag <br /> +Bücherei<br /> +Der jüngste Tag <br /> 29./30. Band<br /> Zweite Auflage </p> @@ -212,37 +178,37 @@ An den Leser <div class="poem"> <p class="line">Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!</p> <p class="line">Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,</p> - <p class="line">Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,</p> + <p class="line">Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,</p> <p class="line">Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?</p> - <p class="line">Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.</p> + <p class="line">Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?</p> + <p class="line">Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.</p> <p class="line">Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,</p> - <p class="line">Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!</p> + <p class="line">Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß</p> - <p class="line">Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,</p> - <p class="line">Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,</p> - <p class="line">Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.</p> + <p class="line">Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß</p> + <p class="line">Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,</p> + <p class="line">Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,</p> + <p class="line">Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> <p class="line">Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,</p> - <p class="line">Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.</p> - <p class="line">Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,</p> - <p class="line">Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.</p> + <p class="line">Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.</p> + <p class="line">Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,</p> + <p class="line">Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">So gehöre ich Dir und Allen!</p> + <p class="line">So gehöre ich Dir und Allen!</p> <p class="line">Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!</p> - <p class="line">O, könnte es einmal geschehn,</p> - <p class="line">Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!</p> + <p class="line">O, könnte es einmal geschehn,</p> + <p class="line">Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-2"> @@ -252,8 +218,8 @@ Kindersonntagsausflug <div class="poem"> <p class="line">Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.</p> <p class="line">Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.</p> - <p class="line">Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, Gerüste und Piloten,</p> - <p class="line">Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!</p> + <p class="line">Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, Gerüste und Piloten,</p> + <p class="line">Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!</p> </div> <div class="poem"> @@ -261,37 +227,37 @@ Kindersonntagsausflug <a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> <p class="line">Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.</p> <p class="line">An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und Ankerlichten,</p> - <p class="line">An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und Malayen schrein.</p> + <p class="line">An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und Malayen schrein.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien eingefangen.</p> - <p class="line">Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.</p> - <p class="line">Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen sprangen,</p> - <p class="line">Dann riß ein Mann an der Glocke — Die</p> - <p class="line">Maschinen unter uns stampften und rührten sich.</p> + <p class="line">Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien eingefangen.</p> + <p class="line">Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.</p> + <p class="line">Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen sprangen,</p> + <p class="line">Dann riß ein Mann an der Glocke — Die</p> + <p class="line">Maschinen unter uns stampften und rührten sich.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,</p> - <p class="line">Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem Wahnsinn fort,</p> - <p class="line">Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne</p> - <p class="line">Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. —</p> + <p class="line">Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,</p> + <p class="line">Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem Wahnsinn fort,</p> + <p class="line">Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne</p> + <p class="line">Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. —</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,</p> - <p class="line">Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.</p> + <p class="line">Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,</p> + <p class="line">Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.</p> <a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> - <p class="line">Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,</p> - <p class="line">Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten sie hervor.</p> + <p class="line">Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,</p> + <p class="line">Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten sie hervor.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,</p> - <p class="line">Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.</p> + <p class="line">Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,</p> + <p class="line">Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.</p> <p class="line">Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,</p> - <p class="line">Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde Militärmusik.</p> + <p class="line">Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde Militärmusik.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-3"> @@ -311,36 +277,36 @@ Der dicke Mann im Spiegel <p class="line">Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.</p> <a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> <p class="line2">Eben abgelegt,</p> - <p class="line2">Hängt er unbewegt,</p> - <p class="line">Klein und müde an der Türe dort.</p> + <p class="line2">Hängt er unbewegt,</p> + <p class="line">Klein und müde an der Türe dort.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,</p> + <p class="line">Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,</p> <p class="line">Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,</p> <p class="line2">Lieblich stand verwundert,</p> <p class="line2">Der vorher getschundert</p> - <p class="line">Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.</p> + <p class="line">Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht</p> - <p class="line">Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.</p> - <p class="line2">Oft zu schnöder Zeit,</p> - <p class="line2">Hör im Traum ich weit</p> - <p class="line">Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.</p> + <p class="line">Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.</p> + <p class="line2">Oft zu schnöder Zeit,</p> + <p class="line2">Hör im Traum ich weit</p> + <p class="line">Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?</p> - <p class="line">Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.</p> - <p class="line2">Wenn sie doch schon käme</p> - <p class="line2">Und es mit sich nähme,</p> + <p class="line">Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.</p> + <p class="line2">Wenn sie doch schon käme</p> + <p class="line2">Und es mit sich nähme,</p> <p class="line">Das dort oben leise singt, das Licht!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,</p> + <p class="line">Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,</p> <p class="line">Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.</p> <p class="line2">Nur der dicke Mann</p> <p class="line2">Schaut mich hilflos an,</p> @@ -353,7 +319,7 @@ Im winterlichen Hospital </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Himmel wird sich bald entblättern,</p> + <p class="line">Himmel wird sich bald entblättern,</p> <p class="line">Aber Licht ist noch genug.</p> <p class="line">Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern</p> <p class="line">Von Winterwind ein Flug.</p> @@ -361,42 +327,42 @@ Im winterlichen Hospital </div> <div class="poem"> - <p class="line">Draußen gibt es Blumen zu kaufen,</p> - <p class="line">Da sind Kinder vorübergelaufen.</p> - <p class="line">Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.</p> - <p class="line">Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .</p> + <p class="line">Draußen gibt es Blumen zu kaufen,</p> + <p class="line">Da sind Kinder vorübergelaufen.</p> + <p class="line">Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.</p> + <p class="line">Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">O Verband, der erlöst! — Nicht regen, nicht rühren!</p> - <p class="line">Doch kann ich noch spüren,</p> - <p class="line">Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen</p> - <p class="line">Vom Lande stößt.</p> + <p class="line">O Verband, der erlöst! — Nicht regen, nicht rühren!</p> + <p class="line">Doch kann ich noch spüren,</p> + <p class="line">Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen</p> + <p class="line">Vom Lande stößt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Vorbei — vorbei</p> - <p class="line">An Wildnis und Fläche!</p> - <p class="line">Dort stürzen Bäche,</p> + <p class="line">An Wildnis und Fläche!</p> + <p class="line">Dort stürzen Bäche,</p> <p class="line">Schon atmet die Steppe,</p> <p class="line">Die ewige frei. . .</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Was tönt im Haus,</p> - <p class="line">Gedämpft über die Treppe?</p> + <p class="line">Was tönt im Haus,</p> + <p class="line">Gedämpft über die Treppe?</p> <p class="line">Ist die Besuchsstunde schon aus?</p> <a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> - <p class="line">Jetzt liegen die kranken Brüder da,</p> + <p class="line">Jetzt liegen die kranken Brüder da,</p> <p class="line">Einen lieben Gegenstand in der Hand,</p> <p class="line">Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,</p> <p class="line">Und, ach, ein neuer Engelhornband.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich will nicht klagen, daß niemand</p> + <p class="line">Ich will nicht klagen, daß niemand</p> <p class="line">Im fremden Land</p> - <p class="line">Meine Türe aufgetan</p> + <p class="line">Meine Türe aufgetan</p> <p class="line">Freundlich mir zugewandt.</p> </div> @@ -409,7 +375,7 @@ Im winterlichen Hospital </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nun hat es sich doch erfüllt!</p> + <p class="line">Nun hat es sich doch erfüllt!</p> <p class="line">O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!</p> <p class="line">O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden</p> <p class="line">Erschlagene Krieger zu sein!</p> @@ -419,14 +385,14 @@ Im winterlichen Hospital <p class="line">Da kamst Du immer dem treuen,</p> <p class="line">Dem Knaben Blumen zu streuen.</p> <p class="line">So ist es wieder geschehn?</p> - <p class="line">Schon stürzten die Speere und Schilde,</p> + <p class="line">Schon stürzten die Speere und Schilde,</p> <a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> <p class="line">Nun darf auch mein armes Gefilde</p> - <p class="line">In Abend und Tränen stehn.</p> + <p class="line">In Abend und Tränen stehn.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">„Schwester, so spät ist es schon?“</p> + <p class="line">„Schwester, so spät ist es schon?“</p> <p class="line">„Ja, ich bringe die Abendbouillon.“</p> </div> @@ -439,7 +405,7 @@ Im winterlichen Hospital <p class="line">Im Dunkeln, im Hellen,</p> <p class="line">An niedrigen Feuern,</p> <p class="line">Nach Abenteuern</p> - <p class="line">Gelagerte Männer</p> + <p class="line">Gelagerte Männer</p> <p class="line">Bereiten ein Mahl.</p> </div> @@ -448,33 +414,33 @@ Sterben im Walde </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,</p> - <p class="line">Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen</p> + <p class="line">Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,</p> + <p class="line">Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen</p> <p class="line">Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.</p> - <p class="line">Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.</p> + <p class="line">Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.</p> + <p class="line">Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.</p> <a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> <p class="line">Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.</p> <p class="line">Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.</p> <p class="line">Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.</p> - <p class="line">Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.</p> + <p class="line">Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,</p> - <p class="line">Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine Lippen nicht.</p> + <p class="line">Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine Lippen nicht.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,</p> + <p class="line">Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,</p> <p class="line">Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und meine Seele fällt ein:</p> + <p class="line">Und meine Seele fällt ein:</p> <p class="line2"><span class="em">Du bist auf der Welt!</span></p> <p class="line">Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.</p> </div> @@ -484,83 +450,83 @@ Das Malheur </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs stumm,</p> + <p class="line">Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs stumm,</p> <p class="line">Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.</p> <a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> - <p class="line">Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,</p> + <p class="line">Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,</p> <p class="line">Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.</p> - <p class="line">Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.</p> + <p class="line">Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.</p> + <p class="line">Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und</p> + <p class="line">Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und</p> <p class="line">Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.</p> - <p class="line">Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.</p> + <p class="line">Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in den Schoß</p> - <p class="line">Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut und grenzenlos.</p> + <p class="line">In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in den Schoß</p> + <p class="line">Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut und grenzenlos.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,</p> + <p class="line">Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,</p> <p class="line">War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-7"> <a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Erzherzogin und Bürgermeister +Erzherzogin und Bürgermeister </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,</p> - <p class="line">Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.</p> + <p class="line">Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,</p> + <p class="line">Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,</p> - <p class="line">War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.</p> + <p class="line">Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,</p> + <p class="line">War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.</p> - <p class="line">Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.</p> + <p class="line">Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise und verzagt.</p> - <p class="line">Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.</p> + <p class="line">Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und während sie manches sprach, was dachte sie?</p> - <p class="line">Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.</p> + <p class="line">Und während sie manches sprach, was dachte sie?</p> + <p class="line">Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> - <p class="line">Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen vergaß,</p> - <p class="line">Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.</p> + <p class="line">Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen vergaß,</p> + <p class="line">Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses Los,</p> - <p class="line">Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.</p> + <p class="line">Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses Los,</p> + <p class="line">Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,</p> - <p class="line">Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,</p> + <p class="line">Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,</p> - <p class="line">Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.</p> + <p class="line">Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,</p> + <p class="line">Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-8"> @@ -568,8 +534,8 @@ Der Patriarch </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.</p> - <p class="line">O könnt’ ich hier — ein Patriarch — die atmende Gemeine lehren!</p> + <p class="line">Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.</p> + <p class="line">O könnt’ ich hier — ein Patriarch — die atmende Gemeine lehren!</p> <a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> <p class="line">Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren</p> <p class="line">Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.</p> @@ -578,20 +544,20 @@ Der Patriarch <div class="poem"> <p class="line">Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch</p> <p class="line">Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.</p> - <p class="line">Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,</p> + <p class="line">Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,</p> <p class="line">In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,</p> - <p class="line">Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,</p> - <p class="line">Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!</p> + <p class="line">Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,</p> + <p class="line">Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,</p> + <p class="line">Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,</p> - <p class="line">Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,</p> - <p class="line">Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten</p> + <p class="line">Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,</p> + <p class="line">Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,</p> + <p class="line">Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-9"> @@ -602,52 +568,52 @@ Solo des zarten Lumpen <div class="poem"> <p class="line">Nun wieder eine Nacht durchjohlt</p> <p class="line">Ist rings der Stadtpark aufgewacht.</p> - <p class="line">Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.</p> - <p class="line">In der durchsichtigen Frühe.</p> - <p class="line">Nach falschbekränzter Nacht</p> + <p class="line">Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.</p> + <p class="line">In der durchsichtigen Frühe.</p> + <p class="line">Nach falschbekränzter Nacht</p> <p class="line">Hast Du mich eingeholt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wie ich Dich gestern sah. . .</p> - <p class="line">Bewegte Straße glitt</p> - <p class="line">Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,</p> - <p class="line">Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,</p> + <p class="line">Bewegte Straße glitt</p> + <p class="line">Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,</p> + <p class="line">Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,</p> <p class="line">Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,</p> <p class="line">Du Schlanke fern und nah!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Gefühl, geheimer Sinn</p> + <p class="line">Gefühl, geheimer Sinn</p> <p class="line">Und ein Gedanke kam.</p> <p class="line">Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten Erden.</p> <p class="line">Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! —</p> <p class="line">Warum zerschmilzt mich Scham?</p> - <p class="line">Was reißt mich Wonne hin?</p> + <p class="line">Was reißt mich Wonne hin?</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Noch höher bist Du bald</p> - <p class="line">Und weiter mir entrückt.</p> + <p class="line">Noch höher bist Du bald</p> + <p class="line">Und weiter mir entrückt.</p> <a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> - <p class="line">Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden</p> - <p class="line">Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,</p> - <p class="line">Von Schmerz und Glück bedrückt,</p> + <p class="line">Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden</p> + <p class="line">Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,</p> + <p class="line">Von Schmerz und Glück bedrückt,</p> <p class="line">Nun mildere Gestalt!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">In die Natur und Pflicht</p> - <p class="line">Wächst lieblich Du hinein.</p> - <p class="line">Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,</p> - <p class="line">In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;</p> + <p class="line">Wächst lieblich Du hinein.</p> + <p class="line">Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,</p> + <p class="line">In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;</p> <p class="line">Du denkst an Dinge rein,</p> <p class="line">An Windeln, Kindgewicht.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Drum soll es so geschehn!</p> - <p class="line">Von Wolken lieb umdrängt,</p> + <p class="line">Von Wolken lieb umdrängt,</p> <p class="line">Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!</p> <p class="line">Ich will Dich bebend hochbeloben,</p> <p class="line">Und Blick und Bart gesenkt</p> @@ -655,26 +621,26 @@ Solo des zarten Lumpen </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-10"> -Der schöne strahlende Mensch +Der schöne strahlende Mensch </h2> <div class="poem"> <p class="line">Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,</p> - <p class="line">Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,</p> - <p class="line">Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen</p> + <p class="line">Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,</p> + <p class="line">Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen</p> <p class="line">Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> - <p class="line">Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,</p> - <p class="line">Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,</p> - <p class="line">Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen</p> + <p class="line">Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,</p> + <p class="line">Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,</p> + <p class="line">Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen</p> <p class="line">Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,</p> + <p class="line">Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,</p> <p class="line">Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,</p> <p class="line">Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.</p> </div> @@ -682,7 +648,7 @@ Der schöne strahlende Mensch <div class="poem"> <p class="line">Ich will mich auf den Rasen niedersetzen</p> <p class="line">Und mit der Erde in den Abend fahren.</p> - <p class="line">Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!</p> + <p class="line">Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-11"> @@ -691,17 +657,17 @@ Wanderlied <div class="poem"> <p class="line">Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,</p> - <p class="line">Die einst kies- und straßenüber klangen?</p> + <p class="line">Die einst kies- und straßenüber klangen?</p> <p class="line">Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,</p> - <p class="line">Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,</p> + <p class="line">Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,</p> <p class="line">Deine Schritte laufen oder schleppen</p> - <p class="line">Ewig weiter über Weg und Treppen.</p> + <p class="line">Ewig weiter über Weg und Treppen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,</p> - <p class="line">Die Dein wallendes Gemüt geboren?</p> - <p class="line">Hangend in den Häusern, unter Toren,</p> + <p class="line">Die Dein wallendes Gemüt geboren?</p> + <p class="line">Hangend in den Häusern, unter Toren,</p> <p class="line">Sinken sie in vorbestimmte Ohren,</p> <a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> <p class="line">Bilden sich zu wunderlicher Stunde,</p> @@ -709,12 +675,12 @@ Wanderlied </div> <div class="poem"> - <p class="line">Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,</p> + <p class="line">Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,</p> <p class="line">Schritt und Worte, die ins Weite reisen?</p> - <p class="line">Oder wähnst Du, daß der graue, alte</p> + <p class="line">Oder wähnst Du, daß der graue, alte</p> <p class="line">Ahnherr diese sprach und jene wallte?</p> <p class="line">Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,</p> - <p class="line">Daß Du selbst der Bärtige gewesen?</p> + <p class="line">Daß Du selbst der Bärtige gewesen?</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-1-12"> @@ -724,40 +690,40 @@ Der kriegerische Weltfreund <div class="poem"> <p class="line">Schon bin ich voll und klar,</p> <p class="line">Dem noch so arg zu Mut.</p> - <p class="line">Der bös und bitter war</p> + <p class="line">Der bös und bitter war</p> <p class="line">Nun ist er gut.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Bosheit, die mich zerwirrt,</p> - <p class="line">Rache und falscher Stoß,</p> - <p class="line">Ach, meine Güte wird</p> - <p class="line">An ihnen groß!</p> + <p class="line">Rache und falscher Stoß,</p> + <p class="line">Ach, meine Güte wird</p> + <p class="line">An ihnen groß!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Schäumst Du noch, dunkles Blut,</p> + <p class="line">Schäumst Du noch, dunkles Blut,</p> <p class="line">Wenn Hohn sich feig vermummt,</p> - <p class="line">Sternaufgebäumte Wut,</p> + <p class="line">Sternaufgebäumte Wut,</p> <p class="line">Bist Du verstummt?</p> <a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> - <p class="line">Der sich zu Boden schmiß,</p> + <p class="line">Der sich zu Boden schmiß,</p> <p class="line">Keuchend und krankgehetzt,</p> - <p class="line">Nachts in die Pölster biß</p> - <p class="line">Wie tönt er jetzt?</p> + <p class="line">Nachts in die Pölster biß</p> + <p class="line">Wie tönt er jetzt?</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Bosheit und feigen Hohn,</p> - <p class="line">Alles, was falsch mich haßt,</p> + <p class="line">Alles, was falsch mich haßt,</p> <p class="line">— O wie stark bin ich schon —</p> <p class="line">Lad ich zu Gast</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Dämonen in Erz und Stahl</p> + <p class="line">Dämonen in Erz und Stahl</p> <p class="line">Wandeln sich, werden rein,</p> - <p class="line">Stürze mit einem Mal</p> + <p class="line">Stürze mit einem Mal</p> <p class="line">In mich herein.</p> </div> @@ -787,37 +753,37 @@ Ich habe eine gute Tat getan <div class="poem"> <p class="line">Tausend gute Taten will ich tun!</p> - <p class="line">Ich fühle schon,</p> + <p class="line">Ich fühle schon,</p> <p class="line">Wie mich alles liebt,</p> <p class="line">Weil ich alles liebe!</p> - <p class="line">Hinström ich voll Erkenntniswonne!</p> - <p class="line">Du mein letztes, süßestes,</p> - <p class="line">Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!</p> + <p class="line">Hinström ich voll Erkenntniswonne!</p> + <p class="line">Du mein letztes, süßestes,</p> + <p class="line">Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!</p> <p class="line"><span class="em">Wohlwollen!</span></p> <p class="line">Tausend gute Taten will ich tun.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Schönste Befriedigung</p> + <p class="line">Schönste Befriedigung</p> <p class="line">Wird mir zu Teil:</p> <p class="line">Dankbarkeit!</p> <p class="line">Dankbarkeit der Welt.</p> - <p class="line">Stille Gegenstände</p> + <p class="line">Stille Gegenstände</p> <p class="line">Werfen sich mir in die Arme.</p> - <p class="line">Stille Gegenstände,</p> - <p class="line">Die ich in einer erfüllten Stunde</p> + <p class="line">Stille Gegenstände,</p> + <p class="line">Die ich in einer erfüllten Stunde</p> <p class="line">Wie brave Tiere streichelte.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Mein Schreibtisch knarrt,</p> - <p class="line">Ich weiß, er will mich umarmen.</p> + <p class="line">Ich weiß, er will mich umarmen.</p> <a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> - <p class="line">Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,</p> + <p class="line">Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,</p> <p class="line">Geheimnisvoll und ungeschickt</p> <p class="line">Klingen alle Saiten zusammen.</p> <p class="line">Das Buch, das ich lese</p> - <p class="line">Blättert selbst sich auf.</p> + <p class="line">Blättert selbst sich auf.</p> </div> <div class="poem"> @@ -826,19 +792,19 @@ Ich habe eine gute Tat getan </div> <div class="poem"> - <p class="line">Einst will ich durch die grüne Natur wandern,</p> - <p class="line">Da werden mich die Bäume</p> + <p class="line">Einst will ich durch die grüne Natur wandern,</p> + <p class="line">Da werden mich die Bäume</p> <p class="line">Und Schlingpflanzen verfolgen,</p> - <p class="line">Die Kräuter und Blumen</p> + <p class="line">Die Kräuter und Blumen</p> <p class="line">Holen mich ein,</p> <p class="line">Tastende Wurzeln umfassen mich schon,</p> - <p class="line">Zärtliche Zweige</p> + <p class="line">Zärtliche Zweige</p> <p class="line">Binden mich fest,</p> - <p class="line">Blätter überrieseln mich,</p> - <p class="line">Sanft wie ein dünner,</p> - <p class="line">Schütterer Wassersturz.</p> - <p class="line">Viele Hände greifen nach mir,</p> - <p class="line">Viele grüne Hände</p> + <p class="line">Blätter überrieseln mich,</p> + <p class="line">Sanft wie ein dünner,</p> + <p class="line">Schütterer Wassersturz.</p> + <p class="line">Viele Hände greifen nach mir,</p> + <p class="line">Viele grüne Hände</p> <p class="line">Ganz umnistet</p> <p class="line">Von Liebe und Lieblichkeit</p> <p class="line">Steh ich gefangen.</p> @@ -872,27 +838,27 @@ Die Unverlassene<br /> <p class="line">Du bist von Ferne aufgewacht,</p> <p class="line">Und neben Dir ist Schnarchen schwer.</p> <p class="line">Und ach vom Gitterbettchen her</p> - <p class="line">Ein Weinen klein und unbewußt.</p> - <p class="line">Da schlägst Du Deine Decke um,</p> - <p class="line">Nimmst ohne Glück und stumm</p> + <p class="line">Ein Weinen klein und unbewußt.</p> + <p class="line">Da schlägst Du Deine Decke um,</p> + <p class="line">Nimmst ohne Glück und stumm</p> <p class="line">Das Kind an Deine Brust.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wenn mühsam Tag sich näher drängt</p> - <p class="line">Und Dich in Erdenlos verfängt,</p> - <p class="line">Wird Schoß und Lippe wissensschwer,</p> - <p class="line">Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,</p> - <p class="line">Wächst Dir ums Aug’ der dunkle Strich,</p> + <p class="line">Wenn mühsam Tag sich näher drängt</p> + <p class="line">Und Dich in Erdenlos verfängt,</p> + <p class="line">Wird Schoß und Lippe wissensschwer,</p> + <p class="line">Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,</p> + <p class="line">Wächst Dir ums Aug’ der dunkle Strich,</p> <p class="line">Gedenke und erinnere Dich,</p> - <p class="line">Daß jener Bot’ aus besserer Welt</p> - <p class="line">Dich seltsam in der Seele hält!</p> + <p class="line">Daß jener Bot’ aus besserer Welt</p> + <p class="line">Dich seltsam in der Seele hält!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Weißt Du, weißt Du den Abendgang,</p> + <p class="line">Weißt Du, weißt Du den Abendgang,</p> <p class="line">Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?</p> - <p class="line">Wer fühlte einst im Elternhaus,</p> + <p class="line">Wer fühlte einst im Elternhaus,</p> <p class="line">Wer Dich in Ewigkeit voraus?</p> <p class="line">Wenn Du Dich einsam meinst,</p> <p class="line">Wer kannte schon den Schmerzenston,</p> @@ -902,21 +868,21 @@ Die Unverlassene<br /> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-2"> -Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte +Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte</p> - <p class="line">Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,</p> - <p class="line">Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,</p> - <p class="line">Mühselig Millionen Unterdrückte?</p> + <p class="line">Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte</p> + <p class="line">Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,</p> + <p class="line">Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,</p> + <p class="line">Mühselig Millionen Unterdrückte?</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,</p> - <p class="line">War Arbeit um uns und die Erde wärmte.</p> - <p class="line">Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,</p> - <p class="line">Es lebten und es starben Niebeglückte!</p> + <p class="line">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,</p> + <p class="line">War Arbeit um uns und die Erde wärmte.</p> + <p class="line">Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,</p> + <p class="line">Es lebten und es starben Niebeglückte!</p> </div> <div class="poem"> @@ -926,9 +892,9 @@ Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!</p> + <p class="line">Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!</p> <p class="line">Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,</p> - <p class="line">Wie werd’ ich diese Schuld bezahlen müssen!?</p> + <p class="line">Wie werd’ ich diese Schuld bezahlen müssen!?</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-3"> @@ -938,25 +904,25 @@ Vater und Sohn <div class="poem"> <p class="line">Wie wir einst im grenzenlosen Lieben</p> - <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben</p> + <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben</p> <p class="line">Zu der Seligen Lust —</p> - <p class="line">Uranos erschloß des Busens Bläue,</p> + <p class="line">Uranos erschloß des Busens Bläue,</p> <p class="line">Und vereint in lustiger Kindertreue</p> <p class="line">Schaukelten wir da durch seine Brust.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Aber weh! der Äther ging verloren,</p> - <p class="line">Welt erbraust und Körper ward geboren,</p> + <p class="line">Aber weh! der Äther ging verloren,</p> + <p class="line">Welt erbraust und Körper ward geboren,</p> <p class="line">Nun sind wir entzweit.</p> - <p class="line">Düster von erbosten Mittagsmählern</p> - <p class="line">Treffen sich die Blicke stählern,</p> + <p class="line">Düster von erbosten Mittagsmählern</p> + <p class="line">Treffen sich die Blicke stählern,</p> <p class="line">Feindlich und bereit.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und in seinem schwarzen Mantelschwunge</p> - <p class="line">Trägt der Alte wie der Junge</p> + <p class="line">Trägt der Alte wie der Junge</p> <p class="line">Eisen hassenswert.</p> <p class="line">Die sie reden, Worte, sind von kalter</p> <p class="line">Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,</p> @@ -964,13 +930,13 @@ Vater und Sohn </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe</p> - <p class="line">Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!</p> + <p class="line">Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe</p> + <p class="line">Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!</p> <a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> - <p class="line">Daß der Orkus widerhallt.</p> - <p class="line">Und schon klirrt in unseren wilden Händen</p> + <p class="line">Daß der Orkus widerhallt.</p> + <p class="line">Und schon klirrt in unseren wilden Händen</p> <p class="line">Jener Waffen — kaum noch abzuwenden —</p> - <p class="line">Höllische Gewalt.</p> + <p class="line">Höllische Gewalt.</p> </div> <div class="poem"> @@ -978,17 +944,17 @@ Vater und Sohn <p class="line">An des Tisches hauserhabenem Frieden,</p> <p class="line">Wo das Wirre schweigt,</p> <p class="line">Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,</p> - <p class="line">Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,</p> - <p class="line">Träne auf- und niedersteigt.</p> + <p class="line">Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,</p> + <p class="line">Träne auf- und niedersteigt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.</p> - <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben,</p> + <p class="line">Späße der Unendlichkeit getrieben,</p> <p class="line">Ahnen wir im Traum.</p> <p class="line">Und die leichte Hand zuckt nach der greisen</p> <p class="line">Und in einer wunderbaren, leisen</p> - <p class="line">Rührung stürzt der Raum.</p> + <p class="line">Rührung stürzt der Raum.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-4"> @@ -1004,59 +970,59 @@ Die Witwe am Bette ihres Sohnes <div class="poem"> <a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> - <p class="line">Daß Du mich gestern verstießest,</p> + <p class="line">Daß Du mich gestern verstießest,</p> <p class="line">Hat nimmer Dich bitter gemacht.</p> - <p class="line">Daß Du mich alleine ließest</p> - <p class="line">Die ängstliche Mitternacht.</p> + <p class="line">Daß Du mich alleine ließest</p> + <p class="line">Die ängstliche Mitternacht.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und doch. Ich will Dich bewegen</p> - <p class="line">Zu Leben und nächtlichem Mut.</p> - <p class="line">Dein mächtiges Treiben und Regen</p> - <p class="line">Durchläuft meinen Schatten mit Blut.</p> + <p class="line">Zu Leben und nächtlichem Mut.</p> + <p class="line">Dein mächtiges Treiben und Regen</p> + <p class="line">Durchläuft meinen Schatten mit Blut.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">O Sohn! Dein Zechen und Speisen</p> - <p class="line">Nährt Deine Mutter, ich weiß.</p> - <p class="line">Dein Lärmen und Becherkreisen</p> + <p class="line">Nährt Deine Mutter, ich weiß.</p> + <p class="line">Dein Lärmen und Becherkreisen</p> <p class="line">Bewegt meinen Lebenskreis.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und wenn ich sitze und sticke,</p> - <p class="line">Dies Leben ist in Dich entrückt,</p> + <p class="line">Dies Leben ist in Dich entrückt,</p> <p class="line">Aus meinem vergehenden Blicke</p> - <p class="line">In Deine Augen gezückt.</p> + <p class="line">In Deine Augen gezückt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wie ich Dich bebend getragen</p> - <p class="line">Im heilig erkannten Schoß,</p> + <p class="line">Im heilig erkannten Schoß,</p> <p class="line">Du wuchsest an bildenden Tagen</p> - <p class="line">Und schmerztest und wurdest groß.</p> + <p class="line">Und schmerztest und wurdest groß.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> - <p class="line">Und wie Du aus mir gemündet,</p> + <p class="line">Und wie Du aus mir gemündet,</p> <p class="line">In Himmel und Welt und Haus,</p> - <p class="line">Und wie Du in mir Dich entzündet,</p> - <p class="line">So lösche ich in Dir aus.</p> + <p class="line">Und wie Du in mir Dich entzündet,</p> + <p class="line">So lösche ich in Dir aus.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Mein Leben ist ein Sichergießen</p> + <p class="line">Mein Leben ist ein Sichergießen</p> <p class="line">In Dein gerundetes Licht,</p> - <p class="line">Im leidenden Überfließen</p> - <p class="line">Erfüll ich die weltliche Pflicht.</p> + <p class="line">Im leidenden Überfließen</p> + <p class="line">Erfüll ich die weltliche Pflicht.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Bald bin ich nichts als Dein Lachen</p> <p class="line">Nichts als Deines Mundes Gebot.</p> - <p class="line">Laß mich Deinen Schlaf bewachen,</p> + <p class="line">Laß mich Deinen Schlaf bewachen,</p> <p class="line">Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.</p> </div> @@ -1066,7 +1032,7 @@ Balance der Welt <div class="poem"> <p class="line">Ich klag’ und klage: Harte Welt!</p> - <p class="line">Doch fühl’ ich, wie’s mich auch umstellt,</p> + <p class="line">Doch fühl’ ich, wie’s mich auch umstellt,</p> <p class="line">Wie mir hier alles harte Welt,</p> <p class="line">So bin ich allem harte Welt!</p> </div> @@ -1075,12 +1041,12 @@ Balance der Welt <p class="line">Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.</p> <p class="line">Es dreht die alten Globen fort.</p> <p class="line">Und eh’ noch unsre Zeit beginnt,</p> - <p class="line">Werden wir schuldig, daß wir sind!</p> + <p class="line">Werden wir schuldig, daß wir sind!</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> - <p class="line">Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,</p> + <p class="line">Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,</p> <p class="line">Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,</p> <p class="line">Fluchte der Vater seinem Sohn.</p> <p class="line">Du Weltgesandter bringst den Lohn.</p> @@ -1100,24 +1066,24 @@ Der Feind <div class="poem"> <p class="line">Mein Feind, dem ich entgegenspeie,</p> <p class="line">In meiner Brust versammelnd kleine Schreie</p> - <p class="line">Und in den Händen ohne Mut</p> - <p class="line">Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,</p> + <p class="line">Und in den Händen ohne Mut</p> + <p class="line">Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,</p> <p class="line">Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!</p> - <p class="line">Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,</p> - <p class="line">Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.</p> + <p class="line">Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,</p> + <p class="line">Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.</p> <p class="line">Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">In mir steht der Erzengel groß,</p> - <p class="line">Versöhnung bricht unendlich los.</p> - <p class="line">Daß wir uns schlugen und zerrissen,</p> + <p class="line">In mir steht der Erzengel groß,</p> + <p class="line">Versöhnung bricht unendlich los.</p> + <p class="line">Daß wir uns schlugen und zerrissen,</p> <p class="line">Mit dumpfem Witz und List beschmissen,</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> - <p class="line">Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich’s fassen,</p> + <p class="line">Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich’s fassen,</p> <p class="line">Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.</p> <p class="line">Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,</p> <p class="line">Die Passion zu <span class="em">diesem</span> Augenblick!</p> @@ -1126,8 +1092,8 @@ Der Feind <div class="poem"> <p class="line">Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,</p> <p class="line">Triumphtrompeten schnellen drunterher.</p> - <p class="line">Aus mir stürzt Liebe, Lieb’, Weltsinn, der dunkel lag.</p> - <p class="line">Und golden durch mich donnert jüngster Tag!</p> + <p class="line">Aus mir stürzt Liebe, Lieb’, Weltsinn, der dunkel lag.</p> + <p class="line">Und golden durch mich donnert jüngster Tag!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-7"> @@ -1136,19 +1102,19 @@ Eine alte Frau geht <div class="poem"> <p class="line">Eine alte Frau geht wie ein runder Turm</p> - <p class="line">Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.</p> + <p class="line">Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.</p> <p class="line">Schwindet schon, indem sie keucht,</p> <p class="line">Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.</p> <p class="line">Wird nun bald in einem Torgang stehen.</p> - <p class="line">Laute Stufen langsam aufwärts gehen,</p> - <p class="line">Die vom trägen Treppenlichte feucht.</p> + <p class="line">Laute Stufen langsam aufwärts gehen,</p> + <p class="line">Die vom trägen Treppenlichte feucht.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,</p> <p class="line">Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.</p> - <p class="line">Ach, sie zittert bald an Händ’ und Bein’.</p> - <p class="line">Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen</p> + <p class="line">Ach, sie zittert bald an Händ’ und Bein’.</p> + <p class="line">Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen</p> <p class="line">Aufgehobene Kost von alten Tagen</p> <a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> <p class="line">Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.</p> @@ -1156,12 +1122,12 @@ Eine alte Frau geht </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und sie weiß nicht, wie sie kaut,</p> - <p class="line">Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.</p> + <p class="line">Und sie weiß nicht, wie sie kaut,</p> + <p class="line">Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.</p> <p class="line">(Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh’)</p> <p class="line">Was aus ihr kam, steht in andern Toren,</p> - <p class="line">Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,</p> - <p class="line">Manchmal nur im Straßendrang verloren,</p> + <p class="line">Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,</p> + <p class="line">Manchmal nur im Straßendrang verloren,</p> <p class="line">Nickt ein Mann ihr freundlich „Mutter“ zu.</p> </div> @@ -1169,17 +1135,17 @@ Eine alte Frau geht <p class="line">Aber Mensch, gedenke Du in ihr,</p> <p class="line">Ungeheuer auf der Welt sind wir,</p> <p class="line">Da wir brachen in die Zeiten ein.</p> - <p class="line">Wie wir in dem Unbekannten hängen,</p> - <p class="line">Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen</p> - <p class="line">Die ins letzte uns zusammendrängen.</p> + <p class="line">Wie wir in dem Unbekannten hängen,</p> + <p class="line">Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen</p> + <p class="line">Die ins letzte uns zusammendrängen.</p> <p class="line">Diese Welt ist nicht die Welt allein.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wenn die Greisin durch die Stube schleift,</p> - <p class="line">Ach, vielleicht geschieht’s, daß sie begreift.</p> - <p class="line">Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.</p> - <p class="line">Ja, sie fühlt sich wachsender in allem</p> + <p class="line">Ach, vielleicht geschieht’s, daß sie begreift.</p> + <p class="line">Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.</p> + <p class="line">Ja, sie fühlt sich wachsender in allem</p> <p class="line">Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,</p> <p class="line">Wenn aus einem kleinen Lampenwallen</p> <p class="line">Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.</p> @@ -1192,23 +1158,23 @@ Nacht-Fragment. <div class="poem"> <p class="line">Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.</p> - <p class="line">Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn</p> - <p class="line">Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,</p> + <p class="line">Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn</p> + <p class="line">Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,</p> <p class="line">die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.</p> - <p class="line">— Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. —</p> - <p class="line">Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.</p> - <p class="line">Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl’ ich mit mir gleiten.</p> + <p class="line">So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.</p> + <p class="line">— Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. —</p> + <p class="line">Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.</p> + <p class="line">Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl’ ich mit mir gleiten.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!</p> - <p class="line">Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.</p> - <p class="line">Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,</p> - <p class="line">Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!</p> + <p class="line">Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.</p> + <p class="line">Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,</p> + <p class="line">Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!</p> </div> <div class="poem"> @@ -1218,7 +1184,7 @@ Nacht-Fragment. <p class="line">Wir seh’n uns an und schweigen im gleichen Raum.</p> <a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> <p class="line">Ihr Unerreichbaren all’, die wir voneinander wissen!</p> - <p class="line">Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!</p> + <p class="line">Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-9"> @@ -1227,10 +1193,10 @@ Das erkaltende Herz <div class="poem"> <p class="line">Geschwisterliebe war einst.</p> - <p class="line">Ich lief mit dem Mädi über die Wege</p> + <p class="line">Ich lief mit dem Mädi über die Wege</p> <p class="line">Und die Himmel, die vielen waren rege,</p> - <p class="line">Die unergründlichen Berge standen weit —</p> - <p class="line">Und im Zimmer die stündliche Zeit.</p> + <p class="line">Die unergründlichen Berge standen weit —</p> + <p class="line">Und im Zimmer die stündliche Zeit.</p> </div> <div class="poem"> @@ -1243,64 +1209,64 @@ Das erkaltende Herz </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,</p> + <p class="line">Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,</p> <p class="line">Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,</p> <p class="line">Bis treu der andre Atem kam.</p> - <p class="line">Da war man so gewiß,</p> - <p class="line">Daß Gott sei und man niemals lahm</p> - <p class="line">Und niemals anders würde.</p> + <p class="line">Da war man so gewiß,</p> + <p class="line">Daß Gott sei und man niemals lahm</p> + <p class="line">Und niemals anders würde.</p> <a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> - <p class="line">das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .</p> + <p class="line">das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .</p> <p class="line">Geschwisterliebe war einst.</p> <p class="line">Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.</p> - <p class="line">Am Abend werden die Fenster groß.</p> - <p class="line">Da läßt mich mein Atem los,</p> - <p class="line">Und der Tod ist ganz in der Näh’.</p> + <p class="line">Am Abend werden die Fenster groß.</p> + <p class="line">Da läßt mich mein Atem los,</p> + <p class="line">Und der Tod ist ganz in der Näh’.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,</p> - <p class="line">Da hat sich etwas gerächt.</p> - <p class="line">Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn —</p> - <p class="line">Und die Zähne sind worden schlecht.</p> + <p class="line">Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,</p> + <p class="line">Da hat sich etwas gerächt.</p> + <p class="line">Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn —</p> + <p class="line">Und die Zähne sind worden schlecht.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und der Mund, der nichts ließ,</p> + <p class="line">Und der Mund, der nichts ließ,</p> <p class="line">Jetzt kann er euch alle lassen</p> <p class="line">Und das Herz kann nicht fassen,</p> - <p class="line">Wie es einst hieß!</p> - <p class="line">Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,</p> + <p class="line">Wie es einst hieß!</p> + <p class="line">Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,</p> <p class="line">Hinter welkendem Glas,</p> <p class="line">Die ewigen Photographien?</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-10"> -Der göttliche Portier +Der göttliche Portier </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,</p> + <p class="line">Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,</p> <p class="line">Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.</p> - <p class="line">Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.</p> - <p class="line">Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!</p> + <p class="line">Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.</p> + <p class="line">Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!</p> <a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> <p class="line">Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,</p> <p class="line">Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,</p> - <p class="line">Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,</p> - <p class="line">Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.</p> + <p class="line">Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,</p> + <p class="line">Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!</p> - <p class="line">Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter</p> - <p class="line">Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.</p> + <p class="line">Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter</p> + <p class="line">Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die winterlichen Tressen klingeln mild,</p> - <p class="line">Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter</p> - <p class="line">Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.</p> + <p class="line">Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter</p> + <p class="line">Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-11"> @@ -1308,9 +1274,9 @@ Ein Lebens-Lied </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Feindschaft ist unzulänglich.</p> + <p class="line">Feindschaft ist unzulänglich.</p> <p class="line">Der Wille und die Taten,</p> - <p class="line">Ein erdbewußtes Leben</p> + <p class="line">Ein erdbewußtes Leben</p> <p class="line">In sich, was sind sie, Welt?</p> <p class="line">Es schwebt in jedem Schicksal,</p> <p class="line">Im Schritt der Lust und Schmerzen,</p> @@ -1319,49 +1285,49 @@ Ein Lebens-Lied </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nur das ist unvergänglich!</p> + <p class="line">Nur das ist unvergänglich!</p> <p class="line">Sahst Du die wilden Augen</p> - <p class="line">Buckliger Bauernmädchen?</p> + <p class="line">Buckliger Bauernmädchen?</p> <a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> <p class="line">Sahst Du, wie sie sich langsam</p> <p class="line">Weltdamenhaft verschleiern,</p> <p class="line">Sahst Du in ihnen blinken,</p> - <p class="line">Das Grün von Festestraden,</p> + <p class="line">Das Grün von Festestraden,</p> <p class="line">Musik und Lampennacht?</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Sahst Du den Bart von Kranken,</p> - <p class="line">Ihr Wolken über Pappeln,</p> + <p class="line">Ihr Wolken über Pappeln,</p> <p class="line">Wie er an Gott erinnert,</p> <p class="line">Getaucht in einen Sturm?</p> - <p class="line">Sahst Du die große Güte</p> + <p class="line">Sahst Du die große Güte</p> <p class="line">Im Sterben eines Kindes?</p> - <p class="line">Wie uns der holde Körper</p> - <p class="line">Mit Zärtlichkeit entglitt?</p> + <p class="line">Wie uns der holde Körper</p> + <p class="line">Mit Zärtlichkeit entglitt?</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Sahst Du das Traurigwerden</p> - <p class="line">Von Mädchen an, am Abend?</p> - <p class="line">Wie sie die Küchen ordnen</p> + <p class="line">Von Mädchen an, am Abend?</p> + <p class="line">Wie sie die Küchen ordnen</p> <p class="line">Und fern, wie Heilige sind.</p> - <p class="line">Sahst Du die schönen Hände</p> + <p class="line">Sahst Du die schönen Hände</p> <p class="line">Durchfurchter Nachtgendarme,</p> <p class="line">Wenn sie den Hund liebkosen</p> <p class="line">Mit grobem Liebeswort?</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wer handelnd sich empörte,</p> + <p class="line">Wer handelnd sich empörte,</p> <p class="line">Bedenke doch!! Unsagbar</p> <a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> <p class="line">Mit Reden und Gestalten</p> <p class="line">Sind wir uns fern und nah!</p> - <p class="line">Daß wir hier stehn und sitzen,</p> + <p class="line">Daß wir hier stehn und sitzen,</p> <p class="line">Wer kann’s beklommen fassen?!</p> - <p class="line">Doch über allen Worten</p> - <p class="line">Verkünd’ ich, Mensch, <span class="em">wir sind</span>!!</p> + <p class="line">Doch über allen Worten</p> + <p class="line">Verkünd’ ich, Mensch, <span class="em">wir sind</span>!!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-12"> @@ -1369,33 +1335,33 @@ Ein Anderes </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war,</p> - <p class="line">Daß in ihm jene Kiefern standen</p> - <p class="line">Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p> - <p class="line">Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.</p> - <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p> + <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war,</p> + <p class="line">Daß in ihm jene Kiefern standen</p> + <p class="line">Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p> + <p class="line">Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.</p> + <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p> - <p class="line">Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk’ davon?</p> - <p class="line">Wo bin ich — und ich höre noch den Ton</p> + <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,</p> + <p class="line">Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk’ davon?</p> + <p class="line">Wo bin ich — und ich höre noch den Ton</p> <p class="line">Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,</p> - <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.</p> + <p class="line">Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wo bin ich — und ich höre noch den Ton</p> + <p class="line">Wo bin ich — und ich höre noch den Ton</p> <p class="line">Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,</p> <p class="line">Kastanien- und Laternensprache waren</p> <p class="line">Noch da und Worte — doch wo sind sie schon?</p> - <p class="line">Wo bin ich — und ich höre noch den Ton?</p> + <p class="line">Wo bin ich — und ich höre noch den Ton?</p> <a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> <p class="line">Kastanien- und Laternensprache waren</p> <p class="line">Noch da und? Atem einer breiten Schar.</p> - <p class="line">Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.</p> + <p class="line">Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.</p> <p class="line">O Ewigkeit! — Und werd’ ich es bewahren,</p> - <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p> + <p class="line">Daß einmal mein dies Leben war!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-2-13"> @@ -1411,18 +1377,18 @@ Amore <div class="poem"> <p class="line">Solang Du noch willst stehn</p> <p class="line">Auf Podien, gesehn,</p> - <p class="line">Kann Glück’s Dir nicht geschehn.</p> + <p class="line">Kann Glück’s Dir nicht geschehn.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wer sich noch nicht zerbrach,</p> - <p class="line">Sich öffnend jeder Schmach,</p> + <p class="line">Sich öffnend jeder Schmach,</p> <p class="line">Ist Gottes noch nicht wach.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wer noch mit Eifer spitzt,</p> - <p class="line">Daß er ein Weib besitzt,</p> + <p class="line">Daß er ein Weib besitzt,</p> <p class="line">Ist noch nicht ausgewitzt.</p> </div> @@ -1434,8 +1400,8 @@ Amore <div class="poem"> <a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> - <p class="line">Erst wer Erfüllung floh,</p> - <p class="line">Wächst an zum Höchsten so,</p> + <p class="line">Erst wer Erfüllung floh,</p> + <p class="line">Wächst an zum Höchsten so,</p> <p class="line">Wird letzter Sehnsucht froh.</p> </div> @@ -1453,7 +1419,7 @@ Amore <div class="poem"> <p class="line">Wohin schwillt er empor!</p> - <p class="line">Was schwingt er überm Chor</p> + <p class="line">Was schwingt er überm Chor</p> <p class="line">Unendlich sein amor’!!</p> </div> @@ -1462,7 +1428,7 @@ Ich bin ja noch ein Kind </h2> <div class="poem"> - <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p> + <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p> <p class="line">Ich bin ja noch ein Kind.</p> <p class="line">Und wage doch zu singen.</p> <p class="line">Und nenne Dich.</p> @@ -1472,77 +1438,77 @@ Ich bin ja noch ein Kind <div class="poem"> <a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> - <p class="line">Ich öffne meinen Mund,</p> - <p class="line">Eh’ Du mich ließest Deine Qualen kosten.</p> + <p class="line">Ich öffne meinen Mund,</p> + <p class="line">Eh’ Du mich ließest Deine Qualen kosten.</p> <p class="line">Ich bin gesund,</p> - <p class="line">Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.</p> + <p class="line">Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.</p> <p class="line">Ich hielt mich nie an groben Pfosten,</p> <p class="line">Wie Frauen in der schweren Stund’.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nie müht’ ich mich durch müde Nacht</p> - <p class="line">Wie Droschkengäule, treu erhaben,</p> - <p class="line">Die ihrer Umwelt längst entflohn!</p> + <p class="line">Nie müht’ ich mich durch müde Nacht</p> + <p class="line">Wie Droschkengäule, treu erhaben,</p> + <p class="line">Die ihrer Umwelt längst entflohn!</p> <p class="line">(Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton</p> <p class="line">Der Frauenschritte und allem, was lacht.)</p> - <p class="line">Nie müht’ ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.</p> + <p class="line">Nie müht’ ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,</p> - <p class="line">Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,</p> - <p class="line">Wenn die Notschüsse dröhnen,</p> + <p class="line">Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,</p> + <p class="line">Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,</p> + <p class="line">Wenn die Notschüsse dröhnen,</p> <p class="line">Wenn die Rakete zitternd aufsteht.</p> - <p class="line">Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,</p> + <p class="line">Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,</p> <p class="line">O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken</p> - <p class="line">Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!</p> + <p class="line">Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!</p> <p class="line">Nie hab ich im Asyl gedarbt,</p> - <p class="line">Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,</p> - <p class="line">Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,</p> - <p class="line">Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!</p> + <p class="line">Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,</p> + <p class="line">Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,</p> + <p class="line">Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> <p class="line">Kenn’ ich die Lampe denn, kenn’ ich den Hut,</p> <p class="line">Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen</p> - <p class="line">Der Winde, die sich überbauschen,</p> - <p class="line">Ein Antlitz böse oder gut?</p> - <p class="line">Kenn’ ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?</p> - <p class="line">Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?</p> + <p class="line">Der Winde, die sich überbauschen,</p> + <p class="line">Ein Antlitz böse oder gut?</p> + <p class="line">Kenn’ ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?</p> + <p class="line">Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.</p> <p class="line">Und hast die tausendfache Qual gefunden,</p> <p class="line">Du hast in jedem Weib entbunden,</p> - <p class="line">Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,</p> + <p class="line">Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,</p> <p class="line">In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,</p> <p class="line">Und Hure warst Du, manchem Kavalier!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p> - <p class="line">Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?</p> - <p class="line">Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.</p> + <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p> + <p class="line">Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?</p> + <p class="line">Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.</p> <p class="line">Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!</p> - <p class="line">Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.</p> - <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p> + <p class="line">Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.</p> + <p class="line">O Herr, zerreiße mich!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,</p> + <p class="line">Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,</p> <p class="line">In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,</p> - <p class="line">Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.</p> - <p class="line">Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,</p> + <p class="line">Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.</p> + <p class="line">Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,</p> <a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> - <p class="line">Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,</p> - <p class="line">Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!</p> + <p class="line">Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,</p> + <p class="line">Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!</p> </div> <div class="poem"> @@ -1550,8 +1516,8 @@ Ich bin ja noch ein Kind <p class="line">In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,</p> <p class="line">Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.</p> <p class="line">(Ich bin Dein Kind.)</p> - <p class="line">Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!</p> - <p class="line">Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!</p> + <p class="line">Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!</p> + <p class="line">Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!</p> </div> <h1 class="part" id="part-3"> @@ -1564,66 +1530,66 @@ Oden Lieder Gestalten<br /> <h2 class="chapter" id="chapter-3-1"> <a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Lächeln Atmen Schreiten +Lächeln Atmen Schreiten </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte</p> - <p class="line">Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!</p> - <p class="line">Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt</p> - <p class="line">All übers Antlitz.</p> - <p class="line">Lächeln ist keine Falte,</p> - <p class="line">Lächeln ist Wesen vom Licht.</p> - <p class="line">Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.</p> + <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte</p> + <p class="line">Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!</p> + <p class="line">Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt</p> + <p class="line">All übers Antlitz.</p> + <p class="line">Lächeln ist keine Falte,</p> + <p class="line">Lächeln ist Wesen vom Licht.</p> + <p class="line">Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.</p> <p class="line">Nicht die Sonne ist Licht,</p> <p class="line">Erst im Menschengesicht</p> - <p class="line">Wird das Licht als Lächeln geboren.</p> - <p class="line">Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,</p> + <p class="line">Wird das Licht als Lächeln geboren.</p> + <p class="line">Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,</p> <p class="line">Aus den Toren der Augen wallte</p> - <p class="line">Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,</p> - <p class="line">Lächelns nieglühender Brand.</p> - <p class="line">Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,</p> - <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte!</p> + <p class="line">Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,</p> + <p class="line">Lächelns nieglühender Brand.</p> + <p class="line">Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,</p> + <p class="line">Schöpfe Du, trage Du, halte!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Lausche Du, horche Du, höre!</p> + <p class="line">Lausche Du, horche Du, höre!</p> <p class="line">In der Nacht ist der Einklang des Atems los,</p> - <p class="line">Der Atem, die Eintracht des Busens groß.</p> + <p class="line">Der Atem, die Eintracht des Busens groß.</p> <p class="line">Atem schwebt</p> - <p class="line">Über Feindschaft finsterer Chöre.</p> - <p class="line">Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.</p> + <p class="line">Über Feindschaft finsterer Chöre.</p> + <p class="line">Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.</p> <p class="line">Nicht der Wind, der sich taucht</p> <a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> <p class="line">In Weid, Wald und Strauch,</p> - <p class="line">Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .</p> + <p class="line">Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .</p> <p class="line">Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.</p> <p class="line">Aus den Lippen, den schweren,</p> <p class="line">Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,</p> - <p class="line">Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.</p> + <p class="line">Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.</p> <p class="line">Auf dem Windmeer des Atems hebt an</p> - <p class="line">Die Segel zu brüsten im Rausche,</p> - <p class="line">Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.</p> - <p class="line">Horche Du, höre Du, lausche!</p> + <p class="line">Die Segel zu brüsten im Rausche,</p> + <p class="line">Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.</p> + <p class="line">Horche Du, höre Du, lausche!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Sinke hin, kniee hin, weine!</p> <p class="line">Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!</p> <p class="line">Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!</p> - <p class="line">Schreiten entführt</p> + <p class="line">Schreiten entführt</p> <p class="line">Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.</p> <p class="line">Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,</p> - <p class="line">Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,</p> - <p class="line">Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.</p> + <p class="line">Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,</p> + <p class="line">Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.</p> <p class="line">Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.</p> <p class="line">Mit dem Schreiten der Menschen tritt</p> <p class="line">Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.</p> - <p class="line">Lächeln, Atem und Schritt</p> + <p class="line">Lächeln, Atem und Schritt</p> <a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> <p class="line">Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,</p> - <p class="line">Die Welt fängt im Menschen an.</p> - <p class="line">Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!</p> + <p class="line">Die Welt fängt im Menschen an.</p> + <p class="line">Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!</p> <p class="line">Weine hin, kniee hin, sinke!</p> </div> @@ -1634,13 +1600,13 @@ Das Jenseits <div class="poem"> <p class="line">Wir kommen wieder, wir kehren heim</p> <p class="line">In Dich, Du gute Mutter unser.</p> - <p class="line">Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,</p> - <p class="line">Mild über die Stirne des Todes Flieder.</p> + <p class="line">Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,</p> + <p class="line">Mild über die Stirne des Todes Flieder.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wo fahren die feurigen Wolken hin,</p> - <p class="line">Wo tanzen die mutigen Flüsse her,</p> + <p class="line">Wo tanzen die mutigen Flüsse her,</p> <p class="line">Was will der Meere Spiel,</p> <p class="line">Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?</p> </div> @@ -1648,22 +1614,22 @@ Das Jenseits <div class="poem"> <p class="line">Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,</p> <p class="line">Mehr ist als Dasein — Gewesen sein,</p> - <p class="line">Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,</p> - <p class="line">Stärker als Tod ist Musik.</p> + <p class="line">Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,</p> + <p class="line">Stärker als Tod ist Musik.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">In unsere Mutter kehren wir ein . . .</p> - <p class="line">Gott fährt über uns, der gute Mann,</p> + <p class="line">Gott fährt über uns, der gute Mann,</p> <p class="line">Da heben wir an, und heben uns auf,</p> <p class="line">Arien selige schweben wir hin,</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> - <p class="line">Und hängen im Herzen der Sterblichen,</p> - <p class="line">Und locken die ewigen Tränen.</p> - <p class="line">Träne, klarer Planet! Hier leben wir,</p> + <p class="line">Und hängen im Herzen der Sterblichen,</p> + <p class="line">Und locken die ewigen Tränen.</p> + <p class="line">Träne, klarer Planet! Hier leben wir,</p> <p class="line">Leben in Gnade, sind nichts als Lied.</p> </div> @@ -1677,7 +1643,7 @@ Warum mein Gott <p class="line">Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,</p> <p class="line">Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,</p> <p class="line">Zur Eitelkeit des Worts,</p> - <p class="line">Und daß ich dies füge,</p> + <p class="line">Und daß ich dies füge,</p> <p class="line">Und trage vermessenen Stolz,</p> <p class="line">Und in der Ferne meiner selbst</p> <p class="line">Die Einsamkeit?!</p> @@ -1686,12 +1652,12 @@ Warum mein Gott <div class="poem"> <p class="line">Warum, warum nicht gabst Du mir</p> - <p class="line">Zwei Hände voll Hilfe,</p> + <p class="line">Zwei Hände voll Hilfe,</p> <p class="line">Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?</p> - <p class="line">Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,</p> - <p class="line">Und Stirne überhangen</p> - <p class="line">Von süßer Lampe der Demut?</p> - <p class="line">Und einen Schritt durch tausend Straßen,</p> + <p class="line">Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,</p> + <p class="line">Und Stirne überhangen</p> + <p class="line">Von süßer Lampe der Demut?</p> + <p class="line">Und einen Schritt durch tausend Straßen,</p> <p class="line">Am Abend zu tragen alle</p> <a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> <p class="line">Glocken der Erde</p> @@ -1702,11 +1668,11 @@ Warum mein Gott <p class="line">Siehe es fiebern</p> <p class="line">So viele Kindlein jetzt im Abendbett,</p> <p class="line">Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.</p> - <p class="line">Und dunkler Sünder starrt</p> + <p class="line">Und dunkler Sünder starrt</p> <p class="line">In seines Himmels Ausgemessenheit.</p> - <p class="line">Und jede Seele, fällt zur Nacht</p> + <p class="line">Und jede Seele, fällt zur Nacht</p> <p class="line">Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.</p> - <p class="line">Und alle drängen sich um eine Wärme,</p> + <p class="line">Und alle drängen sich um eine Wärme,</p> <p class="line">Weil Winter ist</p> <p class="line">Und warme Schmerzenszeit.</p> </div> @@ -1714,14 +1680,14 @@ Warum mein Gott <div class="poem"> <p class="line">Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,</p> <p class="line">Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,</p> - <p class="line">Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,</p> - <p class="line">Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!</p> - <p class="line">Gegrüßet und geheißen:</p> - <p class="line">Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!</p> - <p class="line">Und daß ich raste auf den Ofenbänken,</p> + <p class="line">Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,</p> + <p class="line">Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!</p> + <p class="line">Gegrüßet und geheißen:</p> + <p class="line">Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!</p> + <p class="line">Und daß ich raste auf den Ofenbänken,</p> <p class="line">Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,</p> - <p class="line">Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,</p> - <p class="line">Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!</p> + <p class="line">Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,</p> + <p class="line">Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-4"> @@ -1730,14 +1696,14 @@ Die Tugend </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Die Lüge ist das Weib des Potiphar,</p> - <p class="line">Mit schleppenträgem Kleide angetan.</p> + <p class="line">Die Lüge ist das Weib des Potiphar,</p> + <p class="line">Mit schleppenträgem Kleide angetan.</p> <p class="line">Das ist bemalt mit allem, was da war,</p> <p class="line">Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,</p> <p class="line">Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,</p> <p class="line">Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.</p> <p class="line">Und alles das, auf dem Gewande kreisend,</p> - <p class="line">Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!</p> + <p class="line">Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!</p> </div> <div class="poem"> @@ -1745,30 +1711,30 @@ Die Tugend <p class="line">Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.</p> <p class="line">Was durcheinander Ding an Ding bewegt</p> <p class="line">Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.</p> - <p class="line">Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,</p> - <p class="line">Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.</p> + <p class="line">Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,</p> + <p class="line">Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.</p> <p class="line">Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,</p> <p class="line">Und in die Knie bricht im geringsten Winde.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!</p> + <p class="line">Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!</p> <p class="line">Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.</p> - <p class="line">Allein darin verbürgt sie uns das Licht,</p> - <p class="line">Und in der Sünde wird es offenbar.</p> + <p class="line">Allein darin verbürgt sie uns das Licht,</p> + <p class="line">Und in der Sünde wird es offenbar.</p> <p class="line">Durch unser Leiden werden wir gewahr,</p> <p class="line">Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.</p> <a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> - <p class="line">Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,</p> + <p class="line">Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,</p> <p class="line">Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,</p> - <p class="line">Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!</p> + <p class="line">Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!</p> <p class="line">Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,</p> <p class="line">Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.</p> - <p class="line">O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,</p> + <p class="line">O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,</p> <p class="line">Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.</p> <p class="line">Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,</p> <p class="line">Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.</p> @@ -1779,19 +1745,19 @@ Veni creator spiritus </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!</p> + <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!</p> <p class="line">Den Marmor unsrer Form zerbrich!</p> - <p class="line">Daß nicht mehr Mauer krank und hart</p> + <p class="line">Daß nicht mehr Mauer krank und hart</p> <p class="line">Den Brunnen dieser Welt umstarrt,</p> - <p class="line">Daß wir gemeinsam und nach oben</p> + <p class="line">Daß wir gemeinsam und nach oben</p> <p class="line">Wie Flammen ineinander toben!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Tauch auf aus unsern Flächen wund,</p> + <p class="line">Tauch auf aus unsern Flächen wund,</p> <p class="line">Delphin von aller Wesen Grund,</p> <p class="line">Alt allgemein und heiliger Fisch!</p> - <p class="line">Komm reiner Geist, Du schöpferisch,</p> + <p class="line">Komm reiner Geist, Du schöpferisch,</p> <p class="line">Nach dem wir ewig uns entfalten,</p> <p class="line">Kristallgesetz der Weltgestalten!</p> </div> @@ -1802,35 +1768,35 @@ Veni creator spiritus <p class="line">Wie unterm letzten Hemde noch</p> <p class="line">Die Schattengreise im Spital</p> <p class="line">Sich hassen bis zum letzten Mal,</p> - <p class="line">Und jeder, eh’ er ostwärts mündet,</p> - <p class="line">Allein sein Abendlicht entzündet,</p> + <p class="line">Und jeder, eh’ er ostwärts mündet,</p> + <p class="line">Allein sein Abendlicht entzündet,</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">So sind wir eitel eingespannt,</p> - <p class="line">Und hocken bös an unserm Rand,</p> + <p class="line">Und hocken bös an unserm Rand,</p> <p class="line">Und morden uns an jedem Tisch.</p> - <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,</p> - <p class="line">Aus uns empor mit tausend Flügen!</p> - <p class="line">Zerbrich das Eis in unsern Zügen!</p> + <p class="line">Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,</p> + <p class="line">Aus uns empor mit tausend Flügen!</p> + <p class="line">Zerbrich das Eis in unsern Zügen!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Daß tränenhaft und gut und gut</p> - <p class="line">Aufsiede die entzückte Flut,</p> - <p class="line">Daß nicht mehr fern und unerreicht</p> + <p class="line">Daß tränenhaft und gut und gut</p> + <p class="line">Aufsiede die entzückte Flut,</p> + <p class="line">Daß nicht mehr fern und unerreicht</p> <p class="line">Ein Wesen um das andre schleicht,</p> - <p class="line">Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,</p> + <p class="line">Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,</p> <p class="line">Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,</p> - <p class="line">Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,</p> - <p class="line">Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,</p> + <p class="line">Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,</p> + <p class="line">Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,</p> + <p class="line">Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,</p> <p class="line">Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,</p> - <p class="line">Daß alle wir in Küssens Überflüssen</p> - <p class="line">Nur Deine reine heilige Lippe küssen!</p> + <p class="line">Daß alle wir in Küssens Überflüssen</p> + <p class="line">Nur Deine reine heilige Lippe küssen!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-6"> @@ -1844,20 +1810,20 @@ Stimme </p> <div class="poem"> - <p class="line">War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,</p> - <p class="line">War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,</p> + <p class="line">War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,</p> + <p class="line">War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,</p> <p class="line">War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,</p> <p class="line">War das alles ein Letztesmal,</p> <p class="line">Und ich ahnte den Abschied nicht?</p> - <p class="line">Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,</p> - <p class="line">Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.</p> + <p class="line">Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,</p> + <p class="line">Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.</p> <p class="line">Die boshafte Treppe im Haus,</p> - <p class="line">Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,</p> + <p class="line">Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,</p> <p class="line">Wie das dunkelselige Licht</p> <p class="line">Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,</p> - <p class="line">Wissend höhnt mir die Treppe, nach.</p> + <p class="line">Wissend höhnt mir die Treppe, nach.</p> <p class="line">Denn ich atmete nicht,</p> - <p class="line">Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.</p> + <p class="line">Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.</p> </div> <p class="speaker"> @@ -1868,19 +1834,19 @@ Antwort <p class="line">Es gibt nicht eine Stelle,</p> <p class="line">Die Du durch Dich nicht abgestellt.</p> <p class="line">Es gibt nicht eine Helle,</p> - <p class="line">Die von Dir nicht ins Finster fällt.</p> + <p class="line">Die von Dir nicht ins Finster fällt.</p> <a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> <p class="line">Alle Welt ist Letztesmal</p> - <p class="line">Abschied heißt jedes Tal.</p> + <p class="line">Abschied heißt jedes Tal.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,</p> - <p class="line">Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.</p> + <p class="line">Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,</p> + <p class="line">Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.</p> <p class="line">Und doch, es eint,</p> - <p class="line">Daß wir uns vorbeigeweint,</p> - <p class="line">Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,</p> - <p class="line">Niemals zu uns hinüberreichen!</p> + <p class="line">Daß wir uns vorbeigeweint,</p> + <p class="line">Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,</p> + <p class="line">Niemals zu uns hinüberreichen!</p> <p class="line"><span class="em">O Abschied, Brunnen aller Worte!</span></p> </div> @@ -1889,23 +1855,23 @@ Der Erkennende </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Menschen lieben uns, und unbeglückt</p> + <p class="line">Menschen lieben uns, und unbeglückt</p> <p class="line">Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.</p> - <p class="line">Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,</p> - <p class="line">Und sind kalt und können sie verneinen.</p> + <p class="line">Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,</p> + <p class="line">Und sind kalt und können sie verneinen.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?</p> + <p class="line">Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?</p> <p class="line">Und uns Harte kann kein Gram erweichen.</p> <p class="line">Was wir lieben, das entrafft ein Ort,</p> <p class="line">Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!</p> + <p class="line">Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!</p> <p class="line">Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.</p> - <p class="line">Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.</p> + <p class="line">Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.</p> <p class="line">Mein Besitz allein: Das zu erkennen.</p> </div> @@ -1919,13 +1885,13 @@ Der Erkennende <div class="poem"> <p class="line">Wenn ich walle durch den Lampenbann,</p> - <p class="line">Meine Schritte höre, böse Wandrer,</p> + <p class="line">Meine Schritte höre, böse Wandrer,</p> <p class="line">Dann erwach ich, und bin nebenan,</p> <p class="line">Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,</p> + <p class="line">Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,</p> <p class="line">Wo das Einsame sich teilt und spaltet</p> <p class="line">Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,</p> <p class="line">Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.</p> @@ -1933,7 +1899,7 @@ Der Erkennende <div class="poem"> <p class="line">Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,</p> - <p class="line">Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.</p> + <p class="line">Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.</p> <p class="line">Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,</p> <p class="line">Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.</p> </div> @@ -1943,49 +1909,49 @@ Romanze einer Schlange </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen</p> - <p class="line">Erhaben stürzet Gold um Gold,</p> + <p class="line">Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen</p> + <p class="line">Erhaben stürzet Gold um Gold,</p> <p class="line">Unter dem Blau, das in Orkanen</p> - <p class="line">Tiefdröhnend durcheinander rollt,</p> + <p class="line">Tiefdröhnend durcheinander rollt,</p> <a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> - <p class="line">Roll ich mich im Gerölle,</p> - <p class="line">In meiner Quader Hölle,</p> + <p class="line">Roll ich mich im Gerölle,</p> + <p class="line">In meiner Quader Hölle,</p> <p class="line">Und starre stolz nach den Alleen,</p> - <p class="line">Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,</p> + <p class="line">Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,</p> <p class="line">Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,</p> - <p class="line">Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.</p> + <p class="line">Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.</p> <p class="line">Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,</p> - <p class="line">Und stürzet ab in ihren Tod,</p> + <p class="line">Und stürzet ab in ihren Tod,</p> <p class="line">Wenn ich mit meinem Blicke</p> <p class="line">Sie banne und bestricke.</p> <p class="line">Das Liebliche entgeht mir nicht!</p> - <p class="line">Ich bin im Licht der Bösewicht,</p> + <p class="line">Ich bin im Licht der Bösewicht,</p> <p class="line">Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Unendlich singen Amseln in den Kronen,</p> - <p class="line">Und an den Quellen tönt die Kreatur.</p> + <p class="line">Und an den Quellen tönt die Kreatur.</p> <p class="line">Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,</p> <p class="line">Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.</p> <p class="line">Sind alle guten Wesen</p> - <p class="line">Zu Müttern auserlesen,</p> - <p class="line">So haßt mit Wut mich meine Brut,</p> - <p class="line">Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,</p> + <p class="line">Zu Müttern auserlesen,</p> + <p class="line">So haßt mit Wut mich meine Brut,</p> + <p class="line">Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,</p> <p class="line">Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.</p> <a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> <p class="line">Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen</p> <p class="line">Zum Wurm in dem umblauten Reich?!</p> <p class="line">Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,</p> <p class="line">Und ich allein will sein mir selber gleich.</p> - <p class="line">Der Hölle siebentiefste Flammen,</p> - <p class="line">Sie quälen nicht, den sie verdammen!</p> + <p class="line">Der Hölle siebentiefste Flammen,</p> + <p class="line">Sie quälen nicht, den sie verdammen!</p> <p class="line">Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen</p> - <p class="line">Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,</p> + <p class="line">Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,</p> <p class="line">Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!</p> </div> @@ -1995,8 +1961,8 @@ Tempel-Traum <div class="poem"> <p class="line">Wenn die Stunde saust,</p> - <p class="line">Und die Frühe säumt,</p> - <p class="line">Wacht der Schläfer schwer</p> + <p class="line">Und die Frühe säumt,</p> + <p class="line">Wacht der Schläfer schwer</p> <p class="line">Wie Ertrunkner auf.</p> </div> @@ -2011,15 +1977,15 @@ Tempel-Traum <p class="line">Und es ist ein Haus</p> <p class="line">Voll von Sang und Hall.</p> <p class="line">Lampe lebt in Rauch</p> - <p class="line">Über Treppen hin.</p> + <p class="line">Über Treppen hin.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> <p class="line">Eine Mutter geht. . .</p> - <p class="line">Und er weiß nicht wo,</p> + <p class="line">Und er weiß nicht wo,</p> <p class="line">Duft und Stimme wird</p> - <p class="line">In der Höhe süß.</p> + <p class="line">In der Höhe süß.</p> </div> <div class="poem"> @@ -2033,20 +1999,20 @@ Tempel-Traum <p class="line">Und Vestalin sitzt</p> <p class="line">Bei dem Flammentier,</p> <p class="line">Springt ein Wind herein,</p> - <p class="line">Hütet sie den Schoß.</p> + <p class="line">Hütet sie den Schoß.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wo der Tempelbau</p> <p class="line">Oben offen ist,</p> - <p class="line">Schwebt ein Adler groß</p> + <p class="line">Schwebt ein Adler groß</p> <p class="line">Unterm Morgenmeer.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und die Schläferstirn</p> - <p class="line">Löset ein Gesang,</p> - <p class="line">Und das Herze wächst</p> + <p class="line">Und die Schläferstirn</p> + <p class="line">Löset ein Gesang,</p> + <p class="line">Und das Herze wächst</p> <p class="line">Mit der Flut des Nils.</p> </div> @@ -2056,67 +2022,67 @@ Ein Abendgesang </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,</p> + <p class="line">Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,</p> <p class="line">Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,</p> - <p class="line">Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,</p> - <p class="line">Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.</p> + <p class="line">Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,</p> + <p class="line">Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen</p> - <p class="line">In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,</p> - <p class="line">Daß wir sind — und daß gute und böse Launen</p> - <p class="line">Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!</p> + <p class="line">In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,</p> + <p class="line">Daß wir sind — und daß gute und böse Launen</p> + <p class="line">Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,</p> - <p class="line">Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,</p> + <p class="line">Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,</p> + <p class="line">Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,</p> <p class="line">Wer gab mir die Demut — und wer mir den Stolz und die Stelze,</p> - <p class="line">Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?</p> + <p class="line">Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> - <p class="line">Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,</p> - <p class="line">Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.</p> + <p class="line">Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,</p> + <p class="line">Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.</p> <p class="line">Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen</p> - <p class="line">Ferne Gefühle unseren Odem ein.</p> + <p class="line">Ferne Gefühle unseren Odem ein.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,</p> - <p class="line">Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.</p> - <p class="line">Seligkeit naht — — wie wenn schon erlöschende Lider</p> - <p class="line">Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.</p> + <p class="line">Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.</p> + <p class="line">Seligkeit naht — — wie wenn schon erlöschende Lider</p> + <p class="line">Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-11"> -Mondlied eines Mädchens +Mondlied eines Mädchens </h2> <p class="dedication"> -Für meine Schwester Hanna +Für meine Schwester Hanna </p> <div class="poem"> - <p class="line">Ich liege in gläsernem Wachen,</p> - <p class="line">Gelöst mein Haar und Gesicht.</p> + <p class="line">Ich liege in gläsernem Wachen,</p> + <p class="line">Gelöst mein Haar und Gesicht.</p> <p class="line">Am Boden in langsamen Lachen</p> <p class="line">Schwebt Mond, das unselige Licht.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und wie mir die tödliche Helle</p> - <p class="line">Die Stirn und das Auge befühlt,</p> + <p class="line">Und wie mir die tödliche Helle</p> + <p class="line">Die Stirn und das Auge befühlt,</p> <p class="line">Zerrinn ich und bin eine Welle,</p> - <p class="line">Gekräuselt, entführt und gespült.</p> + <p class="line">Gekräuselt, entführt und gespült.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> <p class="line">Die Mutter atmet daneben,</p> - <p class="line">Der Vater schläft auf und ab.</p> + <p class="line">Der Vater schläft auf und ab.</p> <p class="line">Ich habe Attest um das Leben</p> <p class="line">Von allen, die ich lieb hab.</p> </div> @@ -2125,40 +2091,40 @@ Für meine Schwester Hanna <p class="line">Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer</p> <p class="line">Erzengel mit schrecklichem Schwert.</p> <p class="line">Ins Ohr weint mir immer, mir immer</p> - <p class="line">Ein Kind, das mir nicht gehört.</p> + <p class="line">Ein Kind, das mir nicht gehört.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Nachtlampe von tausend Betten</p> <p class="line">Des Leidens, der Mond mir scheint.</p> - <p class="line">Ich möchte viel Schluchzendes retten,</p> + <p class="line">Ich möchte viel Schluchzendes retten,</p> <p class="line">Und bin es doch selbst, die weint.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">All Ding im Zimmer verlassen,</p> <p class="line">Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.</p> - <p class="line">Ich möchte das Ferne anfassen,</p> + <p class="line">Ich möchte das Ferne anfassen,</p> <p class="line">Nur sein eine streichelnde Hand!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich möchte mit Fröstelnden spielen,</p> + <p class="line">Ich möchte mit Fröstelnden spielen,</p> <p class="line">Und halten die Kalten im Arm!</p> - <p class="line">Ich fühle, die Reichen und Vielen</p> + <p class="line">Ich fühle, die Reichen und Vielen</p> <p class="line">Sind Kinder vor mir und so arm!</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> - <p class="line">Für alle muß ich mich sorgen,</p> - <p class="line">Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .</p> + <p class="line">Für alle muß ich mich sorgen,</p> + <p class="line">Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .</p> <p class="line">Ich horche, wie in den Morgen</p> <p class="line">Der Atem von allen sich hebt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Im Fenster wehn Bäume zerrissen,</p> + <p class="line">Im Fenster wehn Bäume zerrissen,</p> <p class="line">Viel Himmel sind windig in Ruh.</p> <p class="line">Ich decke mit meinen Kissen</p> <p class="line">Die frierenden Welten zu.</p> @@ -2169,47 +2135,47 @@ Eines alten Lehrers Stimme im Traum </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Durch einen Traum der Straße oder gar</p> - <p class="line">Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .</p> + <p class="line">Durch einen Traum der Straße oder gar</p> + <p class="line">Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .</p> <p class="line">Von fern kam Deine Stimme wunderbar.</p> - <p class="line">Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum</p> - <p class="line">Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum</p> + <p class="line">Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum</p> + <p class="line">Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum</p> <p class="line">Traten im Himmel ein — und tiefer Schaum</p> <p class="line">Von Winter, Blum’ und Damen regnete mich ein.</p> - <p class="line">In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,</p> - <p class="line">Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,</p> + <p class="line">In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,</p> + <p class="line">Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,</p> <p class="line">Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> - <p class="line">Ich hörte Deine Stimm’ und wie Du heißt,</p> + <p class="line">Ich hörte Deine Stimm’ und wie Du heißt,</p> <p class="line">Und dachte an des Vaters Gestalt,</p> <p class="line">Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.</p> <p class="line">Die unter Sternen reisen, mild und kalt,</p> - <p class="line">Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,</p> - <p class="line">Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,</p> - <p class="line">Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,</p> + <p class="line">Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,</p> + <p class="line">Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,</p> + <p class="line">Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,</p> <p class="line">An eine Hand, vereist und brauner Art.</p> <p class="line">An ungeheure Worte dacht ich: <span class="em">war</span> und <span class="em">alt</span>.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,</p> + <p class="line">Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,</p> <p class="line">Und liebend ein Sonntagswind,</p> <p class="line">Von fern erfuhr ich Deine Spur,</p> - <p class="line">Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.</p> - <p class="line">Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.</p> + <p class="line">Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.</p> + <p class="line">Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.</p> <p class="line">Und ob Du bist, oder im Traume nur.</p> <p class="line">Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,</p> <p class="line">Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,</p> - <p class="line">Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,</p> - <p class="line">Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.</p> + <p class="line">Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,</p> + <p class="line">Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-13"> <a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses +Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses </h2> <p class="speaker"> @@ -2217,10 +2183,10 @@ Adam </p> <div class="poem"> - <p class="line">Müde in den schmerzensreichen Schuhn,</p> - <p class="line">Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .</p> + <p class="line">Müde in den schmerzensreichen Schuhn,</p> + <p class="line">Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .</p> <p class="line">Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,</p> - <p class="line">Süßer Ort, aus dem ich angefangen!</p> + <p class="line">Süßer Ort, aus dem ich angefangen!</p> <p class="line">Meinen Pack von alten Schultern nun</p> <p class="line">Werf ich ab mit einem langen, langen</p> <p class="line">Atem, um mich ganz in Dich zu tun.</p> @@ -2228,18 +2194,18 @@ Adam <div class="poem"> <p class="line">Ja ich tauche auf aus allem Staub,</p> - <p class="line">Süße Mauer, traumwärts hergebaute,</p> + <p class="line">Süße Mauer, traumwärts hergebaute,</p> <p class="line">Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,</p> <p class="line">Als der Engel loderte im Laub!</p> <p class="line">Ja ich komme mit den schweren Rinnen,</p> - <p class="line">Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.</p> - <p class="line">Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,</p> - <p class="line">Höre auf, mich zu beginnen!</p> - <p class="line">Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.</p> + <p class="line">Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.</p> + <p class="line">Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,</p> + <p class="line">Höre auf, mich zu beginnen!</p> + <p class="line">Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.</p> <p class="line">Schlage eine kleine Bresche ein,</p> - <p class="line">Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,</p> - <p class="line">Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer</p> - <p class="line">Windgefährte hebe an zu sein.</p> + <p class="line">Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,</p> + <p class="line">Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer</p> + <p class="line">Windgefährte hebe an zu sein.</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2250,23 +2216,23 @@ Stimme aus dem Garten <div class="poem"> <p class="line">Ich darf Dich nicht lassen ein,</p> <p class="line">Und darf mich nicht lassen aus,</p> - <p class="line">Ich muß mich fassen ein,</p> - <p class="line">Und gieße Dich in Gassen aus.</p> - <p class="line">Mein Haus ist wüst,</p> + <p class="line">Ich muß mich fassen ein,</p> + <p class="line">Und gieße Dich in Gassen aus.</p> + <p class="line">Mein Haus ist wüst,</p> <p class="line">Meinen Garten hast Du versandet,</p> - <p class="line">Ich bins, der für Dich büßt.</p> + <p class="line">Ich bins, der für Dich büßt.</p> <p class="line">Kein Schwan mehr landet</p> <p class="line">In meinem See, der hohlgeht und brandet.</p> - <p class="line2">Die alten Bäume sind verbrannt,</p> - <p class="line">Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,</p> - <p class="line">Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,</p> + <p class="line2">Die alten Bäume sind verbrannt,</p> + <p class="line">Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,</p> + <p class="line">Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,</p> <p class="line">Aus meinem Beet und Rebenstand.</p> <p class="line2">Im Herbst, wie eine alte Frau</p> <p class="line">Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,</p> <p class="line2">So bettelhaft.</p> <p class="line2">Dein ist die Kraft.</p> - <p class="line">Mach, daß ich möge neu erstrahlen,</p> - <p class="line">Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,</p> + <p class="line">Mach, daß ich möge neu erstrahlen,</p> + <p class="line">Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,</p> <p class="line">Den guten Garten wieder auferbau!</p> </div> @@ -2287,7 +2253,7 @@ Stimme auf dem Garten <div class="poem"> <p class="line">Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,</p> - <p class="line">Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.</p> + <p class="line">Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2311,9 +2277,9 @@ Adam </p> <div class="poem"> - <p class="line">Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,</p> - <p class="line">Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?</p> - <p class="line">Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?</p> + <p class="line">Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,</p> + <p class="line">Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?</p> + <p class="line">Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2322,9 +2288,9 @@ Stimme aus dem Garten <div class="poem"> <p class="line">Ich habe meine Gnade ausgegeben,</p> - <p class="line">Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,</p> - <p class="line">Für Dich hab ich sie ganz,</p> - <p class="line">Du nie für mich gebraucht.</p> + <p class="line">Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,</p> + <p class="line">Für Dich hab ich sie ganz,</p> + <p class="line">Du nie für mich gebraucht.</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2341,7 +2307,7 @@ Stimme aus dem Garten </p> <div class="poem"> - <p class="line">Bestelle mich mit Deinen Händen,</p> + <p class="line">Bestelle mich mit Deinen Händen,</p> <a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> <p class="line">Und Heimat werden wir uns beide sein,</p> <p class="line">Und kehren ein!</p> @@ -2352,8 +2318,8 @@ Adam </p> <div class="poem"> - <p class="line">Weh, daß kein andres Wort mich tröste,</p> - <p class="line">Und dies zurücke mich in Städte stößt!</p> + <p class="line">Weh, daß kein andres Wort mich tröste,</p> + <p class="line">Und dies zurücke mich in Städte stößt!</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2361,8 +2327,8 @@ Stimme aus dem Garten </p> <div class="poem"> - <p class="line">Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,</p> - <p class="line">So wart’ ich weinend, daß Du mich erlöst.</p> + <p class="line">Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,</p> + <p class="line">So wart’ ich weinend, daß Du mich erlöst.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-14"> @@ -2370,57 +2336,57 @@ Luzifers Abendlied </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,</p> - <p class="line">Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .</p> + <p class="line">Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,</p> + <p class="line">Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .</p> <p class="line">Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,</p> <p class="line">Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.</p> - <p class="line">Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.</p> - <p class="line">Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen</p> - <p class="line">Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.</p> + <p class="line">Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.</p> + <p class="line">Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.</p> + <p class="line">Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen</p> + <p class="line">Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.</p> <a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> <p class="line">Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer</p> - <p class="line">Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.</p> + <p class="line">Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.</p> <p class="line">Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer</p> - <p class="line">Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.</p> + <p class="line">Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen</p> - <p class="line">Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.</p> + <p class="line">Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.</p> <p class="line">Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen</p> <p class="line">Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!</p> - <p class="line">Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.</p> - <p class="line">Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,</p> - <p class="line">Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.</p> + <p class="line">Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.</p> + <p class="line">Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,</p> + <p class="line">Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.</p> - <p class="line">Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.</p> + <p class="line">Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.</p> + <p class="line">Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.</p> <a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> - <p class="line">Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.</p> - <p class="line">Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.</p> + <p class="line">Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.</p> + <p class="line">Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,</p> - <p class="line">Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!</p> - <p class="line">Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,</p> - <p class="line">Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.</p> + <p class="line">Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!</p> + <p class="line">Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,</p> + <p class="line">Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,</p> - <p class="line">Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt</p> - <p class="line">Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten</p> + <p class="line">Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt</p> + <p class="line">Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten</p> <p class="line">Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.</p> </div> @@ -2437,8 +2403,8 @@ Held <p class="line">Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,</p> <p class="line">Dem die Feuer um die Stirne laufen,</p> <a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> - <p class="line">Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen</p> - <p class="line">An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?</p> + <p class="line">Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen</p> + <p class="line">An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2449,7 +2415,7 @@ Heiliger <p class="line">Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,</p> <p class="line">Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!</p> <p class="line">Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,</p> - <p class="line">Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.</p> + <p class="line">Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2459,8 +2425,8 @@ Held <div class="poem"> <p class="line">Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,</p> <p class="line">Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.</p> - <p class="line">Dieses Da ist da, daß ich es saufe,</p> - <p class="line">Und wer mich säuft, meiner überlaufe!</p> + <p class="line">Dieses Da ist da, daß ich es saufe,</p> + <p class="line">Und wer mich säuft, meiner überlaufe!</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2470,8 +2436,8 @@ Heiliger <div class="poem"> <p class="line">Eitelster, der auf dem Rosse reitet,</p> <p class="line">Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!</p> - <p class="line">Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?</p> - <p class="line">Wen Gott will, den muß er sich zerstören!</p> + <p class="line">Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?</p> + <p class="line">Wen Gott will, den muß er sich zerstören!</p> </div> <p class="speaker"> @@ -2480,7 +2446,7 @@ Held <div class="poem"> <p class="line">Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?</p> - <p class="line">Gibt es Leben außer meinen Taten?</p> + <p class="line">Gibt es Leben außer meinen Taten?</p> <p class="line">Du und Er und alle sieben Reiche</p> <p class="line">Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.</p> </div> @@ -2492,7 +2458,7 @@ Heiliger <div class="poem"> <p class="line">Nennst Du Leben die verruchten Stunden?</p> - <p class="line">Erst die Stunde, die Dich überwunden,</p> + <p class="line">Erst die Stunde, die Dich überwunden,</p> <p class="line">Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren</p> <p class="line">Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .</p> </div> @@ -2514,16 +2480,16 @@ Heiliger<br /> </p> <div class="poem"> - <p class="line">Alexander über tausend Meeren,</p> - <p class="line">Hör die Flammen an, die sich verzehren!</p> - <p class="line">Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!</p> + <p class="line">Alexander über tausend Meeren,</p> + <p class="line">Hör die Flammen an, die sich verzehren!</p> + <p class="line">Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!</p> <p class="line">Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,</p> <p class="line">Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.</p> - <p class="line">Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.</p> - <p class="line">Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,</p> + <p class="line">Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.</p> + <p class="line">Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,</p> <p class="line">Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!</p> - <p class="line">Daß er furchtbar seine Gnade wähle,</p> - <p class="line">Rüste die noch nicht verdammte Seele!</p> + <p class="line">Daß er furchtbar seine Gnade wähle,</p> + <p class="line">Rüste die noch nicht verdammte Seele!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-16"> @@ -2532,158 +2498,158 @@ Alte Dienstboten </h2> <div class="poem"> - <p class="line">In dem sanften Wallen der alten Frühlinge</p> + <p class="line">In dem sanften Wallen der alten Frühlinge</p> <p class="line">Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.</p> <p class="line">Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,</p> - <p class="line">Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.</p> - <p class="line">Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,</p> - <p class="line">Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.</p> - <p class="line">Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,</p> - <p class="line">Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.</p> - <p class="line">Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.</p> - <p class="line">Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,</p> + <p class="line">Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.</p> + <p class="line">Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,</p> + <p class="line">Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.</p> + <p class="line">Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,</p> + <p class="line">Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.</p> + <p class="line">Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.</p> + <p class="line">Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,</p> <p class="line">Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen</p> - <p class="line">Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.</p> + <p class="line">Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen</p> + <p class="line">Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.</p> <p class="line">Wohin sie auch ihr Gehen wenden,</p> - <p class="line">Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.</p> + <p class="line">Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.</p> <a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> - <p class="line">Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.</p> - <p class="line">Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,</p> + <p class="line">Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.</p> + <p class="line">Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,</p> <p class="line">Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,</p> <p class="line">Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.</p> - <p class="line">Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .</p> - <p class="line">Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken</p> - <p class="line">Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.</p> + <p class="line">Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .</p> + <p class="line">Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken</p> + <p class="line">Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,</p> - <p class="line">Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben</p> - <p class="line">Sich ohne Ende über meins erheben,</p> + <p class="line">Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben</p> + <p class="line">Sich ohne Ende über meins erheben,</p> <p class="line">Das voll von Hoffart Worte machen mag.</p> - <p class="line">Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,</p> - <p class="line">Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.</p> - <p class="line">O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,</p> - <p class="line">O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,</p> - <p class="line">O Licht am Abend überm Tisch gebückt!</p> - <p class="line">Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,</p> + <p class="line">Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,</p> + <p class="line">Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.</p> + <p class="line">O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,</p> + <p class="line">O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,</p> + <p class="line">O Licht am Abend überm Tisch gebückt!</p> + <p class="line">Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,</p> <p class="line">Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-3-17"> <a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Jesus und der Äser-Weg +Jesus und der Äser-Weg </h2> <div class="poem"> <p class="line">Und als wir gingen von dem toten Hund,</p> - <p class="line">Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,</p> - <p class="line">Entführte, er uns diesem Meeres-Sund</p> + <p class="line">Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,</p> + <p class="line">Entführte, er uns diesem Meeres-Sund</p> <p class="line">Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,</p> <p class="line">Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,</p> - <p class="line">Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,</p> - <p class="line">Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.</p> + <p class="line">Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,</p> + <p class="line">Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Doch einer war, den jeder sanft erfand,</p> - <p class="line">Und leiser jeder sah zu Tale fließen.</p> - <p class="line">Und wie der Heiland süß sich umgewandt,</p> - <p class="line">Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!</p> + <p class="line">Und leiser jeder sah zu Tale fließen.</p> + <p class="line">Und wie der Heiland süß sich umgewandt,</p> + <p class="line">Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Er neigte nur das Haupt und ging voran,</p> - <p class="line">Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,</p> - <p class="line">Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,</p> - <p class="line">Von Eich’ und Mandel, die vorüberschwebten.</p> + <p class="line">Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,</p> + <p class="line">Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,</p> + <p class="line">Von Eich’ und Mandel, die vorüberschwebten.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf</p> - <p class="line">Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.</p> - <p class="line">Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,</p> + <p class="line">Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf</p> + <p class="line">Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.</p> + <p class="line">Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,</p> <p class="line">Und wartete bis wir hindurchgeschritten.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> - <p class="line">Und da geschah, was uns die Augen schloß,</p> - <p class="line">Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,</p> - <p class="line">Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß</p> + <p class="line">Und da geschah, was uns die Augen schloß,</p> + <p class="line">Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,</p> + <p class="line">Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß</p> <p class="line">Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Verbissene Ratten schwammen im Gezücht</p> - <p class="line">Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,</p> + <p class="line">Verbissene Ratten schwammen im Gezücht</p> + <p class="line">Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,</p> <p class="line">Verweste Reh’ und Esel und ein Licht</p> - <p class="line">Von Pest und Fliegen drüber unermessen.</p> + <p class="line">Von Pest und Fliegen drüber unermessen.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ein schweflig Stinken und so ohne Maß</p> + <p class="line">Ein schweflig Stinken und so ohne Maß</p> <p class="line">Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,</p> - <p class="line">Daß wir uns beugten übers gelbe Gras</p> + <p class="line">Daß wir uns beugten übers gelbe Gras</p> <p class="line">Und uns vor uferloser Angst erbrachen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Der Heiland aber hob sich auf und schrie</p> <p class="line">Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:</p> - <p class="line">„Mein Gott und Vater, höre mich und wende</p> + <p class="line">„Mein Gott und Vater, höre mich und wende</p> <p class="line">Dies Grauen von mir und begnade die!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich nannt’ mich Liebe, und nun packt mich auch</p> - <p class="line">Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.</p> + <p class="line">Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.</p> <p class="line">Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze</p> - <p class="line">Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!</p> + <p class="line">Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,</p> - <p class="line">Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,</p> - <p class="line">Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!</p> + <p class="line">Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,</p> + <p class="line">Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!</p> <p class="line">Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!“</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> - <p class="line">Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht</p> + <p class="line">Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht</p> <p class="line">Von jenen Jagden, die wir alle kannten,</p> - <p class="line">Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,</p> + <p class="line">Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,</p> <p class="line">Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Er neigte wild sich nieder und vergrub</p> - <p class="line">Die Hände ins verderbliche Geziefer,</p> + <p class="line">Die Hände ins verderbliche Geziefer,</p> <p class="line">Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,</p> - <p class="line">Von seiner Weiße sich erhub.</p> + <p class="line">Von seiner Weiße sich erhub.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Er aber füllte seine Haare auf</p> - <p class="line">Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,</p> - <p class="line">Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,</p> + <p class="line">Er aber füllte seine Haare auf</p> + <p class="line">Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,</p> + <p class="line">Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,</p> <p class="line">Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und wie er so im dunklen Tage stand,</p> - <p class="line">Brachen die Berge auf, und Löwen weinten</p> + <p class="line">Brachen die Berge auf, und Löwen weinten</p> <p class="line">An seinem Knie, und die zum Flug vereinten</p> - <p class="line">Wildgänse brausten nieder unverwandt.</p> + <p class="line">Wildgänse brausten nieder unverwandt.</p> </div> <div class="poem"> @@ -2697,7 +2663,7 @@ Jesus und der Äser-Weg <a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> Neue Gedichte<br /> 1916<br /> -(In Buchform noch nicht veröffentlicht) +(In Buchform noch nicht veröffentlicht) </h1> <h2 class="chapter" id="chapter-4-1"> @@ -2706,62 +2672,62 @@ An den Richter </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette.</p> - <p class="line">Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.</p> - <p class="line">Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich</p> - <p class="line">Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.</p> + <p class="line">Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette.</p> + <p class="line">Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.</p> + <p class="line">Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich</p> + <p class="line">Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.</p> + <p class="line">Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.</p> <p class="line">Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, betet heiser.</p> <p class="line">Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um Fieber zu messen;</p> - <p class="line">Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!</p> + <p class="line">Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen.</p> - <p class="line">Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.</p> + <p class="line">O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen.</p> + <p class="line">Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.</p> <a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> - <p class="line">Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue,</p> - <p class="line">Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht — mein Richter — und muß mich hassen!</p> + <p class="line">Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue,</p> + <p class="line">Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht — mein Richter — und muß mich hassen!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich bekenne — und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts dagegen, bekenne dennoch:</p> - <p class="line">Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch —</p> - <p class="line">Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn.</p> + <p class="line">Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch —</p> + <p class="line">Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn.</p> <p class="line">Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden Vieh vergleiche.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.</p> - <p class="line">Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.</p> + <p class="line">Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.</p> + <p class="line">Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.</p> <a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> <p class="line">Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?</p> - <p class="line">Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!</p> + <p class="line">Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.</p> - <p class="line">Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.</p> - <p class="line">Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!</p> - <p class="line">Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.</p> + <p class="line">Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.</p> + <p class="line">Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.</p> + <p class="line">Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!</p> + <p class="line">Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.</p> <p class="line">Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.</p> - <p class="line">Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens!</p> + <p class="line">Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens!</p> <a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> - <p class="line">Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.</p> + <p class="line">Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und ruhig atmen.</p> - <p class="line">Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig!</p> - <p class="line">Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.</p> - <p class="line">Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!</p> + <p class="line">Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig!</p> + <p class="line">Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.</p> + <p class="line">Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-2"> @@ -2772,22 +2738,22 @@ Gebet um Reinheit <p class="line">Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.</p> <p class="line">Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.</p> <p class="line">Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,</p> - <p class="line">Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände spülen.</p> + <p class="line">Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände spülen.</p> </div> <div class="poem"> <a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> - <p class="line">O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!</p> + <p class="line">O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!</p> <p class="line">O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!</p> - <p class="line">Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und spülst,</p> - <p class="line">Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?</p> + <p class="line">Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und spülst,</p> + <p class="line">Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.</p> - <p class="line">Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.</p> - <p class="line">Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.</p> - <p class="line">Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.</p> + <p class="line">Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet.</p> + <p class="line">Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein.</p> + <p class="line">Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.</p> </div> <div class="poem"> @@ -2799,33 +2765,33 @@ Gebet um Reinheit <div class="poem"> <a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> - <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,</p> - <p class="line">Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.</p> - <p class="line">Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,</p> - <p class="line">Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.</p> + <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,</p> + <p class="line">Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.</p> + <p class="line">Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,</p> + <p class="line">Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.</p> - <p class="line">Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt,</p> + <p class="line">Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.</p> + <p class="line">Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt,</p> <p class="line">Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,</p> - <p class="line">Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.</p> + <p class="line">Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?</p> - <p class="line">Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer!</p> - <p class="line">Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei.</p> + <p class="line">Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer!</p> + <p class="line">Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei.</p> <a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> - <p class="line">Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur Waschung.</p> + <p class="line">Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur Waschung.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen</p> - <p class="line">Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!</p> - <p class="line">Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen!</p> + <p class="line">Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen</p> + <p class="line">Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!</p> + <p class="line">Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen!</p> <p class="line">Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler.</p> - <p class="line">O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!</p> + <p class="line">O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-3"> @@ -2834,40 +2800,40 @@ Einem Denker <div class="poem"> <p class="line">Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.</p> - <p class="line">Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt.</p> - <p class="line">Meine Sphäre war traurig,</p> - <p class="line">Ihr mißfiel Deine Art</p> + <p class="line">Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt.</p> + <p class="line">Meine Sphäre war traurig,</p> + <p class="line">Ihr mißfiel Deine Art</p> <p class="line">An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,</p> - <p class="line">Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.</p> + <p class="line">Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!</p> - <p class="line">Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!</p> + <p class="line">Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!</p> <p class="line">Wie deute ich mir,</p> <a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> - <p class="line">Wie verstünd ich’s,</p> - <p class="line">Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst,</p> - <p class="line">Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?</p> + <p class="line">Wie verstünd ich’s,</p> + <p class="line">Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst,</p> + <p class="line">Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?</p> - <p class="line">Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!</p> + <p class="line">Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?</p> + <p class="line">Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!</p> <p class="line">Denn wer zu Gericht sitzt,</p> - <p class="line">Über die Sünder,</p> + <p class="line">Über die Sünder,</p> <p class="line">Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu gedenken, darf sein Wesen vergessen,</p> <p class="line">Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon!</p> - <p class="line">Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.</p> + <p class="line">Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon!</p> + <p class="line">Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.</p> <p class="line">Du aber bist wie ein Knabe,</p> <p class="line">Und scheinst nicht zu wissen,</p> - <p class="line">Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde <span class="em">Deine</span> Blöße bedeckst . . .</p> + <p class="line">Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde <span class="em">Deine</span> Blöße bedeckst . . .</p> <a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> - <p class="line">Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.</p> + <p class="line">Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.</p> </div> <div class="poem"> @@ -2876,36 +2842,36 @@ Einem Denker <p class="line">Kennst Du die starke Waffe</p> <p class="line">Der wirklichen Sieger?</p> <p class="line">Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .</p> - <p class="line">Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!</p> + <p class="line">Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist.</p> + <p class="line">Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist.</p> <p class="line">Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die Unterscheidung der Worte.</p> <p class="line">Aber die Worte sind</p> <p class="line">Bedingter noch als die Dinge.</p> <p class="line">Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der Geist der Worte</p> <a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> - <p class="line">Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.</p> + <p class="line">Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt.</p> - <p class="line">Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.</p> + <p class="line">Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt.</p> + <p class="line">Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.</p> <p class="line">In Dir ist aber noch</p> <p class="line">Der alte Adam allzusehr!</p> - <p class="line">So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit,</p> - <p class="line">Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.</p> + <p class="line">So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit,</p> + <p class="line">Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten,</p> - <p class="line">Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.</p> + <p class="line">Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten,</p> + <p class="line">Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.</p> <p class="line">Du kennst jene Weisheit nicht,</p> - <p class="line">Höher als alles Mitleid!</p> - <p class="line">Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben,</p> + <p class="line">Höher als alles Mitleid!</p> + <p class="line">Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben,</p> <a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> - <p class="line">Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.</p> + <p class="line">Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-4"> @@ -2913,12 +2879,12 @@ Ballade von Wahn und Tod </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Im großen Raum des Tags</p> + <p class="line">Im großen Raum des Tags</p> <p class="line">Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,</p> <p class="line">Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt</p> <p class="line">Die Wolke fiel. — Erstickten Schlags</p> <p class="line">Mein Ohr die Stunde traf,</p> - <p class="line">Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.</p> + <p class="line">Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.</p> <p class="line">Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.</p> </div> @@ -2934,7 +2900,7 @@ Ballade von Wahn und Tod <div class="poem"> <a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> - <p class="line">Nun höret, Freunde, es!</p> + <p class="line">Nun höret, Freunde, es!</p> <p class="line">Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.</p> <p class="line">Ich stand gebannt an kalter Wand.</p> <p class="line">O schwarzes, schreckliches</p> @@ -2944,7 +2910,7 @@ Ballade von Wahn und Tod </div> <div class="poem"> - <p class="line">Es fügte sich kein Schein,</p> + <p class="line">Es fügte sich kein Schein,</p> <p class="line">Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,</p> <p class="line">Und unterm Bild vergeht und schwillt,</p> <p class="line">Das kleine Licht ging ein.</p> @@ -2959,29 +2925,29 @@ Ballade von Wahn und Tod <p class="line">Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.</p> <p class="line">Weh, trocken, leicht und toll</p> <a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> - <p class="line">Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.</p> + <p class="line">Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.</p> <p class="line">Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,</p> - <p class="line">Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das Wort hieß: rettungslos.</p> + <p class="line">Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das Wort hieß: rettungslos.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">O letzte Angst und Schmerz!</p> - <p class="line">O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!</p> - <p class="line">O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.</p> + <p class="line">O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!</p> + <p class="line">O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.</p> <p class="line">Ich stand in schwarzem Erz,</p> <p class="line">Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,</p> <p class="line">Und sang ein — Rette mich — in mich ein.</p> - <p class="line">Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und fallen, den Fluß: Allein</p> + <p class="line">Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und fallen, den Fluß: Allein</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und da es war also,</p> - <p class="line">Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.</p> - <p class="line">Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.</p> + <p class="line">Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.</p> + <p class="line">Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.</p> <p class="line">Und ich erkannte so,</p> <p class="line">Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,</p> <p class="line">Die schwach an meine Stirne fuhr,</p> - <p class="line">Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum mich selber trug.</p> + <p class="line">Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum mich selber trug.</p> </div> <div class="poem"> @@ -2991,39 +2957,39 @@ Ballade von Wahn und Tod <p class="line">Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.</p> <p class="line">Und nahm mir alles unverwandt,</p> <p class="line">Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt —</p> - <p class="line">Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.</p> - <p class="line">Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig nackt.</p> + <p class="line">Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.</p> + <p class="line">Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig nackt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">O Tod, o Tod, ich sah</p> <p class="line">Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,</p> - <p class="line">Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.</p> + <p class="line">Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.</p> <p class="line">— — Er lacht und bleibt sich fern und nah — —</p> <p class="line">Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.</p> - <p class="line">(Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)</p> + <p class="line">(Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)</p> <p class="line">Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Im großen Raum des Tags</p> + <p class="line">Im großen Raum des Tags</p> <p class="line">Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.</p> <a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> <p class="line">Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,</p> - <p class="line">Der Himmel glühte noch kaum.</p> - <p class="line">Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,</p> - <p class="line">Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .</p> + <p class="line">Der Himmel glühte noch kaum.</p> + <p class="line">Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,</p> + <p class="line">Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .</p> <p class="line">Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich ging, wie Tote gehn,</p> <p class="line">Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.</p> - <p class="line">Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,</p> + <p class="line">Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,</p> <p class="line">Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.</p> <p class="line">Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock und schrie,</p> - <p class="line">Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .</p> - <p class="line">Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.</p> + <p class="line">Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .</p> + <p class="line">Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-5"> @@ -3033,24 +2999,24 @@ Der Tempel <div class="poem"> <p class="line">O Tempel, in die</p> <p class="line">Zarteste Stunde gebaut,</p> - <p class="line">Wenn schon die unermüdlichen</p> + <p class="line">Wenn schon die unermüdlichen</p> <p class="line">Schmetterlinge</p> <p class="line">Die kreisenden welken an</p> <a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> <p class="line">Der alten Lampe des Weisen und</p> - <p class="line">Die Träumer plötzlich das Haupt</p> + <p class="line">Die Träumer plötzlich das Haupt</p> <p class="line">Tauchen aus tausend Fenstern.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Tempel,</p> <p class="line">In solcher Stunde erschallend,</p> - <p class="line">Läßt Du uns gehn</p> - <p class="line">Über die Treppe.</p> + <p class="line">Läßt Du uns gehn</p> + <p class="line">Über die Treppe.</p> <p class="line">Aber wenig leuchtet</p> <p class="line">Die Laterne voran des Priesters,</p> <p class="line">Wenn tief der Tierkreis</p> - <p class="line">Brüllet und leis im Schlaf.</p> + <p class="line">Brüllet und leis im Schlaf.</p> </div> <div class="poem"> @@ -3063,7 +3029,7 @@ Der Tempel <p class="line">Zum verschwommenen Knaben.</p> <p class="line">Doch in dem hellen Boden</p> <p class="line">Findet er sich bemessen</p> - <p class="line">Zu unseren Füßen wieder</p> + <p class="line">Zu unseren Füßen wieder</p> <p class="line">Genau</p> <p class="line">Im bildenden Wasserteich.</p> </div> @@ -3071,25 +3037,25 @@ Der Tempel <div class="poem"> <a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> <p class="line">Wie da ruhen</p> - <p class="line">Über unseren Schultern</p> - <p class="line">Die einhaltenden Vögel,</p> + <p class="line">Über unseren Schultern</p> + <p class="line">Die einhaltenden Vögel,</p> <p class="line">Die Planeten sich aus.</p> <p class="line">Sitzen sanft eine Weil’ nur,</p> - <p class="line">Geschlossene Flügel</p> - <p class="line">Auf atemlosen Säulen.</p> - <p class="line">Trällert einer im Schlaf.</p> + <p class="line">Geschlossene Flügel</p> + <p class="line">Auf atemlosen Säulen.</p> + <p class="line">Trällert einer im Schlaf.</p> <p class="line">Aber als letzter</p> <p class="line">Luzifer schwirrend</p> <p class="line">Hebt sich hinweg</p> <p class="line">Morgender Stern.</p> - <p class="line">Mit fernem Gelächter</p> + <p class="line">Mit fernem Gelächter</p> <p class="line">Spiegelnd Gefieder</p> <p class="line">Im schon helleren Bassin.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Nun aber seh ich</p> - <p class="line">Wolken grünen im Wasser.</p> + <p class="line">Wolken grünen im Wasser.</p> <p class="line">Sehe dreifach</p> <p class="line">Das Strandgut treiben</p> <p class="line">Im kleinen Umkreis</p> @@ -3097,8 +3063,8 @@ Der Tempel </div> <div class="poem"> - <p class="line">Wohl weiß ich,</p> - <p class="line">Und nimmer täuschet mich wer,</p> + <p class="line">Wohl weiß ich,</p> + <p class="line">Und nimmer täuschet mich wer,</p> <p class="line">Mattes und Morsches.</p> </div> @@ -3111,25 +3077,25 @@ Der Tempel <p class="line">Drei Schatten schwimmen</p> <p class="line">Auf wachsendem Himmel.</p> <p class="line">Nun aber schreiten —</p> - <p class="line">(Da es doch bald mehr Frühe ist)</p> - <p class="line">Die Männer hinaus,</p> + <p class="line">(Da es doch bald mehr Frühe ist)</p> + <p class="line">Die Männer hinaus,</p> <p class="line">Die herrlichen</p> <p class="line">Nach der Abfertigung.</p> - <p class="line">Über den Brauen</p> + <p class="line">Über den Brauen</p> <p class="line">Schimmern die Glatzen vor Osten</p> <p class="line">Sie neigen und schreiten,</p> <p class="line">Die Heiligen schreiten</p> <p class="line">Hinter Planeten.</p> - <p class="line">Frühe Arbeiter</p> - <p class="line">Und kühl</p> + <p class="line">Frühe Arbeiter</p> + <p class="line">Und kühl</p> <p class="line">Von diesem Himmel und Frische.</p> <p class="line">So schreiten sie,</p> <p class="line">Ohne zu wecken,</p> <p class="line">Gesenkte Stirnen,</p> - <p class="line">Aus allen Türen zugleich</p> + <p class="line">Aus allen Türen zugleich</p> <p class="line">Hinaus aus diesem</p> <p class="line">Kuppelkreis,</p> - <p class="line">Die Verschmäher der Speise.</p> + <p class="line">Die Verschmäher der Speise.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-6"> @@ -3138,76 +3104,76 @@ Die heilige Elisabeth </h2> <p class="dedication"> -für Gertrud Spirk +für Gertrud Spirk </p> <div class="poem"> <p class="line">Wie sie geht</p> - <p class="line">Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,</p> + <p class="line">Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,</p> <p class="line">Unter dem noch versagenden Himmel,</p> <p class="line">Dem atmenden Osten voraus!</p> - <p class="line">Über Stufen</p> + <p class="line">Über Stufen</p> <p class="line">Steigend nieder</p> - <p class="line">Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .</p> + <p class="line">Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .</p> </div> <div class="poem"> <p class="line2">Aber es wehen noch, es fliegen</p> - <p class="line2">Die wahrhaft gläubigen Träumer</p> - <p class="line2">Durch Träume auf schlagenden Fittichen,</p> - <p class="line2">Über den unzähligen Morgen,</p> - <p class="line2">Stürzen sich in die Meere,</p> + <p class="line2">Die wahrhaft gläubigen Träumer</p> + <p class="line2">Durch Träume auf schlagenden Fittichen,</p> + <p class="line2">Über den unzähligen Morgen,</p> + <p class="line2">Stürzen sich in die Meere,</p> <p class="line2">Brust und Haar voll Auferstehungswind.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Ihre Füße lächeln</p> - <p class="line">Über die Steine nieder.</p> + <p class="line">Ihre Füße lächeln</p> + <p class="line">Über die Steine nieder.</p> <p class="line">Doch in den harten</p> - <p class="line">Gebeizten Händen</p> - <p class="line">Hält sie, die Dienende,</p> + <p class="line">Gebeizten Händen</p> + <p class="line">Hält sie, die Dienende,</p> <p class="line">Den gedeckten Korb.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Nun drängen schon</p> - <p class="line">Hunde und räudige Krüppel,</p> + <p class="line">Nun drängen schon</p> + <p class="line">Hunde und räudige Krüppel,</p> <a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> - <p class="line">Krähende Tolle</p> + <p class="line">Krähende Tolle</p> <p class="line">Sich an das Jenseits ihres Knies.</p> - <p class="line">Bettler mit Näpfen</p> + <p class="line">Bettler mit Näpfen</p> <p class="line">Heben sich auf,</p> <p class="line">Gestreifte Kranke,</p> - <p class="line">Lampe in Händen,</p> + <p class="line">Lampe in Händen,</p> <p class="line">Hustende Kinder,</p> <p class="line">Betrunkene Greise,</p> - <p class="line">Huren, Gelichter, sterbende Sünder,</p> + <p class="line">Huren, Gelichter, sterbende Sünder,</p> <p class="line">Wanken geschlossenen Auges ihr nach.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Schon heult die Stadt auf</p> - <p class="line">Und ächzt in ihren Morgen ein.</p> + <p class="line">Und ächzt in ihren Morgen ein.</p> <p class="line">Durch den Nebel der Kaserne</p> <p class="line">Bricht die entsetzliche Trompete.</p> - <p class="line">In den Asylen krächzt</p> - <p class="line">Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.</p> - <p class="line">Flößerruf!</p> + <p class="line">In den Asylen krächzt</p> + <p class="line">Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.</p> + <p class="line">Flößerruf!</p> <p class="line">Die schweren unseligen Pferde</p> - <p class="line">Neigen in Höfen ihr Haupt.</p> + <p class="line">Neigen in Höfen ihr Haupt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Sie geht noch,</p> - <p class="line">Eh sie verfließt,</p> - <p class="line">Eh ihr Aufwärtslächeln</p> + <p class="line">Eh sie verfließt,</p> + <p class="line">Eh ihr Aufwärtslächeln</p> <p class="line">Sich einmischt in die Antwort des Himmels,</p> <p class="line">Sie geht noch die Magd,</p> <a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> <p class="line">Sie weht noch die hohe Deutsche . . .</p> - <p class="line">O Dämmerung ihres Haars,</p> + <p class="line">O Dämmerung ihres Haars,</p> <p class="line">O Schritt, o Blick,</p> - <p class="line">Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!</p> + <p class="line">Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-7"> @@ -3215,24 +3181,24 @@ Der Ruf </h2> <div class="poem"> - <p class="line">So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,</p> + <p class="line">So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,</p> <p class="line">Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.</p> <p class="line">Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line2">Dort aber war der Tag,</p> - <p class="line">Wo Munde abwärts ernster werden,</p> - <p class="line">Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.</p> + <p class="line">Wo Munde abwärts ernster werden,</p> + <p class="line">Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.</p> <p class="line">Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.</p> <p class="line">Nicht rast das Antlitz mehr dort,</p> - <p class="line">Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.</p> + <p class="line">Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.</p> <p class="line">Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.</p> <p class="line">Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line2">Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.</p> + <p class="line2">Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.</p> <p class="line2">Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.</p> <p class="line3">Das Haar im Zephyr leicht . . .</p> <p class="line3">Ich rief sie an.</p> @@ -3242,24 +3208,24 @@ Der Ruf <p class="line">Doch wie sie sich wandte,</p> <p class="line">Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,</p> <a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> - <p class="line">Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.</p> - <p class="line">Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,</p> - <p class="line">Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.</p> - <p class="line">Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs</p> + <p class="line">Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.</p> + <p class="line">Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,</p> + <p class="line">Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.</p> + <p class="line">Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs</p> <p class="line">Warfen sich in die Saiten der Sonne,</p> - <p class="line">Töneten, sangen die Leichte zurück.</p> + <p class="line">Töneten, sangen die Leichte zurück.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,</p> <p class="line">Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,</p> - <p class="line">Sah mich unter den brüllenden Festen:</p> - <p class="line">Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!</p> - <p class="line">Sie selbst war Wachsen schon der Brüst’, Aufbruch des Munds.</p> + <p class="line">Sah mich unter den brüllenden Festen:</p> + <p class="line">Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!</p> + <p class="line">Sie selbst war Wachsen schon der Brüst’, Aufbruch des Munds.</p> <p class="line">Ich rief noch einmal . . . .</p> <p class="line">Wie im leichten Schmerze,</p> - <p class="line">Zögernd,</p> - <p class="line">Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.</p> + <p class="line">Zögernd,</p> + <p class="line">Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-8"> @@ -3268,34 +3234,34 @@ Vergessen <div class="poem"> <p class="line">An dieses Flusses Walten wachend,</p> - <p class="line">Hinüberruhend</p> - <p class="line">Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,</p> + <p class="line">Hinüberruhend</p> + <p class="line">Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,</p> <p class="line">Habe ich Dein vergessen.</p> - <p class="line">Vergaß Dein Antlitz,</p> + <p class="line">Vergaß Dein Antlitz,</p> <a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> - <p class="line">Deiner Züge Niederwehn</p> - <p class="line">In die offenen harten armen Händ’.</p> + <p class="line">Deiner Züge Niederwehn</p> + <p class="line">In die offenen harten armen Händ’.</p> <p class="line">Vergessen hab’ ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . .</p> - <p class="line">Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.</p> + <p class="line">Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.</p> <p class="line">Das Gras braust in die Nacht.</p> - <p class="line">Weh mein Gesicht ist Sünde!</p> + <p class="line">Weh mein Gesicht ist Sünde!</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-9"> -Müdigkeit +Müdigkeit </h2> <div class="poem"> <p class="line">Tiefe Schwester der Welt</p> <p class="line">Weilt auf bewimpeltem Bord,</p> - <p class="line">Schützt ihren Krug vor dem Glanz,</p> - <p class="line">Der schon im Westen zerstürzt.</p> + <p class="line">Schützt ihren Krug vor dem Glanz,</p> + <p class="line">Der schon im Westen zerstürzt.</p> </div> <div class="poem"> - <p class="line">Mit dem Gelächter des Volks</p> - <p class="line">Löst sich das Schifflein und schäumt.</p> - <p class="line">Aber die Göttin und Gold</p> + <p class="line">Mit dem Gelächter des Volks</p> + <p class="line">Löst sich das Schifflein und schäumt.</p> + <p class="line">Aber die Göttin und Gold</p> <p class="line">Rollt mit den Wellen noch lang.</p> </div> @@ -3310,8 +3276,8 @@ Müdigkeit <p class="line">Abendgestade und Blick</p> <p class="line">Schwinden hin. Kiel und Delphin.</p> <a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> - <p class="line">Lebt noch über der Bucht</p> - <p class="line">Maulbeer, Limone und Öl?</p> + <p class="line">Lebt noch über der Bucht</p> + <p class="line">Maulbeer, Limone und Öl?</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-10"> @@ -3319,10 +3285,10 @@ Schrei </h2> <div class="poem"> - <p class="line">Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,</p> + <p class="line">Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,</p> <p class="line">Ernste Frauen,</p> <p class="line">Weilende Augen ohne Ebbe,</p> - <p class="line">Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .</p> + <p class="line">Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .</p> </div> <div class="poem"> @@ -3335,16 +3301,16 @@ Schrei <p class="line">Und dennoch</p> <p class="line">Von uns befallen,</p> <p class="line">Von uns befallen.</p> - <p class="line">Im Hals den großen Skorpion,</p> + <p class="line">Im Hals den großen Skorpion,</p> <p class="line">Der an den Gaumen juckt.</p> <p class="line">Den gebundenen Teufel,</p> <p class="line">Mit Stachel und Scher’,</p> <p class="line">Den mordenden Asmodi,</p> - <p class="line">Der zum Mund ausführt,</p> + <p class="line">Der zum Mund ausführt,</p> <p class="line">Verbindlich, eitel, wohlgestalt,</p> <a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> - <p class="line">Der Lügenvater</p> - <p class="line">Über unsere</p> + <p class="line">Der Lügenvater</p> + <p class="line">Über unsere</p> <p class="line">Edle</p> <p class="line">Von Wahrheit blutende Lippe.</p> </div> @@ -3352,17 +3318,17 @@ Schrei <div class="poem"> <p class="line">Wir unten, wir,</p> <p class="line">Hilflos wie Knechte!</p> - <p class="line">Erstickt von Betrügen</p> - <p class="line">Erwürgt von Verraten,</p> + <p class="line">Erstickt von Betrügen</p> + <p class="line">Erwürgt von Verraten,</p> <p class="line">Gebeugte Auswandrer</p> <p class="line">Wir aus uns selber,</p> <p class="line">Verbrecher, verfolgt</p> <p class="line">Von gemordeten Worten.</p> - <p class="line">Wettläufer ins Aus,</p> + <p class="line">Wettläufer ins Aus,</p> <p class="line">Preisspringer ins Ende,</p> - <p class="line">Von den Türmen der Stunden —</p> + <p class="line">Von den Türmen der Stunden —</p> <p class="line">Zerekelt, ewiglich, elend, —</p> - <p class="line">Träge uns schleudernd in Schlaf.</p> + <p class="line">Träge uns schleudernd in Schlaf.</p> </div> <h2 class="chapter" id="chapter-4-11"> @@ -3371,19 +3337,19 @@ Der Dichter <div class="poem"> <p class="line">Ah! Ich habe mich ausverraten.</p> - <p class="line">Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,</p> + <p class="line">Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,</p> <p class="line">Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!</p> - <p class="line">Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,</p> + <p class="line">Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,</p> <p class="line">Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,</p> <a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> - <p class="line">Enträtselt sich zur Wahrheit.</p> + <p class="line">Enträtselt sich zur Wahrheit.</p> <p class="line">Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,</p> <p class="line">Unerbittlich log ich Wahrheit.</p> <p class="line">Nun beginne ich mich zu bedeuten,</p> - <p class="line">Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,</p> - <p class="line">Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .</p> + <p class="line">Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,</p> + <p class="line">Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .</p> <p class="line">Hilflos</p> - <p class="line">Höhn ich mich Hilflosen von fern an.</p> + <p class="line">Höhn ich mich Hilflosen von fern an.</p> </div> </div> @@ -3404,10 +3370,10 @@ Der Dichter <tr><td class="left">Im winterlichen Hospital</td><td class="right"><a href="#chapter-1-4">9</a></td></tr> <tr><td class="left">Sterben im Walde</td><td class="right"><a href="#chapter-1-5">11</a></td></tr> <tr><td class="left">Das Malheur</td><td class="right"><a href="#chapter-1-6">12</a></td></tr> - <tr><td class="left">Erzherzogin und Bürgermeister</td><td class="right"><a href="#chapter-1-7">14</a></td></tr> + <tr><td class="left">Erzherzogin und Bürgermeister</td><td class="right"><a href="#chapter-1-7">14</a></td></tr> <tr><td class="left">Der Patriarch</td><td class="right"><a href="#chapter-1-8">15</a></td></tr> <tr><td class="left">Solo des zarten Lumpen</td><td class="right"><a href="#chapter-1-9">17</a></td></tr> - <tr><td class="left">Der schöne strahlende Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-1-10">18</a></td></tr> + <tr><td class="left">Der schöne strahlende Mensch</td><td class="right"><a href="#chapter-1-10">18</a></td></tr> <tr><td class="left">Wanderlied</td><td class="right"><a href="#chapter-1-11">19</a></td></tr> <tr><td class="left">Der kriegerische Weltfreund</td><td class="right"><a href="#chapter-1-12">20</a></td></tr> <tr><td class="left">Ich habe eine gute Tat getan</td><td class="right"><a href="#chapter-1-13">21</a></td></tr> @@ -3416,7 +3382,7 @@ Der Dichter <tr><td class="header" colspan="2">Aus: „<span class="em">Wir sind</span>“</td></tr> <tr><td class="left">Die Unverlassene</td><td class="right"><a href="#chapter-2-1">26</a></td></tr> - <tr><td class="left">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">27</a></td></tr> + <tr><td class="left">Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte</td><td class="right"><a href="#chapter-2-2">27</a></td></tr> <tr><td class="left">Vater und Sohn</td><td class="right"><a href="#chapter-2-3">28</a></td></tr> <tr><td class="left">Die Witwe am Bette ihres Sohnes</td><td class="right"><a href="#chapter-2-4">29</a></td></tr> <tr><td class="left">Balance der Welt</td><td class="right"><a href="#chapter-2-5">31</a></td></tr> @@ -3424,7 +3390,7 @@ Der Dichter <tr><td class="left">Eine alte Frau geht</td><td class="right"><a href="#chapter-2-7">33</a></td></tr> <tr><td class="left">Nacht-Fragment</td><td class="right"><a href="#chapter-2-8">35</a></td></tr> <tr><td class="left">Das erkaltende Herz</td><td class="right"><a href="#chapter-2-9">36</a></td></tr> - <tr><td class="left">Der göttliche Portier</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">37</a></td></tr> + <tr><td class="left">Der göttliche Portier</td><td class="right"><a href="#chapter-2-10">37</a></td></tr> <tr><td class="left">Ein Lebens-Lied</td><td class="right"><a href="#chapter-2-11">38</a></td></tr> <tr><td class="left">Ein Anderes</td><td class="right"><a href="#chapter-2-12">40</a></td></tr> <tr><td class="left">Amore</td><td class="right"><a href="#chapter-2-13">41</a></td></tr> @@ -3433,7 +3399,7 @@ Der Dichter <tr><td class="header" colspan="2">Aus: „<span class="em">Einander</span>“</td></tr> - <tr><td class="left">Lächeln Atmen Schreiten</td><td class="right"><a href="#chapter-3-1">48</a></td></tr> + <tr><td class="left">Lächeln Atmen Schreiten</td><td class="right"><a href="#chapter-3-1">48</a></td></tr> <tr><td class="left">Das Jenseits</td><td class="right"><a href="#chapter-3-2">50</a></td></tr> <tr><td class="left">Warum mein Gott</td><td class="right"><a href="#chapter-3-3">51</a></td></tr> <tr><td class="left">Die Tugend</td><td class="right"><a href="#chapter-3-4">53</a></td></tr> @@ -3443,13 +3409,13 @@ Der Dichter <tr><td class="left">Romanze einer Schlange</td><td class="right"><a href="#chapter-3-8">58</a></td></tr> <tr><td class="left">Tempel-Traum</td><td class="right"><a href="#chapter-3-9">60</a></td></tr> <tr><td class="left">Ein Abendgesang</td><td class="right"><a href="#chapter-3-10">62</a></td></tr> - <tr><td class="left">Mondlied eines Mädchens</td><td class="right"><a href="#chapter-3-11">63</a></td></tr> + <tr><td class="left">Mondlied eines Mädchens</td><td class="right"><a href="#chapter-3-11">63</a></td></tr> <tr><td class="left">Eines alten Lehrers Stimme im Traum</td><td class="right"><a href="#chapter-3-12">65</a></td></tr> - <tr><td class="left">Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses</td><td class="right"><a href="#chapter-3-13">67</a></td></tr> + <tr><td class="left">Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses</td><td class="right"><a href="#chapter-3-13">67</a></td></tr> <tr><td class="left">Luzifers Abendlied</td><td class="right"><a href="#chapter-3-14">70</a></td></tr> <tr><td class="left">Held und Heiliger</td><td class="right"><a href="#chapter-3-15">72</a></td></tr> <tr><td class="left">Alte Dienstboten</td><td class="right"><a href="#chapter-3-16">75</a></td></tr> - <tr><td class="left">Jesus und der Äser-Weg</td><td class="right"><a href="#chapter-3-17">77</a></td></tr> + <tr><td class="left">Jesus und der Äser-Weg</td><td class="right"><a href="#chapter-3-17">77</a></td></tr> <tr><td class="header" colspan="2"><span class="em">Neue Gedichte</span></td></tr> @@ -3462,7 +3428,7 @@ Der Dichter <tr><td class="left">Die heilige Elisabeth</td><td class="right"><a href="#chapter-4-6">100</a></td></tr> <tr><td class="left">Der Ruf</td><td class="right"><a href="#chapter-4-7">102</a></td></tr> <tr><td class="left">Vergessen</td><td class="right"><a href="#chapter-4-8">103</a></td></tr> - <tr><td class="left">Müdigkeit</td><td class="right"><a href="#chapter-4-9">104</a></td></tr> + <tr><td class="left">Müdigkeit</td><td class="right"><a href="#chapter-4-9">104</a></td></tr> <tr><td class="left">Schrei</td><td class="right"><a href="#chapter-4-10">105</a></td></tr> <tr><td class="left">Der Dichter</td><td class="right"><a href="#chapter-4-11">106</a></td></tr> @@ -3505,385 +3471,12 @@ M 4.50, in Pappband M 3.50. </p> <p> -<span class="em">Die Versuchung.</span> Ein Gespräch. +<span class="em">Die Versuchung.</span> Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50. </p> </div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN *** - -***** This file should be named 41883-h.htm or 41883-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/8/8/41883/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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